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Peru: Mao in den Anden | Untergrund-Blättle

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Soziale Kämpfe und die Frage der richtigen Strategie Peru: Mao in den Anden

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In Peru inspirierte der Maoismus Millionen Menschen. Nur langsam entstehen libertäre und nicht-maoistische marxistische Kollektive.

Comas, Teil der Metropolregion Lima.
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Bild: Comas, Teil der Metropolregion Lima. / Schönitzer (CC BY-SA 4.0 cropped)

„Die Bewegung ist am Arsch“, sagt Límber. Er ist Rapper und kommt aus Cómas, einem der berüchtigten nördlichen Randgebiete Limas. Seit über zehn Jahren versucht er, sich verschiedenen libertären Prozessen anzunähern. Ein Haus im Zentrum von Lima wurde 2013 besetzt und zu einem Autonomen Zentrum umgestaltet. Das Projekt scheiterte nach wenigen Monaten. „Das Problem ist, dass die Leute sich nur um sich selber kümmern. Es gibt keine langfristige Verbindlichkeit.“ Límber schenkt mir ein halbes Lächeln. Wir sitzen im campo de marte, einer der grössten Parks der Stadt. In der Nähe vor dem grossem Monument – keiner von uns weiss genau, um wen es sich da handelt – üben Tanzgruppen mit Verstärkern traditionelle Tänze ein.

Mary sieht die Probleme komplexer: „Es ist nicht nur der Individualismus, sondern auch das Fehlen von Bewegungswissen.“ Sie erzählt mir, dass in Lima oft Anarchist*innen auf der Durchreise halt machen. Aus Kolumbien, Argentinien oder Chile. Aber auch aus Europa. „Sie reisen mit ihren Rucksäcken durch ganz Südamerika und versuchen, vor Ort an libertäre Strukturen anzuknüpfen. Meist weil sie ein Schlafplatz brauchen.“ Eine Weitergabe peruanischer libertärer Erfahrungen passiere kaum. Límber ist Ende, Mary Anfang 20. Ältere Anarchist*innen kennen sie nicht. Auch Mary hat das Autonome Zentrum im Herzen der Stadt damals mit aufgebaut. Sie hatten eine Bibliothek eingerichtet, organisierten kulturelle und politische Veranstaltungen sowie regelmässige offene Plena. „Am Anfang waren alle euphorisch. Wir haben viel von der Hausbesetzer*innenszene in Europa gehört. Nun konnten wir unser eigenes Zentrum eröffnen.“

Dabei sind Besetzungen an sich nichts Ungewöhnliches in dem Andenstaat. Hier nennt sich das invasiones, Einfälle. „Die Menschen haben seit den grossen Migrationsbewegungen vom Land in die Stadt in den 1960er und 70er Jahren immer wieder Grundstücke in den Randgebieten besetzt und zuerst ihre Hütten, später dann ihre Häuser drauf gebaut“, erklärt Santiago, der als Soziologe arbeitet und Anarchist ist. Er forscht zu Kämpfen um Land sowie zu damit verbundenen ökologischen Themen. Gerade war er zwei Monate im Amazonasgebiet und hat sich für diese Zeit den Kämpfen einiger lokaler Gruppen angeschlossen. „Aufgrund der maoistischen Guerrilla-Erfahrung, und der Terrorismus-Konnotation, haben viele jüngere Menschen hier kein Interesse am Marxismus. Deswegen werden libertäre Ideen und Experimente interessant“.

Auch Santiago ist mit der Lage der libertären Bewegung, oder nicht-Bewegung im Land unzufrieden. Zu sehr seien Drogen im Spiel. Zu wenig eine gemeinsame organisatorische Perspektive vorhanden. „Viele leben eine Art kurze Rebellion und bezeichnen sich dann schnell als Anarchisten.“ Santiago vertritt einen klassenkämpferischen Anarchismus, er ist Anarcho-Syndikalist und beteiligt sich mit einigen Freund*innen unregelmässig an Arbeitskämpfen in der Hauptstadt. „Da wir keine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft haben ist es schwer, konstant mit den Kolleg*innen zu arbeiten.“ Durch gezielte Propaganda versuchen sie, die politisiertesten Sektoren der jeweiligen kämpfenden Arbeiter*innen mit ihren Ideen und Aktionsvorschlägen zu erreichen.

