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<title>Untergrund-Blättle - Kultur</title>
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<description>Rezensionen und Reportagen aus der Welt von Musik, Film und Kunst.</description>
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<title>Untergrund-Blättle - Kultur</title>
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<title><![CDATA[Ein Kuchen für den Präsidenten]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Ein Kuchen für den Präsidenten“ bleibt den Grossteil seiner Laufzeit ein detailverliebter und dramaturgisch schlicht gehaltener Film, der im letzten Akt seine ganze Wirkung entfaltet und das Publikum so mit anderen Augen auf einen fast vergessenen Konflikt blicken lässt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Hasan_Hadi_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival_w.webp><p><small>Hasan Hadi wird nach dem Gewinn eines Preises bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 von der Presse interviewt.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hasan_Hadi_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kevin Payravi</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das Leben von Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) ist alles andere als leicht. Nur mit ihrer Oma Bibi (Waheed Thabet Khreibat), die die beiden gerade so durchbringt, wächst die Neunjährige in den 1990er-Jahren auf dem irakischen Land auf. Doch als sie anlässlich des Geburtstags Sadam Husseins von ihrem Lehrer den Auftrag erhält, für die Klasse einen Kuchen zu backen, stösst das Mädchen an ihre Grenzen. Woher soll sie den Zucker, die Eier und das Mehl bekommen, wenn sie selbst kaum genug zu essen hat? In der nächstgelegenen Stadt will sie mit Bibi die nötigen Besorgungen machen, doch diese hat andere Pläne und möchte die Erziehung ihrer Enkelin einem fremden Paar überlassen. Lamia haut unbemerkt ab und macht sich mit ihrem Schulkameraden Saeed (Sajad Mohamad Qasem) in den verwinkelten Gassen auf die Suche nach den Zutaten…

<h3>Vergessenes Leid</h3>

Fast genau 35 Jahre ist es her, dass der Irak sein Nachbarland Kuwait angriff und damit den Zweiten Golfkrieg im Mittleren Osten entfachte. Die UN reagierte wiederum mit einem Wirtschaftsembargo, das in der irakischen Bevölkerung zu verheerenden humanitären Zuständen führte. Das eigentliche Ziel dieser Sanktionen, Hussein und seine Regierung, blieb von den Konsequenzen nahezu unbehelligt. Mit seinem Spielfilmdebüt möchte uns Hasan Hadi ins Gedächtnis rufen, was seit den Anschlägen des 11. September 2001 und unzähligen daraus hervorgegangen Bombast-„Anti“-Kriegsfilmen aus Hollywood (<em>Jarhead – Willkommen im Dreck</em> (2005), <em>Green Zone</em> (2010) und <em>American Sniper</em> (2014) seien als Beispiele genannt) nur noch die wenigsten beschäftigt: Wie sehr seine Landsleute einst unter Hussein litten, wie wenig sich der Diktator für das Elend seines Volks interessierte und wie dieses zu indoktriniert war, um die eigene katastrophale Situation richtig einschätzen zu können.

<h3>Leise beginnend, laut nachhallend</h3>

Grösstenteils spannungsarm könnte man die Handlung <em>von Ein Kuchen für den Präsidenten</em> nennen – und würde den Film damit nicht beleidigen. Denn das Drehbuch von Hadi dient in erster Linie dazu, authentische Eindrücke (das Schul- und Kulturleben, die medizinische Versorgungslage und Polizeistrukturen) aus dem Alltagsleben der Irakis sowohl im ländlichen als auch städtischen Raum zu gewinnen und verzichtet deshalb auf allzu viele auffällig inszenierte Schockmomente … zumindest bis zu den letzten fünfzehn Minuten. Denn erst ganz zum Schluss zeigt sich expliziter, wie der Krieg und dessen Konsequenzen das Leben eines Kindes auf individueller Ebene radikal verändern können. Eine plötzliche Wucht, die einen schlucken lässt

<h3>Visuelle Kraft und stilles Schauspiel</h3>

Vorher beeindruckt das Drama in zahlreichen Szenen mit detailreichen Kulissen und einer Riege von Nebencharakteren und Statisten, die für sich alleine nur einen kleinen Einfluss auf die Geschichte nehmen, aber zusammen ein stimmiges Mosaik einer verkümmernden und doch lebendigen Gesellschaft ergeben. Eine Gesellschaft, die immer noch nicht aufgehört hat, den Namen ihres Präsidenten und Führers in einem Atemzug mit Gott zu nennen und sein Porträt in nahezu jedes Büro, jede Halle und jeden Gang hängen lässt – wie uns Hadi in gefühlt jeder zweiten Einstellung demonstriert. Neben diesem einprägsamen Motiv, den üppigen Sets und einem ungewöhnlichen Bildformat mit abgerundeten Ecken wirkt es fast schon überraschend, dass die restliche Kameraarbeit des Gewinners der Camera d'Or in Cannes fast schon konservativ wirkt.
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Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Schauspiel der beiden Kinderdarsteller Nayyef und Qasem, die die Handlung über weite Strecken alleine tragen müssen und das mit einer ausdruckslosen, aber zu den Umständen passenden Miene tun. Erneut ist es das Ende, bei dem sich vor allem Nayyef mit ihrer Darbietung übertrifft und die darauffolgende Epilogszene umso zynischer erscheinen lässt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 16 May 2026 09:17:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Zum 95. Geburtstag von Heleno Saña: Eine leicht verspätete Hommage]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Die Analysen Heleno Sañas haben nichts von ihrer Brisanz verloren. Allen voran angesichts der aktuellen Propaganda für „Kriegstüchtigkeit“ und angesichts eklatantem Russenhass – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Deutschland (also nicht nur Hass gegen Putin, sondern gegen alle Russen).</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/heleno_sana_w.webp><p><small>Heleno Saña, 2014.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heleno_Sa%C3%B1a_2014_(cropped).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abriendo Madrid</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 cropped)</a></small><p>Als ich im Oktober beim Verfassen meines Artikels „Sind wir noch bei Trost? Oder: Was ist mit unseren Sinnesfreuden geschehen?“ in meinen Büchern nach Inspiration suchte, fiel mir eins in die Hände, das ich zwar nicht vergessen, aber schon sehr lange nicht mehr aufgeschlagen hatte. (Oje, so kann's gehen, wenn man allzu lange mit vielerlei zu kämpfen hat, das einem die Zeit zum Lesen und Schreiben stark einschränkt.)
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Mit jedem Satz, den ich las, wurde mein Staunen grösser. Der Autor Heleno Saña schreibt 1992 im Vorwort seines Buches „Das Ende der Gemütlichkeit – Eine Bilanz der Krise unserer Zeit“, er, als in Deutschland lebender Spanier, „denke und fühle aus einer anderen Perspektive, aus jener Perspektive, die Albert Camus ,la pensée du midi' nannte und die er als den Gegenpol des germanischen Denkens begriff“. Saña, 1930 in Barcelona geboren, ist auch tief geprägt von der Verfolgung und jahrelangen Inhaftierung seines Vaters Juan Saña, eines bekannten Antifaschisten und Freiheitskämpfers im spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur.
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In vielen seiner sozial- und kulturgeschichtlichen und philosophischen Bücher erklärt Saña anschaulich die Unterschiede dieser Perspektiven und beschreibt die sozialen und politischen Auswirkungen. – Das, was ich bisher gelegentlich darüber an Hand von Albert Camus kundtat, oder auch an Hand von Erfahrungen von Südslawen mit dem „kühlen Norden“, war wie ein flüchtiger Blick durchs Schlüsselloch auf dieses stark unterbelichtete Thema. Heleno Saña führt uns gekonnt, in seiner – von Kritikern oft gelobten – klaren Sprache durch dieses weite Feld, durch die Zeiten und Räume der abendländischen Geschichte und erhellt dabei die „südliche“ Perspektive wie kein anderer!
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Seine Bücher über Deutschland und Europa wurden in den 1990er Jahren besonders heftig diskutiert. In „Die verklemmte Nation – Zur Seelenlage der Deutschen“ wird etwa am Beispiel Hegels Philosophie dargestellt, wie sich darin bereits die Grundelemente des neuen Deutschland ankündigen. „Verachtung des individuellen Lebens und Verherrlichung der abstrakten Macht des Staates, Repression im Inneren und Aggression nach Aussen, Totalitarismus auf der einen und Imperialismus auf der anderen Seite.“
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Hingegen ist der humanistische Gegenpol der klassischen deutschen Kultur, vertreten durch Kant, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin und vielen anderen, von jeher eine periphere Erscheinung im Leben Deutschlands gewesen. Ihre Ideen wurden „übersehen, missachtet, und auch bewusst verfälscht und mit den Füssen getreten“. Dass das „Dritte Reich“ hier möglich war, „beweist, wie prekär im Grunde die Lage der deutschen Kultur immer schon war, auch jetzt verhält es ich nicht anders“. Die „Achillesferse des deutschen Humanismus: seine politische und gesellschaftliche Machtlosigkeit“.
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Die Analysen Heleno Sañas haben nichts von ihrer Brisanz verloren. Allen voran angesichts der aktuellen Propaganda für „Kriegstüchtigkeit“ und angesichts eklatantem Russenhass – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Deutschland (also nicht nur Hass gegen Putin, sondern gegen alle Russen). Erstaunlich, wie Saña bereits vor über 20 Jahren vorausgesehen hat, dass früher oder später die „sich gesammelten Spannungen und Irrationalitäten wie eine lang gelagerte Dynamitladung explodieren werden“. Für ihn war es damals schon „nicht schwer vorauszusehen, dass sich das Menschengeschlecht einer gefährlichen Zukunft nähert“.
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Eine weitere Besonderheit, die Heleno Saña mit Albert Camus teilt, ist sein Wille zum Widerstand. „Würde und Widerstand“ sind für ihn nicht zu trennen. Durch den Verzicht auf Widerstand wird der Mensch „automatisch Teil derselben Irrationalität, die ihn vernichtet“. In jedem seiner Bücher wird in unterschiedlichen Worten darauf hingewiesen: „Tiefer als das Bewusstsein meiner Machtlosigkeit ist das Bedürfnis, nicht zu kapitulieren.“ Seine moralische Philosophie stützt sich nicht auf den „wissenschaftlichen“ Sozialismus, sondern auf „etwas so Einfaches, Spontanes, Unvermitteltes, Impulsives und so oft Verspottetes wie den Donquijotismus. Ja, ich bekenne mich uneingeschränkt zur Gesinnung des Cervantes-Helden, weil ich sie als die erhabenste Form des militanten Humanismus und der sozialen Revolte betrachte.“
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An Hand von Don Quijote, der meist nur als Spott- und Narrenfigur dargestellt wurde, erzählt Saña 2005 seine eigene Geschichte im Buch „Don Quijote in Deutschland – Autobiografische Aufzeichnungen eines Aussenseiters“. Darin beschreibt Saña auch seine „politischen Lehrjahre“ als Jugendlicher unter den „Compañeros“, den Widerstandskämpfern im Spanischen Bürgerkrieg. „Ihre Lehre ist so einfach und spontan wie sie selbst: Volksrevolution, Vergesellschaftung der Produktionsmittel auf basisdemokratischer Grundlage und soziale Gleichheit. Sie hassen den Staat, den Klerus, das Militär und die Kapitalisten, haben aber auch wenig übrig für den in der Sowjetunion entstandenen bürokratischen Sozialismus.“
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Prägend war aber auch die Gemeinschaft. „Wir teilen alles: unsere persönlichen Probleme, die Ideen und Illusionen, die uns bewegen, das wenige Geld, das wir haben, die Stunden der Hoffnung und Mutlosigkeit.“ – Diesen Erfahrungen verdankt er seinen weiteren Weg. Seine über 40 spanisch- und deutschsprachigen Bücher, all seine Vorträge in vielen Teilen der Welt seien im Grunde nur eine Fortsetzung dessen, was ihn damals schon bewegte. In erster Linie geht es um „die unbestechliche Liebe zu Freiheit und Selbstbestimmung“. Um die Ablehnung jeder Form von Macht und Dogmatismus, um den Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität mit den Verfolgten und Entrechteten. – Die Details zum spanischen Bürgerkrieg werden in seinem Buch „Die libertäre Revolution – Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg“ dargestellt.
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Heleno Saña ist ein Vertreter jener Linken wie es sie wenige gab und mittlerweile kaum mehr welche gibt. Als solcher bedauert er, dass seit dem Konflikt zwischen Marx und Proudhon Mitte des 19. Jahrhunderts die Linke heillos zerstritten war. Was ihn ebenfalls höchst irritierte, war der Umgang von Menschen untereinander, die sich für eine Gesellschaft ohne Repression und Entfremdung einsetzten. Die Kommunikation wurde allzu oft von „gegenseitiger Feindseligkeit und blanker Gefühlskälte“ dominiert. Zusammenkünfte gerieten nicht selten zu einem „selbstgefälligen und heuchlerischen Spektakel“. – Für einen, der noch durch die spanische Kultur der „Grandezza“ geprägte ist, besonders schmerzlich. Diese Kultur hob unter anderem auch George Orwell in „Mein Katalonien“ hervor. Er war verblüfft von der Offenheit und Vertrautheit, die ihm in Spanien begegnete und von seinen Erlebnissen der Grosszügigkeit, der Hilfsbereitschaft und des Edelsinns.
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Saña bemängelt auch die unverständliche Sprache, in der die Linken ihre Werke meist verfasst hätten. Seine eigenen Bücher hingegen können für wahr als leicht zugänglich bezeichnet werden, ohne dass etwas von der Komplexität und Differenziertheit verloren ginge. Ganz im Gegenteil. Selten wurden die europäische Kultur- und Geistesgeschichte und die Sozialphilosophie so klar dargestellt. Den Referenzpunkt bildet die Erkenntnis, dass der Kapitalismus nicht reformierbar sei. Saña bezieht sich auf vielerlei Ansätze der Selbstverwaltung, von Robert Owen über Fourier und Proudhon bis zu Tolstoi, Gandhi, der Theologie der Befreiung und vielen anderen. Auch die Mannigfaltigkeit, der Dialog und das Erbe der griechischen Antike, das Poetische und die Schönheit stehen im Mittelpunkt.
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Heute, weit entfernt von Emanzipation, sind die Bücher von Heleno Saña nicht nur Kostbarkeiten, sondern dringende Anregungen zum Widerstand. Saña konstatierte bereits vor vielen Jahren einen „Kollaps des Denkens“, eine „Verarmung der theoretischen Arbeit und das Unvermögen, sinnvolle Alternativen und Gegenmodelle zum lädierten Weltzustand auszuarbeiten“. Im Herbst wurde Saña 95 Jahre alt. Er schreibt zwar keine Bücher mehr, aber er liest noch täglich mehrere Stunden lang. Wir gratulieren herzlich, wünschen Gesundheit und Freude in freudlosen Zeiten und bedanken uns innigst für seine auch heute noch unerlässlichen Bücher.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 15 May 2026 10:55:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[The Hours]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-hours-009499.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„The Hours“ ist ein bedrückender, tiefsinniger, nie lehrhafter, erzählender, zeitloser Film über Liebe, Tod, Verantwortung und Schuld, ein modernes „klassisches“ Drama, das dem Leben und der Liebe gewidmet ist, so sehr der Tod in das Leben der Figuren auch einbricht.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Julianne_Moore_66eme_Festival_de_Venise_(Mostra)_color_w.webp><p><small>Die US-amerikanische Schauspielerin Julianne Moore (hier in Venedig 2009) spielt in dem Film die Rolle von Laura Brown.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Julianne_Moore_66%C3%A8me_Festival_de_Venise_(Mostra)_color.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">nicolas genin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Was ist für einen Menschen noch erträglich und was nicht mehr? Nein, die Frage bezieht sich nicht auf eine sozusagen punktuelle Unerträglichkeit im Leben. Es geht um chronisches Leiden, um Leiden, das durch Konventionen zusätzlich erschwert wird, weil ein Ausstieg aus dem dauerhaften Schmerz innerhalb einer sozialen Struktur hart bestraft werden könnte und mit Gewissensbissen verbunden wäre. Aber in „The Hours“ geht es noch um mehr – um die Beziehung zwischen Liebe und Tod, zwischen dem Ewigen und dem Begrenzten, dem Möglichen und dem absolut Unmöglichen, zwischen Erfolg und Scheitern, zwischen notwendigen Entscheidungen für sich selbst und deren Folgen für andere.
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Drei Frauen stehen im Zentrum dieses Leidens und dieser Leidenschaften, drei Frauen aus drei Jahrzehnten: Virginia Woolf (eine verdiente Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman), Laura Brown (zum zweiten Mal nach „Far From Heaven“ eine wunderbare Julianne Moore) und Clarissa Vaughan (eine in jeder Hinsicht exzellente Meryl Streep, die schon kurz zuvor in „Adaptation“ überzeugen konnte). „The Hours“ ist trotzdem kein „Frauenfilm“. Denn auch drei Männer stehen im Zentrum des Schicksals – der Maler Richard Brown (Ed Harris in einer Paraderolle), Virginias Ehemann Leonard (Stephen Dillane, überzeugend) und Lauras Ehemann Dan (John C. Reilly).
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„The Hours“ ist das zweite Melodrama nach „Far From Heaven“, in dem diesmal Stephen Daldry Rekurs auf die grossen klassischen Filme der 50er und frühen 60er Jahre Bezug nimmt, ein Film, der die Bedeutung des Melodramas in bezug auf seine Verbundenheit und Verbindung zur Realität unserer sozialen Netzwerke hervorhebt und damit das Melodrama von seinem ihm zugesagten Vorurteil befreit, es sei ein Betrug, ein Trugschluss, eine Täuschung, gar eine Verfälschung des realen Kontextes.
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Die Schriftstellerin Virginia Woolf wird von Ärzten und ihrem Mann Leonard dazu veranlasst, von London aufs Land zu ziehen. Die Hektik der Grossstadt bekomme ihr nicht. Virginia leidet an Wahnvorstellungen. Sie arbeitet an dem Roman „Mrs. Dalloway“, der 1925 erscheinen wird. Obwohl sich ihr Gesundheitszustand verbessert, fühlt die Schriftstellerin sich nicht wohl. Sie vermisst das geschäftige Treiben in London und will zurück. Doch unter der Aufsicht ihres liebevollen Mannes, der Ärzte und der Haushälterinnen, die jeden ihrer Schritte kontrollieren, hat sie offenbar keine Chance, dem freudlosen Leben zu entrinnen.
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Im Los Angeles Anfang der 50er Jahre führt Laura Brown ein nach aussen sorgloses Leben. Ihr Mann Dan liebt Laura. Beide haben einen kleinen Sohn, Richard (Jack Rovello), der seiner Mutter sehr zugewandt ist. Laura jedoch ist unzufrieden. Sie spürt, dass das Leben, das Dan immer wollte, nicht ihr Leben ist. Alles sieht perfekt und sauber aus: Das Haus, der Vorgarten, selbst der kleine Richard wirkt auf sie wie ein perfekter Sohn. Als sie beginnt, „Mrs. Dalloway“ zu lesen, wird ihr klar, dass sie entweder alles hinter sich lassen oder das Schicksal der Romanfigur teilen muss.
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New York, 2001. Die Verlagslektorin Clarissa Vaughan (Meryl Streep) bereitet eine Party für den Schriftsteller Richard (Ed Harris) vor, der für seinen letzten Roman einen Literaturpreis bekommen soll. Clarissa trägt nicht nur den gleichen Vornamen wie Virginias Romanfigur; Richard nennt sie „Mrs. Dalloway“. Richard ist an AIDS erkrankt, vegetiert in seinem Loft vor sich hin. Seit Jahren versorgt Clarissa den Todkranken, mit dem sie vor langen Jahren eine Beziehung hatte. Jetzt lebt sie in einer lesbischen Beziehung mit Sally (Allison Janney). Ihr einziger Trost scheint ihre Tochter Julia (Claire Danes) zu sein. Auch Clarissa ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben.
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Stephen Daldry erzählt die Geschichte dreier Frauen, die sehr viel gemeinsam zu haben scheinen. Alle denken an Selbstmord oder sind damit konfrontiert, alle drei haben sexuelle Neigungen zu Frauen. Als Lauras Nachbarin Kitty (Toni Collette) erzählt, sie müsse ins Krankenhaus wegen einer Gebärmutteroperation, hat Laura Mitleid mit Kitty. Als sie sich von ihr verabschiedet, küsst sie innig wie eine Geliebte. Virginia Woolf, die bisexuell war, ist in einer Szene mit ihrer Schwester Vanessa (Miranda Richardson) zu sehen, von der sie sich ebenfalls mit einem innigen Kuss verabschiedet. Alle drei Frauen eint die Zerrissenheit zwischen einem nach aussen komfortablen Leben und einer lebensbedrohlichen inneren Unzufriedenheit.
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Alle drei Frauen werden mit Krankheit konfrontiert: Clarissa mit Richards AIDS, Virginia mit ihren eigenen Wahnvorstellungen, Laura mit der Unterleibsoperation ihrer Nachbarin, die ein Kind will und keines bekommen kann, während Laura schwanger ist. In allen drei Geschichten werden Feiern vorbereitet: Virginia erwartet ihre Schwester und deren Kinder; die Haushälterinnen bereiten Pasteten u.a. vor. Laura backt mit ihrem Sohn einen Kuchen zum Geburtstag ihres Mannes. Clarissa bereitet ein Fest für Richard vor. All diese Vorbereitungen scheitern: Lauras erster Kuchen misslingt, Clarissa bricht während eines Besuchs des Ex-Freundes des homosexuellen Richard bei der Vorbereitung des Essens zusammen. Virginia kann es kaum ertragen, als sie sieht, wie die Haushälterinnen das Fleisch anlässlich des bevorstehenden Besuchs der Schwester zubereiten.
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Daldry zieht diese Verbindungslinien aber weniger in einen direkten Vergleich der drei Frauen. Clarissa, Virginia und Laura eint viel, aber sie sind trotzdem völlig unterschiedliche Charaktere. Der tiefere Sinn des Films erschliesst sich über einen Satz, den Laura im Alter an einer Stelle des Films sagt: Das entscheidende im Leben sei, was man ertragen und was man nicht mehr ertragen kann. Laura hatte nach der Geburt ihrer Tochter die Familie verlassen, war einfach in einen Bus gestiegen und nach Kanada ausgewandert. Virginia flüchtet aus dem Haus auf dem Land und verlangt von Leonard, endlich wieder nach London zurückzukehren. Clarissa muss dem Tod im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge sehen, bevor sie zu einer Entscheidung gegen ihre Seelenqualen finden kann.
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Liebe und Tod sind zentrale Momente von „The Hours“. Die Stunden des Unerträglichen, das sind die Stunden, in denen alle drei Frauen durch äussere Umstände oder andere dazu veranlasst wurden, ein Leben zu führen, das sie letztlich selbst nicht wünschen. Warum tun sie es trotzdem? Weil diese Stunden auch die des Unbewussten, der Unklarheit darüber sind, wie ihr Leben aussehen könnte, damit sie Stunden des Glücks empfinden können. Virginias Roman steht sozusagen als fiktives „Begleitbuch“, das gerade im Entstehen ist, als Protokoll des Leides und nicht gelebter Leidenschaften über den drei Frauen; es verbindet ihr Schicksal, während Virginia daran schreibt. Die Zeitebenen (20er, 50er Jahre, 2001) verschwimmen, werden unbedeutend.
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Manchmal wirkt der Film, als würde eine invisible hand das Schicksal der Frauen verknüpfen. Doch die drei Frauen eint nicht nur viel. Der Gedanke an Selbstmord hat durchaus unterschiedliche Motive. Laura denkt daran aus Verzweiflung, Virginia kann mit ihren Wahnvorstellungen nicht mehr leben und geht ins Wasser. Richard kann seine Krankheit nicht mehr ertragen und stürzt sich aus dem Fenster. Clarissa glaubt bis zum Schluss, Richard, den sie mütterlich umsorgt, retten zu können. Sie will nicht wahrhaben, dass Richard dem Tod geweiht ist.
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Aber noch von anderem erzählt „The Hours“ – von Entscheidungen für das eigene Leben, die man nur selbst treffen kann, Entscheidungen, mit denen man selbst einen Akt der Befreiung aus dem Unerträglichen vollzieht, die jedoch zugleich für andere ein Akt der Verzweiflung bedeuten können. Damit kommt die Frage der Schuld ins Spiel: Verantwortung für sich selbst kann Schuld gegenüber anderen bedeuten. Bei Laura wird dies am deutlichsten, als sie ihre Familie verlässt. Schon zu Anfang des Films sieht man Virginia – Nicole Kidman in einer bedrückenden, grossartigen Szene – ins Wasser gehen. Sie watet, erhobenen Hauptes, langsam in den Fluss, taucht unter, verliert ihre Schuhe, treibt unter Wasser in den Tod.
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Sie hinterlässt einen Mann, der sie liebte und den sie liebte. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie Leonard über die Stunden des Glücks zwischen beiden, die ewig dauern würden, die nichts zerstören könnte, nicht einmal der Tod. Doch der Tod sei notwendig, nicht nur in ihrem Roman, in dem ihrer Meinung nach jemand sterben muss, damit die anderen wieder leben können und wissen, was es heisst zu leben. Clarissa, die zusehen muss, wie Richard sich aus dem Fenster stürzt, kann die Unerträglichkeit ihres Lebens erst jetzt abschütteln.
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„The Hours“ ist ein bedrückender, tiefsinniger, nie lehrhafter, erzählender, zeitloser Film über Liebe, Tod, Verantwortung und Schuld, ein modernes „klassisches“ Drama, das jedoch nicht in depressive Endzeitstimmungen verfällt, sondern – ohne dass dies pathetisch gemeint sein soll – wirklich dem Leben und der Liebe gewidmet ist, so sehr der Tod in das Leben der Figuren auch einbricht. „The Hours“ ist ein unausgesprochenes Plädoyer für die Freiheit und gegen strukturelle Zwänge und Konventionen, die Menschen oft davon abhalten, ihr Leben so zu führen, wie sie es innerlich wünschen. Der Film ist trotzdem nicht unrealistisch, weil er die unabdingbare Verknüpfung zwischen Entscheidungen für das eigene Leben und den damit verbundenen Folgen für das Leben anderer thematisiert.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 14 May 2026 13:19:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-hours-009499.html</guid>
</item>

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<title><![CDATA[The Green Mile]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-green-mile-009498.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Film „The Green Mile“ beruht auf einer Geschichte von Stephen King. In „The Green Mile“ – der Filmtitel bezeichnet den grün gestrichenen Gang im Todestrakt zwischen den Zellen der Verurteilten – geht es aber auch um das, was man als übernatürlich bezeichnet.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/MichaelClarkeDuncanJan09_w.webp><p><small>Der US-amerikanische Schauspieler Michael Clarke Duncan spielt in dem Film die Rolle des zum Tode Verurteilten John Coffey.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MichaelClarkeDuncanJan09.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">blackurbanite</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Frank Darabont, der 1994 den phantastischen Film „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“) mit Tim Robbins und Morgan Freeman inszeniert hatte, beschäftigt sich auch in „The Green Mile“ mit Gefangenen – allerdings auf doch andere Weise als in seinem früheren Meisterwerk, das sich bereits heute zu den Klassikern der Filmgeschichte zählen kann. Der Todestrakt eines Gefängnisses in Louisiana, dem Coal Mountain State Penitentiary, zur Zeit der Depression ist Schauplatz eines Geschehens, in dem es weniger um das Erzählte, um eine Geschichte geht als um die Atmosphäre, in der die insgesamt charakterlich fein gezeichneten Figuren handeln.
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Beide Filme beruhen auf Geschichten von Stephen King. In „The Green Mile“ – der Filmtitel bezeichnet den grün gestrichenen Gang im Todestrakt zwischen den Zellen der Verurteilten – allerdings geht es (auch) um das, was man als übernatürlich bezeichnet. Und dieses Nicht-Erklärbare, das Zauber-Hafte, ja fast Märchenhafte, gelangt in den Film über einen neuen Gefangenen, den Schwarzen John Coffey (Michael Clarke Duncan), einen grossen, kräftigen, scheinbar nicht besonders intelligenten, freundlichen, ja sympathischen, aber sehr zurückhaltenden Mann, der wegen Mordes an zwei weissen Mädchen zum Tode verurteilt wurde. Der Sheriff hatte die beiden toten Mädchen in den Armen des weinenden Coffey gefunden – und das allein reichte offenbar aus, um Coffey zum Mörder zu stempeln.
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Der leitende Wärter des Todestraktes ist Paul Edgecomb (Tom Hanks), der Jahrzehnte später als alter Mann (Dabbs Greer) im Rückblick die Ereignisse der 30-er Jahre erzählt. Wir treffen zudem auf Pauls Kollegen und besten Freund Brutus Howell (David Morse) und die beiden Wärter Stanton (Barry Pepper) und Terwilliger (Jeffrey DeMunn). Mit beiden versucht Paul – und das gelingt ihm auch –, den Gefangenen gegenüber gerecht zu handeln. Misshandlungen, Erniedrigungen, Gewalt gegen die Todeskandidaten, das gibt es nicht für Paul. Auch der Leiter des Gefängnisses, Hal Moores (James Cromwell), duldet keine Unmenschlichkeit gegenüber den Verurteilten.
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Allerdings gehört seit kurzem auch der junge Wärter Percy Wetmore (Doug Hutchinson) zu Pauls Truppe, ein Sadist, der sich daran ergötzen will, die Verurteilten zu malträtieren, und daran, sie auf dem elektrischen Stuhl schmoren zu sehen. Sein grösster Wunsch: Er selbst will eine dieser Hinrichtungen leiten. Paul und die anderen haben Schwierigkeiten, Percy im Zaun zu halten: „Der Mann ist gemein, unachtsam und dumm – schlechte Voraussetzungen an einem Ort wie diesem.“ Allerdings ist Percy der Neffe einer Frau, die mit dem Gouverneur des Staates verheiratet ist – und auf dieser Klaviatur spielt Wetmore, um seine sadistischen Absichten zu realisieren.
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Hinter Gittern treffen wir neben John Coffey auf Eduard Delacroix (Michael Jeter), der seine Freude an einer Maus, an etwas Lebendigem findet, den Todeskandidaten Arlen Bitterbuck (Graham Greene), den mehrfachen Mörder William Wharton (Sam Rockwell) und schliesslich Toot-Toot (Harry Dean Stanton).
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Im Zentrum des Films aber steht die Beziehung zwischen Paul Edgecomb und John Coffey. Das hat zwei Gründe: Zum einen vermutet Paul im Laufe der Zeit, Coffey sei fälschlicherweise für den Doppelmord an den beiden Mädchen verurteilt worden. Er sucht deshalb dessen Anwalt auf. Zum anderen scheint Coffey übersinnliche Fähigkeiten zu haben, die u.a. später im Film auch von Paul eingesetzt werden, um Moores schwer kranker Frau Melinda (Patricia Clarkson) zu helfen. Beide Schauspieler, Hanks und Duncan, tragen durch ihre subtile Spielweise zum Gelingen der Story bei. Auch die anderen Mimen lassen hier kaum etwas zu wünschen übrig.
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Darabont und sein exzellenter Mann hinter der Kamera, David Tattersall, zeigen minutiös einen Alltag, dem weder die Gefangenen, noch die Wärter entkommen können. Die Endgültigkeit und Allgegenwart des Todes wird nur durchbrochen durch die seltsame Fähigkeit Coffeys, Menschen Leiden zu nehmen, zum Beispiel auch Edgecomb von seiner chronischen Blasenentzündung zu heilen. Dabei beherrscht diese Fähigkeit nicht die Geschichte des Films, sondern wird in die Schilderung des Gefängnisalltags als etwas Neues, aber durchaus nicht besonders Aussergewöhnliches eingebunden. Niemand in diesem Film nimmt Stellung gegen die Todesstrafe oder auch nur gegen die Art und Weise der Tötung der Verurteilten auf dem elektrischen Stuhl. Auch die mehrfache ausführliche Darstellung von Hinrichtungen, darunter eine besonders entsetzliche, Szenen, die dem Betrachter sehr viel abverlangen, sind für sich nicht geeignet, den Film zu einem Plädoyer gegen staatlichen Mord zu erklären.
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Es ist eher die fast schon schicksalhafte Verbindung zwischen den Handelnden, die eine zum Bersten angespannte Situation schafft, über die Edgecomb als alter Mann erzählt. Paul und seinen Kollegen steht immer deutlicher der Zweifel im Gesicht angesichts dessen, was sie im Todestrakt tun müssen. Nur die übersinnliche Fähigkeit John Coffeys scheint – wie er selbst – nicht von dieser Welt. Diese Fähigkeit symbolisiert all das, was im Todestrakt – wenn überhaupt – nur unter restriktiven Bedingungen möglich ist: Menschlichkeit, Gnade, Mitgefühl, Heilung, Verzeihen, Liebe, Zuneigung – alles nicht von dieser Welt?
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Coffey ist nicht in der Lage, an dieser Situation im Trakt prinzipiell etwas zu ändern. Seine Heilungen sind die eines – so könnte man sagen – menschlichen Erlösers, der nur „dokumentieren“ kann, was Gnade, Menschlichkeit usw. sein können. Er kann andere und ihr Verhalten dadurch nicht ändern. Pauls Leben allerdings ändert Coffey in fast jeder Hinsicht, weil Paul zu erkennen scheint, dass er sein bisheriges Leben so nicht weiterführen kann.
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„The Green Mile“ kommt sicherlich nicht an Darabonts „Die Verurteilten“ heran. Aber das hat seinen Grund vielleicht auch darin, dass Kings Geschichte in gewisser Weise die Hilflosigkeit einer Situation dokumentiert, in der der staatlich verordnete, legalisierte Mord zum beherrschenden Moment einer Gesellschaft geworden ist, die sich einem Teil ihrer Peiniger durch deren Vernichtung entledigt. Sprachlosigkeit ist ein primäres Element dieser Situation. An einer Stelle sagt Paul: „Wir erinnern uns an diesen Ort so ähnlich wie an eine Intensivpflege im Krankenhaus.“ Aber im Unterschied zum Krankenhaus, in dem Menschen auf ihren natürlichen Tod aufgrund einer nicht heilbaren Krankheit warten und gepflegt werden, stellt sich die Situation im Todestrakt anders dar.
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Zum anderen folgt Darabont eben doch oft zu deutlich den Mechanismen des Hollywood-Kinos, und insbesondere die Heilung von Melinda Moores durch Coffey repräsentiert in ihrer ganzen Inszenierung zu stark die falsche Sentimentalität, ja die über allen Realitätsgehalt hinwegsehende und hinweggehende, täuschende Rührseligkeit der Traumfabrik, was dem Film insgesamt Stärke und Überzeugungskraft nimmt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 09 May 2026 09:03:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Tess (Film)]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>„Tess” ist, weil es die Zerstörung des Prinzips der Liebe als mögliches Konstruktionsprinzip von Gesellschaft durch das diametral entgegengesetzte Prinzip der Macht veranschaulicht, auch ein Film, der der Rekonstruktion des Prinzips der Liebe gewidmet ist.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Nastassja_Kinski_in_Jerewan_w.webp><p><small>Nastassja Kinski in Jerewan, Armenien, im Juli 2015.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nastassja_Kinski_in_Jerewan.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Paul Katzenberger</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Die Bilder erinnern an Kubricks „Barry Lyndon”. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die englische Landschaft präsentiert uns Polanski in prächtigen, aber nicht übertriebenen Farben. Die Einfachheit des ländlichen Lebens hier, der Reichtum einiger weniger auf der anderen Seite – beides geht fast, aber auch nur fast, bruchlos ineinander über. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Kirche und ihre Moralvorstellungen das Leben vieler bestimmen, die neue Zeit einer liberaleren Mentalität noch kaum zu spüren ist. Die Arbeit auf den Bauernhöfen ist hart, das restliche Leben auch.
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Eine sehr junge Frau, Tess (Nastassja Kinski), sticht uns ins Auge, eine schöne Frau, eine begehrenswerte Frau, eine stille Frau, eine ernsthafte. Tess lebt mit ihrer Familie, dem alkoholabhängigen Vater John Durbeyfield (John Collin), der das Haus führenden Mutter (Rosemary Martin) und ihren Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen. Aber es geht ihnen etwas besser als vielen anderen. Als ein Pfarrer John Durbeyfield erzählt, dessen Familie habe adelige Vorfahren, kennt Tess Vater nur noch eines: Verwandte ausmachen, die möglicherweise Geld haben, die Familie unterstützen können.
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Man glaubt, in der Familie d'Urberville diese reiche Verwandtschaft gefunden zu haben. Man schickt Tess dorthin, und der Casanova und Sohn des Hauses Alec d'Urberville (Leigh Lawson) verschafft Tess eine Arbeit bei der Familie – allerdings nur, weil er Tess regelrecht besitzen will. Die junge Frau, die sich vergeblich gegen Alec wehrt, wird eines Nachts, als er Tess nach Hause bringt, von ihm vergewaltigt. Tess ist schwanger, doch das Kind stirbt nur wenige Zeit nach der Geburt, und der Pfarrer von Marlott verweigert dem toten Baby eine christliche Bestattung.
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Tess geht von zu Hause weg, findet Arbeit auf dem Hof des sympathischen Crick (Fred Bryant). Und dort arbeitet auch der junge Pfarrerssohn Angel Care (Peter Firth), der sich in Tess verliebt und in den sich Tess verliebt, der ihr einen Heiratsantrag macht, den sie zunächst ablehnt, weil sie sich für das uneheliche Kind und die Vergewaltigung schämt. Sie schreibt ihm einen Brief, schiebt ihn jedoch versehentlich unter den Teppich, sodass Angel ihn nicht findet. Und erst nach der Hochzeit mit Angel erzählt sie ihm dann von der Vergewaltigung und dem toten Kind.
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Angel reagiert abweisend, enttäuscht. Und er sieht nur eine Möglichkeit: Er schickt Tess nach Hause, während er selbst seinem Traum folgt und nach Brasilien reist, um dort sein Glück zu finden. Ihre Ehe, sagt er, müsse nur noch dem äusseren Schein nach existieren. Tess lässt sich nicht unterkriegen, arbeitet wieder auf dem Land, denkt aber nur an Angel. Als der nach Monaten aus Brasilien zurückkehrt, ist Tess Familie – der Vater ist gestorben – verarmt und Tess lebt bei Alec. Eine Katastrophe bahnt sich an ...
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Polanski erzählt uns die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes, die Geschichte einer Liebe und die Geschichte ihrer Zerstörung. Tess, dieses Sinnbild von Schönheit und Liebe, von Reiz und Anmut, von leiser Rebellion und Ehrbarkeit – exzellent gespielt von Nastassja Kinski – trifft auf eine Welt von Vorurteilen und Gewalt, von Ausgrenzung und Enttäuschung. Polanski legt zwei rote Fäden durch die Geschichte, die auf einem Roman von Thomas Hardy beruht: den Faden dessen, was man allgemein als „Schicksal” bezeichnet, und den Faden dessen, was man Desillusionierung in einer Welt der festen moralischen Vorgaben nennen könnte. Dieser zweite Faden lässt den ersten als Illusion, als Einbildung erscheinen.
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Alles erscheint als Schicksal und wird doch zugleich durch die Art der Inszenierung als purer Schein entblösst. Tess, die mit den schrecklichen Erfahrungen der Vergewaltigung und des Kindstodes mehr schlecht als recht zu leben lernt, diese unschuldige Tess, die ihr Leben schon am Ende sieht, die sterben möchte, wenn sie nur den Mut zum Freitod hätte, trifft auf einen jungen Pfarrerssohn und glaubt, die Wende in ihrem Leben gefunden zu haben. Und auch Angel – dieser Engel von Mann, wie alle Frauen denken, die ihn haben wollen – fühlt ebenso.
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Tess und Angel – ein Traumpaar, zwei Liebende, zwei, die sich scheinbar bedingungslos lieben. Doch auch hier ist nur Täuschung. Angel hat die moralischen Vorgaben seiner Zeit internalisiert. Und obwohl er weiss, dass Tess keine Schuld trifft an dem, was ihr passiert ist, obwohl er doch wissen müsste, dass Tess – gerade weil ihr dies geschehen ist – Liebe und Zuneigung bräuchte, verlässt er sie – und stürzt die junge Frau erneut in ein schwarzes Loch, in den Abgrund der Verzweiflung und in die Position einer Verstossenen. Alec sei „ihr natürlicher Ehemann”, sagt er Tess ins Gesicht; und: „Wie kann ich bleiben, solange dieser Mann (Alec) noch lebt.”
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„Tess” handelt von der Macht der (falschen, erniedrigenden) Moral, der Gewalt der herrschenden Ideologie, die sich in den Geschlechterverhältnissen ebenso offenbart wie in jedem einzelnen, besonders in Angel. Und damit handelt er von der Zerstörung der Liebe, der Unmöglichkeit der Liebe in den Zeiten der „moralischen Cholera”. Und selbst Tess, die sich auf ihre Weise und mit ihren Möglichkeiten gegen diese überkommene Moral, die nur unterdrückt, wehrt, die die Kirche nicht mehr besucht, weil der Pfarrer ihr ein christliches Begräbnis ihres Kindes verwehrt, die sich gegen die Infamie von Alec, gegen dessen Zynismus und Doppelmoral zur Wehr setzt, scheitert.
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Wie lange hat sie auf Angels Rückkehr gewartet! Wie lange! Wie lange hat sie gehofft, der Geliebte käme zu ihr zurück, würde ihr verzeihen, obwohl es nichts zu verzeihen gibt! Wie lange! Und dann? Dann kapituliert Tess angesichts der Verarmung der Familie. Sie wird schuldig, schuldig nicht, weil sie am Schluss Alec tötet, nein, das ist nur die offizielle Schuld, die diese Gesellschaft statuiert, in der niemand wirklich versteht. Sie wird schuldig, weil sie aus Verzweiflung das mehr als zweifelhafte Angebot dieses reichen Zynikers annimmt und zu ihm zieht.
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Obwohl „Tess” in einer Zeit spielt, deren falsche Moral und lebensverneinenden religiösen Vorstellungen wir alle längst hinter uns zu glauben meinen, ist „Tess” ein hochaktueller Film – gerade deswegen, weil er uns ermahnt in Bezug auf unsere eigene Hybris, unsere eigenen als fast schon natürlich empfundenen Überzeugungen und Werturteile.
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Der Zynismus von Alec, seine Selbstsucht, seine Gewalttätigkeit, aber auch die falsche verinnerlichte Moral von Angel, sind „nur”, aber immerhin (!) Ausdruck einer Lebensgemeinschaft, die nicht fähig ist, mit Abweichung, Diskrepanz, Anderssein und bestimmten Konflikten umzugehen. Auch hier also ein aktueller Bezug. Die Schönheit der Bilder dieses Films – etwa dieses herrliche Bild, als Angel an einen Baum gelehnt Flöte spielt und Tess sich ihm nähert – steht oft in krassem Gegensatz zur Tragik der Geschichte, die nicht von „Schicksal” handelt, sondern von der Falschheit dieses Scheins, irgendetwas sei überhaupt Schicksal. Die Akteure sind gefangen in ihren Vorstellungen und Überzeugungen, und selbst Tess kapituliert am Schluss.
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Die Körper und Seelen, die Herzen und der Verstand sind geradezu besetzt vom Gedanken des Todes, der Destruktion und des Leids. Das Prinzip der Macht – egal welcher – lässt fast nichts anderes zu – ausser dem unechten Schein (!) einer lebensbejahenden Gesellschaft. Die Körper und die Seelen rebellieren dagegen, vor allem bei Tess, die ganz still und doch ganz bestimmt rebelliert, die nur ihre Liebe will. Aber gerade bei Angel kommt jede Rebellion zu spät. Der Mord an Alec wird so, bei Licht betrachtet, zu einer Verstrickung von Schuld, die sich auf die Konstruktionsprinzipien der Gesellschaft gründet. Alec hat sich schuldig gemacht, wird aber gedeckt durch die herrschende Moral. Angel hat sich schuldig gemacht, weil er Tess verstossen hat.
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Die Familie von Tess ist ihr keine Hilfe, insbesondere nicht der Vater, der dem Suff verfallen ist. In der Mordtat selbst kulminiert diese Schuld. Tess wird zum verzweifelten, ausführenden Organ. Sie wird zum Täter-Opfer. Die Rebellin begeht in einem letzten Akt eine demonstrative Verzweiflungstat. Die Rebellion hat ein Ende. Die rächende Befreiung von Alec ist zugleich die Aufhebung der Rebellion: das Ende. Der Henker wartet. Worauf wir nicht warten können, ist die Aufklärung all dessen, das Sichtbarmachen all dessen in irgendeinem der Akteure. Nur wir sehen offenen Auges.
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„Tess” ist, eben weil es die Zerstörung des Prinzips der Liebe als mögliches Konstruktionsprinzip von Gesellschaft durch das diametral entgegengesetzte Prinzip der Macht veranschaulicht, eben auch ein Film, der der Rekonstruktion des Prinzips der Liebe gewidmet ist. Polanski, heisst das, deutet durch das Tragische der Geschichte an, wohin wir gehen sollten und wohin nicht.
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Neben Nastassja Kinski überzeugen Peter Firth und Leigh Lawson, aber auch viele Nebendarsteller. „Tess” ist eine dieser wundervollen „Gesamtkompositionen” in Bild, Handlung, Darstellern, Dialogen usw., die Kino wieder zu dem machen, was seine ureigene Aufgabe sein sollte: modernes Geschichtenerzählen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 06 May 2026 08:50:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Krawall]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/krawall-juerg-hassler-1970-009639.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Film «Krawall» von Jürg Hassler (1970) über die Zürcher Jugendbewegung der 68er zählt bis heute zu den prägenden Klassikern des Schweizer Szene-Kinos.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Portrait_of_artist_Juerg_Hassler_w.webp><p><small>Der Schweizer Fotograf und Filmregisseur Jürg Hassler, 2008.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Portrait_of_artist_Juerg_Hassler.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Steff Gruber</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Er fängt die aufbegehrende Stimmung einer Generation ein, die im Frühjahr und Sommer 1968 nicht nur in Europa, sondern auch in Zürich die gutbürgerlichen, konservativen und patriarchalen Werte des Establishments der 50er- und 60er-Jahre herausforderte. Es war ein Aufstand gegen Autorität und Unterdrückung, ein Kampf um Freiräume und Selbstbestimmung.
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In Zürich entzündete sich der Protest vor allem an der Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum (AJZ). Inspiriert von den Jugendkrawallen in Berlin und Paris, besetzten Zürcher Jugendliche das leerstehende Globus-Provisorium auf der Bahnhofbrücke – heute bekannt als Standort des Coop – und setzten damit ein politisches Zeichen.
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Die anschliessende Strassenschlacht mit der Polizei, die von den Jugendlichen als Handlanger eines repressiven Systems wahrgenommen wurde, markierte den Beginn einer politischen Jugendbewegung, die auch die etablierten Institutionen der Stadt verändern sollte. Beteiligt waren nicht nur Student:innen, sondern auch Lehrlinge, Schüler:innen und progressive, nonkonformistische Kräfte.
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Doch der Kampf um Freiräume und autonome Orte wie das AJZ, der Bunker, die Riviera oder das Drahtschmidli war damit nicht beendet. Die Bewegung schwelte in den 1970er-Jahren weiter und erreichte in den 1980er-Jahren mit den Opernhaus-Krawallen einen weiteren Höhepunkt. «Krawall» dokumentiert somit nicht nur ein historisches Ereignis, sondern auch den Geist einer Generation, die die Gesellschaft nachhaltig prägte.
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«Hassler hat sein Filmmaterial damals bei einem befreundeten Anwalt versteckt (...). Der Film kam dann erst 1970 heraus, als Premiere an den Solothurner Filmtagen. Trotzdem wurde Krawall danach an Hunderten Veranstaltungen im ganzen Land gezeigt – im Parallelverleih als erster Schweizer Film der neu gegründeten Filmcooperative.» (Kathrin Halter, Cinébulletin, 6.1.2022)<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 01 May 2026 10:46:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Reise nach Indien]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/reise-nach-indien-007568.html</link>
<description><![CDATA[<strong>David Leans letzter Film – <em>Reise nach Indien</em> – gehört zu meinen Favoriten. Gedreht u.a. in Bengalura und Ramanagaram (Südindien) erzählt Lean vor der Kulisse einer farbenprächtigen Landschaft die Geschichte der Reise zweier englischer Frauen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Aankomst_filmster_Ann_Todd_en_haar_echtgenoot_filmregisseur_David_Lean_w.webp><p><small>Der britische Filmregisseur David Lean in Amsterdam, 19. Dezember 1952.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aankomst_filmster_Ann_Todd_en_haar_echtgenoot_filmregisseur_David_Lean_op_Schiph,_Bestanddeelnr_905-4605.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Harry Pot - Anefo</a> (PD)</small><p>David Lean (1908-1991) gehört zu meinen Lieblingsregisseuren – keine Frage. Auch wenn mir etwa seine Romanze <em>Summertime</em> (1955) nicht wirklich zusagt (trotz der exzellenten Besetzung etwa mit Katherine Hepburn und Rossano Brazzi), zeigt selbst dieser Film neben den exzellenten, beeindruckenden Bildern des Venedigs Mitte der 50er Jahre doch das Können eines Regisseurs, der sich für die Produktion seiner Filme immer sehr viel Zeit gelassen hat. <em>Doktor Schiwago</em> (1965), <em>Lawrence von Arabien</em> (1962), D<em>ie Brücke am Kwai</em> (1957) oder <em>Oliver Twist</em> (1948) gehören für mich zu den besten Filmen, die je gedreht wurden.
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Leans letzter Film – <em>Reise nach Indien</em> – gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Gedreht u.a. in Bengalura und Ramanagaram (Südindien) erzählt Lean vor der Kulisse einer farbenprächtigen Landschaft die Geschichte der Reise zweier englischer Frauen, die in den 20er Jahren – also noch mitten in der Kolonialherrschaft der Briten über Indien – mit dem Schiff nach Indien reisen, wo der Verlobte der jungen Adela Quested (Judy Davis), Ronny Heaslop (Nigel Havers), als Friedensrichter im Auftrag der Kolonialmacht tätig ist. Doch Adela und ihre Schwiegermutter in spe, Mrs. Moore (Peggy Ashcroft), Mutter von Heaslop, sind auch neugierig – neugierig auf dieses ihnen so fremde und andere Land, auf diesen riesigen Subkontinent Indien, von dem sie viel gehört und gelesen haben, ein Land, das sie nun endlich kennenlernen wollen.
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Schon während der Überfahrt lernen sie den örtlichen Leiter der britischen Verwaltung Turton und seine Frau kennen. Und schon diese Begegnung vermittelt den beiden Frauen eine leichte Ahnung davon, wie die Briten in Indien zu den Indern stehen. Während die Kolonialherren, die in schmucken Häusern leben, ihre Zeit auf Tee- und anderen -partys verbringen, Polo spielen oder anderen "europäischen" Vergnügungen nachgehen, behandeln sie die indische Bevölkerung zumeist herablassen, diskriminierend und mit einem gehörigen Schuss Rassismus. Wir sind hier nicht, um "freundlich zu sein", entgegnet Ronny seiner Mutter, als diese sich über die schlechte Behandlung der indischen Bevölkerung durch Ronny und andere Engländer empört.
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Doch es gibt auch andere Briten, etwa den Lehrer und Bildungsbeauftragten Fielding (James Fox), der zu den meisten Anfeindungen oder auch eher subtilen Bemerkungen seiner Landsleute gegenüber der indischen Bevölkerung eher schweigt, sich aber selbst anders verhält.
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Adela, eine junge, sehr ernsthafte Frau, und Mrs. Moore, selbstbewusst und unerschrocken, lassen sich durch das Verhalten ihrer Landsleute nicht abschrecken. Sie wollen das Land und die Menschen kennenlernen. Und als sie den Arzt Dr. Aziz (Victor Banarjee) treffen, eröffnet sich eine Möglichkeit dazu. Aziz soll die beiden Frauen zu den nahe gelegenen Marabar-Höhlen bringen(gedreht wahrscheinlich in Savandurga in der Nähe von Bengalura) – einem religiösen Wahrzeichen der Inder, über das allerdings nicht sehr viel bekannt wird. So reist Dr. Aziz mit den beiden Frauen und etlichen indischen Helfern und Trägern zu den Höhlen, während Fielding den Zug verpasst und auch der geheimnisvolle indische Professor Godbole (Alec Guinness), der ursprünglich mitreisen wollte, zu Hause bleiben.
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Und hier, bei und in den Höhlen, geschieht nun etwas, was der ganzen Geschichte eine entscheidende Wendung gibt. Zunächst flüchtet Mrs. Moore aus einer der Höhlen, weil sie die Enge und das überwältigende Echo in dieser Höhle nicht ertragen kann. Und dann begibt sich Adela unbemerkt von den anderen in eine der Höhlen, sodass sich Dr. Aziz Sorgen macht, wo sie abgeblieben sein könnte. Er sucht in jedem dunklen Höhleneingang – doch Adela bleibt zunächst verschwunden. Wir sehen sie dann im Dunkel einer Höhle. Als Dr. Aziz vor dieser Höhle stehen bleibt, pustet Adela das Streichholz aus, das sie gerade erst angezündet hatte. Kurze Zeit später stürzt sie aus der Höhle und fällt einen Abhang, auf dem sich Kakteen befinden, hinunter, steigt in ein Auto, mit dem Fielding gerade erst bei den Höhlen angekommen ist, und fährt mit der Frau eines Arztes, die mit Fielding gekommen war, zurück.
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Kurze Zeit später wird Dr. Aziz verhaftet. Der Vorwurf lautet: Er habe versucht, Adela zu vergewaltigen; Adela – schwer verletzt – habe ihn angezeigt ...
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Sowohl Forsters Roman, als auch Leans filmische Adaption erzählen diese Geschichte vor dem Hintergrund einer tiefen kulturellen Diskrepanz zwischen einer europäischen Kolonialmacht mit all ihrer Arroganz und Selbstüberschätzung und einer indischen Bevölkerung, in der der Wunsch nach Unabhängigkeit immer stärker wird. In diesen schwelenden Konflikt begeben sich zwei – man kann sagen: insofern unbedarfte – Frauen, die allerdings die strukturell verankerte wie individuell sichtbare und spürbare Diskriminierung der Inder durch ihre Landsleute verabscheuen. Adela löst ihre Verlobung mit Heaslop, Mrs. Moore protestiert bei einem Empfang der Kolonialverwaltung, bei dem auch reichere Inder anwesend sind, ganz offen und unverhohlen gegen die überhebliche Behandlung, auch gegenüber ihrem Sohn.
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Auf der anderen Seite haben auch Adela und Mrs. Moore erhebliche Probleme, die indische Kultur und Lebensweise zu verstehen. Als sie Prof. Godbole kennenlernen, wird dies besonders deutlich. Über die Höhlen und ihre Bedeutung für die Bevölkerung wird geschwiegen. Und Godbole scheint die Fähigkeit zu besitzen, Dinge vorherzusehen. Auch Fielding versteht Godbole nicht, als dieser nach der Verhaftung von Dr. Aziz meint, man solle den Dingen ihren Lauf lassen, alles sei vorherbestimmt.
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Doch entscheidender ist, dass sowohl für Mrs. Moore als auch für Adela – zwei durchaus selbstbewusste Frauen – das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Kulturen in gewisser Weise zum Verhängnis wird. Während Mrs. Moore nach der Verhaftung von Aziz abreist und auf dem Schiff stirbt, stürzt Adela in eine Art Trance-Zustand, einen psychischen Fluchtpunkt, ausgelöst, aber nicht verursacht durch den Besuch der Höhlen.
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Was hier wirklich geschehen ist, lässt der Film offen. Dass Aziz versucht hätte, Adela zu vergewaltigen, das allerdings glauben nur die Briten, die hier einen willkommenen Anlass sehen, ihre Vorurteile gegen die Inder zu bestätigen. Aziz selbst ist nicht nur verzweifelt; er kann diesen Vorwurf Adelas vor allem deshalb nicht verstehen, weil sich beide vor dem Besuch der Höhlen so gut verstanden hatten. Auch Fielding hält den Vorwurf für völlig absurd.
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Aber was glaubt und fühlt Adela? Hin- und hergerissen zwischen der eigenen Kultur und ihren Defekten und anderseits dieser überwältigenden Erfahrung einer anderen, indischen Kultur fühlt sie sich tatsächlich "vergewaltigt". Sie versteht die Arroganz ihrer Landsleute nicht, aber ebenso wenig kann sie die indische Kultur verstehen. Schon in einer Szene vor dem Höhlenbesuch flüchtet sie auf dem Rad bei einem Ausflug vor brüllenden Affen, die ihr Angst machen. Als sie in der Höhle im Dunkeln steht und sehen will, ein Streichholz anzündet, um dieser geheimnisvollen Atmosphäre etwas abzugewinnen, sieht man in ihren Augen doch vor allem eines: Angst. Als sie Aziz am Eingang der Höhle bemerkt, löscht sie das Streichholz, so, als ob sie nicht entdeckt werden wollte. Aber offenbar hört sie aus seinen Worten nicht die Besorgnis von Aziz über ihr Verschwinden, sondern empfindet nur Bedrohung, Beklemmung, Angst.
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Wie vom Teufel gejagt stürzt sie den Abhang hinunter, verletzt sich an den Kakteen und beschuldigt später Aziz.
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Lean gelingt es, diese Geschichte zweier Frauen und die Situation in Indien zu dieser Zeit auf eine intelligente und einfühlsame Art miteinander zu verbinden. Der Vorteil einer solchen Inszenierung besteht darin, dass allzu plakative Schwarz-Weiss-Zeichnungen einer historischen Situation vermieden werden können. In den beiden Frauen fokussiert sich die schwierige Situation und weist gerade dadurch wiederum auf den historischen Kontext zurück. Die Vergewaltigung, die das Land durch den Kolonialismus und die Hybris der Briten erfährt, schlägt auf eine besondere Art auf die beiden Frauen durch. Während die eine – kraftlos geworden und enttäuscht – der Situation zu entkommen versucht und – so kann man getrost vermuten – daran stirbt, fühlt sich die andere direkt körperlich und seelisch misshandelt.
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Was dann im Prozess gegen Dr. Aziz geschieht, scheint vorherbestimmt: Die Kolonialmacht urteilt über eine "minderwertige Rasse", die triebgesteuert ist. Doch der Versuch scheitert auf der ganzen Linie. Adela kommt sozusagen zu "Sinnen" und nimmt ihre Anschuldigung gegen Aziz zurück, der daraufhin freigesprochen wird. Während sie nach England zurückkehrt – mit all der Last dieser Erfahrungen –, gründet Dr. Aziz irgendwo anders in Indien ein Krankenhaus – schwankend zwischen Wut und Sympathie für Adela. Der Faden zwischen den verständigen und verstehen wollenden Briten und Indern scheint gerissen, aber er ist es nicht ganz. Es bleibt eine schwache Verbindung, sozusagen ein seidener Faden, verletzlich, labil, jederzeit vom Zerreissen bedroht, aber er bleibt.
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Das koloniale Erbe auf beiden Seiten wird noch lange wirken – in die eine oder andere Richtung. Adela entschied sich für die Wahrheit – eine zwischenmenschliche Wahrheit, die scheinbar an den permanenten kolonialen Bedrohungen nichts ändern kann. Aber man darf solche Ereignisse, selbst wenn sie nur in einem Film oder Roman erzählt werden, nicht unterschätzen. Es sind diese Entscheidungen, die wirkliche Grösse zeigen, ein Handeln, mit dem nicht geprahlt wird, sondern das im Stillen seine Wirkung entfaltet. Hier ist Lean – wenn auch in einer ganz anderen Geschichte – wieder bei seinem” Lawrence. Wenn dies einer im Film nachvollziehen kann, dann Prof. Godbole – und vielleicht auch Fielding.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 29 Apr 2026 08:40:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Sherlock Holmes]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/sherlock-holmes-007575.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ein in vielem anderer, aber eben doch nicht gänzlich anderer Sherlock-Holms-Film, den Guy Ritchie produziert hat.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Robert_Downey_Jr-2008_w.webp><p><small>Der US-amerikanische Schauspieler Robert Downey Jr. in Mexiko, 9. April 2008.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Downey_Jr-2008.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Edgar Meritano</a> (PD)</small><p>Schon wieder .... ! Nach zahlreichen filmischen Adaptionen des Holmes-Stoffes (1908, 1911, 1916, 1922 mit John Barrymore, 1934, 1939 mit Basil Rathbone, 1951, 1968,1981 mit Frank Langella, 1982 und 1995 sowie TV-Serien 1954, 1965 mit Peter Cushing, 1967 und 1984) greifte Guy Ritchie ("RocknRolla", 2008) auf den allzu bekannten und beliebten Stoff zu und beschäftigte allein fünf Drehbuchautoren für eine Story, die mit Arthur Conan Doyles Geschichten kaum noch etwas zu tun hat. Auch die beiden Hauptfiguren Holmes und Dr. Watson scheinen fast nur noch den Namen mit Conan Doyles Charakteren gemein zu haben – gemein, oder?
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Nicht ganz so gemein, wie man vielleicht denkt. Denn die angeblich so typischen Erkennungsmerkmale Hut und Mantel, die man aus Holmes-Verfilmungen kennt, tauchen in den Romanen gar nicht auf. Und auch die "rein geistige" Arbeit, die man Holmes in vielen Filmen als alleiniges Vermögen seiner Arbeit angedeihen liess, wird durch die Romane widerlegt. Auch bei Conan Doyle, wie in Ritchies Film, ist Holmes durchaus auch körperlich voll auf der Höhe, nämlich Boxer. Dieses körperliche Element spielt in der Neuverfilmung allerdings eine zentrale Rolle.
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Die von manchen ausgemachte leicht homoerotische Beziehung zwischen Watson und Holmes spielt beim Sehen des Films nur eine Rolle, wenn man sie unbedingt sehen will. Die beiden sind einfach dicke Freunde. Und Watson Ansinnen, die schöne Mary Morstan zu ehelichen, spricht eine andere Sprache – auch wenn Holmes eifersüchtig darauf reagiert. Das ist wohl eher seinem eitlen, arroganten und leicht verrückten und egozentrischen Charakter zu verdanken als irgendeiner homoerotischen Neigung.
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Und die Geschichte?
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In buchstäblich letzter Sekunde verhindern Holmes und Watson den Ritualmord an einer Frau und stellen den Täter, das Mitglied des Oberhauses Lord Blackwood (schön und leise böse: Mark Strong). Der wird für fünf derartige Morde zum Tode verurteilt. Kurz vor seiner Hinrichtung lässt er Holmes ausrichten, er wolle ihn noch einmal sprechen. Blackwood verkündet dem Meisterdetektiv, sein Tod sei erst der Anfang einer neuen Welt; denn er selbst sei nur ein Mittel für einen höheren Zweck. Drei weitere Morde werde es nach seiner Hinrichtung geben.
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Holmes nimmt dies zunächst nicht ernst und hält Blackwood für einen Verrückten. Doch als nach dessen Tod am Galgen tatsächlich weitere Morde geschehen, sieht die Sache für ihn anders aus. Nicht nur das: Ein alter Mann behauptet, er sei Zeuge von Blackwoods Wiederauferstehung gewesen. Im Sarg des vermeintlich Gehenkten findet man einen rothaarigen, zwergwüchsigen Mann.
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Zugleich taucht eine alte Liebe von Holmes bei diesem wieder auf. Die Meisterdiebin Irene Adler. Sie beauftragt Holmes damit, einen Mann namens Reordan zu finden. Holmes verfolgt Irene und entdeckt, dass ein geheimnisvoller Mann deren Auftraggeber ist. Und er entdeckt zusammen mit Watson, dass eben derselbe Reordan die Person ist, die er für Irene suchen sollte. In Reordans Wohnung finden Holmes und Watson allerlei chemische Substanzen und Versuchsanordnungen, werden aber von drei düsteren Gestalten entdeckt, die offenbar alle Spuren in der Wohnung beseitigen wollen.
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Inspektor Lestrade von Scotland Yard fürchtet Panik, als sich herumspricht, Blackwood würde angeblich noch leben. Und eine mysteriöse Vereinigung namens "Tempel der vier Orden" zitiert Holmes in sein Hauptquartier, um ihn zu bitten, den angeblich noch lebenden Blackwood zu finden. Holmes erkennt schnell, dass Blackwood der Sohn des Vorsitzenden des Ordens, Sir Thomas, war (oder ist). Angeblich sorgt der Orden seit langer Zeit dafür, dass es in England und im Empire immer mit rechten Dingen zugeht. Sir Thomas erzählt Holmes, dass man den Orden und seinen Glauben an Magie auch für Böses missbrauchen könne. Kurz danach findet man Sir Thomas tot in der Badewanne, ein weiteres Mitglied des Ordens, Standish, geht in Flammen auf – und die Prophezeiung Blackwoods hat sich erfüllt.
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Aber Holmes wäre nicht Holmes, käme er nicht hinter die Geheimnisse dieser merkwürdigen Vorgänge ...
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Um eine solche Geschichte einigermassen glaubhaft und spannend auf die Leinwand zu bringen, bedarf es einiger Anstrengungen. Da wäre zunächst einmal das düstere, fast schon Gothic-artige, an Gotham-City erinnernde, und durchweg überzeugende Design, in dem London erscheint. Hierzu passen denn auch etliche Figuren wie etwa der für Blackwood arbeitende "Riese" Dredger und einige andere skurrile Gestalten. Überraschend für mich war auch die durchaus passende Musik Hans Zimmers, dessen Score zu vielen anderen Filmen mich meistens nervte.
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Aber auch die Hauptfiguren des Films, Watson und Holmes, werden von Robert Downey Jr. und Jude Law in einer fast neuartigen, interessanten Art und Weise gespielt. Die sarkastischen, manchmal auch zynischen Wortgefechte und die Streitereien zwischen den beiden, die nichtsdestotrotz ihrer Freundschaft keinen Abbruch tun, evozieren so manche humorvolle Einlage – zumal der Film insgesamt unterschwellig als Komödie durchaus durchgehen kann. Man merkt den beiden Hauptdarstellern jedenfalls an, dass die Arbeit Spass gemacht haben muss.
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Der Film hat Tempo, auch durch die teils rasanten Zwischenschnitte, die vor allem bei kurzen Rückblicken eingesetzt werden, etwa wenn Holmes Watson oder anderen erzählt, was er kurz zuvor gemacht hat. Trotz einiger weniger Längen in der Mitte des Films ist das Tempo insgesamt schnell und richtig gewählt. Zahlreiche Rätsel summieren sich bis kurz vor Schluss, als Holmes erst gegenüber Watson und Irene, dann gegenüber seinem Widerpart allesamt auflöst.
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Holmes und Watson, in früheren Filmen eher älteren Semesters und körperlich kaum gefordert, entwickelt Ritchie in diesem Streifen zu wahren Action-Helden, so dass der Einsatz der grauen Zellen und der Fäuste und etlicher anderer Körperteile gleichwertig nebeneinander stehen. Besonders eindrücklich in dieser Hinsicht ist eine Szene, in der die beiden Freunde mit Dredger um Leben und Tod kämpfen, und dabei ein unfertiges Schiff vom Stapel läuft und im Hafen versinkt. Auch eine Szene gegen Schluss auf der noch unfertigen Tower-Bridge zeugt von der "Action-Lastigkeit" des Films.
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Ein in vielem anderer, aber eben doch nicht gänzlich anderer Sherlock-Holms-Film also, den Guy Ritchie produziert hat. Hinzu kommt eine Verschwörungsgeschichte, bei der man lang nicht weiss, ob es sich um Mystery im wahrsten Sinn des Wortes handelt – also übernatürlicher Krimskrams usw. – oder ob hinter alldem erklärbare Phänomene stehen. Der Bösewicht Blackwood ähnelt eher einem Bond-Bösewicht, der die Welt beherrschen will, denn einer Figur aus Conan Doyles Romanen. Und mancher Liebhaber seiner Romane wird diesen Film vielleicht eher verschmähen, als zu erkennen, dass Ritchie eine zumeist spannende und vielleicht auch zeitgemässe Adaption des Stoffes gelungen ist.
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Ich mag die alten Krimihelden, ob Sherlock Holmes und Watson, Hercule Poirot oder Miss Marple – und war sehr skeptisch, ob es noch irgendeinen vernünftigen Grund für einen neuen Holmes-Film geben könnte. Ich liess mich überraschen. Und ich war überrascht. Ritchies Adaption wird sicherlich nicht einer der Filme des Jahres. Aber allemal habe ich mich spannend unterhalten gefühlt, und der eine oder andere Lacher über diese nicht allzu ernste Adaption war auch dabei.
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Was will man mehr?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 24 Apr 2026 09:36:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Anna Seghers – eine weltberühmte antifaschistische Schriftstellerin]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Anna Seghers starb am 1. Juni 1983 in Berlin/DDR. Ihr literarisches Werk und ihre antifaschistische Überzeugung leben fort.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Thomas_Mann_und_Anna_Seghers_w.webp><p><small>Anna Seghers mit Thomas Mann im Deutschen Nationaltheater in Weimar 15. Juni 1955.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-30556-009,_Thomas_Mann_und_Anna_Seghers.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundesarchiv, Bild 183-T0529-0027 - Peter Koard</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 cropped)</a></small><p>Bildende Kunst, Musik und Literatur sind für den antifaschistischen Kampf von grosser Bedeutung. Sie dienen nicht nur der emotionalen Verbundenheit, sondern bewahren auch die Erfahrungen und Vermächtnisse der Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung. Eine weltberühmte Schriftstellerin in diesem Sinne war Anna Seghers, deren 125. Geburtstag im November 2025 zu feiern ist.
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Ihr wohl bekanntestes Werk war der Roman „Das siebte Kreuz“. Geschrieben im mexikanischen Exil, erschien er bereits 1942 in den USA und wurde 1944 vom Oskar-Regisseur Fred Zinnemann verfilmt. Der Roman schildert die Haltung und Gefühlslage im faschistischen Deutschland in den 1930er Jahren. Aus dem Lager Westhofen, für das das frühe KZ Osthofen das historische Vorbild lieferte, entfliehen sieben politische Häftlinge.
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Der Kommandant ergreift alle Massnahmen, um diese Häftlinge wieder zu fassen und auf dem Appellplatz – zur Abschreckung der Mithäftlinge – ans Kreuz zu binden. Sechs werden nach einiger Zeit gefasst, das siebte Kreuz bleibt leer, auch deshalb, weil es Menschen ganz unterschiedlicher politischer Überzeugung und gesellschaftlicher Stellung gab, die dem Flüchtenden geholfen haben. Damit drückte der Roman literarisch das aus, was im politischen Konzept einer antifaschistischen Volksfront mündete.
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Geboren am 19. November 1900 als Annette Reiling in Mainz, studierte sie in Köln und Heidelberg, wo sie 1924 mit einer Dissertation über „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“ promovierte. 1925 heiratete sie den ungarischen Soziologen László Radványi, mit dem sie zwei Kinder hatte. Schon 1924 wurde ihre erste Erzählung veröffentlicht. Dennoch hatte sie es als Schriftstellerin in der Weimarer Zeit schwer, Anerkennung zu finden. 1928 erhielt sie den Kleist-Preis, die damals höchste deutsche literarische Auszeichnung. Als Begründung lobte die Jury ihre „kraftvolle, männliche Sprache“.
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Schon in der Weimarer Zeit gehörte sie zum Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und engagierte sich gegen den Vormarsch der Nazis. Wenige Wochen nach der Machtübertragung floh sie über die Schweiz ins französische Exil, wo sie in Paris für die „Neuen Deutschen Blätter“ arbeitete und 1935 Mitbegründerinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller war. 1937 sprach sie auf dem „Zweiten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ in Madrid.
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Eigentlich alle Texte von Anna Seghers beschäftigten sich mit dem Faschismus und seinen Auswirkungen auf das Handeln und Denken der Menschen. 1934 veröffentlichte sie in Prag die Erzählung „Der letzte Weg des Koloman Wallisch“, 1935 erschien in Paris der Roman „Der Weg durch den Februar“. Darin schildert sie den Kampf der österreichischen Antifaschisten gegen den Austro-Faschismus und die Dollfuss-Diktatur.
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In verschiedenen Texten würdigte sie auch die Rolle der Frauen im antifaschistischen Kampf wie in der Erzählung: „Aufstellen eines Maschinengewehrs im Wohnzimmer der Frau Kamptschik“. Die Bedingungen des Exils verarbeitete sie kongenial in dem 1944 veröffentlichten Roman „Transit“. Sie schildert, wie in der Atmosphäre der Stadt Marseille im damals noch unbesetzten Frankreich Flüchtlinge mit der Hoffnung auf ein Transitvisum mit Menschen, die durch den faschistischen Krieg entwurzelt wurden, aufeinanderstiessen.
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Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil ging sie in die SBZ bzw. DDR, die sie als ihre politische Heimat verstand. Dort setzte sie ihre antifaschistische Arbeit fort. 1949 erschien der Roman „Die Toten bleiben jung“, der die proletarische, die kleinbürgerliche und die grossbürgerliche Perspektive auf die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schilderte.
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Als Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR von 1952 bis 1978 übernahm sie auch gesellschaftliche Verantwortung. Während sie in der DDR und weltweit geehrt wurde, erhielt sie von ihrer Geburtsstadt Mainz erst 1981 die Ehrenbürgerschaft. Eine Antifaschistin zu ehren war damals in der BRD politisch nicht einfach.
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Anna Seghers starb am 1. Juni 1983 in Berlin/DDR. Ihr literarisches Werk und ihre antifaschistische Überzeugung leben fort. Dies zeigt sich auch in verschiedenen Veranstaltungen anlässlich ihres 125. Geburtstages.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 23 Apr 2026 10:03:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Shakespeare in Love]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/shakespeare-in-love-007574.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Shakespeare in Love</em> glänzt durch seine Rasanz, Lebendigkeit, seine gute Mischung aus Komödie, manchmal sogar Screwball-Komödie, Drama, ohne ins Melodramatische zu verfallen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/GwynethPaltrowTIFF00_w.webp><p><small>Gwyneth Paltrow beim Toronto International Film Festival 2000.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GwynethPaltrowTIFF00.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jared Purdy</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Eine der wohl bezauberndsten Szenen in John Maddens <em>Shakespeare in Love</em> zeigt den Dramatiker und Komödienschreiber William Shakespeare (Joseph Fiennes) hinter der Bühne während einer Aufführung von Romeo und Julia“, als seine geliebte Viola de Lesseps (Gwyneth Paltrow) zu seinem Erstaunen auftritt – als Frau, was zur damaligen Zeit verboten war. Sie spielt und schaut zu ihm, er schaut ihr in die Augen – eine Szene für unverbesserliche Romantiker, und damit auch für mich. Der Oberhofzensor Mr. Tilney (Simon Callow) sorgte dafür, ein Theater notfalls zu schliessen, wenn Frauenrollen nicht von verkleideten Männern, sondern von Frauen gespielt wurden. Die Schauspielerzunft war Ende des 16. Jahrhunderts nicht gerade eine angesehene Gesellschaft. Vor den Theatern warnten gottesfürchtige Zeitgenossen (oder solche, die sich dafür hielten) nicht selten vor der vermeintlichen Gefahr der Verrohung, der Unmoral etc.
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Madden (<em>Corellis Mandoline</em>, 2001) inszenierte die Geschichte über die Liebe zwischen Shakespeare und Viola als Mischung aus Drama und Komödie entlang der Entstehung des Stücks Romeo und Julia“. Shakespeare in Love“ ist ein süsses Bonbon, ein gut schmeckendes, ein Kleinod im Genre der Komödie, mit viel Verve und guten respektive gut aufgelegten Mimen.
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Shakespeare hat keine Lust und keine Ideen. Er arbeitet an einem Stück mit dem Titel Romeo und Ethel, die Piratentochter. Doch ihm fehlt es an Inspiration, und so begibt er sich zu einem Prediger. Auch das nützt wenig, bis er auf die Tochter aus reichem Hause Viola de Lesseps trifft. Die ist regelmässige Besucherin des Rose Theater, das dem ständig auf Suche nach Geldgebern befindlichen Mr. Henslowe (Geoffrey Rush) gehört. Einer dieser Geldgeber ist der begüterte Hugh Fennyman (Tom Wilkinson), der Henslowe im Nacken sitzt wegen etlicher Vorschüsse, die der von ihm erhalten hat. Henslowe wird langsam nervös, weil Shakespeare nichts zustande bringt. Zudem hat Henslowe Konkurrenz: Der Besitzer des Curtain Theater, Richard Burbage (Martin Clunes), der den zur Zeit wesentlich erfolgreicheren Autor Christopher Marlowe (Rupert Everett) engagiert hat, möchte auch gerne Shakespeare für seine Bühne gewinnen.
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Währenddessen hat sich Viola entschlossen, als Mann verkleidet am Rose Theatre als Schauspieler(in) ihr Glück zu versuchen. Als Shakespeare den vermeintlichen jungen Mann bei einem Vorsprechen beobachtet, ist er begeistert und folgt ihm“. Als er von einem Bootsmann erfährt, es handle sich um Viola, gibt es für den Dichter kein Zurück mehr. Die beiden verlieben sich ineinander, aber ihre Liebe muss geheim bleiben: eine Adlige und ein Komödiant – undenkbar! Und zu Violas Entsetzen haben sich ihre Eltern (Jill Baker, Nicholas Le Prevost) entschlossen, sie mit dem in Geldnöten befindlichen Lord Wessex (Colin Firth) zu verheiraten. In zwei Wochen soll die Hochzeit sein, und Königin Elisabeth (Judi Dench) hat ihre Einwilligung bereits erteilt. Sich gegen Vater und Königin aufzulehnen, wäre für Viola undenkbar.
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Inzwischen hat Shakespeare wieder Mut gefasst. Aus einem Piratenstück wird unversehens eine tragische Liebesgeschichte: Romeo und Julia“, die in Verona spielt. Und Viola spielt den liebenden Romeo, als Mann verkleidet. Nur William und ihre Amme (Imelda Staunton), die Viola in allen brenzligen Situationen schützt, wissen von der Verkleidung.
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Henslowe beobachtet mit Sorge, wie sich aus dem ursprünglich geplanten Piratenstück eine dramatische Liebesgeschichte entwickelt. Mit Unterstützung des Schauspielers Ned Alleyn (Ben Affleck) bekommt Romeo und Julia“ langsam aber sicher Hand und Fuss.
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Nur, was wird aus den beiden Liebenden William und Viola?
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Mit wirklich sicherer Hand führte John Madden seine Schauspieler-Crew durch ein doppeltes, ein paralleles Spiel. Hier die Geschichte von Romeo und Julia, dort von William und Viola – und Parallelen tun sich immer wieder auf zwischen diesen beiden Geschichten. Besonders Geoffrey Rush, aber auch Joseph Fiennes in der männlichen Hauptrolle und Tom Wilkinson als Geldgeber, dem eine kleine Rolle als Apotheker in dem Stück gegeben wird, erweisen sich als muntere und humorvolle Zeitgenossen. Gwyneth Paltrow scheint die Rolle der liebenden und angesichts der Heirat mit einem gefühllosen, geldgierigen Lord verzweifelten Tochter aus gutem Haus auf den Leib geschnitten. Judi Dench als Queen Elisabeth I., die über so einiges genau Bescheid zu wissen scheint, tut ein übriges für das Gelingen dieses Films. Als Viola bei einem Empfang kurz vor der Hochzeit mit der Königin spricht, sagt letztere ihrem (gehörnten) zukünftigen Ehemann ins Gesicht: Sie sind ein Dummkopf von Lord; sie wurde gepflückt, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, aber nicht durch Sie. Nur eine Frau kann das erkennen.“
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Colin Firth spielt den Gehörnten, der nichts besseres verdient hat, einen verarmten Adligen, der seine Plantage in Virginia auf Vordermann bringen will und daher die Heirat mit einer Tochter aus reichem Haus benötigt, routiniert und sehenswert.
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<em>Shakespeare in Love</em> glänzt jedoch auch durch seine Rasanz, Lebendigkeit, seine gute Mischung aus Komödie, manchmal sogar Screwball-Komödie, Drama, ohne ins Melodramatische zu verfallen, durch die Maskeraden, die wunderschöne Ausstattung, und nicht zuletzt dadurch, dass ein Eindruck von den Verwicklungen zu Shakespeares Zeit vermittelt wird, der der Wirklichkeit wahrscheinlich sehr nahe kommt. Zu den Parallelen zwischen den beiden Liebesgeschichten gehört auch eine Szene, in der William an einem Gerüst den Balkon vor Violas Zimmer erklimmt und oben der erschreckten und schreienden Amme begegnet, die ins Zimmer zurück rennt, während der arme Poet rückwärts hinunter stürzt – also eine Szene, die der in Romeo und Julia“ nachempfunden ist, wenn auch auf humorvolle Weise. Glänzend sind auch die Szenen während der Aufführung von Romeo und Julia“ vor einer Unmenge von Menschen im Rose Theater.
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Alles in allem also eine amüsante, kurzweilige, vom Spass, den die Schauspieler gehabt haben müssen, einem exzellenten Drehbuch und viel Energie bestimmte romantische, aber nicht romantisierende Komödie, bei der man zudem Einblick in ein echtes Stück Shakespeare erhält. What else do you want?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sun, 19 Apr 2026 09:23:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Literaturfestival der Arbeiterklasse in Campi Bisenzio]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/literatur/literaturfestival-der-arbeiterklasse-in-campi-bisenzio-009641.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Zum vierten Mal in Folge findet dieses Jahr vom 10.-12. April das "Festival di Letteratura Working Class" statt. Organisiert wird es vom ex-GKN Fabrikkollektiv und dem Verlag Alegre.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/literaturfestival-der-arbeiterklasse-in-campi-bisenzio_w.webp><p><small>Literaturfestival in Campi Bisenzio.  Foto: collettivofabbricagkn</small><p>Im vergangenen Jahr zog das Literaturfestival über 7.000 Besucher:innen an und ist damit vermutlich das grösste seiner Art weltweit. Doch es könnte eine der letzten Gelegenheiten sein, das Collettivo GKN in ihrer besetzten Fabrik in Campi Bisenzio bei Florenz zu besuchen – einem Ort, der längst zum Symbol für Widerstand, ökologische Innovation und selbstbestimmte Arbeit geworden ist.

