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Rezension zum Film Tatis Schützenfest

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Jacques Tati (eigentlich: Tatischeff, *1907, †1982) gehörte und gehört wohl zu den aussergewöhnlichsten Schauspielern und Regisseuren der Filmgeschichte.

L’Idéal CinémaJacques Tati in Aniche, Frankreich.
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Bild: L'Idéal Cinéma - Jacques Tati in Aniche, Frankreich. / Serge Ottaviani (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

13. März 2018

13. Mär. 2018

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Ursprünglich wie sein Vater Bilderrahmenbauer, in seiner Freizeit aber auch begeisterter Boxer und Rugby-Spieler, knüpfte Tati in seinen insgesamt „nur” sechs Spielfilmen an die grossen Stars des Stummfilmkinos an. Dialoge spielen in Tatis Geschichten nur selten eine Rolle, eigentlich nur in „Jour de fête” und „Mon Oncle”. Aber selbst in diesen Filmen zählen vor allem die Bilder einer dörflichen Gemeinschaft und die Verschrobenheit ihrer Bewohner. Eigentlich erzählt Tati gar keine Geschichten im üblichen Wortsinn.

Seine Filme sind eher zu meisterhaft verdichteten Bildern zusammengefasste intensive Beobachtungen menschlichen Verhaltens im Übergang zur Postmoderne, wie dies heute so unbeholfen genannt wird. Geräusche, wie die von Schuhen, Korkenziehern, modernen Sesseln aus Kunststoff, und Bewegungen, nicht nur seine eigenen als Monsieur Hulot, sind zentral für Tati. Buster Keaton meinte, Tati knüpfe dort an, wo er und andere wie Chaplin oder Langdon vierzig Jahre zuvor stehen geblieben seien.

Und tatsächlich wirken Tatis bewegte Gemälde der beginnenden Postmoderne wie erneuerte Stummfilme, die über sich selbst hinausgehen und das Geräusch, den Ton, die Gebärde auf einer höheren Ebene und in bezug auf eine veränderte Gesellschaft in den Film einführen, als seien sie dramaturgische Mittel und keine wirklichen Lebensäusserungen.

In seinem ersten Spielfilm war Jacques Tati noch nicht Monsieur Hulot, oder sagen wir: er war es „nur” in Ansätzen. Der zunächst als Schwarzweissfilm in den Kinos gezeigte Film wurde Jahre später u.a. von Tatis Tochter Sophie Tatischeff durch die restaurierte ursprüngliche Farbfassung ersetzt. 20 Jahre nach Tatis Tod kam diese Fassung in die Kinos und findet sich auch in der vor kurzem erschienenen Jacques-Tati-Collection von Universum-Film.

In „Tatis Schützenfest” feiert Tati, der den Briefträger François spielt, die französische dörfliche Gemeinschaft – mit kritischer Sympathie, mit Leidenschaft, Liebe, aber ohne in idyllische Fahrwasser zu geraten. Schon hier zeigt sich Tatis Distanz zur Stadt, zu modernen Technologien, zu festgefügten Ordnungen, zu vermeintlich planbaren Abläufen.

Die Einwohner von Saint Sévère erwarten zum alljährlichen Schützenfest u.a. auch eine Schaustellertruppe mit Attraktionen aller Art. Alle sind in Hektik, nur die weise, alte bucklige Frau mit ihrer Ziege an der Leine bleibt gelassen und beobachtet, erzählt von diesem und von jener. Sie kennt hier jeden. Wir treffen auf den griesgrämigen Wirt der Dorfkneipe, einen schielenden Einwohner, vornehme Leute, und natürlich auf François, den schlaksigen Briefträger mit den viel zu kurzen Hosen, einem Schnauzer und den unter seiner Postbotenkappe hervor blinzelnden bauernschlauen Augen.

Viele Szenen dieses Films haben Slapstick-Charakter, etwa wenn mit Hilfe von François der Fahnenmast für das Schützenfest aufgestellt werden soll, wenn er später vor einem Bauern prahlt, er habe dafür gesorgt, dass der Mast zum Stehen gebracht wurde – und prompt in eine Grube fällt. Oder wenn er des nachts betrunken samt Fahrrad durch die Dunkelheit torkelt, einen Zaun mit seinem Drahtesel verwechselt und kopfüber in einer Hecke landet, wo ihn ausgerechnet die Biene wieder belästigt, die ihm auch tagsüber bei der Arbeit zu schaffen macht.

Während des Schützenfestes zeigen die Schausteller einen Film über moderne Methoden der Postzustellung in den Vereinigten Staaten: Briefträger werden dort von Flugzeugen durch die Lüfte gezogen, um schneller zu sein als andere. Was die Amerikaner können, könne die Franzosen schon lange, meint François – und fortan radelt er durch die Gegend wie ein wild gewordener Stier – schneller als die Radrennfahrer, die er locker hinter sich lässt –, klemmt einen Brief auch schon mal unter den Schwanz einer Kuh oder steckt ihn auf eine Mistgabel. Anfangs belächelt von seinen Mitbewohnern, geht denen François Hektik bald auf die Nerven.

Tati kehrt hier der Welt der Moderne den Rücken, ignoriert sie allerdings nicht, sondern sieht die Zeichen der Zeit durchaus. Irgendwann werden diese modernen Zeiten auch vor Saint Sévère keinen Halt machen. Ohne die dörfliche Idylle allzu sehr zu idealisieren, bleibt Tati / sein François doch lieber das, was er war. Er pfeift irgendwann auf die amerikanische Methode der Briefzustellung.

„Heutzutage schämt man sich beinahe, dass man sich immer noch für Dinge schämt, für die man sich auch früher geschämt hat.” (Jacques Tati)

Ulrich Behrens

Tatis Schützenfest

Frankreich 1949 - 76 min.

Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati, Henri Marquet, René Wheeler
Darsteller: Jacques Tati, Guy Decomble, Paul Frankeur
Produktion: Fred Orain
Musik: Jean Yatove
Kamera: Jacques Marcanton, Jacques Sauvageot
Schnitt: Marcel Morreau

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