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Das Erbe von 1917 | Untergrund-Blättle

Datum

8. November 2017, 16:35 Uhr

Politik

Das Erbe von 1917 „Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark“

Politik

Als Einheiten der Roten Garde im Rahmen einer konzertierten Aktion des Militärisch-Revolutionären-Komitees Petrograds vom 25. Oktober 1917 (nach veraltetem julianischen Kalender) ohne grosses Blutvergiessen den Winterpalast und damit auch die Kontrolle über St. Petersburg übernehmen, wird die sozialistische Revolution in Russland eingeleitet.

8. November 2017

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Der erste grosse Anlauf zum Sozialismus beginnt. Es folgen Ersetzung des Parlaments durch die Macht der Räte, Verteilung von Land und Boden, Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, Legalisierung von Abtreibung, , Aufhebung von Nachteilen für Frauen, Legalisierung von Homosexualität, Verbot der Todesstrafe, Selbstbestimmungsrecht der Nationen und eine Verfassung, die Ausbeutung verbietet. Parallel findet eine Revolution der Kunst statt: Expressionismus, Konstruktivismus, Suprematismus, futuristische Architektur, Montage, Agitprop – der Modernismus der russischen Avantgarde strahlt auf die gesamte Welt aus. Dann: Konterrevolution und imperialistische Intervention, Bürgerkrieg, Kriegskommunismus, NEP, die Ära Stalin, dann die von Chrustschew und so weiter. Viele Errungenschaften werden zunächst temporär revidiert, um die Revolution zu stabilisieren – um dann jedoch nie wieder eingeführt zu werden.

Dennoch: Die Entstehung der Sowjetunion bricht die Herrschaft des Kapitalismus über die Welt. Eine Revolutionswelle, ausgehend von Russland, weitet sich aus und stellt in Ungarn, Österreich, der Schweiz, Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern die Systemfrage auf die Agenda. Der Sieg der Konterrevolution und der Aufstieg des Faschismus können die Revolution nicht ersticken: Kommunist*innen und Anarchist*innen aus allen Ländern der Welt kämpfen an vorderster Front bei Aufbau und Verteidigung der Zweiten Spanischen Republik, in Frankreich, Griechenland, Jugoslawien und Italien führen Kommunist*innen die Partisanenfront gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wandert die Revolutionswelle in die Peripherie und sorgt für eine Reihe an anti-kolonialen, anti-imperialistischen nationalen Befreiungskriegen und Revolten, die, wie in Kuba, teils von Kommunist*innen geführt oder im Laufe der Befreiung kommunistisch werden. Es ist auch hier die Existenz der Sowjetunion, die, das Gleichgewicht zur kapitalistischen Welt unter Führung der USA wahrend, bei allen Mängeln und Inkonsequenzen überhaupt erst den Raum lässt für die Möglichkeit solcher Aufstände und Revolutionen. Und dann natürlich die grosse Welle von 1968: Sie rüttelt, diesmal auch wieder aus den westlichen Zentren heraus, an den Ketten des Kapitalismus und führt dabei unterschiedliche Kämpfe zusammen.

Heute ist die Lage desolat: Seitdem die Sowjetunion – wegen interner Mängel, (Klassen-)Verrat und jahrelangem Druck von aussen – auseinanderbarst, hat sich der Kapitalismus siegestrunken erneut mit aller Macht die Herrschaft über die Welt gesichert. In Windeseile wurden alle Errungenschaften der Sowjetunion zerstört. Die sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Kräfte haben sich bis heute von der Niederlage nicht erholt. Weil es derzeit keine Kraft mehr gibt, die den Kapitalismus herausfordert (oder herausfordern kann), wirft sich das Kapital unerbittlich auf alles, was profitabel scheint, was noch nicht zur Ware gemacht wurde, was angeeignet werden kann. Rechte, welche die Bourgeoisie im Westen aufgrund der vorherigen Systemkonkurrenz und einer kämpfenden Arbeiter*innenbewegung einräumen musste, werden abgebaut.