<h3>Mehr als ein Arbeitskampf: Ein Kampf um die Zukunft der Produktion</h3>

Seit 2021 wehren sich die Arbeiter:innen der GKN-Fabrik gegen die geplante Schliessung ihres Betriebs. Mit einer unbefristeten Betriebsversammlung halten sie das Gelände seitdem legal besetzt – nicht nur, um ihre Arbeitsplätze zu retten, sondern um ein radikales Umdenken in der Industrie voranzutreiben: die Umstellung auf ökologische Produktion.
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Gemeinsam mit Wissenschaftler:innen aus der Klimabewegung haben sie einen detaillierten Produktionsplan für Solarpaneele und Lastenfahrräder entwickelt, der von mehreren Banken geprüft und für realisierbar befunden wurde. Damit setzen sie ein klares Zeichen gegen die dominierende Rüstungsindustrie und zeigen, dass es alternative Wege gibt – sozial, ökologisch und demokratisch organisiert.
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Um ihre Vision umzusetzen, gründeten sie die Produktionsgenossenschaft „Collettivo di Fabbrica“. Bereits jetzt liegen Investitionszusagen in Höhe von 3,1 Millionen Euro vor. Doch für den Start der Produktion fehlen noch weitere 2 Millionen Euro. Dieses Kapital soll das Eigenkapital stärken und die Zusage eines Grossinvestors über zusätzliche 2 Millionen Euro absichern. Gelingt dies, kann die Produktion endlich beginnen.

<h3>Unterstützung ist jetzt entscheidend</h3>

Das Kollektiv sucht dringend Investor:innen, Genossenschaftsmitglieder und Spender:innen, die durch den Kauf von Genossenschaftsanteilen oder Spenden zum Gelingen des Projekts beitragen. Jeder Beitrag bringt die Arbeiter:innen ihrem Ziel näher: einer selbstverwalteten, ökologischen Fabrik, die beweist, dass eine andere Wirtschaft möglich ist.

<h3>8. April 2026: Ein entscheidender Tag nach vier Jahren Widerstand</h3>

Am 8. April 2026 wird ein richtungsweisendes Gerichtsurteil erwartet. Das Gericht entscheidet über die Auszahlung ausstehender Löhne und Abfindungen – ein Betrag von über 10 Millionen Euro, der den Arbeiter:innen seit der Besetzung im Juli 2021 (und teilweise bis März 2025) zusteht. Da sie während dieser Zeit nicht rechtmässig gekündigt wurden, halten sie die Fabrik auch als „Faustpfand“ für die Begleichung ihrer Forderungen besetzt.<br>
Die Gefahr einer Räumung ist real:
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Sollte das Gericht die Auszahlung anordnen, könnte dies paradoxerweise den Räumungsbefehl beschleunigen, der bereits über der Fabrik schwebt. Eine Räumung würde nicht nur den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten, sondern auch das Ende eines historischen Experiments – eines Beweises dafür, dass Arbeiter:innen ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

<h3>Fazit</h3>

Die GKN-Arbeiter:innen kämpfen nicht nur für ihre eigenen Rechte, sondern für ein neues Modell der Produktion – ökologisch, demokratisch und gemeinwohlorientiert. Der 8. April könnte über die Zukunft des Collettivos entscheiden. Jetzt gilt es, ihre Forderungen zu unterstützen – sei es durch Spenden, Genossenschaftsanteile oder Solidarität.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 08:24:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Ein einfacher Unfall]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ein-einfacher-unfall-009500.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Ein einfacher Unfall</em> erzählt mit zärtlicher Ironie von iranischen Ex-Häftlingen, die unvermutet auf ihren Folterer treffen und vor der Frage stehen, wie sie mit ihrem Rachebedürfnis umgehen sollen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Jafar_Panahi_at_the_78th_Locarno_Film_Festival_in_2025_05_w.webp><p><small>Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi auf dem roten Teppich beim 78. Filmfestival von Locarno im Jahr 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jafar_Panahi_at_the_78th_Locarno_Film_Festival_in_2025_05.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Quejaytee</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Regisseur Jafar Panahi stellt erneut seine Unerschrockenheit vor dem iranischen Regime unter Beweis, dreht aber keinen Heldenfilm, sondern ein realitätsgesättigtes Drama über menschliche Schwächen und Stärken in einer unmenschlichen Diktatur.
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Vahid (Vahid Mobasseri) ist ein einfacher Mechaniker, der nur deshalb in einem der berüchtigten iranischen Gefängnisse landete, weil er für die Rechte der Arbeiter eintrat. Jahre nach seiner Freilassung sieht er aus purem Zufall seinen ehemaligen Folterer Eghbal (Ebrahim Azizi) wieder. Wie hypnotisiert spioniert er ihm nach, lauert ihm auf, schlägt ihn bewusstlos und gräbt dem Peiniger eine Grube, in der er ihn lebendig begraben will. Aber dann kommen ihm Zweifel, denn er erkennt Eghbal lediglich am Quietschen von dessen Beinprothese, gesehen hat er ihn niemals, weil ihm bei den Verhören stets die Augen verbunden waren.
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Um sicher zu gehen, trifft Vahid einen ehemaligen Mithäftling. Der schickt ihn weiter zu anderen Leidensgenossen. Und so irren irgendwann die Fotografin Shiva (Maryam Afshari), das Brautpaar Goli (Hadis Pakbaten) und Ali (Madjid Panahi) sowie Shivas Ex-Geliebter Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) in Vahids Lieferwagen durch Teheran, inklusive der Holzkiste mit dem betäubten Verdächtigen darin. Rache oder Menschlichkeit? Das ist die Frage in Jafar Panahis gar nicht thesenhaftem, sondern liebenswert leichtfüssigem Drama über die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele.

<h3>Absurdes Dilemma</h3>

Ein einsamer, entlaubter, dürrer Baum, mitten in der Wüste. Wie in dem Stück <em>Warten auf Godot</em> von Samuel Beckett kommt sich Hamid vor – das aussprechend, was die Kamera zuvor dem Publikum suggeriert hatte. Selbstironie und Humor durchziehen das filmische Drama noch viel dominanter als das düstere Theaterstück über die absurden Widersprüche der menschlichen Existenz.
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Die bezaubernde Leichtigkeit in Jafar Panahis Roadmovie hat jedoch nichts mit Weltflucht zu tun. Ja, die Lage der in der Wüste Gestrandeten besteht tatsächlich in einem schier ausweglosen Dilemma, in das sie ohne ihre Schuld geworfen wurden. Wie können sie die Scheinhinrichtungen und tiefen Demütigen jemals bewältigen, von denen sie im Verlauf ihrer Streitigkeiten über die Frage erzählen, ob sie den Peiniger nun umbringen sollen oder nicht? Wie eine neue Existenz aufbauen, wo sie sich doch wie lebende Tote fühlen? Kann es je eine Therapie geben, eine reinigende Konfrontation? Der Regisseur gibt darauf keine erlösende Antwort. Er zeigt unterschiedliche Bewältigungsversuche. Jede seiner Figuren geht anders mit dem Trauma der Folter um.
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Der iranische Meisterregisseur, der sowohl die Goldene Palme (für <em>Ein einfacher Unfall</em>) wie den Goldenen Bären (2015 für <em>Taxi Teheran</em>) und den Goldenen Löwen (2000 für <em>Der Kreis</em>) gewonnen hat, weiss, wovon er spricht. Er sass wegen der erfrischenden Realitätsnähe seiner Filme mehrfach in den Gefängnissen der Mullah-Diktatur, zuletzt sieben Monate im berüchtigten Teheraner Evin-Knast, aus dem er nach einem Hungerstreik frei kam.
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Was er damals erlebte und von seinen Mitgefangenen erfuhr, spiegelt sich in seinem neuen Film, getreu Panahis Motto, dass alle wichtigen persönlichen Erlebnisse irgendwann Eingang in seine Kunst finden. Er könne einfach keine anderen Filme machen, sagt er in Interviews. Und er könne auch seine Heimat nicht verlassen. Das verleiht seinem jüngsten Film eine staunenswerte Zivilcourage. Anfang Dezember wurde er erneut zu einem Jahr Haft verurteilt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

<h3>Heimlich gedreht</h3>

<em>Ein einfacher Unfall</em>, der heimlich in Teheran gedreht wurde, erzählt nur auf den ersten Blick eine einfache Geschichte. Seine Raffinesse besteht einerseits in einem wendungsreichen Drehbuch mit vielen Überraschungen und einigen besonders gelungenen Seitenhieben gegen die grassierende Korruption im Iran.
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Die andere grosse Stärke liegt in der Authentizität der Charaktere. Obwohl die filmischen Figuren jeweils unterschiedliche Fraktionen der iranischen Oppositionsbewegung repräsentieren, sind sie alles andere als Ideologien auf zwei Beinen. Der Film zeigt sie als komplexe Charaktere mit vielen verschiedenen Facetten. Nur so erklärt sich zum Beispiel das lange, zärtliche Telefonat Vahids mit seiner Mutter, das zunächst gar nichts zur Handlung beizutragen scheint, aber einen starken Kontrapunkt zu dessen späterem Gewaltausbruch setzt.
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Sogar dem mutmasslichen Peiniger widmet das Drama lange Szenen, die ihn als freundlichen Familienvater und sensiblen Menschen zeigen. Das ist das, was sämtliche Filme Panahis auszeichnet: ein berührendes Interesse an den ganz normalen, mit sanfter Selbstironie betrachteten Widersprüchen des Menschlichen.
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Nur, dass es dieses Mal angesichts der finstersten Verbrechen gegen die Humanität ein noch grösseres Gewicht bekommt. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, sondern Verbeugung vor der iranischen Frauenbewegung, dass Maryam Afshari, die Darstellerin der Shiva gegen Ende hin zu grosser Form aufläuft und für die vielleicht überraschendste Wendung des Films sorgt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 04 Apr 2026 08:15:44 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ein-einfacher-unfall-009500.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Marty Supreme]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/marty-supreme-009495.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Unter der Prämisse einer fiktionalisierten Sportbiografie ist Marty Supreme ein bildgewaltiges Period-Piece und gleichzeitig eine intime Charakterstudie.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/CompleteUnknImax140125_w.webp><p><small>Der US-amerikanisch-französische Schauspieler Timothée Chalamet (hier im Januar 2025) spielt in dem Film die Rolle des Tischtennisspielers Marty Mauser.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CompleteUnknImax140125_(15_of_32).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Raph_PH</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Timothée Chalamet vereint als Marty Mauser Talent, Arroganz und Egoismus mit dem Optimismus und der Hybris des New Yorks der 50er Jahre. Trotz seiner fraglichen Charaktereigenschaften fesselt Mausers Charme ebenso wie Chalamets Schauspiel. Rasantes Erzähltempo, pointierter Humor und ein exzellentes Ensemble machen Marty Supreme bereits jetzt zu einem der besten Filme 2026.
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Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist der junge Protégé des amerikanischen Tischtennissports. Während diese Disziplin in Asien längst als Breitensport grossen Anklang findet, liegt Amerika weit hinter den Vorreiternationen wie Grossbritannien und Japan zurück. Mauser sieht sich berufen, das zu ändern, und sein Talent gibt ihm Recht. Für Sponsoren oder das grosse Geld wird Tischtennis jedoch bisher nicht ernst genug genommen. So muss Mauser abseits von Nebenjobs auch immer wieder zu Tricks und Betrügereien greifen, um seine Reisen zu Turnieren zu finanzieren. Sein rücksichtsloser Egoismus bringt ihn dabei in zunehmend prekäre Lagen.

<h3>Battle of Brothers</h3>

Nachdem beide zuletzt bei Der schwarze Diamant im Jahr 2019 gemeinsam Regie führten, trennten sich die Safdie-Brüder beruflich und versuchen sich an Soloprojekten. Ironischerweise dreht sich sowohl Bennie Safdies Projekt The Smashing Machine als auch Joshs Marty Supreme um die Leben zweier fast vergessener Helden ihrer respektiven Sportarten, UFC und Tischtennis. Während The Smashing Machine einer klassischen Biografie entspricht, wählt Josh Safdie einen mutigeren Ansatz und basiert seinen Protagonisten Marty Mauser lediglich lose auf der Person des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman.

<h3>American Supremacy?</h3>

Marty Mauser ist damals wie heute die Personifikation US-amerikanischer Selbstwahrnehmung auf der globalen Bühne. Arrogant, narzisstisch, rücksichtslos – einmal mehr sitzt die Welt court-side, wartend auf den Aufstieg oder Fall des Ikarus. Im Fall von Marty Supreme ist die Fallhöhe für Zuschauende zwar gering, für Mauser selbst könnte sie jedoch kaum grösser sein. Marty Supreme etabliert gleich zu Beginn, dass die Allüren des Tischtennisprotégé ihn in zunehmend aussichtslosere Situationen bringen. Der Gewinn der Tischtennis-Weltmeisterschaft scheint der letzte Weg, sich den Konsequenzen seiner Taten erneut zu entziehen. Während Talent im Überfluss vorhanden ist, mangelt es vor allem an Geld, um den weiten Weg nach Japan auf sich zu nehmen.
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Abseits seiner Fähigkeiten zeichnet sich der ambivalente Charakter Marty Mausers vor allem durch negative Eigenschaften gepaart mit unbedingtem Siegeswillen aus. In einer Welt, die gegen ihn zu sein scheint, müsse es ihm erlaubt sein, seinen Platz einzufordern und zu erkämpfen, koste es, was es wolle. Selbst legitimiert durch Gabe und Willen jagt Mauser sein flüchtiges Ziel. Während ihm zunehmend der Boden unter den Füssen wegbricht, manifestiert und idealisiert er den Sieg in Japan als einziges sinnstiftendes Element seines Lebens und wird dadurch blind gegenüber seinem Umfeld. Abseits der Tischtennisplatte ist Marty Supreme nicht nur der Einblick in die fast wahnhafte Psyche eines jungen Profisportlers, sondern gleichzeitig eine Liebeserklärung an das New York der 50er Jahre.

<h3>Figuren im Flair der 50er</h3>

Eine der vielen Stärken von Marty Supreme liegt in Safdies Charakterzeichnung. Jede Figur rund um Marty bekommt genug Raum, um eine eigene Identität zu entwickeln. Über Tischtennis-Hustler, Geschäftsleute, Freunde und Gangster sind es die Nebencharaktere, die ein authentisches Bild eines New Yorks der Nachkriegszeit zeichnen. Der Zeitgeist der 50er Jahre mit wirtschaftlichem Aufschwung und generellem Optimismus findet sich parallel dazu prominent im Wesen des Protagonisten wieder. Marty Supreme ist fast ausschliesslich figurengetrieben. Die Handlung des Films ergibt sich aus den Konflikten zwischen den Figuren; frei nach dem Motto „Show, don't tell“ ist die Exposition subtextuell und demnach organisch eingeflochten. Im Mittelteil des Films gibt es jedoch einzelne repetitive Handlungselemente, die kaum mehr zur Etablierung von Martys Persönlichkeit beitragen. Dank des ansonsten rasanten Erzähltempos und des pointierten, sehr bissigen Humors des Films ist Marty Supreme trotz einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden aber durchgehend kurzweilig.

<h3>Absichtlich Anachrom</h3>

Für seine ikarische, fiktionalisierte Biografie bricht Josh Safdie mit seiner Präferenz für ein kontemporäres Setting. Marty Supreme ist gleichermassen eine Liebeserklärung an das New York der 50er Jahre wie eine Charakterstudie. Die inhärente Ambivalenz Marty Mausers findet sich in Safdies inszenatorischen Entscheidungen wieder. Die Filmmusik besteht hauptsächlich aus Liedern der 80er Jahre und bricht damit bewusst mit der zeitlichen Verortung der Handlung. Ein weiterer Anachronismus, in dem Marty Supreme bewusst mit vergleichbaren Period-Pieces bricht, ist Daniel Lopatins moderne, schnelle Kameraarbeit, gestützt durch sehr dynamischen Schnitt.
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Timothée Chalamet ist Marty Mauser. Passend zu seiner Hybris auf der Jagd nach seinem ersten Oscar liefert er als titelgebender Protagonist eine schauspielerische Ausnahmeleistung. Trotz des moralisch ambivalenten Charakters des Protagonisten ist es Chalamets Charme, der Zuschauern mühelos eine widerwillige Sympathie abgewinnt. Darüber hinaus brilliert der Rest des Ensembles. Neben Gwyneth Paltrow sind es vor allem Kevin O'Leary, Tyler The Creator und Abel Ferrara, die ohne schauspielerische Ausbildung exzellent spielen und dem Handlungsrahmen die nötige Authentizität einhauchen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 25 Mar 2026 08:55:50 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Talk Radio]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/talk-radio-009496.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Talk Radio“ ist ein viel zu wenig beachteter Film aus dem Werk Oliver Stones, der seinen berechtigten und gleichberechtigten Platz hat etwa neben „Nixon“ oder „J.F.K.“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Leslie_Hope_at_Comic-Con_2011_w.webp><p><small>Die kanadische Schauspielerin Leslie Hope auf der San Diego Comic-Con International 2011.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leslie_Hope_at_Comic-Con_2011.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Keith McDuffee</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Am 18. Juni 1984 wurde der Moderator eines Senders in Denver, Alan Berg, ermordet. Berg erzählte denjenigen, die in seiner Sendung anriefen, genau das, was er von ihnen dachte, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen oder seine Worte sensibel zu verpacken. Einige, denen das nicht gefallen hatte, töteten ihn. Berg meinte auf die Frage, warum er seinen Anrufern im Radio so hart und unbarmherzig gegenübertrete: Sie wollten das doch genauso, warum würden sie sonst anrufen und mir das alles erzählen, wenn sie dann meine Wahrheit über sie nicht hören wollten. Stephen Singular dokumentierte diesen Fall in seinem Buch „Talked to Death: The Life and Murder of Alan Berg“. Oliver Stone nahm die Geschichte zur Grundlage seines Films.
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Der Sender KGAB in Houston strahlt jede Nacht die Sendung „Night Talk“ aus. Moderator ist Barry Champlain (Eric Bogosian), der nicht nur über das, was ihm anrufende Hörer erzählen, offen sagt, was er denkt. In „Night Talk“ gibt es auch keine verwöhnten Hörer, die nett behandelt werden, sondern nur solche, die von Champlain gnadenlos in Grund und Boden gestampft werden. Auch diejenigen, die antisemitische oder rassistische Beschimpfungen, Obszönitäten oder ähnliches äussern, nimmt sich Champlain skrupellos zur Brust. Er scheint keine Grenzen zu kennen.
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Die Sendung ist für KGAB ein Renner. Unterstützt von seiner Produzentin Laura (Leslie Hope) und Studioleiter Dan (Alec Baldwin) hat Champlain freie Hand. Dietz von der Unternehmensführung (John Pankow) will die Sendung auf ganz Texas ausdehnen und fordert deshalb, dass sich Champlain in seiner Vehemenz gegenüber den anrufenden Hörern etwas zurücknimmt. Doch der lässt keine Kompromisse zu: Entweder er kann so weiter machen wie bisher oder es gibt keine Ausdehnung auf den Bundesstaat. Die meisten Hörer rufen gerade deshalb immer wieder an, wollen, dass Champlain ihnen die Meinung sagt, sie unterbricht usw.
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Allerdings gibt es auch einige andere, die Drohbriefe schreiben, Morddrohungen aussprechen – und schliesslich bekommt Champlain ein Päckchen, das nach Aussage eines Anrufers, der offenbar der rechten Szene angehört, eine Bombe enthalten soll. In aller Ruhe packt Champlain das Päckchen aus. Während alle anderen befürchten, es könne explodieren, findet Champlain eine in eine Hakenkreuzfahne eingewickelte tote Ratte. Als ihn ein anderer Anrufer beschimpft und bedroht, giftet ihn Champlain an und fordert ihn auf, doch ins Studio zu kommen. Er scheint kein Risiko zu scheuen, um seine Art von „Night Talk“ aufrechtzuerhalten ...
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Mehr zum Inhalt des Films zu schreiben, wäre zu viel.
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Oliver Stone ist als Regisseur bekannt für ganz offen vorgetragene Verschwörungstheorien („Nixon“, 1995; „J.F.K. – Tatort Dallas“, 1991) sowie für eine besondere Art von plakativer Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse, Probleme und Konflikte. Stone ist auf eine spezifische Weise: direkt und dabei ehrlich, was seine Absichten betrifft, die er mit seinen Filmen verfolgt. Für „Talk Radio“ gilt nichts anderes. Auch wenn sich die Filmfigur des Barry Champlain von der realen Person des ermordeten Alan Berg in Biografie und Charakter unterscheidet, hält Stone mit der zentralen Figur des Films seinen Finger in etliche offene Wunden, die am Fall Berg zutage getreten waren.
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Was geschieht hier eigentlich? Champlain wird als ein Mensch gezeigt, der unablässig redet, zu keinerlei Kompromissen bereit ist, lebensunlustig wirkt, alles andere als Ruhe ausstrahlt, selbstzerstörerische, ja suizidale Tendenzen an den Tag legt (etwa wenn er das Päckchen direkt vor dem Mikrophon auspackt). Er provoziert ohne Grenze in einer Mischung aus Sarkasmus und Aggressivität. Sein eigenes Leben scheint ihm egal. Wer in „Night Talk“ anruft oder der Sendung zuhört, riskiert Entblössung in extenso. Vor Champlain stehen alle „nackt“ da; niemand, der sich ihm aussetzt, kann entkommen.
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Champlain ist die Nahtstelle zwischen äusserem Erscheinungsbild und dahinter liegenden menschlichen Schwächen aller Art, die Schaltstelle zwischen Schein und Wirklichkeit, die Schnittstelle zur gnadenlosen Offenbarung. Wenn er redet, wenn seine Sendung beginnt, gibt es keinen Halt. Doch was sich in dieser Zeit tatsächlich abspielt, geht weit darüber hinaus. Wir befinden uns im Radio. Und Stones Film ist insofern auch eine gnadenlose Kritik an Medien, allerdings nicht in einer vulgären und bei so manchem sehr beliebten Form von Medienkritik, in der einseitig „den Medien“ die Verantwortung für dies und das gegeben wird. Champlain hätte keine Chance, wenn „da draussen“ nicht ein starkes Bedürfnis erstens nach Prostitution, nach Zurschaustellung, zweitens nach Voyeurismus und drittens eben auch nach Verdunkeln, Verstecken, Verheimlichen, Verbergen existieren würde. In diesem Sinne sind die Medien tatsächlich „nur“ Mittler dieser Bedürfnisse, aber eben organisierte und organisierende Mittler, die in dieser Funktion nicht gerade wenig Geld verdienen.
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Die Medien sind noch mehr, in gewisser Weise sogar etwas anderes: Der Film spielt zu weiten Teilen im Studio, in beengten Räumen, in einem beengten Raum. Dieser Raum ist weniger eine geographische, physische oder bauliche Angelegenheit, viel mehr der innere psychische Raum eines jeden Anrufers oder Zuhörers. Was sich in der Sendung abspielt, spielt sich im Kopf der Beteiligten ab, in ihrer Psyche, deren Möglichkeiten bis zum Äussersten ausgelotet, ausgereizt werden. Die Frage nach Freiwilligkeit oder Zwang scheint sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu stellen. Die einzige Frage, die noch offen bleibt, scheint die: Wie lange kann man das aushalten, ohne zu platzen, zu zerbersten, zu zerspringen, zusammenzubrechen? Klaustrophobie breitet sich aus.
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Der Mord scheint – nicht nur für die, die Champlain töten wollen, sondern für die gesamte Situation – der einzig befreiende Akt, um der Angst vor dem Zerbersten zu entgehen. Danach wäre es vorbei, alles entspannt sich, fliesst wieder, es kehrt Ruhe ein – als wenn auf einen schwülen, unerträglichen Tag ein Gewitter folgt, das wohltuende Abkühlung bringt. Aber auch das ist nur Schein, ebenso wie die Offenlegung innerster seelischer Konflikte oder die Verdammung rassistischer Meinungen und Meinungsmacher. Der Mord ist nur konsequent in der inneren Logik des offenbarten Systems von Voyeurismus, Zurschaustellung und Verdunklung – drei Methoden, um der Lösung von Konflikten aus dem Weg zu gehen, sich an dem Leid anderer zu ergötzen, weil man sein eigenes Leid verdrängt, oder Konflikte am Kochen zu halten.
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In der Darstellung dieses (medienmässig vermittelten) Systems ist Oliver Stone in gewisser Weise skrupellos ehrlich. Seine Enthüllung unterscheidet sich von anderen genau durch diese Ehrlichkeit, durch die Verlässlichkeit, mit der er sein Publikum in die Geschichte verwickelt.
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Eric Bogosian spielt nicht nur die zentrale Figur dieses Films; er ragt über alle anderen hinaus. In „Talk Radio“ ist dies wie selten sonst durch die Dramaturgie und die Geschichte vorgegeben. Alle anderen scheinen nur in seinem Sinne zu funktionieren, mediatisiert zu Marionetten eines skrupellosen Systems, das sie sich – in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen Anteilen – doch nur selbst auferlegt haben.
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„Talk Radio“ ist für mich ein viel zu wenig beachteter Film aus dem Werk Oliver Stones, der seinen berechtigten und gleichberechtigten Platz hat etwa neben „Nixon“ oder „J.F.K.“. In diesem Film ist es nicht so sehr die Verschwörungstheorie, sondern viel mehr das innere, heimliche, unausgesprochene Übereinkommen zwischen Medienmachern, Hörerschaft und Anrufern, ihre Angelegenheiten auf die beschriebene Art und Weise zu regeln, weil sie es anders nicht können.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Mar 2026 08:46:34 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Ari – Das Leben passiert nur einmal]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ari-das-leben-passiert-nur-einmal-007993.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ari – Das Leben passiert nur einmal“ begleitet einen jungen Mann, der seine Arbeit als angehender Lehrer wegwirft und nun nach einem Ersatz sucht.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Leonor_Serraille_-_IFFR_2023_w.webp><p><small>Die französische Filmregisseurin Léonor Serraille beim 52. Internationalen Filmfestival in Rotterdam, 3. Februar 2023.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L%C3%A9onor_Serraille_-_IFFR_2023.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Vera de Kok</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das ruhig erzählte Drama mag keine grossen Erkenntnisse mit sich bringen und selbst ziellos sein, ist aber einfühlsam und gut beobachtet.
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Eigentlich war Ari (Andranic Manet) auf dem besten Weg, Lehrer zu werden. Doch während einer Prüfung wird dem Referendar alles zu viel und er bricht in sich zusammen. Zwar wird er krankgeschrieben und könnte die Prüfung wiederholen. Ari wurde dadurch aber bewusst, dass ihm das zu viel ist und er diese Arbeit nicht machen kann, weshalb er alles abbricht. Als wäre das nicht schon schlimm genug, wirft ihn sein entnervter Vater (Pascal Rénéric) daraufhin aus der Wohnung und verschärft die Krise damit noch. Auf der Suche nach einer Bleibe, klappert der 27-Jährige daraufhin frühere Freunde und Freundinnen ab und landet unter anderem bei Jonas (Théo Delezenne) und Clara (Eva Lallier Juan). Dabei muss er nicht nur nach einem Weg in die Zukunft suchen. Er muss sich zudem mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, vor der er sich lange gedrückt hat …

<h3>Zwischen Vergangenheit und Zukunft</h3>

Es ist ein in Filmen immer wieder beliebtes Szenario: Die Hauptfigur wird durch einen Vorfall aus der Bahn geworfen und muss sich dabei mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Oft geht das mit einer Rückkehr in die alte Heimat einher. Bei <em>Nur für einen Tag</em> musste kürzlich etwa eine angehende Gourmetköchin ihre in der Provinz lebenden Eltern unterstützen, wodurch sie ihrer alten Liebe wiederbegegnet. Oft sind es auch Todesfälle, die einen dazu zwingen, unverarbeitete Themen und alte Wunden anzugehen. Ganz so fatal wird es bei <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal </em>nicht, wenn es dort „nur“ um den Verlust der Arbeit und der damit verbundenen Perspektive geht. Doch auch das kann ein Anlass sein für eine Nabelschau, wie das französische Drama beweist.
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Regisseurin und Drehbuchautorin Léonor Serraille (<em>Bonjour Paris</em>) beschränkt sich dabei nicht auf den Protagonisten. Tatsächlich stellt sich heraus, dass irgendwie alle der Figuren mit Ende zwanzig nicht ganz da sind, wo sie sein wollen, oft aber auch nicht sagen können, wie es denn sein sollte. <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> erzählt davon, wie es ist, ein wenig durch das Leben zu stolpern, schon irgendwie weiterzumachen, ohne aber wirklich ein Ziel zu erreichen. Das zeigt sich gerade am Beispiel Jonas, der in einem luxuriösen Haus lebt, verheiratet ist und ein Kind hat, zudem selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Nur geht vieles darauf zurück, dass sein Vater Geld hat, wirklich geschafft hat er nichts, was in einer besonders hässlichen Szene klar wird. Zwar sollen die beiden Männer Freunde sein. Wirklich klar ist aber nicht, warum das der Fall sein sollte.

<h3>Eine nur intuitive Perspektive</h3>

Diese harte Konfrontation ist eine der wenigen Szenen, in denen der Ton schriller wird und Serraille wirklich wehtun will. Ansonsten ist das französische Drama recht ruhig und mäandernd, wenn sich der Protagonist treiben lässt und immer nur für den Moment lebt. Das Generationenporträt gibt selbst auch keine Richtung vor, sagt nicht, worin der Sinn des Lebens besteht. Für manche könnte <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> deshalb unbefriedigend sein, zumal die Figuren etwas anstrengend sind. Wenn es zum Ende hin dann doch positiver und hoffnungsvoller wird, dann ohne eine schlüssige Begründung zu geben. Das läuft eher intuitiver und unbewusster ab, nicht auf einer intellektuellen Ebene.
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Das mag dann zwar nicht wirklich mit einer Aussage verbunden sein, die Diskussionsanstösse sind ein bisschen dünn. Und doch ist das Ergebnis sehenswert. Der Film, der 2025 im Wettbewerb der Berlinale seine Weltpremiere feierte, ist auf der einen Seite das Porträt einer Generation, die nicht weiss, was sie mit sich anfangen soll. Gleichzeitig hat <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> aber auch zeitlose Themen, wenn es etwa um Erwartungshaltungen geht, um den Druck, den wir ausgesetzt sind, wenn wir beruflich zu etwas kommen wollen. Wo aber etwa <em>Jetzt oder gleich</em> diesen Themenbereich mit spöttischem Humor begleitet, da geht Serraille mit viel Einfühlungsvermögen zur Sache. Sie mag etwas älter sein als die Menschen, von denen sie erzählt, vermittelt dabei dennoch das Gefühl, dass ihre beobachtende Kamera – und damit das Publikum – Teil dieser Sinnsuche ist.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/10/ari-das-leben-passiert-nur-einmal-tv-fernsehen-arte/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 28 Feb 2026 09:55:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Berlinale: Internationale Filmfestspiele Berlin]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/berlinale-internationale-filmfestspiele-berlin-009567.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ach ja, Gaza. Wer lässt sich deshalb schon gern die Stimmung verderben?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Namal_and_Tansu_Bicer_w.webp><p><small>Die Crew von “Gelbe Briefe (Yellow Letters)” auf dem roten Teppich an der Berlinale 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ayda_Arbatli,_Ilker_%C3%87atak,_Yusuf_Hasan_Akg%C3%BCn,_%C3%96zg%C3%BC_Namal_and_Tansu_Bicer.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elena Ternovaja</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Klar – auch ein ganz kurzer Filmblick auf Gaza schlägt auf den Magen, genauso wie die Blicke nach Kiew oder Kuba oder den vielen anderen Elendsorten weltweit. Es ist unangenehm, dass wir etwas damit zu tun haben - als Kunstschaffende, als Staat, als Publikum.
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Ein Filmfestival ist keine Reha-Klinik für empfindsame Seelen. Früher galt die Berlinale als politischstes Festival der Welt: Da wurde gestritten, da durfte es krachen. Heute reicht ein Hüsteln, und die erste Reihe sucht nach dem Notausgang. Haltung ja – aber nur in homöopathischen Dosen. Alle tun so, als sei eine provokante Rede bereits ein Angriff auf die Demokratie. Nein. Sie ist Demokratie.
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Kritische und natürlich politische Kultur, freie Rede, den anderen auf die Füsse treten, Widerspruch riskieren, provozieren: Nach den Aufregungen der letzten Tage dachte ich, ich bin im falschen Film. Leute!!!!
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Wr sind doch hier nicht im Autokino von Donald Trump oder Wladimir Moskwitsch! Ich erinnere nur zu ungern an die Zeit vor 100 Jahren in Berlin und drumrum: Da hat noch m Januar, Februar, März 33 fast alles, was Rang und Namen hatte und zur kulturnahen politischen Hautevolee gehörte, fleissig gekifft und gesext, Wohnungen, Weiber und Männer getauscht und den doofen Döskopp Hitler "Adolf den Bekloppten" genannt. Ja, s' is scho reacht: Nicht alle. Es ging ja nur um Juden oder Kommunisten oder beide – viele der Grossgläubigen glaubten, dass sie auch im Nazireich grosser Stars bleiben oder werden könnten.
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Als SA und SS die Hochschulen und Theater, die Ateliers und Kino und Nachtclubs stürmten, waren daheim nicht mal die Koffer gepackt, geschweige denn Fahrkarten gekauft. Oft gelang die Flucht nur in allerletzter Minute - aber längst nicht allen. Auf den Strassen kloppten sich Kommunisten mit Sozialdemokraten - und hatten keine Chance gegen die braunen Gangs.
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Wortmeldungen? Skandale? Heftige Debatten, Aufregung, Widerspruch? Bitte mehr davon, aber Dalli-Dalli!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 10:38:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Die Linie]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/die-linie-film-009446.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine Frau schlägt ihre Mutter ins Krankenhaus und darf sich daraufhin nur noch auf 100 Metern nähern. „Die Linie“ schildert eine dysfunktionale Familie, die aus lauter Leuten besteht, die sehr ähnlich und doch grundverschieden sind.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Ursula_Meier_at_Berlinale_2022_w.webp><p><small>Eimskip-Containerterminal im Hafen von Reykjavík.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Ursula_Meier_at_Berlinale_2022.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elena Ternovaja</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Das ist spannend, die Dynamik innerhalb der Figuren führt zu ständigen Wechseln. Es ist auch versöhnlich, ohne sich dabei auf Kitsch auszuruhen.
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Die 35-jährige Margaret (Stéphanie Blanchoud) ist jemand, der schon einmal kräftig zuschlägt, wenn ihr etwas nicht passt. Und das kommt häufiger vor, ihr Körper ist gezeichnet von den Ausbrüchen ihrer Gewalttätigkeit. Als eines Tages ein Streit mit ihrer Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) eskaliert, kommt es zur Katastrophe: Letztere wird so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus muss. Zudem verliert sie auf einem Ohr ihr Gehör, was für die ehemalige Konzertpianistin, die ihr Leben der Musik gewidmet hat, die Höchststrafe ist.
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In Folge erwirkt sie ein Kontaktverbot, ihre Tochter darf nicht mehr mit ihr sprechen und sich ihr auch nicht mehr als 100 Meter nähern. Während Margaret versucht, in der Zwischenzeit ihr Leben wieder unter Kontrolle zu bringen, stehen ihre jüngeren Schwestern Louise (India Hair) und Marion (Elli Spagnolo) zwischen den Fronten, worunter vor allem Letztere schwer leidet …

<h3>Starke Rückkehr und eine kaputte Familie</h3>

Lange musste man sich gedulden, bis ein neuer Film von Ursula Meier herauskam. Sicher, untätig war die französisch-schweizerische Regisseurinnen nicht in den letzten Jahren. Sie drehte einen Dokumentarfilm, zwei Kurzfilme, auch bei der Serie Schockwellen war sie beteiligt. Ihr letzter Spielfilm liegt jedoch viele Jahre zurück, seit Winterdieb (2012) gab es nichts Neues mehr. Umso grösser war die Freude, als sie sich zehn Jahre später mit <em>Die Linie</em> zurückmeldete.
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Umso mehr, da sich die lange Wartezeit gelohnt hat. Das Porträt einer dysfunktionalen Familie steht dem besagten sehr guten Drama um einen stehlenden Jugendlichen in nichts nach. Tatsächlich gehört es zu den Höhepunkten des aktuellen Kinojahrs, obwohl – oder weil – es dem Publikum die Sache nicht einfach macht. Das fängt schon damit an, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen hier mitten in den Streit hineingeworfen werden, ohne zu wissen, wer diese Leute eigentlich sind und was genau da vorgefallen ist.
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Erst nach und nach verrät Meier, die zusammen mit Hauptdarstellerin Stéphanie Blanchoud und Antoine Jaccoud das Drehbuch geschrieben hat, Hintergründe und gibt Kontexte. Der Streit an sich spielt dabei aber auch gar nicht die grosse Rolle, selbst wenn er natürlich heftige Folgen hatte. Vielmehr ist er der Anlass, um in <em>Die Linie</em> die Familie zu sezieren. Genauer sind es die Frauen, die Meier interessieren. Männliche Figuren gibt es zwar. Aber selbst die beiden einzigen, die wirklich häufiger auftreten, sind nur Nebenrollen, die sich auch gar nicht wirklich durch ihren jeweiligen Charakter hervortun, sondern die Funktion, die sie im Leben der Frauen einnehmen. Julian, verkörpert von dem bekannten französischen Sänger Benjamin Biolay (France), hilft Margaret, den Weg zurück zur Musik zu finden. Dali Benssalah (Athena) wiederum spielt Hervé, den neuen Mann an Christinas Seite und offensichtliche Trophäe der in eine Krise geratenen Musikerin.

