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Die Sonne, die uns täuscht | Untergrund-Blättle

Datum

12. April 2015, 15:32 Uhr

Prosa

Karriereweiber und Kinderwünsche Die Sonne, die uns täuscht

Prosa

„Warum müssen wir auch hier ganz hinten sitzen?“, murrte er vor sich hin. „Ist doch egal“, entgegnete sie. „Nein, ist es nicht! Hinten bekommt man entweder sofort die Getränke, wenn man noch gar keinen Durst hat, oder erst am Schluss, wenn sich die Maschine schon fast im Sinkflug befindet. Ist doch Mist sowas!“

Jörn Birkholz
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Bild: Jörn Birkholz / PD

12. April 2015

12. Apr. 2015

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„Nun lass doch“, versuchte sie ihn zu besänftigen, „Es war doch schön, Schatz, oder?“
„Ja, ja.“
„Ich hatte es dir gesagt, Spanien um diese Jahreszeit ist herrlich.“
„Ja, war in Ordnung.“

Sie betrachtete ihn von der Seite. Sie liebte sein Gesicht, besonders im Profil. Er war ein wirklich attraktiver Mann. Manchmal konnte sie es kaum glauben, dass er damals sie erwählt hatte. Immer noch traute sie dem Frieden nicht ganz, obwohl sie mittlerweile schon dreieinhalb Jahre zusammen waren, und was noch viel wichtiger war, jetzt bereits seit einem Jahr zusammen wohnten.

„Mann, sind wir bald mal auf Reiseflughöhe, ich will die blöden Gurte abmachen!“, nörgelte er.
„Ist bestimmt gleich soweit“, sagte sie und küsste ihn überstürzt auf die Wange.
„Was soll das?“
„Nichts Schatz, mir war nur danach … Ach, war das nicht schön in Barcelona?“
„Ja, ja.“

Er betrachtete jetzt sie von der Seite. Hübsch war sie, das konnte man nicht anders sagen, trotz ihrer knapp vierzig, und lieb dazu, was heutzutage gar nicht mehr so häufig vorkam. Überall nur diese scheiss Karriereweiber. Ein bisschen tat es ihm leid, sie zu verlassen, aber Veronika hatte drauf bestanden. Es war ohnehin schwer genug gewesen, ihr zu erklären, dass er übers Wochenende mit Marie nach Spanien fliegen würde. Wenn du danach nicht Schluss machst, ist es aus, hatte Veronika gedroht. Er wusste ganz genau, sie würde ihre Drohung wahrmachen, wenn er sich nicht dran hielt. Veronika war nicht der Typ der bluffte, soviel war mal sicher. Er löste den Sicherheitsgurt.

„Sind wir schon oben?“, fragte Marie, der dies nicht entgangen war.
„Denk schon, du kannst deinen Gurt auch ruhig aufmachen.“
„Wenn du meinst.“

Also löste auch sie ihren Gurt. Sie hatte es sich fest vorgenommen, ihn in Spanien mit der freudigen Nachricht zu überraschen, aber irgendwie hatte sich die richtige Gelegenheit nicht ergeben. In Barcelona gab es ja auch so viel zu sehen. Eine herrliche Stadt, vielleicht könnte man irgendwann mal dort leben - ein Traum wäre das. Sobald sie zuhause ankommen waren, würde sie es ihm erzählen. Auch wenn sie bis jetzt über Kinder noch nie gross gesprochen hatten, aber sie spürte von ganzem Herzen, dass er welche wollte. Sie war ja auch schon neununddreissig, es wurde ohnehin langsam Zeit. Wie herzlich er immer mit der kleinen Mona von ihrer Schwester spielte. Auch wenn Veronikas Mann sie kurz nach der Geburt von Mona verlassen hatte, sie hatte das wirklich toll alleine hinbekommen mit der Mona. Ja, Veronika kam sehr gut auch ohne Mann klar, ganz im Gegensatz zu ihr. Sie brauchte einen Partner, hatte sie schon immer gebraucht. Und mit ihm hatte sie jetzt endlich den Richtigen gefunden. Die Mona - ein so hübsches und aufgewecktes Kind. Aber unser Kind wird auch etwas ganz besonderes werden, das spürte sie. Ihr Herz klopfte aufgeregt und sie geriet ins Schwärmen.

„Was hast du? Ist irgendwas?“, fragte er skeptisch.
„Ach, nichts“, entgegnete sie lächelnd, ergriff seine Hand und lehnte sich an ihn an.
„Können die Kinder da vorne nicht mal ruhig sein, warum mussten wir auch einen Flug mit so vielen Kindern erwischen?“
„Ist doch egal“, hauchte sie und küsste ihn erneut auf seine Wange, die sie so liebte. Sie fühlte sich unbeschwert und war glücklich, wirklich glücklich.
„Wow, ein Luftloch!“, bemerkte er.
„Brauchst du nen Kaugummi, Schatz?“
„Ne, geht schon. Mann, der geht aber ganz schon heftig runter!“
„Ich leg den Gurt glaube ich mal lieber wieder an.“
„Ich denke zwar nicht, dass das nötig ist, aber mach nur.“

Sie schaute aus dem Fenster. Ein herrliches Wetter. Dann lehnte sie sich zurück und schloss einen Moment die Augen. Nur einen Augenblick später bemerkte sie, dass er sich hektisch über sie beugte um aus dem Fenster zu sehen.

„Der geht ja immer weiter runter!“, rief er aus.
Sie öffnete die Augen. Ihr Ohrendruck nahm deutlich zu.
„Was ist denn da vorne beim Cockpit für ein Lärm?“, wunderte sie sich.
Er blickte kurz auf in Richtung Cockpit und sofort wieder aus dem Fenster. Jetzt schaute auch sie heraus.
„Mein Gott die Alpen, so nah!“

Dann sah sie nur noch sein bleiches Gesicht, aus dem all die Bräune, die er in Barcelona bekommen hatte, gewichen zu sein schien.

Jörn Birkholz

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