UB-Logo
Online Magazin
Untergrund-Blättle

Rezension zum Buch «DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff» | Untergrund-Blättle

Online Magazin

Rezension zum Buch «DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff» Die Marodeure rufen zum „Widerstand gegen den technologischen Angriff“ auf

Sachliteratur

Das çapulcu redaktionskollektiv formuliert in seinem Buch „DISRUPT!“ die Hoffnung, dass sich mehr Menschen den derzeitigen Entwicklungen widersetzen.

Die fiktive Stadt Metropolis (aus dem gleichnamigen Film von 1927) kurz bevor sie durch Sabotage der Arbeiterschaft an der
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Die fiktive Stadt Metropolis (aus dem gleichnamigen Film von 1927) kurz bevor sie durch Sabotage der Arbeiterschaft an der "Herz-Maschine" zerstört wird. / Metropolis (PD)

18. Januar 2018

18. Jan. 2018

2
0
Korrektur
Drucken
Zu sehr würden sich Nutzer:innen der systemimmanenten Ungleichheit ergeben. Es brauche auch Sabotage am Kapitalismus, sagen die radikalen Autor:innen – verzetteln sich aber in teils verkürzter Kritik. Eine Rezension.

„[Sich] der Steigerung des Gewaltpegels bis hin zu genozidalen Prozessen, wie sie derzeit schon erkennbar sind, entgegenzustellen“ lautet eine einleitende Forderung des çapulcu redaktionskollektivs in ihrem Buch „DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff“. Auf 160 Seiten listen die „Marodeure“ – so lässt sich çapulcu übersetzen – gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auf, die zurecht als besorgniserregend anzusehen sind. Sie fordern eine „soziale Revolution“, aber geben neben Aufrufen zur Militanz keinen zufriedenstellenden Wegweiser dorthin.

In 15 Kapiteln zeichnen die Autor:innen nach, wozu der Kapitalismus unter Einbeziehung von Technologie fähig ist. So nehme er „Usern“ erstens die Autonomie, selbst zu entscheiden. Produkte von Google und Facebook sollen nach Eigenangabe alternativlos sein. Bill Gates‘ unfreies Windows findet sich auf vielen, fast jedem Rechner – auch und gerade an Schulen, wo junge Menschen sozialisiert werden.

Zweitens helfen Technologie und kapitalistische Unternehmen repressiven Staaten, ihre Bürger:innen mittels Überwachung zu unterdrücken. Und wenn dies nicht repressiv, sondern farbenfroh durch von Versicherungen gespendete Gesundheitstracker geschieht, ist das auch zu kritisieren. Gerade so genanntes „Nudging“ erzieht den Menschen – hin zu jemandem, der mehr offenbart, als ihm vielleicht lieb ist.

All dies und mehr bringt çapulcu kompakt auf den Punkt. Die Wut und Sorge der Autor:innenschaft ist beim Lesen zu spüren. Leider verlieren sie dabei zu oft den roten Faden. Startet das Buch mit Wunsch auf mehr, endet es doch eher ratlos. Den Kapiteln, von unterschiedlicher Qualität und Länge, fehlt der Kontext. Sie vermischen all zu viele Aspekte, springen umher. Quellenangaben für die vielfachen Fakten und zitierten Studien bleiben in der Regel aus.

Radikale Utopie, bitte

An markigen Sprüchen mangelt es nicht: „Was ›sind‹ Smart Cities? Sie sind gar nichts! […] strategische Kopfgeburten aus den Hirnen informationstechnologischer unternehmerischer Schwergewichte wie Cisco, IBM, Google“. Da möchte mensch doch fragen, ja wie schaut euer Gegenentwurf, eure utopische Zukunft aus? Diese Antwort wollen sie nicht geben, dafür aber wie dort hinzugelangen ist.

Unter anderem fordern sie: 1. Nutzt freie Software, 2. hackt miese Unternehmen, 3. geht mit Informationen an die Presse und 4. sabotiert die Headquarter des Kapitalismus. Dem letzten Punkt, Sabotage, werden seitenweise Unterkapitel gewidmet, dazu ohne Einordnung oder Bewertung kopierte Bekennerschreiben bezüglich Aktionen gegen Infrastruktur und Firmensitze von linksunten.indymedia.org.

Zu einer Kritik, die Veränderung bewirkt, gehören auch Vorstellungen von einer Welt, wie sie sein sollte, und dies dann auch klar zu vermitteln. Mit dystopischen Auflistungen kommen die Akteure einer gewünschten Revolution weder aus ihrer Subkultur heraus noch erreichen sie den Grossteil der Gesellschaft. Schlagen çapulcu doch nachvollziehbar mit dem Hammer auf die Missstände des globalen Kapitalismus und seine Verfehlungen, sollten wir auch den Strand unter dem Pflaster im Auge behalten.

Lennart Mühlenmeier
netzpolitik.org

çapulcu redaktionskollektiv: DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff. Unrast Verlag Münster 2017. 160 Seiten, ca. SFr 14.00. ISBN 978-3-89771-240-9

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Trap