<h3>Komplexes Porträt einer toxischen Gemeinschaft</h3>

Die weiblichen Figuren sind dafür umso vielschichtiger. Wo am Anfang nur die pure Gewalt von Margaret gezeigt wird, kristallisiert sich mit der Zeit heraus, wie toxisch das Familienleben mit der selbstbezogenen Mutter aussieht. Damit wird das Verhalten der Tochter nicht entschuldigt. Es wird genau genommen nicht einmal ganz erklärt, weil die beiden anderen Schwestern, auch wenn sie unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, doch recht unterschiedlich geworden sind.
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Während sich Louise ganz auf ihr kommendes Familienleben konzentriert und ansonsten keine grösseren Pläne verfolgt, hat Marion die Liebe zur Musik geerbt. Sie ist aber im Gegensatz zu ihrer Mutter und der älteren Schwester kein konfrontativer Mensch. Vielmehr ist sie in <em>Die Linie</em> diejenige, die versucht, die einzelnen Fraktionen noch zusammenzuhalten und für Harmonie zu sorgen. Auffällig ist bei ihr zudem der starke Glauben, an dem sie mit der Unbeirrbarkeit einer Märtyrerin festhält.
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Dass diese Leute nicht so ganz zusammenpassen, ist klar. Aber darin besteht eben auch die Spannung. Das Drama, welches 2022 im Wettbewerb der Berlinale feierte, lebt von der Dynamik der einzelnen Protagonistinnen. Das schwankt zwischen Kriegszustand und vorsichtiger Annäherung. Es kombiniert auch Tragik und Schock mit einer gelegentlichen Komik. Gerade Valeria Bruni Tedeschi, die völlig in ihrer Rolle der egozentrischen Mutter aufgeht, legt ihre Figur immer mal wieder komisch überzogen an. Allgemein ist das Ensemble hervorragend, das Zusammenspiel funktioniert sehr gut.
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Man sieht gebannt zu, wie sie sich gegenseitig belauern, mal angreifen, mal in den Arm nehmen, ohne dass man vorher immer wüsste, was als Nächstes geschieht. Damit verbunden sind versöhnliche Töne, ohne deshalb gleich zum Kitsch zu werden. Einfache Lösungen sind nicht unbedingt das Anliegen von Meier. Das wird nicht allen gefallen, aber wer gerne komplexe Familiengeschichten sieht, für den ist <em>Die Linie</em> ein Muss und wird zudem mit starken Bildern belohnt.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2023/05/die-linie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 08:53:23 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/die-linie-film-009446.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Rosen für den Staatsanwalt]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rosen-fuer-den-staatsanwalt-007569.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wolfgang Staudtes Film <em>Rosen für den Staatsanwalt</em> ist ein unverzerrtes Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft – nicht nur in Bezug auf das Hauptthema des Films.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Filmopnamen_Ciske_de_Rat_in_Cinetone_Studio_w.webp><p><small>Der deutsche Regisseur Wolfgang Staudte in Holland, 6. Juni 1955.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Filmopnamen_Ciske_de_Rat_in_Cinetone_Studio%27s,_Jan_Teulings_en_regisseur_Wolfg,_Bestanddeelnr_907-1746.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Daan Noske - Anefo</a> (PD)</small><p>Wissen Sie, wie ich mir die<br>
Gerechtigkeit jetzt vorstelle?<br>
Wie ein appetitliches, junges,<br>
besonders sauberes Mädchen.“<br>
Wieso das?“<br>
Weil sie so oft baden geht.“<br>
(Kleinschmidt zu seinem<br>
Verteidiger)
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Die Auseinandersetzung mit der jüngsten NS-Vergangenheit nach 1945 im kulturellen Bereich war bis in die späten 60er Jahre nicht gerade einfach. Der deutsche Nachkriegsfilm war beherrscht von sog. Heimatfilmen, in denen es praktisch keine Vergangenheit und keine Zukunft gab, in denen die bis zum Exzess gesteigerte Idylle einer unwirklichen Welt ausgebreitet wurde; zum anderen von Wirtschaftswunder-Filmen, so eine Art Mutmacher-Streifen, in denen die Jahre 1933-45 ebenfalls ausgeblendet waren. Nur wenige Regisseure wagten sich an das, was man gemeinhin als Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit nannte.
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Zu ihnen gehörte v.a. Wolfgang Staudte. Seine bekanntesten Filme in dieser Hinsicht waren <em>Die Mörder sind unter uns</em> (1946), ein Film, der allerdings noch in der SBZ bei der DEFA gedreht wurde (mit Hildegard Knef in der Hauptrolle), <em>Der Untertan</em> (1951), ebenfalls ein DEFA-Film, in dem Staudte nach dem Roman von Heinrich Mann sozusagen die Vorgeschichte des NS verarbeitete (mit Werner Peters in der exzellent gespielten Rolle des Diederich Hessling), und eben <em>Rosen für den Staatsanwalt</em> (1959).
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Während des Krieges setzt sich Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held) vehement dafür ein, den Soldaten Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) wegen eines vermeintlichen Diebstahls von Schokolade (in Wirklichkeit hatte Rudi die Schokolade von niederländischen Schwarzhändlern gekauft) zum Tode zu verurteilen. Schramm bietet alle seine Fähigkeiten, die NS-Ideologie in den letzten Monaten des Krieges verbal zur höchsten Blüte zu entfalten, auf, um das Militärgericht zu zwingen, entsprechend zu urteilen.
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Wehrkraftzersetzung, Diebstahl als Ausdruck des Komplotts mit dem Feind und Verhinderung des Endsieges usw. Nur durch den glücklichen Umstand eines alliierten Fliegerangriffs kann Rudi kurz vor der geplanten Hinrichtung entfliehen – mit dem Todesurteil, das ihm nach der Detonation von Bomben entgegen flattert.
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Knapp 15 Jahre später. Schramm, der seine Vergangenheit als NS-Kriegsgerichtsrat vor den Alliierten und seinen Vorgesetzten verschweigen und sich als Gegner des NS darstellen konnte, ist nun Oberstaatsanwalt und angesehener Bürger seiner Stadt, verheiratet mit Hildegard (Camilla Spira), zwei Söhne, Werner (Roland Kaiser) aus Hildegards früherer Ehe und Manfred (Burkhard Obrigies). Doch in Wirklichkeit hat sich an seiner Gesinnung nicht viel geändert.
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Als ein Oberstudienrat einen Möbelhändler beleidigt und Schramm eigentlich Anklage erheben müsste, lässt er die Anklageschrift für einige Tage verschwinden und verhilft dem Beschuldigten so zur Flucht. Auch gegenüber seiner Familie kehrt Schramm immer wieder heraus, was im Leben wichtig sei: Vaterland, Ehre, Disziplin.
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Rudi Kleinschmidt schlägt sich als Strassenverkäufer durch. Er verkauft Spielkarten, Krawatten und was ihm so unter die Finger kommt. Eines Tages nehmen ihn zwei Fernfahrer (der Kabarettist Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller) mit in die Stadt, in der Schramm lebt. Und es kommt, wie es kommen muss: Schramm sieht Kleinschmidt auf der Strasse als Verkäufer. Er glaubt ihn zu kennen, weiss aber nicht mehr woher. Rudi hingegen erkennt Schramm sofort – behält sein Wissen aber für sich, auch gegenüber der Pensionswirtin Lissy (Ingrid van Bergen), die er nach Jahren wieder aufsucht, die er liebt, die jedoch von ihm nichts wissen will, weil sie ihn für einen Versager hält.
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Schramm hingegen ist nervös. Er ahnt, dass mit Kleinschmidt jemand in die Stadt gekommen ist, der ihm schaden könnte. Und schliesslich erinnert er sich, wer dieser Mann ist und versucht über die Polizei, Kleinschmidt aus der Stadt zu jagen. Man nimmt unter einem Vorwand Rudi die Karten weg, entzieht ihm den Gewerbeschein. Doch das alles nützt nichts. Obwohl Rudi zunächst die ganze Sache mit dem Todesurteil auf sich beruhen lassen wollte, wehrt er sich nun, als man ihm das bisschen Existenzgrundlage wegnehmen will, das er hat. Er schlägt eine Schaufensterscheibe ein und nimmt Schokolade von der Marke mit, wegen der er damals verurteilt wurde. Es kommt zum Prozess gegen Rudi ...
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Staudtes Film ist ein unverzerrtes Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft – nicht nur in Bezug auf das Hauptthema des Films. Aber was ist eigentlich dieses Hauptthema? Das Verschweigen, der Opportunismus, die Verleugnung der jüngsten Vergangenheit, Korruption, Intrige? Nun, von allem etwas. Und in diesem Etwas steckt viel an Realität jener Zeit.
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Wir treffen auf einen jener – von Martin Held, einem der wohl besten Charakterdarsteller nicht nur der 50er Jahre, in allen Facetten der Person des Oberstaatsanwalts glänzend gespielten – Überlebenden” der NS-Machtstrukturen, die es schafften, auch in der neuen Republik an geeigneter Stelle unterzukommen – wahrlich kein Einzelfall, denkt man an Globke, den Staatssekretär unter Adenauer, mit entsprechender Vergangenheit, Theodor Maunz, einen der bekanntesten Grundgesetz-Kommentatoren, oder den Staatsrechtler Carl Schmitt, der auch nach dem Krieg in höchsten Kreisen und bis heute Ansehen geniesst – trotz seiner Schriften wie u.a. "Der Führer spricht Recht", in dem er den Röhm-Putsch gerechtfertigt und die politischen Morde als höchste Form administrativer Justiz” bezeichnet hatte.
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Schramm – und das zeigt die Darstellung durch Martin Held grossartig – ist einer jener machtbesessenen, arroganten und elitär denkenden Egozentriker, die Begriffe wie "Vaterland, Ehre, Disziplin" immer dann im Munde führen, wenn es um das eigene Fortkommen, den eigenen Vorteil geht. Sie verklausulieren in solchen Begriffen das, was sie für sich persönlich wollen. Und es bereitet ihnen nicht nur Freude, über andere Macht auszuüben; sie sind in dieser Hinsicht geradezu sadistisch. Doch Schramm besitzt noch eine andere wichtige Eigenschaft: den Standesdünkel. Er und seinesgleichen wissen, dass all ihr Streben nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie es im elitären Kreis einer "streng hierarchischen Ordnung pflegen", d.h. wenn jene Gemeinschaft” von ihresgleichen bewahrt und geschützt wird, die einzig und allein ihren Allmachtsphantasien Aussicht auf Realisierung bietet.
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Gleichzeitig wird durch Helds Darstellung Schramms aber auch deutlich, wie klein, ja mickrig, ordinär, feige und kleinbürgerlich solche Menschen sind, betrachtet man sie aus nächster Nähe. Ohne den geringsten Einfluss, ohne Macht und Geld wäre Schramm ein elender Wicht.
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Staudte stellt Schramm einen Mann gegenüber, der als dessen genaues Gegenteil erscheint. Kleinschmidt gilt vielen als Versager, als einer, der es zu nichts gebracht hat. Auch seine frühere Geliebte Lissy denkt so über ihn – jedenfalls anfänglich. Rudi ist ein Ruheloser, einer ohne festen Wohnsitz und ohne Heimat. Er ist nirgendwo und überall zu Hause, nur laut, wenn er seine Krawatten anpreist, sonst aber ein stiller, fast in sich gekehrter Mann ohne Ehrgeiz, ohne Ambitionen. Er will nicht einmal das Unrecht, das ihm Schramm zugefügt hat, offenbaren. Das Urteil, das er ständig bei sich trägt, ist nur eine Erinnerung – eine Erinnerung für ihn, für einen wichtigen Teil seines Lebens. Rudi kennt keine Rachsucht. Er will nichts weiter, als sein Zeug verkaufen – und er will Lissy. Doch auch das nicht um jeden Preis. Er ist bereit zu gehen, als Lissy ihm deutlich macht, das sie ihn zwar gern wiedergesehen habe, seine Mentalität aber verachte.
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Und Lissy? Sie gehört zu jenen Millionen, die an das Wirtschaftswunder so fest glauben wie an die Notwendigkeit, die Vergangenheit zu verleugnen, zu vergessen oder zu verdrängen. Sie akzeptiert das "Oben" und "Unten", das System von "besseren" und schlechteren” Leuten. Sie will nur ein bisschen vom Kuchen ab haben – ihre Pension und Wirtschaft sollen laufen. Erst sehr spät erkennt sie, was in Rudi wirklich steckt. Erst spät erkennt Rudi, dass Leute wie Schramm und alle, die hinter ihm stehen, bereit und willens sind, ihm das bisschen Existenzgrundlage auch noch zu nehmen, das er hat. Erst jetzt ist er dazu entschlossen, das aufzudecken, was nicht nur ihn persönlich betrifft, sondern Millionen anderer auch.
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Staudte beschränkt sich jedoch nicht hierauf. Als Rudi den Stammtischbrüdern Kugler (Werner Peters), Bauunternehmer, Haase (Werner Finck) und Hessel (Ralf Wolter), einem Lebensmittelhändler, von dem Todesurteil erzählt, wird der ganze Opportunismus jener Jahre ruchbar. Während Hessel Frau Schramm weiter in devoter Haltung bedient, als wäre nichts geschehen, versucht Kugler Schramm mit seinem Wissen zu erpressen, um an Bauaufträge zu kommen. Und Haase? Der verfasst einen fünf Seiten langen Protestbrief, in dem er Schramm angreift – um ihn dann, statt in den Briefkasten zu werfen, zu zerreissen mit der Bemerkung:
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"Also man müsste sich überlegen,<br>
ob man nicht dem Getriebe der<br>
Welt mit philosophischer Gelassenheit<br>
und Verachtung gegenüberstehen<br>
sollte. ... Ich weiss nicht, ob man<br>
nicht lieber zu der grossen Zahl der<br>
Stillen im Lande gehören sollte."
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Kleinschmidt, der angebliche Versager, aber lässt es zum Prozess gegen sich kommen. Und es ist Schramm, der in seiner ganzen Nervosität und Angst vor dem gesellschaftlichen Fall in diesem Prozess den entscheidenden Fehler macht, der die Wahrheit ans Licht bringt. Kleinschmidt aber bewahrt etwas, was Schramm nie kannte und nie kennen wird: Wahrhaftigkeit und Treue zu sich selbst.
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Im übrigen sehen wir keinen etwa todernsten Film. Nein! Staudte gelingt es, besonders in der Darstellung Schramms durch Martin Held, aber auch in der Figur des Rudi Kleinschmidt durch Walter Giller immer wieder einen Sarkasmus zu zelebrieren, der dem Film insgesamt sehr gut tut. Dabei ist das Komische in der Figur des Oberstaatsanwalts zugleich das Tragische und Erbärmliche. Man kann über einen solchen Mann eigentlich“ nur lachen – obwohl man weiss, dass auch nur ein bisschen Macht solche Menschen zu Raubtieren werden lässt.
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Ein wichtiger Film, der neben anderem sicherlich auch einen Beitrag dazu leistete, in den 60er Jahren endlich die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein zu lassen, sondern sich ihr zu stellen. Darüber hinaus hat der Film in wichtigen  Punkten kaum an Aktualität verloren.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 10:49:02 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Manon]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/manon-film-009170.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Manon“ ist ein stark gespieltes und thematisch tiefgehendes Drama über die Lebensperspektiven nach dem Ende eines Weltkrieges.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Henri-Georges_and_Vera_Clouzot_1953_w.webp><p><small>Ankunft des französischen Regissuers Henri-Georges Clouzot und seiner Frau Véra am Hauptbahnhof von Den Haag, 18. November 1953.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri-Georges_and_Vera_Clouzot_1953.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">van Duinen / Anefo</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 cropped)</a></small><p>Henri-Georges Clouzots Film ist stellenweise sehr pessimistisch, doch Clouzot gelingt es, Wahrheiten darzustellen, die andere lieber verschweigen.
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Der französische Widerstandskämpfer Robert (Michel Auclair) verliebt sich in die junge Manon (Cécile Aubry), nachdem er sie von einem wütenden Mob in ihrem Dorf gerettet hat. Trotz der Anschuldigungen, Manon habe zu den feindlichen deutschen Soldaten Verbindungen gehabt, beschützt Robert sie. Die beiden werden ein Paar und reisen nach Ende des Krieges nach Paris, wo sie ihr gemeinsames Leben beginnen wollen.
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Das Startkapital erhoffen sie sich von Manons Bruder Leon (Serge Reggiani), der über viele Beziehungen zum Schwarzmarkt der Stadt verfügt und Robert bei der Suche nach einer Arbeit helfen soll. Zu Beginn scheint noch alles gut zu gehen für das junge Paar, doch Manons Unzufriedenheit und Lebensstil sowie Roberts Eifersucht führen schon bald zu ersten Konflikten. Die Armut macht den beiden zusätzlich zu schaffen und droht, einen Keil zwischen sie zu treiben. Als Robert dann auch noch die Wahrheit über die neue Arbeit seiner Frau erfährt, droht ihre Liebe ein für alle Mal zu zerbrechen.

<h3>Das Leben nach dem Krieg</h3>

Die meisten Filmkenner verbinden den Namen Henri-Georges Clouzot mit Die Teuflischen und Lohn der Angst, doch diese beiden stilbildenden Werke bilden lediglich zwei Höhepunkte der Karriere des Filmemachers. Sein vierter Film <em>Manon</em>, basierend auf Abbé Prévosts Novelle Manon Lescaut, zeigt bereits die moralischen Abgründe von Menschen, dieses Mal vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Zeit danach. Mag <em>Manon</em> auf den ersten Blick wie eine Liebesgeschichte oder ein Melodram erscheinen, so erzählt der Film doch sehr tiefgründig von der Sehnsucht zweier Menschen nach einer entbehrungsreichen und brutalen Zeit, etwas Glück zu finden. Während einer jedoch das Glück idealistisch interpretiert und in traditionellen Mustern denkt, strebt der andere nach materiellen Wohlbefinden und will vor allem die Entbehrungen der Vergangenheit vergessen.
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Bereits zu Beginn seines Films entwirft Clouzot das Bild einer zerfallenden Ordnung und der Möglichkeit eines Neubeginns. Um sie vor dem wütenden Mob in ihrem Dorf zu bewahren, schliesst Robert Manon in einer von den Gefechten bereits arg mitgenommenen Kirche ein. Sie wehrt sich gegen ihn, sieht aber auch ein, dass der Soldat ihr vielleicht ein neues Leben bieten kann, fernab von einer Gemeinschaft, die sie offenkundig nicht mehr akzeptiert. Wenn gegen Ende dieses Prologs die Kirche bei einem Fliegerangriff vollends zerstört wird, wird symbolisch die Zerstörung des Alten gezeigt – und damit die Notwendigkeit eines Neubeginns betont.
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Clouzot entwirft das Bild eines gesellschaftlichen wie auch politischen „tabula rasa“, in dem jeder nach einem neuen Leben strebt, doch das Trauma des Krieges noch lange nachhallt. Robert sehnt sich nach der „alten Zeit“ und dem Beziehungsmodell seiner Eltern – vergisst dabei jedoch, dass die Jahre des Mangels, der Gewalt und der Entbehrung tiefe Spuren bei Manon hinterlassen haben. Auch er ist gezeichnet, marschiert aber tapfer weiter, so wie im Finale des Filmes in der afrikanischen Wüste. Clouzot scheint die Frage zu stellen, ob eine klassische Liebesgeschichte unter dem Eindruck des Krieges und der Zeit danach noch möglich ist.

<h3>„Aber ich hasse es, arm zu sein“</h3>

In <em>Manon</em> geht es um Hoffnung und Glück, doch die düsteren Bilder des Filmes scheinen auf etwas Anderes zu verweisen. Die Rahmenhandlung des Filmes zeigt die Hauptfiguren als Flüchtlinge auf einem Schiff in Richtung Palästina, wo Manon und Robert noch einmal versuchen wollen, ihre Version vom gemeinsamen Glück zu realisieren. Cécile Aubry und Michel Auclair überzeugen dabei als zwei Figuren, die sich sehr lieben, aber letztlich nicht füreinander bestimmt sind. Die Kommentare des Kapitäns erscheinen wie ein Echo der Gedanken des Zuschauers, der erkennt, wie toxisch die Beziehung der beiden ist. Der eine will das Familienidyll in einem kleinen Dorf und endlich seinen persönlichen Frieden, doch dorthin will Manon auf keinen Fall mehr zurück, denn sie „hasst es, arm zu sein“.
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Wie bei den Figuren seiner anderen Filme zeigt uns Clouzot moralisch ambivalente Charaktere, deren Motive nachvollziehbar sind, deren Handlungen jedoch stark von Besitzdenken und Opportunismus geprägt sind. Die Träume, die Manon und Robert haben, sind schön, doch die bedeuten auch den Untergang.<p><em>Rouven Linnarz<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/07/manon/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 15:52:41 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Der Zufall möglicherweise]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/der-zufall-moeglicherweise-009233.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Der Zufall möglicherweise“ erzählt eine hochspannende Geschichte über die Rolle des Schicksals und der unterschiedlichen Lebensentscheidungen eines Menschen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Krzysztof_Kieslowsky_w.webp><p><small>Der polnische Filmregisseur Krzysztof Kieślowski, 1. Januar 1994.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alberto_Terrile.1994.Krzysztof_Kieslowsky.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Alberto Terrile</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Krzysztof Kieślowskis Film spielt zwar vor dem Hintergrund einer bestimmten politischen Ideologie, jedoch sind seine Bilder, seine Figuren und seine Themen universell. Neben der historisch-politischen Perspektive überzeugt vor allem die philosophische Dimension, die „Der Zufall möglicherweise“ zu einem auch heute noch hochaktuellen Film macht.
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Als sein Vater stirbt, gerät das Leben des Medizinstudenten Witek (Bogusław Linda) aus der Bahn. Besonders die letzten Worte des Vaters bleiben dem Sohn im Gedächtnis, der beschliesst, sich ein Freisemester zu nehmen und nach Warschau zu fahren. In letzter Minute gelingt es ihm, den bereits fahrenden Zug doch noch zu erreichen, wo er sogleich Bekanntschaft mit Werner (Tadeusz Łomnicki), einem Kommunisten, macht. die beiden Männer freunden sich an und Werner lädt den Studenten sogar ein, in seiner Wohnung zu bleiben, solange er in Warschau bleibt.
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Zudem macht er ihn mit einem Funktionär der kommunistischen Partei bekannt, der ihm Arbeit beschafft. Als Witek dann noch seiner Jugendliebe (Bogusława Pawelec) in die Arme läuft und die beiden ihre Beziehung von einst wieder aufleben lassen, sieht Witek seiner Zukunft positiv entgegen. Jedoch sind die politischen Ansichten der beiden zu verschieden und sorgen schon bald für erste Streitigkeiten.

<h3>Inneres und Äusseres</h3>

In Interviews und späteren Retrospektiven zu seinem Werk erklärte Regisseur Krzysztof Kieślowski, dass es in seinen Geschichten weniger um das „äussere Leben“ ging und vielmehr um das, „was unsere Identität prägt“. Obwohl dieses Zitat tendenziell auf viele seiner Filme übertragbar wäre, meinte der polnische Filmemacher insbesondere seinen 1981 entstandenen Der Zufall möglicherweise. In der kurzen Zeit, als das politische System Polen etwas liberaler gegenüber Künstlern war, konnte er den Film drehen, doch bereits ein Jahr später sollte wieder alles beim Alten sein.
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Der systemkritische Ton traf auf wenig Gegenliebe, sodass Der Zufall möglicherweise lange Zeit nicht veröffentlicht werden durfte, nur um dann viele Jahre später ein einer „verstümmelten“ Version in die Kinos zu kommen. Dank vieler Initiativen – unter anderem von Regisseur Martin Scorsese – konnte Kieślowskis ursprüngliche Fassung jedoch grösstenteils wiederhergestellt werden. Nur in dieser Fassung wird deutlich, wie scharfsinnig und empathisch Kieślowskis Blick auf den Menschen innerhalb eines politischen Systems ist und wie dieses seine Lebensentscheidungen beeinflusst.
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Wie in vielen Filmen Kieślowskis ist ein augenscheinlich banaler Moment der Auslöser für die Lebenswege des Protagonisten. Eigentlich erzählt Der Zufall möglicherweise drei Geschichten, die alle damit beginnen, dass Witek den Zug nach Warschau versucht zu erreichen, wobei Kieślowski jeden möglichen Ausgang darstellt sowie dessen Folgen. Es ist schon korrekt, dass ihm das Innere immer wichtiger war als das Äussere, aber dennoch beeinflussen natürlich die Politik oder die gesellschaftlichen Erwartungen das Individuum.
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Anders als später in <em>Die zwei Leben der Veronika</em> oder der Drei Farben-Trilogie ist der Fokus weitaus mehr auf dem Zusammenhang dieser beiden Aspekte, was Der Zufall möglicherweise zu einem sehr politischen Film macht. Witeks Lebenswege zeigen ihn als Parteimitglied, als Teil des Widerstandes und des Untergrunds sowie im letzten Teil als einen Privatmenschen, der sich vom Politischen versucht abzuwenden. In allen drei Varianten hat Witek eine Liebesbeziehung, doch auch hier mischt sich die äussere Welt gewaltsam ein, sorgt für plötzliche, emotionale Distanz zwischen den Liebenden oder trennt sie gar auf brutale Art und Weise.
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Kieślowski zeigt mehrerer solcher Entscheidungsmomente – im Leben des Protagonisten wie auch den Nebenfiguren – und betont ihren persönlichen Konflikt, der immer zwischen dem privaten Glück und einer Ideologie abwägen muss. Auch Inaktivität ist eine Option in dieser Welt, aber Kieślowski inszeniert genauso deren Konsequenzen, im positiven und negativen Sinne.

<h3>Drei Lebenswege, ein Urteil</h3>

Die drei Lebenswege stehen stellvertretend für einen weiteren inneren Konflikt zu der Zeit, auf die Kieślowski anspielt. Bogusław Linda als Witek ist ähnlich wie die Söhne in Franz Kafkas Erzählungen, beispielsweise in Das Urteil, einer der sich auf der einen Seite lossagen will von dieser Vaterfigur, aber auf dem die Worte und damit das vermeintliche Urteil des Vaters schwer lastet. Linda betont durch sein Spiel die Unsicherheit einer ganzen Generation sowie den Drang auszubrechen, der aber wegen politisch-sozialer Restriktionen sich niemals ganz ausleben kann. Sinnbildlich steht die Szene, in der Witek einem jungen Mann die Möglichkeit gibt, bei der Flucht vor dessen kontrollierenden Vater zu helfen. Trotz dieses Angebots kehrt der Mann schweigend zurück auf seinen Sitz im Abteil, neben dem auf ihn einredenden Vater.
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Abgeklärt urteilt Werner zu Witek, dass die Menschen heutzutage nicht mehr wegrennen wollen – oder vielleicht dies gar nicht mehr können. Der Zufall mag ein Ausweg aus diesem Dilemma sein, da er unkontrolliert in Erscheinung tritt und nicht manipuliert werden kann. Aber auch in diesen Momenten bleibt Kieślowskis vage und scheut sich vor raschen Antworten. Natürlich eröffnet der Zufall eine neue Chance, doch der Zweifel bleibt, ob auch dieser nicht Teil eines viel grösseren Zusammenhangs ist und damit alles andere als frei.<p><em>Rouven Linnarz<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/09/der-zufall-moeglicherweise/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sun, 08 Feb 2026 08:22:50 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Unruh]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/unruh-film-2022-009274.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Meinen Beitrag zum Film „Unruh“ (2022) des Regisseurs Cyril Schäublin begann ich mit einer Erinnerung an das Internationale Anti-Autoritäre Treffen in Saint Imier vor zwei Jahren.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/unruh_plakat_w.webp><p><small>Filmplakat.</small><p>Dort kamen verschiedenste Menschen zusammen, die sich auf Anarchismus beziehen. Diese schwarz-bunte Tradition setzt sich also fort. Denn im Jahr 1872 wurde dort die Anti-Autoritäre Internationale als organisatorischer Ausdruck des modernen europäischen Anarchismus gegründet. Michael Bakunin, James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel sind beispielsweise bekannte Figuren aus dieser sozialistischen Strömung.
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Der Film spielt im Jahr 1877 an eben jenem Ort, weil der Anarchismus insbesondere in der dort aufkommenden Uhren-Industrie stark war. Damals wie heute ist die Gegend ein Symbol dafür, wie sich das Grosse im Kleinen spiegelt und das Kleine im Grossen wiederzufinden ist. Die Schweiz war nicht nur ein Knotenpunkt für Handelsbeziehungen, sondern aufgrund ihrer republikanischen Verfassung auch ein Rückzugsort für politisch Verfolgte aus Frankreich, Deutschland, Russland oder Italien. Subtil wird etwas Carlo Cafiero im Film eingeführt, der als Verfolgter untergetaucht ist und weiterhin Kontakte hält.
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Dies bezieht sich auf die Revolution der Zeitlichkeit in modernen Gesellschaften, welche im Film thematisiert wird. Verschiedenste technische Entwicklungen machten es möglich, Abläufe zu koordinieren, zu synchronisieren und zu beschleunigen. Die Erfindung der Telegraphie, der Eisenbahn, der Fotografie und der Uhr ermöglichten ein neues Zeitgefühl. Damit wurde es möglich, Arbeitsprozesse neu zu strukturieren und durchzutakten. Somit veränderte sich auch das private Leben. Ironischerweise produzieren die Arbeiter*innen in den Uhrenfabriken des Schweizer Jura insofern gerade jene Geräte, welche den Zugriff auf ihre eigenen Lebensabläufe ermöglichen.
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Weiterhin wird im Film das Wechselverhältnis von proletarischem Kosmopolitismus mit einer lokalisierten Globalisierung thematisiert. Denn Produktionsketten verbanden kleine Industriedörfer mit dem Rest der Welt, während Millionen von Menschen z.B. von Polen nach Deutschland, von Deutschland und Irland in die USA oder von Italien nach Argentinien emigrierten. Sie standen weiterhin miteinander im Kontakt und nutzten dafür ebenfalls die modernen Verkehrs- und Kommunikationswege.
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Die Geschichte der Arbeiter*innen-Bewegung im 19. Jahrhundert kann auch unter dem Aspekt des Widerstreits zwischen Nationalismus und Emanzipation beschrieben werden. Beides sind moderne Tendenzen. Zum Einen werden Nationalstaaten mit klaren Grenzen formiert. Sie greifen auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche zu und formen die Menschen zu Bürger*innen, die Staaten unterstützen sollen. Andererseits ermöglichen die gesellschaftlichen Errungenschaften auch transnationale Vernetzungen und die Organisation von komplexen Wirtschaftssystemen auf eine sozialistische und dezentrale Weise. Es lohnt sich in dieser Geschichte zu graben, um beispielsweise zu entdecken, das weite Teile der sozialistischen Bewegung zu dieser Zeit dezidiert anti-national eingestellt waren. Eher auf nationale Interessen fokussierte Gewerkschaften entstanden dann erst ca. 20 Jahre später.
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Im Film werden die Uhrmacherin Josephine Gräbli und der „anarchistische Prinz“ Pjotr Kropotkin portraitiert. Interessant ist hierbei, dass sie beide zwar Hauptrollen einnehmen, aber dennoch sehr subtil auftreten. Im Sinne des vorherig ausgeführten, kann in ihrer Interaktion die Beziehung zwischen transnationalem Anarchismus und seiner Verwurzelung in modernen, lokalisierten Arbeits- und Lebensverhältnissen verstanden werden. Gräbli ist eine fiktive Person – die aber für die Familiengeschichte des Regisseurs steht, welcher seine Herkunft erforscht.
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Einer der bekanntesten Anarchisten überhaupt, Kropotkin, wird nicht als grosser Redner, sondern eher als schüchterner und neugieriger Beobachter vorgestellt. Die feinmechanische Arbeit der Uhrmacher*innen kann symbolisch auch so verstanden werden, dass Menschen ein ruhiges Händchen und Konzentration brauchen, um eine neue Gesellschaftsform aufzubauen. Diese Fähigkeiten werden zugleich aber auch für moderne Produktionsweisen benötigt und ausgebeutet.
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Kropotkin tritt im Film eher alleine auf. Tatsächlich war er aber schon zu jener Zeit mit vielen weiteren Genoss*innen verbunden. Unter ihnen etwa Élisée Reclus, der ebenfalls Geograph war oder James Guillaume, der mit ihm transnational politisch aktiv war. Paul Brousse brachte in Frankreich eine Zeitung heraus, für die Kropotkin seine ersten Aufsätze schrieb. Der erwähnte Adhémar Schwitzguébel steht wiederum eher für die regional starke anarchistische Bewegung in dieser Zeit. Kropotkin sollte noch sehr bekannt werden und mehrere inspirierende Bücher schreiben. Darin beschäftigte er sich mit Wissenschaft, dem Staat, der Konzeption einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform, der Geschichte sozialer Bewegungen und der Ethik.
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Er entwickelte dabei massgeblich Grundlagen für den kommunistischen Anarchismus. Dieser stützt sich auf eine lange Tradition der Kritik am Privateigentum, Klassengesellschaft und Profitlogik. Verschiedene andere Menschen waren Agitatorinnen und Denkerinnen für den Anarch@-Kommunismus und schrieben auch Texte. Was Kropotkin interessant macht ist aber, dass er eine umfangreiche Theorie entwarf. Mit dem anarchistischen Kommnunismus wird in politischer Hinsicht das Modell einer Föderation dezentraler autonomer Kommunen angestrebt, mit welchen der Nationalstaat überwunden wird. In diesen wird eine sozialistische Wirtschaftsform selbst organisiert.
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Eine wichtige theoretische Grundannahme besteht darin, davon auszugehen, dass erstrebenswerte gesellschaftliche Verhältnisse parallel zu jenen der Herrschaftsordnung vorhanden sind und ausgedehnt werden können. Durch Organisierung, Bewusstseinsbildung und Kämpfe kann eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform schrittweise aufgebaut werden. Der Anarch@-Kommunismus wurde auch weiterentwickelt und beispielsweise mit Anarchafeminismus (etwa durch Chiara Bottici) und Antirassismus (z.B. von Lorenzo Kom'boa Ervin) verbunden. Zur Entstehung des historischen Anarch@-Syndikalismus kam es dann aber erst ab den 1890er Jahren. Im Film werden somit auch die Vorläufer dafür aufgezeigt.
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Schliesslich inspiriert der Film auch, über die Unruhe unserer eigenen Zeit nachzudenken. Die Zivilisation befindet sich in einem akuten Verfallsprozess. Während das Alte so krampfhaft am Leben gehalten wird, wird die Geburt einer libertär-sozialistischen Gesellschaft verhindert. Statt das sich die Menschheit auf Lösungen für ihre gigantischen Probleme konzentriert, wollen Superreiche auf den Mars fliegen, in Privatstädte ziehen und mit Künstlicher Intelligenz alle Abläufe kontrollieren. Dabei kommt es zur Erfahrung der Ungleichheit, an welche auch der Faschismus andockt bzw. die durch den Faschismus aufgegriffen und in politisches Kapital umgemünzt wird. Dagegen halten auch viele linke Projekte eher an der überlebten alten Gesellschaft fest.
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Anarchist*innen kommt hierbei die Rolle zu, mit ihrem utopischen Wärmestrom, die Vision einer erstrebenswerten Gesellschaftsform zu imaginieren und ihre Machbarkeit zu demonstrieren. Tatsächlich gab es in den letzten 15-20 Jahren weltweit starke soziale Bewegungen – auch wenn wir das manchmal vergessen bzw. dies vergessen gemacht wird. Wir können weiterhin darauf setzen, dass Menschen die Sackgasse des Bestehenden erkennen und die Erfahrung der Unruhe unserer Zeit in die Auseinandersetzung um eine lebenswerte Zukunft überführen.<p><em>paradox-a</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 06 Feb 2026 10:36:34 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/unruh-film-2022-009274.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Rotation]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rotation-007570.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wolfgang Staudte drehte mit <em>Rotation</em> keinen Film des staatlich verordneten Antifaschismus.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Filmproduktie_Ciske_de_Rat_Bestanddeelnr_907-2240_w.webp><p><small>Der deutsche Regisseur Wolfgang Staudte im Studio, 8. Juli 1955.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Filmproduktie_Ciske_de_Rat,_Bestanddeelnr_907-2240.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Harry Pot - Anefo</a> (PD)</small><p>Der Film ist im Jahr der Entstehung der DDR nicht der visuelle Gründungsmythos der ersten sozialistischen Republik auf deutschem Boden.
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Rotation meint das Kreisen um immer dieselbe Achse. Man kommt vorwärts und dreht sich doch nur im Kreis. Noch ganz getragen von den furchtbaren Eindrücken des Krieges und der Vernichtung, der Verfolgung und der Diktatur kann man den Impetus des 1949 von Wolfgang Staudte gedrehten Films „Rotation” vielleicht auf folgenden Nenner bringen: Ein antifaschistisch und demokratisch gesinnter Regisseur fragt sich, ob sich die Grausamkeit in Permanenz wiederholen könnte bzw. was passieren müsste, damit sie sich nicht wiederholt.
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Rotation meint auch den Schwindel, der einen ergreifen muss, wenn man sich immer schneller im Kreis bewegt. Man kennt dieses fast schwerelose Gefühl von Rummelplätzen. Aber in „Rotation” geht es um ein anderes Gefühl – eines, das einem den Hals zuschnürt, langsam, aber sicher, immer ein Stück.
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Der Impetus des Films ist auch geprägt von den Kräften im Nachkriegsdeutschland, die in einem „anderen” Deutschland die Voraussetzungen dafür schaffen wollten, das sich der Nationalsozialismus nicht wiederholt. In den berühmten Slogans von „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!” lebte eine ganze Staatsführung und anfangs auch ein Grossteil der Bevölkerung in diesem Gefühl, das ewig Gestrige ewig gestrig sein zu lassen.
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Wolfgang Staudte allerdings drehte mit „Rotation” keinen Film des staatlich verordneten Antifaschismus. „Rotation” ist im Jahr der Entstehung der DDR nicht der visuelle Gründungsmythos der ersten sozialistischen Republik „auf deutschem Boden”. Man spürt in Rotation” noch die Freiheit der Kunst und künstlerischen Betätigung, die später so jäh beseitigt wurde. Vor allem aber spürt man Staudtes Bemühen, einige tiefere Ursachen des schrecklichen Erfolgs der Nazipartei zu suchen.
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„Rotation” wirft in einem Zeitraum zwischen der Weltwirtschaftskrise und 1945 einen gezielten Blick auf die Geschichte eines Mannes, eines einfachen Arbeiters, eines Schlossers namens Hans Behnke (Paul Esser), der nur eines will: Arbeit und ein bisschen Glück für sich und seine Familie. Behnke gehört nicht zu jenen politisierten Figuren der 20er und 30er Jahre, die sich in linken und rechten Parteien bewegten. Behnke ist in einem fast schon krassen Sinne „un-politisch” – auch wenn er während der Weltwirtschaftskrise kurzzeitig an Demonstrationen der KPD teilnimmt.
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Er landet deswegen im Gefängnis – wie viele andere, wird entlassen und hat das Gefühl, das ihm politisches Engagement welcher Art auch immer nichts bringt. Er hasst geradezu die grossen Reden, die Sprüche, die Ideologien, die Theorien usw. Bringt das alles vielleicht Arbeit und Einkommen? Wie soll er durch „Sprüche” sich und seine Frau Charlotte (Irene Korb) ernähren? Wie soll er die Miete zahlen für die Wohnung, die ihm ein Vermieter überlassen hat, der aus Mitgefühl nicht nach dem Einkommen der Behnkes fragt?
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Als sein Schwager Kurt Blank (Reinhold Bernt), ein Kommunist, und ein Bekannter namens Rudi Wille (Reinhard Kolldehoff) bei einem Essen bei den Behnkes aus Anlass der Schwangerschaft Charlottes beginnen zu „politisieren”, hält sich Behnke zurück. Und so bleibt es auch in den folgenden Jahren.
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Die Sorge um die Familie und den inzwischen geborenen Sohn Hellmuth lässt Behnke vergessen, was um ihn herum geschieht. Die Machtübernahme der Nazis kommt nur insofern in Behnkes Blick, als er „plötzlich” wieder Arbeit bekommt, in einer Druckerei, in der sein Können, sein Wissen und sein Fleiss geschätzt werden. Gleichzeitig muss er miterleben, wie sein Schwager ins Ausland flüchten muss, während Wille Behnke und Blank zuvor von der grossartigen Zukunft Deutschlands unter Führung Adolf Hitlers vorgeschwärmt hatte.
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In den drei Personen deutet sich schon an, auf welch verlorenen Posten sie sich alle auf ihre je eigene Weise befinden: Während der Kommunist Blank die Flucht ergreifen muss – in tiefer Überzeugung, eines Tages doch noch dem Morgenrot entgegen” gehen zu können, glaubt Wille an den „Führer”, ein Glaube, der ihn später bitter enttäuschen wird. Und Behnke? Immer wieder versucht er, sich aus den Geschehnissen der Zeit herauszuhalten. Doch immer wieder drängen ihn diese Geschehnisse, Farbe zu bekennen – so oder so. Sein Vorgesetzter im Betrieb will ihn befördern – aber dazu müsste Behnke in die NSDAP eintreten. Ein SD-Spitzel verlangt von Behnke, an den Betriebsversammlungen der NSBO teilzunehmen.
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Aber es kommt noch schlimmer. Nicht nur muss Behnke mit ansehen, wie die Nazis seine Nachbarn jüdischen Glaubens abtransportieren. Sein eigener Sohn, inzwischen in der Pubertät – wächst auf als HJ-Zögling. Als Behnke aus Wut über die Ermordung seines Schwagers das Hitler-Bild in der Wohnung zerschmettert, wendet sich Hellmuth – geblendet von den Ideen der Nazis – an sein unmittelbares Vorbild Udo Schulze (Werner Peters). Und dann verrät der eigene Sohn den Vater, der daraufhin unter einem Vorwand als Politischer” eingesperrt wird.
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Was bleibt am Schluss, am absoluten Tiefpunkt des Jahrhunderts, dem Jahr 1945: Behnkes Frau ist im Bomben- und Granatenhagel umgekommen. Er selbst wird in letzter Sekunde von den in Berlin einmarschierenden Russen vor der Hinrichtung gerettet. Sohn Hellmuth kehrt nach einiger Zeit zu seinem Vater zurück, voller Schuldgefühle, voller Enttäuschung über sich selbst und die Zeit und die Umstände, in denen er aufgewachsen ist. Die Versöhnung zwischen Vater und Sohn ist zugleich die Botschaft des Films: Wenn man das Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!” will – dann muss man die Augen und Ohren offenhalten, genau hinschauen. Wenn man dies tut, so Hellmuth zu seiner jungen Freundin Inge (Brigitte Krause), dann würde es beiden einmal nicht so ergehen wie dem Vater und der Mutter.
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Dieser Schluss erscheint aus heutiger Sicht leicht pathetisch und nähert sich der (auch das wissen wir heute) vorwiegend ideologiebeladenen SED-Sicht vom antifaschistischen Deutschland (einschliesslich entsprechendem Schutzwall gleich Mauer). Wir wissen aber auch, dass dies nur eine Näherung, keine Identifizierung Staudtes mit der DDR war. Bei ihm ist der etwas pathetische Schluss Ausdruck einer Hoffnung aus zeitlich unmittelbarer Anschauung des Grauens.
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Das Wesentliche des Films ist die Aufdeckung von Mechanismen „des Unpolitischen” und eines „unpolitischen” Mannes, der zu spät erkennt, dass sein Verhalten weder ihm, noch seiner Familie, noch den Millionen anderen Unpolitischen” irgend etwas Positives gebracht hat, eines Mann, dem erst ein Licht aufgeht, als ihn sein eigener Sohn verrät.
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Es ist dieses „Unpolitische”, das macht Staudtes Film deutlich, das wesentlich mehr zum brutalen Erfolg des NS-Regimes beigetragen hatte als alle Fanatiker und Ideologen. Das „Unpolitische” wird zum Faktor der Macht, zur Kalkulationsgrösse der Machthaber, zum Spielball ihrer Interessen, zum Fundament des Todes und der Ohnmacht. Man kann die Täter verurteilen, die Opfer beklagen und die Mitwisser anprangern. Aber man sollte sehen, wie das „Unpolitische” zum entscheidenden Machtfaktor der Diktatur wird.
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Das „Unpolitische” wird daher zum Politischen, der Gestus des Sich-aus-allem-Heraushalten-Wollens wird zum berechenbaren Faktor der Massenmörder. Hitler hatte dies verstanden wie kein anderer zuvor. Nur wer die Zivilcourage ausmerzt, wer das Individuum auf sich selbst, und das heisst letztlich auf eine formbare Masse zurückwirft, bezwingt auch seine politischen Gegner, so laut sie auch schreien und so klar” sie sich auch in ihren Positionen” sind.
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Das „Unpolitische”, das Gefühl, nicht Teil des Gemeinwesens zu sein, das Gefühl, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, um sich dann unter den Bedingungen der Diktatur mit wenig zufrieden zu geben, mag sich zwar heute in anderen Formen darstellen. Es ist jedoch noch immer vorhanden. Und dies macht Staudtes Film über das konkrete Geschehen und den historischen Bezug des Streifens hinaus auch noch heute zu einem sehenswerten Film.
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Paul Esser, der später in der Bundesrepublik Deutschland tätig war, spielt diesen Hans Behnke als einen Mann, dem in seiner Darstellung nicht das Verdikt anhängt, moralisch verurteilt werden zu müssen. Erst wenn man sein Verhalten versteht, so könnte man Essers Spiel verstehen, kann man auch begreifen, welche Bedeutung jeder Form von Zivilcourage zukommt.
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Neben „Die Mörder sind unter uns”, „Der Untertan” und „Rosen für den Staatsanwalt” gehört „Rotation” zu Staudtes intensiver Auseinandersetzung mit den Folgen des NS-Regimes und des Krieges.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 31 Jan 2026 09:20:41 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rotation-007570.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Punk-Szene Zürich: The Liars]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/punk-szene-zuerich-the-liars-009506.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In den 1970ern war Zürich weder für Toleranz noch für eine Jugendkultur bekannt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/TheLiars_Banner_w.webp><p><small>Die Punk-Formation "The Liars".  Foto: zVg</small><p>Die Gesellschaft war “obrigkeitshörig”, die Familien immer besorgt um den guten Ruf – “Ja nicht aus dem Rahmen fallen”.  Um 0:30 Uhr galt die “Polizeistunde”, der Rasen um das Grundstück soll gepflegt sein und sonntags durfte die Wäsche nicht draussen aufgehängt werden.
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Das war ein perfekter Nährboden für die Punkbewegung / Musik, die  mehr und mehr von England aus in die Schweiz überschwappte.<br>
In Zürich bildete sich schon bald eine Punkszene, man traf sich auf Konzerten oder einfach auf der “Gasse” (Niederdorf) in der Stadt.
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Aber auch  ausserhalb von Zürich gab es “Hotspots”. Einer davon war die Freizeitanlage “Schluefweg” in Kloten. Im “Schluefweg” gab es eine Disco, in der “Gradi” (aka MaCello) Punk auflegte. In diesem Umfeld bildete sich eine kleine aber feine Szene um Gradi, Alberto, Fränzi, Vera, Knechtle und eben Johnny, UK und Rodi.
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Johnny spielte mit dem Gedanken eine Band zu gründen und hat bei UK und Rodi offene Türen eingerannt. Die Idee “lass uns eine Band gründen” wurde somit schnell konkret.
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Johnny kaufte sich eine Gitarre und übte pausenlos Steve Jones Riffs, Rodi mietete ein PA im Musikshop an der Stampfenbachstrasse und UK bastelte sich einen Bass Lautsprecher aus Pressspanplatten, dere so die Welt noch nicht gesehen hatte.
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Ein lokaler “Freak” – Tomi – verschaffte uns den ersten Übungsraum und half temporär als Drummer bei den Liars aus.
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Die Besetzung des Schlagzeuges schien für die Mitglieder der Liars DER “Challange” zu werden. Der erste offizielle Schlagzeuger der Liars sollte Glenn ein Teddy-Boy werden.
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Den Bandnamen Liars brachte Johnny aufs Tapet, wobei darauf hingewiesen werden soll, dass der Name in keinem Zusammenhang mit dem gleichnamigen Song des musikalischen Vorbilds von Johnny, den Sex Pistols, steht.
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Die ersten Songs waren rasch geschrieben. Der Sound war schnell, ehrlich, ungehobelt und laut!
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Jetzt tauchte das Problem Schlagzeuger wieder auf. Glenn verliess die Liars und man war wieder auf der Suche nach einem Drummer. Zum Glück half uns Thomas Bickel ab und zu aus, er spielte damals den Bass bei der Zürcher Punk Band Sperma, bis schliesslich mit Markus Schweizer (Säuli) einen neuen Schlagzeuger gefunden wurde.
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Nun konnte endlich in einer stabilen Besetzung geübt werden und das Repertoire begann zu wachsen. Die dabei entstanden Songs wie “Anarchy” und “Flat on Flat”, diese blieben bis zum Schluss fester Bestandteil bei jedem Auftritt.

<h3>1979</h3>

Nachdem die Liars einige Songs eingespielt hatten, gaben sie ein paar Versuchs-Gigs im Übungsraum, welche beim Publikum echte Begeisterung auslösten. Die Liars waren jetzt “ready” für den ersten richtigen Auftritt.
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Leider liess der nächste Tiefschlag nicht lange auf sich warten – sie flogen aus dem Übungsraum. Der Übungsraum befand sich in einem Luftschutzkeller unter der Kirche von Oberglatt. Das Gebäude war unter der Obhut des Sigrist, der mit Frau und Tochter in einer Wohnung bei der Kirche lebte. Kurzum, man weiss nicht genau, ob es zwischen Johnny und der Tochter des Sigrist auf dem geweihten Boden der Kirche zum äussersten gekommen ist, es darf aber davon ausgegangen werden, dass dies dem Sigrist in jedem Fall missfiel. Den Rest kann man sich ausmalen.
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Nach einem kurzen Gastspiel in einem Übungsraum in Niederhasli, konnten sich die Liars einen Übungsraum in Zürich (Seefeld) im Keller des israelitischen Konsulats sichern.
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Rückblickend war das schon eine starke Nummer, da der eine oder andere Besucher mit dem bekannten Sid Vicious T-Shirt ein und ausging.
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Freitag, 28. September 1979 war es so weit – Kantonsschule Oerlikon (Zürich) – das erste Liars Konzert!
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In der Kantonsschule Oerlikon fand der denkwürdige Anlass statt.  An diesem Abend spielte auch die Band Mystery Action. Die Liars hatten mittlerweile in kurzer Zeit neun Songs geschrieben und eingeübt. Sie konnten es nicht erwarten, diese auch einem grösseren Publikum zu präsentieren. Der Abend war hammermässig!
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Es wurde schon beim ersten Songs wild Pogo getanzt, auf der Bühne hatte es zeitweise mehr Zuschauer als Bandmitglieder…
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Als das Publikum Zugaben forderte, wurde das Repertoire einfach nochmals durchgespielt. Ein gelungener Start!

<h3>Samstag, 6. Oktober 1979 – Freizeitanlage Wipkingen</h3>

Der zweite Gig fand am Samstag der folgenden Woche in der Freizeitanlage Wipkingen statt.
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Der Zürcher Tagesanzeiger schrieb: “Heizt man das Publikum mit rüden Sprüchen so richtig an, dann fährt auch die Musik besser ein. Die Musik der Gruppe “The Liars“, ” Mystery Action“, “Sperma” und “TNT” (die bekannteste Schweizer Punk Band), sie bestritten den Abend in Wipkingen, das ist Punk. Ein kompromissloser Rock ohne Schnörkel, ohne Anspruch auf geniale musikalische Einfälle. Dadurch, dass die rhythmischen Grundelemente des klassischen Rock 'n' Roll so überspitzt zur Darstellung gebracht werden (auch durch die Lautstärke), glaubt man schon fast, dass es sich um eine Rock-Parodie handelt.”

<h3>Samstag 3. Nov. 1979 – Swiss Punk Now Festival Emmen</h3>

Am 2. und 3. November 1979 fand ein richtiges grosses Festival statt: Das “Swiss Punk Now” Festival in Emmen (LU). 14 Band aus der Schweiz (und Voralberg) behaupteten sich vor einigen hundert Punks.
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Die Liars spielten am Samstag. Die Stimmung war gut, der Saal war voll und auch an der Anlage war nichts aus zusetzen. Gradi (Band Manager) fand es musikalisch eher schwach. Mag sein, “who cares”, es war auf jeden Fall “Raw” Punk und das Publikum hatte Fun, die Liars hatten den sowieso!
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Allein durch die Grösse des Anlasses war auch recht viel Presse vor Ort, sogar der Blick hatte einen grossen Artikel mit Porträt Fotos einiger Besucher dem Festival gewidmet. Für viele Schweizer Bünzlis, die hauptsächlich Leser dieser Zeitung waren ein Schock.
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Zitat “Blick”: “Die machten ihrem gewollten schlechtem Ruf alle Ehre. Von der Bühne regnete es Präservative und Sexhefte!” (Das kam übrigens nicht von den Liars, die würden sowas nie tun!)
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Zitat “Die Heimat” (wen wundert es): “Leider ging es wieder einmal nicht ohne Ärger ab, und unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger werden sich wohl fragen, wie lange im Zentrum Gersag wohlwollend Toleranz geübt wird….”Man würde wohl mit Vorteil notwendige Hilfe etablierten Organisationen und Vereinen zuwenden (Familie, Kultur, Sport).”
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Eine Anekdote sollte hier auch noch erwähnt werden: Für die Übernachtungsmöglichkeiten hatte sich niemand gekümmert, so durchstreiften  Gruppen von Punks die Stadt Luzern auf der Suche nach leerstehenden Häusern.
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Nach einigen Stunden schlottern in einem Abbruchhaus suchten einige Punks den geheizten Wartesaal im Bahnhof Luzern auf. Die Holzbänke wurden belegt, bis die ersten Pendler um 5 Uhr ungehalten anfingen zu protestierten.
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Einen Punk mit “Kurier AG” Lederjacke (aka Aargauer) hat es besonders hart getroffen, setzt sich doch ein älterer Herr motzend auf seinen Kopf.

<h3>1980</h3>

Für die Liars war es Zeit für eine Auftritts-Pause, sie hatten sich nun vorgenommen neue Songs zu schreiben und an den existierenden noch rumzufeilen. Ende Januar war es dann endlich wieder so weit.<br>
Samstag, 26. Januar 1980 – Basel Sommerkasino Basel
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Am Samstag, 26. Januar fand das “Basler Punk Festival” statt. Neben den Liars spielten Sperma, Crazy, TNT, KIE13 Sick und Shit-X. Das war durchs Band ein fantastischer Abend mit an den sich hoffentlich noch einige  erinnern mögen!
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Auch für die Liars war dies ein Hammer-Event, die zusätzlichen Übungsraum Sessions hatten sich ausbezahlt.
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Das Aargauer Fanzine “Wake Up” schrieb: “Die Liars sind eine der härtesten Band der Szene, eine richtige Pogo Band. Die Texte sind englisch und werden von Wädes (Rodi) Mordsröhre gesungen. Heute überzeugen sich mich das erste mal, obwohl alles ziemlich gleich tönt. Als letztes der Stücke spielten sie “Johnny be Good” mit zwei Gitarrensoli, bei dem sich Johnny alle Mühe gibt. “Johnny be Good” spielten sie zum ersten mal. Es ist ein alter und beliebter Song, welcher einfach nur eine spontane Action der Liars darstellen sollte. Ein Rock 'n' Roll auf eine Art, die einem Hühner heut und Juckreize macht.
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Im Januar unterschrieben die Liars einen Vertrag mit dem “Bugs-Power-Label”, dieser sollte der Band ein wenig mehr Struktur geben. Das “Bugs-Power-Label” wurde von Marcel Gradolf (Gradi/MaCello), Fränzi Meyer und Bettina und Sandra Bär geführt.

<h3>Freitag, 8. Februar 1980 – Jugendhaus Winterthur</h3>

Vom Auftritt im Jugendhaus Winterthur ist leider nur wenig bekannt. Laut Gradi, war die Stimmung aber “Wie nie zuvor an einem Konzert der Liars. Das Publikum schrie und tobte.”
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Im Februar fanden noch weitere Gigs mit Beteiligung der Liars statt, die meisten in kleinen Räumen mit wenig Publikum.

<h3>Mittwoch, 26. Februar 1980 – Veloraum – Schulhaus Freudenberg Zürich</h3>

Das “Musikkiosk Magazin” schrieb:”Eine eigenwillige Form der Eigeninitiative ergriffen Ende Februar (26. Februar) die Punk Bands Gaga-Radix, Shit-X und die Liars. In einem Velo Unterstellraum der Aula der Kantonsschule Freudenberg spielten die Bands für eine sehr spärliches anwesendes Publikum (praktisch Null Vorwerbung mit Effizienz). Musikalisch gesehen einziger Lichtpunkt: The Liars!!! Ihnen ist für nächstes Mal ein optimales PA und eine gute Auftrittsmöglichkeit zu gönnen. (Fanx MK)”

<h3>Samstag 22. März 1980 – Drei Linden – Wetzikon</h3>

Der Wunsch nach besserem Equipment und Organisation gegenüber den letzten Konzerten ging dieses mal in Erfüllung. Die Liars konnten als Vorgruppe der Band Jack Rabbit in Wetzikon spielen. Der Auftritt war zwar zeitlich beschränkt, dafür brachten sie es auf den Punkt.
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Das Publikum bestand mehrheitlich aus Freaks, die anwesenden Punks störte das nicht, es wurde munter dem Pogo gefrönt. Einige Freaks liessen sich sogar mitreissen und hüpften fleissig mit.

<h3>Samstag 29. März 1980 – Wattwil</h3>

Ein Mini-Konzert, mindestens was den Raum betraf und auch kaum Publikum. Bands: The Liars, Gssindel und Kie 13.
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Es war wieder Zeit sich um ein unangenehmes Thema zu kümmern.
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Der Vermieter der Bührle Immobilie brachte unserer Musik und der Punk Bewegung wenig Liebe entgegen und kündigte unseren Mietvertrag. Dabei hatten wir uns doch immer so anständig und korrekt verhalten.
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Ihr Schlagzeuger fuhr ohne Ansage (trotz angesagter Konzerte) in seinen Skiurlaub, was restlichen Mitglieder zu drastischen Massnahmen zwang.
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Es sollte auch sein Gutes haben, konnten die Liars doch Peter Berger (Schlagzeuger von Jack Rabbit Band) als temporärer Ersatz einsetzten. Peter hatte damals schon wesentlich mehr musikalische- sowie Auftritt Erfahrung.

<h3>Samstag 12. April 1980 – Punk in der Provinz, Täfelifabrik, Aarau</h3>

Am Samstag 12. April waren die Bands;  The Liars, Crazy, Shit-X, Fresh Color angesagt. Das Setup war chaotisch organisiert und es roch nach einem Reinfall. Schliesslich konnten dann drei der vier Bands ihren Auftritt bestreiten.
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Für die Liars war es der erste Aufritt mit Peter. Obwohl die Band erst am Tag zuvor die Songs mit ihm eingeübt hatte, klappte es hervorragend, Peter brachte viel Präzision in die Band und liess sich auch nicht irritieren, falls einer der Band Mitglieder in seiner Ekstase das Tempo nicht halten konnte.
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Das Oltener Fanzine “Jamming” schrieb: “Die Liars, übrigens mit Peter Berger am Schlagzeug, hingegen waren recht gut. Die Liars regten recht zum Pogo an”.

<h3>Samstag 19. April 1980 – Besetztes Haus – Freiburg im Breisgau (DE)</h3>

Von diesem Gig gibt es leider wenig Zeitzeugen. Das Konzert war von Hausbesetzern organisiert worden. Die Liars spielte als Vorband von Sozz. Da der Raum und die Anlage unterirdisch waren, zogen es die Liars vor, in einem nahen Restaurant einige Cognacs  zu sich zu nehmen. Darum kann sich vermutlich niemand mehr so richtig an das Konzert erinnern.
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Entsprechend der Lokalität waren natürlich mehr “Freaks” als Punks im Publikum, dafür “pogoten” diese um so mehr.

<h3>Samstag 3. Mai 1980 – Pop, Rock, New-Wave Festival, Widmerturnhalle, Langnau am Albis</h3>

Der 3. Mai war ein Highlight, was die Organisation und die Anlage betraf. Leider hatte es sehr wenig Publikum und zudem in einem recht grossen Raum (Turnhalle).
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Die Liars spielten nach Mother's Ruin, Sperma und Kraft durch Freude als vierte Band.<br>
Von diesem Auftritt existiert noch eine Aufnahme eines Kassettendecks (MC)  mit Publikum. Sechs Songs wurden “digitalisiert” und sind in Bearbeitung.

<h3>Samstag 18. Mai 1980 – Rote Fabrik, Zürich</h3>

Ab Mai 1980 durchlebte die Stadt Zürich eine turbulente Zeit. Die Jugendunruhen waren voll im Gang. Den meisten Punks war das recht egal, sie demonstrierten zwar auch für Freiräume. Mit Politik hatten sie nichts am Hut.
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Die Liars waren gar nicht angesagt an diesem Abend. Die Geschichte kann übrigens ausführlich im “Break Out Now” Zine von Dani Vieli nachgelesen werden.
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Nach viel Gelaber und Klarstellungen seitens der Bewegungsdiskussionsführer was “rechts” und was “links” sei, kam es schliesslich zu einem spontanen Liars Konzert. Wie auf dem Bild unten zu sehen ist, hat bei diesem Auftritt Thomas Bickel wieder einmal an den Drums ausgeholfen.

