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Praktische Enteignung im Alltag I shop, they pay

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Weisst du, sagt Gio, dann geht die Neue Weltordnung total an' Arsch. Daraus mach' ich ein Videospiel mit Atlas, Kontinenten und so. Ich höre auf der Fahrt zum Computerladen sein Gelabere über die Idee mit dem Videospiel und denke an früher.

I shop, they pay.
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I shop, they pay. Foto: Lotus Head (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

25. März 1998
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Damals habe ich jede Menge Kohle gemacht. Nicht so wie heutzutage, wo ich einen Drucker umtausche, den ich gerade erst ganz legal gekauft habe. Und zwar mit meiner eigenen Kreditkarte. Das Problem bei dem Ganzen ist, dass ich es einfach nicht gewohnt bin, für irgendwas zu zahlen. Ich bin total verwöhnt. Ohne Scheiss! Angefangen hat alles in dem Jahr, in dem ich meine erste Kreditkarten-Connection gemacht habe. Da wurde ich zum ersten Mal mit ungebrauchten Karten versorgt, ideal zum sofortigen Einsatz.

University Heights um ein Uhr nachts, 1992. In der Bodega konnte man Julio und Dave treffen, und in dieser Nacht hatten sie um die zwanzig Kreditkarten im Angebot. Keine gesperrt, alle voll einsatzfähig. Meine Frau blieb im Auto, und ich rief sie an und sagte ihnen, dass ich draussen auf sie warte. Komm raus, Julio. Lass mich hier nicht gross warten. Zeit ist Geld. Kurz darauf sitze ich schon im Hinterzimmer der Bodega und zähle meine Kohle

Dabei textet mich ein Typ so um die fünfzig zu; ich soll mit seiner Frau Klamotten kaufen gehen. Ich werd' mir ein paar Läden für dich anschauen, sag' ich zu ihm. Wenn man Kohle ziehen will, darf man seine Connection nie verraten, vor allem nicht den Leuten, die auch im Business sind. Sonst ist's vorbei mit der Connection, man verliert an Einfluss und die Einnahmequelle gleich mit.

Aber zurück zu Julio, der derweil die Limits der einzelnen Kreditkarten zusammenzählte. Ich hatte etwa 2100 Dollar in der Tasche, das reicht normalerweise für Kreditkartenshopping im Wert von gut dreissigtausend. Wen der Umrechnungskurs interessiert: Für fünfzehn Prozent von dem, was das Limit der Karte ist, wird sie vertickt. Es kommt nicht darauf an, was für eine Karte es ist, Discover, Amex oder was, der Preis bleibt immer der gleiche.

In der Nacht hat Julio jedenfalls Karten im Wert von insgesamt etwa 75.000 Dollar. Ich versuche für mein bisschen Kohle alle Karten aus ihm rauszuleiern.  Es hat auch beinahe hingehauen, am Ende bin ich mit immerhin dreizehn Karten im Gesamtwert von fast 45.000 Dollar rausspaziert. Ich hab' einen guten Preis rausgeholt. (Für die MatheFreaks: Ich hab' ihn auf ganze fünf Prozent runtergehandelt.)

Aber wer kann schon fünfundvierzigtausend in drei Tagen beim Shopping auf den Kopf hauen (so viel Zeit gönne ich mir mit dem Plastikgeld)? Weil ich das nicht alles allein wegshoppen kann, hab' ich immer ein paar von den Karten weiterverkauft. Ich konnte sie locker für fünfzehn bis zwanzig Prozent an meine Leute weiterverticken. So holte ich meine ..Kohle wieder rein und hatte trotzdem noch Kreditkarten übrig, um ganz normal einkaufen zu gehen. Schliesslich ging es bei dem Ganzen genauso ums Geld wie darum, immer neuen Kram zu kaufen.

Als ich wieder im Auto und auf dem Weg in die Stadt war, ging meine Frau die Karten durch. Fünf Frauen-Karten, acht Typen. Wem willst du die geben? Da gab's eigentlich nie ein Problem. Bei sowas schlägt doch jeder zu, oder?

Hier ein kleiner Tip: Beim Tanken an einer vollautomatisierten Tankstelle sind Kreditkarten einfach unschlagbar. Da gibt's keinen Aufpasser und so weiter. Ich hatte früher immer eine Karte zum Tanken, um mein Auto am Laufen zu halten.

Irgendwann verschenkte ich sie dann (wenn sowieso kaum mehr was drauf war). Zehn Kreditkarten hatte ich verkauft, jetzt war Shopping angesagt. Drei Karten hatte ich noch, und ich beschloss, meine Connections gleich morgens klarzumachen. Morgens um elf ging ich aus dem Haus, um einen meiner Miteinkäufer abzuholen (ich versuchte, mal den einen, mal die andere zu beglücken; alle meine Miteinkäufer waren Freunde von mir). Eine Begleitperson sucht man sich deshalb, weil so alles viel weniger auffällt und entspannter wirkt.

