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Ahmet Muminović: Valter verteidigt Sarajevo | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Ahmet Muminović: Valter verteidigt Sarajevo Ein Kämpfer wird unsterblich

Belletristik

Der beliebteste Comic Jugoslawiens zeugt noch heute vom Mythos der Partisan_innen.

Partisanen in Sarajevo, 1945.
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Bild: Partisanen in Sarajevo, 1945. / Unknown author (PD)

2. August 2021
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Traditionellerweise begleiten wir in Comics Superheld_innen oder lustige Figuren auf ihren Abenteuern. In Ahmet Muminovićs „Valter verteidigt Sarajevo“ ist das anders: Der Comicheld ist ein Partisan. Zu seinen Namen gehörten unter anderen Ivica, Petruskin oder Papaj, berühmt aber wurde er als Valter. Vladimir Perić alias Valter, 1919 im serbischen Prijepolju geboren, war Sekretär der Kommunistischen Partei Sarajevos und leitete über Jahre hinweg den Kampf im Untergrund gegen die faschistische Besatzungsmacht.

In der Nacht vor der Befreiung Sarajevos am 6. April 1945 kam er im Gefecht ums Leben. 1949 wurde Perić zum jugoslawischen Volkshelden erklärt. Es sollte ihm allerdings noch mehr Ruhm zuteilwerden: Muminović zeichnete seine Geschichte 1975 als Serie für die Zeitung Male Novine. „Valter verteidigt Sarajevo“ fand Einzug in die jugoslawische Populärkultur und wurde sogar in mehrere Sprachen übersetzt. Über acht Millionen Mal wurde der Comic in China gekauft.

Jetzt schreiten die Partisan_innen zur Aktion

Im Comic begleitet man die Partisan_innen um Valter auf ihren Missionen im belagerten Sarajevo. Dabei sabotieren sie Pläne der Nazis, unterlaufen ihre Fallen oder kapern deren Lieferungen. Klar, dass jede Mission auch ein erfolgreicher Schlag gegen den Feind ist, am Ende einer jeden Episode knallt es. Egal, ob eine Messerschmitt abstürzt, eine Druckerei in die Luft fliegt oder Deutsche über den Haufen geschossen werden: Die Partisan_innen siegen und kommen ihrem Ziel einen Schritt näher.

Auf leichte Weise zieht Muminović Lesende mit in die Abenteuer Valters hinein. In naturalistischer und manchmal auch recht einfacher Darstellung zeigen die Strips das Geschehen unmittelbar und ungeschönt. Es ist ein klassischer Comic in schwarz-weiss und mit Panel-Aufteilung. Ausser dem abgewandelten Cover scheint der Verlag keine Nachbearbeitungen im Layout vorgenommen zu haben. Die deutsche Übersetzung ist ein Comic-Strip der 70er Jahre geblieben.

Obwohl die Geschichte von Valter symbolisch stark aufgeladen ist, steht sie stellvertretend für den Kampf der jugoslawischen Partisan_innenarmee. Als Reaktion auf den Balkanfeldzug gegen das Königreich Jugoslawien vom 6. April 1941 beschliesst die Kommunistische Partei die Bekämpfung der faschistischen Okkupation und ihrer Unterstützer_innen. Auf den „Blitzkrieg“ und die territoriale Neuaufteilung unter den Kollaborateur_innen folgte ein Partisan_innenkrieg, der beiden Seiten viele Verluste brachte.

Neben vielen Bäuer_innen beteiligten sich vor allem die Kommunist_innen an den Kämpfen. Teile der Kommunistischen Partei Jugoslawiens sannen schon unter der Herrschaft des jugoslawischen Königreichs nach dem Aufbau eines Vielvölkerstaates, der den Nationalismus endlich überwinden sollte. Gegen Ende des Krieges war sie schliesslich dank des wachsenden Zuspruchs zur Volksbefreiungsbewegung imstande, eine sozialistische Föderation aufzubauen.

