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<title>Untergrund-Blättle</title>
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<description>Antipolitik und Gegenkultur aus dem Untergrund. Aktuelle Reportagen, Essays und Buchrezensionen.</description>
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<title>Untergrund-Blättle</title>
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<title><![CDATA[Gestern Bauplatzbesetzung, morgen im Aufsichtsrat von Rheinmetall]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Schöner Gigolo, armer Gigolo, denke nicht mehr an die Zeiten, wo du als Husar, goldgeschnürt sogar, konntest durch die Strassen reiten...</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Cem_oezdemir_and_Xenia_Brand_w.webp><p><small>Cem Özdemir und Xenia Brand von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft bei einem Protest von "Wir haben es satt" vor dem Global Forum for Food and Agriculture, 18. Januar 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cem_%C3%96zdemir_and_Xenia_Brand_at_Wir_haben_es_satt_protest_at_GFFA_2025-01-18_03.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Leonhard Lenz</a> (PD)</small><p>Uniform passee, Liebchen sagt Ade, schöne Welt, du gehst in Fransen! Wenn das Herz dir auch bricht: Zeig ein lachendes Gesicht. Man zahlt - und Du musst tanzen!
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Kann ja sein oder ist so: da haben viele taktisch gewählt, weil sie keine Experimente! wollten: Lieber einen starken Türken, selbst wenn er aus Bad Urach kommt, als einen schwarzen Afghanen aus Ehingen: Beide Orte sind gerade mal einen Steinwurf weit entfernt. Palantir lieben beide so wie kein Verbrenner-Aus - und Hagel ist zu Kurz gekommen. Schnee von gestern.
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Reden wir lieber mal von der SPD. Wir brauchen die. Wegen Geschichte und so, Erfahrung und Enttäuschung, Träumereien vom Achtstundentag. Aber da, besonders da, lachen ja die Hühner, vor allem nach dem Internationalen Frauentag, wo so manche Mutti nach der Demo einen Dritt-Job sucht, um nach Feierabend über die Runden zu kommen: Der Alte hat die Seiten gewechselt, so ist er eben, der Zeitgeist. Heute hier, morgen dort.
<br><br>
Man kann der SPD manches verdenken und vieles verzeihen.
<br><br>
Das ist bei den Grünen nicht anders: Gestern Bauplatzbesetzung, morgen im Aufsichtsrat von Rheinmetall oder so. Auch Panzer sollten umweltfreundlich fahren können, im Notfall.
<br><br>
Genossinnen und Genossen, Kameraden an der Front. Sprechen!
<br><br>
Ihr müsst mehr sprechen, ihr von oben mit den unten, denen der Arsch auf Grundeis geht. Und widersprechen lernen, sonst wird das níx mit dem Neuanfang. Singt mit!
<br><br>
Wenn das Herz dir auch bricht:
<br><br>
Zeig ein lachendes Gesicht
<br><br>
Man zahlt. Und Du musst tanzen!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 14 Mar 2026 08:08:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Sprachkritik III: Fukushima und der „Super“-GAU]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/sprachkritik-iii-fukushima-und-der-super-gau-009587.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Anlässlich des fünfzehnten Jahrestages der Nuklearkatastrophe von Fukushima, zu dem mal wieder in zahlreichen Artikeln der Begriff <em>„Super“</em>-GAU perpetuiert benutzt wird, möchte ich eine weitere<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="nofollow noopener">[1]</a> Sprachkritik veröffentlichen, die auch in meinem in Arbeit befindlichen Buch enthalten sein wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Appearance_of_Fukushima_I_Nuclear_Power_Plant_Unit_3_w.webp><p><small>Reaktorgebäude 3 des Kernkraftwerks Fukushima nach der Explosion, 15. März 2011.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Appearance_of_Fukushima_I_Nuclear_Power_Plant_Unit_3_after_the_explosion_20110315.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">資源エネルギー庁</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Sprache ist immer auch Herrschaftssprache, da sie Herrschaftsverhältnisse / hierarchische Beziehungsverhältnisse durch die alltägliche Reproduktion zementiert. Am bekanntesten ist hierbei die Reproduktion patriarchaler Herrschaft, wo insbesondere die Unsichtbarmachung von Frauen (im angeblich „generischen“ Maskulinum) durch die feministischen Sprachkritik thematisiert wurde. Aber die Herrschenden manipulieren die Sprache auch für alle möglichen anderen Zwecke:
<br><br>
Als 1986 das russische Kernkraftwerk <em>Tschernobyl</em> explodierte, war ich als (angehender) Physiker zunächst einfach nur zutiefst deprimiert, weil die Leute erst über dieses (absehbare) Unglück kapiert haben, dass wir als wissenschaftliche Mahner vor den Risiken der Nutzung von kerntechnischen Anlagen zur Energiegewinnung sowie als Kritiker der Energiepolitik und Teil der Anti-AKW-Bewegung, ihnen vorher keinen Mist erzählt hatten. Weil anscheinend die Menschen nur über Leid fähig zur Erkenntnis sind, und nicht, wie sich einbilden, durch den Verstand und wissenschaftliche Diskurse. Zusätzlich war ich aber auch über die bis heute in den Medien verbreiteten Wortkreation <em>„Super“</em>-GAU genervt.
<br><br>
„GAU“ bedeutet „grösster anzunehmender Unfall“ und eine Steigerung eines Superlativs ist schon grammatikalisch nicht vorgesehen, höchstens als dichterische Freiheit, um etwas sehr spezielles zum poetischen Ausdruck zu bringen. In diesem Fall jedoch, wo es um einen klar wissenschaftlichen Gebrauchszweck geht, ist solche poetische Freiheit sinnfrei und unwissenschaftlich, wie es beispielsweise auch in dem mathematischen Begriff „kleinster gemeinsamer Nenner“ keine sinnvolle Steigerungsform gibt.
<br><br>
Eine internationale Exper*innengruppe aus Vertreter*innen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat 1990 offiziell eine siebenstufigen Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES) eingeführt. Auch wenn INES zwischenzeitlich ein paar Mal erweitert und überarbeitet wurde, so blieb die Skala im Wesentlichen unverändert<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>und listet in der höchsten Stufe „Major accident“ (Katastrophaler Unfall) nur bzw. genau die beiden entsprechenden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima (2011) auf. Von wissenschaftlicher Seite werden diese Ereignisse mit „major“ (grösster) und nicht mit einem poetischen „super-major“ bezeichnet.
<br><br>
Die unwissenschaftliche Begriffskreation <em>„Super“</em>-GAU propagiert eine Ereignissingularität und versucht damit nebenbei den inneren Widerspruch zu übertünchen, dass es nicht nur ein Ereignis, sondern inzwischen schon zwei entsprechende „Ereignisse“ gibt. Das Märchen von der Singularität aber erzählt das Märchen von der Nicht-Wiederholbarkeit, war wiederum durch das alte Märchen von der Technikbeherrschung begründet wird. Letzteres war aber genau jenes Märchen, das viele Wissenschaftler*innen kritisiert und dekonstruiert hatten, gegen das die Anti-AKW-Bewegungen gekämpft hatten und das die GAUs von Tschernobyl und Fukushima eindrücklich widerlegt haben.
<br><br>
Betrachtet mensch die mit dieser Begriffskreation „Super-GAU“ transportierten vorgenannten Narrative geführten Mainstream-Diskurse, so ist die politische Stossrichtung offensichtlich: Es geht um die, von technokratischen Naturbeherrscher*innen<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> erneut aufgestellten Forderungen nach Erhalt, gar Ausbau, von Energieproduktion durch Kernkraft, die aktuell mit Verweis auf die laufenden Krisen des menschengemachten Klimawandels und durch den Ukraine- und den Iran-Krieg eine zusätzlich begründet werden sollen. Und da müssen die potentiellen Gefahren kerntechnischer Anlagen möglichst kleingeredet und negiert werden, um die Massen im Kommunikationskrieg zu betäuben.
<br><br>
Diese Realitätsverweigerung dient nur der Sicherung bestehender Herrschaftsverhältnisse:

<ul class="liste">
<li class="liste">Der Profitgewinnung durch das Kapital, das übrigens nicht allen Folgekosten (sog. „Ewigkeitskosten“) für die Endlagerungen des produzierten radioaktiven Mülls vollumfänglich verantwortet, da Privatunternehmen das gar nicht auf so lange Zeiträume, d.h. für die nächsten mehrere zehntausend Jahre, gewähren können, so dass im Endeffekt die Allgemeinheit dafür einspringen muss.</li>
<li class="liste">Der mit der zivilen Nutzung auf das Engste gekoppelten Gewinnung bombenfähigen nuklearen Materials, wie Plutonium, das nur durch Ausbrüten in Reaktoren gewonnen werden kann.</li>
<li class="liste">Die Abwehr dezentraler Strukturen zur Energieerzeugungen, da jede Dezentralisierung Machtverlust für die herrschende Klasse der Reichen und Mächtigen bedeutet.</li>
<li class="liste">Auf einer tiefer liegenden, kriegerisch-patriarchalen kulturellen Ebene wird zudem das Märchen der <em>Beherrschbarkeit</em> von Technik und Natur reproduziert, was sich weit über das Thema Kernenergie hinaus auswirkt und das meiste Leben auf diesem Planeten bedroht, einschliesslich unserem.</li>
</ul>

Die Nutzung der Begriffskreation „Super-GAU“ reproduziert und sichert zugleich diese Herrschaftsverhältnisse. Wer diese Kreation nutzt, und damit sind insbesondere auch „linke“ oder sich sonst wie als „aufklärt“ verstehende Medien (wie die taz mal wieder<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>), Parteien oder politische Organisationen gemeint, macht sich mitverantwortlich für die kommenden, dadurch verursachten Katastrophen.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Ich hatte schon 2022 auf der Webseite „Eutopie“ meiner damaligen Gruppe <em>Perspektive Solidarität</em>, <a class="fussnoten_links" href="https://eutopie.noblogs.org/post/2023/11/26/wir-wurden-geloescht/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die von autoritären oberflächlichen „Antifaschisten“ gelöscht worden ist</a>, zwei Sprachkritiken veröffentlicht, die ich auch hier unter dem Menüpunkt <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/texte/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Texte</a> zur Verfügung stelle.
<br><br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Meldung vom 6. Oktober 2008 auf world-nuclear-news.org, erhalten <a class="fussnoten_links" href="https://web.archive.org/web/20111001000000*/http://www.world-nuclear-news.org/RS_Event_scale_revised_for_further_clarity_0510081.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im Web-Archiv</a>.
<br><br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Das muss gegendert werden, da Naturbeherrschung auch auf höchst offiziellen Ebenen längst keine rein männlich-patriarchale Angelegenheit mehr ist, wie das anhaltend intensive <a class="fussnoten_links" href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-frankreich-atomkraft-von-der-leyen-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Engagement</a> der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen für weitere Investitionen in die Kernenergie zeigt. Sie steht dabei übrigens auch in einer familiären Kontinuität zur Atompolitik ihres Vaters, dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der für die gewaltsame Durchsetzungsversuche für das ehemals geplante „Endlager“ Gorleben verantwortlich war.<p></p>

<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Siehe taz-Artikel <a class="fussnoten_links" href="https://taz.de/Fukushima-und-das-AKW-Risiko/!5755630/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Die einkalkulierte Katastrophe“</a> zum heutigen Jahrestag.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 13:10:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Übergabe der Petition/des offenen Briefes an die SKKG und den Stadtrat Winterthur]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/schweiz/uebergabe-der-petition-des-offenen-briefes-an-die-skkg-und-den-stadtrat-winterthur-009590.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Am Donnerstag 12. März 2026 versammelten wir uns um 14 Uhr mit über 80 Personen vor dem Sulzer-Hochhaus, dem Sitz der steuerbefreiten, milliardenschweren Immo-Stiftung SKKG.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/offener-briefe-an-die-skkg-und-den-stadtrat-winterthur_w.webp><p><small>Im Foyer des Sulzer-Hochhauses, 12. März 2026.  Foto: zVg</small><p>Wir überbrachten der SKKG eine Campax-Petition mit über 5000 Unterschriften und einem von über 60 Organisationen unterzeichneten offenen Brief. Die Petition und der Brief fordert den Erhalt mehrerer Stefanini-Häuser und der Wagenplätze in Winterthur, die in absehbarer Zeit geräumt werden sollen.
<br><br>
Eigentlich wollten wir die Unterschriften und den offenen Brief der SKKG-Direktorin Bettina Stefanini und dem Präsident des SKKG-Stiftungsrats Thomas Meier übergeben. Das haben wir der SKKG frühzeitig mitgeteilt. Doch Stefanini und Meier machten, was sie immer tun: Sie weigerten sich. Sie schickten stattdessen den Werbechef der Verwaltungsfirma Terresta, Ariel Leuenberger. Dieser wiederum weigerte sich, Stefanini oder Meier anzurufen. Darum blieben wir lautstark während gut 45 Minuten im Foyer des Sulzer-Hochhauses mit Musik, Kaffee, Reden, Transparenten und Gesang. "Die Stimmung war sehr kämpferisch und stabil", sagte Sandra, eine der von der Räumung bedrohten Anwesenden.
<br><br>
Der nächste Stop war der "Superblock" an der Zürcherstrasse, dem Sitz der Stadtverwaltung. Denn die Stadt Winterthur ist mit ihrer neoliberalen Wohnpolitik Teil des Problems. Der Stadtrat hat vor, die Wagenplätze in Töss und am Schützenweiher zu räumen. Sie weigert sich, mit den betroffenen Bewohner:innen eine Lösung zu finden. Die unsoziale Politik des Stadtrats zeigt sich auch in der geplanten Vertreibung der über 40 Dauercamper:innen des Campingplatzes am Schützenweiher, wo stattdessen die Autolobby TCS ein 4-Stern-Glamping betreiben soll. Schliesslich wird der Stadtrat zum Handlanger der SKKG, wenn er die angekündigten Räumungen polizeilich durchsetzen will. Der Stadtrat macht sich damit mitverantwortlich bei der Vertreibung vieler Leute und der Zerstörung von günstigem Wohnraum.
<br><br>
Der zuständige SP-Stadtrat Kaspar Bopp hatte nicht die Grösse, die Unterschriften und den offenen Brief entgegenzunehmen. Damit macht er sich unglaubwürdig, weil er doch stets behauptet, er setze sich für den Erhalt von günstigem Wohnraum ein. "Offensichtlich sind wir ihm als Betroffene der städtischen Vertreibungspolitik egal", so Egon, ein Bewohner des Wagenplatz Mumpitz. Wir übergaben die Unterschriften und den Brief dem Stadtschreiber.
<br><br>
Wir zogen danach als Spontandemo mit Transparenten, Musik und Parolen weiter: über den Hauptbahnhof durch die Marktgasse bis zur Steinberggasse 6, der Wohnadresse der Millionenerbin und SKKG-Direktorin Bettina Stefanini. Wir versuchten ein weiteres Mal, ihr die Petition zu übergeben. Leider vergeblich. Unterwegs informierten wir über den Grund unserer Demo. Wir solidarisierten uns mit allen von der Wohnkrise Betroffenen und mit den kämpfenden Busfahrer:innen von Stadtbus Winterthur.
<br><br>
Das Ziel der Petition ebenso wie des offenen Briefes an die SKKG und den Stadtrat besteht darin, die Verantwortlichen der Zerstörung von günstigen Wohnraum und der Vertreibung von Leuten mit wenig Geld zu konfrontieren. Wir fordern sie zu ernsthaften Verhandlungen mit den Betroffenen auf.
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Seit mehreren Jahren kämpfen wir um den Erhalt der selbstverwalteten Stefanini-Häuser und der Wagenplätze in Winterthur. Diese Orte sind günstiger, selbstverwalteter Wohnraum und unkommerzieller, linker Kultur- und Versammlungsraum für sehr viele Leute. Sie sind Teil der Kultur und Geschichte dieser Stadt. Die Räumungs- und Abrisspläne der SKKG und des Stadtrats treffen viele Leute in ihrer Existenz. Und dies mitten in der schwersten Wohnkrise seit Jahrzehnten.
<br><br>
Die Verantwortlichen bei SKKG und der Stadt haben auf unsere konstruktiven Vorschläge und Verhandlungsangebote nicht reagiert. Sie haben - trotz einem laufenden juristischen Verfahren - die polizeiliche Räumung der Gisi, dem ältesten besetzten Haus der Schweiz an der General-Guisanstrasse 31, auf Frühjahr 2026 angekündigt. Zwei weitere Stefanini-Häuser sollen 2027 polizeilich geräumt werden. Dagegen wehren wir uns mit allen Mitteln.

