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John Perry Barlow: Nachruf auf den Songtexter der Grateful Dead | Untergrund-Blättle

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Ein Counterculture-Hippie-Erbe John Perry Barlow: Nachruf auf den Songtexter der Grateful Dead

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Gevatter Hein wird Grateful Dead bald vollständig abgeerntet haben. Mit John Perry Barlow ist jetzt ein Songtexter, Dichter, Autor, Aktivist und Internetunternehmer von uns gegangen, der wohl einer der besten Hippies war, den wir je hatten.

John Perry Barlow, November 2007.
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Bild: John Perry Barlow, November 2007. / Joi (CC BY 2.0 cropped)

27. Februar 2018

27. Feb. 2018

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Wie es in Barlows Oberstübchen zugegangen sein mag, drückt er wohl selbst am besten aus, mit dem poetischen reichen Song »Cassidy«:

„I have seen where the wolf has slept by the silver stream
I can tell by the mark he left you were in his dream
Ah, child of countless trees
Ah, child of boundless seas”

Wir merken uns an dieser Stelle zumindest die Sache mit dem Schrankenlosen, denn die ist bezeichnend für alles, was Barlow in diesem Leben versucht hat. Seine Freundschaft zu Bob Weir brachte ihn früh in Kontakt zu Grateful Dead. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Barlow dessen hochverschuldete Farm und hielt diese am Laufen, ohne den Kontakt zu Grateful Dead aufzugeben. Diese Verbindung von Unternehmertum und aktionistischem Künstlertum wurde kennzeichnend für Barlows Werk. Er schaffte es, dass immer plötzlich irgendwelche Leute bei der Band auftauchten und halt so Sachen machten, was einen nicht unwesentlichen Teil der Anziehungskraft von Grateful Dead ausmachte.

Barlow schrieb ab den 1990ern fleissig für das Magazin »Wired« und wurde zu einer Art Internet-Vordenker. Sein Schaffen war geprägt von einer eigenständigen und auch eigenwilligen Weltauffassung. So war er ein Vertreter der »Pronoia«. Eine Hypothese, die annimmt, dass sich Kräfte verschworen haben, die uns ein glückliches und erfülltes Leben ermöglichen wollen. Anders gesagt: Auf der anderen Seite ist nur Liebe.

Freies Internet

Barlow war vermutlich als Free-Love-Kind seiner Zeit schlicht beziehungsunfähig und viele seiner Überlegungen können auch gerne unter »verblasen« abgeheftet werden. Aber er hat an einem der bedeutendsten Kämpfe unserer Zeit teilgenommen, dem um die Gestaltung der Digitalisierung. Hier war er – man verzeihe die unzulässige Simplifizierung – tendenziell auf der Seite der Guten. Beim Kampf um das Internet und dem damit verbundenen Strukturwandel der Öffentlichkeit durch Digitalisierung gibt es ein entscheidendes Grundproblem. Jeder Kommunikationsakt besteht aus zwei Elementen: Einerseits bedarf er des Rückgriffs auf gewisse (grammatische) Regeln und andererseits ist er eine schöpferische Tat und als solche frei.

Digitalisierung hat vornehmlich die Regelformen im Blick, da diese von Maschinen aufgegriffen und bearbeitet werden können. Algorithmen können somit menschliche Kommunikation unterstützen und auch steuern. Hierin liegt – und Barlow hatte dies erkannt – ein totalitäres Potenzial. Facebook, Google und Co. ist diese Gefahr ziemlich wurscht. Die zweite Hälfte des Kommunikationsakts, das Schöpferische, das in jedem Moment die Freiheitsfähigkeit der Menschen belegt, indem diese spontan Regeln verändern und neue schaffen können, ist den Internetriesen eher lästig. Dabei könnten Apparate diese Freiheitsfähigkeit des Menschen mit vornehmer Zurückhaltung unterstützen, statt die UserInnen zu manipulieren.

