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<title>Untergrund-Blättle - Gesellschaft</title>
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<description>Aktuelle Texte und Analysen zu gesellschaftlichen Themen und Entwicklungen.</description>
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<title>Untergrund-Blättle - Gesellschaft</title>
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<title><![CDATA[Dropping Out: Eine revolutionäre Verteidigung von Verweigerung, Aussenseitertum und Subkultur]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Dieser Text erschien das erste Mal im Magazin »Rolling Thunder« (Nr. 2). Die Übersetzung basiert auf der Ausgabe dieses Textes von Active Distribution (UK). Ihr seid aufgerufen, den Text zu kopieren, verteilen, ändern, übersetzen, mit oder ohne Quellenangaben, unter allen Umständen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/hambi_anarchy_w.webp><p><small>Hambacher Forst - Hambi.  Foto: Wald statt Asphalt  </small><p>In diesem Moment legt eine Angestellte in einem Lebensmittelladen genmanipulierte Produkte aus, statt ihren eigenen Garten zu pflegen;
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Ein Tellerwäscher schwitzt über einem dampfenden Waschbecken, während sich in seiner Küche zu Hause die ungewaschenen Teller stapeln;
<br><br>
Ein Koch nimmt Aufträge von Fremden an, statt für die Nachbar_innenschaft zu grillen;
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Ein Werbefachmann entwirft Werbesprüche für ein Waschmittel, anstatt sich Gute-Nacht-Geschichten für seine Nichten auszudenken;
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Eine arme Frau kümmert sich um reiche Kinder in einem Kindergarten, statt Zeit mit ihren eigenen Kindern zu verbringen;
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Ein Kind wird dort ausgesetzt, damit sich Fremde um es kümmern, statt die, die es kennen und lieben;
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Eine Soziologiestudentin macht eine ethnografische Studie über Hausbesetzer_innen, statt sich an den Aktivitäten, die sie interessieren, teilzunehmen;
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Ein Aktivist, der vor der Arbeit erschöpft ist, macht einen Hollywood Film zur Unterhaltung an;
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Ein Mann, der seine Sexualität mit einem_r Partner_in erkunden könnte, holt sich zu Internetpornos einen runter;
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Ein Demonstrant, der einzigartige Perspektiven und Gründe zu protestieren hat, trägt ein vorgefertigtes Schild mit dem Label einer bürokratischen Organisation;
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Und ein Möchtegern-Revolutionär, der alles Bekannte hinter sich gelassen hat um ein engagiertes, bedeutungsvolles und schönes Leben zu verfolgen, redet mit anderen Aussteiger_innen aus purer Langeweile und Bedrückung übers Fernsehen.
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Das System läuft mit dem Blut und Schweiss unserer entführten Leben. Je mehr wir uns anstrengen auf Basis seiner Bedingungen zu überleben, umso schwerer wird es, es anders zu tun. Unsere Zeit und Energie aus seinem Rachen zurückzuholen, ist die Essenz und Vorbedingung für jede echte Existenz.
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Die lähmende, gängige Vorstellung, dass jeder, selbst die Radikalsten, eine Rolle im Status quo spielt, versteckt die subversive Möglichkeit aller – auch der Radikalen – diese Rollen zurückzuweisen.
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Aussteigen meint, abzulehnen unseren Teil zu spielen, uns selbst aus der Schaltung zu entfernen und unsere Leben zurückzufordern.
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Bist du ein Student, dann heisst das, institutionelle Bildung in zum Vorteil selbstbestimmter Bildung zurückzuweisen.
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Bist du eine Angestellte, dann heisst das, keine Befehle mehr anzunehmen, aufhören deine Zeit, Arbeitskraft und dein Gewissen für einen Lohn zu verkaufen und stattdessen eigene Projekte zu entwickeln.
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Bist du ein Mieter dann heisst das, nicht die Taschen der Vermieter fetter werden zu lassen, sondern in neue Wege zu investieren um Raum zu sichern und zu nutzen.
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Bist du Konsumentin, dann heisst das, aufzuhören einzukaufen, deine Bedürfnisse zu reduzieren und andere Quellen für das, was du brauchst, zu finden. Bist du ein Produzent, dann heisst das, die Produktionsmittel zu beschlagnahmen und sie ausserhalb kapitalistischer Logik anzuwenden.
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Bist du eine Reisende, dann heisst das, die ausgetretenen Pfade zu verlassen.
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Bist du ein Künstler, dann heisst das, kreativ zu leben, statt Waren anstelle von Leben zu erschaffen.
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Bist du ein Mädchen oder ein Junge, dann heisst das, für das bipolare Gendersystem undurchschaubar, ein lebendiges Gegenbeispiel zu werden.
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Bist du verliebt, dann heisst das, die Erwartungen und Verpflichtungen der konventionellen Romanze zurückzuweisen.
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Bist du weiss, dann heisst das, die rassistischen Strukturen anzugreifen, die daraus einen Vorteil machen.
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In hierarchischen Strukturen heisst das, weder zu kommandieren, noch zu gehorchen.
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In rechtlicher Hinsicht heisst das, aufzuhören die Autorität von Richtern, Gerichten, Bullen anzuerkennen.
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Es heisst Konflikte ohne bewaffnete Fremde oder unpersönliche Institutionen zu lösen, dich selbst und deine Gemeinschaft gegen ihre Einfälle zu verteidigen.
<br><br>
In moralischer Hinsicht heisst das, abzulehnen, dass irgendeine Autorität ausser deinem eigenen Gewissen dir Gesetze auferlegt.
<br><br>
In ästhetischer Hinsicht heisst das, herkömmliche Normen zu meiden um neue Standards und Werte zu entwickeln.
<br><br>
In politischer Hinsicht heisst das, abzulehnen repräsentiert zu werden oder andere zu repräsentieren und Wege zu finden, politische Macht auch ausserhalb der etablierten Wege auszuüben.
<br><br>
In Hinsicht auf die Sozialisation heisst das, deine Konditionierung zu verlernen, sodass du weder deine vorgeschriebene Rolle akzeptierst noch anderen solche Rollen überstülpst.
<br><br>
<b>In Hinsicht auf den Ehrgeiz heisst das, Erfolg neu zu definieren. Und falls du schon ein_e Aussteiger_in bist, dann heisst das, Wege zu finden, dich mit anderen wieder zu euren eigenen Bedingungen zu verbinden.</b><p><em></em><p><small>Der komplette Text findet sich bei Black Mosquito, Flensburg 2014.</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 06 Aug 2026 16:45:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Überleben in Krisen: Leihmutterschaft als Lösung?]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Von Trümmerfrauen zu Leihmüttern: Überleben in einer Welt ohne Sicherheit.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Truemmerfrauen_1945_w.webp><p><small>Trümmerfrauen in Berlin, 1945.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%A4%D0%BE%D1%82%D0%BE_%22%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D1%86%D1%8B_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B1%D0%B8%D1%80%D0%B0%D1%8E%D1%82_%D0%B7%D0%B0%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D1%8B%22_(184933_6).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yevgeny Khaldei </a> (PD)</small><p>Jede ist ihres Glückes Schmied. Das könnte eine Chance für Sozialhilfe- oder Bürgerkriegs-Empfängerinnen sein, die naturgemäss links vom Wohlstand stehen. Die wg. der maroden Finanzen gekürzten Leistungen liessen sich bei einer Leihmutterschaft erfolgreich kompensieren – ganz abgesehen davon, dass frau ja nicht nur einmal als Leihmutter auftreten muss. Die Leihmutterschaft als Geschäftsmodell erfreut sich daher etwa in der Ukraine grosser Beliebtheit, gefolgt von Georgien und Mexiko.
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Ich selbst hatte ja schon mit acht Jahren eine vielversprechende eigene Leihmutter: Meine leibliche Mutter war für 'nen Teller Suppe und ein Bröckele Brot 1945 als Trümmerfrau zwangsverpflichtet unterwegs. Nach dem Steinekloppen musste sie für meinen Bruder Ingo (3 Jahre) und mich was zu Futtern organisieren. Da wir den lieben langen Tag ja nicht mutterseelenallein bleiben konnten (Tote und Trümmer, Russen, Juden, Nazis, Flüchtlinge, Kriminelle und Kälte von früh bis spät), hatte meine Mutti eine bissel humpelnde Frau aus der übriggebliebenen Nachbarschaft engagiert, mit Nummer auf'm Arm. Tante Gilla durften wir sagen. Es war wie eine echte Wertegemeinschaft. Die Tante passte „für ein' Appel und 'n Ei“ tagsüber auf uns und die Wohnung auf, wegen Räubern. Und damit das Feuer nicht ausging.
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Manchmal brachte Tante Gilla bissel Holz mit und wenn wir Glück hatten ein Renftel. Es war hundekalt. Wenn dann die Mutti abends heime kam, packte sie aus und teilte. „Dassde nich vergisst, Peta: Teilen lohnt sich. Und tauschen“, sagte sie – ganz die Omi Glimbzsch aus Zittau! Sie hatte halt so ihre Erfahrungen. Eine Handvoll Kartoffeln, ein-zwei Zwiebeln, ein halbes Pfund Grütze (vom Russen), Talg, wenn's hochkommt. Salz hatten wir selber. Geht doch!
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Tagsüber erzählte uns Gilla von der Judenschule und wie's da zugeht und von Buchenwald – manchmal sang sie für uns das Lied von den zwei Katzen auf Polnisch und weinte und wir mussten Gilla trösten. Ich war doch erst acht.
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In Ceuta haben die Katholischen ja dieser Tage das übriggebliebene Brot in Sicherheit bringen müssen, als die Flüchtlingsflut kam. Und anschliessend sah es in den Ceuta furchtbar aus. Überall Dreck.
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Na ja, und die Einheimischen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 10:59:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Die „kleinen Weissen“]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/die-kleinen-weissen-009831.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wir veröffentlichen heute die Übersetzung des Leitartikels von Louisa Yousfi für „Nous“, die dekoloniale Zeitschrift, die von „QG décolonial“ und „Paroles d'honneur“ herausgegeben wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/STAINS_-_Avenue_Charles_Perrin_w.webp><p><small>Eindrücke aus einer „zone pavillonnaire“  Foto:  (Stains im Norden von Paris) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach Regen ist die „Strasse“ zu einem Schlammpfad geworden.</small><p>Der Artikel entwickelt die Überlegungen, die die Autorin selbst und Houria Bouteldja in zwei wichtigen, in Italien von DeriveApprodi veröffentlichten Werken angestellt haben: Restare barbari (2023) und Maranza di tutto il mondo, unitevi! (2024). Es geht darum, wie ein politischer Antirassismus aufgebaut werden kann, der in der Lage ist, den 'Rassenpakt' zu zerstören, auf den sich der französische Staat und der Westen stützen.
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Eine „Wette des Wir“, die auch über die Allianz der „Barbaren“ mit den „kleinen Weissen“ erfolgt, jenem weissen Proletariat der Vorstädte, das verarmt und ausgegrenzt ist und das, wie Louisa Yousfi sagt, „wenn man sie berücksichtigen will, dann nicht ‚trotz' ihres Rassismus, sondern ‚innerhalb' ihres Rassismus, der als regulierende Hypothese den gescheiterten Weg zu ihrer Würde darstellt“.

<h3>Machina</h3>

Wer sind die kleinen Weissen <a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>? Welche Farbe haben sie? Sind sie eher klein als weiss oder eher weiss als klein? Auf rein politischer Ebene ist die Antwort einfach. Kleine Weisse neigen dazu, weiss zu sein. Sie wählen als Weisse, sie nehmen sich als Weisse wahr, sie wollen weiss sein. Die jüngsten Wahlen und der Aufruhr, der durch die Offenlegung ihres Weissseins innerhalb der Linken der Transformation verursacht wurde, haben nichts anderes getan, als diesen ewigen Refrain wieder einzuführen, gefolgt von der ewigen Frage: Was tun mit kleinen Weissen, die das Schlimmste dieser beiden Adjektive zu verkörpern scheinen? Klein, weil sie den am meisten lädierten Teil des 'Rassenpakts' darstellen, der das Land strukturiert. Weisse, weil sie von wahrhaft rassistischen und damit konterrevolutionären Gefühlen durchdrungen sind. Die Ursache für diese finsteren Gefühle spielt keine Rolle. Ob kleine Weisse aus Hass, Angst, Unwissenheit oder falschem Klassenbewusstsein rassistisch sind, ändert nicht viel. Im Gegenteil, alles scheint darauf hinzudeuten, dass alles verloren ist. Für sie. Für uns. Für ‚die Wette mit uns'. Und doch.
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Wir, die dekolonialen Militanten, die versuchen, alle unsere Ideen auf den Prüfstand des historischen Materialismus zu stellen, behalten dies immer im Hinterkopf: Soziale Gruppen sind niemals nur sozial und es gibt nicht nur Politik in der Politik. Sicherlich sind die kleinen Weissen die Wächter des Weissseins. Sicherlich bewachen sie als miserabel bezahlte Nachtwächter die Grenzen. Aber dieser Verliererpakt, den sie mit der Bourgeoisie geschlossen haben, die sie genauso verachtet wie wir, offenbart einen Aspekt in ihnen, den eine grob „materialistische“ Analyse nicht vollständig erfassen kann.
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Zum Rassismus der weissen Amerikaner hat James Baldwin im Grunde gesagt: Vor welchem inneren Problem versuchen die Weissen zu fliehen, um die Schwarzen so sehr zu brauchen? Im Falle Frankreichs müsste man die Frage verneinen: Welchen Eindruck machen die Schwarzen und Araber dieses Landes auf die kleinen Weissen, um sie davon zu überzeugen, dass sie aufgrund eines „grossen Austausches“ am Rande des Verschwindens stehen? Worin besteht der Neid in dem Hass, den sie uns gegenüber zum Ausdruck bringen? Und warum ist es möglich, alle Stigmata der Welt zu stürzen, beginnend mit dem des „Barbaren“ <a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a> in einer Zeit, in der der Kapitalismus versucht, selbst diese Werte auszunutzen, um daraus einen Handel herauszuschlagen, niemals aber die des „beauf“, dessen Sublimationsversuche meistens fehlschlagen?
<br><br>
Es ist eine Baustelle auf Treibsand. Die kleinen Weissen, wenn sie überhaupt in Betracht gezogen werden sollen, dann nicht „trotz“ ihres Rassismus, sondern „in“ ihrem Rassismus, wobei die herrschende Hypothese lautet, dass letzterer den gescheiterten Weg zu ihrer Würde darstellt. Was kann man tun, wenn man seine Seele verkauft hat, um nicht alles zu verlieren (und sich in der gleichen Situation wie die Barbaren wiederfindet) und am Ende feststellt, dass man alles verloren hat? Wie bekämpft man diese spezifische Form des Ressentiments? Und was ist diese „Seele“, die es den Barbaren trotz ihrer Unterdrückung und Erniedrigung noch erlaubt, ihre revolutionäre Zukunft nicht völlig zu verwerfen und nach einem System von Werten und Überzeugungen zu leben, das sich nicht von den Gesetzen einer Welt regieren lässt, die uns kollektiv unterdrückt?
<br><br>
Wie kann man sie in der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und spirituellen Wüste finden, in der die kleinen weissen Menschen heute gefangen sind? Wenn man es so ausdrückt, müsste es an Hoffnung fehlen. Aber das hiesse, eine Ironie zu übersehen, die alles andere als bitter ist, die etwas Wunderbares an sich hat. Diese Arbeit an der verlorenen Würde der kleinen Weissen wird heute von ihren eingeschworenen Feinden, den militanten Antirassisten der Einwanderung, erahnt, durchdacht und entwickelt, die hinter dem Gesicht ihrer direktesten Henker, ihrer Nachbarn, zu sehen wissen; die hinter all dem Hass und der Feindseligkeit, deren Opfer sie sind, zu sehen wissen, was Frankreich auch ihnen angetan hat.
<br><br>
Die „Wette des Wir“ beginnt also hier, auf dekolonialem Gebiet, wo der erste Versuch unternommen wird: diesen feindseligen Gegnern ein nicht völlig kompromittiertes Schicksal mit noch unbekannten Schattenseiten zuzuschreiben, das eine verlorene Erinnerung wiederbeleben würde, die in der Lage wäre, unsere erste Frage zu lösen. Nicht mehr „Wer sind die kleinen Weissen?“, sondern „Wer können sie werden?“. Zum Beispiel: weder klein noch weiss.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Das verarmte und ausgegrenzte weisse Proletariat der Vorstädte.
<br><br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Siehe Restare barbari (DeriveApprodi, 2023).
<br><br>
Erschienen in der italienischen Übersetzung am 31.1.2025 auf Machina, aus dieser Version ins Deutsche übertragen von Bonustracks.
<br><br>
Das Buch “Rester barbare” von Louisa Yousfi soll demnächst auch in einer deutschen Ausgabe erscheinen.</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 10:38:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Auf Spurensuche in bosnischen und mediterranen Gefilden]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/auf-spurensuche-in-bosnischen-und-mediterranen-gefilden-009830.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Zwischen der Live-Übertragung des Irankriegs und aufpoppenden TikToks, in denen Influenzerinnen mit Wasserflaschen, Konservendosen und Lippenstift jonglierend das „Apocalypse prep for normal people“ erklären, ist auch eine gute Nachricht zu vernehmen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Abstract_Sarajevo_(54982989902)_w.webp><p><small>Sarajevo, Dezember 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abstract_Sarajevo_(54982989902).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> 	Dr. Matthias Ripp</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY 4.0 cropped)</a></small><p>In seiner Dankesrede beschwor der bosnisch-kroatische Schriftsteller und Journalist Miljenko Jergović die „Vielfalt der Welten“, aus denen Europa bestehe. Europa lebe von seiner Fähigkeit, zwischen den Welten zu übersetzen, nur diese Einsicht könne uns derzeit retten. Jergović, 1966 geboren, wird bisweilen mit dem Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić verglichen.
<br><br>
Im März 2026 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Er betont: „Die wahre Macht Europas fusst auf der unbesiegbaren Vielzahl der Welten, die Europa bilden und die ihrerseits aus der Vielzahl europäischer Sprachen hervorgehen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt, die sich von allen anderen Welten unterscheidet. Die Stärke Europas ist die Übersetzung. Die Stärke Europas ist die Möglichkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt.“ – Und in der Angst vor Flüchtlingen sieht Jergović nicht die Angst vor diesen Menschen und Sprachen, sondern die Angst vor unserer eigenen Stärke. „Es ist die Angst vor Europa. Es ist die Angst vor der Übersetzung als der einen und einzigen Sprache Europas.“ Also die Angst vor der Vielfalt.
<br><br>
Jergović ist selbst immer wieder Ziel von Hassbotschaften. Über das Leben in seiner Heimatstadt Sarajevo, dereinst ein ganz besonderer Ort der Vielfalt, schreibt er Ende der 1990er Jahre in seinen ersten Erzählbänden Sarajevo Marlboro, Karivani und Mama Leone voll „bosnischer Gleichmut und Melancholie“. Für sein letztes Buch Das verrückte Herz: Sarajevo Marlboro remastered ist er – nun in Zagreb lebend – nach Sarajevo zurückgekehrt. Seine Erzählungen, geprägt von Traurigkeit und Humor, zeugen vom menschlichen Eigensinn in Zeiten des Krieges.
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Wo aber sind die Bemühungen, zwischen den Welten zu übersetzen? Diese unerlässliche Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben? Europa, auch Österreich, rüstet massiv auf – bei gleichzeitigen drastischen Einsparungen in den Bereichen Kultur, Soziales und Gesundheit. Niemand hinterfragt die Sinnhaftigkeit, die horrenden Kosten, den gigantischen Ressourcenverschleiss und die massiven ökologischen Schäden. Sogar ein Grossteil der einst linken und alternativen Gesellschaftskritiker und Friedensaktivistinnen hat die 180-Grad-Wende locker vollzogen. Selbst jedes Artikulieren vielfältiger Sichtweisen und Erkenntnisse ist längst tabu. Was nicht herrschaftskonform ist, wird geahndet. Krudes Gut-Böse-Denken und erschreckendes Freund-Feind-Schema beherrschen – seit den Corona-Jahren noch viel stärker – unsere Verhältnisse. Zwischentöne sind kaum zu vernehmen. Eine Diskussionskultur, die Vielfalt zulässt – offenbar herrscht auch davor Angst.

<h3>Teile und Herrsche</h3>

Wenn der Wille und der Mut zwischen den Welten zu übersetzen und zu vermitteln fehlt, haben Ressentiments, Abschottung, Rassismus und Nationalismus ein leichtes Spiel. Heute, in Zeiten, in denen „ethnozentristischer Autismus“ (Ivan Lovrenović) mitunter schreckliche Folgen zeitigt, ist es höchst an der Zeit, sich auf Beispiele „vitaler Vielfalt“ (Christian Reder), im Sinne von weltoffener Urbanität, die auch auf die Umgebung ausstrahlt, zu besinnen. Solche Beispiele zeigen: wir waren der richtigen Richtung in mancher Hinsicht schon einmal näher als heute. Hat Europa nicht seit den Phöniziern vom Mittelmeer aus Gestalt angenommen? Seine Kunst, seine Architektur, seine Wissenschaft, der Humanismus sind ohne die Einflüsse aus dem Orient und dem Süden nicht denkbar. Genauso stammen viele heute typische mediterrane Pflanzen und Nahrungsmittel ursprünglich aus dem Orient.
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Die Geschichte Europas, das Richtung Osten keine eindeutige Grenze hat, ist zweifellos eine Geschichte der Vielfalt. Freilich oft kriegerisch, aber es gab immer auch Perioden akzeptierter weltoffener Vielfalt, in denen für Menschen verschiedener Herkunft ein bereicherndes Zusammenleben möglich war. Wurden Bevölkerungsgruppen angefeindet oder als „Fremde“ vertrieben, hat das durchwegs nur geschadet. Erst wenn die Vielfalt infrage gestellt wird, ist ein „Teile und Herrsche“ möglich. Idiotischerweise fallen die Menschen immer noch auf dieses anachronistische Machtinstrument herein und opfern sich selbst den Mördern als „Kriegsmaterial“. Ein schier unvorstellbares Beispiel sind die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre – die ersten auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Das „Nie wieder!“ längst vergessen.

<h3>Bücher und Erinnerungen vernichten</h3>

In Kriegen werden nicht nur militärisch relevante Einrichtungen, Soldaten und Zivilisten angegriffen, sondern auch Spuren von Vielfalt und Gemeinsamkeiten sowie symbolträchtige Orte zerstört. Ein solches historisch bedeutsames Symbol war die im Jahr 1566 nach neuartigem Konzept erbaute Einbogenbrücke „stari most“, die „alte Brücke“ über die Neretva in Mostar in der Herzegowina. Die Brücke verband nicht nur den muslimischen mit dem katholischen Ortsteil, sie war auch eine Metapher für ein Bindeglied zwischen Orient und Okzident. Das berühmte Baudenkmal wurde mit einem islamischen Fenster verglichen, durch das ein Hauch Mediterran auf den Kontinent dringt.
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Ebenso geht es bei der Vernichtung von Büchern nicht nur um die Werke von zu Feinden erklärten Schriftstellern und Schriftstellerinnen, sondern um die Auslöschung von Kultur und Erinnerung. Ob die antike Bibliothek in Alexandria auf einmal oder nach und nach zerstört wurde, ist ungewiss. Gewiss ist die Zerstörung der National- und Universitätsbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajevo im August 1992 durch über 40 Brandgeschosse, ursprünglich ein prachtvolles Rathaus aus dem 19. Jahrhundert. Über 90 Prozent der eineinhalb bis zwei Millionen Bände, darunter einzigartige Manuskripte, sind unwiederbringlich verloren. Vom Rest wurde vieles gestohlen. Ein gezielter Akt gegen das multiethnische kulturelle Erbe – ein Urbizid. Selbst die zahlreichen umfangreichen privaten Bibliotheken gingen fast alle in Flammen auf.
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Und gewiss, aber weitgehend unbekannt, ist überdies – wie Gerald Grüneklee in seinem Ukraine-Buch Nur Lumpen werden überleben ausführt – die Entsorgung aller russischen Bücher in der Ukraine. Wohlgemerkt in einem Land, das weitgehend zwei- bzw. russischsprachig war. In der Hauptstadt Kiew war Russisch bis vor dem Krieg die meist gesprochene Sprache. Nun aber wurden sowohl private Bibliotheken als auch die öffentlichen von sämtlichen Büchern russischsprachiger Autoren und Autorinnen „gesäubert“. Allein aus den öffentlichen Bibliotheken wurden bis Februar 2023 19 Millionen Bücher entfernt. Sogar die russischen Klassiker wurden hasserfüllt gecancelt und zu Klopapier verarbeitet. Ein Autor aber ist den Ukrainern und den Russen ein besonders grosser Dorn im Auge: Leo Tolstoi, der Verfasser des Antikriegs-Epos Krieg und Frieden. Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschka sieht, wie all ihre ideologisch scharf gestellten Kollegen, in der russischen Kultur das vernichtenswerte „Fremde, Andere“.

<h3>Ohne Hasspropaganda kein Krieg</h3>

Die Kriege in Jugoslawien in den 1990er Jahren mit ihren Massakern, die weit über 200.000 Tote, unzählige Verwundete und über zwei Millionen Vertriebene gefordert haben, haben nichts gelöst. Im Gegenteil, vernichtender Hass ist erst durch die Massaker entstanden. Während Miljenko Jergović im europäischen Ausland als Brückenbauer ausgezeichnet wird, wird er in Kroatien nicht selten als „Volksfeind“ beschimpft. Das Erschreckendste für ihn, so Jergović in einem Interview mit der Deutschen Welle, das Hasspotenzial sei zwischen den Menschen in diesen Staaten heute grösser als vor den Kriegen. Der einzige Unterschied: diejenigen, die hassen und gehasst werden, würden heute keine schweren Waffen mehr besitzen. Im August 2025 wurde in Zagreb die Wand von Jergovićs Wohnhaus besprüht. Die Drohung in deutscher Übersetzung: „Eine der Augustnächte wird für Miljenko nicht gut enden. Unser Staat, unsere Regeln.“
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Der Triestiner Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz hat in Masken für ein Massaker (ein Buch, das Pflichtlektüre sein müsste!) überaus anschaulich beschrieben, wie die ganz unterschiedlichen Kriege in Jugoslawien überhaupt möglich waren. Keineswegs – wie ständig perpetuiert wurde und heute noch als Hauptursache angeführt wird – aufgrund der „plötzlich aufgebrochenen historisch tief verwurzelten ethnischen Verfeindungen“. Am Beginn der Kriege war nämlich eindeutig die kosmopolitische Urbanität als Ganzes Zielscheibe.
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Diese war das erklärte Hassobjekt der Kriegstreiber. Die kulturell und geschäftlich regen Städte, in denen orthodoxe Serben, katholische Kroaten, bosnische Muslime und sephardische Juden seit Jahrhunderten zusammenlebten. Das erste Ziel war also die Zerstörung der lang gewachsenen, besonderen Art des Zusammenlebens, die Ausmerzung des je eigenen „Genius Loci“ – sowohl im kroatischen Vukovar als auch in den bosnischen Städten Sarajevo, Mostar, Bihać und vielen anderen. Wie die Juden im Zweiten Weltkrieg konnte sich niemand in diesen Städten vorstellen, dass es jemals so weit kommen würde. Es gab viele gemischte Ehen. Und die ethnische Zugehörigkeit spielte im Zusammenleben oftmals keine grosse Rolle. Aber diese Devastierungen der gelebten Vielfalt waren die Bedingung, dass der ausgeklügelte Propagandakrieg greifen konnte.
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In dieselbe Richtung gehen auch die Analysen des bosnischen Literaturwissenschaftlers und Ethnologen Ivan Lovrenović im Buch Bosnien und Herzegowina – Eine Kulturgeschichte. Den Serben wurde eingeimpft, ein gemeinsames Leben mit anderen Ethnien, insbesondere mit den Muslimen, sei unmöglich, daher komme nur eine territoriale und politische Abspaltung infrage. Und jeder, der anders denke, sei ein Verräter. Mit den bosnischen Kroaten wurde genauso verfahren. Auch ihnen wurde weisgemacht, ihre jahrhundertelange enge Verbundenheit mit den Muslimen müsse nun ein Ende haben. – Wer dann „auserkoren“ war, die Massaker, die „ethnischen Säuberungen“, zu vollziehen, folgte einer bereits von Tito erprobten Methode. Vor allem die arme Landbevölkerung, die traditionell einen spannungsgeladenen Gegenpol zur Stadtbevölkerung darstellte, wurde dazu aufgehetzt. Tito hatte aus dieser Bevölkerungsgruppe seine loyalen Staatsdiener rekrutiert. (Der Begriff „ethnische Säuberung“ wird erst seit den Jugoslawienkriegen häufig benutzt – sowohl für die Vertreibung einer Ethnie als auch für ihre physische Vernichtung, also für Völkermord.)
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Als „genialen Generalschlüssel“ bezeichnet Paolo Rumiz die konstruierte Theorie vom Hass zwischen den Ethnien. Es wird das totalitäre Konzept von der Kollektivschuld bemüht, um die Schuld von den verbrecherischen Individuen abzuwenden. „Die Protagonisten der Massaker werden moralisch aus der Verantwortung entlassen und fühlen sich selbst allenfalls als Teil eines schicksalhaften Fluchs biblischen Ausmasses.“ Ausserdem macht die Erklärung der Gräuel durch Hass „die Irrationalität eines Zusammenstosses glaubhaft, dessen (ökonomische) Zwecke und (manipulatorische) Methoden in Wirklichkeit absolut rational sind und der eindeutig in der Verantwortung der Machthaber liegt“. Diese Deutung liefert auch die theoretische Basis für die Unmöglichkeit des Zusammenlebens, und der Weltpolitik und den Medien banale Erklärungen, die sich „in der Komplexität des Balkan verlieren“. Die systematisch organisierten und psychologisch kalkulierten Verbrechen werden den Opfern als unausweichliche Naturkatastrophe vermittelt, wogegen Widerstand sinnlos wäre.

<h3>Untergang der Urbanität</h3>

Als eine der grössten Deformationen, die der Krieg in Bosnien verursacht hat, bezeichnet Ivan Lovrenović den Untergang der Urbanität. Die jahrhundertelang gewachsene Kultur des Zusammenlebens ist unwiederbringlich zerstört. Eines der Hauptmerkmale der bosnischen Sozialgeschichte und Lebensweise wurde „unmittelbar ins Mark getroffen: die Gewöhnung an den anderen und das Andersartige als alltägliche Erfahrung und Vertrautheit“. Die Bosnier wurden „territorialisiert und giftig chauvinisiert“.
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Die Bosnier haben aufgehört Bosnier zu sein. Das Gemeinsame wurde ausgelöscht. – Die jahrhundertelange osmanische Epoche wurde von Historikern meist nur unter dem Aspekt der militärisch-politischen Okkupation behandelt, in der angeblich ein geistiges und kulturelles Vakuum geherrscht hätte. Phänomene der Kultur können jedoch nicht auf ihr politisch-historisches „Äquivalent“ zurückgeführt werden. Das, was oft nur als „jahrhundertelange Sklaverei“ bezeichnet wird, hat keineswegs so stattgefunden. Während die Hochkultur meist nach Ethnien getrennt war, hat sich in der Volkskultur vieles auch gemeinsam entwickelt. Gestützt auf das starke gemeinsame geistige und kulturelle Erbe slawisch-illyrischer Provenienz und auf die gemeinsame Sprache. Die bosnischen Muslime sind übrigens zum allergrössten Teil Nachfahren konvertierter Christen. Sie haben also keine osmanischen Wurzeln.
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Lovrenović stellt der Ideologie die Kultur gegenüber. Ideologie (jede, vor allem aber die nationale) ist geschlossen und ausschliessend. Sie strebt nach Säuberung. Die Mittel sind Brandmarkung alles Fremden als gefährlich, Ablehnung und Hass gegen das Andere. Kultur aber ist ihrem Wesen nach offen und einschliessend. „Nation als Kultur ist eine dynamische Struktur, fähig zum Nehmen wie zum Geben.
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Vom Fremden wendet sie nicht den Blick, sondern macht es sich leicht zu eigen; über das Eigene wacht es nicht eifersüchtig, sondern gibt es bereitwillig ‚zum Verkehr' frei. Diese Fähigkeit des Einschliessens, dieses Spiel des Austausches – und nicht Säuberung und Sauberkeit – ist der Preis für eine Fülle an Identität und Korrespondenz mit dem Anderen.“ Die Besonderheit des „ererbten bosnischen kulturellen Wesens ist seine zivilisatorische Verflochtenheit: die Gleichzeitigkeit einer gemeinsamen und dreier – mit den Juden vierer – besonderer Traditionen. Und da diese Stränge miteinander verbunden sind, bedeutet die Leugnung und Verdrängung nur eines dieser Elemente nichts anderes als eine Verarmung des eigenen Wesens.“
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Besonders anschaulich beschreibt auch der Schriftsteller Dževad Karahasan in Tagebuch der Aussiedlung die Verflochtenheit der Kulturen insbesondere in Sarajevo. Während in westlichen grossen Städten in der Regel das Schwächere vom Stärkeren verschlungen wird, gibt es in Sarajevo „ein erregendes Spiel, ein Spiel des gegenseitigen Kommentierens und Kontrastierens von Offenem und Geschlossenem, von Aussen und Innen, ein Spiel, das aus sich selbst die Organisation der Stadt bestimmt …“
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Der innere Teil der Stadt am Talboden, die Čaršija, das Herz des öffentlichen Lebens, ist die universelle Komponente. Hier befinden sich der traditionelle Basar, die Handwerksläden, die Verwaltungs- und Sakralbauten. Die Mahalas hingegen sind die besondere Komponente, die einzelnen Stadtviertel der jeweiligen Ethnien, die sich strahlenförmig die Hänge hinaufziehen. In dieser „vierstimmigen Kultur“ dominiert jedoch keine. Jeder spiegelt sich im Anderen, aber jeder dient jedem ebenso als Bestätigung seiner eigenen Besonderheit. – Was hier über die Vielfalt in Bosnien berichtet wird, trifft auf seine Weise auch für Europa bzw. für den gesamten Mittelmeerraum zu.

<h3>Mediterrane Kultur der Offenheit</h3>

Einer, der ebenfalls die gelebte historische Vielfalt der Kulturen und ihr Erbe in Erinnerung rufen möchte, ist Christian Reder. Sein Buch Mediterrane Urbanität – Perioden vitaler Vielfalt als Grundlagen Europas ist 2020 just vor Corona fertiggestellt worden. Also knapp bevor die Weltgeschichte in vielerlei Hinsicht in eine neue besorgniserregende Ära eintrat. Das Buch könnte als Abgesang gelesen werden oder viel mehr als dringender Weckruf. Heute, in Zeiten völliger Geschichtsvergessenheit und der kompletten Unfähigkeit aus der Vergangenheit zu lernen, eine bitter nötige Manifestation. Der 480 Seiten starke Essay wurde vom emeritierten Professor für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien verfasst. Das Buch beinhaltet allgemeine Beiträge und 20 ausführliche Porträts von Stadtkulturen rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Besonders anregend sind zudem die überaus zahlreichen Quellen – Literatur verschiedener Genres und mehr als 50 Filme.
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Warum nicht lernen von der traditionellen Weltoffenheit, der Lebensfreude und der Selbstironie des pulsierenden kosmopolitischen Lebens in den Hafenstädten rund ums Mittelmeer? Eintauchen in die bewegte Geschichte und die bisweilen schillernden Geschichten von Tanger, Algier, Alexandria, Jaffa, Smyrna, Saloniki, Konstantinopel, Beirut, Sewastopol, Odessa, Ragusa, Triest, Venedig und sieben weiteren Städten – zu Zeiten vorm Massentourismus und bevor Kriege und autoritäre Systeme den Besuch vieler dieser Städte verunmöglichten und ihren Reiz vernichteten. Das könnte doch der Fantasie auf die Sprünge helfen, um emanzipatorische Perspektiven zu erkennen. Reder fände es absurd, Europas Perspektiven heute ohne das Mittelmeer und seine Anrainer zu denken.
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Ein entscheidender Ausgangspunkt für Reders umfangreiche Projekte, die ihn auch nach Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen und ans Schwarze Meer führten, war die Vielfalt der Kulturen seiner Heimatstadt Wien. Die Encyclopédie vermerkt, die 100.000 Einwohner Wiens im 18. Jahrhundert seien „Italiener, Deutsche, Böhmen, Ungarn, Franzosen, Lothringer und Flamen“ gewesen, die „zusammen mit den Juden Handel treiben & verschiedenste Handwerkskünste ausüben“. Diese Vielfalt in Wien endete damals noch lange nicht. Man braucht sich nur die Häufigkeit der böhmischen, mährischen und ungarischen Namen vor Augen halten.
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Auch der wandernde Schriftsteller Paolo Rumiz erinnert in seinen Büchern immer wieder an die „Polyphonie“ Europas. Kongenial verbindet er Reiseeindrücke mit Kulturgeschichte und viel Kritik an den herrschenden widersinnigen Verhältnissen. Etwa wenn er ins Gedächtnis ruft, dass es in der heute fast entvölkerten Region Basilikata im Süden Italiens einst eine grosse Vielfalt gab, die von den Nationalisten verleugnet wurde. Dass dieses Gebiet griechisch, staufisch, normannisch, arabisch, hebräisch, byzantinisch und langobardisch gewesen ist, wurde verschwiegen. „Wie soll man jemandem, der von ‚Bevölkerungsaustausch' faselt, erklären, dass diese Orte genau in dem Augenblick verfallen sind, als man unter dem Einfluss der Spanier von der ‚reinen Rasse' zu schwärmen begann.“
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Ebenso hat sich in Kalabrien, nach dem Bruch mit der Antike, das Rad der Geschichte erst 200 Jahre später wieder zu drehen begonnen, als eine „wunderbare Vielfalt an Völkern einwanderte: Syrer, Juden, Nordafrikaner, Langobarden, Albaner, Araber, Sizilianer und natürlich Griechen bereicherten unser Erbgut.“ Die heutigen Italiener seien höchst gemischter Abstammung, betont Rumiz. Aber Italien „fällt es noch immer schwer, den griechischen Charakter zuzugeben, genauso wie viele Griechen aus Nationalismus oder Ignoranz vermeiden, ihre slawische, bulgarische oder albanische Herkunft einzugestehen“. Eine idiotische Vereinfachung im buchstäblich griechischen Sinn des Adjektivs. Als ‚idiotes' werden jene bezeichnet, die nur Nabelschau betreiben.“
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Auf die Selbstironie als wichtiges Merkmal gelebter Vielfalt verweist überdies Dževad Karahasan: „Wenn ich ‚Mitteleuropa' sage, meine ich auch eine ausgesprochen humorige Beziehung zu sich selbst und zur Welt, eine Beziehung, die eine Distanz von sich selbst schafft und damit Tolerierung und Respektierung des anderen ermöglicht.“

<h3>Eine Kultur der Langsamkeit und des Miteinanders</h3>

Christian Reder stellt uns auch den italienischen Soziologen Franco Cassano (1943–2021) aus Apulien vor. Sein 1996 erschienenes Buch Il pensiero mediterraneo (Der südliche Gedanke) beginnt an den Küsten Griechenlands mit der Öffnung der griechischen Kultur. Er betont das rechte Mass und bezieht sich dabei auf die alten Griechen. Damit nimmt er den Faden von Albert Camus auf, der die „pensée de midi“, also das „mediterrane Denken“ für eine emanzipatorische Zukunft als unerlässlich erachtete. In Cassanos Werk geht es „um den Versuch einer Aufwertung der südlichen Kulturen als Möglichkeit, den Nordwesten der Welt aus einer Lebensweise herauszuführen, die geprägt ist von krank machender Beschleunigung, Umweltzerstörung und Ökonomisierung aller menschlichen Beziehungen. Vor allem im südlichen Mittelmeer seien Spuren eines alten Kultursystems, in dem sich seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen gegenseitig beeinflussen, noch vorhanden. Es sei eine Kultur der Langsamkeit, der Weisheit, des sozialen Miteinanders und des kulturellen Kompromisses.“ So resümiert Alexandra Horn in ihrem interessanten Blog über Apulien.
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Cassanos „Denken des Südens“ zielt auf nichts Geringeres ab, als die Nord-Süd-Beziehung umzukehren. „Den Süden nicht im Lichte der Moderne zu denken, sondern vielmehr die Moderne im Lichte des Südens.“ Der Süden sei nicht ein verspäteter, unvollständiger Noch-nicht-Norden, sondern ein eigener Raum, den es neu zu entdecken gilt. Aber auch ganz Europa kann von der „Hybridisierung von Kulturen“ am Mittelmeer lernen. Hier wurden aufkommende „Ansprüche auf Exklusivität, Reinheit und Unversehrtheit“ immer wieder aufgeweicht, „waren doch sogenannte Andere nie sehr weit entfernt“. Dabei helfen Erfahrungen mit verschiedenartigen Menschen und ständigem Transit. Es sei überfällig, dass Europa wieder „den Rhythmus des Südens, dessen Hoffnungen und Träume“ als seinen Ursprung anerkenne, war doch sogar „seine Freiheitsliebe in Griechenland entstanden“.
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Die Mittelmeerregion wird heute in erster Linie mit höchst Gegensätzlichem assoziiert. Einerseits ist sie ein Magnet für Menschen aus dem Norden, die Sommer für Sommer aus dieser Richtung „wie die Hunnen“ einfallen. Meist ohne Interesse an der jeweiligen Kultur, sondern nur um irgendetwas Exotisches zu konsumieren und im Ranking der perfekten Urlaubs-Selfies an ikonischen Orten mithalten zu können.
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Der Massentourismus bringt aber nicht nur Geld, sondern auch massive ökologische Probleme, Wohnungsnot für die Einheimischen und die Zerstörung des Lokalkolorits. Während das Tor zum Norden weit geöffnet ist, wird jenes zum Süden und zum Osten für Migranten möglichst fest verschlossen. Stichwort Grenzschutzagentur Frontex und Push-Backs in Griechenland. Kürzlich hat das EU-Parlament mit grosser Mehrheit beschlossen, „Rückführungszentren“ für abgelehnte Asylwerber, die von den Herkunftsländern nicht „zurückgenommen“ (sic!) werden, einzurichten. Wunschgemäss in Tunesien oder Uganda. Menschen werden zur „Verschubmasse“ degradiert. Die Abschottung macht das Mittelmeer seit über zehn Jahren zur Todesfalle für Zigtausende. Keiner weiss, wie viele seit 2014 ertrunken sind. Wohl weit mehr als die offiziell geschätzten 34.000. Und es nimmt kein Ende. V
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on Januar bis Anfang April 2026 gab es wiederum fast 1.000 Tote und Vermisste. Miljenko Jergović warnt in seiner Dankesrede, dass aus Deportationslagern schnell Arbeitslager werden könnten, und aus diesen Todeslagern. Und dass aus dem Problem sogenannter illegaler Migranten womöglich das Problem sämtlicher Menschen werde, deren Sprache wir nicht verstehen und deren Welt uns fremd ist. – Besonders befremdlich erscheint der Umgang mit Flüchtlingen vor dem Hintergrund, dass auch aus Europa unzählige Menschen aus vielen Generationen ausgewandert sind und anderswo auf Aufnahme angewiesen waren.

<h3>Kulturraum jenseits nationaler Grenzen</h3>

Albert Camus war bis zu seinem Tod 1960 wohl der bekannteste Verfechter einer neuen Mittelmeer-Kultur. „Camus bezog sein Konzept des mittelmeerischen Denkens auf eine erneuerte Vorstellung des mediterranen Kulturraums einer die nationalen und territorialen Staatsgrenzen überschreitenden, produktiven und kreativen Mischung und Vermischung kultureller Errungenschaften, nicht nur der griechischen Tradition. Dazu gehörte für Camus genauso die Tradition des islamischen Rationalismus des Mittelalters in Nordafrika und Spanien, die das griechische Denken produktiv aufnahm, aber auch die spanische, italienische und französische Philosophie.“ So fasst es der unermüdliche Camus-Vermittler Lou Marin zusammen.
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Auch Christian Reder geht in seinem Buch Mediterrane Urbanität im Algier-Porträt ausführlich auf Albert Camus ein. Das ergibt erhellende Antworten für jene, die heute noch die absurde Frage stellen, ob Camus nicht ein Kolonialist oder gar Rassist gewesen sei. Entweder ist Camus nie genau gelesen worden, oder dieser Vorwurf ist die Folge der lang anhaltenden Nachwirkung der „Moskau-hörigen“ Gewalt-Apologeten Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre, die in der europäischen Linken den harschen Ton angaben, der erschreckend lange gehorsam nachgebetet wurde. Darüber in der nächsten Ausgabe der Streifzüge.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 08:09:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Axel Springer Award 2026: Peter Thiels MAGA-Milch wird prämiert]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Jeder stiftet auf seine Weise den Brand. Zwischen Madrid und Bordeaux reicht fürs Feuer der heissgemachten Natur eine weggeworfene Kippe, eine Scherbe oder die menschengemachte Brandrodung. Und hier?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Peter_Thiel_(51875328132)_w.webp><p><small>Peter Thiel am „Converge Tech Summit 2022“ in Scottsdale, Arizona.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Thiel_(51875328132).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gage Skidmore</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%202.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Ab jetzt wieder Temperaturen von mehr als 35 Grad. „Die zum Teil angenehme Nachtkühle“ (Wetterdienst), nix andres als ein Trick des Wetters. Vieles fängt schnell Feuer – nehm'se mich! „Burn, Baby, Burn!“ fordert daher das Schauspiel Hannover – da geht's um Untergang und Erneuerung, Feuergöttinnen und Nero, den grössten Brandstifter aller Zeiten. Heisst es.
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Ganz ähnlich bei Axel Springer, dem Wetter- und Werteverräter. Sie erinnern sich? „Bild hat mitgeschossen“: Grosse Koalition, Notstandsgesetze, alte Nazis und Neue Linke. Heute geht's umgekehrt: Alte Linke und Neue Nazis – und mittendrinne Axel Springer und Peter Thiel, wie sie gemeinsam auf Palantir reiten.
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„Gotham“ wird auch in Hessen, Bayern, NRW und Baden-Württemberg zugeritten: Thiels MAGA-Milch.
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Peter Thiel ist der wichtigste rechte Strippenzieher der rechtsradikalen Trump-Regierung, Milliardär und Sponsor halb- und ganzfaschistischen Geisteslebens: So was verdient den Axel-Springer-Award 2026? Hitlers Erben sind hocherfreut.
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Nu ja ja, nu nee nee, tät meine Omi Glimbzsch jetzt sagen und fragen: „Hat Bild wieder mitgeschossen?“. Immer. Und Ich frag* zurück: Welche Werte und Signale möchte ein einflussreiches Medienhaus mit einer solchen Ehrung zeigen – in Zeiten, in der so manche liberale Demokratie den Bach runtergeht?
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Genau die: Wir sind rechtzeitig auf der richtigen Seite, rechts, wo das Geld wohnt, wo die Extremisten zu Hause sind: Die Feinde freier Verfassungen, die Reaktionäre, ja, Herr Döpfner, auch die Antisemiten und Gegner des freien Wortes, die Gegner von Demokratie und Menschenrechten.
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„Ach, unser armes Städtchen – Gott behüte – brennt!<br>
Und ihr steht und schaut umher mit verschränkten Händ'.<br>
Wenn euch das Schtetl teuer ist: Holt die Eimer, löscht das Feuer!“
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(frei nach Mordechai Gebirtig).<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 11:50:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[L'Après M - Marseilles kulinarischer Widerstand: Ein Burger als Symbol]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Wo die Lebensmittelpreise explodieren, setzt ein Sternekoch auf Accessibility: Ein Burger als Symbol für Marseilles kulinarischen Widerstand.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/mcdonalds_marseille_w.webp><p><small>Anlia und Masha im L'apres M von Marseille.  Foto: at</small><p>Unter blauem Himmel erstrahlen die modernen, urbanen Schluchten von Sainte-Marthe im strahlenden Weiss der französischen Banlieue. Eingebettet in den Kreisverkehr Pierre Paraf taucht das „L'Après M“ auf. Zur Mittagszeit spüre ich gute Vibes. Das Interieur des Lokals ist makellos. Ein Mitarbeiter mit Behinderung dreht langsam seine Runden und vollführt seine Pirouetten auf der Einfahrt. Angestellte treffen ein, bleiben in Gruppen stehen und geben ihre Bestellungen auf. Die Kommunikation in der Küche ist organisiert und harmonisch.
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Während sich der Grossteil der hungrigen Gäste dafür entscheidet, draussen im Schatten zu sitzen, warte ich an der Theke auf meine Bestellung. Die Pommes gibt es in Hülle und Fülle. Grösse und Form entsprechen denen von McDonald's. Der Schnitt ist so präzise, dass man sie glatt für Julienne-Streifen halten könnte. Einige zeigen Krümel von goldgelber Köstlichkeit.
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Sie vereinen die Komplexität von McDonald's-Pommes mit einer gewissen, erhabenen Knusprigkeit. Die Salzdosis ist perfekt, und die Pommes werden nicht zu heiss serviert. Dazu nehme ich eine oxbloodfarbene algerische Sosse. Auf dem Tablett ist ein grobes weisses Küchenpapier befestigt, sodass keine Sosse verschwendet wird.
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Ich habe das leise Gefühl, dass „L'Après M“ einen fantasmagorischen Reiz versprüht. Diese Erfahrung ist gar nicht so schlecht. Ich öffne die Schachtel mit dem charakteristischen UFO-Burger. Er wird in einem untertassenförmigen, gepressten Brötchen serviert, das an Hollywood-Science-Fiction-Filme der 1950er Jahre erinnert. Ich schätze diese klare, ironische Interpretation, während ich in dem historischen, modernistischen Architekturraum der französischen Boomjahre zu Mittag esse.
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Das weisse Brötchen hat eine weiche, dünne Kruste, die die Wärme dieses gepressten Burgers einschliesst. Schon bei einem Bissen spielen verschiedene Texturen miteinander. Man spürt die Maillard-Reaktion am Fleisch, das gröber gehackt ist als üblich. Die Qualität lässt sich an den rosafarbenen winzigen Würfeln erkennen. Der Käse ist geschmolzen und hält das Ganze saftig und cremig – in Harmonie mit der Salsa. Die Tomate ist dabei, ebenso wie die Säure und der Biss.
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Ein hellgrünes Salatblatt darunter ist für mich der absolute Star dieser Komposition. Es ist knackig und frisch, überhaupt nicht von der Hitze beeinträchtigt. Und es gibt eine gewisse Würze. Und dennoch, obwohl es sich um eine mediterrane Komposition mit vielen Anklängen an den Nahen Osten handelt, verdankt das Ganze viel dem paradigmatischen Zusammenspiel eines Cheeseburgers im amerikanischen McDonald's-Stil. Jeder Bissen ist perfekt. Ich spüle ihn mit einer Dose Cola herunter.
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Der Burger wurde von dem mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Koch Gerald Passedat kreiert, einer lokalen Persönlichkeit aus Pagnolet, die in der „Nouvelle Cuisine“ ausgebildet wurde. Er ist Küchenchef im „Le Petit Nice“, einem Fischrestaurant neben einem Privatstrand in Marseille, das seit Generationen im Besitz seiner Familie ist.
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Passedat, den man online zusammen mit dem viel geschmähten französischen Präsidenten Macron posierend finden kann, fördert unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Benoit Payan von der Stadt finanzierte Ausbildungsprogramme für seine Branche. Ein Einheimischer scherzte: „Payan mag in einer Hafenstadt, in der Attentate nichts Ungewöhnliches sind, keine Angst vor Kugeln haben, aber sobald er merkt, dass sich die Arbeiter selbst organisieren, hört er den Schuss.“
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Im Jahr 2022 kaufte die Stadt Marseille das ehemals besetzte Grundstück für 600.000 Euro. In den Jahren zuvor hatte sich das ehemalige Besetzerhaus zu einem Brennpunkt der Selbstaktivität unserer Klasse entwickelt. Arme Arbeiter*innen reisten quer durch die Stadt, um an der kostenlosen Lebensmittelverteilung teilzunehmen und diese zu organisieren, deren Lager sich auf dem Gelände der Kommunistischen Partei befand.
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Die Lebensmittelinflation ist in Frankreich extrem hoch. Im März lag sie im Vergleich zum Vorjahr bei 15,8 %. Gleichzeitig ist die drittgrösste Reederei der Welt, CMA CGM, deren Hochhaus direkt neben dem Industriehafen von Marseille steht, mit einem Gewinn von 23,5 Milliarden Euro mittlerweile das profitabelste Unternehmen des Landes. Die Schifffahrts- und Lebensmittelindustrie erzielt zusätzliche Gewinne, während die Arbeitnehmer angesichts stagnierender Löhne zusehen müssen, wie die Geldentwertung ihre Kaufkraft schmälert.
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Ein Quarter-Pounder-Menü bei McDonald's kostet in Marseille unglaubliche 12 Euro, und es ist vergleichsweise mies. Das UFO-Menü kostet 9,40 Euro, und man kann es für maximal 10 Euro aufwerten. Die Zutaten stammen von der lokalen Farm „Paysan Urban“. Im Jahr 2008, dem Jahr der letzten globalen Finanzkrise, stellte Ferran Adrià, ein Avantgarde-Koch der Molekularküche, fest, dass selbst die zehn besten Köche der Welt keinen besseren Burger zum Preis von McDonald's zubereiten könnten. „Vielleicht … könnten sie den Preis erhöhen und einen Hamburger von bester Qualität mit frischem Fleisch zubereiten. Und die Leute hätten die Möglichkeit, ihn zu essen – aber er würde dreimal so viel kosten“, sagte er.
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Mehr als ein Jahrzehnt später gelang Gerald Passedat ein Durchbruch. Anscheinend braucht man einen Staat, um so etwas zu schaffen. Für eine Stadt, in der sich die Menschen kein Essen leisten können, bedeutet das jedoch nicht viel.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 27 Jul 2026 10:26:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Serieller Tourismus: Über Nahes und Fernes. Über Reise, Distanz, Transparenz]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Wir sollten das Nahe und die Nähe nicht einfach gleichsetzen. Als grobe Richtschnur mag gelten: Örtlich unterscheiden wir die Nähe und die Ferne, mental jedoch unterscheiden wir das Nahe und das Ferne.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Little_Venice_quay_flooded_with_tourists_w.webp><p><small>Die Uferpromenade von „Little Venice“ auf der griechischen Insel Mykonos.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Little_Venice_quay_flooded_with_tourists._Mykonos_island._Cyclades,_Agean_Sea,_Greece.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mstyslav Chernov</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%203.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>„Die Nähe schreckt nur, weil sie eine riesenhafte Ferne ist.“ (Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll. Beiträge zur Geschichte des modernen Schriftstellers, Berlin und Weimar 1985, S. 454.)
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Wie das Nahe und die Nähe nicht identisch sind, so auch nicht das Ferne und die Ferne. Dass die Ferne das Ferne begünstigt, sei zugestanden, auch, dass die Nähe das Nahe fördert. Bedingen müssen sie sich deswegen aber nicht.
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Doch könnte man nicht genauso umgekehrt argumentieren? Wäre das weniger plausibel? Die Nähe wäre demnach eine Grösse sinnlichen Empfindens, das Nahe Kategorie örtlichen Daseins. Gegen beide Varianten fallen einem diverse Einwände ein. Wobei auch niemand so genau weiss, wo die Nähe aufhört und wo die Ferne beginnt. Dass die Ferne weiter weg ist, hilft auch nicht viel weiter. Was ist weit und was ist weg? Und was ist weit weg? Unterschiedliche Assoziationen überlappen sich auf gar vielfältige Weise, sind also nicht zwingend. An dieser Unschärfe werden wir im Essay nicht vorbeikommen. Vorab sei also bemerkt, dass wir die Widersprüche nicht auflösen, sondern bloss aufbereiten können.
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Einige terminologische Probleme puncto Nahe und Nähe seien in Folge gelistet:
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Ich bin dir nahe, sagt, dass ich deine Nähe spüre, aber nicht, dass ich deswegen in deinem Nahbereich sein müsste. Im Nahen ist derlei freilich leichter.
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Ich komme dir näher, meint, dass meine Nähe intimer und intensiver wird. Aber man könnte den Satz auch auf das Räumliche beziehen.
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Ich komme dir nahe, wäre hingegen eindeutiger, und das, obgleich der Komparativ in den Positiv zurückgestuft wird.
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Ich bin in deiner Nähe, sagt primär etwas über das räumliche Verhältnis aus. Aber wiederum nicht nur.
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Ich will mich dir nähern, kann sowohl mental als auch örtlich gemeint sein.
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Etc. Etc.
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Was die Bedeutung der Vokabel betrifft, haben wir es mit überlappenden Feldern zu tun. Sie sind zwar keine Synonyme, aber sie sind doch bedingt synonym verwendbar. Was die Angelegenheit nicht leichter macht. Hier sind jedenfalls keine strikten Lesarten oder gar Eindeutigkeiten vorgegeben. Assoziationen überschneiden sich. Jede Sortierung gliche einem heillosen Prozess. Nur im Kontext kann es gelingen, die angewandten und eng verwandten Wörter zu dechiffrieren. Präzise werden sie dadurch aber nicht.