<h3>Epilog</h3>

Samstag 31. Mai 1980 – Draht Schmidli, Zürich. Bands: The Liars, Lizards.
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Samstag 7. Juni 1980 – Turnhalle Kantonsschule, Urdorf. Bands: The Liars, Pricks, Alvares
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Samstag 18. Oktober 1980 – Gaskessel, Biel. Bands: Sozz, The Liars, The Debils, Demons Eyes.
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Samstag 31. Oktober 1980 – Rössli, Stäfa. Bands: Sozz, The Liars.
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Dieser denkwürdige Abend hatte doch so friedlich begonnen. Die Stimmung war gut der Saal gut gefüllt. Mitten im Konzert der Liars, hatte Rodi ein rohes Ei an den Kopf abgekriegt. Nach ausgiebigem Fluchen zerschmetterte er demonstrativ eine halbvolle Bierflasche auf dem Boden.
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Das Rössli duldete von diesem Tag an keine Punk Konzerte mehr. Dies sollte auch das letzte Konzert der Liars bis zum heutigen Tag sein.

<h3>Alles hat ein Ende…</h3>

Die so oft geschmiedeten Pläne für eine EP Veröffentlichung (Liars bald auf Rillen) sollte leider nicht mehr umgesetzt werden. Damals gab es weder günstige Aufnahmegerät noch Internet für die Distribution, die Liars hätten einen 4-stelligen Betrag zusammenkratzen müssen um das Studio und die Produktion zu finanzieren, an dem scheiterte es hauptsächlich.
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Warum die Liars nicht mehr weiter machten?<br>
Da sind einige Faktoren zusammen gekommen aber wer sagt dann, dass Schluss ist?
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Die drei ehemaligen Mitglieder von The Liars; Johnny, UK und Rodi haben sich vor einigen Jahren wieder getroffen, das war noch bevor Johnny seinen Lebensmittelpunkt in die USA verlegt hat.<p><em>Johnny / Rodi</em><p><small>Zuerst erschienen auf swisspunk.ch.</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 29 Jan 2026 09:17:21 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Summer of Sam]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/summer-of-sam-007579.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Spike Lee enthüllt in "Summer of Sam" ein New York, das sich genauso darstellt wie die Provinz, wie das flache Land und macht damit alle Vorurteile der Städter über dieses flache Land zu einer faustdicken Lüge, weil sich in diesen Vorurteilen die eigenen Unzulänglichkeiten hinter dem Mantel von Glitter und Glamour sichtbar machen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/John_Leguizamo_Shankbone_NYC_2010_3_(4543207716)_w.webp><p><small>Der kolumbianisch-US-amerikanische Schauspieler John Leguizamo spielt in dem Film die Rolle des Disco-Kings Vinny.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Leguizamo_Shankbone_NYC_2010_3_(4543207716).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">David Shankbone</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Manchmal beschleicht einen das Gefühl, man sei aufgehoben, manchmal das, man sei völlig verlassen – trotz der Umgebung und dem Trubel einer Grossstadt, der Grossstadt, der Stadt, in der wohl die meisten Filme spielen. Der Journalist, der am Anfang und Ende des Films von Spike Lee zu hören ist, spricht davon, dass er in einer Stadt lebe, die er genauso hasse wie er sie liebe. Das NY von irgendwann früher ist nicht das NY von heute, und doch bleibt etwas, was, egal welche Filme in dieser Stadt spielen, egal zu welcher Zeit, immer gleich zu sein scheint. Was es ist, ist schwer in Worte zu fassen. Spike Lee („25 Stunden“, 2002; „It's Showtime“, 2000) siedelt seine Geschichte, in der es vordergründig um einen Serienkiller, einen Psychopathen, geht, im NY des Jahres 1977 an – in einem dieser heissen Sommer, in dem die Hitze das Gemüt von Millionen von Menschen zu erfassen, ja zu manipulieren scheint. Aber das täuscht.
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Wir hören Abba mit „Dancing Queen” und „Fernando”, wir hören „Boogie Night”. Und wir befinden uns in jenen Jahren, in denen das Saturday Night Fever grassiert, die Discos voll sind, das Lebensgefühl einer Generation prägen – nach einer Generation, die durch ganz anderes geprägt wurde: durch den Kampf gegen Rassentrennung und -diskriminierung, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Nixon und seine korrupte Politik und seine korrupten Handlanger. Fast scheint es, als brauche die Folgegeneration einer solchen „kampferprobten” Generation so etwas wie ein verdrängtes Bewusstsein, einen Rausch, hier den Disco-Rausch, die Porno-Szene, die in jenen Jahren grassierte (man denke an Paul Thomas Andersons „Boogie Nights” von 1997), das Kokain, den Alkohol und die üblichen Ausschweifungen der üblichen Verdächtigen.
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Es ist schwül. Und dann noch das: Ein Serienkiller macht sich breit, ermordet hier ein Pärchen, dort eine einzelne junge Frau. Vor allem dunkelhaarige junge Frauen sind unter seinen Opfern, die er erschiesst. Ein Psychopath, der sich ausersehen sieht, im Auftrag Gottes oder was sonst auch handelt – was spielt das für eine Rolle?
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Doch „Summer of Sam” – Son of Sam nennt sich der Killer David Berkowitz (Michael Badalucco) selbst – handelt weniger von diesem Killer, kaum von den Ermittlungen der Polizei. „Summer of Sam” ist ein Spektakel über ein Spektakel, ist ein mediales Ereignis über ein mediales Ereignis. Und selbst Regisseur Spike Lee hat sich als Reporter John Jeffries in den Rummel eingeschaltet, der alles andere ist als nur ein medialer Rummel.
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Im Mittelpunkt stehen zwei Pärchen und deren Bekannte und Freunde. Wir treffen auf den Disco-King Vinny (John Leguizamo), der im Friseursalon von Gloria (Bebe Neuwirth) arbeitet und mit Dionna (Mira Sorvino) verheiratet ist, die im Restaurant ihres Vaters arbeitet; auf Richie (Arien Brody), der nach langer Zeit nach NY zurückkehrt – mit Punk-Frisur und einem T-Shirt mit aufgedruckter britischer Flagge – und auf Ruby (Jennifer Esposito), die sich in Richie verliebt. Alle wohnen in einem Viertel, in dem auch sonst viele italienisch-stämmige Amerikaner leben. Und sie treffen sich an einer Strasse, die am Meer endet – irgendwo in der South Bronx. Dead End.
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Nachdem Berkowitz, über dessen Identität lange Zeit niemand Bescheid weiss, erneut zugeschlagen hat, gerät Vinny durcheinander. Die Opfer waren zwei Nachbarn aus dem Viertel, in dem er mit Dionna lebt. Er scheint so verängstigt, dass er Dionna schwört, er werde ab sofort der beste Ehemann für sie, den sie sich vorstellen könne. Vinny gehört zu jenen Männern, die trotz ihrer Ehe nichts anderes im Kopf haben, als wild in der Gegend herum zu vögeln. Richie hingegen, der kein Geld hat, den der Freund seiner Mutter in die Garage verbannt, um vor ihm Ruhe zu haben, treibt sich als Tänzer in einer Schwulenbar herum und dreht Pornos, um an ein bisschen Geld zu kommen. Seit er sein Outfit verändert hat, nehmen die anderen im Viertel Abstand von ihm, meiden ihn, genauso wie Woodstock (Saverio Guerra), den kleinen Dealer, oder Bobby (Brian Tarantina), den Schwulen.
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Während Detective Petrocelli (Anthony La Paglia), der selbst aus dem Italiener-Viertel stammt, sogar den örtlichen Mafia-Boss Luigi (Ben Gazzara) bittet, ihm bei der Killer-Suche behilflich zu sein, ist der unbekannte Killer, der immer wieder zuschlägt, Tag für Tag Thema der Schlagzeilen aller Zeitungen und Fernsehsender. Aus Angst lassen sich viele Frauen mit dunklen Haaren blond färben. Und Luigi schickt seine Mafiosi auf die Strasse, um jeden verdächtigen Mann einer eingehenden Kontrolle zu unterziehen. Polizisten fahren freiwillig Sonderschichten, während Berkowitz – ein offensichtlich psychisch kranker Mann – in seiner Wohnung abwechselnd tobt und seine Mission beschwört – ja phantasiert, ein Hund würde ihn zum Weiter-Morden auffordern.
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Unterdessen knistert es immer drastischer zwischen Vinny und Dionna, die ihren Mann verlässt. Und Vinnys Freunde, Joe T. (Michael Rispoli) vor allem, glauben, den Killer gefunden zu haben: Richie, den sie eh nicht mögen ...
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Spike Lee zeigt ein New York der durch die Existenz des Killers aufbrechenden Konflikte. Trotz der ganzen Disco-Fever-Atmosphäre, der Porno- und Drogenszene, des ganzen Looks jener Jahre, trotz allen Glitzers und Glamours herrscht etwas anderes in der Stadt. Man könnte sagen: Hass, Rassismus und Dummheit. Aber da ist noch mehr. Lee desavouiert die persönlichen Beziehungen als leer und instrumentell. Vinny, der immer wieder mit anderen Frauen ins Bett geht, setzt nicht nur seine Ehe mit Dionna aufs Spiel. Es ist Dionna, die immer deutlicher erkennt, worauf sie sich eingelassen hat – bis dahin, dass sie einwilligte, mit Vinny in eine Art Swinger-Club zu gehen, weil der mit ihr nicht mehr schlafen konnte. Auf der Rückfahrt beschimpft er sie als Hure, Lesbe und mit noch schlimmeren Schimpfwörtern, weil sie in diesem Club mit einem anderen Mann Sex hatte (das, was er doch wollte!). Dionna reagiert zu Recht aggressiv. Und allein durch diese Szene entpuppt sich all das, was Vinny und seine Freunde als Ehre, Normalität, Wahrhaftigkeit, Treue usw. hochhalten, als hohl und leer. Und Dionna? Sie zündet Kerzen in der Kirche an!
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Was für die private Beziehung zwischen Vinny und Dionna gilt, gilt umso mehr für das Milieu. Als Joe T und seine Kumpane es darauf anlegen, Richie als Killer auszumachen und ihn zu stellen, lässt sich Vinny – ein langjähriger Freund Richies – dazu herab, den Lockvogel zu spielen, um Richie auf die Strasse zu locken.
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Lee lässt dieses Geschehen begleiten durch die mediale Berichterstattung. Und besonders bedrückend ist es, als der festgenommene Berkowitz im Polizeiwagen zum Kommissariat gefahren wird und eine aufgebrachte, johlende Menge mit Pappschildern bewaffnet schreit „Tötet ihn!!” und die Medien so reagieren wie sie immer reagieren: Kamera drauf!
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Das mediale Ereignis verschmilzt im Film mit der erzählten Geschichte über Vinny, Dionna und die anderen zu einem Spektakel, das Realität geworden zu sein scheint. Während die persönlichen Beziehungen einerseits von massiven Vorurteilen, Betrug und Funktionalisierung beherrscht sind – ausser bei Richie und Ruby vielleicht –, verschmilzt das allgemeine Ereignis – die Suche nach dem Killer – mit diesen Beziehungen zu einer unheimlichen Mixtur. Selbst der Killer wird instrumentalisiert, nicht nur durch die Vorurteile von Vinnys Freunden, die Richie nicht mögen und ihn deshalb verfolgen, in der Existenz des Killers einen geeigneten Anlass dafür sehen. Nein, der Killer wird von allen instrumentalisiert: von den Medien und von jedem, der seinen lang gehegten Hass ausleben möchte. An die Opfer denkt schon lange niemand mehr.
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Jeder misstraut in dieser Geschichte jedem anderen – zu Recht oder zu Unrecht, das wird nicht gefragt. Das Misstrauen ist unterschwellig vorhanden, prägt eine Grundstimmung. Jeder hat auch Angst vor jedem – was nur kaum einer zugibt. Da ist es schon nicht verwunderlich, dass einzig Richie versucht, mit Ruby ein einigermassen ehrliches Leben zu führen.
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Spike Lee enthüllt ein New York, das sich genauso darstellt wie die Provinz, wie das flache Land und macht damit alle Vorurteile der Städter über dieses flache Land zu einer faustdicken Lüge, weil sich in diesen Vorurteilen die eigenen Unzulänglichkeiten hinter dem Mantel von Glitter und Glamour sichtbar machen. Die Schlussakkorde des Films wirken schon fast als sarkastischer Kommentar auf diese Kultur.
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Am Schluss sehen wir einen Vinny in seiner ganzen mentalen „Nacktheit“, der nichts weiter zu sagen weiss als „Es tut mir leid”. Aber dieses „Es tut mir leid” – auch wenn es ehrlich gemeint sein sollte – ist eine genauso erbärmliche Entschuldigung wie diejenige gegenüber Dionna für sein ausschweifendes Sexualleben. Wir sehen einen John T, der nur noch die Flucht ergreifen kann, nachdem sich offenbart hat, wie gnadenlos skrupellos sein Verhalten war.
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Dabei ist „Summer of Sam” keineswegs ein moralisierender Film. Nein, Lee verpackt die Geschichte äusserst geschickt in ein mediales Spektakel, in dem die Grenzen zwischen medialer Realität und Lebenswirklichkeit oft fast verschwimmen. Er zeigt die selbst verschuldete Unmündigkeit seiner Akteure in praktisch allen ihren Lebensäusserungen – ganz im Kant'schen Sinne. Lee verzichtet auch auf eine Blossstellung seiner Akteure in dem Sinn, dass man sie verachten müsste. Bei mir tat sich am Schluss eher ein gewisses Mitgefühl auf – für Vinny wie für John T, die es eigentlich hätten besser wissen müssen.
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Und so schliesst sich der Reigen über NY – das man zugleich lieben wie hassen muss.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 28 Jan 2026 09:20:40 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Die Stimme von Hind Rajab]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/die-stimme-von-hind-rajab-009494.html</link>
<description><![CDATA[<strong>FazitBasierend auf Original-Audioaufnahmen rekonstruiert „Die Stimme von Hind Rajab“, wie eine Notrufzentrale versucht, das Leben eines kleinen Mädchens in Gaza zu retten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Kaouther_Ben_Hania_-_IFFR_2024_w.webp><p><small>Die tunesische Filmregisseurin Kaouther Ben Hania beim 53. Internationalen Filmfestival Rotterdam, 2024.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kaouther_Ben_Hania_-_IFFR_2024.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Vera de Kok</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Der Film ist sicher nicht subtil und dreht sich lange im Kreis. Doch die Geschichte macht betroffen, lässt einen wütend und sprachlos zurück.<br>
Omar A. Alqam (Motaz Malhees) arbeitet in der Notrufzentrale des Palästinensischen Roten Halbmondes und versucht dort mit seinen Kollegen und Kolleginnen, den notleidenden Menschen in Gaza beizustehen. Immer wieder nehmen sie Anrufe entgegen, suchen nach Lösungen und organisieren Rettungsmassnahmen.
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So auch am 29. Januar 2024, als sie mit der sechsjährigen Hind Rajab telefonieren. Diese war mit Onkel, Tante und deren Kindern auf der Flucht, als sie von der israelischen Armee unter Beschuss genommen wurden. Dabei wurden bis auf sie alle getötet. Seither kauert sie in dem Auto und fürchtet um ihr Leben. Omar und Rana Hassan Faqih (Saja Kilani) setzen alles daran, einen Rettungswagen dorthin zu schicken. Doch das ist nicht so einfach, da damit auch das Leben der Sanitäter auf Spiel gesetzt würde …

<h3>Drama nach einer wahren Geschichte</h3>

Kaum ein Ereignis hat die Menschen in den letzten Jahren derart entzweit und emotionalisiert wie der Gaza-Krieg, bei dem Zehntausende getötet wurden – ein Grossteil davon Zivilisten. Insofern ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren zahlreiche Filme erscheinen werden, die von den Tragödien und dem Unrecht berichten werden. Zumal sich der Wind da gedreht hat. War die Auszeichnung des Dokumentarfilms <em>No Other Land</em>, der die Menschenrechtsverletzungen des israelischen Militärs im Westjordanland festhielt, noch mit einem Skandal verbunden, blieb dieser bei <em>Die Stimme von Hind Rajab</em> aus. Dabei erhielt dieser 2025 bei den Filmfestspielen von Venedig, wo der Film im Wettbewerb Weltpremiere hatte, den Grossen Preis der Jury – der zweitwichtigste Preis des Festivals.
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Wobei dem Film sicherlich geholfen hat, dass er eine wahre Geschichte erzählt, die durch die Medien schon vorher bekannt geworden war. Das Schicksal des Mädchens Hind Rajab, das in einem Auto eingeschlossen war und von der israelischen Armee beschossen wurde, ging um die Welt. Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania (<em>Olfas Töchter</em>, <em>Der Mann, der seine Haut verkaufte</em>) hält sich auch eng an die realen Ereignisse. Mehr noch, sie verwendet die Original-Aufnahmen aus dem damaligen Telefongespräch, was der Film auch klar ankündigt. <em>Die Stimme von Hind Rajab</em> wechselt auf diese Weise zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber effektiv, da man auf diese Weise ständig daran erinnert wird: Das ist alles real.

<h3>Effektiver Wechsel zwischen Spielfilm und Dokumentation</h3>

Dabei verzichtet die tunesische Regisseurin darauf, die Gewalt selbst zu zeigen. Die setzt sich nur in dem Kopf des Publikums zusammen. Stattdessen spielt der komplette Film in der Notrufzentrale. Das macht Vergleich zu <em>The Guilty</em> naheliegend, wo wir aus der Sicht eines Polizisten in dieser Zentrale miterleben, wie eine Frau entführt wurde. Wo der dänische Thriller aber mit der Ungewissheit spielte, was geschehen wird, da ist der Ausgang bei <em>Die Stimme von Hind Rajab</em> bekannt. Ähnlich spannend wird es also nicht, zumindest nicht bei Zuschauern und Zuschauerinnen, die mit der Geschichte vertraut sind. Es gibt auch keine vergleichbaren Wendungen, die tunesisch-französische Produktion dreht sich vielmehr im Kreis, wenn nach einem Weg gesucht wird, das Mädchen zu retten, aber das Team machtlos ist.
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Das ist alles nicht sonderlich subtil in der Kritik an dem israelischen Vorgehen. Kontexte werden auch nicht gegeben, man konzentriert sich allein auf diesen einen Vorfall und setzt dabei auf eine maximale Emotionalisierung. Dieser kann man sich aber nur schwer entziehen. Wenn ein kleines Mädchen zwischen ihrer toten Familie kauert und von Panzern beschossen ist, ist es fast unmöglich, nicht selbst erschüttert zu sein. Das macht <em>Die Stimme von Hind Rajab</em> zu einem nur schwer erträglichen Werk, das einen zwangsläufig sprachlos und wütend zurücklässt. Zur Debatte, wie sich die Krisen und Konflikte lösen lassen, hat der Film zwar nichts beizutragen. Aber er erinnert doch daran, was es heisst, Opfer in einem solchen Krieg zu sein, und macht aus dem titelgebenden Mädchen einen Menschen, der als Symbol für den Schmerz und die Verluste dient. Eine Stimme für diejenigen, die keine hatten.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2026/01/die-stimme-von-hind-rajab/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 24 Jan 2026 10:48:57 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Keine Bühne für Rammstein: Cover Band «Stahlzeit» in der St. Jakobshalle in Basel]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/keine-buehne-fuer-rammstein-cover-band-stahlzeit-in-der-st-jakobshalle-in-basel-009487.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Am 30. Januar tritt die Rammstein-Tribute-Band «Stahlzeit» in Basel in der St. Jakobshalle auf. Das nehmen wir zum Anlass, um daran zu erinnern, dass es im Fall Rammstein immer noch keine Gerechtigkeit gibt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Stahlzeit_-_2018314210918_2018-11-10_Stahlzeit_w.webp><p><small>Stahlzeit im Maimarktclub in Mannheim, 10. November 2018.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stahlzeit_-_2018314210918_2018-11-10_Stahlzeit_-_1D_X_MK_II_-_0505_-_AK8I3527.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sven Mandel</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>2023 wurde Till Lindemann, Frontsänger von «Rammstein» beschuldigt, mutmassliche sexuelle Übergriffe bei Konzerten der deutschen Rockband begangen zu haben. Der 60-jährige Sänger nutzte anscheinend die Macht seiner Berühmtheit und Anerkennung, um sich ein regelrechtes Rekrutierungs-System für Sex mit jungen, weiblich gelesenen Fans aufzubauen: Die «Row 0». Opfer berichten davon, dass sie am nächsten Morgen ohne Erinnerungen an das, was passiert war, aufwachten, also mutmasslich unter Drogen gesetzt wurden, und davon, dass Lindemann ihr Nein nicht akzeptierte.
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In Pausen und bei Afterpartys wurden von einer «Casting Director» spezifisch ausgewählte TINFA*s zu Lindemann eingeladen, ohne dass die eindeutig bestehende Erwartung kommuniziert wurde, mit ihm Sex zu haben. In manchen Fällen waren die Betroffenen minderjährig.
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Trotz zahlreicher Betroffener, die mit ihren eigenen Geschichten an die Öffentlichkeit traten, stellte die Staatsanwaltschaft Berlin das Verfahren Ende 2023 ein - wegen «nicht hinreichenden Tatverdachts». Im Gegenzug klagten Lindemanns Anwälte ein, dass die Betroffenen gewisse Aussagen öffentlich nicht mehr tätigen durften. Lindemann drohten keine Konsequenzen. Rammstein spielt weiterhin erfolgreiche Konzerte.
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Die Band war schon lange mit provokanten, gewaltverherrlichenden und auch frauenfeindlichen Texten bekannt. Was sonst als fiktive Kunstfigur oder Ironie verstanden werden könnte, wird hier zur bitteren Realität und lässt sich nicht von den Vorfällen trennen.
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Der Fall zeigt, dass Status und Geld in unserer Gesellschaft unangreifbar machen und die Stimme eines alten, weissen, reichen Manns mehr zählt als andere, selbst wenn es viele sind.
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Cover Bands wie «Stahlzeit», die Rammsteins Musik weiter spielen und die Bewunderung der Band aufrecht halten, tragen dazu bei, dass die Misogynie normalisiert wird, die zu Gewalt an TINFA*s führt.
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Wer öffentlich hinter mutmasslichen Tätern steht, verdient keine Bühne.
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Lindemann & co. wollen die Betroffenen zum Schweigen bringen, aber wir vergessen nicht, was passiert ist, und wir schweigen nicht. Unsere volle Solidarität gilt den Betroffenen. Wir akzeptieren nicht, dass Frauen*feindlichkeit applaudiert und sexualisierte Gewalt verharmlost und normalisiert wird. Deshalb:
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Stopp Machtmissbrauch<br>
Stopp Gewaltverherrlichung<br>
Stopp sexuelle Übergriffe<br>
Keine Bühne für Rammstein und Coverbands!<p><em>R.A.B. Basel</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 09:18:37 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/freizeit-oder-das-gegenteil-von-nichtstun-009486.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ronald Schernikau hat mit gerade mal 20 Jahren seinen Roman „Kleinstadtnovelle“ herausgebracht und wird 1980 zum Interview ins Fernsehen eingeladen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/FREIZEIT-still2_rgb_w.webp><p><small>Still aus dem Film "Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun".  Foto: OKNO und Markus Koob.</small><p>Das war vor über 45 Jahren für den Literaten der Durchbruch. Ein Ausschnitt aus diesen Filmauftritt steht am Beginn des Films „FREIZEIT oder: das gegenteil von nichtstun“ der Regisseurin Caroline Pitzen.
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Schernikaus Buch handelt vom Leben und Träumen von 17 jährigen Jugendlichen in einer kleinen Stadt in der BRD.  Was sagt das Buch Gleichaltrigen 37 Jahre später? Das ist das Thema von Pitzens Film. Knapp 70 Minuten wird eine Gruppe politisch aktiver junger Menschen gezeigt, geschlechtergerecht, zwei männlich und drei weiblich gelesene Personen. Sie stehen kurz vor dem Abitur und am Duktus ihrer Gespräche ist erkennbar, dass sie einen bürgerlich-mittelständischen Hintergrund haben. Das ist eine Feststellung und keine Kritik.
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Wir sehen die jungen Menschen beim Malen eines antifaschistischen Transparents, das in der nächsten Szene schon am Lautsprecherwagen einer linken Demonstration zu sehen ist. Dann sitzen die zwei jungen Männer im Grünen und diskutierten einen polizeikritischen Leitartikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Auffällig ist, wie sich die beiden jungen Radikalen über die kritischen Worte in der SZ freuen. Sie überlegen, wie toll es doch wäre, wenn der Text als Leitartikel abgedruckt würde. Doch einer der jungen Männer macht den Einwand, dann könnte er wohl nicht so radikal formuliert werden.
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Es fällt auf, wie reflektiert die jungen Leute sind. Dass wird in den zahlreichen Gesprächen, die die Gruppenmitglieder untereinander führen, sehr deutlich. In einer Szene geht es um die Vorbereitung von Aktionen gegen Gentrifizierung, in einer anderen diskutieren die zwei Frauen über ihre alltäglichen sexistischen Erfahrungen.
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Wer verändert die Welt?
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Besonders beeindruckend fand ich, wie sich die jungen Leute im Film mit linker Kultur befassen. So liest einer von ihnen aus einem Artikel über Klassen und Klassenkampf vor, den Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky 1930 in der Weltbühne geschrieben. Auch hier sieht man, wie es die jungen Leute bewegt und sie sich fragen, was der Text mit ihnen zu tun hat. In der letzten Einstellung schauen sich die Jugendlichen die berühmte letzte Szene des Films „Kuhle Wampe“ von Bert Brecht an. Dort sieht man eine Gruppe junger Kommunist*innen in einem Zugabteil darüber sinnieren, wer die Welt verändern wird. Die Szene endet mit dem Satz: „Die werden die Welt verändern, denen sie nicht gefällt.“
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Auch hier sieht man wieder, wie die Dialoge die jungen Leute bewegt. Für sie sind es keine historischen Fragen. Ihnen gefällt die Welt nicht, das wird im Film klar. Doch haben sie ein Interesse, die Welt zu verändern, das über die moralische Empörung hinausgeht? Wenn einer der Protagonisten sagt, dass alle Menschen es verdient hat, in einer Wohnung zu leben, in der sie genug Platz und Sicherheit haben“, dann geht es nicht mehr nur um die Frage, wem die Welt nicht gefällt, sondern wer ein Interesse daran hat, sie zu verändern. Dass die Antworten da oft weit auseinandergehen ist bekannt und hat vor mehr als 50 Jahren im Zuge der 68er Bewegung viele junge Linke von der moralischen Empörung zur Beschäftigung mit dem Kommunismus gebracht.
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Ihnen hat der Schriftsteller Uwe Timm in seinem Roman Rot im wahrsten Sinne des Wortes eine literarische Totenrede gewidmet. Eine zentrale Figur des Romans heisst Aschenbrenner, der in der 68er Bewegung zum Kommunisten wurde. An einer Stelle des Romans wird aus Notizen zitiert, die sich der junge Aschenbrenner als linker Aktivist zu Fragen des Wohnraums gemacht hat.
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„Im Zentrum von München, am Englischen Garten stehen Bankgebäude, Versicherungen, Bayerische Hypotheken Bank, Allianz, Münchner Rückversicherung, seht Euch die Gebäude an, am Abend, nachts, an Feiertagen, leer und tot stehen sie da. Statt dass dort Familien mit Kindern wohnen, wohnt dort das Kapital. Und die Leute finden es auch noch vernünftig, weil es ja die teuersten Grundstücke sind. Es ist das Unvernünftigste. Das muss umgewertet werden.“ Uwe Timm, Rot, Kiepenheuer & Witsch
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Aschenbrenner stellte sich also in der Nachfolge von 1968 die gleichen Fragen, die sich die jungen Leute 2017 im Film gestellt haben. Und er bemerkt den Unterschied zwischen denen, denen die Welt nicht gefällt und denen, die ein Interesse daran haben, sie zu verändern.Man kann nur wünschen, dass diese grundsympathischen jungen Linken aus dem Film, die ebenso wie die Figuren im Roman von Uwe Timm die Ecken, Kanten und Wände des bürgerlichen Staates zu spüren bekommen werden, das Ziel, die Welt zu verändern, nicht nur aus moralischen Gründen verfolgen, sondern auch weil die grosse Mehrheit ihrer Bewohner*innen daran ein Interesse haben müsste.
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2021 als der Film erscheint, schrieb ich in einer Besprechung: „Gern würde man einen Film sehen, der die gleichen Personen nach 5, nach 10, 15 oder 20 Jahren noch einmal befragt. was aus den Utopien und Hoffnungen ihrer Jugend geworden ist. Nun sind fast 8 Jahre nach dem Dreh des Films vergangen und es.<p><em>Peter Nowak</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 16:48:54 +0100</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[More than music? Neonazis in der (linken) Subkultur Leipzigs und darüber hinaus]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/neonazis-in-der-linken-subkultur-leipzigs-und-darueber-hinaus-009471.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Schon länger scheinen sich verschiedenste Konzertveranstalter_innen, Booking-Crews und Bands, vor allem aus dem Bereich Hardcore und Metalcore, von dezidiert linken, selbstverwalteten Locations wie dem „Conne Island“ in Leipzigs Süden abgewandt zu haben.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/spreegeschwader_4-Proberaum_w.webp><p><small>Akustik-Konzert der Band „Spreegeschwader“ im März 2025 im "Leipziger Westen".</small><p>Die dafür ursächlichen Gründe können hier nicht abschliessend bewertet werden. Fest steht aber, dass Konzerte dieser Subkultur stattdessen vermehrt im „Felsenkeller“ im Leipziger Westen stattfinden. Dort steht ein grosser Saal, der eigentliche „Felsenkeller“, sowie ein angegliederter kleinerer Saal, das „Naumanns Tanzlokal“, zur Verfügung.
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Dabei steht der „Felsenkeller“ weder für den Do-It-Yourself-Spirit, der durch die Punk- und Hardcore-Szene stark geprägt wurde, noch ist der „Felsenkeller“ ein explizit antifaschistischer (Schutz-)Raum.
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Schon länger scheinen sich verschiedenste Konzertveranstalter_innen, Booking-Crews und Bands, vor allem aus dem Bereich Hardcore und Metalcore, von dezidiert linken, selbstverwalteten Locations wie dem „Conne Island“ in Leipzigs Süden abgewandt zu haben. Die dafür ursächlichen Gründe können hier nicht abschliessend bewertet werden. Fest steht aber, dass Konzerte dieser Subkultur stattdessen vermehrt im „Felsenkeller“ im Leipziger Westen stattfinden. Dort steht ein grosser Saal, der eigentliche „Felsenkeller“, sowie ein angegliederter kleinerer Saal, das „Naumanns Tanzlokal“, zur Verfügung.
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Dabei steht der „Felsenkeller“ weder für den Do-It-Yourself-Spirit, der durch die Punk- und Hardcore-Szene stark geprägt wurde, noch ist der „Felsenkeller“ ein explizit antifaschistischer (Schutz-)Raum. Mit Bands aus der linken Subkultur wird zwar kokettiert, eine grundlegende Haltung sucht man hingegen vergeblich. Statt Einbeziehung und Diskurs geht es um Kommerz. Wenn die Kasse klingeln soll, ist es egal, wer da auf der Bühne steht und welches Publikum am Ende den Laden füllt. Progressive Werte sind dann maximal ein Lippenbekenntnis.
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Die folgende Recherche soll Aufschluss darüber geben, welche (extrem) rechten Akteur_innen Locations wie den „Felsenkeller“ für sich als Wohlfühlzone erkannt haben – vor, hinter und auf der Bühne. Darüber hinaus wird auf einzelne heraus stechende Personen eingegangen, die sich in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und in anderen Teilen Sachsens in der (linken) Subkultur verdingen. Diese Recherche ist eine Handreiche, die dabei helfen kann, Neonazis zu erkennen und von Shows zu verweisen.

<h3>Zwischen „Kublai Khan TX“ und „Stahlgewitter“ – das Ehepaar Vanessa und Tino Hänisch</h3>

Eine, die sich schon länger in Leipzig in der Subkultur bewegt, bislang aber nicht als Neonazi geoutet wurde, ist Vanessa H. Dabei ist sie Bassistin in der Rechtsrock-Band „Ethos“, der u.a. auch Gitarrist Mirko F. aus Thüringen angehört, sowie Dominik B. aus dem Raum Gütersloh an der zweiten Gitarre. Tino H. – Ehepartner von Vanessa H. – ist Sänger der Band und war bereits in den 2000er Jahren mit der Band „Selektion“ im RechtsRock tätig. Bevor Vanessa H. den Bass spielte, besetzte Tobias W. aus Thüringen, bekannt als Neonazi-Liedermacher „Bienenmann“, den Bass bei „Ethos“.
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Die (politische) Öffentlichkeit scheute das Ehepaar H. die letzten Jahre. Eines der wenigen bekannten Male, wo die Beiden an einem Aufmarsch in den letzten Jahren teilnahmen, war eine Versammlung von „Querdenken“ am 7. November 2020 in Leipzig. Unter den tausenden Teilnehmenden waren mehrere hundert organisierte Neonazis aus ganz Deutschland. Im Rahmen des Aufmarschs griffen diese Gegendemonstrant_innen und Journalist_innen an und durchbrachen Polizeiketten. Tino H. nahm zudem im Februar 2019 am neonazistischen „Gedenkmarsch“ in Dresden teil.
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Gegenwärtig betreibt Vanessa H. in Leipzig-Leutzsch ein Tattoo-Studio. Als Tätowiererin nahm Vanessa H. auch an einer Tattoo-Convention im Rahmen des neonazistischen „Schild & Schwert“-Festivals im April 2018 in Ostritz (Sachsen) teil. Sie hatte dort ihren Ehepartner Tino H. tätowiert und gewann laut eigenen Angaben den Tattoo-Contest.
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Mit Tino H. und Dominik B. – der auch als Gitarrist bei der Rechtsrock-Kultband „Sleipnir“ und als Solo-Musiker „Hermannskind“ aktiv ist, war Vanessa H. erst im August 2025 im „Felsenkeller“ zu Besuch, als dort die US-Hardcore-Bands „Kublai Khan TX“, „BANE“ und „Fit For A King“ spielten. Begleitet wurden die Neonazis dort von einer Freundin, die sich in den sozialen Netzwerken aktuell „Kennyvonowl“ nennt (früher nannte sie sich „Kristin A.“). Sie ist mit der Clique oft auf Konzerten anzutreffen, auch im extrem rechten Kontext. Zuletzt besuchte sie mit Vanessa Hänisch Ende März 2025 ein Konzert mit den NS-Hardcore-Bands „Burning Hate“ und „Eternal Bleeding“, die zusammen mit „Flak“ an einem bislang unbekannten Ort auftraten. „Kennyvonowl“ war ausserdem einige Zeit die Partnerin von Steffen Andrä, einem langjährig aktiven Neonazi aus dem Altenburger Land, der sich zuletzt als Anwärter bei den „Hammerskins Sachsen“ versuchte.
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Den „Hammerskins Rheinland“ gehört wiederum Philipp N., der als Liedermacher „Phil von Flak“ auftritt und Sänger der Rechtsrock-Band „Flak“ ist. Als Live-Gitarrist wirkt er ausserdem bei den bekannten Szene-Bands „Division Germania“ und „Stahlgewitter“ mit. Die erwähnten Neonazis Dominik B. und Tino H., gehören ebenfalls der aktuellen Besetzung von „Flak“ an und treten mit der Band vor allem auf Konzerten der mittlerweile in Deutschland verbotenen „Hammerskin Nation“ auf.
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Neumann, gebürtiger Rheinländer, lebt seit einiger Zeit nun schon im Osten Deutschlands, im Landkreis Stendal. Trotz seiner etlichen Aktivitäten in der Rechtsrock-Szene, verortet er sich selbst stärker im Hardcore-Bereich, wie er in den sozialen Netzwerken verlautbart. Besonders schwärmt er für Bands wie „Lionheart“. Ein weit verbreiteter Merchandise-Artikel seiner Neonazi-Band „Flak“ ist sogar an die beliebte Hardcore-Band „Terror“ angelehnt. So wurde aus „Keepers Of The Faith“, der rassistische, von „Flak“ umgedichtete Slogan „Keepers Of The Race“.

<h3>Proberaum und Tonstudio im Leipziger Westen</h3>

Bis Sommer 2025 war N. sehr regelmässig im Leipzig zu Gast, hauptsächlich um mit seiner Band „Flak“ zu proben. Deren Proberaum, samt Tonstudio, befand sich schliesslich im Wohnhaus von Tino H. im Leipziger Westen. Mehrfach trat dort N. auch vor ausgewähltem Publikum als Liedermacher auf, u.a. zur Feier anlässlich des 40. Geburtstages von Tino H. im Oktober 2024. Gekommen waren damals bis zu 50 Personen, darunter bekannte Leipziger Neonazis wie Istvan R., aber auch „Szene-Prominenz“ wie Kai N. („Proto NDS“) und Marcel H., der auch als Liedermacher „Einzelkämpfer“ bekannt ist. Der Proberaum von „Flak“ und „Ethos“ im Leipziger Westen war nicht nur einmalig Austragungsort von Feiern mit musikalischer Begleitung. Noch im März 2025 fand dort ein Akustik-Konzert u.a. mit „Spreegeschwader“ um Alexander Gast aus Berlin statt.
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Abseits von Feiern im privaten Neonazi-Kreis sind Vanessa Hä. und „Kennyvonowl“ in Leipzig auch auf Metal-Konzerten anzutreffen. Ein Bild aus den sozialen Netzwerken zeigt „Kennyvonowl“ etwa auf einem „Cannibal Corpse“-Konzert im „Felsenkeller“ im Oktober 2024, posierend mit dem langjährig in der rechten Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig aktiven Istvan R. Auch der Veranstaltungsort „Hellraiser“ in Leipzig-Engelsdorf ist ein beliebtes Ausflugsziel der Clique um Vanessa H. Gemeinsam mit „Kennyvonowl“ war sie dort im Januar 2024 zu Gast bei einem Konzert der Deathcore-Band „Slaughter To Prevail“.
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Das „Hellraiser“ ist nicht als linke Location bekannt, im Gegenteil. Immer wieder finden dort Konzerte mit Bands aus dem Black Metal-Bereich statt, die nicht selten mit der Neonazi-Szene verbandelt sind. So ist dort für Februar 2026 die Band „Nargaroth“ angekündigt, deren Sänger René W. mehrfach mit extrem rechten Äusserungen auffiel. Dass sich in der Location Björn R. als Konzert-Fotograf verdingen kann, etwa im Mai 2025 auf einem Konzert u.a. mit „Antrisch“, passt – wortwörtlich – ins Bild. R. stammt aus Ostwestfalen und ist seit ein paar Jahren in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) wohnhaft, wo er für die Neonazi-Partei „Der III. Weg“ aktiv ist.
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Bundesweit nimmt er an Aufmärschen der Partei teil und fertigt dabei Fotos, die der Propaganda der Partei in den sozialen Netzwerken dienen. Neben seiner Tätigkeit als Partei-Fotograf versucht er sich ausserdem in der Konzert-Organisation. Etwa im April 2023, als er im Neonazi-Objekt in Allstedt-Sotterhausen unter konspirativen Umständen ein NS-Black Metal-Konzert u.a. mit „Ahnenerbe“ durchzuführen versuchte. Das Konzert wurde letztlich durch Polizeikräfte aufgelöst. Auch auf Hardcore-Shows ist R. als Fotograf tätig. So fotografierte er „Walls Of Jericho“ auf dem „Full Rewind“-Festival Anfang August 2025 in Roitzschjora, Nordsachsen. Er freue sich schon auf das Festival im kommenden Jahr, verlautbarte er auf Social Media. Gleiches gilt für Events wie das „Wave Gothic Treffen“, das immer zu Pfingsten in Leipzig stattfindet und welches er schon 2025 mit seiner Partnerin besuchte.
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Als Wohnort haben Vanessa und Tino H. Leipzig mittlerweile verlassen. Seit Juni 2025 bewohnen die beiden ein Einfamilienhaus im Altenburger Land (Thüringen), nicht weit von Leipzig entfernt. Tino H. „Bauservice H.“ blieb zumindest offiziell mit Firmensitz in Leipzig bestehen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Veranstaltungsort „Bandhaus“ im Leipziger Westen. Auch Vanessa H. ist weiterhin in ihrem Tattoo-Studio in Leipzig-Leutzsch tätig.
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Postings aus den sozialen Netzwerken deuten darauf hin, dass am neuen Wohnort in Lucka ebenfalls Räumlichkeiten ausgebaut wurden, die für Aktivitäten mit ihren Rechtsrock-Bands genutzt werden. Auch der Proberaum im Leipziger Westen scheint für „Flak“ und „Ethos“ weiterhin zugänglich zu sein.
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In der politischen Öffentlichkeit zeigten sich Vanessa und Tino H. in ihrer neuen Heimat zuletzt am 3. Oktober 2025, als die extrem rechte Partei „Freie Sachsen“, gemeinsam u.a. mit „Die Heimat“ zu einer Kundgebung nach Altenburg mobilisierte. Dort trat schliesslich auch Philipp N. als Redner auf, der für die Neonazi-Partei „Die Heimat“ im Bundesvorstand sitzt.

<h3>In die Jahre gekommene „Autonome Nationalisten“ auf Shows</h3>

In der neuen Heimat der H.'s im Altenburger Land, wohnen etliche, teils seit Jahrzehnten aktive Neonazis, wie der bundesweit bekannte Hammerskin Thomas G. Auch G., Ende der 2000er und in den 2010er Jahren politisch federführend in der parteilosen Neonazi-Organisation „Freies Netz“ aktiv, versuchte schon damals unerkannt mit weiteren „Autonomen Nationalisten“ u.a. in Leipzig an Hardcore-Shows teilzunehmen. Ein solcher Versuch, einem Konzert im „Werk II“ in Leipzig-Connewitz beizuwohnen, endete vor vielen Jahren für ihn schmerzhaft. Begleitet wurde G. damals des Öfteren von Benjamin K., der in Lucka aufgewachsen ist. Bereits 2008, als er im nahen Groitzsch lebte, war K. auf dem Neonazi-Konzert „Fest der Völker“ in Altenberg als Ordner eingesetzt. Im Zuge der Entwicklung eines eigenen Ablegers des „Freien Netz“, zog Klein um 2010 nach Zwickau und war dort massgeblich am Aufbau der „Nationalen Sozialisten Zwickau“ beteiligt – gemeinsam u.a. mit dem NSU-Unterstützer André E.
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Das enge subkulturelle Umfeld von K. bildete die NS-Hardcore-Blase um die thüringisch-sächsischen Bands „Eternal Bleeding“, „Moshpit“ und „Brainwash“. Dieser Kreis versuchte immer wieder unerkannt an nicht-rechten Hardcore-Konzerten in alternativen Locations teilzunehmen, teils erfolgreich. Besonders die Alternative-, Nu-Metal und Metalcore-Abende in der Diskothek „BPM“ in der Nähe von Zwickau waren damals ein beliebter Treffpunkt der Neonazi-Clique. Dort fühlten sich die Neonazis anscheinend so wohl, dass sie im Dezember 2010 versuchten dort ein eigenes Konzert, mit Beteiligung bundesweit bekannter NS-Hardcore-Bands, zu veranstalten.
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Bis heute ist dieser Freundeskreis um Benjamin K., der sich nun seit einigen Jahren um die Dresdner RechtsRock-Band „Blutzeugen“ schart, in unterschiedlicher Konstellation regelmässig auf Punk-, Hardcore- und Metal-Konzerten anzutreffen. Besonders Mario R. – u.a. Gitarrist bei „Moshpit“ und „Blutzeugen“, sowie als Solo-Musiker „Stereotyp“ aktiv – sowie sein Bandkollege Ricardo G., sind dabei äusserlich nicht als Neonazis erkennbar. Sogar auf eigenen, szene-internen Konzerten tragen die beiden lieber Merchandise von Bands wie „Knocked Loose“.
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Ähnlich unauffällig gekleidet nimmt Benjamin K. an nicht-rechten Konzerten teil. Mit Istvan R. und Sören L. besuchte K. im Juni 2019 etwa ein „Slipknot“-Konzert in Leipzig. Damals trug K. noch Schnauzbart. Sören L. kennt er noch aus der gemeinsamen Zeit bei den „Nationalen Sozialisten Zwickau“. Bis heute ist dieser zudem Musiker bei „Eternal Bleeding“ und mit Klein an die Zwickauer „Eastside Boxpromotion“ um den „Kampf der Nibelungen“-Kämpfer und Neonazi-Hooligan Steffen R. angebunden.
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K.'s politische Tätigkeiten finden heute nur verdeckt statt. So war er längere Zeit in den sozialen Netzwerken als „b.riefenstahl“ und „beni.riefenstahl“ aktiv und teilte vor allem Propaganda der sogenannten „Neuen Rechten“. Mit seinem Instagram-Account betreute er ausserdem die Social-Media-Präsenz der Dresdner RechtsRock-Band „Blutzeugen“, wie auch die des heute in Südbrandenburg ansässigen Neonazi-Labels „OPOS-Records“.
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Mit Musikern von „Blutzeugen“ nahm Benjamin K. im Februar 2019 an einer Gedenkveranstaltung im Rahmen des neonazistischen „Tag der Ehre“ in Budapest teil. Aktuell ist Klein auf Social Media unter dem Pseudonym „Kvlturbanause“ aktiv. Seinen über 2.000 Followern präsentiert er sich als moderner Faschist, inspiriert von der italienischen „Casa Pound“-Bewegung und dem „Zentropa“-Netzwerk. „Was sagt du, wenn sie dich einen Faschisten nennen? Ich sage Danke!“, heisst es übersetzt in einem Posting von Klein im Sommer 2023. Unter dem Namen „Kvlturbanause“ ist Klein ausserdem Teil des Teams des Podcasts „von rechts gelesen“ des extrem rechten „Jungeuropa“-Verlags.

<h3>Südthüringer NS-Hardcore-Blase</h3>

Andere, die ebenfalls den „Autonomen Nationalisten“ entstammen und regelmässig auf ostdeutschen Hardcore-Shows auftauchen, sind Christopher K. und Marcus W. aus Südthüringen. Beide besuchten erst im Juni 2025 ein Konzert der US-Hardcore-Band „Terror“ im „Bandhaus“ in Erfurt. Wenig später waren sie Teilnehmer eines Konzerts der antifaschistischen Metalcore-Band „Heaven Shall Burn“ im Schützenhaus in Themar. Für ein Foto posierten sie dort hämisch vor einem antirassistischen Banner. Offenbar wurden sie vor Ort nicht als Neonazis erkannt. Erst kürzlich bewarb K. in den sozialen Netzwerken ausserdem ein Hardcore-Konzert u.a. mit „Passed Out“, „Wrecked Culture“ und „Words of Concrete“, das im November 2025 im Schützenhaus in Themar stattfinden wird.
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W. ist musikalisch von Bands wie „Heaven Shall Burn“, „Lionheart“ und „Ignite“ angetan und besucht deren Konzerte in Thüringen und Sachsen, etwa im „F-Haus“ in Jena oder auf dem „Impericon“-Festival in Leipzig. Er behauptet „Straight Edge Hardliner“ zu sein, ähnlich wie Christopher K., und bewegt sich im Dunstkreis der NS-Straight Edge-Gruppierung „Wardon 21“.
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Die Gruppe besteht aus einem Personenkreis, der in Südthüringen einst das Konzept der „Autonomen Nationalisten“ und „Freien Kräfte“ verfolgte. „Wardon 21“ ist ein wichtiger Unterstützer des europaweit einflussreichen Formats „Kampf der Nibelungen“. Philipp L., einer der Hauptprotagonisten von „Wardon 21“ neben dem aktuell inhaftierten Österreicher Manuel Eder, wirkt ausserdem bei der aktuell nicht aktiven NS-Hardcore-Band „Terrorsphära“ mit. Mit L. und den „Wardon 21“-Mitgliedern Philipp O. und Jörg H. hat Christopher K. auch beruflich zu tun. Die Vier sind für die „Eck Security“ tätig, die ihren Sitz in Mellrichstedt hat, an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern.
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Es überrascht hier wenig, dass alle genannten Mitglieder von „Wardon 21“ regelmässig und bundesweit Teilnehmer von nicht-rechten Hardcore-Shows sind. Bilder in den sozialen Netzwerken zeigen etwa Philipp O. mit Heiko D. aus Spremberg (Brandenburg) und Mario K. – beide langjährig aktive Neonazis – im Rahmen eines Konzerts von „Earth Crisis“ im Juli 2024 im „Cassiopeia“ in Berlin-Friedrichshain. D., der zudem den rechten Rockern des „Gremium MC Spremberg“ angehört, war auch im März 2025 bei einem Hardcore-Konzert mit „Agnostic Front“ und u.a. „Speed“ im Dresdner Club „Tante Ju“ zu Gast. Und, wie zu erwarten, im April 2025 im „Felsenkeller“ in Leipzig, als dort eine seiner Lieblingsbands, die Vegan-Straight Edge-Band „XDestroy BabylonX“, auftrat.
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Zur Einordnung: D. war einst selbst Musiker in nicht-rechten Hardcore-Bands in Brandenburg (u.a. „Roodmass“) gleichwohl er ideologisch gefestigt ist. Auf seinem Körper liess er sich das Motiv der „Schwarzen Sonne“ und der „Leibstandarte Adolf Hitler“ stechen, wie auch die Unterschrift von Adolf Hitler. Ausgestiegen ist er nie, auch wenn er beteuert weder rechts noch links zu sein und die offensichtlichen Neonazi-Symbole mit grossflächigen schwarzen Tattoos überdeckt sind.
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Für einen „Ausstieg“ spricht auch nicht, dass sein „108 Tattoo“-Studio aktuell in einem Gebäudekomplex in Spremberg ansässig ist, in dem sich auch die Firma „Wolff Systemmontagen“ befindet. Inhaber dieser Firma ist Sebastian W., Bassist der Rechtsrock-Band „Frontalkraft“ und „Club-Bruder“ von Heiko D. beim „Gremium MC Spremberg“. D. selbst war auch im Rechtsrock-Bereich tätig. 2023 gehörte er zur Besetzung der NS-Hardcore-Band „Terrorsphära“ – gemeinsam mit den „Wardon 21“-Mitgliedern Philipp L. und Manuel E., sowie Erik R. aus Allstedt-Sotterhausen (Sachsen-Anhalt) und Daniel K. aus dem Raum Strausberg (Brandenburg). Geprobt wurde damals im Neonazi-Objekt in Allstedt-Sotterhausen, wo Rothe mit seiner Partnerin und seinem Vater Enrico M. lebt. Auch R. ist ab und an auf Hardcore- und Deathcore-Shows anzutreffen, in der Vergangenheit auch in linken Räumen wie dem AJZ Chemnitz.
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Nicht zuletzt ist auch das „Wardon 21“-Mitglied Stefan W. aus dem Raum Magdeburg regelmässig auf Hardcore-Shows anzutreffen. In der Neonazi-Szene ist er als Sänger der NS-Hardcore-Bands „Painful Life“ und „Thrive On A Cross“ und als Schlagzeuger von „Burning Hate“ bekannt. Erst im Spätsommer 2025 war W. Besucher eines Konzerts der australischen Metalcore-Band „Parkway Drive“ in Leipzig.
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Begleitet wurde er dort von Henry L., der aus Hoyerswerda stammt und um 2015 nach Machern im Raum Leipzig verzog. Er ist ebenfalls fester Bestandteil des überregionalen neonazistischen Freundeskreises um Marcus W. und Christopher K.. Mit K. nahm Henry L. im Sommer 2018, wie auch im Sommer 2019 an RechtsRock-Grosskonzerten in Themar (Thüringen) teil. Im Oktober 2019 besuchte L. mit K. und W. ein Gedenkkonzert für den in den 90er Jahren verstorbenen US-amerikanischen Hammerskin Joe Rowan, das im Szene-Objekt in Kirchheim (Thüringen) ausgetragen wurde.

<h3>Umtriebig und gut vernetzt</h3>

Metal- und Hardcore-Konzerte besucht auch Norman W. aus dem Raum Annaberg-Buchholz (Erzgebirge) gern und häufig. Besonders wohl scheint er sich in der „Alten Brauerei“ in Annaberg-Buchholz zu fühlen, aber auch im „JZ Riot“ in Lichtenstein (Zwickauer Land) ist er ab und an zu Gast, etwa im April 2025 als dort „Comeback Kid“ und u.a. „Mental Terror“ auftraten.
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An seinem Wohnort gehört er der rechten „Kameradschaft Schwarzmetall Erzgebirge“ an und ist als Szenefotograf unter dem Namen „White Wolf“ tätig. U.a. fotografiert er in diesem Rahmen NS-Black Metal-Konzerte wie das „Eternal Hate Fest“, das jährlich im Sommer in Tschechien stattfindet. Seinem Hobby geht er oft gemeinsam mit weiteren Neonazis nach, etwa mit dem bereits vorgestellten Björn R., oder mit langjährig aktiven Neonazis wie Kevin S. aus Sachsen-Anhalt („Freigeist“-Fotografie) und Dominik H. aus Bayern („Tod.Feind“-Medien). Während S. das extrem rechte Medienformat „Media Pro Patria“ prägte, war H. lange Zeit bei „Der III. Weg“ aktiv und ist heute Teil der rechten Bruderschaft „Germanitas Othala“.
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In den sozialen Netzwerken bewirbt Norman W. regelmässig Musikproduktionen. Nicht wenige stammen dabei aus dem NS-Black Metal-Bereich, wie „Der Tod und die Landsknechte“, „Temnozer“, „Stahlfront“ oder „Black Magick SS“. Darüber hinaus verlinkt er in seinen Beiträgen u.a. das Neonazi-Label „OPOS-Records“, tritt als Unterstützer der extrem rechten Bekleidungsmarke „Leveler Clothing“ auf und posiert in Merchandise der NS-Hardcore-Bands „Terrorsphära“ und „Path of Resistance“. Sänger der letztgenannten Band, Mathias B. aus Mecklenburg-Vorpommern, ist seit Jahren auf nicht-rechten Hardcore-Shows anzutreffen, wie auch international regelmässig auf RechtsRock-Konzerten. Im Titelbild dieses Artikels ist er im Shirt der bekannten Hardcore-Band „Ignite“ zu sehen. Das Foto selbst entstand im Rahmen eines Neonazi-Konzerts anlässlich Adolf Hitlers Geburtstags im April 2019 in Italien.
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Auch Norman W. zeigt sich auf nicht-rechten Hardcore-Shows – auch im „Felsenkeller“ in Leipzig – gern in T-Shirts nicht-rechter Bands, wie etwa „Brawl Between Enemies“ und „One Step Back“. Mit „One Step Back“ ist er persönlich bekannt und fotografierte die Band als diese 2022 in der „Alten Brauerei“ u.a. mit „Punishable Act“ auftrat. Ein „dickes Dankeschön“ für die Fotos sendete „One Step Back“ damals an „white.wolf997“, das damalige Pseudonym von Norman W. in sozialen Netzwerken.
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Wenn er sich nicht als Fotograf vor der Bühne bewegt, steht W. auch gern selbst im Rampenlicht, aktuell als Sänger der Deathcore-Band „Canaima“ und der Black Metal-Band „Granitader“. Die Shows von „Granitader“ wirken wie ein Abklatsch der erzgebirgischen NS-Black Metal-Band „Stahlfront“, mit derem Gitarrist Björn E. W. schliesslich auch befreundet ist. Wie „Stahlfront“ nutzt „Granitader“ eine militärische Aufmachung, Fackel- bzw. Fahnenträger_innen inklusive.
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Bilder einer Fackelträgerin während eines Auftritts von „Stahlfront“ hat offensichtlich W. geschossen und auf seinem Account hochgeladen. Konzerte der Band finden ausschliesslich konspirativ statt. Eine Mütze mit dem SS-Totenkopf als Abzeichen, die diese Fackelträgerin während des Auftritts trug, retuschierte W. später in den veröffentlichten Bildern. „D.“, wie die Fackelträgerin mit Vornamen heisst, ist eine gute Bekannte von W. und im Erzgebirge häufig auf Metal-Konzerten als Tresenkraft anzutreffen.
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„Stahlfront“, seine Bekannte „D.“ und Björn E. sind aber nicht die einzigen „realen“ Verbindungen von Wolf in die Neonazi-Szene. Ein Foto aus 2024 zeigt ihn auch beim Camping mit dem bayerischen Neonazi-Kader Patrick S., wobei nicht nur Schröder, sondern auch W. mit dem „White Power“-Handzeichen posierten. 2024, das geht aus einem Foto-Rückblick in den sozialen Netzwerken hervor, nahm W. zudem an einem RechtsRock-Konzert mit dem bereits erwähnte Philipp N. – teil, das unter konspirativen Umständen in Lunzenau (Mittelsachen) veranstaltet wurde.
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Durch W.'s Anbindung an die nicht-rechte Subkultur hätte „Granitader“ im April 2025 beinahe ein Konzert mit der bekannten antifaschistischen Crust-Band „Downfall of Gaia“ in der „Alten Brauerei“ in Annaberg-Buchholz gespielt. Dank einer Intervention wurde „Granitader“ wieder ausgeladen. Der Weg von W. zur „Alten Brauerei“ bleibt trotzdem sehr kurz, denn niemand geringeres als Elisabeth G., seine Partnerin, ist dort für das Booking zuständig ist. Kaum vorstellbar, dass sie nichts von W.'s neonazistischen Umtrieben weiss.

<h3>Exkurs: wieder rechte Konzerte in Staupitz?</h3>

Von der Absage in der „Alten Brauerei“ liessen sich „Granitader“ nicht beirren und spielten seit dem eine handvoll Shows. Schon vor der geplanten Show im April 2025 im Erzgebirge, spielte die Band im März 2025 in Nordsachsen, genauer noch in Torgau Ortsteil Staupitz. Austragungsort des Konzerts war der in der Neonazi-Szene beliebte „Alte Gasthof Staupitz“. Von 2008 bis 2023 gingen dort über hundert RechtsRock-Konzerte, mit teils internationalen Line-up und Publikum, über die Bühne.
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Heute kann man sich in das Objekt, das mittlerweile den Namen „Hildes Tanzbar“ trägt, einmieten. So geschehen im März 2025, als dort die Black Metal-Konzertreihe „Nachtgroll“ das erste Mal über die Bühne ging. Neben „Granitader“ trat u.a. auch die Black Metal-Band „Flammenaar“ aus Nordsachsen auf, deren Schlagzeuger während des Konzerts ein Shirt der RechtsRock-Band „Übermensch“ trug. Das Merchandise von „Granitader“ betreuten wiederum Mitglieder der rechten Bruderschaft „Germanitas Othala“, Bilder vom Konzert schoss Björn R.
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Auch die zweite Auflage des „Nachtgroll“ im Oktober 2025, wo u.a. die Torgauer Hardcore-Band „Eastcore“ auftrat, wurde von R. fotografisch begleitet. Von der „Nachtgroll“-Crew gab es dafür in den sozialen Netzwerken einen „Fetten Dank“, sowie eine Verlinkung seines Profils. Allzu viel scheint sich in Staupitz seit 2023, seit dem vermeintlichen Aus als extrem rechter Veranstaltungsort, also nicht geändert zu haben.

