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Metal im Herzen des militärisch-popindustriellen Komplexes Musik und Gewalt

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Musik kann wehtun – zum Beispiel als Folterwerkzeug der CIA. Doch was sie zur Waffe macht, ist nicht ihre Gestalt, sondern der militärisch-popindustrielle Komplex.

Camp Delta in Guantanamo Bay auf Kuba.
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Bild: Camp Delta in Guantanamo Bay auf Kuba. / Kathleen T. Rhem (PD)

9. Dezember 2018

9. Dez. 2018

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Wenn eine popkulturelle Revolte im Axel-Springer-Feuilleton gefeiert und sogar zur Erklärung der Zeitläufte herangezogen wird, dann tut sie wohl niemandem mehr weh. So erging es diesen Sommer dem Black Metal, den Ulf Poschardt in der deutschen Tageszeitung «Die Welt», deren Redaktion er seit September leitet, kurzerhand zum «Sound der Stunde» erklärte. In Zeiten von «Terror, IS und der schockierenden Verrohung des Zwischenmenschlichen» sei der Black Metal so aktuell wie nie zuvor. Ein düsterer Soundtrack für eine düstere Welt. Aber ist es so einfach?

Die Beziehung zwischen Musik und Welt, die Poschardt behauptet, ist nicht viel mehr als eine metaphorische: Er klingt eben ein bisschen wie Krieg, dieser Black Metal. Abgesehen davon, dass Poschardt das Genre, das ihm da die Welt erklären soll, vom Anfang (Slayer als Gründer) bis zum Ende (Uada als wenig repräsentatives Beispiel) nicht verstanden hat, ist auch seine Schwarzmalerei verfehlt: Statistisch gesehen ist die Welt in den letzten Jahrzehnten friedlicher geworden. Die Vermutung kommt auf, dass Poschardt die Musik einfach missbraucht, um einem politisch motivierten Zweckpessimismus einen kulturdiagnostischen Anstrich zu geben. Schliesslich profitiert eine konservative Zeitung wie die «Welt» tendenziell davon, wenn ihre LeserInnen in einer düsteren Welt, einem «bizarren Sündenpfuhl», wie Poschardt es ausdrückt, zu leben glauben.

Und doch könnte es stimmen, was der Journalist Alex Ross kürzlich im «New Yorker» behauptete: dass wir beim Nachdenken über die dunkle Seite der Musik womöglich mehr über sie lernen als aus den gefälligen Büchern, die uns weismachen wollen, wie viel klüger, glücklicher und produktiver uns Popmusik macht. Ein Pessimist wie Poschardt muss man deswegen noch lange nicht werden.

Radikaler Lärm

Dagegenhalten könnte man zuerst einmal mit Jacques Attali, dem französischen Wirtschaftswissenschaftler, Marx-Biografen und langjährigen Berater des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand. In seinem bemerkenswerten Buch «Noise. The Political Economy of Music» von 1977 hat Attali eine Futurologie des Lärms entwickelt. Seine These: Zwar sei Musik in jedem Zeitalter an die gerade vorherrschende ökonomische Produktionsweise gebunden – so weit ist Attali Marxist –, aber sie verweise auch immer darüber hinaus, habe eine prognostische Kraft. Die Zukunft zeichnet sich für Attali dort ab, wo die musikalische Formgebung und damit die Macht noch nicht greift, wo zwar etwas zu hören ist, aber eben noch keine Musik: im Lärm.

Lärm ist für Attali immer radikal. Er verweist über die herrschenden Hörgewohnheiten hinaus, auf die Möglichkeiten der Zukunft. So habe etwa die Unterwanderung simpler Melodieführungen bei Richard Wagner und Gustav Mahler bereits die sozialen Verwerfungen der kommenden Jahrzehnte angekündigt. Die Macht folge dieser utopischen Kraft der Musik auf dem Fuss und binde sie technologisch ein. Im Zeitalter des Tonträgers, in dem wir uns immer noch befinden, ist die Musik für Attali vor allem eine Ware. Darüber hinaus gibt er uns nur noch schematische Umrisse einer kommunistisch anmutenden Utopie, in der die Musik jenseits der Plattenindustrie ihre rituelle Funktion wiedererlangen soll. Alles ziemlich wolkig.

