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Albert Ostermaier: Lenz im Libanon | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Ermattende Dialoge und kleinbürgerlicher Egozentrismus Albert Ostermaier: Lenz im Libanon

Belletristik

Der neu erschienene Roman von Albert Ostermaier «Lenz im Libanon» ist ein Buch, welches unbedingt in jeder Bibliothek fehlen sollte. Ermattende Dialoge und kleinbürgerlicher Egozentrismus prägen die Geschichte von Ostermaier, die auf dem Original von Georg Büchner fussen. Sprachlich muss man dabei einiges ertragen.

Der Autor Ostermaier entwirft in seinem Roman abstruse Neologismen, bei denen Einschusslöcher in Wänden zu „Beton mit Hautausschlag“ und „Bürgerkriegsakne“ werden.
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Bild: Der Autor Ostermaier entwirft in seinem Roman abstruse Neologismen, bei denen Einschusslöcher in Wänden zu „Beton mit Hautausschlag“ und „Bürgerkriegsakne“ werden. Hier im Bild die zerschossene Fassade des Hotels «Holiday Inn» in Beirut, Libanon. / Francisco Anzola (CC BY 2.0 cropped)

10. Mai 2016

10. 05. 2016

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Jakob Michael Reinhold Lenz war Schriftsteller: Manisch, depressiv mit beginnender Schizophrenie. Bekannt u.a. mit Goethe, der ihn allerdings wegen einer „Narretei“ verstiess. Er trat eine Reise in das Bergdorf Waldersbach an, in dem ihn der Pfaffe Oberlin empfing, der seine Stücke kennt. Lenz Krankheit verschlechterte sich, er war unglücklich verliebt in die Geliebte Goethes und die Tochter des Pfarrers - und er versuchte sich an dessen Ruhe ein Vorbild zu nehmen.

Diesen Stoff verwendete Georg Büchner in seiner Erzählung „Lenz“, die 1839 postum erschien. 2015 wurde nun „Lenz im Libanon“ veröffentlicht, das sich frei an dem historischen Stoff so wie Büchners Klassiker orientiert, nur dass dieser nun nach Beirut fliegt statt wandern zu gehen. Dabei wird die Handlung der Erzählung übernommen, allerdings von den wenigen Seiten Büchners, der bereits den Bericht des Pfarrers Oberlin als Grundlage nahm und dessen Länge verdoppelte, auf nun 190 Seiten gedehnt.

Dabei verpasst die Verlegung der Handlung in den Libanon jede Chance, etwas Profundes über diesen neuerdings weltpolitisch wichtigen Ort zu verlieren. Der IS, die Flüchtlinge, Terrorismus und Kriege sind nur das Material des Autors um endlose, ermattende Monologe zu gestalten, die nichts über die Politik oder Kultur das Landes verraten, dafür allerdings lauter selbstgefällige Protagonisten präsentiert, deren Universum sich um den jeweiligen Egozentrismus und ihren kleinbürgerlichen Weltschmerz dreht.

Der ins 21. Jahrhundert entführte Schriftsteller und seine Weggefährten erkennen in der ganzen Welt nämlich nichts als eine einzige Abweichung von ihrem moralischen Empfinden und ein ästhetisches Problem für ihre Künstlerseelen: „Und was, wenn ich ein Terrorist wäre, fragte er sich“. So mitgenommen ist der arme Lenz, dass er sich selbst gar als Terrorist imaginiert! Woran soll sich einer noch halten, der so leidet?

Da kommt es gerade Recht, dass der Aussenminister in der Geschichte Vorort ist und den Arabern die menschliche Seite des deutschen Imperialismus zeigt. Steinmeier ist der Oberlin des 2015er Lenz und Ruhepol der Erzählung. Das Ostermaier „ein persönlicher Freund“ des Aussenministers ist und mit ihm tatsächlich selbst im Libanon war sorgt leider auch hier nicht dafür, dass man etwas erfährt, was nicht in jeder Zeitung zu lesen wäre – dafür ist das Lob der Politik derart widerlich, dass es selbst dem Deutschlandradio Kultur auffällt. Was soll man zu einem solchen Satz auch noch sagen? „Sein Verantwortungsgefühl war ein Motor, der länger lief als die alten Mercedes-Fahrzeuge in Beiruts Strassen, sein Gewissen kannte keine Schonung“.

So schön hat schon lange niemand mehr der deutschen Aussenpolitik die Eier geschaukelt, und so verwundert es nicht das Steinmeier auch bei der Vorstellung des Buches selbst zugegen war. Ob er sich in den Beschreibungen im Buch wiedererkenne? "In den schmeichelhaften Teilen - ja."

Sprachlich muss man dabei auch einiges ertragen: Sätze wie „Es bleiben nur die Gräber der Namenlosen und das namenlose Elend der Toten“ lösen Fragenwellen ab: „Betrügen wir uns beim Betrügen? Genügen wir uns nicht? Weil wir uns nicht genügen? Weil wir einander ungenügend finden?“ Dazu die abstrusen Neologismen, wo Einschusslöcher in Wänden zu „Beton mit Hautausschlag“ und „Bürgerkriegsakne“ werden. Ein Buch das in jeder Bibliothek fehlen sollte.

Berthold Beimler

Albert Ostermaier: Lenz im Libanon. Suhrkamp, 2015. 190 Seiten, ca. 14.00 SFr. ISBN 978-3-518-46669-8

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