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Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche | Untergrund-Blättle

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Originaltitel - Post Office Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche

Belletristik

«Der Mann mit der Ledertasche» ist ein autobiografischer Roman und Henry Chinaski kein anderer als Charles Bukowski. Das "Pseudonym" behielt er auch später u.a. in der Fortsetzung «Das Liebesleben» der Hyäne bei.

Bukowski Tavern, New York.
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Bild: Bukowski Tavern, New York. / raketentim - (CC BY-SA 2.0 cropped)

5. März 2018

5. Mär. 2018

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Henry Chinaski übernimmt Mitte der Fünfzigerjahre einen Job als Aushilfsbriefträger. Ein Säufer hatte ihm erzählt, das sei eine leichte Arbeit. Und die ersten Tage als Weihnachtsaushilfe beginnen recht angenehm.

«Aber ich sagte mir immer wieder, Herr Gott, als Briefträger braucht man nichts anderes zu tun, als seine Briefe abzuliefern und mit der Hausfrau ins Bett zu steigen. Genau der richtige Job für mich, o ja ja ja. — Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche» (Eins,1)

Mit der Versetzung ans Oakford-Postamt endet die leichte Arbeit. Schwierige Routen, unmögliche Zeitvorgaben, Unmengen an Versandgut und ein rücksichtsloser Aufseher: Jonstone. Als sich Chinaski über Jonstone – mittels eines 30-seitigen Berichts – beschwert, wird es noch schlimmer. Jonstone nutzt jede Gelegenheit, Henry das Leben zur Hölle zu machen. Chinaski lässt sich nicht unterkriegen. Sein Alltag bleibt gleich: Lange, harte Arbeit, saufen, verkatert in die Arbeit. Nach drei Jahren erlangt Chinaski den Status eines "Regulären".

«Aber irgendwie war ich nicht glücklich. Ich war kein Mensch, der sich bewusst Schmerzen bereitet, die Arbeit war immer noch schwierig genug, aber irgendwie fehlte der Glanz der alten Tage, als ich noch Aushilfe war – als ich nie wusste, was, zum Teufel, wohl als nächstes passieren würde.» — Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche (Eins,17)

Schliesslich schmeisst Chinaski den Job doch hin. Eine längere Glückssträhne bei den Pferdewetten hält ihn finanziell über Wasser. Doch nachdem seine Lebensgefährtin Betty – die Liebe seines Lebens – selbst eine Büroarbeit annimmt, stört sie Henrys Übermass an Freizeit und sein Hang zu anderen Frauen. Die Beziehung scheitert und Henry zieht weiter.

Bald darauf lernt Chinaski die deutlich jüngere Joyce kennen: ein Mädchen vom Lande, aus einer reichen, texanischen Familie. Sie mieten ein kleines Haus am Lande. Aber Joyce will der Familie beweisen, dass sie nicht auf deren Geld angewiesen sind, und sie ziehen in die Grossstadt zurück.

»Baby, du gehst nicht mehr in den Kindergarten. Jeder Idiot kann irgendwie Arbeit finden; nur ein weiser Mann schafft es, sich ohne Arbeit durchzuschlagen. Hier draussen nennt man so etwas einen Lebenskünstler. Ich möchte es als Lebenskünstler zu etwas bringen.« — Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche (Zwei,5)

Henrys Einwände punkten nicht. Neu eingekleidet und mit einem neuen Plymouth ausgestattet findet Chinaski eine leichte Arbeit in einem Antiquitätenladen. Dennoch erträgt er den Alltag nicht und muss ihn allabendlich ersäufen.

