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Kein Mensch ist Leitkultur | Untergrund-Blättle

Datum

29. Mai 2017, 10:59 Uhr

Gesellschaft

Warum wir endlich eine selbstkritische Debatte über „Heimat“ brauchen Kein Mensch ist Leitkultur

Gesellschaft

In Zeiten der so genannten Flüchtlingskrise feiert der Glaube ein grosses Comeback. Nicht etwa, weil sich der Islam unkontrolliert in der Bundesrepublik ausbreitet, sondern, weil in der Debatte um Leitkultur, Flüchtlingspolitik und Rechtspopulismus die Phantomschmerzen der Zugehörigkeit wieder aufkommen.

29. Mai 2017

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Plötzlich glauben alle wieder an Heimat. Thessaloniki-Korrespondent und Berliner Gazette-Autor Florian Schmitz kommentiert:

Hochideologisiert und aggressiv schallt es von beiden Seiten. Ob Koran, Bibel, Propaganda oder FakeNews: Glaubensfragen haben die Bundesrepublik fest im Griff. Der Protagonist meines kürzlich erschienen Buches “Erzähl mir von Deutschland, Soumar“ ist u.a. deswegen aus Syrien geflohen, weil religiöse Fanatiker den Alltag seines Landes kontrollieren. Wie geht es Soumar, seitdem er in Deutschland ist. Wie gestalten sich Glaubensfragen im neuen Land?

Viele gläubige Menschen sagen, Gott sei überall. Was aber sagt das über Gott aus? Ist nicht die Annahme, dass es keinen Gott gibt, ‚christlicher,‘ im Sinne von humaner, als die Vorstellung, dass da ein allmächtiges Wesen ist, das denen beistehen soll, die leiden, künstlich in Armut gehalten werden, die Auswirkungen der Erderwärmung und Naturkatastrophen als erstes zu spüren bekommen, in Kriege gestürzt werden u.s.w.?

Gott als zynische Rechtfertigung

Mir hat mal jemand gesagt, ich sei zynisch, weil ich den Menschen so die letzte Hoffnung raube. Das finde ich nicht. Eher finde ich, dass somit ein sehr zynisches Bild von Gott gezeichnet wird, der in aller Seelenruhe zuschaut, wie die Schwächsten seiner Schöpfung dem Wahnsinn von Krieg, Hunger und Vertreibung schutzlos ausgeliefert sind. Ebenso zynisch ist es, die Bibel oder den Koran zu zitieren, um Privilegien und Reichtum zu rechtfertigen, oder dass die Kirche in Griechenland aktiv Antidiskriminierungsgesetze verhindert. Absurd ist, dass Soumar in Syrien von Islamisten gejagt wird, weil seine Eltern Allawiten sind, also an denselben Gott glauben, im Namen dessen sie umgebracht werden sollen. Hätten die selbsternannten Gotteskrieger gewusst, dass Soumar in Wirklichkeit gar nicht an Gott glaubt, hätten sie ihn erst recht getötet.

Soumar ist Atheist. Auch deswegen ist er dazu in der Lage, sich auf die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe des Krieges zu konzentrieren. Daher ist er für Dschihad-Theorien völlig unempfänglich, was auf die meisten Geflüchteten in Deutschland zutrifft, die ja eben vor diesem Dschihad aus ihrem Land fliehen mussten. Gleichzeitig sind Atheisten natürlich keine besseren Menschen. Auch der Nationalsozialismus war eine atheistische Weltanschauung, wobei der Führerkult natürlich etwas Gottgleiches hatte. Im Wesentlichen ist der Nationalsozialismus eine Ideologie, die nicht anders funktioniert, als eine Religion auch. Fakten spielen keine Rolle. Alles kann nach Bedarf interpretiert und an die Ideologie angepasst werden.

Integration ist eine Frage der Selbstkritik

Deutschland wurde stark geprägt von dieser Ideologie. Unser heutiges Weltbild fusst auf ihrer Überwindung. Zur Zeit aber sehen viele Menschen in Deutschland dieses Weltbild in Gefahr. Wir begreifen uns als rational-kritische Gesellschaft, die von den religiösen Ideologien des Islams bedroht wird, wobei die Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, diese Ideologie personifizieren. Ich kann das in gewisser verstehen. Wie soll das Zusammenleben funktionieren?

Tatsache ist, dass die Integration viele Probleme mit sich bringen wird. Weltanschauungen werden aufeinanderprallen und es wird Konflikte geben. Viele Menschen in Deutschland fühlen sich in ihrer Freiheit bedroht. Auch das ist verständlich. Und damit meine ich nicht nur die Deutschen, die die Flüchtlinge am liebsten sofort wieder aus dem Land werfen würden, sondern auch die anderen, die unterstellen, das Bedürfnis nach einer Diskussion über die Probleme, die in punkto Integration auf uns zukommen werden, sei die Grundlage eines neuen Faschismus.