<div class="image_text_box"><div class="image_text"><img src="../../fotos/offener-briefe-an-die-skkg-und-den-stadtrat-winterthur_1_w.webp" class="bild_text" alt="<?php echo $image_alt; ?>" /></div><p class="caption_main"><span class="caption_main_text">Vor dem Stadthaus in Winterthur.</span><span class="caption_main_foto">Foto: zVg</span></p></div>

Wir erwarten eine öffentliche Stellungnahme der SKKG und des Stadtrats zur Petition und dem offenen Brief innerhalb eines Monats. Egal, wie diese ausfällt: Wir werden die Häuser und Plätze nicht kampflos hergeben! Wir werden nicht tatenlos der Zerstörung unserer Zuhause zusehen.
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Die über 5000 Unterschriften von Einzelpersonen und von über 60 Organisationen zeigen, dass sich sehr viele mit unserem Kampf solidarisieren. Sie zeigen, dass diese Räume für viele wichtig sind.
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Wir danken allen, die sich an der Übergabe heute beteiligt haben und allen Unterzeichnenden. Eure Solidarität bedeutet uns sehr viel. Wir zählen auf Euch für die folgenden Mobilisierungen gegen Wohnungsnot, Räumungen und Vertreibung. Haltet die Augen und Ohren offen.
<br><br>
Wir bleiben alle!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 08:31:00 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Bare Metal – Trumps faschistische Kriegswirtschaft]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/theorie/bare-metal-trumps-faschistische-kriegswirtschaft-009582.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Erste Einschätzung zum ökonomischen Fallout des Krieges im Iran.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/U_S_Forces_Launch_Operation_Epic_Fury_(9542592)_w.webp><p><small>US-Seeleute transportieren Munition auf dem Deck des Flugzeugträgers der Nimitz-Klasse USS Abraham Lincoln (CVN 72) im Arabischen Meer, 27. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:U_S_Forces_Launch_Operation_Epic_Fury_(9542592).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Department of Defense</a> (PD)</small><p>Der Iran hat, rein militärisch betrachtet, keine Chance, den Krieg gegen die mit KI-Systemen hochgezüchtete<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> US-Militärmaschine zu überstehen. Die einzige Option für das innenpolitisch geschwächte Mullah-Regime, das sich nur durch eine massenmörderische Repressionswelle an der Macht halten konnte, besteht in der Erhöhung der Kriegskosten, in einer ökonomischen Eskalationsstrategie, die nicht nur regional, sondern auch global zu derartigen wirtschaftlichen Verwerfungen führt, dass Washington sich genötigt sehen wird, den Krieg abzubrechen.
<br><br>
Es ist eine Realdystopie, die durch die vollends eskalierende, längst die Zentren ergreifende Weltkrise des Kapitals<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> befeuert wird. Dies nicht nur ideologisch, da auf beiden Seiten religiös konnotierte Untergangsideologien virulent sind (Staatsschiitismus und Evangelikalismus), sondern auch ökonomisch. Die Islamofaschisten<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> in Teheran führen faktisch einen Wirtschaftskrieg gegen die Kriegswirtschaft, die von den evangelikal<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> beseelten<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Faschisten<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> im Weissen Haus mittels imperialistischer Aggressionen formiert wird.
<br><br>
Dieser apokalyptisch anmutende Konflikt, der von evangelikal-faschistischen Elementen innerhalb der US-Armee buchstäblich um des Armageddons willen geführt wird,<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> könnte tatsächlich den nächsten globalen Krisenschub auslösen, da das Krisenpotenzial gerade in den Zentren des Weltsystems bereits hinreichend gegeben ist.<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Die „Weltwirtschaft“ ist labil, sie ist „reif“ für den nächsten, katastrophalen Krisenschub – der Krieg könnte diesen triggern.

<h3>Irans Wirtschaftskrieg</h3>

Der Regime in Teheran hat nichts mehr zu verlieren, es geht um seine Existenz, die nur durch enorme, globale Wirtschaftsverwerfungen gesichert werden könnte. Zentral ist die Unterbrechung des Stromes fossiler Energieträger aus der Region, die durch die Blockade der Strasse von Hormus bereits weitgehend realisiert wurde (rund 20 Prozent der globalen Versorgung). Zudem hat der Iran die Golfdespotien direkt angegriffen, um ihre Öl- und/oder Gasförderung zum Stillstand zu bringen, sowie den Influencer- und Oligarchentourismus der Region zu zerstören. Dieses Ziel ist ebenfalls weitgehen realisiert worden. Für die arabischen Golfdespotien – die den Angriff der USA im Vorfeld befürworteten<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> – stellt der Krieg gegen den Iran einen ökonomischen Super-Gau dar.
<br><br>
Nicht nur brechen die ökonomisch essenziellen Einnahmen der Ölstaaten am Golf zusammen, ihre Diversifizierungsstrategie, der Oberklasse-Tourismus, könnte durch den Krieg einen tödlichen Schlag erhalten haben. Der Iran will mit diesen Angriffen die Spannungen zwischen Washington und dessen regionalen Bündnispartnern zur Eskalation bringen, wobei die iranischen Angriffe formell mit den US-Militärstützpunkten in der Region legitimiert werden. Es ist davon auszugehen, dass die Golfdespotien auf eine rasche Einstellung der Kampfhandlungen drängen werden.

<h3>Vom Marktbeben zur Stagflation</h3>

Die globalen Schockwellen binnen der ersten Kriegswoche lassen sich leicht an den Einbrüchen der Aktienmärkte nachverfolgen. Die Leitindizes aller Zentrumsregionen sind zwischen dem 28.02. und dem 07.03. massiv um 4,4 Prozent (Dow Jones), über 5,7 Prozent (Japans Nikkei), bis zu den europäischen Schlusslichtern Dax und Euro Stoxx 50 (Minus von 6 und 7,4 Prozent) eingebrochen. Witzigerweise spiegelt sich bei den Börseneinbrüchen tatsächlich die unterschiedliche fossile Versorgungssicherheit der jeweiligen Wirtschaftsregionen: Die USA, die ihr eigenes Gas und Öl fördern, sind weitaus weniger für die Folgen der Energieblockade anfällig als Europa oder Japan. Nie war die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten vom Golföl niedriger als am Vorabend des Irankrieges.<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Der Iran hat überdies erklärt, chinesische Öltanker in der Strasse von Hormus passieren zu lassen, was sich auch an – vorerst – milden Kursverlusten von weniger als einem Prozentpunkt an der Börse in Schanghai manifestierte.<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>
<br><br>
Den zentralen Krisenfaktor bildet selbstverständlich der Ölpreis (WTI), der regelrecht durch die Decke ging:<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> von 71 Dollar Anfang März auf mehr als 90 Dollar am 06.03., was einen Anstieg von mehr als 25 Prozent innerhalb einer Handelswoche entspricht. Ähnliches vollzieht sich beim Gaspreis, der sich in Europa auf 74 Euro/MWh gut verdoppeln könnte, sollte der Krieg mehr als einen Monat dauern. Eine mehrmonatige Blockade der Strasse von Hormus hätte Gaspreise jenseits der 100 Euro in der EU zur Folge.<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> Dabei beliefert der wichtigste Gasexporteur der Region, Katar, vor allem Asien, an erster Stelle China.
<br><br>
Die Kappung der fossilen Energieversorgung bildet offensichtlich ein strategisches Ziel der imperialistischen Offensive der USA, die mit Venezuela<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> und Iran<a href="#footnote-15" id="ref-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a> zwei „Tankstellen“ der Volksrepublik angriff. Inzwischen bombardieren Israel und die USA offen die energetische Infrastruktur des Iran,<a href="#footnote-16" id="ref-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a> wobei auch Angriffe gegen das iranische Verladeterminal im Golf erwogen werden,<a href="#footnote-17" id="ref-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a> was die iranischen Exporte gen China kappen würde.
<br><br>
Welche Folge hätte der Preisschock? In ökonomischer Hinsicht droht eine abermalige Rückkehr der manifesten Stagflation, die den letzten, durch die Pandemie ausgelösten Krisenschub charakterisierte<a href="#footnote-18" id="ref-18" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[18]</a> – also einer konjunkturellen Flaute oder gar Rezession, die mit rasch steigenden Preisen, einer allgemeinen Teuerungswelle einherginge. Die hochschnellenden fossilen Energiepreise lassen nicht nur Benzin oder Heizkosten steigen, sie werden eine abermalige, allgemeine Inflationswelle zur Folge haben, sollte der Waffengang am Golf sich nicht über Wochen, sondern über Monate hinziehen.
<br><br>
Dies würde schlicht zum Nachfragerückgang und zur allgemeinen Erlahmung der Kapitalverwertung in der Warenproduktion führen – was sich volkswirtschaftlich als Stagnation oder gar Rezession äusserte. Nach de Ende der globalen Finanzblasenökonomie befindet sich das spätkapitalistische Weltsystem ohnehin in einer stagflationären Ära, die den Vorlauf der unausweichlichen Entwertung des Werts bildet (siehe hierzu: Zurück zur Stagflation)<a href="#footnote-19" id="ref-19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[19]</a>.

<h3>Bare Metal – Trumps faschistische Kriegswirtschaft</h3>

Die Preise für fossile Energieträger steigen global. Doch sind, wie angedeutet, nicht alle Regionen gleich stark betroffen. Die Vereinigten Staaten können sich weitgehend selbst versorgen,<a href="#footnote-20" id="ref-20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[20]</a> die Preisschocks würden abgefedert. In Europa, Japan und Korea würde die stagflationäre Dynamik hingegen voll durchschlagen. China, dessen Energiesicherheit mittels der US-Kriege untergraben wird, bildet ohnehin das indirekte Ziel der US-Angriffe (Im Fall Israels ist das Kriegsziel tatsächlich der Sturz des iranischen Islamofaschimus, der die Auslöschung des jüdischen Staates zur Staatsdoktrin erhoben hat. Hier dürften sich im Kriegsverlauf Spannungen zwischen Washington und Tel Aviv manifestieren).
<br><br>
Die Faschisten im Weissen Haus<a href="#footnote-21" id="ref-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[21]</a> befinden sich innenpolitisch in der Defensive, sie stehen mit dem Rücken zur Wand und suchen nach Auswegen, um nach einer drohenden Abwahl nicht im Knast zu landen. Ökonomisch schien der Protektionismus Trumps nicht aufzugehen.<a href="#footnote-22" id="ref-22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[22]</a> Im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit in den USA ist überraschend stark angestiegen, während die Inflation sich hartnäckig bei nahezu drei Prozent hält.<a href="#footnote-23" id="ref-23" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[23]</a> Bisher brachte der trumpsche Protektionismus keine ökonomische Rendite, während er zugleich den Abstieg des US-Dollars als Weltleitwährung beschleunigte.
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Ähnlich der Krisenjahre der Stagflation in den späten 70ern und frühen 80ern, also am Vorabend des neoliberalen Zeitalters, suchen die faschistischen – nun ja – „Funktionseliten“ im Weissen Haus nach einem neuen, autoritären Modus von Herrschaft, nachdem der Neoliberalismus sich erschöpft hat. Innenpolitisch könnte der Iran-Krieg bei militärischer Eskalation zur Manipulation der US-Wahlen im November genutzt werden, warnten jüngst diejenigen US-Medien,<a href="#footnote-24" id="ref-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a> die noch nicht von rechten, trumphörigen Oligarchen kontrolliert werden.<a href="#footnote-25" id="ref-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a>
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Hohe Verschuldung, schwindsüchtiger Dollar, breite Pauperisierung, steigende Arbeitslosenzahlen: Diese krisenbedingte Instabilität macht die in einen regelrechten krisenimperialistischen Amoklauf übergehenden USA Trumps so gefährlich; die globale geopolitische Lage nimmt langsam eine präapokalyptische Färbung an. Inzwischen spekuliert Trump über die nächsten Ziele der US-Kriegsmaschine: Kuba steht ganz oben auf der Abschussliste.<a href="#footnote-26" id="ref-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a> Was sich nun als Krisenreaktion Washingtons abzeichnet, ist eine permanente Kriegswirtschaft, die zur Minderung der Krisenfolgen in den USA auf Kosten des Auslandes führen könnte.
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Es geht hier nicht um die konjunkturellen Effekte von keynesianischen Rüstungsprogrammen, die ein Militärisch-industrieller Komplex zeitigt. Hierbei handelt es sich um ökonomisch unproduktive, nicht zur weiteren Kapitalverwertung beitragende Kosten, die gerade in Zeiten hoher Staatsverschuldung kaum noch geschultert werden können. Entscheidend zum Verständnis der aktuellen Situation ist der rasche Anstieg des US-Dollars nach Kriegsausbruch, der am 06.03. den „steilsten wöchentlichen Gewinn“ seit über einem Jahr verzeichnete, wie US-Medien bemerkten.<a href="#footnote-27" id="ref-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a> Der von den USA entfachte Krieg hat die Nachfrage nach einem „sicheren Hafen“ auf den Weltfinanzmärkten geweckt, sodass Kapital verstärkt in den Dollarraum floss.
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Und das stellt einen Trendwechsel dar, da der Protektionismus Trumps gerade dazu führte, dass die USA diesen Status als „sicherer Hafen“ verloren. Noch Mitte 2025 diskutierten Wirtschaftsblätter die Implikationen dieses Umbruchs.<a href="#footnote-28" id="ref-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a> Hierzu etwas Hintergrund: Dies war der beste Indikator dafür, dass der Dollar seine Stellung als Weltleitwährung, aufgrund derer Washington sich sehr billig verschulden konnte, konkret einzubüssen begann. In Krisenzeiten steigen für gewöhnlich die Zinsen, doch konnten die USA dank der Dollardominanz gerade in solchen Phasen Niedrigzinsen verzeichnen, wodurch etwa Rüstungs- oder Konjunkturprogramme rasch aufgelegt werden konnten, etc. Der Verfall des Dollars äusserte sich in einer steigenden Zinslast des US-Haushalts, die eine Haushaltskrise absehbar machte.<a href="#footnote-29" id="ref-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a>

<h3>Krieg und KI-Blase</h3>

Die Angriffe der USA auf feindliche Ölförderländer sollen somit nicht nur Chinas Energieversorgung untergraben, sondern zugleich den US-Dollar stärken. Während der US-Hegemonie in der Ära der neoliberalen Globalisierung waren es gerade die Handelsdefizite der Vereinigten Staaten, die den Greenback als Leitwährung aufrecht erhielten. Nun sollen es wohl in faschistischer Tradition Stahl und Eisen sein, welche die Vereinigten Staaten weiterhin als Zentrum der Weltfinanzmärkte, als Zuflussort von Kapitalströmen zwecks Defizitfinanzierung festschweissen. Bare Metal: Der ganze Weichzeichner der US-Hegemonie der vergangenen Dekaden ist nach nur einem Jahr Trump bereits verschlissen.
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Die mit KI-Systemen vollgepumpte Militärmaschine Washingtons, die global tatsächlich ihresgleichen nicht findet, wird notfalls die Krisen herbeibomben, um das Defizit Washingtons zu finanzieren. Der einzig sichere Platz für das Kapital, in dem es einigermassen geschützt vor den militärischen Willkürakten der Faschisten im Weissen Haus wäre, würde der US-Finanzmarkt sein. Kapitalzuflüsse würden faktisch militärisch reguliert, während zugleich die Ressourcenversorgung der imperialistischen Konkurrenz erschwert wird.

