noch schlimmer werden kann. »Die Zukunft hat keine Zukunft mehr«
ist die Weisheit jener Epoche, die unter dem Anschein einer extremen
Normalität auf der Bewusstseinsebene der ersten Punks angelangt ist.
Die Sphäre der politischen Repräsentation schliesst sich.
Von Links nach
Rechts nimmt die gleiche Nichtigkeit mal die Pose von Mackern, mal ein
jungfräuliches Gehabe an, sind es die gleichen Ausverkäufer, die ihre
Rede gemäss den neuesten Erfindungen der Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit
austauschen. Diejenigen, die noch wählen, scheinen dies
nur noch mit der Absicht zu tun, die Urnen durch pure Proteststimmen
hochgehen zu lassen. Man fängt an zu erraten, dass gegen die Wahlen
selbst weiter gewählt wird. Nichts von dem, was sich ergibt, ist auch nur
im Entferntesten der Situation angemessen.
In ihrer Stille selbst scheint
die Bevölkerung unendlich viel erwachsener als all die Hampelmänner,
die sich darum zanken, sie zu regieren. Jeder Chibani aus Belleville ist
weiser in seinen Worten als jeder einzelne unserer sogenannten Führer
in seinen Verlautbarungen. Der Deckel des sozialen Kochtopfs verschliesst
sich dreifach, während der innere Druck stetig steigt. Von Argentinien
aus beginnt das Gespenst des »Que se vayan todos!« ernsthaft
in den führenden Köpfen umzugehen. Die Feuer vom November 2005 werfen unaufhörlich ihre Schatten auf
jedes Bewusstsein. Diese ersten Freudenfeuer sind die Taufe eines Jahrhunderts
voller Versprechungen. Fehlt es dem medialen Märchen der
Banlieues-gegen-die-Republik nicht an Effizienz, fehlt es ihm an Wahrheit.
Bis in die Stadtzentren hinein haben sich die Feuer gebrannt, die
methodisch verschwiegen wurden. Ganze Strassen in Barcelona haben
in Solidarität gebrannt, ohne dass, ausser ihren Bewohnern, irgendwer
etwas davon mitbekommen hat. Und es stimmt nicht einmal, dass das
Land seither aufgehört hat zu brennen. Unter den Beschuldigten sind
ganz unterschiedliche Profile, die nur noch der Hass auf die bestehende
Gesellschaft eint, nicht mal die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer Rasse
oder einem Stadtteil.
Das Einmalige besteht nicht in einer »Revolte
der Banlieues«, die bereits 1980 nichts Neues war, sondern in dem Bruch
mit den etablierten Formen. Die Angreifer hören auf niemanden mehr,
weder auf die grossen Brüder, noch auf den lokalen Verein, welcher die
Rückkehr zum Normalen verwalten sollte. Kein SOS Racisme kann
seine krebserregenden Wurzeln in dieses Ereignis schlagen, dem nur
die Müdigkeit, die Verfälschung und die mediale Omertà ein vorgetäuschtes
Ende bereiten konnten. Die ganze Serie nächtlicher Anschläge,
anonymer Angriffe und der wortlosen Zerstörung hat den Verdienst,
die grösstmögliche Kluft zwischen die Politik und das Politische zu reissen.
Niemand kann ernsthaft die Offenkundigkeit des Angriffes verneinen,
der keine Forderung stellte, der keine andere Botschaft hatte als die
Bedrohung; der nichts mit der Politik zu schaffen hatte. Man muss blind
sein, um das rein Politische nicht zu sehen, das in dieser entschlossenen
Verneinung der Politik steckt; oder keine Ahnung von den autonomen
Bewegungen der Jugend der letzten dreissig Jahre haben. Wie verlorene
Kinder haben wir den Nippes einer Gesellschaft verbrannt, die nicht
mehr Aufmerksamkeit verdient als die Monumente in Paris zum Ende
der Blutigen Woche, und die sich dessen bewusst ist.
Für die gegenwärtige Situation wird es keine soziale Lösung geben.
Zuerst, weil die verschwommene Anhäufung von Milieus, Institutionen
und individuellen Blasen, die ironischerweise als »Gesellschaft«
bezeichnet wird, keine Konsistenz hat, des Weiteren, weil keine Sprache
mehr für die gemeinsame Erfahrung existiert. Und Reichtümer können
nicht geteilt werden, wenn man keine Sprache teilt. Es bedurfte eines
halben Jahrhundert des Kampfes um die Aufklärung, um die Französische
Revolution zu ermöglichen, und ein Jahrhundert von Kämpfen
um die Arbeit, um den furchterregenden Wohlfahrtsstaat hervorzubringen.
Die Kämpfe schaffen die Sprache, in der sich die neue Ordnung
ausdrückt. Anders heute. Europa ist ein Kontinent, der pleitegegangen
ist, der im Geheimen bei Lidl einkauft und der Billigflüge nutzt, um
überhaupt noch reisen zu können. Keines der in der sozialen Sprache
formulierten »Probleme« führt darin zu einer Lösung. Die Fragen der
»Renten«, jene der »Prekarität«, der »Jugendlichen« und ihrer »Gewalt«
können nur in der Schwebe bleiben, während jene Gewalt, die immer
verblüffender zur Tat übergeht, mit polizeilichen Massnahmen verwaltet
wird. Es wird sich nicht beschönigen lassen, den Hintern von alten
Leuten zum Spottpreis zu wischen, die von den Ihren verlassen wurden
und nichts zu sagen haben.
Diejenigen, welche auf kriminellem Wege
weniger Erniedrigung und mehr Profit gefunden haben als in der Arbeit
als Reinigungskraft, werden ihre Waffen nicht strecken. Das Gefängnis
wird ihnen nicht die Liebe zur Gesellschaft eintrichtern. Die auf Genuss
abgehenden Horden von Rentnern werden die drastischen Kürzungen
ihres monatlichen Einkommens nicht auf den Knien hinnehmen und
sich nur noch mehr aufregen, dass eine breite Fraktion der Jugend die
Arbeit verweigert. Wieso schliesslich sollte ein Grundeinkommen, gewährt
nach einem Beinahe-Aufruhr, den Grundstein für einen neuen
New Deal, einen neuen Pakt, einen neuen Frieden legen. Dafür ist vom
sozialen Empfinden zu viel verdampft.
Gare de Saint-Ouen, Seine-Saint-Denis in Paris.Foto: Geralix (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)
das polizeiliche Raster des Territoriums stetig verstärken. Die Drone,
die laut eigenem Eingeständnis der Polizei am 14. Juli 2006 Seine-Saint-Denis überflog, zeichnet die Zukunft in viel deutlicheren Farben
als der humanistische Dunst. Dass man sich die Mühe gemacht hat zu
präzisieren, dass sie nicht bewaffnet war, zeigt ziemlich deutlich, auf
welchem Weg wir uns befinden. Das Territorium wird in immer dichter
abgeriegelte Zonen zerstückelt werden. Autobahnen, die am Rand eines
»Problemviertels« gebaut werden, bilden eine unsichtbare Mauer, um es
ganz und gar von den Reihenhäusern abzutrennen. Was auch immer die
guten republikanischen Seelen darüber denken mögen, das Verwalten
von Stadtteilen »durch Communities« ist bekanntlich am effizientesten.
Die rein metropolitanen Stücke des Territoriums, die wichtigsten Stadtzentren,
werden in einer immer hinterhältigeren, immer ausgefeilteren,
immer eklatanteren Dekonstruktion ihr Luxusleben führen. Mit ihrem
Bordelllicht werden sie den ganzen Planeten beleuchten, während die
Patrouillen der BAC, begleitet von privaten Sicherheitsdiensten, kurz:
die Milizen, sich unendlich vervielfachen und dabei eine immer unverschämtere
Deckung durch die Justiz geniessen werden.
Die Sackgasse der Gegenwart, überall wahrnehmbar, wird überall geleugnet.
Noch nie haben so viele Psychologen, Soziologen und Literaten
sich damit beschäftigt, jeder in seinem speziellen Jargon, in dem die
Schlussfolgerung auf spezielle Art abwesend ist. Es reicht aus, sich die
Lieder der Epoche anzuhören, die Schnulzen des »neuen französischen
Chanson«, in welchen das Kleinbürgertum seine seelischen Zustände
seziert, und die Kriegserklärungen von Mafia K'1Fry, um zu wissen,
dass die Koexistenz bald aufhören wird, dass eine Entscheidung naht.
Dieses Buch ist mit dem Namen eines imaginären Kollektivs unterzeichnet.
Seine Redakteure sind nicht seine Autoren. Sie haben sich damit zufrieden
gegeben, ein bisschen Ordnung in die verschiedenen Allgemeinplätze
dieser Epoche zu bringen, in das, was an den Tischen der Bars,
was hinter verschlossenen Schlafzimmertüren gemurmelt wird. Sie haben
nur die nötigen Wahrheiten fixiert, deren universelle Verdrängung
die psychiatrischen Kliniken und die Blicke mit Schmerz füllt. Sie haben
sich zu den Schreibern der Situation gemacht. Es ist das Privileg der
radikalen Umstände, dass die Richtigkeit in logischer Konsequenz zur
Revolution führt. Es reicht aus, das zu benennen, was einem unter die
Augen kommt, und dabei nicht der Schlussfolgerung auszuweichen.
Erster Kreis
»I AM WHAT I AM«
»I AM WHAT I AM.« Das ist die letzte Opfergabe des Marketing andie Welt, das letzte Entwicklungsstadium der Werbung, und vor, weit
vor all den Mahnungen, anders zu sein, man selbst zu sein, und Pepsi
zu trinken. Jahrzehnte von Konzepten, um dort anzukommen, bei der
reinen Tautologie. ICH = ICH. Er rennt auf einem Laufband vor dem
Spiegel in seinem Fitnesscenter. Sie fährt am Steuer ihres Smart von der
Arbeit nach Hause zurück. Werden sie sich treffen?
»ICH BIN WAS ICH BIN.« Mein Körper gehört mir. Ich bin Ich, Du bist
Du und es geht schlecht. Die Personalisierung der Masse. Die Individualisierung
aller Bedingungen – des Lebens, der Arbeit, des Unglücks.
Diffuse Schizophrenie. Schleichende Depression. Atomisierung in feine
paranoide Partikel. Hysterisierung des Kontakts. Je mehr ich Ich sein
will, desto mehr habe ich das Gefühl einer Leere. Je mehr ich mich ausdrücke,
desto mehr trockne ich aus. Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto
erschöpfter bin ich. Ich betreibe, du betreibst, wir betreiben unser
Ich wie einen geschäftigen Schalter. Wir sind die Vertreter unserer selbst
geworden – dieser seltsame Handel, die Garanten einer Personalisierung,
die letzten Endes einer Amputation ähnelt. In mehr oder weniger
versteckter Unbeholfenheit schaffen wir es zum Bankrott.
Bis es soweit ist, verwalte ich, kriege ich es hin. Die Suche nach sich
selbst, mein Blog, meine Wohnung, der letzte angesagte Scheiss, die Pärchengeschichten,
die Affairen... was es an Prothesen braucht, um ein Ich
zusammenzuhalten! Wäre »die Gesellschaft« nicht zu dieser definitiven
Abstraktion geworden, würde sie die ganzen existentiellen Krücken
bezeichnen, die mir gereicht werden, damit ich mich weiterschleppen
kann, die ganzen Abhängigkeiten, die ich um den Preis meiner Identität
eingegangen bin. Der Behinderte ist das Vorbild der kommenden Bürgerlichkeit.
Es ist nicht ohne jede Vorahnung, dass die Vereine, die ihn
ausbeuten, ein existenzsicherndes Grundeinkommen für ihn fordern.
Die allgegenwärtige Anordnung, »jemand zu sein«, erhält den pathologischen
Zustand, der diese Gesellschaft notwendig macht. Die
Anordnung, stark zu sein, erzeugt die Schwäche, durch die sie sich erhält,
so dass alles einen therapeutischen Aspekt zu bekommen scheint,
sogar arbeiten, sogar lieben. All die »Wie geht's?«, die jeden Tag ausgetauscht
werden, lassen ans Fiebermessen denken, wodurch die einen
den anderen die Patientengesellschaft aufzwingen. Gesellschaftlichkeit
besteht heute aus tausend kleinen Nischen, aus tausend kleinen Unterschlüpfen,
in denen man sich warm hält.
Wo es immer besser ist als
draussen in der grossen Kälte. Wo alles falsch ist, weil alles nur ein Vorwand
ist, um sich aufzuwärmen. Wo nichts entstehen kann, weil man
dort taub wird beim gemeinsamen Schlottern. Diese Gesellschaft wird
bald nur noch durch die Spannung zwischen allen sozialen Atomen in
Richtung einer illusorischen Heilung zusammengehalten. Sie ist ein
Werk, das seine Kraft aus einem gigantischen Staudamm von Tränen
zieht, der ständig kurz vor dem Überlaufen ist.
»I AM WHAT I AM.« Niemals hatte eine Herrschaft ein unverdächtigeres
Motto gefunden. Das Erhalten des Ich in einem Zustand permanenten
Halb-Verfalls, chronischer Halb-Ohnmacht ist das bestgehütete
Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge. Das schwache, deprimierte,
selbstkritische, virtuelle Ich ist im Wesentlichen dieses unendlich
anpassbare Subjekt, das von einer Produktion gefordert wird, die auf
Innovation beruht, auf dem beschleunigten Veralten der Technologien,
dem stetigen Umbruch der sozialen Normen und der verallgemeinerten
Flexibilität.
Es ist gleichzeitig der gefrässigste Konsument und, paradoxerweise,
das produktivste Ich, welches sich mit einem Maximum an
Energie und Gier auf das kleinste Projekt stürzt, um später wieder in
seinen larvenartigen Originalzustand zurückzukehren.
»DAS, WAS ICH BIN«, ja und? Von Kindheit an durchdrungen von
Flüssen von Milch, Gerüchen, Geschichten, Klängen, Affektionen, Reimen,
Substanzen, Gesten, Ideen, Eindrücken, Blicken, Gesängen und
Fressen. Was ich bin? Von allen Seiten gebunden an Orte, Leiden, Ahnen,
Freunde, Liebschaften, Ereignisse, Sprachen, Erinnerungen, an
Dinge aller Art, die mit aller Offenkundigkeit nicht Ich sind.
Alles, was
mich an die Welt bindet, alle Verbindungen, die mich ausmachen, alle
Kräfte, die mir innewohnen, verstricken sich nicht zu einer Identität,
die zur Schau zu stellen wir aufgefordert werden, sondern zu einer Existenz:
einzigartig, gemeinschaftlich, lebendig, aus der stellenweise, im
Moment, dieses Wesen aufsteigt, das »ich« sagt. Unser Gefühl der Inkonsistenz
ist nur eine Auswirkung dieses dummen Glaubens an die
Permanenz des Ich, und der wenigen Sorgfalt, die wir dem entgegenbringen,
was uns ausmacht.
Es macht schwindelig, das »I AM WHAT I AM« von Reebok an einem
Wolkenkratzer von Schanghai thronen zu sehen. Das Abendland rückt
überall vor wie sein bevorzugtes trojanisches Pferd, diese tödliche Antinomie
zwischen dem Ich und der Welt, dem Individuum und der Gruppe,
der Verbundenheit und der Freiheit.
Die Freiheit ist nicht die Geste,
uns von unseren Verbundenheiten loszulösen, sondern die praktische
Fähigkeit, auf sie einzuwirken, sich in ihnen zu bewegen, sie zu erschaffen
oder zu durchtrennen. Die Familie existiert nur für denjenigen als
Familie, das heisst als Hölle, der darauf verzichtet hat, ihre Mechanismen
zu verderben, die uns schwachsinnig machen, oder der nicht weiss
wie. Die Freiheit sich loszureissen war schon immer das Gespenst der
Freiheit. Wir entledigen uns nicht von dem, was uns fesselt, ohne gleichzeitig
das zu verlieren, worauf sich unsere Kräfte ausüben könnten.
»I AM WHAT I AM«, also, keine blosse Lüge, keine blosse Werbekampagne,
sondern ein Feldzug, ein Kriegsschrei, gerichtet gegen alles, was es
zwischen den Wesen gibt, gegen alles, was ununterscheidbar zirkuliert,
alles, was sie unsichtbar miteinander verbindet, alles, was die perfekte
Verwüstung hindert, gegen alles, was bewirkt, dass wir existieren und
dass die Welt nicht überall wie eine Autobahn aussieht, wie ein Vergnügungspark
oder eine Trabantenstadt: pure Langeweile, ohne Leidenschaft
und wohl geordnet, leerer Raum, eiskalt, nur noch durchquert
von registrierten Körpern, automobilen Molekülen und idealen Waren.
Frankreich ist nicht das Vaterland der Anxiolytika, das Paradies der Antidepressiva
und das Mekka der Neurose, ohne gleichzeitig Europameister
der Stundenproduktivität zu sein. Die Krankheit, die Müdigkeit,
die Depression können als individuelle Symptome dessen wahrgenommen
werden, was geheilt werden muss.
Sie arbeiten also am Erhalt der
existierenden Ordnung, an meiner folgsamen Anpassung an dumme
Normen, an der Modernisierung meiner Krücken. Sie umfassen die
Selektion der opportunen, konformen und produktiven Neigungen in
mir, von jenen, die brav zu betrauern sind. »Man muss sich verändern
können, weisst du.« Werden sie aber als Fakten angenommen, können
meine Störungen auch zur Zerschlagung der Hypothese des Ich führen.
Sie werden also zu Akten des Widerstandes im laufenden Krieg.
Sie werden zur Rebellion und zum Energiezentrum gegen alles, was
sich verschwört, uns zu normalisieren, uns zu amputieren.
Es ist nicht
das Ich, was bei uns in der Krise ist, sondern die Form, die man uns
aufzuzwingen versucht. Es sollen wohl abgegrenzte, wohl getrennte
Ichs aus uns gemacht werden, zuordenbar und zählbar nach Qualitäten,
kurz: kontrollierbar; während wir Kreaturen unter Kreaturen sind, Einzigartigkeiten
unter unseresgleichen, lebendiges Fleisch, welches das
Gewebe der Welt bildet. Entgegen dem, was uns seit der Kindheit immer
wieder erzählt wird, besteht Intelligenz nicht darin, sich anpassen
zu können – oder wenn das eine Intelligenz ist, dann die der Sklaven.
Unsere Unfähigkeit zur Anpassung und unsere Müdigkeit sind keine
Probleme, ausser aus der Sicht dessen, was uns unterwerfen will. Vielmehr
deuten sie auf einen Ausgangspunkt, einen Verbindungspunkt
für neue Komplizenschaften. Sie eröffnen den Blick auf eine noch viel
verfallenere, aber unendlich viel teilbarere Landschaft als all die Trugbilder,
die diese Gesellschaft von sich selbst bereithält.
Cité du Clos Saint-Lazare.Foto: Olivier2000 (CC BY-SA 1.0 cropped)
für den ist die »Depression« kein Zustand, sondern ein Übergang,
ein Auf-Wiedersehen, ein Schritt zur Seite hin zur Aufkündigung
einer politischen Zugehörigkeit. Davon ausgehend gibt es keine andere
Schlichtung als die medikamentöse und die polizeiliche. Genau deswegen
scheut sich diese Gesellschaft nicht, ihren zu lebhaften Kindern Ritalin
aufzuzwingen, zu jeder Gelegenheit Laufleinen pharmazeutischer
Abhängigkeiten zu flechten, und vorzugeben, schon bei Dreijährigen
»Verhaltensstörungen« festzustellen. Weil die Hypothese des Ich überall
Risse bekommt.
Zweiter Kreis »Unterhaltung ist ein Grundbedürfnis«
Eine Regierung, die den Notstand über 15jährige verhängt. Ein Land,das sein Heil in die Hände einer Fussballmannschaft legt. Ein Bulle in
einem Krankenhausbett, der klagt, zum Opfer von »Gewalt« geworden
zu sein. Ein Präfekt, der eine Verordnung erlässt gegen jene, die
sich Häuser in Bäumen bauen. Zwei Kinder im Alter von 10 Jahren aus
Chelles, die der Brandstiftung an einer Ludothek beschuldigt werden.
Diese Epoche zeichnet sich durch eine gewisse Groteske der Situation
aus, der sie sich jedes Mal zu entziehen scheint. Dazu muss man sagen,
dass die Medialen keine Mühen scheuen, mit ihrer Tonlage der Klage
und Entrüstung das schallende Gelächter zu ersticken, das solche Neuigkeiten
eigentlich begleiten sollte.
Eine Explosion schallenden Gelächters ist die angemessene Antwort
auf all die ernsten »Fragen«, die es der Tagesschau zu stellen gefällt.
Angefangen mit der abgedroschensten: Es gibt keine »Frage der Immigration
«. Wer wächst noch da auf, wo er geboren wurde? Wer wohnt
da, wo er aufgewachsen ist? Wer arbeitet da, wo er wohnt? Wer wohnt
dort, wo seine Vorfahren gelebt haben? Und von wem sind die Kinder
dieser Epoche, vom Fernsehen oder von ihren Eltern?
Die Wahrheit ist,
dass wir massenhaft aus jeder Zugehörigkeit gerissen wurden, dass wir
von nirgendwo mehr herkommen, und dass sich daraus, gleichzeitig
mit einer ungewöhnlichen Neigung zum Tourismus, ein nicht zu leugnendes
Leiden ergibt. Unsere Geschichte ist jene der Kolonisierungen,
der Migrationen, Kriege, Exile, der Zerstörung sämtlicher Verwurzelungen.
Es ist die Geschichte all dessen, was uns zu Fremden in dieser
Welt gemacht hat, zu Gästen in unserer eigenen Familie.
Wir wurden
unserer Sprache enteignet durch die Schule, unserer Lieder durch die
Hitparade, unseres Fleisches durch die Massenpornographie, unserer
Stadt durch die Polizei, unserer Freunde durch die Lohnarbeit. Dazu
kommt in Frankreich die erbarmungslose, jahrhundertelange Arbeit
der Staatsmacht an der Individualisierung, die ihre Untertanen vom
jüngsten Alter an verzeichnet, vergleicht, diszipliniert und trennt, die
Einrichtung, wo Spiele Kindern zur Verfügung gestellt werden
aus Instinkt jegliche Solidaritäten, die sich ihr entziehen, zermalmt, bis
nur noch die Staatsbürgerschaft bleibt, die reine, eingebildete Zugehörigkeit
zur Republik.
Der Franzose ist mehr als alle andern der Enteignete,
der Elende. Sein Hass auf die Ausländer mischt sich unter seinen
Hass auf sich als Fremden. Seine Eifersucht, gemischt mit dem Entsetzen
über die »Banlieues«, drückt nur sein Ressentiment aus, über all das,
was er verloren hat. Er kann es sich nicht verkneifen, diese sogenannten
Stadtteile der »Verbannung« zu beneiden.
Stadtteile, in denen noch ein
bisschen gemeinschaftliches Leben besteht, etwas Verbundenheit zwischen
den Menschen, ein paar nichtstaatliche Solidaritäten, eine informelle
Ökonomie, eine Organisation, die noch nicht von denen getrennt
ist, die sie organisieren. Wir sind an einem Punkt des Verlusts angelangt,
an dem die einzige Art und Weise, sich als Franzose zu fühlen, ist,
Immigranten zu beschimpfen, diejenigen, die sichtbarer Fremde sind als
ich. Die Immigranten haben in diesem Land eine seltsame Position der
Souveränität: Wären sie nicht da, würden die Franzosen vielleicht nicht
mehr existieren.
Frankreich ist ein Produkt seiner Schule, und nicht umgekehrt. Wir
leben in einem übermässig verschulten Land, wo man sich an das Bestehen
des Abiturs als einen prägenden Moment des Lebens erinnert.
Wo Rentner vierzig Jahre später noch von ihrem Durchfallen in dieser
oder jener Prüfung erzählen und davon, wie dies ihre ganze Karriere,
und ihr ganzes Leben belastet hat. Seit eineinhalb Jahrhunderten hat
die Schule der Republik eine Art verstaatlichter Subjektivitäten gebildet,
die unter allen anderen erkennbar sind. Leute, welche die Selektion
und den Wettbewerb unter der Bedingung akzeptieren, dass die
Chancen gleich verteilt sind. Die vom Leben erwarten, dass jeder wie
in einem Wettbewerb belohnt wird, nach seinem Verdienst.
