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Rezension zum Film von Werner Herzog Kaspar Hauser – Jeder für sich und Gott gegen alle

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Es ist ein interessanter, gar verführerischer Gedanke. Ein Mensch, der zwanzig Jahre lang fern von jeglicher Zivilisation allein in einem finsteren Keller gelebt hat, lernt die Zivilisation kennen.

Werner Herzog an einer Pressekonferenz in Brüssel am 11.
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Bild: Werner Herzog an einer Pressekonferenz in Brüssel am 11. Mai 2007. / Erinc Salor (CC BY-SA 2.0 cropped)

21. Juli 2011

21. Jul. 2011

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Wie reagiert er auf die Welt, wie reagiert die Welt auf ihn, auf ein Wesen, das völlig ausserhalb von Allem steht? Die Legende des „Kaspar Hauser“, eines Jungen, der in die Gesellschaft eingeführt wird, scheint nur darauf gewartet zu haben, von Werner Herzog in Szene gesetzt zu werden, als habe sie sich selbst geschaffen, bereit für ihren grossen Auftritt. Wie in den meisten Filmen des deutschen Regisseurs geht es auch hier um einen Aussenseiter, der sich in die Gesellschaft nicht einfügen kann, weil diese ihn ausgestossen hat.

„Fitzcarraldo“ ist so ein Fall, auch „Aguirre“ in gewissem Masse, „Stroszek“ natürlich, der Vampir Dracula in „Nosferatu“ und Georg Büchners „Woyzeck“ macht da keine Ausnahme. Kaspar Hauser (Bruno S.) ist ein Ausserirdischer. Er kann nicht gehen, auch die Sprache ist ihm fremd, da er sein ganzes Leben in einem Verliess gelebt hat. Das Essen wurde ihm gebracht, während er schlief, sodass er denkt, er wäre das einzige menschliche Wesen in diesem seltsamen Kosmos. Eines Tages jedoch wird dieser zurückgebliebene Junge in die Freiheit getragen, aber die Freiheit wird bald beängstigender und beengter als das Gefängnis, in dem er sich zuvor befunden hat.

Er lernt laufen, er lernt, ein paar Worte zu sprechen und wird in einer Stadt ausgesetzt, in der sich ein paar Einwohner um ihn kümmern. Das Interesse der Bewohner ist bald geweckt, Kaspar Hauser wird zu einem Ausstellungsstück, zu einem Tier in einem Zoo, man stellt ihn in einem Zirkus bloss, die Leute machen sich lustig über ihn, ehe er das Glück hat, Professor Daumer (Walter Ladengast) zu begegnen, der ihn bei sich aufnimmt und ihm innerhalb von zwei Jahren das Wichtigste beibringt. Aber Kaspar Hauser wird nicht glücklich. Die gesellschaftlichen Zwänge drohen, ihn zu zerstören…

Wir Menschen wachsen mit und in der Welt auf, alles erscheint uns natürlich, weil wir miterlebt haben, wie Dinge sich ändern, wie sie sterben, wie neue Dinge entstehen, daher hinterfragen wir vieles nicht. Braucht die Gesellschaft deshalb jemanden wie Kaspar Hauser, diesen Ausserirdischen mit seinem kindlich-naiven Verstand, der uns auf Ungewöhnliches oder gar Irrationales hinweist, durch das wir die Welt besser verstehen können?

Wie wertvoll ist dieses Relikt, das aus einer fremden Zeit und Galaxie zu kommen scheint? Dieser Mensch, der sich dieser Fähigkeit gar nicht bewusst ist, der in einer Zeit fragt, warum Frauen denn nur zum Stricken, Kochen und Putzen beschäftigt werden, als das Wort Emanzipation nicht einmal in den kühnsten Träumen existierte. Es ist natürlich, dass die Gesellschaft diesen Wilden nicht in einem derartigen Zustand belassen kann. Der Mensch mischt sich ein, er will Kaspar Hauser, ob er es will oder nicht, in die Zivilisation einführen, vielleicht weil der Mensch sich damit erheben will, um zu demonstrieren, wie weit voraus er dem naiven Alien ist und wozu Zivilisierte fähig sind.