Woran das Autonome Zentrum gescheitert sei, frage ich Mary. „Es waren eine Reihe Probleme“, sagt sie. „Das Zentrum sollte nur im Notfall ein Ort zum Übernachten werden, jedoch haben sich mehr und mehr ausländische Anarchos dort einquartiert. Einige Punks von hier haben sich dann dazugesellt. Dazu kam, dass sich diese nicht an den Plenumsstrukturen beteiligt haben. Reguläre politische Arbeit war kaum noch möglich. Es kam auch regelmässig zu Auseinandersetzungen aufgrund von übergriffigem Verhalten. Primär von den Männern. Alles dies hat sehr viel Energie gezogen und tatsächlich das Zentrum zu einem Wohnprojekt mit viel Gewaltausübung gemacht. Irgendwann haben dann auch wir das Projekt aufgegeben“.

Mary sind anarcha-feministische Ansätze sehr wichtig und sie sucht Frauenzusammenhänge um sich zu organisieren: „Ich habe keine Lust mehr auf machistische Scheisse. Ich denke, die Genossen müssen erstmal selber auf ihren patriarchalen Scheiss klar kommen, bevor sie von uns erwarten, dass wir uns mit ihnen gemeinsam organisieren.“ Límber stimmt ihr zu, dass es viel Sexismus in der Szene gibt, jedoch hofft er auf eine gemeinsame Organisierung: „Das Problem ist, dass uns einfach viele Grundlagen fehlen. Anarchismus ist nicht einfach, sich mit Bullen anlegen. Es ist ein philosophischer und ethischer Standpunkt. Dieses Verständnis fehlt bei den meisten jungen Libertären hier.“

Der Interne Krieg

Die Kommunistische Partei Perus (PCP-SL), besser bekannt unter dem Namen Sendero Luminoso, Leuchtender Pfad, war einer der Hauptakteure des Internen Krieges, welcher von 1980 bis 2000 wütete. Unter der Führung des Philosophieprofessors Abimael Guzmán, der unter seinem Kampfnamen Presidente Gonzalo bekannt ist, schafften es die peruanischen Maoist*innen eine der wichtigsten Guerrilagruppen auf dem lateinamerikanischen Kontinenten zu werden und die nationale Bourgeoisie in Angst und Schrecken zu versetzen. Jedoch siegte der peruanische Staat. Ein überlegenes Militär, imperialistische Unterstützung und eine taktisch kluge Kampagne der Deligitimierung jeglicher revolutionärer Aktionen und Tendenzen, halfen dem ‚Terror der Terroristen‘ ein Ende zu setzen. Dass dabei massenhaft extralegale und terroristische Methoden vom peruanischem Staat selber eingesetzt wurden, geben die Nachfolgeregierungen heute nur zögerlich zu.

„Wir sind zwar keine Senderistas, jedoch denken wir, dass wir nicht Teil der pauschalen Dämonisierung der Kommunistischen Partei Perus sein können“. Wilfredo studiert Jura in Ayacucho. Er gehört einem Komitee an, welches sich für die Rechte der Gefangenen Ex-Guerrillas einsetzt. „Sich öffentlich für die Menschenrechte von politischen Gefangenen einzusetzen, ist sehr gefährlich in diesem Land“, berichtet er. „Jedoch denken wir, dass es eine politische Lösung geben muss.“ Aktuell sitzen noch ca. 70 politische Gefangene Ex-Guerrillas, teils in kompletter Isolationshaft seit mehr als 20 Jahren in peruanischen Knästen. 25 davon sind Frauen. Ende 2009 gründete sich um den Anwalt des inhaftierten Abimael Guzmán eine Gruppe mit dem Namen Movimiento por la Amnistía y Derechos Fundamentales [1], kurz MOVADEF. Sie strebten ein alternatives Narrativ des internen Krieges an und waren offen solidarisch mit dem PCP-SL.

Als sie sich als politische Partei eintragen lassen wollten, wurde ihnen dies verwehrt. Es hiess ihre Ziele seien keine demokratischen. Auf ihrer Webseite ist ein Bild von Abimael Guzmán neben einem von Abdullah Öcalan zu sehen. Für beide wird die Freilassung gefordert. MOVADEF wurde in kurzer Zeit rigoros verfolgt. Heute sitzen zusätzlich einige Dutzend junger Menschen unter dem Paragrafen welcher die ‚Verteidigung des Terrorismus‘ in Peru verbietet im Knast.

