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Social Beat Sprechende Pillen

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Etwa Mitte 1990 wurde von den literarischen Achsenmächten Braunschweig-Göttingen Social Beat ins Leben gerufen, ein loser Zusammenschluss meist junger »Szene«-Aktivisten die dem vorgetäuschten Ewigkeitsanspruch sogenannter etablierter Literatur - die meist in Bibliotheken, Rathaussälen oder bestenfalls Buchhandlungen »durchgeführt« und in der Regel als blutleer empfunden wurde - einen Arschtritt Leben einhauchen wollte.

Bild: Social Beat 98

Literatur, so der Ansatz, sollte sein wie ein Rockkonzert und vor allem sollte sie zu den Leuten gehen, nicht umgekehrt, also rein in die Kneipen und die Kladde gezückt.

Ab 1993 fanden unter diesem Banner dann, ausgehend von Berlin, dutzende bundesweite Festivals mit fast durchaus beachtlicher Publikumsresonanz statt, was in der Folge skurrile Blüten trieb. So erschienen zum Beispiel diverse Diplom-arbeiten zum Thema. Man muss halt Ideen haben ...

Die hatte auch ein Dr. Jost Müller, der im kommentierten Vorlesungsverzeichnis des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur der Johann Wolfgang Goethe-Uni Frankfurt/Main für das Sommersemester 1999 einen Kurs »Neuere Tendenzen in der Gegenwartsliteratur: Pop, Slam, Trash« feilbot. Ein interessantes Beispiel dafür, wie ursprüngliche »Phänomene« von der Hochkultur wahrgenommen und aufgegriffen werden.

Dort heisst es: »Unter den Bezeichnungen Trash-Literatur, Poetry Slam oder Social Beat formiert sich ein Ansatz, der ein ,neues literarisches Bewusstsein’ für sich in Anspruch nimmt (...) Schreibende Musikerinnen, popkulturell sozialisierte Schriftsteller, Fanzine-Schreiber und ihre Sympathisanten bearbeiten populäres Material, thematisieren Triviales, Banales und Alltägliches, um den Bewusstseinsmüll einer hohldrehenden Gesellschaft sichtbar zu machen.«


25. März 2000
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Als Beispiele werden Sibylle Berg, Marcel Beyer, Franz Dobler, Thomas Meinecke (mit falschem Vornamen), Andreas Neumeister und die gängigen Almanache von Neumeister/Hartges und Link angegeben. Während sich die wichtigsten Social-Beat-Veranstaltungen mittlerweile auf Hannover fokussiert haben, hat der Slam seine Hochburgen in Hamburg, Mainz und München hat, sitzt das publizistische Zentrum des Social Beat ausgerechnet im württembergischen Asperg.

Dort erschien bereits 1997 im KILLROY media Verlag »Social Beat Slam! poetry«, Band 1 »Die Ausser Literarische Opposition meldet sich zu Wort«, dem nun ein zweiter Band mit dem Zusatz »Slammin’ BRD - Schluckt die sprechende Pille« folgte.

Nun ist das mit dem Slam ja so eine Sache. Über derartige Veranstaltungen bemerkte der Kollege Knud Kohr im Berliner »tip« (2/99, »Zu doof zum Dichten«) ganz richtig, sie seien »in erdrückender Mehrzahl schlecht bis zum Dilettantismus und peinlich bis zum Haareausraufen«. Nicht nur dies: Sie sind zu 99,9% auch noch systemkonform und insofern ein Multiplikator grassierender Breitendebilität - Ballermann für Studenten, sozusagen.

Der neue »VW-Slam! poetry« lässt grüssen. Gründe, auch noch Bücher darüber zu verlegen, gibt es daher offenbar mannigfaltig. So einen Slam beschrieben hat der Breisgauer Dichter Bdolf, einst Frontmann der entschieden unterbewerteten Politsexträschband FleischLEGO, der sich heute vor allem der »Produktion von Debilentrance jungleambientdrumandbass mit gesellschaftskritischen Anmerkungen auf dem technologischen Niveau von Botswanaland« widmet.

Bei seinen Schilderungen rund um einen Mammutauftritt in der Münchner »Bongo Bar«, einer Yuppie-Gastronomie mit Plüschpuffambiente und selbstredend horrenden Preisen, bekommt man unweigerlich Beklemmungen. Wenigstens findet sich schon zu Anfang der Satz: »Jeder sollte eine Million haben, dann bräuchte niemand mehr zu arbeiten!« - ein Zitat von Gustav Gans. Und so ist es genauso erstaunlich wie dankenswert, dass dieses Kompendium sogenannter Underground-Literatur - ohnehin ein zum einen albernes, zum anderen hinderliches Etikett nicht wirklich Slam-Texte beinhaltet; offenbar handelt es sich um einen Verkaufs-Fake.

Zwar ist auch der MTVIVA-Weichspüler-Popper und Zentrifugal »Rapper« Bastian Böttcher enthalten, mit einem Text auf dem substanziellen Level von Viertklässlern. Vertreten sind in grosser Oberzahl jedoch erzählende, teils recht lange Beiträge. Statt 74 (Band 1) jetzt nur noch 37 »TraxX«, verteilt auf fünf Blöcke.

