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Gerhard Mell Schalom Friseur

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Zu dem Job bin ich gekommen wie zu den anderen auch, dem in der Brotfabrik, im Irrenhaus, dem als Hafenarbeiter und als Erntehelfer und den vielen anderen. "Brauchen Sie mich?", habe ich gefragt, und der Gemeindepfarrer konnte mich gebrauchen, sozusagen halbehrenamtlich, mit Bezahlung aus der Schwarzen Kasse. Nun war ich also Nachtwache und Sterbebegleiter.

Friseursalon BerlinWedding.
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Bild: Friseursalon Berlin-Wedding. / Merker Berlin (PD)

26. September 1998

26. 09. 1998

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Den Alten kenne ich doch - schoss es mir durch den Kopf, als ich mich vorstellte. Er lag im Bett, auf der einen Seite eines riesigen eichenen Ehebettes, dessen andere Hälfte mit einer Tagesdecke abgedeckt war, obenauf die Fotografie seiner Frau, die erst vor einigen Wochen verstorben war.

Ja, ich kannte den Alten. Da lag er nun in seinem Dreck und in seiner Geschichte.

Als ich vor einigen Jahren mehr oder weniger verwundert feststellte, dass die Zeit zwischen '33 und '45 fast komplett im Kleinstadtarchiv fehlte, fand ich in einem verstaubten Ordner auf dem Speicher der Stadtbibliothek einige Fotos, darunter das eines Aufmarsches von Braunhemden. Vorneweg, stattlich mit schwarzen Stiefeln und Koppel, mein Friseur, der alte graue schlaffe Sack, der hier nun vor mir in seiner eigenen Scheisse lag. Und ich erinnerte mich.

Als ich ein Kind war, wurde in Witzenhausen, diesem verlogenen Drecknest, in dem ich zur Schule gegangen und nun wieder gestrandet bin, die Heldengeschichte eines Bäckermeisters erzählt, der ein jüdisches Mädchen in der Kristallnacht vor der aufgebrachten Meute braver Witzenhäuser Bürger gerettet hatte.

Ein SA Mann wollte das Kind im Bach, nahe der alten Wassermühle, ertränken. SA Mann und Friseur, hiess es da. "Ich heisse Weinrich. Sie können Jupp zu mir sagen, Jupp, von Josef", stellte ich mich dem Nazi vor. Ich griff nach seiner Hand, seinem Arm, den er vor fast fünfzig Jahren noch stramm zum Hitlergrusse ausstrecken konnte. Schlaff, kraftlos, hilflos.

"Wir werden das schon zu Ende bringen", sagte ich zum Alten, als der Pfarrer gegangen war.

Der Bäckermeister hatte das Kind also gerettet, erzählte man, doch schon einen Tag später fand man das Mädchen erschlagen und vergewaltigt in einem Schuppen hinter der Stadtmauer. Der Bäcker wurde der Tat verdächtigt und machte sich aus dem Staub. Er soll nie wieder in der Stadt aufgetaucht sein, auch nicht nach '45.

Eine unbestimmte Ahnung liess mich, wie so oft, nicht los. Ich gab meinen Gefühlen nach und stöberte in den Schränken des Alten. Und ich fand die Fotografie einer jungen Frau mit dem gelben Judenstern am Mantel. Und ich hielt sie dem Alten vor die Nase. "Das war die Mascha", sagte er erschrocken. "Die hat bei mir im Laden geputzt." Ich erfuhr, dass Mascha nicht mehr lebte. Sie war, wie vorher schon ihr Mann, zum Vergasen abtransportiert worden.

Unter den Augen der Witzenhäuser Bevölkerung, Sammeltransport, weg, wie die anderen auch. An der Stelle, wo früher eine Synagoge stand, nahe dem Stadtkrankenhaus, kann man unter Unkraut eine kleine Gedenktafel finden, wenn man nur lange genug sucht. Und diese Mascha hatte ein Kind, die kleine Riith, das Mädchen aus dem Schuppen hinter der Stadtmauer.  Mascha und Ruth, Ruth und Mascha.

Mit der Zeit wurde der Alte gesprächig, er hatte ja nur mich.  Und ich half da etwas nach. Er bekam nur zu trinken und die Bettflasche, wenn er erzählte. Sonst blieb ich hart, hart wie Kruppstahl. Und ich spielte das Horst-Wessel-Lied und jiddische Lieder abwechselnd, jede Nacht, Nacht für Nacht, der Alte brauchte keinen Schlaf, der sollte reinen Tisch machen, Klarheit schaffen, bevor es mit ihm zu Ende ging.

"Schön war die Mascha", erzählte der Nazi. "Schön wie die schwarze Nacht war sie. Aber unnahbar. Das Leben geht weiter, habe ich ihr gesagt, auch wenn dein Mann im Lager ist. Das Leben geht weiter und du kannst es gut bei mir haben, du und die Ruth, habe ich ihr gesagt. Aber sie wollte nicht, hatte noch ihren verdammten jüdischen Stolz, immer noch, obwohl sie doch sah, wo die Geschichte langging.

Weggestossen hat sie mich, wollte mich nicht ranlassen, dabei hätte ich ihr wirklich helfen können. Ja, ich hatte nun einmal diesen Drang. Ich liebte meine Uniform, die Stiefel, und wollte die Mascha eben so, im Laden, auf dem Frisierstuhl.

Gut hätten sie es haben können, die Mascha und die Ruth. Meiner Alten wäre das nur recht gewesen, die hatte mit meiner Uniform nicht viel im Sinn. Und Mascha hat mich weggestossen. Untermensch und so stolz zugleich. Sie hat mich zum Idioten gemacht. Da konnte ich dann auch nichts mehr für sie tun. So waren die Zeiten."

Ich musste in diesen Nächten oft kotzen. So selbstverständlich, so gänzlich ohne Anteilnahme erzählte der Alte die Geschichte. Und mir wurde kalt, ich wurde immer kälter. Bis ich eine Prostituierte kommen liess, eine Nutte im Kinderkleidchen mit schwarzer Langhaarperücke. Ich musste einige Scheinchen hinblättern, bis sie sich auf dem alten eichenen Ehebett neben dem Nazi räkelte, Stunden hat es gedauert, bis ich den Alten weinen sah.

"Ruth, kleine Ruth", wimmerte er, als die Nutte die Sandalen gegen schwarze glänzende Lederstiefel tauschte.

Ruth, Ruth, nicht ...", wimmerte er immer noch, als sie nackt bis auf Stiefel, Koppel und Schirmmütze vor ihm stand.

Und ein herzzerreissender Schrei, wie ich ihn in dem Alten nie vermutet hatte, zerriss die Nacht, als ich ihm einen Judenstern an den gestreiften Schlafanzug heftete. Und dann ganz leise: "Ich habe dich doch totgemacht, Ruth, totgemacht. Wo kommst du her? Was willst du? Ruth..."

Das war sogar der Nutte zuviel. Ich gab ihr noch einige Scheinchen extra, aus der Schreibtischschatulle des Alten. Dann waren wir allein. Der Nazi war schwach. Unterlegen, wie ein kleines jüdisches Mädchen in einem dunklen Schuppen einem schweren Mann in Uniform und Stiefeln ausgeliefert ist, so war er nun mir unterlegen. "Schalom Friseur."

Gerhard Mell

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