Die immer
um Erlaubnis fragen, bevor sie etwas nehmen. Die ganz still die Kultur,
die Regeln und die Klassenbesten respektieren. Selbst ihre Verbundenheit
mit ihren grossen kritischen Intellektuellen und ihre Ablehnung des
Kapitalismus sind von dieser Liebe zur Schule geprägt. Diese staatliche
Konstruktion der Subjektivitäten ist es, welche unter der Last der Dekadenz
der schulischen Institution Tag für Tag mehr zusammenbricht.
Das Wiederauftauchen der Schule in den letzten 20 Jahren sowie der
Strassenkultur in Konkurrenz zur Schule der Republik und ihrer Pappkultur
ist das tiefste Trauma, das der französische Universalismus aktuell
erleidet. An diesem Punkt versöhnt sich die extremste Rechte im
Voraus mit der giftigsten Linken. Allein schon der Name Jules Ferry,
Minister von Thiers während der Zerschlagung der Pariser Kommune
und Theoretiker der Kolonisierung, sollte doch reichen, um uns diese
Institution suspekt zu machen.
Was uns angeht, wenn wir hören, wie Lehrer aus irgendeinem "Bürgerkomitee
für Sicherheit und Sauberkeit" in den Abendnachrichten
heulen, dass ihnen ihre Schule abgefackelt wurde, dann erinnern wir
uns daran, wie oft wir als Kinder genau davon geträumt haben. Wenn
wir einen linken Intellektuellen hören, wie er sich über die Barbarei der
Banden von Jugendlichen auskotzt, welche Passanten auf der Strasse
anquatschen, im Supermarkt klauen, Autos anzünden und mit der
CRS Katz und Maus spielen, dann erinnern wir uns daran, was 1960
über die »Blouson Noirs«, oder besser noch, was über die Apachen
während der »Belle Époque« erzählt wurde: »Seit einigen Jahren ist es
Mode geworden«, schrieb im Jahr 1907 ein Richter am Gericht »la Seine«, »unter dem Gattungsnamen Apachen alle gefährliche Individuen
zu bezeichnen; Sammelbecken der Wiederholungstäter, Feinde der
Gesellschaft, nicht Vaterland noch Familie, Deserteure aller Pflichten,
bereit zu wagemutigsten Handgreiflichkeiten, zu jedem Attentat auf Leben
oder Eigentum«.
Diese Banden, die der Arbeit entfliehen, sich nach
ihrem Stadtteil benennen und gegen die Polizei kämpfen, sind der Albtraum
des guten Bürgers, individualisiert à la française: Sie verkörpern
all das, worauf er verzichtet hat, all die mögliche Freude, die zu erreichen
ihm nie möglich sein wird.
Es ist eine Frechheit, in einem Land zu
existieren, wo ein Kind, das singt, wie ihm der Sinn steht, unvermeidlich
beschimpft wird »Hör auf, es wird noch anfangen zu regnen!«, wo die
schulische Kastration am laufenden Band Generationen von polizierten
Angestellten ausstösst. Die fortbestehende Aura von Mesrine hat weniger
mit seiner Geradlinigkeit und seiner Unverfrorenheit zu tun als mit
seinem Unterfangen, sich daran zu rächen, woran wir uns alle rächen
sollten. Oder vielmehr, woran wir uns direkt rächen sollten, statt auszuweichen,
statt es hinauszuschieben.
Denn es gibt keinen Zweifel, dass
der Franzose sich rächt, ständig und an allem, mit tausenden von unauffälligen
Niederträchtigkeiten, mit allen Arten von Verleumdungen, mit
einer kleinen, eisigen Boshaftigkeit und einer giftigen Freundlichkeit
rächt er sich für das Zertretenwerden, dem er sich ergeben hat. Es war
an der Zeit, dass das Fick die Polizei! das Jawohl Herr Polizist! ersetzte. In
diesem Sinne drückt die nuancenlose Feindseligkeit bestimmter Banden
nur ein bisschen weniger gedämpft die schlechte Stimmung aus, den
grundsätzlich schlechten Geist, die Lust nach erlösender Zerstörung, in
der sich dieses Land verzehrt.
Das Volk von Fremden, in deren Mitte wir leben, als »Gesellschaft« zu
bezeichnen, stellt einen derartigen Betrug dar, dass sich sogar die Soziologen
überlegen, sich von einem Konzept zu verabschieden, das ein
Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen heute die Metapher
des Netzwerks, um die Art und Weise zu beschreiben, wie sich die
kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen,
bekannt unter den Namen »Kollege«, »Kontakt«, »Kumpel«,
»Beziehung« oder »Affaire« verknüpfen. Dennoch passiert es, dass diese
Netzwerke zu einem Milieu verdampfen, wo man nichts teilt ausser
Codes und nichts auf dem Spiel steht ausser der unaufhörlichen Wiederherstellung
einer Identität.
Es wäre Zeitverschwendung, alles genau aufzuführen, was in den existierenden
sozialen Verhältnissen im Sterben liegt. Die Familie kehrt
zurück, sagt man, das Paar kehrt zurück. Doch die Familie, die zurückkehrt,
ist nicht die, die gegangen ist. Ihre Rückkehr ist nur eine Vertiefung
der herrschenden Trennung, die sie vertuschen soll, wobei sie
selbst zur Täuschung wird. Jeder kann die Dosen von Traurigkeit bezeugen,
die sich Jahr für Jahr an Familienfesten kristallisieren, dieses mühsame
Lächeln, diese Verlegenheit, alle vergeblich simulieren zu sehen,
dieses Gefühl, dass da ein Kadaver liegt, auf dem Tisch, und alle tun
so, als ob nichts wäre.
Vom Flirt zur Scheidung, vom Konkubinat zum
Patchwork empfindet jeder die Sinnlosigkeit der traurigen Kernfamilie,
doch die meisten scheinen die Einschätzung zu haben, dass es noch
trauriger wäre, darauf zu verzichten. Die Familie, das ist nicht mehr so
sehr das Ersticken unter dem mütterlichen Einfluss oder das Patriarchat
der Ohrfeigen, sondern vielmehr dieses kindliche Sich-Gehenlassen in
einer flauschigen Abhängigkeit, in der alles bekannt ist, dieser Moment
von Sorglosigkeit gegenüber einer Welt, von der niemand mehr leugnen
kann, dass sie in sich zusammenbricht.
Eine Welt, in der »autonom werden« ein Euphemismus dafür ist, »einen Chef gefunden zu haben«. Man
möchte in der biologischen Vertrautheit die Entschuldigung erkennen,
jede auch nur ein bisschen angriffige Entschlossenheit in uns zu zerfressen,
uns zum Verzicht anzuregen; zum Verzicht darauf, ganz erwachsen
zu werden, sowie zum Verzicht auf die Ernsthaftigkeit, die schon in der
Kindheit steckt, unter dem Vorwand, dass man uns hat aufwachsen sehen.
Vor diesem Zerfressen-werden müssen wir uns bewahren.
Das Paar ist wie die letzte Stufe des grossen, gesellschaftlichen Debakels.
Es ist die Oase in der Mitte der menschlichen Wüste. In ihm wird unter
dem heiligen Schutz »des Intimen« all das gesucht, was so offenkundig
alle zwischenmenschlichen Beziehungen heutzutage verlassen hat: die
Wärme, die Einfachheit, die Wahrheit, ein Leben ohne Theater und Zuschauer.
Aber ist der Liebestaumel vorbei, dann lässt die »Intimität« die
Hosen runter: Sie ist selbst eine soziale Erfindung, sie spricht die Sprache
der Frauenzeitschriften und der Psychologie, sie ist wie der Rest bis
zum Erbrechen voll mit Strategien.
Es gibt darin nicht mehr Wahrheit
als irgendwo sonst, denn auch hier herrschen die Lüge und die Gesetze
der Fremdhaftigkeit. Und wird sie darin gefunden, glücklicherweise,
diese Wahrheit, dann ruft sie ein Teilen hervor, das der Form des Paares
selbst widerspricht. Denn das, wodurch die Menschen sich lieben, kann
auch das sein, was sie liebenswert macht, und was jede Utopie des Autismus
zu zweit zerstört.
In Wirklichkeit ist die Zersetzung aller gesellschaftlichen Formen ein
Glücksfall. Sie ist für uns die ideale Bedingung für ein wildes Massenexperiment,
in neuen Zusammensetzungen, mit neuen Treuen. Die sogenannte
»elterliche Vernachlässigung« hat uns eine Konfrontation mit
der Welt aufgenötigt, die in uns eine frühreife Hellsichtigkeit erzwungen
hat, und ein paar schöne Revolten erahnen lässt. Im Tod des Paares
sehen wir verwirrende Formen kollektiver Affektivität aufsteigen, jetzt,
wo der Sex bis zum Verschleiss abgerieben ist, wo Männlichkeit und
Weiblichkeit zu mottenzerfressenen Kostümen verkommen sind, wo
drei Jahrzehnte fortgesetzter pornographischer Innovationen jeden Reiz
an der Überschreitung und der Befreiung genommen haben.
Aus dem,
was es an Unbedingtem in verwandtschaftlichen Verbindungen gibt,
beabsichtigen wir das Gerüst für eine politische Solidarität zu errichten,
die für den staatlichen Zugriff so undurchdringbar ist wie ein Zigeunerlager.
Sogar in den endlosen Subventionen, die viele Eltern ihrem
proletarisierten Nachwuchs zu zahlen gezwungen sind, gibt es nichts,
was nicht zu einer Art Mäzenentum für die soziale Subversion werden
könnte. »Autonom werden« könnte auch gut heissen: lernen, auf der
Strasse zu kämpfen, sich leere Häuser zu nehmen, nicht zu arbeiten, sich
wie verrückt zu lieben und in den Supermärkten zu klauen.
Dritter Kreis »Das Leben, die Gesundheit und die Liebe sind prekär, wieso sollte sich die Arbeit diesem Gesetz entziehen?«
Es gibt in Frankreich keine verworrenere Frage als die der Arbeit, esgibt keine verdrehtere Beziehung als die der Franzosen zur Arbeit. Geht
nach Andalusien, Algerien oder Neapel. Dort verachtet man die Arbeit
im Grunde. Geht nach Deutschland, in die USA oder nach Japan. Dort
wird die Arbeit verehrt. Die Dinge ändern sich, das ist wahr. Es gibt
sehr wohl auch Otaku in Japan, Glückliche Arbeitslose in Deutschland
und Workaholics in Andalusien. Aber die sind zur Zeit nur Kuriositäten.
In Frankreich reisst man sich Arme und Beine aus, um in der Hierarchie
aufzusteigen, aber im Privaten rühmt man sich, nichts zu tun.
Man
bleibt bis um zehn Uhr abends auf der Arbeit, wenn man überfordert
ist, aber man hat keine Skrupel, dort Büromaterial zu klauen oder sich
bei den Waren im Lager zu bedienen und diese bei Gelegenheit zu verkaufen.
Man hasst die Chefs, will aber um jeden Preis Angestellter sein.
Eine Arbeit zu haben ist eine Ehre und arbeiten ein Zeichen der Unterwürfigkeit.
Kurz: das perfekte Krankheitsbild der Hysterie. Man liebt,
indem man hasst, und man hasst, indem man liebt. Und jeder weiss,
welche Verblüffung und Verwirrung den Hysterischen schlägt, wenn
er sein Opfer, seinen Herrn verliert. In den meisten Fällen erholt er sich
davon nie wieder.
In diesem grundlegend politischen Land, das Frankreich ist, war die industrielle
Macht stets der staatlichen unterworfen. Die wirtschaftlichen
Aktivitäten waren niemals ohne die argwöhnisch rahmende Betreuung
einer kleinlichen Verwaltung. Die grossen Chefs, die nicht vom
staatlichen Adel à la École Polytechnique oder ENA stammen, sind
die Paria der Geschäftswelt, wo zugegeben wird, hinter der Kulisse,
dass sie ein bisschen Mitleid erregen. Bernard Tapie ist ihr tragischer
Held: an einem Tag vergöttert, am nächsten Tag im Knast, immer unberührbar.
Dass er jetzt auf der Bühne steht, hat nichts Erstaunliches.
Indem das französische Publikum ihn bewundert, wie man ein Monster
bewundert, hält es sichere Distanz, durch das Spektakel einer so faszinierenden
Ruchlosigkeit schützt es sich vor dem Kontakt. Trotz dem
grossen Bluff der 1980er Jahre hat in Frankreich der Kult des Unternehmens
nie Fuss gefasst. Wer immer ein Buch schreibt, um ihn zu verunglimpfen,
ist sich eines Bestsellers sicher.
Passerelle, La Défense, Paris.Foto: ros k @ getfunky_paris (CC BY 2.0)
Literatur können sich zwar in der Öffentlichkeit präsentieren, es umgibt
sie aber ein Sperrgürtel aus Gekicher, ein Ozean aus Verachtung, ein
Meer aus Sarkasmus. Der Unternehmer gehört nicht zur Familie. In der
Hierarchie des Abscheus wird ihm der Bulle vorgezogen. Beamter zu
sein bleibt, gegen Wind und Wetter, gegen Golden Boys und Privatisierung,
nach allgemeinem Verständnis die Definition guter Arbeit. Man
kann den Reichtum derjenigen beneiden, die keine sind, um ihre Stellen
beneidet man sie nicht.
Vor dem Hintergrund dieser Neurose können die aufeinander folgenden
Regierungen noch immer der Arbeitslosigkeit den Krieg erklären
und vorgeben, sich die »Schlacht um die Beschäftigung« zu liefern,
während Ex-Führungskräfte mit ihren Handies in den Zelten der Médecins
du monde am Ufer der Seine campen. Während es den massiven
Streichungen der ANPE und allen statistischen Tricks nicht gelingt, die
Zahl der Arbeitslosen unter zwei Millionen zu senken.
Während das
RMI und die kleinen Gaunereien selbst nach der Meinung der Nachrichtendienste
die einzigen Faktoren sind, die vor einer sozialen Explosion
schützen, die zu jedem Moment möglich ist. Die psychische Ökonomie
der Franzosen genauso wie die politische Stabilität des Landes
ist es, welche bei der Aufrechterhaltung dieser arbeiterischen Fiktion
auf dem Spiel stehen.
Mit Verlaub, das ist uns scheissegal.
Wir gehören einer Generation an, die sehr gut ohne diese Fiktion lebt.
Die noch nie auf die Rente oder das Arbeitsrecht und schon gar nicht
auf das Recht auf Arbeit gezählt hat. Die nicht einmal prekär ist, wie es
die fortschrittlichsten Fraktionen des linken Aktivismus gerne theoretisieren.
Weil prekär sein noch immer heisst, sich in Bezug auf die Sphäre
der Arbeit zu definieren, in diesem Fall: in Bezug auf ihren Zerfall.
Wir
anerkennen die Notwendigkeit, Geld zu finden, mit welchen Mitteln
auch immer, denn es ist zur Zeit unmöglich, darauf zu verzichten. Wir
anerkennen nicht die Notwendigkeit der Arbeit. Ausserdem arbeiten
wir nicht mehr: wir jobben. Das Unternehmen ist kein Ort, an dem wir
existieren, es ist ein Ort, den wir durchqueren. Wir sind nicht zynisch,
wir scheuen nur, uns missbrauchen zu lassen.
Der Diskurs der Motivation,
der Qualität und des persönlichen Einbringens perlt zur grossen Verzweiflung
aller Verwalter des Humankapitals an uns ab. Man sagt, wir
seien von den Unternehmen enttäuscht, dass diese die Loyalität unserer
Eltern nicht honoriert hätten, sie hätten sie zu schnell entlassen. Man
lügt. Um enttäuscht zu werden, muss man einst gehofft haben. Und wir
haben uns von den Unternehmen nie etwas erhofft: wir sehen sie als
das, was sie sind und was zu sein sie nie aufgehört haben, ein doppeltes
Spiel mit wechselhaftem Komfort. Wir bedauern vor allem unsere Eltern,
dass sie in diese Falle getappt sind, die zwei zumindest, die daran
geglaubt haben.
Die sentimentale Verwirrung um die Frage der Arbeit lässt sich folgendermassen
erklären: Der Begriff der Arbeit umfasste schon immer zwei
gegensätzliche Dimensionen: Eine Dimension der Ausbeutung und eine
Dimension der Teilnahme. Ausbeutung der Arbeitskraft, individuell und
kollektiv, durch die Aneignung des Mehrwerts, privat oder sozial; Teilnahme
an einem gemeinsamen Werk durch die Verbindungen, die sich
zwischen denen knüpfen, die im Universum der Produktion kooperieren.
Im Begriff der Arbeit sind diese zwei Dimensionen pervers verworren,
was im Grunde die Gleichgültigkeit erklärt, mit der die Arbeiter der
marxistischen Rhetorik, welche die Dimension der Teilnahme leugnet,
ebenso begegnen wie der Rhetorik der Manager, welche die Dimension
der Ausbeutung leugnet. Daher auch die Ambivalenz des Verhältnisses
zur Arbeit, zugleich verabscheut, weil sie uns von dem entfremdet, was
wir tun, und verehrt, da sich ein Teil von uns selbst darin abspielt.
Das
Desaster ist dabei vorbedingt: es besteht in allem, das es zu zerstören
galt, in all denjenigen, die es zu entwurzeln galt, damit die Arbeit letzten
Endes als einzige Art zu existieren erschien. Der Horror der Arbeit
liegt weniger in der Arbeit selbst als in der methodischen Verwüstung,
seit Jahrzehnten, all dessen, was sie nicht ist: Vertrautheiten des Stadtteils,
des Berufs, des Dorfes, des Kampfes, der Verwandtschaft, die Verbundenheit
mit Orten, mit Lebewesen, mit Jahreszeiten, mit der Art und
Weise zu handeln und zu sprechen.
Hierin besteht das aktuelle Paradox: Die Arbeit hat restlos über alle anderen
Formen der Existenz triumphiert, genau zu der Zeit, in der die
Arbeiter überflüssig geworden sind. Die Steigerungen der Produktivität,
die Auslagerung, die Mechanisierung, die Automatisierung und die
Digitalisierung der Produktion sind derart fortgeschritten, dass sie die
Menge an lebendiger, zur Herstellung der Ware benötigter Arbeit, auf
beinahe nichts reduziert haben.
Wir erleben das Paradox einer Gesellschaft
von Arbeitern ohne Arbeit, in der die Ablenkung, der Konsum,
das Vergnügen nur noch den Mangel daran beklagen, wovon sie uns
eigentlich ablenken sollten. Die Mine von Carmaux, die ein Jahrhundert
lang aufgrund ihrer gewalttätigen Streiks Berühmtheit erlangte, wurde
in den Cap Découverte umgerüstet. Es handelt sich dabei um ein »multiples
Vergnügungszentrum«, wo Skateboard und Fahrrad gefahren
wird, und das sich durch ein »Minenmuseum« auszeichnet, wo für die
Urlauber Steinschläge simuliert werden.
In den Unternehmen teilt sich die Arbeit immer offensichtlicher in hochqualifizierte
Arbeitsplätze in Forschung, Entwicklung, Kontrolle, Koordination
und Kommunikation, im Zusammenhang mit dem Einbringen
des notwendigen Wissens in die neuen kybernetisierten Produktionsprozesse,
und in entqualifizierte Arbeitsplätze zur Instandhaltung und
Überwachung dieser Prozesse.
Erstere sind von geringer Zahl. Sehr gut bezahlt und dadurch dermassen
begehrt, dass die Minderheit, die sie vereinnahmt, nicht auf die Idee
käme, sich auch nur ein Krümelchen davon entgehen zu lassen. Ihre Arbeit
und sie verschmelzen in einer angsterfüllten Umklammerung effektiv
zu Einem. Manager, Wissenschaftler, Lobbyisten, Forscher, Programmierer,
Entwickler, Berater und Ingenieure hören im wahrsten Sinne nie
auf zu arbeiten. Selbst ihre Fickbeziehungen sollen ihre Produktivität
steigern. »Die kreativsten Unternehmen sind zugleich diejenigen, in denen
die Intimbeziehungen am zahlreichsten sind«, theoretisiert ein Philosoph
des Humankapitals.
»Die Mitarbeiter der Firma«, bestätigt der
Abteilungsleiter Humankapital von Daimler Benz, »gehören zum Kapital
der Firma. […] Ihre Motivation, ihr Know-How, ihr Innovationsvermögen
und ihre Sorge darum, was die Kundschaft verlangt, sind der
Rohstoff für innovative Dienstleistungen. […] Ihr Verhalten, ihre soziale
und emotionale Kompetenz sind von zunehmender Bedeutung für die
Evaluation ihrer Arbeit. […] Diese wird nicht mehr anhand der Zahl der
Anwesenheitsstunden bewertet, sondern auf Basis der erreichten Ziele
und der Qualität der Resultate. Sie sind Unternehmer.«
Alle Aufgaben, die nicht an die Automation delegiert werden konnten,
bilden ein Nebelfeld von Arbeitsplätzen, die, weil nicht durch Maschinen
besetzbar, mit irgendwelchen Menschen zu besetzen sind – Handlanger,
Lagerarbeiter, Fliessbandarbeiter, Saisonarbeiter, etc.. Diese flexible,
undifferenzierte Arbeitskraft, die von einer Aufgabe zur nächsten
wechselt und nie lange in einem Unternehmen bleibt, lässt sich in die Abteilung des Humankapitals »DRH (Direction des Ressources Humaines)« einordnen.
Dies, weil sie nie im Mittelpunkt des
Produktionsprozesses steht, sondern wie pulverisiert in einer Vielzahl
von Zwischenräumen damit beschäftigt ist, die Löcher dessen zu stopfen,
was nicht mechanisiert wurde. Der Leiharbeiter ist die Figur dieses
Arbeiters, der keiner mehr ist, der keinen Beruf mehr hat, sondern Fähigkeiten,
die er bei seinen Einsätzen verkauft, und deren Bereitstellung
eine weitere Arbeit ist.
Am Rande des Kerns dieser effektiven, für das reibungslose Funktionieren
der Maschine notwendigen Arbeiterschaft breitet sich nunmehr
eine überzählig gewordene Mehrheit aus, die zwar dem Absatz der Produktion
dient, doch kaum zu mehr, und die das Risiko birgt, dass sie in
ihrer Untätigkeit damit beginnt, die Maschine zu sabotieren. Die Drohung
einer generellen Demobilisierung ist das Gespenst, welches im
gegenwärtigen Produktionssystem umgeht.
Auf die Frage »Warum also
arbeiten?« antworten nicht alle wie diese ehemalige Sozialhilfeempfängerin
gegenüber der Libération: »Für mein Wohlbefinden. Ich musste
mich beschäftigen«. Es besteht das ernsthafte Risiko, dass wir letztendlich
dazu kommen, in unserer Untätigkeit eine Beschäftigung zu finden.
Diese treibende Bevölkerung muss beschäftigt oder im Zaum gehalten
werden. Denn bis heute wurde keine bessere Methode zur Disziplinierung
gefunden als die Lohnarbeit.
Deshalb muss der Abbau der »sozialen
Errungenschaften« weitergeführt werden, um die Widerspenstigsten
in den Schoss der Lohnarbeit zu treiben, diejenigen, die sich nur
angesichts der Alternative zwischen Sterben an Hunger und Verfaulen
im Knast ergeben. Die Explosion des Sklavenhändlersektors der »Personaldienstleistungen« muss weitergehen: Frauen in Putzjobs, Gastronomie,
Massage, Haushaltshilfe, Prostitution, Pflege, Privatunterricht,
therapeutische Vergnügungen, psychologische Betreuung etc..
All dies
begleitet von sich stetig verschärfenden Standards der Sicherheit, der
Hygiene, des Benehmens und der Kultur, von einer Beschleunigung der
Flüchtigkeit der Moden, die allein die Notwendigkeit solcher Dienstleistungen
sichern. In Rouen haben die Parkuhren ihren Platz an »menschliche
Parkuhren« abgetreten: Jemand, der sich auf der Strasse langweilt,
stellt Ihnen einen Parkschein aus und vermietet Ihnen, gegebenenfalls,
bei schlechtem Wetter einen Regenschirm.