Debatte oder Opium fürs Volk

? Dadurch ist eine Debattenkultur entstanden, die vor allem polarisiert; in der wir die Freiheit, die es doch zu schützen gilt, bereits aufgegeben haben. Anstatt zu debattieren, konzentrieren wir uns auf ein paar wenige Beispiele. Vollverschleierung vs. sexuelle Belästigung, Rechtspopulist vs. Gutmensch, Minarett vs. Kirchturm.

Um diese Pole herum sammeln sich die Ideologen beider Lager, bezichtigen sich gegenseitig der Lüge und proklamieren ihr Weltbild als die Essenz einer Wahrheit, die sich von der Propaganda der Gegenseite nicht blenden lässt. Dabei berufen sich beide Lager auf die Freiheit und beide Lager vergessen dabei einen wesentlichen Aspekt: Dass die gelebte Realität sich eben nicht auf eine Silvesternacht in Köln oder den Bau einer Moschee reduzieren lässt, sondern dass sie sich zwischen diesen Extremen abspielt.

Die verlorene Mystik der Frage

Auffällig dabei ist, wie selten Fragen gestellt werden. Denn Freiheit bedeutet nicht nur, seine Meinung äussern zu dürfen, sondern umfasst auch die Verantwortung, die Meinung des Anderen zu erfragen. Genau darauf basieren unsere Grundwerte, dem kritischen Hinterfragen von Zuständen.

Radikale Religion, vor allem politisch motivierte, funktioniert anders. Da wird ein Extremzustand als geltendes Recht für alle proklamiert, das nur den Gläubigen und den Hierarchien ihrer Institutionen zusteht. Mit diesem ideologischen Ton aber wird aber auch unsere Debatte geführt. Meinungen werden zu Realität und diese Realität zur Religion.

Vernunft und Freiheit

Unser Weltbild aber, das beide Lager gleichermassen zu schützen versuchen, ist aus der Überwindung von Religion und Ideologie heraus entstanden. Irgendwann in Zeiten der Aufklärung, als man sich an die Menschen im antiken Griechenland erinnerte, die ein System namens Demokratie erfanden und von Jahwe, Gott und Allah noch nichts gehört hatten, kam man zu dem Schluss, dass die Menschheit sich nur weiterentwickeln und zueinander finden könne, wenn sie sich von der Allmacht der Kirche löst und auf zwei wesentliche Grundsätze konzentriert: Vernunft und Freiheit.

Dabei ist weder Vernunft ohne Freiheit, noch Freiheit ohne Vernunft denkbar. Werkzeuge dieser Grundsätze sind Beobachtung, Hinterfragen und Selbstkritik. Gerade der letzte Aspekt trennt den vernünftigen Menschen vom ideologischen. Wichtiger als die eigene Überzeugung ist also der Respekt vor der Überzeugung des Anderen und die ständige Frage: Bin ich vielleicht im Unrecht?

Der Glaube an die Heimat

Eben diese Frage ist vor allem in der Bestrebung wichtig zu definieren, was es eigentlich bedeutet, deutsch zu sein. Dabei steht die linke Panik, sich überhaupt in diesem Kontext zu definieren, dem Rechtspopulismus gegenüber, der weder die Kultur noch die Geschichte der Bundesrepublik in ihrer Gesamtheit reflektiert, sondern sie reduziert auf eine Liste positiver Attribute, die weit vorbeizielt an der Realität, und die Angst vor dem Leben in einer globalisierten Welt, in der die Konfrontation mit dem Fremden zum Alltag gehört, hinter naivem Wunschdenken verhüllt.

Dabei ist dies alles im Endeffekt keine Frage des Glaubens, sondern der Perspektive, denn, wenn man in Deutschland lebt, ist man eigentlich nicht deutsch. Dann ist man Berliner, Münchener oder Ruhrpottler, Wessi oder Ossi, Rheinländer oder Franke. Dann klingt Deutschland nach einer abstrakten Idee, die vielleicht zu tun hat mit Politik und Wirtschaft, aber die für das eigene Leben eigentlich keine Bedeutung hat. Erst wenn man Deutschland von Aussen sieht, ergeben die Unterschiede, die das Land von Innen heraus definieren, auch in ihrer Gesamtheit Sinn.

Soumar hat Syrien das erste Mal als Syrien erkannt, als er es vom Libanon aus gesehen hat. Vorher war es Aleppo, Damaskus, Tartouz und Latakia. Jetzt lebt er in Deutschland und versteht mehr denn je, dass er Syrer ist. Währenddessen zerfällt sein Land im Krieg. Die vielen Orte, aus denen sich Syrien zusammensetzt, die Städte und Dörfer, die von Gewalt, Flucht und Terror gezeichnet sind, haben ihre Kraft verloren. Sie haben sich selbst vergessen unter den Bombenangriffen, explodierenden Autos und dem Feuer der Maschinengewehre, denn der Krieg lässt keinen Raum für Individualitäten.