Bilanz und Selbstkritik

„Es muss eine detaillierte Bilanz der neueren Peruanischen Geschichte erfolgen“, so Miguel, ein junger Lehrer aus einem proletarischem Vorort von Lima. Miguel ist Kommunist. Über seinem Bett hängt ein grosses Wandgemälde von Ché Guevara. Daneben hängt ein Poster von Marx. Er sieht die PCP-SL sehr kritisch: „Ich verstehe nicht, warum keine ehrliche und öffentliche Selbstkritik erfolgen kann? Wie soll das Volk denn den alten Guerrillas noch vertrauen nach alledem was passiert ist?“

Der Peruanische Staat hat in den Jahren des Krieges viele tausende Menschen regelrecht niedergemetzelt. Auf ihren Feldern, aber auch in den unzähligen Folterstätten. Eines der bekanntesten ist Los Cabitos in der Andenstadt Huamanga. Sendero antwortete hart, und zielte nicht zuletzt auch auf die zivile Bevölkerung. Verräter sollen sie gewesen sein. Kollaboratuer*innen. Nachweisen können wir das heute kaum.

„Natürlich gab es Exzesse“, meint Bianca. Sie ist eine Genossin von Miguel und hat sich wie er in den 2000er Jahren während der Studierendenkämpfe an der staatlichen Universität San Marcos in Lima politisiert. „Dass auch Fehler gemacht wurden, heisst nicht, dass alles in der Erfahrung von Sendero falsch ist. Aber ich gehe mit: Es braucht eine Bilanz. Und davor drückt sich die ehemalige Führung von Sendero. Und in einer Organisation wie der PCP kommt nur der Führung die Aufgabe einer öffentlichen Bilanz zu.“ Miguel und Bianca sind Teil eines Kollektivs welches escuelas libres, Freie Schulen, etabliert. Jugendlichen soll so nach der Schule ein Ort der freien Bildung ermöglicht werden. „Die Jugendlichen sollen lernen, kritisch zu denken und zu handeln. Veranwortung zu übernehmen“, erklärt Miguel.

Juan ist 16 Jahre alt und besucht seit knapp einem Jahr regelmässig die escuelas libres: „Ich kann wirklich sagen, dass ich von den Genossen gerettet wurde. Meine Generation versinkt in Drogen und Kriminalität. Also wir, die aus den barrios populares sind. Hier habe ich z.B. gelernt Frauen zu respektieren und sie als ebenbürtige Kämpferinnen um das täglich Brot zu sehen. Und so abwegig ist das halt gar nicht. Viele von uns wachsen ohne Väter auf. Oder mit Vätern die nur manchmal betrunken nach hause kommen. Wir sehen unsere Mütter Tag und Nacht schuften.“ Das Projekt beinhaltet primär Lesezirkel zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen. Aber auch Schreibwerkstätte zu den Themen die die Jugendlichen bewegen. Als das El-Niño-Phänomen im März Überschwemmungen und Erdrutsche auslöste, organisierten sich die Teilnehmenden der escuelas libres und sammelten in ihren Kiezen Lebensmittel- und Sachspenden ein, die sie den betroffenen Familien brachten. „Es ist schön diese Kollektivität zu erleben“, sagt Juan mit einem Lächeln und füllt mir eine Suppe aus einem grossen Topf in eine Plastik-Schüssel.

Soziale Kämpfe und die Frage der richtigen Strategie

„An der Universität ist die Rechte besonders stark“, erklärt mir Yajaida. Sie ist Teil des Frauenkollektivs Sisary Warmi, welches sich als sozialistische Gruppierung an der Universität San Marcos gegründet hat. „Bei so vielen reaktionären Kräften, die mit der Dozenten-Mafia zusammenarbeiten, ist es nicht leicht sich als Sozialist*innen zu halten.“ Auch an den staatlichen Universitäten werden Posten nach Vetternwirtschaft und politischen Allianzen vergeben. Kritische Dozierende schaffen es kaum, in der Akademie Fuss zu fassen. Sisary Warmi strebt einen gemeinsamen Kampf von Arbeitenden und Studierenden an, wobei sie unterstreichen, dass sie selber alle aus dem Proletariat kommen: „Wir wollen zeigen, dass wir unsere Klasse nicht für individuelle Privilegien verraten. Dass wir eine gute Ausbildung abschliessen, um dann wieder im Dienste der Gemeinschaft zu arbeiten“. Sisary Warmi hat gute Verbindungen zur Textilgewerkschaft in der viele Textilarbeiterinnen organisiert sind. Mit Sendero oder dem MOVADEF wollen sie nicht in einen Topf geworfen werden: „Wir lesen zwar Mao, sind aber keine Maoistinnen“.

