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Drei Notizen zu Michel Foucault Wer macht die Macht?

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Am 25. Juni 1984, starb Michel Foucault, der wohl einflussreichste Theoretiker der postkommunistischen Linken.

Kaltes Quadrat – BonnInstallation am Eingang zur Bundeskunsthalle.
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Bild: Kaltes Quadrat – Bonn - Installation am Eingang zur Bundeskunsthalle. Pflasterstein zur Erinnerung an Michel Foucault. / Hans Weingartz (CC BY-SA 2.0 cropped)

5. März 2018

5. Mär. 2018

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»Aber, obgleich ich von Foucault sehr viel über die Beziehung zwischen Macht und Wissen gelernt habe, sehe ich nicht, wie man, wie er es tut, den Begriff des ‘Widerstands’ beibehalten kann, ohne sich den Fragen der Konstitution von Dominanz in der Ideologie zu stellen. Dass Foucault dieser Frage ausweicht, liegt in seiner protoanarchistischen Position begründet: Er muss seinen Widerstand aus dem Nichts holen. Niemand weiss, woher er kommt.« Stuart Hall

Er ist insbesondere in den zwei Jahrzehnten nach seinem Tod zum Stichwortgeber jener Linken geworden, die verunsichert nach einem Ort jenseits von Partei und Klassenkampf suchen, weil sie glauben, dass mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus kommunistische Theorie und Praxis gleichermassen gescheitert seien. Jener Linken also, die sich schleichend von der Kritik der politischen Ökonomie verabschiedet hat und die gleichzeitig als emphatische Antiglobalisierungsbewegung gegen den Neoliberalismus ihre Renaissance feiert. Jener Linken, die ihren Ort in der modernen Massenkultur, in den scheinbaren Nischen der Kulturindustrie, in der Popgesellschaft meint entdeckt zu haben. Diese Linksbewegung von der Produktionssphäre in die Reproduktionssphäre der bürgerlichen Gesellschaft fand in Foucaults Schriften ihren theoretischen Überbau.

Die drei Schlüsselbegriffe, an denen sich eine Linke nach Foucault orientierte, heissen Diskurs, Wissen und Macht. Dazu kommen als weitere Stichpunkte etwa die Norm, die Disziplin und – seit kurzem von der Rezeption Foucaults aufgegriffen – die Gouvernementalität. Was daran für eine von der Linken enttäuschte Linke attraktiv ist, dürfte die vermeintliche Möglichkeit sein, Gesellschaftskritik ohne Kritik der politischen Ökonomie zu betreiben und Politik zu kritisieren, ohne die Struktur der Wertvergesellschaftung, die sich als abstrakte Logik des Kapitals durchsetzt, analysieren zu müssen.

Foucault ist kein Dialektiker; er lehnt emphatisch jede Logik des Widerspruchs ab, nivelliert wie schon Althusser und später Deleuze die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung. Kurzum: Mit Foucault muss man keinen Widerspruch denken. Zudem rettet er die Kritik, die aber zugleich sein Bauernopfer wird: Er hat mit seinem radikalen Querblick auf die Geschichte der Neuzeit die Mechanismen der Macht freigelegt; die Medizin und die Justiz als nicht reformierbar blossgestellt; er hat die vom Gefängnis und von der Psychiatrie durchdrungene Gesellschaft analysiert und die Normierungsmacht und die Disziplin beschrieben – aber er hat auch die Utopie der Freiheit und Emanzipation, den Kommunismus, verworfen. Nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft ist sein humanistisches Fernziel, vielmehr heisst sein explizit antihumanistisches Nahziel: die Macht als produktiv zu erkennen und zu nutzen. Foucaults Kritik fordert die Aufdeckung der Macht, nicht die Aufhebung der Machtverhältnisse.