So legte der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens (AVNOJ) schon im Krieg das Fundament für einen sozialistischen Staat der Nachkriegszeit. Im Kampf um die Befreiung war die politische Autonomie und Selbstbestimmung der Völker stets enthalten. Auch wenn der Partisan_innenkampf die Menschen nicht nur vereinte, so verfolgte er doch das Ziel, die Freiheit aller wieder herzustellen. und wies damit unter der Parole „Tod dem Faschismus – Freiheit für das Volk“ mit der Befreiungsperspektive über sich hinaus. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFJR) sowie ihr zerbröckeltes Erbe können ohne diesen Teil der Geschichte nicht verstanden werden.

Das Ist Walter!

Während des Partisan_innenkampfes fotografierte die Jugoslawische Befreiungsarmee schon zum Zwecke der kulturellen Produktion eigener Erzählungen. Und bald nach Gründung der SFJR im Jahr 1943 förderte Jozip Broz Tito den Aufbau einer eigenen Kulturfabrik. Der Valter-Comic ist nur ein bekannteres Beispiel für die erinnerungspolitische Funktion der Massenkultur.

Schon auf dem Cover wird der Mythos von Valter ersichtlich. Ein_e Partisan_in ist in Umrissen dargestellt, erst nach zweimaligem Umblättern wird diese Silhouette auf dem Titelblatt von Valter gefüllt. Als Heldenfigur war Valter im bosnischen Partisan_innenkampf Vorbild, aber auch Schablone. In Hajrudin Krvavacs gleichnamigen Film von 1972 (im Original „Walter brani Sarajevo“) erkennt der Standartenführer von Dietrich: „Seit ich in Sarajevo bin, suche ich Walter und finde ihn nicht. Jetzt, wo ich gehen muss, weiss ich wer Walter ist“.

Der Nazi schaute von einem Hügel auf Sarajevo: „Das ist Walter.“ Als Symbol war der Anführer des kommunistischen Widerstands eins mit Sarajevo. Und Sarajevo war Valter. Im Krieg war die Anonymität und Unaufspürbarkeit der Partisan_innen ein taktischer und psychologischer Vorteil. Zugleich schreibt die Mythologisierung durch die Massenkultur im Nachhinein der Bevölkerung Sarajevos eine aktive antifaschistische Haltung zu. Mitnichten war der militante Antifaschismus während der Besatzung in der Bevölkerung weit verbreitet, aber ein antifaschistisches Begehren der Stadtbevölkerung herrschte sicher doch. „Wir sind Valter“ bekundete man sogar noch auf Antikriegsdemos im Jahr 1992 gegen den Nationalismus inmitten der Zerfallskriege.

Der Mythos der Partisan_innen hielt sich über den Zerfall Jugoslawiens hinaus und wird noch heute weitergetragen. Inmitten der Deutungskonflikte und Aneignungskämpfe sollte die Erinnerung an die jugoslawischen Partisan_innen immer wieder aufgerufen und zugleich geprüft werden. Nicht um die Geschichte fälschlicherweise in den Dienst zu nehmen, sondern um ihr gerecht zu werden. Der Comic leistet dies nicht und lässt einige Worte zur kritischen Einordnung vermissen, er spricht leidglich aus seiner Zeit. Gerade das macht ihn aber zu einem spannenden Zeugnis. So wie es mit dem Mythos begann, endet das Buch auch mit dem Mythos: eine Art Fotoalbum zeigt die Prozession und das Begräbnis des Partisanen Perić. Mehr als 15.000 Menschen nahmen daran teil. An diesem Zeitpunkt nimmt der Mythos seinen zweiten Anlauf.

Thore Freitag
kritisch-lesen.de

Ahmet Muminović: Valter verteidigt Sarajevo. Übersetzt von: Ivan Petrovic. bahoe books, Wien 2018. 120 Seiten. ca. 17.00 SFr. ISBN 978-3-903022-94-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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