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Twitter: Die Follower, die ich rief | Untergrund-Blättle

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Die Normalisierung Twitters Die Follower, die ich rief

Sachliteratur

Das deutschsprachige Twitter hat sich von einer Spielwiese für Nerds zu einem Forum für Politik und Gesellschaft gewandelt. Der Medienwissenschaftler Johannes Passmann begleitete den Prozess fast seit der ersten Stunde und legt nun eine umfassende Studie über die Normalisierung des einstigen Nischenmediums vor. Eine Rezension.

Die Zentrale von Twitter in San Francisco.
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Bild: Die Zentrale von Twitter in San Francisco. / Runner1928 (CC BY-SA 4.0 unported - cropped)

22. Mai 2018

22. Mai. 2018

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Irgendwann ist meine Tante Facebook beigetreten und es war mit dem Spass vorbei. Facebook wurde von der intimen Netzgemeinde zum Forum für alle und die Freiheit, beinahe alles zu schreiben, das einem in den Sinn kommt, endete. So ähnlich war es dann auch bei Twitter, nur statt der Tante war es Peter Altmaier, der beitrat.

Das soziale Netzwerk wandelte sich in der vergangenen Dekade von einer Spielwiese für Nerds in eine offizielle Bühne von Politik und Gesellschaft. Dabei bot das deutschsprachige Twitter in seinen frühen Jahren eine erstaunlich bunte, laute Community mit eigenen Spielregeln und einem juvenilen, aber durchaus souveränen Sinn für Humor. Als Beispiel mögen diese 140 Zeichen gelten: „Letzte Nacht, gegen 3 Uhr, hat überraschend der Nachbar bei mir geklingelt. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen.“ Ein Buchprojekt, dessen Titel dem Tweet verblüffend ähnlich klang, führte zu Plagiatsvorwürfen gegen den Verlag und wurde zu einem der ersten grossen Shitstorms des deutschsprachigen Twitter.

Als Höhlenforscher des frühen Twitter betätigt hat sich der Medienwissenschaftler Johannes Passmann. In seiner nun veröffentlichten Dissertation „Die soziale Logik des Likes“ unternimmt er eine Ethnografie des Mediums und seiner Nutzungspraktiken. Was Passmann dabei zu Tage fördert, ist nicht weniger als eine Offenlegung der Funktionslogik sozialer Netzwerke. Dabei bleibt er gnadenlos subjektiv und unterschlägt auch nicht, wenn er als teilnehmender Beobachter mit dem Bier in der Hand bei Offline-Treffen der Twitteria unterwegs ist.

Fickwunschverdacht

Die Hauptthese von Passmann lässt sich einfach darstellen: Twitter ist eine Gabenökonomie, ein Tauschkreis ähnlich des Kula-Systems auf den pazifischen Trobriand-Inseln. „Wer also viele Follower haben will, sollte ständig faven beziehungsweise liken; für die soziale Logik des Likes ist es elementar, stets auch Geschenk zu sein, das zur Revanche herausfordert.“ Die Mechanismen dahinter beschreibt Passmann im Detail und erklärt, wie wenig sich in den sozialen Medien die Botschaften von ihren Sendern trennen lassen. Beziehungen prägen die Interaktion auf Twitter: Wer viele Favs vergibt, der wird etwa rasch unter „Fickwunschverdacht“ gestellt. Diese Unterstellung versieht allerdings nur ein allgemeines Prinzip mit niederen Motiven. Passmann identifiziert Strategien der Akkumulation von Ansehen und prägt den Begriff der „strategischen Verehrung“ unter Twitterern.

Die Arbeit gibt auch der Behauptung einen neuen Rahmen, soziale Medien machten süchtig wie etwa Zigaretten. Diese Vorstellung geht am Wesentlichen vorbei, wenn man der Darlegung Passmanns folgt. Twitter bedient Mechanismen der Sozialität und erlaubt es einem, sich durch Interaktionen eine innermediale Identität zu konstruieren. Es geht also nicht darum, dass man wegen Twitter Zigaretten kauft, sondern – der Analogie folgend – dass man sich selbst als Raucher sieht und die Raucherecke zur eigenen Nische einrichtet.