Chinaski wechselt wieder zur Post. Allerdings nicht als Zusteller, sondern in den Innendienst: Körbe mit Briefen und Postwurfsendungen in festgelegten Zeiten (stehend) sortieren, Tabellen mit Zustellbezirken auswendig lernen, … In internen Rundschreiben und Bestimmungen ist zwar stets von Stolz des Öffentlichen Dienstes die Rede und auch der Patriotismus wird (mitten im Kalten Krieg) zur Motivation der Postangestellten bemüht – »Jeder Brief, den Sie zusätzlich zu der vorgeschriebenen Anzahl verteilen, trägt dazu bei, die Russen zu besiegen!«. Doch all die hehren Worte zählen so wenig wie der einzelne Mensch: Allein die Vorgaben zählen, egal wieviele Angestellte daran zerbrechen. Binnen kurzer Zeit bleiben von den hunderten Anfängern nur einige wenige übrig, die – wie Chinaski – versuchen, sich weiterhin durchzubeissen.

Joyce findet Arbeit bei der Polizei. Ihre Beziehung scheitert langsam – letztlich weil sie auf einen Bürokollegen reinfällt.

Bald darauf trifft Henry Betty wieder, der es mittlerweile ziemlich schlecht ergangen ist, doch es ist nicht mehr wie früher. Wenige Tage nach Weihnachten säuft sich Betty in ihrer Wohnung zu Tode.

Chinaskis nächste (längere) Beziehung ist die mit Fay – die aus Protest gegen den Krieg stets Schwarz trägt. Ihre Ambitionen, die Welt zu retten, teilt Henry nicht; ihm würde es genügen, würde sie ihn retten. Recht bald nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Marina Lousie zieht Fay mit dem Kind in eine Hippie-Kommune in New Mexico.

Die Rassenunruhen in Los Angeles machen Chinaski weniger zu schaffen als die Postverwaltung. Die internen Verfahren gegen ihn mehren sich und das Alter macht sich bei Chinaski bemerkbar.

«So weit war ich nun also, Schwindelanfälle und Schmerzen in den Armen, im Nacken, in der Brust, überall. Ich schlief den ganzen Tag, um mich für den Job auszuruhen. Am Wochenende musste ich trinken, um alles zu vergessen. Damals am Anfang wog ich 84 Kilo. Jetzt wog ich 101 Kilo. Das einzige, was man bewegte, war der rechte Arm. — Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche» (Sechs,2)

Nach über 11 Jahren wirft Chinaski den Job bei der Post endgültig hin. Die neugewonnene Freiheit ist aber in Wahrheit in tiefes Loch, in das Henry fällt und mit exzessivem Saufen auffüllt. Am Rande des Selbstmords angelangt, hält ihn nur der Gedanke an seine Tochter am Leben.

«Am nächsten Morgen war die Nacht vorbei, und ich war noch am Leben. Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich. Und dann schrieb ich ihn.» — Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche (Sechs,9)

Kritik

Der Mann mit der Ledertasche ist ein (zum Grossteil) autobiografischer Roman und Henry Chinaski kein anderer als Charles Bukowski (1920–1994). (Das "Pseudonym" behielt er auch später u.a. in der Fortsetzung Das Liebesleben der Hyäne bei.)

Es ist das Leben eines Aussenseiters und eines Einzelgängers, der sich doch nach menschlicher Wärme sehnt und den das Unglück anderer rührt, obwohl er weder Menschenfreund noch Weltverbesserer ist. Bukowski schildert in seinem 1. Roman das Scheitern des Einzelnen in einer unmenschlichen Gesellschaft – ohne Pathos und Romantik. Einsame Menschen, die sich verzweifelt an andere, an Haustiere oder an die Flasche klammern.

Berühmt gemacht hat Bukowski vorallem auch seine überaus reduzierte und derb-realistische Sprache: "Saufen" ist "Saufen", "Ficken" ist "Ficken", "Kotzen" ist "Kotzen", … Nichts wird beschönigend umschrieben oder ausgelassen. Die Sprache ist die Alltagssprache, ob in direkter oder indirekter Rede, und so brutal wie das Leben, das Bukowski beschrieben hat.

Stefan Aigner
www.stefan.cc

Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche. KiWi-Taschenbuch 2004. 432 Seiten, ca. 14.00 SFr, ISBN 978-3462034301

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