<h3>Tagsüber AfD, abends im Moshpit</h3>

Auch Karl M. aus Zwickau bewegt sich seit längerem schon ohne grossen Widerspruch auf Hardcore- und Metal-Shows. Er ist der Bruder des seit den 90er Jahren aktiven Neonazis Paul M., der in der Szene durch sein Wirken bei den RechtsRock-Bands „Blitzkrieg“, „Leichenzug“, „Stahlfront“, „Front 776“ und „Der Tod und die Landsknechte“ bekannt wurde. In Puncto Bekanntheit steht Karl M. seinem Bruder allerdings in Nichts nach, schliesslich ist er Hautverantwortlicher der Black Metal-Konzertreihe „Hell Unleashed“, die seit Jahren im Zwickauer „Club Seilerstrasse“ stattfinden kann. Einzig ein Konzert mit der französischen NS-Black Metal-Band „Peste Noire“ im April 2017 mussten die Organisatoren um M. kurzfristig in einen Gasthof in Culitzsch bei Zwickau verlegen. Ein Konzert mit der finnischen NS-Black Metal-Band „Clandestine Blaze“ im Oktober 2025 konnte hingegen wie gewohnt in der Seilerstrasse stattfinden. Etliche Neonazis folgten der Einladung.
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In der neonazistischen Black Metal-Szene ist Karl M. seit etlichen Jahren aktiv. Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Janice S. – die ursprünglich aus Neufra (Baden-Württemberg) stammt, heute in Kahla bei Jena wohnt und dort als Tätowiererin „Black Sun Tattoo“ tätig is – nahm er schon 2016 am NS-Black Metal-Grosskonzert „Hot Shower Festival“ in Mailand (Italien) teil. Damals stand dort auch Paul M. mit „Leichenzug“ auf der Bühne, während im Publikum etliche Male der Hitlergruss gezeigt wurde.
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Im „Club Seilerstrasse“ organisierte Karl M. in den letzten Jahren aber auch Oi-Punk-Konzerte, etwa mit „Trabireiter“ aus Erfurt oder „Discipline“ aus den Niederlanden. Auch ein Konzert mit dem rechten Neofolk-Projekt „Barditus“ konnte 2023 dort durchgeführt werden. Aufschreie aus der Zivilgesellschaft bezüglich des extrem rechten Treibens finden in Zwickau nur selten Gehör. Dabei ist die Verstrickung der neonazistischen Subkultur mit der AfD in kaum einer Stadt so offensichtlichen, wie in Zwickau. Denn auch Karl M. ist lokalpolitisch aktiv, und sitzt für die AfD im nahen Glauchau im Stadtrat. Dort ist er Fraktionsvorsitzender und wurde 2024 sogar zum vierten Stellvertreter des Oberbürgermeisters gewählt. Auch das politische Vorfeld der Partei gehört zu Karl M.'s Betätigungsfeldern. Zuletzt war er Besucher eines Verlagstreffens des extrem rechten „Jungeuropa“-Verlags in Freital bei Dresden im September 2025.
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Mit M. war um 2021 auch Marco G. in Glauchau für die AfD tätig. Auch er ist kein Unbekannter im NS-Black Metal-Bereich. Er ist Betreiber des Labels „Purity Through Fire“, das seinen Sitz in Lichtensteiner Ortsteil Heinrichsort hat.
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Wenn Karl M. auf Hardcore-Konzerten unterwegs ist, dann oft in Begleitung verschiedener Personen, die seit den 90er Jahren Teil der westsächsischen Hardcore-Szene sind. Eine Person, die sich in den sozialen Medien „xmurderiox“ nennt, ist mit M., wie auch mit dessen ehemaligen Partnerin Janine S. eng befreundet. Wenn sich „xmurderiox“ auf Social Media nicht als Teilnehmer diverser Shows im „JZ Riot“ in Lichtenstein, im „AZ Dorftrottel“ in Waldkirchen, in der „Chemiefabrik“ in Dresden, im „UT Connewitz“ in Leipzig oder zuletzt an der Bühne bei einem Konzert von „Shelter“ im Leipziger Felsenkeller präsentiert, teilt er seinen Followern regelmässig mit, welche neuen CDs und LPs er erstanden hat. Dabei reicht seine Sammlerleidenschaft von Vegan Straight Edge-Metal hin zu rechtem Neofolk, NS-Black Metal und RechtsRock wie „Skrewdriver“.
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Die Hardcore-Szene im Zwickauer Land ist bis heute sehr aktiv und facettenreich. Über viele Jahre konnte sie in Läden wie dem „JZ Riot“ wachsen und gedeihen und war dabei immer bemüht, Neonazis und anderen Menschenfeinden die Stirn zu bieten. Neben dem politischen Bewusstsein und dem Wertegefüge vieler lokaler Akteur_innen bildete u.a. die „Good Night White Pride“-Kampagne dabei einen wichtigen Ankerpunkt. Es ist immer einfach, von aussen Schwachstellen aufzuzeigen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass das Outing von Neonazis wie M. und seinem Kameraden „xmurderiox“ als Teilnehmer von Konzerten in Läden wie dem „JZ Riot“, solidarisch und in keinster Weise als Vorwurf zu verstehen ist. Es ist – wie an vielen Stellen dieses Artikels – ein kleiner Reminder, dass Hardcore-Shows immer noch von Neonazis besucht und dadurch beeinflusst werden (können).

<h3>Kein provinzielles Problem</h3>

Das Problem mit Neonazis in alternativen, linken Locations ist bei Weitem kein ausschliesslich sächsisches Problem. Hardcore-Shows und Metal-Konzerte gehören bundesweit zum beliebten Ausflugsziel der extremen Rechten, auch weil die eigene Szene nur vereinzelt musikalisch mithalten kann. Zudem finden schon länger keine grösseren RechtsRock-Konzerte in Deutschland statt, da die Behörden mitunter sehr restriktiv geworden sind und dagegen vorgehen.
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Werden Neonazis auf nicht-rechten Konzerten angesprochen und geoutet, wissen sie oft nicht, wie ihnen da geschieht. Etwa im April 2023, als Sven Z. aus Tangerhütte (Sachsen-Anhalt) – Musiker u.a. bei den Neonazi-Black Metal-Bands „Absurd“ und „Grand Belials Key“ und Betreiber des NS-Black Metal-Labels „World Terror Committee Productions“ – in Berlin-Kreuzberg, auf einem Konzert im „Lido“ auf seine extrem rechten Aktivitäten angesprochen wurde. Damals mussten er und seine Partnerin noch vor dem Headliner das Konzert verlassen – laut eigener, wehleidiger Aussage wohl nicht zum ersten Mal. 2024 begleitete Zimper die rechte Black Metal-Band „Horna“, 2025 dann die ebenfalls fragwürdige Band „Sargeist“ auf ihrer Europa-Tour. Bei beiden Touren mit gefahren war auch Lisa R. aus Leipzig, mindestens bei der Tour mit „Horna“ 2024 zudem Stephan K. aus Jena. K. ist Betreiber von „Parasite Gallows Booking“, für die auch Lisa R. arbeitet(e). R. ist darüber hinaus unter dem Namen „Salowe Vison“ als Grafik-Designerin tätig. Der Sitz des Unternehmens liegt in Leipzig-Connewitz, wo sie offenbar bis heute von einem Teil der nicht-rechten Black Metal-Szene geduldet wird.
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Am besagten Konzert im „Lido“ mit dem Neofolk-Musiker „King Dude“, der sich damals auf der Bühne deutlich u.a. gegen Donald Trump positionierte, nahm nicht nur Sven Z. teil, sondern auch Mario S., der heute in Brandenburg an der Havel lebt. Er ist seit Jahren Teil der extrem rechten Szene, aber auch immer wieder vor allem auf nicht-rechten Metal-Konzerten zu Gast. Mit der Neonazi-Szene in Sachsen-Anhalt, wo er ursprünglich herkommt, ist er bestens vertraut und unterhält dort zu dem mehrfach erwähnten Björn R. gute Kontakte, wie auch zu Kevin S.
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Gemeinsam mit den beiden war S., bekleidet mit einem Shirt der RechtsRock-Band „Skrewdriver“, im Oktober 2023 auf dem Black Metal-Festival „Black Hole Germania“ zu Gast, das in der Balver Höhle in Nordrhein-Westfalen ausgetragen wurde. R. fertigte dort Fotos, wie auch im Februar 2025, als das Festival in der Schweiz stattfand. Eine Winter-Edition des Festivals soll im Übrigen im Dezember 2025 im Leipziger Club „Hellraiser“ stattfinden. Mit Neonazis muss gerechnet werden, denn das Festival selbst bot dem neonazistischen Teil der Subkultur schon ein paar Mal eine Bühne. Erst im Februar 2025 wurde die finnische NS-Black Metal-Band „White Death“ eingeladen.

<h3>Neben den „Kassierern“ und beim „Rock Against Communism“</h3>

In Hinblick auf Punk- und Hardcore-Shows in Berlin-Kreuzberg und darüber hinaus, bewegt sich auch ein anderer seit jeher sehr selbstbewusst: Martin D., Sänger der rechts-offenen Oi-Punk-Band „Lucky Punch“ aus Berlin. Wie kaum eine andere wandert die Band seit über 15 Jahren „zwischen den Welten“. Mal stand sie im Vorprogramm von bekannten Bands wie „Die Kassierer“ und „Pöbel & Gesocks“, mal teilte sie sich mit waschechten Neonazi-Bands die Bühne, etwa mit „Randall Gruppe“, „Bootboys Social Club“ oder „Old Firm“ 2012 in Tschechien.
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Das Musikprojekt, deren Lieder vor allem mit sexistischen Inhalten gefüllt sind, kann als „Grauzone“-Vorzeigeband bezeichnet werden. Oberflächlich will man nichts mit Politik zu tun haben, ist aber gegen „Politcal Correctness“. Konkret bedeutet das, dass die Band auch im Rahmen rechts-offener und extrem rechter, teils unter konspirativen Umständen durchgeführter Veranstaltungen auftritt, während gleichzeitig eine Nähe zur linken Subkultur besteht. Eine Abgrenzung findet nicht statt, wodurch Grenzen immer wieder verschwimmen.
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Sich selbst macht es D. im Privaten wesentlich einfacher. Zu seinem Freundeskreis gehören schliesslich ganz offen auftretende Nazi-Skins. 2022 waren er und seine Partnerin K. Teil einer „illustren“ Reisegruppe im Rahmen eines Konzerts von „Bombecks“ und „Hafenhauer“ im Raum Rostock. Ein Gruppenbild zeigt die beiden inmitten ihres Berliner Freundeskreises, von dem einige Personen Shirts von RechtsRock-Bands wie „Kahlkopf“ und „Endsieg“ tragen. Auch der (ehemalige) Schlagzeuger der rechten Berliner Oi-Band „Bullenschubser“, der bislang nur als E. bekannt ist, ist auf dem Gruppenbild zu sehen, bekleidet im Shirt der Nazipunk-Band „Kriegsberichter“. Auch mit „Bullenschubser“ teilte sich „Lucky Punch“ schon mehrfach die Bühne.
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Bei der Teilnahme an rechten Konzerten beschränken sich Martin D. und K. nicht auf Deutschland. Im Juni 2023 nahmen sie am Festival „Chaos In The Sun“ teil, dass konspirativ auf dem Anwesen der Rocker des „Pawnees MC Maresme“, ausserhalb von Santa Barbara bei Barcelona (Spanien), stattfand. Gespielt hatten dort RechtsRock-Bands wie „London Breed“ und „Thumbscrew“, während die Security des Konzerts von deutschen Neonazis der Bruderschaft „Voice of Anger“ unterstützt wurde.
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Das Zeigen von Hakenkreuz-Tattoos und RechtsRock-Shirts, sowie die Anwesenheit dutzender deutscher Neonazis – u.a. der bereits oben im NS-Black Metal-Kontext erwähnte Mario S. – schienen für D. und seine Partnerin kein Problem gewesen zu sein. Für 2026 ist u.a. die deutsche RechtsRock-Kultband „Endstufe“, sowie die US-amerikanische Neonazi-Band „Evil Inside“ angekündigt.
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Aktuell ist D., der beruflich die Firma „DinAir GmbH“ leitet, auch weiterhin mit der rechten Subkultur verbunden, nimmt etwa an Kneipenabenden im „Heinzelmännchen“ in Berlin-Lichtenberg teil, wo sich seit einiger Zeit regelmässig rechte Skins aus Berlin und Brandenburg einfinden. Der sich dort treffende Freundeskreis ist eng mit der rechten Konzertreihe „Oi! The New (Old) Breed“ verwoben, hinter der Mitglieder der Band „Bullenschubser“ und u.a. Ralf L.  stecken. L. war in den 90ern bis in die 2000er Jahre Teil der militanten neonazistischen „United Skins“.

<h3>Anstellung statt Rauswurf im „Felsenkeller“</h3>

Im Schlepptau des „unpolitischen“ Luckow befand sich noch vor wenigen Jahren regelmässig Marco K. aus Berlin. K. gehörte der Satire-Partei „Die Partei“ an, während er sich gleichzeitig in der rechten Oi-Szene bewegt. Seine Aktivitäten versteckte er zu keinem Zeitpunkt und gewährt bis heute in den sozialen Medien viele Einblicke in den Freundeskreis um L. und andere Berliner Nazi-Skins. Auf vielen Bildern ist K. selbst mit Shirts rechter Oi-Bands bekleidet, etwa „Condemned 84“, „Close Shave“, „Public Enemy“ und „Likedeelers“. Andere Bilder von Mai 2019 zeigen ihn bierselig Arm in Arm mit Ralf L. und Christian O. aus dem Hamburger Raum, der als Bandmitglied der RechtsRock-Band „Abtrimo“ bundesweit bekannt ist.
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Darüber hinaus gehört K. der rechten Berliner Oldschool-Hooligan-Gruppe „Wannsee Front“ an, die in der Fanszene von Hertha BSC aktiv ist. Als die Gruppe im September 2013 ihr 30-jähriges Bestehen feierte, an dem Koppe teilnahm, stand u.a. ein langjähriges Mitglied der mittlerweile verbotenen Neonazi-Bruderschaft „Hammerskins Berlin“, am Grill. Zu der Feier war auch die „Borussenfront“ aus Dortmund gekommen, die u.a. von „SS Siggi“, Siegfried Borchardt (gestorben 2021), mitgegründet wurde.
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Seit dem ist K. weiterhin mit der „Wannsee Front“ in unterschiedlichen Feierkontexten und im Stadion anzutreffen. 2023 teilte er in den sozialen Netzwerken eine Grafik zum 40-jährigen Bestehen der Gruppierung, ein Jahr später ein Foto, das ihn im Shirt der Gruppe im Stadion zeigt.
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Mit Marc K. schliesst sich der Kreis nach Leipzig, schliesslich zog er um 2021 in die Messestadt und fand einen Arbeitsplatz im „Felsenkeller“ im Leipziger Westen. Auch wenn er seit Sommer 2025 dort nicht mehr angestellt ist und mittlerweile laut eigenen Angaben im Altenburger Land (Thüringen) lebt, ist er immer noch regelmässig im „Felsenkeller“ vor und hinter der Bühne anzutreffen. Wenn er dort nicht ist, spielt K. auch gern mal in der Kneipe „Old Rebel“ auf der Zschocherschen Strasse Dart.
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Die im Südstaaten-Stil gehaltene Bar wird von Alexander M. betrieben, der selbst mit einer Reenactment-Gruppe jährlich den amerikanischen Bürgerkrieg nachspielt. In seiner Kneipe prahlt M. damit, dass er zu den Halloween-Feiern im „Old Rebel“ im Outfit der rassistischen Organisation „Ku-Klux-Klan“ hinter dem Tresen steht. Dort liegen auch etliche CDs einschlägig bekannter RechtsRock-Bands. Die Widmung „Für ‚Old Rebel' – Lunikoff“ steht etwa auf einer CD der Band „Old Lu & die Mississippi Lynchkapelle“ um den ehemaligen „Landser“-Sänger Michael R. aus Berlin. Regelmässig habe er laut eigenen Verlautbarungen, die Konzerte von L. besucht. Bilder zeigen Meyer darüber hinaus auf einem AfD-Aufmarsch in Berlin im Oktober 2022.

<h3>Der „Felsenkeller“ als Türöffner der rechten Oi-Szene</h3>

Auch durch das Arbeitsverhältnis von K. wurde der rechts-offenen und rechten Oi-Szene im „Felsenkeller“ die Tür geöffnet. Eine Szene, mit der sich länger auch im „Conne Island“ auseinandergesetzt werden musste, bis Hausverbote erteilt und Konzerte mit Bands aus der „Grauzone“ abgesagt worden. Dies tat dem Konzertgeschehen im Leipziger Süden enorm gut und wirkte wie ein Selbstreinigungsprozess. Unterschiedliche rechts-offene Personen verweilen seit dem nicht mehr in den umliegenden Kneipen, weil eine Sensibilisierung für das Thema stattfand.
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Diese verstossene Szene nistet sich aktuell im „Felsenkeller“ ein, wie auch anhand der ersten Auflage des „Oi! The Blast“-Festivals im April 2025 ersichtlich wird.
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Während am Nachmittag Marco K. als „DJ Kloppe“ im Biergarten auflegte, spielten im Laufe des Abends u.a. die deutschen Oi-Bands „Trabireiter“ und „Dolly D.“, sowie internationale Grössen wie „Discipline“ aus den Niederlanden und „Panzerknacker“ aus Österreich. Kritik und Vorwürfe, dass die Bands teils aus der rechten Szene stammen und mit ihrer Vergangenheit nie richtig aufgeräumt haben, interessierten die Veranstalter_innen, also den „Felsenkeller“ und die Magdeburger Booking-Agentur „Spirit From The Street“, wenig. Im Fall von „Discipline“, die schon 2018 für ein Konzert im „Felsenkeller“ angekündigt waren, kommt hinzu, dass die Band bis heute aufgrund ihrer konservativen bis rechten Ansichten grossen Anklang in der Neonazi-Hooliganszene findet.
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Eine Show mit „Discipline“, die in ihrem Song „Death Penalty“ die Todesstrafe für Kinderschänder fordern, im Osten Deutschlands zu veranstalten ist fahrlässig. Für Menschen im queer und antifaschistisch geprägten Stadtteil rund um den „Felsenkeller“, sind solche Konzerte und das entsprechende Publikum bedrohlich. Es ist unbegreiflich, wie der „Felsenkeller“ so ein Line-Up zulassen kann. Dass „Discipline“ darüber hinaus kritikwürdig ist, wird hinsichtlich eines Konzerts im November 2025 deutlich. Angekündigt ist nämlich der Auftritt der Band, gemeinsam mit der rechten Oi-Band „The Pride“ in der Location „Barock“ in Brugge (Belgien). Die Location ist vor einigen Jahren in die Fussstapfen der bekannten Neonazi-Bar „De Kastelein“ getreten. Nicht zuletzt weil der Betreiber der „Barock“-Bar, Fabian D,, auch für das „De Kastelein“ verantwortlich war. D. ist darüber hinaus Sänger der Neonazi-Band „Les Vilians“.

<h3>Rechten Künstlern die (Podcast)Bühne bieten</h3>

Es verwundert nicht, dass auch Martin D. aus Berlin den Weg zum „Oi! The Blast“ im Frühjahr 2025 fand. Für 2026 wird bereits die Werbetrommel für eine Zweitauflage des Ein-Tages-Festivals gerührt, auf dem u.a. „Bierpatrioten“ spielen sollen. Auch ein Live-Podcast gehört zum Programm, wie bei der Premiere des Festivals 2025, als dort Constantin F. seinem Podcast „Siegfried und Oi!“ aufnahm. F. wurde von seinem „Kumpel K.“ schon 2024 in den „Felsenkeller“ eingeladen, als dort das „This Is Ska“-Festival stattfand.
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Mit dem Podcast trifft Fritz den Nerv der rechts-offenen Oi-Szene. Seine Podcast-Gäste müssen sich nicht verbiegen, müssen nicht „politisch korrekt“ sein. So auch beim „Live Podcast“ im Rahmen des ersten „Oi! The Blast“-Festivals, als er die Band „Panzerknacker“ aus Wien interviewte. Immer wieder wurden Andeutungen gemacht, dass der Band ja ein Ruf vorauseilt, dass man gewisse Lieder beim Konzert nicht spielen werde – oder vielleicht doch, wie gescherzt wird. Zudem spielte Fritz die Aktivitäten des Sängers der Band im neonazistischen Fussballmilieu Wiens im Podcast runter.
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Constantin F. spricht sich zwar auch gegen Neonazi-Skins aus, vor allem aus eigener negativer Erfahrung, aufgewachsen als Punk in Mecklenburg-Vorpomern, bietet dann aber rechten Skins eine Plattform. Zu seinen Gästen zählte nämlich nicht nur der ehemalige Sänger der rechten Oi-Band „Rabauken“, sondern auch R., der Ehepartnerin der einst bekannten veganen Aktivistin Kim S. aus Dortmund. R. stammt aus Österreich und zog mit Strickling Mitte der 2010er Jahre nach Margate (England).
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Im Sommer 2017 nahm R. am Grosskonzert „Rock gegen Überfremdung“ in Themar (Thüringen) teil, wo tausende Neonazis beim Auftritt der Band „Stahlgewitter“ kollektiv den Hitlergruss zeigten. Als R. und Kim S. im Herbst 2018 in England heirateten, waren auch einige deutsche Neonazis geladen, darunter etwa der Hammerskin Philipp N. Die Verbindung von „Roman“ in die Neonazi-Szene kann Constantin F. nicht entgangen sein. Vielmehr blendet er diese im Podcast aus und stellt auch die Teilnahme von R. an einem Konzert der rechten Oi-Band „Condemned 84“ als normales Ereignis in der Erlebniswelt eines Skins dar.
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Auch hier „vergisst“ F., dass „Condemned 84“ bereits vor knapp 25 Jahren im „Skinhouse Milano“, dem Clubhaus der italienischen Hammerkins, spielten und sich seit dem regelmässig international die Bühne mit zig rechten Bands, in einschlägigen Locations teilen – zuletzt im Oktober 2025, als sie im „Gradus Club“ in Verona, dem Clubhaus der Neonazi-Organisation „Veneto Fronte Skinheads“, u.a. mit der deutschen Band „Prolligans“ auftraten.
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Eine Live-Aufzeichnung von F.'s Podcast gab es auch auf dem „Spirit“-Festival, dem Haus-Festival des „Spirit From The Street“-Booking. Das Festival gilt als „Familientreffen“ der Oi-und Punkszene, auch unter Beteiligung von Personen wie dem erwähnten Martin D. aus Berlin. Ein Foto vom Festival 2025 zeigt ihn u.a. mit Stefan L. aus Sachsen-Anhalt. L. ist auch auf zahlreichen Bildern des Punk-und Hardcore-Festivals „Aint Like You“ zu sehen, oft an prominenter Stelle. Der stark tätowierte Selbstdarsteller ist Sänger der Streetcore-Band „Rascals Inc“ aus Sachsen-Anhalt, in der niemand geringeres als Stefan B. an der Gitarre steht. Bekannt ist dieser als langjähriges Mitglied der Neonazi-Hooligan-Band „Kategorie C“.
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Das Fehlen einer gründlichen politischen Auseinandersetzung auf Festivals lädt nicht nur den rechts-offenen Rand der Oi-und Punkszene ein. Auch langjährig aktive Neonazis wie Sebastian R. aus dem Raum Dresden finden so immer wieder Schlupflöcher in der „unpolitischen“ Szene. Besonders die „alten“, nicht-rechten Kult-Bands „Cock Sparrer“ und „UK Subs“ haben es Reiche angetan. Für Konzerte der Bands reiste er schon alleine nach Berlin.
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In R.'s Freundeskreis um die RechtsRock-Bands „Selbststeller“ und „True Aggression“ aus Riesa, wächst schon der Neonazi-Nachwuchs nach, der ebenfalls auf nicht-rechten Oi-und Punk-Konzerten zu treffen ist. Erwähnenswert ist dabei besonders Wieland H. aus Grossenhain bei Riesa, der in seinem Nazi-Skin-Freundeskreis tonangebend ist. Er ist der Sohn von Volker H., dem Schlagzeuger von „Selbststeller“.

<h3>Wirklich nur ein Problem von aussen?</h3>

Die Ausrichtung von Konzerten wie dem „Oi! The Blast“ und die Anstellung vom rechten Skinhead Marco K. im „Felsenkeller“ sind nur die Spitze des Eisbergs in der Location im Leipziger Westen. Erwähnenswert ist schliesslich auch Philipp H., der den Podcast „A Distanza“ zum Teil in den Räumen des „Felsenkeller“ aufnimmt. Auch moderierte er im März 2025 eine Lesung mit dem neoliberalen Autoren Ulf P., die unter der Schirmherrschaft der FDP-nahen „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ stand. P. steht seit Jahren in der Kritik, dass dürfte auch dem „Felsenkeller“ nicht entgangen sein. Trotzdem konnte die Lesung genau dort stattfinden.
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Philipp H. wiederum lässt sich in seinem Podcast gern über die Klimabewegung aus, referiert gegen „intersektionalistische Bullshit-Theorien“ und „Wokeness“, reproduziert islamophobe Stereotypen und wird bei all dem nicht müde zu erwähnen, wie toll die Zeit doch war, als es auf Hardcore/Punk-Konzerten noch kein Awareness-Team gab. Stattdessen durfte man(n) sich oberkörperfrei im Pogo bewegen und politisch unkorrekt sein, ohne dass es man direkt gecancelt wurde. H. stammt selbst aus der linken Szene und war ebenfalls in der Subkultur aktiv.

<h3>Rechter Neofolk im „Felsenkeller“</h3>

Wenige Monate vor der Lesung mit Ulf P. konnte ausserdem das rechte Neofolk-Projekt „Death In Rome“ im „Felsenkeller“ auftreten. Ein bekanntes Werk der Band ist eine Coverversion des Pop-Songs „Barbiegirl“. Im Internet ist der Song mit einer Grafik verknüpft, die den NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie zeigt.
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Begleitet wurde „Death In Rome“ im „Felsenkeller“ im Januar 2025 vom Musiker Miro S. alias „Herr Lounge Corps“, eine umtriebige Gestalt in der rechten Neofolk-und Black Metal-Szene. Angekündigt war dieser nur als „Special Guest“, wahrscheinlich um mögliche Kritik im Vorfeld des Konzerts zu unterbinden. Ein kurzer Blick ins Social Media-Profil von S. bzw. „Herr Lounge Corps“, gibt einen Blick in eine extrem rechte Weltanschauung frei, die in einem Kulturbetrieb wie dem „Felsenkeller“ nichts verloren hat.
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Immer wieder macht der Künstler Anspielungen auf rechte Szene-Codes und posiert darüber hinaus mit Protagonist_innen der rechten Neofolk-Szene. Ein Bild zeigt ihn auch mit Douglas P., der mit seinem Projekt „Death In June“ musikalisch und politisch als Wegbereiter der Szene gilt. S. wirkte mehrfach auf Produktionen von „Death In June“ mit.
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Ein Blick in die sozialen Netzwerke hätte also ausgereicht, um eine Unvereinbarkeit von „Death In Rome“ und „Herr Lounge Corps“ mit dem „Felsenkeller“ feststellen zu können.
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Während Konzerte mit „Death In Rome“ und „Herr Lounge Corps“ 2023 im „Urban Spree“ in Berlin und im Leipziger „Bandhaus“ abgesagt worden, steht der „Felsenkeller“ dem Neofolk-Label „Only The Sun Knows“ aus Dessau (Sachsen-Anhalt) seit fast zehn Jahren für Konzerte treu zur Seite. Dem Label gehört u.a. Miro S. mit „Herr Lounge Corps“ an, der mit dem Inhaber des Labels, Jan-Steven F., eng befreundet ist. F., der auch das Dessauer Oi-Punk-Label „Halb 7 Records“ betreibt, zeigt sich in den sozialen Netzwerken im Shirt der extrem rechten Neofolk-Band „Death In June“ und teilt unkommentiert Grafiken, die durch ihre Mehrdeutigkeit wohl provokativ zu verstehen sein sollen – etwa das Bild eines antiken Untersetzers mit Hakenkreuz, platziert auf einer Tischdecke mit Hakenkreuz-Muster.
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In F.'s „Only The Sun Knows“-Webshop konnte man bis vor kurzem noch Karten für ein anstehendes Neofolk-Konzert im „Felsenkeller“ im Januar 2026 mit „Darkwood“ und „Spiritual Front“ erwerben. Laut eigenen Angaben ist das Konzert im Shop ausverkauft. Den beiden Bands eilt ebenfalls der Ruf voraus, der Soundtrack der „Neuen Rechten“ zu sein. „Darkwood“ und „Spiritual Front“ sind u.a. auf dem Anfang der 2000er Jahre erschienenen Sampler „Codreanu: Eine Erinnerung An Den Kampf“ vertreten – eine Hommage an den rumänischen Faschisten-Führer Corneliu Zelea C. Beim italienischen Label „Oktagön“, das diesen Sampler produzierte, veröffentlichten „Spiritual Front“ damals auch ihr zweites Album. „Darkwood“ findet man hingegen auch in den Veröffentlichungen des extrem rechten Labels „Lichterklang“. Statements oder deutliche Positionierungen, die diese Nähe der Bands zur extremen Rechten entkräften würden, sucht man seit Jahren vergeblich.
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Deutliche Worte gegen eine Vereinnahmung von Rechts, findet auch der „Felsenkeller“ bislang nicht. Mehrfach standen Konzerte, die in dem Veranstaltungsort ausgetragen worden, in der Kritik. Erwähnenswert ist hierbei nicht zuletzt der Auftritt des rechts-offenen Hardtekk-Künstlers „Schillah“ im November 2025, der sogar in der Leipziger Volkszeitung thematisiert wurde. Dazu gesellt sich ein Konzert des Künstler-Kollektivs „Hgich.T“ in den Räumen des „Felsenkeller“ im Oktober 2025. Das Kollektiv ist vielen bekannt, auch aufgrund einer Vergewaltigung im Rahmen eines Auftritts im „Conne Island“ im Dezember 2019.
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Es wäre wünschenswert, wenn die hier vorliegende Recherche zum Anlass genommen wird, eigene Werte grundlegend zu überdenken und Neonazis auf, hinter und vor der Bühne konsequent zu verweisen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 08:08:01 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Sultanas Traum]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/sultanas-traum-009229.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Sultanas Traum“ ist von dem gleichnamigen visionären Roman von 1905 inspiriert, in dem eine bengalische Schriftstellerin eine feministische Utopie entwarf.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Isabel_Herguera_w.webp><p><small>Die spanische Filmregisseurin Isabel Herguera beim Internationalen Animationsfilmfestival in Annecy 2024.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Isabel_Herguera.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Boungawa</a> (PD)</small><p>Der Animationsfilm wechselt dabei zwischen Adaption, Biopic und einer Rahmenhandlung, die einer Liebeserklärung an den kreativen Schaffungsprozess gleichkommt. Der Film ist aber auch selbst liebevoll gestaltet, wenn er mehrere Animationstechniken vereint und uns so auf eine besondere Reise mitnimmt.
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Als die Künstlerin Inés in einem Buchladen in Indien stöbert, stösst sie auf Sultana's Dream. In diesem Buch liest sie von einer Gesellschaft, in der nach einem verheerenden Krieg Frauen das Sagen haben, während die Männer sich auf das Häusliche zurückgezogen haben. Inés ist von diesem sonderbaren Werk fasziniert, welches mehr als hundert Jahre zuvor geschrieben wurde. Während sie tiefer in die Geschichte des zufälligen Fundstücks eintaucht, beginnt sie, auch ihre eigene Welt mit anderen Augen zu sehen. Und so begibt sie sich auf eine Reise der Fantasie, die für sie selbst zu einer grossen Inspiration wird …

<h3>Reise in die futuristische Vergangenheit</h3>

In den letzten Jahren wurde viel darüber gesprochen, dass Frauen trotz unbestrittener Fortschritte noch immer benachteiligt sind. Ob es nun die Wirtschaft ist, Politik oder die Unterhaltungsindustrie, die Machtpositionen sind oft noch männlich geprägt. Die Vorstellung einer völligen Gleichberechtigung, sie ist nach wie vor eine, die dem Reich der Fantasie entspringt. Umso bemerkenswerter ist der Roman <em>Sultanas Traum</em>. Darin entwarf die bengalische Schriftstellerin Rokeya Hossain bereits 1905 die Utopie von Ladyland, wo die Machtverhältnisse von Männern und Frauen getauscht wurden. Das macht das Buch zu einem der frühesten Beispiele feministischer Science-Fiction. Spannend ist dabei auch, dass die Autorin islamischen Glaubens war.
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Der gleichnamige Film ist dabei nur zum Teil eine Adaption dieses visionären Werks. Stattdessen kombiniert die spanische Regisseurin und Co-Autorin Isabel Herguera die Vorlage mit einer Rahmenhandlung rund um die Künstlerin Inés. Sie ist es, durch die wir das Werk kennenlernen. Sie wird zum Alter Ego der Filmemacherin, die selbst eines Tages zufällig in einer Buchhandlung über den Roman stolperte. Und weil das offensichtlich noch nicht genug Stoff war, behandelt <em>Sultanas Traum</em> auch noch das Leben von Rokeya und gibt dem Publikum die Möglichkeit, mehr über das Leben Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Britisch-Indien zu erfahren.
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Frauen waren damals wenig überraschend nicht unbedingt tonangebend, wobei die Autorin ein vergleichsweise gutes Leben führte. Als Mitglied einer aristokratischen Familie musste sie keine wirtschaftliche Not befürchten. Ihr zwanzig Jahre älterer Ehemann ermunterte sie zudem dazu, sich künstlerisch zu verwirklich.

<h3>Faszinierender Mix von Themen und Stilen</h3>

Zu erzählen hat der Film also eine ganze Menge. Obwohl er nicht sonderlich lang ist, genauer rund 80 Minuten, steckt da eine Menge drin. Durch die Sprünge zwischen den Ebenen kann es aber auch vorkommen, dass man ein wenig den Faden verliert. Zwar arbeitet Sultanas Traum mit verschiedenen Animationsstilen, um die einzelnen Ebenen deutlicher voneinander zu entscheiden. Beispielsweise wurden die Passagen, welche das Leben der Autorin erleuchten, mit einer Cut-Out-Technik umgesetzt, die an klassische Schattenspiele erinnert.
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Die Szenen in der Gegenwart verwenden hingegen traditionelle 2D-Animation im Aquarellstil. Doch diese Wechsel können dazu führen, dass man ein wenig von allem überwältigt ist.
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Andererseits ist es gerade auch die Optik, die einen Blick rechtfertigt. Wer sich für das Thema Animation interessiert und gerade auch für eine solche, die nicht dem heute gängigen CGI-Typ entspricht, für den ist das hier ein Fest. Die Figuren mögen simpel gehalten sein, teilweise fast schon primitiv, ziehen einen aber in den Bann.
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<em>Sultanas Traum</em> nimmt uns mit auf eine fantasievolle Reise, bei der Realität und Vorstellung fliessend ineinander übergehen. Der Film ist dabei einerseits eine Verbeugung vor dieser Schriftstellerin, die hierzulande vermutlich wenige kennen werden, in ihrer Heimat aber viel bewegt hat. Gleichzeitig ist er eine Liebeserklärung an den künstlerischen Schaffungsprozess als solchen, wenn uns dieser erlaubt, gleichzeitig unsere Welt zu verarbeiten und völlig neue zu entwerfen.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2024/01/sultanas-traum/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 16:06:15 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Schläfer (Film)]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/schlaefer-007572.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Heisenbergs Film "Schläfer" bewegt sich in ruhigen Bahnen, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach der Kontaktaufnahme durch den Verfassungsschutz einem ständigen inneren Druck ausgesetzt ist, sich aber davon nichts anmerken lässt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Benjamin_Heisenberg_w.webp><p><small>Der deutsche Regisseur und Autor Benjamin Heisenberg, 5. Februar 2010.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_Heisenberg.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Franziska Krug</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Die Szenerie ist hochaktuell. Fast jeder könnte in eine Situation geraten, in der er Menschen in anderer Weise wahrnimmt, ja beobachtet, weil über ihnen das Stigma des Verdachts schwebt. Man stelle sich vor, man hört über einen Bekannten, er stehe im Verdacht, irgendeine Straftat begangen zu haben oder zu planen. Allein ein solches Gerücht – und sei es nicht mehr – verändert den Blick auf diesen Menschen – ob man das selbst will oder nicht.
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Benjamin Heisenberg geht noch drei Schritte weiter. Zum einen besteht der Verdacht nicht in irgendeiner vermeintlichen oder geplanten Straftat, sondern sie besteht gegenüber einem Menschen, der aus einem arabischen Land kommt. Sofort fallen einem Begriffe wie Islamismus”, Bin Laden, Taliban und ähnliches ein. Zum zweiten wird dieser Verdacht nicht von irgend jemand geäussert. Der Verfassungsschutz höchstpersönlich in Gestalt einer durchaus sympathischen Dame namens Frau Wasser (Gundi Ellert) interessiert sich für den potentiellen, vermeintlichen Islamisten Farid (Mehdi Nebbou). Und zum dritten wird dieser Verdacht nicht einfach formuliert; Frau Wasser bittet einen Kollegen von Farid, den jungen Johannes (Bastian Trost), Farid zu beobachten. Johannes soll, mit anderen Worten, zum IM des Verfassungsschutzes werden.
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Johannes hat gerade eine Stelle an einem Forschungsinstitut angenommen; er soll forschen und lehren. Und Farid, der dort schon länger beschäftigt ist, ist sein unmittelbarer Kollege. Beide arbeiten am selben Projekt. Als Johannes von Frau Wasser angesprochen wird, lehnt er den Auftrag als inoffizieller Mitarbeiter zunächst ab. Frau Wasser versucht ihn nicht dazu zu überreden, Farid in irgendeiner Weise hereinzureiten. Sie sagt ganz offen, die Informationen über Farid könnten ihn durchaus auch entlasten.
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Johannes beginnt seine Arbeit. Er und Farid verstehen sich gut. Sie vereinbaren sogar, nicht als Konkurrenten gegeneinander anzutreten, sondern das Forschungsprojekt gemeinsam fortzuführen und zu einem positiven Abschluss zu bringen. Die beiden freunden sich sogar an, gehen abends gemeinsam in Kneipen, zu Farid nach Hause usw.
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Als Johannes die junge Beate (Loretta Pflaum), die als Bedienung arbeitet, kennenlernt und sich in sie verliebt, hat er das Ansinnen von Frau Wasser schon fast vergessen – obwohl er sich in Farids Wohnung kurz zuvor noch umgesehen hatte, so, als ob er etwas Verdächtiges finden könnte.
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Dann allerdings geschehen zwei Dinge, die Johannes Verhalten gegenüber Farid ändern. Zum einen verliebt sich Beate nicht in ihn, sondern in Farid. Und zum anderen streicht Farid die Belobigungen für das fertiggestellte Forschungsprojekt durch Prof. Behringer (Wolfgang Pregler) ein, obwohl Johannes durch eine Veränderung der für das Projekt benutzten Software wesentlich zum Erfolg des Projekts beigetragen hatte. Johannes meldet sich bei Frau Wasser ...
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Allein durch die Kontaktaufnahme von Seiten des Verfassungsschutzes gerät Johannes schon in Gewissenskonflikte. Es ekelt ihn an, jemanden, mit dem er dazu noch zusammenarbeitet, zu bespitzeln. Doch allein durch dieses Ansinnen des Verfassungsschutzes verändert sich schon der Blick von Johannes auf Farid. Der Verdacht oder auch nur vage Verdachtsmomente, vielleicht nur die Tatsache, dass Farid aus einem islamischen Land stammt, reichen aus, Farid anders zu sehen. Und trotzdem spioniert Johannes (zunächst) nicht. Auch als er aus gekränkter Eitelkeit Frau Wasser aufsucht, weil Beate sich nicht in ihn verliebt hat, sträubt Johannes sich, wirklich effektiv Farid zu beobachten.
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Als er allerdings schlucken muss, in der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse nicht erwähnt zu werden, schweigt er, als er gegenüber Frau Wasser Farid ein Alibi bestätigen soll, weil kurz zuvor ein Bombenanschlag begangen wurde und Frau Wasser wissen will, ob Farid tatsächlich zu dieser Zeit, wie er behauptet, mit Johannes in einer Diskothek gewesen sein will.
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Heisenbergs Film bewegt sich in ruhigen Bahnen, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach der Kontaktaufnahme durch den Verfassungsschutz einem ständigen inneren Druck ausgesetzt ist, sich aber davon nichts anmerken lässt. Trotzdem ist dieser Druck spürbar. Johannes, der seine alte und kranke Grossmutter mit versorgt – nicht gerade eine Selbstverständlichkeit heutzutage –, ist eigentlich” ein herzensguter Mensch. Der Film will dann zeigen, wie diese Herzensgüte in Rache und Verrat umschlägt, als Johannes privat (Beate) und beruflich (Forschungsprojekt) Rückschläge erleidet.
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Nun mag man meinen, nicht jeder würde sich wegen solcher Rückschläge dazu bereit finden, jemand anderen zu verraten, zu denunzieren, und sei es nur durch Schweigen wegen eines Alibis bzw. dessen Bestätigung. Blickt man allerdings auf die Geschichte von Verrat und Rache”, etwa während des NS, aber auch bezüglich weniger drastischer gesellschaftlicher Epochen, wird das Verhalten von Johannes durchaus erklärlich. Dass wegen persönlicher Vorteile bzw. zur Abwehr persönlicher Nachteile Menschen andere verraten, im Stich lassen usw., ist sicherlich kein Einzelfall.
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Dass Heisenberg diese Geschichte fast leise, ja lautlos erzählt, ohne in Theatralisierung abzugleiten und ohne Nebenschauplätze zu öffnen, macht seinen Film zu einem besonderen Ereignis. Eingerahmt wird diese Geschichte von der Pflege der Grossmutter und deren Gebet Der Herr ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln”. Als die Grossmutter am Schluss stirbt, betet Johannes selbst diese Worte. Die Assoziation zum Neuen Testament wird damit deutlich. Aber nicht nur dies. Die durchaus nette Dame vom Verfassungsschutz symbolisiert sozusagen die Versuchung Christi, das Schweigen Johannes wegen des Alibis symbolisiert den Verrat des Judas oder die Verleugnung Jesus durch andere Jünger.
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Man mag dies für übertrieben halten. Doch der Film erzählt dies auf eine durchaus nicht symbolträchtige Art und Weise. Er fokussiert die Geschichte auf Johannes und seine Umgebung, auf das konkrete Geschehen, auf die konkreten Veränderungen im Verhalten usw. Bastian Trost überzeugt in der Rolle des Johannes als eines jungen Mannes, dessen Zivilcourage am entscheidenden Punkt versagt und dessen Egoismus am entscheidenden Punkt voll zum Tragen kommt.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 17 Jan 2026 08:09:51 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Die spanische Dark Wave Gruppierung "Low Blows" mit zweitem Studioalbum]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/die-spanische-dark-wave-gruppierung-low-blows-mit-zweitem-studioalbum-009465.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die aus Barcelona stammende Combo "Low Blows" veröffentlichten am 9. Januar „Vacío“, die erste Singleauskopplung ihres zweiten Studioalbums, welches unter dem Namen "Low Blows" erscheinen wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/low_blows_w.webp><p><small>Die spanische Dark Wave Gruppierung "Low Blows".  Foto: zVg</small><p>Begleitet wird die Veröffentlichung von einem Musikvideo unter der Regie von Marta Szewczyk, das einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des visuellen und konzeptionellen Universums dieser neuen, subversiven Phase der Band leistet.
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Nach ihrem Debütalbum <em>Cruel</em>, welches sie 2020 releasten, tritt die in Barcelona ansässige Band unter der Leitung von Carlos Vergara in eine neue kreative Phase ein, die von grösserer Zurückhaltung, klanglicher Klarheit und künstlerischer Kohäsion geprägt ist. Low Blows bewegt sich in einem Bereich, in dem Post-Punk und Dark Wave mit introspektiven Texten und einer ständigen Spannung zwischen Rohheit und Sensibilität koexistieren.
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„Vacío“ fungiert als Absichtserklärung. Der Song untersucht Gefühle der Abwesenheit, Entfremdung und emotionalen Erschöpfung durch einen direkten, schnörkellosen Ansatz. Musikalisch setzt er auf eine raffinierte und minimalistische Produktion, die von einem eindringlichen rhythmischen Puls und einer einhüllenden Atmosphäre getragen wird, die das emotionale Gewicht des Tracks transportiert.
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Das Musikvideo unter der Regie von Marta Szewczyk übersetzt dieses Konzept durch eine nüchterne und beunruhigende Ästhetik in den visuellen Bereich. Anstatt den Song wörtlich zu illustrieren, baut das Video eine offene und suggestive Erzählung auf, die durch Symbolik und Wiederholungen unterstützt wird und das Gefühl der Isolation und Entfremdung, das im Track prägend ist, verstärkt und gleichzeitig seine Bedeutung erweitert.
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Der selbstbetitelte Charakter des neuen Albums ist kein Zufall. <em>Low Blows</em> ist als Übung zur Bekräftigung der Identität konzipiert, als Synthese zwischen dem bisherigen Werdegang der Band und einer klareren und bewussteren Vision ihrer aktuellen künstlerischen Ausrichtung. „Vacío“ dient zusammen mit seinem Musikvideo somit als Tor zu einem Album, das das klangliche und visuelle Universum des Projekts konsolidiert.
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„Vacío“ ist die perfekte Einführung in dieses zweite selbstbetitelte Album, das im Februar 2026 erscheinen wird.

<div class="responsive-video"><iframe src="https://www.youtube.com/embed/6ZSE9Mfm9Qk" loading="lazy" frameborder="0" allowfullscreen=""></iframe></div><p><em>pm</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 09:09:48 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Sein oder Nichtsein]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/sein-oder-nichtsein-007573.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Sein oder Nichtsein</em> ist eine Meisterleistung an Sarkasmus und Ernsthaftigkeit zugleich.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Carole_Lombard_by_A_w.webp><p><small>Die US-amerikanische Schauspielerin Carole Lombard spielt in dem Film die Rolle von Maria Tura.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carole_Lombard_by_A._L._Whitey_Schafer.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Whitey Schafer</a> (PD)</small><p>Es ist erstaunlich, dass nicht nur Lubitsch sondern alle Beteiligten an diesem Film im Kriegsjahr 1942 und angesichts der bis dahin bekannten Gräueltaten des Nationalsozialismus ihren Glauben an eine Zeit nach Hitler nicht verloren hatten.
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Filme wie <em>Das Leben ist schön</em> (1997) von Roberto Benigni oder <em>Wir müssen zusammenhalten</em> (2000) des tschechischen Regisseurs Jan Hrebejk haben klassische Vorbilder. Neben Chaplins <em>Der grosse Diktator</em> (1940) ist dies sicherlich <em>Sein oder Nichtsein</em> von Ernst Lubitsch (u.a. Ninotchka“, 1939), in dem sich der aus Deutschland stammende Regisseur komödiantisch, aber nichtsdestotrotz in ernsthafter Weise mit dem Nationalsozialismus auseinander setzte – zu einer Zeit, als Polen bereits überfallen und die ersten Konzentrationslager errichtet waren, die dann später zu Vernichtungslagern ausgebaut wurden.
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Als eine kleine Schauspielertruppe 1939 in Warschau kurz vor der Aggression der Wehrmacht ein Theaterstück probt, das sich mit Hitler und dem Nationalsozialismus auseinander setzt und in dem der Schauspieler Bronski (Tom Dugan) als Hitler auftrifft, ahnen die Mimen und ihr Produzent Dobosh (Stanley Ridges) noch nicht, dass sie drei Jahre später auf ihre Proben und die Rollen zurückgreifen müssen. Das Theaterstück wird von der polnischen Regierung verboten, weil sie meint, die Aufführung würde Hitler unnötig provozieren. Also zieht sich die Truppe auf Shakespeares Hamlet zurück. Hamlet – das ist Joseph Tura (Jack Benny), und der ist völlig von seinen schauspielerischen Leistungen überzeugt. Doch niemand scheint den grossen Tura zu kennen. Nur seine Frau Maria (Carole Lombard), der Joseph immer wieder vorwirft, sie würde versuchen, ihm die Show zu stehlen, versucht ihn zu beruhigen und in seiner Eitelkeit zu unterstützen – um des lieben Friedens willen.
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Als sich der junge Leutnant Stanislav Sobinski (Robert Stack) während der Aufführungen von Hamlet in Maria verliebt, kann er sie überreden, mit ihm in seinem Bomber auf einem Probeflug mitzufliegen. Sobinski ist vollkommen davon überzeugt, dass Maria ihn liebt und will Tura das auch mitteilen. Maria kann ihn gerade noch davon abhalten und verspricht ihm, er könne während der Hamlet-Aufführung ihres Mannes zu ihr in die Garderobe kommen. Immer wenn Tura als Hamlet seinen grossen Monolog hat, steht Sobinski auf und verlässt die Aufführung. Tura ahnt noch nicht, warum, vermutet, dies sei eine Geringschätzung seines Hamlets.
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Dann überschreiten die deutschen Truppen die polnische Grenze. Sobinski wird in die polnische Staffel der britischen Jagdflieger in London integriert. Der dort weilende Prof. Siletsky (Stanley Ridges), angeblich Hitler-Gegner, bekommt von General Armstrong (Halliwell Hobbes) den Auftrag, über Schweden nach Polen zu fliegen zur Unterstützung der polnischen Untergrundbewegung. Doch als Sobinski den Professor bittet, Maria Tura seine Grüsse auszurichten, bemerkt Siletsky, dass er Frau Tura nicht kenne, was Sobinski merkwürdig vorkommt, weil doch jeder in Warschau Maria Tura kenne. Er meldet dies General Armstrong und der erfährt, dass Siletsky Namen und Adressen der Angehörigen der polnischen Flugstaffel über die Soldaten selbst erfahren hat – unter dem Vorwand, diese Verwandten zu grüssen bzw. ihr Schicksal zu erkunden. Der Verdacht, dass Siletsky ein Agent des NS-Staates ist, erhärtet sich.
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Sobinski wird beauftragt, Siletsky mit Hilfe von Mitgliedern der polnischen Untergrundbewegung zu finden, bevor er seinen Bericht über die Widerstandskämpfer der Gestapo übergeben kann. Doch das gestaltet sich als äusserst schwierig und riskant.
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Die Schauspieltruppe versucht nun mit all ihrem Können und ihren Verkleidungskünsten an den Bericht zu gelangen, bevor Gestapo-Chef Erhardt (Sig Ruman) ihn in die Finger bekommt. Tura spielt Erhardt, Bronski bekommt die Gelegenheit Hitler zu mimen, dann spielt Tura Siletsky und Grünberg (Felix Bressart), der bislang nur Nebenrollen spielen durfte, bekommt endlich die Chance seines Schauspieler-Lebens ...
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Lubitsch konstruiert eine in jeder Hinsicht ernsthafte Handlung, in der für alle Beteiligten – ausser natürlich für die Nazis – ein permanentes Risiko für Leib und Leben besteht. Dabei erweist er sich als tiefsinniger Kenner der NS-Mentalität, soweit sie bis dahin bekannt war bzw. ihre schrecklichen, tragischen Folgen unbekannt. 1942 war auch das Jahr, in dem die NS-Führung unter Hitler und Himmler , Heydrich und Eichmann die sog. Endlösung der Judenfrage“, d.h. die systematische, industriell organisierte Massenvernichtung beschloss – am 20.1.1942 auf der geheim gehaltenen Wannsee-Konferenz. Bis dahin waren durch Heydrichs Mordkommandos bereits ca. 370.000 Juden in Polen und russischen Gebieten ermordet worden. Ob Lubitsch später im Wissen um diesen Völkermord Sein oder Nichtsein“ gedreht hätte, ist zumindest fraglich. Doch der Film ist auch in Kenntnis des Holocaust eine ernst zu nehmende, dramatische wie komödiantische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und der NS-Ideologie, vor allem aber ein gelungenes Beispiel für eine Art von (auch jüdischem) Humor in Konfrontation mit den Schrecknissen der Zeit.
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Dabei werden die NS-Schergen einerseits als durchaus (lebens)gefährliche, zu jeder Brutalität bereite Verbrecher nicht etwa unterschätzt, andererseits aber die Lächerlichkeit und die Erbärmlichkeit der NS-Ideologie, der grenzenlose Gehorsam nach dem Motto Du bist nichts, dein Volk ist alles“, die spezielle Mischung aus Devotismus, Feigheit und Bereitschaft zur Aufgabe jeglicher ethischer Massstäbe zum Darüber-Lachen freigegeben“.
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Die Schauspieltruppe dagegen ist – trotz aller Rivalitäten, Reibereien, Konflikte, Eifersüchteleien und Schwächen – ein wahrer Hort von Solidarität und Menschlichkeit: Wenn es darauf ankommt – und es kommt schliesslich ständig darauf an –, kann niemand sie entzweien. Sobald jemand in Gefahr gerät, stehen sie zusammen und geben jeder für sich das, was er oder sie hat. Lubitsch nutzt die kleinen menschlichen Schwächen – ob Eitelkeit, Eifersucht oder Unfähigkeit –, um daraus in riskanten Situationen Humor zu erzeugen. Die kleine Feigheit in alltäglichen Situationen setzt sich bei ihnen andererseits nicht fort, wenn es ums Leben geht: Dann ist jeder bereit, an die jeweilige Front zu marschieren – selbst der eitle Joseph Tura, der sich einiges einfallen lassen muss, um die Nazis hinters Licht und die Freunde und Kollegen aus der Gefahr zu führen. Wenn seine Eitelkeit oder Eifersucht einmal durchbricht und alles in Gefahr zu bringen droht, ist Einfallsreichtum gefragt. Hier liegen die Schnittpunkte für Lubitsch Humor.
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Lubitsch gewinnt dies – Humor wie Solidarität – nicht aus einer trivialen Proklamation hehrer Prinzipien über Solidarität usw. Er erschliesst es aus der Lebenswelt der Figuren selbst und aus der Handlung, die eine Wendung nach der anderen nimmt und seine Figuren dazu zwingt, alle Register ihres schauspielerischen Könnens zu ziehen, Ideen rasch zu entwickeln und umzusetzen – wie bei einem Theaterstück, das vor der Premiere nur für Minuten geprobt werden könnte, für das der Text von den Figuren situationsbedingt selbst erschlossen werden müsste.
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Die Handlung steigert sich bis zum Schluss, wird zunehmend turbulenter, rasanter, fast schon spritzig, je grösser die Gefahr wird, dass alles auffliegt. Die Konfrontation des falschen Prof. Siletsky, in dessen Rolle Joseph Tura schlüpfen muss, mit dem richtigen Professor, der bereits tot im Hinterzimmer von Erhardt liegt (was Tura nicht wusste), ist eine absolute Meisterleistung von Lubitsch.
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Die Schauspieler – allen voran Carole Lombard und Jack Benny, aber eben auch Sig Ruman als Erhardt oder Felix Bressart als Grünberg – steigern sich von Minute zu Minute, als ginge es wirklich um ihr Leben.
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<em>Sein oder Nichtsein</em> ist eine Meisterleistung an Sarkasmus und Ernsthaftigkeit zugleich. Es ist erstaunlich, dass nicht nur Lubitsch sondern alle Beteiligten an diesem Film im Kriegsjahr 1942 und angesichts der bis dahin bekannten Gräueltaten des Nationalsozialismus ihren Glauben an eine Zeit nach Hitler und an die Menschlichkeit, ihre Kraft und ihren Humor nicht verloren hatten. Sein oder Nichtsein“ war eben auch ein kraftvolles Zeichen der Hoffnung und ein Appell an die Bedeutung des Humors in extrem schwierigen Zeiten und für eine menschliche Zukunft.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 03 Jan 2026 09:15:48 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Rohbau]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rohbau-film-009169.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ein albanisches Mädchen sucht ihren Vater, der auf einer deutschen Baustelle gearbeitet hat.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Rohbau_des_Forums_Region_Kirchdorf_2_w.webp><p><small>Rohbau.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rohbau_des_Forums_Region_Kirchdorf_2.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Christoph Waghubinger (Lewenstein)</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Die Zeit drängt, das Luxusbauprojekt muss vorankommen. Gleichzeitig herrscht hoher Kostendruck, das Geld ist knapp. In seiner Not setzt Bauleiter Lutz (Peter Schneider) daher auf Bauarbeiter, die er illegal anheuert und die nachts auf der Baustelle arbeiten. Als es dabei zu einem tragischen Unfall kommt, steckt er in Schwierigkeiten. Denn da offiziell niemand gearbeitet hat, darf auch niemand von der Geschichte erfahren. Also lässt er heimlich die Leiche des verunglückten Mannes wegschaffen, in der Hoffnung, auf diese Weise alles unter den Teppich kehren zu können. Doch dann taucht die 14-jährige Irsa (Angjela Prenci) auf und sucht nach ihrem Vater, der auf der Baustelle arbeiten soll – und das ausgerechnet in dem Moment, als die Investoren vor Ort sind. Lutz bringt die Jugendliche deshalb erst einmal weg und verspricht ihr zu helfen, ohne ihr zu sagen, dass es sich bei dem Verunglückten um ihren Vater handelt …

<h3>Ein menschenfeindliches System</h3>

Dass die Baubranche wie viele andere in der Krise steckt, ist bekannt. Die Kosten explodierten, es fehlt an Leuten, es fehlt an Aufträgen, dafür gibt es viel Konkurrenz und damit richtig viel Druck. Das ist eigentlich ein sehr dankbares Thema für Filme, da sich an diesem Beispiel einiges aufzeigen lässt, was in der Gesellschaft insgesamt nicht so funktioniert. Aber nur selten wird dieses aufgegriffen. Neben einer Reihe von Krimis, die dann notgedrungen die kriminellen Machenschaften in dem Bereich betonen, gab es vor ein paar Jahren das Drama Die Saat, in dessen Mittelpunkt ein Mann stand, der zwischen den unmenschlichen Arbeitsbedingungen und seinem kriselnden Familienleben vermitteln musste. Mit <em>Rohbau</em> kommt nun ein weiterer deutscher Film heraus, der in diesem Umfeld spielt.
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Wobei nur der erste Teil wirklich auf der Baustelle spielt. Wir sehen die Leute auf der Arbeit, erfahren von dem hohen Druck, der auf dem Projekt liegt – und damit dem Protagonisten. Wo andere Filme vielleicht einseitig mit dem Finger auf die da oben zeigen würden, lernen wir hier jemanden kennen, der selbst zwischen die Fronten geraten ist. Bei dem Versuch, Unmögliches zu leisten, hat er an und für sich Unverzeihliches getan. Und doch verurteilt <em>Rohbau</em> ihn nicht einseitig, sondern zeigt, dass er in dieser Situation nur verlieren konnte. Zeigt ein System, das gar nicht funktionieren kann und das darauf ausgerichtet ist, Menschen auszunutzen. Das deutsche Drama hat dadurch durchaus eine gesellschaftskritische Note, ohne sich aber an einer Diskussion zu beteiligen, wie denn die Alternative aussehen könnte.