Und natürlich stellt sich da die Frage, wozu die Zivilisation Kaspar Hauser treibt. Ins Glück oder ins Verderben? Dass Hauser durch diese neuen Einflüsse gar nicht anders kann, als unglücklich zu werden, dafür verurteilt Werner Herzog die Gesellschaft nicht, wohl aber für ihren ausnutzenden Umgang mit dem sensiblen Menschen, der zwanzig Jahre in einem Kellerverliess zugebracht hat. In einem Zirkus machen sich die Menschen lustig über ihn, auf grausame Art und Weise verletzt man seine Gefühle, weil man denkt, dass er zu Gefühlen überhaupt nicht fähig ist. Man beginnt ihn zu missbrauchen und diese eindrucksvolle Szene im Zirkus zeigt Kaspar Hauser lediglich auf, dass man intelligenter sein muss als alle anderen, um überleben zu können, um sich nicht zum Idioten zu machen und das ist das wahre Unglück, denn dadurch zur Zivilisation gezwungen, um nicht länger verletzt zu werden, begreift er erst die Tragik der menschlichen Existenz. Ist der Mensch dadurch zum Unglück verdammt?

Diese Sinnlosigkeit präsentiert sich ausgerechnet in Form eines Pfarrers, der Kaspar Hauser fragt, wie er zu einem Glauben gekommen sei. Aber er ist nie zu einem Glauben gekommen, als er alleine, abgeschieden von der Welt, in seinem Gefängnis sass. Weil der Glaube demnach nicht gottgegeben ist und wenn nicht einmal der Glauben gottgegeben ist, heisst das nicht, dass nichts gottgegeben ist, heisst das nicht, dass es überhaupt keinen Gott gibt? Heisst das nicht, nach den Massstäben des Pfarrers, dass das Leben dadurch sinnlos ist ohne den Glauben an ein höheres Wesen?

Kaspar Hauser würde man nach unseren Massstäben wohl als imperfekt beschreiben, aber sind nicht diese Zivilisierten imperfekt, die den Einsiedler in ein Korsett, in gesellschaftliche Formen zwängen wollen, die durch Gedanken, die sie sich nie gestellt haben, weil sie standhaft an ihren Glauben festhalten wollen und sich fürchten, all das zu hinterfragen? Die Geschichte am Ende des Films als Symbol schliesst sich an diese Frage nahtlos an, denn dort ist ein blinder Mann, der eine Gruppe durch eine Wüste führt.

Die Führer, die gutmütigen Menschen, die Hauser helfen, sind vielleicht blind, aber deshalb so geduldig, weil sie nicht vergessen haben, dass auch sie einmal in dem gleichen Stadium waren, nur waren sie in einem anderen Alter, als sie all das lernen mussten, was nun diesem seltsamen Wesen beigebracht wird. Aber da gibt es auch die anderen, über die sich Herzog freimütig lustig macht, auch weil es die perfekte Gelegenheit ist, mit den Feinden seiner Jugend abzurechnen, mit den Lehrern etwa, hier in Form eines verbohrten Professors, der sich in seiner komplexen Logik ergeht, aber unfähig ist, die wesentlich simplere Sichtweise seines Gegenüber anzuerkennen, der die Kraft und den Willen hat, die starren Gesetze zu lockern und ausser Kraft zu setzen, ohne sie deshalb falsch werden zu lassen.

Dass dieser Kaspar Hauser in Wahrheit wirklich existiert haben soll, spielt dabei keine Rolle, denn Herzogs Film – zusammen mit „Aguirre“ wahrscheinlich sein bester – funktioniert als wundervoll tiefsinnige Allegorie über menschliches Denken und Handeln, das so imperfekt ist und dass man trotzdem weitergeben möchte – an Hauser, an Bruno S., der für diese Rolle geboren zu sein schien, ein Strassenmusiker, ein ungewolltes Kind einer Prostituierten, der lange Zeit seines Lebens in Heimen und Anstalten zugebracht hat. Bruno S. spielt nicht nur, es geht darum, den Charakter mit grösstmöglicher Intensität zu studieren und es besteht nie ein Zweifel daran, dass Bruno S. Kaspar Hauser ist, der allmählich zerstört wird, obwohl er niemandem etwas zu Leide tut. Aber die menschliche Gesellschaft strebt sich dagegen, nur Zuschauer zu sein. Sie will handeln, um zu demonstrieren, dass sie noch lebt. Auch wenn sie dabei das komplett Falsche tut.

Cineast
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Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle

Deutschland 1974 - 110 min.

Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
Darsteller: Bruno S., Walter Ladengast, Brigitte Mira
Produktion: Werner Herzog
Musik: Popol Vuh
Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein
Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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