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Pitaval 68: Überall Beat und Minis | Untergrund-Blättle

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Pitaval 68: Sammlung von historischen Strafrechtsfällen Überall Beat und Minis

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Am 21. Oktober 1968 meldet BILD, dass in Nürnberg ein 35jähriger Mann seine zwanzig Jahre jüngerer Geliebte erwürgt hat. Sie, ich nenne sie Eva, wollte immer nur „zum Beat“ tanzen.

Studentenrevolte 196768, WestBerlin.
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Bild: Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin. / Stiftung Haus der Geschichte (CC BY-SA 2.0 cropped)

17. Mai 2018

17. Mai. 2018

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Eva trällerte die Songs der Beatles, der Beach Boys, die Songs von Small Faces und von Dave Dee, Dozy, Beaky Mick & Tich mit. Sie tanzte gern dazu.

Er, ich nenne ihn Adam, mühte sich, auch „Beat“ zu tanzen. Adam wollte mithalten; ich stelle mir einen Mann vor, dem es einigermassen zuwider oder fremd war, seine Hüften zu verrenken und die Knie zu schlenkern wie ein Schmittchen Schleicher (den es erst Jahrzehnte später gab), die Haare zu schütteln, unterm Hemdkragen und in den Achselhöhlen zu schwitzen. Aber Adam ist ein Mann und verknallt.

Er belegte sogar einen Englisch-Kurs. Er wollte verstehen, was die Bands da singen, was der Eva gefällt. Ihretwegen nahm er ab, ihretwegen kaufte er ein Auto auf Pump. Dass Adam ein paar Jahre älter war als seine Eva – ja mein Gott, als schaute man im Zustand des Verliebtseins und Begehrens immerzu in einen Kalender, in dem die Geburtstage der Lieben verzeichnet sind!

Am Vorabend einer geplanten gemeinsamen Urlaubsreise kam es zur Tragödie. Eva hörte – Beat-Musik. Adam sagte, er möchte mal was anderes hören. Eva wurde böse, Eva schrie, Eva spottete. „Ich nehme mir einen Freund, der besser Beat tanzen kann und der mindestens 2.000 Mark im Monat verdient!“ Jemand, der besser ist als Adam. Nicht nur beim Tanzen, nein, nein. Rundum besser, yeah, yeah, yeah. „Nach der Schule suche ich mir eine Stelle bei der Stadt, da kann ich mich mit einem Freund, der nur Fabrikarbeiter ist, sowieso nicht sehen lassen.“ Mit einem der nur 800 Mark verdient, yeah, yeah, yeah, …

Die Vertreibung aus dem (eingebildeten?) Paradies endete im Affekt: Adam erwürgte Eva. Da kommt nichts nach. Kein Mythos, keine Kinder, kein Menschengeschlecht. Für Eva endete die Geschichte der Menschheit in dem Moment, als Adam ihr die Luft zum Weiterleben abschnürte.

Warum nenne ich sie Eva und ihn Adam? (Wie alt waren die beiden in der Bibel? Gleichaltrig nicht. Eva wurde aus einer Rippe Adams, demnach war sie beträchtlich jünger.) Weil es eine uralte Geschichte ist, und doch passiert sie immer neu? Weil es wie ein Muster durch alle Zeiten ist? Oder eine spezielle Häufung, die BILD widerspiegelt? 1968 als ein erotisch aufgeladenes Jahr der Aufwallungen, bevor es in der Geschichtsschreibung zum mythischen Jahr der Veränderungen wurde?

Es musste nicht immer Totschlag oder Mord sein, was Alte und Jung, Älter und Jünger trennt und in die Schlagzeilen bringt. Obwohl …

Zum Nikolaustag des Jahres ziert die Titelseite der BILD das Foto einer halbnackten Frau im Profil und mit Pudel vor der Brust die erste Seite: die tschechische Schauspielerin Jana Novakova (20), die von ihrem 40 Jahre älteren Ehemann erschossen wurde, bevor er sich selbst (es gibt ein Foto des Toten, hingestreckt im Schlafanzug, die Pantoffeln an den Füssen) tötete. Die Novakova war „ein Typ, der die Männer unruhig macht“. Ihr Mann, Eugen Gruber, war ein „gutaussehender, weltgewandter Mann“. Sie stand am Anfang einer viel versprechenden Karriere, er stand am Ende, trotz seines Geldes, seines Charmes, seiner Hingabe (seines Hingebens?) als Depp da.

