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Interview zum Kampf um Wohnraum in Winterthur «Das ist keine Mittelklassendiskussion!»

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Zunehmend verteuerter Wohnraum hat die Vertreibung weniger betuchter Stadtbewohner*innen zur Folge. In Winterthur könnten davon bald Hunderte auf einen Schlag betroffen sein.

Die Steinberggasse in Winterthur, an welcher viele Häuser Stefanini gehören.
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Bild: Die Steinberggasse in Winterthur, an welcher viele Häuser Stefanini gehören. / Roland zh (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

24. August 2018

24. Aug. 2018

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Yasi und Carlo von der Interessensgemeinschaft der Bewohner*innen und Benützer*innen der Stefanini-Liegenschaften - kurz IGBBSL - sprachen im Interview über die Eigenheiten der Winterthurer Stadtentwicklung und über ihren selbstorganisierten Mieter*innenwiderstand. Zu Beginn dieses Jahres machte die IGBBSL mit einem sehr lesenswerten Communiqué auf sich aufmerksam.

Was ist die IGBBSL und wie seid ihr entstanden?

Yasi: Wir haben uns 2014 aufgrund eines Streits zwischen den Erb*innen von Bruno Stefanini und seinen Geschäftsführer*innen gegründet. Gestritten wird um die «Pfründe», genauer, um die Mitgliedschaft im Stiftungsrat der Kunststiftung von Stefanini, der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG). Zum Zeitpunkt seines Todes wird die SKKG den gesamten Liegenschaftenpark übernehmen. Dieser beträgt alleine in Winterthur ca. 1500 Wohnungen und Häuser – und noch einige weitere in der ganzen Schweiz, gar einzelne Schlösser.

Als der Gerichtsentscheid im Oktober 2016 rauskam, der besagte, dass die Erb*innen entscheiden dürfen, wer im Stiftungsrat der Stiftung SKKG sitzt, wurde ein offenes Wohnzimmer vor dem Verwaltungsgebäude der Terresta AG veranstaltet. Menschen brachten ihre Sofas mit und setzten sich vor das Verwaltungsgebäude. So wollten wir auf die momentane Lage aufmerksam machen. Quelle: Züriost

Über Stefanini ist nicht viel bekannt.

Carlo: Er war ein gewiefter Immobilienbesitzer und gleichzeitig einer der grössten Kunstsammler der Schweiz. Seine Liegenschaften dienten schlussendlich nur dazu, seine Kunstsammlung zu finanzieren. Nun ist er dement und 24 Stunden pflegebedürftig.

Yasi: Stefanini wurde durch die Mieteinnahmen einer der 300 Reichsten der Schweiz. Der Gewinn müsste verwendet werden, um den Häusern anständig zu schauen, damit sie nicht luxussaniert werden müssen.

Carlo: Weil er aber nichts mit den Häusern machte, blieben die Mieten hier relativ bezahlbar im Vergleich dazu, wie sie sonst überall gerade explodieren.

Ihr schreibt im Communiqué, dass euch nun unangenehme Zeiten bevorstehen. Warum?

Carlo: Egal welche Fraktion den Erbstreit gewinnt, sie wollen schlussendlich das gleiche – Geld machen aus Wohnen. Mitlerweile ist dieser Entscheid gefallen. Stefaninis Erb*innen versuchen natürlich, sich in den Medien positiver darzustellen. Tatsächlich repräsentieren sie dennoch schlicht einen anderen Teil des Immobiliengeschäfts, da sie mit der Verit, einer der grossen Immobiliengesellschaften in Zürich verbandelt sind.

Mittlerweile haben der Sohn und die Tochter Stefaninis einen Etappensieg erzielt und dürfen im Stiftungsrat der SKKG bleiben.

Yasi: Doch momentan schläft das Problem. Punktuell wird renoviert - da sind Leute unmittelbar bedroht sind. Bis jetzt haben sich die Menschen aber nicht wahnsinnig gewehrt. Momentan befindet sich alles noch in der Warteschlaufe.

Wer wohnt denn alles in diesen Häusern und wo stehen diese?

Yasi: Viele Sozialhilfeempfänger*innen wohnen in solchen Wohnungen, weil diese wegen ihres schlechten Zustands bezahlbar sind.

Carlo: Das ist eine besondere historische Situation und unabhängig von Stefaninis vermeintlich sozialen Art – er interessierte sich einen Scheissdreck für seine Mieter*innen.

Yasi: Die Stadt hätte vermutlich am liebsten, wenn durch das Verschwinden der billigen Wohnungen auch die Armen verschwinden würden und es nur noch Leute hätte, die viel Steuern zahlen. Aber ich sehe nicht, wohin die Unterklasse verschwinden sollte.

Carlo: Abgesehen von der Altstadt, wohnen hunderte von Menschen im Aussenquartier Wülflingen und in Oberwinterthur – zwei Quartiere mit teils ziemlich heruntergekommenen Siedlungen. Es sind die Leute, die sonst wirklich nichts haben, wenn sie nicht dort sein können. Als wir uns damals gegründet hatten, hiess es, bald gäbe es eine grosse Veränderung. Wenn hier im grossen Stil hochsaniert wird, gibt es tatsächlich eine soziale Vertreibung, die ein riesiges Ausmass annimmt. Denn Totalsanierungen nehmen immer die Form von Luxussanierungen an. Da wird mal schnell die halbe Bevölkerung Winterthurs ausgetauscht.

Wie haltet ihr dieser sozialen Verdrängung entgegen?

Carlo: Wir sind selbstorganisiert und machen keine Stellvertreter*innenpolitik. Wir wollen Solidarität aufbauen unter der sehr diversen Bewohner*innenschaft. Und wir wollen uns gegen diesen Bevölkerungsaustausch wehren, weil wir davon betroffen sind, weil wir uns hier sonst keine Wohnung leisten können. Das ist keine Mittelklassendiskussion, wie suggeriert wird. Wir können uns gar keinen anderen Lebensstandard leisten. Bei uns wird es wirklich eng, wenn die Mieten steigen.

Yasi: Wir sagen nicht, es soll nichts renoviert werden. Die Häuser sind zum Teil in miserablem Zustand, aber es sollte nicht auf dem Buckel der Bewohner*innen geschehen. Es ist allen, die bei uns mitmachen, klar, dass wir nicht einen anderen Lebensstandard wollen, sondern dass die Häuser nicht auseinanderfallen und schimmeln sollen. Wir wünschen uns einen anderen Unterhalt.

Carlo: Man darf auch nicht vergessen, dass viele Leute Angst haben. Weil man so günstige Wohnung nicht nochmals findet, fürchten viele, es sich mit der Verwaltung zu versauen, wenn sie eine Forderung erheben. Das ist eine klassische Situation, die man auch in Arbeitskonflikten vorfindet. Das Einzige was hier gemacht werden kann, ist Kollektivität herzustellen. Aber das geschieht nicht, wenn du nur darüber redest. Das ist ein mühsamer und kleinteiliger Prozess, den auch wir erst erlernen müssen. Aber wir haben dies schon in gewissem Mass erreicht. Die Leute beziehen sich auf ihre eigene Stärke. Es ist sehr wichtig, dass man nicht immer alles delegiert.

Wir sind natürlich froh, dass es den Mieterverband gibt, der ist eine wirklich wichtige Struktur, aber dieser hat eine Dienstleistungsfunktion. Ich wünschte mir, er wäre mehr eine Gewerkschaft. Das braucht es hier! Wir leben in einem Land, in dem die meisten Leute höchstens sozialdemokratische Vorstellungen haben. Aber an der ganzen Vertreibungsgeschichte, die hier läuft, hatte die neoliberale SP massgeblichen Anteil.

Aber in Winterthur gibt es doch einige Genossenschaften. Müssten nicht diese einfach ausgebaut werden?

Yasi: Es ist ein Missverständnis, dass Genossenschaften für die Armen gebaut würden. In neuen Genossenschaften lebt ein anderes Klientel als jenes, das die Häuser gebaut hat.

Carlo: Initiiert hat das Genossenschaftswesen die Arbeiter*innenaristokratie.

Wie sieht denn die städtische Politik in dieser Hinsicht aus?

Yasi: Ein AL-Gemeinderat initiierte 2013 eine Motion im Parlament, dass städtisches Land nicht mehr verkauft werden dürfe, sondern nur noch im Baurecht übergeben werden soll. Das würde dann eher Genossenschaften interessieren als Spekulant*innen.

Carlo: Jetzt "vertschutet" die Stadt einfach in aller Eile alles städtische Land. Das ist der Wahnsinn!

In Winterthur sind die Immobilien also grösstenteils in Privatbesitz, nicht in städtischem Besitz?

Yasi: Ja, anders als etwa in Zürich, gibt es in Winterthur keinen grossen städtischen Liegenschaftspark.

Carlo: In Winterthur waren die Bürgerlichen historisch erdrückend stark. In den 1920er Jahren etwa hörte der städtische Wohnungsbau auf und Unternehmen wie Sulzer oder Rieter bauten selbst für ihre Lohnabhängigen. Das wurde politisch so vorangetrieben.

Winterthur hat eine lange Geschichte der Armut. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ging die Maschinenindustrie bergab und wir hatten hier eine extrem heftige Arbeitslosigkeit. Die Stadt wurde stark heruntergewirtschaftet. Seit 20 Jahren versucht die Stadt nun Reiche anzulocken. Wir wollen aber nicht weg von hier. Unabhängig davon finden wir es eine kulturelle Bereicherung, dass hier nicht nur Reiche leben. Und da stehen wir sofort in einem Widerspruch zur Stadt, die ja gute Steuerzahler*innen will und nicht uns.

Was ist Bruno Stefaninis Anteil am Winterthurer Gentrifizierungsprozess?

Yasi: Mehrere Quartiere gehören Stefanini. Bis in die 1970er Jahre gab es Pläne für die Altstadt, alles plattzumachen und Klötze hinzustellen. In der Marktgasse gibt es einige solche „Schmuckstücke“. Was nicht saniert wurde, gehörte Leuten wie Stefanini. Er kaufte die Gebäude reihenweise zu Zeiten, als sie fast nichts Wert waren und wohl hätten abgerissen werden sollen. In der Altstadt begann die Terresta AG seit Stefaninis Rückzug aus dem Geschäft mit ihrer «Sanierungsoffensive». Zuerst kamen die Gebäude dran, die so baufällig waren, dass sie eh leer standen. In der Zwischenzeit kündigten sie aber auch mehreren Läden und Wohnungen, deren Gebäude jetzt auf die Totalsanierung zugehen. Das betrifft mehr als zehn Gebäude in der Innenstadt und noch einige mehr ringsherum. Eine Villa wurde so umgebaut, dass eine Wohnung nun vier- bis fünftausend Franken kostet. Davor stand sie Jahrzehnte leer und zerfiel.

Stefanini gehört fast 2/3 der Steinberggasse und auch viele Häuser im oberen Teil der Altstadt. In Winterthur sind laut der IGBBSL mehr als 1500 Wohnungen in Besitz von Stefanini.

Carlo: Stefaninis Verwaltungsfirma, Terresta AG, gab im Herbst dem Landboten ein Interview. Zur Frage, wieso nun alles so teuer werde, meinte der Geschäftsführer, sie seien nicht schuld, sondern die komplizierten Bauvorschriften. Es folgten weitere solche Ausflüchte. Sie hätten auch nicht gewusst, dass das so teuer sei. Sie lügen einfach, sie wollen Geld machen.

Wie sieht die Öffentlichkeitsarbeit der IGBBSL bis jetzt aus und wo seht ihr Erfolge?

Carlo: Seit Herbst 2014 machen wir monatliche Treffen. Je nach dem, was gerade los ist, kommen mehr oder weniger Leute. Bei den grossen Versammlungen mit Leuten, die sich solche nicht gewohnt sind, ist die Dynamik ganz anders.

Yasi: Wenn wir ein Jahresprogramm für unsere Sitzungen raus geben, dann verteilen wir das in alle Wohnungen und wir gestalten unsere monatlichen Flyer mehrsprachig. Das ist ziemlich aufwändig.

Carlo: Ausser Pressearbeit machten wir auch ein Sommerfest und während eines Monats Film-Veranstaltungen im Kino «Nische», und diverse Inof-Veranstaltungen.

Yasi: Ausserdem machen wir Informationsstände in den betroffenen Quartieren - um auch jene Menschen zu erreichen, die weniger mobil sind. Wenn du die verschiedenen Menschen triffst und mit ihnen sprichst, dann ist das ein positives Erlebnis. Die älteren Leute haben oft eine klarere Analyse der Situation als die jüngeren. Bleibt nur die Frage, was sie dagegen tun.

Seit Anfang des Jahres stellen wir zusätzlich einen Info-Rückblick zusammen. Eine Linkliste mit aktuellen Beiträgen zum Thema Wohnungspolitik in der Stadt und darüber hinaus. So soll das Thema nicht auf die einzelnen Stefanini-Häuser beschränkt bleiben, sondern klar den Zusammenhang zum Rest der Welt herstellen. Unsere Hoffnung wäre, dass die Gemeinsamkeit etwas auslöst.

Meistens individualisiert sich der Kampf aber. Das wird hier nicht anders sein. Wenn die Kündigungen einmal kommen, wird es solche geben, die einfacher etwas Neues finden und andere, die übrig bleiben.

Carlo: Wir leben in einer Zeit, in der alles individualisiert wird. Hierfür gibt es strukturelle Gründe. Es ist heftig, wenn ganzen Wohnblöcken gekündigt wird, in denen Menschen schon lange zusammen wohnten. Da gehen Beziehungen kaputt - unwiderruflich.

Yasi: Die ganze Lebensstruktur wird auseinandergerissen, das ist traumatisch für die Betroffenen.

Carlo: Ausserdem steigen die Reproduktionskosten der Einzelnen. Wir müssen mehr arbeiten, weil wir mehr Miete zahlen müssen. Die sozialen Beziehungen haben aber einen Wert für sich, einen kulturellen Wert, der zerstört wird. Es lohnt sich also, sich für diesen Wert einzusetzen.

Yasi: Um ein Beispiel zu nennen: Es gab eine Siedlung in Winterthur, in der viele seit den 1960er Jahren wohnten. Als diese saniert wurde, fanden einige nichts Neues, mussten ins Altersheim ziehen, ihre Tiere weggeben, was weiss ich. Die Wohnungen stehen jetzt leer und sind viermal so teuer. Neue teure Wohnungen helfen nicht gegen die Wohnungsnot.

Wie sieht euer Kontakt mit anderen, ähnlichen Kämpfen aus? Arbeitet ihr etwa mit der «IG Obertor» zusammen oder habt ihr einen Austausch mit Initiativen in Zürich, z.B. der «Noigass»?

Carlo: Die Stefanini-Liegenschaften sind klar unser Ausgangspunkt. Aber eigentlich geht es um eine grössere Entwicklung mit anderen Hausbesitzer*innen, mit anderen Immobilienfirmen.

Yasi: Die IG Obertor gibt es ganz neu. Das sind vor allem Kulturschaffende, die dort gerne Übungsräume und dergleichen wollen und eine Interessengemeinschaft gegründet haben. Sie sind zusammen mit anderen Gruppen und Parteien Teil eines Initiativkomitees, die eine Initiative für eine gemeinnützige Nutzung und Gestaltung des ehemaligen Stapo-Areals eingereicht haben.

Es gibt schon einen Austausch mit anderen Projekten und ein Interesse daran, was in anderen Städten passiert. In Zürich waren wir zum Beispiel zum Kongress gegen die kapitalistische Stadtentwicklung eingeladen.

Wir versuchen, die internationalen Geschehnisse im Auge zu behalten. Es gibt eine internationale Bewohner*innenvereinigung, unter der sich Bewohner*innen, hauptsächlich aber nicht nur, aus dem Trikont, mobilisieren. Das verfolgen wir und schicken ihnen auch unsere Materialien. Häufig sind solche Initiativen sehr mit der eigenen Situation beschäftigt.

Carlo: Die Situationen sind ziemlich verschieden. Abstimmungsgeschichten wie die zur Neugasse in Zürich (der Verein Noigass reichte am 21. März 2018 eine Stadtzürcher Volksinitiative ein. Anm. d. Red.) oder dem Obertor in Winterthur funktionieren anders. Wir haben zwar ein solidarisches Verhältnis und sind interessiert, machen aber keine Abstimmungspolitik.

Yasi: In Winterthur stehst du dem Grundeigentümer gegenüber, nicht direkt der Stadt. Du hast gar keine Einflussmöglichkeiten über solche politische Wege, du kannst keine Initiative machen, die verlangt, dass Stefanini seine Häuser den Bewohner*innen schenken soll.

Carlo: Und der Stadtrat hat grundsätzlich andere Interessen.

Yasi: Der hat nicht die Hoffnung, dass wir interessante Wähler*innenschichten wären. Viele, die bei Stefanini wohnen, haben vermutlich nicht einmal das Recht, zu wählen.

Habt ihr ein Abschlusswort?

Yasi: Das ist sicher nicht der letzte Stand der Dinge, da wird sich noch einiges ändern. Momentan versuchen wir vor allem, alles zusammenzuhalten und wenn Informationen rein kommen und Leute mit einem Problem zu uns kommen, dann werden wir auch wieder aktiver werden. Aber es braucht viel Energie und Geld, um öffentliche Anlässe zu machen.

Carlo: Ich finde es politisch wichtig, sich zu organisieren, dass man nicht delegiert, sondern Politik in der ersten Person macht, mit den Leuten zusammen und auf sie zugeht. Dabei kann es kompliziert werden, aber es ist wichtig, Solidarität wieder praktisch zu leben. Das ist ein Wert, der einem gut tut.

Danke für das Gespräch und viel Kraft der IGBBSL!

Miriam Damari
ajour-mag.ch

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