Vorhang auf für die Twitterelite

Identitäten spielten im frühen Twitter eine herausragende Rolle. Der Begriff der „Twitterelite“ wurde dabei gleichermassen zum Reibebaum für die darin Ein- und Ausgeschlossenen. Zu den reichweitenstärksten Accounts der ersten Twitterjahre gehörten der Gründer von netzpolitik.org und der re:publica, Markus Beckedahl (@netzpolitik) sowie der Blogger Mario Sixtus (@sixtus) und @sechsdreinuller. Daneben spielten zahlreiche andere vergessene Heldinnen und Helden eine Rolle, die tagtäglich Humor und Poesie ins Netz schrieben und Twitter zur ihrem Raum machten. Erst später, etwa um 2016 herum, ist „den Twitterern Twitter gewissermassen über den Kopf gewachsen“, wie es ein Gesprächspartner von Passmann formuliert. Ihre Auftritte wurden nach und nach von den klassischen Stars aus Sport, Popindustrie und Politik überstrahlt. In gewisser Art gleicht sich Twitter damit ein stückweit dem Rivalen und Gegenbild Facebook an.

In der Vermessung der Twitter-Welt geht Passmann erfrischend unkonventionell vor. Seine Arbeit bettet seine ethnografischen Szenenbeschreibungen geschickt in den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum Thema. Streckenweise liest sich das Buch wie eine Mischung aus Theoriewälzer und Abenteuerroman. „Die soziale Logik des Likes“ bietet aber mehr als Feldforschung: Die Arbeit geht auf die historische Genese technischer Bedingungen und ihrer sozialen Praktiken ein. Eine Kapitel widmet Passmann der komplexen Geschichte des Retweet-Buttons und der Bedeutung von Anbietern wie Tweetdeck und Favstar, die neue Nutzungsformen auf der noch jungen Plattform erschlossen.

Die Normalisierung Twitters

Der Aufstieg zum Diskursmedium für die Politik-Medien-Blase hat den Charakter von Twitter zweifelsohne verändert. Diese Entwicklung beschreibt Passmann als ambivalenten Prozess, denn die Community auf der Plattform bildet nicht mehr wie früher eine eigene, in sich mehr oder weniger abgeschlossene Blase, bringt aber weiterhin eigenständige netzkulturelle Praktiken hervor:

«Seit etwa zwei oder drei Jahren sind die aufsteigenden Twitterer nicht mehr die, die souverän Infantilität inszenieren, sondern solche, die sich souverän als ungebildet geben, etwa durch fehlende Interpunktion, falsche Konjugation und Rechtschreibung, Disney-Klischees, platten Unternehmer-Sprech und vieles mehr, in dieser vermeintlichen Ungebildetheit aber teils grosse Raffinesse zeigen, etwa indem sie Race-, Class- und Gender-Stereotype entlarven. Es ist insofern politischer geworden, das Prinzip bleibt aber dasselbe: Man nimmt eine Souveränitätsgeste ein, indem man sich als vermeintlich Unterlegenen inszeniert, der sich aus freien Stücken gegen die normalen Regeln der gelungenen Selbstinszenierung wendet und so demonstriert, dass die eigentliche Schwäche in der Heteronomie liegt, sich an die normalen Regeln der Selbstinszenierung zu halten. Inhaltlich macht es natürlich schon einen Unterschied, ob man Souveränität aus Rasse-, Geschlechts- und Klassenbewusstsein schöpft oder aus Infantilitätsbewusstsein, d.h. ob es – wie im neueren Twitter ab etwa 2016 – um soziale Diversität geht oder – wie in den früheren Jahren – um psychische Diversität.»

Twitter ist als Medium gereift und hat damit auch seine Wirkung auf die Rezipienten verändert. Passmann schliesst sein Werk mit den Sätzen: „Wir sind dabei nur nicht mehr so nervös und euphorisch, so gestresst und berauscht wie früher. Twitter ist normal geworden.“ Mit seinem Selbstversuch am eigenen Leib ist Passmann ein grosser Wurf gelungen.

Alexander Fanta
netzpolitik.org

Johannes Passmann: Die soziale Logik des Likes. Campus Verlag, Frankfurt 2018. 388 Seiten, ca. 34.00 SFr. ISBN: 9783593509105

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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