UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Alex Gräbeldinger: Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen! | Untergrund-Blättle

4

buchrezensionen

ub_article

Buchrezensionen

Alex Gräbeldinger - Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen! Wenn Gelegenheitstrinker und Hausmänner Alltagsgeschichten erzählen

Belletristik

Eine Textsammlung verschiedener Artikel von Alex Gräbeldinger, die als Kolumnen im Hardcore-Magazin Ox erschienen sind, vereint und mit Illustrationen unterlegt, in Buchform beim Kopfnuss-Verlag aus Bonn (Saufen ja, aber mit Buch) veröffentlicht.

Aku!
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Bild: Aku!

12. Januar 2012

12. Jan. 2012

3
0

3 min.

Korrektur
Drucken
Von sowas können wir hier in der Schweiz nur träumen: Denn wenn wir Eidgenossen nur schon das Wort Kolumnen hören, denken wir unweigerlich an seichte Hygiene-Homestorys aus dem Bereich Outdoor und Grill-Experience, hedonistischen Event-Reports aus dem gewalttätigen Nachtleben irgendeiner Boomtown oder flache Alltagsgeschichten aus dem abenteuerlichen Leben von Arbeitsbürgern und Wochenendroboter mit dem Erfahrungsgehalt von Extremsportlern ohne Ausbruchsdrang. Von Martin Suters genialen "Business World" Publikationen mal abgesehen, der hier wieder mal mit seinem Ausnahmekönnen die Regel bestätigt.

Punk Poem aus dem Norden

Was uns der Punk-Autor aus Deutschland in seiner zweiten Buchveröffentlichung präsentiert, ist unterhaltsam und umsichtig zugleich, was wir vor allem seinem blühenden Wortschatz und der treffsicheren Analysefähigkeit seines noch einigermassen intakten Arbeitsspeichers zu verdanken haben. Seine Ehrlichkeit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber geht bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, seine ewige Suche nach Alkohol und Ablenkung amüsiert und interessiert. Dabei sind aber keine harten, hochprozentige Absturzgeschichten à la Jörg Fauser zu erwarten, der wohl wie kein zweiter mit seiner Prosa und Lyrik die harte Betonrealität eines Aussenseiters im grauen Deutschland der 80-Jahre eingefangen hat. Vielmehr entführt uns der Bier- und Musikliebhaber aus Andernach in die Partywelt der Punk- und Technogeneration der Nullerjahre. Es wird gekotzt und diskutiert, geprügelt und flaniert.

Hardcore und Subkultur

Was dabei am meisten erfreut und fesselt, sind die leisen Zwischentöne im Getümmel, die Reflexionen am Katermorgen danach, die schonungslose Analyse der eigenen Gedankenwelt. Hier wird niemand geschont, weder der Hip-Hopper um die Ecke noch der Punkrockbesucher an der Trese in der Dorfdisco, und schon gar nicht das eigene Ego des selbstkritischen Softalkoholikers. Subkultur wird hier gelebt, und nicht zelebriert, geschildert in einer ironisch-witzigen und bildhaft-schönen Kolumnensprache, die mit viel Sprachwitz und Ironie ausgestattet ist.

Nach mehreren Psychiatrie-Aufenthalten und unzähligen Alk-Abstürzen wird dann auch noch in Las Vegas gefeiert und geheiratet. Aber keine Angst, das Leben des Kolumnisten mit all seinen Storys bleibt ansprechend: Dabei bewegen sich die Geschichten je länger desto mehr weg von der Strasse und hin in die nervenaufreibende Hausmann-Realität eines gescheiterten Mittdreissigers mit liebevoll gepflegter Einbauküche und arbeitender Ehefrau. Ob wir nun in Zukunft mit einer dreckigen Neo-Punk-Variante unseres erfolgreichsten Hausmanns der Nation, Benz Friedli, rechnen müssen, bleibt noch abzuwarten. Der etablierte Migros-Lohnempfänger unterhält seit Jahren mit seinen sterilen Putz- und aseptischen Pädagogik-Kolumnen wöchentlich die gutbürgerlichen Schweizer Leser des Konzern-Blattes "Brückenbauer".