<div class="image_text_box"><div class="image_text"><img src="../../fotos/Lincoln_Flight_Ops_Support_Operation_Epic_Fury_(9542848)_w.webp" class="bild_text" alt="<?php echo $image_alt; ?>" /></div><p class="caption_main"><span class="caption_main_text">US-Seeleute transportieren Munition auf dem Flugdeck des Flugzeugträgers der Nimitz-Klasse USS Abraham Lincoln (CVN 72) im Arabischen Meer, 27. Februar 2026.</span><span class="caption_main_foto">Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lincoln_Flight_Ops_Support_Operation_Epic_Fury_(9542848).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Department of Defense</a> (PD)</span></p></div>

Doch selbst diese „Kriegswirtschaft“, die die Dominanz des Dollarraums mittels militärischer Gewaltanwendung zu erzwingen versucht, scheint machtlos gegenüber der kommenden Erschütterung der Finanzsphäre, die sich schon überdeutlich abzeichnet. Die gigantische KI-Blase,<a href="#footnote-30" id="ref-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a> die den zentralen Konjunkturtreiber der US-Wirtschaft bildete, sendet inzwischen klare Krisensignale. Mehrere der spektakulären Investitionsdeals, die den Goldrausch in der KI-Branche beflügelten, sind vor wenigen Tagen widerrufen worden: Der spektakuläre Deal zwischen OpenAI und Nvidia, der die sagenhafte Summe von 100 Milliarden Dollar umfassen sollte, wurde inzwischen auf 20 Milliarden reduziert,<a href="#footnote-31" id="ref-31" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[31]</a> falls er überhaupt realisiert werden sollte.
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Ähnliche Investitionskürzungen finden gerade zwischen OpenAI und Oracle statt, wo der geplante Bau ganzer Datenzentren aufgegeben wird.<a href="#footnote-32" id="ref-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a> Blue Owl, einer der wichtigsten Investoren in der KI-Branche, hat ebenfalls ein 10 Milliarden Dollar umfassendes Investitionsabkommen mit Oracle aufgekündigt – IT-Gigant hat bereits die Entlassung von 30 000 Angestellten angekündigt.<a href="#footnote-33" id="ref-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a>
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Wie angespannt die Lage inzwischen in der privaten Investitionsbranche ist, wurde Anfang März ersichtlich, als die Investmentgesellschaft BlackRock erstmals in ihrer Geschichte die Auszahlung ihrer Investoren limitieren musste, da diese massenhaft ihr Kapital abziehen wollten und so das übliche Limit von fünf Prozent weit überschritten:<a href="#footnote-34" id="ref-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a> Von den angeforderten 1,2 Milliarden wurden nur 620 Millionen tatsächlich ausgezahlt. Ein ähnlicher „Investorensturm“ ereignete sich zuvor beim Konkurrenten BlackStone, wo aber das Limit schlicht auf sieben Prozent angehoben wurde. BlackRock pumpte noch im Herbst 2025 Dutzende von Milliarden in die KI-Branche, während der Vorstandsvorsitzende Larry Flink Befürchtungen über eine Blasenbildung zu zerstreuen versuchte.<a href="#footnote-35" id="ref-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a>
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Das Platzen dieser Blase würde die ohnehin in Pauperisierung begriffene Gesellschaft der Vereinigten Staaten verheeren. Die Billionen, die gerade am Golf verschossen werden, müssten nach dem Platzen dieser Blase eigentlich zur Stützung der US-Wirtschaft und der oligarchischen Trump-Verbündeten aus der IT-Branche aufgewendet werden, da die drohende sozioökonomische Erschütterung genauso zerstörerisch sein kann wie ein ausgewachsener Krieg. So viele Kriege können gar nicht im Rahmen der US-Kriegswirtschaft geführt werden, um diesen kommenden Aufprall mittels Kapitalzuflüssen abzufangen.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/03/06/time-to-ki-kill/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/03/06/time-to-ki-kill/</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Islamischer_Staat.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Islamischer_Staat.pdf</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/AntiTrumpCanada/status/2029188769769730131" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/AntiTrumpCanada/status/2029188769769730131</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/Scavino47/status/2029661050174328878" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/Scavino47/status/2029661050174328878</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.military.com/daily-news/2026/03/03/military-officers-accused-of-framing-iran-war-biblical-mandate.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.military.com/daily-news/2026/03/03/military-officers-accused-of-framing-iran-war-biblical-mandate.html</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/02/19/zentren-vor-kernschmelze/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/02/19/zentren-vor-kernschmelze/</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.washingtonpost.com/politics/2026/02/28/trump-iran-decision-saudi-arabia-israel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.washingtonpost.com/politics/2026/02/28/trump-iran-decision-saudi-arabia-israel/</a>
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/KobeissiLetter/status/2030281639352303755" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/KobeissiLetter/status/2030281639352303755</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>  Alle Daten gelten für den Zeitraum 26.02. – 06.02.2026. Quelle: <a class="fussnoten_links" href="https://www.finanzen.net/indizes" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.finanzen.net/indizes</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.finanzen.net/rohstoffe/oelpreis/chart" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.finanzen.net/rohstoffe/oelpreis/chart</a>
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/gaspreis-hormus-gasspeicher-iran-krieg-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/gaspreis-hormus-gasspeicher-iran-krieg-100.html</a>
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/</a>
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<a href="#ref-15" id="footnote-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/</a>
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<a href="#ref-16" id="footnote-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.bbc.com/news/videos/c7vj9redqz2o" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bbc.com/news/videos/c7vj9redqz2o</a>
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<a href="#ref-17" id="footnote-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.eenews.net/articles/the-oil-island-that-could-break-iran/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.eenews.net/articles/the-oil-island-that-could-break-iran/</a>
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<a href="#ref-18" id="footnote-18" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[18]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/</a>
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<a href="#ref-19" id="footnote-19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[19]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/</a>
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<a href="#ref-20" id="footnote-20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[20]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://usafacts.org/articles/is-the-us-energy-independent/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://usafacts.org/articles/is-the-us-energy-independent/</a>
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<a href="#ref-21" id="footnote-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[21]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/</a>
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<a href="#ref-22" id="footnote-22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[22]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://jungle.world/inhalt/2026/10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://jungle.world/inhalt/2026/10</a>
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<a href="#ref-23" id="footnote-23" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[23]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.reuters.com/business/fed-rate-cut-bets-rise-after-weak-jobs-data-2026-03-06/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.reuters.com/business/fed-rate-cut-bets-rise-after-weak-jobs-data-2026-03-06/</a>
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<a href="#ref-24" id="footnote-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a>  https://eu.usatoday.com/story/opinion/columnist/2026/03/04/trump-iran-war-federalize-midterm-elections/88961977007/
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<a href="#ref-25" id="footnote-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/03/04/neue-oligarchische-realitaet/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/03/04/neue-oligarchische-realitaet/</a>
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<a href="#ref-26" id="footnote-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://edition.cnn.com/2026/03/06/politics/trump-cuba-marco-rubio-fall" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://edition.cnn.com/2026/03/06/politics/trump-cuba-marco-rubio-fall</a>
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<a href="#ref-27" id="footnote-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.cnbc.com/2026/03/06/dollar-set-for-steepest-weekly-gain-in-a-year-as-iran-crisis-boosts-haven-bid.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.cnbc.com/2026/03/06/dollar-set-for-steepest-weekly-gain-in-a-year-as-iran-crisis-boosts-haven-bid.html</a>
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<a href="#ref-28" id="footnote-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fortune.com/2025/04/11/us-dollar-losing-safe-haven-status-investor-response/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fortune.com/2025/04/11/us-dollar-losing-safe-haven-status-investor-response/</a>
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<a href="#ref-29" id="footnote-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/02/19/zentren-vor-kernschmelze/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/02/19/zentren-vor-kernschmelze/</a>
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<a href="#ref-30" id="footnote-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/11/09/die-kuenstliche-intelligenzblase/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/11/09/die-kuenstliche-intelligenzblase/</a>
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<a href="#ref-31" id="footnote-31" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[31]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://futurism.com/artificial-intelligence/nvidia-100-billion-deal-openai-fallen-apart" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://futurism.com/artificial-intelligence/nvidia-100-billion-deal-openai-fallen-apart</a>
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<a href="#ref-32" id="footnote-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.ft.com/content/2fa83bbf-abf2-43f1-b2f0-84a1391150b9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.ft.com/content/2fa83bbf-abf2-43f1-b2f0-84a1391150b9</a>
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<a href="#ref-33" id="footnote-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.livemint.com/companies/news/oracle-layoffs-tech-giant-to-slash-30-000-jobs-as-banks-pull-out-from-financing-ai-data-centres-11769996619410.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.livemint.com/companies/news/oracle-layoffs-tech-giant-to-slash-30-000-jobs-as-banks-pull-out-from-financing-ai-data-centres-11769996619410.html</a>
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<a href="#ref-34" id="footnote-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.reuters.com/business/blackrock-limits-withdrawals-private-credit-fund-redemptions-mount-2026-03-06/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.reuters.com/business/blackrock-limits-withdrawals-private-credit-fund-redemptions-mount-2026-03-06/</a>
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<a href="#ref-35" id="footnote-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fortune.com/2025/10/15/blackrocks-40-billion-deal-highlights-the-unstoppable-ai-data-center-gold-rush-as-ceo-larry-fink-pushes-back-on-ai-bubble-fears/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fortune.com/2025/10/15/blackrocks-40-billion-deal-highlights-the-unstoppable-ai-data-center-gold-rush-as-ceo-larry-fink-pushes-back-on-ai-bubble-fears/</a>
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Ich finanziere meine journalistische Tätigkeit grösstenteils durch Spenden. Falls Ihnen meine Texte zusagen, dann können Sie sich gerne daran beteiligen – entweder über <a class="fussnoten_links" href="https://www.patreon.com/user?u=57464083" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, oder durch direkte Banküberweisung nach Absprache per Mail.</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 12 Mar 2026 10:19:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/theorie/bare-metal-trumps-faschistische-kriegswirtschaft-009582.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[»Wenn ihr nicht abrüstet, tun wir es!«]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/wenn-ihr-nicht-abruestet-tun-wir-es-009585.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Am Ostermontag 2009 brennt es in der Offizierschule des Heeres in Dresden. Die "Initiative für ein neues blaues Wunder" bekennt sich in einem Schreiben.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Dresden_Albertstadt_Offizierschule_w.webp><p><small>Offizierschule des Heeres in Dresden.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dresden.Albertstadt_Offizierschule.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bybbisch94, Christian Gebhardt</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Nachfolgende Erklärung ging bei zahlreichen Tageszeitungen ein.
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Bekanntgabe zum Brand des Bundeswehrfuhrparks auf dem Kasernengelände der Offiziersschule des Heeres in Dresden.
<br><br>
Schwerter zu Pflugscharen, Panzer zu Gartenscheren! Wenn ihr nicht abrüstet, tun wir es!
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Es herrscht Krieg. Die Bundeswehr weitet u. a. ihren Angriffskrieg in Afghanistan im Rahmen des NATO-Kriegsbündnis stetig aus. Jetzt Waffen und Kriegsgerät zerstören: Das kann jeder, das sollte sogar jeder vernünftige Mensch machen. Heute nicht morgen, wir können nicht mehr warten. Denn Kriege werden nicht durch Waffen verhindert auch nicht durch sogenanntes »Peacekeeping«. Die Kriegstechnologie des Militärs, der Rüstungshersteller und Politiker bringt Tod und Zerstörung über die Menschen, verharmlost als Kollateralschäden und Berufsrisiko für Soldaten. Soldaten und Kriege haben auf dieser Welt nichts mehr zu suchen. Ihre Zeit ist abgelaufen. Sie tragen zu keiner Lösung, sondern zur globalen Vergrösserung des Elends bei.
<br><br>
Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass keine Situation unausweichlich ist: trotz Stasi und ideologischer Verblendung. Was vor 20 Jahren galt, gilt auch heute noch. Auch der neue Staat hat uns nichts anzubieten, ausser den Konsum des Freiheitsversprechens, welches angeblich am Hindukusch verteidigt wird.
<br><br>
Die Beförderung von Offizieren am 7. Oktober 2008 erstmals im Rathaus hat das Fass des Gleichmutes zum Überlaufen gebracht. Wir verurteilen militaristische Rituale in öffentlichen Gebäuden und auf öffentlichen Plätzen als Zeichen der Verbundenheit. Durch Politiker, die der Bevölkerung dienen sollten, nicht staatlich besoldeten Mördern. Uns reicht es, wir wollen die Täuschung im Namen von Demokratie und Frieden nicht länger hinnehmen. Wir tanzen nach keiner Melodie der Wendehälse mit ihren Blockflöten.
<br><br>
Wir müssen den Kriegen ihre materielle Grundlage entziehen. Eigenverantwortliche Abrüstungsschritte sind dabei das Gebot der Stunde. Um menschenverachtendes Kriegsgerät unbrauchbar zu machen, haben wir es einfach angezündet.
<br><br>
Die Offiziersschule des Heeres in Dresden ist die zentrale Ausbildungsstätte der Bundeswehr. Seit 1998 durchlaufen hier jährlich mehr als 1400 Offiziere und Anwärter die Lehrgänge zum Töten auf Befehl. Auf dem Gelände existieren Gefechtsstandsimulatoren, in den Hörsälen wird Taktik, Logistik und Geschichte gelernt: Kriegswissen. Das Wappen der Offiziersschule glorifiziert mit seinem eisernen Kreuz »das Soldatentum seit 1813 über alle Kriege und politische Veränderungen hinweg«. »Der Schildgrund symbolisiert« passend »in Rot die Bindung des Soldatenberufes« an den Mord anderer Menschen »bis hin zur Aufopferung des eigenen Lebens« als kümmerlicher Held.