Die Ordnung der Arbeit war die Ordnung einer Welt. Die Offenkundigkeit
ihres Ruins schlägt bereits die Idee davon, was alles daraus
folgt, mit Lähmung. Arbeiten bezieht sich heutzutage weniger auf die
wirtschaftliche Notwendigkeit, Waren zu produzieren, als auf die politische
Notwendigkeit, Produzenten und Konsumenten zu produzieren,
um mit allen Mitteln die Ordnung der Arbeit zu retten. Sich selbst zu
produzieren ist dabei, zur vorherrschenden Beschäftigung einer Gesellschaft
zu werden, in der die Produktion zwecklos geworden ist: wie ein
Tischler, dem seine Werkstatt enteignet wurde und der in seiner Verzweiflung
beginnt, sich selbst zu hobeln.
Daher das Spektakel all dieser
jungen Menschen, die für ihr Vorstellungsgespräch lächeln üben, die
sich die Zähne für ihre Beförderung bleichen, die in Clubs gehen, um den
Teamgeist anzuregen, die Englisch lernen, um ihre Karriere zu boosten,
die sich scheiden lassen oder heiraten, um wieder in Gang zu kommen,
die Theater-Workshops besuchen, um Führungskräfte zu werden, oder
Schulungen in »Persönlichkeitsentwicklung«, um »Konflikte besser zu
managen« - »Die intimste ›Persönlichkeitsentwicklung‹«, behauptet irgendso
ein Guru, »wird zu einer besseren emotionalen Stabilität führen,
einer grösseren Offenheit für Beziehungen, einer zielgerichteteren intellektuellen
Sinnesschärfe und damit zu einer verbesserten wirtschaftlichen
Leistung.«
Das Gewimmel dieser kleinen Welt, die ungeduldig
darauf wartet, ausgewählt zu werden, während sie trainiert natürlich
zu sein, enthüllt den Versuch, die Ordnung der Arbeit durch eine Ethik
der Mobilisierung zu retten. Mobilisiert zu sein heisst sich auf die Arbeit
nicht als Aktivität zu beziehen, sondern als Möglichkeit.
Wenn der Arbeitslose sich seine Piercings entfernt, zum Friseur geht,
und seine Projekte entwickelt, ernsthaft »an seiner Beschäftigungsfähigkeit« arbeitet, wie man sagt, dann zeugt er dadurch von seiner Mobilisierung.
Die Mobilisierung ist dieses leichte Ablösen von sich selbst,
dieses belanglose Ausreissen von dem, was uns ausmacht, dieser Zustand
der Fremdartigkeit, von dem aus das Ich als Objekt der Arbeit
gehalten werden kann, aus dem heraus es möglich wird, sich selbst zu
verkaufen und nicht seine Arbeitskraft, sich entlohnen zu lassen, nicht
für das, was man tut, sondern für das, was man ist, für unsere exquisite
Beherrschung sozialer Codes, unsere zwischenmenschlichen Talente,
unser Lächeln oder unsere Art zu präsentieren. Dies ist die neue Norm
der Sozialisierung. Die Mobilisierung führt die Fusion der zwei widersprüchlichen
Pole der Arbeit herbei: Hier nimmt man an seiner Ausbeutung
teil und beutet jegliche Teilnahme aus.
Man ist an sich idealerweise
sein kleines Unternehmen, sein eigener Chef und sein eigenes Produkt.
Ob man arbeitet oder nicht, es geht darum, die Kontakte, Kompetenzen,
das »Netzwerk« auszubauen, kurz: das »Humankapital«. Die planetare
Anweisung, sich beim geringsten Vorwand zu mobilisieren – der Krebs,
der »Terrorismus«, ein Erdbeben, die Obdachlosen – fasst die Entschlossenheit
der herrschenden Mächte zusammen, die Herrschaft der Arbeit
über ihr physisches Verschwinden hinaus aufrecht zu erhalten.
Der gegenwärtige Produktionsapparat ist nun einerseits diese gigantische
Maschine zur physischen und psychischen Mobilisierung, zum
Abpumpen der Energie der überflüssig gewordenen Menschen, und
andererseits diese Sortiermaschine, die den konformen Subjektivitäten
das Überleben gewährt und all die »Risiko-Individuen« fallen lässt, all
jene, die einen anderen Gebrauch des Lebens verkörpern und ihr somit
Widerstand leisten. So ruft man einerseits die Gespenster ins Leben,
und lässt andererseits die Lebendigen sterben.
Dies ist die eigentliche
politische Funktion des gegenwärtigen Produktionsapparats.
Sich darüber hinaus und gegen die Arbeit zu organisieren, kollektiv
vom Regime der Mobilisierung zu desertieren, der Existenz einer Vitalität
und einer Disziplin in der Demobilisierung selbst Ausdruck zu verleihen,
ist ein Verbrechen, das diese Zivilisation in äusserster Bedrängnis
nicht bereit ist uns zu vergeben; denn dies ist die einzige Art, sie zu
überleben.
Vierter Kreis
»Einfacher, spassiger, mobiler, sicherer!«
Erzählt uns nichts mehr von »der Stadt« und »dem Land«, und nochweniger von ihrer althergebrachten Opposition. Was sich um uns herum
ausbreitet, ähnelt dem weder von nah noch von fern: Eine einzige
urbane Schwade ist es, ohne Form und Ordnung, eine trostlose
Zone, unbestimmt und unbegrenzt, ein weltweites Kontinuum von
musealisierten Mega-Cities und Naturschutzgebieten, von Hochhaussiedlungen
und riesigen Agrarbetrieben, von industriellen Zonen und
Reihenhaussiedlungen, Landgasthöfen und Yuppie-Kneipen: die Metropole.
Da war die antike Stadt, die mittelalterliche Stadt oder die moderne
Stadt; die metropolitane Stadt gibt es nicht. Die Metropole strebt
nach der Synthese aller Territorien.
In ihr lebt alles zusammen, weniger
im geographischen Sinn, als durch Verwebung ihrer Netzwerke.
Gerade weil sie vollends am verschwinden ist, wird die Stadt jetzt fetischisiert,
als Geschichte. Die Manufakturen von Lille werden zu Sälen
für das Spektakel, das zubetonierte Stadtzentrum von Le Havre ist
Weltkulturerbe der Unesco. In Peking werden die Hutongs um die Verbotene
Stadt zerstört und als Imitationen wieder aufgebaut, etwas weiter
weg, für die Neugierigen. In Troyes klebt man Fachwerk-Fassaden
auf Betonbauten. Eine Kunstform der Pastiche, die einen zwangsläufig
an die Boutiquen viktorianischen Stils im Disneyland Paris erinnert. Die
historischen Stadtzentren, einst Herd des Aufruhrs, finden brav ihren
Platz im Organigramm der Metropole.
Sie sind dem Tourismus und
dem zur Schau gestellten Konsum preisgegeben. Sie sind die Inselchen
der zauberhaften Warenwelt, die durch Messen, Ästhetik und auch mit
Gewalt aufrecht erhalten werden. Die Abgeschmacktheiten der Weihnachtsmärkte
lassen sich mit immer mehr Wachleuten und Stadtpolizeistreifen
bezahlen. Die Kontrolle fügt sich wunderbar in die Welt der
Waren ein und zeigt jedem, der es sehen will, ihr autoritäres Gesicht.
Trend der Epoche ist die Durchmischung von fader Musik mit Teleskopschlagstöcken
und Zuckerwatte. Was sie an polizeilicher Überwachung
bedarf, diese Bezauberung!
Saint-Michel station.Foto: Rama (CC BY-SA 2.0 )
die damit einhergehende Kontrolle begleitet das »Kleinbürgertum« bei
ihrer Kolonisierung der Arbeiterviertel. Vertrieben aus den Zentren der
Mega-Cities sucht es dort das »nachbarschaftliche Miteinander«, das
es inmitten von Einfamilienhäusern niemals finden wird. Und indem
es die Armen, die Autos und die Immigranten vertreibt, indem es den
Platz aufräumt, indem es alle Mikroben auszupft, pulverisiert es genau
das, was es eigentlich gesucht hat. Auf einem Werbeplakat der Stadt
gibt ein Strassenfeger einem Security die Hand; ein Slogan: »Montauban,
saubere Stadt«.
Der Anstand, der die Urbanisten zwingt, nicht mehr von »der Stadt«
zu reden, die sie zerstört haben, sondern »vom Urbanen«, sollte sie
auch anstacheln, nicht mehr von »dem Land« zu reden, das nicht mehr
existiert. Was es an seiner Stelle noch gibt, ist eine Landschaft, die den
gestressten und entwurzelten Massen zur Schau gestellt wird, eine Vergangenheit,
die jetzt, da die Bauern auf so wenige reduziert worden
sind, inszeniert werden kann.
Das über einem »Territorium« ausgebreitete
Marketing, wo alles in Wert gesetzt werden muss und alles ein Erbe
darstellen soll. Es ist immer dieselbe eisige Leere, die sich bis zum hintersten
und letzten Kirchturm entfaltet.
Die Metropole ist der gleichzeitige Tod der Stadt und des Landes an der
Kreuzung, an der alle Mittelklassen zusammenlaufen, in diesem Milieu
der Klasse-der-Mitte, das sich in der Landflucht um-die-Urbanisation herum
unendlich räkelt.
Der Verglasung des globalen Territoriums folgt
passgenau der Zynismus der zeitgenössischen Architektur. Ein Gymnasium,
ein Krankenhaus und eine Mediothek sind verschiedene Variationen
ein und desselben Themas: Transparenz, Neutralität, Uniformität.
Massive und fliessende Gebäude, die geplant werden, ohne ihren genauen
Zweck kennen zu müssen, die hier sein könnten, genau so gut wie
überall sonst. Was sollen wir mit den Bürotürmen der Défense, der Part
Dieu oder der Euralille machen? Der Ausdruck »brandneu« beinhaltet
ihr ganzes Schicksal.
Ein schottischer Reisender beschreibt, nachdem die
Aufständischen im Mai 1871 das Rathaus in Paris angezündet hatten,
die einzigartige Herrlichkeit der Macht in Flammen: »[…] niemals hatte
ich mir etwas Schöneres vorgestellt; es ist wunderbar. Die Leute der
Commune sind schreckliche Schurken, das leugne ich nicht; aber welche
Künstler! Und sie waren sich ihres Werks noch nicht mal bewusst! […]
Ich habe die Ruinen von Amalfi gesehen, wie sie in den blauen Fluten
des Mittelmeers baden, die Ruinen der Tempel Tung-hoor im Punjab
gesehen; ich habe Rom gesehen und viel mehr: nichts davon kann mit
dem verglichen werden, was ich heute Abend vor Augen hatte."
20 Stadtteile in Paris, Lyon und Lille, in denen fast ausschliesslich Bürogebäude stehen.
Es bleiben sehr wohl einige Fragmente der Stadt und einige Abfallprodukte
des Landes in der metropolitanen Verwebung bestehen. Aber
das Lebendige hat sein Quartier in den Orten des totalen Ausschlusses
aufgeschlagen.
Das Paradox will, dass die augenscheinlich unbewohnbarsten
Orte die einzigen noch in irgendeiner Art und Weise bewohnten
sind. Eine alte besetzte Baracke wird immer einen viel bewohnteren
Eindruck machen als all diese steifen Apartments, wo man seine Möbel
hinstellen und die Ausstattung perfektionieren kann, während man auf
den nächsten Umzug wartet. Die Slums sind in vielen Mega-Cities die
letzten lebendigen und lebenswerten Orte; aber auch, was keine Überraschung
ist, die tödlichsten.
Sie sind die Rückseite des elektronischen
Bühnenbilds der Weltmetropole. Die Schlafstädte der Banlieue nördlich
von Paris, verlassen von einem Kleinbürgertum auf der Jagd nach
Traumhäusern, wieder zum Leben erwacht durch die Massenarbeitslosigkeit,
strahlen nun viel intensiver als das "Quartier Latin". Durch die
Worte genauso wie durch das Feuer.
Die Brände vom November 2005 sind nicht aus der extremen Enteignung
geboren, wie es so oft dahergeredet wurde, sondern aus dem vollständigen
Besitz eines Territoriums. Man kann Autos aus Langeweile
anzünden, aber um einen Aufstand über einen Monat zu verbreiten und
die Polizei dauerhaft in Schach zu halten, muss man sich zu organisieren
wissen, man muss auf Komplizenschaften zählen, das Territorium
perfekt kennen, eine Sprache teilen und einen gemeinsam Feind haben.
Weder die Kilometer noch die Wochen konnten die Ausbreitung des
Feuers verhindern. Den ersten Feuergluten wurde mit anderen geantwortet,
da, wo sie am wenigsten erwartet wurden. Das Geraune kann
nicht abgehört werden.
Die Metropole ist das Terrain eines unaufhörlichen Konflikts niedriger
Intensität, dessen Höhepunkte die Einnahme von Basra, Mogadischu
oder Nablus sind. Lange war die Stadt für die Militärs ein Ort, dem
es auszuweichen oder den es zu belagern galt. Die Metropole ist selbst
mit dem Krieg völlig kompatibel. Der bewaffnete Konflikt ist nur ein
Moment ihrer permanenten Umgestaltung.
Die von den Grossmächten
geschlagenen Schlachten ähneln der immer zu wiederholenden Polizeiarbeit
in den schwarzen Löchern der Metropole - »ob in Burkina Faso,
der Süd-Bronx, in Kamagasaki, in Chiapas oder in La Courneuve«. Die
»Polizeieinsätze« zielen weder auf den Sieg, noch darauf, Ordnung und
Frieden wieder herzustellen, sondern auf das Fortsetzen einer Sicherheitsunternehmung,
die immer schon am Werk ist. Der Krieg kann nicht
mehr isoliert werden in der Zeit, denn er teilt sich auf in eine Reihe militärischer
und polizeilicher Mikro-Operationen, um die Sicherheit zu
gewährleisten.
Die Polizei und das Militär passen sich parallel zueinander Schritt für
Schritt an. Ein Kriminologe verlangt von der CRS, sich in kleinen mobilen
und professionalisierten Einheiten zu organisieren. Die militärische
Institution, Wiege der disziplinarischen Methoden, stellt ihre hierarchische
Organisation in Frage. Ein Offizier der NATO wendet auf sein
Grenadier-Bataillon eine »partizipative Methode« an, »die jeden einzelnen
in Analyse, Vorbereitung, Ausführung und Evaluation einer Aktion
einbezieht. Tagelang wird der Plan wieder und wieder diskutiert, im
Verlauf der Übung und nach Erhalt der letzten Nachrichten. […] Es gibt
nichts Besseres als einen gemeinsam erarbeiteten Plan, um Motivation
und Zielstrebigkeit zu fördern«.
Die bewaffneten Kräfte passen sich nicht nur an die Metropole an, sie
bilden sie auch. So die israelischen Soldaten, die sich seit der Schlacht
um Nablus zu Innenarchitekten machen. Von der palästinensischen
Guerilla gezwungen, die Strassen zu verlassen, weil sie zu gefährlich
sind, lernen sie, wie man horizontal und vertikal innerhalb der urbanen
Bauwerke vorankommt, indem sie Mauern und Decken sprengen,
um sich zu bewegen.
Ein Offizier der israelischen Verteidigungskräfte
mit einem Diplom in Philosophie erklärt: »Der Feind interpretiert den
Raum in klassischer und traditioneller Weise und ich weigere mich, seiner
Interpretation zu folgen und in seine Fallen zu tappen. […] Ich will
ihn überraschen! Hierin liegt die Essenz des Krieges. Ich muss gewinnen.
[…] Deshalb habe ich mir die Methode ausgesucht, die mich die
Mauern durchqueren lässt... Wie ein Wurm, der sich fortbewegt, indem
er alles, was er auf dem Weg findet, frisst.«
Das Urbane ist mehr als die
Bühne der Konfrontation, es ist ein Mittel dafür. All dies nicht ohne an
Blanquis Tips zu erinnern, diesmal an die Partei des Aufstands, der den
zukünftigen Aufständischen in Paris empfahl, die Häuser in den verbarrikadierten
Strassen zu besetzen, um ihre Positionen zu schützen, dann
die Mauern zu durchbrechen, um sie zu verbinden, die Treppen im Erdgeschoss
zu zerstören und die Decken zu durchlöchern, um sich gegebenenfalls
gegen Angreifer zu verteidigen, die Türen herauszureissen, um
damit die Fenster zu verbarrikadieren und aus jedem Stockwerk einen
Schützenposten zu machen.
Die Metropole ist nicht nur diese urbanisierte Anhäufung, dieses finale
Aufeinanderprallen zwischen der Stadt und dem Lande, sie ist
gleichermassen ein Fluss von Wesen und Dingen. Ein Strom, der durch
ein ganzes Netzwerk aus Fiberglasleitungen, TGV-Linien, Satelliten und
Videoüberwachungskameras fliesst, damit diese Welt nie aufhört ihrem
Untergang hinterherzurennen. Ein Strom, der in seiner hoffnungslosen
Mobilität alles mitreissen will, der jeden mobilisiert. Wo man von Informationen
wie von genau so vielen feindlichen Kräften angegriffen
wird. Wo nichts anderes bleibt, als zu rennen. Wo es schwierig wird zu
warten, selbst auf die x-te U-Bahn.
Die Vervielfältigung der Transport- und Kommunikationsmittel entreisst
uns unablässig dem Hier und Jetzt, durch die Verführung, immer
woanders zu sein. Einen TGV, eine RER oder ein Telefon nehmen, um
bereits dort zu sein. Diese Mobilität beinhaltet nur Zerrissenheit, Isolation
und Exil. Sie wäre für jedermann unerträglich, wenn sie nicht auch
gleichzeitig die Mobilität des privaten Raumes wäre, des tragbaren Inneren.
Die private Blase platzt nicht, sie beginnt zu treiben. Dies ist nicht
das Ende des Cocooning, nur sein In-Bewegung-Setzen. Von einem
Bahnhof, einem Einkaufszentrum, einer Geschäftsbank oder einem Hotel
zum anderen; überall diese Befremdung, so banal, so bekannt, dass
sie die letzte Vertrautheit ersetzt.
Die Üppigkeit der Metropole ist die zufallsbedingte Mischung definierter
Stimmungen, in der Lage, sich unendlich wieder aufs Neue zusammenzusetzen.
Dabei bieten sich die Stadtzentren nicht als identische
Orte an, sondern als eigenartige Angebote von Stimmungen, in denen
wir uns bewegen, nach Lust und Laune die eine auswählend, die andere
verlassend, in einer Art existentiellem Shopping des Stils der Bar,
der Leute, des Designs oder der playlist eines ipod. »Mit meinem MP3-
Player bin ich der Herr meiner Welt.«
Die einzige Möglichkeit, die umgebende
Uniformität zu überleben, ist es, die eigene innere Welt unaufhörlich
wieder herzustellen, wie ein Kind, das überall wieder die gleiche
Hütte aufbaut. Wie Robinson, der sein Tante-Emma-Laden-Universum
auf der einsamen Insel reproduziert, mit dem Unterschied, dass unsere
einsame Insel die Zivilisation selbst ist, und dass Milliarden von uns
unaufhörlich dort landen.
Eben weil sie diese Architektur der Flüsse ist, ist die Metropole eine
der verwundbarsten menschlichen Formationen, die jemals existiert
hat. Biegsam, subtil, aber verwundbar. Eine brutale Schliessung der
Grenzen aufgrund einer wütenden Epidemie, irgendein Mangel in der
lebenswichtigen Versorgung, eine organisierte Blockade der Kommunikationswege,
und das gesamte Bühnenbild bricht zusammen, schafft es
nicht mehr, die Szenen des Gemetzels zu verdecken, die es zu jeder Zeit
heimsuchen.
Diese Welt wäre nicht so schnell, wenn sie nicht stetig von
der Nähe ihres eigenen Zusammenbruchs verfolgt würde.
Ihre netzartige Struktur, all ihre technologische Infrastruktur der Knoten
und Verbindungen, ihre dezentralisierte Architektur möchte die
Metropole vor den unvermeidlichen Betriebsstörungen schützen. Das
Internet muss einem nuklearen Angriff standhalten. Die permanente
Kontrolle der Flüsse von Informationen, Menschen und Waren muss
die metropolitane Mobilität sichern, die Rückverfolgbarkeit, sicherstellen,
dass niemals eine Palette im Warenbestand fehlt, dass niemals ein
gestohlener Geldschein auf dem Markt zu finden ist oder ein Terrorist
im Flugzeug. Dank einem RFID-Chip, einem biometrischen Pass, einer
DNA-Datenbank.
Aber die Metropole produziert auch die Mittel ihrer eigenen Zerstörung.
Ein amerikanischer Sicherheitsexperte erklärt die Niederlage im
Irak mit der Fähigkeit der Guerilla, aus den neuen Kommunikationsmethoden
Profit zu schlagen. Mit ihrer Invasion haben die USA weniger
die Demokratie als die kybernetischen Netzwerke eingeführt. Mit sich
brachten sie eine der Waffen ihrer Niederlage. Die Vervielfachung der
Handies und Internetzugänge haben die Guerilla mit neuartigen Mitteln
versorgt, sich zu organisieren und sich selbst so schwer angreifbar
zu machen.
Jedes Netzwerk hat seine Schwachpunkte, Knoten, die aufgemacht werden
können, um die Zirkulation zu stoppen, um das Netz implodieren
zu lassen. Der letzte grosse europäische Stromausfall hat es gezeigt:
Ein Zwischenfall auf einer Hochspannungsleitung reichte, um einen
Grossteil des Kontinents ins Dunkel zu stürzen. Die erste Geste, damit
etwas mitten in der Metropole hervorbrechen kann, damit sich andere
Möglichkeiten eröffnen, besteht darin ihr Perpetuum Mobile zu stoppen.
Das ist es, was die thailändischen Rebellen verstanden haben, die Umspannwerke
hochgehen lassen. Das ist es, was die Anti-CPE verstanden
haben, die die Universitäten blockierten, um dann zu versuchen,
die Wirtschaft zu blockieren.
Das
CPE war Teil eines Massnahmenpakets, das die Regierung in Reaktion auf die Revolte von 2005 erlassen
wollte, das auch eine Verschärfung des Aufenthaltsrechts beinhaltete. Das CPE wurde zurückgeschlagen
und führte zur Politisierung einer ganzen Generation.
Das ist es auch, was die im Oktober 2002
streikenden amerikanischen Hafenarbeiter verstanden haben, die für
den Erhalt von 300 Arbeitsplätzen zehn Tage lang die wichtigsten Häfen
der West-Küste blockierten. Die US-Arbeiterbewegung ist u.a. auch gegen die Einführung eines Arbeitsvertrages für Menschen unter 25 Jahren, die
fristlose Kündigungen ohne jede Begründung innerhalb einer Probezeit von 2 Jahren vorsah, eingetreten.
Die amerikanische Wirtschaft ist auf den kontinuierlichen Warenfluss aus Asien derart abhängig, dass sich die Kosten
der Blockade auf eine Milliarde Euro am Tag beliefen. Mit zehntausend
Leuten kann man die grösste Wirtschaftsmacht ins Wanken bringen.
Hätte die Bewegung noch einen Monat länger gedauert, wäre es
laut mancher »Experten« zu »einer Rückkehr der USA in die Rezession
und einem wirtschaftlichen Albtraum für Süd-Ost-Asien« gekommen.
Fünfter Kreis
»Weniger Güter, mehr Bindungen!«
Dreissig Jahre Massenarbeitslosigkeit, »Krise« und Wachstum auf Halbmast,und noch immer sollen wir an die Wirtschaft glauben. Dreissig
Jahre, die zugegebenermassen durch ein paar illusorische Pausen betont
wurden: die Pause von 1981 – 83, die Illusion, dass eine linke Regierung
das Glück des Volkes herbeiführen könnte; die Pause der »Jahre des
Geldes« (1986 – 89), in denen es hiess, dass wir alle reich, Geschäftsleute
und Börsianer geworden waren, die Pause des Internet (1998 – 2001), in
denen es hiess, dass wir alle eine virtuelle Stelle gefunden haben, weil
wir alle total auf Draht waren, in der das vielfarbige, aber geeinte Frankreich,
multikulturell und kultiviert, alle Weltmeisterschaften gewinnen
würde. Aber die Wahrheit ist, dass wir schon alle Ersparnisse an Illusionen
ausgegeben haben; wir sind am Boden, wir sind blank, wenn nicht
sogar im Minus.