Marxistisch gesprochen liest der Futurist Attali im gesellschaftlichen Überbau. Wie man Musik von ihrer ökonomisch-technologischen Basis denken kann und damit zu völlig anderen Schlüssen kommt, sieht man beim deutschen Medientheoretiker Friedrich Kittler. Für ihn wurden medientechnologische Innovationen, also auch die physischen Grundlagen zur Verbreitung von Musik, wesentlich durch die riesigen Mobilisierungskräfte von Kriegen vorangetrieben: das Grammofon durch den US-Bürgerkrieg, das Radio durch den Ersten Weltkrieg und Vorformen des Computers durch den Zweiten Weltkrieg. Daraus zog Kittler den so abgründigen wie pointierten Schluss: «Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Missbrauch von Heeresgerät.»

Entscheidend ist der soziale Kontext

Brauchen wir nach Kittler also einen dritten Weltkrieg, um die technologischen Möglichkeiten zur Verbreitung von Musik voranzutreiben? Wenigstens, so könnte man einwenden, findet heute auch die umgekehrte Bewegung statt, wenn Simulationstechnologien aus der Gameindustrie etwa für militärische Zwecke eingesetzt werden. Doch sowieso bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn die Feinheiten der Beziehung von Gewalt und Musik erst einmal mit dem grossen Pinsel weggefegt werden, ob wir nun in den wolkigen Utopien von Attali oder im technologischen Determinismus von Kittler landen.

Der Musikkritiker Simon Reynolds hat ein gutes Argument dafür formuliert, dass man genau hinhören und -sehen müsse, um diejenigen Momente zu erkennen, in denen Musik als kulturelle Gewalt wirksam wird. Sein Buch «Bring the Noise» ist wie jenes von Attali ein Buch über Lärm und seine soziale Kraft. Das Buch handelt von Alternative Rock und Hip-Hop und von ihrem Angriff auf den Status quo der Popmusik.

Wie bei Attali geht es auch bei Reynolds darum, wie sich emanzipatorische Bewegungen in Musik ausdrücken. Doch er denkt soziologischer: Nicht die Eigenschaften des musikalischen Materials selber machen Musik für ihn zu Lärm, sondern ihr sozialer Kontext. Darum interessiere er sich auch nicht für das Genre Noise, das immer noch dem guten alten Schockeffekt hinterherrenne und nach der Transgression schiele. «Die offensichtliche Tatsache ist», schreibt Reynolds, «dass sich niemand mehr in Hördistanz befindet, der geschockt werden könnte.» Die MusikerInnen dieser Szenen «schreien zu den Konvertierten».

Die MusikerInnen, über die Reynolds schreibt, hatten vergleichsweise harmlose Ziele: Sie wollten den Musikbetrieb aufmischen, vielleicht der Jugend eine Stimme geben. Doch von Auschwitz bis zu den Internierungslagern der CIA wurde Musik auch immer wieder direkt als Waffe der psychologischen Kriegsführung eingesetzt. Das in den fünfziger Jahren für CIA-Befragungen mit psychischer Folter zusammengestellte Kubark-Manual enthält auch detaillierte Beschreibungen zum Einsatz von Musik. Das Ziel dieser Methoden, die im Zuge des «Kriegs gegen den Terror» ein Revival erlebten, wird in diesem Handbuch so beschrieben: Es ginge darum, ein «traumatisches Erlebnis» herbeizuführen, das «die dem Individuum bekannte Welt sowie sein Bild von sich selbst aufsprengt». Durch die Destabilisierung ihrer Persönlichkeit sollten die Gefangenen zur Einwilligung getrieben werden.

Immer wieder Christina Aguilera

Am Beispiel des mutmasslichen Terroristen Mohammed al-Qahtani, der in Guantánamo gefoltert wurde, zeigt die Musikwissenschaftlerin Suzanne Cusick auf, wie Musik zur Waffe wird. Während der teilweise bis zu zwanzig Stunden Befragungen pro Tag wurde Musik eingesetzt, um al-Qahtani wachzuhalten, ihn zu nerven, aber vor allem, um seine psychisch-moralische Integrität zu zerstören. So wurden ihm etwa immer wieder Songs von Christina Aguilera vorgespielt, weil Musik mit Sängerinnen in strengen Auslegungen des Islam verboten ist.

Diese Methoden machen sich die körperliche Dimension der Musik zunutze. Allein schon die Wirkungsweise von Musik ist gewalttätig: Wird sie laut aufgedreht, füllt sie einen Raum, sodass wir ihr nicht entkommen können. Auch können wir unsere Ohren nicht schliessen, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Für Cusick erfüllt die Musik gegenüber den strenggläubigen muslimischen Gefangenen die gleiche Funktion wie die nackten weiblichen Körper, denen sie ausgesetzt wurden: Man lässt sie den Verstoss gegen ihre religiösen Werte körperlich erleben, um sie zu brechen, wie es im CIA-Handbuch vorgesehen ist.