Und wenn es Stress mit dem Sicherheitspersonal im Laden gab, verbesserte das meine Chancen, da wieder rauszukommen (auch wenn es richtig übel wurde - aber das war so gut wie nie der Fall).

Gegen Mittag zogen wir los, erstmal zu Banana Republic. Das ist einer der lockersten Läden, den ich bei meinen Beutezügen jemals aufgetan hab'. Probleme hatte ich da nur ein einziges Mal. Bei Banana Republic ging ich immer vorbei, um meine Unterwäsche-, jeans- und Geschenkgutschein Vorräte aufzustocken. Das Entscheidende war - und das machte den Laden zu meinem Favoriten -, dass man hier Geschenkgutscheine über jeden x-beliebigen Betrag bekommt, die man zu einem späteren Zeitpunkt noch benutzen kann.

Garantiert. Banana Republic meinte es gut mit mir, das könnt ihr mir glauben. Die Gutscheine kamen gut um die Feiertage herum oder wenn ich im Kaufrausch war. Wer Shopping so betrieben hat wie ich, entwickelt einen Drang, einfach immer weiterzukaufen und immer neue Sachen haben zu .. wollen, anders geht das gar nicht.

Als zweites stoppte ich, wie fast täglich (und manchmal auch zweimal am Tag), bei Tower Records. Das war für mich ein absolutes Muss. Jedesmal, wenn ich hier eintraf, ging ich mit mindestens fünfzehn CDs wieder raus, dazu noch Bücher und Vinyl. Gleich danach sind wir rüber zu Paragon Sports, wo einfach alles gut ist. An diesem schönsten aller Orte hab' ich immer ein paar Bekannte getroffen, die auch mit gestohlenen Karten unterwegs waren. (Ich erinnere mich daran, wie einmal alle drei Leute vor mir in der Schlange gestohlenes Plastik hatten.)

Hier shoppte ich in jeder Abteilung. Schuhe, Sneakers, Jacken, Hemden, Ski-Ausrüstungen und Uhren in Hülle und Fülle. Als wir aus dem Paragon wieder rauskamen, mussten wir ein paar Sachen loswerden, bevor wir weitermachen konnten.  Von mir aus konnten wir die Karten jetzt vollends aufbrauchen. Ich rief also meine Connection im Wiz an und arrangierte das übliche Abend-Shopping. Ich hab' jeden Abend, und so auch an diesem, jemand anderen zum Einkaufen ins Wiz geschickt, immer unterschiedliche Leute. Und jeden Abend kamen wir mit einem kleinen LKW voll mit Sachen rüber.

Bild: Shopkotz

Im Ernst, ich hab' hier so böse zugeschlagen, dass ich nicht mal mehr mein Auto in diesem Block parken, geschweige denn den Laden betreten konnte, weil alle sofort um mich herumscharwenzelten. Das Problem war, dass die ganzen Verkäufer geschnallt haben, was abging, und mich bedienen wollten, damit für sie selbst auch was abfiel. Wichtig ist, dass die ganze Einkauferei aufs Konto der Kreditkartenfirmen geht.

Die Leute, auf deren Namen ich geshoppt habe, können für das Zeug, was ich über ihre Karte abgerechnet habe, nicht haftbar gemacht werden. So läuft das, und das ist das Schöne an der ganzen Sache. Ich shoppe, die zahlen. Allerdings sind die Kreditkartenfirmen so unverschämt zu behaupten, dass sie für Kreditkartenbetrügereien aufkommen, obwohl das Überhaupt nicht stimmt.

Die Kreditkartenfirmen treffen Absprachen mit dem Einzelhandel und der Regierung und lassen so die Kunden doch wieder für die ganze Abzockerei bezahlen. Im Ladenpreis spiegeln sich alle Betrügereien wider, die in der Stadt abgehen, und auch in der Mehrwertsteuer.

Wenn du also mal wieder eine Kreditkarte mit der Post bekommst, dann mach langsam und überleg erst mal, ob du auch wirklich sagen willst, dass du sie bekommen hast, oder ob du sie nicht einfach an einen ehrenhaften, netten Shopper weitergeben willst, der sich zu revanchieren weiss und alles verpulvert

Und denk dran: Die Kreditkartenfirma rufst du erst an, wenn sie dir die unerhört hohe Rechnung zugeschickt haben. Schliesslich zahlst du am Ende ja doch für alles. Oder?

...aus dem Hip-Hop-Zine "Stress"

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