Gezwungenermassen haben wir folgendes verstanden: Nicht die Wirtschaft
ist in der Krise, die Wirtschaft ist die Krise; die Arbeit fehlt nicht,
die Arbeit ist zuviel; wohl überlegt deprimiert uns nicht die Krise, sondern
das Wachstum. Wir müssen zugeben: Die Litanei der Börsenkurse
berührt uns ungefähr so viel wie eine Messe in Latein. Glücklicherweise
sind wir eine gewisse Anzahl an Leuten, die zu diesem Schluss gekommen
sind. Dabei reden wir nicht von all denen, die von diversen Betrügereien
leben, von Machenschaften aller Art, oder die seit zehn Jahren
Sozialhilfe beziehen.
Auch nicht von all denen, die sich nicht mehr mit
ihrem Job identifizieren können und sich für die Freizeit aufsparen.
Von all denen, die aufs Abstellgleis geschoben wurden, all den Drückebergern,
all denjenigen, die ein Minimum machen und ein Maximum
sind. Von all denen, die mit dieser seltsamen Gleichgültigkeit der Masse
geschlagen sind, die durch das Beispiel der Rentner oder die zynische
Überausbeutung einer flexibilisierten Arbeitskraft verstärkt wird. Wir
reden nicht von ihnen, auch wenn sie auf die ein oder andere Weise zu
einem ähnlichen Schluss kommen müssten.
1998 hatte Frankreich die Fussball-WM ausgerichtet und gewonnen. Die Euphorie des
Sieges wurde genutzt, um kurzzeitig die verlogene Idee eines mulitkulturellen Frankreich,
des »France black blanc beur« zu propagieren.
Das, wovon wir reden, das sind all diese Länder, diese ganzen Kontinente,
die den wirtschaftlichen Glauben verloren haben, da sie die
Boeings des IWF mit Krach und Verderben haben vorbeidonnern sehen,
weil sie ein bisschen von der Weltbank probiert haben. Nichts ist
dort zu erkennen von der Krise der Berufung, welche die Wirtschaft im
Abendland erdulden muss.
Das, worum es in Guinea, in Russland, in
Argentinien, in Bolivien geht, ist die gewaltsame und dauerhafte Diskreditierung
dieser Religion und ihres Klerus. »Was sind tausend Ökonomen
des IWF, die auf dem Meeresboden liegen? - Ein guter Anfang«,
wird bei der Weltbank gespottet. Ein russischer Witz: Treffen sich zwei
Ökonomen. Fragt einer den anderen: »Verstehst du, was passiert?« Antwortet
der andere: »Warte, ich erklär es dir.« - »Nein nein« widerspricht
der erste, »erklären ist nicht schwer, ich bin auch Ökonom. Was ich dich
frage, ist: Verstehst du es?« Teile des Klerus selbst heucheln, dass sie
abtrünnig geworden wären und das Dogma kritisieren würden.
Die
letzte noch etwas lebendige Strömung der so genannten »Wirtschaftswissenschaft« - eine Strömung, die sich ohne Witz »nicht autistische
Wirtschaft« nennt – hat heute den Schwerpunkt, die Anmassungen, die
Zaubertricks, die gefälschten Zahlen einer Wissenschaft zu demontieren,
deren einzig greifbare Rolle darin besteht, die Monstranz vor den
Hirngespinsten der Mächtigen herzutragen, ihre Aufrufe zur Unterwerfung
mit ein bisschen Zeremonie zu umgeben und endlich, wie es die
Religionen immer gemacht haben, Erklärungen zu liefern. Denn das allgemeine
Unglück wird unerträglich, sobald es als das erscheint, was es
wirklich ist: ohne Grund und Ursache.
Nirgendwo wird das Geld mehr respektiert, weder von denen, die es
haben, noch von denen, denen es fehlt. Zwanzig Prozent der jungen
Deutschen antworten, wenn man sie fragt, was sie später machen wollen:
»Künstler«. Die Arbeit wird nicht mehr als Gegebenheit menschlichen
Daseins ausgehalten.
Die Buchführung der Firmen gibt zu, dass
sie nicht mehr weiss, wo der Wert entsteht. Sein schlechter Ruf hätte
den Markt seit einem guten Jahrzehnt überwunden, wären da nicht die
Wut und die umfangreichen Mittel seiner Apologeten. Der Fortschritt
ist überall im allgemeinen Verständnis zum Synonym von Desaster geworden.
In der Welt der Wirtschaft flüchtet alles, wie in der UdSSR in
der Epoche von Andropov alles flüchtete. Wer sich ein bisschen mit den
letzten Jahren der UdSSR auseinandergesetzt hat, wird in den ganzen
Aufrufen unserer Regierenden zum Voluntarismus, in all den lyrischen
Ausschweifungen über eine Zukunft, von der wir jede Spur verloren
haben, in all diesen Glaubensbekenntnissen zur »Reform« von allem
und irgendwas ohne Mühe das erste Knacken in der Struktur der Mauer
hören.
Der Zusammenbruch des Sozialistischen Blocks hat nicht den
Triumph des Kapitalismus verankert, sondern nur das Scheitern einer
seiner Formen bewiesen. Übrigens war die Tötung der UdSSR nicht die
Tat eines Volkes im Aufstand, sondern einer Nomenklatura in Umstrukturierung.
Indem sie das Ende des Sozialismus proklamierte, befreite
sich eine Fraktion der herrschenden Klasse zunächst von allen anachronistischen
Aufgaben, die sie mit dem Volk verbanden. Sie übernahm die
private Kontrolle über das, was sie zuvor im Namen aller kontrollierte.
»Da sie so tun, als würden sie uns bezahlen, tun wir so, als würden wir
arbeiten«, wurde in den Fabriken gesagt. »Wenn dem so ist, hören wir
auf, so zu tun« antwortete die Oligarchie.
Für die einen die Rohstoffe,
die industrielle Infrastruktur, der militärisch-industrielle Komplex, die
Banken und die Nachtklubs und für die anderen das Elend oder die
Emigration. So wie man in der UdSSR unter Andropov nicht mehr geglaubt
hat, so glaubt man heute in Frankreich in den Sitzungssälen, in
den Ateliers und in den Büros nicht mehr. »Wie dem so ist!«, antworten
die Chefs und die Regierenden, die sich nicht mal mehr die Mühe machen,
die »harten Gesetze der Wirtschaft« zu mildern, die eine Fabrik
über Nacht räumen und der Belegschaft am frühen Morgen die Schliessung
bekannt geben, die nicht mehr zögern die Spezialeinsatzkommandos
zu schicken, um einen Streik zu beenden – wie beim Streik bei der
korsischen Schifffahrtsgesellschaft SNCM oder bei der Besetzung des
Postverteilzentrums in Rennes. Die ganze mörderische Aktivität der gegenwärtigen
Macht besteht einerseits darin, diese Ruine zu verwalten,
und andererseits die Basis für eine »Neue Wirtschaft« zu legen.
Wir hatten uns doch ganz schön dran gewöhnt, an die Wirtschaft. Seit
Generationen werden wir diszipliniert, befriedet, wurden aus uns Untertanen
gemacht, auf natürliche Art produktiv, zufrieden mit dem Konsum.
Und dann enthüllt sich alles, um was wir uns bemüht hatten zu vergessen:
dass die Wirtschaft eine Politik ist. Und dass diese Politik heute eine
Politik der Selektion der Menschheit ist, die in ihrer Masse überflüssig
geworden ist.
Von Colbert zu De Gaulle und vorbei bei Napoléon III hat
der Staat die Wirtschaft immer als Politik wahrgenommen, nicht weniger
als die Bourgeoisie, die ihren Profit daraus zieht, und die Proletarier,
d.h. französische Gesellschaft mit Monopol auf den Passagierverkehr zwischen
Frankreich und Korsika. Im Sommer 2005 wurde ein Schiff der SNCM von sieben
korsischen Arbeitern nach Korsika »zurückgebracht«, um die drohende Privatisierung
nach EU-Recht zu verhindern. Das Schiff wurde gestürmt.
Bloss diese seltsame Zwischenschicht der Bevölkerung,
diese komische kraftlose Anhäufung aus denen, die nicht Partei
ergreifen, das »Kleinbürgertum«, das immer so getan hat, als würde es
an die Wirtschaft wie an eine Realität glauben – weil es dadurch seine
Neutralität aufrecht erhalten konnte. Es sind die kleinen Händler, kleinen
Chefs, kleinen Funktionäre, Führungskräfte, Professoren, Journalisten
und Zwischengeschaltete
aller Art, die in Frankreich diese Nicht-Klasse bilden, diese soziale Gallerte,
die aus der Masse derer besteht, die einfach ihr kleines Privatleben
ausserhalb der Geschichte und ihrer Tumulte verbringen möchten.
Dieser Sumpf ist per Veranlagung der Weltmeister des falschen Gewissens,
zu allem bereit, um die Augen in seinem Halbschlaf geschlossen
zu halten vor dem Krieg, der rundherum tobt. Jede Erhellung der Front
ist in Frankreich gezeichnet von der Erfindung einer neuen Schrulle.
In den letzten zehn Jahren war dies ATTAC mit ihrer unglaublichen
Tobin-Steuer – deren Einführung nichts Geringeres bedarf als die Schaffung
einer Weltregierung - mit ihrer Apologie der »Realwirtschaft« im
Gegensatz zu den Finanzmärkten und ihrer berührenden Nostalgie
für den Staat. Die Komödie dauerte, solange sie dauerte, und endete in
platter Maskerade. Eine Schrulle ersetzt die andere, es folgt die Wachstumsrücknahme.
Wenn ATTAC mit ihren Abendkursen versuchte, die
Wirtschaft als Wissenschaft zu retten, dann behauptet die Wachstumsrücknahme,
sie als Moral zu retten.
Die einzige Alternative zur vorrückenden
Apokalypse: zurücknehmen. Konsumieren und weniger produzieren.
Mit Freuden genügsam werden. Bio essen, mit dem Fahrrad
fahren, aufhören zu rauchen und alle Produkte streng kontrollieren, die
gekauft werden. Sich mit dem absolut Nötigen zufrieden geben. Freiwillige
Anspruchslosigkeit. »Den wahren Reichtum entdecken im Aufblühen
von geselligen sozialen Beziehungen in einer gesunden Welt.« »Aus
unserem natürlichen Kapital nichts abschöpfen.« Hin zu einer »gesunden
Wirtschaft«. »Der Regulierung durch das Chaos zuvorkommen.«
»Keine soziale Krise generieren, die Demokratie und Humanismus in
Frage stellt.« Kurz: Wirtschafter werden.
Zurück zur Ökonomie von
Papa, ins goldene Zeitalter des Kleinbürgertums: die Fünfziger Jahre.
»Wenn das Individuum ein guter Wirtschafter wird, dann erfüllt dessen
Eigentum genau seinen Zweck, ihm zu ermöglichen, sein eigenes Leben
zu geniessen, abseits der öffentlichen Existenz oder in der privaten Einfriedung
seines Lebens.«
Ein Grafik-Designer im handgemachten Pullover trinkt auf der Terrasse
eines Ethno-Cafés unter Freunden einen Frucht-Cocktail. Man ist redegewandt,
herzlich, man macht kleine Spässe, man macht nicht zuviel
Lärm und ist auch nicht zu still, man schaut sich mit einem Lächeln an,
etwas selbstgefällig: man ist so zivilisiert.
Später werden die einen die Erde eines Stadtgartens etwas auflockern,
während die andern ein bisschen Töpfern, etwas Zen machen oder
einen Animationsfilm drehen. Man zelebriert die Kommunion im berechtigten
Gefühl, eine neue Menschheit zu bilden, die weiseste, raffinierteste,
die letzte. Und man hat recht. Apple und die Wachstumsrücknahme
sind sich erstaunlich einig über die Zivilisation der Zukunft. Die
Idee der einen, von der Rückkehr zur Wirtschaft von einst, ist der günstige
Nebel, in dem die Idee der anderen vom grossen technologischen
Sprung voranschreitet. Denn in der Geschichte gibt es keine Rückkehr.
Die Mahnrufe, in die Vergangenheit zurückzukehren, stellen niemals
etwas anderes dar als eine der Formen des Bewusstseins der Zeit, und
selten des modernsten. Die Wachstumsrücknahme ist nicht zufällig das
Banner der dissidenten Werbemanager der Zeitschrift Casseurs de pub.
Die Erfinder des Nullwachstums – Der Club of Rome 1972 – waren
selbst eine Gruppe von Industriellen und Beamten, die sich auf einen
Bericht von Kybernetikern des MIT stützten.
Dieses Zusammenkommen ist kein Zufall. Es reiht sich ein ins erzwungene
Hasten, eine Nachfolge für die Wirtschaft zu finden. Der Kapitalismus
hat zum eigenen Profit alles auseinandergebrochen, was an
sozialen Verbindungen noch übrig blieb, und macht sich jetzt an den
neuen Wiederaufbau auf seiner eigenen Grundlage. Die aktuelle metropolitane
Gesellschaftlichkeit ist die Brutstätte dafür.
Auf gleiche Art hat
sie die natürlichen Welten verwüstet und macht sich nun an die verrückte
Idee, sie als kontrollierte Umgebungen nachzubilden, ausgestattet
mit geeigneten Sensoren. Dieser neuen Menschheit entspricht eine
neue Wirtschaft, die nicht mehr eine von der Existenz getrennte Sphäre
sein möchte, sondern ihr Gewebe, die der Stoff der menschlichen Beziehungen
sein möchte; eine neue Definition der Arbeit als Arbeit an sich
selbst, und des Kapitals als Humankapital; eine neue Idee der Produktion
als Produktion von Beziehungsgütern und des Konsums als Konsum
von Situationen; und vor allem eine neue Idee des Werts, die alle
Qualitäten der Lebewesen umfasst.
Diese »Bio-Ökonomie« in Vorbereitung
begreift den Planeten als zu verwaltendes geschlossenes System,
und gibt vor, die Basis für eine Wissenschaft zu legen, die alle Parameter
des Lebens integrieren will. Solche Wissenschaft könnte uns eines Tages
die schöne Zeit der trügerischen Statistiken vermissen lassen, als man
noch vorgab, das Glück des Volkes am Wachstum des BIP messen zu
können, aber als wenigstens niemand daran glaubte.
"Die nicht-wirtschaftlichen Aspekte des Lebens wieder aufwerten" ist
zugleich Motto der Wachstumsrücknahme und Reformprogramm des
Kapitals. Öko-Dörfer, Videoüberwachung, Spiritualität, Biotechnologie
und Geselligkeit sind Teil des selben, sich formierenden »zivilisatorischen
Paradigmas«, dem der totalen Wirtschaft, generiert von Grund
auf.
Ihre intellektuelle Matrix ist keine andere als die Kybernetik, die
Wissenschaft der Systeme, das heisst ihrer Kontrolle. Um Wirtschaft mit
ihrer Ethik der Arbeit und der Gier definitiv durchzusetzen, musste man
im Laufe des 17. Jahrhunderts die gesamte Fauna der Müssiggänger, der
Bettler, der Hexen, der Verrückten, der Geniesser und weiterer Armer
ohne Schuldbekenntnis einsperren und eliminieren, eine ganze Menschheit,
die allein durch ihre Existenz der Ordnung der Interessen und der
Selbstbeschränkung widersprach. Ohne eine derartige Selektion der mutationsfähigen
Subjekte und Zonen wird sich die neue Wirtschaft nicht
durchsetzen. Das häufig angekündigte Chaos wird die Gelegenheit für
dieses Aussortieren sein, oder unser Sieg über dieses hassenswerte Projekt.
Sechster Kreis
»Die Umwelt ist eine industrielle Herausforderung«
Die Ökologie ist die Entdeckung des Jahres. Nach dreissig Jahren, indenen man sie den Grünen überliess, am Sonntag genüsslich darüber
lachte, um am Montag wieder einen betroffenen Ausdruck anzunehmen.
Und jetzt holt sie uns ein. Wie ein Sommerhit erobert sie die Frequenzen,
weil es im Dezember 20 Grad warm ist.
Ein Viertel der Fischarten ist aus den Ozeanen verschwunden. Der Rest
hat nicht mehr lange.
Vogelgrippealarm: Es wird versprochen, Zugvögel zu Hunderttausenden
abzuknallen.
In der Muttermilch ist die Quecksilberquote zehnmal höher als die in
der Kuhmilch zugelassene. Und diese Lippen, die anschwellen, wenn
ich in den Apfel beisse – er kam doch vom Markt.
Die einfachsten Gesten sind giftig geworden. Man stirbt mit fünfunddreissig
Jahren »an einer langen Krankheit«, die man verwalten wird,
wie man den ganzen Rest verwaltet hat. Man hätte die Schlussfolgerungen
ziehen sollen, bevor sie uns hierher bringen, zum Gebäude B
der Notfallstation.
Geben wir es zu: diese ganze »Katastrophe«, mit der man uns so laut
unterhält, berührt uns nicht. Zumindest nicht, bevor sie uns mit einer
ihrer vorhersehbaren Konsequenzen schlägt. Sie betrifft uns vielleicht,
aber sie berührt uns nicht. Und das gerade ist die Katastrophe.
Es gibt keine »Umweltkatastrophe«. Jene Katastrophe ist die Umwelt. Die
Umwelt ist das, was dem Menschen bleibt, wenn er alles verloren hat.
Jene, die einen Stadtteil, eine Strasse, ein Tal, einen Krieg, eine Werkstatt
bewohnen, haben keine »Umwelt«, sie bewegen sich in einer Welt bevölkert
von Anwesenheiten, Gefahren, Freunden, Feinden, Punkten des
Lebens und Punkten des Todes, von allerlei Wesen. Diese Welt hat ihre
Konsistenz, die variiert mit der Intensität und der Qualität der Verbindungen,
die uns an all diese Wesen bindet, an all diese Orte.
Wir, Kinder
der endgültigen Enteignung, Verbannte der letzten Stunde – wir,
die in Betonwürfeln auf die Welt kommen, Obst in den Supermärkten
pflücken und im Fernsehen das Echo der Welt belauern – wir sind die
einzigen, die eine Umwelt haben. Wir sind die einzigen, die unserer eigenen
Vernichtung zusehen, als ginge es um einen simplen Stimmungswechsel.
Die sich über die letzten Fortschritte des Desasters empören
und mit Geduld seine Enzyklopädie zusammenstellen.
Was sich als Umwelt herauskristallisiert, ist ein Verhältnis zur Welt, das
auf Verwaltung, also auf Fremdheit aufbaut. Ein Verhältnis zur Welt,
in dem wir nicht mehr ebenso gut aus dem Rascheln der Bäume, dem
Fritiergeruch der Gebäude, dem Rieseln des Wassers, dem Getöse des
Schulunterrichts oder der Schwüle der Sommerabende bestehen, ein
Verhältnis zur Welt, in dem es mich und meine Umwelt gibt, die mich
umgibt, ohne mich jemals auszumachen. Wir sind zu Nachbarn in einer
planetaren Wohnungseigentümerversammlung geworden. Man
kann sich kaum eine wahrhaftigere Hölle vorstellen. Kein materielles
Milieu hat jemals den Namen »Umwelt« verdient, heute vielleicht mit
Ausnahme der Metropole.
Métro von Paris.Foto: Greenski (CC BY-SA 3.0 unported)
Kreischen der Strassenbahn des 21. Jahrhunderts, das bläuliche Licht
der Strassenlaternen in der Form riesiger Streichhölzer, Fussgänger in
Verkleidung gescheiterter Models, stiller Schwenk einer Videoüberwachungskamera,
klares Klappern der Schranken in der Metro-Station, Supermarktkassen,
Stechuhren, elektronische Internetcafé-Stimmung, der
Überfluss an Plasmabildschirmen, Schnellstrassen und Latex.
Niemals
war ein Bühnenbild ohne die es durchquerenden Seelen ausgekommen.
Kein Milieu war je automatischer. Kein Kontext war je gleichgültiger und
verlangte dafür, um darin zu überleben, eine gleichmässige Gleichgültigkeit
zurück. Die Umwelt ist schliesslich nichts anderes als das: das
eigenartige Verhältnis zur Welt, das sich auf alles projeziert, was ihr
entgleitet.
Die Situation ist folgende: man hat sich unserer Eltern bedient, um diese
Welt zu zerstören, nun möchte man uns an ihrem Wiederaufbau
arbeiten lassen, und der soll noch dazu profitabel sein. Die morbide Erregung,
die Journalisten und Werbemanager bei jedem neuen Beweis
für die Klimaerwärmung erfasst, enthüllt das eiserne Lächeln des neuen
grünen Kapitalismus, jenes, der sich seit den 1970ern ankündigte, auf
den man wartete und der nicht kam. Et bien, le voilá! Die Ökologie,
das ist er! Die alternativen Lösungen, das ist er! Das Heil des Planeten,
das ist er immer noch! Kein Zweifel: grün liegt in der Luft; die Umwelt
wird das Drehmoment der politischen Ökonomie des 21. Jahrhunderts
sein. Auf jeden Schub Katastrophismus folgt eine Salve »industrieller
Lösungen«.
Der Erfinder der Wasserstoffbombe, Edward Teller, schlägt vor, Millionen
Tonnen Metallstaub in die Stratosphäre zu zerstreuen, um die Klimaerwärmung
zu stoppen. Die Nasa, frustriert, weil sie ihre grosssartige
Idee eines Antiraketenabwehrschildes im Museum der Fantasien des
Kalten Krieges verstauen musste, verspricht die Errichtung eines riesigen
Spiegels jenseits der Mondumlaufbahn, der uns vor den tödlichen
Sonnenstrahlen schützen soll.
Eine andere Zukunftsvision: eine motorisierte
Menschheit, die von Sao Paulo nach Stockholm mit Bioethanol
fährt; ein Traum der Getreidehersteller aus der Beauce, welcher alles in
allem nichts anderes als die Umwandlung sämtlichen Ackerlandes des
Planeten in Soja- und Zuckerrübenfelder voraussetzt. Beim Durchblättern
der Seiten der Hochglanzmagazine koexistieren ökologische Autos,
saubere Energie, Environmental Counsulting ohne Schwierigkeit mit
der neusten Chanel-Werbung.
Es heisst, dass die Umwelt das unvergleichliche Verdienst hat, das erste
globale Problem zu sein, das sich der Menschheit stellt. Ein globales
Problem, also ein Problem, wofür nur diejenigen die Lösung haben
können, die global organisiert sind. Und diese, die kennen wir. Es sind
dies die Gruppen, die seit fast einem Jahrhundert die Avantgarde des
Desasters sind und fest entschlossen dies zu bleiben, zum minimalen
Preis eines Logo-Wechsels. Dass EDF die Unverschämtheit hat, uns ihr
Atomprogramm als neue Lösung für die weltweite Energiekrise wieder
aufzutischen, sagt genug darüber, wie sehr die neuen Lösungen den
alten Problemen ähneln.
Von den Büros der Staatssekretäre zu den Hinterzimmern der alternativen
Cafés wird die Besorgnis in den gleichen Worten geäussert, die
eigentlich die selben wie immer sind. Es geht darum zu mobilisieren.
Nicht für den Wiederaufbau wie nach dem Krieg, nicht für die Äthiopier
wie in den 1980er Jahren, nicht für den Arbeitsplatz wie in den
1990ern. Nein, diesmal ist es für die Umwelt. Sie dankt es euch so sehr.
Al Gore, die Ökologie à la Hulot und die Wachstumsrücknahme stellen
sich an die Seite der ewigen grossen Seelen der Republik, um ihre
Rolle der Wiederbelebung des Volkes der kleinen Leute und des wohlbekannten
Idealismus der Jugend zu spielen. Indem sie ihre Fahne der
freiwilligen Selbstbeschränkung schwenken, arbeiten sie freiwillig und
konform zum »kommenden ökologischen Ausnahmezustand«.
Die
runde und klebrige Masse ihrer Schuld fällt auf unsere müden Schultern
und möchte uns dazu antreiben, unseren Garten zu bepflanzen,
unseren Abfall zu trennen, die Reste des makaberen Festmahls, in dem
und für das wir aufgepeppelt wurden, biologisch zu kompostieren.