Schlauchenden

Eine Anekdote vom Hörensagen soll illustrieren, wie sich Barlow die Sache (vermutlich) vorgestellt hat. Bekanntermassen waren Grateful Dead ziemlich angetan von der Wirkung von LSD. Begeistert von dem Acid fuhren sie mit einem bunten Bus durch die Gegend und hatten die famose Idee, den Schulunterricht am Lande durch das Austeilen der sauren Löschpapiere ein wenig aufzupeppen. Spitzeneinfall, keine Frage. Aber irgendwie war klar, dass Behörden, Lehrer und besorgte Eltern die Sache bald zu verhindern wussten.

Eines Abends sass der bunte Grateful Dead Haufen vor dem Tourbus und musste ein Überangebot an Acid vertilgen. Irgendwer hatte ein riesiges Bündel aus alten Gartenschläuchen besorgt und legte es in die Mitte der Gruppe. Die VersuchsteilnehmerInnen nahmen nun die ihnen am nächsten liegenden Schlauchschlaufen und kappten sie. Es entstanden folglich ein Einlass und ein Auslass an den zwei Schlauchenden. Jetzt begann jeder in der Runde in sein eines Schlauchende zu sprechen und horchte, was am anderen Schlauchende zu hören war.

Es war unmöglich zu sagen, wo der Kanal hinführte. Manche hörten nichts, manche jemand anderes quasseln und andere vielleicht sogar sich selbst. Wichtig war, alle konnten mit ihrem Ende auf etwas, das sie gehört hatten, antworten und dies einer ungewissen EmpfängerIn weiterleiten. Wurde es wem an seinem Ende zu langweilig, dann wurden die Schlauchenden einfach getauscht. Die Wirkung war verblüffend. Die Beteiligten hatten das Gefühl, an einem enormen, gemeinsamen, geistigen Gebilde mitzuwirken.

Sicherlich wurde das Ergebnis durch das Acid befeuert, aber auch nüchterne TeilnehmerInnen hätten an ihrem Ende die eingesammelten Informationen schöpferisch verarbeitet und übersteigert. Das ist es, was Menschen eben tun und mittels ihrer Fantasie tun können. Und so wie dieser Schlauchhaufen hätte das Internet werden sollen. Zumindest wenn es nach den Netz-Hippies wie Barlow gegangen wäre. Heute haben wir hingegen Filterblasen und Echokammern, personalisierte Werbebotschaften, Meinungsmanipulation und all diesen Mist, bei denen, die auf Regelformen basierenden und mit eigenen Regeln einflussnehmenden Algorithmen die schöpferische Fülle beschränken.

Ein Counterculture-Hippie-Erbe

Für Barlow und seinen weltweiten Freundeskreis sah es eine Zeit lang so aus, als würden sie gewinnen. Barlow sah überall enormes Potenzial zur Besserung der Welt. Seine Afrika-Erfahrung summierte er mit dem geflügelten Worten Fela Kutis: »Everything You Know About Africa Is Wrong.« Fest nahm Barlow an, die agrarischen Kulturen Afrikas könnten sofort in eine Avantgarde des Informationszeitalters überführt werden, ohne die schmutzige Industrialisierung des Westens über sich ergehen lassen zu müssen. In vielem wurde sein hoffnungsfroher Eifer sicherlich von der Realität Lügen gestraft. Das Internet gehört heute einer Hand voll Konzernen und die Republikaner rund um Donald Trump werden die Netzneutralität abschaffen und dann muss für alles im Netz gezahlt werden. Eine Entwicklung, die Barlow mit seiner »Declaration of the Independence of Cyberspace« energisch zu bekämpfen versuchte.

John Perry Barlow hatte durchaus ein gewisses puritanisches Sendungsbewusstsein, das er in »Erbauungsliteratur« und im Aufschreiben von Lebensregeln auslebte. Dabei beschenkte er die Welt mit einem der schönsten Hippieleitsätze: »Werde der Freude gegenüber weniger misstrauisch.«

Frank Jödicke
skug.at

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