Die Hausfrau Brunhilde T. (29) in Steinhude stirbt, weil ihr 61jähriger Ehemann darunter leidet, dass sie zu viel mit jungen Leuten flirtet. In dem kurzen Bericht vom 21.3.1968 heisst es: „Brundhildes Vater Fritz G. (60): ‚Ich habe schon damals meinem Schwiegersohn gesagt: Wie kannst du alter Mann eine so junge Frau nehmen? Das kann doch nur währende der Flitterwochen gutgehen.‘“

Und die Frau eines Millionärs erschiesst ihren Mann auf der Jagd, weil er sich nach 23 Jahren Ehr eine jüngere nahm …

Nein, es muss nicht immer Totschlag und Mord sein.

Limburg an der Lahn. Ein Lehrer brannte vor Jahren mit einer 16jährigen Schülerin durch und heiratete sie. Die Ehe hielt 13 Jahre. Dann verliebte er sich erneut in eine Schülerin und verliess seine Frau und die fünf gemeinsamen Kinder.

„Bist du immer so lahm?“, reizte eine 13jährige mit Minirock und toupierten Haaren einen 19jährigen Kellner. “Ich habe zwar kein grosses Temperament, aber bei Marianne habe ich schliesslich doch nachgegeben“, erklärt er vor dem Jugendschöffengericht. Wegen Unzucht mit einem Kinde bekommt er vier Wochen Jugendarrest.

Am 25. Oktober wird ein Mann zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er liebte eine zwölfjährige Lolita, seine Ehefrau musste des Mädchens wegen auf der Couch nebenan schlafen. Das Mädchen sei jeden Morgen auf dem Weg zur Schule an seiner Tankstelle vorbeigekommen und habe ihn angelächelt, da dachte er, sprich sie doch mal an; hat gezündet wie ein neuer Motor. Vor Gericht sprach Lolita Angelika kokett: “Ich glaube, er liebt mich immer noch.“ Auch eine Eva, diese Angelika?

Bielefeld. Ein Kaufmann (Vater zweier Kinder und verheiratet), spricht ein Mädchen an, sie steigt in sein Sportauto ein, und er - fummelt an ihr rum. Er lädt sie für die kommende Woche zu einem Trip nach Schweden ein. Sie sei zu hübsch um Verkäuferin zu bleiben. Der Richter sagte mit Blick auf das im Mini-Rock vor Gericht stehende Mädchen, dass man bei ihrem Anblick tatsächlich schwach werden könne. Die Anklage wegen Entführung und versuchter Nötigung wird fallengelaasen. Doch der Mann muss 3.000 Mark berappen. Wegen der Einladung nach Schweden, die sei eine Beleidigung* und Ehrminderung. Ein schlechtes Geschäft für einen Kaufmann.

Unter der Überschrift „Vorsicht, wenn Sie ein Mädchen unter 18 küssen“ wird am 13. November von einem Taxifahrer berichtet, der in Nürnberg in die hormonelle Bedrängnis geraten ist.. „Mit kessem Lächeln“ habe die Gertraud dem Taxifahrer Klaus (27) bei einer abendlichen Heimfahrt einen „gepfefferten Witz“ erzählt. Der Chauffeur steuerte den Wagen an einen schummrigen Ort. Eine Stunde später fuhr er Gertrud nach Hause, doch am nächsten Morgen erzählte Lehrling Gertraud im Büro, dass sie von einem Taxifahrer belästigt worden sei.

Anzeige, die Justiz nimmt ihren Lauf, in der Urteilsverkündung sagt der Richter: „Ich bin überzeugt, dass die Abwehrbewegung des Mädchens vom Angeklagten nicht als solche zu erkennen war. Ausserdem hat sie aus Dummheit den Witz erzählt. Der Taxifahrer musste natürlich denken, ein leichtlebiges Mädchen im Wagen zu haben.“ Allerdings gilt: „Wenn ein Mann ein junges Mädchen unter 18 auf dem Nachhauseweg küsst und unsittlich berührt und die Eltern Strafanzeige stellen, kann er wegen Beleidigung verurteilt werden. Es genügt, wenn das Mädchen nachher sagt, dass es nicht einverstanden war.“ Drei Wochen Gefängnis auf Bewährung für den Taxi-Fahrer.