Foucault hat seinen Machtbegriff in seinen Vorlesungen über »Die Anomalen« 1975 erläutert: »Mir scheint es ein zugleich methodologischer und historischer Irrtum zu sein, anzunehmen, dass die Macht wesentlich ein negativer Unterdrückungsmechanismus sei und dass sie wesentlich die Funktion habe, die Produktionsverhältnisse zu schützen, zu bewahren und zu reproduzieren. Mir scheint der Gedanke irreführend zu sein, dass die Macht etwas sei, was sich im Hinblick auf das Kräftespiel irgendwo im Überbau abspielt (…) Das 18. Jahrhundert hat mit dem System ‘Disziplin mit Normalisierungseffekt’, mit dem System ‘Normalisierungsdisziplin’ etwas eingeführt, was mir nicht als repressive, sondern als produktive Macht erscheint – wobei die Repression nur als Neben- und Sekundäreffekt im Hinblick auf die Mechanismen fungiert, die ihrerseits im Verhältnis zur Macht zentral sind und fabrizieren, erzeugen und produzieren (…) Mir scheint das 18. Jahrhundert auch eine Macht errichtet zu haben, die nicht konservativ, sondern erfinderisch ist, eine Macht, die in sich selbst die Prinzipien der Transformation und der Innovation enthält.«

Innerhalb des – insbesondere französischen – Universitätsbetriebs hat dieser »fröhliche Positivismus«, wie Foucault sein methodisches Vorgehen in Anlehnung an Nietzsche nannte, fast schon revolutionäre Konsequenzen gehabt: Foucault hat der bürgerlichen Wissenschaft ihre eigene Melodie vorgespielt und ihr nachgewiesen, nach welchen Rhythmen sie tatsächlich tanzt; er hat kenntlich gemacht, dass die epistemischen Selbstverständlichkeiten keine sind, dass der Mensch, das Subjekt, die Seele oder die Sexualität keine natürlichen Invarianten sind, sondern aus den Dispositiven der Macht entstehen und einer Ordnung des Diskurses folgen. Das, was wir »den Menschen« nennen, entpuppt sich mithin als Erfindung der Humanwissenschaften – und es ist, nach Foucaults berühmtem Satz, wie »ein Gesicht im Sand«, das von der Brandung weggespült wird.

In »Überwachen und Strafen« hat Foucault diesen Befund zugespitzt: »Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine ‘Seele’ wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.« Foucault zeichnet historisch nach, wie dieses Gefängnis, von der Schule und der Kaserne bis zum Zuchthaus, eine Verschiebung der Macht darstellt, an deren Ende der Delinquent steht – und eine Gesellschaft, die jeden auf sein potenzielles Verbrechen hin überwacht und diszipliniert.

Foucault konzentriert diese Untersuchung der Disziplinargesellschaft schliesslich auf das Leben selbst: Nicht Sittengeschichte, sondern eine historische Auswertung von Akten, Gutachten, Briefen, Bittstellungen etc. bilden die Matrix für Foucaults Untersuchungen von der Sexualisierung des Menschen und der medizinischen und juristischen Disziplin, die den Perversen und die Hysterikerin hervorbringt und zugleich verlangt, den Sex zu beichten, über die Sexualität unablässig zu reden, sie öffentlich zu machen und dem psychologischen Urteil auszusetzen. Judith Butler hat dies im Hinblick auf die performative Konstruktion von Geschlecht bzw. Zweigeschlechtlichkeit weitergeführt – bekanntlich mit nachhaltiger Rezeptionswirkung auf die postkommunistische Linke.

Wo bleibt das Subjekt?

Dass für die von Foucault inspirierte Linke die Machtanalyse eher eine Depotenzierung der Gesellschaftskritik nach sich zog, mag indes seine Ursachen nicht nur in der prekären Lage der Linken nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus haben. Es gibt in der Machtkritik Foucaults vielmehr ein Grundproblem. Dieses mündet in der Frage, wie nach dem Versagen der emanzipatorischen Arbeiterbewegung, nach dem planmässigen Massenmord an den europäischen Juden und nach der vollständigen, aber blinden Durchsetzung der kapitalistischen Verwertungslogik nicht nur ein revolutionäres, sondern überhaupt ein menschliches Subjekt zu bestimmen ist. Dies ist die Grundfrage der kritischen Philosophie im 20. Jahrhundert; und die postkommunistische Linke verteidigt Foucault dafür, dass er das Subjekt theoretisch annullierte.