Doch der Einsatz von Pop ist eine Ausnahme: Die bevorzugten Stile der CIA für Foltermusik sind Hardrock und Metal. Seit der US-Invasion in Panama hat der Einsatz dieser Musik als Waffe Züge einer Tradition angenommen. Damals hatte sich Manuel Noriega, der ehemalige Machthaber des Landes, in ein Gebäude der Kirche zurückgezogen. Um ihn zur Aufgabe zu bewegen, beschallten die Soldaten das Haus mit Musik, von der sie glaubten, dass er sie hasste: AC/DC, Black Sabbath oder Alice Cooper. Ähnliche Taktiken wurden vom FBI, der israelischen Armee und eben in den Internierungslagern der CIA angewendet.

Noriega hat irgendwann aufgegeben – dass er am Hardrock zerbrochen ist, ist eher unwahrscheinlich. Was an dieser Geschichte irritiert, sind die mutmasslich naiven Gründe der Soldaten für die Zusammenstellung der Playlist. Noch etwas weitertreiben kann man diese Absurdität mit den Ergebnissen einer Studie des Musikwissenschaftlers Jonathan Pieslak über den Musikkonsum von US-Soldaten im zweiten Irakkrieg. Am liebsten hörten die Soldaten nämlich Rap und Metal, oft also die gleichen Songs, die sie einsetzten, um Gefangene zu foltern.

Der beste Seelenbalsam

Wenn man sich die Stücke anschaut, die im Innern der Panzer erschallten, sind das einerseits solche, die Kampfbereitschaft und Angriffslust befeuern, «Seek and Destroy» von Metallica etwa. Bei einem Stück wie «I Don’t Give a Fuck» des Rappers Lil Jon, das zwar ebenfalls eine aggressive Grundstimmung transportiert, geht es hingegen eher um Abstumpfung und Resilienz gegenüber dem Krieg – das genaue Gegenteil der Foltertaktiken der CIA, die den psychischen Widerstand der Gefangenen gerade brechen wollten.

Dass es von der individuellen musikalischen Sozialisation abhängt, ob ein Musikstück bei jemandem Wohlgefallen oder Schmerzen auslöst, stützt auch eine Studie der Psychologin Laura Mitchell: Sie hat herausgefunden, dass stets die bessere Wirkung erzielt wird, wenn eine Person mit ihrer Lieblingsmusik therapiert wird als mit einer Musik, die vermeintlich beruhigende Eigenschaften besitzt. Für den Death-Metal-Fan ist eben Death Metal der beste Seelenbalsam.

Doch diese Verbindungen müssen zuerst hergestellt werden. Interessant ist, was die Soldaten in den Interviews mit Jonathan Pieslak sagten: dass viele von ihnen mit Rap erst im Irak und mit Metal bereits in Rekrutierungsprogrammen der US-Armee in Berührung gekommen seien. Das hat vor allem auch damit zu tun, dass die Armee seit 2003 systematisch Metal-Stücke einsetzt, etwa als Soundtracks für ihre Werbevideos. Pieslak argumentiert, dass das undenkbar wäre, wenn die Unterhaltungsindustrie das Metal-Genre nicht seit den achtziger Jahren immer wieder mit Bildern von Action, Abenteuer und Gewalt in Verbindung gebracht hätte. Wenn diese Verbindung dann dazu führt, dass diese Musik direkt im Krieg eingesetzt wird, schliesst sich ein Kreis zu einem wahrhaftigen militärisch-popindustriellen Komplex.

Das ist es, was der «Welt»-Chefredaktor Poschardt nicht begreift – oder begreifen will: Musik bildet nicht einfach ihre Umgebung ab, sie hat eigene mediale Gesetzmässigkeiten, die ihren Einsatz für die vielfältigsten Zwecke zulassen. Wenn Musik der Soundtrack zu einem gesellschaftlichen Vorgang ist, dann muss sie dazu gemacht werden. Viele halbstarke Black-Metal-Musiker hätten es wohl gern, wenn ihre Musik der Soundtrack zu Krieg und Terror wäre. Und Poschardt geht ihnen auf den Leim.

huz
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