Alles wird privatisiert, Raubbau an der Natur betrieben, die schamloseste Ausbeutung als Gutmenschlichkeit vorgetragen und grenzenlose Finanzspekulationen vom Zaun gebrochen. Während damit für einige wenige unendlicher Reichtum aufgetürmt wird, blickt der Rest der Welt in eine regelrechte Hölle: Zum Ausbau seiner Herrschaft überzieht der Kapitalismus die gesamte Welt erneut mit Kriegen und versucht, mit Rassismus, Sexismus, Sicherheitspolitiken und anderen reaktionären Massnahmen die sozialen Verwerfungen, die er selbst verursachte, noch in seinem Sinne zu funktionalisieren. Aber die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Marginalisierten dieser Welt sind keine passiven Zuschauer*innen dieses Terrors: Von Rojava über die Bolivarische Revolution, von Occupy Wall Street bis Gezi, von #15M bis #BlackLivesMatter, in kleinen und grossen Kämpfen, an vielen, vielen Orten erheben die Menschen sich und ringen um ihre Befreiung. 100 Jahre nach dem Beginn der Grossen Sozialistischen Revolution ist die Revolution so aktuell und nötig wie vielleicht nie zuvor.

Es ist klar: Die Welt lädt uns nicht dazu ein, einfach eine Neuauflage der Grossen Sozialistischen Revolution von 1917 hinzulegen. Das geht schon allein deshalb nicht, weil sich die Bedingungen, die Klassenstrukturen, die Kämpfe, die Probleme geändert haben. Aber die Geschichte zwingt uns dazu, Lehren zu ziehen: Lehren aus Erfolgen, vor allem aber aus Niederlagen. Die Revolution von 1917 hat einige ihrer wichtigsten Aufgaben nicht erfüllt; die Revolution ist auf halbem Weg stehen geblieben.

Die Methoden, die im Kampf gegen die Konterrevolution genutzt wurden, wurden fetischisiert, die Revolutionierung von Staat und Politik nicht durchgezogen, Praktiken und Denkformen der Bourgeoisie nicht vollständig zertrümmert, eine revolutionär-sozialistische Demokratie und Emanzipation nicht genügend umgesetzt. Die Bourgeoisie hat es sicher nicht besser gemacht. Sie ist aber nicht unser Massstab, sondern der Kommunismus ist es. Dem Erbe der Revolution von 1917 treu sein heisst heute deshalb auch, alle ihre Mängel und Fehler rücksichtslos zu kritisieren. Nicht um bei der Kritik stehen zu bleiben, nicht um irgendeinen sowieso schon nicht mehr existenten Liberalismus hochzuhalten, nicht um sich in irgendwelchen selbstgerechten, hasserfüllten, arroganten, ekelerregenden scholastischen Spielchen selbst zu ergötzen – sondern um es einmal anders – und besser – zu machen als die Genoss*innen vor uns.

Nur das ist die weiterführende Kritik an den Mängeln und Fehlern von 1917. „Revolutionen“, so Lenin, „sind Festtage der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Nie vermag die Volksmasse als ein so aktiver Schöpfer neuer gesellschaftlicher Zustände aufzutreten wie während der Revolution. Gemessen an dem engen, kleinbürgerlichen Massstab des allmählichen Fortschritts ist das Volk in solchen Zeiten fähig, Wunder zu wirken. […] Wir würden uns als Verräter und Abtrünnige der Revolution erweisen, wollten wir diese festtägliche Energie der Massen und ihren revolutionären Enthusiasmus nicht für den rücksichtslosen, hingebungsvollen Kampf um den direkten und entscheidenden Weg ausnutzen.“ [1]

Lasst uns das Erbe von 1917 auf würdige Art und Weise antreten und unter den heutigen konkreten Bedingungen für die Aktualität und unendlich schöpferischen Potenziale der Revolution kämpfen. Denn alles andere ist Quark.

Alp Kayserilioğlu, Jan Schwab und Joan Adalar
revoltmag.org

Anmerkungen

[1] W.I. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, LW 5, S. 103-104.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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