Das ist nun allerdings irritierend, weil einerseits der späte Foucault die Frage nach dem Subjekt wieder stellt, als hätte er nie eine andere Frage gehabt, weil also andererseits in der Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen der Foucaultschen Machtanalyse sich zeigt, dass das Subjekt bei ihm zwar theoretisch für tot erklärt wurde, praktisch allerdings höchst lebendig agiert. Hier geben vor allem die jetzt im grossen Umfang auf Deutsch zugänglich gemachten Vorlesungen und Aufsätze von Foucault Aufschluss, insbesondere eine jüngst erschienene Vorlesung von 1982 mit dem wegweisenden Titel »Hermeneutik des Subjekts«. Aber auch in den jeweils tausendseitigen vier Bänden mit Foucaults Schriften (drei sind bislang erschienen) finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass eben Foucault sagen kann, »nicht die Macht, sondern das Subjekt ist das Thema meiner Forschungen«; oder auch: »Ich bin gar kein Theoretiker der Macht.«

Geboren 1926, erlebt Foucault seine Jugend- und Studienzeit im Frankreich der Résistance und Nachkriegszeit; eine Zeit, in der gerade die französischen Debatten um nichts anderes kreisen als die Frage nach dem Subjekt. Doch es spiegelt sich hier auch mehr als anderswo die Dialektik der europäischen Moderne; Fortschritt, Stillstand und Regression liegen dicht beieinander. Sartres Roman »Der Ekel« von 1938 sollte nicht umsonst erst »Melancholia« heissen. Schon die Surrealisten hatten gezeigt, dass der unmittelbare Zugriff auf die Wirklichkeit dem Subjekt versperrt ist. Claude Lévi-Strauss hatte nach seinen ethnologischen Studien in Brasilien bereits die Grundlage für eine strukturale Anthropologie geschaffen, Jacques Lacan wird Entsprechendes für das Subjekt der Psychoanalyse konstatieren, während Roland Barthes und Louis Althusser den Strukturalismus als Gesellschaftstheorie begründen. Auf der anderen Seite gab es die materialistische Subjekttheorie Henri Lefebvres und seine »Kritik des Alltagslebens«, die massgeblich die Situationisten beeinflussen wird. Im Übrigen ist es der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty, der den Begriff »Neomarxismus« ins Spiel gebracht haben soll.

Albert Camus problematisiert dann die Absurdität des Subjekts in »Der Mensch in der Revolte«. Es waren die Sartre-Jahre, der Existenzialismus war präsent, die anhaltenden Debatten über den Humanismus, der Feminismus bei Simone de Beauvoir, die Erotik und die neue Sinnlichkeit bei George Bataille oder Gertrude Stein. Und nun betritt der junge Foucault die akademische Bühne: als akademischer Rebell. Ihm geht es nicht mehr um das Verhältnis von Mensch und Wirklichkeit, sondern um die Frage, wie Mensch und Wirklichkeit erzeugt werden. Er fragt nach der Kraft, die unserem Denken, unserem Humanismus, unserer Vernunft etc. zugrunde liegt. »Die Aufgabe der heutigen Philosophie … besteht darin, dieses Denken vor dem Denken, dieses System vor jeglichem System wieder zutage zu fördern.«

