B. Traven - Die weisse Rose

Buchkritik

Der deutsche Autor, der in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert ist, beschreibt in diesem aufwühlenden Roman mit seiner ihm eigentümlichen Empathie die Zerstörung der harmonischen Idylle einer indianischen Grossfarm in der Mitte von Mexiko.

 

Mit seiner eindringlichen Erzählkunst zwingt Traven den Leser zur Anteilnahme an dem Schicksal der Hazienda mit dem symbolischen Namen "Die weisse Rose".

 

Der Verwalter dieser Grosskommune, Jacinto Yañez, dessen Vorfahren seit Jahrhunderten dieses Stück Land bewirtschaften, versucht stoisch und mit grosser Hingabe die Angriffe eines US-Ölkonzerns abzuwenden, der es darauf abgesehen hat, das hübsche Kleinod in ein Förderungsgebiet zu verwandeln.

Sein Gegenspieler in diesem Krieg um Rohstoffe ist der habgierige Chef der Condor Oil Company, Collins, ein hedonistischer und skrupelloser Wirtschaftskapitän, der es gewohnt ist, mit seiner grossspurigen Art und Weise die Menschen für sich und seine Sache zu gewinnen, will heissen zu kaufen, oder diese ohne jegliches Mitgefühl zu vernichten.

Imperialimus der ersten Stunde

An diesem Punkt der Geschichte treffen die mikrokosmotische Welt der mexikanischen Gemeinschaft, die zu keinem noch so hohen Preis bereit ist, ihr kleines Paradies zu verkaufen, auf den Makrokosmos eines US-amerikanischen Grosskonzerns der es sprichwörtlich gewohnt ist, über dutzende von Leichen zu gehen.

Wer nun aber erwartet, dass Traven, der selbst jahrzehntelang in Mittel- und Lateinamerika gelebt hatte, wie so oft in seinen Büchern, sein Hauptaugenmerk auf die Romantik der ursprünglichen Lebensweise der mexikanischen Indianer fernab der modernen Lebensweise legt, der hat sich in diesem Fall geirrt. Vielmehr fokussiert er den Hauptstrang der Geschichte auf die Lebensart und Denkweise des übermächtigen Konzernbosses der Ölkompanie.

Er erzählt ungeschminkt und brutal realistisch den Werdegang und Aufstieg des kleinen Versicherungsangestellten Collins zum Ölmagnaten. Durch ungebremsten Ehrgeiz und kaufmännisches Talent arbeitet sich dieser durch die verschieden Etagen der US-Economy bis zum Chef von zehntausenden von Arbeitern empor.

 

Der Durchbruch gelingt ihm interessanterweise mit einer gut vorbereiteten Börsenspekulation, die eine jahrelange Wirtschaftsdepression nach sich zieht. Die Opfer, die durch diesen Finanztransfer auf der Strecke bleiben, (Börsenspekulanten die Selbstmord begehen, Arbeiter die Haus und Familie verlieren oder Gewerkschaftsaktivisten, die bei den darauf folgenden Streiks erschossen oder zu Krüppeln geschlagen werden) interessieren die Gewinner naturgemäss in keiner Weise.

Die bösen Mächte siegen

Die hedonistische Lebensweise des Ölmagnaten Collins, der sich nach dem Aufstieg mehrere Liebhaberinnen hält und dem kein Genuss zu teuer ist, zwingen ihn jedoch, immer mehr Ölfelder zu erschliessen um sich seinen ausschweifenden Lebensstil weiterhin finanzieren zu können.

Mit einem raffinierten Plan lockt er den Haziendero Yañez von seiner Farm weg in die grosse Stadt, lässt ihn dort ermorden, fälscht seine Unterschrift und täuscht so mit einem fingierten Kaufvertrag die Übergabe der Rosa Blanca in den Besitz seiner Ölkompanie vor. Die Nachforschungen eines misstrauisch gewordenen mexikanischen Gouverneurs werden durch die Wirren eines konterrevolutionären Aufstandes zu Nichte gemacht und verlaufen so im Sande.

 

Die Condor Oil Company lässt die noch ansässigen Indianer von der Hazienda der weissen Rose vertreiben und verwandelt das kleine Fleckchen Paradies durch das Beginnen der Ölförderung in ein schmieriges und schmutziges Stück Industrieland.

Erschreckend zeitloses Meisterwerk das nach mehrmaligem Durchlesen nichts von seiner Dringlichkeit einbüsst.

 

 

 

Ricardo Tristano