Den Ausstieg aus der Atomenergie, den CO2-Überschuss in der Atmosphäre,
den Gletscherschwund, die Orkane, die Epidemien, die weltweite
Überbevölkerung, die Bodenerosion, das massive Verschwinden
der lebenden Spezies verwalten... dies wird unsere Bürde sein. »Es liegt
an jedem Einzelnen, sein Verhalten zu ändern«, sagen sie, wenn wir
unser schönes Zivilisationsmodell retten wollen.
Es muss wenig konsumiert
werden, um noch konsumieren zu können. Biologisch produzieren
um noch produzieren zu können. Sich selbst zwingen, um noch zwingen
zu können. Und so mag die Logik einer Welt überleben, indem sie sich
den Anschein eines historischen Bruchs gibt. So möchte man uns davon
überzeugen, uns an den vorrückenden industriellen Herausforderungen
dieses Jahrhunderts zu beteiligen. Bekloppt wie wir sind, wären
wir bereit, in die Arme derer zu springen, welche die Verwüstung angeführt
haben, damit sie uns da rausholen.
Die Ökologie ist nicht nur die Logik der totalen Ökonomie, sie ist auch
die neue Moral des Kapitals. Der interne Krisenzustand des Systems
und die Unerbittlichkeit der sich abspielenden Selektion sind so hart,
dass erneut ein Kriterium benötigt wird, um in dessen Namen ein solches
Aussortieren durchführen zu können.
Die Idee der Tugend war
durch die Epochen nie etwas anderes als die Erfindung der Liederlichkeit.
Ohne die Ökologie könnte die gegenwärtige Existenz zweier
Ernährungsstränge nicht gerechtfertigt werden, der eine »gesund und
biologisch« für die Reichen und ihre Kinder, der andere bekanntlich
schädlich für den Pöbel und ihre zur Fettleibigkeit verdammten Sprösslinge.
Die planetare Hyper-Bourgeoisie könnte ihren Lebenstil nicht als
respektabel gelten lassen, wären ihre letzten Launen nicht aufs Strengste
»umweltfreundlich». Nichts hätte ohne die Ökologie noch genug Autorität,
jeden Einspruch gegen den immensen Fortschritt der Kontrolle
zum Schweigen zu bringen.
Nachvollziehbarkeit, Transparenz, Zertifizierung, Öko-Steuern, Umwelt-
Exzellenzinitiativen der Regionen und Wasserqualitätspolizei sind
die Vorzeichen des sich ankündigenden ökologischen Ausnahmezustands.
Alles ist einer Macht erlaubt, die im Namen der Natur, der Gesundheit
und des Wohlbefindens agiert.
»Wenn einmal die neue Wirtschafts- und Verhaltenskultur zu den Sitten
gehören wird, werden die Zwangsmassnahmen ohne Zweifel von alleine
greifen.« Es bedarf der ganzen lächerlichen Dreistigkeit eines Abenteurers
der Fernsehstudios, um eine derart einfrierende Perspektive zu
verfechten, uns gleichzeitig dazu aufzufordern, genügend »Planetenschmerz
« aufzuweisen, um uns zu mobilisieren und ausreichend betäubt
zu bleiben, um alledem zurückhaltend und zivilisiert zuzusehen.
Der neue Bio-Asketismus ist die Selbstkontrolle, die von allen verlangt
wird, um über die Rettungsoperation zu verhandeln, in die sich das
System selbst getrieben hat.
Im Namen der Ökologie wird man nun
den Gürtel enger schnallen müssen, wie gestern im Namen der Wirtschaft.
Natürlich könnten sich die Strassen in Radwege verwandeln, wir
könnten sogar in unseren Breitengraden mit einem garantierten Grundeinkommen
beehrt werden, aber nur zum Preis einer vollkommen therapeutischen
Existenz. Wer behauptet, dass die verallgemeinerte Selbstkontrolle
uns das Erleiden einer Umweltdiktatur ersparen wird, lügt:
das Eine wird das Andere in die Wege leiten und wir werden beides
kriegen.
Solange es den Menschen und die Umwelt geben wird, wird die Polizei
zwischen ihnen stehen.
In den Diskursen der Umweltschützer gilt es, alles umzustürzen. Da,
wo sie von »Katastrophen« reden, um die Entgleisungen des gegenwärtigen
Regimes der Verwaltung von Wesen und Dingen zu beschreiben,
sehen wir nichts als die Katastrophe seines perfekten Funktionierens.
Die grösste bis heute erlebte Hungersnot in den Tropen (1876-1879) fällt
mit einer weltweiten Dürre, aber vor allem mit dem Höhepunkt der
Kolonisierung zusammen.
Die Zerstörung der bäuerlichen Welten und
der Praktiken der Subsistenz hatte die Mittel zur Bekämpfung der Not
verschwinden lassen. Mehr als der Wassermangel waren es die Auswirkungen
der sich in vollem Aufschwung befindlichen kolonialen Wirtschaft,
welche die gesamte tropische Zone mit ausgehungerten Leichen
bedeckte. Was sich allerorts als Umweltkatastrophe präsentiert, hat nie
aufgehört, in erster Linie Ausdruck eines verheerenden Verhältnisses
zur Welt zu sein. Nichts zu bewohnen macht uns verwundbar bei der
geringsten Erschütterung des Systems, bei der geringsten klimatischen
Zufälligkeit.
Als der vergangene Tsunami nahte und die Touristen weiter
in den Wellen herumtollten, flüchteten die Jäger und Sammler der
Insel, den Vögeln folgend, eilig von den Küsten. Das gegenwärtige Paradox
der Ökologie ist es, dass sie unter dem Vorwand, die Erde zu retten,
lediglich das Fundament dessen rettet, was aus ihr dieses verödete
Gestirn gemacht hat.
Die Regelmässigkeit des globalen Funktionierens verdeckt in normalen
Zeiten unseren wahrhaft katastrophalen Zustand der Enteignung. Was
Katastrophe genannt wird, ist nichts als die notgedrungene Aufhebung
dieses Zustands, einer der wenigen Momente, in dem wir ein wenig
Anwesenheit in dieser Welt zurückgewinnen. Auf dass wir früher als
erwartet an die Grenzen der Erdölreserven gelangen, auf dass die internationalen
Ströme, die das Tempo der Metropole aufrechterhalten,
unterbrochen werden, auf dass wir grosser sozialer Unordnung entgegengehen,
dass die »Verwilderung der Bevölkerungen«, die »planetare
Bedrohung«, das »Ende der Zivilisation« geschehe! Irgendein Kontrollverlust
ist jedem Krisenverwaltungs-Szenario vorzuziehen. Die besten
Tips sind von nun an nicht bei den Experten für nachhaltige Entwicklung
zu suchen. In den Funktionsstörungen, den Kurzschlüssen des
Systems erscheinen die Elemente logischer Antworten, auf das, was
aufhören könnte ein Problem zu sein.
Die einzigen Länder unter den
Unterzeichnern des Kyoto-Protokolls, die ihren Verpflichtungen unfreiwillig
gerecht werden, sind die Ukraine und Rumänien. Erratet warum.
Das im weltweiten Vergleich am Weitesten fortgeschrittene Experimentieren
in Sachen »biologische Landwirtschaft« findet seit 1989 auf Cuba
statt. Erratet warum. Entlang der afrikanischen Pisten und nicht woanders,
hat die Automechanik den Rang einer Volkskunst erreicht. Erratet
wie.
Was die Krise wünschenswert macht, ist, dass die Umwelt in ihr aufhört
Umwelt zu sein. Wir sind im Begriff, einen Kontakt wiederzuknüpfen,
auch wenn er fatal ist, mit dem, was da ist, die Rhytmen der Realität
wiederzufinden. Was uns umgibt, ist nicht mehr Landschaft, Panorama,
Schauplatz, sondern was es zu bewohnen gilt, womit wir uns abfinden
sollen und wovon wir lernen können. Wir werden uns nicht von denen
berauben lassen, die sie verursacht haben, die möglichen Inhalte
der »Katastrophe«. Während sich die Verwalter platonisch fragen, wie
das Tempo gedrosselt werden kann, »ohne alles zu zertrümmern«, sehen
wir keine realistischere Option als so früh wie möglich «alles zu
zertrümmern», und bis es so weit ist, jeden Zusammenbruch des Systems
auszunutzen, um an Stärke zu gewinnen.
Einige Tage, nachdem New Orleans vom Hurrikan Cathrina heimgesucht
wurde. In dieser apokalyptischen Atmosphäre reorganisiert sich
hier und dort ein Leben. Vor der Untätigkeit der Behörden, die eher mit
der Reinigung des Touristenviertels »Carré français« und dem Schutz
der Geschäfte beschäftigt waren, als den armen Stadtbewohnern Hilfe
zu leisten, erwachten vergessene Formen zu neuem Leben.
Trotz den
manchmal energischen Versuchen, die Zone zu evakuieren, trotz der
von White-Supremacist-Milizen bei diesem Anlass eröffneten »Negerjagd
«, wollten viele das Gebiet nicht verlassen. Für diejenigen, die sich
weigerten, als »Umweltflüchtlinge« in alle Ecken des Landes deportiert
zu werden, und für diejenigen von überall her, die sich nach dem Aufruf
eines ehemaligen Black Panther entschieden, sich ihnen solidarisch anzuschliessen,
tauchte die Offenkundigkeit der Selbstorganisierung wieder
auf. Innerhalb weniger Wochen wurde die Common Ground Clinic
auf die Beine gestellt. Dieses waschechte Landkrankenhaus bietet vom
ersten Tage an, dank dem unaufhörlichen Strom von Freiwilligen, immer
effizientere, kostenlose Pflege an.
Seit nun einem Jahr bildet die Klinik
die Basis eines tagtäglichen Widerstands gegen die Tabula-Rasa-Aktion
der Regierungsbulldozer, die darauf abzielt, den ganzen Stadtteil
dem Erdboden gleichgemacht an den Immobilienmakler zu übergeben.
Volksküchen, Versorgung, Strassenmedizin, wilde Beschlagnahmungen,
Bau von Notunterkünften: Das von den Einen und Anderen im Laufe
des Lebens angehäufte praktische Wissen hat seinen Ort der Entfaltung
gefunden. Weit weg von den Uniformen und Sirenen.
Wer die mittellose Freude in diesen Vierteln von New Orleans vor der
Katastrophe gekannt hat, das Misstrauen gegenüber dem Staat, das
vorher schon dort herrschte, und die massiven Praktiken des Zurechtkommens
gekannt hat, wird sich nicht darüber wundern, dass all dies
hier möglich gewesen ist. Wer hingegen im blutarmen und atomisierten
Alltag unserer Wohnwüsten gefangen ist, wird an einer derartigen Entschlossenheit
zweifeln. Nach Jahren des normalisierten Lebens an diese
Gesten anzuknüpfen ist jedoch der einzig gangbare Weg, um nicht mit
dieser Welt unterzugehen. Auf dass eine Zeit komme, in die wir uns
verlieben.
Siebter Kreis
»Hier errichten wir einen zivilisierten Raum«
Das erste globale Gemetzel, das von 1914 bis 1918 ermöglichte, sich aufeinen Schlag eines grossen Teils des ländlichen und städtischen Proletariats
zu entledigen, wurde im Namen der Freiheit, der Demokratie
und der Zivilisation geführt. Nur dem Anschein nach im Namen der
gleichen Werte setzt sich seit fünf Jahren, von gezielten Morden bis hin
zu Spezialeinsätzen, der berühmte »Krieg gegen den Terrorismus« fort.
Die Parallele endet damit beim Anschein. Die Zivilisation ist nicht mehr
diese Offenkundigkeit, im Schnellverfahren zu den Eingeborenen transportiert.
Freiheit ist nicht mehr der Name, der an die Wände geschrieben
wird, auf den nun sein Schatten folgt, der Name »Sicherheit«.
Und
die Demokratie ist hinreichend bekannt dafür, sich in den reinsten Ausnahmegesetzen
aufzulösen – so zum Beispiel in der Wiedereinführung
der Folter in den USA oder dem "Perben II"-Gesetz in Frankreich.
In einem Jahrhundert wurden die Freiheit, die Demokratie und die Zivilisation
in den Zustand von Hypothesen versetzt. Die ganze Arbeit
der Führenden besteht von nun an im Einrichten materieller und moralischer,
symbolischer und sozialer Bedingungen, unter denen diese
Hypothesen beinahe bestätigt werden, im Konfigurieren von Räumen,
wo sie scheinbar funktionieren. Alle Mittel sind zum Erreichen dieses
Ziels recht, auch die am wenigsten demokratischen, die am wenigsten
zivilisierten und die am meisten mit Sicherheitsmassnahmen verbundenen.
Im vergangenen Jahrhundert hat die Demokratie regelmässig der
Geburt des Faschismus vorgestanden, hat die Zivilisation nicht aufgehört
die Arien Wagners oder Iron Maidens mit Vernichtung in Einklang
zu bringen, hat die Freiheit eines Tages 1929 die Doppelgesichtigkeit
eines Bankiers angenommen, der sich aus dem Fenster stürzt, und einer
Arbeiterfamilie, die an Hunger stirbt. Man hat sich seit – sagen wir 1945
– darauf geeinigt, dass die Manipulation der Massen, die Aktivitäten
der Geheimdienste, die Einschränkung der öffentlichen Freiheiten und
die vollständige Souveränität der verschiedenen Polizeien angemessene
Mittel zur Sicherung von Demokratie, Freiheit und Zivilisation sind.
Im
letzten Stadium dieser Evolution: der erste sozialistische Bürgermeister
von Paris, der letzte Hand anlegt an die urbane Befriedung, an die
polizeiliche Erneuerung eines Arbeiterviertels, und sich mit sorgfältig
abgewogenen Worten rechtfertigt: »Hier wird ein zivilisierter Raum errichtet«. Nichts ist dem hinzuzufügen.
Hinter ihrem Anschein von Allgemeinheit hat jene Frage der Zivilisation
nichts von einer philosophischen Frage. Eine Zivilisation ist keine
Abstraktion, die das Leben überragt. Sie ist vielmehr, was herrscht, belagert
und kolonisiert, die alltäglichste, die persönlichste Existenz. Sie
ist, was die intimste und die allgemeinste Dimension zusammenhält. In
Frankreich ist die Zivilisation nicht vom Staat zu trennen.
Je stärker und
älter ein Staat, desto weniger ist er eine Suprastruktur, das Exoskelett
einer Gesellschaft, desto mehr ist er in der Tat die Form der Subjektivitäten,
die ihn bewohnen. Der französische Staat ist das eigentliche Gewebe
der französischen Subjektivitäten, der Aspekt, der nach der jahrhundertelangen
Kastration seiner Untertanen bleibt.
Es erstaunt daher
nicht, dass man sich in der Psychatrie die Welt anhand von politischen
Figuren zusammenspinnt, dass man sich darin einig ist, den Ursprung
all unseren Übels in unseren Führern zu sehen, dass es uns so gefällt,
über sie zu meckern, und dass diese Meckereien die Jubelrufe sind, mit
denen wir sie als unsere Herrscher inthronisieren. Denn hier sorgt man
sich nicht um die Politik als eine fremde Realität, sondern als Teil seiner
selbst. Das Leben, das wir in diese Figuren stecken, ist dasjenige, das
uns geraubt wurde.
Wenn es eine französische Ausnahme gibt, stammt sie von dort. Es
gibt nichts, bis hin zur weltweiten Ausstrahlung der französischen Literatur,
was nicht die Frucht dieser Amputation wäre. Die Literatur
ist in Frankreich der Raum, den man selbstherrlich zur Unterhaltung
der Kastrierten zugelassen hat. Sie ist die formelle Freiheit, die denen
gewährt wurde, die sich nicht an die Nichtigkeit ihrer realen Freiheit
gewöhnen. Die französische Ausnahme bezeichnet das Selbstbild einer herausragenden französischen
Kultur, die es z.B. gegen die US-amerikanische Kulturindustrie zu behaupten
gilt.
Wo seit Jahrhunderten unaufhörlich obszönes Augenzwinkern
ausgetauscht wird, in diesem Land, zwischen Männern des Staates
und Männern der Schrift, wo die Einen sich gerne den Anzug der Anderen
leihen und umgekehrt. Wo auch die Intellektuellen es gewohnt sind,
wichtig daherzureden, obwohl sie ganz unbedeutend sind, um immer
im entscheidenden Moment zu scheitern, im einzigen, der ihrer Existenz
einen Sinn gegeben, sie aber auch aus ihrem Beruf verbannt hätte.
Es ist eine verteidigte und zu verteidigende These, dass die moderne
Literatur mit Baudelaire, Heine und Flaubert als Nachwirkung des
staatlichen Massakers vom Juni 1848 geboren wurde.
Im Blut der Pariser
Aufständischen und gegen das Schweigen, welches das Gemetzel
umhüllt, werden die modernen literarischen Formen geboren – Spleen,
Ambivalenz, Fetischismus der Form und eine morbide Distanziertheit.
Die neurotische Zuneigung, welche die Franzosen ihrer Republik geloben
– in deren Namen jeder Übergriff wieder zu seiner Würde, und
jede Schurkerei wieder ihren Ritterschlag findet – verlängert stetig das
Verdrängen des Gründungsopfers. Die Tage des Juni 1848 - tausendfünfhundert
Tote während der Kämpfe, und mehrere tausend mehr in
den darauf folgenden Hinrichtungen von Gefangenen, die Nationalversammlung,
welche die Kapitulation der letzten Barrikade mit dem Ruf
»Es lebe die Republik« begrüsst - und die Blutige Woche sind Geburtsmale,
die auszulöschen keine Chirurgie vermag.
Kojève schrieb 1945: »Das ›offizielle‹ politische Ideal Frankreichs und
der Franzosen ist noch heute das des Nationalstaates, der ›geeinten und
unteilbaren Republik‹. Andererseits nimmt das Land in der Tiefe seiner
Seele die Unzulänglichkeit dieses Ideals wahr, den politischen Anachronismus
einer ausschliesslich ›nationalen‹ Idee.
Zwar hat dieses Gefühl
noch nicht die Ebene einer klaren und deutlichen Idee erreicht: Das Land
kann und will dies noch nicht offen formulieren. Gerade wegen des unvergleichbaren
Glanzes seiner nationalen Vergangenheit, fällt es Frankreich
besonders schwer, das Ende der ›nationalen‹ Periode der Geschichte
in aller Deutlichkeit anzunehmen und wirklich zu akzeptieren, und alle
Konsequenzen daraus zu ziehen.
Es ist hart für ein Land, das aus dem
Nichts das ideologische Gerüst des Nationalismus geschaffen und in die
ganze Welt exportiert hat, zuzugestehen, dass es sich dabei bloss um ein
zu klassifizierendes Archivgut handelt, das in die Geschichte gehört.«
Die Frage des Nationalstaates und dessen Trauer bilden seit nunmehr
einem halben Jahrhundert das Herz dessen, was man wohl als französisches
Unbehagen bezeichnen muss.
Höflich wird dieser gelähmte Aufschub
Alternance genannt, diese Art des Pendelns, von Links nach
Rechts, dann von Rechts nach Links, so wie die manische Phase auf die
depressive Phase folgt, die eine weitere vorbereitet, so wie in Frankreich
die wortgewandteste Kritik des Individualismus und der heftigste Zynismus,
die grösste Grosszügigkeit und die Angst vor der Masse Hand in
Hand gehen. Seit 1945 hat dieses Unbehagen, das sich nur in der Gunst
des Mai 68 und seiner aufständischen Leidenschaftlichkeit zu lichten
schien, nicht aufgehört sich zu vertiefen. Die Ära der Staaten, Nationen
und Republiken schliesst sich wieder; das Land, das ihnen alles geopfert
hat, was es an Lebenskraft enthielt, bleibt benommen zurück.
Die
Detonation, welche der Satz Jospins »Der Staat kann nicht alles« auslöste,
lässt jene erahnen, die früher oder später verursacht wird durch
die Offenbarung, dass der Staat gar nichts mehr kann. Dieses Gefühl,
hereingelegt worden zu sein, hört nicht auf um sich zu greifen, eitrig.
Es begründet die latente Wut, die bei jeder Gelegenheit hochkommt.
Dass die Ära der Nationen nie betrauert wurde, ist der Schlüssel des
französischen Anachronismus und der revolutionären Möglichkeiten,
die er in Reserve hält.
Was auch immer das Resultat der nächsten Wahlen sein wird, ihre Rolle
ist, das Signal für das Ende der französischen Illusion zu geben, die
historische Blase zum Platzen zu bringen, in der wir leben, und Ereignisse
wie die Bewegung gegen das CPE zu ermöglichen, die im Ausland
beobachtet wird wie ein schlechter Traum, der den 1970ern entflohen
ist. Deshalb wünscht sich im Grunde genommen niemand diese Wahlen.
Frankreich ist wahrlich die rote Laterne der westlichen Zone.
Das Abendland, das ist heute ein GI, der in einem Abraham M1 Panzer
nach Falloudja rast und volle Pulle Hardrock hört. Es ist ein Tourist, der
verloren mitten in den Ebenen der Mongolei von allen verlacht seine
Kreditkarte umklammert wie den letzten Strohhalm. Es ist ein Manager,
der auf nichts schwört ausser auf das Spiel Go. Es ist ein junges Mädchen,
das sein Glück bei Klamotten, Männern und Feuchtigkeitscremes sucht.
Es ist ein schweizer Menschenrechtsaktivist, der um alle vier Ecken des
Planeten reist, solidarisch mit allen Revolten, sofern sie niedergeschlagen
werden.
Es ist ein Spanier, der auf die politische Freiheit scheisst, seit
ihm die sexuelle Freiheit gewährt wurde. Es ist ein Kunstfreund, der zur
erstarrten Bewunderung und als letzten Ausdruck des Genies der Moderne
ein Jahrhundert an Künstlern darbietet, die, vom Surrealismus bis
zum Wiener Aktionismus, darum konkurrieren, wer am zielgenausten
auf das Gesicht der Zivilisation spuckt. Es ist schliesslich ein Kybernetiker,
der im Buddhismus eine realistische Theorie des Bewusstseins gefunden
hat und ein Teilchenphysiker, der in der Metaphysik des Hinduismus
nach Inspiration für seine neusten Entdeckungen sucht.
Das Abendland, das ist jene Zivilisation, die alle Prophezeiungen über
ihren Untergang durch eine eigenartige List überlebt hat. So wie das
Bürgertum sich als Klasse verneinen musste, um die Verbürgerlichung
der Gesellschaft vom Arbeiter bis zum Baron zu ermöglichen. Wie sich
das Kapital als Lohnverhältnis opfern musste, um sich als soziales Verhältnis
durchzusetzen, um dadurch zu kulturellem Kapital und gesundheitlichem
Kapital, wie auch zu finanziellem Kapital zu werden.
Wie das Christentum sich als Religion opfern musste, um als affektive
Struktur zu überleben, als diffuse Mahnung zu Demut, Mitgefühl und
Ohnmacht, das Abendland hat sich als besondere Zivilisation geopfert, um
sich als universelle Kultur durchzusetzen. Das Vorgehen lässt sich wie folgt
zusammenfassen: Ein im Sterben liegendes Gebilde opfert sich als Inhalt,
um als Form zu überleben.
Das in tausend Teile zerbrochene Individuum rettet sich dank der »spirituellen« Technik des Coaching als Form. Das Patriachat, indem es den
Frauen alle peinlichen Attribute des Männchens aufbürdet: Willenskraft,
Selbstkontrolle und Unempfindsamkeit. Die zerfallene Gesellschaft, indem
sie eine Epidemie der Geselligkeit und der Zerstreuung propagiert.
Folglich halten sich all die verfaulten Fiktionen des Abendlandes durch
Kunstgriffe, von denen sie Punkt für Punkt widerlegt werden.
Es gibt keinen »Zivilisationsschock«. Was es gibt, ist eine Zivilisation in
klinisch totem Zustand, die an sämtliche lebenserhaltenden Apparate
angeschlossen wird und die in der planetaren Atmosphäre einen charakteristischen
Gestank verbreitet. An diesem Punkt gibt es keinen einzigen
ihrer »Werte«, an den sie noch irgendwie glauben kann, und jede
Behauptung wirkt auf sie wie eine Unverschämtheit, eine Provokation,
die es auszuwaiden, zu dekonstruieren und in den Zustand des Zweifels
zu versetzen gilt.