<h3>Einsamkeit und Leere</h3>

Stattdessen konzentriert sich der Film ganz auf die Figuren. Die vielen Menschen, die am Anfang noch in der Geschichte herumwuseln, verschwinden mit der Zeit. An ihrer Stelle steht das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Sie kommen sich nach und nach näher, verraten Teile aus ihrem Leben. Wir erfahren mehr über Lutz, der trotz seiner Position eine gescheiterte Existenz ist, die in dieser Welt verloren scheint. Irsa tritt in <em>Rohbau</em> sehr energisch auf. Aber auch sie hat zu kämpfen. Ihre grosse Hoffnung ist ein Haus, an dem sie mit ihrem Vater baut und von dem sie begeistert erzählt, ohne zu ahnen, dass sie es nicht beenden werden. Die Tragik des Films besteht eben auch darin, wie die Jugendliche einem Traum hinterher reist, von dem das Publikum weiss, dass er sich nicht erfüllen wird.
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Das kommt ohne die grossen Momente aus. Das Drama, das 2023 bei den Hofer Filmtagen Premiere hatte, ist eins der leisen Töne, bei dem so manches auch unausgesprochen bleibt. Regisseur Tuna Kaptan kann sich dabei auf sein Ensemble verlassen. Hauptdarsteller Peter Schneider, den man beispielsweise aus der Fernsehkrimireihe Theresa Wolff kennt, überzeugt als Bauleiter, der durchaus Ambitionen hat, dessen Leben sonst aber von einer grossen Leere geprägt ist. Das Zusammenspiel funktioniert mit Newcomerin Angjela Prenci in der Rolle einer Jugendlichen, die schon früh lernen musste zu kämpfen und die vor keiner Konfrontation zurückschreckt, dabei aber im Inneren verletzlich ist und sich danach sehnt, ein richtiges Zuhause zu haben – im wörtlichen wie übertragenen Sinn.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2024/09/rohbau/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 01 Jan 2026 10:48:05 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Starship Troopers]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/starship-troopers-007577.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Starship Troopers“ ist ein kiddie movie, geeignet für 11jährige SF-Fans, meinte Roger Ebert in der Chicago Sun-Times. So ganz Unrecht hat er nicht. Wie ich finde aber ein amüsanter, spannender und bedeutungsloser Streifen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Starship-troopers-german-division-03_w.webp><p><small>Cosplay-Gruppe Starship Trooper German Division. Möchten Sie mehr erfahren?  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Starship-troopers-german-division-03.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stw 001</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Welcher von Verhoevens Filmen war nicht umstritten? Ich denke da nur an „Basic Instinct“ (1992), dieses kühl kalkulierte und kalt konstruierte Spektakel oder den absoluten Flop „Showgirls“ (1995). Verhoeven ist immer für eine Überraschung gut – oder schlecht. Seine Filme liegen etwas schräg in der Kino-Landschaft. Auch „Starship Troopers“ gehört dazu, ein Sciencefiction, der eine totalitäre Welt aufmacht, so dass die einen behaupten, Verhoeven verherrliche diese Welt, die anderen, er habe eine Satire auf diese Welt erschaffen. Die ersteren können immerhin auf das für männliche Jugendliche geschriebene Buch Robert A. Heinleins verweisen, dem eine stramm rechte Gesinnung nachgesagt wird. Die anderen auf Szenen, die vielleicht in Richtung Satire gehen. Vielleicht liegt die Wahrheit über diesen Film aber auch woanders.
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The next century. Die Menschheit wird mal wieder insgesamt bedroht. Diesmal von Killer-Insekten, so genannten Bugs, die von einer fernen Galaxie ab und zu Meteoriten zur Erde senden und dabei erhebliche Verwüstungen anrichten. Die Menschheit lebt in einer militärischen Prinzipien untergeordneten sozialen Gemeinschaft. Bereits in den Schulen werden den Kindern und Jugendlichen die entsprechenden Werte des Schlachtfelds beigebracht. In einer High School in Buenos Aires machen der Sohn reicher Eltern Johnny Rico (Casper van Dien), und seine Freundin Carmen Ibanez (Denise Richards) ihren Abschluss.
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Johnny ist in Carmen verliebt und Dizzy Flores (Dina Meyer) (unglücklich) in Johnny. Für Carmen ist es beschlossene Sache, nach dem Abschluss die Ausbildung zur Pilotin beim Militär zu beginnen. Dizzy will zu den Bodentruppen. Vorbereitet auf den Dienst werden sie bereits in der Schule durch den beinharten Rasczak (Michael Ironside). Johnny meldet sich – gegen den Willen seiner Eltern – beim Militär, weil er Carmen liebt und ihr folgen will. Das allerdings klappt nicht. Er wird den Bodentruppen zugewiesen und hat keinen Kontakt zu ihr. Zudem bekommt Johnny einen Konkurrenten, den Piloten Zander (Patrick Muldoon), der schon lange hinter Carmen her ist.
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Bei der Grundausbildung passiert ein Unglück. Aufgrund der Leichtfertigkeit Johnnys wird ein Soldat im Manöver getötet. Enttäuscht will er den Dienst quittieren. Als er jedoch durch die Medien erfahren muss, dass ein von den Bugs ausgesandter Meteorit ganz Buenos Aires zerstört hat und seine Eltern tot sind, entschliesst er sich, den Kampf gegen die Bugs auf Klendathu wieder aufzunehmen.
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Massiv unterstützt von den Medien beginnt der Kampf gegen die Killer-Bugs, die sich eigentlich nur gegen die Besiedlung ihrer Planeten durch die Menschen wehren. Vor allem mit Bodentruppen will man den tödlichen „Käfern“ den Garaus machen. Die Bugs erweisen sich allerdings als äusserst widerstandsfähig und intelligent. Zudem soll es einen so genannten Brain-Bug geben, einen denkenden „Käfer“, der die Operationen der Spezies leitet. Der Angriff auf den Planten P kostet die Menschheit 100.000 Opfer. Besonders im Kampf mit Bodentruppen erweisen sich die Bugs als überlegen. Guter Rat ist teuer ...
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Vorneweg. Der Film hat mir Spass gemacht. Nicht ganz zu Unrecht könnte man sagen: Er erweckt das Kind im Manne. Schon die Romanvorlage war für Jugendliche geschrieben. Der Film ist reiner Nonsens in bezug auf eigentlich alles, was in ihm gezeigt wird. Er strotzt nur so vor Ungereimtheiten, Unlogik und nicht zuletzt einer unglaubwürdigen Zukunftsgesellschaft, die mit Faschismus nicht sehr viel zu tun hat.
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Versatzstücke aus Sciencefiction-Filmen der 50er Jahre – in der ganzen Machart, auch der Darstellung der Medien, immer wieder deutlich –, Bruchstücke aus totalitären Ideologien, ein bisschen nicht sehr ernst zu nehmende Romanzen, die eher der Werbung, denn der Wirklichkeit entnommen sind, patriotisch-militaristische Sprüche à la „Wer nicht kämpft, wird erschossen“, „Nimm, was du kriegen kannst“, deren Hohlheit jedoch sofort deutlich wird, ein TV-Sender namens „Fed Net“ (fed gleich satt, von feed füttern), der über Katastrophen mit Millionen Toten berichtet wie über die neuste Mode aus Paris und stets mit dem „Angebot“ auf Knopfdruck: „Wenn Sie mehr wissen wollen ...“, nicht allzu realistisch gebaute Killer-Insekten, die wie eine Ameisenplage daher kommen, extreme Schlachtszenen mit unzähligen zerrissenen und blutenden Leibern, vor denen es kaum jemand grausen wird, Helden und Heldinnen, die mit ihrem Zahnpasta-Lächeln (besonders Denise Richards) aus den visuellen Werbeflächen am Time Square gesprungen sein könnten, High School-Abgänger, die an Beverly Hills, Soap Operas und billige Fernsehserien erinnern – all das mixte Verhoeven zu einem gigantischen Spektakel vom Kampf Nur-Gut gegen Nur-Böse auf Pulp-Niveau unterster Stufe.
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Und am Schluss liegt der arme Brain-Bug, dieses wabbelige, glitschige, Schleim speiende, kugelförmige Etwas da, ohne den Rüssel-Stachel, mit dem er Menschen das Gehirn aussagte, im Forschungslabor der Menschen und wird analysiert, gespritzt und gepiekt. Der tat mir am Schluss wirklich leid. Denn er wollte nur wissen, wie die Menschen denken, warum sie seinen Planeten angriffen und seine merkwürdige Spezies nicht in Ruhe lassen konnten. Gerade diese Schlussszene macht den Unernst des Films besonders deutlich. Der Brain-Bug liegt da, hilflos den Menschen ausgeliefert, aber er wirkt auch wie ein Opfer von SF-Regisseuren, die ihn bauen liessen.
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Faschismus? Am Schluss taucht High-School-Freund Carl (Neil Patrick Harris) samt Führungsriege im NS-ähnlichen Rock auf und begutachtet den gefangen gesetzten Brain-Bug. Zuvor waren als letzte Reserve Kinder als Soldaten verpflichtet worden. Hitler, ick hör dir trapsen? Ja, aber auf Pulp-Niveau, und eben deshalb unernst, nein.
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Die Menschen kennen offenbar keinen Rassismus untereinander mehr. Männer und Frauen duschen im selben Raum, Soldatsein hat mit Geschlecht nichts zu tun, ebensowenig Hautfarbe oder Herkunft. Ein Faschismus ohne Rassismus?! Und für letzteren können die Bugs auch nicht gerade herhalten. Die gezeigte Gesellschaft ist hier totalitär, da wieder pluralistisch, ein völlig unsinniger Mischmasch. Der Gegner ist total unglaubwürdig. Die Bugs leben auf Planeten, auf denen es nichts anderes zu geben scheint als: Steine, vielleicht noch Wasser. Wovon ernähren sie sich, oder sind sie künstliche Kreaturen, wer hat sie dann erschaffen? Es gibt keine Technologien auf P oder Klendathu, keine Anbauflächen, einfach nur Steine, Berge, Felsen. Pulp!
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Die Menschen kämpfen mit Bodentruppen gegen die Bugs, obwohl sie wissen, dass Bombereinsatz wesentlich effektiver ist. Doch dann wäre die Geschichte schnell am Ende gewesen. Also feiert Verhoeven die Unlogik, um die Geschichte voranzutreiben. Das ist so offensichtlich und billig, dass es einfach gut ist.
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Das höchst Amüsante an diesem Film ist zum einen genau diese Nicht-Ernsthaftigkeit. „Starship Troopers“ ist ein Kriegsfilm und auch keiner. Es kracht und zischt, stirbt und tötet ohne Sinn und Verstand. So läuft kein Krieg. Das andere ist der leichte, fast beschwingte satirische Einschlag, den Verhoeven dem Film verpasst hat.
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Trotz aller Bruch- und Versatzstücke verdeutlicht dieser Film wie jeder Sciencefiction, dass sein Inhalt mehr mit der Gegenwart zu tun hat als mit irgendeiner nahen oder fernen Zukunft. Der Drill der Soldaten, die totalitären Tendenzen und einiges mehr entstammen nicht einer von der Wirklichkeit abgesetzten Phantasie.
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Der Film zeigt Menschen so gut wie ohne Emotionen. Die Liebesgeschichtchen sollten darüber nicht hinwegtäuschen. Da kämpfen im Grunde Killermaschinen gegen Killermaschinen – nothing else. Bis auf eine Ausnahme: Dizzy liebt Johnny, und als sie in einer Kampfpause miteinander schlafen, spürt man – für mich zum ersten Mal in dem Film – so etwas wie Menschlichkeit. Wenn Dizzy später von einem Bug angegriffen wird und in den Armen Johnnys stirbt, ist dies die einzige Szene in dem Streifen, in der man den Tränen nahe ist – sozusagen der letzte Rest Menschlichkeit, den Verhoeven noch übrig lässt.
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„Starship Troopers“ ist ein kiddie movie, geeignet für 11jährige SF-Fans, meinte Roger Ebert in der Chicago Sun-Times. So ganz Unrecht hat er nicht. Wie ich finde aber ein amüsanter, spannender und bedeutungsloser Streifen, bedeutungslos, weil man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann. Am Schluss bleibt nur ein Hauch von all den Zutaten und Mosaiksteinchen, die Verhoeven zusammen gebastelt hat – and fun.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 31 Dec 2025 09:06:35 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Scarface]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/scarface-007571.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Scarface“ ist ein brutaler, exzessiver und hochgradig theatralischer Abgesang auf den amerikanischen Traum.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Tony_Montana_-_Scarface_-_Graffiti_w.webp><p><small>Tony Montana – Hauptfigur des Films „Scarface“ – Graffiti.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tony_Montana_-_Scarface_-_Graffiti.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">By redleaf</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Macht, sagte Foucault, ist nicht in erster Linie die Macht einer herrschenden Gruppe, sondern eher das Zentrum, um das sich eine Gesellschaft insgesamt gruppiert. Denn zur Macht gehört auch die Anerkennung der Macht, die Unterwerfung unter Machtstrukturen, also man könnte sagen die soziale Ohnmacht all derer, die eben nicht zum Machtzentrum gehören. Dass sich im Rahmen von Macht als gesellschaftlichem Organisationsprinzip auch Allmachtsphantasien entwickeln, die sich der Strukturen einer Gesellschaft bemächtigen und sie zu einem streng hierarchischen Führer-Gefolgschafts-Prinzip umfunktionieren, ist in der Neuzeit kein wenig bekanntes Phänomen.
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Im Gegenteil: Solche Allmachtsgesellschaften sind ein Teil der Moderne und auch – wenn man diesem Begriff folgen will – der Postmoderne. Mit Hitler war nicht Schluss, mit Stalin auch nicht. Auch wenn die Lebensdauer solcher Allmachtsgesellschaften begrenzt ist, richten sie nicht nur „einfach” Schaden an. Das 20. Jahrhundert ist ein Jahrhundert des grossangelegten, geplanten und bewusst organisierten Völkermords. Und wir haben vielleicht noch nicht so richtig begriffen, dass auch die neoliberal organisierte Postmoderne die Gefahren von Allmacht in sich birgt.
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Dabei sind es vielleicht nicht mehr einzelne Diktatoren, fassbare Gestalten, die – wenn auch mythisch überhöht und ideologisch aufgeladen – trotz ihrer Gespenstergestalt in den Höhenflügen ihrer abartigen Ziele dennoch Fleisch und Seele geblieben sind – bis zum bitteren Ende. Vielleicht ergiessen sich moderne Allmachtspraktiken eher im anonymen Bereich von vielleicht 100 bis 200 weltweit operierenden Konzernen. Das mag dahingestellt bleiben.
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Das Remake des 1932 gedrehten Films „Scarface” durch Brian de Palma 1983 jedenfalls präsentiert uns einen Mann, der sich in unserer Erinnerung so festschreibt wie die grosse Narbe in seinem Gesicht: Tony Montana (Al Pacino).
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Wenn Hitler und Stalin zur Klasse der Allmachtsphantasten gehören, so Montana zur (ebenso) erbärmlichen Unterklasse dieser Spezies. Irgend etwas in seinem Leben ist derart schief gelaufen, dass er offenbar einen Weg gehen muss, der ihn – wenn auch im Vergleich zu Hitler oder Stalin auf „Sparflamme” – direkt in jene Denk- und Verhaltensmuster, in jene ideologischen Gefilde treibt, die beträchtliche Teile der Realität ausblenden (müssen). Dazu bedarf es keiner der bekannten „grossen” Ideologien wie des Rassismus oder Antisemitismus oder einer deformierten realsozialistischen Ideologie.
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Montana gehört zu jenen Exilkubanern, die ein anderer Allmachtsphantast namens Fidel Castro 1980 offenbar loswerden wollte. Hunderte wenn nicht Tausende von Exilkubanern schippern Richtung USA. Und die Einwanderungsbehörden, so fies ihre Vertreter ihnen gegenüber auch auftreten, sind nahezu machtlos angesichts dieser Welle von Immigranten, unter denen sich kaum wirkliche politische Flüchtlinge, sondern vor allem Kriminelle befinden. Montana kommt mit seinem Freund Manny Ribera (Steven Bauer), und der Weg aus dem Auffanglager irgendwo bei Miami ist schon durch das gekennzeichnet, was die weitere Zukunft der beiden bringen wird: Mord. Man steckt ihnen, dass sie, wenn sie ein Ex-Regierungsmitglied Castros ermorden (ein Mann, der sich ebenfalls im Lager befindet), aus dem Lager herauskommen würden. Gesagt – getan.
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Der Weg führt sie direkt zu dem Drogenboss Loggia (Frank Lopez), durch dessen Adlatus Suarez (F. Murray Abraham), der Manny und Tony loswerden will, sie in eine Falle gelockt werden: Bei der vermeintlichen Übergabe von Geld für Kokain sollen sie erschossen werden. Doch Tony und Manny riechen den Braten und töten die Auftragskiller. Das beeindruckt Loggia; er will Tony für seine Zwecke einspannen, schickt ihn mit Suarez zu dem kolumbianischen Drogenbaron Sosa (Paul Shenar), der – ebenfalls beeindruckt von Tony – lieber direkt mit Tony Geschäfte machen will als mit Lopez. Und Tony will gross einsteigen, grösser als Lopez. Beide trennen sich – und nun beginnt der Aufstieg des Tony Montana zum grössten Drogenhändler in Miami ... und sein Fall.
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Pacino ist unvergesslich in dieser Rolle wie in seiner Rolle als Michael Corleone – auch wenn Coppolas Pate sicherlich mit „Scarface” nicht zu vergleichen ist. Während Coppola die sozialen Dimensionen der Mafia, ihre italienischen Traditionen, ihre amerikanische Anpassung intensiv aufspürt, eine umfassendes Bild dieser Lebensart zeichnet, begrenzt sich de Palma auf die Darstellung des Aufstiegs und Falls einer jener Männer, die jede sich bietende Gelegenheit benutzen, um ihre egoistischen Allmachtsphantasien zu realisieren.
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Tony Montana dringt in einen von Kriminellen und Halbkriminellen besetzten Raum ein. Durch einen Mord verschafft er sich Zutritt zu diesen Kreisen des Drogenhandels, die enge Verbindungen zu südamerikanischen Drogenbaronen pflegen. Während Lopez eine Machtstellung aufgebaut hat, die er einfach nur halten will, strebt Montana mehr an. Er will, wie er sagt, die Welt für sich.
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Seine Ideologie ist einfach gestrickt: Erst brauche man Geld, dann erhalte man Macht, und damit habe man Verfügungsgewalt über alles und jeden. Das personelle Gerüst, das sich Montana aufbaut, ist zunächst relativ klein: Manny und ein paar andere Exilkubaner. Doch sein Ziel ist klar: Er will Lopez vom Thron stürzen und über ihn hinauswachsen. Immer mehr erobert er den Raum, den er braucht, und über den er ebenfalls hinauswachsen will. Miami ist Miami. Aber es gibt mehr als Miami.
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De Palma zeigt, wie Montana durch Geschick, Gewalt, Taktik und Unbeirrtheit Lopez und den korrupten Cop Bernstein (Harris Yulin) aus dem Weg räumt, sich Lopez Geliebter Elvira (Michelle Pfeiffer) bemächtigt und damit zum wichtigsten Kriminellen in Miami aufsteigt.
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Gleichzeitig zeigt de Palma, in welche Schwierigkeiten Montana sich dabei selbst verstrickt. Er bevormundet seine Schwester Gina (Mary Elizabeth Mastrantonio), wie er alle um sich herum bevormundet. Er betrachtet sie als sein Eigentum. Auf dem Höhepunkt seiner Macht kommt dann genau das zum Tragen, was ihm letztlich das Genick bricht: sein Allmachtsstreben.
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Genau an diesem Punkt wird die Figur des Tony Montana mit all jenen Akteuren der Weltgeschichte vergleichbar – wenn auch in kleinerem Massstab –, deren Reiche nur eine begrenzte Lebensdauer haben, innerhalb derer sie aber Dutzende oder auch Zehntausende in den Tod reissen. Die Leichen, die den Weg Montanas pflastern sind nicht nur zahlreich; am Schluss steht er völlig allein da – konfrontiert mit Gegnern, die nichts weiter wollen als seinen Tod. Die, die ihm gefolgt waren, die gegenüber den kriminellen Strukturen ohnmächtige Elvira oder sein treuester Gefolgsmann Manny, hatten sich längst innerlich von ihm abgewandt. Manny erhält dafür die Quittung – weil er ein Verhältnis mit Tonys Schwester eingegangen ist.
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Tony Montana ist so etwas wie ein in sich selbst verstrickter Mann, einer, der die Welt als sein potentielles Eigentum betrachtet. Sein Führerbunker ist sein Arbeitszimmer, seine „Schaltzentrale”, aus der es irgendwann kein Entrinnen mehr gibt, weil alle anderen seinen Tod wollen. Während im normalen (kriminellen) Geschäft die Einflusssphären aufgeteilt sind, sich ab und an verschieben zugunsten der einen oder anderen Seite, mal einer aus dem Feld geworfen wird, ein anderer dazu kommt, spielen sich in Montanas Kopf andere Dinge ab: er will nur eine Einflusszone – seine. Für Konkurrenz ist da kein Platz – obwohl es u.a. genau diese Konkurrenz als herrschende Verkehrsform war, die solche Allmachtsphantasien und ihre Träger geschaffen hat.
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Montanas Kopf wie sein Herz sind beseelt von dem Gedanken der (regionalen) „Weltherrschaft” (wenn auch insofern begrenzt, als ihm politische Dinge unwichtig sind und er nur einen kleinen, miesen Abklatsch der grossen Diktatoren darstellt). Dem ordnet er alles und alle unter. Freundschaft (zu Manny) und Liebe (zu Elvira) werden zu taktischen Vehikeln dieses Ziels. Er opfert selbst die, die einmal zu ihm standen, sich aber von ihm abwenden. Die einzige, die entkommt, ist Elvira. Sie flüchtet.
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Die Reinheit und Finesse, die Klarheit und sprichwörtliche Bildhaftigkeit, mit der de Palma diese Geschichte erzählt, sind eindrücklich, vor allem natürlich auch durch Pacinos Performance. Der dirty talk, das Abschätzige in den Dialogen, das Hinterlistige, Intrigenhafte im Verhalten – all das untermauert und bebildert diese Geschichte ebenso überzeugend wie die Blicke Pacinos, hinter denen man seine Gedanken lesen und doch nicht glauben kann, was sich da abspielt.
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Im Rückblick also ein immer noch sehenswerter, auch nachdenklich machender Film.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 27 Dec 2025 12:03:06 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Der politische Joseph von Eichendorff]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/literatur/der-politische-joseph-von-eichendorff-009379.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eichendorff ist kein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs, nicht des erfüllten Augenblicks, sondern der Sehnsucht. (Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre)</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Eichendorff_Stahlstich_von_Eichens_w.webp><p><small>Joseph von Eichendorff, Autorenportrait (Stahlstich) aus: Werke, Berlin, Simion, 1842.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eichendorff_Stahlstich_von_Eichens.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">E. Eichens</a> (PD)</small><p>In den Jahren zwischen 1810 und 1812 schreibt Eichendorff dieses Gedicht:
<br><br>
<b>Auf einer Burg</b>
<br><br>
Eingeschlafen auf der Lauer<br>
Oben ist der alte Ritter;<br>
Drüben gehen Regenschauer,<br>
Und der Wald rauscht durch das Gitter.
<br><br>
Eingewachsen Bart und Haare,<br>
Und versteinert Brust und Krause,<br>
Sitzt er viele hundert Jahre<br>
Oben in der stillen Klause.
<br><br>
Draussen ist es still und friedlich,<br>
Alle sind ins Tal gezogen,<br>
Waldesvögel einsam singen<br>
In den leeren Fensterbogen.
<br><br>
Eine Hochzeit fährt da unten<br>
Auf dem Rhein im Sonnenscheine,<br>
Musikanten spielen munter,<br>
Und die schöne Braut die weinet.
<br><br>
Das Gedicht hat eine elegische Grundstimmung, die durch das retardierende Metrum der Trochäen noch verstärkt wird. Interpretationen erschöpfen sich in traditionellen Mustern, z.B. stehen der Ritter für die Verbundenheit mit der Natur, die Versteinerung für die erstrebte Ewigkeit, die Hochzeit mit der weinenden Braut für das vergängliche Jetzt. Oder: Die drei auf der Burg spielenden Strophen spiegeln melancholisch die Vergänglichkeit, die letzte Strophe mit der Hochzeitsgesellschaft einen lebensfrohen Optimismus.
<br><br>
Weshalb die Braut weint, ist nicht ersichtlich. Freudentränen sind es offenbar nicht. Fährt sie einer Zwangsverheiratung entgegen? Oder ist sie kurz vor der Hochzeit sitzengelassen worden? Ebenso ist unklar, weshalb der Bräutigam nicht erwähnt wird – ist er nicht mit von der Partie? In jedem Fall wäre die muntere Musik fehl am Platz. Wie all diese Widersprüche zusammenhängen, bleibt rätselhaft, und das gilt eben als „typisch romantisch“.
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Der Schlüssel zur Deutung des Gedichts, so meine These, liegt im Politisch-Historischen. Zu fragen ist: Wer ist der Ritter? Wer ist die Braut? Sie sind nicht einfach ein Ritter und eine Braut – sie sind Allegorien.
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Allegorie: altgriech. allegoría‚ „andere Sprache“; eine Form indirekter Aussage, bei der eine Sache oder Person aufgrund von Ähnlichkeit als Zeichen einer anderen Sache oder Person eingesetzt wird. (Wikipedia)
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Offensichtlich zeigt sich das beim Ritter, der auf der Lauer liegt, also Wache hält, dabei aber schläft. Zugrunde liegt dem Motiv die Kyffhäusersage.
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Der Kyffhäuser ist ein kleines Gebirge in Thüringen, südlich des Harzes, auf dessen Gipfel in 440 m Höhe einst eine Burg stand, deren Reste noch erhalten sind. An den Kyffhäuser knüpfte sich eine der populären Sagen von der Berg-Entrückung. Diese finden sich mehrfach in Europa: Könige und Volkshelden sterben nicht, sondern werden entrückt und leben in einer Parallelwelt weiter, bis die Stunde ihrer Wiederkehr schlägt. Einer davon ist König Artus, der nach seiner letzten Schlacht schwer verwundet zur Insel Avalon gebracht wird, von wo er dereinst zurückkehren wird. Ihm gleich kommt der Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122–1190), der im Kyffhäuser schläft und, wenn das Reich in höchster Not ist, als Friedenskaiser Friedrich II. zur Rettung des Reichs wiederkehren wird. Barbarossa ist deshalb zum Retter ausersehen, weil es ihm in seiner 38-jährigen Regierungszeit gelang, das Reich vor dem Zerfall zu bewahren, neu zu ordnen und in eine Zeit des Friedens zu führen. Die verschiedenen Sagen verdichten sich zu einem symbolischen Narrativ und gewinnen so die Kraft des Mythos.
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Nichts ähnelt dem mythischen Denken mehr als die politische Ideologie. (Claude Lévy-Strauss, Strukturale Anthropologie)
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1817 dichtet auch Friedrich Rückert über den schlafenden Barbarossa:
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Der alte Barbarossa,<br>
Der Kaiser Friederich,<br>
Im unterird'schen Schlosse<br>
Hält er verzaubert sich.
<br><br>
Er ist niemals gestorben;<br>
Er lebt darin noch jetzt.<br>
Er hat im Schloss verborgen<br>
Zum Schlaf sich hingesetzt.
<br><br>
Er hat hinabgenommen<br>
Des Reiches Herrlichkeit<br>
Und wird einst wiederkommen<br>
Mit ihr zu seiner Zeit. (…)
<br><br>
Als Allegorie für den Kaiser figuriert bei Eichendorff der Ritter, der kein junger Held ist, sondern als alt bezeichnet wird, eben wie es zu einem Kaiser passt, der seinerzeit fast vier Jahrzehnte lang das Reich regierte.

<h3>EXKURS</h3>

Hegel bemerkt irgendwo, dass alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als grosse Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce. (Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)
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Im 19. Jahrhundert wird diese Sage wieder populär, als die Nationalbewegung des Vormärz sie freiheitlich-demokratisch auflädt. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 ist es damit jedoch vorbei, und nach der Reichseinigung 1871 wird Barbarossa von der preussischen Grossmannssucht in Beschlag genommen. Für den Hohenzollernkaiser Wilhelm I. werden Reiterstandbilder aufgestellt (Wikipedia führt fünfzig davon auf), die ihn im Stil Barbarossas als Feldherrn hoch zu Ross zeigen, aber nun mit Pickelhaube und Eisernem Kreuz. Er betrachtet sich selbst als wiederauferstandenen Barbarossa und nennt sich, Konzession an sein fortgeschrittenes Alter, „Barbablanca“. Nach dem Sieg über Dänemark 1864 lässt er in Berlin die Siegessäule errichten, die nach dem Triumph über Frankreich 1871 noch mit einem rühmenden Bildprogramm für die preussische Armee geschmückt wird. Die auf der Säule stehende vergoldete Bronzefigur stellt die römische Siegesgöttin Victoria dar, in ihrer Rechten ein Lorbeerkranz, in der Linken ein Feldzeichen mit Eisernem Kreuz, auf dem Haupt Helm mit Preussenadler. Die Berliner Schnauze nennt sie „Goldelse“.
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Dieser Wilhelm ist derjenige, der 1848 die revolutionären Erhebungen in Preussen, Baden und der Pfalz blutig niederschlagen liess und der als „Kartätschenprinz“ in die Geschichte eingegangen ist. Berüchtigt ist das zwischen 1895–1897 errichtete 44 m hohe Denkmal-Monstrum am Deutschen Eck in Koblenz. Um sein Kaiserreich und sich selbst zu glorifizieren, liess Wilhelm II. zur selben Zeit ein Barbarossa-Denkmal auf dem sagenumwobenen Kyffhäuser errichten. Für das Denkmal in Koblenz fand sich im März 1945 ein wackerer US-amerikanischer Panzerschütze, der es in Stücke schoss. Leider fand sich nach dem Einmarsch der Roten Armee in Thüringen kein Rotarmist zu einem ähnlichen Akt der Geschichtskorrektur am Kyffhäuser berufen.
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Die Demütigung von Koblenz liess nun die Preussen-Verehrer nicht ruhen: Sie sammelten Geld von gleichgesinnten Nostalgikern zur Wiederherstellung des Denkmals und boten es 1993 dem Land Rheinland-Pfalz gratis an, das dieses Danaer-Geschenk nach dem routinemässigen Herumdrucksen der SPD-geführten Regierung auch annahm. Es ist schon bizarr, wie ausgerechnet die Sozialdemokratie den preussischen Erinnerungskult befördert, in letzter Zeit beim Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonskirche: Symbol des preussisch-deutschen Militarismus, Ort des Handschlags zwischen Hitler und Hindenburg, heute Kultstätte für Rechtsextreme. Und natürlich ist die stets staatsfromme evangelische Kirche als einstige Hauptakteurin der religiösen Verbrämung preussischer Kriegspolitik mit von der Partie.
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Das österreichische Leben hat eine Entschädigung: Die schöne Leich. (Karl Kraus)
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Es mag die österreichischen Leserinnen und Leser mit Freude erfüllen zu erfahren, dass der Kaiser Barbarossa auch in ihrem Land eine Ruhestätte hat, nämlich im Untersberg bei Salzburg. Der österreichische Alpinist Robert von Lendenfeld hat nahezu alle namhaften Berge der Alpen bestiegen und dies 1896 in zwei stattlichen Bänden mit dem Titel Aus den Alpen beschrieben. Für alle bergsteigerisch Interessierte sind die mit schönen Zeichnungen geschmückten Bücher genussreich zu lesen, allerdings muss man bereit sein, auch seine rassistischen Kommentare hinzunehmen, wenn er die italienische Bevölkerung im Vergleich mit der deutschsprachigen als lärmend, faul und schmutzig schmäht. Über den Barbarossa im Untersberg weiss er dies zu erzählen (Bd. II, Die Ostalpen, S. 375):
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Zwerge und andere sagenhafte Wesen belebten den Untersberg, und drinnen im Berge schläft der alte Kaiser Barbarossa. 680 Jahre ruhte er dort, da weckte ihn der Donnerhall jenes Rufes, der 1870 die deutschen Gaue durchbrauste: Zum Rhein, zum deutschen Rhein, wer will des Stromes Hüter sein? Er rüttelte sich munter, trat hervor aus dem Berge und eilte dem Rufe nach über den Rhein – gewaltig schwang er das Schwert in der Schlacht. Vernichtet waren die feindlichen Heere, einig und mächtiger als jemals zuvor erhob sich phönixgleich das alte Deutsche Reich geläutert durch den Kampf in neuer jugendlicher Kraft. Der alte Barbarossa aber wischte das Blut von seinem Schwerte, – glücklich lächelnd, zufrieden mit den Waffenthaten der Nachkommen, ist er in seinen unterirdischen Palast zurückgekehrt.
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Er zitiert hier das patriotische und von Franzosenhass vergiftete Lied Die Wacht am Rhein (Es braust ein Ruf wie Donnerhall) das ab 1871 neben Heil dir im Siegerkranz die Rolle einer inoffiziellen Nationalhymne hat. Es ist schon phänomenal zu sehen, dass Schriftsteller wie der Oberschlesier Eichendorff und der Grazer Lendenfeld, je weiter sie vom Rhein herstammten, desto schwerer beeindruckt waren vom deutschen Kaiser Barbarossa und dem deutschen Schicksalsfluss. (Empfehlenswert, freilich mit Trigger-Warnung, die Interpretation von Heino auf Youtube). – Ende dieses unappetitlichen Exkurses.
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Die Erde ist auf die Dauer stets mächtiger als die Geschichte. (Albert Camus)
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Zurück zur Sage. Während der Kaiser schläft, wächst sein Bart weiter und wickelt sich um den Steintisch herum. Eichendorff treibt das Bild kühn weiter, indem er den Bart samt Ritter selbst zu Stein werden lässt: Eingewachsen Bart und Haare, / Und versteinert Brust und Krause, / Sitzt er viele hundert Jahre / Oben in der stillen Klause. Sein Schlaf ist ein erstarrter, todesgleicher Schlaf.
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Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt. (Jean-Paul Sartre)
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Gleiches gilt für mythische Gestalten. Die Menschen haben den Glauben an die Wiederkehr des Kaisers verloren: Alle sind ins Tal gezogen. Die Stille und der Friede um die Klause sind die des Friedhofs, übrig bleiben Vögel, die in der sie umgebenden Leere ihre einsamen Gesänge gleich Klageliedern ertönen lassen. Die Geschichtsmächtigkeit des Kaisermythos schrumpft zurück in die Urform alles Seins, die Materie, hier versinnbildlicht im Stein, zu dem das allegorische Bild des Kaisers erstarrt ist.
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Aufschlussreich ist die Reimstruktur. Eichendorff ist ein sehr bewusst verfahrender Verskünstler. Reime sind nicht nur Schmuck, sondern bedeutungstragend (vgl. meinen Aufsatz Poesie als Tauschwert am Beispiel des Gedichts Mondnacht, Streifzüge, Sommer 2022). So auch im Gedicht Auf einer Burg. Blicken wir dazu zunächst auf die beiden ersten Strophen. Diese weisen ein festes Reimschema auf: abab cdcd. Es versinnbildlicht die ursprüngliche Glaubensgewissheit des Mythos. In der dritten Strophe wird das feste Reimgerüst aufgegeben, denn die erste und dritte Zeile sind reimlos: xexe. So wie die einstige Glaubensmacht des Mythos sich aufgelöst hat, so wird auch die bisher feste Reimstruktur lückenhaft.
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Diese Technik kulminiert im Raffinement der letzten Strophe. Wir haben hier zwar wieder wie in den beiden ersten Strophen ein festes Muster: fgfg. Aber diese Reime sind alle unrein: unten – munter – Sonnenscheine – weinet. Zu den unreinen Reimen (Assonanzen) kommt eine weitere ästhetische Störung hinzu. Es sind sinnwidrig betonte Trochäen: Eíne Hochzeit – Áuf dem Rhein – Músikanten – Únd die schöne Braut. Das akzentuierte únd betont noch das Erzwungene der Szenerie.
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Musik drückt das aus, worüber man nicht sprechen kann und es doch unmöglich ist zu schweigen. (Victor Hugo)
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Robert Schumann hat in seiner Vertonung diese Ambiguität kongenial gestaltet (Liederkreis, op. 39, Nr. 7). Davon soll ausführlich die Rede sein, weil es gerade die Musik ist, welche die schwebende Ungewissheit der Verse auch sinnlich erfahrbar macht. (Quelle der Analyse im Lit.verz.)
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Schumann gliedert die vier Strophen in zwei, dennoch ist die Eichendorff'sche Gliederung gut erkennbar, da ein einzelner Vers in zwei Takte fällt, nur in den jeweils letzten Versen der zweiten und vierten Strophe – Oben in der stillen Klause und Und die schöne Braut die weinet – werden die Verse jeweils auf vier Takte gestreckt.
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Das Lied beginnt mit den Vortragsbezeichnungen Adagio und Piano. In dem Adagio, das „ruhevoll, langsam bis sehr langsam“ bedeutet, bekommt der retardierende Rhythmus der Trochäen zusätzliche elegische Qualität, insonderheit in dem erstarrten Stillleben der ersten beiden Strophen. Doch wird in das Adagio zweimal eine dynamische Bewegung eingebaut: ein Crescendo auf Eingewachsen Bart und Haare mit einem Decrescendo auf Oben in der stillen Klause. Die Höhepunkte der Komposition folgen der Dynamik des Textes und liegen auf den Worten Krause und munter, die jeweils an den Vers-Enden liegen. In den meisten Takten sind die Noten auf Eins und Drei punktiert, sodass die Melodie melancholisch, aber nicht schleppend wirkt.
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Das Lied ist in der Tonart a-Moll notiert. Es hebt an mit einer fallenden Quinte von h auf e; es ist eine leere (offene) Quinte, d.h. die Terz, welche die Tonart bestimmt, fehlt, sodass der Eindruck des Unbestimmten, Fahlen entsteht. Das ganze Lied scheint sich in seinen chromatischen Schritten nicht von der Stelle zu bewegen, es schwankt zwischen e-Moll und a-Moll und berührt dabei ferne Kirchentonarten.
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In der Schluss-Strophe nimmt Schumann zwei Besonderheiten vor, welche Sängerin und Sänger unbedingt beachten müssen. Bei der Hochzeitsfahrt auf dem Rhein im Sonnenscheine wechselt die Melodie unvermutet in einen Sextsprung von d auf h, betont also das Wortglied -scheine; diese Betonung wird beibehalten im folgenden Vers bei Musikanten, dies mit „falschem“ Akzent auf der ersten Silbe, und munter, und sie hebt die angesichts der weinenden Braut erzwungene Fröhlichkeit der Hochzeitsfahrt fast plakativ hervor. Die Singstimme muss das entsprechend akzentuieren. Dietrich Fischer-Dieskau, zu hören auf Youtube, macht das perfekt.
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Von genauer Einfühlung in den Text und kompositorischem Raffinement zeugt der letzte Vers Und die schöne Braut die weinet. Zum einen: Die schon erwähnte Ausweitung des Verses von zwei auf vier Takte wird noch durch die Vortragsbezeichnung Ritardando betont und verstärkt die elegische Stimmung. Zum andern: Die Singstimme verläuft parallel zum Klavier, doch enden beide nicht, wie als Auflösung zu erwarten wäre, in der Grundtonart a-Moll, stattdessen wechselt die Tonart in E-Dur, die Dominante zu a-Moll. Im vorletzten und letzten Takt spielt die Bass-Stimme wieder eine leere Quinte (a – e), darauf baut der Dominantakkord h – e – gis auf, und zwar in der Umkehrung (und nicht, wie es üblich wäre, e – gis – h). Die Singstimme nimmt, nach einem chromatischen Abwärtsgang, aus der Terz des Klaviers das gis auf – und so bleibt alles in der Schwebe.

<h3>Brautschau</h3>

Zu fragen ist nun: Wer ist die schöne Braut? Und wer der Bräutigam? Von ihm ist merkwürdigerweise nicht die Rede. Sitzt er nicht mit im Schiff? Und warum weint die Braut? Ist der Mann nicht der von ihr Erwählte? Ist sie womöglich auf der Suche nach ihm? Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Da von einem Bräutigam nicht die Rede ist, entscheide ich mich für die These, dass die Braut allein im Schiff sitzt. So bleibt die Frage: Wer ist die Braut?

<h3>Der politische Eichendorff …</h3>

Wir kommen der Antwort näher, wenn wir sowohl die historisch-politischen Zeitumstände als auch Eichendorffs politische Weltsicht selbst in Augenschein nehmen. Zunächst zu dieser. Eichendorff, der als der „romantischste“ aller Dichter der Romantik gilt, war ein durchaus politischer, dabei dezidiert konservativer Mensch. Vorherrschend in der Rezeption seiner Dichtung ist die geradezu übermächtige Vereinnahmung seines Konservatismus durch nationalistische Ideologien. Sie ist in den letzten Jahrzehnten einer kritischen Revision unterzogen worden, die nun ein wesentlich differenzierteres Bild von Eichendorff zeichnet. (Es sind freilich weniger seine Gedichte, sondern vor allem seine Romane und Dramen, die zeitkritische Bezüge enthalten.)

<h3>… und der katholische</h3>

Zugleich ist Eichendorff ein tiefgläubiger Katholik. Die Zerrissenheit in der deutschen Geschichte, unter der er leidet, beginnt für ihn schon im 13. Jahrhundert, im Kampf der Ghibellinen (Staufer) gegen das Papsttum; erweitert wird die Spaltung durch den Renaissance-Humanismus, der nicht nur Kunst und Wissenschaft, sondern auch Staat und Kirche nach antiken – und eben nicht christlichen – Vorbildern prägt. Luthers Reformation setzt das fort, indem sie einen politischen Protestantismus heraufführt, der die autonome und universelle christliche Moral ins Korsett der Staatsräson zwängt. Tief suspekt sind für Eichendorff folglich die Ideen der europäischen Aufklärung. In deren Subjektivismus und Emanzipationsstreben (inkl. der Frauen) sieht er einen Zerfall der göttlichen Ordnung durch die Inthronisation eines prometheisch-luziferischen Ich, welche die Welt in den Abgrund stürzen müsse. Rettung böte die Rückbesinnung auf den christlichen Heilsglauben. (van Essenberg, S. 391 ff.) Das ist zweifellos restaurativ und antimodernistisch; jedoch hat die Moderne angesichts der ihr eigenen „Dialektik der Aufklärung“ unbestreitbar auch ihre höchst problematischen Seiten.
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Klarsichtig und scharf ist Eichendorffs Kritik am Zustand der eignen Adelsklasse, obschon er selbst gern an deren Vergnügungen wie Teegesellschaften, Maskenbällen und Jagden teilnimmt. Er sieht den Adel der innerständischen Brüderlichkeit verlustig gegangen, betrachtet ihn als verkrustet, degeneriert. Dagegen verklärt er idealtypisch das „Volk“, denkt und fühlt durch und durch „deutsch“, ist von „Vaterlandsliebe“ beseelt, distanziert sich aber von dem aufkommenden Nationalismus und beschwört eine neue Synthese von Adel und Volk, was noch bis zu Wagners Meistersingern fortheckt, wenn Hans Sachs in seiner Schlussansprache dem Heiligen Römischen Reich das Unheil prophezeit, das droht, „wenn kein Fürst bald mehr sein Volk versteht“. Dieses Reich ist nun durch die Napoleonischen Kriege und die Gründung des Rheinbunds, dessen Mitglieder aus dem Reich ausgeschieden sind, handlungsunfähig geworden und mit der Niederlegung der Reichskrone durch Kaiser Franz II. im Jahr 1806 nach über 800 Jahren erloschen.
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Die Nachtigallen schlagen / Hier in der Einsamkeit,<br>
Als wollten sie was sagen / Von der alten, schönen Zeit.<br>
(Eichendorff, In der Fremde)
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Das Gedicht Auf einer Burg hat Eichendorff zwischen 1810 und 1812 geschrieben. Es ist die Zeit, in der grosse Teile Europas unter der Herrschaft Napoleons stehen. Im Kampf gegen die französische Besetzung werden Freiwilligeneinheiten, sog. Freikorps, aufgestellt. In ihnen sind viele Bürger und Adlige vertreten, darunter Prominente wie Theodor Körner und der „Turnvater“ Friedrich Jahn.
<br><br>
Das Hurra jauchzt und die Büchse knallt, / Es fallen die fränkischen Schergen.<br>
(Theodor Körner, Lützows wilde Jagd, 1813)
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Und eben auch Eichendorff, der in den Befreiungskriegen in den Jahren 1813 bis 1815 als Leutnant dient. Um sich und andre für den Krieg zu begeistern, dichtet er einen Appell:

<h3>Appell</h3>

Ich hört' viel Dichter klagen<br>
Von alter Ehre rein,
<br><br>
Doch wen'ge mochten's wagen<br>
Und selber schlagen drein.<br>
(…)<br>
Frisch auf, wir wollen uns schlagen,<br>
So Gott will, übern Rhein<br>
Und weiter im fröhlichen Jagen<br>
Bis nach Paris hinein!
<br><br>
Aber noch wollte es Gott nicht, erst 1871 war es so weit, dass Preussen mit seinen Verbündeten in Paris einmarschierte, und 1940 dann Grossdeutschland samt dem zur „Ostmark“ degradierten Österreich. Als Freischärler bei Lützow dichtet Eichendorff ein weiteres martialisches (und literarisch ebenso missratenes) Kriegslied, in dem er bildgewaltig die Leiden des Vaterlands durch die französische Okkupation beklagt: Die Löwen und Adler, sprich: die Deutschen, zeigen sich leider nur noch kampfträge, stattdessen belagern die Drachen, sprich: die Franzosen, das Land. Eine Braut figuriert als Leidensfigur:
<br><br>
Noch halten sie in Schlingen<br>
Die wunderschöne Braut,<br>
Bei Nacht hört man ihr Singen<br>
Die stille Luft durchdringen<br>
Mit tiefem Klagelaut.
<br><br>
Wieder also die Braut, eine wunderschöne. Wer ist sie? Der Antwort kommen wir nahe, wenn wir uns ein Gedicht anschauen, das Heinrich von Kleist 1809 schreibt: Es heisst Germania an ihre Kinder.Der Name der Göttin steht in Anlehnung an des Tacitus ethnographische Schrift über die Germanen (98 n.u.Z., den Titel Germania bekam sie erst in der Renaissance). Kleist schreibt dazu eine schauerliche Ode, in der ein patriotischer Deutscher die Göttin zum Kampf gegen die Franzosen aufruft; hier einige Strophen daraus:
<br><br>
Horchet! – Durch die Nacht, ihr Brüder,<br>
Welch ein Donnerruf hernieder?<br>
Stehst du auf, Germania?<br>
Ist der Tag der Rache da?<br>
Zu den Waffen, zu den Waffen!
<br><br>
Der Sprecher – man kann ihn getrost als den Franzosenhasser Kleist selbst ausmachen – steigert sich in eine rasende Mordlust hinein: Alles Land soll mit den verbleichenden Knochen der Franzosen weiss gefärbt, der Rhein mit ihren Leichen aufgestaut werden, kurz, es wird lustig hergehen, und alles wird gut:
<br><br>
Eine Lustjagd, wie wenn Schützen<br>
Auf die Spur dem Wolfe sitzen!<br>
Schlagt ihn tot! das Weltgericht<br>
Fragt euch nach den Gründen nicht!
<br><br>
Rettung von dem Joch der Knechte,<br>
Unsrer Fürsten heil'gem Blut<br>
Unterwerfung und Verehrung!<br>
Gift und Dolch der Afterbrut!
<br><br>
Gegen Fürstenherrschaft ist nichts einzuwenden, solang es nur die eigne Adelsbrut ist und nicht die artfremde der Franzosen. Fürwahr: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein! (Nikolaus Becker, Rheinlied, 1840). Denn:
<br><br>
Und ob mein Herz im Tode bricht, / Wirst du doch drum ein Welscher nicht.<br>
Reich wie an Wasser deine Flut / Ist Deutschland ja an Heldenblut.<br>
(Max Schneckenburger, Die Wacht am Rhein)
<br><br>
Symbolstark rauscht hier wieder der Rhein hindurch, der das bedrängte brave Deutschland vom tückischen Welschland scheidet. Das ist beim Preussen-Propagandisten Kleist grell plakatiert, ebenso, wenn auch weniger martialisch, sondern klagend, in Eichendorffs Kriegslied, jenes Eichendorff, der sich emphatisch als Deutscher versteht – der letzte Vers seines Gedichts Heimweh lautet: Grüss dich, Deutschland, aus Herzensgrund! Und der in diesen Jahren sein rätselvolles Gedicht Auf einer Burg schreibt.
<br><br>
Was also bedeuten die Figuren? Der alte Ritter, der Wache hält und in seinem jahrhundertelangen Schlaf bis zur Versteinerung erstarrt ist – er ist die Allegorie des ersehnten Kaisers. Und die schöne Braut – sie ist Germania, die Allegorie des deutschen Volks. Auf dem Rhein, dem „deutschen Schicksalsfluss“, fahrend, sehnt sie sich weinend nach dem Herrscher, der ersehnt wird, dessen Reich zerfallen ist, aber dereinst unter einem neuen Kaiser wiedererstehen mag.

<h3>VORSCHAU</h3>

<em>… dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die brutale germanische Kampflust … Die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. Wenn Ihr dann das Gepolter und Gedonner hört, hütet Euch, Ihr Nachbarskinder, Ihr Franzosen! Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die Französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.
<br><br>
(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland,1834–52)</em><p><em>Hermann Engster</em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 26 Dec 2025 10:39:08 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Panzerkreuzer Potemkin]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/panzerkreuzer-potemkin-009442.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Am 21. Dezember 1925 wurde in Moskau der Film "Panzerkreuzer Potemkin" uraufgeführt, der eine ästhetische Revolution auslöste, der in der Stummfilm-Zeit mit seiner Bildsprache und politischen Haltung stilbildend wurde.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Aufstand_auf_dem_Panzerkreuzer_Potemkin_w.webp><p><small>Aufstand auf dem Panzerkreuzer »Potemkin«, Rumänischer Fotograf um 1905.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rum%C3%A4nischer_Photograph_um_1905_-_Aufstand_auf_dem_Panzerkreuzer_%C2%BBPotemkin%C2%AB._Constanta_(Zeno_Fotografie).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zeno.org, ID number 20001894706</a> (PD)</small><p>Sergej M. Eisenstein hatte den Auftrag bekommen, zum 20-jährigen Jubiläum der ersten Russischen Revolution von 1905 die revolutionäre Bewegung an verschiedenen Orten filmisch nachzuzeichnen. Schon früh entschloss sich Eisenstein, den Matrosenaufstand in Odessa exemplarisch ins Zentrum zu stellen. Ausgehend von der Rebellion der Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin, entwickelte der Regisseur das Revolutionsgeschehen.
<br><br>
Die Proteste der Matrosen wegen unzureichender Verpflegung werden blutig niedergeschlagen, doch bei der Aufbahrung des getöteten Wortführers zeigten tausende Menschen ihre Solidarität. Das zaristische Regime sah keine andere Möglichkeit, als Truppen in den Hafen zu schicken, die mit grosser Brutalität den Protest und die Solidarität der Bevölkerung niedermetzelten.
<br><br>
Es ist die Eindringlichkeit der Bildersprache, die diesen Film bis heute für jeden Betrachter verstehbar macht. Nach den Bilder der Gewalt gegen die rebellierenden Soldaten erleben die Betrachter im Hafen von Odessa ein Solidaritätsfest. Typen, die als „Student“, „Kriegsversehrter“, „Mutter“, „Lehrerin“, „Kind“ und „Begüterter“ charakterisiert werden, unterstützen die Matrosen und stehen symbolisch für jene gesellschaftlichen Gruppen, die für den Aufstand zu gewinnen sind. Diese friedliche Stimmung wird unterbrochen durch das eingeblendete Wort „Plötzlich“. Panik bricht aus.
<br><br>
Damit beginnt eine der bekanntesten Szene der Filmgeschichte, die „Treppenszene von Odessa“. Man sieht Soldaten, die oftmals in Grossaufnahme durch ihre Stiefel und Gewehre anonymisiert und auf ihr Gewaltpotenzial reduziert sind. Die Menschen rennen die riesige Steintreppe am Hafen hinunter. Manche brechen zusammen, bleiben liegen und werden überrannt. Die Soldaten marschieren im Gleichschritt über die Körper hinweg. Immer wieder wechselnd zeigen totale und halbtotale Einstellungen die Masse und in Nahaufnahme Einzelne. Das Bildtempo steigert sich, unterstützt durch eine stetig ansteigende Melodie, welche durch Trommelschläge die Gewehrsalven imitiert.
<br><br>
Ein Junge wird von Gewehrsalven getroffen, anklagend, mit dem Körper des toten Kindes im Arm, steigt die Mutter langsam aufwärts den Soldaten entgegen. Ungerührt schiessen diese. Eine andere Mutter mit Kinderwagen kommt auf der Treppe ins Bild. Sie wird getroffen, ihrer Hand entgleitet der Kinderwagen. Den hinunterrollenden Kinderwagen begleitet der Film mit Nahaufnahmen des weinenden Babys, Bildern mordender Soldaten und blutenden Gesichtern von Menschen. Am Ende stürzt der Kinderwagen um und in den Sturz hinein schneidet Eisenstein Grossaufnahmen eines Kosaken, der im Blutrausch mit seinem Säbel zuschlägt.
<br><br>
Von da an wartet der Betrachter nur noch auf eine Reaktion auf diese blinde Wut der Soldaten. Sie kommt. Das Geschützrohr des Panzerkreuzers dreht sich – in starkem Kontrast zu den schnellen Massaker-Szenen – langsam in Richtung Stadt und feuert auf den Sitz des Generalstabs im Theater von Odessa. Rauch steigt auf. Am Schluss meutern auch weitere Schiffe. An den Masten flattern die roten Fahnen der Revolution.
<br><br>
Eisenstein inszenierte mit diesem Film ein eindrucksvolles Historiengemälde der Revolution, die zwar noch nicht erfolgreich war, aber die Voraussetzung für den Sieg der Oktoberrevolution 1917 schuf. Die überwältigende Wirkung seiner Komposition verdankt der Film einer Darstellung, bei der es Sergej M. Eisenstein gelang, Partei zu ergreifen für die Revolutionäre des Jahres 1905 und gleichzeitig das Publikum mit Hilfe seiner Bildersprache, der damit ausgelösten Gefühle und Empfindungen auf die Seite der unterdrückten Massen und der Revolutionäre zu holen.
<br><br>
Der Film sei ein „revolutionäres Lehrstück mit emotionaler Überzeugungskraft“, heisst es in einer Laudatio. Diese Kunst der Revolution erzählt von der Befreiung der Unterdrückten. Deshalb hat selbst 100 Jahre nach der Uraufführung der Film „Panzerkreuzer Potemkin“ nur wenig von seiner Wirkungskraft verloren, auch wenn der soziale Kontext heute ein anderer ist.<p><em>FIR</em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 25 Dec 2025 09:35:15 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Sissi (Film)]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/sissi-007576.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In <em>Sissi</em> werden nicht jene Konflikte filmisch materialisiert, die es in der Zeit der Habsurger-Monarchie wirklich gab. Die Konflikte, die Marischkas Drehbuch vorsah, waren handlich, überschaubar, regelbar und lösbar – jeder dieser Konflikte.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Com_L12-0401-5013_w.webp><p><small>Filmpremiere im Palais Garnier, Paris: "Der Kardinal", mit Romy Schneider und Anthony Quinn, Dezember 1963.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Com_L12-0401-5013.tif" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv - Fotograf: Metzger, Jack - Com_L12-0401-5013</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das pappt mein Leben lang<br>
wie Griessbrei an mir.”<br>
(Romy Schneider zu ihrer Rolle als <em>Sissi</em>)
<br><br>
Es ist besser Leidenschaft zu<br>
erleben und unglücklich zu sein,<br>
als sich mit Mittelmässigem<br>
zufrieden zu geben.”<br>
(Romy Schneider)
<br><br>
Ich kann nichts im Leben,<br>
aber alles auf der Leinwand.”<br>
(Romy Schneider)
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Ich mag auch keinen Griessbrei. Aber die Perspektiven verschieben sich – nicht nur einfach mit der Zeit. Der eigene Erfahrungshorizont verändert sich stets und das kulturelle Outfit einer Gesellschaft macht Sprünge. Der Blick auf einen Film (und seine beiden Sequels) aus dem Jahr 1955 ist schon lange ohne einen Blick auf Romy Schneider kaum möglich. Damals, mit 16, 17 Jahren, die im wahrsten und ehrlichsten Sinn des Wortes reine, schöne Unschuld – und heute? In der Erinnerung an sie eine Frau, die von sich selbst sagte – so ehrlich, wie man es kaum ehrlicher sagen konnte –, dass sie mit ihren Leben, mit sich selbst, mit Männern, mit Deutschland, mit kaum etwas zurecht gekommen war. Diese Dinge sind bekannt. Ich muss sie nicht wiederholen. Da geht es mir so wie mit <em>Sissi</em>: Das Verhältnis des Films (und seiner beiden ebenso erfolgreichen beiden Sequels) zur Wirklichkeit, nicht nur der wirklichen Elisabeth von Österreich, sondern auch zur Wirklichkeit der damaligen Bundesrepublik ähnelt dem Verhältnis von Romy Schneiders Rolle zu ihrem eigenen Leben – fast zumindest.
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Und trotzdem, bei aller Veränderung, bei allem Kitsch, bei aller Verkleisterung, bei allem Hellen, wo doch nur Dunkel ist, ist die Geschichte von <em>Sissi</em> auch die einer unglaublichen, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlichen Beständigkeit. Schon in den 50er Jahren nach <em>Der Förster vom Silberwald </em>(28 Millionen Zuschauer) die erfolgreichste deutsche Trilogie (zwischen 20 und 25 Millionen Zuschauer) hält sie sich behände in den Köpfen, den Herzen und seit einiger Zeit auch in den DVD-Regalen des Publikums. Man könnte auch sagen: Die Konstanz des Erfolgs der Trilogie deutet auf die Konstanz von Sehnsüchten und Defiziten, Wünschen, Wunschproduktionen und seelischen Mängeln, die in der Gesellschaft der Bundesrepublik vielleicht "Formveränderungen" durchgemacht haben, in ihrer Substanz aber bestehen blieben.
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Nur eine bestimmte Form falsch verstandener political correctness” hält bestimmte Menschen von dem Geständnis ab, <em>Sissi</em> nicht nur gesehen, sondern in diesem Film auch für sich etwas gefunden zu haben – und sei es nur zeitweise.
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Ich fliehe vor der Welt samt ihren Freuden,<br>
und ihre Menschen stehen mir heut fern;<br>
es sind ihr Glück mir fremd und ihre Leiden;<br>
Ich stehe einsam, wie auf and'rem Stern...<br>
(Elisabeth: An die "Zukunfts-Seelen" 1887)
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Die filmische wie die reale Elisabeth von Österreich waren von Schicksalsschlägen geprägt. Auch diese Fakten sind bekannt. Und trotzdem gibt es zwischen der filmischen und der wirklichen Elisabeth fundamentale Unterschiede. Im Film gibt es nur Probleme, die sich mehr oder weniger leicht lösen. Die reale Elisabeth ist zeit ihres Lebens nie damit zurecht gekommen, sich in das strenge Reglement am Wiener Hof einzufügen. Ihre Flucht in Krankheit und eine ausgedehnte Reisetätigkeit waren die Fluchten eines Menschen, der auch den Entzug seiner Kinder durch die herrschsüchtige Schwiegermutter Sophie letztlich nie verkraftet hatte. Ihre besonders in den letzten Jahren ausgeprägte Todessehnsucht deutet auf eine Frau, deren Tragik in der filmischen Trilogie keinen Ausdruck fand.
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Kitsch also. Aber sagt das alles? Natürlich nicht.
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Der Inhalt des ersten Films ist sicherlich mehr als bekannt: Die Mutter des österreichischen Kaisers Franz Joseph (Karlheinz Böhm), Sophie (Vilma Degischer), sucht eine Frau für den Regenten. Nach einigen diesbezüglichen Fehlschlägen einigt sie sich mit der Herzogin Ludovika (Magda Schneider) auf deren Tochter Prinzessin Helene (Uta Franz), genannt Nene, als künftige Gemahlin. Als sich Ludovika mit Nene und ihrer weiteren Tochter Elisabeth (Romy Schneider) in Bad Ischl mit Ludovika und Franz Joseph treffen, verliebt sich der Regent nicht in die ihm unbekannte Nene, sondern in deren Schwester Sissi – und setzt sich gegen seine herrschsüchtige Mutter durch. Die Verlobung der beiden wird bekannt gegeben. Im Film trifft Franz Josef Sissi zunächst zufällig auf dem Weg nach Bad Ischl, ohne ihre wahre Identität zu kennen, und verliebt sich in die vermeintliche Lisl, für die sich Sissi ausgibt. Der Film deutet gegen Schluss bereits an, dass Sissi mit den höfischen Regeln und vor allem mit ihrer Schwiegermutter nicht zurecht kommt. Und die junge Romy-Sissi, im Arm ihres Franz Josef, sagt: Ach Franz, es wär' alles so schön, wenn du kein Kaiser wärst.”
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Die erst 15jährige Sissi fährt per Schiff auf der Donau nach Wien – begleitet von ihr zujubelnden Menschen an den Ufern. Eine Traumhochzeit” bildet den Abschluss des Films.
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Sissi – wer wollte das bestreiten – ist jung, unschuldig, und zugleich wild, süss, intelligent, lebensfroh, zart, ungezwungen. Und damit schufen Ernst Marischka und Romy Schneider jene Ikone des bedeutendsten deutschen Nachkriegs-Heimatfilms, die bis heute nachwirkt – also in Neuhochdeutsch: eine nachhaltige Ikone. Die Nachhaltigkeit dieser Fiktion geht vor allem, aber nicht nur auf Romy Schneider und ihre Rolle zurück. Marischka wusste genau, mit was und wem er das Publikum zu bedienen hatte. Wir sprechen hier von den 50er Jahren, der Adenauer-Ära – auch wenn der Film in Österreich produziert wurde –, also einer Zeit der erwartungsvollen Hoffnungen und unstillbaren Sehnsüchte nach dem Völkermord. Während Adenauer in den Wahlkämpfen jener Zeit verkündete "Keine Experimente" und damit nicht nur eine Front gegen den Osten meinte, sondern auch konservative Stabilität in jeder Hinsicht, waren die plakativen politischen Tendenzen doch mehr Illusion, mehr Schein als Realität.
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Trotz Wirtschaftswachstum und -wunder” brodelte es längst in den überholten Strukturen – bis hinein in die Familien. Dass sich solches Brodeln nicht in aufständischem Eifer breit machte, konnte niemand nach 1945 eigentlich wirklich erwarten – schon gar nicht in Deutschland. Nein, es äusserte sich u.a. in der Sehnsucht nach der Fremde und dem Fremden: der Illusion des Mediterranen. Welche Familie, die es sich nicht irgendwie leisten konnte, war ab Mitte der 50er Jahre und in den Folgejahren nicht mindestens einmal in Italien – mit dem Bild eines verklärten Italien im Kopf.
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In <em>Sissi</em> werden nicht jene Konflikte filmisch materialisiert, die es in der Zeit der Habsurger-Monarchie wirklich gab. Das war auch nicht Sinn und Zweck der drei Filme. Die Konflikte, die Marischkas Drehbuch vorsah, waren handlich, überschaubar, regelbar und lösbar – jeder dieser Konflikte. Selbst die negativen Figuren, vor allem die Erzherzogin Sophie, wurden durch einen gewissen Sympathiezuschuss handhabbar dem Publikum serviert. Daneben erlaubten Witzfiguren wie Major Böckl oder der von einer Schein-Schwerhörigkeit befallene Gemahl Sophies für das nötige Quentchen Komik, um den handhabbaren Konflikten selbst noch eine weiche Landung” zu erlauben.
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Nicht zuletzt aber die Verwurzelung der Hauptfigur selbst in einem Elternhaus, das mehr einem lustigen bäuerlichen Heim entspricht denn dem einer Adelsfamilie, bereitete den Humus, auf dem sich die Botschaften des Films entwickeln konnten. Der Vater Sissis ist ein Naturbursche im positiven Sinne, einer, der keine Standesdünkel kennt, der mit dem Adels-Verwandten genauso spricht wie mit dem Knecht im Stall, der zudem in der unberührten Natur die Quelle allen Daseins zu sehen scheint, während er das höfische Gehabe in Wien genauso hasst, wie Sissi sich ihm nicht unterordnen will. In dieser Gegenüberstellung von idyllischem, fast-bäuerlichen Frohsinn hier, Lebensmut und fast kalt und skrupellos dargestellter Lebensart am Hof drücken sich die Zweifel darüber aus, dass das so sein müsse. Die Figur der Sissi steht auch auf das Eindringen” des Menschlichen, des Natürlichen, des Lebhaften in die Sphäre des Politischen.
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Marischka serviert also eine handhabbare, überschaubare, kontrollierbare Geschichte in drei Teilen – nicht nur für seine Akteure, sondern vor allem für sein Publikum. Der erste Teil der ersten Botschaft der Trilogie ist damit schon genannt. Der zweite Teil ist die Hauptfigur des Films selbst, die sich – trotz aller Wirrungen und Irrungen” – von niemandem und nichts unterkriegen lässt. Sissi kämpft an verschiedenen Fronten, selbst später in den beiden anderen Teilen der Trilogie gegen ihren Mann, als er sich zu deutlich auf die Seite seiner Mutter stellt. Sissi transportiert die Botschaft, sich durch nichts und niemanden daran hindern zu lassen, Gegensätze zu lösen, Widersprüche zu beseitigen. Hier findet sich die Befriedigung einer der Sehnsüchte des Publikums: das eigene Leben in den Griff zu bekommen und das Glück zu finden, das man so sehr braucht in dieser Zeit.
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Die zweite Botschaft ist das Mittel, das Marischka und Romy Schneiders Sissi darreichen. Sissi arbeitet mit Zuneigung, Liebe, aber auch Entschlossenheit, Berechenbarkeit und Unverbrüchlichkeit. Sie bleibt sich treu, zumindest aber versucht sie es. Sie versucht immer wieder, verlorenes Glück wiederherzustellen, wieder aufzubauen, was durch andere zerstört wurde. Sie ist gar die Lehrmeisterin ihres Manns, der durch Karlheinz Böhm eher als die schwächere Figur von beiden dargestellt wird, einer, der manchmal doch zu sehr dem Machtdenken seiner Mutter verhaftet ist. Sissi führt in der Fortsetzung des Films die Versöhnung mit den ungarischen, adeligen Rebellen herbei.
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Und hier kommt ein drittes Moment ins Spiel, eine unterschwellige Botschaft, die dennoch ihren Zweck kaum verfehlen kann: Das, was Erzherzogin Sophie verkörpert – Macht im öffentlichen wie privaten Bereich –, wirkt langfristig zerstörend. Das, was Sissi verkörpert – Liebe in ihren vielfältigen Formen –, wirkt langfristig aufbauend und führt zu Glück.
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Dass dies alles in den Formen des Kitsches (vom hüpfenden Rehkitz bis zum Hochzeitspomp, von der Vergötterung einer scheinbar unberührten Natur bis hin zur verklärten Darstellung des Adels als bodenständigem Stand), der historischen Illusion (was die Zustände in der K.U.K.-Monarchie betrifft) und der biografischen Verfälschung (was die reale Elisabeth angeht) präsentiert wird – gut und schön oder schlecht und hässlich. Wer allerdings vor allem darauf abhebt, verkennt die enorme Bedeutung der Botschaften, die sich dahinter verbergen und eben auch heute noch mächtig zu wirken scheinen. Sissi – im Elternhaus mit etlichen "randalierenden" Geschwistern glücklich – betritt eine andere Bühne: die Bühne der Macht, noch dazu einer Macht, die keiner im demokratischen Sinne auch nur ähnelt.
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Sie operiert jedoch weiterhin mit dem, was sie gelernt hat: mit Verständnis, Zuneigung, Liebe, Kommunikation, Zugehen auf andere und so weiter. Sie betätigt sich politisch, wie sie sich immer politisch betätigt hat. Denn ob im privaten oder gesellschaftlichen Bereich ist der Versuch, verlorenes Glück wiederherzustellen, eine politische Äusserung. Während im privaten Bereich, wo Überschaubarkeit gegeben ist, das Gelingen eines solchen Versuchs überprüfbar ist, ist dies in grossen gesellschaftlichen Zusammenhängen viel schwieriger. Und gerade hier ist der Ort, wo <em>Sissi</em> eben auch eine Botschaft an das Politische, an die Kräfte die dort wirken, beinhaltet.
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Man mag solche Botschaften für lächerlich oder zumindest unwirksam halten, für verkitscht und illusionär. Die Wirkung solcher Filme wie der Sissi-Trilogie bis heute weist eigentlich auf etwas anderes – ob man das und die Filme nun mag oder nicht.<a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>
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(1) Oskar Negt und Alexander Kluge erzählten in ihrem Buch Massverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen (Frankfurt am Main 1993) folgende Geschichte:
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“In der Wahlnacht des 25. Januar 1987 war die Befragung der Spitzenpolitiker beendet. Das ZDF zeigte den Spielfilm <em>Wenn die Alpenrosen blühn</em>. In diesem Film spielt die zwölfjährige Christine Kaufmann ein Mädchen, dessen Eltern sich in Scheidung befinden. Auf dem höchsten Gipfel der deutschen Alpen gedeihen wilde Rosen, die, wenn jemand sie pflückt und dabei sich etwas wünscht, diesen Wunsch in Erfüllung gehen lassen. Das Kind pflückt die Rosen und wünscht sich, dass sein Papa wiederkehren möge. Dann stürzt es in einen Abgrund.
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Der Vater, vom Verschwinden seines Kindes benachrichtigt, besteigt den Berg, Rettungsmannschaften setzen sich in Bewegung. Das Kind wird gerettet und hat den Vater, der sein Leben riskierte, wiedergewonnen. Die Eltern geben den Gedanken der Scheidung auf. Dieses Kind hat sich politisch betätigt. Der Löwenanteil an politischer Energie mag sich in solchen Beziehungsnetzen finden, in denen die Wiederherstellung von verlorenem Glück versucht wird.
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Eine grosse Sendeanstalt wie das ZDF drückt sich durch die Zeitordnung der Sendeplätze aus. Die Bundestagswahl, von der bei der Terminierung nicht bekannt sein konnte, wie sie ausgeht, war mit der Botschaft dieses Films gleichgestellt. Es beweist geringe politische Wahrnehmungskraft, sich an der kitschigen Form dieser Botschaft zu reiben und darüber die Nachricht, die sie übermittelt, zu unterschätzen. (S. 35 f.) Das Motto der SPD für den damaligen Wahlkampf lautete Versöhnen statt spalten.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 23 Dec 2025 08:51:48 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Das Theaterstück „Das Rote Haus“ im Gorki Theater]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Im Gorki Theater wird an eine Unterkunft von Arbeitsmigrantinnen erinnert - es ist auch ein Stück transnationale proletarische Geschichte.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/das-theaterstueck-das-rote-haus-im-gorki-theater_w.webp><p><small>Szene von der Uraufführung des Stückes.  Foto: gorki.de</small><p>Um 21 Uhr muss Ruhe in den Zimmern sein. Das Spielen von Musikinstrumenten ist ebenso verboten wie das Empfangen von Besuch. Bei diesen Bestimmungen handelt es sich nicht etwa um eine Gefängnisordnung. Nein, hier handelt es sich um die Regeln für Bewohner*innen eines Münchner Heims für Arbeitsmigrantsmigrant*innen aus der Türkei und Jugoslawien in den 1960er und 18970er Jahren. Der jugoslawische Künstler Zelimir Zilnik drehte darüber 1975 einen Kurzfilm mit dem bezeichnenden Titel „Hausordnung“.
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Dort berichten, Bewohner*innen, dass der Hausmeister zu jeder Uhrzeit in die Räume eindringen konnte. Hier handelt es sich um ein künstlerisches Zeugnis, das die Lebensrealität von Millionen Menschen in der BRD zeigt, die als Arbeitsmigrant*innen viel zum westdeutschen Wirtschaftsaufschwung beigetragen haben. Noch immer dominiert der euphemistische Begriff der „Gastarbeiter*innen“, wenn von ihnen die Rede ist. Doch Videos, wie „Hausordnung“ von Zilnik zeigen die lange vergessene Realität der Menschen, die oft am Rande der Stadt, beengt in Mehrbettzimmern in heruntergekommenen Gebäuden lebten und sich der Deutschen Hausordnung fügen mussten. In der VW-Stadt Wolfsburg wurden die Arbeitsmigrant*innen sogar in ehemaligen Baracken untergebracht, in denen in der NS- Zeit Zwangsarbeiter*innen leben mussten.
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Nur waren in der Nachkriegszeit die Zäune und die verschlossenen Tore entfernt worden. Gegen diese menschenunwürdige Unterbringung von Arbeitsmigrant*innen regte sich in den 1960er Jahre in Wolfsburg auch Widerstand auch bei den Jungsozialist*innen, der SPD-Jugendorganisation. Federführend daran beteiligt war die politisch engagierte Arbeiterin Ilse Schwipper, die leider früh verstorben ist. Schwipper initiierte als Jungsozialistin eine Unterschriftenkampagne gegen die menschenunwürdige Unterbringung der migrantischen VW-Arbeiter*innen und wurde deswegen aus der SPD ausgeschlossen.