<ul class="liste">
<li class="liste">Keine weiteren Militärrituale vor der Semperoper!</li>
<li class="liste">Schluss mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehrfahrzeuge!</li>
<li class="liste">Keine Inlandseinsätze von Soldatenberufe!</li>
<li class="liste">»No pasaran« für kriegsverherrlichende Neonazitruppen und deren alljährlichen Aufmarsch im Februar!</li>
<li class="liste">Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus!</li>
</ul>

Aus der Proklamation der provisorischen Regierung der Bunten Republik Neustadt: »Jede Verherrlichung von Krieg, Militarismus, Faschismus und Rassismus in der BRN verboten(...)«
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In Erinnerung an Jorge Gomondai, der von rassistischen Jugendlichen aus der Strassenbahn geworfen wurde und dadurch am 6.4.1991 im Alter von 28 Jahren verstarb.
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Initiative für ein neues blaues Wunder<p><em></em><p><small><a class="fussnoten_links" href="https://einstellung.so36.net/de/print/1526.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://einstellung.so36.net/de/print/1526.html</a><br>
"Blaues Wunder"-Plakat: Dresden - Do it again!
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<a class="fussnoten_links" href="https://talus.tachanka.org/node/21239/index.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://talus.tachanka.org/node/21239/index.html</a><br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.addn.me/news/militanter-pazifismus/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.addn.me/news/militanter-pazifismus/</a><br>
Militanter Pazifismus?
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<a class="fussnoten_links" href="https://talus.tachanka.org/node/26833/index.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://talus.tachanka.org/node/26833/index.html</a><br>
Der Brandanschlag auf die Bundeswehr ist noch immer ungeklärt</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 18:10:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/wenn-ihr-nicht-abruestet-tun-wir-es-009585.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Die Waldheim-Affäre: Der Faschismus und die gesellschaftliche Normalität]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/oesterreich/die-waldheim-affaere-der-faschismus-und-die-gesellschaftliche-normalitaet-009584.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Nazi“,„rechtsextrem“, „Verschwörungstheoretiker“: Der heutige Antifaschismus hat alle Begriffe entleert und entwertet. Seine Funktion liegt darin, Deutungshoheit sowie politische und diskursive Macht zu behaupten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Dr_Kurt_Waldheim_(UNO_ambassadeur_Oostenrijk)_w.webp><p><small>Der frühere UN-Generalsekretär Kurt Waldheim (hier mit seiner Frau am 22. Dezember 1971) hatte 1986 im Wahlkampf seine Tätigkeiten als Offizier der Wehrmacht von 1942 bis 1944 in biografischen Angaben ausgelassen.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_Kurt_Waldheim_(UNO_ambassadeur_Oostenrijk)_voorgedragen_als_secretaris-gener,_Bestanddeelnr_925-2573.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Fritz Basch</a> (PD)</small><p>Begonnen habe diese Verdrehung in Österreich mit der berühmten „Waldheim-Affäre“, argumentiert der Autor.
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Vorbemerkung: Dieser Text wurde im Rahmen der Veranstaltung „<a href="https://www.antiimperialista.org/de/content/umdeutungsoperation-antifa-antisemitismus-verliert-glaubw%C3%BCrdigkeit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Antifa als Instrument der  Herrschenden?</a>“ am Samstag [25. 03. 2023] in Wien vorgetragen. Im Rahmen des Seminars stach das Referat des Philosophen Ortwin Rosner sprachlich, wie auch inhaltlich heraus. Deshalb hat TKP<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>  um die Veröffentlichung des Manuskripts gebeten.
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Ich muss vorausschicken, dass ich kein Historiker bin. Ich spreche aber aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Beobachter des politischen Geschehens und werde dazu einige Thesen aufstellen, ohne dass ich jetzt in der Lage bin, alles so im Einzelnen zu belegen.
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Die Grundthese lautet, dass es irgendwann in den 80er-Jahren zu einem Umbruch in Ausrichtung und Funktion des Antifaschismus gekommen ist. Was Österreich betrifft, so kann ich auch einen genaueren Zeitpunkt dafür festmachen, nämlich die Waldheim-Affäre<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>  beziehungsweise dann auch das Vorrücken Jörg Haiders<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  an die Spitze der FPÖ. Beides geschah 1986. Ich setze einmal die grobe Kenntnis über das, was damals geschehen ist, hier voraus, denn das alles jetzt nacherzählen, würde zu lange dauern.
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Was mir ins Auge sticht, das sind ein paar eklatante Unterschiede zwischen dem Antifaschismus der Nachkriegszeit, der 68er-Generation, auch noch der 70er-Jahre einerseits und der Art Antifaschismus, wie sie sich eben ungefähr ab Mitte der 80er-Jahre etablierte und seither radikalisiert hat, andererseits.<br>
Was als allererstes auffällt, das ist natürlich der Unterschied im intellektuellen Niveau. Aber auch der Zugang war ein grundlegend anderer. Ich beziehe mich hier auf die Konzeptionen, die mir am meisten vertraut sind, Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, die Schriften von Günther Anders<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>, aber auch mit dem psychoanalytischen Zugang bin ich recht vertraut, mit Wilhelm Reich oder Klaus Theweleits „Männerphantasien“. Ich denke jedoch, dass diese Autoren durchaus paradigmatisch für das allgemeine diskursive Klima vor den 80er-Jahren genommen werden können.
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Eins ist klar, es ist damals eben nicht bloss darum gegangen, den Faschismus als etwas hinzustellen, was nur von ein paar durchgeknallten Schwurblern ausgeht. Der wirkliche Antifaschist von damals hat gewusst, dass der Faschismus etwas ist, was als Potential sozusagen in uns allen wohnt, in einem jeden von uns, aus jedem herausbrechen kann, auch aus einem selbst, und auch, dass er ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist, nicht das Problem einer Minderheit.
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Der Faschismus und die gesellschaftliche Normalität waren etwas, was in einer grossen Nähe gesehen wurde. Man denke etwa an sozialpsychologische Untersuchungen wie das Milgram-Experiment, die in diese Richtung gearbeitet haben. Dementsprechend hat man sich als linker Intellektueller und Antifaschist immer auch als Gesellschaftskritiker verstanden, als Kritiker der herrschenden gesellschaftlichen Zustände, des Systems, des Establishments, der gesellschaftlichen Autoritäten. Gehorsam gegenüber denen war automatisch verdächtig.
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Man beachte einmal die Umdrehung, die seither passiert ist. Heute läuft die Kodierung gerade umgekehrt. Erstens ist heute der Nazi immer der Andere, natürlich nie man selbst, der Antifaschismus dient der Gesellschaft nur mehr dazu, das eigene Böse nach aussen zu projizieren, es gibt eine geistig völlig unbedarfte Schwarzweissmalerei; und zweitens wird ganz umgekehrt heute alle Gesellschaftskritik, alle Kritik am System, grundsätzlich einmal als „rechts“ kodiert.
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Das lässt sich meines Erachtens darauf zurückführen, dass im Zuge der Waldheim-Affäre und dann eben auch im Zuge der Stilisierung der FPÖ zum ultimativen Feindbild der Antifaschismus Mainstream wurde und seine Aussenseiterposition verloren hat. Damit verlor er auch seinen grundlegend gesellschaftskritischen Charakter. Es ging nicht mehr um eine Kritik der Gesellschaft, es ging nur mehr um eine Anprangerung der FPÖ. Wir sind in Ordnung, nur mit der FPÖ und ihren Wählern ist was falsch. Ein völlig reduzierter Begriff von Antifaschismus bürgerte sich ein, der sich letztlich darauf beschränkte, dass man gegen Ausländerfeindlichkeit war.
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Wichtig auch ein anderer Aspekt der Geschichte: Waldheim wurde zwar Bundespräsident, war aber international isoliert, er galt ja als so eine Art Nazi. Darum musste Bundeskanzler Vranitzky mehr oder weniger die Rolle des Bundespräsidenten übernehmen und wurde zum Gegenpart Waldheims, er wurde als antifaschistischer Bundeskanzler dafür gefeiert, dass er sich einer Koalition mit der FPÖ verweigerte, dass er sich reuig zur problematischen Vergangenheit Österreichs wie kein anderer Spitzenpolitiker vor ihm bekannte, dass er sich um eine gute Beziehung zu Israel bemühte, usw., usf..
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Das ist ja alles gut und schön, könnte man meinen, aber das Ergebnis all dessen war, dass der Antifaschismus zur Staatsphilosophie mutierte, zur Staatsdoktrin, oder von mir aus auch zur Staatsideologie. Man kann hier von mir aus ganz simpel das Schicksal ersehen, dass viele kritische Bewegungen in der Geschichte ereilt hat: Was die ursprüngliche Idee, die ihnen zugrunde lag, zerstört hat, das war gerade ihr Erfolg.
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So etwas scheint auch mit dem Antifaschismus passiert zu sein. Er wurde auf einmal zur Ideologie der Mächtigen. Und die Mächtigen haben ab nun den Antifaschismus verwendet, um sich selbst zu beweihräuchern, sich selbst als die Guten darzustellen und das eigene Handeln zu legitimieren. Das erste grosse Ereignis, wo das für mich zum Tragen kam, war meines Erachtens die EU-Volksabstimmung<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>, wo das schon begonnen hat. Da hat das schon angefangen, dass man alle Kritiker nach Möglichkeit ins rechte Eck gestellt und mit Nationalisten in einen Topf geworfen hat. Aber nicht nur in Österreich, sondern im ganzen Westen wurde diese Strategie in den folgenden Jahrzehnten immer massiver ausgebaut.
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Man denke etwa an Joschka Fischer, der den deutschen Kriegseintritt im Kosovo-Konflikt mit dem Verweis auf Auschwitz gerechtfertigt hat, oder an jene Nato-Propagandisten, die der Reihe nach Milosevic und dann Saddam Hussein und jetzt eben Putin Hitler gleichgesetzt haben, oder auch bis zu jenen Meinungsmachern, die die Corona-Massnahmenkritiker mechanisch in die Nähe von Rechtsextremisten gerückt haben. Die Effektivität dieser Art von Instrumentalisierung antifaschistischer Rhetorik durch die Mächtigen liegt auf der Hand: Wer Einspruch dagegen erhebt, markiert sich dadurch selbst als Nazi-Freund, als Kumpel Hitlers, als einer, der Genozid usw. leugnet oder gar gutheisst. Ersehbar am Beispiel Peter Handkes<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>, der ja dann auch als Freund von „Rechtsextremisten“ und „Ultranationalisten“ abgestempelt wurde.
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Kurz gesagt: Unsere ganze westliche Staatengemeinschaft, unsere westliche Politik, die führenden gesellschaftlichen Instanzen, selbst die westlichen Medien erklärten sich selbst zu antifaschistischen Institutionen, und dann ist logischerweise jeder, der grundlegende Kritik an ihnen übt, so etwas wie ein Nazi oder Rechtsextremist. Das ist letztlich das Spiel, was da läuft.
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Für mich führt auch in anderer Hinsicht eine Entwicklungslinie von der Waldheim-Affäre 1986 zu der Stimmungsmache gegen Peter Handke im Herbst 2019. Wenn ich einen Blödsinn sage, dann korrigiere man mich, aber ich habe den Eindruck, im Zuge der Waldheim-Affäre war es zum ersten Mal, dass so ein richtiger Kampagnen-Journalismus gegen eine bestimmte Person betrieben wurde. Also natürlich weiss ich, dass es davor schon Rudi Dutschke vs. die Springer-Presse gab usw. Aber darum hatte die ja auch einen schlechten Ruf (bei den Linken, aber vielleicht generell).
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Bei Waldheim jedoch war es das erste Mal, dass von einer breiten, linksliberal orientierten und sich selbst als antifaschistisch verstehenden Meinungsmacher-Maschinerie so ein Kampagnenjournalismus inszeniert wurde. Das galt als progressiv, diese Stimmungsmache wurde von den geistigen Eliten gut geheissen, nicht nur von Journalisten, sondern auch von Künstlern und Intellektuellen vorangetrieben, und dann vielleicht noch mit dem Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ umwölkt. Und das, behaupte ich, war die Blaupause für vieles, was nachher gekommen ist. Eben zum Beispiel für den Anti-Handke-Journalismus, bei dem das allerdings ja noch viel radikalere Formen angenommen hat, also im Vergleich dazu war ja der Umgang mit Waldheim respektvoll. Nur hat das dort meines Erachtens begonnen.
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Bei Haider nicht unähnlich. Das Auffällige war die Empörungsmaschinerie, die damals in Gang gekommen ist, und diese damit verbundene, ganz eigene Art von Selbstgerechtigkeit. Damals entstand aus meiner Sicht allmählich das, was man heute als „Haltungsjournalismus“ bezeichnet. Man selbst ist der gute Linke und Antifaschist, die FPÖ & Co, die sind sozusagen das schlechthin Böse.
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Nach tieferen Ursachen, warum es eine FPÖ und einen Haider gibt, was vielleicht generell alles in unserer Gesellschaft falsch läuft, danach wurde gar nicht mehr gefragt. Die ganze Erscheinung wurde darauf reduziert, dass es da eben einfach ein paar Depperte in unserer Gesellschaft gibt, ein paar unbelehrbare Altnazis, oder dass das lauter Ungebildete sind, die den Haider wählen und auf ihn und seine Lügen reinfallen. Oder dass es eben so etwas wie eine braune DNA in Österreich gebe usw.
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Übrigens hat das—nur so nebenbei—damals auch die ganze Kunst- und Kulturszene beeinflusst, da wurde auch in der österreichischen Literatur die Zeit der „Vergangenheitsbewältigung“eingeläutet. Wer literaturinteressiert war, der musste in Thomas Bernhards teilweise ziemlich seichtes Geschimpfe über die Nazis und Katholiken<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  einstimmen und das super finden. Und am Ende der Entwicklung steht, dass wir nicht nur in der Medienlandschaft, sondern auch in der Literaturszene mittlerweile einen völlig verflachten Antifaschismus haben und man als Autor in gewissen Zirkeln teilweise gar keine Chance hat voranzukommen, wenn man da nicht einstimmt und irgendetwas schreibt, wo Altnazis, FPÖ-Anhänger und Haider schlecht wegkommen, es ansonsten aber keine Gesellschaftskritik mehr gibt.
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Worauf ich aber jetzt hinaus will—so etwas hat ja Konsequenzen, wenn eine bestimmte Person—wie damals eben Haider—als das schlechthin Böse markiert wird. Konsequenzen, mit denen wir es heute noch zu tun haben. Denn gegenüber dem schlechthin Bösen ist natürlich auch alles erlaubt.
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Ich kann mich erinnern, dass damals schon unter manchen Linken durchaus ernsthaft gesagt wurde, ja, den Jörg Haider, da müsste eigentlich jemand eine Pistole nehmen und den erschiessen. Das wurde dann auch Mainstream, diese Idee tauchte auch in einem Roman von Gerhard Roth<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  auf, und ich glaube, es waren Stermann und Grissemann<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>, die, natürlich bloss als sogenannte Satire, dem Haider den Krebs an den Hals gewünscht haben. Ich meine, jetzt abgesehen von der moralischen Dimension, das eigentliche Problem ist dieses völlig reduzierte Politik-Verständnis, das daraus spricht. Als ob man politische Probleme löst, indem man eine bestimmte Person verschwinden lässt. Und Haider ist ja dann ums Leben gekommen, und trotzdem ist nichts besser geworden, ist dann halt Strache<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>  gekommen.
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Das Einzige, was solche Ideen in der Linken bewirkt haben, das ist deren eigene intellektuelle und moralische Verwahrlosung. Hier ist eben auch die Wurzel für ein Phänomen, mit dem wir es während Corona zu tun bekamen: Wie ist es möglich, dass linksliberale und angeblich antifaschistische Meinungsmacher plötzlich selbst jenen faschistoiden Hate-Speech in Szene setzen, den sie bislang kritisiert haben, wenn sich Rechtspopulisten solcher rhetorischer Methoden bedient haben? Wieso können sie plötzlich eine totalitaristische und autoritäre Politik befürworten, wenn sie doch bisher selbst immer gegen den Totalitarismus und das Autoritäre waren? Wie ist so eine kognitive Dissonanz möglich?
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Nun, die Erklärung ist einfach. Sie können es tun, weil sie davon überzeugt sind, gegen das Böse ins Feld zu ziehen, gegen das schlechthin Böse, und gegen das Böse ist alles erlaubt. Gegen das Böse darf man auch selbst böse sein. Man muss verstehen, dass das der Grundgedanke ist, der hier im Hintergrund läuft.
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Damit sind wir bei einem anderen Punkt, der in der Waldheim/Haider-Zeit seinen Ursprung hat. 1992 wurde im Zuge all der antifaschistischen Debatten in Österreich das Verbotsgesetz von 1947 verändert, und ab nun wurde nicht bloss die nationalsozialistische Wiederbetätigung unter Strafe gestellt, sondern auch die Leugnung und Verharmlosung des Holocaust. Das ist eine umstrittene Vorgangsweise gewesen, weil es ja die demokratische Meinungsfreiheit antastet. Man geht also gegen eine anti-demokratische Entwicklung selbst mit antidemokratischen Mitteln vor. Da sind wir eben wieder genau an diesem Punkt: Darf man gegen das Böse selbst mit bösen Mitteln vorgehen? Man hat sich entschieden: ja. Der Zweck heiligt die Mittel.
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Und das war dann die Rutsche für vieles, mit dem wir es heute zu tun haben. Beispielsweise wurde jetzt ein Friedensaktivist in Berlin zu 2000€Geldstrafe verurteilt, bloss deswegen, weil er auf einer Demo gesagt hat, man müsse auch versuchen, die Motive der Russen verstehen. Das hat gereicht für eine Verurteilung, denn er habe damit implizit seine Zustimmung zum verbrecherischen Handeln Russlands erteilt, lautet die Argumentation des Gerichts.
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Man sieht da aber schön zweierlei, was charakteristisch für den neuen Antifaschismus ist, wie er seit den 80er-Jahren entstanden ist:

<ul class="liste_nr">
<li class="liste_nr">Man glaubt, man schützt unsere Demokratie, indem man dafür demokratische Rechte – wie eben die Meinungsfreiheit – opfert.</li>
<li class="liste_nr">überträgt man diesen Grundgedanken nun auch auf andere Themen. Das heisst, man darf nicht nur den Holocaust nicht in Frage stellen, sondern mittlerweile wird auch bei anderen Themen die Meinungsfreiheit beschnitten.</li>
</ul>

Pate für diese Spielform des Antifaschismus ist, nebenbei gesagt, das sogenannte„Toleranzparadoxon“ Karl Poppers. Darauf berufen sich die antifaschistischen Stimmungsmacher immer wieder. Ich setze einmal voraus, dass man weiss, wer Karl Popper ist: ein berühmter österreichischer Wissenschaftstheoretiker und politischer Philosoph. Was ist das „Toleranzparadoxon“? Das ist ein Gedanke, den Popper in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ dargelegt hat. Kurz zusammengefasst besagt es: „Keine Toleranz den Intoleranten!“ Denn wenn man den Intoleranten gegenüber tolerant ist, werden die Toleranten von ihnen vernichtet. Ein nachvollziehbarer Gedanke. Leider hat Popper aber damit nicht sehr weit gedacht. Er hat nicht vorausgesehen, dass es auf dieser Grundlage sehr leicht ist, auf<br>
irgendjemanden zu zeigen und zu behaupten: „Das ist ein Intoleranter!“–und ab nun darf man mit dem alles machen, was man will.
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Beziehungsweise gibt es da auch den Slogan „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, der gleichfalls sehr wirkungsmächtig geworden ist. Also so ein Spruch ist natürlich wirklich demokratieaufhebend, weil er ja letztlich alle Diskussion beendet.
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Der Grundgedanke ist aber immer der Gleiche:
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Der andere ist das Böse, und aufgrund dessen darf nun auch ich zu ihm böse sein, ohne dass ich böse bin, ich bin trotzdem ein guter Antifaschist. Der andere ist ein Feind unserer Demokratie, und aufgrund dessen darf ich mich anti-demokratisch ihm gegenüber verhalten, ich muss ihm seine demokratischen Rechte nicht mehr zuerkennen. Von dem her lassen sich viele Widersprüche und Eigentümlichkeiten des heutigen Diskurses verstehen.
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Vor allem befinden wir uns dadurch in einer Art von Diskurs, wo es nur mehr darum geht, den anderen als Nazi zu markieren, und schon habe ich dadurch über ihn gewonnen. Weitere Diskussionen sind dann gar nicht mehr möglich.
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Und es sei darauf hingewiesen, dass es dadurch natürlich nicht nur zu einer Umdeutung des Anti-Faschismus gekommen ist, sondern vor allem auch zu einer Aushöhlung des Begriffs des Faschismus selbst. „Faschismus“,„Nazi“,„Rechtsextremismus“, „Antisemitismus“, oder auch der damit zusammenhängende Begriff „Verschwörungstheorie“, das sind ja alles nur mehr Worthülsen geworden, völlig entleerte Ausdrücke, mit denen inflationär, unlogisch und willkürlich um sich geworfen wird.
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Also es reicht zum Beispiel, dass einer behauptet, dass der Begriff „Schulmedizin“<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> von den Nazis verwendet worden ist–und im Handumdrehen gilt jeder, der das Wort „Schulmedizin“ verwendet, als Nazi. (Das ist nicht etwa Satire, so läuft das teilweise tatsächlich ab.)
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Aber das Merkwürdige ist: Dieser absurde Gebrauch der Begriffe tut ihrer Effektivität keinen Abbruch. Es geht nur mehr um einen Kampf um die Deutungshoheit, um die Diskursmacht, damit man bestimmen kann, wer ein Nazi ist und wer nicht. Und der Nazi ist immer im Unrecht. Dieses Argument überwiegt alle anderen. Das muss man verstehen, wenn man verstehen will, was in den Köpfen der Antifaschisten heutzutage vorgeht. Nazi, das ist fast schon ein religiöser Begriff geworden, so wie früher mal Teufel und Anti-Christ. Wenn man das nicht begreift, dann begreift man die heutigen Debatten nicht. Wer im Diskurs als Nazi oder Nazi-Freund markiert ist, der ist ein abgefallener Engel, das absolut Andere, das absolut Böse, das Unverständliche und Unverstehbare. Schon es verstehen zu wollen, gilt als Sündenfall, gilt als Relativierung von Verbrechen.
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Es wird Zeit, dass ich zum Abschluss komme. Ich meine, ich glaube, ich brauche Euch nicht zu sagen, dass sowohl Waldheim wie auch Haider mir denkbar unsympathisch waren. Aber das ändert ja nichts daran, dass der Umgang mit ihnen fragwürdig war und welche problematischen politischen Konsequenzen das langfristig hatte und immer noch hat. Und das alles ist auch eine persönliche Geschichte, von mir nämlich, denn es ist für mich persönlich faszinierend zu sehen, wie die jüngsten Entwicklungen mich plötzlich in einem diffusen Gefühl bestätigen, das ich schon vor 30-40 Jahren hatte, als junger Mensch: Irgendetwas stimmt mit dem Ganzen nicht, das habe ich schon damals immer irgendwie gefühlt.
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Ich bin nicht auf der Seite eines Waldheims oder Jörg Haiders, aber irgendetwas an der Gegenseite stimmt auch nicht, das habe ich gefühlt. Und heutzutage wird das auf einmal konkret fassbar! Man kann die Früchte sehen, jetzt erst, nach Jahrzehnten, die das hervorgebracht hat. Heisst es nicht bei Hegel „Erst wenn etwas an sein Ende gekommen ist, dann weiss man, was es gewesen ist“? So oder so ähnlich, glaube ich.
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Heute stehen wir bei einem Sacha Lobo, Spiegelkolumnist, der sich für links und liberal hält und ganz sicher nicht glaubt, dass er ein Faschist sein könnte, der aber die Sprache von Altnazis und Nationalisten des vorigen Jahrhunderts aufwärmt, wenn er Friedensdemonstranten als „egoistische Lumpenpazifisten“ bezeichnet. Und das scheint ihm nicht einmal bewusst zu sein und stösst im Mainstream auf keinerlei Kritik. Wie ist so etwas möglich? Man hat sich in das Spiegelbild dessen verwandelt, was man bekämpft—oder zu bekämpfen vorgibt. Ich denke, das ist ein Schlüsselsatz, um zu verstehen, was da gelaufen ist: Man hat sich in das Spiegelbild dessen verwandelt, was man bekämpft.<p><em>Ortwin Rosner</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Ein Redaktionsnetzwerk eigenständiger Autoren, unabhängig von politischen Parteien oder Organisationen. Alle Beiträge geben die Meinung der jeweiligen Autoren oder Gastautoren wieder, jede(r) hält das Copyright für seine/ihre Beiträge und ist für den Inhalt verantwortlich.
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Der frühere UN-Generalsekretär Kurt Waldheim hatte 1986 im Wahlkampf für das Bundespräsidentenamt Österreichs, seine Tätigkeiten als Offizier der Wehrmacht von 1942 bis 1944 in biografischen Angaben ausgelassen und bestritt nach deren Bekanntwerden jede Beteiligung an NS-Verbrechen und jede damalige Kenntnis davon. s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waldheim-Aff%C3%A4re" target="_blank" rel="noreferrer noopener"></a><a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waldheim-Aff%C3%A4re" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Waldheim-Affäre</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Jörg Haider (1950–2008) war 1986-2000 Vorsitzender der FPÖ, einem österreichischen Äquivalent zur deutschen AfD. s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Haider" target="_blank" rel="noreferrer noopener"></a><a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Haider" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Jörg_Haider</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Günther Anders (1902–1992) war war ein deutsch-österreichischer Philosoph, Dichter und Schriftsteller. Sein Hauptthema war die Zerstörung der Humanität. Von 1929 bis 1937 war er mit der politischen Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) verheiratet. s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Anders" target="_blank" rel="noreferrer noopener"></a><a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Anders" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders</a>
<br><br>
<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Am 12. Juni 1994 fand eine Volksabstimmung in Österreich über den Beitritt des Landes zur Europäischen Gemeinschaft (EG) statt. 66,6 % der Abstimmenden befürworteten den geplanten EG-Beitritt. Die Wahlbeteiligung betrug 82,3 %. s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_%C3%96sterreich_%C3%BCber_den_Beitritt_zur_Europ%C3%A4ischen_Union" target="_blank" rel="noreferrer noopener"></a><a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_%C3%96sterreich_%C3%BCber_den_Beitritt_zur_Europ%C3%A4ischen_Union" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Österreich_über_den_Beitritt_zur_Europäischen_Union</a>
<br><br>
<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Der österreichischer Schriftsteller Peter Handke stellte sich ab 1996 "in den Jugoslawienkriegen wiederholt an die Seite Serbiens"; diese abwertende Formulierung im Wikipedia-Artikel über Handke, im Abschnitt „Serbien- Kontroverse“ (<a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke#1996_bis_2005,_Serbien-Kontroverse" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke#1996_bis_2005,_Serbien-Kontroverse</a>), das m.E. dem hier im Artikel beschriebenen problematischen Umgangs des „Mainstreams“ mit Antifaschismus widerspiegelt,<br>
geht geht auf einen einschlägigen Artikel in der FAZ zurück.
<br><br>
<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Thomas Bernhard (1931-1989) war ein österreichischer Schriftsteller. Rosners Kritik bezieht sich hier auf die Rezeption von Bernhards Roman Alte Meister, s.<a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Meister_(Roman)" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Meister_(Roman)</a>.
<br><br>
<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Gerhard Roth (1942-2022) war ein österreichischer Schriftsteller. Den angesprochenen Roman hab ich nicht weiter recherchiert.
<br><br>
<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Stermann & Grissemann sind ein deutsch-österreichisches Satiriker-Duo, bestehend aus Dirk Stermann und Christoph Grissemann. Nach dem Regierungswechsel in Österreich im Jahr 2000 (Regierungsbeteiligung der FPÖ) wurden Stermann & Grissemann vom ORF aus politischen Gründen vom Dienst suspendiert. Als Grund dafür wurde angeführt, dass die beiden 1999 in einem satirischen Interview über Jörg Haider gesagt hatten: „Ich glaube, wenn man Haider derzeit stoppen wollte, dann müsste man ihn erschiessen.“ s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stermann_&_Grissemann" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Stermann_&_Grissemann</a>
<br><br>
<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Gemeint ist Pia Philippa Beck (2016 bis 2023 Pia Philippa Strache), eine österreichische Politikerin (bis Oktober 2019 FPÖ, inzwischen parteilos) sowie ehemalige Fernsehmoderatorin und Model; s. <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Philippa_Beck" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Philippa_Beck</a>
<br><br>
<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.derstandard.at/story/2000109455158/wie-viel-nazi-ideologie-steckt-im-begriff-schulmedizin" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.derstandard.at/story/2000109455158/wie-viel-nazi-ideologie-steckt-im-begriff-schulmedizin</a>
<br><br>
Ortwin Rosner, 1967, hat Germanistik und Philosophie in Wien studiert, wo er auch 2006 im Peter Lang Verlag seine Diplomarbeit mit dem Titel „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Sandmann“ veröffentlichte.
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Zuerst erschienen auf <a class="fussnoten_links" href="https://tkp.at/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">tkp – Der Blog für Science & Politik</a></small>]]></description>
<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 13:49:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Die moralische Maske: "Unterdrückung" als Kriegsbegründung]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Wenn die "regelbasierte Ordnung" mit Bomben und Lügen den Iran "befreien" will – und warum Befreiung von Herrschaft alle Menschen betrifft, vom Iran bis nach Tel Aviv.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Tehran_-_The_Fourth_Day_of_War_4_Avash_w.webp><p><small>Der vierte Tag des Krieges in Teheran, 3. März 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tehran_-_The_Fourth_Day_of_War_4_Avash.webp" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Avash Media</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Es ist ein altes, zueilen eigentlich bekanntes Muster, das sich wiederholt wie ein Alptraum, dem man nicht entkommen kann. Im Juni 2025 begannen die USA und Israel mit dem, was sie euphemistisch "Operation Midnight Hammer" nannten. Hinter diesem Titel verbirgt sich nicht weniger als ein koordinierter Luftangriff auf iranische Nuklearanlagen, Militärstützpunkte, Kommunikationsinfrastruktur und Regierungsgebäude. Die Begründung, die in den ersten Stunden durch alle westlichen Medien lief, war einprägsam und vor allem einfach: Der Iran stehe "unmittelbar vor der Atombombe". Ein paar Wochen, vielleicht Tage noch und Teheran würde über funktionsfähige Nuklearwaffen verfügen. Die Zeit dränge. Man müsse handeln, um eine allumfassende "existenzielle Bedrohung" abzuwenden.
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Doch wer genau hinsieht, wer die Zeitachsen und Entwicklungen vergleicht, wer die Aussagen der Politiker mit den Einschätzungen der Geheimdienste und der IAEA konfrontiert, erkennt unweigerlich die bekannte Farce. Noch im August 2024, also weniger als ein Jahr vor dem Angriff, gaben US-Geheimdienste zu Protokoll, dass der Iran "noch Jahre von der Atomwaffe entfernt" sei. Die Einschätzung war eindeutig sowie unumstösslich: Es gebe keine "unmittelbare nukleare Bedrohung". Im März 2025, drei Monate vor dem Krieg, bestätigte das Office of the Director of National Intelligence unter Leitung von Tulsi Gabbard: "Iran is not building a nuclear weapon." Ajatollah Khamenei habe das Nuklearwaffenprogramm, das 2003 suspendiert wurde, nicht wieder reaktiviert.