<h3>Sehr nahe und zu nahe</h3>

Wenn einen das Nahe allerdings berührt, die Nähe näher kommt, wird sie sehr nahe. Es wird unheimlich dicht, ja intim. Nähe ist, wenn einen das Nahe emotional ergreift. Denn wirkliche, also wirkende und wirksame Nähe, so würden wir annehmen, kann es nur im Nahen geben. Nähe wäre demnach das Nahe, das in uns sitzt oder liegen bleibt. Wo die Differenz durch Identifikation (nicht: Identifizierung!) zwar nicht gelöscht, aber doch aufgehoben wird. Sie sind nicht gleich, aber auch nicht ungleich, sie sind ganz dialektisch zu denken und im Übergang, der auch stets ein Untergang ist. Das Nahe hingegen ist die unmittelbare Umgebung in ihrer Objektivität, egal auch, wie wir sie ranlassen oder spüren, resp. wie sie in uns eindringt, sie sich an uns ranmacht.
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Nähe fördert Intimität, aber sie bedroht einen auch damit. Intimität, die man nicht haben möchte, aber unsereins doch übermächtigt, wird als Aufdringlichkeit, ja Belästigung empfunden. Aus Begegnung wird Beengung. Eine, der man schlecht entfliehen kann, aber doch entfleuchen möchte. Transparenz, die zur Pflicht wird, berührt unangenehm. Sie perlustriert einen regelrecht. Den Menschen geht also oft diese Nähe nicht nahe. Sich dem Nahen zu nähern, scheint gegebenenfalls anachronistisch, natürlich auch, weil man die Zwänge derselben nur zu gut kennt. Das Nahe berührt so auf eigenartige Weise kaum, kommt einem, gerade weil es in der Nähe ist, nicht nahe. Es bestimmt zwar das Leben, aber es bestimmt nicht Träume und Wünsche. Das tut vielmehr die Ferne, die reale, aber auch die visionäre, insbesondere die im Fernweh ersehnte. Der Reiz des Fremden überbordet den Reiz des Bekannten. Die Nähe ist zu real, zu krude, zu profan, sie sperrt sich gegen diverse Luftschlösser. In der Ferne vermag man sich durchaus vorzustellen, was man sich in der Nähe nicht vorstellen kann. Die Potenzen der Projektion sind diesbezüglich wesentlich höher.
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Menschen geht diese Nähe oft zu nahe. Dem Nahen ist nicht zu entkommen. Eins ist andauernd in dieser seiner Nähe, wo auch sonst. Örtlich sind wir uns immer nahe, wir treiben uns stets in unserer Nähe herum. Zumindest im analogen Universum. Bloss in den galaktischen Weiten der Netze ist das Fortsein heute nur bedingt mehr ein Wegsein. Die virtuelle Welt verbindet das Da und das Dort auf ganz eigentümliche Weise. Man kann sich sehen und hören und wahrnehmen, obwohl man weit voneinander entfernt ist. Fernes wird ganz nah. Bedingung ist, dass man sich die entsprechenden Geräte leisten und sie bedienen kann. Was zur Folge hat, dass auch die gegenseitige Verständigung immer mehr äussere Energie verbraucht, das ganze Arsenal von Erdöl bis Lithium aufgeboten werden muss.
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Wenn wir die Nähe als das bestimmen, was in der unmittelbaren Umgebung ist, was heisst das dann für das Individuum selbst? Denn ich bin zwar in meiner Umgebung, aber ich bin nicht meine Umgebung. Das Nahe braucht eine minimale Distanz zum Ich. Das Nahe ist jedenfalls nicht weit weg. Indes wäre es absurd zu sagen: Ich bin in meiner Nähe. Ebenso fraglich ist freilich die Aussage, dass man bei sich ist, nur weil man in sich ist. Aber das sei hier bloss angedeutet.
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Nähe ist einem gegeben, mag sie uns auch nicht besonders nah sein. Die Furcht vor der Nähe rührt wohl auch daher, dass man sie einerseits besser kennt, aber auch, dass man andererseits in ihr besser bekannt ist und gekannt wird. All dies wird nicht nur als Bereicherung, sondern auch als Bedrängung wahrgenommen. Ferne ist unbestimmt, während Nähe bestimmt. Sie gibt vor, steckt das Korsett der Konvention ab. Ferne kann man beliebig wechseln, Nähe nicht. Masche und Maschinerie regelnder Vorgaben sind liiert mit dem Nahen und der Nähe. Diese setzen Ordnung und Zuordnung, Gebundenheit und Abhängigkeit, nicht Freiheit. Das Unbekannte, das Unerschlossene, das Unerfüllte der weiten Welt fasziniert oft mehr als das Bekannte der Unmittelbarkeit. Ferne verspricht Weite und Offenheit, vor allem auch Unverbindlichkeit und Ungebundenheit. Ferne suggeriert auch: ich bin entkommen, zumindest davongekommen. Wenn meist auch nur kurz. Gerade das Unbestimmte der Ferne und des Fernen, also aller Fernen versetzt einen jedoch in Sphären des Möglichen, die Bestimmungen des Alltags können als überwindbar veranschlagt werden. Das mag Fiktion sein, aber sie wirkt.
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In der Sehnsucht nach der Ferne und dem Fernen steckt so auch die Beklemmung der Nähe. Eine Flucht vor den Vertraulichkeiten und Zudringlichkeiten des unmittelbaren Daseins ist naheliegend. Es eine Flucht aus der Intimität in die Anonymität. Zu nahe kommen soll man sich ja nicht. In Zeiten des allgegenwärtigen Übergriffs, und sei es der halluzinierte, wirken das Nahe und die Nähe schon per se als Bedrohung. Da wird es schnell eng, zu eng. Besser Distanz halten. Aus der Ferne kann man ja meistens wieder zurückkehren, doch die Nähe verlässt einen nie, man mag sich ihr ab und zu entziehen, man kann jedoch nicht aus ihr einfach abhauen, ohne dass sie uns wieder einfängt, oder dass uns anderswo eine andere einfängt. Das ist nämlich der Fall, sobald man in der Ferne bleibt und deren ursprüngliche Charaktere sich auflösen. Ist man zu lange in der Ferne, verliert sie sich, kurzum sie verwandelt sich in Nähe. Ferne wäre keine Ferne mehr. Im Normalfall, der Rückkehr, verlässt man die Ferne also immer wieder. In der Nähe jedoch hinterlässt man sich immer wieder. Man ist in ihr gefangen und somit fast immer zugegen, sonst wäre sie keine Nähe mehr. In der Ferne ist man nur sporadisch, und auch nicht in einer bestimmten, sondern mal da, mal dort. Wie immer, ist alles Einfache stets diffizil. Das Einfache ist das Komplexe, dem man das Komplexe nicht mehr ansieht. Räumlichen Gebundenheiten entgehen wir nie.
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Den Terminus Fernweh gibt es übrigens erst seit der Romantik, er ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Besagtes Fernweh ist wohl nichts anderes als transformiertes oder besser noch: transportiertes Heimweh. Gerade weil man dem Nahen in der Nähe nicht und nicht traut, projiziert man Sehnsüchte in die Ferne. Fernweh wie Heimweh gleichen einer der Versagung entsprungen suchenden Sucht nach einem geglückten Leben. Der Nenner von Heimweh und Fernweh ist das Weh, bezogen auf diese Welt als auch auf das individuelle Schicksal. Sie beschreibt eine Entsagung, die nicht gewollt ist und schon gar nicht geliebt wird, die jedoch Sehnsüchte auslöst.

<h3>Von Passanten zu Passagieren</h3>

Natürliche Bewegungsfreiheit hat ihre Grenzen. Nur in der unmittelbaren Nähe kann man auf die Ausschliesslichkeit körperlicher Bewegung, die Selbstbewegung, setzen. Je grösser die Entfernung, desto mehr muss man auf das Bewegt-Werden, auf den Transport, umsteigen. Man verkehrt dann in und mit einem Verkehrsmittel. Man muss zusteigen, d. h. ein- oder aufsteigen. Zumindest wenn es darum geht, schnellstens von A nach B zu kommen. „Das Wort ‚steigen' zeigt es deutlich: wir steigen aufs Pferd, steigen ins Auto – wir erheben uns, um fortgetragen zu werden, hingerissen von der Prothese, die unsere Beweglichkeit erhöht (…), die der Gewalt der Geschwindigkeit ausgesetzten Reisenden sind ‚Zwangsverschleppte', buchstäblich Deportierte …“, schreibt Paul Virilio. (Fahren, fahren, fahren …, Berlin (West) 1978, S. 80–82.) Heutzutage übernimmt man diese Deportation selbst. Der Tourist ist der Sich-Selbst-Deportierende. Regelmässig lässt er sich an andere Orte versetzen. Er wird dabei aber nicht vertrieben, den Trieb sich zu versetzen, den hat er als bürgerliches Subjekt längst verinnerlicht. Reklame wirkt da nur noch als Überdetermination. Sie ist nicht allgemeiner Anlass, sondern spezifischer Anreiz im Wettbewerb der Destinationen.
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Ferne ist nur zu haben, wenn wir sie erreichen können. Sie bedarf des professionellen Transports, einer ungeheuren Mobilisierung äusserer Energien. Wer überall sein will, kann die entsprechenden Bewegungsmittel (Kutsche, Eisenbahn, Auto, Schiff, Flugzeug) nur affirmieren. Zumindest praktisch. Sie sind unbedingt notwendig, will man aus dem engen Kreis der angestammten Umgebung heraustreten. So werden wir von Passanten zu Passagieren. Zu Passagieren der Mobilisierung. Die Proportionen zwischen Zuhause und Unterwegs, zwischen Da-Sein und Dort-Sein haben sich verschoben und sie verschieben sich weiterhin. Das Wohin und das Woher werden wichtiger als das Wo. Der Modus der Bewegung obsiegt über den Status der Sesshaftigkeit.
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Wegfahren und wegfliegen steht auf der Tagesordnung. Nur keine Ruhe, nur keine Rast. Rasten heisst Rosten. Hasten statt Rasten ist angesagt. Nicht dazubleiben, sondern sich fortwährend fortzubewegen, gehört zu den ultimativen Aufforderungen der Zeit, Aufforderungen, die freilich als subjektive Herausforderungen funktionieren. Aus Aussen wird Innen. Die es sich leisten können, haben es (sich) zu leisten. Gegenwärtig meint Reisen den industriell vorprogrammierten Ortswechsel in Serie. Nichts wie weg! Sein heisst fortan Unterwegs sein. Aus Dasein wird Fortsein. Was wir einstens in der Masse nicht gewesen sind, das sind wir inzwischen geworden: fähig zur Entfernung. Indes waren die Leute früher leichter anzutreffen, man wusste meistens, wo sie ungefähr stecken, heute muss man sich immer wieder etwas ausmachen, um sich überhaupt begegnen zu können. Moderne Menschen benötigen Termine und Koordinaten.
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Mobilität ist nur noch in Form der Mobilisierung zu haben. Sie ist, sich stets steigernd, ihr ständiger Komparativ: schneller, weiter, mehr. Das Nahe hingegen bedarf keiner Mobilisierung und schon gar keiner Motorisierung, gute Schuhe oder ein Fahrrad reichen. Aber gerade auch aus diesen Gründen ist die Nähe wirtschaftlich ziemlich uninteressant. Sie rechnet sich zu wenig, daher sind ihre Insassen aufzustacheln, ihre angestammten Distrikte regelmässig zu verlassen. Nicht bloss Waren gehen auf Reisen, auch die Warenbesitzer haben sich anzuschliessen und brechen auf, wo immer sie hingelockt werden. Globalisierung ist überall. Wirtschaft drängt zur ständigen Deportation, die die Deportierten selbständig zu übernehmen haben. Man hat sich zu exportieren. Das Geschäft mit der Ferne rechnet sich eindeutig besser.
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Je weiter wir wegwollen, desto weniger können wir auf unsere eigenen Kräfte vertrauen, wir benötigen Fortbewegungsmittel. Wir brauchen technisch-strukturierte Geräte, die uns durch Motorisierung Mobilität verschaffen. Strom auf jeden Fall. Wir brauchen viel zugekaufte und in der Herstellung arbeitsaufwendige Energie, externe Energie aus fossilen Quellen. Und auch wenn der fossile Anteil prozentuell sinkt, stoppt das nicht den galoppierenden Verbrauch. Relationen bremsen auch nicht das weiter wachsende Quantum an Fortbewegungen.
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Die Bewegungsmittel, die man in der Nähe braucht, sind andere als die, die man für die Ferne haben muss. Auch das Tempo ist zu unterscheiden. Wege in die Ferne können nicht durchschritten oder erwandert werden. Beim Gehen werden die Wege mitgenommen, beim Fahren und Fliegen werden sie nur gestreift. Der Reiz des Fahrrades liegt übrigens auch darin, dass es in beiden Welten zu Hause ist. Im motorisierten Transportwesen geht es auch vornehmlich um die Reduzierung von Zeit. Wir huschen nur so durch und über die Landschaften. Diverse Wege sind zu überfahren oder zu überfliegen. Flugscham war gestern.
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Fürderhin steigen wir nicht nur in ein motorisiertes Vehikel ein, wir steigen auch aus der Landschaft aus. Einsteigen bedingt Aussteigen. Wege sind Strecken, die sich zoomen. Wir nehmen von den Zwischenräumen nichts mit, sie sind als separierte kaum mehr lokalisierbar. Je höher die Geschwindigkeit, desto weniger kann man wahrnehmen. Schon gar nicht im Detail. Man tastet sich nicht vor, man fährt oder fliegt, anders sind diese Entfernungen gar nicht zu überwinden und bestimmte Destinationen zu erreichen. Sind grosse Distanzen zu bewältigen, dann sind Räume zwischen Start und Ziel zu entsorgen. Man muss so tun, als gäbe es sie nicht. Sie sind sukzessive zu komprimieren. Wenn wir nur schon beamen könnten.
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Der kosmopolitische Weltbürger, war der nicht immer unser Ziel? Überall sein zu können, wo es hindrängt. Es gilt die Menschen von ihren Herkunftsorten zu lösen, sie als Nomaden wie Monaden zu formatieren. Den Stürmen, Schüben, Moden, ist zu folgen. „Freizügigkeit“ nennt sich mitunter diese neuzeitliche Erscheinung. Menschen, nunmehr von ihrer Scholle befreit, haben fortan die ständige Mobilisierung der Märkte zu vollziehen. Ihr Mobilisierungsbedürfnis gehorcht dem Mobilisierungsbedarf des Kapitals. Alles soll Teil und Moment des kommerziellen Universums werden. Durch Mobilmachung werden wir abgerichtet. Zurückgebliebenheit wird in Losgelöstheit umgetauscht, ganz den aktuellen ökonomischen Erfordernissen entsprechend. Die strukturell gewordenen Völkerwanderungen erfordern ein globales Transportsystem. Von der Reise bis zur Migration.
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Wir haben sowieso zu wollen, was uns geschieht. Da gibt es nichts zu entscheiden. Deshalb entscheiden wir auch so. Waren wie Menschen sind disponibel zu halten und flexibel zu gestalten, jederzeit transferierbar. Aber Menschen müssen das selbst erledigen. Ihnen kann man nicht einfach befehlen. Sie sollen wollen, was sie müssen. Der Zwang muss sich in einen Willen übersetzen. Erst dann wird Willigkeit als Akt der Freiheit erscheinen und freier Wille genannt werden.

<h3>Verkehrssklaverei</h3>

Ist nicht jeder Weg eine Reise? Eine Reise muss ein besonderes Ziel haben, will sie als solche gelten, es muss sich um eine Route ausserhalb der täglichen Routine handeln. Die Fahrt zum Arbeitsplatz, zur Schule, ins Krankenhaus oder zum Einkauf fällt normalerweise nicht darunter. Einst waren die Menschen, von einigen Ausnahmen abgesehen, Gefangene ihrer Scholle, nunmehr werden sie, von immer weniger Ausnahmen abgesehen, zu Getriebenen des Tourismus. Aus Eingeborenen der Einfalt, werden Ausgeburten des Ausflugs. Wobei Ausflug, bei aller Fragwürdigkeit des Begriffs, immerhin noch das Gelegentliche im Ausdruck betont, von einem kurzfristigen Intermezzo spricht, nicht von einer regelmässigen Schaltung. Reisen eröffnen da einen anderen Horizont. Aus dem Ausflug ist ein Urlaub geworden, die Verweildauer im Anderswo hat sich erhöht. Reisen beschreiben heute Phasen des gegenwärtigen bürgerlichen Lebens, die keine blossen Unterbrechungen mehr sind.
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Reisen kann man auch ohne Urlaub, aber aktuell setzen viele Reisen einen Urlaub, und sei es einen Kurzurlaub, voraus. Der Urlaub ist weniger eine Sistierung des Alltags (wenngleich er das suggeriert), als eine spezifische Fortsetzung des geschäftlichen Gebarens in anderer Umgebung. Es geht um die Bedienung eines bestimmten Industriezweigs durch die dafür ausgesandten Warensubjekte. Urlaub ist ein gar seltsamer Zustand. Es gilt nicht mehr gleich brutalen Kolonialisten die Weltgegenden für sich zu erobern, zu unterwerfen und zu berauben, es ermächtigt aber ungehobelte Touristen, die sich alles leisten dürfen, weil können, dort als Herren aufzutreten. Die überlegene finanzielle Potenz macht's möglich. Sie unterscheidet auch, wer zu dienen hat und wer bedient wird. Der Urlaub ist ein fester Bestandteil internationaler Verwertungsketten.
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Zu Hause urlauben ist äusserst schwierig. Als Urlaubende zieht es Menschen stets anderswo hin. Das Anderswo ist heute anders als in der traditionellen Sommerfrische weniger konkretes Ziel als chronische Ambition, überall zugegen sein zu können. Unsere Aufgabe besteht darin, vorgegebene Routen und Orte per Flugzeug, Schiff oder Auto abzuklappern und entsprechend, also: masslos zu frequentieren. Das Reisen steht unter der Herrschaft des Verkehrs, also der Mobilisierungsindustrie. Ivan Illich bezeichnete sie als „Verkehrssklaverei“. (Fortschrittsmythen, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 83)
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Wenn Vertreter der Fremdenverkehrswirtschaft meinen, diese sei keine Industrie, sondern eine Dienstleistung, irren sie. Geradezu fliessbandmässig produziert der Tourismus Touren und Touristen. Der serielle Charakter ist offensichtlich und die Fabrikation von Häusern und Hütten, Chalets und Hotels, von Strand- und Liftanlagen, fällt unter seine Produktenpalette. Unsere disponible Zeit ist gefälligst der Freizeitindustrie zu opfern, d. h. Meilen abzuspulen, bei Events zugegen sein und vor allem für das Shopping zur Verfügung zu stehen; im Ergebnis also möglichst grosse ökologische Fussabdrücke zu hinterlassen. Die werden merklich grösser, insbesondere auch, weil die Touristen in Summe mehr werden. Jedenfalls hinterlässt man die Urlaubsdomizile meist etwas ramponierter als vordem. Auch als genügsamer Tramper.
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„Warst Du auch schon …?“, ist eine oft gestellte Frage aller Touristen an ihresgleichen. Es geht darum, Orte abzuhaken und Beweismaterial zu sichern. Fotografieren und Filmen gehört dazu, ebenso die Requisiten und Souvenirs, die es zu erstehen und als Beute heimzubringen gilt. Reisen in Permanenz ist angesagt. Vor allem die frischen Pensionisten, oft noch mit guter Rente, guter Gesundheit und guter Laune ausgestattet, reisen und rasen rund um die Uhr um den Erdball. Als Lemminge der Tourismusbranche werden sie durch die Welten gelotst und trappeln hinter den Fähnchenträgern her. Fremdenverkehr nennt sich dieser Verkehr, wo die Fremden dann einmal weder fremd noch verkehrt sind, solange sie Geld ablassen. In Zeiten des sogenannten Overtourismus wird dieses Treiben jedoch zusehends zu einer Plage für die an den Orten lebende Bevölkerung.
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Lernt man nicht die Welt kennen, wenn man verreist? Auf jeden Fall lernt man das Reisen kennen, die Reisebüros und Transportmittel, die Hotels und Restaurants, die Läden, die Strände, die Flaniermeilen. Nicht die Lebenswelt lernt man kennen, sondern die Geschäftswelt, die dafür aber nachhaltig. Die jeweilige Entfernung sagt wenig über den Grad der Differenz aus. Das Ziel der Reise mag nicht die Reise sein, aber das Ziel ist nur durch die Reise erreichbar. Die Reise führt zum Ziel, doch das Reisen bedient ökonomische Vorgaben. Die Reise ist Voraussetzung für die Ferne. Sie bestimmt das aufwendige Hin und Her.
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„Der zur Fracht gewordene Mensch“ (Ivan Illich, Fortschrittsmythen, S. 88) ist ein Kind der Industrialisierung des Verkehrs. Wie viel Zeit verbringen wir eigentlich in den Vehikeln des beständigen Ortswechsels? Stau inbegriffen. Sind wir nur oft, oder schon zumeist auf Achse? Momente, wo wir weder in der Nähe noch in der Ferne sind, werden mehr. Benötigen wir eine zusätzliche Kategorie? – Kaum. Anders als Nähe und Ferne ist das Unterwegs nur Mittel zum Zweck. Doch dieses Mittel hat sich verselbständigt, ist eben als Reisen zum Ziel einer ganzen Branche geworden, d. h. zum Verkaufsobjekt, zur Ware. Die Bewegung an sich ergreift immer mehr Zeit und Raum. Die disponible Zeit nimmt letztlich ab, weil die disponierte Zeit zunimmt.
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Wenn wir fahren und fliegen, wo sind wir da? Unterwegs, zweifellos, aber was sagt das aus? Auf jeden Fall, dass die zu durchstreifenden Wege in unserem Leben immer länger werden. Die Momente, wo wir Ruhe haben und Ruhe geben, hingegen weniger. Wir haben keine Ruhe zu haben und wir haben keine Ruhe zu geben, wir haben geschäftig zu sein, auch in der sogenannten Freizeit, die bloss eine Verlängerung der Arbeitszeit darstellt. Freizeit ist eine durch und durch moderne industrielle und kapitalistische Grösse.

<h3>Serieller Tourismus</h3>

Die aktuelle Entwicklung ist durch zwei nur oberflächlich widersprechende Tendenzen geprägt: Das Reisen insgesamt wird länger, aber die Reisen im Einzelnen werden kürzer. Reisen wird oft zum Trip. Städtetrips sind in den letzten Jahrzehnten zum Hit geworden. Ein Wochenende dort, ein paar Tage da, kurz mal zum Marathon nach New York. Wer noch nirgends gewesen ist, ist nicht. „Du, warst du schon in …; „Du, wir waren kürzlich …“; „Du, wir fliegen jetzt …“. Wer noch nie wo gewesen ist, mag arm und bedürftig sein, wer aber andauernd irgendwo sein muss, ist nicht reich, sondern lediglich süchtig.
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Das Grundbedürfnis auch anderswo zu sein, wird im Tourismus pervertiert. Das Anderswo wird von einer Möglichkeit zur Pflicht. Ferne wird kommerziell bespielt, vor allem durch die penetrante Reklame der Fremdenverkehrsindustrie. Schliesslich geht es um die Massenproduktion postmodernisierter Kreuzritter, die im Namen und Auftrag von Ware und Geld den Planeten mit ihren Werten überziehen. Keine bedeutende Stadt, kein Land, kein Strand, keine Destination soll uns entgangen und entkommen sein. Nicht einmal vor regelmässigen Fernreisen wird zurückgeschreckt oder gar gewarnt, vielmehr wird dafür eifrig geworben. Wo man nicht überall gewesen sein soll, als Weltbürger. Der Weltbürger wird zum Weltenbummler.
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Die Flaniermeilen der Städte gleichen sich indes immer mehr an. Man achte auf Geschäfte und Plakate, auf Einschaltungen und Beschallungen, auf Logos und Marken. Wo bin ich, wo? Ich könnte überall sein. Anderswo ist es genauso. Irgendwo gleich Nirgendwo. Auf dem bereits 2004 erschienenen Tonträger „Zombi“ der Hamburger Band Kante hört sich das so an:
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Vor meinen Augen
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beginnt es zu flimmern
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ich hab keinen Schimmer
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wo ich hier bin
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ist das die Stadt
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aus der ich kam
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ist das der Ort
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an den ich will
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oder nichts von alledem.
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Hamburg, Toulouse
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Odessa, Katar,
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São Paulo, New York,
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El Paso, Dakar
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London, Nairobi,
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Jakarta, Peking,
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(…)
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Etc. Etc.
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Das Bedürfnis immerzu fortzufahren, bedeutet, dass so fortgefahren wird wie bisher. Man kann nicht salopp davon sprechen, dass es gilt, den Globus zu bereisen und kennenzulernen. Zweifellos, man kann in der Ferne anderes kennenlernen. Aber kann man in der Ferne mehr kennenlernen als man auch in der Nähe kennenlernen kann? Die Summe der Impressionen ist nicht unendlich, sondern begrenzt wie unser Aufnahmevermögen. Erkenntnis und Erlebnis laufen keineswegs synchron. Sie korrespondieren nicht mit abgespulten Kilometern.
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Das Nahe dagegen ist verpönt. Das Nahe riecht nach Provinzialismus, nach Rückständigkeit, nach Borniertheit, möglicherweise gar nach Heimat. Man hat vielmehr mobil zu sein. Der Tourismus hat zu boomen. Was wären wir ohne Fremdenverkehr? Eben. Die Älpler wissen das, auch wenn sie es gar nicht mehr aushalten. Wenn etwa der Tourismus in Österreich eine der wenigen Wachstumsbranchen ist, was sollen sie noch gegen ihn sagen? Wer möchte Arbeitsplätze und Wachstum gefährden? Das müssen wir hinnehmen, da hilft nichts. Fremdenverkehr, das ist, wenn der Besuch zur Heimsuchung wird. Aus weltoffen wird arschoffen. Das ständige Verreisen ist vergleichbar der Gier nach seltenen Erden oder der nach billigen Arbeitskräften. Es macht das Kapital und seine angestammte Belegschaft, die süchtigen Bürger regelrecht geil und toll. Wir können uns alles leisten. Wir dürfen uns so aufführen. Tatsächlich, wir tun es ja.
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Abschied vom Weltbürger heisst Abschied vom marodierenden Mob dieser Kosmopoliten. Man will sich gar nicht vorstellen, was es bedeuten würde, könnten alle Weltbürger werden. Wenn alle Menschen so bürgern wie die Weltbürger heute schon bürgern, kann das nur im Tollhaus enden. Ökologisch tragisch und mental fatal. Insofern ist dieser Beitrag ein entschiedenes Plädoyer sich zuvorderst auf die riesenhafte Ferne der Nähe einzulassen und die Weite des Planeten nicht nur ob des ökologischen Fussabdrucks selektiv zu erkunden und nicht seriell zu bespielen.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 10:55:00 +0200</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Kommune III: Jeder Kommune ihre eigenen Hochöfen!]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/kommune-iii-jeder-kommune-ihre-eigenen-hochoefen-009801.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Teufel! Die Trillerpfeife schrillt. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/right_to_work_1_w.webp><p><small>Work is a death cult.</small><p>Hätte ich eine Armbanduhr, könnte ich feststellen, dass es Sonntag ist: Wecken 4 Uhr. An Werktagen stehen wir um 3 Uhr auf.
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Flugs die härene Decke kantig gefaltet und aufs oberste der Dreietagenbetten gelegt. Ulrich hat Gemeinschaftsschlafraumdienst und beginnt zu fegen. Ich aber eile zur Gemeinschaftswaschanlage. Dieter hat Pumpendienst. Er pumpt und pumpt und pumpt, bis wir alle 84 sauber gewaschen sind. Dann sind die Mädchen an der Reihe. Dagmar darf pumpen.
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Wir klopfen unsere praktischen dunkelbraunen hochgeschlossenen Gemeinschaftsanzüge aus und schlüpfen hinein. Volker trüge lieber dunkelblau, aber dunkelblau ist nur für Mädchen.
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Und nun mit einem frohen Lied zum Hochofenbau! Jeder Kommune ihre eigenen Hochöfen! Auch unser Kommune III will da nicht zurückstehen! Wann werden wir anstechen kennen? Und ob unser Oberkommunarde zur Einweihung kommen wird? Vielleicht geben wir dem Hochofen seinen Namen.
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Aber erst einmal zurück zum Gemeinschaftsessraum. Dort trinken wir - stehend - Feldblütentee. Im Gemeinschaftsschulungsraum lernen wir eine Stunde lang Parolen aus Herbert Marcuses kleinem grauen Buch auswendig.
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Dann marschieren wir singend auf die Felder hinaus. Einige bleiben zurück, die müssen Pflüge schnitzen. Wir anderen streuen Düngemehl.
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Mittagszeit! Die Sirene heult, und das ist das Zeichen für uns, diszipliniert ins Gemeinschaftslager zurückzugehen. Zum Mittagessen gibt es Haferbrei und ein gutes deftiges Kommunenbrot. Volker und Rainer haben es selber gebacken.
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Dann lernen wir wieder eine Stunde Parolen aus Herbert Marcuses kleinem grauen Buch.
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Am Nachmittag sind wir in den Baumwollfeldern. Hei, wie lustig die weissen Flocken in die Körbe auf unserem Rücken fliegen! Wir singen dazu Freiheitslieder amerikanischer Baumwollsklaven. Und wissen, dass wir eines Tages unser freies Kommunenleben auch nach Amerika hinüberbringen werden.
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Inzwischen dämmert der Abend heran. Nun müssen die Kühe gemolken, die Ställe gesäubert, die Eier gesammelt werden. Wehe, wer ein Ei heimlich austrinkt!
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Er darf am nächsten Morgen nicht mit zum Hochofenbau. Da sind wir alle wieder, Dieter, Volker, Rainer, Fritz und Ulrich und wie sie alle heissen: alle 84 männlichen Kommunarden.
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Und drüben, jenseits des Zaunes, Dagmar, Agathe und wie sie alle heissen: alle 21 weiblichen Kommunarden. Wir freuen uns schon auf Sonntag in drei Wochen, da dürfen wir wieder für eine Nacht zueinander.
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20 Uhr. Tier und Stall versorgt, das Hochofenwerkzeug für morgen bereitgelegt, die Baumwollernte verladen. Im Gemeinschaftsessraum gibt es Feldblumentee und kräftiges Kommunenbrot, das selbstgebackene. Wie das mundet nach getaner Pflicht!
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Wer will, darf noch eine Stunde im Gemeinschaftsschulungsraum lesen. Bücher von Herbert Marcuse natürlich. Alle wollen.
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21 Uhr 30 ist auch der letzte im Bett. Ich träume von meiner Arbeit am Hochofen morgen.
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Teufel! Ein Baby plärrt.
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Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Das Baby plärrt immer noch. Das ist eine Realität, an die ich mich halten kann. Ich versuche, zu mir zu kommen und Traum und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden. Ich erhebe mich zu diesem Zweck und gebe Baby den Schnuller. Nun ist Baby still.
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Zweifellos, dies hier ist die gute alte Kaiser-Friedrich-Strasse, unsere gute alte Sechseinhalb-Zimmer-Wohnung, unsere gute alte Kommune I.
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Und alles andere: ein böser Traum.
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An der schwarzen Tafel lese ich, dass ich heute Küchendienst habe. Es geht auf Mittag. Ich lasse die anderen schlafen, bis der Kaffee fertig ist. Nach dem Frühstück werde ich, wie jeden Tag, zum Psychiater gehen. Ich werde ihm meinen Traum erzählen. Da haben wir viel zu besprechen.<p><em></em><p><small>Gefunden hier: https://www.haschrebellen.de/kommune3</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 22 Jul 2026 10:35:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Fussball-WM: 15 Milliarden Dollar, 250.000 Abschiebungen – und kein Foul?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/fussball-wm-15-milliarden-dollar-250000-abschiebungen-und-kein-foul-009802.html</link>
<description><![CDATA[<strong>So mancher Ball geht vielen Fussballern - sorry! - buchstäblich am Arsch vorbei - „mir auch“, soll der Balljungen und Fifa-Präsident Donald Trump behauptet haben.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Conclusion_of_the_2026_World_Cup_Opening_Ceremony_2_w.webp><p><small>Eröffnungszeremonie der FIFA WM 2026 in Mexiko.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Conclusion_of_the_2026_World_Cup_Opening_Ceremony_2.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Omar David Sandoval Sida</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Wer sich über rote Linien und teure gelbe Karten, Schwalben Schlägereien, Platzverweise und zu viel Zucker in Coca-Cola sorgt, kommt immer zu spät – und den bestraft das Leben, wie Michael Gorbatschow ahnte. Die DDR kann ein Lied darauf singen, Defensivpapst Nagelsmann auch.
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Freilich – auch jenseits grosser Events kommt vieles zu spät. Ein Fehltritt, ein Fusstritt im Endspiel, die Klimakatastrophe, das Verbot des schnellen Wäschewechselns oder gar die Menschenrechte. Die haben, wie die Praxis zeigt, bei Weltmeisterschaften aller Art nun echt nix verloren und einen Fallrückzieher gemacht, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau 1 zu 1 gesehen hat.
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Da freilich widerspricht der Fussballfreund, sagt STOPP und wedelt mit den drei rechtlichen Säulen des Gerechtigkeitskonzepts: dem FIFA-Fairplay-Kodex, dem FIFA-Ethikreglement und der FIFA-Menschenrechtsstrategie, die praktisch alle schlägt. Da lacht der Spanier in uns!
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Wir wissen natürlich, dass man sich am Genfer Mont Fairplay bei den FIFA-Outdoor-Aktivitäten ausschliesslich für nackte Zahlen interessiert: "Nach Golde drängt, am Golde hängt, doch alles. Ach, wir Armen!" (Gretchen zu Infantino), während man sich in deutschen Sportkreisen über ein WM-Minus von 10 Millionen EU aufregt. Lächerlich!
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Soviel kostet gerade mal eine halbe Haltestelle bei Stuttgart 21, die vergeudeten öffentlich-rechtlichen WM-Sendezeiten nicht gerechnet. Die FIFA wartet da mit ganz anderen Brummern auf: 15 Milliarden Dollar, schwarze Kassen nicht gerechnet. Doch es geht ja auch ums Image, darum, das Gastgeberland wenigstens optisch sauber zu halten:
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Im Jahr 2026 wurden sehr geschätzte 250.000 Menschen aus den USA abgeschoben, 2025 waren es 500.000. Rund 140.000 Leute sind in Mexiko spurlos verschwunden. 43 Menschen kamen offiziellen Zahlen zufolge „im Gewahrsam“ der US-Einwanderungsbehörde ICE ums Leben, bislang. Andererseits erfrieren jedes Jahr mehr als 40.000 Menschen in den Staaten – Kältetod. Kein Wort mehr.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 12:34:00 +0200</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Deutsche Traditionen: Was verschweigen Unternehmen?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/deutsche-traditionen-was-verschweigen-unternehmen-009795.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Viele Firmen rühmen sich ihrer Geschichte – doch das Kapitel 1933-45 fehlt oft. Ein Appell, hinzuschauen, bevor Jubiläen anstehen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Sachsen_Dresden_Nur_fuer_Arier_NIK_7147_w.webp><p><small>Impressionen aus Dresden. Auf dem Terrassenufer eine gläserne Bank. Davor eine Gedenkinschrift, die an die Nazizeit erinnert: "NUR FÜR ARIER".  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sachsen,_Dresden,_%22Nur_f%C3%BCr_Arier%22_NIK_7147.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nightflyer</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Alltäglich fast wird unser gutes deutsches VoIk gelinkt und genervt und aufgerufen, endlich mal Mut zu zeigen: Schaut nach, wer von der eigenen Mischpoke Anno Dunnemal bei NSDAP, SS oder SA war! Vielleicht war er ja doch nur wiederkäuender General oder stinknormaler Wachmann in Auschwitz – dort also, wo eine NSDAP-Mitgliedschaft nicht zwingend war. Trotzdem nachschauen?
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Barfusshistoriker wie ich sind naturgemäss immer scharf auf neue Fakten! Aber wir wollen doch nur dazu beitragen, dass auch traditionsreiche kleine und grosse Unternehmen rechtzeitig vorm Jubiläum die Kurve kriegen! Wir raten: Einfach in alten Büchern blättern! Viele deutsche Unternehmen rühmen sich mit einer langen Geschichte und Tradition. Sie schämen sich für die Ausrutscher 33/45.
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Logisch, dass dieses Kapitel ausgelassen werden sollte. Im schnellen Berlin z.B. beginnt die Vorbereitung fürs Aufstellen von Park- und Strassenbänken mit dem Hinweis "Nur für Arier" schon im Juli 1936 – heute vor 90 Jahren. Der Autor dieser Zeilen hatte just im Juli 1976 eine plakatgrosse Fotocollage publiziert. Die zeigte das Originalfoto einer schlichten Parkbank mit Schildle: Nur für Arier. Neu (und straffähig) war jedoch das darunter grossmächtig einkopierte Original-Logo: Deutsche Bank. Die NS-Nachfolge-organisation wehrte sich mit der Androhung einer Geldstrafe in Höhe von 50 000 DM für den Fall der Wiederholung. Das Plakat der Stuttgarter Plakatgruppe wurde ein Renner!
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In Deutschland wurde die alte gute deutsche Sprache ja immer wieder gezielt als Waffe eingesetzt, um Menschen zu erschrecken, einzuschüchtern, zu bedrohen – eine Methode, die heute wieder fröhlich Urständ feiert. Worte wie „Abschaum“ oder „Ausrotten“ waren einst zentraler Bestandteil der Alltagssprache der Herrenrasse gegen die Untermenschen - die waren Schädlinge, Parasiten, lebensunwertes Leben. Heute sitzen die Rassen-hygieniker jenseits des grossen Wassers im braunen Haus - und direkt nebenan, in Deiner Nachbarschaft. Man könnte ihnen ins Wort fallen. „Aber wir fallen ihnen um den Hals“, meint meine Omi Glimbzsch in Zittau.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 20 Jul 2026 08:32:00 +0200</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Bündnis dokumentiert Folgen der EU-Deregulierungen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/oekologie/buendnis-dokumentiert-folgen-der-eu-deregulierungen-009794.html</link>
<description><![CDATA[<strong>‚Bürokratieabbau' als Tarnung. EU-Omnibusgesetze demontieren Umwelt- und Verbraucherschutz – NGOs entlarven die wahren Profiteure.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Bayer_building_in_Diegem_Belgium_(DSCF6220)_w.webp><p><small>Bayer-Gebäude in Diegem, Belgien.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bayer_building_in_Diegem,_Belgium_(DSCF6220).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trougnouf</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY 4.0 cropped)</a></small><p>Eine Woche nach der Veröffentlichung einer <a href="https://www.dnr.de/sites/default/files/2026-06/260702_Rules2Protect_Germany_Statement.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">gemeinsamen Erklärung</a> gegen den schleichenden Abbau von Schutzrechten in Europa, die von 150 Unterstützenden getragen wurde, legen zivilgesellschaftliche Organisationen und Bündnisse aus Deutschland und Österreich nach. In dem heute veröffentlichten Briefing „<a href="https://power-shift.de/eu-omnibusgesetze/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wir werden überrollt – die europäischen Omnibusgesetze und ihre Folgen für Menschenrechte, Umweltschutz und VerbraucherInnen</a>” weisen Anders Handeln Österreich, ATTAC Deutschland, ATTAC Österreich, die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die Bürokratiemonster, FIAN Deutschland, Forum Umwelt & Entwicklung, GLOBAL 2000, Kettensäge stoppen!, LobbyControl, PowerShift e. V. und das Pestizid Aktions-Netzwerk auf die Gefahren der sich aktuell auf EU-Ebene vollziehenden Deregulierungsagenda hin.
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Das Papier bietet einen Überblick über die Entstehung sowie die Inhalte der zehn Omnibus-Gesetzespakete, die wichtige Änderungen der europäischen Gesetzgebung zu Umwelt-, Klima-, Daten- und Verbraucher:innenschutz betreffen. Es benennt die Treiber dieser Agenda und zeigt auf, welche Folgen sie für die Menschen in der Europäischen Union haben.
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„Was als Vereinfachung und Bürokratieabbau verkauft wird, entpuppt sich als Sprengsatz für europäische Schutzstandards. Diese ‚Omnibusflotte' überrollt hart erkämpfte Gesetze und Regulierungen zugunsten einseitiger Unternehmensinteressen, und das alles im Eiltempo. Obwohl die Änderungen uns alle betreffen, wissen bislang nur die wenigsten Menschen darüber Bescheid. Das soll sich mit diesem Papier ändern”, so Bettina Müller, Referentin für Handels- und Investitionspolitik bei PowerShift e. V.
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„2024 hatten die Chemie-Konzerne in ihrer ‚Antwerpener Erklärung' Omnibus-Gesetzespakete ‚zur Korrektur aller einschlägigen bestehenden EU-Regulierungen' gefordert und damit den Anstoss zu der Deregulierungsinitiative gegeben. Dementsprechend zählen BAYER & Co. zu den Hauptprofiteuren. Von einem erleichterten Umgang mit gefährlichen Chemikalien über schnellere Anlagen-Genehmigungen und weniger Auflagen bei der Umwelt-Berichterstattung bis zu auf Dauer gestellten Pestizid-Zulassungen reichen die ‚Entbürokratisierungen'“, kritisiert Jan Pehrke (Coordination gegen BAYER-Gefahren).
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„Um Menschenrechte durchzusetzen, müssen das Handeln und die Wertschöpfungsketten von Wirtschaftsunternehmen transparent sein”, insistiert Gertrud Falk von FIAN Deutschland. „Mit der Verringerung von öffentlichen Berichtspflichten verhindert die EU, dass Betroffene von Rechtsverletzungen die Verantwortlichen entlang von Wertschöpfungsketten identifizieren können. Gleichzeitig beraubt sie sich auch ihrer Glaubwürdigkeit, Menschenrechte und Umwelt zu schützen.”
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„Der Abbau von Schutzstandards unter dem Deckmantel der ‚Entbürokratisierung' trifft uns alle. Wenn giftige Pestizide dauerhaft zugelassen werden oder der Datenschutz unter die Räder kommt, sind unsere Gesundheit, unsere Umwelt und unsere Demokratie in Gefahr. Deshalb bündeln wir die Kräfte der Zivilgesellschaft: Gemeinsam fordern wir unsere Regierungen auf, unsere wertvollen Schutzstandards zu verteidigen”, so Magdalena Pitzer, Koordinatorin der Plattform Kettensäge Stoppen! in Österreich.<p><em></em><p><small>Die Veröffentlichung kann hier heruntergeladen werden: <a class="fussnoten_links" href="https://power-shift.de/eu-omnibusgesetze/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://power-shift.de/eu-omnibusgesetze/</a></small>]]></description>
<pubDate>Fri, 10 Jul 2026 12:07:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Von Trump bis AfD: Die Illusion der starken Hand]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Von „Mega“ zu „Maga“ - Die AfD nutzt die Schwäche der Demokratie. Wer stoppt den Aufstieg?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/250_Year_Celebration_Flatbush_Brooklyn_July_2026_w.webp><p><small>Dekorationen zur 250-Jahr-Feier in Flatbush, Brooklyn, im Juli 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:250_Year_Celebration_Flatbush_Brooklyn_July_2026.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wil540 art</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY 4.0 cropped)</a></small><p>Zu seinem 250. Geburtstag versprach Genosse Trump das, was auch CDU/CSU, Grüne, Jürgen Klopp und die SPD versprechen: sichere Grenzen, Bekämpfung fast jedweder Kriminalität ausser der eigenen, wirtschaftliche Stärke, Nationalstolz, Souveränität, Weltmeisterschaften und bissel was in Richtung Mond. Exakte Angaben für die nächsten 250 Jahre machte der Präsident nicht.
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An der Schwelle zum Mond wähnt sich Protesten zufolge die AfD: Verbrannte Finger, sagen die einen, „mondsüchtig“, kontern andere. Was ist los in Deutschland? „Deutschland! Aber normal!“ hört man und noch mehr von „Deutschland den Deutschen!“ Sind die Schalthebel der Macht in Griffweite der AfD? Zu den hochgeschätzten 30 000 rechtsextremen Mitgliedern kommen ja noch die rechts-extremen und nationalistischen Nichtmitglieder aus den anderen Parteien, wenn die Zeit reif ist. „Die Müssiggänger schiebt beiseite – wir sind die stärkste der Parteien“? Mega oder Maga im Wartestand.
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Schritt für Schritt werden demokratische Institutionen krank gemacht und schlechtgeredet - Hand in Hand mit Angriffen auf die Zivilgesellschaft, unabhängige Medien, Wissenschaft und Justiz und nun gar mit der planvollen Einschränkung der Informationsfreiheit: Da machen Demokraten das Geschäft der AfD: Gern geschehen.
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Nu ja ja, nu nee nee, sagt meine Omi Glimbzsch (48 % der Erststimmen in Gosen-Neu Zittau, Landtagswahl 2024). Das ist doch nicht mal die Hälfte! Viele, die ehedem Rot Front riefen, wählen nun – ja, wen denn? „Die Faschisten“, ruft's aus den Bücherstuben. Ich weiss, dass es wiederkehrende Muster gibt, Akzeptanz von Gewalt, die Entmenschlichung von Gegnern, Verschwörungs-Geschichten u.v.m. Das muss scharf benannt werden, aber bitte keine Inflation.
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Der Begriff „Faschismus“ sollte weder verharmlost noch vorschnell genutzt werden. Notwendig ist eine nüchterne historische Einordnung - und vor allem die Bereitschaft, demokratische Institutionen aktiv zu schützen. Dazu braucht's die freie Presse: Gegenöffentlichkeit! - und eine bessere Unterstützung der aufmüpfigen Zivilgesellschaft, die sich auch „gegen die da oben“ im alten Reichstag zu wehren hat.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 08:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Krieg als neue Normalität: Der Verrat an Freiheit, Werten und Grundrechten]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Die Friedensmarschierer von einst gehören heute zu einer aussterbenden Spezies.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2026-06-05_120523_Tag_der_Bundeswehr_w.webp><p><small>Dynamische Vorführung, aufgenommen am Spotterday vom Tag der Bundeswehr 2026 am Standort Munster.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2026-06-05_120523_Tag_der_Bundeswehr.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tim Rademacher</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Sie wurden verdrängt von fanatischen, martialischen Phrasen-Brüllern, von karrieregeilen Grün-Politikern, die ihre einstigen Ideale vergessen haben und von Menschen, die sich immer noch als ‚Links' bezeichnen, weil sie es vor Jahrzehnten tatsächlich einmal gewesen sind.
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Heute geht es nicht mehr um den Weltfrieden. Es geht nicht einmal mehr um ein europäisches Friedensprojekt, als das sich die EU vor gar nicht allzu langer Zeit noch bezeichnet hat.
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Heute geht es darum, Europa kriegstauglich zu machen, um bösartigen, unberechenbaren Aggressoren mit geballter militärischer Faust entgegentreten zu können.<br>
Die zu erwartende hohe Zahl an Toten und Getöteten wird mit der alternativlosen Notwendigkeit gerechtfertigt, unsere Freiheit, unsere Werte und unsere Grundrechte verteidigen zu müssen.
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Dabei sind unsere Freiheit, unsere Werte und unsere Grundrechte mittlerweile nur noch blutleere Hüllen, von der Spinne der Macht bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt.
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Unsere Freiheit besteht nur noch darin, entweder Ja zu sagen oder aber bestraft zu werden. Unsere Werte sind identisch mit jenen der Wirtschaft, für die kein Opfer zu gross ist und kein Konflikt zu blutig. Und was unsere Grundrechte angeht, so können sie jederzeit relativiert oder ausgesetzt werden, wenn das Wohl des Staates es erfordert.
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Wer im Ukraine-Konflikt für Frieden plädiert, um das alltägliche Töten und Sterben dort zu beenden, wird als Putin-Versteher diskreditiert, als wäre der Versuch, die Motive beider Kriegsparteien zu verstehen, bereits identisch mit einer Parteinahme zugunsten des Aggressors.
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Und wer es wagt, die unfassbaren Verbrechen anzuprangern, die von der israelischen Armee mit Unterstützung der Vereinigten Staaten tagtäglich in dem in Schutt und Asche gelegten Gazastreifen an der
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palästinensischen Bevölkerung begangen werden, wird zum Antisemiten erklärt und – in seinem eigenen Interesse – am Weiterreden gehindert, um ihn davor zu bewahren, am Ende noch wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung vor Gericht gestellt zu werden.
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Die Friedensmarschierer von einst haben sich entweder ins Privatleben zurückgezogen oder sind inzwischen sogar selbst zu Pragmatikern des Krieges geworden.<br>
An ihre früheren Ideale erinnern sie sich kaum noch. Sie möchten auch nicht daran erinnert werden.
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Sie sind freilich schuldlos an der Drachensaat der Mächtigen, aber sie unternehmen auch nichts, um deren Heranwachsen zu verhindern.<br>
Und wahrscheinlich sind sie inzwischen sogar schon davon überzeugt, dass Drachensaaten auch gut sein können, sofern sie von der richtigen Seite ausgesät werden.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 12:17:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Deutschlands marode Infrastruktur im Angesicht des Krieges]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/deutschlands-marode-infrastruktur-im-angesicht-des-krieges-009773.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Kriegslüsterne Futuristen reiben sich die schwieligen Hände und freuen sich wie Paraguay auf dieses „Jetzt geht's lohos“: Endlich hat der Oberste Heeresleiter erkannt, dass versenkt werden muss, was nicht seh-tauglich ist.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2026-06-05_121615_Tag_der_Bundeswehr_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2026-06-05_121615_Tag_der_Bundeswehr.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tim Rademacher</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Die Männer von gestern träumen die Schlachten von morgen. Doch ahnen sie, dass die Zukunft der Völker der Himmel ist?
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Ich sage nur Drohnen, Drohnen, Drohnen!
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Von Ahrenshoop bis Zingst (nur für Sportboote) schlagen die See-Ertüchtigungs-Manöver aus der Ecke Landwehrkanal (nur für Ausflugsschiffe) hohe Wellen: Was geht, wenn der Krieg kommt?
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Was ist schiffbar, was sollte eher in der Versenkung verschwinden wie Bestechungsgelder oder der Koch in der Kombüse? Und was geht am Thema vorbei wie Jens Spahn an den Masken oder wie die Bahn beim Verkehr? Ein falscher Hinlanger im Signalement, und die schienen-geschwängerte Republik kippt aus dem Ruder. Was heisst da, „Katastrophe: Nix läuft mehr“ (Bild)? Bei der Bahn läuft alles, und zwar zu Fuss und der Rest falsch! Das ist nicht alles:
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Manch altgewordenes Medium wie „Bild“ vermisst bei Merz „die Kunst, Brücken zu bauen“. Wir wissen aber, dass bereits die Vor-Vor-Vorfahren meiner Omi Glimbzsch in Zittau schon zu Steinzeiten umgestürzte Baumstämme (Klimawandel!), Trittsteine oder hängende Lianen (Tarzan) nutzten, um Bäche, Schluchten und Grenzen zu überwinden: Zweckbauten, um Jagdreviere zu erweitern, neue Lebensräume und Perspektiven zu erschliessen. Man denke nur an die Brücke von Remagen oder den Brückenkopf von Woronesch!
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Und an dieser Stelle platzt die zweite Bombe im Text! In Deutschland sind rund 16.000 Brücken nicht mehr im Schuss, um den kriegstüchtigen Terminus zu verwenden. Die eine oder andere ist aktuell einsturzgefährdet (welche, sag' ich nicht), andere ganz arg stark sanierungsbedürftig, viele tausend weitere „modernisierungspflichtig“.
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Im Bundesfernstrassennetz zudem sind 8100 Teilbauwerke nicht mehr ausreichend tragfähig und dringend erneuerungsbedürftig. Der Russe kennt die Statistik. Keine Brücke ist stabil genug für den T 34 oder den T 72 – zwei von der Sorte, und die Polizei sperrt die Brücken für den Fernverkehr. Von wegen „Über sieben Brücken musst du gehn“. Daher predige ich immer wieder: Schiffe versenken! Stattdessen Drohnen, Drohnen, Drohnen! Und zu Stuttgart 41? Heisses Eisen! Kein Wort!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 08:31:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Günstige Heimat: Eine Reflexion über Romantik im Kapitalismus]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/guenstige-heimat-eine-reflexion-ueber-romantik-im-kapitalismus-009721.html</link>
<description><![CDATA[<strong>"Heimat ist, wo's günstig ist", so stand es auf dem grossen Werbeplakat. Und dieses versprach eine "Grosse Auswahl, grosse Frische - und günstig wie die Günstigsten", das heisst: "Spare dir den Weg zum Discounter".</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Strassenschild_Heimatstrasse_in_Merzhausen_mit_Zusatzschild_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="link" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Autor</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Wenn eine Filiale der entsprechenden Kette näher ist, als der nächste sogenannte "Discounter", solle man also zu der etwas teureren Variante gehen. Ich sage Variante, da alle Supermarktkonzerne eine reguläre und eine Discountervariante anbieten, um Kund*innen verschiedener Gehaltsklassen abgreifen und Produkte in Zweifelsfall umlagern zu können.
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Heimat ist ein grosses Wort, das umso entleerter wird, je häufiger man es grossflächig und lautstark verwendet. Demnach fragt man sich auch, ob die Faschisten nicht die Heimatlosesten - das heisst eigentlich: die Entfremdetsten - sind, wo sie diesen Begriff so hochtrabend und inflationär vor sich hertragen.<br>
"Das Proletariat hat kein Vaterland", stellten die frühen Kommunist*innen fest. Und für anarchistische Aktivist*innen war es häufig so, das sie dies anhand ihrer eigenen Biografien ganz konkret erfahren hatten: sie mussten wegen Lohnarbeitszwang migrieren, als politisch Verfolgte fliehen oder hatten Lust, etwas von der Welt zu sehen und ihr Leben als Ausreisser selbst zu gestalten.
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Der Schmerz des Verlusts der Heimat beinhaltet hierbei jene Freude über die Befreiung, diese losgeworden zu sein, sie hinter sich gelassen zu haben. Das patriarchale Elternhaus etwa, die Enge der Dorfgemeinschaft, den vorgezeichneten Lebenslauf oder die kirchliche Vernebelung des Geistes und junkerische Knechtung des Körpers. Zugleich wurden die Bäuer*innen ihrer Länder enteignet, die Handwerker*innen ihrer Gewerbe, die Landmenschen ihrer lokalen Kulturen und Sprachen.
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Das Empfinden von Verlust hatte und hat also sehr reale Hintergründe. Konservative bedienen sich der Heimatduselei, um die Illusion einer traditionellen Idylle zu zeichnen, um im Zuge laufender massiver Umstrukturierungen, das Vertrauen in die Sicherheit und Ordnung der Obrigkeit zu stärken. Faschisten adressieren hingegen den empfundenen Verlust der fiktiven Heimat, um anderen zu verunmöglichen, irgendwo anzukommen - als wenn diese etwas für ihren realen Verlust und ihre Vertreibung könnten!
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Interessant an Plakat ist nun das darauf vertretene, offensichtlich plumpe, kapitalistische Verständnis von Heimat. Man bedient sich der Sehnsucht nach einem Zuhause und bietet den Suchenden an, Teil einer Konsumgemeinschaft zu werden. Aufgrund der günstigen Preise in einem herkömmlichen Supermarkt, müssten sie sich nicht zu weit von ihrer Wohnung fortbewegen und würden inkludiert in jene Schichten, die sich hochpreisigere Produkte leisten können.
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Heimat kann so günstig sein. So günstig wurde sie auch verscherbelt: das Land, die Arbeitskraft, die Körper, das Wissen, die Fertigkeiten, die Kultur - in Warenform wurden sie an meistbietende ausverkauft. Mit jedem günstigen Produkt aus diesem Supermarkt frisst man demnach ein kleines Stück der eigenen Lebensgrundlage auf, verleibt es sich ein, um die Heimat in sich selbst zu bewahren - also im eigenen Leib zu privatisieren.
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Zugleich bedient sich der Konzern eines pseudo-Klassenaspekts: nach oben - denn wo es teuer ist, da sind die Reichen, in ihren eigenen mysteriösen Kreisen. Jene, die es sich unverdient gönnen, nicht, weil sie von der Arbeitskraft anderer leben, sondern, weil sie sich mieser Tricks bedienen würden.
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Die Abgrenzung geschieht unausgesprochen ebenso nach unten: Denn mit der Inklusion in die Konsumgemeinschaft der günstig Kaufenden geht stets der Ausschluss jener einher, die es sich eben doch nicht leisten können. Die zum Discounter laufen oder gleich verhungern müssen. Das ist notwendigerweise so. Denn sonst bräuchte man ja keinen Preis an die Dinge zu heften. Dieser dient nicht dazu, den Wert eines Produktes zu bemessen, sondern einen Vergleich der Konsument*innen untereinander - nicht in Bezug auf die Produzent*innen, sondern in Hinblick auf die Eigentümer*innen - anzustrengen.
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"Heimat ist, wo's günstig ist" - der Werbeslogan ist mehr als der Versuch, an die Verbreitung reaktionärer Narrative anzuknüpfen, ohne auf das dahinter liegende Entfremdungsgefühl einzugehen. Der Slogan verspricht Gemeinschaft in einer isolationistischen Welt, Teilhabe in einer ausgrenzenden Gesellschaft, Partizipation innerhalb abgesteckter Verhaltensmuster und Individualität trotz vorgezeichneter Lebenswege. Das Geschäftsmodell nährt insofern den Mangel, aus dem es Profit schlägt. Der Supermarkt erweist den Konsument*innen die Gunst, ihm ein Gefühl von Heimat zu verkaufen, wo diese real enteignet sind und werden.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 08:50:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Faschismuskeule: Buchenwald, Auschwitz und die deutsche Systematik des Terrors]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/faschismuskeule-buchenwald-auschwitz-und-die-deutsche-systematik-des-terrors-009742.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Tatsächlich, sie steht noch in der alten, traditionellen Ecke, die gute, alte Faschismuskeule mit dem Etikett.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Buchenwald_-_40_w.webp><p><small>Überreste von Block 45 in Buchenwald.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Buchenwald_-_40.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Diether</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%202.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Vor Gebrauch kräftig schütteln. Faschismus – den hat mir 10-jährigen vor 80 Jahren meine Omi Glimbzsch aus Zittau erklärt. Sie sass in Buchenwald und ist davongekommen, andere aus der Mischpoke hatte es erwischt.
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Faschismus ist Auschwitz, ist die planmässige und gründlich deutsch vorbereitete Ausrottung aller Juden. Faschismus ist Zyklon B, hergestellt von der Degussa und der I.G. Farben, Faschismus ist Dunkelzelle und Einzelhaft, Sadismus und Folter und Massenmord für Sozialisten und Christen und Atheisten und Sinti und Roma und „Sozialschädlinge“.
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Faschismus ist Deutsche Bank und Systematik und Planung und deutsche Gründlichkeit in tausenden und tausenden Vernichtungs- und Konzentrations- und Arbeitslagern. Faschismus ist Alltagsterror, Überwachung, Erfassung, Zensur, Verfolgung, Vertreibung. Faschismus ist die planmässige und korrekte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, Faschismus ist Ärztekammer, Handwerkskammer, Giftspritze.
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Faschismus war eine totalitäre, rassistische, mordlustige und nationalistische Bewegung, jubelnd getragen von Millionen Menschen aus allen Schichten des deutschen Volkes, rechtzeitig 1926 erklärt von Adolf Hitler in „Mein Kampf“, der den rassistischen und antisemitischen Grundpfeiler der nationalsozialistischen Ideologie gründlich offenlegt: den unbedingten Willen zur Vernichtung des Judentums, die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und die Ablehnung der Demokratie.
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Noch Fragen?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 07:55:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/faschismuskeule-buchenwald-auschwitz-und-die-deutsche-systematik-des-terrors-009742.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Debanking: Transaction denied...]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/debanking-transaction-denied-009725.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Das Wort des Papstes hatte vor einigen Jahrhunderten eine durchaus weltliche Wucht, die unterschied sich kaum vom Machtwort gewöhnlicher Herrschaften mit blauem Blute und roter Robe.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/9531175341_f9fd2c0fe8_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/9531175341/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%202.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Wer diesem Herrn in die Quere kam und sich in Sachen Hoheit falsche Worte erlaubte oder sich nicht unterordnete, dem wurde die „Bannbulle“ verhängt. Für den Betroffenen (gab es auch die Betroffene?) hatte das gravierende Folgen für Leib und Leben… Später nannte man so etwas „Reichsacht“, das klang etwas weltlicher, die Geächteten waren dann so etwas wie „vogelfrei“, was auch wieder spürbare Folgen hatte für Leib und Leben. Sogar ein Martin Luther war davon betroffen.