Der abendländische Imperialismus ist heute jener des
Relativismus der »Sichtweise«, der böse Blick aus dem Augenwinkel,
oder das verletzte Protestieren gegen alles, was dumm genug, primitiv
genug oder selbstgefällig genug ist, um noch an etwas zu glauben,
für irgendetwas einzustehen. Er ist jener Dogmatismus der Fragestellung,
des komplizenhaften Augenzwinkern der universitären und literarischen
Intelligentsia. Keine Kritik ist den postmodernen Denkern zu
radikal, solange sie ein Nichts an Gewissheit umhüllt. Noch vor einem
Jahrhundert lag der Skandal in jeder etwas auffälligen Verneinung, heute
liegt er in jeder unerschütterlichen Behauptung.
Keine soziale Ordnung kann dauerhaft auf dem Prinzip aufbauen, dass
nichts wahr ist. Also muss sie zusammengehalten werden. Die Anwendung
des Konzepts der »Sicherheit« auf jede einzelne Sache ist heutzutage
Ausdruck des Projekts, die ideale Ordnung in die Wesen selbst,
in Verhalten und Orte zu integrieren, eine Ordnung, der sich zu unterwerfen
sie nicht mehr bereit sind. »Nichts ist wahr« sagt nichts über
die Welt, sondern alles über das abendländische Konzept der Wahrheit.
Die Wahrheit wird hier nicht als Attribut der Wesen oder Dinge wahrgenommen,
sondern als ihre Repräsentation. Eine Repräsentation gilt
als echt, wenn sie erfahrungskonform ist. Die Wissenschaft ist in letzter
Instanz dieses Imperium der universellen Verifizierung. Aber alle Formen
menschlichen Verhaltens, von den einfachsten zu den gelehrtesten,
ruhen auf einem Sockel ungleich formulierter Offenkundigkeiten, alle
Praktiken gehen von einem Punkt aus, in dem Dinge und Repräsentationen
ununterscheidbar verbunden sind, jedes Leben beinhaltet
eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept ignoriert.
Wenn
hier einmal von »echten Leuten« geredet wird, dann unweigerlich, um
sich über diese geistig Armen lustig zu machen. Von daher werden die
Abendländler von denen, die sie kolonisierten, weltweit für Lügner und
Heuchler gehalten. Von daher werden sie um das beneidet, was sie haben,
ihren technologischen Fortschritt, nie um das, was sie sind, wofür sie
zurecht verachtet werden.
Sade, Nietzsche und Arteaud könnten in den
Gymnasien nicht unterrichtet werden, wäre dieser Begriff der Wahrheit
nicht zuvor disqualifiziert worden. Alle Behauptungen ohne Ende
zu unterdrücken, Schritt für Schritt alle Gewissheiten zu deaktivieren,
die fatalerweise ans Licht kommen, darin besteht die langwierige Arbeit
der abendländischen Intelligenz. Die Polizei und die Philosophie sind
zwei in die gleiche Richtung weisende Mittel, obgleich verschieden in
der Form.
Selbstverständlich findet der Imperialismus des Relativen in irgendeinem
leeren Dogmatismus, in irgendeinem Marxismus-Leninismus,
irgendeiner Salafiyya, in irgendeinem Neo-Nazismus einen angemessenen
Gegner, jemand, der, wie die Abendländler, Behauptung mit
Provokation verwechselt.
In diesem Stadium macht sich jeder ausschliesslich soziale Protest, der
sich weigert anzuerkennen, dass das, was uns gegenübersteht, nicht die
Krise einer Gesellschaft ist, sondern der Untergang einer Zivilisation,
zum Komplizen ihres Fortbestehens. Es ist nunmehr sogar eine verbreitete
Strategie, diese Gesellschaft zu kritisieren in der vergeblichen Hoffnung,
diese Zivilisation zu retten.
Genau. Wir haben einen Kadaver auf dem Rücken, aber den werden
wir nicht so einfach los. Vom Ende der Zivilisation, ihrem klinischen
Tod, haben wir nichts zu erwarten. So wie sie ist, kann sie nur Historiker
interessieren. Das ist eine Tatsache, aus der eine Entscheidung werden
muss. Die Tatsachen können vertuscht werden, die Entscheidung bleibt
politisch. Sich für den Tod der Zivilisation zu entscheiden, in die Hand
zu nehmen, wie dies geschieht: Nur durch die Entscheidung werden wir
uns des Kadavers entledigen.
Auf geht's!
Ein Aufstand, wir können uns nicht mal mehr vorstellen, wo er beginnt.Sechzig Jahre der Befriedung, ausgesetzter historischer Umwälzungen,
sechzig Jahre demokratischer Anästhesie und Verwaltung der Ereignisse
haben in uns eine gewisse abrupte Wahrnehmung des Realen geschwächt,
den parteilichen Sinn für den laufenden Krieg. Es ist diese
Wahrnehmung, die wir wiedererlangen müssen, um zu beginnen.
Es gibt keinen Grund, sich darüber zu entrüsten, dass seit fünf Jahren ein
bekanntermassen verfassungswidriges Gesetz angewandt wird, das Gesetz
über die Alltägliche Sicherheit. Es ist vergeblich, auf legalem Wege
gegen die vollendete Implosion des legalen Rahmens zu protestieren.
Entsprechend muss man sich organisieren.
Es gibt keinen Grund, sich in diesem oder jenem Bürgerkollektiv zu
engagieren, in dieser oder jener Sackgasse der radikalen Linken, in der
letzten vereinten Hochstapelei. Alle Organisationen, die vorgeben, die
gegenwärtige Ordnung anzufechten, haben selbst wie Marionetten die
Form, die Sitten und die Sprache von Miniaturstaaten. Alle Anwandlungen,
»Politik anders zu machen«, haben bis zum heutigen Tag nur
zur unbestimmten Ausdehnung des staatlichen biomechanischen Apparats
beigetragen.
Es gibt keinen Grund mehr, auf die neusten Nachrichten zu reagieren,
vielmehr ist jede Information als Operation in einem feindlichen Feld
von Strategien zu verstehen, die zu durchschauen ist, Operationen, die
gerade zum Ziel haben, bei diesem oder jenem diese oder jene Reaktion
hervorzurufen; und diese Operation für die wirkliche Information zu
halten, welche in den sichtbaren Nachrichten verborgen ist.
Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution,
die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch
zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern
was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs
einer Zivilisation. Dort ist es, wo man Partei ergreifen muss.
Nicht mehr zu warten heisst, auf die eine oder andere Weise in die
aufständische Logik einzutreten. Es bedeutet, aufs Neue das leicht erschreckte
Zittern in der Stimme unserer Regierenden zu hören, das sie
nie verlässt. Denn regieren war niemals etwas anderes als mit tausend
Listen den Moment, wo die Menge sie aufhängen wird, zu verschieben,
und jeder Akt des Regierens ist nichts als die Weise, die Kontrolle über
die Bevölkerung nicht zu verlieren.
Wir gehen aus von einem Punkt der extremen Isolation, der extremen
Ohnmacht. Alles ist aufzubauen im aufständischen Prozess. Nichts
scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.
Sich finden
Sich binden an das, was man als wahr erkennt.Davon ausgehen
Eine Begegnung, eine Entdeckung, eine grosse Streikbewegung, ein
Erdbeben: jedes Ereignis erzeugt Wahrheit, indem es unsere Art verändert,
auf der Welt zu sein. Umgekehrt hat sich eine Feststellung, die
uns gleichgültig ist, die uns unverändert lässt, die zu nichts verpflichtet,
noch nicht den Namen Wahrheit verdient. In jeder Geste gibt es eine
unterschwellige Wahrheit, in jeder Praxis, in jeder Beziehung und in jeder
Situation. Die Gewohnheit ist, dem auszuweichen, das zu verwalten,
was die charakteristische Verwirrung der Allermeisten in dieser Epoche
produziert. In Wirklichkeit verpflichtet alles zu allem. Noch das Gefühl,
in der Lüge zu leben, ist eine Wahrheit. Es geht darum, es nicht loszulassen,
davon sogar auszugehen. Eine Wahrheit ist nicht eine Sicht auf
die Welt, sondern das, was uns auf unreduzierbare Art mit ihr verbunden
hält.
Eine Wahrheit ist nichts, was man besitzt, sondern etwas, das
einen trägt. Sie stellt mich her und sie löst mich auf, sie macht mich
als Individuum aus und sie zersetzt mich als solches, sie entfernt mich
von vielen und verbindet mich mit jenen, die sie erkennen. Das vereinsamte
Wesen, das sich daran bindet, trifft unausweichlich auf seinesgleichen.
Im Grunde genommen geht jeder aufständische Prozess von
einer Wahrheit aus, von der wir nicht abrücken.
Es war in Hamburg in
den 1980 Jahren, wo eine Handvoll Bewohner eines besetzten Hauses
entschieden hatte, dass man von nun an über ihre Leiche gehen muss,
um sie zu räumen. Es gab einen belagerten Stadtteil mit Panzern und
Helikoptern, tagelange Strassenschlachten, gewaltige Demonstrationen
– und eine Stadtregierung, die am Ende kapitulierte.
Georges Guingouin,
der »erste Partisan in Frankreich«, hatte als Ausgangspunkt 1940
nur die Sicherheit seiner Ablehnung der Besatzung. Damals war er für
die Kommunistische Partei nur so »ein Spinner, der im Wald lebt«; bis
es zwanzigtausend Spinner waren, die im Wald lebten, und sie Limoges
befreiten.
Nicht davor zurückweichen, was jede Freundschaft an Politischem mit sich
bringt
Man hat uns an eine neutrale Idee der Freundschaft gewöhnt, wie reine
Zuneigung ohne Konsequenzen. Aber jegliche Affinität ist Affinität in
einer gemeinsamen Wahrheit. Jede Begegnung ist eine Begegnung in
einer gemeinsamen Behauptung, und sei es die der Zerstörung.
Man
verbindet sich nicht unschuldig in einer Epoche, in der an etwas festzuhalten
und sich nicht von etwas abbringen zu lassen regelmässig in
die Arbeitslosigkeit führt, in der man lügen muss, um zu arbeiten, und
dann arbeiten muss, um die Mittel der Lüge zu behalten. Wenn sich Wesen
ausgehend von der Quantenphysik schwören würden, in allen Bereichen
alle Konsequenzen zu ziehen, würden sie sich nicht auf weniger
politische Weise verbinden als Genossen, die einen Kampf gegen einen
Nahrungsmittel-Multi führen. Sie würden früher oder später entweder
nicht erscheinen oder beim Kampf ankommen.
Die Triebkräfte der Arbeiterbewegung hatten einst die Werkstätten,
dann die Fabriken, um sich zu finden. Sie hatten den Streik, um sich zu
zählen und die Verräter zu demaskieren. Sie hatten das Lohnverhältnis,
das die Partei des Kapitals und die Partei der Arbeit gegeneinander aufbringt,
um weltweit Solidaritäten und Fronten aufzuspüren. Wir haben
die Totalität des sozialen Raumes, um uns zu finden. Wir haben das alltägliche
Verhalten der Aufsässigkeit, um uns zu zählen und die Verräter
zu demaskieren. Wir haben die Feindschaft gegenüber der Zivilisation,
um weltweit Solidaritäten und Fronten aufzuspüren.
Nichts von den Organisationen erwarten.
Allen bestehenden Milieus misstrauen,
und zuallererst verhindern, zu einem zu werden
Es ist nicht selten, dass man im Verlauf eines konsequenten Austritts
den Organisationen begegnet – politischen, gewerkschaftlichen, humanitären,
vereinten, etc.. Es kann sogar vorkommen, dass man einigen
aufrichtigen, aber hoffnungslosen, oder enthusiastischen, aber durchtriebenen
Wesen begegnet. Der Reiz der Organisationen besteht in ihrer
augenscheinlichen Beschaffenheit – sie haben eine Geschichte, einen
Sitz, einen Namen, Mittel, einen Chef, eine Strategie und einen Diskurs.
Nichtsdestotrotz sind sie leere Architekturen, die der Respekt vor ihren
heroischen Ursprüngen nur mühsam mit Leben zu füllen vermag.
In
allen Dingen wie auf jeder internen Ebene kümmern sie sich zuerst um
das Überleben als Organisationen, und um nichts anderes. Ihr wiederholter
Verrat also hat sie am meisten von der Verbindung zu ihrer Basis
entfremdet. Darum trifft man dort manchmal schätzenswerte Wesen.
Aber das in der Begegnung enthaltene Versprechen kann nur ausserhalb
der Organisation verwirklicht werden und, notwendigerweise, gegen
sie.
Viel fürchterlicher noch sind die Milieus mit ihrer weichen Struktur, ihrem
Getratsche und ihren informellen Hierarchien. Alle Milieus sind zu
fliehen. Jedes einzelne von ihnen ist beauftragt, eine Wahrheit zu neutralisieren.
Die literarischen Milieus sind da, die Offenkundigkeiten der
Schriften zu ersticken. Die libertären Milieus, die der direkten Aktion.
Die naturwissenschaftlichen Milieus, um zurückzuhalten, was ihre Forschungen
ab heute für die allermeisten mit sich bringen.
Die sportlichen
Milieus, um die verschiedenen Lebensformen in ihren Sporthallen zu
halten, welche die verschiedenen Sportarten hervorbringen könnten.
Insbesondere zu fliehen sind die kulturellen und politischen Milieus.
Sie sind die zwei Hospize, in denen traditionellerweise alles revolutionäre
Verlangen zerschellt. Die Aufgabe der kulturellen Milieus besteht
darin, alle aufkeimenden Intensitäten aufzuspüren und den Sinn dessen,
was Ihr tut, zu unterschlagen, durch das Ausstellen; die Aufgabe
der politischen Milieus, Euch die Energie wegzunehmen, es zu tun.
Die
politischen Milieus erstrecken ihre diffusen Netzwerke über das ganze
französische Territorium und stehen jeglichem revolutionären Werden
im Weg. Sie sind nur Träger der Anzahl ihrer Niederlagen und der daraus
erwachsenden Bitterkeit. Ihr Verschleiss genauso wie ihr Übermass
an Ohnmacht hat sie unfähig gemacht, die Möglichkeiten der Gegenwart
aufzugreifen. Ausserdem wird dort viel zu viel geredet, um eine
unglückliche Passivität einzurichten; was sie polizeilich unsicher macht.
So wie es vergeblich ist, von ihnen etwas zu erhoffen, ist es dumm, von
ihrer Sklerose enttäuscht zu sein. Es reicht, sie verrecken zu lassen.
Alle Milieus sind konterrevolutionär, da ihr einziges Anliegen der Erhalt
ihrer miesen Bequemlichkeit ist.
Sich als Kommunen zusammentun
Die Kommune ist, was passiert, wenn Wesen sich finden, sich verstehenund entscheiden, gemeinsam voranzuschreiten. Die Kommune
entscheidet sich vielleicht in dem Moment, wo es Brauch ist, sich zu
trennen. Sie ist die Freude des Zusammentreffens, die ihre unerlässliche
Erstickung überlebt. Sie ist, was bewirkt, dass wir »wir« sagen, und dass
dies ein Ereignis ist. Das Seltsame ist nicht, dass Wesen, die sich verstehen,
eine Kommune bilden, sondern dass sie getrennt bleiben. Warum
können sich die Kommunen nicht ins Unendliche vermehren?
In jeder
Fabrik, in jeder Strasse, in jedem Dorf, in jeder Schule. Endlich die Herrschaft
der Basiskomitees! Kommunen aber, die akzeptieren würden, zu
sein, was sie sind, wo sie sind. Und möglicherweise eine Vielfalt von
Kommunen, welche die Institutionen des Staates ersetzen würden: die
Familie, die Schule, die Gewerkschaft, den Sportverein, etc.. Kommunen,
die sich nicht fürchten würden, sich neben ihren rein politischen
Aktivitäten für das materielle und emotionale Überleben eines jeden
ihrer Mitglieder zu organisieren und für all die Verlorenen, die sie umgeben.
Kommunen, die sich – anders als es Kollektive im Allgemeinen
tun – nicht über ein Drinnen und ein Draussen definieren, sondern über
die Dichte der Beziehungen in ihrem Inneren. Nicht über die Personen,
die sie zusammensetzten, sondern über den Geist, der sie treibt.
Eine Kommune bildet sich jedes Mal, wenn einige, befreit von der individuellen
Zwangsjacke, sich entscheiden nur auf sich selbst zu zählen und
ihre Kraft an der Realität zu messen. Jeder wilde Streik ist eine Kommune,
jedes kollektiv besetzte Haus, das auf einer klaren Basis steht,
ist eine Kommune, die Aktionskomitees von 68 waren Kommunen, so
wie es die Cimarrones geflohener Sklaven in den Vereinigten Staaten
waren, oder Radio Alice in Bologna im Jahre 1977.
Jede Kommune will
sich selbst die Basis sein. Sie will die Frage der Bedürfnisse auflösen.
Sie will gleichzeitig mit jeglicher wirtschaftlichen Abhängigkeit jede
politische Unterwerfung zerschlagen, und sie degeneriert zum Milieu,
sobald sie den Kontakt zu den Wahrheiten verliert, die sie begründen.
Es gibt allerlei Kommunen, die weder die Zahl, noch die Mittel, noch
den »richtigen Moment«, der nie kommen wird, abwarten, um sich zu
organisieren.
Sich organisieren
Low Intensity Arbeitsplätze sind selten geworden und, um die Wahrheitzu sagen, bedeutet es oft, zu viel Zeit zu verlieren, sich dort weiter zu
langweilen. Sie zeichnen sich ausserdem durch schlechte Bedingungen
für die Siesta oder die Lektüre aus.
Es ist wohlbekannt, dass das Individuum so wenig existiert, dass es sich
sein Leben verdienen muss, dass es seine Zeit gegen ein bisschen soziale
Existenz tauschen muss. Persönliche Zeit gegen soziale Existenz: so ist
die Arbeit, so ist der Markt. Die Zeit der Kommune entzieht sich sofort
der Arbeit, sie fällt nicht auf den Trick herein, sie bevorzugt andere.
Gruppen argentinischer Piqueteros luchsen dem Staat kollektiv eine Art
lokale Sozialhilfe ab, die an ein paar Arbeitsstunden geknüpft ist; sie
leisten die Stunden nicht ab, schmeissen ihren Gewinn zusammen und
statten sich aus mit Schneidereien, einer Bäckerei und bauen die Gärten
auf, die sie benötigen.
Es gilt, Geld für die Kommune zu suchen, auf keinen Fall muss das
Leben verdient werden. Alle Kommunen haben ihre schwarzen Kassen.
Die Tricks sind vielfältig. Neben dem RMI gibt es das Kindergeld, das
Krankfeiern, mehrfache Stipendien, erschwindelte Prämien für fiktive
Geburten, alle Arten von Geschäften und so viele andere Mittel, die bei
jeder Mutation der Kontrolle entstehen.
Es liegt weder an uns, sie zu
verteidigen, noch es uns in diesen schützenden Verschlägen bequem zu
machen oder sie wie ein Privileg für Eingeweihte zu bewahren. Was
wichtig ist zu kultivieren, zu verbreiten, ist jene notwendige Bereitschaft
zum Betrug und zum Teilen seiner Innovationen. Für die Kommunen
stellt sich die Frage der Arbeit nur im Verhältnis zu den anderen
vorhandenen Einkommen. Dabei darf nicht vernachlässigt werden, was
es in gewissen Berufen, Ausbildungen oder gut platzierten Posten nebenbei
alles an nützlichen Erkenntnissen zu sammeln gibt.
Der Anspruch der Kommune ist es, für alle so viel Zeit wie möglich
freizumachen. Ein Anspruch, der sich nicht nur, nicht im Wesentlichen,
an der Zahl der Stunden misst, die frei von lohnabhängiger Ausbeutung
sind. Die befreite Zeit schickt uns nicht in die Ferien. Die unbesetzte
Zeit, die tote Zeit, die Zeit der Leere und der Angst vor der Leere, das
ist die Zeit der Arbeit. Von nun an gibt es keine Zeit mehr zu füllen, aber
eine Befreiung von Energie, die keine »Zeit« beinhaltet; Linien, die sich
abzeichnen, die deutlicher werden, denen wir nach Belieben folgen können,
bis zum Ende, bis wir sehen, wie sie andere kreuzen.
Plündern, anbauen, herstellen
Ehemalige Arbeiter von Metaleurop werden eher Räuber als Schliesser.Die Angestellten von EDF lassen ihren Freundeskreis wissen, wie man
einen Stromzähler überbrückt. Die »vom Lastwagen gefallene« heisse
Ware wird schnell weiterverkauft. Eine Welt, die sich selbst derart offen
zynisch erklärt, konnte seitens der Proletarier kaum viel Loyalität
erwarten.
Einerseits kann eine Kommune nicht auf die Ewigkeit des Wohlfahrtsstaates
zählen, andererseits kann sie nicht damit rechnen, auf lange
Sicht von Ladendiebstahl, vom Containern des Abfalls aus den Mülltonnen
der Supermärkte oder des Nachts aus den Warenlagern der
Industriezonen, vom Abzweigen von Subventionen, vom Versicherungs-
und sonstigen Betrug, kurz: vom Plündern zu leben. Sie muss
sich also permanent damit beschäftigen, wie sie das Niveau und die
Ausbreitung ihrer Selbstorganisation steigert. Nichts wäre logischer,
als dass die Drehbänke, die Fräsen und Fotokopierer, die bei Schliessung
einer Fabrik mit Rabatt verkauft werden, später zur Bekräftigung
irgendeiner Verschwörung gegen die Warengesellschaft dienen.
Das Gefühl des bevorstehenden Zusammenbruchs ist heutzutage
überall so akut, dass es schwerfällt, alle laufenden Experimente in
den Bereichen Bau, Energie, Materialien, Illegalismus und Landwirtschaft
aufzuzählen. Ein ganzes Ensemble von Wissen und Techniken
wartet nur darauf, geplündert und seiner Verpackung entrissen zu
werden, sei diese moralistisch, kleinkriminell oder ökologisch. Dieses
Ensemble aber macht nur einen Teil aller Intuition, allen Know-Hows
und der den Slums eigenen Erfindungsgabe aus, die wir an den Tag
legen müssen, um die metropolitane Wüste wieder zu bevölkern
und mittelfristig die Lebensfähigkeit eines Aufstandes zu sichern.
Wie kommunizieren und sich bewegen, wenn alle Flüsse unterbrochen
sind? Wie können wir die Subsistenz in den ländlichen Gebieten wiederherstellen,
bis diese in der Lage sind, die Bevölkerungsdichte zu tragen,
wie dies vor sechzig Jahren noch der Fall war? Wie können wir die
betonierten Räume in städtische Gemüsegärten verwandeln, wie dies
einst Cuba tat, um das amerikanische Embargo und die Liquidierung
der UdSSR zu verkraften?
Ausbilden und sich formieren
Was bleibt uns, die wir soviel Gebrauch gemacht haben von den autorisiertenVergnügungen, welche uns die marktwirtschaftliche Demokratie
zugesteht? Was hat uns einst dazu getrieben, am Sonntag morgen
joggen zu gehen? Was fesselt all die Karate-Fanatiker, die Liebhaber
der Bastelei, des Angelns oder der Pilzkunde? Was ausser der Notwendigkeit,
die vollkommene Untätigkeit zu füllen, die eigene Arbeitskraft
oder das eigene »Gesundheits-Kapital« wiederherzustellen.
Die meisten
Vergnügungen könnten mit Leichtigkeit ihren absurden Charakter ablegen
und zu mehr als nur Vergnügungen werden. Das Boxen war nicht
immer für die Vorführungen auf Spenden-Galas und die Spektakel grosser
Wettkämpfe reserviert.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts,
im von Horden von Kolonisten ausgewaideten und aufgrund langer
Trockenheit hungernden China, organisierten sich hunderttausende armer
Bauern rund um unzählige Boxclubs unter freiem Himmel, um sich
von Reichen und Kolonisten zurückzuholen, was ihnen geraubt worden
war. Dies war die Revolte der Boxer. Wir können nicht früh genug damit
beginnen, zu lernen und anwenden, was weniger befriedete, weniger
vorhersehbare Zeiten von uns verlangen werden. Unsere Abhängigkeit
von der Metropole – von ihrer Medizin, ihrer Landwirtschaft, ihrer Polizei
– ist so gross, gegenwärtig, dass wir sie nicht angreifen können, ohne
uns selbst in Gefahr zu bringen.