<h3>Die Lüge, die den Krieg rechtfertigt</h3>

Die Widerlegung der Kriegslüge kam ausgerechnet vom IAEA-Direktor selbst. Rafael Mariano Grossi sagte am 2. März 2026, also nach den Angriffen durch die USA und Israel unmissverständlich: "We don't see a structured program to manufacture nuclear weapons in Iran." Auf die explizite Frage eines Journalisten, ob der Iran "days or weeks away from building a bomb" sei, antwortete er schlicht und einfach mit: "No." Diese Aussage eines Mannes, der kein Freund des iranischen Regimes ist, der dessen Verweigerung von IAEA-Inspektionen wiederholt scharf kritisiert hatte, hätte die Kriegsbegründung zusammenbrechen lassen müssen. Jedoch fanden die Aussagen in den Medien kaum Raum oder wiederhall.
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Die Parallele zum Irak 2003 liegt auf der Hand, und sie ist so präzise, dass sie eigentlich beunruhigen sollte. Damals, am 5. Februar 2003, präsentierte US-Aussenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat angebliche Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen: Satellitenbilder von angeblichen Giftgasfabriken, abgehörte Telefonate, Behauptungen über Aluminiumröhren, die angeblich für Atomwaffen verwendet werden sollten. Jahre später räumte Powell selbst ein, dass diese Beweise gefälscht bzw. bewusst falsch interpretiert waren. Diese Lüge kostete über eine Million Menschenleben, zerstörte einen souveränen Staat, destabilisierte zudem eine ganze Region und führte letztlich zur Geburt des "Islamischen Staates".
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Heute behaupten Donald Trump, Benjamin Netanjahu und auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der Iran sei "kurz vor der Bombe", während ihre eigenen Geheimdienste das Gegenteil belegen. Der einzige aber nicht unrelevante Unterschied zum Irak 2003 ist lediglich der Grad des Zynismus: Powell „musste“ noch gefälschte Satellitenbilder präsentieren, sich noch vor den UN-Sicherheitsrat begeben und eine internationale Legitimation einfordern. Heute genügt die blosse Behauptung, verbreitet über Twitter, Fox News und die deutschen Qualitätsmedien, die brav von "unmittelbarer Bedrohung" sprechen, ohne die Geheimdienstberichte zu erwähnen, die das Gegenteil belegen.
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Der Völkerrechtsbruch ist dabei so offensichtlich wie unbeachtet sogar unrelevant. Die Angriffe auf iranische Nuklearanlagen, wie sie aktuell stattfinden,  verstossen gegen IAEA-Resolutionen, die bewaffnete Angriffe auf Kernanlagen ausdrücklich und unmissverständlich verbieten. Sie verstossen gegen die UN-Charta, deren Artikel 2.4 alle Mitgliedstaaten verpflichtet, "in ihren internationalen Beziehungen von der Androhung oder Anwendung von Gewalt abzusehen". Sie verstossen gegen das humanitäre Völkerrecht, das den Schutz von Zivilisten und ziviler Infrastruktur vorsieht. Die "Operation Midnight Hammer" als auch die aktuell laufende „Operation Epic Fury“  waren und sind ein Angriffskrieg, der Aggressionsdelikt schlechthin, definiert als "die Verwendung von Streitkräften durch einen Staat gegen die Souveränität, die territoriale Integrität oder die politische Unabhängigkeit eines anderen Staates".
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Doch das Völkerrecht erweist sich als das, was es in der imperialen Praxis ist und auch immer war: ein moralisches Geschütz, ein Einmischungstitel gegen die Schwachen, ein lästiger Formalismus - um den sie sich heute unter der Trump Administration nicht mehr bemühen - für die Starken. Die USA beanspruchen für sich das Recht, überall auf der Erde "Geschäfte" zu tätigen, ihre "globalen Interessen" durchzusetzen und betrachten dabei souveräne Staaten als blosse Hindernisse, die beseitigt werden müssen, wenn sie sich weigern, den US-Willen  zu akzeptieren. Das Völkerrecht wird nicht als universell bindende Norm anerkannt, sondern als selektives Instrument der Machtdurchsetzung.
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Es gilt für die Schwachen – für Serbien 1999, für den Irak 2003, für Libyen 2011 – als Rechtfertigung für Interventionen, während die Starken es nach Belieben missachten. Israel besitzt seit Jahrzehnten ein nichtoffizielles, aber allseits gewusstes Nuklearwaffenarsenal von geschätzt 80-400 Atombomben. Dabei verweigert Isreal  jede IAEA-Inspektion, hat den Atomwaffensperrvertrag nie unterzeichnet – und bleibt unbehelligt. Der Iran, der den Vertrag unterzeichnet hat, der bis 2018 die strengsten IAEA-Inspektionen überhaupt akzeptierte, der nachweislich keine Nuklearwaffen besitzt, wird bombardiert?

<h3>Die moralische Maske: "Unterdrückung" als Kriegsbegründung</h3>

Die zweite Achse der Rechtfertigung ist ebenso alt wie zynisch: Das iranische Regime sei "repressiv", "unterdrückerisch", "menschenrechtsverletzend", eine "diktatorische Theokratie", die ihre eigene Bevölkerung tyrannisiere und nicht zuletzt im Januar 2026 zu tausenden ermorde. All das stimmt. Die Mullah-Diktatur unterdrückt seit Jahrzehnten Frauen, Kurden, Bahai, politische Oppositionelle, Arbeiterstreiks, Studentenproteste, freie Gewerkschaften, unabhängige Medien schlichtweg alles widerständige. Die Moralpolizei, die im September 2022 die Kurdin Mahsa Amini auf brutalste Weise zu Tode prügelte, weil sie ihr Kopftuch "falsch" trug, ist nur die Spitze eines Systems der allgegenwärtigen Kontrolle und Gewalt durch einen, den iranischen Staat.
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Doch diese Wahrheit wird nicht erwähnt und ausgeschlachtet um den Menschen im Iran zu helfen. Sie wird instrumentalisiert, um einen Krieg zu rechtfertigen, der diese Menschen in die nächste vermeintlich noch grössere Katastrophe stürzt. Diese Logik ist pervers und doch vertraut: Weil das Regime im Innern Gewalt anwendet, dürfen von aussen tonnenweise Bomben fallen? Weil Frauen ihre Kopftücher nicht abnehmen dürfen, müssen Nuklearanlagen zerstört, Kraftwerke demoliert, Krankenhäuser und Schulen bombardiert, Wasserversorgungen zerstört werden? Weil politische Gefangene gefoltert werden, ist es legitim, die iranische Wirtschaft mit Sanktionen zu ersticken? Betroffen von all dem ist und bleibt die gesamte Bevölkerung, nicht nur die Regierenden.
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Die "feministische Aussenpolitik" der deutschen Aussenministerin Annalena Baerbock, die 2022 noch "konkret spürbare Unterstützung" für die iranischen Protestierenden forderte, die den "Mut vor Ort propagandistisch beförderte" und die Ukrainer "in den Opfergang trieb", mündet 2026 unter der aktuellen Bundesregierung in die Unterstützung eines Krieges, der iranische Frauen, Männer und Kinder in den Tod treibt.
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Die "Werte" der westlichen Gemeinschaft – Menschenrechte, Demokratie, Frauenrechte – fungieren als moralische Verpackung für nichts anderes und offenkundigeres als imperialistische Gewalt, das Instrument der Regelbasierten Weltordnung. Sie werden dann eingefordert, wenn sie die eigenen Interessen durchsetzen helfen, und ignoriert, wenn sie im Weg stehen. Saudi-Arabien, einer der repressivsten Staaten der Welt, der Journalisten zerstückelt, Frauen systematisch entrechtet, Minderheiten verfolgt und den Jemen mit westlichen Waffen verwüstet und zerbombt, ist ein "Partner"? Der Iran, der ähnlichen Verbrechen begeht, aber sich dem US-Imperium widersetzt, ist ein "Schurkenstaat", der bombardiert werden muss!
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Hier offenbart sich die "regelbasierte Weltordnung" und ihre nackte Realität: Sie beansprucht das Monopol sowohl über Moral als auch über Gewalt. Wer sich ihren Regeln nicht fügt, wird zum "Störenfried", zum "Schurkenstaat", zum legitimen Angriffsziel erkoren. Die tatsächliche stattfindende Unterdrückung im Iran wird zur Grundlage, zur Rechtfertigung für eine noch grössere Unterdrückung: die imperialistische Zerstörung eines souveränen Staates, die Demontage seiner Infrastruktur, die Ermordung seiner Wissenschaftler und Militärs sowie die Verarmung seiner ganzen Bevölkerung. Die "Befreiung" wird von aussen importiert, mit Bomben und Sanktionen, nicht von innen erkämpft!?

<h3>Der Prinz aus der Konservenfabrik: Die Rückkehr des Schahs</h3>

Während tausende Tonnen Bomben fallen und die iranische Wirtschaft kollabiert, wird in Washington, Berlin und Tel Aviv bereits die "Nachfolge" im eigenen Interesse geplant. Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs von Persien, Mohammed Reza Pahlavi, wird als "demokratische Alternative" inszeniert und dem iranischen Volk, als Hoffnungsträger, als die natürliche Führungspersönlichkeit für ein "befreites" Iran angepriesen.
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Ein Blick auf die Biographie dieses Mannes zeigt, was diese in den westlichen Medien sowie Grossdemonstrationen so gehypte "Alternative" tatsächlich repräsentiert. Reza Pahlavi wurde 1960 geboren, als Kronprinz des Schah-Regimes, das von den USA und Grossbritannien 1953 installiert worden war, nachdem die CIA und der MI6 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh gestürzt hatten.
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Mossadegh hatte die iranische Ölindustrie verstaatlichen wollen, was den "globalen Kapitalinteressen" der westlichen Ölkonzerne missfiel. Der Schah, der an seine Stelle gesetzt wurde, errichtete einen brutalen Polizeistaat in dem die, von der CIA trainierte Geheimpolizei SAVAK Folter und Terror perfektionierte, das politische Gefangene in den berüchtigten Kerker Evin warf, das die Öleinnahmen des Landes in westliche Taschen leitete, während die eigene Bevölkerung immer weiter Verarmung und Verelendung ausgeliefert war.
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1979 floh die Familie Pahlavi vor der Revolution. Reza Pahlavi lebt seitdem im Exil in den USA, zunächst in Maryland, später in Virginia. Er wurde von der CIA und konservativen Think Tanks gepflegt wie ein Reservefonds für schlechte Zeiten, für den Fall, dass das iranische Regime einmal destabilisiert werden könnte. Der Zeitpunkt scheint gekommen. Er hat keine demokratische Legitimation im Iran. Er hat keine Verbindung zur iranischen Gesellschaft von heute. Die zu zwei Dritteln unter 40 Jahren alte Bevölkerung heute kennt die Schah-Zeit nur aus den Erzählungen ihrer Grosseltern. Er repräsentiert nichts als die Rückkehr zur Vor-1979-Ära: die Rückkehr des Westens als Herrschaftsmacht, die Rückkehr der Ölmultis, die Rückkehr der SAVAK, nur diesmal mit moderner Technologie und unter demokratischem Gewand.
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Die Inszenierung des Prinzensohns folgt einem bewährten Muster der "regelbasierten Ordnung". Wenn militärische Gewalt allein nicht ausreicht, um einen "Störenfried" zu brechen, folgt, damals wie heute der "Regime Change" von aussen. Nicht die Menschen im Iran sollen entscheiden, wer sie regiert, sondern die Planer in Washington, im Westen, die den passenden Kandidaten aus der „Konservenfabrik“ holen. Die "Demokratie", die exportiert werden soll, ist von vornherein nichts als ihre eigene Karikatur: ein Potentat, der von aussen eingesetzt wird, der keine soziale Basis im Land hat, der auf westliche Militärstützpunkte und Geheimdienste angewiesen ist.
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Reza Pahlavi selbst tritt als Verfechter der "Demokratie" auf, als Unterstützer der Protestbewegung von 2022. Doch seine Agenda ist klar: die Rückkehr zur alt bewährtem, der Wiederherstellung der "grossen Verbindung" mit den USA, die Öffnung des iranischen Marktes für westliches Kapital und letztlich die weitere Verarmung der Menschen im Iran. Er ist nicht die Alternative zur Mullah-Diktatur, sondern deren Spiegelbild: beide repräsentieren Herrschaft von oben, beide basieren auf Gewalt und Ausschluss, beide dienen nicht den Interessen der iranischen Bevölkerung, sondern denen einer kleinen Elite und ihrer ausländischen Geldgeber.

<h3>Die Kurden: Vom Stellvertreter zum Opfer, vom Opfer zum Verratenen</h3>

In diesem Machtspiel werden schon wieder die Kurden als Stellvertreter instrumentalisiert – ein Volk, das seit einem Jahrhundert zwischen den Mühlen verschiedener Imperialismen zermahlen wird und dessen Geschichte eine einzige Chronik des Verrats ist.
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Die Kurden sind mit schätzungsweise 60-70 Millionen Menschen das grösste staatenlose Volk der Welt. Ihr Siedlungsgebiet, Kurdistan, erstreckt sich über die Staatsgrenzen der Türkei, des Irak, des Iran und Syriens – genau jene Staaten, die ihre Teilung mit Waffengewalt seither aufrechterhalten. Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wurden die Kurden von allen Seiten unterdrückt: vom türkischen Nationalismus, vom arabischen Baathismus, vom persischen Schiitismus. Ihre Sprache wurde verboten, ihre Identität geleugnet, ihre Aufstände niedergeschlagen.
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In diesem Kontext wurden die Kurden wiederholt als Stellvertreter für imperialistische Interessen rekrutiert, benutzt und verraten. Die USA (be)nutzten die kurdischen YPG (Volksverteidigungseinheiten) und YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) in Syrien im Kampf gegen den "Islamischen Staat" ab 2014. Die kurdischen Milizen waren die effektivsten Bodentruppen gegen den IS. Sie befreiten Kobane, sie befreiten Raqqa, sie riskierten ihr Leben, während die USA aus der Luft bombardierten. Sie errichteten in Nordsyrien ein de facto autonomes Gebiet, Rojava, mit einem Experiment direkter Demokratie - angelehnt an die Räterevolution Anfang des 20. Jahrhunderts- Frauenrechten, ökologischer Planung: eine radikale Alternative zu den autoritären Regimen der Region.
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Als Dank wurden sie 2019 von Donald Trump an die Türkei verraten. In einem Telefonat mit Recep Tayyip Erdoğan gab Trump damals grünes Licht für die türkische Invasion in Nordsyrien. Die USA zogen ihre Truppen ab, die Kurden wurden von der türkischen Armee und ihren islamistischen Milizen angegriffen, ihre Städte bombardiert, Hunderttausende vertrieben: Die ehemals lauten Rufe „Biji Obama“ verstummten. Die "Sicherheitszone", die die Türkei errichtete, wurde mit Panzern sowie Siedlern gefüllt: mit der Umsiedlung arabischer Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens, mit der Demografie als Waffe.
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Heute, 2025/2026, sollen die Kurden erneut als Werkzeug dienen. Im Iran werden kurdische Milizen aufgerüstet, um das Regime zu destabilisieren. In Syrien sollen sie sich unter die neue Regierung von Ahmed al-Scharaa integrieren, einem Islamisten, der mit der al-Qaida verwandten HTS an die Macht kam und der nun von den USA und der Türkei als "moderate Alternative", als Befreiung vom schrecklichen Baschar al-Assad verkauft wird. Die Kurden sollen ihre Autonomie aufgeben, ihre Waffen niederlegen, sich in "Strukturen" eingliedern, die seither ihre eigene Existenz negieren.
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Die anstehende Planungslogik ist kalt und kalkuliert: Die Kurden sollen für die USA gegen den Iran, gegen Reste des IS, gegen die Feinde der westlichen Interessen kämpfen. Dann sollen sie den Interessen der Türkei geopfert werden, die keine autonome kurdische Entität an ihrer Grenze duldet. Schliesslich sollen sie in ein Syrien integriert werden, das unter islamistischer Führung die kurdische Identität weiter unterdrückt. Wer nicht spurt, wird zum "Terroristen" erklärt – die PKK ist in den USA, der EU und der Türkei auf Terrorlisten, die YPG, die gegen den IS kämpften, werden zunehmend als "mit der PKK verbunden" kriminalisiert. Wer spurt, wird verbraucht, entwaffnet, verraten.
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Die Geschichte wiederholt sich. In den 1970er Jahren unterstützte der Schah von Persien die irakischen Kurden gegen Saddam Hussein, um den Irak zu schwächen. Als der Schah 1975 mit Saddam einen Deal machte, wurden die Kurden im Stich gelassen, ihr Aufstand niedergeschlagen. 1991 rief George H.W. Bush die Iraker und Kurden zum Aufstand gegen Saddam auf, zog dann aber die Truppen zurück. Die Aufstände wurden blutig unterdrückt. 2003 versprachen die USA den Kurden Autonomie im neuen Irak, doch das Unabhängigkeitsreferendum von 2017 wurde von Bagdad mit Waffengewalt beantwortet, während die USA zuschauten.
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Die "regelbasierte Weltordnung" kennt keine Verbündeten, nur temporär nützliche Werkzeuge. Die Kurden sind für die USA wertvoll, solange sie kämpfen. Sobald sie nicht mehr gebraucht werden, werden sie verhandelt, verkauft, verraten.