<h3>Heute ...</h3>

…gibt es zunehmend Massnahmen, die dem Bann wie der Reichsacht sehr nahe kommen und die Sanktionierten in ähnlich prekäre Situationen bringen, wie die damals Geächteten. Heute ist so etwas unspektakulär, deshalb bei denen, die es „verhängen“, sehr beliebt, da es die Sache vereinfacht und sich ohne Aufhebens umsetzen lässt. Mit enormer Wucht. Man muss dazu über die notwendigen Mittel verfügen, Du und ich…wir kriegen es niemals hin, irgendwen zu „sanktionieren“, das wäre ein lächerlicher Versuch.
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Dazu ist Staatsmacht oder Staatenbund-Macht notwendig. Davon gibts reichlich...

<h3>Transaction denied...</h3>

…liest ein heutiger missliebiger Journalist oder auch gewöhnlicher Blogger, wenn er oder sie ihre oder seine Miete überweisen will. So einfach ist das, wenn z.B. die EU-Kommission eine Sanktion verhängt. Nix weiter nötig, als das in aller Stille zu tun. Die Bank und die anderen -zig Zahlungsdienstleister folgen der schlichten Aufforderung ebenso diskret wie bereitwillig. Die Betroffenen müssen nicht informiert werden, sie haben keine Möglichkeit, sich zum„Fall“ (welchem denn?) zu äussern oder einen sog. „Rechtsweg“ zu suchen. Suchen vielleicht, aber finden…? Die „Bulle“ im 21. Jahrhundert.

<h3>Was bedeutet das?</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Der ganze Zauber mit dem „Rechtsstaat“ ist im Falle des Kriegsrechts eben viel zu umständlich und langwierig.</li>
<li class="liste">Ausserdem muss man dann immer damit rechnen, dass irgendein Richter einem noch reinredet und die Chose vermasselt.</li>
<li class="liste">Die Betroffenen dürfen staunen und dann…schauen, was sie noch im Portemonnaie herumtragen. Mehr gibts nicht.</li>
<li class="liste">Jede(r) kann sich ausmalen, was das fürs tägliche Leben, essen, trinken, wohnen, fahren, schreiben, kommunizieren usw. bedeutet, wenn man nicht an sein Konto kommt.</li>
<li class="liste">Wer den dann in Bedrängnis Geratenen helfen will, macht…sich strafbar!</li>
<li class="liste">Selbst die Mutter eines türkischen Journalisten, die ihrem Sohn in dieser Situation beispringen wollte, wurde strafrechtlich belangt.</li>
<li class="liste">Kaum zu glauben? Dann bitte nachblättern, nennt sich „Debanking“, es gibt nicht nur spektakuläre Fälle wie Hüseyin Dogru oder Jacques Baud. Nur zu!</li>
<li class="liste">Warum man davon kaum liest oder hört? Nicht nur Zahlungsdienstleister sind völlig frei, ihren Herrschaften bereitwillig zu folgen...</li>
</ul><p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 10:31:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/debanking-transaction-denied-009725.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Wrestling im Weissen Haus: Trumps Amerika zwischen Fäusten und Fiktion]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/wrestling-im-weissen-haus-trumps-amerika-zwischen-faeusten-und-fiktion-009121.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine Zahl schleicht ums Weisse Haus: 8647. Ein Geheimcode? Ein Hinweis auf Verschwörer? Weltuntergang doch schon morgen?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/UFC_Freedom_250_the_mixed_martial_arts_event_w.webp><p><small>Präsident Donald J. Trump am 14. Juni 2026 vor dem Weißen Haus anlässlich des „UFC Freedom 250“, eine von der Ultimate Fighting Championship veranstaltete Mixed-Martial-Arts-Veranstaltung.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:UFC_Freedom_250,_the_mixed_martial_arts_event_produced_by_the_Ultimate_Fighting_Championship,_Sunday,_June_14,_2026,_in_the_Grand_Foyer_of_the_White_House_-_58.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Daniel Torok</a> (PD)</small><p>Trump bestreitet alles: Nie sah die Welt rosiger aus als 2026. Dennoch Verunsicherung, Rätselraten, Strassensperren, Ermittler.
<br><br>
Steht die 86 für 1986 – Tschernobyl, Challenger, Katastrophen mit Langzeitwirkung? Und die 47? Klar - für 1947! Care-Pakete für die deutschen Nazis und ihre Mühe, Vergangenheiten zu bewältigen? Auch für die kommenden Stürme? „Weiss Gott“, seufzt jetzt meine Omi Glimbzsch in Zittau.
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Während sich also 8647 durchs politische Unterholz schleimt, feiert Trump seinen 80. Kaum Kammermusik, wenig Kerzen, besser blutige Bullenkämpfe im Käfig -alles direkt vor'm Weissen Kragen-Haus. Wo sonst Staatsgäste empfangen werden, sogar Merz, fliegen die Fäuste. Die Arena trägt den Namen „The Claw“, die Klaue. Passt.
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Auch das Spektakel passt zu einem, der seine politische Karriere stets wie eine Wrestling-Show inszeniert hat. Schon lange bevor DT der wichtigste Präsident aller Zeiten wurde, liess er Dollars von Hallendecken regnen und posierte zwischen Muskelbergen und Blut.
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Damals war's Show. Heute sitzt der Wrestler im Oral Office - aus der Show wurde Politik, aus der Pose Staatsräson. Die Fans jubeln. „USA, USA“, ruft's aus dem Walde, schallt's in den Schächten der Schacherer und über die immergrünen Rasen. Kritiker sprechen gar von der Entwürdigung staatlicher Symbole. Aber nein aber auch!
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Jane Fonda warnt vor dem Abbau demokratischer Rechte und dem Versagen linker Rechthaber. Eine Klage gegen die Veranstaltung scheiterte an der Klagemauer. Aufgemerkt: Demokratie basiert normalerweise auf Regeln, Wrestling auf deren spektakulärer Missachtung. Vielleicht liegt genau darin die Pointe unserer Zeit: Was sind schon Regeln, Leute – wo lebt Ihr denn!?
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Die Naiven wollen eigentlich nur spielen. Trump ist es ernst. Kein Kunstblut mehr. Gewalt ist die aktuelle zur Metapher für Führung.
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Über Washington hängen derweil dunkle Gewitterwolken. Nebel und Rauch steigen auf, ziehen über Genf nach Evian. Und meine Omi zitiert Goethe: „Über allen Gipfeln Ist Ruh', In allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch. Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur! Bald - Ruhest du auch“.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 08:02:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Infantilo Corrupti: Die Fifa-Schleimspur]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/infantilo-corrupti-die-fifa-schleimspur-009712.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Schleimspur der Knochenbrecher führt direkt ins Weisse Haus und endet in der grössten, wichtigsten und teuersten Weltmeisterschaft aller Zeiten: Zwei Diktatoren mit grandiosem Zungenkuss im Friedensrat.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Donald_Trump_and_First_Lady_Melania_Trump_attend_the_FIFA_w.webp><p><small>Gianni Infantino und Donald Trump am 13. Juli 2025 im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F20250713AH-2612_President_Donald_Trump_and_First_Lady_Melania_Trump_attend_the_FIFA_Club_World_Cup_Final_soccer_match.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The White House</a> (PD)</small><p>Die grösste WM der Geschichte? Darunter macht's heute niemand mehr. Die beiden Stürmer sind verliebt – Infantino lebt eigentlich in Donalds Wohnzimmer: Wann wir schreiten Seit' an seit und die alten Lieder singen, fühlen wir: Es muss gelingen! Mit uns zieht die neue Zeit. Ob nun Gaza, Grönland oder Golf: Gianni ist immer am Ball: Ein dreifache Rittberger des Beifalls an alle Schurken der Welt – und auch hier der würdiger Nachfolger von Sepp Blatter.
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Fussballfreund, Du mögest in interessanten Zeiten leben, soll eine chinesische Verwünschung lauten – und dafür tief, ganz ganz tief in die Tasche greifen: Der erste öffentliche Ticketverkauf für die Weltmeisterschaft 2026 zeigte angeblich, dass die FIFA bis zu 10.990 US-Dollar für die Teilnahme am Finale verlangte.
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Am End' werden 's 3 Milliarden US-Dollar sein, die in Fifa-Kasse und welche noch fliessen. Bei dem Ticket-Preis braucht man einen Zweitjob und eine weisse Haut, denn Preis hin oder her: Ein falsches Wort, und die ICE zeigt Dir, wo der Bartel den Moscht holt, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagt.
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Der Fussbalfreund als solcher verzeiht schon mal ein Foul auf dem Spielfeld – alles jenseits der Arenen geht ihm meistens zurzeit am Allerwertesten vorbei. Er will in diesen prächtigen Tagen das Leder laufen sehen und nix vom liberalen Rechtsstaat hören, egal wo. Die Sache mit der Demokratie müssen die Amis schon allein machen, nach der Endrunde. Wer's glaubt, wird selig, hör' ich da die alte Glimbzsch orakeln.
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Könnt' sein, dass Fussball, Fairness und Faktentreue nicht drei Paar Stiefel sind. Dafür lohnt es sich, unbeirrt am Ball zu bleiben, den Schiedsrichtern auf die Finger zu schauen und die Nationalhymnen endlich auch mal richtig falsch zu singen.
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Aber nicht vergessen: Nach den gewaltigen Korruptions­skandalen vor 10 Jahren erfand die Fifa eine unabhängige Governance-Kommission, stärkte den Ethikunterricht und gründete einen Menschenrechts­beirat - Infantino hat alle gezielt gekillt. Das vollbesetzte Stadion antwortet immer: „Toooooor!“.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 08:18:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Der neueste Irrweg neoliberaler Bildungspolitik: Die „Klasse 0“]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/bildung/der-neueste-irrweg-neoliberaler-bildungspolitik-die-klasse-0-009703.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Kampagne „Klasse 0“ verfolgt die Strategie, den Übergang vom Kindergarten in die Schule noch weiter nach vorne zu verlegen. Kinder sollen schon an die Schule gewöhnt werden, wenn sie eigentlich noch eine unbeschwerte Kindheit haben könnten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Solingen_Schulzentrum_Vogelsang_Ansicht_mit_Schulhof_von_Sueden_w.webp><p><small>Solingen, Schulzentrum Vogelsang, Ansicht mit Schulhof von Süden, April 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Solingen,_Schulzentrum_Vogelsang,_Ansicht_mit_Schulhof_von_S%C3%BCden_(1).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">SolingenFan95</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Der Artikel „<a href="https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/klasse-null-schule-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundesweites Projekt: Mit der ‚Klasse 0' fit für die Einschulung</a>“ (WDR, 30.05.2026) präsentiert eine seit Jahren in Deutschland verbreitete Sichtweise auf Bildung: Grundschulen klagen über mangelnde Fähigkeiten bei Erstklässler*innen, also müsse man die Kindheit zugunsten der akademischen Laufbahn beschneiden.
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Das Mantra lautet: immer früher, immer mehr. Eine „Klasse 0“, in der Kindergartenkinder bereits zwei Stunden pro Woche auf die Schule vorbereitet werden. Erlernt dabei solle alles Mögliche, vom Stiftehalten bis zur Sozialkompetenz. Hinter dieser vermeintlich pragmatischen Massnahme verbirgt sich jedoch, wie im Folgenden erläutert, eine ideologische Stossrichtung, mit der Kindern ein Teil ihrer Kindheit zugunsten des Kompetenzerwerbs genommen werden soll. Damit (und durch das Engagement von Unternehmen im Rahmen dieses Programms) wird auch die Ökonomisierung von Bildung vorangebracht. Statt die gesellschaftlichen Ursachen für die beobachteten Defizite zu hinterfragen, werden die Kinder noch früher in das Korsett schulischer Anforderungen gepresst.
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Man kann wohl sagen: Die Analyse ist richtig – die Gruppen in den Kindergärten seien häufig viel zu gross und die Betreuung dadurch unpersönlich. Die Eltern arbeiteten heute viel mehr als früher und hätten daher viel weniger Zeit für ihre Kinder. Dies seien aufgrund von ökonomischen Zwängen unverrückbare Verhältnisse, wird impliziert.
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Aber gelten diese ökonomischen Zwänge überhaupt für alle? Für diejenigen Kinder von normal verdienenden Eltern mit zwei Autos in der Garage oder einem Lastenrad für 10.000 Euro ist das sicherlich nicht der Fall. Auch in der Mittelschicht arbeiten viele Eltern, insbesondere Väter, mehr, als sie eigentlich müssten. Natürlich gibt es für Kinder ein Problem, deren Eltern prekär sind und denen nichts anderes übrig bleibt, als beide in Vollzeit zu arbeiten. Dies muss auch angegangen werden, geschieht jedoch nicht.

<h3>Neoliberale Bildungspolitik: Früher, schneller, effizienter</h3>

Moniert werden im Artikel vom Schulleiter Pascal Pooch ein „zunehmende[r] Leistungsverfall“ und mangelnde „Vorläuferfähigkeiten“. Aber nun sollen offenbar weniger die sozioökonomischen Rahmenbedingungen (Armut, fehlende individuelle Betreuung, überlastete Eltern) verändert werden, sondern das Problem soll auf die Schultern der Kinder selbst gepackt werden.
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Die „Klasse 0“ ist kein isoliertes Projekt, sondern passt perfekt in das neoliberale Bildungsparadigma, das die deutsche Schulpolitik seit den 1990er-Jahren prägt. Es lautet: „Früher fördern statt später reparieren“ – ein Motto, das nach Effizienz klingt, aber konkret eine Verschulung des Kindergartens bedeutet.
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Bildung wird in dieser Denkweise auch als Standortfaktor betrachtet: Wenn Schulforscher Matthias Forell im WDR-Artikel fordert, bereits 1,5 Jahre vor der Schule mit der Förderung zu beginnen, dann geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Optimierung des Humankapitals. Auch die gesellschaftlichen Diskurse nach den PISA-Studien ab 2000 führten schon zu einer Welle von ähnlichen Ansichten, Frühförderprogrammen usw. Man orientiert sich z.B. nicht am „sanften“ und dennoch guten Schulsystem Finnlands, sondern schraubt in Deutschland immer mehr die Daumenschrauben in der Bildungspolitik an. Ob nun das Zentralabitur, die „Profiloberstufe“, eine didaktisch fatale „Digitalisierung“ der Klassenzimmer, die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre oder die zerstörerische Einführung des Bachelor-Master-Systems; und der gescheiterte Versuch, Studiengebühren einzuführen. Oder der Kulturkampf zur Erhaltung der Gymnasien geführt von privilegierten Bildungsbürger*innen und Eliten. Die Vorwände sind stets die „Vergleichbarkeit“ und die Erzählung, dass Deutschland im internationalen Vergleich „hinterherhinke“, also der Wettbewerbsgedanke.

<h3>Privatisierung der Bildung: Wenn Konzerne Schule gestalten</h3>

Besonders problematisch ist die Finanzierung des Projekts „Klasse 0“ durch Konzerne. Das Motiv dieser Unternehmen ist natürlich nicht Humanismus, sondern Profit. Schliesslich sind die Kinder von heute die Arbeitnehmer*innen (und Konsument*innen) von morgen. Die Initiative kommt <a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">in diesem Fall von den Konzernen ROSSMANN, BASF und Procter & Gamble</a>. In Ludwigshafen, dem Ursprungsort des Projekts, <a href="https://www.schub-magazin.org/44-laeuft-basiskompetenzen-maechtle-rlp-2024/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">übernimmt BASF die Finanzierung für lokale Schulen</a>.
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Die „Klasse 0“ ist ein Marketinginstrument. Mit Slogans wie „starkes Wir-Gefühl“ und „<a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Chancengleichheit</a>“ geht es um Imagepflege, mehr aber wohl noch um Einflussnahme. Bildung soll hier sicher weniger emanzipierte, freie Menschen, sondern anpassungsfähige Arbeitskräfte produzieren.
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Die „Klasse 0“ ist kein primär pädagogisches Projekt, sondern ein Symptom einer Gesellschaft, die Bildung zunehmend der Wirtschaft überlässt. Anstatt im demokratischen System und unter Einbeziehung der Bevölkerung staatlich finanzierte Lösungen zu finden, werden <a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">neue Konzepte von Konzernen organisiert</a> und teilweise mit Online-Spendenkampagnen ermöglicht.

<h3>Reformpädagogische Alternative: Kindheit und Freiheit, statt Konditionierung und Humankapital</h3>

Das Projekt „Klasse 0“ ignoriert, was die Entwicklungspsychologie belegt und die Reformpädagogik seit über 100 Jahren erfolgreich praktiziert: Kinder entwickeln sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und selten linear. Und das am besten, wenn sie in Freiheit aufwachsen können. Die Idee, Kinder bereits im Kindergartenalter auf schulische Normen zu trimmen, ist destruktiv. Statt Spiel, Neugier und freiem Entdecken, wird Kindheit zur Vorbereitungsphase für die Verwertung des „Humankapitals“.
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Auch soziale Kompetenz entsteht durch individuelle Entfaltung, nicht durch Anweisungen, wie die im Text als relevant genannten Kompetenzen ausgeführt werden („Wie melde ich mich?“). Eine bessere Alternative zur „Klasse 0“ wäre nicht mehr Förderung, sondern mehr Kindheit. Zum Beispiel ein Waldorf- oder Montessorikindergarten mit festen, relativ kleinen Bezugsgruppen und -personen, in dem gebastelt, gebaut, gespielt und Natur erlebt wird. Einen guten Kindergarten zu haben, ist schlüssiger, als die Klasse vor der ersten Klasse einzuführen. Natürlich ist die grossstädtische „Kita“ mit 40 Kindern in einem Raum, ohne Konzept, Natur, festem Tagesablauf und adäquater Betreuung („offenes Konzept“), eine Katastrophe für Kinder.
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Ganzheitliche frühkindliche Pädagogik fördert Kinder, ohne dies nach einem institutionellen Schema zu tun. Anstatt Eltern die Verantwortung für „Bildungsdefizite“ zuzuschieben, müsste der Staat kostenlose, humanistische und reformpädagogische Betreuung für alle Kinder bereitstellen – ohne Leistungsdruck für die Kleinen. Und wichtig wäre es, den gebeutelten Eltern mit Kindern Arbeit in Teilzeit bei auskömmlichen Löhnen zu ermöglichen. Das Gegenteil tut die Bundesregierung derzeit. Sie will <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101103360/acht-stunden-tag-vor-dem-aus-regierung-plant-wochenarbeitszeit-modell.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">mehr Arbeit und weniger Freiheit</a> für die Menschen im Land).

<h3>Die letzten Worte zum Programm „Klasse 0“</h3>

Der Artikel über dieses „Bildungsprogramm“ ist kein neutraler Bericht, sondern ein typisches Zeugnis für neoliberale Bildungsideologie. Programm und Bericht präsentieren die Frühförderung als Lösung, ohne die systemischen Ursachen der beobachteten Probleme einzufordern oder gar die Systemfrage zu stellen. Stattdessen müssten die folgenden drei Punkte politisch adressiert werden:

<ul class="liste">
<li class="liste">Soziale Ungleichheit: Kinder aus armen Familien haben weniger Chancen – ihre Eltern müssen zu viel arbeiten und haben zu wenig Zeit für ihre Kinder.</li>
<li class="liste">Überlastete Eltern: Auch gut verdienende Eltern arbeiten häufig mehr als notwendig (brauchen sie einen neuen SUV, oder reicht nicht auch ein Gebrauchtwagen? Muss es die Pauschalreise sein, oder reicht nicht auch Zelten in Südeuropa?)</li>
<li class="liste">Ein staatliches Bildungssystem, das nicht reformiert werden soll, das Reformpädagogik trotz wissenschaftlicher Bestätigung verachtet und Kinder lieber als Humankapital ansieht.</li>
</ul>

Die „Klasse 0“ ist kein Fortschritt, sondern ein durch Konzerne gelenktes Notprogramm, konform zur neoliberalen Bildungsagenda. Was Kinder wirklich brauchen, ist nicht mehr derartige Förderung, sondern mehr Kindheit. Freiheit zum Spielen, mehr Zeit mit Eltern und/oder Geschwistern, mehr individuelle Betreuung in der vorschulischen Lebensphase. Aber eben kein Lernkorsett und keine vorgezogene Schulzeit. Die Schule und das Leben der Menschen später werden schon noch Korsett genug sein.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 10:22:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Demokratie in der Defensive: Wenn die Angst vor dem Fenster die Freiheit kostet]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/demokratie-in-der-defensive-wenn-die-angst-vor-dem-fenster-die-freiheit-kostet-009702.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Feigheit vor dem Feind ist ein militärischer Straftatbestand – heute, wo Kriegstüchtigkeit und Mut gefordert wird, sind Flucht, Gehorsamsverweigerung oder das freiwillige Überlassen der eigenen Ausrüstung aus Angst vor persönlicher Gefahr fatal.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/1st_of_May_demonstration_Grunewald_2024_speaker_Arne_Semsrott_05_w.webp><p><small>Der deutsche Journalist und Aktivist Arne Semsrott spricht über den Freiheitsfonds auf der Bühne bei der traditionellen Demonstration der hedonistischen Internationale am ersten Mai 2024 in Berlin-Grunewald.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1st_of_May_demonstration_Grunewald_2024_speaker_Arne_Semsrott_05.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Leonhard Lenz</a> (PD)</small><p>Im zivilen Alltag geht das deutlich eleganter. Man überlässt dem Gegner nicht sein Gewehr, sondern die Demokratie. Schon der Omi Glimbzsch in Zittau wurde allzeit geraten, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, vor allem politischen Angelegenheiten (Hunger in Kuba, Terror im Libanon, Opposition in Israel, Allah in Teheran, Olympia in Hamburg)). Auch vorlaute Kinder bekommen schnell eins auf den Hut, wenn sie Nagelsmann spielen wollen.
<br><br>
Dieser Tage wiederholt man bis zum Erbrechen, dass „sie“ unter Druck steht und geschützt werden muss – die Demokratie, noch dazu weltweit. Als ob wir zu Hause nicht genug zu tun hätten! Wenn's dann hart auf hart kommt, hat es freilich die Meinungsbildung schwerer als die Meinungsmache – O, lympia! Früher bei uns, heute anderswo gilt oft: Schnauze halten, Knast oder auch Rübe runter. Wir sind ja nicht allein, wenn autoritäre Bewegungen – die Augen geradeaus - munter und landauf, landab in die Parlamente marschieren.
<br><br>
Die rechten Wellenreiter nutzen meisterlich die Empörung über den vermeintlich oder real versagenden Staat, überforderte und zerfledderte Parteien, die Abschaffung des Bargelds und die Schliessung des letzten Ladens im Viertel. Gestern wurde die einzige Buslinie eingestellt und der letzte gelbe Briefkasten abmontiert: Post mortale. In solchen Zeiten kommt die Demokratie nicht mehr mit einem blauen Auge davon.
<br><br>
Arne Semsrott beschreibt in seinem neuen Buch „Gegenmacht“ treffsicher, wie Demokratien schleichend autoritär werden können – nicht nur durch die Stärke ihrer Gegner, sondern durch die Ignoranz und politische Dummheit ihrer Verteidiger: Feigheit vor dem Feind. Demokratie und Rechtsstaat leben nicht von Sonntagsreden auf Parteitagen, sondern von streitbaren Leuten, die auf der Strasse sind und sich nicht einschüchtern lassen, von AnStiftern, Initiativen und NGOs, die aktiv werden und wach bleiben.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 04 Jun 2026 10:04:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/demokratie-in-der-defensive-wenn-die-angst-vor-dem-fenster-die-freiheit-kostet-009702.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Der ORF zwischen Woke-Pose und innerem Verfall]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/der-orf-zwischen-woke-pose-und-innerem-verfall-009698.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wund ist der ORF schon lang. Doch jetzt droht schön langsam der Totalschaden. Und das nicht nur, weil er ein Feindbild der FPÖ und deren permanenten Angriffen ausgesetzt ist. Er zerlegt sich vielmehr selbst.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Johannes_JJ_Pietsch_-_Federal_Chancellery_w.webp><p><small>Der österreichische Journalist und Medienmanager Roland Weißmann, 19. Mai 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johannes_JJ_Pietsch_-_Federal_Chancellery_-_2025-05-19_-_SRO4825-ARW.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Österreichisches Außenministerium</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Der Rücktritt des ORF-Generalintendanten Roland Weissmann hat eine veritable Krise ausgelöst. Dass dieser ausgerechnet über eine private Affäre im Dienst gestolpert ist, ist bezeichnend. Der ORF dürfte Opfer seiner internen Erregungen werden.
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„In meiner Welt haben wir Sex, wenn ich Sex will“, schrieb Weissmann an eine ORF-Angestellte, der er jahrelang nachstieg. Gelegentlich verschickte er Dick Pics zur Illustration seiner Ambition. Mann will zeigen, wer Mann ist, was Mann hat, was Mann kann. Jeder Boss ein Klein-Trump. Der darf das doch auch. Die veröffentlichen Materialien lassen tief, aber nur tief blicken. Herr in mittleren Jahren giert nach weiblichem Frischfleisch. Roland Weissmann, der von der ÖVP protektionierte Kandidat hatte hier eine offene Flanke, die ihm zum Verhängnis geworden ist. Schon bezeichnend, welch Personal in höchste Ämter gehievt wird. Inzwischen hat freilich auch die Volkspartei Weissmann fallen gelassen. Mit so einem will man nichts zu tun gehabt haben.
<br><br>
Weissmann verkörperte den Typus des stromlinienförmigen Günstlings, wobei Gerissenheit in ganz engen Grenzen der Selbstüberschätzung operierte. Das Einzige, was interessant war an dem Mann, war sein Einkommen. Was soll er jetzt noch vorbringen ausser „Die Anderen auch“. Das mag sogar stimmen und er wird das auch tun, macht aber sein Verhalten um keine Spur besser. Wahrscheinlich haben auch Weissmanns Kontrahenten, allen voran das finanzträchtigste Kaliber des ORF, Pius Strobl, an dessen Abgang mitgewirkt. Der Höhepunkt öffentlicher Schmutzwäsche ist sicher noch nicht erreicht. Bezeichnend für den ORF ist, dass er nach aussen als woke Züchtigungsagentur auftritt, nach innen aber nicht einmal die Mindestansprüche von Anstand und Respekt durchsetzen kann. Auch ältere Fälle dürften jetzt wieder zur Sprache kommen. Die akute Krise scheint chronisch zu werden.
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Ob etwas ein Skandal wird oder nicht, entscheidet sich am medialen Nutzen. Aufdecken ist inzwischen zum medialen Porno geworden. Auch die Ausbildung der Youngsters ist ganz darauf programmiert. Stierln statt denken ist angesagt. Ein Grundproblem bürgerlicher Medien ist, dass die Welt an Skandalen abgehandelt wird und nicht die Welt als Skandal. Skandal, Affäre, Korruption inszenieren Systemmedien vielmehr als Abweichungen, die inkriminierten Handlungen werden als wider die Logik bürgerlicher Werte behauptet. Sodann geht es auf die Bühne. Kontingente der Aufmerksamkeit werden zweifellos durch den Skandal eingefangen, beschlagnahmt und aufgeladen. Mittlerweile leben wir in Zeiten der Überproduktion. Das Publikum stumpft ab.
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Irgendein Skandal liegt immer in der Luft. Notfalls hilft man auch nach. Dass die Skandalisierungsmaschinen der Betroffenheitsproduktion heute primär auf die Geschlechterschiene setzen, ist naheliegend, weil dieses Thema aktuell dominiert. Egal, was da an den jeweiligen Vorwürfen stimmt oder auch nicht, hier kann immer wieder eine Affäre hochgekocht werden. Damit ist dezidiert nicht gesagt, dass da wenig dran ist, wohl aber, dass Aufregung hier am leichtesten zu entfachen und die Empörung am ehesten zu gewährleisten ist. Doch auch Übergriffe sind vielschichtig, kennen unterschiedliche Facetten, Konstellationen, Perspektiven. Es ist alles nicht so einfach, wie entschiedene Standpunkte behaupten. Gelegentlich sitzt man Fehleinschätzungen auf. Schnell ist alles zerredet und nichts begriffen. Der Ruf nach Überwachen und Strafen wird generell lauter, nicht bloss in traditionell autoritären Kreisen, sondern insbesondere auch in der sogenannten liberalen Mitte.
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Apropos „lauter“. Weissmanns Gegenspieler sind zwar lauter, aber kaum lauterer. Doch hier ist nicht der Ort in der Gosse der Oberschicht zu schöpfen. Wer das will, ist mit Boulevard- und Qualitätsmedien gut bedient. Der Marktwert von Journalisten misst sich jedenfalls zusehends an Abschüssen. Investigatives Torkeln ist Folge dieses kulturindustriellen Vollrausches. Das steht auch in ihren Fachmagazinen (z.B. dem Selbstbeweihräucherungsorgan Österreichische Journalist:in), wenn man sie richtig zu lesen versteht. Nun schiessen sie sich bereits selbst ab. Aufdeckung wird zur Nullnummer. Sie regt auf, aber sie bewegt nichts. Sie lässt es nur ordentlich aufstauben, bevor der Dreck wieder zu Boden sinkt. Man huldigt einem billigen Moralismus, der zwar intellektuell dürftig ist, dafür aber emotional scharf. „Unproduktive Empörung“ (Karl Kraus) ist in die entsprechende Richtung zu kanalisieren. Der intime Boxkampf zwischen Sittlichkeit und Kriminalität geht in die vierzehnte Runde.

<h3>Flaggschiff als Frontmagazin</h3>

Als mediales Flaggschiff einer staatlich alimentierten gesellschaftlichen Mitte hat der ORF keine Zukunft. Dem öffentlichen Medium dürfte es an den Kragen gehen. Sowohl in der Corona-Frage als auch in den Kriegen in der Ukraine, in Gaza und im Iran entpuppte sich der ORF als aufgekratztes Frontmagazin, als andächtige wie denkfaule Werkbank der Brüsseler EU-Administration. Seine Standardisierung reicht bis in das uniformierte Wording des letzten Nebensatzes. Faktenchecks suggerieren alternativlose Ansichten und wirken wie Befehlsausgaben. Aber wenn eins sagt, dass Experten sagen oder gar, dass die Wissenschaft sagt, fühlt man sich auf der sicheren Seite. Widerspruch ist Schwurbelei. In Wahrheit fungieren diese Sagen wie aggressiv vorgetragene Impfprogramme. Der ORF betreibt Fan-Formate für Markt, Militär und Moral. Das aber nachhaltig, die Infrastruktur gut dotierter Apparaturen ist ja vorhanden.
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Selbst Anstalten wie der teilweise sicher als obskur einzuschätzende Red-Bull-Sender Servus TV offenbaren in ihren Programmen mehr Breite und Pluralismus als der ORF. Auch im Handwerk stehen sie ihm nicht nach. Der ORF gehört zu einem Block einer selbstgefälligen liberalen Mitte (Standard, Falter, Profil), die ihr Segment bedient und jede Abweichung sanktioniert. Kommentatoren und Moderatoren gerieren sich als Inquisitoren der Macht. Talks dienen allzu oft zur Vorführung unliebsamer Positionen und Personen. Wenn dieses Konkurrenzgekeife der Standard demokratischer Debatten ist, schaut es schon zappenduster aus für die Demokratie. Dass Protagonisten dabei selbst nicht autoritär agieren, ist eine ganz schräge Erzählung, an die sie in ihrer Betriebsblindheit aber fest glauben. Ein Narrativ von und für Narren. Und es geht auch nicht mehr rein. Immer weniger wollen für solche gehalten werden und sich das bieten oder gefallen lassen. Immer mehr klinken sich aus dem Spektakel aus. Viele drehen ab und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wirklich abgedreht wird. Die Blase leidet an chronischer Blasenentzündung.
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Geradezu putzig sind die Reaktionen der sogenannten ORF-Promis, die ernsthaft behaupten: „Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben uns fassungslos gemacht.“ Plumpsklo. Ist das ein Satz der KI oder ist er den Phrasenmatrizen einer Schulungsbroschüre entnommen? Wir bitten um Aufdeckung. Wer fassungslos ist, gibt zu verstehen, dass er oder sie nichts verstanden hat und nichts verstehen will. Wenn die gar suggerieren, von der Swingerparty am Küniglberg nichts mitbekommen zu haben, dann sagen sie entweder die Unwahrheit oder sie sind strohdumm. „So sind wir nicht“, würde der Mann in der Hofburg das in einem gefälligen Assistenzeinsatz auf den Punkt bringen.
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Die Sprache der Kulturindustrie ist die Sprache der Reklame. Medien sind Automaten affirmativen Unsinns. Es ist schlimm, dies verallgemeinern zu müssen, aber die Tendenz geht eindeutig in diese Richtung. Einschaltziffern, Abozahlen, Inseratengeschäfte, Likes, zeigen wie der Messbarkeitswahn um sich greift, dass der kapitale Markt die Medien absorbiert hat, dass es nicht einmal mehr eine relative Autonomie gibt, von der beschworenen Unabhängigkeit (ein weiterer Fehl- wie Fetischbegriff) ganz zu schweigen. Wovon unabhängig? Wo „unabhängig“ draufsteht, ist lediglich viel Geld drinnen. Ist es draussen, ist es aus. Anders als eine flächendeckende Werbekampagne für sich selbst gerade reklamiert: Es gibt keine unabhängigen Medien. Die Streifzüge vielleicht ausgenommen. Aber wer und was sind schon die Streifzüge?

<h3>Intrigantenstadel</h3>

Die mediale Welt, wie wir sie kennen, ist ein irrer Intrigantenstadel der übelsten Sorte, ein Ort, wo Politik und Sex, Macht und Geilheit, Hintertücke und Verlogenheit, Geschäft und Geldgier sich ein ungustiöses Stelldichein geben. Da muss man sich gar nicht erst einkoksen, obwohl das durchaus vorteilhaft sein mag. Die Frage ist inzwischen nicht mehr, wie der ORF zu retten ist, sondern ob er gerettet werden soll. Die Akteure selbst arbeiten an seiner Erledigung. Man sollte sie machen lassen. Begriffslosigkeit und Begriffsstutzigkeit vereinigen sich in einer Anästhesie fortwährender Betriebsamkeit. Geboten wird nicht Information, sondern Formatierung.
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So hat man zwar gegen Korruption zu sein, darf aber nicht wissen, was Korruption eigentlich ist, vor allem welchen Wert sie hat im System der Werte. Während gegen Missstände kampagnisiert wird, werden Zustände stets affirmiert. Da wird dann angeprangert und aufgeräumt, eingesperrt und gerechtsstaatet. Missstände sind letztlich dazu da, Zustände zu konsolidieren. Es handelt sich um eine Kollusion, was meint ein unbewusstes Zusammenspiel, eine Komplizenschaft, die nichts voneinander wissen will und auch nichts miteinander vereinbart hat. Um eine nichtverschworene Verschwörung. So die abgefeimte Dialektik, die nicht so schwer zu entdecken wäre, würde man der Reflexion der Zusammenhänge und nicht den Reflexen der Projektion frönen. In bestimmten Fällen wirkt Aufdeckung wie inverse Werbung, das heisst, man erzielt das Gegenteil dessen, was man bezweckt. Die Kampagnen gegen die FPÖ verdeutlichen das. Das geht nun schon vier Jahrzehnte so, hat sich in den letzten Jahren aber noch einmal intensiviert. Die Entzauberungsstrategie ist gescheitert. Man legt nur nach und die FPÖ legt zu. Aber auch andere regressive Losungen werden kollusiv gefördert, etwa punkto Sozialabbau. Nicht, dass man das unbedingt will. Man tut. Und es zeitigt.
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Der Lasten und Altlasten sind viele, sodass man durchaus von einem System sprechen kann, nicht bloss von Verfehlungen einzelner Personen. Aber wäre es da nicht gerade deswegen einmal angesagt, nach der gesellschaftlichen Infrastruktur der Devianz zu fragen, kurzum nach ihrer immanenten Logik. Fehlanzeige. Weder über objektive Voraussetzungen noch über subjektive Defizite wird nachgedacht. Agierte der traditionelle Journalismus mehr im Zeichen des Zudeckens, so der moderne mehr im Zeichen des Aufdeckens. Gemeinhein hält man das für eine entscheidende Differenz, in Wahrheit sind es lediglich zwei Spielarten, die dem gleichen Zweck dienen, nämlich die Verhältnisse zu decken. Zu- oder auf-, ist wirklich sekundär. Was stets zu decken und zu deckeln ist, ist das kommerzielle System, in dem Journalisten, diese Crew halbgebildeter Kosmopoliten, agieren und für das sie, ob sie wollen oder nicht, agitieren. Dafür werden sie in Serie produziert. Kurzum: Nicht etwa der ORF dominiert den Markt, der Markt dominiert den ORF.
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Das Wechselspiel zwischen Kriminalisierung und Vertuschung erscheint als unhintergehbarer und eherner Modus der seriellen Medienwalze. Konflikte werden bloss hysterischer und schriller. Ergiebiger werden sie nicht. Problematisch ist, dass Fälle sachlich fokussiert, also dezidiert aus ihren inhaltlichen Kontexten gerissen werden. In Ereignis oder Event findet Erkenntnis den frühen Tod. Bei der Beurteilung solcher Fälle herrscht heute eine Metaphysik der Fakten und eine strikte Dichotomie von Täter und Opfer. Entweder man ist das eine oder man ist das andere. Wer das nur irgendwie in Frage stellt, betreibt selbstverständlich eine Täter-Opfer-Umkehr. Selbst ein notorischer Opferer wie Pius Strobl, Weissmanns interner Gegenspieler, ist dann in der aktuellen ORF-Affäre ein „Opfer“, das dieses Sprücherl zu klopfen versteht. Steht ja auch so im Abc der Journaille, Zweiter Abschnitt, Kapitel 4: Eliminierung elementarer Debatten. Aber auch an Pius interessiert nur die Gage.
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Parallel formieren sich dann juristische Heerscharen, tribunalisieren und advokatisieren sich und uns in jahrelangen Prozessen und Ausschüssen, füllen Ordner mit Aussagen, Gutachten, Expertisen, produzieren Files mit grotesken Irrwitzigkeiten, die allesamt Zeit und Materie, Energie und Menschen verbrauchen, ja regelrecht vergeuden. Da erschrecken nicht einmal die Kosten. Sobald Gerichte strafen, werden sie auch selbst bestraft. Verfahren sind oftmals aufreibender und beängstigender als jede Sanktion. Das Ganze nennt sich Rechtsstaat, und Paragrafen tanzen ihren oft rätselhaften Reigen. Die rechtliche Ebene ist freilich überfordert und überlastet. Sie kann es nicht richten, auch wenn sie regelmässig ein paar Exemplare wird hinrichten müssen. Vorerst virtuell. Aufklärung und Transparenz verkommen zu einer öffentlichen Peepshow süchtigen Aufdeckens. Nicht wenige werden in Zucht- und Ordnungskammern gezerrt und dort ausgezogen. Der höchstpersönliche Lebensbereich ist nur noch geschützt, wenn man ihn höchstpersönlich schützen (lassen) kann. Das Private ist schon längst eine Ruine.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 10:46:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Fürsorge oder Bevormundung? Wie der Presseclub die Steuerdebatte zur Moralfrage umdeutet]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Das vermitteln unsere Leitmedien in 1000 Varianten: Im Prinzip tut Vater Staat viel Gutes, auch wenn es mal zu viel des Guten ist oder, umgekehrt, mehr sein müsste.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/IFA2012_IMG_4426_w.webp><p><small>Der Presseclub (Das Erste) an der Internationalen Funkausstellung.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IFA2012_IMG_4426.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Michael Movchin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat inzwischen vielfältige Talkrunden. Einen der ältesten Plätze belegt eine Runde am Sonntagvormittag, die aus dem früheren „Internationalen Frühschoppen“ eines Werner Höfer hervorgegangen ist. Dieser westdeutsche TV-Pionier musste leider 1987 abtreten, da ihn seine Tätigkeit als früherer Nazi-Redakteur disqualifizierte. Die war zwar dank DDR-Aufklärung lange bekannt, wurde aber erst Jahre später vom Spiegel aufgegriffen und skandalisiert („Kreitenaffäre“!). Aus diesem Kreis mit internationaler Besetzung ist inzwischen der „Presseclub“ entstanden, in dem unter Moderation von Jörg Schönenborn deutsche Journalisten verschiedener Couleur ihre Meinung zum Besten geben. Ein Traditionstermin, den man durchaus als Prototyp deutscher Talkkultur nehmen kann.
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Am 10. Mai 2026 sassen dort am Tisch: Christina Berndt, Wissenschaftsjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung, Karsten Seibel, Wirtschafts- und Finanzredakteur bei der Welt, Ulrich Reitz, Chefredakteur bei Focus-Online, und Mai Thi Nguyen-Kim, freie Wissenschaftsjournalistin im ZDF. Anlass der Sendung war die Ankündigung der Regierung, die Steuern auf süsse Getränke, Tabak und Alkohol zu erhöhen. Doch schon mit dem Titel machte sich die Sendung frei von den Gründen, warum und zu welchem Zweck diese Steuern erhöht werden sollen. Der Politik geht es ja bekanntlich darum, Löcher im Haushalt zu stopfen, und sie macht aus diesem Ansinnen auch keinen Hehl in diesen schweren Stunden, wo die Nation allerlei Notstände zu bewältigen hat.
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Das Thema der Sendung ging jedoch gleich in eine andere Richtung: „Höhere Steuern auf Zucker, Tabak, Alkohol: Fürsorge oder Bevormundung?“. Damit wurde deutlich gemacht, dass dieser Kreis hochrangiger (Leit-)Medienschaffender die Absichten der Regierung zwar zur Kenntnis genommen hat, daraus aber ein Problem ganz eigener Art stricken wollte. Ihr kritisches Hinterfragen hinderte sie dabei überhaupt nicht daran, sich genau der offiziellen Heuchelei anzuschliessen. Wie der Moderator in seiner einleitenden Rede gleich klarstellte, sollte die fürsorgliche Absicht zum Anlass genommen werden, um die betreffenden Massnahmen auf einer ganz anderen Ebene zu diskutieren und dem Bürger die schwierigen Alternativen, vor denen die Politik steht, nahezubringen.
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Der Staat wurde auf der einen Seite mit seinen Reformmassnahmen zum Fürsorger seiner Bürger stilisiert, denen er sich voller Sorge zuwendet; auf der anderen Seite wurde er unter den Verdacht gestellt, unberechtigt, autoritär in deren Freiheit einzugreifen. Eine Vorgabe wie im dialektischen Besinnungsaufsatz – und gleich waren die einzelnen Rollen klar. Entsprechend alternativ war die Runde besetzt. Die weiblichen Teilnehmer standen mehr für die Fürsorge des Staates, die männlichen setzten sich als Verteidiger der Freiheit in Pose. (Nur nebenbei: Hätte man diese klassische Rollenverteilung nicht vermeiden müssen? Sind Klagen beim Presserat eingegangen?) Mit der Fragestellung war das Ergebnis der Diskussion im Grunde abzusehen. Obwohl von „Vater Staat“ die Rede war, zielten die Stellungnahmen der Fachleute nicht auf die Klärung des Verhältnisses von oben und unten oder auf die Art und Weise, wie hierzulande die Gesundheit der Bürger gemanaged wird.

<h3>Darf der Staat in die Gesundheit seiner Bürger eingreifen oder ist sie Privatsache?</h3>

Diese Frage legte der Moderator seinen Diskutantinnen und Diskutanten vor und machte damit eine völlig absurde Alternative auf. Denn der Staat greift ja ständig in die Gesundheit seiner Bürger ein, auch wenn er den Umgang mit den Gesundheitsschädigungen dann zu deren Privatsache erklärt und jedermann und jede Frau für die Behandlung derselben aufkommen lässt. Schliesslich sind alle Bürger ständig den Bedingungen ausgesetzt, die staatlich geregelt sind. Ob dies nun die Feinstaubbelastung in der Atemluft ist, die Belastung des Trinkwassers mit Medikamenten oder Giften und was man sonst noch in der Umwelt alles zu schlucken hat. Dass es eigens Bioprodukte zu kaufen gibt, zeigt unzweideutig, was der Staat an Verfälschungen und Schadstoffbelastungen bei Lebensmitteln erlaubt. Und nicht nur in der Kleidung, sondern auch in vielen anderen Produkten des Alltags finden sich Schadstoffe, für die staatlicherseits Grenzwerte festgelegt sind, womit eben eine kontrollierte Vergiftung erlaubt ist.<br>
Die Arbeitswelt ist umfassend mit Verordnungen und Gesetzen eingedeckt, die unter Arbeitsschutz firmieren und deutlich machen, wie weit gehend dort die Gesundheit gefährdet wird. Die Einhaltung staatlicher Regelungen überlässt der Gesetzgeber zudem in vielen Fällen den Beschäftigten selber oder ihren Vertretern, wenn sie denn welche haben. So kommen die Betriebsräte ganz selbstverständlich in den Genuss der Aufgabe – nein, nicht einfach die Interessen der Belegschaft zu vertreten –, sondern die korrekte Abwicklung des Geschäfts zu überwachen, und „Massnahmen des Arbeitsschutzes und des betrieblichen Umweltschutzes zu fördern“.
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Für die Gesundheitsfolgen des kapitalistischen Alltags macht der Staat somit materiell die Betroffenen verantwortlich, die die Folgekosten über Lohn oder Gehalt tragen müssen. Formal werden auch die Unternehmen beteiligt, insgesamt sind die Sozialversicherungsbeiträge jedoch Bestandteil der Lohnkosten, von denen die Beschäftigten nur einen geringen Teil auf ihrem Konto wiederfinden. Doch auch bei dem Umgang mit diesem Geld bleibt der Staat nicht aussen vor, schliesslich legt er fest, welcher Anteil vom Einkommen in die Sozialkassen fliessen soll und wofür dieses Geld zu verwenden ist. Es gibt natürlich eine sogenannte Selbstverwaltung dieser Kassen, die nur mit ihren Gremien wenig zu entscheiden hat.<br>
Alles in allem, hätte man vom Fachlichen her denken können, dass die aufgemachte Fragestellung gleich zurückgewiesen würde. Das war allerdings bei diesen Fachjournalisten nicht der Fall, sie nahmen sich der verkehrten Problemstellung ernsthaft an und diskutierten sie dann – bei uns herrscht ja Pressefreiheit – richtiggehend kontrovers.

<h3>Darf der Staat in Sachen Gesundheit so weit in die Privatsphäre eingreifen?</h3>

Sind Reformpläne nicht ein zu weit gehender Eingriff in die Freiheit der Bürger? Die Vertreter von Welt und Focus-Online konnten bei diesem Bedenken gleich zustimmen – und diskutierten auch hier an der Sache vorbei. Schliesslich ist alles in dieser Gesellschaft gesetzlich geregelt, somit festgelegt, in welchem Rahmen sich die Freiheit der Bürger bewegen darf. Und da kennt der Staat keine Grenzen, selbst das werdende Leben und die Totenruhe stehen unter seiner Aufsicht. So bestimmt er z.B., wann menschliches Leben beginnt und damit als Rechtssubjekt gilt, das seinen Schutz verdient. Da kann die Frucht im Mutterleib noch gar nicht unabhängig von der Mutter existieren, und schon reklamiert der Staat seine Zuständigkeit, weil er ein Interesse am Untertanen-Nachwuchs hat. Somit schützt er den zukünftigen Bürger bereits im Mutterleib – auch gegen die Mutter, die diesen Nachwuchs womöglich gar nicht austragen will.
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Der Staat legt auch in umfassender Weise fest, wann der Wille des Bürgers zählt und wann nicht. Bei Kindern zählt der elterliche Wille (früher: die „elterliche Gewalt“, seit 1980: „elterliche Sorge“), bei grösseren gilt der Wille bedingt und erst bei Volljährigen ganz – es sei denn, sie werden als unzurechnungsfähig erklärt. Bis hin in den Geschlechtsverkehr ist geregelt, wann ein Nein ein Nein oder ein Ja ein Ja ist usw. Wo die Privatsphäre anfängt, ist staatlich definiert, und auch in dieser gibt es staatliche Regelungen, die zudem dauernd auf den Prüfstand gestellt und verbessert werden. Aber diese Realität der staatlichen Erfassung des Volkskörpers interessierte die Vertreterinnen und Vertreter der Talkrunde nicht. Jenseits dieser Praxis wollten sie ihr selbstgemachtes Problem diskutieren, wie weit der Staat mit seinen Gesetzen bei der Gesundheitsfürsorge gehen darf.

<h3>Sind Steuern zur Verhaltenssteuerung in Sachen Gesundheit einzusetzen?</h3>

Die andere Fraktion im „Presseclub“ konnte diesem Vorhaben etwas abgewinnen. Wie gesagt, nicht der Absicht, einen Beitrag zur Haushaltssanierung zu leisten. Da war man sich mit den Kontrahenten einig, dass es um etwas anderes ging, nämlich um die Frage eines mehr oder weniger erlaubten Einsatzes wirksamer Erziehungsmittel zu gesundheitsbewusstem Verhalten. Klar, die alltäglichen Schädigungen (siehe oben) waren dabei nicht Thema, fokussiert wurde auf das Verhalten der Bürger, die trotz Mahnungen in den Medien süsse Getränke, Tabak oder Alkohol weiter zu sich nehmen.
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Hier konnten die Gefragten sich voll einbringen und auf Daten von Erhebungen verweisen, die den Zusammenhang von Gesundheitsschädigung und Konsum – z.B. von Süssgetränken – dadurch nachweisen, dass sie alle anderen Faktoren der Gesundheitsschädigung ausblenden. Hier wollten vor allem die weiblichen Presseclubisten in der geplanten Steuererhöhung einen Akt der Fürsorge entdecken, mit dem der Staat sich um die Volksgesundheit sorgt. Durch Steuern würde er seinen Bürgern helfen, ihre Absicht, gesünder zu leben, auch umzusetzen. Vor allem die Vertreterin der SZ nahm sich der Armen an, die am Besten durch weitere Steuerlasten, also Verarmung vor den Gesundheitsgefahren durch süsse Getränke etc. geschützt werden müssten. Schliesslich sterben die Armen und Ungebildeten acht Jahre früher als ihre begüterten und gebildeten Mitbürger. Damit wollte die Frau keinen Einspruch gegen Armut und mangelhafte Bildung im Lande erheben, sondern sich bloss dafür einsetzen, dass den Armen auch noch die letzten miesen Vergnügungen schwerer gemacht werden.
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Dieser Zynismus war nicht Gegenstand der Kritik durch die Mitdiskutanten. Diese warfen dagegen die Frage auf, ob denn solche staatlichen Erziehungsmassnahmen auch wirken. Zwar kam in der Debatte noch die Einsicht vor, dass eine Steuer, deren Einziehung als Notwendigkeit für andere Aufgaben längst im Haushalt verplant ist, wegfallen würde, hätte sie wirklich die gesundheitsmoralische Wirkung. Liessen die Konsumenten die Finger von dem gesundheitsgefährdenden Zeug, würde ja das angestrebte Ziel der Haushaltssanierung verfehlt. Dennoch blieb es dabei, dass die Weltsicht vom fürsorglichen Staat die Grundlage des Debattierens darzustellen hat: Ihm geht es um die Volksgesundheit bei all seinen Massnahmen – und daran hat man ihn zu messen.
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Als positives Beispiel für gelungene staatliche Erziehungsarbeit durch Steuern wurden übrigens – da gab es dann direkten Konsens – die Rauchverbote gewürdigt, deren Sinn sich auch die Freiheitsvertreter von Welt und Focus-Online nicht versagen wollten. Als beispielhaft wurden etwa die Massnahmen der englischen Regierung gewürdigt, die sich mit Verkaufsverboten bei Tabak hervorgetan hat, während Deutschland Nachholbedarf bei der Steuerung des Gesundheitsverhaltens durch Steuern, Werbe- oder sonstige Verbote bescheinigt wurde.<br>
Damit konnten alle dem neuen Steuererhöhung-Massnahmen einen positiven Schein verpassen. Denn, wenn der Staat beabsichtigt, seinen Bürgern tiefer in die Tasche zu greifen, dann merke liebes Publikum: Es geschieht nur zu deinem Besten. Auch wenn man dies als bedenklich würdigen kann und darf – siehe: Pressefreiheit –, bleibt doch bestehen, dass es in guter Absicht geschieht.
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So geht eben kritischer Journalismus, den manche Bürger auch noch am Sonntagvormittag als Unterhaltung geniessen, ohne dass ihnen der Appetit vergeht.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 29 May 2026 12:32:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Abgehängt und ausgenutzt: Wie rechte Populisten die ländliche Leere füllen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/abgehaengt-und-ausgenutzt-wie-rechte-populisten-die-laendliche-leere-fuellen-009688.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Zu Zeiten unserer Altvorderen wurden in den Dörfern die grössten und schönsten Ochsen am Pfingstsonntag mit Kränzen, Blumen und Musik zum ersten Weidegang von den Fleischfressern durch den Ort getrieben: Raus aus der Massentierhaltung.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Die_Gartenlaube_(1894)_b_337_w.webp><p><small>Der Umzug des Pfingstochsen in Mecklenburg.  Foto: <a class="caption_main_author" href="link" target="_blank" rel="noreferrer noopener">F. Müller-Münster</a> (PD)</small><p>Egal – auch ihr Ende war vorhersehbar, wie das der Treiber, weiss meine Omi Glimbzsch aus Zittau. „Wesste nich mehr, Peter, damals?“
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Die rechten Populisten im stärker werdenden strukturschwachen ländlichen Raum reiben sich die Hände: Sie nutzen meisterlich dieses Abgehängtsein von Trecker, Ochs und Knecht, den Verlust von Infrastruktur, die Sehnsucht nach Heimat, nach Identität, nach Stall – der kann Deutschland, Polen oder Frankreich heissen, Hauptsache Erde. Auf ihr keimen die rechten Saaten der Kümmerer:
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Die national gesinnten Akteure besetzen mehr und mehr und längst die Reste des Dorflebens. Viel ist es nicht. Sie fordern Wärmestuben und Erinnerungstafeln, sitzen im Schützenverein, lieben Ampeln gegen keinen Verkehr, Busanbindung und Lätzchen für den Kindergarten - Kinder sind das knappste Gut - bieten praktische Nachbarschaftshilfe, organisieren Feiern und Kinderfeste, bauen Sandburgen und pflegen Gemeinschaftsgärten und Wanderwege.
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Möglich, dass es der letzte Aufstand ist gegen kapitalistisches Gesundschrumpfen. In Sachsen-Anhalt wird sich das deutsche Landvolk so oder so um 20 – 25 Prozent reduzieren, in Baden-Württemberg können es 8 - 12 Prozent werden. Dagegen ist kein Filderkraut gewachsen. Zukunft hat absehbar nur der Erlebnispark bei Trippsdrill.
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Am 25. Mai 1961 warb John F. Kennedy für einen bemannten Mondflug – 65 Jahre später ist ein Leben hinter dem Mond eher der Normalfall. Für die Provinzen unserer Welt gilt: Je dünner die demokratische Presse wird, desto dicker werden die Populisten.
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PS: Erinnerung an 's Staatsversagen:
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CumEx ist der grösste deutsche Steuerskandal. Na und?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 26 May 2026 08:39:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Über Bäume, Pässe und eine neue Weltordnung am Bürgenstock]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/ueber-baeume-paesse-und-eine-neue-weltordnung-am-buergenstock-009684.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Es ist gewiss, das Ei meiner Mutter wurde befruchtet und dann fing es an, sich in mich aufzuteilen, zuerst zwei, dann vier, acht und so weiter. Immer eine Verdoppelung.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Buergenstock_im_Morgenlicht_w.webp><p><small>Hotelkomplex Bürgenstock im Morgenlicht.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Buergenstock_im_Morgenlicht;_Falcon8-Luftaufnahme.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Emanuel Ammon - AURA</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Danach musste ich atmen lernen, aber ich konnte es einfach, weil ich dafür gebaut wurde. Es hätte schieflaufen können, aber meine Vorfahren haben dies schon so viele Male geübt, dass ich es auch gut konnte. Danach wurde ich immer mehr zu einem Menschen. Ich lernte die Sprache, dass es Dinge gibt, die so sind, dass meine Eltern immer da sind, dass mein Zuhause immer das gleiche ist. Mit den Nummern konnte ich rechnen und ganz genau berechnen. Vorausplanen und mich darauf freuen. Ich lernte und lernte.
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Die fröhliche Wissenschaft. Ich wurde älter, wie meine Zeitgenossen. Ich verstrickte mich immer mehr in soziale Flechten. Sie wurden undurchschaubar, wirr und nervtötend. Es wollte nicht aufhören, nie, keine Pause, kein Entkommen. So fühlte es sich an. Bis ich zufällig oder auch nicht, wieder erkannte, dass ich wieder ein Kind sein sollte.
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Es gibt Sachen in unserer Welt, die seit Generationen gewiss sind. Das Wasser fliesst bergab. Die Sonne wärmt uns. Der Mond hat immer das gleiche Gesicht, im Gegensatz zu Menschen, die unberechenbar sein können. So stellte ich fest, dass ich die Zeit mit Menschen einschränken muss, um gesund zu bleiben. Dadurch erhielt ich eine gesunde Distanz, die mir ermöglichte, alles jederzeit hinterfragen zu können. Ich stellte fest: Die Beziehungen zu Menschen stahlen mir Zeit.
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Die Philosophie wurde ein Genuss, Gedankengänge zu Musik, Musikstücke zu Geschichten. Die Natur ohne Menschen um mich herum zum treuesten Freund. Weil sie gewissenhaft ist. Der Baum steht neben mir, bis er fällt. Manchmal bewegt er sich vom Wind oder seine Äste werden vom Schnee heruntergedrückt. Der Baum ist aber immer da, immer freundlich. Nur freundlich! So wie die Steine oder der Fels, der Himmel und die Sterne, die darin in der Nacht funkeln.
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Ja, es soll ominöse schwarze Löcher geben, aber das ist keineswegs bewiesen, falls dies überhaupt bewiesen werden kann. Und wenn auch? Die sind so weit weg, das betrifft mein Leben einfach überhaupt nicht. Epikur meinte zu den Göttern, ihr Getue sei so weit entfernt von uns, dass wir sie unser Leben lang praktisch ignorieren können.
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Nichts ist wahr und alles ist erlaubt. Das klingt zuerst wie eine zerstörerisch auflösende Devise. Darauf kann ich aber aufbauen, so wie die Bäume auf ihrem Bauplan oder das Baby das atmet, ohne jemals Luft geschnappt zu haben. Das sei die Devise der gefürchteten unbesiegbaren Assassinen, meinten Nietzsche und seine Zeitgenossen. Die Idee war: Erst durch diese Einstellung konnten diese Assassinen überhaupt so stark werden.
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Dieses Denken machte sie so stark. Und so stark können alle von uns sein, so stark wollen alle sein und alle versuchen es auf ihre Art und Weise. Wir haben nicht alle die gleichen Aufgaben und niemand ist in der gleichen Zeit und am gleichen Ort auf die Welt gekommen. Gewisse Aufgaben teilen wir aber alle. Wir atmen, wir brauchen Nahrung und soziale Kontakte.
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Wir haben unterschiedliche Umgangsformen an unterschiedlichen Orten entwickelt. Unsere Nahrung wächst am Boden, dort sind auch die Ressourcen, die unseren Glauben an den wirtschaftlichen Fortschritt aufrechterhalten. Es gibt viel mehr Ungewisses als Gewisses, darum halten wir uns wohl an das Gewisse(n). Macht ja auch Sinn, daraus können wir dann vieles leiten, auslegen und versuchen zu adaptieren.
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Das nennt sich auch Empirie oder Glauben – Lernen. Trauen wir uns nicht, zu lernen, selber zu denken, glauben wir an vorgedachtes. Ist wohl etwa so ungesund wie verarbeitete Nahrung zu essen im Gegensatz zu Rohkost. Das ist im Grunde ja nichts falsches, wir ernähren uns auch zuerst von der Muttermilch und bekommen dann vorsichtig die Realität zu spüren. Manche werden aber auch einfach ins kalte Wasser geworfen.
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Ja, der Mensch, also ich meine, ja, die Menschen um mich herum. Einige liebe ich und die sind mir sehr wichtig. Mit der christlichen Moral im Rucksack versuche ich niemanden zu hassen. Schliesslich will doch niemand gehasst werden. Liebe deinen Nächsten, wie ich selber geliebt werden will. Der Sophist Thrasymachos aus den Geschichten von Platon würde mich abgrundtief auslachen und als blinden, naiven, kurzlebigen Menschen bemitleiden, nein! Nicht einmal bemitleiden; verachten und versklaven würde er mich!
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Ja so ist es, Lebewesen bewegen sich und sie kommen schnell in Berührung mit anderen Lebewesen, dadurch müssen sie einen Umgang festlegen und dieser ist bei jedem Lebewesen unterschiedlich. So wie es unterschiedliche Bäume gibt, die sich für unterschiedliche Umgänge mit der Welt entschieden haben, haben auch Thrasymachos und ein Christ unterschiedliche Weltanschauungen und Umgänge.
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Die Fichten haben seit Jahrmillionen Nadeln, der Bambus wächst ganz schnell, Laubbäume verlieren im Winter ihre Blätter. Sie bewegen sich nicht gross im Raum, nur nach oben in einem ziemlich konstanten Wachstum. Wer meint, deswegen seien wir den Bäumen überlegen, oder Thrasymachos dem Christen, täuscht sich. Ja, wir könnten alle Bäume ausrotten, aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir damit uns auch selbst ausrotten würden. Wir sind in einer Abhängigkeit miteinander.
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Nichts ist wahr, alles ist erlaubt und somit möglich. Und weil alles möglich ist, haben wir eine schier unendliche Vielfalt auf dieser Welt. Es hängt so ziemlich alles miteinander zusammen, drehen wir da, passiert dort das, aber auch dieses, schauen wir dort, sehen wir etwas und übersehen das andere, helfen wir da, überfordern wir dort, und so weiter und so fort. Eine rote Fläche absorbiert den restlichen blauen Teil des Sonnenlichtes, den wir nicht sehen und nur durch genaue Beobachtungen und Experimente feststellen können.
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Ein Klang kann wegen des Gesetzes der Oktaven andere Materialien zum Schwingen bringen, bis sie kaputtgehen. Das ist dann die sogenannte positive Rückkopplung. Das nennt sich auch Schneeballeffekt, Musiker kennen es als Rückkopplung mit Mikrofon und Verstärker. Oder, wie am Anfang, die Zellteilung. Das sind im Grunde regulierende Prozesse. Denn wenn es zu viel wird, explodiert der Verstärker oder das Weinglas, die Lawine löst sich, das Lebewesen hat seine vorgesehene Grösse erreicht. Darum sagt Epikur, dass das Böse oder Schmerzen nie lange andauern. Das Leben heilt ständig. Es baut immer auf das Bewährte, so wie die Jahrmillionen alten Fichten, die nicht so wachsen wie der Bambus.
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Wir stehen ständig in Kontakt mit den Veränderungen der Umwelt, wie unser Immunsystem, das sich ständig austauscht, verhandelt und so wenig Energie wie nur möglich vergeudet, für das Leben. Die Veränderungen, die nicht verändert werden können, müssen adaptiert werden. Ein Konsens muss gefunden werden, um weiterzuleben. Das ist auch ein natürlicher, friedlicher Prozess. Ein Baum wächst um den Stein herum. Kein Virus will den Wirt töten.
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Wir werden immer älter, wir lernen immer mehr dazu. Nicht alle dasselbe, aber wir werden älter, sofern wir noch wollen. Feststellen tun aber alle, dass die Welt nicht so ist, wie sie zuerst zu sein scheint. Das hat verschiedene Gründe: Sie ändert sich tatsächlich immer wieder. Das Magnetfeld ist immer wieder anders, schon nur dadurch ändert sich das Wachstum und der Wuchs überhaupt. Die Nadelbäume sahen vor Jahrmillionen einiges anders aus, denn die Umwelt war eine andere. Der Mensch kann meistens im Alter skeptischer werden und dadurch Aberglauben und Lügen feststellen. Diese können wiederum frustrieren, so wie das Altern überhaupt.
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Lebewesen sind im Gegensatz zu den Pflanzen viel nervöser und rumpelsurrig, sie können gar nicht stillsitzen wie ein Baum, sie haben einen anderen Bauplan und somit andere Möglichkeiten. Entstehen viele davon, ergeben sich praktische Prozesse und Systeme, wie die natürliche Selektion im Wald oder Kooperationen von Fischen im Meer, Rudelbildungen von Wölfen, menschliche Sippen und Dörfer oder Staaten. Die letzteren sind etwas ganz Neues, kaum Erprobtes und existieren nur als Gedankenkonstrukt, die aber einen real existierenden Effekt auf das Leben haben.
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Da nichts wahr und alles erlaubt ist, entstehen solche Prozesse oder Systeme, die eine Weile oder vielleicht auch für immer bleiben, weil sie sich als praktikabel und bewährt erweisen. So wie zum Beispiel der Bauplan einer Fichte. Natürlich könnte theoretisch auch der Fall eintreffen, der wahrscheinlich nie eintrifft. Aber der trifft nie ein, da er sehr unwahrscheinlich ist. Das verhält sich gleich wie mit den Schwarzen Löchern. Das ist so unwahrscheinlich, dass wir es ausblenden müssen, da es sonst nur hinderlich ist.
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In meinem Leben habe ich viele verschiedene Staatenbildungen erlebt. Mein erster Pass war ein Jugoslawischer, dann ein Serbien-Montenegrinischer, danach ein Serbischer, dann ein Schweizer Pass und der Neueste ist ein Kosovarischer. Die habe ich alle schön auf der Seite, das ist eine schöne Sammlung. Wer weiss, wie es weitergeht. Denn, was ist schon wahr? Was kommt wohl als nächstes? Aus der Sicht eines Baumes sind Staatenbildungen wohl so rumpelsurrig wie für uns ein Ameisenhaufen. Physiker und Astronomen nehmen Teilchen wahr, die ständig und in einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit durch uns und so ziemlich durch alles durchdringen ausser vielleicht Blei. Neutrinos werden sie genannt.
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So verhält sich wohl unsere Politik und ihre Kommunikation zu den Bäumen. Was machen uns diese Neutrinos? Nichts. Gar nichts. Na ja, nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Also, wir wissen nicht, was sie in uns bewirken. Wir stellen aber keine Wirkung fest, es betrifft unser Leben kaum, würde Epikur sagen, so wie das Getue von den Göttern. Die Welt ist so fest miteinander verwoben, dass es kein Gift ohne Gegengift gibt, keine Möglichkeit, die nicht eintreffen könnte. Gibt es etwas BEFREIENDERES?
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Das Ende der Gewissheit – wo, bitte, gibt es Sicherheit? Darum lautet meine Antwort zu der Frage: Sehr wohl gibt es Gewissheit! Und zwar ganz viel. Lernen wir die Ungewissheit, als etwas Gutes wahrzunehmen, entdecken wir unendliche Möglichkeiten, die wirklich real existieren können. Dadurch können wir uns die beste Welt vorstellen und machen. Sicherheit wird erst zu einem Ort, wenn wir einen wachen Zustand erreichen, in dem wir alles für möglich halten, uns jeglichen Gedanken erlauben und nichts als wahr definieren, ausser, was wir wollen, damit wir das Beste für unsere Zukunft schaffen.
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Was heisst das für uns? <br>
Alles Bedenken!
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Nichts ist absolut gesetzt, darum müssen wir verantwortlich denken.
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Zum Beispiel: Alle Staatsoberhäupter sollen sich auf dem Bürgenstock versammeln und eine neue Weltordnung aushandeln, die Schweiz organisiert es. Wieso nicht? Es kann ja nur besser werden! Alle legen auf den Tisch, was sie wirklich wollen, und dann versucht man sich zu einigen und sie schliessen neue Verträge, da die alten offensichtlich verjährt sind.
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Nichts ist absolut wahr.<br>
Nicht alles ist gut.<br>
Darum ist alles möglich.
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Was können wir noch gewagtes denken?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 25 May 2026 10:33:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Banditentum in Anzug und Krawatte: CumEx, CumCum und die Doppelmoral der Politik]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/banditentum-in-anzug-und-krawatte-cumex-cumcum-und-die-doppelmoral-der-politik-009683.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Sie sind deutschlandweit unterwegs, Quatsch, was sag' ich: europaweit, weltweit und noch weiter! Ihr bandenmässiger Missbrauch plündert die öffentlichen Kassen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/CumEx-Files_-_Countries_affected_by_the_fraud_w.webp><p><small>Karte mit den vom CumEx-Betrug betroffenen Ländern.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CumEx-Files_-_Countries_affected_by_the_fraud.svg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Autor</a> (PD)</small><p>CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne aber legen eher die Hände in den Schoss, als den Ganoven von CumCum und CumEx das Handwerk zu legen. Der geschätzte Schaden liegt inzwischen bei 150 Milliarden Eu – die Dunkelziffer ist hoch, die Staatsanwaltschaften unterbesetzt, die Finanzämter überfordert, die Medien verschlafen – aber fast alle beteiligen sich in diesen Tagen an der Hetze gegen „betrügerische Bürgergeld-Empfänger“. Sorry, du musst sehr lange suchen, bis du welche triffst!
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In Deutschland gibt man ca. 30 Prozent die soziale Fürsorge aus, ähnlich in anderen reichen Industrieländern. Hier wurde von den Erfüllungsgehilfen des Staats bei ca. 110 000 Personen Leistungs-missbrauch festgestellt – Verdachtsfälle inbegriffen.
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Die Problematik hat 2026 sich gegenüber dem Vorjahr nicht verändert, aber das Geschrei vervierfacht. Beim „bandenmässigen Missbrauch von Bürgergeld und anderen Leistungen“ (einer besonders schweren Form des Betrugs) sind die Zahlen 2025 wieder leicht auf 406 Fälle gesunken. 406!
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Anders bei CumEx und CumCum. Keine Prolls. Hier betrügt in aller Öffentlichkeit die feine Gesellschaft: Es gibt ca.1.800 Beschuldigte, in etwa 4000 Fällen könnten Verdächtige inzwischen die Spuren verwischen. Grosses Gelächter: Bislang wurden etwa 40 Beschuldigte angeklagt und 24 verurteilt. Die Damen und Herren amüsieren sich köstlich. Sie lieben ihren Staat, den sie weiterhin ausnehmen können wie eine Weihnachtsgans.
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CumEx für den schwäbischen Hausmann: Wenn der im Supermarkt Pfandflaschen abgibt, bekommt er einen Pfandbon. Im Copyshop um die Ecke kopiert er den dann einmal, zehnmal oder hundertmal – geht zurück zur Supermarktkasse und holt sich das Pfandgeld für Flaschen, die er nie hatte. Clever. So einfach funktioniert CumEx.
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Es ist kein raffinierter Trick ohne Opfer, sondern die organisierte Ausplünderung öffentlicher Mittel unter dem Deckmantel komplizierter Finanzgeschäfte. Genauer? Ich wiederhole gern: Der erwiesene Schaden für den Staat durch CumEx & Co KG beträgt allein in Deutschland auf 40 Milliarden Euro (2000–2020), in Europa mindestens 150 Milliarden Euro. Oder so. Es kommt ja nie auf die eine oder andere Milliarde an. Und es st wie beim Bürgergeld: Die neuen CumEx-Files-Recherchen zeigt, dass die Methoden fortbestehen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 21 May 2026 12:33:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Zum Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen: Warum wir Lohnarbeit ablehnen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/zum-kampf-und-feiertag-der-arbeitslosen-warum-wir-lohnarbeit-ablehnen-009680.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Lohnarbeit hat die Erde dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. An den Rand des Abgrunds, aber mit einem Bein schon drinnen und immer fröhlich weiter.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/fuck_work_w.webp><p><small>Ein Mann geht von einer Fabrik weg, grüßt mit dem Hut und sagt: "FUCK WORK"  Foto:  PD</small><p><b>Hi, ich bin von BASTA, der Erwerbsloseninitiative und auch wir haben eine Meinung zur Lohnarbeit: Arbeit ist scheisse!</b>
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Wir alle wissen, durch das Arbeiten wird niemand reich, nur durch Erben wird man reich. Aber was erben unsere Kinder von uns? "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen" heisst es ja und jetzt übergeben wir den Kindern diesen Planeten, der nicht mehr ist, als ein vergifteter, abgebrannter Haufen Scheisse!
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"Macht euch die Erde untertan" steht in der Bibel und das hat der Mensch dann auch gemacht und die Erde ausgebeutet. Durch Lohnarbeit. Erst durch einfache körperliche Arbeit und später dann mit maschineller Unterstützung. Bis dann in der industriellen Revolution die Ausbeutung der Erde durch Arbeit industrielle Züge annahm. Die protestantische Arbeitsethik unterstütze und forcierte das Ganze. Immer effektiver und rationeller. Immer schneller! Immer schneller! Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Menschen haben den Planeten wörtlich kaputt-gearbeitet.
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Das ist ein Grund mehr, warum wir gegen Lohnarbeit sind. Nicht nur, weil wir Bequemlichkeit und Faulheit lieben, sondern auch weil Lohnarbeit eben nicht nur einzelne Menschen kaputt macht und deren Leben zerstört, sondern weil Arbeit die Gesellschaft und die ganze Erde zerstört. Ob Ölförderung, Fracking, die Förderung seltene Erden, Abholzung der letzten Urwälder, oder Monokulturen und intensive Landwirtschaft, ob Weichmacher, Ewigkeitschemikalien oder Serverfarmen, Batteriefabriken, sie alle verbrauchen sauberes Trinkwasser und produzieren CO₂, sie machen die ganze Umwelt kaputt.
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Dann gibt es noch diese Jobs: Menschen bombardieren, auf Menschen schiessen, Gefangene beaufsichtigen, Hilfesuchende an der Grenze zurückschieben, Menschen abschieben, Menschen verwalten, Racial Profiling machen, in den Öffis rummackern, Jugendliche im Park auf die Nerven gehen. Alle diese Tätigkeiten sind als angeblich sinnvolle Arbeit anerkannt und es gibt Geld für sie. Aber sie machen die Gesellschaft mehr kaputt, als das sie helfen. Was wir als Basta! und viele Andere machen: Sozialberatung, Gegenseitige Hilfe, Care-Arbeit, das gibt kein Geld, das wird nicht entlohnt. Wir schaffen eben nicht den berühmten Mehrwert, sondern unsere Solidarität ist dem System noch ein Dorn im Auge, wie man an unserer Razzia ja sehen kann.
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<b>Lohnarbeit hat die Erde dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. An den Rand des Abgrunds, aber mit einem Bein schon drinnen und immer fröhlich weiter.</b>
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Wenn wir unter Lohnarbeit alles zusammenfassen, was der Mensch der Erde aus Profitstreben angetan hat, kann man sagen: Lohnarbeit hat den Planeten zerstört! Und Lohnarbeit zerstört die Gesellschaft! Und Lohnarbeit zerstört die einzelnen Menschen! Arbeit ist Übel. Arbeit ist Leid. Arbeit richtet die Menschen physisch und psychisch zugrunde.
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<b>Ich sehe es als unsere Pflicht als Menschen, Lohnarbeit abzulehnen und gegen sie zu kämpfen! Deswegen sind wir heute hier zusammen auf der Strasse, um gemeinsam zu sagen: Lohnarbeit ist Scheisse, besser geht es ohne sie!</b><p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 21 May 2026 08:54:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Heraus zum 14. Juni! Feministisches Kollektiv Baselland startet Kampagne für den Carestreik 2027]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/heraus-zum-14-juni-feministisches-kollektiv-baselland-startet-kampagne-fuer-den-carestreik-2027-009682.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine feministische Gruppe hat am 14. Mai in Liestal Statuen mit violettem Stoff umhüllt und so symbolisch verschönert. Die Aktion macht sichtbar, was im öffentlichen Raum oft unsichtbar bleibt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/photo_5778498933788184729_w.webp><p><small>Feministisches Kollektiv Baselland macht mit ihrer Aktion auf Carearbeit und strukturelle Benachteiligung aufmerksam.  Foto: zVg</small><p>Frauen und genderqueere Personen prägen unsere Gesellschaft entscheidend mit; im Stadtbild sind sie jedoch kaum präsent. Das Stadtbild in Liestal ist bis heute stark von männlichen Figuren geprägt. Gleichzeitig sind auch politische Institutionen wie der Landrat und der Regierungsrat, die beide in Liestal tagen, weiterhin mehrheitlich männlich besetzt.
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„Unsere Aktion stellt deshalb infrage, wer sichtbar ist, wer repräsentiert wird und wessen Geschichten erzählt werden”, sagt das Kollektiv.
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Mit der Aktion macht das Kollektiv auf den feministischen Streik vom 14. Juni aufmerksam und ruft bereits ein Jahr zuvor zum grossen schweizweiten Carestreik 2027 auf.
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In einem Monat, am 14. Juni, findet auch in Liestal ab 11.00 Uhr eine feministische Veranstaltung statt. Gemeinsam stimmen sich die Streikenden auf den Carestreik 2027 ein und nehmen symbolisch auf Liegestühlen im Stedtli Platz.
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Das Ausruhen steht dabei nicht für Passivität, sondern für eine politische Botschaft. Ausruhen von täglich geleisteter, unbezahlter Carearbeit. Ausruhen von sexualisierter, physischer, psychischer und digitaler Gewalt. Ausruhen von gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen und genderqueere Personen noch immer benachteiligen.
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Der feministische Streik macht sichtbar, was unsere Gesellschaft täglich zusammenhält und trotzdem oft übersehen wird. „Carearbeit und emotionale Arbeit tragen unsere Gemeinschaft. Ohne sie funktioniert unsere Gesellschaft nicht und trotzdem erhält sie viel zu wenig Wertschätzung”, betont das feministische Kollektiv.
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Das Denkmal ist - im doppelten Sinne- überfällig. Das feministische Kollektiv ruft zur Mobilisierung auf: „Heraus zum 14. Juni!“<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 20 May 2026 10:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Gewalt gegen Frauen ist kein Versehen: Warum der Kapitalismus patriarchale Gewalt reproduziert]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/gewalt-gegen-frauen-ist-kein-versehen-warum-der-kapitalismus-patriarchale-gewalt-reproduziert-009416.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In Krisenzeiten kommt es zu einem Anstieg von Gewalt gegen Frauen, das ist kein Geheimnis. Umso wichtiger werden Frauenhäuser als unverzichtbare Schutzräume. Denn die Täter kommen bei einem Femizid oftmals aus dem eigenen Umfeld.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Arnum_Femizid_Wohnhaus_Trauerstelle_b_w.webp><p><small>Erinnerungsstelle vor einem Wohnhaus in Arnum zur Tötung einer 26-jährigen Frau durch einen 31-jährigen Wohnungsnachbarn im Juli 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arnum_Femizid_Wohnhaus_Trauerstelle_b.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nifoto</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Sie fühlen sich gekränkt, wollen ihre Macht demonstrieren und greifen zu Gewalt, um ihre Rolle als Mann in der Familie zu verteidigen. Rund 50.000 Frauen und Mädchen weltweit sind im vergangenen Jahr von Partnern oder Familienangehörigen getötet worden. 2023 wurden in der BRD 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten (+1,0 Prozent, 2022: 929). Dies entspricht einem Anteil von 32,3 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten. Ausserdem ereignet sich nicht mehr „nur” alle zwei Tage ein Femizid, sondern mittlerweile fast täglich. Frauen und Mädchen werden in Deutschland ca. alle 3 Minuten Opfer häuslicher Gewalt. Denn: Häusliche Gewalt beginnt in der Regel nicht erst mit einer Tötung, oftmals geht dieser schon psychische Gewalt, Kontrolle über die Selbstbestimmung der Betroffenen und natürlich auch körperliche Gewalt bevor.

<h3>Mangel an Schutz</h3>

Einige wenige Hilfsangebote, die uns der bürgerliche Staat in Deutschland zugesteht, sind Frauenhäuser. Doch denen mangelt es schlichtweg an Plätzen für die Betroffenen. Bundesweit stehen nur 7.700 Plätze zur Verfügung, während der Bedarf – laut Istanbuler Konvention – bei 21.000 liegt. Demnach müssen tagtäglich Schutzsuchende abgewiesen werden: In einer kürzlich veröffentlichten Kostenstudie gaben die befragten Frauenhäuser für das Jahr 2022 an, dass sie 10.114 Frauen mit Kindern und 6.268 Frauen ohne Kinder aufgrund von Platzmangel abweisen mussten. Hinzu kommt die problematische Finanzierung, diese ist nicht flächendeckend geregelt, sondern je nach Region unterschiedlich.
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Das führt z. B. dazu, dass Frauen und Mädchen, die keine Sozialleistungen oder Bürger:innengeld beziehen, oftmals dazu gezwungen sind, die Kosten selbst zu tragen. Mehr als jede vierte Frau musste 2023 ihren Aufenthalt im Frauenhaus teilweise oder vollständig selbst bezahlen. Dabei variieren die Kosten je nach Region von 10–150 Euro pro Tag und Person. Das betrifft besonders häufig ohnehin marginalisierte Gruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund, arme Frauen oder Studierende und führt dazu, dass diese sich zunehmend verschulden. Zusätzlich gilt der Aufenthalt im Frauenhaus auch als Armutsrisiko: Nach dem Frauenhausaufenthalt stehen zwei Drittel (65 %) der ehemaligen Bewohner:innen im SGB-II-Leistungsbezug. Vor dem Aufenthalt waren es nur 38 %. Die Statistik für 2023 zeigt zudem, dass während des Frauenhausaufenthaltes der Anteil von erwerbstätigen Frauen von 23 % auf 15 % zurückging.

<h3>Was macht die Regierung (nicht)</h3>

Trotz dessen, dass am 14. Februar 2025 das Gewalthilfegesetz vom Bundeskabinett beschlossen wurde, lassen die versprochenen Hilfeleistungen auf sich warten. Durch das Gesetz gibt es zwar einen Rechtsanspruch auf eine kostenfreie und bedarfsgerechte Hilfe oder Beratung für Gewaltbetroffene sowie eine gesicherte Finanzierung, an der sich der Bund beteiligt. Doch problematisch bleibt nach wie vor: Der Rechtsanspruch wird wohl erst 2032 in Kraft treten (!). In den nächsten 7 Jahren werden also weitere Betroffene abgewiesen werden müssen. Ausserdem sieht der Rechtsanspruch zwar ein Anrecht auf Hilfe vor, aber keinen Anspruch auf einen Platz in einem Frauenhaus. Zugleich bedeutet das, dass künftig keine Einrichtung gezwungen sein wird, eine bestimmte Frau aufzunehmen. Inter und trans Personen sind ausserdem vom Gewalthilfegesetz nicht geschützt.
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Zusätzlich haben wir es in der Krise natürlich mit Kürzungen zu tun, so weit wie das Auge reicht. Die Haushaltskürzungen der Berliner Landesregierung geben hierbei einen Vorgeschmack, wie es aussehen kann. Diese haben vor allem Kultur-, Sozialprojekte und Infrastruktur getroffen, was wiederum bedeutet, dass a) Einsparungen und Kürzungen vor allem in Branchen stattfinden, in denen vermehrt Frauen arbeiten, und b) Reproduktionsarbeit systematischer ins Private gedrängt wird, was somit die Doppelbelastung für Frauen steigert. Während also formal ins Koalitionspapier lose Versprechungen getippt wurden, wird die materielle Basis, diese zu erfüllen, unterhöhlt.
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Ähnlich verhält es sich mit dem Ziel, Frauen vor Gewalt besser zu schützen, während gleichzeitig Beratungsstellen wegfallen oder Frauen sich nicht trennen können, weil man dazu Geld braucht, dieses aber durch Kürzung, Kündigung oder Unterbezahlung nicht ausreicht.
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Auch die Abtreibung wird unter dem Kabinett Merz nicht legalisiert und das obwohl der Hauptgrund – zumindest in den USA, für Deutschland existieren solche Untersuchungen nicht – für den Tod von Frauen während oder direkt nach der Schwangerschaft ein Femizid ist (Wallace et al. 2021).
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Die Situation wird sich in den nächsten Jahren also erst mal weiter verschärfen. Auch bei der versprochenen Umsetzung des Gewalthilfegesetztes sollte klar sein: Solche Massnahmen bekämpfen lediglich Symptome, nicht jedoch die Ursache: ein System, das auf Profitmaximierung und geschlechtsspezifischer Ausbeutung basiert.

<h3>Warum es zu häuslicher Gewalt kommt</h3>

Um einen effektiven Weg zur Bekämpfung häuslicher Gewalt zu finden, muss erst einmal geklärt werden, wie es überhaupt dazu kommt. Kleinbürgerliche Feminist:innen versuchen, das entweder mit der Natur des Mannes oder der Rückschrittlichkeit der Kultur oder Klasse zu erklären, in welchen die Gewalt stattfindet. Als Marxist:innen ist uns bewusst, dass häusliche Gewalt nur mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse erklärt werden kann. Denn sie findet nicht ausserhalb der Gesellschaft statt, das Private ist nicht einfach unpolitisch, im Gegenteil: Häusliche Gewalt findet im Rahmen der bürgerlichen Familie oder einer ihr ähnlichen Beziehung statt, welche als Institution elementar für das Fortbestehen des Kapitalismus ist.
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Während die bürgerliche Familie in der herrschenden Klasse eine andere Funktion hat, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, übernimmt sie in der Arbeiter:innenklasse wesentliche Aufgaben zur Reproduktion der Klasse selbst und somit letztendlich auch des Kapitalismus. Denn hier findet die Reproduktion der Ware Arbeitskraft statt, was alle Tätigkeiten meint, die notwendig sind, damit die Arbeitenden am nächsten Tag wieder am Arbeitsplatz erscheinen und ihrer Arbeit nachgehen können. Darunter zählt also Kochen, Putzen, Wäsche Waschen, aber auch emotionale Sorgearbeit. Auch die Erziehung von Kindern fällt mit unter diese Kategorie, damit sich so die Arbeiter:innenklasse als Ganze neu reproduzieren kann.
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Um eine für das Kapital so günstig wie mögliche Reproduktion durchzusetzen, wird diese ins Private gedrängt. Die Arbeiten werden vor allem von Frauen unentlohnt verrichtet. Dies bildet die Basis für reaktionäre Rollenbilder, sodass diese ihrerseits stetig zur Reproduktion der geschlechtlichen Arbeitsteilung beitragen. Das beginnt schon im Kleinkindalter durch Sozialisierung und erstreckt sich über das ganze Leben.
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Die Familie existierte aber nicht schon immer, sondern entwickelte sich über die Klassengesellschaften zur heutigen Form hin und die konkrete Ausprägung heutzutage ist von der jeweiligen Gesellschaftsverfassung abhängig. Im Allgemeinen gilt der Mann als Ernährer der Familie, wohingegen die Frau als Hausfrau tätig wird. Das ist natürlich ein Ideal, was besonders für die Arbeiter:innenklasse schwer zu erreichen ist, jedoch zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs zumindest für die bessergestellten Schichten der Lohnabhängigen ansatzweise etabliert werden kann. Zugleich wird sowohl mit der Expansion des Kapitalismus wie auch in der Krise die ökonomische Basis der lohnabhängigen Familie massiv unterhöhlt.
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Betrachten wir Deutschland, so geht es vor allem um die Auswirkungen der Krise. Die Frauen müssen auch Lohnarbeit nachgehen, um die Existenz der Familie abzusichern, während gleichzeitig der Lohn des Mannes nicht mehr zu deren Ernährung ausreicht. Hinzu kommen Angriffe auf die Rechte der Arbeiter:innenklasse und die sozialen Absicherungen wie Sozialleistungen oder Krankenkassen (siehe Änderungen bzgl. Arbeitslosengeld des Kabinetts Merz und die Diskussionen Krankheitstage nicht mehr zu bezahlen und mehr medizinische Behandlungen selbst übernehmen zu müssen), um die Profite des imperialistischen Finanzkapitals zu sichern und dem Fall der Profitraten entgegenzuwirken. Solche Krisen sind ein Kennzeichen für die Periode, in welcher wir uns aktuell befinden.
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Die Krise der Familie bildet also die strukturelle Grundlage der Gewalt gegen Frauen in der Arbeiter:innenklasse innerhalb von Familien oder partnerschaftlichen Beziehungen, welche der Familie ähneln. Denn durch diese hat der Mann das Problem, dass er der Rollenerwartung als Ernährer der Familie nicht mehr nachkommen kann, während die Frauen einerseits in die Lohnarbeit gezwungen werden und andererseits aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, in welchem sie oft tätig sind, nicht die Möglichkeit haben, dem Täter zu entfliehen. Dieses widersprüchliche Verhältnis zwischen Idealbild, Geschlechterrolle und Notwendigkeit der Integration in den Arbeitsmarkt ist nicht im Rahmen des Kapitalismus aufzulösen und sorgt letzten Endes in seiner Unabdingbarkeit und Perspektivlosigkeit auch dafür, dass die extremste Form der häuslichen Gewalt, der Femizid, zu Tage dringt. Somit kann sich der Täter noch ein letztes Mal über das Opfer stellen.
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Durch diese Analyse wird also auch klar, warum die herrschende Klasse gar kein Interesse hat, grundlegend gegen häusliche Gewalt vorzugehen, denn auf der einen Seite gehört die Einsparung im Sozialsicherheitssystem schliesslich zum Rettungsschirm des Finanzkapitals und auf der anderen Seite müsste sie sonst die Institution der bürgerlichen Familie angreifen, welche zu den Grundfesten des kapitalistischen Systems gehört. Des Weiteren ist es auch im Sinne der herrschenden Klasse, wenn Frauen auch in ihrer Familie unterdrückt bleiben und sich nicht von ihren Geschlechterrollen zu befreien versuchen.
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Diesen Punkt kann man gut erkennen an den Teilen der herrschenden Klasse Deutschlands, welche an der bürgerlichen Familie festhalten wollen, indem sie diese verstärkt propagieren, die Ehe als heilig zwischen Mann und Frau ansehen, Abtreibungen z.B. nicht legalisieren wollen und Beratungsstellen einfach wegkürzen. Besonders deutlich sieht man es natürlich auch an Merz persönlich, der im letzten Jahrhundert noch dagegen stimmte, dass die Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat ist und heutzutage nur auf die „antisexistische“ Tränendrüse drückt, wenn es gilt, Migranten zu diffamieren.  Diese Analyse macht auch klar, warum besonders die Ärmsten und am stärksten unterdrückten Teile der Arbeiter:innenklasse von jener Gewalt betroffen sind.
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Gegen die immer weiter ansteigende Krise und die Gewalt gegen Frauen müssen wir uns organisieren und protestieren. Klar ist aber, dass diese Proteste nicht bei dieser einen Frage stehen bleiben dürfen. Es gilt, eine breite Massenbewegung aus Frauen, Lohnabhängigen, und sozial Unterdrückten aufzubauen, welche für klare Forderungen und ein klares Programm hinsichtlich der Unterdrückung von Frauen und LGBTIA+-Personen eintritt. Hierbei müssen auch die Gewerkschaften aufgefordert werden, sich zu beteiligen. Des Weiteren darf diese Bewegung auch nicht im nationalen Rahmen stehen bleiben, sondern muss international aufgebaut werden. Diese Forderungen könnten sein:

<ul class="liste">
<li class="liste">Beendigung der Gewalt gegen Frauen und die LGBTIA+-Gemeinschaft! Wir müssen freie Frauenhäuser, Hilfs- und Selbstverteidigungskomitees gegen Femizid, Genitalverstümmelung, häusliche und andere Formen von Gewalt organisieren.</li>
<li class="liste">Volle reproduktive Rechte und körperliche Selbstbestimmung für alle, überall! Alle Frauen sollten Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln und Abtreibung auf Verlangen haben. Frauenhäuser müssen vom Staat finanziert, aber von den Frauen selbst verwaltet werden.</li>
<li class="liste">Gleicher Lohn für Frauen! Für einen Mindestlohn und Renten, die Frauen ein unabhängiges Leben ohne Armut ermöglichen! Kampf gegen Preissteigerungen bei Wohnen, Energie und Waren des täglichen Bedarfs – für eine gleitende Skala bei Löhnen, Renten und Arbeitslosengeld, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken!</li>
<li class="liste">Massive Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Dienste von angemessener Qualität und kostenlos für alle als Schritt zur Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit!</li>
<li class="liste">Lasst die Kapitalist:innen und die Reichen zahlen, um gleiche Rechte und gleichen Lohn zu gewährleisten!</li>
</ul>

Natürlich dürfen wir uns aber auch keine Illusion machen, dass wir patriarchale Gewalt im Kapitalismus einfach wegreformieren könnten. Es gilt, den Kapitalismus mitsamt seinen Institutionen zur Unterdrückung von Frauen, LGBTQIA-Personen und der Arbeiter:innenklasse zu zerschlagen und für eine solidarische Gesellschaft auf Basis von vergesellschafteter und demokratisch geplanter Produktion und Reproduktion sowie Rätemacht einzutreten. Das heisst auch, dass das Ideal der bürgerlichen Familie dann das Zeitliche gesegnet hat und sich Rollenbilder auflösen werden dadurch, dass die Reproduktionsarbeit bspw. durch gemeinsame Mensen und Waschküchen vergesellschaftet wird.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf arbeiterinnenmacht.de</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 18 May 2026 10:32:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/gewalt-gegen-frauen-ist-kein-versehen-warum-der-kapitalismus-patriarchale-gewalt-reproduziert-009416.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Metamorphosen der Ware: Abstraktionen des Tuns]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/metamorphosen-der-ware-abstraktionen-des-tuns-009378.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wir leben in einem Universum der Ware. Wo das Universum die Lebensbereiche nicht formell unterwirft, tut es das materiell oder ideell. Das gilt auch für umfangreiche Haushaltstätigkeiten, für Erziehung, Sorge oder Pflege.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/14664421827_b811057378_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/14664421827/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Wir denken alle Gegenstände und Sachen, alle Abläufe, Beziehungen, Konfrontationen analog zur Ware, wenn nicht überhaupt als Ware. Auch Kunstwerken oder anderen Unikaten, die streng genommen keine Waren sind, pfropfen wir diesen Charakter geradezu selbstverständlich auf, indem wir sie bewerten und bezahlen. Was einen Preis erzielt, muss auch einen Wert haben und daher eine Ware gewesen sein, so der tautologische Schluss, der den Marktteilnehmern aber keinerlei Probleme bereitet.
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Der reduzierte Alltagsverstand versteht unter Ware Ding für Geld oder Geld für Ding. Diese Auffassung genügt, um am Markt adäquat aufzutreten. Mehr braucht er nicht zu wissen, mehr braucht er nicht zu erfahren, und mehr weiss er auch nicht. Ideell sind ihm die Prozesse der Formierung eines Produkts zur Ware fremd, obwohl er sie reell zu handhaben versteht. Die Ware jedoch ist Prozess, nicht Ding.
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Waren werden für den Markt produziert, sie sind Handelswaren. Ihr Zweck als Gebrauchswert ist nur wichtig, weil er Träger des Tauschwerts ist. Wenn wir die Ware anschauen, sehen wir sie als tote Arbeit, nicht als lebendiges Tun, ohne die sie sich nicht etablieren könnte. Das Tote erscheint so, als sei es kein Gewordenes, es tut so, als sei es lediglich ein Gegenstand mit einem Preis.

<h3>Eins, obwohl zwei</h3>

Nicht nur der Gebrauchswert ist Träger des Tauschwerts, es ist auch der Tauschwert Träger des Gebrauchswerts. In der Ware tragen sie sich gegenseitig. Diese Balance kann nicht gestört werden, ohne dass die Ware zerstört wird. Die Ware ist jenes eigentümliche Produkt, in dem Gebrauchswert und Tauschwert zu einer Einheit mobilisiert werden, geradezu verschmelzen. Nur in der Ware wird Gebrauchswert auch Tauschwert.
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Aber: In der Ware findet nicht der Gebrauchswert zum Tauschwert, sondern in der Ware finden Gebrauchswert und Tauschwert zueinander. Die Ware erweitert den Gebrauchswert also nicht, sie etabliert ihn erst. Nur in der Warengesellschaft gilt ein Tisch mehr als ein Tisch. Wäre der Tisch nur Tisch, wäre er und hätte er nicht einmal Gebrauchswert, er wäre ein profanes und hilfreiches Stück, das keine gesonderten Oberbegriffe oder Kategorien benötigte. Die Frage nach einem Gebrauchswert oder einem Tauschwert stellte sich erst gar nicht.
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Der Satz: „Die Ware setzt sich aus Gebrauchswert und Tauschwert zusammen“, ist daher streng genommen falsch. Der Satz: „Die Ware ist ein Gebrauchswert und hat einen Tauschwert“, ist naheliegend, aber ebenso irreführend. In der Ware, die so Marx, die „Elementarform“ (MEW 23, S. 49) bereits darstellt, sind sie eins, nicht bloss einträchtig oder gar zusammengefügt. Verschwindet der Gebrauchswert, ist der Tauschwert nichtig.
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Verschwindet der Tauschwert, ist der Gebrauchswert überflüssig. Der Gebrauchswert bleibt also nicht übrig, in keinem Szenario würden wir von einem ledigen Gebrauchswert sprechen. Die Geschichte der Dinge ist nicht so zu interpretieren, dass hier einem ewigen Gebrauchswert ein kapitalistischer Tauschwert übergeordnet wurde, resp. dieser jenen unterworfen habe. Sie sind vielmehr ineinander als Ware entstanden und heben nur jeweils einen bestimmten Aspekt hervor. In der Ware sind beide keine eigenständigen Segmente, sondern bloss zugeordnete Inkremente.
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Das Leben der Ware besteht in ihrer Verwertung. Für diese ist jene geschaffen. Waren werden als Waren produziert, als Waren zirkuliert und als Waren konsumiert. Die Lebenszeit der Ware umfasst alle Metamorphosen ihres gesamten Verwertungsprozesses. Auch Momente der In-Wert-Setzung oder der Bewertung gehören hier dazu. Wir sind Teil der Metamorphosen. Dieser Prozess beginnt schon vor der Produktion als Ahnung und Überlegung, als Vorhaben und Planung; und läuft aus erst mit den Nachwehen der Konsumtion (Müll, Umweltzerstörung, Krankheiten). In seiner Gesamtheit ist er nicht enden wollend. Er ist permanent und will, weil muss, wachsen.

<h3>Abstraktionen des Tuns</h3>

Arbeit, die zur Ware führt, ist stets privat, aber immer auf die Allgemeinheit bezogen. Die Ware repräsentiert allgemeine Arbeit, die in der Produktion geleistet wird, sowohl die abstrakte allgemeine als die konkrete allgemeine. Sowohl der Gebrauchswert als auch der Tauschwert sind letztlich die auf den Markt bezogene konkrete und abstrakte Sequenz der Ware. Der Charakter der Lohnarbeit ist sowohl vereinzelt als auch eingebettet, sowohl privat als auch allgemein. „Die Arbeit, die sich im Tauschwert darstellt, ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten Einzelnen. Gesellschaftlich wird sie dadurch, dass sie die Form ihres unmittelbaren Gegenteils, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt.“ (MEW 13, S. 21.) Und: „Während die Tauschwert setzende Arbeit abstrakt allgemeine und gleiche Arbeit, ist die Gebrauchswert setzende Arbeit konkrete und besondere Arbeit, die sich der Form und dem Stoff nach in unendlich verschiedene Arbeitsweisen zerspaltet.“ (MEW 13, S. 23.)
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Während konkrete Arbeit sich ausdifferenziert, formiert abstrakte Arbeit die Integration. Erstere ist gar vieles, letztere ist nur eins. Die dahingehend dechiffrierte Arbeit im Kapitalismus schafft in den Waren Gebrauchswerte und Tauschwerte. Sie ist sowohl abstrakt als konkret, privat wie gesellschaftlich, besonders wie allgemein. So arbeitet der Arbeiter dem Tauschwert nach für sich, dem Gebrauchswert nach für die Gesellschaft.
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Der Doppelcharakter der Arbeit findet so in der Ware seinen Niederschlag. Die Ware findet Erfüllung nicht in ihrer materiellen Fertigstellung, sondern in ihrer Akzeptanz am Markt als Tausch- und Handelbares, als Verkaufbares und schliesslich als Verkauftes. Tauschwerte sind Konsequenz allgemeiner abstrakter Arbeit. Nur dieses abstrakt Allgemeine lässt sich vergleichen und letztlich gleichsetzen (=äquivalieren). „Als gleichgültig gegen den besondern Stoff der Gebrauchswerte ist die Tauschwert setzende Arbeit daher gleichgültig gegen die besondere Form der Arbeit selbst. Die verschiedenen Gebrauchswerte sind ferner Produkte der Tätigkeit verschiedener Individuen, also Resultat individuell verschiedener Arbeiten. Als Tauschwerte stellen sie aber gleiche, unterschiedslose Arbeit dar, d.h. Arbeit, worin die Individualität der Arbeitenden ausgelöscht ist. Tauschwert setzende Arbeit ist daher abstrakt allgemeine Arbeit.“ (MEW 13, S. 17) Und weiter: „Als Tauschwert sind alle Waren nur bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit.“ (MEW 13, S. 18)
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In der Ware kombinieren sich Produktion und Zirkulation. Einmal geht es um die Herstellung von Gebrauchsartikeln für Andere, das andere Mal geht es um den Entäusserung konkurrenzfähiger Gegenstände auf dem Markt. Indes geht es aber um beides gleichzeitig, da kommt das Eine nicht hinter dem Anderen, und das Andere folgt auch nicht aus dem Einen. Das ist ein Vorgang und das ist ein Produkt. Aber sowohl Vorgang als auch Produkt, also Werden und Resultat, kennen zwei Bestimmungen. Die abstrakte allgemeine und die konkrete allgemeine Arbeit sind ein und derselbe Ablauf, sie müssen aber von uns analytisch unterschiedlich notiert und akzentuiert werden, um den Prozess und die Prozession der Ware (Produktion, Zirkulation, Konsumtion) besser verstehen zu können. In der Tätigkeit sind sie nicht zu scheiden, wohl aber in ihren gesellschaftlichen Bezügen. Das Selbe ist also nicht unbedingt das Gleiche. Beispiel:
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(A) Ich arbeite, um einen Tisch herzustellen und
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(B) Ich arbeite, um meine Arbeitskraft, ein Werkstück oder eine Dienstleistung zu verkaufen
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In der Beobachtung sind das zwar keine unterschiedlichen Vorgänge, aber Vorhaben, Anliegen, Ziele sind different.
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Gebrauchswerte sind Folge der auf die Allgemeinheit gerichteten konkreten Arbeit (meist Lohnarbeit, aber auch Tätigkeiten, die nur indirekt einfliessen): hämmern, tischlern, bauen, tragen, malen, schrauben u.v.m. Aber auch die konkrete allgemeine Arbeit ist nicht zu verwechseln mit der kruden Tätigkeit schlechthin. Noch einmal: Nur wenn ich einen Tisch für andere herstelle, die diesen über den Markt erwerben, können wir von einem Gebrauchswert sprechen. Bastle ich den Tisch für mich, für Verwandte oder Bekannte, aus rein ästhetischen Gründen oder für wohltätige Zwecke, dann ist dieser Tisch keine Ware, er hat weder Tauschwert noch Gebrauchswert. Beim konkreten Tun oder Machen ist also selbst zu unterscheiden, ob es sich um einen Akt für den Markt handelt oder nicht. Ist er frei von diesem Bezug, ist der Begriff eines Gebrauchswerts obsolet. Tun alleine schafft keinen Gebrauchswert, erst das Machen für den Markt konstituiert einen solchen wie die Ware überhaupt. Man kann den Tauschwert nicht einfach vom Gebrauchswert abziehen, ohne dass dieser mit verlustig ginge. Sie sind nur analytisch zu trennen, nicht faktisch.

<h3>Realisierung und Derealisierung</h3>

Was passiert nun am Markt? Am Markt erscheinen die Warenhüter (Besitzer oder legitimierte Vertreter) mit ihren Waren, um diese als solche zu legitimieren. Was sie anbieten, sind Waren. Am Markt tritt die Ware vorerst als Kandidatin ihrer selbst auf. Es ist nötig, den Abschluss eines Geschäfts zu tätigen oder zu vereinbaren. Anerkennung meint Tausch. Sei es Vertrag, sei es Rechnung, sei es mündliche Übereinkunft. Ein Zertifikat wird durch den Kauf explizit oder implizit ausgestellt. Die Ware hat sodann die Prüfung als Ware bestanden und ihren Zweck realisiert. Gelingt dies jedoch nicht, dann ist nicht der Gebrauchswert übrig geblieben, sondern die Ware ist Gerümpel, sie ist nichtig geworden. So müsste man daher die erste Aussage des Absatzes wohl dahingehend präzisieren und sagen: Was Warenhüter auf den Markt bringen, sind potenzielle Waren.
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Das Produkt wird zwar nicht erst Ware im Tausch, wenngleich, wird sie nicht gekauft, es um sie geschehen ist, sie nie zur Ware geworden und somit auch nie gewesen ist. Nie. Das Gespenstische der Ware besteht darin, dass man dem einzelnen Produkt als Gegenstand nicht ansieht, ob es Ware ist oder nicht. So kann das Produkt zwar als Ware unterwegs sein, wird es in seinem Auftritt am Markt allerdings disqualifiziert, ist es als Ware annulliert.
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Waren werden in der Zirkulation nicht nur realisiert, sie können dort auch derealisiert werden. Sie gelten dann als gefallene Produkte, als unnütze Erzeugnisse, verwandeln sich in Halde, Müll, Überschuss, müssen gelegentlich sogar vernichtet werden, sofern sie nicht willig verrotten. Sie werden zu Leichen des Kapitals, weggeworfen, verbrannt, vergraben. In der Derealisierung wird auch die Geschichte der einzelnen Waren gleich mit abgeschafft. Es wird nunmehr so getan, als hätte es sie als Ware gar nie gegeben. Auch das ist gespenstisch. Im Verwertungsprozess, der auch den Akt der Realisierung von Waren umfasst, schlägt Realisierung in Derealisierung, also Verwertung in Entwertung um.
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Vereinfacht ausgedrückt: Die Ware ist unverkäuflich und was unverkäuflich ist, ist keine Ware. Am Markt kann die Ware glücken oder verunglücken. Derealisierung meint, dass dieselben Produkte, die in der Produktion unzweifelhafte Resultate gewesen sind und somit Gegenstände für den Markt waren, einmal sich als Ware positivieren und das andere Mal sich negativieren.
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Somit wird aber nicht nur deren Wert, sondern die Ware selbst negiert. Der Markt bestimmt dann also, ob etwas gewesen ist, unabhängig davon, ob es gewesen ist. Der Daumen wird nach oben gestreckt oder nach unten gesenkt. Der kapitalistische Markt ist das Höchstgericht der Ware. Realisieren kann sich nur etwas Reales, realisiert es sich nicht, ist es aber nicht real gewesen. Das zu begreifen, ist nicht einfach, denn das stellt jeden kruden Begriff von Realität infrage.
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Die Ware stellt die Frage nach der Realität anders, als wir es gewohnt sind. In der Ware wird das Produkt indiskret, verliert Struktur und Statur, obwohl sich an der Sache und ihren Konturen nichts geändert hat. Es ist es und es ist es nicht. Als Ware ist es nur etwas, wenn etwas gegen etwas tauschbar ist. Die Realität verliert ihren Halt, wenn der Markt nicht will, d.h. im Sinne der Wertrealisierung funktioniert. Die Ware ist ein Buch mit tausend Rätseln.
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Die Bestimmung der Ware liegt im Kauf. Das ist das Ziel, auf das hingearbeitet wird. – Doch was heisst das? Wo kein Kauf, dort keine Ware? Derealisierung bedeutet: Die Ware tritt auf, um abzutreten. So entpuppt sich die Wettbewerbsfähigkeit genannte jeweilige Fälligkeit der Ware auf dem Markt des Öfteren als schiere Zufälligkeit. Wo kein Zufall, dort Abfall.
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Die Ware verstirbt, Tauschwert und Gebrauchswert kommen um. Der Markt als Retorte spricht damit eine grosse wie grobe Wahrheit der Warenwirtschaft an: Man produziert, um zu verkaufen, nicht um zu befriedigen. Das ist, betrachten wir diese depressive Einsicht genauer, eine grausame Offenbarung, die in Wirklichkeit auch permanent schreckliche Folgen zeitigt. Das bürgerliche System bellt daher auch unermüdlich alle seine bekannten Phrasen von Leistung und Standort, von Arbeitsplätzen, Wachstum und Kaufkraft, die allesamt Parolen eines verrückten Zustandes sind, in die Welt. Stets gilt es anzustacheln und zu suggerieren: Nur so geht es. Nur darum geht es.
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Was gewesen ist, kann ja in der Regel nicht mehr geändert werden. Die Metamorphosen der Waren sind jedoch jenseits solcher einfachen Wahrheiten. Diese desavouieren sie durch die Wirkungen auch im Nachhinein. Im Prozess einer scheiternden Verwertung wird auch die Vergangenheit korrigiert. Auch das ist gespenstisch. Der Markt entscheidet sodann nicht nur über die Gegenwart der Ware, er entscheidet auch über ihre Geschichte. Wird die Ware zwar als Ware produziert, aber nicht als Ware zirkuliert, dann wurde sie nicht als Ware produziert.
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Das ist paradox, aber wirklich. Ein Kuriosum sondergleichen: Es wird (und war bewusst) etwas hergestellt, das regelmässig scheitert. Es wird nicht produziert, weil das Produzierte gebraucht wird, sondern weil das Produzierte verkauft werden könnte. Die Widersprüche sind offensichtlich, und es sind selbst gemachte Widersprüche. Der Markt hat Macht über die Vergangenheit. Er sagt, ob sie zählt oder nicht. Der Markt ist fähig, das Werden einer Ware einfach in die Verwesung zu überführen. Sofern sie seine Kriterien der Verwertung nicht erfüllt, gilt sie als liquidiert. Der Markt ist nicht nur der grosse Richter, er ist auch der grosse Hinrichter. Wer auf seinen Waren sitzen bleibt, hat verloren.
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Verwertung ist oft heikel und delikat, sie beschreibt keinen obligaten Prozess, sondern einen, der auch immer an sein negatives Ende, in den Mahlstrom der Entwertung geraten kann. Der Kaufakt ist somit ein streng dezionistischer Akt. Über das Schicksal der Ware, so auch der gemeine Wille der Vertragspartner, wird eindeutig entschieden. Wird sie in den Himmel des Warenuniversums aufgenommen oder in der Hölle der Vernichtung hinabgestossen. Das ist eine Frage ums Ganze, um Sein oder Nichtsein, eine Frage, die keine Nuancen duldet.
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Man sieht dem Produkt zwar an, welch Gebrauchswert es geworden ist, man sieht ihm aber nicht an, wieviel es als Tauschwert erwirtschaften kann, geschweige denn, ob es ein solcher überhaupt werden wird. Erzielt es keinen Tauschwert, dann ist es auch seines Gebrauchswerts entledigt. Abermals sind wir im Geisterhaus. Gespenstisch meint, dass etwas da ist und eben nicht da ist, dass etwas da war, aber schon wieder fort ist. Schlussendlich kann die Produktion nur wertförmig gewesen sein, wenn sich der Wert in der Zirkulation bestätigt.
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Ohne Realisierung ist etwas nicht real gewesen, auch wenn es tatsächlich stattgefunden hat. „Für die Zirkulation des Warenkapitals W' – G' sind bestimmte Schranken durch die Existenzform der Waren selbst, ihr Dasein als Gebrauchswerte gezogen. Sie sind von Natur vergänglich. Gehn sie also innerhalb gewisser Frist nicht in die produktive oder individuelle Konsumtion ein, je nach ihrer Bestimmung, werden sie, in andren Worten, nicht in bestimmter Zeit verkauft, so verderben sie und verlieren mit ihrem Gebrauchswert die Eigenschaft, Träger des Tauschwerts zu sein. Der in ihnen enthaltene Kapitalwert, resp. der ihm angewachsne Mehrwert, geht verloren.“ (MEW 24, S. 130)
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Die Ware muss in der Warenproduktion produziert werden. In der Zirkulation kann sie jedoch bloss verkauft werden, sie muss nicht. Auch wenn das Ziel jedes Warenbesitzers nur in der Veräusserung liegen kann, heisst das ja nicht, dass das angestrebte Ziel auch erreicht wird. Vorhaben und Ergebnis sind nicht eins. Die Herstellung der Ware ist nur eine nötige Voraussetzung der Ware, aber keine ausreichende Bedingung. Die schräge Quintessenz wäre demnach: Waren können in der Produktion sowohl hergestellt werden als auch nicht, obwohl sie hergestellt worden sind. Verkaufte Produkte der selben Serie unterscheiden sich von unverkäuflichen der selben Serie auf den ersten Blick überhaupt nicht – wohl aber im fehlenden Absatz. Die Produktion kann nie sicher sein, ob die Zirkulation ihre Wünsche erfüllt. In der BWL fällt das dann unter die Rubrik mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Das hört sich trivialer an als es ist.

<h3>Exkurs zum Tausch</h3>

Von Tausch sprechen wir hier, wenn Geben und Nehmen als äquivalenter Stoffwechsel fungieren, wenn Reziprozität eingefordert und eingelöst wird. Wenn sie als feste Beziehung gleicher Werte in Erscheinung treten und ehern aneinandergeknüpft sind. Nicht jede gegenseitige Transaktion ist daher ein Tausch, sondern nur eine solche, bei der beide Seiten als gleichwertige und gleichgültige aufeinandertreffen und den Platz wechseln. Im Akt des Tausches wird von seinen Inhalten abstrahiert und auf ein gemeinsames Quantum geronnener Arbeit, also Wert geschlossen.
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Ob diese Rechnung heute noch stimmig ist und aufgehen kann, ist da schon eine andere Frage. Tatsächlich orientieren wir uns aber nach wie vor gefühlsmässig an dieser Abstraktion. Der „Philosophie des Tauschs“ liegt ein „Wie du mir, so ich dir“ zugrunde. Tauschen koppelt das Geben an ein Nehmen, Ausgabe und Einnahme sollen sich in den Transaktionen die Waage halten. Tauschen setzt Gleichheit und Gerechtigkeit als Selbstverständlichkeiten voraus, nicht nur auf der ideellen Ebene. Das, was man gibt, soll auch zurückgegeben, also entsprechend erwidert werden. Dies ergibt allerdings nur Sinn, wenn es zwar gleich ist, nicht aber wenn es dasselbe ist, es muss also von Gegenständen und Leistungen abstrahiert werden. Schuhe werden nicht gegen Schuhe getauscht, das wäre sinnlos. Wir tauschen Unterschiedliches als Gleiches, keinesfalls dasselbe.
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Der Tausch veranlasst uns, sich in ihm gleichsetzen, also zu äquivalieren. Der Tausch stellt sich als Gleichung dar: Gebrauchswerte wechseln den Träger, indem sie als Tauschwerte gleichgesetzt werden. In der rituellen Abgleichung geht es darum, im Vergleich ein Gleichnis zu erzielen und für Begleichung zu sorgen. Das klingt so kompliziert wie es ist, es erscheint aber überhaupt nicht so, weil wir durch ständige Übung des Geschäfts darauf abgerichtet sind. Die Komplexität des Vorganges ist nicht auffällig, dieser Vorgang ist vielmehr stets fällig. Das ganze Universum von Bezahlung, Schuld, aber eben auch Gerechtigkeit und Gleichheit steckt im Tausch.
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Die Substanz unserer Handlungen konzentriert und entfaltet sich in ihm. Dieses Modell wurde nicht entworfen, sondern es hat sich über die Praxis der gesellschaftlichen Kommunikation, insbesondere der Geschäfte durchgesetzt. Wir konstruieren es hier also retrospektiv. Wir verwandeln dessen Setzungen in Sätze oder Grundsätze, die zwar weniger gedacht, aber dafür umso entschiedener berechnet und ausgeführt werden. Wir gehorchen ohne Befehl, wir gehorchen blind.
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Und es ist bei alledem nicht nur die Ökonomie gemeint, nein unser ganzes Handeln und Agieren, Denken und Fühlen folgt diesen alltäglichen Konventionen. Wir bewegen uns im Koordinatensystem des Tauschs, wir verweigern uns ihm nicht, wir schreien allesamt nach Erfüllung. Das ist der Horizont, der uns vorgegeben ist und der uns begrenzt, ein Horizont, den wir nicht überschreiten können, weil wir ihn gar nicht als Rahmen oder gar Gefängnis erkennen. Dieser Horizont markiert unser Kontinuum.
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Das Kontinuum gleicht einer Matrix, die uns nicht loslässt, sondern fest im Griff hat. Wir spüren diesen Griff, aber wir spüren ihn nicht als Übergriff, weil er einfach nur Synthesis ist und Automatik. Und doch liegt genau hier und nur hier, d.h. in der Negation, der Schlüssel zur Emanzipation der Menschheit. Im Auszug aus der Matrix, in der bewussten Überwindung der Form. Um nichts weniger geht es. Es geht also um alles. Noch immer und schon wieder.<p><em></em><p><small>Zuerst erschiene auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 15 May 2026 09:19:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Zuerst unsere Jobs, dann eure Profite: Würdigung einer historischen Forderung]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/zuerst-unsere-jobs-dann-eure-profite-wuerdigung-einer-historischen-forderung-009675.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Och…das klingt nach einer freundlichen, fast liebevollen Bitte, oder? Macht eure Profite in Gottes Namen, aber denkt doch bitte daran, dass wir unsere Jobs zum Leben brauchen!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/14045244521_03f2126b1b_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/14045244521/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Diejenigen, die Profite machen, hatten das wohl irgendwie aus den Augen verloren, deshalb müssen sie es noch einmal am „Kampftag der Arbeiterklasse“ gesagt kriegen! Und am Tag danach gehen wir dann schnell wieder zu „unseren“ Jobs, was sollen wir denn sonst machen? Schliesslich müssen wir froh sein, wenn wir sie behalten dürfen.

<h3>Im Ernst, die Rede ist von „Profiten“…?</h3>

Der Jargon alter Zeiten ist so ziemlich alles, was übriggeblieben ist. Klingt richtig kämpferisch! Diejenigen, die Profite machen und deren Sachwalter in der Politik sprechen stattdessen von „Wirtschaftswachstum“, klingt irgendwie sachlicher und jeder Hauptschüler lernt, dass sowas sein muss. Die „Wirtschaft“ muss eben beständig wachsen, sonst haben„wir“eine Krise. Wer hat da was genau? Wer ist wie betroffen, wenn's kriselt? Hmm. Und damit die gescholtenen Profite beständig wachsen, müssen die „Jobs“eben dazu passen, was deren „Produktivität“ angeht, sonst…Treffer! ... haben wir noch eine dollere Krise. Produktivität ist Leistung pro Zeit, oder? Ist der Zusammenhang zwischen„Jobs“und „Profiten“ irgendwie angeklungen? Ist das womöglich tatsächlich sowas wie ein Gegensatz?

<h3>Wir sind eben vor allem Sozialpartner!</h3>

Eigentlich alles nicht so übermässig schwer zu verstehen. Zumal da solche grossartigen Kampftage schon seit über 100 Jahren gefeiert werden, ohne dass der Auslöser, eben diese spezielle Beziehung zwischen „unsere Jobs“ und „euer Profit“ irgendwie beseitigt<br>
oder wenigstens nennenswert beeinträchtigt wurde.
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Okay, wir feiern eben gern mal…was eigentlich? Uns! Stellen uns breitbeinig auf den Marktplatz, halten irgendwelche „Banner“ hoch und feurige Reden. Dann sind wir mächtig stolz und…machen anschliessend moralisch gestärkt unsern Job weiter, sofern wir den noch haben...

<h3>Was bedeutet das?</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Der Zusammenhang zwischen „unsere Jobs“ und „euer Profit“ ist ein sehr fruchtbarer…für wen und warum eigentlich?</li>
<li class="liste">Je geringer die „Arbeitskosten“, desto höher der Profit, das nannte mal ein langhaariger Weissbart „Ausbeutung“. Ist aus der Mode gekommen.</li>
<li class="liste">Ausbeutung ist weder eine blöde Angewohnheit von gierigen Oligarchen, noch ein Auswuchs einer ansonsten netten Beschäftigung, sondern ein ziemlich grundlegendes Muss des Kapitalismus…pardon!…der Marktwirtschaft.</li>
<li class="liste">Hier wird gar nicht erst „gewirtschaftet“, wenn sich das Ergebnis absehbar nicht „lohnt“, natürlich für die Arbeit“geber“, schliesslich veranstalten sie doch den ganzen Zauber. Und das heisst auch, dass sie die Arbeit eben wieder „nehmen“, wenn	…siehe<br>
oben. Zuerst unsere Jobs, dann eure Profite?</li>
<li class="liste">Und das üppige Salär dieser„Jobs“fällt sogar in „Wachstumsphasen“ eben deshalb so üppig aus, weil…andernfalls bleiben solche Phasen leider keine, sondern werden ruckzuck zur Krise.</li>
<li class="liste">Sollte sich der zahlenmässig absolut grösste Teil in dieser friedlichen Partnerschaft nicht vielleicht einmal grundsätzlich überlegen, warum er beständig das bleibt, was er ist?</li>
<li class="liste">Was solls, es gibt wieder laute Stimmen, die den 1. Mai streichen wollen im Sinne einer Verbesserung (!) von Lohn und Leistung, ganz genau. Und zu Feiern gibts schliesslich den Vatertag...</li>
</ul><p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 12 May 2026 16:02:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Hunger: Der kapitale Appetit wächst]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/hunger-der-kapitale-appetit-waechst-009449.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Leute, da ist kein Ende in Sicht. Der kapitale Appetit wächst und wächst und wächst. Ein Volumen von aktuell beinahe dem Dreifachen der globalen Wirtschaftsleistung bläht sich weiter auf.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/14475515961_5b24b06f07_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/14475515961/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann
</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>269 Billionen Euro sind auf der Suche nach möglichst lukrativen Anlagemöglichkeiten. Die privaten Finanzvermögen legen global rasant zu. Beinahe neun Prozent Wachstum waren es 2024, nach ebenfalls starken acht Prozent im Jahr zuvor. Und was könnte eins nicht alles anstellen, um all die überflüssige Kohle noch zu vermehren. Die Rheinmetall-Aktie etwa verzeichnet ein Drei-Jahres-Plus von satten 982 Prozent. Mit äusserst positiven Aussichten.
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Bis zum ersten Halbjahr 2026 rechnet Rheinmetall-Chef Papperger mit einem Auftragsbestand von rund 120 Milliarden Euro. Dank der massiv gestiegenen Rüstungsausgaben der Nato-Staaten können die Produktionskapazitäten laufend ausgebaut werden. Somit bleiben die kriegstüchtigen Düsseldorfer auch in Zukunft ein relevanter Akteur in allen Bereichen – „zu Lande, zu Wasser, in der Luft und auch im Weltraum“, verspricht der Vorstandsvorsitzende des deutschen Technologiekonzerns.
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Wer den aktuellen Verlockungen der Rüstungsindustrie widerstehen kann, findet aber auch im grünen Bereich lohnende Kapitalanlagen. „Die Assetklasse der erneuerbaren Energien bietet Investoren eine einmalige Chance, an den grossen Megatrends der kommenden Jahrzehnte teilzuhaben. Mit dem steigenden Bedarf an grüner Energie, unterstützt durch technologische Innovationen und politische Rahmenbedingungen, entwickelt sich der Markt für erneuerbare Energien zu einem langfristig stabilen und renditestarken Investitionsfeld.“
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Das Private-Banking-Magazin verweist dabei auf den wachsenden Energiehunger von Meta, Amazon und Co. Die ehrgeizigen Ausbauziele für regenerative Quellen, vielfach durch staatliche Subventionen unterstützt, lassen stabile Erträge bei äusserst geringem Risiko erwarten.
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Die im Vorjahr weltweit neu installierte Kapazität erneuerbarer Energien – inklusive Atomkraft! – erreichte laut der Internationalen Energieagentur (IEA) mit rund 700 Gigawatt einen neuen Rekordwert. Auch der Stromverbrauch ist 2024 deutlich schneller gestiegen als in den Jahren davor. Ungebrochen wachsend bleibt die Nachfrage nach Erdgas, Öl und Kohle.
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Die IEA erwartet eine Verdreifachung des Strombedarfs allein von Rechenzentren für KI-Anwendungen und anderen Digitalisierungsprojekten in den nächsten fünf Jahren weltweit auf mehr als 150 Terrawattstunden: „Fest steht, dass der Stromverbrauch rasant wächst und den Gesamtenergiebedarf so stark antreibt, dass jahrelange Rückgänge in den entwickelten Volkswirtschaften umgekehrt wurden.“ Prognosen zufolge wird sich der Stromverbrauch bis 2045 weiter mehr als verdoppeln.
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Leute, da ist kein Ende in Sicht. Der kapitale Appetit wächst und wächst und wächst. Ein Volumen von aktuell beinahe dem Dreifachen der globalen Wirtschaftsleistung bläht sich weiter auf und wer immer da nach gewinnbringenden Möglichkeiten sucht, muss (!) fündig werden. Ein jedes neue Feld, das sich irgendwo auftut, wird betoniert. Zuverlässig. Mit Regenwäldern, die nicht abgeholzt werden, lässt sich kaum Rendite machen. Mit der Bekämpfung des realen Hungers schon gar nicht.
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Laut dem letzten Report der Vereinten Nationen leiden weltweit über 700 Millionen Menschen an Hunger. Die Zahlen bleiben anhaltend hoch. Zu holen ist bei denen nichts. Die Nutzung von Waren und Dienstleistungen aller Art, der Konsum insgesamt muss laufend steigen. Vor allem im Luxussegment. Lohnzurückhaltung bei den Massen darf freilich dennoch erwartet werden. So findet der industriell erzeugte Frass dann auch seinen Absatz, und überhaupt, wer billig kauft, braucht schnell wieder was Neues – und sei es zum Trost.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 11 May 2026 08:35:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Ami go home? – Vom Atomsegen zum Hybridkrieg]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/ami-go-home-vom-atomsegen-zum-hybridkrieg-009672.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Go home, Ami! Ami, go home! Spalte für den Frieden dein Atom. Sag: Good bye dem Vater Rhein. Rühr' nicht an sein Töchterlein – Lorelei – solang du singst, Wird Deutschland sein!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Joint_Forces_train_on_airborne_medical_evacuation_150831-F-IM659-025_w.webp><p><small>US-Soldat auf der US-amerikanischen Luftwaffenbasis Ramstein, 31. August 2015.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joint_Forces_train_on_airborne_medical_evacuation_150831-F-IM659-025.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nicole Keim</a> (PD)</small><p>Das hab' ich in der Staatlichen Grundschule in Tambach-Dietharz trällern müssen, alle fünf Verse, frühe Fünfziger. Da galt, erst recht in der DDR wie überall, Atomkraft noch als Heilmittel gegen alle Gebrechen des Kapitalismus. „Der Ami“ war längst nicht mehr Verbündeter gegen die Faschisten - und der Nordamerikaner der Feind aller Roten. Nun aber, 70 Jahre später, da der Rückzug der US-Army in die Rocky Mountains und die Abgründe und Schluchten Chicagos droht, hofft alle westliche Welt, dass sich der König jenseits des Grossen Wassers seines besseren besinnt: „Friedrich muss zu Kreuze kriechen, sonste wird's nischt!“ (Omi Glimbzsch aus Zittau).
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Was aber sagen die Enkel, etwa ein viel gefragter Militärexperte wie Brigadegeneral Peter Grohmann? „Die Kriege von Morgen werden nicht mehr mit Kanonen und Panzern geführt, sondern mit Drohnen, mit heimtückischen Angriffen auf unsere Infrastruktur.“
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Hybride Kriegsführung, Leute, wacht auf! Die Kombination konventioneller militärischer Mitteln mit Cyberangriffen, Desinformation und Sabotage – das ist das Gebot der Stunde. Die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen, übrig bleibt der eine oder andere Einmarsch auf echtes Festland.
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„Gewalt geschrien!“ hör' ich's da aus Zittau. Mag sein, dass Omi Glimbzsch zu viel Blut mit Tatort gesehen hat, aber Fakt ist, dass nur ganz, ganz kleine Panzer und Kanonen per Bahn ostwärts rollen könnten: Die neuen Tunnel sind nicht für grösseres Gefährt ausgerichtet – viel zu niedrig, zu schmal – und über die maroden Brücken käme die Bundeswehr allenfalls zu Fuss. Das dauert.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 07 May 2026 08:34:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/ami-go-home-vom-atomsegen-zum-hybridkrieg-009672.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Warum gibt es überhaupt patriarchale Gewalt in linken Strukturen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/warum-gibt-es-ueberhaupt-patriarchale-gewalt-in-linken-strukturen-009638.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ob in Berlin, Leipzig oder Karlsruhe, ob in der kommunistischen Parteijugend, der lokalen roten K-Gruppe oder im Anarcho Freundeskreis, ja selbst in der Linkspartei.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Taeterschutz_w.webp><p><small>arbeiterinnenmacht.de</small><p>Innerhalb der (radikalen) Linken kommt es immer wieder zu patriarchaler Gewalt (psychisch, physisch und sexualisierter Gewalt, zumeist ausgeübt durch cis Männer). Dabei flammen dann auch die Diskussionen über den Umgang damit auf und so wurden wir nun im Q&A gefragt, wie man mit solchen Taten umgehen sollte. Das soll dieser Text etwas konkreter beantworten, auch um einen Debattenbeitrag zu liefern. Denn in den meisten Fällen zeigt sich, dass linksradikale Strukturen keine allgemein festgelegte Vorgehensweise haben, um diese Fälle aufzuarbeiten, nicht transparent mit den eigenen Genoss:innen darüber kommunizieren, oder die Anschuldigungen gar nicht erst ernst nehmen.
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Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass der stabile Genosse wirklich zum Täter werden kann, vor allem wenn es (vermeintlich) keine Anzeichen dafür gab. Und so bleibt den Betroffenen (meist nach einem gescheiterten Aufarbeitungsversuch) nichts anderes übrig, als die Strukturen zu verlassen und Demos sowie Hotspots der Linken Szene zu meiden, während die Täter unbekümmert weiter Politik machen dürfen und bestenfalls sogar noch auf feministische Demos, wie z.B. den Tag gegen patriarchale Gewalt 2022 in Leipzig, geschleppt werden. Das darf aber nicht so sein, vor allem wenn wir uns als Kommunist:innen sonst auf die Fahne schreiben, gegen Sexismus in all seinen Ausführungen zu sein. Wir als REVOLUTION haben daher eine Strategie ausgearbeitet, wie wir intern mit Tätervorwürfen umgehen. Diese wollen wir im Folgenden darstellen.
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Disclaimer: Unsere jetzige Position haben wir über die letzten Jahre kontinuierlich erarbeitet. Sie ist das Ergebnis von Debatten über Definitionsmacht, sowie praktischen Erfahrungen im Umgang mit sexuellen Grenzüberschreitungen in unserer eigenen Organisation, bei denen sich auch betroffene Genossinnen mit Kritik beteiligt haben. Dabei wollen wir ehrlich sein: Wir haben bei diesen Prozessen auch Fehler gemacht und wir glauben nicht, dass unser Umgang perfekt ist. Unser Ziel ist es gewesen, einen demokratischen Umgang zu finden. Das bedeutet auch, dass wir nicht allen Bedürfnissen aller Betroffenen nachkommen können.

<h3>Warum gibt es überhaupt patriarchale Gewalt in linken Strukturen?</h3>

Wir sind alle ein Produkt unserer Umwelt. Somit hat das allgemeine gesellschaftliche Bewusstsein, was patriarchal geprägt ist, Auswirkungen auf uns und unser Verhalten, auch wenn wir uns entscheiden, uns politisch zu organisieren. Die gesamtgesellschaftliche Frauenunterdrückung, basierend auf dem Idealbild der bürgerlichen Familie, unbezahlter Reproduktionsarbeit und sexistischer Stereotypen, sorgt dafür, dass Frauen als weniger Wert angesehen werden, während Männer die Starken sein sollen, die sich einfach nehmen, was sie wollen.
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Sprüche wie „Wenn Frauen nein sagen, meinen sie eigentlich ja“ verstärken das Bild der Frau, die alles über sich ergehen lässt, während der Mann für Grenzüberschreitung sogar noch gesellschaftlich belohnt wird. Dies wird in Filmen und Märchen ständig vermittelt, dass „richtige Männer“ immer ganz genau wissen, was sie wollen und was auch das Gegenüber vermeintlich will. Eine fehlende Auseinandersetzung mit Konsens-Konzepten in Erziehung oder während des Sexualkundeunterrichts tut ihr übriges, denn wenn man nicht lernt, über Konsens zu kommunizieren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Übergriffigkeiten kommt, ziemlich hoch. Kurzum: Die bürgerliche Gesellschaft sozialisiert uns mit unterdrückerischem Verhalten und deswegen ist auch Niemand von uns „frei“ davon.

<h3>Prävention ist das A und O</h3>

Das führt uns dazu, dass es nicht reicht, erst zu handeln, wenn etwas passiert ist. Daher haben wir als Organisation verschiedene Ansätze zur Prävention. Diese können zwar Übergriffigkeiten nicht komplett verhindern, aber zumindest dafür sorgen, dass wir uns kollektiv mit unseren Machtpositionen und Verhaltensweisen auseinandersetzen. Die SDAJ hat kürzlich in ihrem „Statement zum Vorwurf des Täterschutzes“ geschrieben, dass jede Person sich mit der eigenen geschlechtlichen Rolle auseinandersetzen muss. Das mag letzten Endes richtig sein, aber es scheint, als wäre es allen selber überlassen, als gäbe es keine Kontrolle oder gemeinsame Diskussion darüber.
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Wir haben den Ansatz, dass wir mehrmals jährlich für cis Männer verpflichtende Reflexionstreffen anbieten. Natürlich hat dieses Konzept auch seine Grenzen. Reflexion alleine kann keine lebenslang gelernten Verhaltensmuster beenden. Gleichzeitig ist es aber ein Mittel, sich die eigene Sozialisierung und die Auswirkungen dessen ins Bewusstsein zu rufen und mit Anderen in den offenen Austausch zu treten, sowie zu lernen, beispielsweise über das eigene Redeverhalten oder die eigene Sexualität zu reden. Ausserdem ist es möglich, dass Frauen, LGBTIA-Personen und anderen gesellschaftlich unterdrückten Gruppen einen Caucus einberufen können, in welchem über Unterdrückungsmechanismen und Vorfälle innerhalb der Organisation diskutiert werden kann.
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Diese  Caucuse sind nur Personen der jeweiligen sozialen Unterdrückung betretbar. Wir wollen damit unterdrückten Gruppen einen Raum geben, um unter sich zu diskutieren und Missstände zu besprechen. Sie können sowohl organisatorische, politische als auch analytische Vorschläge an die Leitung machen und ihre Anliegen als Kollektiv in die Organisation tragen, während wir alle gemeinsam organisiert sind. Ausserdem muss jede Person, die bei uns Mitglied werden möchte, ein Konsensgespräch führen, bei welchem wir unser Konsensprinzip „Nur ja heisst Ja!“ vorstellen und es auch eine Möglichkeit zur Reflexion gibt.
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Wir wollen an dieser Stelle nicht so idealistisch sein und annehmen, dass es deswegen nie wieder Vorfälle geben wird oder wir als Organisation unterdrückungsfreie Räume schaffen können. Denn wie bereits erwähnt leben wir in einer Gesellschaft, die stetig unterdrückerisches Verhalten reproduziert. Deswegen ist es jedoch die Aufgabe einer jeden Organisation einen Umgang damit zu finden, Vorfälle aufzuarbeiten und wenn es geht, Personen gar nicht erst zu Tätern werden zu lassen. Das machen wir, während uns gleichzeitig bewusst ist, dass um sexistische und übergriffige Verhaltensweisen hinter uns zu lassen, es nicht nur reicht, an uns selbst zu arbeiten. Wir müssen das Problem bei der Wurzel packen, das gesamte Patriarchat mitsamt der Klassengesellschaft zerschlagen.

<h3>Konkreter Vorwurf und jetzt?</h3>

Zuerst einmal müssen wir jeden Vorwurf und jedes Anzeichen ernst nehmen. Sollte also ein Vorwurf aufkommen, muss sofort gehandelt werden. Es wird eine Kommission gegründet, bestehend aus mehrheitlich gesellschaftlich Unterdrückten. Die Kommission hat dabei das Ziel, den Fall im Interesse der Organisation zu untersuchen und ist ihren Strukturen rechenschaftspflichtig, sowie wähl- und abwählbar. Ihre Aufgabe ist, den Fall zu untersuchen und eine Empfehlung bzgl. des Täters an die demokratisch legitimierte Leitung auszusprechen, welche dann darüber entscheidet.
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Im Gegensatz zu einer Einzelperson hat das Kollektiv die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, wie zu verfahren ist und das Problem wird nicht bei einer Einzelperson abgelegt, wie es in Teilen der radikalen Linken üblich ist. Die Kommission untersucht nicht aufgrund von Misstrauen gegenüber der betroffenen Person den Fall, da wir ihre Aussage auch als Indiz werten. Da es aber manchmal widersprüchliche Aussagen gibt oder auch das Ziel ist, herauszufinden, ob von der beschuldigten Person weiter Gefahr ausgeht, braucht es eine überprüfende Instanz. Dabei hat die betroffene Person viele Rechte. Beispielsweise hat sie die Möglichkeit, eine Sprecherperson für sich zu wählen, damit sie nicht zwangsläufig mit fremden Genoss_Innen darüber sprechen muss oder kann auch wesentlich später eine Aussage machen, falls es ihr nicht gut geht. Ebenso kann sie auch Einspruch einlegen, wenn sie mit dem Ergebnis der Kommission nicht einverstanden ist.
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Die beschuldigte Person auf der anderen Seite wird ihrer demokratischen Rechte enthoben, während gleichzeitig ihre Pflichten gegenüber der Organisation bestehen bleiben. Dies ist nicht mit der Schuldsprechung gleichzusetzen, sondern gilt zum Schutz der Organisation. Dieser Zeitraum kann auch unterschiedliche Auflagen mit sich bringen, beispielsweise Kontakteinschränkungen um Gossip und Falschdarstellungen durch den Täter zu unterbinden. Hier ist aber die Mitarbeit am Kommissionsprozess verpflichtend. Der Name von betroffenen Personen wird aus Schutzgründen nicht genannt, während der Täter aus Sicherheitsgründen intern genannt werden muss, um Transparenz vor der Mitgliedschaft zu gewährleisten.
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Wir möchten an dieser Stelle noch einmal betonen, dass es wichtig ist, diese Prozesse nicht vor der Mitgliedschaft zu verheimlichen! Natürlich dürfen keine Details veröffentlicht werden, von denen Schlüsse gezogen werden können, wer die betroffene Person ist, oder unnötig intime Details der Tat, die niemanden was anzugehen haben. Aber nur die (interne) Transparenz kann helfen, Täterschutz zu unterbinden. Zeigt der Täter keine Einsicht, hält sich mehrmals nicht an die Auflagen oder ist nicht reflexionswillig, so wird er aus der Organisation ausgeschlossen. Hier behalten wir uns vor, die Person an andere linke Strukturen zu outen. Dabei ist es für uns zentral, dass wir klare Aufforderungen machen, wie die Tat aufgearbeitet werden soll, da es uns darum geht, Druck aufzubauen, um die Aufarbeitung in Gang zu setzen, aber auch einen Weg aufzeigen, über den ein Täter wieder zurück in die Organisation finden kann.
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Der Kommissionsprozess dient zur Klärung des Falles, bringt der Betroffenen an sich jedoch wenig, zumal so ein Prozess meist emotional belastend ist. Der Fokus sollte natürlich sein, die Betroffene zu unterstützen und ihr zu helfen, wieder ein selbstbestimmter Teil der Organisation zu sein und an politischen Treffen und Aktionen teilnehmen zu können. Als politische Organisation haben wir nur begrenzt Ressourcen und als in diesem Bereich unausgebildete Jugendliche können wir keine psychologische Aufarbeitung gewährleisten.
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Daher unterstützen wir Betroffene auch bei der Suche nach Hilfsangeboten. Auf eine andere Art und Weise verfahren wir mit dem Täter, sobald er die Tat glaubhaft eingestanden hat. Hier stellen wir keine Ressourcen für die Aufarbeitung bereit, sondern geben Auflagen vor und überprüfen dessen Stand. Eine Aufarbeitung passiert nicht in ein paar Wochen oder Monaten, je nach Intensität der Tat kann eine (aus unserer Sicht verpflichtende) Therapie nötig sein. Meist fordern wir auch eine politische Auseinandersetzung mit der Tat oder das Vorbereiten von Inputs oder Artikeln zum Thema.
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So kann die Auseinandersetzung mit der übergriffigen Verhaltensweise überprüft werden und ob dabei wirklich Fortschritte gemacht werden. Wir halten hier den Ansatz des Konzepts der transformative Justice für interessant. Der Täter muss neben dem glaubhaften Eingeständnis auch Anerkennen, welchen Schaden er durch sein bewusstes Handeln angerichtet hat. Er muss die Gründe für sein Handeln nachvollziehen und herausfinden, ob zusätzliche Abhängigkeitsstrukturen durch ihn geschafft wurden. Zentral ist es, Strategien aufzuzeigen, wie er diese Verhaltensweisen zukünftig verhindern sollte. Dahinter steht ein fortschrittliches Menschenbild: Wir glauben daran, dass Menschen sich ändern können! Ansonsten könnte man es mit dem Kommunismus auch insgesamt vergessen.

<h3>Reicht das?</h3>

Aber ein sehr wichtiger Aspekt dieses Ansatzes ist auch, dass die Community, Szene oder Gruppe in dessen Kontext die Tat geschehen ist, ebenso angesehen wird. Wurden Anzeichen übersehen? Gibt es konkrete Ansätze der Gruppe, die so etwas verstärken können wie zum Beispiel, dass individuelle Gewalt und besonders männlich-dominantes Auftreten als legitime politische Mittel angesehen werden, psychische Gewalt als nicht so schlimm abgetan wird oder es kein genügendes Verständnis davon gibt, was eigentlich schon alles patriarchale Gewalt ist?
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Gibt es überhaupt Mechanismen, wo man sich präventiv z.B. mit Konsens auseinandersetzen kann? Gibt es Möglichkeiten zur kollektiven Reflexion? Und noch einen sehr anderen wichtigen Punkt vor allem bzgl. Täterschutz, der von vielen vergessen wird: Gibt es sowohl für die Mitgliedschaft als auch für Aussenstehende eine nachvollziehbare Ansprechperson, im besten Fall ein Teil der Leitung, um solche Fälle zu melden? Um Täterschutz zu vermeiden und einen Umgang mit Gewalt zu finden, sollten sich Organisationen diese Fragen stellen!
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Insgesamt muss uns jedoch bewusst sein: Als politische Organisation haben wir begrenzte Ressourcen für Prävention, zur Unterstützung von Betroffenen oder zur Aufarbeitung mit Tätern. Das ist in jedem Fall – insbesondere für die Betroffenen- ein Problem. Verursacht wird das jedoch nicht durch falsche Schwerpunktsetzung einzelner Organisationen, sondern ist Ergebnis des gesellschaftlichen Missstandes im Umgang mit sexualisierter Gewalt.
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Das heisst: Der oben beschriebene Umgang mit sexueller Gewalt ist nicht genug. Deswegen muss es die Aufgabe von Kommunist:innen sein, für gesamtgesellschaftliche Veränderungen einzustehen, auch wenn man den Umgang in der eigenen Organisation oder der Linken insgesamt ändern will. Konkret heisst das: Wir können das Elend der Gesellschaft nicht auffangen, deswegen müssen wir zeitgleich dafür kämpfen, dass eine Bewegung entsteht, die das Problem – den Kapitalismus an der Wurzel packt, während man auch für konkrete Verbesserungen im hier und jetzt kämpft:

<ul class="liste">
<li class="liste">Nein heisst Nein reicht nicht aus! Für die Pflicht aktiv sexuellen Konsens zu suchen! Verbot einer Befragung, bei der die Betroffene nach Kleidung gefragt wird oder ihr in irgendeiner anderen Weise die Schuld zu gesprochen wird.</li>
<li class="liste">Anzeigen dürfen keine Hürden sein! Flächendeckende Anlaufstellen zur Meldung von sexueller Gewalt! Sofortige, kostenlose psychologische Betreuung, wenn gewünscht; sowie der Ausbau von Frauen-FLINTA-Häusern! Statt Polizei Untersuchungskommissionen bestehend aus Gewerkschaften & Betroffenenvertretungen, die vollen Zugang zu den Mitteln der Polizei haben!</li>
<li class="liste">Kostenlose Rechtsberatung und Übernahme der Prozesskosten, sowie längerfristige Hilfeangebote für Betroffene von sexueller Gewalt, finanziert durch den Staat! Für das Recht auf mehr bezahlte Urlaubstage, sowie eine Mindestsicherung angepasst an die Inflation!</li>
<li class="liste">Weg mit den Berufsrichter:innen, für rechenschaftspflichtige, demokratisch wähl- und abwählbare Tribunale, die sich aus der Arbeiter:innenklasse und Menschen mit verschiedenen Unterdrückungserfahrungen zusammensetzen!</li>
<li class="liste">Für demokratisch gewählte und organisierte Selbstverteidigungskomitees von Frauen und LGBTIA+ in Zusammenschluss mit der Arbeiter:innenklasse!</li>
<li class="liste">Für die Einrichtung und Ausbau von Rehabilitationsprogrammen für sexuelle Gewalttäter.</li>
</ul><p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf arbeiterinnenmacht.de</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 04 May 2026 08:13:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/warum-gibt-es-ueberhaupt-patriarchale-gewalt-in-linken-strukturen-009638.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Leben als Totalität: Über Individualität und Beziehungen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/leben-als-totalitaet-ueber-individualitaet-und-beziehungen-009667.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der folgende Text wurde vor einigen Jahren für die anarchistische Bewegung geschrieben. Für alle Menschen, die sich fragen, wie sie ihr Leben gestalten und aufbauen wollen, kann er meiner Ansicht nach von enormer Bedeutung sein.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/buecher_stapel_w.jpg><p><small>Bücher  Foto:  </small><p>Eine der wohl grössten Schwierigkeiten, mit denen Anarchisten im täglichen Leben konfrontiert sind, ist die Suche nach zuverlässigen Gefährten. Menschen, mit denen sie kontinuierlich Projekte der Revolte verwirklichen können, die untrennbar mit ihrem Leben verbunden sind – Projekte, die über die üblichen Formeln hinausgehen, die überall zu finden sind (Food Not Bombs, Critical Mass, Kollektivunternehmen….). Diese Projekte entwickeln sich leicht, weil sie wenig Nachdenken erfordern.
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Aus dem gleichen Grund scheinen die meisten Anarchisten wenig Probleme mit spontanen einmaligen nächtlichen Aktivitäten zu haben. Aber es ist schwierig, ein laufendes Projekt aufrechtzuerhalten, bei dem eine vereinte praktische und theoretische Anstrengung notwendig ist. Solche Projekte erfordern eine kontinuierliche Bewertung dessen, was wir tun und warum wir es tun, im Hinblick auf unsere revolutionären Wünsche, unsere Beziehungen zu Gefährten und anderen Menschen und die Realität, mit der wir konfrontiert sind. Sie stellen unser Leben immer wieder infrage und bieten keine Möglichkeit uns zurückzulehnen und zu sagen: „Ich bin zufrieden, ich habe alles unter Kontrolle, ich habe keinen Grund, mit mir selbst zu kämpfen“. Ich denke, dass wir das alle fürchten.
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Für die meisten Anarchisten sind Anarchie und Revolution Abstraktionen, die irgendwie extern sind, weil sich auch ihr eigenes Leben ausserhalb abspielt. Sie sehen ihr Leben nicht als Gesamtheit und betrachten daher nicht, was sie damit auf dieser Ebene anfangen wollen. Sie haben daher nie das Bedürfnis, praktische Projekte als Ergebnis eines Lebens der Revolte zu schaffen, mit Beziehungen, die die von ihnen begehrte Welt widerspiegeln. Es geht hier nicht nur um ein persönliches Versagen einzelner Anarchisten.
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Es gibt konkrete soziale Gründe, warum Menschen es meist nicht schaffen, diesen Punkt der gedankenlosen Aktivität zu überwinden. Die soziale Realität, in der wir leben, formt eine eigene Totalität und drängt sie unserem Leben auf. Wenn wir diese erzwungene Totalität direkt anerkennen würden, wären wir mit einem Ultimatum konfrontiert, dem nur die wenigsten von uns bereit sind zu begegnen. Es bedeutet, dem Schrecken unserer gegenwärtigen Welt ins Auge zu sehen und sich dafür zu entscheiden, sich ihr in ihrer Totalität zu widersetzen. Es fällt uns leichter, unser Leben in getrennte Abläufe, Ereignisse, Räume und Momente aufzuteilen, um nicht die volle Tragweite dieser auferlegten Totalität sehen zu müssen. Aber diese Totalität ist die des Staates und des Marktes, die ineinandergreifende Herrschaft von Reichtum und Macht.
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Sie zwingt sich gerade dadurch auf, dass sie unser Leben in einzelne Abschnitte, unverbundene Momente, entfremdete Fragmente zerlegt. Unsere Tendenz, uns auf diese Weise zu schützen, spielt ihr also direkt in die Hände. Auf diese Weise getrennt, verlieren die Ereignisse, Beziehungen, Aktionen und Momente unseres Lebens ihre Bedeutung für uns als Individuen. Diese Tendenz zur Fragmentierung ist also etwas, das wir in jedem Moment bekämpfen müssen.
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Aber um sie zu bekämpfen, müssen wir versuchen zu verstehen, wie sie konkret funktioniert. Es ist die Realität unseres täglichen Lebens, die endlose Abfolge sinnloser Interaktionen und Aktivitäten, an denen wir teilnehmen müssen: Arbeiten, Mieten, Kaufen und Verkaufen, Rechnungen bezahlen, mit Polizisten, Bürokraten, Chefs, Vermietern usw. umgehen, etc. All dies macht uns abhängig von der Totalität der sozialen Ordnung und verwandelt uns gleichzeitig in Atome, die in der bedeutungslosen, unaufhörlichen Bewegung des Handels, durch Umstände ausserhalb unserer Kontrolle, meist zufällig aufeinander zu stossen scheinen. In den Vereinigten Staaten hat sich daraus eine Ideologie entwickelt, die absurderweise den Namen „rugged individualism“ trägt.
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Die Absurdität ist zweierlei. Zunächst einmal definiert diese Ideologie „Individualität“ gerade im Sinne dieser atomisierten Existenz, in der jeder einzelne nichts anderes ist als eine Ziffer, gleichwertig und getrennt von allen anderen im Nichts. Zweitens werden diese atomisierten Wesen, die die „Individuen“ dieser Ideologie sind, von der gesellschaftlichen Ordnung absolut abhängig gemacht, die ihr Leben als Konkurrenz um die gleichen belanglosen Ziele definiert und so ihre fortdauernde Identität und Trennung garantiert. An dieser erbärmlichen Abhängigkeit ist sicherlich nichts „rugged“ (wild/robust). Der Aspekt der sozialen Fragmentierung, den diese Ideologie zu rechtfertigen sucht – die Entfremdung -, spielt eine grosse Rolle bei unserer Unfähigkeit, echte Projekte der Affinität zu verwirklichen, die aus unserem eigenen Leben hervorgehen. Insbesondere, wenn diese ideologischen Rechtfertigungen bereits in unsere eigene Vorstellung von Individualität eingedrungen ist.
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Mir scheint, dass wir die Dinge noch oft fragmentiert und atomisiert wahrnehmen. Wir betrachten Arbeit, Mietzahlung, Kauf und Verkauf usw. als getrennte Probleme und entwickeln Lösungen wie Arbeitsvermeidung, Besetzen, Ladendiebstahl und Containern usw. (alles gute Dinge, die wir tun können, wohlgemerkt, aber nur im Rahmen der bewussten Gestaltung unseres Lebens in der Revolte gegen diese Welt). Da wir das Problem fragmentiert wahrnehmen, betrachten wir fragmentierte, oft isolierte Aktivitäten als Lösungen, und unsere Praxis bleibt die des Durchkommens in dieser Gesellschaft. Es bedarf also eines tiefgreifenderen Ansatzes für unsere Projekte, der die Totalität des Feindes vor uns und die Totalität dessen, was wir wollen, auf einer konkreten Ebene erkennt. Dies beginnt damit, dass wir unser Leben als eine eigene Totalität begreifen. Aber was bedeutet das?
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Von Stirner bekommen wir den Hinweis, dass jede Person ihre eigene Basis sein muss, und von Vaneigem bekommen wir den weiteren Hinweis, dass dies eine „Umkehrung der Perspektive“ erfordert, d.h. sich umzudrehen, um die Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten – unserer eigenen. Aber diese Hinweise bleiben nutzlos, wenn wir Individualität weiterhin so begreifen, wie es diese Gesellschaft tut, als etwas Abstraktes und isoliertes, als eine mystische „Natur“ in jedem von uns, völlig losgelöst von den Beziehungen, die unser Leben ausmachen. Wenn wir Individualität auf diese Weise betrachten, werden wir nicht in der Lage sein, die Gesamtheit unseres Lebens zu erfassen, denn wir werden all die Beziehungen, Interaktionen und historischen und sozialen Realitäten verlieren, die mit dem verwoben sind, wer wir sind und wer wir werden.
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Der von dieser Gesellschaft auferlegte Begriff der Individualität steht als kristallines und reines Objekt ausserhalb aller Beziehungen, aber echte handfeste Individualität ist in der Tat eine Beziehung. Ich bin, wer und was ich bin in Bezug zu Esther, Dave, Tiger, Susannah, Mary, Ivy, Anais, Membrane, Brendan, Brandon, Avram, Mandy, der Frau im Café, den Predigern in der Kirche, zu der mich meine Eltern geschickt haben, meinen Eltern selbst, den Polizisten, dem Staat, der Wirtschaft, dem technologischen Apparat, etc., etc. Keine dieser Beziehungen bestimmt, wer ich bin, aber alle spielen eine Rolle dabei, wie ich erschaffe, wer ich bin. Eine Beziehung ist keine Kristall-Statue. Sie ist eine Aktivität, eine Bewegung. Somit ist dies auch die Beschaffenheit der Individualität. Ich möchte nicht missverstanden werden – meine Individualität ist nie fehlerhaft oder unvollkommen. Sie ist immer vollständig, aber das Ganze ist eine Bewegung – ein art Tanz mit anderen Menschen – und ist daher nie zu Ende. Ihr Ende kann nur der Tod sein.
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Somit kann ich behaupten, dass meine Individualität eine Dialektik zwischen mir selbst, als begehrendes und handelndes Wesen ist, und dem Umfeld, durch das ich mich bewege (einschliesslich aller persönlichen und sozialen Beziehungen, an denen ich direkt oder indirekt beteiligt bin).
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Diese Dialektik – die Umkehrung der Perspektive – auf praktischer Ebene zu verstehen, bedeutet, all diese Beziehungen entweder als Bereicherung meiner selbst zu betrachten, die es verdient haben, gefördert und gestärkt zu werden. Oder sie sind Hindernisse auf meinem Weg, die ich aus meinem Leben entfernen und wenn nötig zerstören werde. Durch die Totalität dieser Gesellschaft wird das Bewusstsein für diese Dialektik zerstört. Durch die Verknüpfung von Individualität mit dem heiligen (d.h. privatem oder kollektivem „Besitz“) Eigentum (als Identität, die sowohl bildlich durch den Wettbewerb um Prestige als auch buchstäblich durch die Identifizierende Ware erworben wird), wird sie in dieser Gesellschaft externalisiert und untergräbt so unser Bewusstsein für die Dialektik zwischen uns und der Welt um uns herum. Als heiliges Eigentum ist unsere Individualität nicht das was wir tun, sondern eine etwas ausserhalb von uns, das wir kaufen müssen, das heisst, wir müssen darum konkurrierend kämpfen. Aber wie ich bereits erwähnt habe, entfremdet und homogenisiert uns dieser Wettbewerb und untergräbt damit jede echte Individualität.
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Der Unterschied zwischen dem Verständnis von Individualität als wirtschaftliches Gut und dem von Individualität als relationale Aktivität lässt sich besser nachvollziehen, wenn man das Merkmal der Stärke betrachtet. In dieser Gesellschaft ist Stärke eine Art Privateigentum. Es ist die Fähigkeit des Menschen zur Verteidigung, zur Bewaffnung, um allein gegen die Welt zu stehen. Als solche ist sie begrenzt und messbar und daher leicht erschöpft. Diese Konzeption kann eine verzerrte Dynamik zwischen den Individuen erzeugen.
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Die Menschen sind oft bereit, die Schwäche anderer zu nähren, indem sie eine Art persönliche Almosen anbieten, die die anderen in ihrer Schwäche erhält und die Rolle des Helfers als starker Versorger bewahrt. Natürlich sind solche Beziehungen wechselseitig, und der Prozess verläuft grösstenteils unbewusst. Schuldzuweisungen haben an dieser Stelle also keinen Sinn. Dennoch bewahren solche Beziehungen das private Eigentum an Stärke für denjenigen, der die „Fürsorge“ leistet. Und wenn Stärke tatsächlich Privateigentum ist, wenn es einfach die Fähigkeit ist, äusseren Angriffen standzuhalten und allein gegen die Welt zu bestehen, ist es sinnvoll, so zu handeln.
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In der Tat kann man des anderen Held sein, indem man die eigene Kraft mit Bedacht einsetzt, um sie zu schützen, aber man kann nie wirklich Genosse oder Komplize sein und die Grenzen zwischen den individuellen Stärken aufbrechen, sodass sie miteinander verschmelzen und sich gegenseitig verstärken können. Da Anarchisten eine andere soziale Realität anstreben, müssen wir ein anderes Konzept von Stärke entwickeln. Eines, das auf der Ablehnung der Vereinzelung basiert, und auf der Entdeckung von Freude und Fülle, die wir ineinander finden können. Das bedeutet, zu erkennen, dass Stärke keine Ware mit begrenztem Angebot ist, um die wir konkurrieren, sondern dass sie vielmehr zunimmt, wenn sie geteilt wird. Es geht nicht um Selbstverteidigung und allein gegen die Welt stellen, sondern um die Fähigkeit, unsere Bedürfnisse in dieser Welt im Zusammenwirken mit anderen zu verwirklichen. In diesem Sinne ist es meine eigene Stärke, aber nicht als Privateigentum mit seinen Grenzen, sondern mein individuelles Potenzial, das ständig herausfordert und erweitert wird. Sie wird also nicht geschwächt, sondern erweitert, wenn ich sie mit der von anderen kombiniere, deren Ziele sich mit meinen überschneiden.
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Individualität als relationale, dialektische Bewegung zu erkennen heisst, die Vorstellung abzulehnen, dass Stärke – und ähnliche Eigenschaften wie Liebe, Freiheit, etc. – begrenztes Privateigentum ist, das gehortet und beschützt werden muss. Dann wird klar, dass das Verständnis des eigenen Lebens in seiner Totalität, mit dem Ziel, gegen diese Gesellschaft zu kämpfen, bedeutet, alle Beziehungen zu erfassen, die das eigene Leben ausmachen. Natürlich ist diese Aufgabe nie abgeschlossen. Die soziale Realität, die uns umgibt, drängt sich ständig auf und setzt sich durch. Wir können es also nur in der ständigen Revolte gegen diese Gesellschaft anstreben. Aber der ständige Kampf um das eigene Leben erfordert ein hohes Mass an Bewusstsein. Wir müssen jede Beziehung, die wir eingehen, betrachten, nicht moralisch, sondern um festzustellen, ob sie uns hilft, praktisch das Leben aufzubauen, das wir uns wünschen.
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Wir sind nicht auf der Suche nach besseren Überlebensstrategien, sondern streben es an das Leben als eine von uns geschaffene Gesamtheit zu begreifen. Es kann sein, dass wir uns im Kampf gegen diese Gesellschaft für Projekte entscheiden, die eher durchgeführt werden können, wenn wir einen festen Wohnsitz haben – und das kann im gegenwärtigen sozialen Kontext bedeuten, Miete zu zahlen oder ein Haus kaufen. Wir brauchen vielleicht Geld oder spezifische Werkzeuge, um unsere Projekte durchzuführen, und können einen Job, eine Rente oder andere Wohlfahrtsbehörden nutzen, um diese Dinge zu bekommen. Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern oder zu moralisieren. Wichtig ist, genau zu wissen, warum wir die Entscheidungen treffen, die wir in Bezug darauf treffen, wie wir unser Leben und unsere Projekte der Revolte verwirklichen wollen.
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Damit kommen wir aber erneut zu den Beziehungen untereinander zurück. Wenn wir in Gemeinschaft leben wollen, wenn wir Freundschaft, praktische Affinität und Solidarität aufbauen wollen, dann müssen wir klar und deutlich kommunizieren, damit wir intelligente Entscheidungen treffen können. Das widerspricht allem, was uns diese Gesellschaft beibringt. Wir sind darauf trainiert, alle Menschen als Rivalen zu betrachten und bauen eine unbewusste Abwehrhaltung auf. So haben wir die Tendenz, Manipulation statt direkter Kommunikation zu verwenden, und eher um einander herum, statt miteinander zu tanzen. Wenn vermeintliche Gefährten und Komplizen ständig umeinander herumtanzen und sich unbewusst gegenseitig manipulieren, um das zu bekommen, was sie wollen, wird niemand jemals in der Lage sein, kluge Entscheidungen zu treffen, da alle unsere Entscheidungen auf Illusionen beruhen werden. Doch so lernen wir uns zueinander zu verhalten – es ist die Grundlage für Verhandlungen und Kompromisse.
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Aber wie kann daraus jemals praktische Affinität, Freundschaft, Komplizenschaft und solidarisches Miteinander entstehen? Wir müssen den Feind – das Herrschaftssystem und seine Lakaien – oft täuschen und anlügen. Da wir aber bestrebt sind, unser gemeinsames Leben auf eine andere Weise zu gestalten, können wir uns so nicht aufeinander beziehen. Um Affinität und Gemeinsamkeit aufzubauen, müssen wir ehrlich miteinander sein, in Bezug auf unsere Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten, Bestrebungen, Träume und wie wir uns bei der Verwirklichung dieser Dinge gegenseitig unterstützen wollen. Leben, Stärken, Kämpfe und Projekte können nur dann vorteilhaft zusammenwirken, wenn alle Beteiligten ihre Ziele und Wünsche klar formulieren und so eine echte Basis für Affinität schaffen.
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Revolution ist nicht nur eine Menge versprengter Einzelgänger, die sich gegen die Mauern der Gesellschaft werfen. Es sind Individuen, die sich selbst als solche erkennen, sich gegen einen gemeinsamen Feind zusammenschliessen und Möglichkeiten finden, laufende Kämpfe zu verknüpfen. Die Aufstandsgeschichte zeigt, dass dies auch dort zutrifft, wo es keine Hinweise darauf gibt, dass vor dem Aufstand ein Potenzial für dieses Bewusstsein bestand. Diejenigen unter uns, die sich eine andere Welt wünschen, müssen bereit sein, jetzt schon andere Beziehungen anzustreben.
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Das bedeutet, praktische Beziehungen der Affinität zu entwickeln. Affinität wird allzu oft als etwas Abstraktes betrachtet: Wir haben ähnliche Ideen, deshalb haben wir Affinität. Aber wenn wir es nicht schaffen, diese gemeinsamen Ideen in konkrete Projekte umzusetzen, in eine echte, zielgerichtete Verflechtung von Leben und Kämpfen, dann ist unsere vermeintliche Affinität nur ein weiteres sinnloses Gespenst, das in unseren Köpfen herumspukt. Deshalb müssen wir die Stärke ineinander erkennen und uns um gegenseitige Stärkung bemühen, anstatt einander Mitleid zu schenken und damit die Schwäche zu fördern. Dies ist, wo Stirners Verein der Egoisten und Kropotkins gegenseitige Hilfe zusammenkommen.
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Wenn wir also unser Leben in seiner Totalität begreifen wollen, um es in vollen Zügen zu geniessen und daraus Waffen gegen die Totalität dieser Gesellschaft zu machen, müssen wir uns klarmachen, wie wir uns verhalten, um die Individualität jedes Menschen zu fördern. In diesem Zusammenhang lohnt es sich näher hinzuschauen: Was ist praktische Affinität? Ist es nicht echtes gegenseitiges Wissen über Ideen, Träume, Wünsche, Fähigkeiten, Ziele und Bedürfnisse, das uns erlaubt, uns auf einer projektbezogenen Basis zu treffen und unsere Rebellionen zu verbinden? Und das erfordert, dass wir ohne Hintergedanken miteinander reden. Was ist Freundschaft? Ist es nicht die Bereitschaft, sich gegenseitig praktisch zu unterstützen, uns auf unsere Gefährten zu verlassen, denn sie sind unser Glück und unsere Lebensfreude. Was ist Komplizenschaft?
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Ist es nicht die Anerkennung einer konkreten Verflechtung von Projekten, bei der es sinnvoll ist, Kräfte zu bündeln, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen – die unmittelbare Anerkennung von Kämpfen und Aufständen, die zusammenkommen? Und was ist Mutualität? Ist es nicht eine Gegenseitigkeit, die nicht misst oder abwägt. In ihr erkennen sich alle Beteiligten gegenseitig als Quelle der Kraft, des Vergnügens und der Fülle des Lebens, der einzigen Art von Reichtum, die zählt. In der Praxis müssen wir uns fragen, ob unsere Beziehungen unsere eigene Schöpfung oder das Ergebnis unbewusster Gewohnheiten sind, die von dieser Gesellschaft vermittelt werden? Beruhen sie auf gegenseitiger Stärkung und Entfaltung? Schaffen und fördern wir den Reichtum des Lebens und der Freude miteinander? Verstärken wir unsere Entschlossenheit gegen diese autoritäre, geldbasierte Zivilisation, indem wir unser Leben und unsere Kämpfe miteinander verflechten?
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Wenn nicht, sollten wir uns fragen, warum wir irgendeine Art von Beziehung haben. Denn es geht nicht darum, dass wir uns gegenseitig etwas schulden. Das tun wir nicht. Die Idee der Verschuldung ist Teil des wirtschaftlichen Rahmens dieser Gesellschaft. Der Punkt ist, dass der beste Weg, unser Leben in vollen Zügen zu geniessen und zu verwirklichen und gegen diese Gesellschaft zu kämpfen, darin besteht, jeden Moment, jede Aktivität und jede Beziehung bei der Schaffung eines ganzheitlichen Lebens bedeutsam zu machen, so weit wir dazu in der Lage sind. Es wird ein ständiger Kampf und eine Herausforderung sein, bis wir die Gesellschaft zerstören, die uns in jedem Moment ihre Realität aufzwingt. Das erfordert ein hohes Mass an Bewusstsein und gegenseitiger Anstrengung.
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Ich möchte all dies weiter mit Menschen diskutieren, die bereit sind, sich gemeinsam für die Überwindung der verschiedenen Denk- und Handlungsmuster einzusetzen, die sich aus der Entfremdung und Atomisierung dieser Gesellschaft ergeben, die bereit sind, sich zu engagieren, um gemeinsam zu kontinuierlichen Schöpfern ihres Lebens, ihrer Beziehungen und Kämpfe zu werden, die bereit sind, gemeinsam fortlaufende Projekte der Revolte zu verfolgen. Projekte, die unmittelbar darauf abzielen, bestimmte Faktoren dieser Gesellschaft anzugreifen, die uns hier und jetzt im Wege stehen und die die Natur dieser Gesellschaft in ihrer Totalität aufzeigen.<p><em></em><p><small>Hier gefunden: <a class="fussnoten_links" href="https://anarchistischebibliothek.org/library/wolfi-landstreicher-leben-als-totalitaet" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://anarchistischebibliothek.org/library/wolfi-landstreicher-leben-als-totalitaet</a></small>]]></description>
<pubDate>Fri, 01 May 2026 12:52:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/leben-als-totalitaet-ueber-individualitaet-und-beziehungen-009667.html</guid>
</item>

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<title><![CDATA[Die Technik wird's schon richten? Vom kollektiven Gedächtnisverlust und der Sehnsucht nach Tagträumen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/die-technik-wird-s-schon-richten-vom-kollektiven-gedaechtnisverlust-und-der-sehnsucht-nach-tagtraeumen-009665.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Keine Frage, dass man auch den links-grün versifften Hirnen eine Spülung wünschen tät'.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Chernobyl_10_(13511028923)_w.webp><p><small>Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chernobyl_10_(13511028923).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> 	Stefan Krasowski</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Angesichts der miesen Nachrichten aus allen Erdteilen, den bei Lidl und Aldi gehandelten Untergangs-Szenarien und dem klassenübergreifenden politischen Missmut fehlt es den demokratischen Kräften an erholsamen Tiefschlaf: Man wacht erholt auf, spuckt in die Hände und packt an. Stattdessen Jammer bei den Geisteswissenschaften: Kein Schwein ruft mich an.
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Die Ingenieure biegen gleich rechts ab und schwören Stein und Bein, dass es die Technik schon richten wird. Mehr als je leiden die Gesellschaften und ihre Angehörigen heute an Gedächtnisverlust, Verwirrtheit und Persönlichkeitsveränderungen: Es fehlt an Tiefschlaf, es fehlt an Tagträumen, an Überzeugungskraft für bessere Zeiten. Kein Wunder bei den Sauereien auf der Welt.
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Nehmt doch nur mal Tschernobyl – und jetzt kein Wort zu Fukushima, Harrisburg oder der geologischen Zeitbombe Neckarwestheim: kommt Zeit, kommt Rat. Die Männerpartei AfD etwa überwindet die Grenzen alter Milieus und hält die Demokratie auf Abstand, verkürzt aber den zur CDU/CSU. Atomfreunde aller Länder, vereinigt euch.
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Die Lage in Tschernobyl reicht öffentlich-rechtlich eben mal für ein Viertelstündchen mit Geiger-Erzähler vor Ort. Nach dem Drohnenneinschlag vor zwei Jahren steigen die Reparaturkosten für die kaputte Schutzhülle auf wenigstens 500 Millionen Euro – halb so viel wie die Sanierung der Stuttgarter Oper. Ein Deal! Skeptiker sehen schwarz: 4 bis 6 Opern, ohne Beleuchtung.
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Logisch: Die Ukraine kann den Sarkophag nicht allein stemmen, aber auf der anderen Seite (westwärts) kriegen die milieugeschädigten G-7-Staaten ja nicht mal den Arsch hoch, um ausreichend Mittel für Pflegekräfte, Altenheime und Krankenhäuser zu generieren. Wie tröstlich: Die aktuelle Strahlenbelastung in Deutschland durch Tschernobyl ist noch zu gering für Alarm, aber man weiss: Ein grossflächiger Schutz in Mitteleuropa gegen eine neue Wolke ist eh' sehr schwierig; Experten raten im Notfall zu Tiefschlaf im Endlager.
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Meine Omi Glimbzsch in Zittau spottete schon damals in Zittau/DDR: „Alle 100 000 Jahre ein Atomunfall? Wie schnell doch die Zeit vergeht!“<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 12:33:04 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Demokratieförderung made in Germany: Wer nicht passt, wird passend gemacht]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/demokratiefoerderung-made-in-germany-wer-nicht-passt-wird-passend-gemacht-009660.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In rund 3.600 Fällen hat die Bundesregierung NGOs und Leute wie Dich heimlich durch den Verfassungsschutz überprüfen lassen. Na, wie denn sonst? frag ich da!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Verfassungsschutz_berlin_w.webp><p><small>Das Gebäude des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf dem Kasernengelände am Treptower Park in Berlin.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Verfassungsschutz_berlin.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wo st 01</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 cropped)</a></small><p>Soll sich der VS etwa vorher anmelden, damit die Kleinkriminellen rechtzeitig Waffen, Drogen und Material von Donald Trump verschwinden lassen können?
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Verfassung hin oder her - wichtig ist doch nur eins: Auf der windfrischen Grund- und Faktenlage wurde entschieden, wer Geld kriegt, also staatliche Fördermittel zur Demokratie-Förderung - und wer nicht. Natürlich alles ohne Wissen der Betroffenen und natürlich ohne klare gesetzliche Grundlage. Wer wird denn da in die Luft gehen? Wir sind doch hier nicht in China!
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Aber klar: Bei sowas steigen sofort die links-grün-versifften Blasen auf, die beim Wal ausbleiben. Kritiker:innen warnen vor Willkür und Intransparenz und sehen in der Kontrolle der Zivilgesellschaft durch Staat und Verfassungsschutz eine Gefahr für den Rechtsstaat.
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Die soll'n sich mal nich in die Hose machen, tät da meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen. Dort hat die AfD schon lange die Demokratie gesichert rechtsradikal überholt und hält jede Art von Verfassungsschutz eh für überholt. Morgen könnt' sie ihn abschaffen, da leg' ich meine Hand in Feuer. Vielleicht sollt' man sich die alten Stasi-Mitarbeiter mit ins Boot holten, um den Linken eins auszuwischen? Ach, hat man schon? Sorry.
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„Die CDU-SPD-Sparpläne treffen auch uns“, jammern die gepamperten NGO'ler. Zentrale Projekte stünden auf der Kippe, sagen sie: Hilfe für Betroffene rechter Gewalt, Beratungs- und Infos-Angebote für engagierte Leute vor Ort, Geld für die Ausstellung „Mein Name ist Mensch“ in Schulen, Vereinen und Initiativen, Aufklärung und Gegen-strategien zu Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit vor Ort und im Netz - kein Geld mehr da. Und Monitoring, d.h. Überwachung, systematische Erfassung, Messung und Auswertung von Daten, Prozessen oder Funktionen. Halt! Das macht doch schon Palantir, Kinder! Palantir, von der Fascho-Firma Peter Thiels entwickelt, wird u.a. von der Polizei in Bayern, Hessen, NRW und mithilfe der Grünen auch in Baden-Württemberg eingesetzt, um z.B. Straftaten weiszusagen und Dein Personenprofil zu erstellen.
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Trost bietet jetzt nur Berlin. Die BVG hat „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=YEYim54pJ00" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Is mir egal</a>” (feat. Kazim Akboga) noch im Netz.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 27 Apr 2026 10:55:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Heaven Can Wait: 1. Mai Berlin 2026]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/heaven-can-wait-009653.html</link>
<description><![CDATA[<strong>“Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten” (Albert Camus) James: “The same procedure as last year, Miss Sophie?” Miss Sophie: “The same procedure as every year, James!”</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/machen_ist_wie_wollen_w.webp><p><small>  Foto:  zVg</small><p>Nun haben sich die kümmerlichen Überreste der Postautonomen – die schon mit den Füssen scharren für ihr neues sensationelles Kampagnenjahr – und die diversen neuen K-Gruppen – an denen neu nur ihr völlig verkümmertes Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen ist, während ihre historischen Vorgänger jenseits des stupiden autoritären Weltbildes wenigstens eine materialistische Klassenanalyse vorzuweisen hatten - wieder lieb und gestalten die alljährliche Wallfahrt zum 1. Mai in Berlin gemeinsam. Beide Lager haben endlich die Inklusion für sich entdeckt und so präsentieren sich die veröffentlichten Aufrufe im späteren Text und auch schon im Header in 'einfacher Sprache'.
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'Freiheit, Frieden, Solidarität'. Nicht weit weg vom “Friede, Freude, Eierkuchen' der Loveparade des bekennenden Antisemiten Dr. Motte, der 1995 in einem Interview mit dem Tagesspiegel meinte: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“
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Und nein, wir schlagen an dieser Stelle nicht den Bogen zum virulenten Antisemitismus, der sich tief eingegraben hat in die berechtige Wut der Bewegung gegen den mörderischen Krieg, den Israel gegen die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen führt, das wäre zu billig, wenn auch rhetorisch reizvoll. Wobei auf den falschen Campismus, der spätestens mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 seinen erneuten Siegeszug in der Linken angetreten hat, noch zurückzukommen ist.
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<em>Give me all of your dreams<br>
And let me go alone on your way<br>
Give me all of your prayers to sing<br>
And I′ll turn the night into the skylight of day.</em><br>
(Meat Loaf – Heaven Can Wait)
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“Wir werden am 1. Mai für euch den Himmel auf die Erde holen. Seid dabei!” und “Wir organisieren den Aufruhr!” tönt es auf dem Twitter Account des” Revolutionären 1. Mai Berlin” und die Interventionistische Linke, deren 'Zwischenstandspapier #2' vor 2 Jahren noch gut 30 Seiten aufwies, verzichtet in ihrem Aufruf zum 1. Mai in Berlin 'Gegen die Gesamtscheisse' auf jegliche theoretische Unterfütterung und versucht sich in historische Reminiszenz kurz und knackig am Slang jener Bewegung, die einst den 1. Mai in Berlin in die Geschichtsbücher einschrieb: “Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1. Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit. [sic!]”
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Aus dem Nichts ersteht ein 'Antifa-Block' wieder auf, während in den letzten Jahren Antifa in Berlin vor allem eine Angelegenheit von Sitzblockaden und Partizipation an den diversen 'Wir sind mehr' Massenkundgebungen war, die von einem breiten Bündnis aller 'demokratischen Parteien' organisiert wurden und vor allem eins waren: Eine bedingungslose Einschwörung auf die Verteidigung des kapitalistischen Normalzustandes, während sich an den Versuchen Aufmärschen der Strassenfaschisten direkt entgegenzutreten, meist nur im besten Fall einige Dutzend Menschen beteiligten und die überwiegende Mehrzahl der Demos im Kontext der fast beispiellosen Repressionswelle gegen militante Antifas (Antifa Ost Verfahren, etc.) nur einige hundert Menschen (wenn überhaupt) mobilisieren konnten und es in Berlin mittlerweile Standard ist, das ehemalige Führungskader der Nazis über Stunden Antifa Aktionen abfilmen können und höchstens mit Regenschirmen symbolisch „abgeschirmt“ werden.
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Nun also “Antifa in die Offensive”, natürlich im Schutz der alljährlichen Massenlatschdemo am 1. Mai. Und natürlich darf ein Aufruf zu einem 'anarchistischen Block' im 'Antifa-Block' nicht fehlen und mensch fragt sich, wo all die unterzeichnenden “Autonome und Anarchisten” die restlichen 364 Tage im Jahr stecken, soweit sie nicht den aktionistischen Splittern zuzurechnen sind, die regelmässig mit Brandsätzen an Kabelsträngen die Berliner S-Bahn sabotieren, wenn sie nicht ausnahmsweise einen lichten Moment haben und das Tesla Werk bei Grünheide lahmlegen, aber das sofort wieder toppen, in dem sie der Thermometersiedlung im Südosten Berlins mitten im Winter bei Dauerfrost für Tage Licht und Wärme kappen, was für sie, ganz lässig im Militärjargon, als 'Kollateralschaden' durchgeht.
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Die Thermometersiedlung, eines jener typischen Neubaughettos, wie sie Anfang der 70er überall an den Rändern von Berlin entstanden sind. Über die Hälfte der 5000 Menschen dort haben einen Migrationshintergrund, ein grosser Teil muss sich mit prekären Arbeitsverhältnissen durchschlagen, fast jede/r Fünfte lebt von Sozialhilfe, die Kinderarmut liegt bei fast 40 %. Die Thermometersiedlung ist ein Schwerpunkteinsatzgebiet der Berliner Bullen seit Silvester 2022, als Berlinweit Krawalle ausbrachen, die den Bullen völlig aus dem Ruder liefen.
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Jedes Jahr werden nun ganze Einsatzhundertschaften zum Jahreswechsel in die Siedlung verlegt. Wenn es in dieser Stadt heimliche Sympathien für 'L'Insurrection qui vient' gäben sollte, so sind sie mit Sicherheit unter den rebellischen Fraktionen des jugendlichen migrantischen Surplus Proletariats zu finden, das in der Thermometer Siedlung beheimatet ist. Dass sie in den zahlreichen Wortmeldungen und Folge-Communiques der diversen anarchistischen – und Vulkangruppen nicht einmal Erwähnung finden, sagt alles über die völlige Selbstbezogenheit dieser Tendenz der anarchistischen Galaxie aus, deren moralische Selbsterhöhung den „gewöhnlichen“ Menschen ihre Subjektivität raubt, sie zu Objekten in einer quasi militärischen Guerilla Konfrontation mit dem Staat und dem technologischen Komplex degradiert.
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<em>“Weltweit dürfte keine weitere linksradikale Szene existieren, die ähnlich paradox an einem Ritual der eigenen Konzeptlosigkeit festhält, wie die Berliner am 1. Mai.”</em>
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<em>Autonome Gruppen – Jetzt oder nie! Über den nächsten und vielleicht letzten 1. Mai (2017)</em>
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Kommen wir, wie versprochen, zurück zu den Anfängen dieser Polemik, denn um eine solche handelt es sich ohne Zweifel, alle produktiven theoretischen und vor allem praktischen Initiativen, diesem alljährlichen Spektakel Leben einzuhauchen, sind längst gescheitert, waren vielleicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil so wie die Eruption am 1. Mai 1987 eine ganz praktische Kritik an der „Gesellschaft des Spektakels” gewesen war, so war die 1988 erstmalig organisierte „Revolutionäre 1. Mai Demo” schon in ihrer Genese selbst ein gesellschaftliches Spektakel.
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Vorrangig angeschoben von jenen autonomen Kreisen, die nach dem 1. Mai 1987 vor allem mit der Inszenierung von sogenannten “Kiezpalavern” beschäftigt waren (und sich öffentlich von der “ziellosen Gewalt” zu distanzieren), auf denen sie eben nicht mit den plündernden und brandschatzenden Proleten, sondern mit der neuen linksgrünen Middle Class zusammen hockten, boten die Demos in den ersten Jahren immerhin einen Raum, der militante Initiativen ermöglichte, diese waren aber im besten Fall nur politisch, niemals sozial bestimmt und den meisten Fällen nur schlicht taktischer Natur.
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Spätestens mit der Verlegung der alljährlichen Demo in die Abendstunden (die ursprünglich nur erfolgte, um vielen Leuten sowohl eine Intervention gegen einen grossen Nazi Aufmarsch in Leipzig am Mittag und die abendliche Beteiligung in Berlin zu ermöglichen) begann die endgültige Eventisierung der Demo. Abertausende, völlig unorganisiert, mit der Bierflasche in der Hand, schlenderten am Ende und am Rande der Demos mit, der Übergang zum staatlich inszenierten Befriedungsprojekt Myfest gelang fliessend, etliche Securities des Myfestes wurden unter den migrantischen Jugendlichen rekrutiert, die sonst mit die ersten waren, die die Bullen mit Steinen eindeckten.
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Die diversen “linksradikalen” Grüppchen glänzten mit eigenen Ständen auf oder am Rande des Myfestes, money rules the world. Und es war viel Geld zu verdienen am 1. Mai. Irgendwann war der Frontblock nur noch eine leere Hülse, die Bullen hatten die volle Kontrolle darüber, wann und wo dieser zerlegt wurde. Und er wurde immer zerlegt. Mit ein Grund, warum er jedes Jahr kleiner wurde und irgendwann von den letzten autonomen Zusammenhängen an die neuen roten Gruppen vererbt wurde, die immerhin eine beeindruckende Anzahl von roten Winkelelementen vorzuweisen hatten.
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2009 gab es dann noch ein für alle völlig überraschendes Revival und über eine Länge von mehreren Kilometern wurden ganze Hundertschaften massiv mit Steinen eingedeckt und mussten sich mehrmals zurückziehen. Dann war Ende mit organisierter Militanz, ein paar Jahre noch schaffte es sich die sogenannte Kotti Party zu etablieren, auf der sich vor allem reichlich Betrunkene, aber auch einige Gruppen des migrantischen Surplus Proletariats Faustkämpfe mit den Bullen lieferten.
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Seit diesen Zeiten ist der 1. Mai auf das reduziert, was er im Kern schon immer war: Ein Spektakel, ein Event, das von seinem Mythos lebt und der vagen Hoffnung, dass etwas passieren könnte, woran man sich am nächsten Tag noch erinnert. Eigentlich gibt es kaum etwas Traurigeres, als alljährlich zu erleben, wie Zehntausende mit sehr viel Verbalradikalismus wie eine Schafherde als civil wargame für die aus allen Bundesländern herbeigekarten Einsatzhundertschaften fungieren.
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“Ich habe eiserne Prinzipien.” Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich noch andere.” (Groucho Marx)
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Nun also die nächste Aufführung am 1. Mai, es ist wie mit einem Abonnement der Theatergemeinde, du willst eigentlich die eine geile Brecht Inszenierung am Berliner Ensemble sehen und musst den ganzen Rest an Langeweile, Mittelmässigkeit und Borniertheit mit in Kauf nehmen, weil du sonst nie an Karten kommen würdest. Wenigstens muss man dafür nicht früh aufstehen. Immerhin dürfte der diesjährige Aufmarsch weitere Bodenlosigkeiten mit sich bringen.
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Die Zeiten, wo Nationalfahnen auf der 1. Mai Demo verpönt waren, gehören ja nun der Vergangenheit an, früher praktizierten das eigentlich nur ein paar Spinner der Cuba Freundschaftsgesellschaft und das wurde allgemein als Folklore geduldet. Die Einzigen, die mit dieser Selbstverständlichkeit brachen, waren die Antipoden der heutigen Organisatoren der 1. Mai Demo, die Antideutschen, die tatsächlich Mitte der 90er mit Fahnen von den USA, GB und der von Frankreich auftauchten, was natürlich als blosse Provo gedacht war und soweit ich weiss, konnten sie damit auch nicht mitlaufen.
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Dieses Jahr dürfte sich das aber endgültig erledigt haben mit der Kritik an den Nationalstaaten, schon letztes Jahr waren neben einem Fahnenmeer von Palästina Fahnen einige libanesische Fahnen zu sehen und was das noch mit irgendeiner Form von Revolution oder Emanzipation zu tun hat, dürfte selbst den Schülern der Dialektik schwerfallen zu erklären (wobei zu vermuten ist, dass den Kadern der neuen K-Gruppen selbst das Wesen der Dialektik irgendwie verschlossen geblieben ist).
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Nun also, wo sich im Gefolge des Massakers am 7. Oktober der Krieg auf fast den gesamten Nahen Osten ausgedehnt hat, eine Tatsache, die nicht den grössenwahnsinnigen Fantasien einiger Psychopathen geschuldet ist, sondern die allgemeine Tendenz zum Krieg als FOLGE DER VERWERTUNGSKRISE repräsentiert, die multipolare Neuordnung der Welt, oder wie Sandro Moiso in “Ein Verbrechen namens Krieg”* schrieb:
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“Konflikte und Widersprüche, die zwangsläufig entstehen und sich exponentiell verschärfen werden, sind nicht die Folge von Systemfehlern, noch sind sie dessen faulige Früchte oder eine vorübergehende Notwendigkeit, sondern im Gegenteil die vollständige Verwirklichung eines politischen, wirtschaftlichen und militärischen Wandels, der nur durch einen radikalen Umsturz seines Wesens und seiner Paradigmen beendet werden kann.
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Wie Rosa Luxemburg, die bereits im Epigraf zitiert wurde, feststellte: 'Seine weitere Herrschaft ist mit dem Fortschritt der Menschheit unvereinbar', denn zum ersten Mal in der Geschichte sind Ausbeutung und Arbeitslosigkeit, Entfremdung und Krise, Krieg und Zerstörung nicht die zufälligen Produkte und Nebenwirkungen einer bestimmten Art der Produktion und Reproduktion des Lebens und seines Unterhalts, sondern vielmehr ihre unvermeidliche und notwendige Folge, ihre 'Lebensbedingung'.
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Doch solche analytischen Durchdringungen der Realität, der wir alle unterworfen sind, und die uns mit in ihren geschichtlichen Abgrund reissen wird, wenn wir ihr nicht in den Arm fallen, sind nicht mehr en vogue, auch die neuen K-Gruppen, die das Erbe der kommunistischen Bewegung zu vertreten behaupten, sind letztendlich auch nur ein Ausdruck der allgemeinen Tendenz der Linken zur blossen Identitätslinken, völlig losgelöst von jeglicher materialistischen Gesellschaftskritik.
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Und so ist es auf Dringendste zu befürchten, dass wir dieses Jahr das Vergnügen haben werden, dass die Fahne der Islamischen Republik dutzendfach auf der 1. Mai Demo spazieren getragen wird als Repräsentanz der “Achse des Widerstandes”. Ein dumpfer, dummer Antiimperialismus, ein zutiefst reaktionärer Campismus, der auf die toten iranischen Schwestern und Brüder spuckt, die zu Tausenden von den Mullahs in Teheran abgeschlachtet wurden.
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<b>Jin, Jiyan, Azadî – und sonst nichts**</b>
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<b>Parham Shahrjerdi</b>
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<b>Berlin Kreuzberg, den 11. April 2026 </b><p><em></em><p><small>* https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/03/27/ein-verbrechen-namens-krieg/
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** https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/01/12/iran-frau-leben-freiheit-und-sonst-nichts/
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<b> Text gefunden auf:<br>
</b><br>
https://non-milleplateaux.de/heaven-can-wait-1-mai-berlin/</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 10:53:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Der Riss im Beton: Ungarns politischer Bruch und die Illusion des schnellen Sieges]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/der-riss-im-beton-ungarns-politischer-bruch-und-die-illusion-des-schnellen-sieges-009652.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wie eine Wahl die Achse verschiebt – und warum Demokratie mehr braucht als ein Kreuz auf dem Stimmzettel.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/The_Stakes_of_the_Election_(24)_w.webp><p><small>Wahlen in Ungarn, 11. April 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Stakes_of_the_Election_(24).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> 	Elekes Andor</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Budapest sendet wieder – unüberhörbar für alle, die noch hören wollen. Während andernorts die Trommeln des Nationalismus dröhnen, während sich in Europa und darüber hinaus autoritäre Versuchungen wieder geschniegelt und gebügelt mit öffentlich-rechtlichen Wohlwollen präsentieren, geschieht in Ungarn etwas, das man fast verlernt hatte: Der politischer Bruch.
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Die neue Tisza-Partei fegt das System Viktor Orbán nicht einfach vom Tisch – sie verschiebt die Achse. Zwei Drittel der Sitze: das ist ein Misstrauens-votum gegen die Logik der Abschottung, der Angstbewirtschaftung, der „illiberalen Demokratie“: Auch gegen ein Europa, das seit Jahren wegsieht, wenn an seinen Rändern Recht gebrochen wird.
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Köszönöm, Magyarország! Danke für diesen Riss im Beton.
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Doch wer jetzt in Jubel ausbricht, sollte sich nicht täuschen: Die Linke kam in diesem Spiel nicht mehr vor. Nicht, weil ihre Themen verschwunden wären – im Gegenteil. Aber wie wurde in der politischen Neuordnung marginalisiert. Wer Orbán loswerden wollte, wählte strategisch. Bündelung statt Vielfalt. Zweck statt Programm. Das ist verständlich – und zugleich ein Problem.
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Denn Demokratie lebt nicht vom Wahltag. Sie lebt vom Alltag. Vom Widerspruch in der Kantine, vom Engagement im Betrieb, von der Zivilcourage auf der Strasse. Wer glaubt, mit einem Kreuz alle vier, fünf Jahre sei es getan, hat schon verloren – egal ob in Budapest, Berlin, Brüssel, Birmingham oder Boston.
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Doch Mooomentle! Wenn wir nach Ungarn schauen, sollten wir im Rücksiegel auf die rechtspopulistische Kräfte im eignen Land blicken, wo sie „die stärkste der Parteien“ sind. Auch bei uns wird über Menschenrechte debattiert, als seien die eine Option unter vielen. Flüchtlinge? Zu oft ein „Problem“, selten Menschen. Das Mittelmeer? Massengrab, verwaltet mit bürokratischer Kälte – von der Mitte mit dem demokratische Menschenrechtsmäntelchen.
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Merke: Wer in höchster Not ist, braucht Hilfe. Punkt. Kein „Aber“, kein „Jedoch“. Aber wir haben gemeinsam ein Europa geschaffen, das viel lieber redet als rettet.
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Ungarn zeigt: Propaganda ist nicht allmächtig. Lügen sind nicht unbesiegbar. Selbst ein durchorganisiertes Machtgefüge kann Risse bekommen. Das ist die Hoffnung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Dort. Und hier.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 10:52:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/der-riss-im-beton-ungarns-politischer-bruch-und-die-illusion-des-schnellen-sieges-009652.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Für Achim Szepanski oder: Der Blick zurück in das Jahr 2018]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/im-deutschsprachigen-raum-findet-keine-relevante-diskussion-ueber-offenkundig-notwendiges-statt-009650.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Achim Szepanski hat uns einen Schatz hinterlassen, so gross, dass es wohl Jahre dauern wird, diesen zu heben. Aber irgendwo kann man ja anfangen...</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Achim-Szepanski-verstorben_w.webp><p><small>Achim Szepanski.  Foto:  </small><p>Da sind die drei Essays ‚Imperialismus, Staatsfaschisierung und die Kriegsmaschinen des Kapitals' (2018) – sowie unten verlinktes Interview mit dem Autonomie Magazin (auch 2018) ein guter Start. Als Appetithäppchen hier die Zusammenfassung des dritten Essays ‚Staatsfaschisierung und Rechtspopulismus' vom Autor selbst:
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„Der kommende Faschismus, der als solcher in Anführungszeichen zu setzen ist, wird durch die staatliche Politik des präemptiven Krisen- und Risikomanagements forciert, das, angetrieben von Präventionspolitiken und hypertechnologisierten Paranoia-Aggregaten, das Chaos oder einen Systemfeind überall und nirgends vermutet und deshalb mit immer drastischeren Mitteln eingreifen muss, um das – nach Ansicht des Staates Schlimmste – zu verhindern.
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In Engführung mit den globalen Kriegsmaschinen des Kapitals adressiert der Staat längst nicht nur die Terroristen als Feinde, vielmehr sichtet er überall und nirgends Feinde, und das heisst, in der Gestalt eines Unternehmens sowie einer motorisierten Exekutivmaschine von Direktiven fungiert er als ein Instrument der Ausbeutung, der Kontrolle und der Disziplinierung einer längst globalisierten Arbeitskraft. Und es kommt, was kommen musste: Die nach der Finanzkrise von 2008 von den Staaten selbst institutionalisierte Klaviatur der Rassismen und Nationalismen wird heute immer stärker von den rechtspopulistischen Bewegungen bespielt, welche die Staatsfaschisierung in Richtung eines offenen Bürgerkrieges treiben wollen, der als seine primären Feinde Flüchtlinge, Muslime und die Fremden im Generellen definiert, um schliesslich, im engen Schulterschluss mit dem Staat, einen derart hochexplosiven Zustand zu erreichen, an dem die Politik der Gefühle um des eigenen Glücks willen den Genozid an der Surplus-Bevölkerung im globalen Süden einfordert.“
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Zum Einstieg in das Werk von Achim Szepanski eignet sich auch die Einleitung zur Erinnerungsfeier von Karl-Heinz Dellwo:
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„Mit Achim konnte man sich über alles unterhalten. Über die Beschränktheit des traditionellen Kommunismus, über die Beschränktheit einer woken Linken, über die Ohnmacht, die uns allen gleich ist, wenn wir die Aufgabe setzten, die fortschreitende Destruktion und Selbstdestruktion eines untergehenden Zeitalters aufzuhalten und vieles andere mehr. Aber eines kennzeichnete Achim: er hätte nie aufhören können, über den strukturellen Hintergrund und seine negative Prozesshaftigkeit nachzudenken und zu schreiben.
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Oft war er deprimiert darüber, dass so wenig Diskussionen stattfanden, vielleicht auch, dass er ignoriert wird. Ich habe ihn oft zu trösten versucht, indem ich ihm sagte, dass dieses ignoriert-werden nicht ihm gelte, sondern ein Versuch ist, über die eigene Ohnmacht hinweg zu tanzen. Wir kennen das von früher: Über Dinge, die unveränderbar scheinen, nichts weiter wissen zu wollen. Man muss aber sagen: das ist etwas spezielles in der deutschen Diskussion.
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Im englischsprachigen Raum gibt es eine lebhafte marxistische Diskussion, es ist dort normal, sie zu führen. Achims Auflagen dort waren bald vergriffen. In China wurde seine Analyse über Kapital und Macht vom zweitgrössten chinesischen Staatsverlag für marxistische Theorien ins chinesische übersetzt und mit grossen Brimborium von fünf marxistischen Professoren der dortigen Öffentlichkeit vorgestellt. Achim hat das gefallen.
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Wie so oft gilt: Der Prophet gilt wenig im eigenen Land. Er hat diese Würdigung auch verdient. Im deutschsprachigen Raum herrscht nur ein geistloser Mainstream und findet keine relevante Diskussion über das offenkundig Notwendige statt: Das historische Ende einer Epoche wird so behandelt, als könne alles einfach immer weiter verlängert werden. Dabei gerät alles Zivilisatorische des politischen Systems des Kapitalismus unter die Räder.<br>
(…)<br>
Ja, es bleiben noch die ideologischen Faschisten von der AFD mit ihrem Führerimitaten, als da: In der Entwertung aller Werte durch die sich vollendende Totalität der Lebensverwertung betrachten auch die unten, euphemistisch »Das Volk« genannt, alle Werte auch nur noch als instrumentell für ihre eigenen Zwecke. Auch das ist kein Fundament für einen neuen alten Faschismus. Auch den ideologischen Faschisten wird ihre Grundlage brüchig. Aber es ist die Grundlage für die Barbarei des Interesses. Jedes Interesse ist strukturell reaktionär. Für die, die hier noch eine Bemerkung zu DIE LINKE vermissen, achja, die kann man gerade vergessen.
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Achim wusste das und bestand deshalb darauf, dass wir uns über das Grundsätzliche Gedanken machen, dass wir die Prozesse verstehen müssen, die uns verohnmächtigen und in den Untergang treiben. Manche werfen Achim vor, dass er kompliziert geschrieben hat. Ja, stimmt, es ist nicht alles einfach konsumierbar und erhellt gleich unser Begreifen. Aber auch das hat historisch seine Gründe, wenn etwas noch nicht so einfach auftritt wie eine Neue Welt, die man irgendwann vor seinen Augen sieht und sich dann verblüfft fragt: ‚Wieso habe ich so lange dazu gebraucht'. Dazu muss wahrscheinlich viel zerfallen sein vorher. Aber das zumindest ist unsere Pflicht: zu sehen, dass etwas zerfällt und wir nichts darin retten können.“
<br><br>
Wenn das Interesse geweckt ist, folgendes Interview aus dem Jahr 2018 ist weiterhin zum Verständnis unserer Zeit relevant und spricht wichtige Themen an:
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Die Surplusbevölkerung vegetiert heute auf dem schmalen Grat zwischen Überleben und Liquidierung. Interview mit Achim Szepanski - Ausschnitt:
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„Das Grosskapital ist international aufgestellt, braucht für die Logistik offene Grenzen, während kleinere Unternehmen eher die Konkurrenz fürchten müssen. Was bedeutet dies für die Tendenz zur Faschisierung?
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Das heisst zunächst einmal, dass die Gefahren für das Entstehen eines alten »vollen« Faschismus gering sind. Allerdings hat gerade die spezifisch kapitalistische Globalisierung in den kapitalistischen Kernländern aufgrund einer langanhaltenden ökonomischen Stagnation, die eben mit der Globalisierung zusammenhängt (Teile des produktiven Kapitals wurden nach China ausgelagert und ermöglichten dort schnelles Wachstum), dafür gesorgt, dass der Staat die Mittel einer keyneasianischen Nachfragestimulierung nicht mehr aufbringen kann, sodass seine Funktion als Institution des Interessenausgleichs zwischen Kapital und Arbeit eingeschränkt ist. Stattdessen wird seine Funktion als soziale Polizei und Überwachungsorgan hochgefahren und erweitert. Dies begünstigt wiederum Faschisierungsprozesse im Staat selbst.“<p><em></em><p><small><b>Quellen:</b>
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Interview mit dem Autonomie Magazin: <a class="fussnoten_links" href="https://www.autonomie-magazin.org/blog/2018/11/22/die-surplusbevoelkerung-vegetiert-heute-auf-dem-schmalen-grat-zwischen-ueberleben-und-liquidierung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.autonomie-magazin.org/blog/2018/11/22/die-surplusbevoelkerung-vegetiert-heute-auf-dem-schmalen-grat-zwischen-ueberleben-und-liquidierung/</a>
<br><br>
Imperialismus, Staatsfaschisierung und die Kriegsmaschinen des Kapitals. Drei Essays: <a class="fussnoten_links" href="https://non-milleplateaux.de/wp-content/uploads/2018/11/Dokument0.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://non-milleplateaux.de/wp-content/uploads/2018/11/Dokument0.pdf</a>
<br><br>
Karl-Heinz Dellwo's Einleitung und viele weitere Widmungen:<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://non-milleplateaux.de/fur-achim/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://non-milleplateaux.de/fur-achim/</a></small>]]></description>
<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 08:49:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/im-deutschsprachigen-raum-findet-keine-relevante-diskussion-ueber-offenkundig-notwendiges-statt-009650.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Widerstandskollektiv und End Cement kündigen Zementwerksblockade von Heidelberg Materials an]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/oekologie/widerstandskollektiv-und-end-cement-kuendigen-zementwerksblockade-von-heidelberg-materials-an-009597.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Das Widerstands-Kollektiv und das Aktionsbündnis End Cement kündigen an, am Donnerstag, den 16. April, das Zementwerk von Heidelberg Materials zu blockieren.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Ennigerloh_Zementwerk_HeidelbergCement_--_2014_--_8672_w.webp><p><small>Das Heidelberger Zement Werk in Ennigerloh Süd.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:XRay" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dietmar Rabich</a> - <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Main_Page" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wikimedia Commons</a> - <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ennigerloh,_Zementwerk_HeidelbergCement_--_2014_--_8672.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ennigerloh, Zementwerk He</small><p>In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Blockaden vor dem Zementwerk, bei denen teils bis zu 100.00 Euro Sachschaden von Heidelberg Materials geltend gemacht wurden.<a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>
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„Wir werden dafür sorgen, dass die Zementindustrie ihre zerstörerische Arbeit an diesem Tag nicht weiterführen kann“, so Kim Z. (27) Sprecherin des Bündnisses gegen die Menschenrechtsverletzungen und das Kulturwashing von Heidelberg Materials.
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Die Studentin ergänzt: „Während Heidelberg Materials weltweit Menschenrechte verletzt und das Klima belastet, setzen wir ein Zeichen des Widerstands - direkt vor den Werkstoren.“
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Die Initiative lädt offen zur Teilnahme ein: „Komm am Donnerstag, dem 16. April, um 12 Uhr nach Leimen zum Zementwerk und schliesse dich der Blockade an“.<br>
Die geplante Blockade erfolgt in der Zeit des End Cement Camps, das vom 12. bis 20. April in Heidelberg stattfindet. Das Camp wendet sich gegen das Sponsoring des Musikfestivals “Heidelberger Frühling” durch Heidelberg Materials.
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Das Widerstands-Kollektiv ist eine Gerechtigkeits-Bewegung, die sich Ende Februar 2025 als eines der beiden Nachfolge-Projekte aus der <em>Letzten Generation</em> gegründet hat.
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Im Fokus des Widerstands-Kollektivs steht die Notwendigkeit gerechten Klimaschutzes.
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Das Projekt sieht die Klimakatastrophe als eine soziale, ökologische und demokratische Krise. Es versucht jedoch nicht mehr, Druck auf eine Regierung auszuüben, die sich in den vergangenen Jahren als unfähig (oder unwillig) erwiesen hat, sondern wird gerechten Klimaschutz selber machen.<br>
Das Widerstands-Kollektiv setzt überall dort an, wo sich Zerstörungen und Ungerechtigkeiten abspielen.
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Dafür werden verschiedene Protestformen genutzt. Beispielsweise werden Parkplätze in Grünflächen umgewandelt oder Radwege gemalt gemacht. Ausserdem nimmt die Gruppe diejenigen, die sich an der Zerstörung bereichern, in die öffentliche Verantwortung. Durch ungehorsame Versammlungen sollen Konzernzentralen, Flughäfen oder Baustellen besetzt werden. Umweltschäden werden direkt verhindert, etwa durch die Stilllegung klimaschädlicher Anlagen oder das öffentliche Blossstellen von klimaschädlichen Konzernen.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> <a href="https://www.n-tv.de/regionales/baden-wuerttemberg/Anklage-nach-Zementwerk-Blockade-in-Leimen-erhoben-article25748874.html" class="fussnoten_links" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.n-tv.de/regionales/baden-wuerttemberg/Anklage-nach-Zementwerk-Blockade-in-Leimen-erhoben-article25748874.html</a>
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Alle Infos zur Kampagne End-Cement: <a class="fussnoten_links" href="https://end-cement.earth/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://end-cement.earth/</a></small>]]></description>
<pubDate>Sat, 11 Apr 2026 08:46:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Das Lebendige schlägt zurück: Raum für eine revolutionäre Praxis schaffen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/das-lebendige-schlaegt-zurueck-raum-fuer-eine-revolutionaere-praxis-schaffen-009630.html</link>
<description><![CDATA[<strong>1995 - Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal! Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Gestalter_fuer_immersive_Medien_Werbeflyer_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gestalter_f%C3%BCr_immersive_Medien_Werbeflyer.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Griddings</a> (PD)</small><p>Bei den universitären Sozialwissenschaften wird die Dialektik als Untersuchungsmethode mehr und mehr als unwissenschaftlich abgelehnt. Aus anarchistischer Sicht sollte dies ein Grund zur Freude sein, eben dass die Dialektik von diesen Soziotechnikern, Soziokybernetikern und universitären Laborratten nicht mehr missbraucht wird. Es bleibt zu hoffen, dass sie vielmehr wieder eine lebendige und praktische Methode wird. Wo könnten eventuell Ansatzpunkte für eine anarchistische Kritik der Medien und Kommunikationstechnologien sein?
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Zunächst sollten technische Artefakte weder als neutral oder als Heilsbringer betrachtet werden, noch sollten sie dämonisiert werden. Es ist daher umso wichtiger, sie in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Funktion zu begreifen. Die Manipulation durch Medienprodukte erhält erst dadurch ihre enorme Wirkung und Effektivität, dass sie auf vereinzelte und entfremdete Menschen trifft.
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Medientheorie als nicht-materialistische Theorie zu betrachten, wie es häufig aus marxistischer Sicht geschieht, erfasst nicht den materialistischen Kern der Kontrolle, den Informationen durch ihre Verarbeitung, ihre Steuerung und Regelung auf den Menschen ausüben. Simulation ist eine äusserst effiziente und mächtige Technik. „Was durch sie ausgeblendet wird, ist zunächst die Konstruktionsmaschinerie selbst und des Weiteren die bewusste Manipulation, die auf der Kenntnis des Funktionierens der Wahrnehmungsmechanismen beruht.“<a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>
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Das Sichtbare, mit all seinen Verzerrungen, Ausblendungen und Zerstückelungen, wird dem Wirklichen gleichgesetzt und dieses wiederum mit dem Wahren. Dies war zwar schon immer Teil von Konstruktionen und das ist bei allen Medienprodukten ähnlich gelagert, egal ob es sich um Schriftstücke, gesprochene Vorträge, Fotos oder Fernsehprodukte handelt. Doch dieses Prinzip hat sich mit der Simulation und der Computeranimation wesentlich verschärft.
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Technische Artefakte bieten des Weiteren nicht nur Verfügbarkeit an, sie verlangen auch Verfügbarkeit vom Menschen.
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Sie dienen im Kapitalismus, aus dem sie ja schliesslich entstanden sind, zur Produktivitätssteigerung und somit auch zur Steigerung der Produktionsgeschwindigkeit, was sich auf die gesellschaftliche Arbeitsorganisation, das menschliche Zeitempfinden (Zeitmangel) usw. auswirkt.
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Es ist eine logische Folgerung, dass neue Technologien unsere Wahrnehmung und unser Zeitempfinden verändern. Doch wenn dies zum Ausgangspunkt einer Medientheorie wird, ist die Gefahr allerdings gross, in einen Traum von Ursprünglichkeit und Echtheit (Authentizität) zu fallen und somit in die Nähe eines elitären und bisweilen reaktionären Kulturpessimismus zu geraten.
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Auch fatalistische Theorien à la Baudrillard zu verinnerlichen, verhindert die Möglichkeiten revolutionären Handelns und führt zu einer Selbstlähmung. Es besteht eben keine Deckungsgleichheit zwischen subjektivem Zeiterleben und der technischen und medialen Zeittransformation. Was Marx für die Epoche der Industrialisierung beschrieben hat, ist auch für die Epoche der „Elektronisierung“ zutreffend: Technik und Produktionsverhältnisse schaffen „nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.“ Hier ist das Subjekt entscheidend mitberücksichtigt.
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Zwar gibt es die dumpfen Technikschergen, die nur das machen, wozu die Maschinen programmiert sind, und das im Sinne von Herrschaft und Kapital. Doch es ist das Subjekt, mit allen seinen Eigenschaften, wie Emotionalität, sinnhaftes Handeln usw., das in einem Bezug zum technischen Gegenstand steht. Dadurch ist auch subversives Handeln, Sabotage, Zweckentfremdung … möglich.
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Nach Baudrillard ist das Subjekt im Medienzeitalter nur noch ein fraktales<a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a>, „das in eine Vielzahl von winzigen gleichartigen Egos zerfällt,“<a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a> also überhaupt keines mehr. Daher gibt es seiner Ansicht nach keine Entfremdung mehr.
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Anarchistische Medienkritik sollte dahingegen zwischen erlebter und gelebter Zeit unterscheiden. Auch wenn das was als „gelebt“ gelten könnte, nur durch eine revolutionäre Praxis zu bestimmen ist. Sie sollte die Kluft von „mediafiction“, Mediendystopien<a href="#footnote-4" id="ref-4">[4]</a> und sozialwissenschaftlicher Medienanalyse überwinden und sich radikale Positionen mit dem Umgang neuer Kommunikationstechnologien erarbeiten. AnarchistInnen können zeigen, dass der Mensch eben nicht wie eine Maschine funktioniert und sich nicht so verhält; was jedoch nicht bedeuten kann, den Begriff Entfremdung aufzugeben.
<br><br>
Beweisen, dass eine absolute Kontrolle niemals möglich ist, bedeutet, sich Raum für eine revolutionäre Praxis zu schaffen. Das „wie?“ ist rein theoretisch und a priori nicht zu beantworten, das vermag nur der praktische Versuch mit theoretischer Reflexion, also eine lebendige Kritik.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Helga Nowotny: „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, 1994
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<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Ein fraktales Objekt zeichnet sich dadurch aus, dass sämtliche Informationen die dieses Objekt bezeichnen, im kleinsten Detail einbeschlossen sind. (z.B. bei der Holographie)
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<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> Baudrillard: s.o.
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<a href="#ref-4" id="footnote-4">[4]</a> Dystopie: negative Utopie; Horrorszenario (z.B.: Orwell: 1984)
<br><br>
Ganzer Text:<br>
Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal! Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie 1995
<br><br>
Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit. 4/95 (Nr. 55) 16.Jg. URL: <a class="fussnoten_links" href="https://archive.org/details/schwarzer-faden/1995-55-Schwarzer%20Faden_f/page/n35/mode/2up" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://archive.org/details/schwarzer-faden/1995-55-Schwarzer%20Faden_f/page/n35/mode/2up</a></small>]]></description>
<pubDate>Thu, 09 Apr 2026 08:51:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/das-lebendige-schlaegt-zurueck-raum-fuer-eine-revolutionaere-praxis-schaffen-009630.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Huthis, Hass und Hoffnung: Die Märkte sind durchgeschüttelt, die Energiepreise hoch]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/huthis-hass-hoffnung-die-maerkte-sind-durchgeschuettelt-die-energiepreise-hoch-009615.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Bürger als solcher ist dieser Tage ganz schön irritiert: Eben noch konnte er über verdammt hohe Spritpreise jammern.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2026-03-03_Treibstoffpreise_nach_Beginn_von__Epic_Fury_w.webp><p><small>Treibstoffpreise nach Beginn von "Epic Fury" am 28.02.2026. Aufgrund der Einschränkungen der Straße von Hormus werden höhere Preise erwartet.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2026-03-03_Treibstoffpreise_nach_Beginn_von_%22Epic_Fury%22_HOF8331_RAW-Export_cens.png" target="_blank" rel="noreferrer noopener">PantheraLeo1359531</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Über die vielen Faulenzer und Schmarotzer, die den Staat ausplündern, über Merz oder kriminelle Migration und das bissel Krieg, da tauchen die Huthis aus dem Nichts auf und die vergessenen Terroristen! Gott sei Dank nur in Frankreich. Als ob ich's geahnt hätte! Und alles vor Ostern!
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Wir wissen: Das iranische Regime leugnet den Holocaust und das Existenzrecht Israels und fordert stattdessen einen palästinensischen Staat, andererseits mehren sich in Israel die Stimmen rechts von Rechts und fordern kein Brot und kein Wasser in Gaza. Oft schlagen die Leut' die Händ' überm Kopf zusammen, wenn man sie beim abendlichen Frühschoppen im Fernsehen mit „diesen Gräuel da“ in Be'eri, Kfar Aza oder Nir Oz belästigt: Nichts wie wegsehen!
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Dass unsere deutschen Grossväter zwischen '33 und '45 ebenso gemeingefährlich und brutal mit den Menschen umgegangen sind und die Vernichtung der Juden zur Staatsräson gehörte – nee, echt jetzt? Wann soll das gewesen sein? Kein guter Grund, jetzt die Etats für Demokratie- und Allgemeinbildung zusammenzustreichen.
<br><br>
Und jetzt? Donalds Trump hat einen Irankrieg entfesselt, dessen Folgen die ganze Welt tragen muss, aber sie glaubt's noch nicht. Die Märkte sind durchgeschüttelt, die Energiepreise hoch, das Risiko, dass einem der Osterurlaubs verdorben wir, ist hoch.
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Ich kann's noch nicht glauben, dass die guten Zeiten vorbei sind. Beim Klimawandel wussten wir wenigstens, dass es eine Katastrophe wird. Wenn Ihnen das alles zu resignativ ist - bitte: Noch haben Sie die Chance, sich einzumischen, ganz praktisch und täglich. „Sej a Mensch“, wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau oft sagt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 03 Apr 2026 10:50:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Der Deutsche Buchhandlungspreis und der Kulturkampfminister Weimer]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/der-deutsche-buchhandlungspreis-und-der-kulturkampfminister-weimer-009614.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Liebe lesende Gemeinde, neulich in der Bahn: eine Frau fragt ihr Gegenüber: “hast Du schon die Sache mit dem Buchhandelspreis gehört?“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Unterzeichnung_des_Koalitionsvertrages_w.webp><p><small>Kulturstaatsminister Wolfram Weimer am 5. Mai 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-05-05_Unterzeichnung_des_Koalitionsvertrages_der_21._Wahlperiode_des_Bundestages_(Martin_Rulsch)_019.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Martin Rulsch, Wikimedia Commons</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Ja, man muss Wolfram Robert Wilhelm Weimer, der sich mit dem Titel „Kulturstaatsminister“ schmücken darf, geradezu dankbar sein: der Buchhandel ist – endlich einmal wieder! – in aller Munde, und zudem ist diese Branche eng zusammengerückt gegen einen Menschen, der genau dies gerade nicht wollte.<br>
Was war geschehen? Seit 2015 wird der Deutsche Buchhandelspreis vergeben. „Noch ein Preis“, könnte man sagen, wo es im Kulturbereich vor Preisen nur so wimmelt.
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Doch einer vielfach ökonomisch prekären, jedoch kulturell bedeutsamen Branche mehr Sichtbarkeit zu geben und die Bemühungen vieler unabhängiger Buchläden um eine sorgfältige Buchauswahl, ihre vielfältigen Veranstaltungen rund ums Buch und ihre Rolle als kulturelle Orte zu würdigen, dies ist Grund genug für diesen Preis: ja, er ist sinnvoll! Nun hat allerdings der Kulturstaatsminister erstmals mit dem sogenannten „Haber-Verfahren“ (einer 2004 erstmals vom Ex-RAF-Anwalt und späterem Innenminister angewendeten Anfrage zur Überprüfung öffentlich geförderter Projekte beim Verfassungsschutz) herausgefunden, dass drei der von einer unabhängigen Jury ausgezeichneten Läden „bedenklich“ sind und eine nachträgliche Streichung von diesem Preis durchgesetzt, somit auch die besagte Jury übergangen.
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Es sind dies der nach seinem einstigen Standort benannte „Buchladen Rote Strasse“ (der meine eigenen politische Sozialisation in den 1980er Jahren entscheidend beförderte, seit vielen Jahren ist der Laden zugleich lokaler Standort der ehemals gewerkschaftlichen „Büchergilde Gutenberg“), der sympathische „Golden Shop“ in Bremen sowie  der „Buchladen zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, ein Ableger des mir ebenfalls gut bekannten Buchladen „Schwarze Risse“, welcher seinerseits lange Jahre mit dem im Volksmund „Roter Buchladen“ genannten Göttinger Buchladen verlegerisch kooperierte. Es liegt im Wesen der Staatschutz-Geheimniskrämerei, dass die ominösen „Erkenntnisse“ gegen diese Buchläden nicht benannt und entsprechend auch nicht überprüft werden können. Schäbig auch die dreiste Lüge Weimers, der zunächst behauptete, die drei Buchläden seien von der Jury gar nicht ausgezeichnet worden.
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Mit seiner Entscheidung begeht Weimer einen massiven Eingriff in die Meinungsvielfalt, die gerade für den Buchhandel immer essentiell war: offene Diskurse, politische Debatten, gesellschaftliche Diversität, das Einsetzen für eine inklusive, emanzipatorische Kultur, das ist geradezu der Nährboden für eine lebendige Buchkultur. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die oberste Interessenvertretung von Verlagen und Buchhandlungen, kritisierte Weimers Vorgehen denn auch scharf: „Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab“.
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Bremens Bürgermeister liess in einer Presseerklärung verlauten: „Der Schutz der Kunstfreiheit ist ein verfassungsrechtliches hohes Gut, welches es entschieden zu schützen gilt. Augenscheinlich gab es nicht mal eine Information, geschweige denn eine Anhörung der Betroffenen. Das ist nicht akzeptabel" (das in Bremen gerade ein psychisch labiler Mensch als V-Mann enttarnt wurde, der jahrelang das linke Milieu bis weit in zivilgesellschaftliche Strukturen hinein ausspähte, sei hier wenigstens am Rande vermerkt). Viele Kommentare in den Medien wiesen zudem darauf hin, dass Weimer sich als vermeintlicher Vertreter von Kultur in die fatale Linie der rechten Un-Kultur US-amerikanischer „schwarzer Listen“ stellt („Book banned“).
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Der Schriftsellerverband PEN Deutschland fordert denn auch: „Wehret den Anfängen – ansonsten werden wir im Handumdrehen amerikanische Zustände haben“. Man muss zu dem Haber-Verfahren auch wissen, dass bereits 2019/ 2020 der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages wie auch die Bundesbeauftragte für den. Datenschutz und die Informationsfreiheit dieses kritikwürdige Vorgehen als verfassungsrechtlich bedenklich bzw. datenschutzrechtswidrig beurteilten.
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Es ist kennzeichnend für rechte Strategien, dass sie sich als „unpolitisch“ ausgeben. So äusserte Weimer wiederholt, dass Kultur kein geeigneter Austragungsort für linke oder rechte Politik sei – was einerseits ein antiquiertes Kulturverständnis offenbart, zudem aber auch schlicht verlogen ist, da Weimer wie keiner seiner Vorgänger für ein reaktionäres rechtes Weltbild steht. So ist der formal parteilose Weimer ein Freund von Friedrich Merz, Verfasser eines „konservativen Manifests“, Gründer des spätestens seit 2012 immer stärker nach rechts gerückten Magazins „Cicero“.
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Weimer ist mit seinen flüchtlingspolitischen – bzw. flüchtlingsabwehrenden – Positionen Gegner einer offenen Gesellschaft, er ist Vertreter eines restaurativen Geschlechter- und Familienbildes (Familie ist ihm ein „Vaterland des Herzens“), er ist ein sogenannter Klimaskeptiker, der seinen Kulturbegriff mit Nationalismus bzw. Patriotismus auflädt („Der Konservative ist Patriot, der Konservative steht zum gefühlten Vaterland wie zur Muttersprache, der Konservative fühlt das Abendland als Heimat“). Angesichts dieses Hintergrundes ist es eine verbale Blendgranate, wenn Weimer gegenüber dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels verlauten lässt, sein Vorgehen entspräche „der politischen Linie der Bundesregierung, Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen. Das gelte für Rechtsextremismus wie Linksextremismus“.
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Der Schriftsteller Rafik Schami bemerkte „Es ist widerlich, wie man mit einer unnachahmlichen Penetranz Tür und Tor für die Rechtsradikalen öffnet, indem ein Minister Weimer und seine Verfassungsschützer Buchhandlung öffentlich bestrafen, weil sie links stehen“. Weimer bestärkt damit – man darf annehmen: durchaus bewusst, denn so viel Intelligenz muss man ihm zubilligen - die AfD: Er steht damit Seite an Seite mit Kanzler Merz (der seinem Duz-Freund denn auch sogleich sein volles Vertrauen ausspricht), Maskendealer Jens Spahn, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (die ebenfalls vorgeblich rechts und links gleichsetzt, während sie faktisch rechte Ideologeme bedient) und „Bildungsministerin“ Karin Prien, deren Programm – gerade will sie Demokratieprojekten den Geldhahn zudrehen – es rechtfertigt, ihren Titel fortan nur noch in Gänsefüsschen zu nennen. Man ahnt: es geht nicht nur um Weimer – aber irgendwo muss man ja mal anfangen.
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Allesamt stärken diese kultur- und niveaulosen, rechtspopulistischen Gestalten nach Kräften die AfD: „Staatliche Förderpreise dürfen nicht dazu beitragen, politisch extremistische Milieus zu legitimieren oder finanziell zu stärken“, so denn auch deren kulturpolitischer Sprecher. Ja, extremistisch sind eben nur die anderen. In der „aktuellen Stunde“ im Bundestag zum Buchhandlungspreis fragte Götz Frömming von der AfD scheinheilig, was los gewesen wäre, wenn die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen den Preis bekommen hätte und meint, diese – eine Buchhändlerin, die im Kontext der neuen rechten agiert, entsprechende Verlage protegiert, schon mal die Identitären-Aktivistin Caroline Sommerfeld bei sich lesen lässt und ihre Branche kurzum als „vollkommen verblödet“ bezeichnet - bekäme „nie den Buchhandlungspreis“. Eine typische rechte Falschinformation: Dagen wurde zweimal ausgezeichnet. Frömming griff Weimers Ball dankbar auf und meinte, dem Düsseldorfer BiBaBuZe-Buchladen eine RAF-Veranstaltung anhängen zu können – inzwischen musste Frömming eine Unterlassungserklärung für seine Falschbehauptung unterschreiben. Die Botschaft aber ist deutlich: es soll nicht bei drei inkriminierten Buchhandlungen bleiben.
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Weimer befeuert mit seinem Agieren also einen stramm rechten Kulturkampf. Entgegen der irreführenden „Extremismus“-Debatte von rechts zerlegt die umfassende Berliner Studie zu politischen Einstellungen praktisch zeitgleich zu Weimers Preisaberkennung gerade eindrucksvoll die „links=rechts“-Theorie: Es sind die Rechten und Rechtsextremen, die die Demokratie bedrohen. Verteidigt wird sie hingegen am verlässlichsten von jenen, die sich im politischen Spektrum am weitesten links verorten.
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Die Befunde der Studie sind mehr als erschreckend: so stimmen fast 50 Prozent der Berliner*innen der Aussage teilweise oder ganz zu, dass Deutschland „eine einzige starke Partei“ brauche, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mehr als 65 Prozent der Berliner*innen wollen ganz oder teilweise „endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“ und 50 Prozent stimmen ganz oder teilweise zu, dass Deutschland „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Mass überfremdet“ sei (taz, 23.2.2026. Gegen diese wahrhaft bedrohlichen Einstellungen engagieren sich nicht zuletzt die drei Buchläden, denen nun der Preis aberkannt wurde. Und genau in diesem Kontext ist Weimers Agieren einzuordnen. Deshalb: Weimer muss weg!
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Jedoch, wie ich eingangs sagte, man muss dem Kulturkampfminister Weimer regelrecht dankbar sein. Die Branche hat nun die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie sich nicht spalten lässt. „Wir sind bereit, unsere betroffenen Kolleg*innen in jedweder Hinsicht zu unterstützen“, so äusserten sich Frankfurter Buchläden. Das gemeinsame Statement der 118 zum Buchhandelspreis nominierten Buchläden (inkl. der drei ausgeschlossenen Läden) spricht eine klare Sprache: „Für uns alle unfassbar strich Kulturstaatsminister Weimer 3 Buchhandlungen aus der Liste der Nominierten. Sie zeichnen sich durch ein Sortiment aus, das Themen wie Antikapitalismus, Feminismus und antikoloniales Denken umfasst.
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Wir protestieren entschieden gegen diese Streichung und erklären hiermit deutlich unsere Solidarität mit den ausgeschlossenen Buchhandlungen“. Mehr als die Hälfte der nominierten Buchläden erklärte sich bei einem ersten spontanen Rundruf bereit, Geld an ein Spendenkonto zu überweisen, um den drei Buchhandlungen das Preisgeld zu ersetzen. Der Berliner Landesverband des Börsenvereins betont: „Wir zeigen Gesinnungsschnüffelei die Rote Karte und fordern den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf, seiner Aufgabe als Förderer der Kultur gerecht zu werden und nicht als Kulturkämpfer zu agieren“.
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Nachdem mehrere der mit dem Buchhandelspreis ausgezeichneten Buchläden öffentlich äusserten, nicht zur Preisverleihung nach Leipzig am 19.3. kommen zu wollen (und andere explizit die drei ausgeschlossenen Buchläden zum Kommen einluden), entschloss sich der feige Kulturstaatsminister, die öffentliche Verleihung abzusagen und den ausgezeichneten Buchhandlungen Preisgeld und Urkunde direkt zuzusenden – wohl. um eine absehbare öffentliche Blamage für ihn zu vermeiden. Das er nun bis auf die Eröffnung alle Termine bei der Leipziger Buchmesse absagte und regelrecht abtaucht, als Kulturstaatsminister also eines der beiden Buch-Grossevents des Jahres fast vollkommen meidet, zeigt schon, dass Weimer zumindest für die Buch-Welt als Minister vollkommen untragbar geworden ist.<br>
Die Kampagne <a href="https://lesen-hilft.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">lesen-hilft.org</a> will ebenfalls – wie die Sammlung unter den ausgezeichneten Buchläden) die drei Buchläden unterstützen. Denn das Preisgeld (je 7.000 Euro, für besonders herausragende Buchhandlungen je 15.000 Euro) bedeutet angesichts der prekären Situation vieler Buchläden eine Menge oft bitter nötiges Geld. Die Kampagne „Lesen hilft“ erinnert in ihrem Aufruf daran, dass Buchläden – nicht zuletzt die drei vom Buchhandelspreis ausgeschlossenen - Orte der Begegnung, Räume für Diskussion und Debatte, Treffpunkte für Literatur und kritisches Denken und Teil einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit sind.
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Eben dies ist Weimer ein Dorn im Auge. Ach ja, der Unkultur-Staatsminister legte noch nach: im März 2026 wurde seine Entscheidung bekannt, den seit 2018 geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig nicht zu bauen. Als Grund nannte Weimer, das Sammeln physischer Werke sei „nicht mehr zeitgemäss“. Doch längst geht es – und auch dafür darf man Weimer ironischerweise dankbar sein – um Grundsätzlicheres: um die Autonomie der Kultur und die Bewahrung kultureller Vielfalt, um den Kampf gegen rechte Hegemoniebestrebungen und um offene Debatten um eine widerständige Kultur.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 16:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Arme Kinder: Sorge um den Nachwuchs der Nation]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/bildung/arme-kinder-sorge-um-den-nachwuchs-der-nation-009612.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Arbeits- und Lebensbedingungen der Mehrheit. Wie das passt!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Hauptgebaeude_Nelly-Sachs-IGS_w.webp><p><small>Schulhof und Hauptgebäude der Nelly-Sachs-IGS in Worms-Horchheim.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptgeb%C3%A4ude_Nelly-Sachs-IGS.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Affegass</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Ob direkt oder indirekt, Kinder sind zurzeit häufig Thema der öffentlichen Debatte und in den Äusserungen von Politikern. Das fängt schon damit an, dass es sie in ausreichender Zahl nicht gibt – ein Missstand, der z.B. gleich zur Sprache kommt, wenn die Verrentung der Babyboomer zum Problemfall erklärt wird. Sind sie dann da, hindern sie ihre Eltern Vollzeit zu arbeiten und fallen zudem vielfach in die Problemkategorien „Kinderarmut“ oder „Gewaltbereitschaft“. Beim Pisa-Test schneiden sie nicht gut ab, zeigen zunehmend Verhaltensstörungen und sind in grosser Zahl zu dick. Und das bei ständigem Handykonsum. Was ist da los?

<h3>Arm an Kindern</h3>

Schon vor der Geburt sind die Kinder hierzulande fest verplant, schliesslich braucht es ständig Nachschub an Arbeitskräften, die den Reichtum für andere erarbeiten oder sich für den Staat nützlich machen. Zwar herrscht an Kindern in der Welt kein Mangel, aber Politiker wie Medien sind sich weitgehend einig, dass es gefälligst Kinder sein müssen, die von Eingeborenen stammen. „Kinder statt Inder“ hiess dazu die klassische Parole eines christlichen Politikers. Die eigenen sollen quasi von Geburt an loyal zu „ihrem“ Staat stehen. Kinder oder Schwangere aus dem Ausland lässt man dagegen lieber im Mittelmeer ertrinken, die passen qua Volksnatur nicht zu den Ansprüchen hiesiger Politik und Leitmedien.
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Weil ein Leben von Lohn und Gehalt ständig Notlagen in Form von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter produziert, sind die Kinder auch gleich als Beitragszahler für die verschiedenen Sozialkassen eingeplant, die ja zum Teil auf einem Generationenvertrag beruhen sollen. Die Ressource Jugend wird eben dringend benötigt, um den Kapitalstandort D am Laufen zu halten und voranzubringen. Schliesslich werden dessen Einwohner nicht nur in der Arbeit verschlissen, sondern sind auch umfassender Vergiftung – über Feinstaub in der Atemluft, Herbiziden im Essen oder Pfas in der Kleidung – ausgesetzt.
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So dominieren die sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Kreislaufbeschwerden und Krebs die einschlägigen Statistiken und für das Aushalten dieser Schädigungen braucht es ein umfassendes Gesundheitssystem, das auch noch als Reichtumsquelle für Ärzte, Kapitalgesellschaften und Pharmafirmen dienen soll. Der wechselnde Gang des Geschäfts macht Arbeitslosigkeit zum festen Bestandteil des Arbeitslebens und so braucht es eine Sicherung, damit das Arbeitsmaterial nicht verkommt, vielmehr tauglich bleibt. Auch für die Versorgung der Alten, die nach dem Berufsleben einkommenslos sind, sollen in Zukunft die noch nicht Geborenen aufkommen. Somit muss allerlei getan werden, damit es ausreichend Nachschub an der Heimatfront der Nation gibt.
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Das Blöde ist nur, dass man in der Nachwuchsfrage nichts direkt verordnen kann. Höchstens Ermahnen geht, wie etwa in Frankreich, wo die Endzwanziger/-innen einen Brief von ihrer Regierung bekommen, der sie darauf hinweist, dass die biologische Uhr tickt. So direkt wird in Deutschland nicht verfahren, auch wenn die Politiker sich viel einfallen lassen, damit der Nachwuchs nicht ausbleibt. Mit mehr oder weniger hoheitlichem Nachdruck soll den jungen Erwachsenen das Kinderkriegen schmackhaft gemacht werden. So gibt es Kindergeld, bezahlte Erziehungszeiten, aber auch erhöhte Beiträge zur Pflegeversicherung, wenn sich das gewünschte Resultat nicht einstellt. Dennoch muss Bild am Sonntag (22.2.26) erschüttert feststellen:
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„Deutschland schrumpft. Nicht irgendwann, sondern jetzt. 2025 wurden hierzulande nur noch rund 650 000 Kinder geboren – etwa 20 000 weniger als im Vorjahr. Die Geburtenrate sank auf 1,35 Kinder pro Frau. Ein historischer Tiefstand.“ Womit einmal mehr klargestellt ist, wozu Frauen in dieser Gesellschaft gut sind, nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch für die Produktion des nationalen Nachwuchses! Und das nicht nur einmal, sondern möglichst mehrmals!<br>
Angesichts der an die Wand gemalten Katastrophe wirft Bild die Frage auf, ob dies etwa am Geld oder besser gesagt am fehlenden Geld liegen könnte.
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Zwar bringt das Blatt eine Reihe von Beispielen, die vor Augen führen, dass viele Bürger schlicht zu arm für die Übernahmen dieser „Verantwortung“ sind: Ein Gehalt bei gleichzeitiger Kindererziehung reicht nicht, die Mieten für eine angemessene, grössere Wohnung können vom Verdienst nicht bestritten werden usw. Dennoch will das Sprachrohr des kleinen Mannes bzw. der kleinen Frau bei allem Verständnis für deren Nöte sich mit dem Urteil nicht abfinden, das die Mehrheit der von Bild Befragten gerade von sich gegeben hat: dass man sich in dieser Gesellschaft Kinder nicht leisten kann.
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Am Beispiel eines gut verdienenden Paares (Einkommen von 14 000 € pro Monat) wird dann vorgeführt, dass es am Geld nicht liegen kann, wenn Paare zu diesem Schluss gelangen. Da muss es an der richtigen Einstellung fehlen: „Ja, Kinder kosten bis zum 18. Lebensjahr weit über 180 000 Euro. Aber sie sind kein finanzieller Verlust. Sie sind ein Gewinn, der sich nicht auf dem Kontoauszug zeigt. Sie sind Verantwortung, Zukunft, Sinn und im besten Fall die Krönung der Liebe zweier Menschen.“ (Bild) Für den Lobgesang aufs Kinderkriegen muss der Schreiber ziemlich schönfärben.
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Welches Kind ist mit 18 Jahren schon mit der Ausbildung fertig? Was soll an der Verantwortung für ein Kind schön sein, wenn es in der Familie hinten und vorne am Nötigen fehlt? Wenn die Zukunft für das Kind eine mehr als unsichere Sache ist? Und nur zu oft sind Kinder nicht die „Krönung der Liebe“, sondern der Kitt einer kaputten Beziehung. Nicht umsonst müssen immer die höheren Werte herhalten, um die damit verbundenen Nöte zu überspielen. Sinngebung dient eben regelmässig dazu, Entbehrungen als Dienst für etwas Höheres umzudeuten.

<h3>Arme Kinder</h3>

Sind die Kinder wirklich da, dann stören sie – im Prinzip jedenfalls. Denn wie sollen Vater und Mutter Vollzeit arbeiten und gleichzeitig ein Kind versorgen? Und das in Zeiten, wo die Sorge um die Work-Life-Balance offiziell in Verruf geraten ist? Zwar wird einem Elternteil für eine gewisse Zeit zugestanden, sich um das Kind zu kümmern, aber dann soll er oder sie auch möglichst schnell wieder rein in die Arbeit. Schliesslich arbeiten die Menschen hierzulande nicht, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten. Kinder müssen aber irgendwie versorgt werden, daher hat die deutsche Politik das Recht auf einen Kita-Platz und die Ganztagsschule versprochen, das Versprechen allerdings nicht gehalten: „Ganztagsbetreuung für Grundschüler: Zehntausende Plätze fehlen“ (SZ, 26.2.26).
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Dort, wo es sie gibt, sind die Plätze mangelhaft ausgestattet, denn das Ganze kostet staatliches Geld, das für die Förderung der Wirtschaft und die Rüstung notwendiger gebraucht wird. Fest kalkulieren können die Eltern mit dieser Betreuung also nicht, werden auch je nachdem mit nicht zu knappen Gebühren zur Kasse gebeten und müssen ständig improvisieren oder die Grosseltern als Springer einsetzen.
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Alle Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste – und das heisst hierzulande: den Erfolg in der Konkurrenz um Noten und später im Beruf. Das macht den Umgang mit den Kleinen nicht gerade leicht, müssen sie doch einerseits zu Leistungen angehalten, andererseits aber auch vor zu belastendem Druck geschützt werden. Ein eindeutiges Erfolgsrezept gibt es hier nicht. Schliesslich werden die Kleinen in der Schule nicht einfach gebildet, sondern an Hand des Lehrstoffs einem Leistungsvergleich unterzogen, in dem es immer Gewinner und Verlierer gibt. Wer zu den Verlierern gehört, ist dabei eine so gut wie ausgemachte Sache: diejenigen, deren Familien sowieso zu den Verlieren zählen; die also über die falschen Eltern verfügen, die selber keinen guten Schulabschluss erreicht haben und meist zu den Armen im Lande gehören.
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Doch so wollen es die hiesigen Ideologen und Politiker nicht stehen lassen. Sie thematisieren in regelmässigen Abständen – etwa in der regierungsoffiziellen Armutsberichterstattung – die Kinderarmut. Dabei gibt es die so gar nicht. Kinder verfügen schliesslich nicht über ein Einkommen. Arm sind Kinder dann, wenn sie in einer armen Familie oder bei einem armen Elternteil aufwachsen. Doch diese Lebenslage ist kein grosses Sorgethema, schliesslich soll ja nach Ansicht von Politikern und Medienvertretern hierzulande jeder seines Glückes Schmied sein. Aus diesem Blickwinkel sind arme Erwachsene eher Versager und im Prinzip selber schuld. Die sozialpolitische Leitlinie heisst ja zur Zeit: Mehr fordern statt geduldig fördern!
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Diese Ideologie blamiert sich jedoch bei Kindern, die noch keine Gelegenheit hatten zu schmieden, dennoch arm sind und absehbar auch arm bleiben. Denn schulischer Erfolg hängt ja nicht nur von der Anstrengung des Kindes in der Schule ab, sondern auch von dessen Vorbildung durch die Eltern bei Eintritt in die schulische Konkurrenz. Zudem lassen sich schlechte Noten in der Schule auch mit finanziellen Mitteln ausgleichen – mit Nachhilfe, Privatschulen oder Internat. Die Chance hat eben nicht jeder, deshalb werden zwar mit dem Befund „Kinderarmut“ stets die mangelnden Erfolgschancen thematisiert, aber nicht beseitigt. Also kann sie immer wieder diskutiert werden...
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Kinder werden in der Schule nicht nur miteinander verglichen und damit auf die Hierarchie der Berufe verteilt, sondern auch einem internationalem Vergleich ausgesetzt; das geschieht seit dem Jahr 2000 in Form der Pisa-Studien. Sie sollen mit der Erhebung des Bildungsstandes als Garant für den nationalen Erfolg Aussagen über die Chancen ermöglichen, die das Land bei der Durchsetzung in der staatlichen Konkurrenz hat – und daher gilt ein mittelmässiges oder gar unterdurchschnittliches Pisa-Abschneiden geradezu als nationale Katastrophe. Was aber nicht bedeutet, dass die Schulgebäude renoviert oder die Betreuung der Schüler verbessert werden. Zuerst heisst das, dass der Leistungsdruck eben erhöht werden muss.
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Doch nicht nur beim schulischen Erfolg und in der Erziehung zeigen sich Kinder oft als Problemfälle. Sie sind vielfach zu dick und gelten damit als potentielle Risikofälle für die Krankenversicherungen und das Gesundheitssystem; und sie sind, last but not least, nur eingeschränkt wehrtauglich. Die Ursachen werden von den Fachleuten leicht ermittelt: falsche statt bewusste Ernährung; zu viele Fertigprodukte und zu viel Süsses. Und das in Zeiten, in denen die Eltern doch vielfach zu umweltbewusstem und kritischem Verbraucherverhalten aufgefordert und angeleitet werden.
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Dass in vielen Familien nur noch selten gekocht wird, während im Fernsehen ständig Kochsendungen laufen, ist ja heute Alltag. Neben dem Job einkaufen gehen, kochen und den Haushalt betreiben – das hat sich zu einer regelrechten Stressveranstaltung entwickelt. Was liegt da näher, als zu den Produkten zu greifen, die schnell zuzubereiten sind  und den Geschmack der Kinder treffen: Fertigprodukte mit hohem Zuckeranteil, die von Kindern widerspruchslos vertilgt werden. Die Resultate prägen unser Stadtbild.
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Um der Gesundheitsgefährdung durch Übergewicht zu begegnen, sind Politiker und Gesundheitswissenschaftler auf die grandiose Idee verfallen, mit einer Zuckersteuer die Menschen zu einem anderen Konsumverhalten zu bewegen: Wenn zuckerhaltige Produkte teurer werden, würden Verbraucher zu nicht oder weniger zuckerhaltigen Produkten greifen. Diese haben nur den Schönheitsfehler, dass sie meist auch teurer sind als die billigen Fertigprodukte. Mit dieser Herausforderung würden dann die Familien, die notorisch unter Geldmangel leiden, konfrontiert. Die Zuckersteuer würde also die jetzt schon galoppierende Inflation bei Lebensmitteln weiter anheizen. Einen Gewinner gäbe es trotzdem: Der Staat würde sich so zusätzliche Einnahmen verschaffen. Angesichts der immensen Ansprüche der Nation, mit aller Gewalt eine Führungsrolle in der Welt zu erlangen, wäre natürlich jeder zusätzliche Euro im Staatshaushalt willkommen.

<h3>Arm im Geiste</h3>

Das Ergebnis der problembeladenen Kindheit zeigt sich dann bei den Jugendlichen: „Viele Jugendliche fühlen sich im Stich gelassen. Knapp die Hälfte der 14-20-jährigen in Deutschland klagt über Einsamkeit, zeigt eine Studie. Viele wünschen sich mehr Beistand durch die Schule, erleben dort aber das Gegenteil: Stress und Leistungsdruck.“ (SZ, 27.2.26)
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Wer ständig in Konkurrenz zu anderen steht – wie in der Schule – oder sich mit anderen vergleicht – wie in den sozialen Netzwerken –, der wird wohl kaum seine Mitschüler als Freunde oder Freundinnen erleben. Und dass Hilfe ausgerechnet von der Institution kommen soll, die die Lernkonkurrenz veranstaltet, sagt einiges aus über den Bildungsstand dieser Schülerschaft, die trotz gegenteiliger Erfahrung an der Vorstellung festhalten will, Schule sei doch eigentlich für sie da.
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Und damit tut sich ein neues Problem auf: „Diese negativen Einflüsse auf das eigene psychische Wohlbefinden können durch soziale Medien verstärkt werden. Das belegt auch die neue Studie: Demnach nutzen junge Menschen, die sich einsam fühlen, soziale Medien deutlich häufiger, um ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Viele finden dort aber nicht die Nähe und den Austausch, die sie aus ihrer Isolation herausholen würden.“ (SZ) Kaum kann man sich mit moderner Informationstechnik ein bisschen Kompensation verschaffen, klagen Pädagogen, Medien und Politik auch schon darüber, dass die jungen Menschen zu viel auf ihr Handy glotzen und sich in den sozialen Medien herumtreiben.
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Die Diskussion um Handyverbote – je nach Alter abgestuft, in der Schule oder überhaupt, um zeitlich begrenzte Handynutzung usw. – wird lebhaft geführt und erste Massnahmen werden eingeleitet. Stellt sich nur die Frage, was die Kids denn nun machen sollen in einer Zeit, wo Resilienz und Kriegstüchtigkeit von jedem Einzelnen verlangt sind: Sollen sie lernen, brutal gegen sich oder andere vorzugehen? Auf die zweite Alternative setzt offenkundig die Bundeswehr mit dem neuen Wehrdienst und einer Verpflichtung von Minderjährigen, die rücksichtslos vorangetrieben wird und neue Rekorde aufstellt.Das ist ja auch mal ein bemerkenswerter Fortschritt der BRD auf dem Weg zur Führungsnation: Über 3 000 Kindersoldaten (so die offizielle Einstufung laut UN-Kinderrechtskonvention) dienen mittlerweile ihrem Land!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 14:30:17 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Im Morgengrauen: Im Grunde haben wir noch nicht einmal begonnen]]></title>
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<description><![CDATA[<strong><b>Nummer 58 ‚ein mutagen-t' Im Morgengrauen mentale dekolonialisierung ohne praktische deindustrialisierung existiert nicht. im grunde haben wir noch nicht einmal begonnen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/13713445773_5276215d3a_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/13713445773/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p><b>Nummer 58 ‚ein mutagen-t' Im Morgengrauen</b>
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mentale dekolonialisierung ohne praktische deindustrialisierung existiert nicht.
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im grunde haben wir noch nicht einmal begonnen.
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die urbane lebensweise und das teilnehmen an der verbürgerlichten moderne ist per se kolonial, sprich vergewaltigend.
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es gibt keine linke, es gibt keine kunst, keine wissenschaft und keine organisation, die in irgendeiner weise positiv wirkt, solange sie nicht deindustrialisierung als voraussetzung für geistige dekolonialisierung begreift, genauso wie ohne die verwirklichung des männlichen in der frau, sowie des weiblichen im mann mensch nicht sein kann.
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die flotilla kolonisiert, indem sie gutmenschlich die palästinenser retten, sie ‚füttern und wässern' will, wie es ghassan (Anm.: Abu-Sittah) so schön sagt.
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der versuch auf die öffentliche meinung der moderne einzuwirken ist per se teil des bürgerlichen apparats und insofern systemstabilisierend.
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es gibt keinen widerstand, ausser wir tun da, wo wir sind, alles, um die maschine zu stoppen (was zuallererst lediglich desertion sein kann, aus dem individualisierten überlebenskäfig der moderne, aus der trennung an sich, aus dem überleben), zuerst in mir, dann in der nachbarschaft gemeinsam … solange wir das individualisierte überleben nicht verlassen, aus dem technologisch ermöglichten traumatismus nicht desertieren und sowohl wirkliches leben ohne geklaute energie, als auch geistige und soziale deprogrammierung in einem TUN, ist nichts von dem, was wir tun, etwas anderes als teilnahme an der aufrechterhaltung der alten raubritterordnung.
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in der gegend rumzufliegen, um die welt zu retten, den glauben an das gute von schreibtisch oder bühne aus aufrechtzuerhalten – alles ausser umfassender desertion aus den bestehenden verhältnissen, sowohl mental als auch physisch, nur beides zusammen ist wirklich – ist komplizität, co-autorenschaft in der todesmaschine.
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sowohl der die mentalen und sozialen strukturen nicht überwindende permakultur-fuzzi aufm land, als auch der elfenbeinturm-revolutionär am schreibtisch oder auf bühne, der sein leben auf der petroleumhungrigen alibi-spielwiese der bürgerlichen gesellschaft fristet – selbst wenn heroisch prekär – ist ein essenzielles rädchen im funktionieren der todesmaschine.
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absonderung zur gemeinschaft, absonderung durch effektiv gemeinsames, in geist und körper, in maximaler entledigung von den elektroden im innen und aussen, ist das einzig wirklich andere.
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es gibt keine halben sachen, gabs noch nie, jetzt erst recht nicht mehr.
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all die jungen revoltierenden im stil der soulevements leben davon, leben es momentweise, notre-dame-des-landes ist das recent ur-beispiel, aber da es sich immer noch auf ‚den kampf gegen' bezieht, zerfällt es nach ‚dem sieg'.
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auswilderung als das AllEine ritual, umfassend, stetig, unumkehrbar, langsam! – ist der einzige weg.
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dekolonialisierung heisst wirklich zu begreifen – lebenderweise – dass schnelligkeit immer diebstahl bedeutet. ein flug zu einer dekolonialisierungskonferenz oder einem weltrettungseinsatz ist ein widerspruch in sich – auch wenn ich ihn wegdenke, er löst sich nicht auf. jeder applaus auf der bühne, und sei er für den herzzerreissendsten aufruf zur einheit des menschen, bedient unebenbürtigkeit, reproduziert anstatt aufzulösen. alle reformversuche sind selbstblendend, ein falsch aufgezäumtes pferd. um die jahrhunderte- wenn nicht jahrtausendealte galeere zu beenden, müssen wir im grundsätzlichsten von vorne anfangen, und das geht am ehesten mit 3, 5 oder 7 einzeln sich einenden in einem deindustrialisierten alltag.
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am physisch kolonialen tropf dekolonisiert sich weder geist noch wesen. sich auf dem land zu verkriechen und an den blumen im eigenen garten zu riechen, dekolonialisiert nicht automatisch den geist.
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der revolutionäre urbanit ist so halb wie der weltabgewandte aussteiger.
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der gegen die welt anrennende aktivist ist genauso halb wie der sich ins nichts meditierende. alles sackgassen, bruchstücke und behinderungen – symptome der grundsätzlichsten selbstlüge des westlichen geistes, genannt aufklärung, die ob ihrer bequemen leckerheit inzwischen die ganze welt infiziert hat. die ausklammerung des unbegreiflichen (auch gott genannt) war der beginn der selbsttäuschung, damals schon im kampf gegen das aufflackernde bewusstsein, dass eigentlich wir die barbaren sind. die beseitigung gottes war der kunstgriff, um weiter plündern und vergewaltigen zu können. aber wie jede selbstlüge – je länger ich sie überdehne, desto tödlicher wird sie.
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auswilderung hilft.
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lediglich wenn praktisch-materielle und ökonomische, mit rhythmischer, geistiger und sozialer auswilderung einhergehen, wird mensch.
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die deprogrammierung des haustieres ist ein holistischer prozess, es el camino que nunca deja de hacerse andando…
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(Anm: „ist der Weg, der erst durch das Gehen entsteht“)
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es gibt keine bürgerliche befreiung.
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es gibt kein industrielles paradies,
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es gibt keine nehmende liebe.
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es gibt keinen ungekreuzigten jesus.
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es gibt kein halbes draussen.
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es gibt kein halbes ganz.
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quien no cambia todo no camba nada.
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(Anm: Wer nicht alles ändert, ändert gar nichts)<p><em></em><p><small><a href="https://olaf.bbm.de/nummer-58-ein-mutagen-t-im-morgengrauen" class="fussnoten_links" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://olaf.bbm.de/nummer-58-ein-mutagen-t-im-morgengrauen</a></small>]]></description>
<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 10:38:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Die AfD ist sicher in Deutschland: SPD - Herzliches Beileid]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/die-afd-ist-sicher-in-deutschland-spd-herzliches-beileid-009607.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wenn eine gestandene konservative Partei wie die SPD mit einem einzigen Schluckauf vom Rheinhessischen 10 Prozent ihrer Wähler verliert.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Strong_economy_-_Flickr_w.webp><p><small>Wahlplakat der SPD in Frankfurt am Main, 3. März 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strong_economy_-_Flickr_-_conceptphoto.info.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">conceptphoto.info</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>30 000 an die AfD! - und im Stammland des schwäbischen Liberalismus beim Urnengang gerade mal am Untergang vorbei schreddert, müsste man genauer hinschauen. Müsste, könnte, sollte.
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Ja wo sind sie denn, unsre flinken linken Schwestern und Brüder? Möglich, dass sie gemeinsam mit der Linken in ihrem Häusle an einer handgemachten Mietpreisbremse basteln. Möglich, dass der Nachbar mit der grösseren Karre (Jahreswagen, grün lackiert) seit einiger Zeit sein Deutschland-Fähnle am First des Eigenheims flattern lässt. Vielleicht wählt er auch gleich AfD, während Maria aus Wroclaw die Mutti füttert und ihm sein Zahnarzt Dr. Baschar Kahled die Beisserchen repariert. Sonderpreis, arg ginschtig.
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Die Kinder sind aus dem Haus, tendieren eher in Richtung sichere Renten, fürchten sich vor Krieg und Klimawandel und wissen nicht warum. Sie haben lebenslang noch nie eine Tageszeitung gelesen, keine Ahnung, ob Hannah Arendt eine Nummer im Frauenfussball ist und Jan Böhmermann dieser Urwalddoktor da aus Lambarene. Ach ja, der Religionsunterricht.
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Und dann das N-Wort, es käme ihnen nie über die Lippen. Das darf allenfalls Boris Palmer sagen, der Aperol Spritz aus Tübingen. Voll im Trend das alles, wie Rote Bete, Pak Choi und lila Kartoffeln aus heimischer Erde. Alles Bio, ausser Gaza.
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Kein Mensch kennt mehr niemanden, alles geliked. Die AfD ist sicher in Deutschland, wer dagegen ist: Geh doch nach drüben.
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Aber drüben ist auch nicht mehr ganz so, wie es mal sein wollte und nie wurde. Da passt es, dass die Blauen jetzt die stärkste der Parteien sind und eine Brandmauer gegen die Demokratie bauen. Pass bloss auf in Weimar.
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Ich hab Mendelssohn und Ludwig aus Feuerbach, die Rosa Luxemburg, Traven und Tom Prox, Diotima aus Matineia, Edith Stein und machmal Bertha von Suttner. Das sollte reichen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 28 Mar 2026 10:34:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/die-afd-ist-sicher-in-deutschland-spd-herzliches-beileid-009607.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Würdigung eines überzeugenden Werbeslogans: „Heute den Frieden von morgen verteidigen!“]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/wuerdigung-eines-ueberzeugenden-werbeslogans-heute-den-frieden-von-morgen-verteidigen-009591.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Sowas macht eine Bundeswehr. Und mit dem Slogan will sie alle, die zu unserem„Wir“zählen, davon überzeugen, dass sich der Einsatz des eigenen und vor allem fremden Lebens lohnt, zumindest für diejenigen, die das „Morgen“ erleben.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/The_Road_to_Gold_-_GAFPB_Day_w.webp><p><small>Soldaten der Bundeswehr in der US-Luftwaffenbasis Ramstein, 19. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Road_to_Gold_-_GAFPB_Day_0_(9532020).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trevor Calvert</a> (PD)</small><p>Die Toten sind dann Helden und kriegen posthum Orden. Was ist denn das für ein famoses „morgen“? Heute möglichst viele Igors und Ludmillas massakrieren (oder sich umgekehrt sich von denen massakrieren lassen), damit morgen dann die Übriggebliebenen drüben nicht mehr aufmucken können? Klar, wenn„wir“<br>
erfolgreich verteidigen, dürfen die Restlichen vom anderen„Wir“…sich irgendwie ein- und unterordnen. Bravo! Schöner Frieden!

<h3>Frieden ist doch besser als Krieg…</h3>

…denken Hans und Franziska womöglich. Auch das leuchtet unmittelbar ein! Etwa so: Schokoladenpudding schmeckt doch besser als Hundescheisse! Wirklich? Dass der „Frieden“ irgendwie doch besser schmeckt als der Krieg, setzt allerdings voraus, dass man ihn am Massstab„Krieg“misst! Dann stimmt so ein merkwürdiger Vergleich.
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Was wäre davon zu halten, den „Frieden“ selbst einmal näher zu betrachten? Offenbar ist das ein so urgemütlicher Zustand, dass es dann ziemlich regelmässig auf den anderen hinausläuft. Frieden ist die Periode zwischen Kriegen…wie kommt das eigentlich?

<h3>…und immer wieder dessen Grundlage!</h3>

Die Gründe für Kriege entstehen eben im Frieden. Wann denn wohl sonst? S.o.: Die Verlierer des letzten Krieges müssen die Bedingungen der Sieger für den gerade beginnenden Frieden akzeptieren. Die Sieger haben ihre „Sicherheit“ wiederhergestellt (bravo!), was heisst: Sie können über Land, Leute und Ressourcen, Märkte, Roh- und andere Stoffe der Verlierer so verfügen, wie es ihre Freiheit oder ihr Wirtschaftsstandort erfordern. Das wars doch. Und das ist die schlichte und brutale Wahrheit!
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Bis die Verlierer sich aufgerappelt und aufgerüstet haben, neue Allianzen geschmiedet und neue Drohnen erfunden haben. Und ihre Sicherheit, ihre Freiheit oder ihre Werte gefährdet sehen. Dann beginnt die nächste Runde Friedensverteidigung.

<h3>Was bedeutet das?</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">„Sivis pacem para bellum!“…soll von einem Herrn Cicero stammen.</li>
<li class="liste">Bravo! Selbst die Alten finden sowas plausibel? Plausibel vielleicht (leider!), aber muss so eine intellektuelle und praktische Idiotie überzeugen, womöglich wegen eines Filosofen?</li>
<li class="liste">Dass die Herrschaften mit Macht und Gewalt sowas propagieren, muss nicht verwundern. Macht und Gewalt machen es möglich, sofern (!) Hans und Franziska…es sich eben einleuchten und sie sich in (Kriegs-)Dienst nehmen lassen.</li>
<li class="liste">Die Herrschaften mit Macht und Gewalt sehen„unser“Wirtschaftswachstum, „unsere“ Freiheit, „unsere“ Sicherheit gefährdet durch…eben die anderen. Exakt dasselbe sagen eben die anderen auch.</li>
<li class="liste">Und das Schlimmste ist: Das stimmt tatsächlich! Das sollte zu denken geben!</li>
<li class="liste">Etwas besseres als Frieden gibt es allemal...</li>
</ul><p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 26 Mar 2026 08:39:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/wuerdigung-eines-ueberzeugenden-werbeslogans-heute-den-frieden-von-morgen-verteidigen-009591.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Krieg gewinnt nie: Einmischen muss demokratische Herzenssache sein]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/krieg-gewinnt-nie-einmischen-muss-demokratische-herzenssache-sein-009599.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Vor 70 Jahren zeigten die Nordamerikaner der Welt, was eine Harke ist. Rechtzeitig zur Suezkrise entsenden die USA mehrere Kriegsschiffe und Flugzeugträger in dortige Mittelmeer und zwingen Israel, den Arrraber und Frankreich militärisch wie politisch zum Beenden ihrer militärischen Intervention am Suezkanal.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/General_Dan_Caine_and_Secretary_of_War_Pete_Hegseth_w.webp><p><small>General Dan Caine und Kriegsminister Pete Hegseth hören zu, während Präsident Donald J. Trump am 1. März 2026 in Mar-a-Lago, Palm Beach, Florida, die Operation „Epic Fury“ leitet.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:General_Dan_Caine_and_Secretary_of_War_Pete_Hegseth_listen_as_President_Donald_J._Trump_oversees_Operation_Epic_Fury_at_Mar-a-Lago_(55125232216).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Daniel Torok</a> (PD)</small><p>Seither ist Ruhe im Karton. Und jetzt geht's wieder los! Kein Wunder, dass Donald Trump die Geduld verliert und Rot-China um Hilfe bittet. Meine Omi Glimbzsch kennt Burschen wie ihn aus Zittau und hält es für möglich, dass Donald persönlich bei seinem Freund Friedrich Merz auftaucht und mit vorgehaltener Waffe den Einsatz des Bundeswehr in Nahost fordert. Staatsräson.
<br><br>
Was die demokratische Ordnung angeht: Der geht's schlecht. Viele mögen sie ja überhaupt nicht, andere hassen sie, dritte sagen, sie sei eh eine Fiktion und wollen nach Russland oder in die USA auswandern. Und jetzt mal ganz unter uns: Was wäre Ihre Ziel? Abwarten und Tee trinken, bis bei den nächsten Wahlen die drittstärkste Partei die Zweitstärkste überholt? Manfred Weber durch Manuel Hagel ersetzen? Brücken bauen statt Flüchtlinge ertrinken lassen? Niemand hat da keine gute Lösung. Brandmauern sind eben auch nicht mehr das, was die Berliner Mauer mal war.
<br><br>
Der Rechtsradikale lebt ja nicht nur neben uns, er lebt auch in uns allen. Das Talent dazu hat angeblich jeder Mensch, sagt Habermas:
<br><br>
Einmischen muss demokratische Herzenssache gegen die Zerstörung von Brandmauern sein. Demokratie entsteht und gedeiht auf der Strasse, in Gesprächen, in Zeitungen (nein, nicht jeder), sie ist im Netz zu Hause, überall dort, wo wir, die Leute, Meinungen austauschen. Das ist Öffentlichkeit! Also raus aus den guten Stuben. Ohne Öffentlichkeit verkümmert die Demokratie.
<br><br>
Wenn sie funktioniert, dann entscheidet am Ende nicht die Macht, sondern das bessere Argument. Gut, das sind lange Prozesse für mühselig Beladene wie uns, die seit Jahrzehnten gegen Trotz und Starrsinn der Mächtigen kämpfen. Das ist schwerer geworden, und da ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Insoweit gehört ja sogar eine Brandmauer zu Staatsräson. Aber jetzt machen Sie sowas mal der CDU in Bad Cannstatt begreiflich, von Habermas ganz zu schweigen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 23 Mar 2026 10:53:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Sofapazifisten aufgepasst: So ein Wohlleben muss geschützt werden]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/sofa-pazifisten-aufgepasst-so-ein-wohlleben-muss-geschuetzt-werden-009598.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Alle Wetter, bequem auf dem Sofa liegen und sich als Pazifist jeder Verantwortung entziehen, so sieht ein deutscher Ex-General offenbar viele seiner Landsleute.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Not_your_average_couch_potato_w.webp><p><small>Not your average couch potato, Malpas, Newport.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Not_your_average_couch_potato,_Malpas,_Newport_-_geograph.org.uk_-_7729940.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jaggery</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Die kümmern sich einfach nur um ihr persönliches Wohlergehen und wollen die Gefahren nicht sehen, denen ihr eigenes Wohlleben ausgesetzt ist. Es gab Zeiten, da nannte man solche Leute„vaterlandslose Gesellen“, was nicht etwa als Kompliment gemeint war. Der ehemalige General weiss, wovon er spricht. Er findet, den Deutschen gehe es so gut, dass sie einfach nicht wahrnehmen wollen, welche Gefahr droht und stattdessen Bequemlichkeit vorziehen nach dem Motto „lieber auf dem Sofa liegen als Krieg führen“ oder so ähnlich.

<h3>In der Tat…</h3>

…dürfen die Menschen idula* z.B. arbeiten gehen bitte sehr! Sie dürfen! Niemand nötigt sie, das Sofa zu verlassen, da lässt es sich doch prima mit Luft und Liebe aushalten… Sie dürfen bei Arbeitgebern anklopfen, die ihnen sogleich die Möglichkeit bieten, all ihr kreatives Potential einzubringen und schöne Sachen zu machen. Ihre Wohltäter zahlen ihnen dafür sogar noch ein üppiges Salär. Wo gibt es denn so etwas?
<br><br>
Damit können sie sich nach Herzenslust all die schönen Dinge besorgen, die sie haben wollen. Und um die Ecke wohnen die Hausbesitzer, die ihnen ohne Umstände ihr Haus überlassen mit Platz für die Kinder und Garage fürs Elektroauto. Falls sie Lust haben, können sie Urlaub machen, auf den Bahamas oder so. Und das alles für ein kleines Kreuzchen auf einem Papier, das ihnen alle vier Jahre mal eben rübergereicht wird, damit sie ihre „Vertreter“beauftragen, sich weiter für sie krummzulegen.

<h3>Die Barbaren kommen!</h3>

Das wollen diese Sofapazifisten einfach nicht bemerken: So ein Wohlleben muss geschützt werden. Ganz aktuell. Die Barbaren warten nur darauf, die Deutschen in die Knechtschaft zu nehmen. Dann wird ihnen alles genommen: Sie müssen arbeiten für kargen Lohn, sie müssen sich eine Wohnung suchen und dann auch noch Miete bezahlen!
<br><br>
Sie müssen beim Aldi oder Lidl einkaufen, oder wie die dann heissen und immer schön einteilen, was sie–man nennt das - „sich leisten können“, also vorher überlegen, ob der Burger noch drin ist…Ach ja, Urlaub geht dann in Balkonien, oder bestenfalls auf Malle…Die Sache mit dem Kreuzchen hat sich dann auch erledigt, dann herrscht nämlich ein Autokrat mit P.

<h3>Was bedeutet das?</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Überlegt Euch gut, Hans und Franziska, ob ihr weiter auf dem Sofa liegen wollt!</li>
<li class="liste">Das Risiko ist sehr gross, die Barbaren sind entschlossen, euch die Freiheit zu nehmen. * Die Politiker sind nicht müde, Euer Wohlergehen zu sichern und legen sich nicht etwa aufs Sofa…</li>
<li class="liste">Am Ende ist es aber–ehrlich gesagt–wurscht, ob ihr mitziehen wollt, dann werdet ihr nämlich sowieso eingezogen.</li>
<li class="liste">Aber mehr Schwung hat die Sache schon, wenn ihr frühzeitig einseht, dass wir nicht mehr im Frieden sind!</li>
<li class="liste">Auf gehts, stellt euch vor, es ist Krieg und ihr...</li>
</ul><p><em></em><p><small>* selig Helmut Kohl „in diesem unserem Lande“</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 16:31:00 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Buchhandlungen von Preisträgerliste gestrichen: Angriff auf linke Buchläden]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/buchhandlungen-von-preistraegerliste-gestrichen-angriff-auf-linke-buchlaeden-009596.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wir – der Buchladen Schwarze Risse - gratulieren den Kolleg:innen der Buchläden 'Golden Shop', 'Rote Strasse' und 'zur schwankende Weltkugel' zur Verleihung des Prädikats: verfassungsgeprüft 'gefährlich'!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Cafe-morgenrot_schwankende-weltkugel_kastanienallee_85_2022-03-23_w.webp><p><small>Der Buchladen zur schwankenden Weltkugel (links) und das Kollektiv Café Morgenrot in Berlin-Pankow (Prenzlauer Berg).  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cafe-morgenrot_schwankende-weltkugel_kastanienallee_85_2022-03-23.png" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Babewyn</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Für die Buchhandlungspreisvergabe hat dem Minister die gewählte Fachjury nicht genügt, Wolfram Weimar hat für seine Entscheidung die Behörde herangezogen, die im geheimen agiert. Weshalb ja auch dem Minister die Inhalte seiner Entscheidungrundlage unbekannt sind, so sagt er.
<br><br>
Bekannt ist hingegen, dass diese mit der Verfassungsprüfung beauftragte Behörde nicht nur zu den ausspionierten Informationen über die Buchläden schweigt, sondern auch zur eigenen Rolle bei den rassistischmotivierten Morden des NSU. Über eine mögliche Mitwisserschaft oder anderes soll der Aktendeckel gleich mal ganze 120 Jahre unter Verschluss bleiben.

<h3>Wohin will Minister Weimar die Kultur führen?</h3>

Der Angriff auf die linken Buchläden mit dem Verweis auf ihre verfassungsgeprüfte Gefährlichkeit ist kein Einzelfall. Er reiht sich ein in diverse Vorfälle repressiver Massnahmen (Fördergeldkürzungen, Distanzierungsforderungen, Skandalisierung von Meinungen) mit denen sich Institutionen und/oder Personen konfrontiert sehen, die nicht im Fahrwasser der Staatsräson mitschwimmen woll(t)n, diejenigen, die die bestehende Ordnung in Frage stell(t)en.
<br><br>
Wer dies tut, kann schnell ins Visier der Behörden geraten und je nach gesellschaftlicher Stimmung zum Abschuss frei gegeben werden.
<br><br>
Wir gratulieren zum verliehenen Prädikat 'gefährlich', zeigt er doch, dass diese Läden als Orte der Kritik gesehen werden: Linke Buchläden sind voll von Stimmen und Erzählungen, die kritische Perspektiven auf die bestehenden Verhältnisse werfen und aufzeigen, wie lebensbedrohlich und gefährlich, für Mensch, Tier und Natur - nicht die verfassungsgeprüften Buchhändler:innen, Autor:innen, Extremist:innen und Terrorist:innen - sondern die bürgerlichen, kapitalistischen Verhältnisse sind.
<br><br>
Die Erkenntnisse und Schilderungen über die Gewalt und Grausamkeiten, mit denen die herrschende Ordnung, die Besitz-und Eigentums-, die Reich- und Armutsverhältnisse durchgesetzt und aufrechtgehalten werden, sind vielfältig von denkenden und mutigen Menschen und Kollektiven analysiert und aufgeschrieben worden.
<br><br>
All dieses Wissen, all diese Anregungen sind in grosser Auswahl in linken Buchläden anzutreffen, dazu die Buchhändler:innen, die im Austausch mit Autor:innen, kleinen Verlagen und ihrer Kundschaft dieses breite Sortiment zusammenstellen: wertschätzend, kritisch, kämpferisch, liebevoll - in jedem Fall mit grosser Leidenschaft!
<br><br>
Erfreulich, dass die betroffenen Kolleg:innen in den letzten Tagen so viel Zuspruch erhalten haben!
<br><br>
Mit dieser Solidarität und dem bewussten Aufsuchen der Buchläden tragen alle gemeinsam zum Erhalt linker Buchläden bei - ggf. auch ohne staatliche Gelder.
<br><br>
In Solidarität mit den betroffenen Buchläden!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 11:06:42 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Gestern Bauplatzbesetzung, morgen im Aufsichtsrat von Rheinmetall]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/gestern-bauplatzbesetzung-morgen-im-aufsichtsrat-von-rheinmetall-009588.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Schöner Gigolo, armer Gigolo, denke nicht mehr an die Zeiten, wo du als Husar, goldgeschnürt sogar, konntest durch die Strassen reiten...</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Cem_oezdemir_and_Xenia_Brand_w.webp><p><small>Cem Özdemir und Xenia Brand von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft bei einem Protest von "Wir haben es satt" vor dem Global Forum for Food and Agriculture, 18. Januar 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cem_%C3%96zdemir_and_Xenia_Brand_at_Wir_haben_es_satt_protest_at_GFFA_2025-01-18_03.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Leonhard Lenz</a> (PD)</small><p>Uniform passee, Liebchen sagt Ade, schöne Welt, du gehst in Fransen! Wenn das Herz dir auch bricht: Zeig ein lachendes Gesicht. Man zahlt - und Du musst tanzen!
<br><br>
Kann ja sein oder ist so: da haben viele taktisch gewählt, weil sie keine Experimente! wollten: Lieber einen starken Türken, selbst wenn er aus Bad Urach kommt, als einen schwarzen Afghanen aus Ehingen: Beide Orte sind gerade mal einen Steinwurf weit entfernt. Palantir lieben beide so wie kein Verbrenner-Aus - und Hagel ist zu Kurz gekommen. Schnee von gestern.
<br><br>
Reden wir lieber mal von der SPD. Wir brauchen die. Wegen Geschichte und so, Erfahrung und Enttäuschung, Träumereien vom Achtstundentag. Aber da, besonders da, lachen ja die Hühner, vor allem nach dem Internationalen Frauentag, wo so manche Mutti nach der Demo einen Dritt-Job sucht, um nach Feierabend über die Runden zu kommen: Der Alte hat die Seiten gewechselt, so ist er eben, der Zeitgeist. Heute hier, morgen dort.
<br><br>
Man kann der SPD manches verdenken und vieles verzeihen.
<br><br>
Das ist bei den Grünen nicht anders: Gestern Bauplatzbesetzung, morgen im Aufsichtsrat von Rheinmetall oder so. Auch Panzer sollten umweltfreundlich fahren können, im Notfall.
<br><br>
Genossinnen und Genossen, Kameraden an der Front. Sprechen!
<br><br>
Ihr müsst mehr sprechen, ihr von oben mit den unten, denen der Arsch auf Grundeis geht. Und widersprechen lernen, sonst wird das níx mit dem Neuanfang. Singt mit!
<br><br>
Wenn das Herz dir auch bricht:
<br><br>
Zeig ein lachendes Gesicht
<br><br>
Man zahlt. Und Du musst tanzen!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 14 Mar 2026 08:08:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/gestern-bauplatzbesetzung-morgen-im-aufsichtsrat-von-rheinmetall-009588.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Sprachkritik III: Fukushima und der „Super“-GAU]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/sprachkritik-iii-fukushima-und-der-super-gau-009587.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Anlässlich des fünfzehnten Jahrestages der Nuklearkatastrophe von Fukushima, zu dem mal wieder in zahlreichen Artikeln der Begriff <em>„Super“</em>-GAU perpetuiert benutzt wird, möchte ich eine weitere<a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a> Sprachkritik veröffentlichen, die auch in meinem in Arbeit befindlichen Buch enthalten sein wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Appearance_of_Fukushima_I_Nuclear_Power_Plant_Unit_3_w.webp><p><small>Reaktorgebäude 3 des Kernkraftwerks Fukushima nach der Explosion, 15. März 2011.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Appearance_of_Fukushima_I_Nuclear_Power_Plant_Unit_3_after_the_explosion_20110315.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">資源エネルギー庁</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Sprache ist immer auch Herrschaftssprache, da sie Herrschaftsverhältnisse / hierarchische Beziehungsverhältnisse durch die alltägliche Reproduktion zementiert. Am bekanntesten ist hierbei die Reproduktion patriarchaler Herrschaft, wo insbesondere die Unsichtbarmachung von Frauen (im angeblich „generischen“ Maskulinum) durch die feministischen Sprachkritik thematisiert wurde. Aber die Herrschenden manipulieren die Sprache auch für alle möglichen anderen Zwecke:
<br><br>
Als 1986 das russische Kernkraftwerk <em>Tschernobyl</em> explodierte, war ich als (angehender) Physiker zunächst einfach nur zutiefst deprimiert, weil die Leute erst über dieses (absehbare) Unglück kapiert haben, dass wir als wissenschaftliche Mahner vor den Risiken der Nutzung von kerntechnischen Anlagen zur Energiegewinnung sowie als Kritiker der Energiepolitik und Teil der Anti-AKW-Bewegung, ihnen vorher keinen Mist erzählt hatten. Weil anscheinend die Menschen nur über Leid fähig zur Erkenntnis sind, und nicht, wie sich einbilden, durch den Verstand und wissenschaftliche Diskurse. Zusätzlich war ich aber auch über die bis heute in den Medien verbreiteten Wortkreation <em>„Super“</em>-GAU genervt.
<br><br>
„GAU“ bedeutet „grösster anzunehmender Unfall“ und eine Steigerung eines Superlativs ist schon grammatikalisch nicht vorgesehen, höchstens als dichterische Freiheit, um etwas sehr spezielles zum poetischen Ausdruck zu bringen. In diesem Fall jedoch, wo es um einen klar wissenschaftlichen Gebrauchszweck geht, ist solche poetische Freiheit sinnfrei und unwissenschaftlich, wie es beispielsweise auch in dem mathematischen Begriff „kleinster gemeinsamer Nenner“ keine sinnvolle Steigerungsform gibt.
<br><br>
Eine internationale Exper*innengruppe aus Vertreter*innen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat 1990 offiziell eine siebenstufigen Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES) eingeführt. Auch wenn INES zwischenzeitlich ein paar Mal erweitert und überarbeitet wurde, so blieb die Skala im Wesentlichen unverändert<a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a>und listet in der höchsten Stufe „Major accident“ (Katastrophaler Unfall) nur bzw. genau die beiden entsprechenden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima (2011) auf. Von wissenschaftlicher Seite werden diese Ereignisse mit „major“ (grösster) und nicht mit einem poetischen „super-major“ bezeichnet.
<br><br>
Die unwissenschaftliche Begriffskreation <em>„Super“</em>-GAU propagiert eine Ereignissingularität und versucht damit nebenbei den inneren Widerspruch zu übertünchen, dass es nicht nur ein Ereignis, sondern inzwischen schon zwei entsprechende „Ereignisse“ gibt. Das Märchen von der Singularität aber erzählt das Märchen von der Nicht-Wiederholbarkeit, war wiederum durch das alte Märchen von der Technikbeherrschung begründet wird. Letzteres war aber genau jenes Märchen, das viele Wissenschaftler*innen kritisiert und dekonstruiert hatten, gegen das die Anti-AKW-Bewegungen gekämpft hatten und das die GAUs von Tschernobyl und Fukushima eindrücklich widerlegt haben.
<br><br>
Betrachtet mensch die mit dieser Begriffskreation „Super-GAU“ transportierten vorgenannten Narrative geführten Mainstream-Diskurse, so ist die politische Stossrichtung offensichtlich: Es geht um die, von technokratischen Naturbeherrscher*innen<a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a> erneut aufgestellten Forderungen nach Erhalt, gar Ausbau, von Energieproduktion durch Kernkraft, die aktuell mit Verweis auf die laufenden Krisen des menschengemachten Klimawandels und durch den Ukraine- und den Iran-Krieg eine zusätzlich begründet werden sollen. Und da müssen die potentiellen Gefahren kerntechnischer Anlagen möglichst kleingeredet und negiert werden, um die Massen im Kommunikationskrieg zu betäuben.
<br><br>
Diese Realitätsverweigerung dient nur der Sicherung bestehender Herrschaftsverhältnisse:

<ul class="liste">
<li class="liste">Der Profitgewinnung durch das Kapital, das übrigens nicht allen Folgekosten (sog. „Ewigkeitskosten“) für die Endlagerungen des produzierten radioaktiven Mülls vollumfänglich verantwortet, da Privatunternehmen das gar nicht auf so lange Zeiträume, d.h. für die nächsten mehrere zehntausend Jahre, gewähren können, so dass im Endeffekt die Allgemeinheit dafür einspringen muss.</li>
<li class="liste">Der mit der zivilen Nutzung auf das Engste gekoppelten Gewinnung bombenfähigen nuklearen Materials, wie Plutonium, das nur durch Ausbrüten in Reaktoren gewonnen werden kann.</li>
<li class="liste">Die Abwehr dezentraler Strukturen zur Energieerzeugungen, da jede Dezentralisierung Machtverlust für die herrschende Klasse der Reichen und Mächtigen bedeutet.</li>
<li class="liste">Auf einer tiefer liegenden, kriegerisch-patriarchalen kulturellen Ebene wird zudem das Märchen der <em>Beherrschbarkeit</em> von Technik und Natur reproduziert, was sich weit über das Thema Kernenergie hinaus auswirkt und das meiste Leben auf diesem Planeten bedroht, einschliesslich unserem.</li>
</ul>

Die Nutzung der Begriffskreation „Super-GAU“ reproduziert und sichert zugleich diese Herrschaftsverhältnisse. Wer diese Kreation nutzt, und damit sind insbesondere auch „linke“ oder sich sonst wie als „aufklärt“ verstehende Medien (wie die taz mal wieder<a href="#footnote-4" id="ref-4">[4]</a>), Parteien oder politische Organisationen gemeint, macht sich mitverantwortlich für die kommenden, dadurch verursachten Katastrophen.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Ich hatte schon 2022 auf der Webseite „Eutopie“ meiner damaligen Gruppe <em>Perspektive Solidarität</em>, <a class="fussnoten_links" href="https://eutopie.noblogs.org/post/2023/11/26/wir-wurden-geloescht/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die von autoritären oberflächlichen „Antifaschisten“ gelöscht worden ist</a>, zwei Sprachkritiken veröffentlicht, die ich auch hier unter dem Menüpunkt <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/texte/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Texte</a> zur Verfügung stelle.
<br><br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Meldung vom 6. Oktober 2008 auf world-nuclear-news.org, erhalten <a class="fussnoten_links" href="https://web.archive.org/web/20111001000000*/http://www.world-nuclear-news.org/RS_Event_scale_revised_for_further_clarity_0510081.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im Web-Archiv</a>.
<br><br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> Das muss gegendert werden, da Naturbeherrschung auch auf höchst offiziellen Ebenen längst keine rein männlich-patriarchale Angelegenheit mehr ist, wie das anhaltend intensive <a class="fussnoten_links" href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-frankreich-atomkraft-von-der-leyen-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Engagement</a> der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen für weitere Investitionen in die Kernenergie zeigt. Sie steht dabei übrigens auch in einer familiären Kontinuität zur Atompolitik ihres Vaters, dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der für die gewaltsame Durchsetzungsversuche für das ehemals geplante „Endlager“ Gorleben verantwortlich war.<p></p>

<a href="#ref-4" id="footnote-4">[4]</a> Siehe taz-Artikel <a class="fussnoten_links" href="https://taz.de/Fukushima-und-das-AKW-Risiko/!5755630/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Die einkalkulierte Katastrophe“</a> zum heutigen Jahrestag.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 13:10:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/sprachkritik-iii-fukushima-und-der-super-gau-009587.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Christliche Kriegstheologie im Update]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/religion/christliche-kriegstheologie-im-update-009575.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Bislang galten in der BRD Besitz und Einsatz von Atomwaffen als politisches, völkerrechtliches und auch friedensethisches Tabu. Die Lage wandelt sich. Kriegstheologen helfen dabei, dass alle Hemmungen fallen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Evangelische_Kirche_in_Deutschland_-_panoramio_w.webp><p><small>Evangelische Kirche in Deutschland.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evangelische_Kirche_in_Deutschland_-_panoramio.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kl Aas</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Renate Dillmann hatte zuletzt die Frage „Braucht Deutschland die Atombombe?“ aufgeworfen und dazu die jüngsten militär- und rüstungspolitischen Fortschritte in der BRD aufgegriffen, die sich – in einem Land, das den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat – eigentlich per se verbieten müssten. Eine eigene „deutsche Bombe“ steht denn auch laut Bundeskanzler Merz – vorerst – nicht auf der politischen Agenda. Deutschland soll zunächst nach einer europäischen Lösung gemeinsam mit Franzosen und Briten suchen, obwohl Politiker und Politikexperten immer wieder zu bedenken geben, dass beide Kandidaten wegen ihrer nationalen Ambitionen für einen „europäischen Schutzschirm“ nicht in Frage kommen.
<br><br>
In der politischen Klasse der BRD ist die Frage aber längst angekommen. Und die Leitmedien – etwa die FAZ – diskutieren ohne Hemmungen über die Notwendigkeiten, bei denen sich die Politik noch zurückhalten muss. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Eine Aufrüstung ohne Wenn und Aber, die alle Optionen der modernen Massenvernichtung einbezieht, erhält nicht nur medialen Feuerschutz, sondern (man höre und staune – oder auch nicht) Unterstützung aus der christlichen Friedensethik.
<br><br>
Das Gewerkschaftsforum hat jüngst auf die einschlägigen Fortschritte der Kriegstheologie in Deutschland aufmerksam gemacht. Speziell die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat dabei mit ihrer neuen Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ einen Markstein gesetzt. Anlässlich dieser Entwicklung hier einige Hinweise auf oppositionellen friedensethischen und friedensbewegten Einspruch, der sich erfreulicherweise noch gegen solche Positionierungen zu Wort melden kann.

<h3>„Militärkirche“ hat Kriegstüchtigkeit im Blick</h3>

Peter Bürger von „Pax Christi“ hat zur EKD-Position im letzten Jahr 35 Stellungnahmen eingesammelt und bereits im Januar 2026 seine „Umdenkschrift“ vorgelegt. Eine Kritik an der evangelischen Schrift von Ex-Pfarrer Matthias-W. Engelke, die in Bürgers Band erschienen ist, hat jetzt auch die Zeitschrift der Friedensbewegung, FriedensForum, in ihrer Nr. 2/26 veröffentlicht, nachdem dort zunächst die friedensethischen Bemühungen des deutschen Protestantismus in etwas rosigem Licht erschienen waren. Mit den neuen Stellungnahmen wird der EKD, um es milde auszudrücken, kein gutes Zeugnis ausgestellt. „Die Kritik an der kirchlichen Obrigkeit will einfach nicht mehr verstummen“, so Bürger.
<br><br>
Da die EKD „ziemlich getreu die aktuelle Militärdoktrin des Staates nachplappert“, zeige sich „so etwas wie ein lagerübergreifendes Unbehagen an der Staatsnähe des bürgerlichen Kirchenapparates“; speziell der sicherheitspolitische Teil der Denkschrift lese sich „wie eine militärkirchliche Dienstleistung für den Staat und scheint überhaupt der eigentliche Zweck bzw. Kern des ganzen Dokumentes zu sein“ (I, 13).
<br><br>
Engelke, Mitglied in zahlreichen friedensethischen und -politischen Gremien, nimmt zur EKD-Denkschrift unter dem Titel „EKD – Auf dem Weg zur Militärkirche?“ Stellung. Er sieht die Gefahr, dass die Kirche ihr „Proprium“, im modernen Jargon: ihr „Alleinstellungsmerkmal“ aufgibt. Und das „zu einem Zeitpunkt, an dem offen davon gesprochen wird, dass sich Europa auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten muss und zu Weihnachten Tischdecken verkauft werden, mit Sternen und Panzern, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges... Täglich werden in der Ukraine Menschen für die Erhaltung von Staatsgrenzen geopfert und russischen Gegnern das Recht auf Leben abgesprochen.“ (I, 243)
<br><br>
Die theologischen Defizite sind der Ausgangspunkt für Engelkes Argumentation, dann geht es um die fatalen Konsequenzen, z.B. die Abwertung der Kriegsdienstverweigerung (siehe Nr. 169 und 177 der Denkschrift), vor allem aber um die aktive Bestätigung und – im Grunde – Verschärfung des deutschen Hochrüstungskurses. Die Denkschrift folge ganz der nationalstaatlichen Logik, „in der die Drohung und Anwendung von Atomwaffen wieder plausibel (Nr. 145)“ erscheinen (I, 243).
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Engelke geht auch auf die sicherheitspolitische Legendenbildung ein, die sich die EKD-Oberen – in Übereinstimmung mit der selbstgerechten Deutung demokratischer Herrschaften – für ihren „gerechten Krieg“ leisten. Die Denkschrift vertritt z.B. die Auffassung, „dass jeder Einsatz von Gewalt und insbesondere jedes Töten eines anderen Menschen die sorgsame ethische Prüfung vor dem eigenen Gewissen erfordert“ (Nr. 170; vgl. 77). Die Realitätsferne dieses Idealismus greift Engelke an und erinnert an die Realität des Schlachtfelds und der Befehlsstrukturen. Wenn der Kriegsfall angeordnet ist, geht es „viel weniger um eine individuelle Reaktion auf Bedrohung des Lebens durch Waffengewalt, sondern um organisiertes staatliches Handeln. Dabei schränkt die Friedensschrift die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen de facto dort wieder ein, wo sie rechtfertigt, dass Staaten Menschen zu Zwangsdiensten verpflichten können“ (I, 244). Der Autor bleibt jedoch nicht nur bei der Klage, am Schluss ruft er dazu auf, dass Christen und Gemeinden zu einem Konvent zusammenkommen sollen, um gegen die Denkschrift ein eigenes Votum zu setzen.

<h3>Atomkrieg abgesegnet</h3>

In Bürgers Sammelband ist der Bogen der Beiträge weit gespannt. Es beginnt mit einem Kommentar der Journalistin Bascha Mika, die die „gefährliche Anbiederung an die Macht“ beklagt. Deutlich zeige sich dies „in der Haltung zu Atomwaffen. Hier eiert die Denkschrift atemberaubend herum, um irgendwie christlich und dennoch staatsloyal daherzukommen“ und dann am Schluss der atomaren Aufrüstung den kirchlichen Segen zu erteilen, indem realistisch mit dem Stand der heutigen Grossmachtkonkurrenz argumentiert wird. Woraus „statt Bewahrung der Schöpfung die mögliche Vernichtung der Welt als christliche Risikooption“ resultiere (I, 20).
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Bei diesem neuen Realismus ist ja vor allem bemerkenswert, dass mittlerweile die militärischen Mittel im Atomzeitalter, das kirchlicherseits bislang am Sinn von Kriegen zweifeln liess, als „politisch notwendig“ akzeptiert werden und sogar, wenn sich die nationale Führung entsprechend bedroht fühlt, laut EKD „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein“ kann. Darauf verweist in dem Band der Beitrag „Gegen die Propaganda einer christlichen Kriegstheologie“, der aus der gewerkschaftlichen Basisinitiative „Sagt NEIN!“ stammt (I, 174). Dem schliesst sich eine detaillierte Analyse von Karl-W. Koch an, der „vor allem die Fehlbewertung in der neuen Haltung zu den Atomwaffen“ aufgreift: „Warum hier in dieser Art ein ‚Kurswechsel' um 180° vollzogen wird, bleibt vermutlich allen informierten evangelischen Christen ein Rätsel“ (I, 177). Zu der Legitimation präventiver Massnahmen, also zur Klarstellung in Sachen Verteidigungsnotwendigkeit, heisst dann das Resümee: „Man kann hier herauslesen, dass bei weiter wachsender Bedrohung durch Russland ein atomarer Erstschlag (‚Enthauptungsschlag') denkbar und ... moralisch wie christlich zu verantworten wäre.“ (I, 185)
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Die EKD spricht damit übrigens eine Wahrheit aus, die in der Verbreitung der Abschreckungsideologie meist verloren geht, und bietet gleichzeitig schon das Rechtfertigungsmuster für einen Krieg, den Deutschland gegebenenfalls vom Zaun brechen wird. Abschreckung zielt ja auf die eigene Überlegenheit, die den Gegner militärisch handlungsunfähig machen soll, ihm einen Schaden androht, den er nicht verkraften kann und ihn so in die Schranken verweist. Was aber, wenn der Gegner ebenfalls rüstet, was das Zeug hält, um diese unterlegene Position nicht eintreten zu lassen? Dann ist es – so die kirchliche Lehre Anno Domini 2025 – durchaus legitim, einen Krieg „präventiv“ anzufangen, um den des Gegners zu verhindern. Und das Ganze nennt sich dann auch noch „Reaktion“.

<h3>Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist...</h3>

In dem Sammelband werden neben den sicherheitspolitischen Aspekten natürlich speziell die ethischen und theologischen Fragen aufgegriffen, wobei die Wortmeldungen aus einem breiten Spektrum stammen, nicht nur aus kirchlichen Initiativen und Gruppierungen, sondern auch aus Publizistik und Wissenschaft, aus der Friedensbewegung oder der gewerkschaftlichen Opposition. Abschliessend kommen hier bemerkenswerte Analysen zu Wort, so vom renommierten Friedensforscher Markus Weingardt, dessen Schlusswort lautet: Wenn die Kirche in der von der EKD beschworenen „Welt in Unordnung“ nicht mehr zu sagen hat als diese Denkschrift, „dann hat sie nichts mehr zu sagen. Sie macht sich überflüssig.“ (I, 277)
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Einen wichtigen Beitrag liefert auch Professor Egon Spiegel, bis 2022 Inhaber eines katholischen Lehrstuhls für Praktische Theologie und seitdem (sowas gibt's!) auf einem UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft in der Nanjing University, China, tätig. Spiegel nimmt beide christliche Konfessionen ins Visier. Die katholischen Christen in Deutschland durften sich ja schon früher (nämlich im Februar 2024) des Erhalts eines Friedenswortes rühmen: „Friede diesem Haus“ von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Für den Fachmann spielen da die theologischen Defizite (und die daraus folgende Tradition der Gewaltfreiheit, die grosszügig beiseite gelegt wird) eine besondere Rolle.
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Gemeinsam sei „beiden Verlautbarungen im Kern: ein bibeltheologisches Wegducken vor dem unmissverständlichen Gewaltverzichtspostulat Jesu“ sowie die Tatsache, „dass sie explizit vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zu verstehen sind und sich in ihrer wortreichen Positionierung durchweg dem politischen Mainstream andienen. Auch wenn beide Dokumente in einem kirchlichen Ambiente durch ein von ihrer Kirche ausgewähltes Team verfasst und von den Oberen sanktioniert wurden, hätten diese bis in die Details der Ausführungen ebenso gut im Verteidigungsministerium – vielleicht noch mit dem Segen des jeweiligen Militärbischofsamtes – abgefasst worden sein können. Auch dort wird ethisch abgewogen, aber auch nicht mehr, und am Ende das Eintreten in einen Krieg nicht ausgeschlossen und deshalb vorbereitet.“ (I, 248)

<h3>Die Diskussion geht weiter</h3>

Peter Bürger hat zu seiner Sammlung kritischer Stimmen jetzt eine Fortsetzung „Umdenkschrift II“ vorgelegt, wobei ein Schwerpunkt der Dokumentation die „skandalöse kirchliche Atombomben-Duldung in Deutschland“ ist, die ja in der Tat neue Massstäbe setzt. Burkhard Paetzold, der 1978-1989 Mitglied der „ad hoc-Gruppe Abrüstung“ im Referat Friedensfragen der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war, bemerkt in dem neuen Band zu den kriegstheologischen Fortschritten: „Atomwaffen zielen auf die glaubhafte Androhung massenhafter, unterschiedsloser Vernichtung von Menschen, Lebensgrundlagen und Zukunft... Die Logik nuklearer Abschreckung bindet das eigene Überleben an die Bereitschaft, im Ernstfall Unvorstellbares zu tun“ (II, 68; siehe auch Paetzolds Beitrag im Overton-Magazin). Das ist übrigens die entscheidende Leistung der Kirchenleute, die ja nicht über die materiellen und personellen Massnahmen der Aufrüstung zu entscheiden haben: Sie machen das Unvorstellbare wieder vorstellbar – als Tat christlichen Soldatentums, das im Vertrauen auf die staatliche Autorität seinen gottgewollten Dienst erfüllt.
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So steht z.B. der katholische Militärbischof Overbeck schon Gewehr bei Fuss und trägt seinen Teil zur moralischen Aufrüstung bei. E er „will die Militärseelsorge auf einen möglichen bewaffneten Konflikt mit Russland vorbereiten“. Wie er Ende Februar mitteilte, muss die katholische Militärseelsorge, falls es zu einem bewaffneten Konflikt kommt, eine seelsorgliche Begleitung von Soldatinnen und Soldaten während ihrer Einsätze und bei ihrer medizinischen Versorgung gewährleisten. „Um es deutlich zu formulieren: Es geht hier um die Begleitung von Einheiten im Kampf beziehungsweise im Einsatz sowie die Bereitstellung von Seelsorge für Verwundete und Sterbende“. Und dabei befindet sich der Mann ganz im Einklang mit den neusten friedensethischen Erkenntnissen, zu denen evangelische und katholische Lehrautoritäten gelangt sind.
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Die Theologen Günter Brakelmann und Arno Lohmann erinnern dagegen an die „Tatsache, dass es mächtige Minderheiten sind, die die Entscheidungen für einen Krieg treffen. Völker, auch demokratisch verfasste, haben bisher noch nie über Krieg und Frieden mit abgestimmt. – Kirche muss von ihren ethischen Kriterien her ohne Rücksicht auf die Regierenden und auf die öffentliche Meinung auf diese Zusammenhänge hinweisen.“ (II, 19) Das, was EKD und DBK aber seit dem deutschen Vorhaben zur „Wehrdienstmodernisierung“ verlauten lassen, geht erkennbar in die entgegengesetzte Richtung. Es ist eine einzige Rücksichtnahme auf die Ansagen und Planungen der Machthaber.
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Professor Spiegels Fazit zur neuesten christlichen Friedensethik lautet daher kurz und bündig: „Hofschreiberei“ (I, 248)! Sollte das das letzten Wort bleiben, bevor der nukleare Holocaust beginnt? Dass Thron und Altar zu ihrer altehrwürdigen Symbiose zurückgefunden haben, in Ewigkeit, Amen?<p><em>Johannes Schillo</em><p><small><b>Nachweise</b>
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I: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Eine Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 43, BoD – Books on Demand 2026. Siehe die Vorstellung im Overton-Magazin.
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II: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Zweite Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 44, BoD – Books on Demand, 2026.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 12:45:00 +0100</pubDate>
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