Es ist das unausgesprochene Bewusstsein
dieser Verletzbarkeit, das die unaufgeforderte Selbstbeschränkung
der aktuellen sozialen Bewegungen ausmacht, das uns die Krisen fürchten
und nach »Sicherheit« streben lässt. Ihm ist es zu verdanken, dass
die Streiks den Horizont der Revolution gegen den der Rückkehr zur
Normalität eingetauscht haben. Aus diesem Schicksal auszubrechen
verlangt nach einem langen und stichhaltigen Lernprozess, nach vielfältigen
massiven Experimenten.
Es geht darum, kämpfen zu können,
Schlösser zu knacken, Knochenbrüche ebenso zu heilen wie eine Angina,
einen Piratensender zu bauen, Volksküchen einzurichten, genau
zu zielen, aber auch darum, zerstreutes Wissen zu sammeln und eine
Landwirtschaft des Krieges zu schaffen, die Biologie des Plankton und
die Zusammensetzung des Bodens zu verstehen, das Zusammenwirken
der Pflanzen zu studieren und dadurch die verlorene Intuition, alle
Formen der Nutzung wiederzuentdecken, alle möglichen Bindungen
an unsere unmittelbare Umgebung, und die Grenzen, über die hinaus
wir sie aufbrauchen würden; und dies ab heute, für die Zeit, in der wir
mehr als einen symbolischen Teil unserer Ernährung und Pflege aus ihr
beschaffen müssen.
Territorien schaffen. Die Zonen der Undurchdringlichkeit vermehren.
Die Reformisten sind sich heute zunehmend einig, dass es mit »dem
näherrückenden Peak Oil« und, »um Treibhausgase zu reduzieren«,
einer »Re-Lokalisierung der Wirtschaft« bedarf, der Förderung regionaler
Versorgung, kurzer Vertriebswege, des Verzichts auf die Bequemlichkeit
von Importen aus der Ferne, etc.. Was sie dabei vergessen,
ist, dass es die Eigentümlichkeit dieser lokalen wirtschaftlichen
Tätigkeiten ist, das sie im Schatten stattfinden, auf »informelle« Art;
dass diese einfache ökologische Massnahme der Re-Lokalisierung
der Wirtschaft nicht weniger impliziert, als sich aus der staatlichen
Kontrolle zu befreien, oder sich ihr bedingungslos zu unterwerfen.
Das aktuelle Territorium ist das Produkt mehrerer Jahrhunderte polizeilicher
Operationen. Das Volk wurde von seinem Land, von seinen
Strassen, dann aus seinen Stadtteilen und schliesslich aus seinen Treppenhäusern
gedrängt, in der verrückten Hoffnung, alles Leben in den
vier schwitzenden Wänden des Privaten in Schach zu halten. Für uns
stellt sich die Frage des Territoriums nicht in gleicher Weise wie für den
Staat. Es geht nicht darum, es zu halten. Es geht darum, auf lokaler Ebene
die Kommunen, die Zirkulation und die Solidaritäten zu verdichten,
bis zu dem Punkt, an dem das Territorium unlesbar, undurchdringlich
wird für jegliche Autorität. Es geht nicht darum, ein Territorium zu besetzen,
sondern es zu sein.
Jede Praxis lässt ein Territorium existieren – ein Territorium für den
Drogenhandel oder die Jagd, ein Territorium der Spiele für Kinder, der
Verliebten oder der Unruhen, ein Territorium des Bauern, des Ornithologen
oder des Flaneurs. Die Regel ist simpel: je mehr Territorien sich in
einer bestimmten Zone überlagern, desto mehr Zirkulation gibt es zwischen
ihnen, und umso weniger Angriffsfläche findet die Macht.
Kneipen,
Druckereien, Sporthallen, Brachflächen, Antiquariate, Dächer von
Wohnblocks, unangemeldete Märkte, Dönerläden und Garagen können
ihrer offiziellen Bestimmung einfach entkommen, wenn sich dort ausreichend
Komplizenschaften finden. Indem sie der staatlichen Kartographie
ihre eigene Geographie aufzwingt, sie verschwimmen lässt, sie
löscht, produziert die lokale Selbstorganisierung ihre eigene Sezession.
Reisen. Unsere eigenen Kommunikationswege anlegen.
Das Prinzip der Kommunen ist nicht, der Metropole und ihrer Mobilität
die lokale Verwurzelung und die Langsamkeit entgegenzusetzen. Die
sich ausbreitende Bewegung der Bildung von Kommunen muss diejenige
der Metropole unterirdisch überholen. Es gibt keinen Grund, die
Möglichkeiten des Reisens und der Kommunikation, die uns die Infrastrukturen
des Marktes bieten, abzulehnen, es genügt, ihre Grenzen zu
kennen. Man muss nur vorsichtig genug, unauffällig genug sein.
Sich zu
besuchen ist allemal sicherer, hinterlässt keine Spur und schafft Verbindungen,
die gehaltvoller sind als alle Kontaktlisten im Internet. Das Privileg,
»frei zu reisen«, quer durch den Kontinent und ohne grössere Probleme
in die ganze Welt, das vielen von uns zugestanden wird, ist ein
nicht zu vernachlässigender Trumpf für die Kommunikation zwischen
den Herden der Konspiration. Einer der Reize der Metropole ist es,
Amerikanern, Griechen, Mexikanern und Deutschen zu erlauben, sich
heimlich für die Zeit einer Strategiediskussion in Paris wiederzutreffen.
Die permanente Bewegung zwischen den befreundeten Kommunen gehört
zu den Dingen, die sie vor dem Austrocknen und dem Verhängnis
des Verzichts bewahrt. Genossen zu empfangen, sich über ihre Initiativen
auf dem Laufenden zu halten, über ihre Erfahrungen nachzusinnen,
sich die Techniken, die sie beherrschen, anzueignen, bringen einer
Kommune mehr, als sterile Selbstprüfungen hinter verschlossenen
Türen. Es wäre falsch zu unterschätzen, was an diesen Abenden an Entscheidendem
erarbeitet werden kann, an denen wir uns mit unseren
Ansichten über den laufenden Krieg auseinandersetzen.
Alle Hindernisse umstürzen, eins nach dem anderen.
Wie man weiss, laufen die Strassen über vor Unhöflichkeiten. Zwischen
dem, was sie wirklich sind, und dem, was sie sein sollten, steht die
Zentripetalkraft jeglicher Polizei, die sich abmüht die Ordnung wiederherzustellen;
und ihr gegenüber gibt es uns, das heisst die gegenläufige
Bewegung, die Zentrifugalkraft.
Überall wo Erregung und Unordnung
auftauchen, können wir uns über sie nur freuen. Es erstaunt nicht, dass
diese Nationalfeiern, die nichts mehr feiern, nun systematisch verderben.
Funkelnagelneu oder klapprig, das urbane Mobiliar – aber wo
fängt es an? Wo hört es auf? - materialisiert unsere gemeinsame Enteignung.
Hartnäckig in seiner Nichtigkeit, verlangt es nur danach auf ewig
wiederzukehren. Beobachten wir aufmerksam, was uns umgibt: all dies
wartet, dass seine Stunde schlägt, die Metropole nimmt nostalgische
Züge an, wie dies sonst nur Ruinen tun.
Auf dass die Unhöflichkeiten methodisch werden, dass sie systematisch
werden, sich zu einer diffusen, effizienten Guerilla vereinen, die uns
wieder zu unserer wesentlichen Unregierbarkeit zurückführt, zu unserer
Undiszipliniertheit. Es ist verwirrend, dass gerade die Undiszipiniertheit
zu den Tugenden des Partisanen gezählt wird. Schlussendlich
hätte man die Wut nie von der Politik lösen sollen. Ohne erstere verliert
sich letztere im Diskurs, und ohne letztere erschöpft sich erstere im Gebrüll.
Begriffe wie »die Wütenden« und »die Fanatiker« tauchen in der
Politik nie ohne Warnschüsse wieder auf.
Was die Methode angeht, behalten wir für die Sabotage folgendes Prinzip:
ein Minimum an Risiko bei der Aktion, ein Minimum an Zeit, ein
Maximum an Schaden. Für die Strategie, erinnern wir uns daran, dass
ein umgestürztes, aber nicht ausgeräumtes Hindernis – ein befreiter,
aber nicht bewohnter Raum – einfach durch ein weiteres Hindernis zu
ersetzen ist, das beständiger und schwerer anzugreifen ist.
Es bringt nichts, sich mit den drei Typen der Arbeitersabotage abzumühen:
die Arbeit bremsen, vom »locker nehmen« zum Bummelstreik; die
Maschinen zerstören oder ihre Abläufe beeinträchtigen; Firmengeheimnisse
ausplaudern. Auf die Dimensionen der gesellschaftlichen Fabrik
ausgeweitet, verallgemeinern sich die Prinzipien der Sabotage von der
Produktion in die Zirkulation. Die technische Infrastruktur der Metropole
ist verletzbar: ihre Flüsse bestehen nicht nur im Transport von Personen
und Waren, Informationen und Energie zirkulieren durch Netze
aus Kabeln, Glasfasern und Rohren, die angegriffen werden können.
Die soziale Maschine mit einiger Auswirkung zu sabotieren, bedeutet
heutzutage sich die Mittel zur Unterbrechung ihrer Netze wieder anzueignen
und neu zu erfinden. Wie können eine TGV-Linie oder ein Stromnetz
unbrauchbar gemacht werden? Wie können die Schwachstellen der
Computer-Netzwerke gefunden, wie die Radiofrequenzen gestört und
die Flimmerkiste wieder zum Rauschen gebracht werden?
Was die ernsten Hindernisse anbelangt, ist es falsch, ihre Zerstörung
für unmöglich zu halten. Das Promethische dabei besteht und lässt sich
zusammenfassen in einer gewissen Aneignung des Feuers, jenseits jeglichen
blinden Voluntarismus. 356 v. Chr. brannte Herostratos den Tempel
der Artemis nieder, eines der sieben Weltwunder.
In unseren Zeiten
der vollendeten Dekadenz haben die Tempel nichts Imposantes mehr,
ausser der finsteren Wahrheit, dass sie bereits Ruinen sind.
Dieses Nichts zu vernichten hat nichts von einer traurigen Aufgabe. Das
Handeln findet darin zu neuer Jugend. Alles macht Sinn, alles ordnet
sich plötzlich, Raum, Zeit, Freundschaft. Aus allem Holz wird ein Pfeil
gemacht, man findet die Verwendung wieder – ist ganz Pfeil. Im Elend
der Zeit dient »scheiss auf alles« vielleicht – nicht ohne Grund, wie man
zugeben muss – als letzte kollektive Verführung.
Die Sichtbarkeit fliehen. Die Anonymität in eine offensive Position wenden.
Während einer Demonstration reisst eine Gewerkschafterin die Maske
eines Anonymen runter, der gerade eine Scheibe eingeschlagen hat:
»Steh zu dem, was du tust, anstatt dich zu verstecken«. Sichtbar zu sein
bedeutet ohne Deckung, das heisst vor allem verletzbar zu sein. Wenn
die Linken aller Länder nicht aufhören ihre Sache »sichtbar« zu machen
- sei es die der Obdachlosen, der Frauen oder der Sans-Papiers – in der
Hoffnung, dass man sich darum kümmert, tun sie genau das Gegenteil
dessen, was getan werden müsste. Nicht sich sichtbar zu machen, sondern
die Anonymität, in die wir abgeschoben wurden, zu unserem Vorteil
zu wenden und daraus, mittels der Verschwörung, der nächtlichen
oder vermummten Aktion, eine unangreifbare Position des Angriffs zu
machen. Das Feuer von November 2005 bietet dafür das Vorbild.
Kein
Führer, keine Forderung, keine Organisation, sondern Worte, Gesten,
Komplizenschaften. Gesellschaftlich nichts zu sein ist kein erniedrigender
Stand, die Quelle eines tragischen Mangels an Anerkennung –
anerkannt: von wem? - vielmehr ist es die Bedingung einer maximalen
Aktionsfreiheit. Seine Untaten nicht zu unterzeichnen, mit sinnlosen
Kürzeln bekannt zu machen – man erinnert sich noch der kurzlebigen
BAFT (Anti-Bullen-Brigade Tarterêts) – ist eine Art, diese Freiheit zu
bewahren. Offenkundig ist das Konstruieren eines Subjekts »Banlieue«
als Akteur der »Unruhen von 2005« eines der ersten defensiven Manöver
des Regimes gewesen. Sich die Fressen derjenigen anzusehen, die
in dieser Gesellschaft jemand sind kann helfen die Freude zu verstehen,
dort niemand zu sein.
Die Sichtbarkeit ist zu fliehen. Aber eine Kraft, die sich im Dunkeln sammelt,
kann ihr nicht auf ewig ausweichen. Uns geht es darum, unser
Erscheinen als Kraft bis zum günstigen Zeitpunkt zu verschieben. Denn
je später uns die Sichtbarkeit findet, umso stärker findet sie uns. Erst
einmal in der Sichtbarkeit, sind unsere Tage gezählt. Entweder sind wir
in der Lage, ihre Herrschaft kurzfristig zu pulverisieren, oder sie wird
uns ohne Verzögerung zerquetschen.
Die Selbstverteidigung organisieren
Wir leben unter Besatzung, unter polizeilicher Besatzung. Die Razziengegen Sans-Papiers auf offener Strasse, die Zivilstreifen, welche den
Boulevard hoch und runter fahren, die Befriedung von Stadtteilen der
Metropole mittels Techniken, die in den Kolonien geschmiedet wurden,
die Vorträge des Innenministers gegen die »Banden«, die jenen aus dem
Algerienkrieg ähneln, erinnern uns täglich daran. Genügend Motive,
sich nicht mehr zerquetschen zu lassen, in die Selbstverteidigung zu
gehen.
Im Zuge ihres Wachsens und Ausstrahlens wird eine Kommune nach
und nach mit Operationen der Macht konfrontiert, die aufs Korn nehmen,
was sie ausmacht. Diese Gegenangriffe nehmen die Form der Verführung
an, der Vereinahmung und in letzter Instanz jene der rohen
Gewalt.
Die Selbstverteidigung muss eine kollektive Offenkundigkeit
für die Kommunen sein, sowohl praktisch als auch theoretisch. Eine
Festnahme abzuwehren, sich blitzschnell und zahlreich gegen Abschiebungen
oder Räumungen zu versammeln, einen der unseren zu verstecken,
werden in den kommenden Zeiten keine überflüssigen Reflexe
sein. Wir können nicht permanent unsere Stützpunkte wieder aufbauen.
Hören wir auf die Repression zu beklagen, bereiten wir uns darauf vor.
Dies ist keine einfache Sache, denn indem von der Bevölkerung ein
Überschuss an polizeilicher Arbeit erwartet wird – von der Denunziation
über die gelegentliche Beteiligung an Bürgerwehren – verschwinden
die Polizeikräfte in der Masse. Das Passepartout-Modell der polizeilichen
Intervention, auch in aufständischen Situationen, ist nun der
Bulle in zivil.
Die Effizienz der Polizei während der letzten Demos gegen
das CPE ist diesen Zivilen zu verdanken, die sich unter die Menge
mischten, wartend auf den Moment, sich zu enttarnen: mit Gas, Schlagstock,
Gummigeschoss und Festnahme; das Ganze in Koordination mit
den Ordnungsdiensten der Gewerkschaften. Allein die Möglichkeit
ihrer Anwesenheit reicht, den Verdacht unter den Demonstranten zu
wecken: Wer ist wer?, und das Handeln zu lähmen. Ausgehend davon,
dass eine Demonstration nicht ein Mittel ist, sich zu zählen, sondern zu
handeln, müssen wir uns die Mittel aneignen, die Zivilen zu demaskieren,
sie zu verjagen und gegenbenfalls ihnen diejenigen zu entreissen,
die sie versuchen festzunehmen.
Die Polizei ist nicht unbesiegbar auf der Strasse, sie hat nur die Mittel
sich zu organisieren, sich zu trainieren und permanent neue Waffen zu
testen. Im Vergleich werden unsere Waffen immer rudimentär, gebastelt
und oft vor Ort improvisiert sein. Diese geben auf keinen Fall vor
mit deren Feuerkraft zu konkurrieren, sondern zielen darauf ab, sie auf
Distanz zu halten, die Aufmerksamkeit abzulenken, psychologischen
Druck auszuüben oder durch Überraschen eine Bresche zu schlagen
und Terrain zu gewinnen. Offensichtlich reicht die ganze Innovation,
die sich in den Ausbildungszentren zur Stadt-Guerilla der französischen
Gendarmerie entfaltet, nicht aus, und wird wahrscheinlich nie genügen,
um rasch genug auf eine sich bewegende Vielfalt zu reagieren, die vielerorts
gleichzeitig zuschlagen kann und vor allem immer versucht die
Initiative zu behalten.
Die Kommunen sind natürlich verletzbar durch Überwachung und polizeiliche
Ermittlungen, durch Kriminaltechnik und Geheimdienste. Die
Verhaftungswellen von Anarchisten in Italien und Ecowarriors in den
USA wurden durch Abhören ermöglicht. Jede zeitweilige Gewahrsamnahme
veranlasst mittlerweile eine DNA-Entnahme und trägt bei zu
einer immer vollständigeren Datenbank. Ein Hausbesetzer aus Barcelona
wurde gefasst, weil er Fingerabdrücke auf Flugblättern hinterliess, die
er verteilt hatte.
Die Methoden der Datenspeicherung verbessern sich
stetig, vor allem durch die Biometrie. Und sollte der elektronische Ausweis
eingeführt werden, würde dies unsere Aufgabe nur noch komplizieren.
Die Pariser Kommune hatte das Problem der Datenspeicherung
teilweise gelöst: Mit dem Niederbrennen des Ratshauses zerstörten die
Brandstifter die Archive der Zivilverwaltung. Eine Möglichkeit elektronische
Daten auf immer zu zerstören, muss erst noch gefunden werden.
»Garde à vue« bedeutet juristisch, eine Person bis zu drei Tage ›der Polizei zur Verfügung
zu stellen‹. Sie kann auf verschiedenste Gesetzesverstösse angewendet werden,
auch auf Verdacht, und betrifft jährlich 900.000 Menschen.
Aufstand
Die Kommune ist die elementare Einheit der Realität der Partisanen.Eine aufständische Erhebung ist vielleicht nichts anderes als eine Vervielfachung
der Kommunen, ihrer Verbindungen und ihres Zusammenspiels.
Im Lauf der Ereignisse verschmelzen die Kommunen zu
grösseren Einheiten oder splittern sich auf. Zwischen einer Bande von
Brüdern und Schwestern, verbunden »auf Leben und Tod«, und der
Zusammenkunft einer Vielzahl von Gruppen, Komitees und Banden
um die Versorgung und Selbstverteidigung eines Stadtteils, oder sogar
einer aufständischen Region, gibt es nur einen Unterschied im Umfang,
sie sind ununterscheidbar Kommunen.
Jegliche Kommune kann nur zwangsläufig nach Selbstversorgung streben
und in ihrem Innern Geld als etwas Lächerliches und genau gesagt
Deplaziertes empfinden. Die Macht des Geldes besteht darin, eine
Bindung zu schaffen zwischen denen, die ohne Bindung sind, Fremde
als Fremde zu verbinden und dadurch, dass jedes Einzelne als äquivalent
gesetzt wird, alles in Zirkulation zu versetzen. Die Fähigkeit des
Geldes, alles zu verbinden, wird mit der Oberflächlichkeit dieser Verbindung
bezahlt, in der die Lüge zur Regel wird. Der Argwohn ist das
Fundament des Kreditverhältnisses. Die Herrschaft des Geldes muss
deswegen immer die Herrschaft der Kontrolle sein.
Die praktische Abschaffung
des Geldes kann nur durch die Ausweitung der Kommunen
geschehen. Bei der Ausweitung der Kommunen muss jede einzelne der
Sorge Rechnung tragen, eine gewisse Grösse nicht zu überschreiten, eine
Grösse, ab der sie den Kontakt zu sich selbst verliert und damit unweigerlich
eine dominante Kaste ins Leben ruft.
Die Kommune zieht es also
vor, sich aufzuspalten und sich auf diese Weise auszudehnen, wodurch
sie gleichzeitig einem unglücklichem Ende zuvorkommt.
Der Aufstand der algerischen Jugend, der im Frühling 2001 die ganze
Kabylei in Brand setzte, erreichte eine beinahe totale Wiederaneignung
des Terrritoriums, mit Attacken auf Gendarmerieposten, Gerichte und
staatliche Vertretungen, die Unruhen verallgemeinernd, bis zum einseitigen
Rückzug der Ordnungskräfte, bis zum physischen Verhindern der
Wahlen.
Die Stärke der Bewegung lag in der diffusen Komplementarität
unterschiedlicher Komponenten – die nur zu einem kleinen Teil in
den endlosen und hoffnungslos männlichen Versammlungen der Dorfkomitees
und anderer Volkskomitees vertreten waren. Mal trugen die
»Kommunen« des noch immer schwelenden algerischen Aufstands das
Gesicht dieser »gebrannten« Jugendlichen mit Basecap, die vom Dach
eines Gebäudes in Tizi Ouzou Gasflaschen auf die CNS (CRS) warfen,
mal das spöttische Lächeln eines alten, in seinen Burnous gehüllten Maquisards,
und mal die Energie der Frauen eines Bergdorfes, die allen
Umständen zum Trotz den traditionellen Anbau und das Vieh unterhielten,
ohne welche die regionale Wirtschaft nie dermassen wiederholt
und systematisch hätte blockiert werden können.
Aus jeder Krise ein Feuer machen
»Man muss ausserdem hinzufügen, dass nicht die gesamte französischeBevölkerung behandelt werden könnte. Daher gilt es eine Auswahl zu
treffen.« So fasst ein Experte der Virologie am 7. September 2005 in »le
Monde« zusammen, was sich im Falle einer Pandemie der Vogelgrippe
ereignen würde. »Terroristische Bedrohungen«, »Naturkatastrophen«,
»Virenalarm«, »Soziale Bewegungen« und »Städtische Gewalt« sind für
die Verwalter der Gesellschaft gleichermassen Momente der Instabilität,
in denen sie ihre Macht durch die Selektion dessen sichern, was ihnen
gefällt, und durch die Vernichtung dessen, was sie stört.
Dies ist also,
logischerweise, die Gelegenheit für jegliche andere Kraft, sich zu festigen
oder zu verstärken, indem sie dagegen Partei ergreift. Die Unterbrechung
der Warenflüsse, das Aussetzen der Normalität – es genügt sich
anzusehen, was bei einem plötzlichen Stromausfall an sozialem Leben
in ein Gebäude zurückkehrt, um sich vorzustellen, zu was das Leben
werden könnte in einer Stadt, in der alles versagt – und der polizeilichen
Kontrolle, setzen an Möglichkeiten der Selbstorganisierung frei, was
unter anderen Umständen unvorstellbar wäre.
Das ist allen bewusst.
Die revolutionäre Arbeiterbewegung hatte dies wohl verstanden, die
aus den Krisen der bürgerlichen Wirtschaft Höhepunkte ihrer wachsenden
Stärke machte. Heutzutage sind die islamischen Parteien nirgends
so stark wie dort, wo es ihnen gelingt, für die Schwäche des Staates auf
intelligente Art Ersatz zu bieten, zum Beispiel: bei der Einrichtung der
Nothilfe nach dem Erdbeben von Boumerdès in Algerien, oder bei der
alltäglichen Unterstützung der Bevölkerung im Süd-Libanon, der von
der israelischen Armee zerstört wurde.
Wie wir bereits oben erwähnten, hat die Verwüstung von New Orleans
durch den Hurrikan Cathrina einem wesentlichen Teil der nordamerikanischen
anarchistischen Bewegung Gelegenheit gegeben, zu einer
bisher unbekannten Konsistenz zu gelangen, indem sie sich an die Seite
all jener stellte, die sich vor Ort der Zwangsumsiedlung widersetzten.
Die Strassenküchen setzen voraus, sich Gedanken über die Versorgung
gemacht zu haben, die Erste Hilfe verlangt das Aneignen des nötigen
Wissens und Materials, genau wie das Einrichten freier Radios. Das,
was solche Erfahrungen an Freude enthalten, das Überwinden des individuellen
Durchwurstelns, diese greifbare, nicht dem Alltag der Ordnung
und der Arbeit unterworfene Realität, garantiert ihre politische
Fruchtbarkeit.
