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Rezension zum Film von Carolina Hellsgard Wanja

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„Wanja“ stellt sich der interessanten Frage, wie ehemalige Häftlinge wieder den Weg ins Leben finden können. Antworten bietet das Drama nicht, dafür springt es zu sehr von Thema zu Thema, bleibt im Guten wie im Schlechten bis zuletzt fremd.

Landschaftspark DuisburgNord.
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Bild: Landschaftspark Duisburg-Nord. / Hans Peter Schaefer (CC BY-SA 3.0 cropped)

20. Juni 2016

20.06.2016

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Nie wieder Gefängnis! Als Wanja (Anne Ratte-Polle) endlich aus der Haft entlassen wird, steht für sie fest, dass sie ein neues Leben anfangen will, weg von den Verbrechen, weg von den Drogen. Aber das ist leichter gesagt denn getan, denn die Welt da draussen hat nicht unbedingt auf sie gewartet. Selbst unbezahlte Praktikumsplätze sind für die 40-Jährige nur schwer zu bekommen, zu gross sind die Vorbehalte ihr gegenüber. Erst als sie auf einer Trabrennbahn beginnt, scheint sich langsam wieder alles zum Guten zu wenden. Wäre da nicht die jugendliche Emma (Nele Trebs), mit der sie sich anfreundet und welche sie wieder in den Abgrund zu ziehen droht.

Gefängnis, das bedeutet in Filmen oft die Endstation. Der Ort, an dem Verbrecher ihrer Taten wegen sühnen müssen. Manchmal wird ein Gefängnis aber auch zu einem Schauplatz, zu einem kleineren oder auch wie in Orange is the New Black zu einem alleinigen. Beides interessiert die Regisseurin und Drehbuchautorin Carolina Hellsgard nicht. Ihr Blick ist auf das danach gerichtet, das was einen im Anschluss erwartet. Ablehnung zum Beispiel. Angst. Das Nichts, Leere. Vielleicht auch Abgründe. Rückfälle. Und das Unbekannte.

Vieles in Wanja ist unbekannt, seltsam und fremd. Das Schicksal einer Frau, die nach einem langen Gefängnisaufenthalt in die Freiheit kommt, mit dieser aber nicht klar kommt, habe sie zu dem Film inspiriert, erklärte Hellsgard. Und es ist ein Thema, das sicher interessant ist, sowohl im konkreten Fall – wie können wir ehemalige Verbrecher integrieren? –, wie auch als allgemeine Reflexion darüber, was es heisst, ein Gefangener zu sein. Ein Gefangener von anderen, ein Gefangener von sich selbst.

Antworten wird man in Wanja jedoch kaum finden, eher begegnen einem auf dem Weg lauter neue Fragen, die so verwirrend sind, dass man sie nicht einmal wörtlich wiedergeben könnte. Es sind dann auch seltsame, teils sogar bizarre Szenen, in die Hellsgard ihre Protagonistin stolpern lässt und von denen man kaum sagen kann, wovon sie handeln. Von denen man nicht einmal wirklich weiss, ob sie denn nun real sind. An einer Stelle, Wanja hat wider besseren Wissens doch wieder zu Drogen gegriffen, werden die Realitätsverluste auch visuell deutlich gemacht. An anderen ist das viel weniger klar zu erkennen.

Ein nächtlicher Raubüberfall, kuriose Begegnungen im Wald, die Tiere im Bad – der Film lässt offen, was es damit auf sich hat. Das Spiel mit verzerrten Wahrnehmungen kann sehr reizvoll sein, sogar faszinierend. Bei Wanja ist Konfusion aber eine sehr viel wahrscheinlichere Reaktion, auch da sich Hellsgard nie wirklich festlegen mag, worum es eigentlich geht. Sind es die Reaktionen der „normalen“ Bevölkerung? Der Kampf gegen eigene Dämonen? Die Entfremdung der Gesellschaft? Alles scheint hineinzufliessen, ohne aber dass jemals etwas tatsächlich Form annimmt. Zwischendrin wird auch eine Tochter erwähnt, die Wanja nicht mehr sehen kann. Aber auch die verschwindet so schnell wieder, wie sie gekommen ist.

Da wäre an vielen Stellen doch ein wenig mehr Tiefgang schön gewesen, anstatt ständig von Thema zu Thema zu springen, gerade auch das Zwischenmenschliche bleibt oft unnötig konfus und schwammig. Für ein echtes Spiel mit den Wahrnehmungen ist das deutsche Drama dann wiederum zu zaghaft – weder wird man von dem Schicksal der unnahbaren Wanja bewegt, noch fesselt das Drumherum. Wanja ist ein Film über das Nicht-Hineinpassen, der auch selbst irgendwo verloren zwischen seinen vielen Momenten wirkt.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Wanja

Deutschland 2015 - 87 min.

Regie: Carolina Hellsgard
Drehbuch: Carolina Hellsgard
Darsteller: Anne Ratte-Polle, Nele Trebs, Marko Dyrlich
Produktion: Johanna Aust
Musik: Steffen W. Scholz
Kamera: Kathrin Krottenthaler
Schnitt: Antonella Sarubbi

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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