Nichts gegen maskuline Putzteufel: Witzig und unterhaltsam sind solche Hausmänner-Kolumnen allemal, und wenn wir schon ganz auf Subversion und Revolution verzichten sollen und den Untergang des momentan vorherrschenden, menschenverachtenden Konsumkapitalismus zeitweilig verschieben müssen, dann lassen wir uns doch gelegentlich gerne einlullen von den scharfsinnigen, eher unpolitischen Texten eines Punk-Intellektuellen, die viel gesellschaftskritischen Tiefgang enthalten.

Beauty-Tips und Botoxbehandlungen

Notorischen Vielleser und hartnäckigen Bücherjunkies, die Erholung suchen zwischen der sensiblen Genialität eines Stendhal oder Nietzsche, seien die Texte von Alex Gräbeldinger auf jeden Fall wärmstens empfohlen, den nur wenige zeitgemässe Alltagschronisten verstehen den alltäglichen Wahnsinn unserer dekadenten Wohlfühldemokratien humorvoller und treffender zu entlarven als dieser OX-Fanzine-Kolumnist, der nicht gewillt ist, ein Blatt vor den Mund zu nehmen und schonungslos dort seine Kritik ansetzt, wo es gilt, die Schwächen und Belanglosigkeiten der menschlichen Natur offenzulegen.

Chronischen Drogenusern und krankhaften Null-Bock-Rebellen, denen Hochglanz-Lifestyle-Gazetten wie GQ und MensHealth zu sauber daherkommen, sich aber trotzdem gelegentlich für Beauty-Tips und humorvolles Getratsche interessieren, können sich unbeschwert in den Weltuntergangs Kolumnen begleitende Tips zu Botoxbehandlungen und regelmässigen Selbstbräuner Anwendungen abholen. Fader Nachgeschmack für Süchtige: Das unstillbare Verlangen nach härterem Material ist leider auch nach mehrmaligem Durchgehen der Lektüre nicht wegzukriegen.

Ricardo Tristano

Alex Gräbeldinger: Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen!. Gesammelte Kolumnen. Kopfnussverlag, Bonn 2011. 169 Seiten, ca. 9.90 SFr., ISBN 978-3981277227

Mehr zum Thema...

Aku!
Alex Gräbeldinger: Verloren im Weltall, verwahrlost auf ErdenTherapietagebuch eines Punk-Rockers

05.11.2017

- Der im subkulturellen Bereich wohlbekannte Alkohol-Poet und Punk-Apologet Alex Gräbeldinger führt in seiner bereits dritten Buchveröffentlichung mit dem Titel „Verloren im Weltall“ den sagenhaften und eigentümlichen Erzählstil seines zweiten Bandes kompromisslos und konsequent fort.

mehr...
Nicolas Nova
Über Selbstbräuner vom Drogerie-DiscounterBald ist Weltuntergang, bitte weitersagen!

06.12.2017

- Seit einigen Monaten setze ich keinen Fuss mehr vor die Tür. Ich sehe mich selbst in der Rolle eines Endzeitritters, der seine Lanze niederlegen möchte.

mehr...
Henry Rollins mit der Rollins Band an einem Konzert am HultsfredsFestival im Jahr 1993.
Oder: ’Ich will nie wieder schlafen’Henry Rollins - Das ist die Härte!

26.06.2001

- Meistens schaut Henry Rollins mit stechendem Blick und etwas grimmig in die Kamera, sein durch Bodybuilding durchtrainierter Körper ist reichlich tätowiert.

mehr...
Hardcore - vom Nazi als Marke gekauft

24.02.2009 - Timo Schubert - hören Sie den Namen jetzt einmal und dann ab damit in den Müll - ist ein ganz gewitzter! Er hat sich nämlich geschäftstüchtig, wie ...

Sowjetischer Punk zwischen Image und Verwirrungen

28.03.2018 - Konzerte unter konspirativen Bedingungen, ein Fanzine unter dem Namen Anarchija, kaum Zugang zu Instrumenten und Aufnahmetechnik, Musik, die eher an ...

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle
Untergrund-Blättle