„Die wichtigsten sozialen Kämpfe finden aktuell um den Widerstand zu grossen Bauprojekten in entlegeneren Regionen Perus statt.“ Jorge, ein Anthopologie-Student aus Cusco erklärt, wie es in der Region um Cusco weniger das städtische Proletariat, sondern viel mehr die Bauern und das ländliche Proletariat sind, welche sich als Klasse für sich organisieren. „Die Bauern organisieren sich gegen den Landraub, aber auch die lohnabhängigen Bauern, also das bäuerliche Proletariat, organisiert sich verstärkt gegen die extrem harten Arbeitsbedingungen hier in den Anden.“ Ich lerne Edison, einen Gewerkschaftler kennen, der mir erklärt, wie hier die Organisierung primär auf Quechua ablaufe und wie schwer es sei, den Genoss*innen aus Lima zu erklären, dass sie bei aller Solidarität mit ihrem Spanisch nicht weit kämen. „Die Menschen hier hören Menschen wie ihnen zu. Menschen die so aussehen wie sie, die sich so kleiden wie sie, die sie schon aus der Kindheit kennen. Es ist sehr schwer, dass eine Person die aus einer anderen Region kommt, hier politisch Fuss fasst“.

Neben den täglichen Arbeitskämpfen finden in den letzten Jahren viele Kämpfe gegen die transnationalen Bergbauvorhaben zur Gewinnung verschiedener Rohstoffe statt. Hier haben sich in der Provinz Cajamarca zum Beispiel vor allem Anführerinnen herausgebildet. „Frauen kämpfen hier an vorderster Front, weil sie oft die einzigen sind, die auf dem Land noch übrig bleiben. Ihre Ehemänner sind dem internen Krieg zum Opfer gefallen oder sind bereits vor Jahren in die umliegenden Städte migriert, um dort zu arbeiten“. Rosa trägt ihren einjährigen Sohn in einer Manta, einer Art andinischer Decke, auf dem Rücken, während wir durch die Strassen eines Randbezirkes von Cusco, fern ab der Touristen spazieren. Sie ist wie Edison Teil von Renovemos, einer Gruppe von Arbeitenden und Studierenden, die sich mit der Frage eines andinen Marxismus auseinandersetzen. „Wir beziehen uns inhaltlich viel auf José Carlos Mariátegui“. Mariátegui ist Gründer der 1928 gegründeten Peruanischen Sozialistischen Partei und einer der wichtigsten marxistischen Denker des lateinamerikanischen Kontinets.

Er studierte die Schriften führender Sozialist*innen seiner Zeit und plädierte für einen spezifisch andinen Sozialismus, der sich auf die bereits vorhandene widerständige anti-koloniale Geschichte sowie auf progressive lokale Gesellschaftsstrukturen stützen sollte. „Natürlich sind wir daran interessiert, was auf der Welt passiert. Uns alle macht der Krieg in Syrien zum Beispiel sehr zu schaffen. Aber wir wissen auch, dass unser Kampf hier lokal stattfindet“, so Rosa. Inspiration bekämen sie ausserdem aus der peruanischen Geschichte selber: „Wir haben so viele widerständige Frauen und Männer gehabt in unserem Volk.

Das Problem ist, dass wir unseren Kindern kaum davon erzählen. Und so erfahren sie nur von den Nachfahren von Europäern und ihren gloriosen Kämpfen. Das ist aber nur Teil der Geschichte. Wir als andine Bevölkerung haben eine reiche Widerstandsgeschichte“. Neben zahlreichen Aufständen der andinen Bevölkerung, gab es auch organisierte Rebellionen von versklavten Afrikaner*innen die von den kolonisierenden Spaniern schon früh in das ‚Vizekönigreich Peru‘ gebracht wurden. Und auch die späteren chinesischen Immigrat*innen, die ab 1850 unter sklavenartigen Bedingungen die Felder der Haciendas bestellten, führten teils bewaffnete Rebellionen durch.

Auch im Amazonasgebiet finden Kämpfe um Land statt und das Thema der Feminizide, der Frauenmorde, ist in dem letzten Jahr in Peru besonders von einer jungen Generation gebildeter Frauen aus den Grossstädten in den Fokus gerückt worden. Unter dem Hashtag #niunamenos wurde zu grosse Demonstrationen mobilisiert. Davon geblieben ist wenig, so Mary: „Schlussendlich sind es halt bürgerliche Feministinnen.

