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Interview mit einem Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT Madrid | Untergrund-Blättle

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Interview mit Manoli Ramajo, Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT Madrid ’Ein Kampf ohne die Frauen ist kein Kampf’

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Die Confederación Nacional del Trabajo (CNT) ist eine Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften in Spanien. Mit rund zwei Millionen Mitgliedern war sie die wichtigste Protagonistin des Widerstandes gegen den faschistischen Franco-Putsch im Spanischen Bürgerkrieg.

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Bild: CNT-Aktivist*innen an der 1. Mai Demo in Madrid 2010. / Olatz eta Leire (CC BY-SA 2.0 cropped)

17. Mai 2017

17.05.2017

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Im Zuge dessen initiierte sie im Sommer 1936 massgeblich eine Libertäre Revolution in Barcelona und anderen Regionen (vgl. Schwerpunkt GWR 410). Nach dem Sieg Francos 1939 wurde die CNT in Spanien zerschlagen. Sie reorganisierte ihren Widerstand gegen den Franquismus im Untergrund und im französischen Exil. Nach dem Tode Francos formierte sie sich ab 1976 neu, ohne allerdings an die frühere Bedeutung anknüpfen zu können. Heute ist sie nach der ebenfalls anarchosyndikalistischen CGT die zweitgrösste anarchosyndikalistische Gewerkschaft Spaniens. Mit der 77-jährigen CNT-Aktivistin Manoli Ramajo sprach in Fonsagrada Anja Kraus.

Anja Kraus: Manoli, möchtest Du mir etwas über Dein Leben erzählen?

Manoli Ramajo: Ich war, als ich 25 Jahre alt war, bis ich 34 Jahre alt war, in Deutschland arbeiten und gehörte zu gar keiner Gruppe. In Deutschland habe ich mich von meinem Ehemann getrennt, er war ein Macho und hat mich nicht respektiert. Frauen, die ohne ihren Ehemann mit einem anderen Mann lebten, wurden als gefälscht bezeichnet, "adulterio", das war ein Delikt und wurde mit Knast bestraft. Ein Mann wurde nicht bestraft, wenn er seine Frau verliess. Ich hatte damals vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Die Kinder waren bei mir oder bei meiner Mutter in Spanien und einige Zeit waren sie im Internat.

Zu dieser Zeit lebte ich in Wiesbaden. Dort hatte ich einen älteren Compañero, er gehörte einer aktiven militanten anarchistischen Gruppe an und hatte an der Spanischen Revolution 1936 teilgenommen. Wir hatten in Wiesbaden ein spanisches Zentrum, dort arbeiteten wir gegen den spanischen Diktator Franco, aber auch gegen die Ausländergesetze in Deutschland, wir haben Gesetze studiert, denn wir hatten als spanische Arbeitnehmer in Deutschland schlechtere Arbeit und niedrigere Löhne. Zudem haben wir uns gegen die Todesstrafe in Spanien engagiert.

Franco ist dann 1975 gestorben. 1977 bin ich nach Madrid zurückgegangen. In Usera, einem Stadtteil von Madrid, haben wir dann ein "Ateneu libertario" [das sind "libertäre Lokale", vergleichbar mit den Infoläden oder A-Läden] aufgebaut.

Wir haben in Deutschland auch gekämpft, als sie 1976 Ulrike Meinhof in der Haft ermordet haben. Wir haben dann Kampagnen gemacht. Auch 1980, als sie den Flughafen Frankfurt erweitert haben, haben wir bei den ersten Camps mitgemacht, ich bin dann von Spanien nach Deutschland gekommen. Vor der Flughafenerweiterung haben wir diverse Kampagnen gegen den Flughafenausbau gemacht.

Damals bin ich dann auch in den CNT eingetreten. [Manoli zeigt mir stolz ihren CNT-Ausweis.]

Ich habe noch Zeitungen der UTE, das heisst "Union de Trabajadores Emigrantes" (Union der emigrierten Arbeiter). In unserem spanischen Zentrum gab es Menschen der unterschiedlichsten Färbungen, nicht nur Anarchisten.

Wir Anarchisten waren sogar weniger, aber trotzdem hielten wir alle zusammen. Wir haben wirklich sehr viele Flugblätter gegen den Mord an Ulrike Meinhof gemacht, meinen Lebensgefährten Viktor haben sie sogar eine Nacht verhaftet und eingesperrt, weil er diese Flugblätter abgeholt hatte.

Anja Kraus: Warst du auch bei den Mujeres Libres, der anarchosyndikalistischen Frauenorganisation?

Manoli Ramajo:Bei den Mujeres Libres war ich nur kurz. Als meine Tochter drogensüchtig wurde, bin ich in die Gruppe "Mütter gegen die Drogen" eingetreten.

Anja Kraus: Ihr tretet dort für die Legalisierung aller Drogen ein. Kannst du mir diese Position erläutern? Es ist ja eine konfliktive Forderung.