Den Einstieg macht Philipp Schiemann, der kürzlich mit seiner Antidrogen-Novelle »Suicide City« (ebenfalls KILLROY media) debütierte. Seine rund 20seitige Erzählung »Ober Kunst« ist von nacktem Überlebenskampf geprägt: »Dabei ist es weniger der Neid, der mich erdrückt, als vielmehr das Bewusstsein für die Tragweite der Differenz, die Geld haben oder nicht haben bedeutet. Horror.

Von der Brücke, unter der du zwischen Taubenscheisse und Urin dein Lager aufschlägst, bis hin zur Brücke über den Fluss, der deinen Fuhrpark vom Rest des 40.000 Hektar grossen Anwesens trennt - das ganze verdammte Spektrum. Es sind Weiten zwischen den Menschen ...« Gegen Ende sinniert Schiemann darüber »wie sich Kunststudenten eine revolutionäre Talkshow Marke Schlingensief vorstellen.

Wahrscheinlich genauso, wie sich RTL-Regisseure das Leben auf der Strasse vorstellen. Es ist immer nur Augsburger Puppenkiste, nichts ist wirklich, nichts ist ernst, nichts ist wahr.« Womit wir wieder beim Vergnügungsterror der Slams wären ... Das der nicht sein muss, beweist Yussuf M: »... wenn du Duldsamkeit gelernt hast, gewinnt das Leben an Radikalität.«

Bei Michaela Seul allerdings gelingt aufgrund von Sonntagvormittag-kirchen-alternativ jüngern bzw. Amateurjoggern die geil auf Lebensrettungsmedaillen sind nicht mal mehr der Suizid in der freien Natur: »Das Foto des ministerpräsidialen Jogger-händedrucks wird einen Ehrenplatz bekommen, vielleicht auf dem Fernsehapparat, wo anderenorts Dürers Hände stehen, zuerst verfällt die Kultur, dann die Sitten und zum Schluss das Reich (... ) Natürlich hätte sie nicht aus dem vierten Stock springen dürfen, wie dieser Mann, lächerlich, vierter Stock, der bringt alle ernsten Absichten in Verruf, jetzt ist er querschnittgelähmt, bisschen übertrieben für einen Hilfeschrei ... «

Auch Dagi Bernhard (einst Cellistin in Punkbands, Betreibern des Tabeilabels »Der Heimvorteil« sowie Mitherausgebern des Fanzines »A&P«) weiss mit ihrer in ein Theaterstück gekleideten bayrischen Bierphilosophie zu überzeugen, worin es u.a. um nicht weniger als ein in einer Bankfiliale herumspritzendes jung-dynamisches Kundenberatern geht. Auch eine Variante. Über dekadente Innerspace-Abenteuer in Marokko berichtet Klaus Maeck, der schon Lesungen mit Seiby, Rollins, Childish, Kathy Acker u.a. veranstaltete. Jürgen Ploog empfiehlt »Konspiration gegen mechanisches’ Bewusstsein« und weiss: »Nur Reisende werden ihre Seelen behalten.«

Bankräuber John Dillinger lässt er nach einer Gesichtsoperation sagen: »Scheint, dass sich ein verdammter Dadaist an mir vergangen hat.« Ploogs gewohnt wüste Cut up-Phantasmagorien bringen die herkömmlichen Sprachmuster zum Einsturz. »J.O.P.« steht für »Jugend ohne Perspektive« und zieht sich als roter Faden. durch die grossartige Geschichte von Kersten Flenter.

Darin wird eine Art Sightseeing-Tour durch das schöne Mecklenburg unternommen, mit dem Ziel Faschos zu klatschen.

Das Finale gerät dann allerdings etwas verhunzt. Besser hat das Kai Damkowski hinbekommen, Herausgeber des LoveHate-Punk-Fanzines »Klausner«.

Er »plant noch immer die komplette Vernichtung des Kapitalistischen Systems, der Nato und diverser weiterer Menschheitsplagen...« Seine Geschichte »Reise ans Licht«, ein ganz liebreizendes modernes Eifersuchtsdrama auf den Spuren Hemingways (es endet in einem absurd-blutrünstigen Stierkampf quasi Unentschieden), ist nahezu perfekt. Ziemlich humorvolle Hasstiraden werden mittels ellenlanger Sätze kanalisiert und damit zugespitzt. Damkowski sollte sich mal an einem Krimi versuchen.

Was wir nicht lesen wollen, sind Worte wie Hipster in einer deutschen Erzählung, so bei Boris Kerenski, wahrscheinlich wird auch noch ein Roman draus, das ist bitter. Dieser Text ist schwer autobiographisch, es geht u.a. um Magersucht und Anerkennungsprobleme. Der Held vergleicht sich genauso oft wie sarkastisch, z.B. mit Alice Cooper. Aber eigentlich ist er »der James Dean der Pommes-Buden«, stimmt genau.

Seine Arbeit als Produktionsarbeiter scheint ihn schier anzuekeln, genau wie die arbeitende Bevölkerung an sich und das schlimme Wörtchen Mahlzeit’. Was ein »Gedeck« ist, weiss der arrogante Schönling seiner Erzählung jedoch nicht. Hat wahrscheinlich auch noch nie ein Alkoholikerfrühstück ins Treppenhaus gekotzt. Ansonsten sind erfreulich wenige Aussetzer im Buch enthalten. Ich empfehle es.

(Hrsg. Michael Joachim Schönauer): »Social Beat Slam poetry«, Band 21 Slammin’ BRD »Schluckt die sprechende Pille«, Killroy media Verlag, Asperg 1999, 220 Seiten, ISBN 3-93114012-1

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