Der Tod des Humanen

Über die genauen Umstände bei Foucaults Tod, die lange Zeit mysteriös blieben, kursieren noch immer Gerüchte; der »Philosoph mit der Maske«, wie Foucault sich einmal nannte, soll mit einer solchen in seinem Blut liegend gefunden worden sein. Er gehört jedenfalls zu den prominentesten Opfern des Aids-Virus. »Sexualität und Wahrheit«: die Kriminalisierung von Schwulen als HIV-Risikogruppe hat Foucault selbst erlebt. Auch er musste seine Homosexualität beichten, seine philosophische Glaubwürdigkeit wurde im Wissen um seine sexuellen Obsessionen geprüft. Es handelte sich dabei um einen Grenzfall der Überlagerung des medizinischen, juristischen und akademischen Diskurses: In jeder Hinsicht galt Foucault als Perverser, der die Normen des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebes pervertierte. Foucaults wurde selbst zur diskursiven Figur.

Foucault lehnte aus seiner Perspektive wohl zu Recht die dialektische Subjekt-Objekt-Beziehung ab, weil bei ihm die materielle Prozessualität subjektiver Praxis im objektiven Widerspruch gar nicht vorkommt, gar nicht vorkommen kann. Gleichwohl bleibt Foucaults idiosynkratisches Subjekt in seiner Selbstsorge Objekt, auf das dieselbe produktive Macht sich projiziert, die nach ökonomischen Massgaben der fortgeschrittenen Wertvergesellschaftung ohnehin das Prinzip des bürgerlichen Selbstentwurfs ist. Es ist kein neues Subjekt, sondern eben der fröhliche Positivismus, der die Ideologie vom alten Entwurf bürgerlicher Subjektivität bestätigt. Foucaults Machtbegriff suggeriert diesem Subjekt seine Autonomie. Aber es bleibt ein Subjekt ohne Subjektivität. So ist es verständlich, dass Foucaults Theorie der Macht innerhalb einer Linken, die jedwede Autonomie verloren hat, adaptiert wird.

Der letzte Blick, den Foucault auf die Aufklärungszeit richtet, gilt der Gouvernementalität, der Regierung und dem regierten Menschen. Foucault verlässt das Zeitalter der Aufklärung und geht in die Antike der Sklaverei zurück, um sein Konzept von der Ästhetik der Existenz, von Lebenskunst vorzustellen, wonach sich das Subjekt durch die Selbsttechniken statt durch die Machttechniken konstituiert. Giorgio Agamben hat bekanntlich versucht, dies mit seinen Untersuchungen zum Lager und zum »Homo sacer« in die Gegenwart zurückzuführen. Andere sehen in dem Subjekt die produktive Macht Foucaults, und in der Neuen Mitte der Konkurrenzgesellschaft heisst plötzlich die Parole nicht mehr »Bildet Banden!«, sondern »Regierungen bilden!«.

Keck eskamotiert man das kritische Problem bei Foucault und übergeht, dass er zur Gegenwart, die auch Auschwitz hervorbrachte, nichts sagen kann, dass die Gouvernementalitätstheorie haltlos bleibt, wenn es um das autoritäre Bewusstsein und den Antisemitismus des konformistischen Konsenses geht. Sartre, der nachhaltige Antipode Foucaults, hatte den bisherigen Humanismus verworfen und ihn ohne schlechte Metaphysik neu begründet: Der Mensch ist das, was er aus sich macht; er ist zur Freiheit verurteilt. Um nichts anderes geht es dem späten Foucault, wenn er von der Sorge um das Selbst spricht. Und bemerkenswerter Weise findet sich bei ihm bereits 1966 ein frühes Bekenntnis zum Humanismus, auch wenn es sich als vermeintliches Bekenntnis zum Antihumanismus versteckt: »Im Augenblick ist es unsere Aufgabe, uns endgültig vom Humanismus zu befreien, und unsere Arbeit ist in diesem Sinn eine politische Arbeit.« Woraufhin Foucault die Frage gestellt wurde: »Worin liegt da die Politik?«

Antwort: »Den Menschen zu retten, den Menschen im Menschen wieder zu entdecken.«

Roger Behrens / kulturkritik.net

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-SA 3.0) Lizenz.

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