<h3>Das Rote Haus</h3>

Doch auch die Arbeitsmigrant*innen wehrten sich in verschiedenen Städten gegen ihre Entrechtung am Arbeitsplatz, in den Wohnheimen und auch in der westdeutschen Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist das Wohnheim in der Westberliner Stresemannstrasse 30, damals ganz in der Nähe der Mauer. Dort lebten in den Jahren 1963 bis 1969 insgesamt ca. 1500 Frauen, vor allem aus Griechenland, Jugoslawien und der Türkei. Das Wohnheim wurde wegen der Farbe seiner Fassade auch von vielen Bewohnerinnen „das Rote Haus“ genannt. Dort erinnert heute nichts mehr an das Wohnheim. Doch jetzt hat das Gorki Theater die Stresemannstrasse 30 als Ort der transnationalen Arbeiterinnenklasse wieder in Erinnerung gerufen.
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Mit dem von Ersan Mondag inszenierten Theaterstück „Das Rote Haus“ im Rahmen der Ausstellung Herbstsalon 2025 wird deutlich, dass in der Stresemannstrasse 30 viele politisch engagierte Frauen lebten, die sich aktiv gegen die kapitalistische Ausbeutung und die rassistische und sexistische Unterdrückung wehrten, mit der sie in der repressiven Westberliner Gesellschaft der 1960er Jahre konfrontiert waren. In den Dokumenten, die in mehreren Räumen im Palais im Festungsgraben ausgestellt sind, wie auch in mehreren Filmen, erfahren wir von den politischen und künstlerischen Aktivitäten der Frauen.
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Sie organisierten sich in Chören, arbeiteten in Theaterkollektiven mit, erstellten eigene Zeitungen und beteiligten sich auch an Hausbesetzungen in Westberlin. Nicht wenige engagierten sich auch in den Gewerkschaften und gerieten dabei auch in Konflikt mit Führungsetagen der IG-Metall, die auch in Westberlin lange Zeit vor allem die deutschen Kolleg*innen vertreten hatte. Auch in Westberlins Fabriken gab es in den frühen 1970er Jahre kurze Streiks, die vor allem von den migrantischen Arbeiter*innen getragen wurden. Die nur wenige Jahre bestehende Türkische Sozialistengemeinschaft TTO war ein Ort, an dem sich migrantische Arbeiter*innen organisiert haben. Viele der damaligen Protagonist*innen leben heute nicht mehr, doch ihre Kinder und Enkel erzählen die Geschichten, ihrer Vorfahren und sie lassen sie lebendig werden im zweistündigen Theaterstück „Das Rote Haus“.

<h3>Erinnerung auch Vasif Öngören</h3>

Die Kulisse ist denkbar einfach und doch imposant. Am Anfang sieht man nur eine Uhr an einem alten Mauerwerk. Sie soll wohl daran erinnert, welch grosse Bedeutung das grosse Zifferblatt für die Fabrikarbeiter*innen hatte. Schliesslich gab es sofort Lohnabzug, wenn man eine Minute zu spät die Stempelkarte bediente. Sie war im Vor-Internetzeitalter das perfekte Überwachungsinstrument. Im Theaterstück wird das Leben der Arbeiterinnen keineswegs romantisiert. Es werden auch die Konflikte gezeigt, die entstehen, wenn vier Frau, die sich vorher überhaupt nicht kannten und aus unterschiedlichen Lebensrealitäten kommen, sich über Jahre gezwungenermassen ein Zimmer und eine Toilette teilen müssen.
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Da sind schon mal harte Wörter gefallen. Aber es wird auch deutlich, dass bedingt durch die Arbeitsumstände eine Grundsolidarität zwischen den Frauen entstanden ist. Darin erinnert sie sich noch im Alter gern. Im Stück sind die Frauen sehr alt und wohl auch schon etwas dement und fragen immer fremde junge Frauen, ob sie ihre Enkelin sind. Dieses Setting wirft einige Fragen auf. Schliesslich haben ja die Filme im Herbstsalon gezeigt, dass manche der Frauen sich auch im Alter noch sehr gut erinnern konnten über die Jahre in Telefunken-Werk.
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Etwas bemüht erscheint auch der Bismarck-Bezug in einigen Theaterszenen. Der reaktionäre preussische Politiker findet Eingang in das Stück, weil er vor vielen Jahren dort in einer Eliteschule seine Jugend verbringen musste, wo mehr als 120 Jahre später dann das Domizil der Arbeiterinnen war. Bismarck hatte sich damals über Drill und strenge Erziehung in dieser Schule beschwert. Doch er wäre er für das Stück entbehrlich gewesen.
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Beeindruckend zu sehen ist auch das grosse Interesse der Arbeiterinnen für Kultur und vor allem für Theater. Sie fuhren schon Mitte der 1960er Jahre nach Ostberlin, um am Berliner Ensemble Theaterstücke anzusehen. Sie begeisterten sich für Helene Weigel und andere Theaterleute in der DDR. Daran hatte auch der türkische Kommunist und grosser Verehrer von Berthold Brecht Vasıf Öngören einen wichtigen Anteil. Er hatte in den 1960er Jahren in Ostberlin Theaterwissenschaft studiert und arbeitete am Berliner Ensemble.
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In den 1970er Jahren baute er in Westberlin ein Theaterkollektiv auf. Dabei arbeitete er mit migrantischen Arbeiterinnen.  Er ist schon 1984 mit 46 Jahren an einen Herzinfarkt gestorben. Der Öngören-Filmpreis erinnert an das Engagement dieses sozialistischen Künstlers. Es ist gut, dass mit dem Stück auch an ihn wieder erinnert wird.
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Hier wird auch deutlich, welch progressiven Einfluss diese nur in der DDR mögliche politische Theaterarbeit auf die Arbeiterinnen in Westberlin hatte. Man musste kein Anhänger der autoritären SED-Herrschaft sein, um das zu konstatieren. Ein Wissen, das nach 1989 weitgehend verschüttet wurde. Die Ereignisse im Herbst 89 wurden von den Frauen auch nicht als Befreiung sondern als Entfesselung des deutschen Imperialismus und Nationalismus wahrgenommen und es wird im Stück der Bogen von den deutschnationalen Demos im Herbst 1989 zum Aufstieg ultrarechter Parteien heute gezogen. Es ist evident, wird aber selten erwähnt. Im Herbst 1989 wurde der deutsche Nationalismus endgültig enttabuisiert und die erste AfD hiess Allianz für Deutschland und war 1990 das Wahlbündnis von CDU/CSU und der Rechtsaussenpartei DSU.

<h3>Ein Stück vergessene proletarische Geschichte</h3>

Es ist gut, dass an diesen Kampf migrantischer Arbeiterinnen in Westberlin erinnert wird. Anders als die wesentlich von Studierenden getragene ausserparlamentarische Opposition, die ab 1967 auch in Westberlin eine ihrer Hochburgen hatte, sind diese Kämpfe migrantischer Arbeiter*innen heute wenig bekannt. Es ist kein Zufall, dass das postmigrantische Gorki Theater jetzt die Geschichte der Frauen aus dem Roten Haus erzählt und auch das Leben der Arbeitsmigrant*innen unter einer deutschen Hausordnung in München und Anderswo zeigt.
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Es ist nicht nur eine historische Betrachtungsweise. Das Rote Haus zeigt auch, wie Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten solidarisch agieren konnten, weil es ihnen um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen als Arbeiterinnen gegangen ist. Das bewahrte vor den Kultur- und Identitätskämpfen, die heute progressive Bewegungen spalten. Vasıf Öngören, der aus einer ultrakonservativen islamistischen Familie kam, wird im Stück gefragt, warum er nicht über seine Herkunft rede. Er antworte, dass er kein Interesse habe über Religion und Kultur zu monologisieren. Der einzige Widerspruch, der ihn interessiere, sei der zwischen Kapital und Arbeit.<p><em>Peter Nowak</em><p><small>Der Herbstsalon 2025 war bis zum 30. November 2025 im Gorki Theater und angrenzenden Gebäuden in Berlin zu sehen. Das Theaterstück „Das Rote Haus“ läuft am 30. Januar um 19.30 Uhr und  am 1. Februar 2026 um 18 Uhr Uhr <a class="fussnoten_links" href="https://www.gorki.de/de/das-rote-haus" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im Gorki -Theater</a>.</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 22 Dec 2025 15:21:18 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Active Vocabulary]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/active-vocabulary-007582.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Active Vocabulary“ ist ein wichtiger Film über Indoktrination, Propaganda und die Rolle von Bildungseinrichtungen im Schutz demokratischer Diskurse.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Boell-FFP-Jury-2022-8199_w.webp><p><small>Die russische Filmregisseurin Yulia Lokshina bei dem Friedensfilmpreis 2022.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boell-FFP-Jury-2022-8199.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stephan Röhl</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Besonders stark ist die dokumentierte Erfahrung der Lehrerin, deren Geschichte zeigt, wie verletzlich demokratische Räume sind – und wie notwendig ein offener Austausch darüber bleibt.
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Eines der Hauptmerkmale einer menschenverachtenden Ideologie ist die Erkenntnis ihrer Vertreter, dass man in den Schulen ansetzen muss. Durch Normen wie den Beutelsbacher Konsens, der es Lehrkräften untersagt, ihre Schüler zu „überwältigen“ und ihnen die eigene politische Meinung aufzudrängen, sollen Kinder und junge Erwachsene selbstständig ihre Haltung bilden können. Natürlich bedeutet der Konsens nicht, dass Lehrkräfte nicht gegensteuern dürfen, wenn demokratiefeindliche Äusserungen oder Symbole geäussert werden. In der Theorie klingt das überzeugend, doch in einer politisch aufgeladenen Zeit wie der heutigen wird nahezu jede Äusserung auf die Goldwaage gelegt, während Populisten versuchen, Konzepte wie das Neutralitätsgebot für ihre Zwecke zu missbrauchen. Bei aktuellen Debatten – über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, das mögliche AfD-Verbotsverfahren oder den Gaza-Konflikt – wird nicht nur die gesellschaftliche Spaltung sichtbar, sondern auch, wie essenziell ein demokratischer Diskurs ist, wie ihn Bildungseinrichtungen pflegen sollen.
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Als im Februar 2022 die russische Offensive in der Ukraine begann, reagierte das politische System unmittelbar. Neben Soldaten sollten bald auch Lehrkräfte in die annektierten Gebiete geschickt werden, um Schüler im Sinne der russischen Expansionspolitik ideologisch „einzuordnen“. Die dortigen Lehrkräfte hatten die Aufgabe, im Rahmen von Spezialstunden staatliche Propaganda zu verbreiten – jeder Widerstand wurde sofort unterdrückt. Von dem Schicksal einer Lehrerin, die sich verweigerte, erzählt die Dokumentation <em>Active Vocabulary </em>von Yulia Lokshinas (<em>Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit</em>)<em>, </em>die auf dem DOK Leipzig zu sehen ist. Ihr Fokus reicht jedoch weiter: Am Beispiel des deutschen Schulsystems wird sichtbar, warum der Einsatz für demokratische Werte und ein Überwältigungsverbot so dringend notwendig ist. Ausserdem richtet Lokshina den Blick nach Moskau, auf den Widerstand einer Gruppe Bürgerinnen gegen den Bau einer Schule in einem eigentlich unter Naturschutz stehenden Wald.

<h3>„Was denken sie über den Krieg?“</h3>

Die Lehrerin lebt inzwischen in Berlin-Moabit, doch die Erinnerungen an das Geschehen lassen sie nicht los. Ihre Schülerinnen und Schüler fragen sie nicht nur nach Grammatik, sondern auch nach der Denunziation, nach den Reaktionen der Dorfgemeinschaft und ob sie je zurück nach Russland möchte. Gemeinsam rekonstruieren sie Schlüsselmomente, die ihr Leben in ihrer Heimat unmöglich gemacht haben. Diese nachgestellten Szenen bilden das emotionale Zentrum von <em>Active Vocabulary</em>, denn sie zeigen die Atmosphäre aus Angst und Misstrauen, die sich in einem eigentlich geschützten Raum ausbreitete. Schüler werden zu Denunzianten, Kolleg:innen verweigern Solidarität, eine ganze Gemeinschaft kehrt sich ab. Und schliesslich tauchen Stimmen auf, die behaupten, die Lehrerin und ihre Familie seien „nie wirklich dazugehörig“ gewesen. Innerhalb kürzester Zeit gelingt es dem autoritären Staat, Ressentiments und Vorurteile zu mobilisieren – und damit nicht nur einen Krieg zu rechtfertigen, sondern auch jede Gegenstimme zu ersticken.
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Parallel dazu kehrt Lokshina immer wieder zu einer Baustelle in Moskau zurück. In einem Wald, der durch Stadterweiterung vereinnahmt wurde, soll eine Schule entstehen – und der Protest einer kleinen Gruppe von Frauen trifft auf Arbeiter, die einerseits abhängig vom Lohn sind und andererseits ihr eigenes moralisches Dilemma erkennen. 3D-Modelle verdeutlichen die Dimension dieses Eingriffs. Lokshina zieht eine Linie zwischen beiden Orten: In beiden Fällen treffen Überzeugung, Angst, ökonomische Abhängigkeit und ideologischer Druck aufeinander. Das Ergebnis: Die Demokratie bleibt auf der Strecke, Flucht wird notwendig – und das Trauma bleibt.<p><em>Rouven Linnarz<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/10/active-vocabulary/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 09:21:56 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[L.A. Crash]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/la-crash-7439.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„L.A. Crash“ verknüpft mehrere Stränge, die an einem einzigen Tag spielen und oft mit Rassismus und Gewalt zusammenhängen. Trotz guter Absicht und zahlreicher Stars ist das Ergebnis aber nur bedingt sehenswert.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Don_Cheadle_for_the_United_Nations_Environment_Program_w.webp><p><small>Don Cheadle spielt in dem Film die Rolle von Detective Graham Walters.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Don_Cheadle_for_the_United_Nations_Environment_Program.png" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bob Bekian</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Die Figurenzeichnung ist lausig, viele Ereignisse sind völlig willkürlich, dafür gibt es Manipulation und Holzhammerdramatik, die zuweilen unfreiwillig komisch wird.
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Ein typischer Alltag in Los Angeles. Die Kleinganoven Anthony (Ludacris) und Peter (Larenz Tate) sind mal wieder auf Beutezug und stehlen das Auto des Anwalts Rick Cabot (Brendan Fraser) und seiner Frau Jean (Sandra Bullock). TV-Regisseur Cameron (Terrence Howard) und seine Frau Christine (Thandie Newton) geraten in eine Fahrzeugkontrolle durch die Polizisten John Ryan (Matt Dillon) und Tom Hanson (Ryan Phillippe), die ausser Kontrolle gerät. Der persische Ladenbesitzer Farhad (Shaun Toub) ärgert sich über den Handwerker Daniel (Michael Peña). Detective Graham Walters (Don Cheadle) wiederum hat sowohl privat wie auch beruflich einiges um die Ohren in einer Nacht, die sein Leben für immer verändern wird …

<h3>Kontroverser Kritikerliebling</h3>

Filmpreise sind auf der einen Seite eine grosse Ehre für diejenigen, die sie erhalten. Sie können aber auch viel Ärger bedeuten, so manche Auszeichnung ist mit Kontroversen verbunden. Das trifft natürlich auch auf den wichtigsten aller Preise zu, den Academy Award. Hinter so manche Oscar-Auszeichnung darf man ein Fragezeichen setzen, gerade auch für den Hauptpreis des besten Films des Jahres. So hatte kaum einer CODA als Gewinner auf dem Schirm, das harmlose Remake eines französischen Hits war ein typisches Konsenswerk, das niemanden begeistert, aber auch niemanden stört. Besonders hart angegangen wird inzwischen aber L.A. Crash, das 2006 die begehrte Statue erhielt – für viele eines der schlimmsten Fehlurteile in der Geschichte der Oscars.
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Tatsächlich ist so manches an dem Werk fragwürdig. Das fängt schon damit an, dass es etwas dreist ist, wenn ein Regisseur sexuelle Nötigung anprangert, der später wegen Vergewaltigung verurteilt wurde. Seine Kritik an Rassismus in verschiedensten Formen ist sicherlich richtig, da hat sich in den 20 Jahren seither in den USA auch nicht viel getan. Richtig viel Interessantes hat Paul Haggis (Im Tal von Elah, 72 Stunden – The Next Three Days) dazu aber nicht zu sagen. Viele der Figuren bleiben schemenhaft, gehen nicht über Stereotype hinaus. Dass L.A. Crash zahlreiche Stars vereinen konnte, ändert daran nicht viel. Manchmal wird zwar versucht, mehr Nuancen und Ambivalenzen einzubauen. So darf beispielsweise Ryan zunächst ein widerwärtiger Grapscher sein, nur um dann als Held aufzutreten. So etwas kann spannend sein, hier ist es eher willkürlich.

<h3>Willkürlich und manipulativ</h3>

Das ist dann auch eines der Probleme des Films: An vielen Stellen ist völlig unverständlich, warum sich die Figuren verhalten, wie sie es tun. Da ging es Haggis und seinem Co-Autor Bobby Moresco eher darum, möglichst viel Dramatik zu erzeugen, anstatt die Ereignisse organisch entstehen zu lassen. Eigentlich will L.A. Crash ja den Alltag schildern und auf diese Weise auf gesellschaftliche Schiefstellungen aufmerksam machen. Wenn aber kaum jemand wie ein realer Mensch wirkt, ist das Ergebnis wenig effektiv. So gut die Absicht hinter dem Werk war, das für den Regisseur ein echtes Herzensprojekt gewesen sein soll: Das alleine reicht nicht aus. Anstatt eine Reihe von Strängen unbeholfen miteinander zu verknüpfen, wäre es gut gewesen, vielleicht etwas genauer hinzuschauen und sauberer zu erzählen.
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Dafür gibt es dann viel Manipulation und Holzhammer. Manchmal ist das nervig, an anderen Stellen langweilig. Zuweilen wird L.A. Crash auch unfreiwillig komisch, darunter die groteske Szene, wenn sich der Ladenbesitzer rächen möchte. Das ist schon ziemlich ärgerlich, weil das wichtige Thema und das erstklassige Ensemble auf plumpe, geradezu fahrlässige Weise verschwendet werden. Natürlich darf man trotzdem bewegt sein von den Ereignissen, wenn viel Schreckliches geschieht und die Hoffnungsschimmer rar gesät sind. Aber es gibt so viele bessere Beiträge zu dem Themenkomplex Rassismus sowie anderen wenig schmeichelhaften Aspekten, dass man hier wirklich etwas ungläubig sein darf, was genau die höchste Auszeichnung gerechtfertigt haben soll.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/02/l-a-crash/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 09:49:06 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Blue Bayou]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>„Blue Bayou“ folgt einem aus Korea stammenden Mann, der als Kind von einem US-amerikanischen Paar adoptiert wurde und nun abgeschoben werden soll.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Justin_Chon_speaking_in_front_of_a_theater_w.webp><p><small>Regisseur Justin Chon auf dem Montclair Film Festival 2017 in New Jersey.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Justin_Chon_speaking_in_front_of_a_theater,_Montclair_Film_Festival_2017,_NJ.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Frank Schramm / Montclair Film</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Die Geschichte des Kampfes gegen das System geht zu Herzen, ist zum Ende hin aber schon sehr dick aufgetragen. Ganz so viel Kitsch hätte es dann doch nicht sein müssen.
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Antonio LeBlanc (Justin Chon) hatte es nicht immer einfach im Leben. So wurde der gebürtige Koreaner als Junge von einem US-amerikanischen Paar adoptiert, geriet später auf die schiefe Bahn und kam dabei mit dem Gesetz in Konflikt, was es ihm nun erschwert, eine neue Stelle zu finden. Dabei könnte er Geld momentan gut brauchen.
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Seine Arbeit als Tätowierer bringt nicht genug ein, um seine Frau Kathy (Alicia Vikander) und deren Tochter Jessie (Sydney Kowalske) zu versorgen. Ein weiteres Kind, das erste gemeinsame des Paares, ist bereits auf dem Weg. Aber es kommt noch schlimmer: Ace (Mark O'Brien), der Vater von Jessie, schikaniert ihn, wo er kann und missbraucht dafür auch schon mal seine Position als Polizist. Dabei gerät er eines Tages ins Visier der Einwanderungsbehörde, die ihn wieder nach Südkorea abschieben will, was für ihn bedeuten würde, alles aufgeben zu müssen …

<h3>Gesellschaft relevantes Thema</h3>

Als Schauspieler ist Justin Chon bereits seit 2006 unterwegs, hat inzwischen in rund zwei Dutzend Filmen und Serien mitgewirkt. Doch das reichte ihm nicht mehr, weshalb er in den vergangenen Jahren mehrfach auch selbst Regie geführt hat. In seinen Filmen thematisiert Chon, der selbst koreanischer Abstammung ist, gern das Leben asiatischer Menschen in den USA. Das mehrfach preisgekrönte Drama Gook etwa erzählt von zwei koreanisch-amerikanischen Brüdern und ihren Erfahrungen, die sie während der gewaltsamen Unruhen 1992 in Los Angeles machen. Bei <em>Blue Bayou</em>, dem inzwischen vierten Film des Multitalents, geht es zwar meist friedfertiger zu. Es wird aber nicht minder gesellschaftlich relevant – oder ambitioniert.
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Tatsächlich arbeitete der Regisseur und Drehbuchautor mehrere Jahre an dem Stoff, sprach mit zahlreichen Betroffenen über deren eigenen Erlebnisse. Die Geschichte von Antonio, der in den USA völlig legal adoptiert wurde, später aber wieder ausgewiesen werden soll, mag erst einmal absurd klingen. Aber es ist doch traurige Realität: Am Ende listet <em>Blue Bayou</em> mehrere Männer und Frauen auf, die dasselbe Schicksal erleiden mussten.
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Manche von ihnen waren seit Jahrzehnten in dem Land, haben sich ein Leben aufgebaut und identifizierten sich als US-amerikanische Bürger und Bürgerinnen. Teilweise waren sie sogar verheiratet und hatten Kinder. Aber all das reicht nicht: Hat die ICE, kurz für U.S. Immigration and Customs Enforcement, einen erst mal im Visier, sind die Optionen limitiert. Ein Kampf kann zu einem schlimmen Eigentor werden.

<h3>Allein gegen das System</h3>

Ein bisschen gibt <em>Blue Bayou</em> dabei Einblick in die gesetzlichen Bestimmungen und wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Richtig viel Tiefe sollte man dabei aber nicht erwarten. Das Drama, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 Premiere feierte, legt den Fokus deutlich stärker auf das Einzelschicksal und was diese Entscheidungen für Betroffene bedeuten. Antonio, der schon seit seiner Kindheit immer wieder in Schwierigkeiten steckte und um seinen Platz in dem Land kämpfen musste, kann den Behörden nichts entgegensetzen. Wenn dann auch noch die Polizei als Gegner mitspielt, hier aus einer privaten und niederträchtigen Motivation heraus, dann stehen die Chancen schlecht. Er hat nicht die Möglichkeiten, nicht das Geld oder Verbindungen, um der Situation wirklich etwas entgegensetzen zu können.
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Chon legt es dabei auf maximale Emotionalisierung an. Als wäre es nicht schon schlimm genug, was seiner Figur in der Gegenwart geschieht, ist auch die Vergangenheit von Leid und Schmerz geprägt, von einer Sehnsucht nach Stabilität und Familie, die seinerzeit nicht erfüllt wurde. Dass solche Vorgeschichten existieren, steht ausser Frage. Einige der Menschen, mit denen der Filmemacher im Vorfeld gesprochen hatte, haben dies eben so geschildert. <em>Blue Bayou</em> setzt sich damit aber nicht auseinander, sondern holt das nur in einem Moment hervor, wo es der Geschichte nützt. Danach ist es wieder vergessen, was schon ein wenig irritierend ist. Das Trauma wird hier zu einem blossen Mittel zum Zweck.

<h3>Richtig viel Kitsch</h3>

Dafür trägt Chon an anderer Stelle recht dick auf. Vor allem zum Schluss hin sind gibt er sich völlig ungeniert der grossen Manipulation hin, will um jeden Preis das Publikum zu Gefühlen nötigen. Das passt nicht so recht zu der anfänglich zurückhaltenden, eher dokumentarischen Inszenierung des Stoffes. Es ist sogar ärgerlich, wie billig der Regisseur seine Geschichte verkaufen will, anstatt sich auf den eigentlichen Inhalt zu verlassen. Denn das hätte er gar nicht nötig gehabt. Wer über die späte Eskalation hinwegsehen kann, die bei der Figurenzeichnung komische Sprünge macht und dafür Kitsch drüber kleistert, findet dennoch ein solides Drama mit guter schauspielerischer Leistung und schönen Bildern. Man darf daher gespannt sein, was sich das Multitalent für seinen nächsten Film aussuchen wird.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2022/03/blue-bayou/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sun, 14 Dec 2025 09:16:59 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Mother's Ruin: Chronologie der Zürcher Punkband]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/mothers-ruin-chronologie-der-zuercher-punkband-009424.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Im März 1978 gründen Markus Engelberger g voc, Reto Ressegatti g, Marcel Dubach d und Alfred Stähelin aka Freddy b die Band MOTHER'S RUIN. Der Bandname MOTHER'S RUIN geht zurück auf die in England gebräuchliche umgangssprachliche Bezeichnung von Gin.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/mothers-ruin-chronologie_w.webp><p><small>Mother's Ruin an den Musikfestwochen in Winterthur 1980.  Foto: zVg</small><p>Während der Weltkriege blieb den von ihren Ehemännern verlassenen Müttern nur der Gin, um sich zu trösten – und gleichzeitig ihre Gesundheit zu ruinieren. Die Idee für den doppeldeutigen Namen stammt von Markus' Bruder Paul Engelberger, der anfangs auch die meisten Songs für die Band getextet hat. Einen Monat später treffen Reto und Markus Sylvia Holenstein und sie steigt als Sängerin ein.
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Ihr erstes Konzert organisieren MOTHER'S RUIN am 10. Juni im Rössli in Lachen (SZ) mit KLEENEX gerade selbst. Dort treffen sie auf Rudolph Dietrich, der sie eng auf ihrem weiteren Weg begleiten wird. Kurz darauf, am 13. August (man bemerke – damals wurde noch im Sommer in Klubs gespielt), treten MOTHER'S RUIN mit SOZZ und SPERMA im angesagten Club Hey in Zürich auf. Weitere Konzerte folgen in Kilchberg, in Siebnen und am 18. November im evang. Kirchgemeindehaus in Rorschach (SG), wo auch der Schreiber dieser Zeilen sie alle kennen lernt.

<h3>1979</h3>

Am 14. und 15. Januar werden in den SUNRISE STUDIOS bei Etienne Conod in Kirchberg (SG) vier Songs eingespielt. Dies sind Dany Hot Dog, No More Superstars, Farewell und Mary Miller General. Ihre erste Single erscheint am 14. April auf dem neu gegründeten Label Off Course von Martin Byland und Peter Wittwer mit den beiden Songs Dany Hot Dog und No More Superstars (man bemerke – was für eine Dringlichkeit, innerhalb 3 Monaten erschien damals ein Release, wohlgemerkt von Dilettanten, heute eigentlich fast schon undenkbar).
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Die Single kommt in der lokalen Punk-Szene total gut an, viele weitere Gigs werden gespielt – unter anderem mit SPERMA im Vorprogramm bei SIOUXSIE AND THE BANSHEES in der Kantonsschule Baden. Ebenso werden Radio-Interviews gegeben und am 14. und 15. Juli geht die Band ein weiteres Mal in die SUNRISE STUDIOS, um eine Maxi-Single mit den vier Songs Godzilla, Plastic, Cannibals und Can't Wait einzuspielen (der spätere Bassist Guly trällert hier schon im Hintergrund mit). Ebenso wirken mit Rudolph Dietrich, Martin Byland und dem Journalisten René Matti namhafte Personen aus der Szene im Hintergrund mit.
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Sylvia verbringt das Winterhalbjahr in London. Gemeinsam mit Martin Byland versucht sie, die Band und die Godzilla-12″ zu promoten. Der Melody Maker schreibt eine blendende Revue für Dany Hot Dog, und auch John Peel spielt die Scheibe in seiner Sendung. Rough Trade nimmt die erste Single und später die 12″ in den Vertrieb, doch dabei bleibt es.
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Bei Gigs von der frühen Version von ADAM AND THE ANTS, THE SPECIALS, THE CURE etc., die sie mit Le Iggie Combat und z.T. auch mit Marco Repetto von GLUEAMS besucht, erlebt sie, dass in London der Punk-Zug schon Richtung Mod, Ska und Post-Punk abfährt. Auch die andern Bandmitglieder in Zürich beginnen sich zu verändern, sie kurven jetzt in Mod-Klamotten mit Lambrettas durch die Gegend. Guly (Andrej Gulewicz) ersetzt nun Freddy am Bass. Am 16. Dezember erscheint die Maxi-Single mit den vier neuen Songs. Neujahr wird mit KDF (Kraft durch Freude) von Rudolph Dietrich in Wohlen gefeiert.

<h3>1980</h3>

Im Februar steigt der Schlagzeuger Marcel aus und wird von Bayer (Markus Tränkle), der bei SICK schon am Schlagzeug sass, ersetzt. Weitere Konzerte und Radio-Interviews im In- und Ausland folgen, so in der französischen Schweiz und auch in Stuttgart oder im „Grünspan“ in Hamburg. Unter anderem spielt die Band am 14. Juni bei einer Grossdemo der beginnenden Zürcher Jugendunruhen draussen auf dem “Platzspitz”.
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Am 27. Juni geht es abermals in die SUNRISE STUDIOS für die beiden Songs With Us und Heartbreak, die am 22. September auf Swiss Wave The Album erscheinen. Plattentaufe und Pressekonferenz finden bei einem Konzert zusammen mit LADYSHAVE im ISC statt. Davor, am 29. August, treten MOTHER'S RUIN mit der aktuellen Zürcher-Musik-Szene am MONSTER KONZERT im Volkshaus auf, dies im Kontext der Ausstellung Saus und Braus in der Galerie Strauhof. Der Abschluss des Jahres bildet am 20. Dezember das Konzert mit FREIWILLIGE SELBSTKONTROLLE in Ampermoching in München.

<h3>1981</h3>

Dieses Jahr verspricht Einiges. Vom 14.-18. Januar geht es zum ersten Take in die SUNRISE STUDIOS für die Aufnahmen des Albums Want More. Jetzt mit Heinrich und Röbel Vogel an den Knöpfen. Am 30. Januar treten MOTHER'S RUIN im Vorprogramm der Reggae Band BURNING SPEAR auf. O-Ton Sylvia; “Die Reggae-Fans haben uns nicht gerade freundlich empfangen. Sie empfanden unsere Pönk-Musik sozusagen als Blasphemie. Auch BURNING SPEAR, der sich Backstage mit Ganja und rasselnder Lunge eingesungen hat, schimpfte, dass wir mit unserer Musik die Atmosphäre verderben würden.
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So flogen dann schon mal Eier und Tomaten. Das wurde ja damals modern und war „in“, dass man Bands munter bewarf. Zum Glück hatten wir aber auch noch einige Fans im Publikum. Vielleicht erklärt dies unsere ernste und hochkonzentrierte Mimik auf den Fotos. Jedenfalls haben wir unser Programm «against all odds» durchgezogen. Vom 17.- 21. Februar geht's zum zweiten Take in die SUNRISE STUDIOS für die Aufnahmen für das Album Want More, am Tag darauf mit Stephan Eicher in den Klub „Mausefalle“ nach Stuttgart (eigentlich hätten GRAUZONE auftreten sollen, doch es kommt nicht mehr dazu, dafür Stephan solo). Ende April erscheint das Album Want More mit 12 Songs bei Off Course Records.
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Die Erwartungen von Label und Band sind hoch. Bei einigen Exemplaren wird ein 24-seitiges, reich bebildertes Booklet beigelegt. Die Scheibe erscheint auch bei GeeBeeDee in Deutschland und bei F1 Team in Italien. Es folgen neben vielen Konzerten in der ganzen Schweiz Radio- und TV-Auftritte (z.B. im „Karussell“). Diese verhelfen MOTHER'S RUIN zu Bekanntheit auch über die Grenzen hinaus. Der Filmemacher Paul Grau (Star TV) dreht im Kino Walche einen Video-Clip mit den beiden Songs Lost in Town und Dreamy Teeny aus dem Album Want More.

<h3>1982</h3>

Reto Ressegatti und Guly steigen jetzt aus und werden durch Heinrich Heinricht ersetzt, der den Bass virtuos wie eine Gitarre spielt, bekannt als Mitglied von Rudolph Dietrichs KRAFT DURCH FREUDE. Wieder wird eine Single mit den beiden Songs Boxer und Searching aufgenommen, dies erneut in den SUNRISE STUDIOS mit Röbel Vogel. Boxer erscheint aber nicht mehr bei Off Course, sondern beim kleinen „Mainstream“-Label Meteor. Es folgen viele weitere Konzerte und Radio-Interviews in der ganzen Schweiz.

<h3>1983</h3>

Mit der Mini-LP Basta, einem Self-Release mit 6 Songs, setzen MOTHER'S RUIN den Schlusspunkt, bevor sie sich ganz auflösen (Mother's Ruin Self-released/ R.F. Records), aufgenommen in der Roten Fabrik, an den Knöpfen wieder Röbel Vogel.

<h3>1984-1986</h3>

Es folgen weitere Bandprojekte nach MOTHER'S RUIN. Sylvia tourt als Sängerin und am Synthesizer mit Rudolph Dietrichs BLUE CHINA in der Schweiz und in Österreich (Wien und Graz). Sie nehmen im Powerplay Studio die Maxi-Single These are the Days auf. Später gründet sie mit Heinrich Heinricht die Minimal-Band CAPTAIN HENRY, die ihre Sound-Anlage in 15 Minuten auf- und abbauen kann. Es folgen Gigs sowie Radio- und TV-Auftritt.

<h3>1987-1988</h3>

CAPTAIN HENRY mit den ehemaligen MOTHER'S RUIN Mitgliedern Sylvia, Heinrich und Bayer, und am Bass neu Kuno Rabu. CAPTAIN HENRY veröffentlichen eine Kassette und zwei Singles, alle getreu ihrem Minimal-Konzept auf einem 4-Spur-Tongerät aufgenommen und self-released.

<h3>2007</h3>

Am 28. Juni sind MOTHER'S RUIN mit Heinrich Heinricht am Bass und Urs Hiestand (Ex-Young Gods) am Schlagzeug für ein Konzert und einer Plattentaufe zurück auf der Bühne im Kanzlei in Zürich. Dies für Godzilla – the 2007 Attack Remixes CD und Vinyl 12″. Herausgeber ist Mother's Ruin Music & CoffinDodgersUnited, Switzerland. 18 Godzilla-Remixes von verschiedenen Lokalgrössen aus der Schweizer Musikszene und der Originalsong von MOTHER'S RUIN aus dem Jahr 1979.

<h3>2010</h3>

MOTHER'S RUIN geben ein Konzert im Club “Hey” anlässlich Gulys 50. Geburtstag.

<h3>2014</h3>

Das Label CoffinDodgersUnited proudly presents CDU Label Night & Party am Freitag 24. Januar im MOODS in Zürich. Treu dem Motto – to preserve – to progress – spielen drei Bands im Spannungsfeld von Punk, Post Punk und Alternative Rock. Dies sind PYROLIZED, PeG und MOTHER'S RUIN, eines der Urgesteine der Schweizer Punk- und Wave-Szene der Pionierzeit! Heute noch so frisch und konkurrenzlos wie 1978. Dies in der Besetzung von Marcel Dubach d, Markus Engelberger g, voc, Guly b, Silvia de Janeiro voc und Reto Ressegatti g.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 12 Dec 2025 09:48:16 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Der geteilte Himmel]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/der-geteilte-himmel-009318.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der geteilte Himmel“ ist eine faszinierende und spannende Verfilmung von Christa Wolfs gleichnamigem Roman.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Oliver_Mark_-_Christa_Wolf,_Berlin_2010_w.webp><p><small>Christa Wolf, Berlin 2010.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oliver_Mark_-_Christa_Wolf,_Berlin_2010.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Oliver Mark</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Konrad Wolf zeichnet das Psychogramm einer sich anbahnenden Teilung auf emotionaler und ideologischer Ebene. Am Ende erscheint der Mensch auf „schreckliche Weise auf sich allein gestellt“, wie es im Film heisst, während um ihn herum Systeme entstehen, die diese Einsamkeit auf ihre Weise füllen wollen.
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Nach ihrem Schulabschluss zieht die junge Rita Seidel (Renate Blume) in die Stadt. Dort landet sie zunächst als Mitarbeiterin in einem Chemiebetrieb und wenig später an einem Lehrerfortbildungsinstitut, um einmal selbst Lehrerin zu werden. Eines Tages lernt sie Manfred (Eberhard Esche) kennen, einen Ingenieur, dessen Vater ebenfalls in dem Chemiebetrieb arbeitet, in dem Rita beschäftigt ist.
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Die beiden werden – gegen den Widerstand von Manfreds Eltern – zu einem Paar und ziehen bald in eine gemeinsame Wohnung. Während Rita die Auseinandersetzungen und Intrigen zwischen ihren Kollegen im Betrieb zu schaffen machen, frustriert Manfred der Starrsinn des Systems, das ihn sein eigens entwickeltes technisches Verfahren nicht verkaufen lässt. Als Rita dann durch ihre Ausbildung beginnt, sich mehr mit dem politischen System der DDR auseinanderzusetzen, kommt es zunehmend zu Konflikten mit Manfred, der seinerseits pessimistisch in die Zukunft blickt.

<h3>Ankommen im Leben</h3>

Konrad Wolf gehört zu den bedeutendsten Regisseuren der DEFA. In vielen seiner Filme setzt sich Wolf mit Figuren auseinander, die – wie er es in Interviews beschrieben hat – erst im Leben ankommen müssen. Gregor Hecker in <em>Ich war neunzehn</em> oder Goya in <em>Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis</em> werden von Idealen angetrieben und versuchen, diese mit einer oftmals grauen Realität in Einklang zu bringen. Hierbei interessiert ihn die Psyche der Figuren und wie sie mit diesem Konflikt umgehen, ob sie einen Weg finden oder daran zugrunde gehen, was ihm immer wieder Probleme mit dem politischen System der DDR einbrachte.
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So auch bei der Verfilmung von Christa Wolfs Roman <em>Der geteilte Himmel</em>, dessen nachdenklicher und skeptischer Ton nicht unbedingt gern gesehen war. Heutzutage ist <em>Der geteilte Himmel</em> das Psychogramm eines jungen Menschen, der nicht nur um seine Ideale kämpft, sondern auch droht, an diesem Konflikt zugrunde zu gehen. Der Film ist zudem ein schonungslos ehrlicher Blick auf den Generationenkonflikt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
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Das Ankommen im Leben ist in Konrad Wolfs Film wie auch in Christa Wolfs Roman eine Konfrontation mit einer oftmals harschen Wirklichkeit. Der Film übernimmt die Rahmenhandlung der Vorlage, in der davon die Rede ist, dass Rita wegen eines Nervenzusammenbruchs in einem Sanatorium behandelt wird. Über Rückblenden wird dann nach und nach die Geschichte der jungen Frau erzählt und warum sie letztlich eine psychische Krise hatte. Der non-lineare, zersplitterte Aufbau der Handlung spiegelt die angeschlagene mentale Verfassung der Hauptfigur wider.
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Der Fokus liegt auf einigen wichtigen Episoden oder Augenblicken, deren Bedeutung sich für den Zuschauer erst später erschliesst, wobei auch die Sprache Christa Wolfs grösstenteils beibehalten wird. Bereits durch die narrative Form deutet Wolf auf das Fehlen einer grossen sinnstiftenden Erzählung hin, denn Ritas Zusammenbruch markiert die Stunde null für die junge Frau. Auf den Zuschauer wirkt diese Erzählweise verwirrend und provokant, doch sie ist ein Echo einer inneren Zerrissenheit – so, als wäre ein Stück der eigenen Identität verschwunden oder zerstört worden.

<h3>Übergenug vom Stoff Leben</h3>

Neben der sehr oft bitteren Realität gibt es in Konrad Wolfs Film jedoch noch einen Gegenpol. Die von Renate Blume gespielte Rita spricht davon, das Gefühl „übergenug“ vom Leben zu haben und definiert ihr Leben entsprechend. Die Beziehung zu Manfred entwickelt sich schnell, und trotz der immer offensichtlicher werdenden Differenzen zwischen den beiden ist ihre Liebe ungetrübt und erinnert bisweilen an die intensiven Romanzen der Nouvelle Vague.
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Ritas Begegnungen – beispielsweise mit einem ihrer Kollegen, der von den anderen Arbeitern angefeindet wird, oder mit Manfreds Vater, der sich mit dem Abzeichen der SED so schmückt wie einst mit dem Abzeichen einer anderen Partei – sind erste Stationen einer langsamen Entfremdung und Desillusionierung. Die Dramaturgie von Wolfs Film zeichnet sich dadurch aus, dass man mit dem Idealismus der Heldin sympathisiert und immer weiter ihre sich bereits anbahnende Krise erlebt. Im Grunde zeigt <em>Der geteilte Himmel</em> das psychische Profil einer Teilung, die man – wie in einem antiken Drama – noch hätte verhindern können.
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Abgesehen von der bereits erwähnten Erzählweise zeichnet sich <em>Der geteilte Himmel</em> durch seine präzise, vielschichtige Bildsprache aus. Die Bilder Werner Bergmanns sowie die Montage Evelyn Carows lesen sich wie eine Vorausdeutung auf die Entwicklung der Heldin, aber zugleich wie die Landschaft eines Systems, dessen Ideale ebenso zur Disposition stehen wie Ritas eigene. Das System wirkt mehr und mehr schizophren und orientierungslos, während sich gleichzeitig Mechanismen entwickeln, von denen man sich eigentlich distanzieren wollte.<p><em>Rouven Linnarz<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/10/der-geteilte-himmel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 08 Dec 2025 16:30:49 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Darkwave aus Spanien: „Presa“ von NAVAZO]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/darkwave-aus-spanien-presa-von-navazo-009417.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der in Madrid lebende Musiker und Filmemacher NAVAZO hat soeben seine neue Single „Presa“ veröffentlicht, welche auf seinem ersten Solo-Album zu finden sein wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/NAVAZO_Foto01_w.webp><p><small>Der spanische Musiker NAVAZO.  Foto: zVg</small><p>Roher Synthwave, cineastische Sensibilität und ein intimer Blick auf die Verletzlichkeit des Menschen, das ist NAVAZO.
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Nachdem er mit Luciferina (2023) sein audiovisuelles Universum eröffnet hat, erweitert der Künstler nun seine klangliche und ästhetische Identität mit einem Werk, das dunklen Synthwave, Post-Punk-Impulse und tief symbolisches Storytelling miteinander verbindet.
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Der Song „Presa“ beschäftigt sich mit Isolation, Zerbrechlichkeit und innerem Widerstand in einer Welt, die zunehmend von der menschlichen Erfahrung abgekoppelt ist. Mit analogen Percussions, vielschichtigen Synthesizern und einer Produktion, die zwischen Rohheit und Ritual oszilliert, liefert NAVAZO einen seiner bisher persönlichsten Tracks.
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Die Single wird von einem Musikvideo begleitet, das der Künstler selbst gedreht und produziert hat und das eine weitere Ebene emotionalen Ausdrucks hinzufügt. Mit dieser Veröffentlichung positioniert sich NAVAZO als eine der markantesten Stimmen der spanischen Darkwave-Szene.
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Das selbstbetitelte Projekt des Künstlers ist stark von Filmen und seiner eigenen existenziellen Vision inspiriert. Seine Arbeit mit der Band <em>Nancy Hole</em> – die in der Independent-Musikszene weithin bekannt ist – weicht nun einem intimeren Weg, der in diesem zarten, dunklen, Lynch-artigen Musikvideo sichtbar wird.

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<iframe src="https://www.youtube.com/embed/C1vYoM8swMA" loading="lazy" frameborder="0" allowfullscreen=""></iframe><br>
</div><p><em>pm</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 05 Dec 2025 08:37:20 +0100</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Red Rock West]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/red-rock-west-007567.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ist der Film Noir eigentlich tot? Der 1992 gedrehte Streifen <em>Red Rock West</em> hat etwas vom Film Noir, zugleich vom Road Movie, vom Western und Krimi.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Nicolas_Cage-close_up_w.webp><p><small>Nicolas Cage (hier im Jahr 2007) spielt in dem Film die Rolle des Texaners Michael Williams.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nicolas_Cage-close_up.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kristin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Allerdings in einer von Kameramann Marc Reshovsky gefilmten Schlichtheit, Kühle und Hitze zugleich, die den Film in Verbindung mit dem Drehbuch der Dahls (zuletzt <em>Joyride</em>, 2001) zu einem spannenden Erlebnis werden lassen.
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Der Texaner Michael Williams (Nicolas Cage) ist unterwegs in Wyoming, um einen Job zu suchen. Er hat allerdings ein Handicap: eine Knieverletzung aus dem Krieg. Ein Tankwart empfiehlt ihm, in Red Rock bei einer der vielen Ölfirmen nachzufragen. Als Mike dort ankommt, trifft er in einer Bar deren Besitzer Wayne (J. T. Walsh). Mike hat nur noch ein paar Dollar in der Tasche, bestellt sich einen Kaffee. Wayne schaut ihn lange an und sagt dann zu ihm, er habe ihn schon vor einer Woche erwartet. Er hält ihn für einen gewissen Lyle. Mike, überrascht, solle mit ihm in sein Büro kommen. Dort übergibt ihm Wayne eine erste Anzahlung für den Job, für den er Lyle engagiert hat: Er soll Waynes Frau Suzanne (Lara Flynn Boyle) ermorden. Nach getaner Arbeit würde er die zweite Hälfte des Geldes bekommen. Mike schweigt angesichts des Geld, das sich nun in seinen Händen befindet und macht sich auf, um Suzanne zu finden.
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Mit einem Fernglas beobachtet er Suzanne, die sich gerade mit ihrem Liebhaber Kurt (Dale Gibson) in dessen Wohnwagen vergnügen will. In ihrem Haus, das abseits des Ortes liegt, wartet er mit einer Waffe auf Suzanne. Als er ihr erzählt, dass Wayne ihn für den Mord an ihr bezahlt hat, bleibt Suzanne überraschend ruhig. Sie bietet Mike das Doppelte, wenn er statt ihr Wayne tötet.
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Mike nimmt das Geld fährt los – allerdings nicht, um Wayne zu töten, sondern um Red Rock für immer zu verlassen. Es regnet stark. Plötzlich sieht er verschwommen ein Auto und einen Mann vor sich auf der Strasse. Er kann ihm nicht ausweichen, der Mann fällt ihm direkt vors Auto. Er verstaut das Geld im Handschuhfach des Autos, steigt aus und hievt den regungslos am Boden liegenden Mann ins Auto. Im Krankenhaus in Red Rock stellen die Ärzte fest, dass der Mann noch lebt, allerdings haben sie ihm zwei Kugeln aus dem Leib entfernt. Mike steht natürlich sofort unter Verdacht. Die Ärzte haben den Sheriff bereits alarmiert. Und Sheriff in Red Rock ist kein anderer als Wayne, der Mike festnimmt ...
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Nicolas Cage spielt einen gutmütigen Ex-Marine, der kein Geld in der Tasche hat und auf der Suche nach einer ehrlichen Arbeit ist. Als er zu Anfang an einer Tankstelle Halt macht, um seinen letzten Fünf-Dollar-Schein für Benzin auszugeben und kein Mensch weit und breit zu sehen ist, sieht er die gefüllte Kasse des Tankstellenbesitzers. Einen Moment überlegt er, lässt das Geld aber liegen. Dann jedoch gerät er in eine Situation, in der jeder normalerweise sagen würde: Tut mir leid, sie irren sich, ich bin nicht der, den sie erwartet haben. Ich suche nur Arbeit. Doch Mike lässt Wayne "gewähren". Er hört sich in aller Seelenruhe an, dass der ihn für einen gedungenen Mörder hält. Und dieses schmutzige Geld anzunehmen, ist für ihn etwas anderes, als einen Tankwart zu bestehlen. Nicht nur das: Er geht tatsächlich, ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, zu dem potentiellen Opfer und lässt sich ein zweites Mal bezahlen, denkt, er könne danach einfach verschwinden, kauft einen Haufen Lebensmittel, Bier und anderes ein, um Red Rock, das ihn so reich beschenkt hat, für immer zu verlassen.
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Cage spielt diesen allzu gutmütigen Mann, fast tumben Tor, könnte man sagen, in einer Brillanz und Selbstverständlichkeit, die der Skrupellosigkeit Waynes und Suzannes diametral entgegengesetzt ist. Mikes "sanfte" Kriminalität, gepaart mit Einfältigkeit angesichts dessen, wovon er nichts weiss – er haut ja nur Verbrecher übers Ohr –, fügt sich in eine Geschichte ein, deren Hintergründe er nicht kennt, ja die er nicht einmal ahnen kann, die ihm fast das Leben kosten. Als er dann auch noch dem richtigen Killer, Lyle (Dennis Hopper), im wahrsten Sinn des Wortes vor die Füsse fällt, wird es brenzlig. Der weiss zunächst auch nichts von Mike. Sie tauschen Kriegserfahrungen aus. Lyle scheint ein netter Typ zu sein, lädt Mike zu einem Bier ein, obwohl Mike eigentlich nichts anderes will, als endlich aus diesem gottverdammten Nest zu fliehen.
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Cage stolpert immer wieder in gefährliche Situationen, weil er nicht Nein sagen kann. Auch zu Suzanne kann er nicht Nein sagen, lässt sich auf ihre Verführung ein und erkennt erst viel später das Spiel, dass sie und die anderen mit ihm treiben. Erst am Schluss fasst Mike eine Entscheidung für sich.
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John und Rick Dahl haben eine durchweg überzeugende Geschichte geschrieben, die in sich stimmig, logisch ist. Der Zuschauer erfährt immer nur so viel wie der Held selbst, was nicht zuletzt zur Identifizierung mit Mike beiträgt. Alles scheint anfangs äusserst kompliziert und komplex und löst sich in einer relativ simplen Vorgeschichte auf. Die Dahls spielen auf einer Suspense-Tastatur, die durch die mehrfach gezeigten Ortsschilder symbolisiert wird: "Welcome to Red Rock" und "You are now leaving Red Rock". Beides klingt zunehmend wie eine Drohung, wie Hinweise auf Lebensgefahr und zugleich Gefängnis. Mike ist in Red Rock gefangen.
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Dennis Hopper spielt exzellent einen skrupellosen Killer, der sich nach aussen als Sympathieträger verkauft. Ein netter Killer, ein alter Army-Haudegen, mit dem man gern ein Bier trinken geht, der aber nur eines will: Geld für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag. Lara Flynn Boyle ist eine überzeugende femme fatale – manchmal erinnerte sie mich etwas an Gudrun Landgrebe –, von der man bis zum Schluss nicht so ganz weiss, ob sie für Mike wirkliche Zuneigung empfindet oder ihn tatsächlich nur benutzt.
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Ein Film, der an Spannung einiges zu bieten hat, der eine glaubwürdige Geschichte erzählt und mit extremer Reduktion auf das Spiel zwischen den vier Hauptdarstellern gut auskommt. Red Rock West“ hat einen tiefgründigen Humor, nimmt sich selbst nicht allzu ernst, zeigt einen gutmütigen Helden, der sich – ohne es jemals offen auszusprechen – ständig fragen muss: Warum ich?“ Antwort: Weil Du Dich selbst darauf eingelassen hast.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 03 Dec 2025 10:47:14 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[If Footmen Tire You, What Will Horses Do?]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Der beste Christploitation-Film aus den 1970er Jahren zeigt uns die Panik der USA vorm Kommunismus – und vor den Freuden des Alltags.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/if-footmen-tire-you-what-will-horses-do_w.webp><p><small>Filmplakat von "If Footmen Tire You, What Will Horses Do?".  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:If_footmen.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Ormond Organization</a> (PD)</small><p>Was macht den US-Amerikaner*innen seit über 100 Jahren am meisten Angst? Die Antwort lautet: der Kommunismus. In der US-Geschichte spricht man von zwei Phasen der sogenannten <em>Red Scare</em> – der hysterischen Panik vor kommunistischen Einflüssen in der Gesellschaft, die sich insbesondere in der Stigmatisierung und Verfolgung von Linken und Migrant*innen äusserte: Die erste Phase von 1917 bis 1920 folgte auf die bolschewistische Machtübernahme in Russland im Zuge der Oktoberrevolution, die zweite während der McCarthy-Ära nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von 1947 bis 1957, in der es zu einer regelrechten Jagd auf oft auch nur vermeintliche Kommunist*innen kam und bei der sich die christliche Rechte als ein wichtiger Akteur im Kampf gegen kommunistische Umtriebe herausstellte.
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Diese Zeiten mögen vorüber sein, doch die republikanischen Wahlkämpfe der letzten Präsidentschaftswahlen, die Programme rechter US-Medienhäuser sowie die Predigten in evangelikalen Megakirchen zeigen, wie die Panik vor allem, was links, sozialistisch, marxistisch und kommunistisch ist, bis heute anhält. Dort herrscht eine Stimmung, die sich immer wieder gut in den Produkten der Traumfabrik Hollywood erfassen lässt. Doch sollte man nach den passenden Filmen suchen.