Manoli Ramajo: Wir wollten die Mafia aus dem Drogenhandel rausbekommen, weil auf dem Schwarzmarkt die Qualität der Drogen stark schwankte, was bei Heroin lebensgefährlich enden kann, oder die Drogen wurden mit Giftstoffen versetzt. Wir wollen, dass Drogen in den Apotheken frei verkauft werden, damit die Qualität zertifiziert und gesichert ist. Sie haben damals gepanschte Drogen verkauft, das hiess dann auch "adulterio" (so wie ich, als ich meinen Mann verlassen habe, ich habe die Familie gepanscht). Es sind wirklich viele junge Leute gestorben, weil sie sich etwas reingetan haben, was sie sich gar nicht reintun wollten. Seit 1984/85 bin ich in dieser Gruppe und sie arbeitet bis heute. Ich muss aber dazu sagen, dass diese Gruppe nichts mit der CNT zu tun hat, es arbeiten dort Menschen mit sehr unterschiedlichen Ideologien mit.

Anja Kraus: Möchtest du über den Tod deiner Tochter sprechen?

Manoli Ramajo: Warum nicht, ich habe darüber ja auch schon im spanischen Fernsehen gesprochen. Meine Tochter Marife ist gestorben während ihrer Gefangenschaft im spanischen Gefängnis, in einem normalen Krankenhaus. Sie hatte im Knast grosse Probleme. Bis heute arbeite ich im Gefängnis, hauptsächlich mit älteren Menschen. Wir machen Veranstaltungen, besuchen das Gefängnis. Wir haben zwei Wohnungen angemietet, in denen wir Menschen aufnehmen, die aus dem Knast kommen und nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Wir bekommen dafür überhaupt keine Subventionen. Wir haben Anwälte, auch dafür wenn die Gefangenen Probleme mit ihren Familien haben, besonders wenn es um die Unterbringung der Kinder geht. Manchmal wollen sie den Müttern die Kinder wegnehmen, wir verteidigen die Rechte der Mütter.

Anja Kraus: Ich hatte Marife 1984 in einem besetzten Haus in Madrid/Vallecas getroffen. Warum ist sie drogensüchtig geworden?

Manoli Ramajo: Damals wurde in einer Schule in Madrid ein Mädchen namens Jolanda von einem Nazi getötet. Es gab in den Schulen Madrids Streiks, bei denen sich die SchülerInnen eingeschlossen haben in den Schulen. Da hat ihr jemand harte Drogen angeboten. Da war sie 17 Jahre alt. Sie hatte zwischenzeitlich lange Phasen, wo sie keine harten Drogen genommen hat. Sie hat damals drei Jahre mit Stefan, einem deutschen Maler, im besetzten Dorf Vilar gewohnt. Er starb damals.

Anja Kraus: Warum war sie denn im Gefängnis?

Manoli Ramajo: Sie hatte eine Bank überfallen. "Quien roba al ladron tien 100 anos de perdon" (Wer einen Räuber beraubt, bekommt 100 Jahre verziehen.)

Als sie dann im Gefängnis war, musste sie Dinge tun, die sie nicht machen wollte, erzählte mir ihre Gefängnispsychologin. Die Psychologin sagte nichts deutlich, aber ich hatte den Eindruck, dass es um sexualisierte Dienstleistungen mit Gefängnisangestellten ging. Im Gefängnis hatte sie lange keine Drogen genommen. Danach ist sie im Gefängnis wieder draufgekommen und dann im Hospital gestorben.

Anja Kraus: Möchtest du mir noch etwas zu deiner Arbeit bei der CNT erzählen?

Manoli Ramajo: In der CNT Madrid treffen wir uns einmal pro Woche und arbeiten zu Arbeitskonflikten.

Anja Kraus: Spielt Ökologie in euren Kämpfen eine Rolle?

Manoli Ramajo: Wir haben unter den Beteiligten eine Menge Leute, die Veganer sind. Wir haben auch viele Gruppen in der CNT, die selbst Honig produzieren und viele selbstbestimmte Gruppen, die Selbstversorgung anfangen.

In Madrid haben wir vier Gruppen für selbstbestimmtes Leben. Ausserdem einen grossen "huerta comun" (kommunaler Garten) und alle, die in dem Garten mitarbeiten, können dort auch ernten. Aber wir sprechen auch über Ideologien, verkaufen Bücher auf dem Flohmarkt, wir verteidigen die Menschen in den Fabriken und wir haben Rechtsanwälte.

Anja Kraus: Sind deine Kinder politisch aktiv?

Manoli Ramajo: Mit meiner Tochter, die in Deutschland lebt, gehe ich ab und zu auf Versammlungen, aber ich beteilige mich nicht sehr. Mein Sohn kämpft nicht, aber er hat seine Kinder nicht getauft und er hat niemals gewählt, meine Töchter sind aktiv.

Anja Kraus: Was denkst du über freie Sexualität?

Manoli Ramajo: Na, die Sexualität muss auch frei sein, wenn wir eine freie Gesellschaft wollen. Nicht nur für die Frau, sondern auch für den Mann. Wir haben in Madrid ein enormes Problem, das sind körperliche Angriffe von Nazis auf Homosexuelle.

Anja Kraus: Gibt es etwas, was du der Jugend heute gerne sagen würdest?

Manoli Ramajo: Ihr müsst eure Rechte verteidigen. Ein Kampf ohne die Frauen ist kein Kampf, es ist nur ein halber Kampf, weil eine Hälfte fehlt. Wir haben eine unterschiedliche Erziehung. Wir müssen auswählen, mit wem wir leben wollen und mit wem wir zusammensein wollen.

Anja Kraus: Vielen Dank für deine Offenheit.

Anja M. Kraus / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 419, Mai 2017, www.graswurzel.net

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