Debatte versus Realität

In Deutschland herrscht Frieden. Und wenn Soumar jetzt durch Bremen läuft, dann trägt er einen kleinen Teil Syriens mit sich und bewahrt es in der Hoffnung, dass in seiner Heimat irgendwann wieder Platz dafür ist. Mehr als eine Million Menschen sind seit 2015 nach Deutschland gekommen. Wie Soumar sind sie vor dem Überleben geflüchtet, diesem ständigen Kampf, der das Leben zu einer biologischen Notwendigkeit degradiert. Sie haben das Leben in Deutschland nicht einfacher gemacht. Sie haben uns aus der Bequemlichkeit unserer kleinen, sicheren Lebenswelt gerissen und selbst den Schwächsten im Land gezeigt, dass es schlimmer geht.

Dabei haben sie ungewollt eine grosse Debatte entfacht. Was ist Deutschland eigentlich und was bedeutet es deutsch zu sein? Jetzt geht es um Integration. Aber in was genau sollen sie denn integriert werden? Darüber herrscht Unklarheit.

Eine Antwort darauf, wird es auch nie geben. Integration ist kein Vorgang, der in einer Masse entsteht. Sie findet im Mikrokosmos des Alltags statt, mal besser, mal schlechter, mal schneller, mal langsamer. Und in manchen Fällen auch gar nicht. Fakt ist jedoch, dass die Debatte um Integration das Konzept der eigentlichen Durchführung eigentlich nicht zu greifen vermag. Wenn die Vorstellung von Deutschland als Ganzem zu abstrakt ist, dann gilt das auch für die Integration.

Eine Kultur ist ein komplexes Konstrukt, das sich in einem ständigen Wandel befindet. In den meisten Fällen finden diese Veränderungen so graduell statt, dass wir sie nicht als solche empfinden und sie einfach Teil unseres Lebens werden. Manche Ereignisse aber haben einen solchen Einfluss, dass sie auch kollektiv wahrgenommen werden. In Deutschland speziell ist das zuletzt mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung geschehen. Und dann im Sommer 2015, als der grosse Flüchtlingsstrom über die Balkanroute nach Deutschland gelangte.

Es gibt kein Zurück

Seitdem hat sich für die meisten das Leben kaum verändert. Der Applaus an den Bahnhöfen ist verklungen. Der Alltag ist zurückgekehrt und Geflüchtete sind zu einem Teil von ihm geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob wir das schaffen, sondern wie. In einer Kultur gibt es nie ein zurück. Das verstösst gegen die physikalischen Gesetze der Zeit. Der Wunsch, dass alles irgendwann wieder so wird, wie es mal war, ist eine naive Illusion. Selbst, wenn man jetzt damit anfangen würde, so viele Geflüchtete wie möglich wieder auszuweisen, dann würde das keinen Frieden bringen.

Zum einen, weil das ‚wohin‘ nicht beantwortet werden kann, und zum anderen, weil das Prinzip ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘ in einer globalisierten Welt einfach nicht mehr funktioniert. An vielen Orten auf unserem Planeten brodelt es heftig vor sich hin. Davor haben wir lange genug die Augen verschlossen. Und was wir nicht sehen wollten, ist nun zum Teil unseres Alltags geworden. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Deutschlands Reichtum ist nicht einfach das Produkt unseres Fleisses und unserer Ordnung. Wir sind Profiteuere eines wirtschaftlichen Systems, das viele andere Länder, auch innerhalb von Europa, in soziale Notstände geführt hat.

Heimat ist kein Ort

Es wird also Zeit, sich mit der Heimat zu beschäftigen. Und zwar nicht mit dem Begriff, sondern mit der Praxis. Ich habe durch meine Freundschaft mit Soumar und auch durch mein Leben in Griechenland gelernt, dass Heimat kein Ort ist. Heimat ist ein individuelles Gefühl, das ich auf einen Ort beziehe. Es gibt keine Leitkultur, die diesen Begriff so definieren könnte, dass sich jeder Deutsche darin wiederfinden würde. Es ist vielmehr ein Komplex und eine Entwicklung von Erfahrungen, die jeder Einzelne für sich macht.

Daher ist es auch völlig sinnlos, mit dem Begriff Heimat Wahlwerbung zu machen. Jeder Versuch einer Verallgemeinerung ist automatisch zum Scheitern verurteilt. Ich persönlich habe gelernt, dass meine Heimat mir Privilegien mit auf den Weg gegeben hat, über die ich mir erst bewusst geworden bin, als sich sie verlassen habe. Und ich habe gelernt, dass diese Privilegien mir nicht nur Vorteile bringen, sondern auch die Verantwortung, andere daran teilhaben zu lassen. Deutschland ist ein demokratisches Land. In der Logik der Demokratie sichert das Wohlergehen des Anderen mein eigenes Wohlergehen. Das deckt sich mit den meisten, gängigen Religionen und Moralvorstellungen.

Wenn man sich auf der Welt umschaut, mag man dies bezweifeln und zwar aus gutem Grund. Vielmehr führt die dauernde Abstraktion globaler Entwicklungen zu Zynismus und Isolation. Das Wohl des Anderen ist ein Konzept des unmittelbaren Lebens. Es ist direkt vor unseren Augen und dort, wo Integration und Heimat zusammenfinden.

Florian Schmitz
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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