<h3>Wovon Hollywood träumt</h3>

Will man einen unverstellten Blick auf die im Blockbuster-Kino oft verschleierten Ideologien erhalten, muss man fragen, wovon Hollywood träumt, wenn es schlafen geht. Im Schlaf würde Hollywood von den abertausenden kleinen Low-Budget-Produktionen sprechen, die in seinem Unbewussten wuchern: vom sogenannten Exploitation-Kino, ein Filmgenre, das mit geringen finanziellen Mitteln und wenig Drehzeit, oft auch mit zweifelhaftem Talent der Beteiligten, darauf abzielt, sein Publikum mit schockierenden und provozierenden Inhalten zu locken.
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Es ist sich nie zu schade, eine reisserische Situation „auszunutzen“, um schnelles Geld zu machen und kopiert oft ganz unverblümt Trends grosser Erfolgsfilme: Gibt es einen Trend zu Vampirfilmen, entsteht die hundertste Version von Dracula; ist Bruce Lee der Star der Stunde, werden unzählige Kung-Fu-Kopien auf die Leinwand gebracht.
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Ohne die Kontrolle der Zensur oder des guten Geschmacks wurden vor allem ab den 1960er und 70er Jahren einige der wildesten und schockierendsten Filme gedreht, die man je auf der Leinwand sehen konnte. Versehen wurden diese vielen Subgenres mit Bezeichnungen wie Sexploitation, Blaxploitaion, Naziploitation, Bruceploitation, Nunsploitation, und so weiter und so fort.
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Ein Grund für das bis heute anhaltende Interesse an diesen Filmen – zugegebenermassen natürlich nur in Kreisen von Film-Aficionados; dort aber mit einer gewissen Obsessivität – liegt darin, dass sie einerseits die künstlerische Vision und Originalität einzelner Regisseur*innen auf fast transzendente Weise zum Ausdruck bringen und andererseits Ideologien sowie gesellschaftliche Begehren und Ängste ganz offen zu Tage fördern.

<h3>Von Hollywood in den Himmel</h3>

Wühlt man tief genug, stösst man auf die Filme des Regisseurs Ron Ormond, die unter den vielen Kuriositäten noch einmal in einer ganz eigenen Liga spielen. Sie entstanden oft als Familienunternehmung gemeinsam mit seiner Frau June (Produktion) und seinem Sohn Tim (unter anderem: Kamera, Licht, Schnitt). Ron, Jahrgang 1910, und June Ormond, Jahrgang 1912, begannen ihre Karriere als Sänger*innen und Zauber*innen im Unterhaltungstheater, bevor sie ab Mitte der 1940er Jahre versuchten, in Hollywood Fuss zu fassen. Dort drehten sie eine Reihe von Billig-Western, später folgten Exploitation-Filme.
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1967 kam es zu einem einschneidenden Ereignis: Die drei Familienmitglieder befanden sich mit einem kleinen Privatflieger auf dem Weg zu einer Vorführung ihres aktuellen Films, als der Motor der Maschine überhitzte und das Flugzeug abstürzte. Die drei Familienmitglieder überlebten das Unglück. Für Ron Ormond war dieser Absturz eine Offenbarung, ein Zeichen Gottes. Es läutete seine Abkehr vom Sex- und Horrorkino ein. In den folgenden Jahren sollten er und seine Familie ihre Filmkunst in den Dienst des Christentums stellen.
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Der Weg war nun geebnet für die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem ultrakonservativen Baptistenprediger Estus W. Pirkle aus New Albany, Mississippi, und für eine Trilogie von rechten christlichen Filmen, die die Ormond-Familie in den Kanon des Trash-Films eintragen sollte: „If Footmen Tire You What Will Horses Do?“ von 1971, „The Burning Hell“ von 1974 und „The Believer's Heaven“ von 1977 lauten die Titel der Filme. Insbesondere der erste Film der Reihe geniesst heute Kultstatus unter Cineast*innen.
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Bevor er mit den Ormonds zusammentraf, reiste Estus W. Pirkle, der in Motels gerne die Fernseher zur Wand drehte, um dem teuflischen Einfluss der Medien zu entgehen, durch die Südstaaten der USA und versuchte, mit seiner Predigt „If Footmen Tire You What Will Horses Do?“ – der Titel ist eine Bibelparaphrase, die sich in etwa übersetzten lässt mit: „Wenn dich schon die Fusssoldaten ermüden, was ist dann erst mit den Pferden?“ – Menschen zum Christentum zu bekehren, beziehungsweise abtrünnigen Christ*innen das wahre Christentum einzuhämmern und vor einer drohenden kommunistischen Invasion zu warnen.
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Diese Predigt verbreitete er auch als kleine illustrierte Broschüre, doch um ein grösseres Publikum zu erreichen, schien ihm der Film das geeignete Medium zu sein. Über einen gemeinsamen Kontakt wurde er mit der Ormond-Familie bekannt gemacht und die Arbeit am Film begann.

<h3>Die Kommunisten haben alle Süssigkeiten</h3>

In der 53-minütigen Laufzeit des Films hören und sehen wir, wie Estus W. Pirkle seine Brandrede in der Kirche einer kleinen Gemeinde in New Albany hält. Er ist fest davon überzeugt, dass liberale gesellschaftliche Entwicklungen, etwa sexuelle Emanzipation, zwangsläufig zur kommunistischen Machtübernahme führen.
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Dabei spricht er nicht nur eindringlich auf die zahlreichen Gemeindemitglieder ein, sondern auch mit direktem Blick in die Kamera uns als Zuschauer*innen an. Diese Aufnahmen werden im Folgenden immer wieder mit nachgestellten Szenen der kommunistischen Gräueltaten gegengeschnitten, die Pirkle in seiner Predigt heraufbeschwört. Schon in der ersten, mit bedrohlicher Konservenmusik unterlegten Einstellung des Films galoppieren kommunistische Kavalleristen wie die apokalyptischen Reiter der Kamera entgegen.
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Eine Stimme aus dem Off fragt: „Reverend Pirkle, sind die Szenen, die wir gleich sehen werden, wahre Fakten oder Produkte Ihrer Fantasie?“. Pirkle versichert, dass alle Szenen Nachstellungen echter (!) Ereignisse aus Russland, Korea, China und Kuba sind. Es gibt weder Ironie noch doppelten Boden: Estus W. Pirkle ist von allem überzeugt, was er predigt – und Regisseur Ron Ormond plus Anhang schöpfen aus den Vollen ihres Exploitation-Handwerks, um die Vision des Predigers auf die Leinwand zu bringen.
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Die Kommunisten terrorisieren die Dorfgemeinde, erschiessen wahllos Menschen, foltern sie, zwingen sie, dem Christentum abzuschwören und sich zum Kommunismus zu bekennen. Pastor Pirkle hat stets die Zahlen parat, wie viel tausend Menschen in den kommunistischen Ländern täglich hingerichtet werden und was den USA blühen könnte. Das Kunstblut fliesst in Strömen und die Gehirnwäsche erfolgt per Dauerbeschallung: „Der Kommunismus ist gut! Der Kommunismus ist gut! Das Christentum ist dumm! Das Christentum ist dumm! Gebt auf! Gebt auf!“
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In einer Schule werden Kinder von einem finster dreinblickenden Schergen indoktriniert: „Bringt euch der Heiland, Jesus Christus, Süssigkeiten?“ Nichts passiert. Sie sollten doch lieber zu Fidel Castro beten, dann würde das Schlaraffenland auf sie warten.
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Woraufhin ein Genosse den Raum mit einer Tüte Süssigkeiten betritt. Hurra! Doch wer engstirnig bleibt und sich nicht bekehren lässt, der muss dran glauben. So ergeht es einem vielleicht achtjährigen Jungen, der kurz vor seinem brutalen Ableben noch standhaft gen Himmel ruft: „Jesus, einst bist du für mich gestorben, jetzt bin ich bereit, für dich zu sterben.“ Dann rollt sein Kopf. In diesen steten Wechsel von Predigt und Gräueltaten ist zudem eine kleine Parallelhandlung eingeflochten, die uns die intendierte Rezeptionshaltung vorführt.
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Eine junge Frau – im Übrigen die einzige professionelle Schauspielerin des Films – besucht den Gottesdienst. Sie war zuvor noch mit ihrem Freund zusammen und anfangs sehen wir, wie ihre Gedanken immer wieder zu den unchristlichen Genüssen abschweifen, zu denen sich junge Leute so gerne verlocken lassen: Alkohol, Zigaretten, Liebesbeziehungen, Tanzen gehen.
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Doch ihre Stimmung ändert sich zunehmend, nach und nach sieht sie ihr sündiges Vergehen ein, bis sie – so sehr von Pirkles Schauergeschichten malträtiert – unter Tränen zusammenbricht und sich zu Jesus bekennt. Am Ende wird sie von Pastor Pirkle in die Arme genommen und in den sicheren Hafen des Himmels geführt.

<h3>Die Guten ins Töpfchen</h3>

Mit „If Footmen Tire You What Will Horses Do?“ erzielten Estus Pirkle und die Ormond-Familie zwar noch nicht den gewünschten Erfolg. Das hielt sie aber nicht davon ab, für zwei weitere Filmproduktionen miteinander zu kollaborieren. Nachdem „If Footmen Tire You What Will Horses Do?“ die Gefahren auf Erden ausbuchstabiert, zeigt uns „The Burning Hell“ drei Jahre später, dass die Hölle buchstäblich real ist und aussieht, wie ein Lagerfeuer mit einer mehr schlecht als recht verkleideten Dorfgemeinschaft, die vor sich hinleidende Sünder*innen spielen.
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Auch hier hält Pirkle präzises Zahlenmaterial für uns bereit: „Statistiken belegen, dass jede Stunde 6.000 Menschen sterben. Das bedeutet, dass die Hälfte dieser Menschen in die Hölle kommt. Das bedeutet, dass jede Stunde über 3.000 Menschen in die Hölle gehen, jede Minute über 60.“ Den Abschluss der Trilogie bildet „The Believer's Heaven“ von 1977, der uns das Gegenstück zu „The Burning Hell“ präsentiert und ein seliges Nachleben im himmlischen Jenseits ausmalt. Es ist mit Abstand der langweiligste der drei Filme.
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Was lernen wir aus all dem? Der Kommunismus verspricht Süsses, sich für Jesus zu opfern leider nur Langeweile im Himmel. „If Footmen Tire You What Will Horses Do?“ ist ein intensiver Einblick in den Geist ultrakonservativer und rechter Christ*innen in den 1970er Jahren und eine Kuriosität aus dem an Kuriositäten nicht armen Fundus des Exploitation-Kinos.
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Da die Machart so amateurhaft und das Weltbild dermassen hanebüchen ist, kann man viel Spass mit dem Film haben. Aber man sollte nicht übersehen, dass der Film zu seiner Zeit durchaus Menschen erreichen konnte. Er entfaltete sowohl eine gewisse Propagandawirkung als auch half er dabei, ein bis heute lukratives Geschäft mit christlichen Filmproduktionen zu etablieren, deren aktuelle Veröffentlichungen sich in ihrer ideologischen Grundhaltung nicht allzu sehr von derjenigen ihrer Altvorderen unterscheiden.
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Zu nennen wäre da beispielsweise die inzwischen fünfteilige „God's Not Dead“-Reihe, die ein Vielfaches ihrer Produktionskosten eingespielt hat. Brach die Bedrohung vor 50 Jahren noch von aussen, konkret durch die kommunistischen Staaten, über die Gesellschaft herein, lauern die Gefahren, die die tugendhafte und gottesfürchtige US-Gesellschaft heutzutage zersetzen, im Inneren des Landes: Kulturmarxismus und Sozialismus sind die Süssigkeiten von heute, Pro-Choice-Aktivist*innen, Trans-Personen und Migrant*innen ihre Apologet*innen.<p><em>Sascha Kellermann<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/der-rote-schreck-amerikas" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 29 Nov 2025 08:09:40 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Zwischen Erde und Unendlichkeit: Kunst aus Erde, Steinen und Meteoritenspänen]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Anlässlich des 75. Geburtstags der in Düsseldorf und in Arizona arbeitenden Künstlerin Ulrike Arnold zeigt der Kunstraum Gewerbepark-Süd in Hilden eine Werkschau der Künstlerin sowie des amerikanischen Fotokünstlers Victor van Keuren mit dem Titel  „Zwischen Erde und Unendlichkeit“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/zwischen-erde-und-unendlichkeit-kunst-aus-erde-steinen-und-meteoritenspaenen_w.webp><p><small>  Foto: zVg</small><p>„Allein zu sein, die absolute Stille, das Beobachten der Abläufe der Natur, der tägliche Lauf der Sonne – all das macht mich zunehmend ruhig, weniger ängstlich. Ich fühle mich gut.“ (Tagebucheintrag von Ulrike Arnold, Zentralaustralien - Ruby Gorge , August 1987)
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Anlässlich des 75. Geburtstags der in Düsseldorf und in Arizona arbeitenden Künstlerin Ulrike Arnold zeigt der Kunstraum Gewerbepark-Süd in Hilden eine Werkschau der Künstlerin sowie des amerikanischen Fotokünstlers Victor van Keuren mit dem Titel  „Zwischen Erde und Unendlichkeit“.
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Die Künstlerin Ulrike Arnold malt mit den elementarsten Stoffen unseres Planeten: Erde, Sand und Steine - an unberührten Orten fern der Zivilisation. Arnold gräbt und schabt ihre Materialien vor Ort aus Erde und Fels – teils aus bis zu 600 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten - und vermischt sie mit einem Binder, um ihre grossformatigen Leinwände zu bemalen. Ihre Malerei entsteht unter freiem Himmel – im Dialog mit Wind, Sonne, Regen und Zeit. Für ihre so entstandenen „Erdbilder“ hat die Künstlerin alle Kontinente bereist.
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Seit über zwanzig Jahren nutzt sie auch Meteoritenspäne – ein seltenes Material, das sie von einem amerikanischen Meteoritenforscher bezieht. Diese ausserirdische Substanz, die teilweise älter ist als die Erde, zeugt von der Frühzeit des Universums und verleiht ihrem Werk eine aussergewöhnliche kosmische Dimension.
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Naturphänomene hält auch Victor van Keuren in seinen atemberaubenden Bildern fest. Mit der Kamera fixiert er die Urgewalten unserer Erde. Der Fotokünstler ist für seine Fähigkeit bekannt, die Essenz der abgelegensten Orte unseres Planeten einzufangen: von den kargen, eisigen Weiten der Antarktis bis zu den verborgenen Tälern der Atacama. Seine in abgelegenen Landschaften entstandenen Werke bieten dem Betrachter einen seltenen Einblick in Teile der Welt, die weitgehend ungesehen und unerforscht sind.
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Neben seinen „Landscapes“ werden auch Arbeiten aus seinen Serien „Metamorphoses“, experimentelle Landschaften, die in eine surreale Welt zwischen Vertrautem und Fremdem führen, und „Climate / Cosmos“, die seine Landschaftsfotografie mit der Beobachtung atmosphärischer und astronomischer Phänomene verbindet, gezeigt.
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Die Präsentation der Ausstellung „Zwischen Erde und Unendlichkeit“ findet nicht ohne Grund in Hilden statt: In den 70er- und 80er-Jahren unterrichtete Ulrike Arnold Kunst und Musik an der Wilhelm-Fabry-Realschule, der heutigen Marie-Colinet-Schule.
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Zum Pressegespräch am Donnerstag, dem 27. November 2025, um 11 Uhr im Kunstraum Gewerbepark-Süd an der Hofstrasse 64 in Hilden laden wir Sie herzlich ein.
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Am Pressegespräch nehmen teil: die Künstlerin Ulrike Arnold und der Fotokünstler Victor van Keuren, die Kuratorin Dr. Sandra Abend sowie Hans-Jürgen Braun, Kunstliebhaber, Hausherr und einer der geschäftsführenden Gesellschafter des Gewerbeparks-Süd.

<h3>Hommage an die Erde und ihren Ort im Kosmos</h3>

Ulrike Arnolds Erdbilder sind eine Einladung an den Betrachter, ein Bewusstsein für unseren Planeten und für unser Kommen und Gehen anzustossen. Auch Victor van Keurens Fotografien heben nicht nur die natürliche Schönheit, Vielfalt und Erhabenheit unseres Planeten hervor, sondern dienen auch als eindringliche Erinnerung daran, wie wichtig es ist, diese unberührte Umwelt zu erhalten.
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Ulrike Arnold arbeitet an entlegenen Orten, die oft zugleich Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind – Regionen vulkanischer Aktivität, Wüstenlandschaften oder Areale mit hoher geologischer Signifikanz. Fotografische Dokumentationen und filmische Begleitungen ihres Schaffensprozesses zeigen, wie Kunst, Naturbeobachtung und wissenschaftliche Neugier in ihrem Werk untrennbar ineinandergreifen. Arnolds Malerei eröffnet dadurch neue Perspektiven auf das Verhältnis zwischen Mensch, Erde und Kosmos. Ihre Werke erinnern daran, dass wir Teil eines grösseren Ganzen sind – geschaffen aus denselben Stoffen wie die Landschaften, die wir betrachten und bewohnen.
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Ulrike Arnold (*1950 in Düsseldorf) studierte von 1968 bis '71 Musik und Kunsterziehung und besuchte ab 1979 die Kunstakademie Düsseldorf. Dort wurde sie Meisterschülerin in der Klasse von Klaus Rinke. Seit 1980 ist sie als Künstlerin auf fünf Kontinenten tätig. Ihre Arbeiten wurden in mehr als 130 Ausstellungen gezeigt und befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen – auch der amerikanische Schauspieler und Regisseur Dennis Hopper gehörte zu Lebzeiten zu ihren Sammlern. Sie erhielt mehrere Stipendien und Preise, darunter den Eduard von der Heydt-Förderpreis, Wuppertal, und den Viola Award, Flagstaff. Zahlreiche Publikationen und Filme dokumentieren ihre Arbeit. Dialogue Earth, das dokumentarische Filmporträt von Hank Levine (2019), wurde auf Filmfestivals weltweit offiziell vorgestellt und ausgezeichnet. Arnold lebt und arbeitet in Düsseldorf, Deutschland, und in Flagstaff, Arizona.
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Victor van Keuren wurde 1957 in Auburn, Kalifornien, geboren und ist Fotograf und visueller Künstler. Er schafft mystische, ätherische Bilder von ursprünglichen Landschaften der Erde, um deren reine Schönheit und das Erhabene der Natur zu porträtieren, und setzt auch Drohnen für einzigartige Perspektiven ein. Nach seinem Abschluss am Brookes Institute in Santa Barbara (Kalifornien) erweiterte Keuren sein Wissen am Rochester Institute of Technology und den Kodak Laboratories (New York). Seine Werke sind Teil internationaler privater und öffentlicher Sammlungen, darunter die National Geographic und die Bank of America. Zu seinem Oeuvre gehören auch filmische Arbeiten wie Dos Desiertos und die Drohnenfotografie für den Film Dialogue Earth.
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Veranstaltet wird die Ausstellung vom Kulturamt der Stadt Hilden und dem Gewerbepark-Süd in Hilden.
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Zwischen Erde und Unendlichkeit<br>
Vernissage am Sonntag, dem 30. November 2025, um 11 Uhr<br>
Kunstraum Gewerbepark-Süd<br>
Hofstrasse 64<br>
40723 Hilden<p><em>pm</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 28 Nov 2025 10:48:55 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Rattennest]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rattennest-007566.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wie selten in einem anderen Film kündigt sich in <em>Kiss Me Deadly</em> (mit dem wieder einmal dämlichen deutschen Titel <em>Rattennest</em>) der Übergang vom film noir zu einer amerikanischen Variante der nouvelle vague an.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Cloris_Leachman_-_UCLA_Library_Digital_Collections_w.webp><p><small>Die US-amerikanische Schauspielerin Cloris Leachman bei den Emmy Awards 1973.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cloris_Leachman_-_UCLA_Library_Digital_Collections_(uclalat_1429_b715_274685D-1).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">UCLA Library Digital Collections</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Es beginnt wie ein film noir. Eine Frau mit angsterfülltem Gesicht rennt nachts auf einer Strasse und versucht, irgendein Auto anzuhalten, zunächst vergeblich. Sie ist barfuss und hat einen hellen Regenmantel an. In ihrer Verzweiflung stoppt sie einen Sportwagen, der ihr ausweichen muss und fast einen Unfall verursacht. In dem Wagen sitzt Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker), der über den erzwungenen Halt wenig erfreut ist.
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Aber er nimmt die junge Frau, die sich Christina Bailey (Cloris Leachman) nennt, mit. Er erfährt, dass Christina aus der Psychiatrie geflohen ist. Nur wenig später werden beide von einigen Männern gestoppt und mit Gewalt verschleppt. Und wiederum kurze Zeit später findet sich Hammer im Krankenhaus wieder. Man hat die beiden in seinem Auto einen Abhang hinunter gefahren. Während Hammer schwer verletzt überlebt, ist Christina tot.
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Die besten Voraussetzungen für einen Kriminalfilm. Und so geht es auch weiter. Was folgt ist tatsächlich ein film noir. Doch Robert Aldrich macht in der Darstellung seiner Figuren auch von (fast) Anfang an klar, dass er über den film noir weit hinausgeht. Manches Mal erscheinen die Darsteller eher wie Charaktermasken, die nur noch repräsentieren, für etwas stehen, etwas zum Ausdruck bringen, aber keine wirklichen und wirkenden Personen mehr zu sein scheinen. Die Rollen werden zu Rollen per se, für sich, Rollen als Rollen.
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Die Ausgangsszenen generieren so etwas wie eine Initialzündung für eine alt bekannte Story: Ein private eye, ein Mann, der von Natur aus neugierig scheint, will wissen, was hinter der Sache steckt, obwohl gar nicht eher Zielscheibe der Unbekannten war, sondern eine Frau, mit der Hammer nichts zu tun hatte und von der er schon gar keinen Auftrag angenommen hatte. Trotzdem: Man hat ihn fast getötet. Allein das reicht. Und er will wissen, warum Christina ermordet wurde.
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Die Polizei vernimmt ihn, glaubt, Hammer verheimliche ihr etwas, was Christina ihm erzählt haben könnte. Er erfährt, dass selbst die Behörden in Washington sich für den Fall interessieren. Das macht Hammer nur noch neugieriger. Und als Lt. Murphy (Wesley Addy) ihm die Lizenz entzieht (weil er nicht will, dass Hammer auf eigene Faust ermittelt) und warnt, er wolle ihn nicht mit der Waffe in der Hand erwischen, ist Hammer erst recht nicht mehr zu halten.
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Mit Unterstützung seiner Sekretärin und Geliebten Velda (Maxine Cooper) erfährt er vom Verschwinden eines wissenschaftlichen Mitarbeiters einer Zeitung namens Diker. Und weitere Dinge geschehen, die Hammer nicht mehr ruhen lassen: Er selbst wird auf der Strasse von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Sein bester Freund Nick (Nick Dennis), der eine Autowerkstatt betreibt, wird ermordet, nachdem schon zuvor ein anonymer Anrufer Hammer ein "Geschenk" angekündigt hatte: einen neuen Sportwagen, in dem allerdings zwei Bomben versteckt sind.
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Schliesslich stösst Hammer auf einen Gangster namens Evello (Paul Stewart), auf einen mysteriösen Dr. Soberin (Albert Dekker) und eine Frau (Gaby Rodgers), die ihm offenbar helfen will ...
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Was als film noir beginnt, entwickelt sich im Laufe der Handlung zu einer immer mysteriöseren Geschichte, in der ein Koffer ins Zentrum des Interesses rückt, der berühmte MacGuffin, bzw. dessen Inhalt, der sich am Schluss des Films uns zeigt und keinen Zweifel mehr daran lässt, dass uns hier im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht aufgehen soll. Der film noir entpuppt sich schon fast als Karikatur seiner selbst. Das Geheimnis, das der Koffer lüftet, entlüftet zugleich unser Gehirn, demonstriert uns, wie beliebig Geschichten im Kino erzählt werden können – im positiven Sinn des Wortes. <em>Rattennest</em> ist Film um des Films willen, Kino um des Kinos willen, l'art pour l'art – im besten Sinn des Wortes.
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Es ist völlig gleichgültig, was sich in dem Koffer befindet, hinter dem Behörden wie Verbrecher hinterher sind, um den herum sich Intrigen spinnen, Verrat und Betrug begangen wird usw. Alle und alles scheint verdächtig, vom kleinsten Betrüger bis zu den Regierungsbeamten. Hauptsache, die Handlung geht voran, Hauptsache, die Figuren sind in Bewegung, Hauptsache, es bleibt spannend. Und wie selten in einem anderen Film kündigt sich in <em>Kiss Me Deadly</em> (mit dem wieder einmal dämlichen deutschen Titel <em>Rattennest</em>) der Übergang vom film noir zu einer amerikanischen Variante der nouvelle vague an. Fast könnte man auf die Idee kommen, ein Vorläufer Quentin Tarantinos zitiere in einem fort bekannte und weniger bekannte Figuren, Stile, die ganze mise en scene des film noir bis dato, um zu zeigen, worauf er beruhe, wie er funktioniere – bis der Koffer enthüllt, wie Kino überhaupt funktioniert.
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Mike Hammer ist nicht Humphrey Bogart oder Robert Mitchum. Aber Ralph Meeker zitiert in seiner Rolle diese "Typen" des film noir. Und es gibt die geheimnisvolle Blonde, Gaby Rodgers als Gabrielle, wie die liebende Schwarzhaarige, Maxine Cooper als Velda – zwei Frauen als Gegensatzpaar. Es gibt das unscheinbare Opfer, die schöne Unbekannte Christina. Last but not least gibt es die mysteriösen Kriminellen, die kaum etwas preisgeben, es sei denn, man zwingt sie dazu – Soberin und Evello. Und es gibt die Handlanger, den skurrilen Charlie Max (Jack Elam) und den brutalen Sugar Smallhouse (Jack Lambert) – alles in allem Zitate, Charaktermasken, aber eben doch funktionierende Einheiten in einem Kriminalfilm.
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Trotzdem also – und gerade das ist ja das spannende an <em>Rattennest</em> – funktioniert Aldrichs Film eben auch als Krimi mit Suspense – nur mit dem Unterschied, das letztlich alles schief” geht. Keiner bekommt, was er will.
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Die Schlussszene leuchtet uns an, blendet geradezu, brennt uns den Sand aus den Augen, lässt uns wieder sehen, wo wir sind und warum wir im Kino sind. Wie eine Bombe schlägt sie ein und um sich. Und wie Hammer selbst verdutzt ins Pseudo-Inferno schaut, blicken wir ebenso verdutzt auf einen Film, der uns zeigen will, ganz unverblümt und ganz unprätentiös, warum wir Kino brauchen.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 09:46:44 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rattennest-007566.html</guid>
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<title><![CDATA[Heuwagen-Aktien und Banknutten: Eine Kunst-Aktion von Fritz Wegeleben]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/kunst/heuwagen-aktien-und-banknutten-eine-kunst-aktion-von-fritz-wegeleben-009405.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Nach der Finanzkrise 2007/8 entwickelte der Düsseldorfer Künstler Fritz Wegeleben mit den verbliebenen Protagonisten der ehemals lebendigen Fluxusszene die Aktion „Heuwagen-Aktien“ und „Banknutten“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/heuwagen-aktien-und-banknutten_1_w.webp><p><small>Mehr Kapitalismus durch Volksenteignung.  Foto: zVg</small><p>Er knüpfte damit auch an die ältere realistische politische Kunst eines Otto Pankok (1893-1966) oder Hans Kralik (1900-1971) an. Die „Heuwagen“-Aktien lehnten sich an das 1490 entstandene Triptychon „Der Heuwagen“ des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (1450-1516) an und die „Banknutten“ an John Heartfields (1891-1968) Collage „Der Hitlergruss“ aus dem Jahre 1931.

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Die Aktion erhielt kaum mehr als regionale Aufmerksamkeit und die beteiligten Künstler wurden bewusst ignoriert und vergessen.
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So findet man im Internet keinen Wikipediaeintrag zu Fritz Wegeleben, allerdings Hinweise zu einigen seiner Werke, die auch noch gehandelt werden. Demnach wurde er 1941 geboren, absolvierte eine Elektrikerlehre und arbeitete auch 15 Jahre in diesem Handwerk, u. a. als Theaterbeleuchter am Nationaltheater Mannheim.

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Danach ging er nach Düsseldorf, wirkte auch kurzfristig als Bühnenvolontär, um den Lockrufen eines Joseph Beys (1921-1986), der von der Kunstakademie Düsseldorf aus sein wildes Treiben als öffentlicher Aktionskünstler inszenierte, zu folgen.

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Wegeleben bemühte sich jedoch ernsthafter und galt als Meisterschüler von Rolf Sackenheim (1921-1986), einem abstrakt arbeitenden Grafiker und Maler, der u. a. auf der documenta kassel 1959 ausstellte. Von ihm inspiriert zeigt sich sein Malstil von den 70er bis zu 90er Jahren. Später arbeitete Fritz Wegeleben auch mit Anatol Herzfeld (1931-2019), Bildhauer und Schmied, dessen Eisenskulpturen im Atelier auf der Insel Hombroich bei Neuss angefertigt wurden und dort auch stehen, zusammen.
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Als ich den Maler 2013 zusammen mit Richard Albrecht und Horst Niggemann, ehemals Schauspieler an der in den 70/80er Jahren politisch engagierten Bühne des Göttinger Nationaltheaters, in seiner Düsseldorfer Wohnung und er uns im Wiesenhaus in Bad Münstereifel besuchte, war er schon körperlich hinfällig und gehbehindert, so dass er einen Rollator benutzen musste. Doch geistig und künstlerisch war er weiterhin sehr agil.

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Während sich die Düsseldorfer Kunstszene anachronistisch überholt museal im Schloss Moyland festsetzte oder zu einem kleinbürgerlichen Künstlerkreis mutierte, hielt Wegeleben und einige seiner alten Mitstreiter am aufklärerischen Anspruch der Aktionskunst fest: Er unterstützte nämlich zu der Zeit das Projekt der offenen Kunstszene "Bauwagen der Demokratie", verfasste dafür ironisch kritische Texte wie 2011 "Weltkulturerbe Esel"  und setzte sich weiterhin mit der Finanzkrise, dem Finanzcasino und den Investmentgeschäften der Deutschen Bank unter Ackermann auseinander, so mit einer Happening-Aktion.
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Und heute? Heute steckt die Aktionskunst tief im Berliner Morast.<p><em>Wilma Ruth Albrecht</em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 12:23:04 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Persischstunden]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/persischstunden-009007.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In „Persischstunden“ behauptet ein jüdischer Belgier Perser zu sein, um auf diese Weise der Ermordung durch die Nazis zu entkommen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/VadimPerelman_OdFest_w.webp><p><small>Der ukrainisch-US-amerikanische Filmemacher Vadim Perelman am Odessa Film Festival, Juli 2010.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:VadimPerelman_OdFest.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Odessa International Film Festival</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Das Szenario ist originell, die Geschichte um einen Mann, der eine Sprache erfinden muss, um leben zu dürfen, zumindest teilweise auch spannend. Probleme in der Entwicklung des Stoffes und die aufdringliche Musik schmälern jedoch den Eindruck.
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Eigentlich versuchte der junge jüdische Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) dem Grauen zu entkommen. Doch auf seiner Flucht wird er zusammen mit vielen anderen aufgegriffen und soll nun von der SS getötet werden. Als er in seiner Verzweiflung behauptet, in Wahrheit Perser zu sein, bedeutet das für ihn eine unerwartete Rettung in letzter Sekunde.
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Offizier Koch (Lars Eidinger), Leiter der Lagerküche, träumt nämlich davon, nach dem Krieg ein Restaurant im Iran zu eröffnen. Und Gilles soll ihm dafür die notwendigen Sprachkenntnisse beibringen. Einfach ist das nicht, spricht er doch in Wahrheit kein Wort Farsi und muss deshalb auf die Schnelle eine eigene Sprache erfinden. Hinzu kommt, dass der Soldat Beyer (Jonas Nay) von Anfang an misstrauisch ist und nur auf eine Gelegenheit wartet, den Gefangen wieder loszuwerden …
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Not macht erfinderisch, heisst es ja. Und welche Not könnte grösser sein als die, von Leuten umgeben zu sein, die dich jeden Moment umbringen können, wenn ihnen nur irgendwie danach ist? Wie grausam, wie unbarmherzig die Männer sind, von denen Gilles umzingelt ist, das macht <em>Persischstunden</em> schon in den ersten Minuten klar. Der Film beginnt mit einer kleinen Massenhinrichtung unterwegs, schnell und effektiv, schliesslich müssen die Soldaten weiter und etwas Wichtigeres tun, als sich um jüdische Gefangene zu kümmern, die sie unterwegs aufgesammelt haben. Wer Letztere sind, das erfahren wir nicht, abgesehen von dem jungen Protagonisten bleibt nicht genug Zeit, um sie kennenzulernen und der Anonymität zu entreissen.

<h3>Kampf gegen das Vergessen</h3>

Der Kampf gegen eben diese Anonymität ist eines der zentralen Themen des Films. Je weiter die Geschichte voranschreitet, je stärker das Band zwischen Gilles und Koch ist, umso mehr versucht der falsche Perser seine Position zu nutzen, um anderen zu helfen. Der schönste Einfall des auf einer Kurzgeschichte von Wolfgang Kohlhaase (In Zeiten des abnehmenden Lichts) basierenden Dramas ist der, dass der junge Belgier auf der Suche nach sprachlichen Inspirationen für seine erfundenen Wörter die Namen der anderen Gefangenen verwendet. Ausgerechnet Koch, der mit den Juden nichts zu tun haben will, trägt durch sein vermeintliches Vokabellernen dazu bei, dass diese unsterblich werden. Dass etwas von ihnen überlebt, selbst nachdem sie misshandelt, benutzt und getötet wurden.
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Doch <em>Persischstunden</em> gewährt ihnen nur manchmal ein wenig Aufmerksamkeit. Abgesehen von zwei italienischen Brüdern, die an einer späteren Stelle in die Handlung einbezogen werden, bleiben die Gefangenen eine unerkennbare Masse, die zusammengepfercht in Barracken hausen, wenn sie sich nicht gerade im Steinbruch zu Tode schuften müssten. Regisseur Vadim Perelman (Buy Me – Käufliche Liebe) zeigt diese Umstände, schlachtet sie aber nicht aus. Er hat keinen Film über das Leben in einem KZ gedreht, vergleichbar zu Son of Saul. Stattdessen stehen in erster Linie die beiden Männer im Mittelpunkt, die durch eine gemeinsame Sprache aneinandergekettet werden, die es überhaupt nicht gibt.

<h3>Das Leben mit der Angst</h3>

Das Szenario ist originell, hätte auch gut im Kontext einer Komödie funktioniert, wo solche absurden Lügenkonstrukte immer wieder Anlass sind für Erheiterung. Doch auch wenn es zwischendurch humorvoll gefärbte Momente gibt: Das Drama, welches auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere hatte, lässt nie einen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist. Teilweise ist das gelungen, wenn Perelman immer wieder die prekäre Situation verdeutlicht. Sollte sich Gilles nur irgendwann vertun, etwa ein falsches Wort benutzen, dann bedeutet das sein sicheres Ende.
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Schon der Name ist ein Anlass zur Gefahr, da der Häftling sich den Namen Reza gegeben hat und nur auf diesen reagieren darf und muss. Dieser Druck wird zusätzlich von einem ungewohnt verabscheuungswürdig auftretenden Jonas Nay verstärkt, dessen Figur es sich zur Aufgabe gemacht hat, den unliebsamen Gefangenen loszuwerden.
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Weniger geglückt sind andere Aspekte. So zieht sich <em>Persischstunden</em> beispielsweise merklich, da zu wenig in eine tatsächliche Entwicklung investiert wird. Mal tritt die Geschichte auf der Stelle, dann wiederum werden Zwischenschritte übersprungen. Wenn Gilles zu einem späteren Zeitpunkt wie selbstverständlich Koch duzt, dann ist das schon irritierend. Konstant – leider – ist dafür die aufdringliche Musik, die auch leisere Szenen zum Bersten dramatisch machen will, anstatt auch mal ein bisschen Luft zum Atmen zu lassen.
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Hinzu kommt, dass der Film an vielen Stellen nicht plausibel ist. Warum sich Gilles all diese einmal aufgesagten Fantasiewörter merken kann, ohne sie sich irgendwo zu notieren, das wird nicht nachvollziehbar erklärt. Sehenswert ist das Drama aber trotz dieser diversen Schönheitsfehler, auch wegen der Paarung Nahuel Pérez Biscayart (120 BPM) und Lars Eidinger (All My Loving), die mit grossen Kontrasten auftreten, sich dabei aber doch langsam annähern, eine Form des menschlichen Miteinanders verkörpern in einem Umfeld, in dem sämtliche Menschlichkeit verloren gegangen ist.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 08:57:44 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Prop und Berta]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/prop-berta-001347.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Alles in allem ist "Prop & Berta" ein schönes Märchen, natürlich vor allem für die Generation unterhalb der 7- oder 8-Jahres-Grenze, das Spass macht und ohne Lehrhaftigkeit auskommt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/prop-berta_w.webp><p><small></small><p>Kaum bekannt in Deutschland, dafür wohl umso mehr in Dänemark sind die Kinderbücher von Bent Solhof, Comics über den freundlichen Herrn Prop und seine sprechende Kuh Berta, hier im Kampf gegen eine böse Hexe. Solhof reist selbst durch dänische Kindergärten und Schulen und erzählt seine Geschichten einem aufmerksamen jungen Publikum. Wo gibt es schon noch Märchenerzähler?
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Drei Jahre lang arbeiteten Per Fly und der lettische Animationsexperte Janis Cimmermanis an der 2001 in Dänemark gezeigten und jetzt in unsere Kinos kommenden Adaption einer der Geschichten um Prop und Berta. Herausgekommen ist ein Puppenzeichentrickfilm – ein Genre, das rar geworden ist. Wer kennt schon noch Lolek und Bolek“, die zahlreichen tschechischen Puppentrickfilme der 60er und 70er Jahre oder auch die DEFA-Märchen-Puppentrickfilme der 60er Jahre?
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Der leicht pummelige Herr Prop mit der dicken Knollennase hat ein Haus am Waldrand nahe einer kleinen Stadt geerbt. Allerdings erzählt ihm der ständig schlafende Polizist Fredericksen, Prop würde wohl nicht lange Freude an seinem Häuschen haben, da eine alte, böse Hexe im nahe gelegenen Wald es überhaupt nicht gern sehe, wenn sie einen Nachbarn hätte. Trotzdem gibt er Prop den Schlüssel. Das Haus ist verfallen, im Dach befinden sich Löcher, es staubt – aber vor allem hängt im Gatter neben dem Haus eine Kuh fest. Mit Mühe und Not kann Prop der Kuh aus ihrer schwierigen Lage helfen – und beide gehen daran, das Haus auf Vordermann (oder Vorderkuh?) zu bringen.
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Der Bürgermeister der kleinen Stadt – ein nicht sehr mutiger Herr, der von Orden (für sich) träumt – macht sich auf den Weg zur Hexe, um sie zu beschwichtigen. Da hat er allerdings wenig Erfolg. Ultimativ fordert sie ihn auf, Prop müsse verschwinden, sonst würde sie die ganze Stadt samt Einwohnern verhexen.
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Unterdessen wandern Prop und seine neue Freundin – Berta heisst die Kuh – durch den Wald. An einem dicken Baum angekommen, hören sie Stimmen. Die Hexe hat vier Trolle in den Baum gesperrt, die Berta und Prop befreien. Sie nennen sich Beerenrülpser, machen Musik und vor allem sehr gerne Unsinn. Als Dank für ihre Befreiung darf sich Herr Prop etwas wünschen. Wenig später sagt Prop – ohne noch an den freien Wunsch zu denken –: Ach, könnte ich mit dir doch sprechen.“ Und hoppla-di-hopp: Berta kann sprechen.
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Als Prop das Angebot des Bürgermeisters, ihm das Haus abzukaufen, allerdings nicht annimmt – schliesslich ist es sein neues Zuhause –, wird die Situation brenzlig. Die Hexe sperrt Prop in einen Käfig und droht, ihn zur Statue zu versteinern, wenn er nicht aufgibt. Berta holt die vier Beerenrülpser, die holen den schlafenden Fredericksen samt Bett. Doch guter Rat ist teuer und gefährlich. Denn die Hexe hat sich zudem ein Mittelchen zurecht gemixt, deren Genuss sie zur bösesten aller bösen Hexen weit und breit und aller Zeiten machen würde ...
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Was vor zwei Jahrzehnten noch kaum jemandem aufgefallen wäre, damit hatten Fly und Cimmermanis im Zeitalter digitaler Technik in ihrem Puppentrickfilm zu kämpfen: der Bewegungslosigkeit der Puppengesichter. Lösen konnten sie dieses Problem“ nicht. Aber nichtsdestotrotz hat es mich ehrlich gesagt überhaupt nicht gestört. Sie zauberten einen knallbunten, phantasiereichen Puppentrickfilm auf die Leinwand, der nie langweilig wird (wenn man ein bisschen kindliches Gemüt bewahrt hat).
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Im Gegenteil: Abseits technisch überreizter Trickfilme empfand ich die (sicherlich harmlose, aber umso liebevollere) Geschichte um Prop und Berta als sehr angenehme und wohltuende Abwechslung. Gerade in der technischen Unvollkommenheit liegt der Reiz dieses und sicherlich auch anderer Puppentrickfilme. Da ist nichts perfekt in Richtung richtige Menschen“ gezimmert. Die Figuren stehen“ zu ihrer Phantasiegestalt. Die Reglosigkeit der Gesichter, die Knollennasen und nur ab und zu kullernden Augen stören nicht, sondern regen eher die Phantasie an.
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Die Geschichte selbst bietet (Puppen-)Charaktere aller Art: Einen dauernd müden Polizisten, der normalerweise nicht viel zu tun hat und trotzdem sich sattelfest an seine Dienstvorschriften hält, einen nicht sehr mutigen Bürgermeister, der von Orden träumt, statt selbst den Kampf gegen die Hexe aufzunehmen, Herrn Prop, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann, einen kleinen Helden des Alltags, eine sprechende Kuh, frech und intelligent, was sich bekanntlich oft nicht ausschliesst, sondern bedingt, vier lustige Trolle, und natürlich die bitterböse Hexe, die am Schluss – wie sollte es anders sein – zu einer äusserst freundlichen alten Dame konvertiert wird.
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Und last but not least wird natürlich ständig gezaubert und gehext.
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Alles in allem ein schönes Märchen, natürlich vor allem für die Generation unterhalb der 7- oder 8-Jahres-Grenze, das Spass macht und ohne Lehrhaftigkeit auskommt.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 21 Nov 2025 08:33:15 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[The Change]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-change-007580.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In diesem beklemmenden Thriller erlebt eine amerikanische Familie den radikalen Verlust freiheitlicher Werte in der Gesellschaft.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Jan_Komasa_b_w.webp><p><small>Der polnische Filmregisseur und Drehbuchautor Jan Komasa.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jan_Komasa_b%26w.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Franek Vetulani</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>In naher Zukunft kommt eine populistische Bewegung, der auch der eigene Sohn angehört, an die Macht, überwacht alle und verfolgt Andersdenkende. Diane Lane und Kyle Chandler glänzen als Ehepaar mit liberalen Werten, das den Niedergang der eigenen Familie aufzuhalten versucht. Mit anfänglich starkem Realitätsbezug führt der Film eindringlich vor Augen, wohin autoritäre politische Tendenzen letztlich führen können.
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Die Washingtoner Universitätsprofessorin Ellen (Diane Lane) und ihr Mann Paul (Kyle Chandler) feiern ihren 25. Hochzeitstag. In ihrem Garten versammeln sich die vier Kinder Anna (Madeline Brewer), Cynthia (Zoey Deutch), Josh (Dylan O'Brien) und die noch zu Hause wohnende Birdie (Mckenna Grace) neben vielen Gästen. Josh, der sich erfolglos als Schriftsteller versucht hat, stellt seine Freundin Liz (Phoebe Dynevor) vor. Ellen ist entsetzt: Es handelt sich um ihre ehemalige Studentin, deren Abschlussarbeit sie wegen antidemokratischer Tendenzen beanstandet hatte. Liz verliess die Uni, bringt nun aber als Geschenk ihr Buch „The Change“ mit, das eine neue Gesellschaft mit Einparteiensystem propagiert. Liz und Josh gehören der politisch bald sehr erfolgreichen Cumberland Company an. Bis zum 30. Hochzeitstag von Ellen und Paul wird sich unter ihrem Einfluss das Leben der Familie drastisch verändern.

<h3>Eine Familie in bedrohlicher Zeit</h3>

Die politischen Veränderungen in den USA werden allmählich auch in Spielfilmen thematisiert. Zumindest indirekt, über den Umweg dystopischer Zukunftsvisionen, lassen sich Werke wie <em>One Battle After Another</em> von Paul Thomas Anderson oder <em>Civil War</em> von Alex Garland als Warnungen verstehen. Die gesellschaftliche Spaltung in liberale und rechtspopulistische Lager, die Versuche der Trump-Regierung, die Freiheit beispielsweise von Lehre und Forschung oder der Medien einzuschränken, schüren Konflikte und erzeugen ein Klima der Angst. Der gesellschaftliche Frieden und die demokratischen Werte sind, wie besagte Filme drastisch ausmalen, keine sichere Bank und ihr Verlust wäre schrecklich. Auch der polnischstämmige Regisseur Jan Komasa (<em>Corpus Christi</em>) spinnt in seinem englischsprachigen Debütfilm eine düstere Zukunftsvision, in der eine populistische Bewegung in naher Zukunft die Macht ergreift und die Demokratie Schritt für Schritt aushöhlt.
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Komasa und die Drehbuchautorin Lori Rosene-Gambino erzählen diesen Thriller aus der Perspektive einer amerikanischen Familie. Am Anfang, auf der Silbernen Hochzeit von Ellen und Paul, scheinen die Dinge noch weitgehend in Ordnung. Paul führt sein eigenes Restaurant, Ellen verteidigt die freiheitlichen Werte an der Universität gegen Kritiker. Sobald aber die redegewandte, höflich und doch eiskalt wirkende Liz auf den Plan tritt, ist es um Ellens Seelenruhe geschehen. Sie argwöhnt, dass sich ihre ehemalige Studentin an ihr rächen will, weil sie ihre Abschlussarbeit ablehnte. Sie empfindet Liz' Buch <em>The Change</em> als Schlag ins Gesicht, handelt es sich doch um die Thesen von damals: Eine neue Nation soll entstehen, mit nur einer Partei und strikten Werten. Paul und die Kinder finden Joshs Freundin nicht so besorgniserregend. Als die Familie zwei Jahre später zusammen Thanksgiving feiert, ist die Stimmung am Esstisch schon äusserst gereizt. Liz verkündet, dass sie Gastdozentin an Ellens Uni wird. Sie bittet die Professorin, die Einführungsrede zu halten, was diese für einen schlechten Scherz hält.

<h3>Hervorragend gespieltes Ehepaar</h3>

Diane Lane spielt Ellen als selbstbewusste Frau, die aber sehr nervös registriert, wie Liz erst ihren Sohn angelt, dann mit ihm zusammen die anderen Kinder für die „Company“ anzuwerben versucht. Sie empört sich, sie kämpft, verliert die Fassung. Kyle Chandler spielt Paul als den ruhigen Gegenpol, der immer wieder beschwichtigt und alle Familienmitglieder beschwört, friedlich das Zusammensein zu geniessen. Auf familiärer Ebene kann alles zunächst auch als scheinbar normaler Generationenwechsel interpretiert werden. Paul redet Ellen gut zu, dass sie Joshs neues Leben und Liz als seine Frau akzeptieren, also elterliche Kontrolle abgeben und auf Einfluss verzichten muss. Es schafft Suspense, wie Ellen wittert, dass das junge Paar das Elternhaus selbst mit seinem geistigen, liberalen Fundament zerstören will. Das hervorragend dargestellte elterliche Ehepaar bildet das dramatische und emotionale Zentrum des Films: An den Gesichtern von Ellen und Paul lässt sich im Laufe der Jahre am besten beobachten, wie gewaltig die Veränderungen sind, die das Land erfassen.
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Im ersten Teil wirkt der Spielfilm fast spannender, weil er da noch realitäts- und gegenwartsnah anmutet. In <em>The Change</em> lassen sich rechtspopulistische Auffassungen von Teilen der Maga-Bewegung („Make America Great Again“) wiedererkennen. Im späteren Verlauf regiert die „Company“, das Internet wird kontrolliert, Ausgangssperren folgen. Das Familiengefüge bricht auseinander: Josh und Liz spielen ihre Macht offen aus, Tochter Anna flieht in den Untergrund. Die Stimmung wird sehr düster, die beklemmende Atmosphäre rutscht in ein Gefühl der Aussichtslosigkeit ab, wie es in einem totalitären Regime herrscht. Glücklicherweise aber gibt es ausserhalb des Kinosaals noch „The Land of the Free“, in dem solche Filme produziert und nicht verboten werden.<p><em>Bianka Piringer<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/10/the-change-anniversary/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 19 Nov 2025 08:34:20 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-change-007580.html</guid>
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<title><![CDATA[Nordrand]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/nordrand-009002.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Barbara Albert, die selbst am Nordrand aufgewachsen ist und sagt, sie habe dort gern gelebt, „weil ich gespürt habe, dass das sehr nah am Leben ist“, erhielt für „Nordrand“ den Wiener Filmpreis und den Preis der internationalen Filmkritik bei der Viennale</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Licht_Viennale_2017_Barbara_Albert_b_w.webp><p><small>Barbara Albert bei der Viennale 2017 im Gartenbaukino Wien, Oktober 2017.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Licht_Viennale_2017_Barbara_Albert_b.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Manfred Werner (Tsui)</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Es ist eigentlich dauernd kalt. Des öfteren schneit es, der Wind pfeift. Das Grau herrscht als Farbe im 21. Bezirk am Nordrand von Wien, in Floridsdorf – das Grau der Siedlungen und des winterlichen Wetters. Nur das Rot eines kreisenden Drachens durchbricht die Monotonie der Szene. Eines der beiden Mädchen hat das Flugobjekt voller Freude in die Lüfte gehievt; das andere sieht sehnsüchtig dem Drachen nach. Jasmin und Tamara heissen die beiden, und etliche Jahre später sollen sie sich, immer noch wohnhaft im proletarischen Bezirk am Nordrand, wiedertreffen.
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Jasmin (Nina Proll), die Blonde, holt sich an Lustvollem, was sie sich holen kann. Ihr Vater ist ein aggressiver Hund, die Mutter hilflos, ab und an zärtlich zu ihrer nun erwachsenen Tochter. Jasmin büxt aus der elterlichen Wohnung aus, wann immer es ihr danach ist – und es ist ihr oft danach – und wenn sie nicht arbeiten muss. Die Eltern haben offenbar im Streit ihren Lebenssinn gefunden. Als Verkäuferin in einem Grosskaffeehaus nascht Jasmin gerne einmal an den verführerischen Köstlichkeiten – und sie lässt sich gerne von Männern vernaschen.
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Ganz anders Tamara (Edita Malovcic), die schwarzhaarige aus Serbien stammende Frau, deren Familie nach dem Jugoslawien-Krieg nach Sarajewo zurückgekehrt ist – wir schreiben übrigens das Jahr 1995 – und die sich als Krankenschwester – eigentlich ihr Traumberuf – mit einer ständig meckernden Vorgesetzten herumschlagen muss. Tamara ist mit Roman (Michael Tanczos) befreundet, doch der leistet gerade seinen Wehrdienst an der Grenze ab und ist selten bei ihr. Und wenn er bei ihr ist, ist er auch eher bei sich als bei ihr und bei beiden.
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Jasmin und Tamara treffen sich – zufällig, wie man so leichtsinnig sagen könnte – in einer Klinik, denn beide sind – ungewollt – schwanger. In einer Reihe mit etlichen anderen Frauen im blassgrünen Patientendress sitzen sie dort, schauen sich verlegen an, warten sie auf ihre Operation, auf die Abtreibung. Ein Tag wie jeder andere?
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Das Fernsehen berichtet über das Dayton-Abkommen, die Schwierigkeiten des Friedens im ehemaligen Jugoslawien, wir sehen Karadzic und seine völkermordenden Truppen. Senad (Astrit Alihajdaraj) kommt aus Ex-Jugoslawien, er ist Bosnier, musste sein Studium während des Kriegs aufgeben. Nun irrt er – illegal über die Grenze eingereist – durch Wien, landet am Nordrand und findet am Donauufer die halbverfrorene Jasmin, deren Gesicht und Hände schon leicht blau angelaufen sind.
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In der Nacht zuvor war sie mit zwei Bekannten besoffen durch die Strassen gezogen. Die beiden hatten sie einfach liegen gelassen. Senad trägt die bewusstlose Jasmin ins Krankenhaus und verschwindet mit ihrem Geldbeutel, in dem sich ein paar Schillingnoten befinden. Jasmin war kurz zuvor nach einem aggressiven Anfall ihres Vaters aus der elterlichen Wohnung ausgezogen, wusste nicht wohin. Die beiden Herumlungerer, die sie an der Donau liegen gelassen haben, wollten nur eins von ihr, aber sie nicht bei sich wohnen lassen.
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Jetzt übernachtet sie bei Senad im Flüchtlingswohnheim – mehr aus Dankbarkeit über die wieder gebrachte Geldbörse, den aus Liebe. Senad hatte ein schlechtes Gewissen bekommen und Jasmin bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus die Geldbörse wiedergegeben. Im Krankenhaus hatte Jasmin Tamara wiedergetroffen, die Probleme mit Roman hat, der klammert und Besitzansprüche anmeldet. Tamara nimmt Jasmin bei sich auf, die beiden freunden sich an.
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Und dann ist da noch Valentin (Tudor Chirila), der bei seiner Grossmutter lebt, aus Rumänien stammt und von einem anderen Leben in Amerika träumt. Tamara fühlt sich zu ihm hingezogen, eine Zeitlang, und Sylvester treffen sich alle vier – Tamara, Jasmin, Valentin und Senad – auf dem Stephansplatz und feiern, sind fröhlich. Dann gehen sie wieder ihre eigenen Wege ...
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Nordrand, ja, alle, die uns in diesem Film begegnen, leben am Rand, am Rand des Reichtums, immer mit einem Bein über dem Abgrund, sind physisch oder psychisch angeschlagen, befinden sich auf ihrer individuellen Reise durch ein Leben, in dem sie sich selbst nicht so richtig verorten können. Momente des Glücks blitzen kurzzeitig auf, beim einen wie beim anderen. Das alles aber ist nur die halbe Wahrheit. „Nordrand“ ist kein Film über das Ghetto im üblichen Wortsinn, kein Streifen „einfach“ über Ausländer und Österreicher, keiner nur über Frauen, kein „Frauenfilm“, keiner der anklagt, keiner des falsch verstandenen und hohlen Mitleids gegenüber Menschen, die das Leben geschlagen hat – nein, fast ganz im Gegenteil eher einer, der seine Charaktere in den Mittelpunkt stellt, in ein Zentrum, und durch diese vier Menschen entsteht Wärme, Nähe, Zärtlichkeit, Zuneigung in einer kalten, teilweise hässlichen, monotonen Umgebung. Den Film trägt die Sympathie, die man für diese vier Menschen empfinden muss.
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Barbara Albert („Zur Lage: Österreich in sechs Kapiteln“, 2002; „Böse Zellen“, 2003) zeigt ihre Reisen, Schnittpunkte, Kreuzungen, Träume, Wünsche und Hoffnungen, bis sich ihre Wege wieder trennen. Die Dogma-ähnliche, aber in keiner Weise den Dogma-Filmen verpflichtete Kamera hält alles fest, was sie erheischen kann. Christine A. Maier, die diese Arbeit leistete, muss ein ganz dickes Lob erteilt werden; sie „giert“ sozusagen mit ihrer Kamera nach jedem auch noch so kleinen Moment im Leben der Figuren, nach jeder winzigen Veränderung, jeder Geste, jedem Blick, ohne aufdringlich zu wirken, und produziert auf diese Weise ein derart facettenreiches Bild aus dem Leben, aus einem Winter im Jahr 1995, dass es tragisch, harmonisch, gefühlvoll und freudig zugleich ist, diesen Film zu sehen. Man möchte ihn am liebsten gleich nochmal anschauen.
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Barbara Albert, die selbst am Nordrand aufgewachsen ist und sagt, sie habe dort gern gelebt, „weil ich gespürt habe, dass das sehr nah am Leben ist“, erhielt für „Nordrand“ den Wiener Filmpreis und den Preis der internationalen Filmkritik bei der Viennale, Nina Proll den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin in Venedig – zu Recht.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 15 Nov 2025 09:17:37 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/nordrand-009002.html</guid>
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