Natürlich ist Machismus und Frauenfeindlichkeit ein wesentliches Problem in unserer Gesellschaft. Aber das hängt eben alles mit dem Kapitalismus zusammen. Mit einem Denken und Handeln in Kategorien von Privateigentum. Und solange diese Feministinnen dies nicht verstehen, greifen sie nur die Symptome an und gehen nicht an die Wurzel. Was fordern sie? Mehr Gesetze zum Schutz von Frauen. Mehr Frauenhäuser. Mehr NGOs. Ja ok. Und wenn wir das haben, was soll dies grundlegend verändern? Solange Frauen als billige Arbeiterinnen von Kapitalisten und fast als Sklavinnen zu hause von Ehemännern ausgebeutet werden können, solange es also das kapitalistische System gibt und die bürgerliche Ehe samt erzwungener Monogamie als einzige Form des Zusammenlebens propagiert wird, werden wir als Frauen immer den Kürzeren ziehen. Und die Religion bekräftigt das alles noch. Deswegen sagen wir Anarchistinnen: Kein Gott! Kein Herr! Kein Chef!“

Unter letzterem Aufruf kann sich auch Bianca von den escuelas libres wiederfinden. „Wir können den Menschen ihre Religion nicht wegnehmen. Das wurde in realexistierenden sozialistischen Ländern versucht, ging aber komplett schief. Wir wollen jedoch unserem Volk zeigen, was die Religion alles mit uns macht, was sie legitimiert. Und hier ist einer der Hauptpunkte, dass die Katholische Kirche immer und überall Gewalt gegen Frauen, wenn nicht direkt ausübt, dann zumindest vertuscht oder legitimiert. Und hierfür müssen wir Bewusstsein schaffen.“ Aktuell findet in Peru eine reaktionäre Kampagne gegen die minimale schulische Lehrplanveränderung der neoliberalen Regierung statt.

Der Regierung wird vorgeworfen die ideología de género, also die Geschlechterideologie im Schulsystem zu verankern. Kritisiert wird die Erziehung zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sowie der Respekt vor individuellen und multiplen Identitäten bezogen auf Geschlecht, Sexualität oder Ethnie. „So etwas Verrücktes kann auch nur hier passieren“, so Bianca. „Wir sprechen hier von minimalen bürgerlichen Errungenschaften. Aber Peru ist halt fest im Griff der Kirchen; der Katholischen aber auch vermehrt von evangelikalen Gemeinden. Und diese sind noch viel radikaler. Es ist noch eine semi-feudale Gesellschaft auf vielen Ebenen.“

Anarchismus und Kommunismus

Das Projekt der escuelas libres strebt, ähnlich wie Sisary Warmi, oder auch der in Huacho und Cusco vertretenen Gruppe Renovemos, die Ausbildung von Kadern an, um eine revolutionäre Partei als Organisation des peruanischen Proletariats zu gründen. „Für uns sind das keine interessanten Ziele“, kommentiert Santiago: „Jedoch sind einige von uns auch im Austausch mit den marxistischen Genoss*innen. Nicht alle von ihnen sind autoritär und mit einigen haben wir sogar positive Erfahrungen in universitären Kämpfen oder auch in Arbeitskämpfen gemacht. Hier setzen wir an“.

Auch Yajaida lehnt die Anarchist*innen nicht grundsätzlich ab: „Wir selber haben viel Inspiration aus anarcha-feministischen Kämpfen proletarischer Frauen hier in Südamerika gezogen. Natürlich wollen wir die Genoss*innen von unserer Taktik und Strategie überzeugen. Aber das geht nur im konkretem Kampf. Nicht allein durch Worte.“

Es ist mittlerweile nach 23 Uhr und die Laternen im campo de marte wurden abgeschaltet. Sowohl Límber als auch Mary müssen noch knapp zwei Stunden mit mehreren Bussen nach hause fahren. Wir legen zusammen um uns eine Portion arroz chaufa zu teilen und wettern über den Kapitalismus, der uns zwingt länger zu laufen, da wir wissen, dass an der nächsten Ecke das gleiche Essen für günstiger zu haben ist. Sonst haben Límber und Mary nicht mehr genug Geld für die Rückfahrt in der Tasche.

Eleonora Roldán Mendívil / lcm

Fussnote:

[1] Bewegung für Amnestie und Fundamentale Rechte

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