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Hans-Peter Martin: Game Over Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Sachliteratur

Hans-Peter Martin schrieb mit „Bittere Pillen“ und „Die Globalisierungsfalle“ Bestseller. Jetzt legte er mit einer Analyse zum Systemcrash nach: „Game over“. Eine Rezension.

HansPeter Martin: Game Over.
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Bild: Hans-Peter Martin: Game Over. Penguin, München, 2018. / © Penguin / Verlagsgruppe Random House (CC BY-SA 3.0 cropped)

9. November 2018

9. Nov. 2018

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Wer ist noch nicht über die Titel „Bittere Pillen“ oder die „Globalisierungsfalle“ gestolpert? Es waren Bestseller, die sich ihren Erfolg nicht durch billige Strategien erkauft hatten, sondern die glänzten durch das seltene Extrakt von Substanz und Lesbarkeit.

Der Österreicher Hans-Peter Martin [1] ist ein international erfahrener Mann. Er kennt Länder und ihre Institutionen, er kennt supranationale Konzepte wie die EU und ihm ist das Leben derer, für die in der Regel entschieden wird, nicht fremd.

Nun, in der Zeit des großen Wandels, legt er ein neues Buch vor, das an Brisanz kaum zu überbieten ist: Game over.

Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle: Unter diesem zuspitzenden Titel hat er im wahren Sinne des Wortes zugeschlagen. Es geht um das Fazit einer bereits vor Jahrzehnten begonnen Entwicklung und den Ausblick, den die heutige Situation liefert.

Wie im Titel angedeutet, widmet sich Martin in Game over drei wesentlichen Themenkomplexen: Der sozialen Entwicklung in den Ländern, in denen der Neoliberalismus alles dominierte, dem Zustand des in diesen Ländern herrschenden demokratischen Systems und der großen Enttäuschung, die das längst überwunden geglaubte Zeitalter des Nationalismus wieder aufleben lässt. Auch das ist eine bittere Pille, vor allem für jene, die die politische Verantwortung tragen, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Was jedes neue Bulletin über die soziale Entwicklung der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaften bestätigt, nämlich die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in superreich und bettelarm, wird in dem Buch nicht nur präzise zusammengefasst, sondern auch auf seine Ursache hin untersucht.

Wir kennen das alles, das ideologische Feuerwerk des Wirtschaftsliberalismus: Niedrige Steuern, Deregulierung, Privatisierung et cetera, es wurde bis zum Erbrechen und in tausendfältiger Variation wiederholt.

Entscheidend ist, ungeschminkt darauf hinzuweisen, dass die soziale wie die politische Krise aus den Resultaten dieser Ideologie erwachsen ist.

Die Entwesung der staatlichen Institutionen wiederum ist es, die zu einer zunächst großen Ernüchterung und dann zu einem fulminanten Anwachsen der Zorndepots bei jenen geführt hat, die gerne als die vom Tempo der Globalisierung Abgehängten bezeichnet, die jedoch schlichtweg nur betrogen wurden. Im Sinne ihres tatsächlichen Mitspracherechts und hinsichtlich ihres Anteils an den Gemeinkosten der Gesellschaft.

Martin legt den Finger auf die Wunde: wer mit moralischen Werten argumentiert, wenn es um bloße Abkoche geht, zerstört die demokratische Legitimation nachhaltig.

Dass der Trend nun, nach den großen, gescheiterten Experimenten des XX. Jahrhunderts Richtung sozialer Emanzipation in die ebenfalls gescheiterte Epoche des Nationalismus geht, ist bedauerlich. Und dass diejenigen, die nun noch aus dem Kalkül eines Denkzettels dem Neonationalismus folgen genauso betrogen aufwachen, wie bisher, macht die Lage nicht erfreulicher. Der Autor ist beim Ausblick auf die Zukunft skeptisch, was die Resilienz der demokratischen Systeme anbetrifft.

In einem kurzen Exposé am Schluss des faltenreichen Buches wagt Hans-Peter Martin dennoch einen Ausblick auf die Zeit nach dem Debakel, oder vielleicht auch noch auf das Jetzt. Mit Aktionen und Konzepten, über die wir alle schleunigst nachdenken sollten.

Sein Appell ist die Politisierung aller, seine Maßnahmenvorschläge sind vielfältig. Einer hat mir persönlich sehr gut gefallen: Die Visumspflicht für Superreiche. Nur, wer nachweisen kann, dass er alle seine Vermögenswerte ordentlich versteuert hat, darf in Zukunft noch legal reisen. Das wäre ein schöner Anfang! Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

Gerhard Mersmann
neue-debatte.com

Hans-Peter Martin: Game Over. Penguin Verlag, München 2018. 384 Seiten, ca. 32.00 SFr. ISBN: 978-3328600237

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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