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Europas Fleisch- und Milchproduktion muss sich halbieren Warum Fleisch auf die politische Agenda gehört

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Der Fleischkonsum in den wohlhabenden Ländern muss markant sinken. Dennoch spielt das Thema in der Politik kaum eine Rolle.

In Zukunft etwas wenigerFrisches Fleisch im Supermarkt.
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Bild: In Zukunft etwas weniger - Frisches Fleisch im Supermarkt. / Raysonho @ Open Grid Scheduler / Grid Engine (PD)

2. November 2018

2. Nov. 2018

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Am 8. Oktober wurde der neueste Sonderbericht des Weltklimarats zur Erderwärmung veröffentlicht. Der IPCC (United Nations Intergovernmental Panel on Climate Change) legt darin dar, welche Folgen eine Klimaerwärmung um 2 Grad gegenüber einer Erwärmung von 1,5 Grad hätte. Das Fazit: Bereits eine Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter hätte gravierende Folgen. Um die Erderwärmung darauf zu begrenzen, müssten die Netto-CO2-Emissionen bis 2050 auf Null sinken. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste sich die Art, wie sich die Weltbevölkerung fortbewegt, wie sie wohnt, lebt und sich mit Energie versorgt, umfassend ändern.

Derzeit sieht es eher danach aus, als würde die Menschheit selbst das 2-Grad-Ziel nicht schaffen. Präzise gesagt: mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, so die 91 Autoren der Studie (Zeit.de). Stattdessen bewegen wir uns auf eine Erderwärmung von 3 bis 4 Grad zu. Um das Ruder herumzureissen, haben wir etwa ein Dutzend Jahre Zeit.

Europas Fleisch- und Milchproduktion muss sich halbieren

Eines der einfachsten und schnellsten Mittel, den Ausstoss von Klimagasen zu reduzieren, wäre eine Ernährungsumstellung in grossem Rahmen. Dass der weltweite Fleischkonsum markant sinken muss, stellten schon mehrere Studien fest. Europas Milch- und Fleischproduktion müsse sich bis 2050 halbieren, um das Klimaziel von 1,5 Grad Erderwärmung zu halten, warnen Experten der RISE Foundation, die sich mit Agrarfragen beschäftigt, in einer neueren Studie. Co-Autor Allan Buckwell lässt keinen Zweifel daran, wie das geschehen muss: «Wir sprechen von weniger Fleischmahlzeiten … und der Umstellung auf flexitäre Ernährung ('flexitarian diet', hauptsächlich auf pflanzlicher Kost basierend)», sagte er gegenüber dem «Guardian».

Eine solche Transformation werde nicht spontan stattfinden: «Es bedarf starker Signale von Seiten der Regierung, die Massnahmen enthalten muss, um den Konsum von tierischen Erzeugnissen, die für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt schädlich sind, zu verhindern».

Es geht nicht nur darum, Anreize zu schaffen und den Übergang einer ganzen Industrie zu begleiten. Ein ganzer Wirtschaftsbereich muss sich grundlegend wandeln. Auf die Regierungen der ganzen Welt kommt damit eine enorme Aufgabe zu.

Kein Fleisch am Knochen in der Politik

In der politischen Diskussion fehlt das Thema Fleischkonsum jedoch völlig, nicht nur in der Schweiz. Politiker sprechen sich für Solarkraftwerke, Urban Gardening, Elektroautos, Langsamverkehr und Landschaftsschutzgebiete, oder auch mehr oder weniger Atomkraftwerke aus. Keine einzige Partei hat den Fleischkonsum der Zukunft im Programm. Die britische Klimaministerin Claire Perry verweigerte sich in einem Interview mit der BBC so gut wie jeder konkreten Aussage dazu. Es sei nicht Aufgabe der Regierung, den Leuten vorzuschreiben, klimafreundlich zu essen, sagte sie. Nicht einmal darauf, ob sie das für notwendig halte, gab sie eine Antwort. Sie wolle Leuten, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommen, nicht raten, kein Steak mehr zu essen. Stattdessen will sie mehr Bäume pflanzen.

Dabei mischt sich der Staat bereits jetzt kräftig in die Ernährung ein, beispielsweise durch Subventionen. Die Kosten ernährungsbedingter Krankheiten lassen sich längst beziffern, sowohl auf individueller wie auf nationaler Ebene. Der durchschnittliche Europäer isst zu fett, zu süss und zu viel und wird längst angehalten, sein Essverhalten so zu gestalten, dass es nicht noch mehr kostet. Wer gesünder isst, wird belohnt, wer es nicht tut, besteuert. Es gibt ein ganzes Bündel Vereinbarungen und Gesetze, die der Information von Konsumenten in Umweltdingen dienen. Sowohl Elektrogeräte wie Tiefkühlfisch tragen Umweltlabels. Warum aber nicht Fleisch und Milch?

Mag sein, dass das «Veggie-Gate» der deutschen Grünen europäischen Politkern noch in abschreckender Erinnerung ist. Diese machten sich im Bundestagswahlkampf 2013 für einen fleischfreien Tag pro Woche in Kantinen stark, was ihnen den Ruf einer «Verbotspartei» eintrug. Wer sich mit den einflussreichen Lobbys im Ernährungssektor anlegen will, braucht dazu einen langen Atem. Das gilt allerdings ebenso für den Automobilbereich. Einen objektiven Grund, das eine Thema, das buchstäblich alle angeht, aus der Agenda zu verbannen, gibt es nicht.

Wir können 10 Milliarden ernähren – aber nicht so

Selbst ohne den Klimawandel gäbe es Gründe, zu handeln. In den wohlhabenden Ländern wird durchs Band zu viel Fleisch produziert und konsumiert. Eine am 10. Oktober in der Zeitschrift «Nature» erschienene Studie kommt zu dem Schluss, dass die Einwohner westlicher Länder bis 2050 auf 90 Prozent ihres Rindfleisch- und 60 Prozent ihres Milchkonsums verzichten und dafür vier- bis sechsmal soviel Bohnen und andere Hülsenfrüchte essen müssen, damit die Weltbevölkerung weiter zu essen hat. Sonst würden wir kritische Umweltgrenzen zerstören, «jenseits derer die Menschheit um ihr Leben kämpfen wird». Das bezeichnete selbst der Leiter der Studie, Marco Springmann von der Universität Oxford, gegenüber dem «Guardian» als «ziemlich schockierend».

Etwas gemässigter drückte sich sein Kollege Johan Rockström vom Potsdam Institut für Klimaforschung in Deutschland aus. «Wir können 10 Milliarden ernähren, aber nur, wenn wir die Art, wie wir essen und Nahrung produzieren, ändern», sagte er. Schon vor einem Jahr zeigte auch eine Studie der Agroscope, bezogen auf die Schweiz, dass wir unseren Speisezettel radikal verändern müssen, um uns umweltgerecht zu ernähren.

Daniela Gschweng / Infosperber

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