<h3>Die dritte Option: Selbstermächtigung jenseits der Herrschaft - für alle Menschen</h3>

Für die Menschen im Iran, in der Region, für alle, die nicht zwischen den Fronten der Mullahs und des US-Imperialismus wählen wollen, stellt sich eine, die existenzielle Frage: Gibt es eine dritte Option? Eine, die nicht auf "Herrschaft" von oben wartet, die nach neuer, nach anderer Herrschaft ruft, sei es die der Ayatollahs, sei es die der CIA-gestützten Prinzen, sei es die der kurdischen Stammesführer oder islamistischen Milizen?
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Die Geschichte der iranischen Gesellschaft bietet Antworten. Antworten, die in der öffentlichen Wahrnehmung westlicher Medien systematisch übergangen werden. Die Protestbewegung von 2022/2023, die nach dem Mord an Mahsa Amini begann, war nicht eine "bunte Revolution", die von aussen gesteuert wurde.
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Ganz im Gegenteil war sie ein autonomer Aufstand von Frauen, Studenten, Arbeitern, die sich weigerten, sich der Logik eines Entweder-Oder zu beugen. Frauen nahmen ihre Kopftücher ab in einer Gesellschaft, die das mit Gefängnis, Folter oder Hinrichtung bestraft. Arbeiter streikten in den Ölraffinerien, trotz der Androhung von Entlassung und Verhaftung. Studenten besetzten Universitäten, trotz der gezielten Schüsse der Sicherheitskräfte. Bauern protestierten gegen die fortschreitende Wasserknappheit und Umweltzerstörung. Die Bewegung hatte kein zentrales Führungspersonal, das man hätte verhaften können. Sie organisierte sich horizontal, über soziale Medien, über lokale Netzwerke, über Gewerkschaften und Frauenvereine ausgerichtet an den eigenen Interessen.
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Diese Bewegung wurde nicht vom Westen "befreit"! Sie wurde unter den Augen des Westens vom eigenen Regime zerschlagen. Mit Gewalt, mit Massenverhaftungen, mit Hinrichtungen, mit gezielter Folter. Der Westen, der so gerne von "Menschenrechten" spricht, sah nur zu. Die Sanktionen, die angeblich das Regime treffen sollten, trafen mit aller Härte die Bevölkerung. Die so gehypte "feministische Aussenpolitik" Deutschlands beliess es bei Solidaritätsbekundungen. Genauso trafen die Bomben, die 2025 fielen, nicht die Mullahs, sondern die Infrastruktur, die auch von den Protestierenden genutzt wurde.
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Doch die Bewegung von 2022 zeigte: Es gibt Widerstand, der weder die Mullahs noch die USA braucht. Es gibt eine Gesellschaft im Iran, die sich selbst organisieren kann, die eigene Forderungen artikuliert, die nicht auf "Herrschaft" von oben wartet und die ein tiefreichendes Erfahrungswissen kämpferischer Praxis vorzuweisen hat. Diese Erfahrung ist der Keim, der Fundus einer dritten Option.
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Und diese Option betrifft nicht nur den Iran. Sie betrifft alle Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben – einschliesslich der Bevölkerung in Israel. Die israelische Gesellschaft ist gefangen in einer Logik der "Sicherheit durch Dominanz", die seit Jahrzehnten das Gegenteil von Sicherheit produziert: die Eskalation von Konflikten, die Radikalisierung von Gegnern, die Militarisierung des eigenen Lebens, die Unterdrückung der Palästinenser, die zu einer Belastung für die eigene Demokratie geworden ist. Die israelische Regierung behauptet, die Bombardierung des Iran diene der "Selbstverteidigung", doch sie produziert nur neue Bedrohungen, neue Ressentiments, neue Gewaltspiralen.
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Die Erkenntnis, dass "Sicherheit" nicht durch militärische Überlegenheit, nicht durch die "Full Spectrum Dominance" der USA, nicht durch Atomwaffenmonopole erreicht wird, sondern durch die Aufhebung der Unterdrückung, durch soziale Gerechtigkeit, durch die Anerkennung der Rechte aller Menschen in der Region – diese Erkenntnis ist universell. Sie gilt für die Arbeiter im Iran, die gegen das Mullah-Regime streiken, ebenso wie für die israelischen Friedensaktivisten, die gegen die Besatzung protestieren. Sie gilt für die Kurden, die ihre Autonomie verteidigen, ebenso wie für die Palästinenser, die gegen die Blockade von Gaza kämpfen. Sie gilt für alle Menschen, die erkennen, dass ihre wirklichen Feinde nicht die "anderen" Völker sind, sondern die Herrschaftseliten, die ihre Leben zerstören, ob mit religiösem oder mit demokratischem Etikett.
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Diese Perspektive muss sich erweitern über nationale Grenzen, über die Trennlinien, die Imperialismus und Nationalismus errichten und nähren. Die Kurden im Iran, im Irak, in der Türkei, in Syrien sind ein Volk, das seit Jahrzehnten gegen vier Staaten kämpft, die ihre Teilung aufrechterhalten. Ihre Befreiung liegt nicht in der Wahl zwischen US-Stellvertreterschaft und Unterwerfung unter Damaskus, Teheran oder Ankara. Sie liegt in der eigenen Organisierung, im Bruch mit dem System der Staaten, die ihre Existenz negieren. Das Experiment von Rojava, so unvollkommen und bedroht es war, zeigte: Eine andere Form der Gesellschaft ist nicht nur dort sondern überall auf diesem Globus möglich. Eine Gesellschaft ohne zentralisierte Herrschaft, ohne patriarchale Unterdrückung, ohne kapitalistische Ausbeutung: eine freie Gesellschaft der gleichen.
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Die Arbeiter im Iran, die Frauen, die Jugendlichen, die Kurden, die Belutschen, die Azeris, die Ahwazi-Araber, die israelis – sie alle haben ein Interesse an einer Gesellschaft, die nicht auf Unterdrückung und Ausbeutung basiert. Sie haben ein Interesse daran, ihre eigenen Ressourcen zu kontrollieren, ihre eigene Produktion zu organisieren, ihre eigenen Leben zu führen. Diese Gesellschaft wird nicht von Reza Pahlavi kommen, nicht von Donald Trump, nicht von Friedrich Merz mit seiner "gemeinsamen Seite" im Oval Office. Sie wird nicht von kurdischen Stammesführern kommen, die mit Ankara oder Washington dealen. Sie muss von ihnen selbst erkämpft werden, von unten, gegen alle Formen der Herrschaft: die der Mullahs wie die des Imperialismus, die des Nationalismus wie die des Kapitalismus.
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Die Solidarität, die nötig ist, ist eben keine "humanitäre Hilfe" von oben. Sie ist die praktische Unterstützung der Selbstermächtigung: die Verbreitung von Informationen, die Unterstützung von Streiks und Protesten, die Weigerung, an den Sanktionen mitzuwirken, die Sabotage der Kriegsmaschinerie, die in den USA, in Europa, in der Türkei, in Israel produziert und immer weiter und radikalisierter vorangetrieben wird. Sie ist die Anerkennung, dass die "Feinde" im Iran, in Kurdistan, in Palästina, in Israel nicht die Feinde der Menschen in den imperialen Zentren sind, sondern dass sie gemeinsame Feinde haben: die Herrschaftseliten, die ihre Leben zerstören, ob mit religiösem oder mit demokratischem Etikett.
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Diese Solidarität ist global oder sie ist nicht! Sie kann nicht selektiv sein, sie kann nicht sagen: Wir unterstützen die Iraner, aber nicht die Palästinenser. Wir unterstützen die Kurden, aber akzeptieren die israelische Besatzung. Sie muss alle einschliessen, die für eine Gesellschaft kämpfen, die auf Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung basiert – über alle Grenzen und Idenditäten hinweg, gegen alle Formen von Herrschaft.