In einem Land wie Frankreich, wo die radioaktiven Wolken an der
Grenze anhalten, und wo man sich nicht fürchtet ein Krebszentrum auf
dem als Seveso-Zone eingestuften ehemaligen Standort der Fabrik
AZF zu errichten, gilt es weniger, auf die »natürlichen« Krisen zu setzen
als auf die sozialen. Es liegt meist an den sozialen Bewegungen,
den normalen Ablauf des Desasters zu unterbrechen.
Sicher boten die
verschiedenen Streiks der letzten Jahre vor allem der Macht und den
Unternehmensleitungen die Gelegenheit, ihre Fähigkeit zur Bereitstellung
eines immer umfangreicheren »Mindest-Services« zu testen, bis sie
die Arbeitsniederlegung auf die rein symbolischen Dimension reduziert
haben – kaum schädlicher als ein Schneesturm oder ein Selbstmord auf
den Bahngleisen. Aber indem die Kämpfe der Schüler von 2005 und gegen
das CPE die etablierten aktivistischen Praxen der systematischen
Besetzung von Schulen und der hartnäckigen Blockaden auf den Kopf
stellten, haben sie die Fähigkeit zur Störung und zur diffusen Offensive
grosser Bewegungen in Erinnerung gerufen. Mit all den Banden,
die ihrem Kielwasser entsprangen, liessen diese Kämpfe erahnen, unter
welchen Bedingungen Bewegungen zu einem Ort werden, an dem sich
neue Kommunen bilden.
Die Vollversammlungen abschaffen
Als erstes Hindernis, lange noch vor der eigentlichen Polizei, trifft diesoziale Bewegung auf die gewerkschaftlichen Kräfte und all die Mikrobürokratie,
deren Berufung es ist, die Kämpfe einzuhegen. Die Kommunen,
die Basisgruppen, die Banden misstrauen ihnen spontan. Deswegen
haben die Parabürokraten vor zwanzig Jahren die Bündnisse erfunden,
die durch ihre Abwesenheit eines Etiketts einen unschuldigeren
Eindruck machen, aber dadurch nicht weniger das ideale Terrain ihrer
Manöver bleiben. Wenn ein orientierungsloses Kollektiv sich in Autonomie
übt, hören sie nicht auf, es von jeglichem Inhalt zu leeren, indem
sie gute Fragen entschlossen wegwischen.
Sie sind erbittert, sie erregen
sich; nicht aus Leidenschaft für die Debatte, sondern in ihrer Berufung,
sie zu bannen. Und sobald das Kollektiv von ihrer unnachgiebigen Verteidigung
der Apathie überwältigt wurde, erklären sie dessen Scheitern
durch den Mangel an politischem Bewusstsein. Man muss sagen, dass
es den jungen Aktivisten in Frankreich, dank der wahnsinnigen Aktivitäten
der verschiedenen trotzkistischen Sekten, nicht an der Kunst der
politischen Manipulation fehlt. Sie sind es nicht, die aus den Flammen
des November 2005 folgende Lehre zu ziehen wussten: Alle Bündnisse
sind da überflüssig, wo man sich verbündet, die Organisationen sind
immer da zuviel, wo man sich organisiert.
Ein weiterer Reflex ist, bei der kleinsten Bewegung eine Vollversammlung
einzuberufen und abzustimmen. Das ist ein Fehler. Allein, was mit
der Wahl, der Entscheidung zu gewinnen, auf dem Spiel steht, reicht,
die Versammlung in einen Alptraum zu verwandeln, in ein Theater, in
dem sich alle Ansprüche auf die Macht gegenüberstehen. Wir stehen
hier unter dem Einfluss des schlechten Vorbilds der bürgerlichen Parlamente.
Die Versammlung ist nicht für die Entscheidung gemacht, sondern
für das Palaver, für das freie, ziellos ausgeübte Wort.
Das Bedürfnis, sich zu versammeln, ist so konstant bei den Menschen,
wie die Notwendigkeit, Entscheidungen zu fällen selten ist. Sich zu
versammeln entspricht der Freude, eine gemeinsame Stärke zu erleben.
Entscheiden ist nur in Notsituationen lebenswichtig, wo die Ausübung
der Demokratie ohnehin fraglich ist. In der restlichen Zeit besteht das
Problem des »demokratischen Charakters des Entscheidungsprozesses«
nur für Fanatiker der Prozedur. Es geht nicht darum, die Versammlungen
zu kritisieren oder sich von ihnen abzuwenden, sondern in ihnen die
Worte, die Gesten und Spiele zwischen den Wesen zu befreien. Es reicht
zu erkennen, dass jeder nicht nur mit einem Standpunkt, einem Antrag,
sondern mit Wünschen, Verbundenheit, Fähigkeiten, Stärken, Traurigkeiten,
und einer gewissen Verfügbarkeit dorthin kommt.
Sollte es nun
gelingen, das Hirngespinst der Vollversammlung zu zerreissen, zugunsten
einer Versammlung der Anwesenheiten, wenn es gelingt, der immer
wieder auflebenden Versuchung der Hegemonie zu widerstehen, wenn
wir aufhören, uns auf die Entscheidung als Zweck festzulegen, dann
gibt es einige Chancen, dass sich eine dieser kritischen Massen ergibt,
eines jener Phänomene der kollektiven Kristallisation, in der eine Entscheidung
die Wesen ergreift, in ihrer Gesamtheit oder nur zum Teil.
Das Gleiche gilt bei der Entscheidung über Aktionen. Vom Prinzip
auszugehen, dass »sich der Verlauf einer Versammlung an der Aktion
ausrichten soll«, verunmöglicht sowohl das Aufwallen der Debatte
wie die effiziente Aktion. Eine Versammlung von zahlreichen Fremden
verdammt sich dazu, Spezialisten der Aktion zu schaffen, was bedeutet,
die Aktion zugunsten ihrer Kontrolle zu vernachlässigen. Auf der einen
Seite sind die Beauftragten per Definition in ihrer Aktion eingeschränkt,
auf der anderen Seite hindert sie nichts daran, alle zu bevormunden.
Es geht nicht darum, der Aktion eine ideale Form zuzuweisen. Hauptsache,
die Aktion gibt sich eine Form, bringt diese hervor und ordnet
sich ihr nicht unter. Dies setzt voraus, eine gleiche politische, geographische
Position zu teilen – wie einst die Sektionen der Pariser
Kommune während der Französischen Revolution – sowie ein gleiches,
zirkulierendes Wissen.
Geht es darum, über Aktionen zu entscheiden,
so könnte das Prinzip lauten: Jeder holt eigene Erkundungen ein, die
Übereinstimmung der Nachrichten wird geprüft, und die Entscheidung
wird von alleine kommen, ergreift uns mehr, als wir sie ergreifen. Die
Zirkulation des Wissens hebt die Hierarchie auf, sie gleicht alles von
oben an. Horizontale, um sich greifende Kommunikation, dies ist auch
die beste Form, die verschiedenen Kommunen zu koordinieren, um sich
von der Hegemonie zu verabschieden.
Die Wirtschaft blockieren, aber unsere Stärke zu blockieren an unserem Niveau
der Selbstorganisierung messen.
Ende Juni 2006 mehren sich im ganzen Staat von Oaxaca die Besetzungen
der Rathäuser, die Aufständischen besetzen öffentliche Gebäude. In einigen
Gemeinden vertreiben sie die Bürgermeister und beschlagnahmen
die offiziellen Fahrzeuge. Einen Monat später sind die Zugänge zu gewissen
Hotels und Tourismuskomplexen blockiert. Der Tourismusminister
spricht von einer »mit dem Hurrikan Wilma vergleichbaren« Katastrophe.
Einige Jahre zuvor war die Blockade zu einer der wichtigsten
Aktionsformen der argentinischen Bewegung der Revolte geworden,
dabei unterstützten sich die verschiedenen lokalen Gruppen gegenseitig,
indem sie diese oder jene Verkehrsachse blockierten, und durch
ihre gemeinsame Aktion ständig drohten, das gesamte Land zu lähmen,
sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Eine derartige Drohung
war lange Zeit ein kraftvoller Hebel in den Händen der Bahnarbeiter,
Gasarbeiter, Elektriker und Lastwagenfahrer. Die Bewegung gegen das
CPE zögerte nicht Bahnhöfe, Ringstrassen, Fabriken, Autobahnen, Supermärkte
und sogar Flughäfen zu blockieren.
In Rennes bedurfte es
nicht mehr als dreihundert Personen, um die Umgehungsstrasse für
Stunden lahmzulegen und vierzig Kilometer Stau zu verursachen.
Alles blockieren ist deshalb der erste Reflex all dessen, was sich gegen
die gegenwärtige Ordnung richtet.
In einer ausgelagerten Wirtschaft, in
der die Unternehmen »Just in time« funktionieren, wo der Wert sich aus
ihrer Verbindung zum Netzwerk herleitet, wo die Autobahnen Glieder
der entmaterialisierten Produktionskette sind, die von Subunternehmer
zu Subunternehmer und von da zur Montagefabrik gehen, heisst die
Produktion zu blockieren ebenso die Zirkulation zu blockieren.
Aber es kann nicht darum gehen, mehr zu blockieren, als es die Fähigkeit
zur Versorgung und Kommunikation der Aufständischen, die tatsächliche
Selbstorganisierung der verschiedenen Kommunen erlaubt.
Wie können wir uns ernähren, wenn alles lahmgelegt ist? Die Geschäfte
zu plündern, wie dies in Argentinien gemacht wurde, hat seine Grenzen;
so gewaltig die Konsumtempel auch sind, sie sind keine unerschöpfliche
Vorratskammer. Auf Dauer die Fähigkeit zu erlangen, sich
seine grundlegende Versorgung selbst zu schaffen, bedingt also, sich
die Mittel ihrer Produktion anzueignen. Und an diesem Punkt scheint
es wohl unnötig, noch länger zu warten. Zwei Prozent der Bevölkerung
die Nahrungsmittelproduktion für alle anderen zu überantworten, wie
es heute geschieht, ist historischer sowie strategischer Unsinn.
Das Territorium von der polizeilichen Besatzung befreien.
Soweit möglich die direkte Konfrontation vermeiden.
»Diese Geschichte macht klar, dass wir es hier nicht mit Jugendlichen zu
tun haben, die ein Mehr an Sozialem fordern, sondern mit Individuen,
die der Republik den Krieg erklären«, bemerkte ein hellsichtiger Bulle
angesichts der kürzlich gelegten Hinterhalte.
Die Offensive zur Befreiung
des Territoriums von seiner polizeilichen Besatzung hat bereits
angefangen, und kann auf die unerschöpflichen Reserven von Ressentiments
zählen, welche diese Kräfte gegen sich gesammelt haben. In den
»sozialen Bewegungen« selbst verbreitet sich nach und nach die Revolte,
ebenso wie unter den Feiernden in Rennes, die im Jahr 2005 jeden Donnerstagabend
der CRS gegenüber traten, oder jene in Barcelona, welche
jüngst anlässlich eines Botellons eine der kommerziellen Arterien der
Stadt verwüsteten.
Die CPE-Bewegung hat die regelmässige Rückkehr
des Molotov Cocktails erlebt. Aber in diesem Punkt bleiben einige Banlieues
unübertroffen. Vor allem in der Technik, die sich schon seit langem
hält: der Hinterhalt. Wie der vom 13. Oktober 2006, in Epinay: Eine
Einsatzgruppe der BAC fährt um 23 Uhr nach einem Anruf wegen Diebstahls
aus einem Auto umher; bei ihrer Ankunft fand sich eine der Einsatzgruppen
blockiert »von zwei quer über die Strasse stehenden Fahrzeugen
[...] und von mehr als dreissig Individuen, mit Eisenstangen und
Handfeuerwaffen ausgerüstet, die Steine auf das Fahrzeug warfen und
Tränengas gegen die Polizisten einsetzten«.
In kleinerem Massstab denkt
man an die Stadtteil-Polizeiwachen, die ausserhalb der Öffnungszeiten
angegriffen werden: Eingeschlagene Scheiben, abgefackelte Autos.
Eine der Errungenschaften der letzten Bewegungen ist, dass eine echte
Demonstration eine »wilde« ist, ohne Anmeldung bei der Präfektur.
Was die Wahl des Terrains anbelangt, täten wir gut daran, uns ein Beispiel
am Schwarzen Block 2001 in Genua zu nehmen, die roten Zonen
zu umgehen, die direkte Konfrontation zu fliehen und, in Entscheidung
des Weges, die Bullen zum Laufen zu bringen, statt von ihnen zum Laufen
gebracht zu werden – vor allem die der Gewerkschaften, vor allem
die der Pazifisten.
Es hat sich gezeigt, dass es tausend Entschlossenen
gelingen kann, ganze Wannen der Carabinieri zurückzudrängen, um sie
schliesslich in Brand zu stecken. Wichtig ist nicht, der besser Bewaffnete
zu sein, sondern die Initiative zu ergreifen. Der Mut ist nichts, das Vertrauen
in den eigenen Mut alles. Die Initiative ergreifen und beitragen.
Nach der Wahl von Sarkozy wurden in der Pariser Blanlieue immer wieder Polizeifahrzeuge,
aber auch viele Linienbusse in Hinterhalte gelockt und angezündet.
Alles anstacheln, dennoch, die direkte Konfrontation als Punkte der Fixierung
der gegnerischen Kräfte erlaubt es, abzuwarten und woanders
anzugreifen – auch ganz nah. Dass man nicht verhindern kann, dass eine
Konfrontation stattfindet, verbietet nicht, sie als einfache Ablenkung zu
nutzen. Noch mehr als um die Aktionen muss man sich um ihre Koordination
kümmern.
Die Polizei zu belästigen, heisst so zu handeln, dass
sie, indem sie überall präsent ist, nirgendwo mehr effizient ist.
Jeder Akt der Belästigung belebt die 1842 ausgesprochene Wahrheit
wieder: »Das Leben des Polizeibeamten ist peinlich; seine Position inmitten
der Gesellschaft ist genauso erniedrigend und verachtet wie das
Verbrechen selbst. […]
Die Scham und die Infamie umschliessen ihn von
allen Seiten, die Gesellschaft verjagt ihn aus ihrem Innern, isoliert ihn
wie einen Paria, speit ihm ihre Missachtung mit seinem Lohn entgegen,
ohne Reue, ohne Bedauern, ohne Mitleid, […] der Polizeiausweis in seiner
Tasche ist ein Zeugnis der Schande.«
Am 21. November 2006 haben
demonstrierende Feurwehrmänner die CRS mit Hammerschlägen angegriffen
und fünfzehn von ihnen verletzt. Dies, um in Erinnerung zu
rufen, dass die »Berufung zum Helfen« nie eine gültige Entschuldigung
dafür sein wird, die Polizei mit einzubinden.
Bewaffnet sein. Alles daran setzen, die Nutzung der Waffen überflüssig zu
machen. Gegen die Armee ist der Sieg politisch.
Es gibt keinen friedlichen Aufstand. Waffen sind notwendig: Es geht
darum, alles daran zu setzen, ihre Nutzung überflüssig zu machen. Ein
Aufstand ist vielmehr ein Griff zu den Waffen, eine »bewaffnete Permanenz« als ein Schritt in den bewaffneten Kampf.
Wir haben alles Interesse
daran, die Bewaffnung von der Nutzung der Waffen zu unterscheiden.
Die Waffen sind eine revolutionäre Konstante, auch wenn ihre
Nutzung selten war, oder selten entscheidend war, in den Momenten
grosser Umwälzungen: Der 10. August 1792, der 18. März 1871, Oktober
1917. Wenn die Macht in der Gosse liegt, genügt es, sie zu zertreten.
In der Distanz, die uns von ihnen trennt, haben Waffen jenen doppelten
Charakter von Faszination und Abscheu angenommen, der nur durch
ihre Handhabung überwunden werden kann.
Ein authentischer Pazifismus
kann nicht in der Ablehnung der Waffen bestehen, sondern in der
ihrer Nutzung. Pazifist zu sein, ohne feuern zu können, ist nur die Theoretisierung
einer Ohnmacht.
Dieser Pazifismus a priori entspricht einer
Art präventiver Entwaffnung, er ist eine rein polizeiliche Operation. In
Wahrheit stellt sich die Frage des Pazifismus ernsthaft nur für den, der
die Macht hat zu feuern. Und in diesem Fall wäre der Pazifismus im
Gegenteil ein Zeichen der Stärke, denn nur aus einer Position extremer
Stärke heraus ist man von der Notwendigkeit zu feuern befreit.
Von einem strategischen Blickpunkt erscheint die indirekte, asymmetrische
Aktion die lohnendste, die der Epoche am besten angepasste:
Man greift eine Besatzungsarmee nicht frontal an. Auch wenn die Perspektive
einer Stadtguerilla wie im Irak, die sich ohne Möglichkeit zur
Offensive eingräbt, mehr zu fürchten als zu wünschen ist. Die Militarisierung
des Bürgerkriegs ist das Scheitern des Aufstands.
Die Roten
mögen 1921 triumphieren, die Russische Revolution ist bereits verloren.
Wir müssen zwei Formen staatlicher Reaktion in Betracht ziehen. Eine
der klaren Feindseligkeit, die andere heimtückischer, demokratisch.
Die erste, zur wortlosen Zerstörung aufrufend, die zweite, von einer
subtilen, aber erbarmungslosen Feindseligkeit: Sie wartet nur darauf,
uns einzuziehen.
Man kann von der Diktatur besiegt werden oder von
der Tatsache, darauf reduziert zu sein, sich gegen nichts anderes als die
Diktatur zu wehren. Die Niederlage besteht ebenso im Verlieren eines
Kriegs wie im Verlust der Wahl des zu führenden Krieges. Beides bleibt
möglich, wie Spanien 1936 beweist: Durch den Faschismus und durch
die Republik wurden die Revolutionäre doppelt besiegt.
Wenn die Sache ernst wird, besetzt die Armee das Territorium. Ihr Einsatz
scheint weniger offenkundig. Dafür bräuchte es einen zu einem
Blutbad entschlossenen Staat, was nur als Drohung aktuell ist, in etwa
wie der Einsatz von Atomwaffen seit einem halben Jahrhundert. Aber
es bleibt dabei, die seit langem verletzte staatliche Bestie ist gefährlich.
Es bleibt dabei, dass es gegenüber einer Armee einer zahlreichen Menschenmenge
bedarf, welche die Ränge durchdringt, sich verbrüdert. Es
braucht den 18. März 1871.
Die Armee in den Strassen ist eine aufständische
Situation. Die Armee im Einsatz ist das sich beschleunigende
Ende. Jeder ist aufgefordert Position zu beziehen, sich zu entscheiden
für die Anarchie oder die Angst vor der Anarchie. Ein Aufstand triumphiert
als politische Kraft. Politisch ist es nicht unmöglich, eine Armee
zu besiegen.
Die Autoritäten lokal absetzen
Die Frage, die sich einem Aufstand stellt, ist es, sich unumkehrbar zumachen. Die Unumkehrbarkeit ist erreicht, wenn gleichzeitig mit den
Autoritäten auch der Bedarf nach Autorität besiegt wird, gleichzeitig
mit dem Eigentum auch die Lust nach Aneignung, gleichzeitig mit der
Hegemonie auch das Streben nach Hegemonie. Deswegen trägt der aufständische
Prozess die Form seines Sieges oder seines Scheiterns in sich
selbst. Im Hinblick auf die Unumkehrbarkeit reichte die Zerstörung nie
aus. Alles liegt im Wie.
Es gibt Arten der Zerstörung, die unweigerlich
die Rückkehr dessen hervorrufen, was man vernichtet hat. Wer sich im
Kadaver einer Ordnung verbeisst, stellt sicher, dass die Berufung geweckt
wird, sie zu rächen. Deshalb gilt es überall, wo die Wirtschaft
blockiert und die Polizei neutralisiert ist, so wenig Pathos wie möglich
in den Umsturz der Autoritäten zu legen. Sie sind mit bedingungsloser
Frechheit und Spott abzusetzen.
Der Dezentralisierung der Macht entspricht in dieser Epoche das Ende
der revolutionären Zentralitäten. Winterpaläste gibt es wohl immer
noch, sie werden aber vielmehr Ziel des Sturms von Touristen als von
Aufständischen. Paris, Rom oder Buenos Aires können heutzutage eingenommen
werden, ohne damit eine Entscheidung zu erringen.
Die
Einnahme Rungis hätte sicher mehr Auswirkungen als die des Elysée
Palastes. Die Macht konzentriert sich nicht mehr an einem Punkt der
Welt, sie selbst ist diese Welt, ihre Flüsse und Strassen, ihre Menschen
und Normen, ihre Codes und Technologien. Die Macht ist die Organisation
der Metropole selbst. Sie ist die makellose Totalität der Warenwelt
in all ihren Punkten. Wer sie lokal besiegt, produziert quer durch
die Netzwerke eine planetare Schockwelle.
Clichy-sous-Bois.Foto: Bistoukeight (CC BY 3.0 cropped)
gesorgt, während die Aufständischen von Oaxaca Komplizen im
Herzen von Paris gefunden haben. Für Frankreich bedeutet der Verlust
der Zentralität der Macht das Ende der revolutionären Zentralität von
Paris. Dies wird von jeder neuen Bewegung seit den Streiks von 1995
bestätigt.
Die gewagtesten, die konsistentesten Handlungen tauchen
dort nicht mehr auf. Schliesslich hebt sich Paris nur noch als blosses Ziel
von Razzien, als pures Terrain der Plünderung und der Verwüstung ab.
Kurze und brutale Einfälle von ausserhalb, die sich daran machen, die
metropolitanen Flüsse am Punkt maximaler Dichte anzugreifen. Spuren
der Wut, welche die Wüste dieses künstlichen Überflusses durchziehen
und sich verlieren. Ein Tag wird kommen, an dem dieses fürchterliche
Konzentrat der Macht, die Hauptstadt, in grossem Stil zerfallen sein
wird, dies aber im Abschluss eines Prozesses, der überall sonst schon
weiter fortgeschritten sein wird als dort.
Alle Macht den Kommunen
In der Metro ist keine Spur mehr zu finden vom Schleier der Befangenheit, derüblichweise die Gesten der Passagiere hemmt. Die Fremden reden miteinander,
sie sprechen sich nicht mehr an. Eine Bande im geheimer Absprache an einer
Strassenecke. Grössere Zusammenkünfte auf den Hauptstrassen, die ernstlich
diskutieren.
Die Angriffe antworten aufeinander von einer Stadt zur andern,
von einem Tag zum andern. Eine weitere Kaserne wurde geplündert und niedergebrannt.
Die Bewohner eines geräumten Wohnheims haben die Verhandlungen
mit dem Rathaus abgebrochen: sie wohnen dort.
In einer Anwandlung
von Klarheit erstarrt ein Manager inmitten einer Sitzung einer Handvoll Kollegen.
Akten mit den persönlichen Adressen aller Polizisten und Gendarmen
sowie der Angestellten des Strafvollzugs sickern durch und haben zu einer bislang
unbekannten Welle überstürzter Umzüge geführt. In die alte Épicerie-Bar
des Dorfes wird der produzierte Überschuss gebracht und geholt, was uns fehlt.
Dort trifft man sich auch, um zu diskutieren, über die allgemeine Situation und
das notwendige Material für die Werkstatt. Das Radio informiert die Aufständischen
über den Rückzug der Regierungstruppen. Eine Granate hat gerade
eben die Mauer des Gefängnisses Clairveaux aufgerissen. Unmöglich zu sagen,
ob ein Monat oder Jahre vergangen sind, seit die »Ereignisse« begonnen haben.
Der Premierminister mit seinen Mahnungen zur Ruhe scheint ziemlich alleine
dazustehen.
Ein Aufstand, wir können uns nicht mal mehr
vorstellen, wo er beginnt. Sechzig Jahre der Befriedung,
ausgesetzter historischer Umwälzungen,
sechzig Jahre demokratischer Anästhesie und Verwaltung
der Ereignisse haben in uns eine gewisse
abrupte Wahrnehmung des Realen geschwächt,
den parteilichen Sinn für den laufenden Krieg. Es
ist diese Wahrnehmung, die wir wiedererlangen
müssen, um zu beginnen.