Mit den Mädchen/Frauen in Mini-Röcken und –Kleidern ist es eine ambivalent-schillernd-betörende Sache. Von den Verlockungen, Verführungen, Entgleisungen, Tötungen wird zeit- und hautnah berichtet. Andererseits …

BILD richtet einen Strickwettbewerb aus: Wer strickt die besten Minis. Die besten sind die knappsten? Durch eine Jury, die vermutlich aus Männern bestand, werden aus einem „Riesenberg“ die „schönsten Minis“ ausgesucht. Manche Frauen liessen sich von ihren Ehemännern fotografieren. „Dieses Foto hat mein Mann gemacht. Hoffentlich können sie darauf erkennen, wie hübsch mein Mini geworden ist. Er jedenfalls meinte, damit müsste ich eigentlich einen Preis gewinnen.“

Oder: Sechs Frauen werden abgebildet, und unter der Überschrift „Wer lange Beine lebt hat eine zarte Seele“ wird ein „lustiger Test“ angeboten, der dem Mann zeigt, was für ein Mann er ist. „Achten Sie bei Foto 1 und 2 nur auf den Busen und kreuzen Sie unter jedem Foto an, ob der Busen stark, mittel oder schwach auf sie wirkt“. Bei Foto 3 und 4 geht es um die Beine …“ Und bei Foto 5 und 6 geht es um den Po. „Auch bekommt jedes Bild ein Kreuz.“ Wer bspw. einen starken Po ankreuzt (also einen rundlichen), der neigt „etwas zu Pedanterie und hat ein Talent für alles Organisatorische“. Wer Mädchen mit kurzen Beine vorzieht (also bei Foto 3) … Und so weiter. Am 27. März wird gefragt: „Haben schlaue Mädchen die schönsten Beine?“

Vier Fotos mit den züchtig übergekreuzten Beinen einer Chefin, einer Bardame, einer Sekretärin und einer Gräfin sind hüftabwärts zu sehen. Einer britischen Untersuchung nach würden Form und Stärker der Beine Hinweise auf Herkunft und soziale Stellung ihrer Inhaberin geben. Dr. Martin Cole vom Biologischen Institut der Aston-Universität in Birmingham: „Es ist eine Tatsache, dass intelligente Frauen hübschere Beine haben.“ Die Beine der Mädchen und Frauen können einen Mann den Verstand rauben - und strafrechtlich teuer zu stehen kommen. Allerdings sind die Beine der Frauen auch teuer: Die teuersten Beine gehören 1968 weder einem Fussballstar noch Marlene Dietrich (mit einer Million Mark versichert), sondern der Balletttänzerin Ludmilla Tscherina. „Meine Beine sind mein einziges Vermögen“, richtet sie aus. Sie wurden in Barcelona mit fünf Millionen Mark versichert.

Bleibt zu erwähnen, dass am 20. Oktober 1968 **, als Adam Eva erwürgte, Aristoteles Onassis und Jaqueline Kennedy auf der griechischen Insel Skorpios heirateten. Der Grieche war 62, die Amerikanerin 39 Jahre alt.

Eckhard Mieder

*§ 185 StGB: Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Erläuterung: Beleidigung ist der Angriff auf die Ehre einer anderen Person durch Kundgabe ihrer Missachtung oder Nichtachtung. Ehre bedeutet hier die personale Würde des Menschen und sein Anspruch, entsprechend seinem moralischen, intellektuellen und sozialem Wert behandelt zu werden.

** Am selben Tag übersprang der amerikanische Sportler Richard Fosbury während der olymischen Spiele in Mexiko, 2,24 Meter im Hochsprung. Er drehte sich vor und über der Latte so, dass er mit dem Rücken, den er durchbog, und die Beine, die er nachschlang, zur olympischen Goldmedaille. „Alles kicherte, wenn Dick Fosbury rückwärts über die Latte ‚kletterte‘.“ Seitdem gibt es den Flosbury-Flop, den mittlerweile alle Athletinnen und Athleten, die hoch hinaus wollen, springen. Und die zwei „kugeligen Schwestern“ und „Zonen-Mädchen“ Margitta Gummel und Marita Lange gewannen Gold und Silber im Kugelstossen; sie haben fast das gleiche Gewicht (82 und 84 Kilogramm) und „die gleichen wohlproportionierten, fraulichen Figuren“. Der BILD-Berichterstatter sah beim Training „mit welcher Leichtigkeit die beiden strammen Mädchen mit der Scheibenhantel beim Krafttraining umgingen.“ Und war begeistert.

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