<h3>Fazit: Die Ordnung zeigt ihr wahres Gesicht - und ihre Alternative</h3>

Die Bomben auf Fordow, Natanz und Isfahan im Juni 2025 waren keine "befreienden" Schläge. Sie waren der Ausdruck einer Ordnung, die den gesamten Planeten als "Praxisfeld und Mittel" ihrer Interessen betrachtet, die souveräne Staaten als Hindernisse behandelt, die beseitigt werden müssen. Und sie ist Ausdruck dafür zu lügen, zu bombardieren, Völkerrecht mit Füssen zu treten und ganze Gesellschaften in die Katastrophe zu stürzen.
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Die "regelbasierte Weltordnung" mit ihren Prinzen aus der Konservenfabrik, ihren verratenen Stellvertretern, ihren moralischen Masken und ihren imperialen Zielen ist das Problem und niemals Teil der Lösung. Sie bietet keine Befreiung, sondern nur die Wahl zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung: die religiöse Diktatur der Mullahs oder die marktliberale Diktatur des Westens, die nationale Unterdrückung durch Teheran oder die ethnische Zerstückelung durch Stellvertreterkriege.
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Doch die Geschichte ist nicht vorherbestimmt. Ganz im Gegenteil sie ist Resultat. Die Bewegungen von 2022 im Iran, das Experiment von Rojava, die Friedensbewegungen in Israel, die Arbeiterstreiks überall in der Region zeigen: Es gibt Widerstand, der sich dem Entweder-Oder zu beugen verwehrt. Es gibt Menschen, die eine dritte Option suchen und praktizieren: die Selbstermächtigung von unten, die Organisierung jenseits der Herrschaft, die Solidarität über Grenzen hinweg verteidigen.
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Die Zukunft liegt nicht in der Wahl zwischen Mullahs und Prinzen, zwischen Teheran und Washington, zwischen Hamas und der IDF. Sie liegt in der Ermächtigung derer, die unter allen diesen Herrschaftsformen leiden, sich ihr verwehren. Sie liegt in der Ermächtigung derer, die sich eine Gesellschaft vorstellen können, die auf Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung basiert – nicht auf Herrschaft, sei sie religiös oder imperial, national oder kapitalistisch, sei sie in grün-weiss-rot oder in Blau-Weiss getaucht.
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Die Strassen von Teheran, von Sanandaj, von Mahabad haben gezeigt, dass diese Menschen existieren. Die Demonstrationen in Tel Aviv gegen die Regierung, die Friedensaktivisten, die sich mit Palästinensern solidarisieren, zeigen, dass sie auch dort existieren. Es gilt, ihre Stimmen zu hören, ihre Kämpfe zu unterstützen, ihre Feinde zu erkennen – auch wenn diese Feinde sich als Freunde tarnen, auch wenn sie behaupten, sie handeln im Namen der "Sicherheit" oder der "Demokratie". Die wahre Sicherheit, die wahre Demokratie, die wahre Freiheit wird nicht von oben geschenkt. Sie müssen von unten erkämpft werden – gegen alle Formen der Herrschaft, für alle Menschen, auf dem ganzen Globus. Dann rufen wir alle gemeinsam überall auf diesem Planeten: Der König ist tot! Er bleibt tot!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 10:21:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Winterthur: Selbstverwaltete Kulturräume von Räumung bedroht]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/schweiz/winterthur-selbstverwaltete-kulturraeume-von-raeumung-bedroht-009565.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wie in vielen anderen Städten ist auch in Winterthur der bezahl- bare Wohn- und Kulturraum unter starkem Druck. Aus jedem Haus und Stück Boden soll möglichst viel Profit gepresst werden.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/winterthur-selbstverwaltete-kulturraeume-von-raeumung-bedroht_w.webp><p><small>Gisi in Winterthur.  Foto: zVg</small><p>Die Gisi, seit 1997 besetzt, ist akut räumungsbedroht. Die Räumung soll im Frühjahr 2026 erfolgen. Alle Versuche mit der SKKG in einen ernsthaften Dialog zu treten, sind gescheitert. Die Wagenplätze«Frostschutz» und «Mumpitz» sind ebenfalls räumungsbedroht. Während die Bewohner:innen versuchen, mit der Stadt über einen langfristigen Verbleib zu sprechen, verweigert die Stadt den Dialog und geht gegen die Bewohner:innen mit Gerichtsverfahren vor.
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Die selbstverwalteten Häuser und Wagenplätze sind Teil eines viel- fältigen Netzwerks selbstorganisierter Räume und Betriebe. Sie sind Teil der Kultur und Geschichte dieser Stadt. Sie sind dringend benötigter, günstiger Wohn- und Kulturraum für viele. Sie sind für uns aus der Stadt nicht wegzudenken.<br>
In Zeiten der akuten Wohnungsnot, in der viele Lohnabhängige Mühe haben, die steigenden Mieten zu bezahlen, dürfen wir der Zerstörung von günstigem Wohnraum nicht tatenlos zusehen.
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Um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, <a href="https://act.campax.org/petitions/gisi-bleibt-fur-den-erhalt-des-selbstverwalteten-wohn-und-kulturraums-in-winterthur" target="_blank" rel="noreferrer noopener">haben wir Unterschriften gesammelt</a>. Gemeinsam übergeben wir die gesammelten Unterschriften der Gisi-bleibt-Pedition sowie einen <a href="http://www.wohnraumverteidigen.org/offenerbrief/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">offenen Brief an die SKKG und die Stadtverwaltung</a>. Konkret fordern wir sie dazu auf, mit den Bewohner:innen der selbstverwalteten Häuser und Wagenplätze in einen ernsthaften Dialog zu treten, statt auf Räumung, Gewalt und Zerstörung zu setzen.
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Seit einiger Zeit versuchen wir, die selbstverwalteten Häuser und Wagenplätze von Winterthur vor der Räumung und Zerstörung zu bewahren. Diese Häuser und Plätze sind seit Jahrzehnten Wohn- und Kulturraum für viele Leute.
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Wie in vielen anderen Städten sind auch in Winterthur der bezahlbare Wohnraum und unkommerzielle Kulturräume unter star- kem Druck. Aus jedem Haus und Stück Boden soll möglichst viel Profit gepresst werden. Um das zu erreichen, werden Leerkündigungen, Abriss und lukrative Neubauten vorangetrieben. Die Stadt Winterthur betreibt seit Jahrzehnten eine neo- liberale Standortpolitik, die Reiche anziehen und Arme ver- treiben soll. Die Immobilienwirtschaft macht Kasse.
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Vor ein paar Jahren hat die Stefanini-Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG -- eine der grössten Eigentümerinnen von günstigem, aber schlecht unterhaltenem Wohnraum in Winter- thur -- ihre so genannten «Sanierungsoffensive» angekündigt. Die SKKG besitzt über 1300 Wohnungen in Winterthur und über 2200 Wohnungen in der gesamten Schweiz. Die Stiftung hat in der Zwischenzeit mehrere Alstadthäuser totalsaniert und danach die Mieten deutlich erhöht. Neben der Sanierung ihrer Alt- stadthäuser plant die SKKG auch die Sanierung oder den Abriss aller grossen Blocksiedlungen in den Aussenquartieren. Ihr erklärtes Ziel ist, die Rendite deutlich zu erhöhen. Sie nimmt dabei die Verdrängung der bisherigen Bewohner:innen in Kauf.
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Auch drei der sieben selbstverwalteten Stefanini-Häuser und zwei Wagenplätze (auf städtischem Boden) sind akut von einer Räumung und Zerstörung bedroht. Trotz mehrerer Versuche der Bewohner:innen, mit der SKKG und der Stadt über einen lang- fristigen Verbleib zu verhandeln, setzen beide auf Vertreibung.<br>
Wir haben uns 2020 als Häuservernetzung Winterthur zusammengeschlossen, um den selbstverwalteten Wohn- und Kulturraum zu erhalten.
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Wir haben der SKKG ernst gemeinte Vorschläge zum sozial und ökologisch nachhaltigen Erhalt des Wohn- und Kulturraums an der General-Guisan-Strasse 31, an der Zürcher- strasse 117 und an der Schaffhauserstrasse 62 vorgelegt. Wir haben einen realistischen Renovationsplan ausgearbeitet und eine Übernahme der Häuser im Baurecht vorgeschlagen. Die SKKG hat Verhandlungen kategorisch abgelehnt und stattdessen die Räumung der Häuser angekündigt.
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Die Räumung des ältesten selbstverwalteten Hauses der Stadt, der General-Guisan-Strasse 31, soll im Frühjahr 2026 erfolgen, obwohl ein Rechtsstreit vor dem Obergericht hängig ist und noch keine Baubewilligung vorliegt. Die Räumung der Zürcherstrasse 117 und der Schaffhauserstrasse 62 wurde angekündigt und soll 2027 erfolgen. Und das in Zeiten der akuten Wohnungsnot.
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Die Bewohner:innen der Wagenplätze «Frostschutz» und «Mumpitz»versuchen ihrerseits seit langem, mit der Stadt über einen langfristigen Verbleib zu sprechen. Die Stadt verweigert den Dialog und geht gegen die Bewohner:innen mit Gerichtsverfahren vor. Dem Wagenplatz «Frostschutz» wurde die Räumung im September 2026 angedroht, weil die Stadt das Gebiet um den Schützenweiher aufwerten möchte. Dabei verlieren auch die rund 50 Dauercamper:innen auf dem Campingplatz ihr Zuhause (die- ser soll in ein TCS-Vierstern-Glamping umgewandelt werden). Gegen diesen unsozialen Plan der Stadt wurde das Referendum ergriffen.
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Wir sind auf bezahlbaren Wohnraum und unkommerziellen Kultur- raum dringend angewiesen. Es gibt kaum noch günstige Wohnungen in der Stadt. Die selbstverwalteten Häuser und Plätze werden seit Jahrzehnten von vielen Leuten genutzt, bewohnt und geliebt. Wir können sie nicht einfach kampflos aufgeben. Denn wir haben keine Anschlusslösung und können uns keine der vielleicht 100 noch nicht vermieteten, da zu teuren Wohnungen in Winterthur (0,17 %  Leerstand) leisten.<p><em>pm</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 08:17:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Schon wieder ein Déja-Vue: Widersprüchliches 1973/74]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>'Verflixt noch 'mal! Der Typ denkt gar nicht daran zu Bett zu gehen. Dabei ist es schon nach zwei Uhr. Und in ein paar Stunden hab' ich Lehrprobe.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/ICRC-AVarchives-TyreDestructions2006-JonBjoergvinsson_w.webp><p><small>Zerstörungen durch einen Angriff der israelischen Luftwaffe (IAF) auf Tyros, bei dem am 16. Juli 2006 während des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah 14 Zivilisten getötet wurden.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ICRC-AVarchives-TyreDestructions2006-JonBjoergvinsson_V-P-LB-E-00229.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jón BJÖRGVINSSON</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Der Stundenverlauf ist auch noch nicht getippt!' dachte Selma und bemühte sich auch nicht mehr wie zuvor höflich ein Gähnen zu unterdrücken.<br>
Mit dem „Typ” war ein junger Syrer gemeint, der ihr in ihrem Arbeitszimmer gegenübersass und sich schon wieder Rotwein nachgoss. Er war kleiner als Selma, feingliedrig, bartlos, besass einen blassen Teint und dunkelblondes kurz geschnittenes, glattes Haar - entsprach damit in keiner Weise dem Klischee eines Arabers. Aber als solchen hatte ihn Selma eingeladen, nachdem sie seinen Aufsatz über die Verhältnisse im Vorderen Orient in den „Blättern” gelesen hatte. Allen seinen Einschätzungen wollte sie nicht folgen, aber immerhin konnte er aus erster Hand informieren, hatte sie sich gedacht, brieflichen Kontakt aufgenommen und zu einer öffentlichen Veranstaltung im Jugendzentrum eingeladen.
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Dass er Informationen aus erster Hand besass, war nur zum Teil richtig, denn Salim lebte und studierte schon seit 1963 in der BRD, allerdings verbrachte er jährlich mehrere Wochen in seinem Heimatland und in Ägypten; ausserdem vertrat er die Sache der Palästinenser. Und darum ging es im Herbst 1973 wieder einmal - zumindest in öffentlichen Verlautbarungen.
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Anfang Oktober 1973 hatte mit Überraschungsangriffen von Syrien und Ägypten auf Israel der so genannte „Jom Kippur- Krieg” oder „Oktoberkrieg” begonnen, mit dem die Golan-Höhen und der Sinai, Gebiete die seit dem Sechstagekrieg im Juni 1967 von den Israelis besetzt worden waren, zurückerobert werden sollten. Der Krieg wurde bald zugunsten von Israel beendet, doch die ökonomischen Folgen wirkten nach: Denn elf Öl produzierende Araberstaaten verständigten sich auf eine Einschränkung der Ölfördermenge sowie auf ein Lieferverbot gegen die USA und die Niederlande. Damit kam es zu einem schlagartiger Anstieg des Ölpreises von drei auf fünf Dollar pro Barrel, 1974 sogar auf zwölf Dollar, in der BRD zu vier Sonntagfahrverbote im November und Dezember 1973 sowie einer Stagflation der Volkswirtschaft, das meint Geldentwertung bei fehlendem Wirtschaftswachstum.
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Welche wirtschaftlichen Kräfte in der BRD wirkten, das liesse sich noch klären: Zufällig hatte Selma Anfang Oktober eine mehrstündige Unterrichtseinheit für Klasse 12 zum Thema Wirtschaft konzipiert. Da bot es sich geradezu an, am Beispiel der „Ölkrise” wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge aufzuzeigen, die auch in der Presse breiten Raum einnahmen. Dies Thema fand auch ihre Mentorin richtig. Zunächst wurde herausgearbeitet, dass der Ölpreis der BRD hauptsächlich vom Staat und den Ölkonzernen abhing, denn 60% des Ölpreises machten Steuern aus, 30% wurden von den Ölgesellschaften bestimmt, darunter verursachten 1% die Produktionskosten, 5% die Transportkosten, 18% die Kosten für Verarbeitung und Lagerung, der Gewinnanteil betrug 6%. Die Erzeugerländer erhielten lediglich 8% des Ölpreises. Eine höhere Abgabe an die Erzeugerländer sollte eine solche Verwerfung der Volkswirtschaft nach sich ziehen?
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Auch Lothar war skeptisch. Immer wenn er seine Mutter in der Gartenstadt besuchte, sah er auch bei Frau Ensinger, der Mutter seines Jugendfreundes vorbei. Lothar hatte auch in der BASF gelernt und als Chemiefacharbeiter abgeschlossen. Dann jedoch diese Stellung aufgegeben, weil seine Frau unverhofft ein Fünftel einer kleinen regionalen Ölhandelsgesellschaft geerbt hatte und er als Arbeitskraft benötigt wurde.
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Als Selma im November ihre Mutter besuchte, sass Lothar am Küchentisch und liess sich von Frau Ensinger mit einer grossen Portion Rühreier verwöhnen, denn die alte Frau glaubte weiterhin, Lothar sei zu mager und es mangele ihm an guter Hausmannskost. „Nun, Selma studierst du immer noch auf unsere Kosten?” spottete Lothar und grinste versöhnlich. „Quatsch ich bin doch Referendarin und in sieben Monaten fertig”, lautete die sachliche Antwort. „Und was macht man so im Referendariat?” erkundigte sich der Jugendfreund. „Wie man vor der Klasse unterrichtet, wie man Unterrichtsstoff pädagogisch aufbereitet und so weiter. Zum Beispiel jetzt die „Ölkrise” und ihre Folgen”, erklärte die angehende Lehrerin.
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„Es ist unglaublich, wie in den letzten Wochen die Lebensmittelpreise gestiegen sind”, mischte sich Selmas Mutter ein. „Hätt' ich doch meinen alten Kohleofen behalten und nicht den Ölofen angeschafft. Ich seh' schon wieder eine Inflation aufkommen”, orakelte sie und fügte noch hin zu „das alles wegen der Scheichs.” „Nein, Mama, lass' dich da 'mal nicht verhetzen”, widersprach Selma, „da stecken ganz andere Kräfte dahinter, zum Beispiel die grossen Ölkonzerne, die sich nicht ihre Profite beschneiden lassen wollen. Die verknappen die Öllieferung.”
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„Da ist 'was d'ran”, gab Lothar Selma recht. „Unsere Firma wird nicht mehr in dem Umfang beliefert wie früher. Dabei weiss ich ganz genau, dass auf dem Rhein die Öltanker warten oder hin und her fahren und um Erlaubnis bitten, ihre Fracht zu löschen. Und wir können den Tankstellen nichts mehr verkaufen.” „Da siehst du's”, triumphierte Selma.
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Ja, die ökonomischen Ursachen und Auswirkungen konnte man noch irgendwie erklären. Eines war jedoch klar: Der Orientierungsrahmen der SPD, der plan- und machbare Reformschritte bis 1985 vorsah, wurde erschüttert und musste aufgegeben werden. Aber wie stand es mit den politischen Hintergründen und Folgen des Nahostkrieges? Genau darum ging es auf der Informationsveranstaltung mit dem Syrer Salim. Wie sollten sich die Linken zu diesem Krieg verhalten? Immerhin war dies ein Angriffskrieg gegen Israel und das in einer Situation, in der eine Politik der Entspannung zwischen Ost und West eingeleitet werden sollte. Andererseits unterdrückte Israel die Palästinenser. Und wer herrschte tatsächlich in Syrien und Ägypten? War die Baath Partei wirklich eine „Revolutionäre Partei”, wie die Sowjets verkündeten? War die Verstaatlichung der grössten Banken und Handels- und Industriebetriebe in Ägypten unter Nasser tatsächlich ein Schritt in Richtung Sozialismus?
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Das waren Fragen, die in der Diskussion an den Referenden gerichtet und die kontrovers von der Anwesenden beurteilt worden waren. Auch Selma hat vor einer Stunde noch einmal diese Fragen angesprochen und erhielt nun tatsächlich klare Antworten von ihrem Gast. „Was ich dir jetzt sage, kann ich nicht öffentlich vortragen”, meinte er entschuldigend. „Man weiss ja nicht, wer alles zuhört. Das könnte mich in meiner Heimat in Schwierigkeiten bringen. Folgendes jedoch gilt: Die Baath-Partei ist eine pseudosozialistische, ja bonapartistische Partei, die sich eher den Militärs als irgendeiner anderen sozialen Gruppe verpflichtet fühlt. Der Nasserismus war und ist nichts anderes als eine nationalistische und antikommunistische Ideologie des arabischen Kleinbürgertums und die Ideologie der militärischen Elite des Kleinbürgertums. Zur Zeit gebärden sich diese Bewegungen noch antikolonial und ziehen in den Ost-West-Auseinandersetzungen ihren eigenen Vorteil.
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Letztlich geht es im arabischen Raum immer noch wie seit Jahrhunderten um den Kampf zwischen Theologie und Philosophie, um die Frage, ob die islamische Orthodoxie oder die materialistische Philosophie eines Averroës oder Ibn Khaldun sich durchsetzen kann.” „Gut, dass du so offen zu mir bist“, meinte Selma und nickte aufmunternd lachend: „Jetzt muss ich aber unbedingt zu Bett gehen, sonst verpatz' ich die Lehrprobe. Und damit wäre weder Marx noch Ibn Khaldun gedient.”<p><em>Wilma Ruth Albrecht</em><p><small>Quelle: Wilma Ruth Albrecht: Überleben. Roman des kurzen Jahrhunderts. Band 3: Ein dokumentarischer Bildungsroman. Reutlingen. (Freiheitsbaum: Edition Spinoza), 2017, S.262-265</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 10:08:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Jeffrey Epsteins Welt (Teil 1): Im Inneren des Netzwerks und seiner Kundschaft]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Die wie auch immer geschwärzten Dokumente über die Jahrzehnte währenden Handlungen des Investmentberaters und Vermögensverwalters Jeffrey Epstein sind inzwischen der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Maxwell_Epstein_Clinton_1993_1_w.webp><p><small>Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell mit Bill Clinton bei einem Besuch im Weißen Hauses, 29 September 1993.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maxwell_Epstein_Clinton_1993_1.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ralph Alswang</a> (PD)</small><p>Die wie auch immer geschwärzten Dokumente über die Jahrzehnte währenden Handlungen des Investmentberaters und Vermögensverwalters Jeffrey Epstein sind inzwischen der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich. Die Dokumente umfassen über 6 Millionen Seiten an  Beweismaterial, veröffentlicht bislang etwas über die Hälfte, darunter 2000 Videos und 180.000 Bilder. Wahrgenommen und heiss diskutiert wird das vorliegende Material als ein unglaublicher Skandal. Als ein Skandal, der Epstein und seine Welt als nicht von dieser Welt erscheinen lässt. Eine nähere Betrachtung des vorliegenden Materials zeigt etwas Anderes: Dass Epstein und seine Welt nichts anderes als das Ergebnis der Welt von heute ist.

<h3>Prolog: Die Machtelite </h3>

Die Kräfte gewöhnlicher Menschen sind durch die alltäglichen Welten begrenzt, in denen sie leben; doch selbst in diesen Abläufen von Arbeit, Familie und Nachbarschaft scheinen sie häufig von Kräften getrieben zu werden, die sie weder verstehen noch beherrschen können [...] Doch nicht alle Menschen sind in diesem Sinne gewöhnlich. Da die Mittel der Information und der Macht zentralisiert sind, gelangen einige Männer [...] in Positionen, von denen aus sie gleichsam auf die alltäglichen Welten gewöhnlicher Männer und Frauen herabblicken und durch ihre Entscheidungen diese Welten massgeblich beeinflussen können [...]
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Die Machtelite besteht aus Männern, deren Positionen es ihnen ermöglichen, die gewöhnlichen Lebensumstände gewöhnlicher Männer und Frauen zu überschreiten; sie sind in der Lage, