Datum

27. März 2017

Politik

Eine Plattform für Aktivist*innen Geschichte zur anarchistischen Buchmesse

Politik

Anfang der 1980er-Jahre entstand bei ein paar Londoner Anarchist*innen unter dem Eindruck einer sogenannt sozialistischen, aber stinklangweiligen, teuren und von vielen grossen Verlagshäusern frequentierten Buchmesse der Wunsch, einen eigenen solchen Anlass durchzuführen.

Anarchist Bookfair in Dublin 2008.
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Bild: Anarchist Bookfair in Dublin 2008. / William Murphy (CC BY-SA 2.0 cropped)

Das Attribut „anarchistisch“ oder „libertär“ in der rasch auf die Beine gestellten „Anarchist Bookfair“ bezog sich einerseits auf die angebotenen Verlagsprogramme und anderseits auf eine bestimmte Auffassung, wie der Anlass auszusehen habe. Es ging nicht nur darum, möglichst viele Bücher zu verkaufen und viele Menschen für den Anarchismus zu interessieren, sondern auch darum, eine Plattform für Aktivist*innen und eine Vielfalt an weiteren kulturellen Veranstaltungen zu bieten. Spezifisch anarchistische Auffassungen, die viel Wert auf die individuelle Freiheit legen, sollten zudem an der Buchmesse gelebt werden: Rassismus, Sexismus, Homophobie usw. hatten am Anlass nichts verloren, dagegen wurde viel Wert auf die „do-it-yourself“-Haltung von Besucher*innen und Anbieter*innen, Solidarität und Strukturen zur basisdemokratischen Entscheidungsfindung gelegt.

Der „Anarchist Bookfair“ war das erste Mal kein Glück beschieden: Gerade einmal ein halbes Dutzend Anbieter*innen nahmen an dem Anlass teil, und nachdem sich kaum eine Besucher*in blicken liess, entschieden sich die Anwesenden kurzum, aus der Buchmesse ein Pool-Turnier zu machen. Doch der Enthusiasmus blieb, und der Anlass wurde Jahr für Jahr prominenter, konnte mehr libertäre Verlage und Interessierte anziehen und grössere Veranstaltungen durchführen. Die Buchmesse wurde im Laufe der Jahre so beliebt, dass sie dieses Jahr bereits zum 32. Mal durchgeführt wird. Doch längstens ist die “Anarchist Bookfair” nicht mehr die einzige ihrer Art. Alleine in Grossbritannien sind im Laufe der letzten Jahre zahlreiche anarchistische Buchmessen begründet worden. In Kanada und in den USA hat mensch als literarisch interessierte*r Anarchist*in schon fast die Qual der Wahl – zwischen Frühling und Herbst gibt es kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo eine libertäre Buchmesse stattfindet. Auch in Lateinamerika, wo anarchistische Buchläden und Bibliotheken eine lange Tradition haben, gab es in den vergangenen Jahren einige Versuche, so zum Beispiel in Monterrey (Mexiko) und São Paulo (Brasilien).

Schliesslich tut sich auch auf dem Europäischen Festland in den letzten Jahren einiges in dieser Sache: Seit 2003 findet alle paar Jahre die “Balkan Anarchist Bookfair” statt (2003 in Ljubljana (Slowenien), 2005 in Zagreb (Kroatien), 2008 in Sofia (Bulgarien)); ebenfalls in Osteuropa gibt es seit 2006 die jährlich stattfindende “Anarhistički sajam knjiga” in Zagreb und eine anarchistische Buchmesse in Poznan (Polen). In Westeuropa fallen vor allem die Spanischen Genossinnen und Genossen auf, die in verschiedenen Städten (Barcelona, Bilbao, Madrid, Valencia) regelmässig stattfindende “ferias del libro anarquista” durchführen. Aber auch in Paris, Gent, Florenz, Lisabon und Dublin, gab es in den letzten Jahren entsprechende Anlässe. Die Konzepte haben sich über die Jahre kaum geändert, wenn sich auch die Programme massiv ausgeweitet haben: Viele der Anlässe sind heute Buchmessen, Kulturtage, Kleinkunstbühnen, Vortragsreihen, Filmzyklen und Begegnungsräume in einem.

Die anarchistische Buchmesse in der Schweiz

Während anarchistische Buchmessen in der ganzen Welt stark am Kommen sind, blieb es in den deutschsprachigen Ländern lange ruhig. Im Februar 2009 fand in Winterthur zum ersten Mal ein solcher Anlass statt. Der Erfolg dieser Buchmesse machte eine Fortsetzung fast zwingend, doch konnte in Winterthur ein Ziel schlecht realisiert werden: Der Anlass sollte nicht nur für deutschsprachige Besucher*innen und Anbieter*innen interessant sein, sondern auch für solche aus französisch- und italienischsprachigen Regionen. So zog die Buchmesse 2010 nach Biel/Bienne, die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz. Mit gut 500 Besucher*innen, mehr als zwei Dutzend Aussteller*innen und Vorträgen zur Theorie und Praxis des Anarchismus war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Aufgrund dieser Erfahrung wurde der Entschluss gefasst, auch 2011 eine Buchmesse auf der Sprachgrenze zu veranstalten.

Eine Nummer grösser war die Buchmesse 2012, als sie während dem Internationalen Anarchistischen Kongress in St. Imier stattfand und den Grossteil eines Eishockeyfeldes einnahm. Die Stände wurden von Aussteller*innen aus weit über einem Dutzend Ländern belegt und über acht Sprachen waren vertreten. 2013 kehrte die Buchmesse für eine etwas kleinere Ausgabe nach Biel/Bienne zurück, bevor sie 2014 im Rahmen eines Veranstaltungswochenendes zum Thema “Anarchismus auch in der Schweiz” in Bern stattfand. Auch 2017 bleibt die Buchmesse im zweisprachigen Kanton Bern und findet vom 26. bis am 28. Mai wieder in der Sandsteinstadt statt.
buechermesse.ch

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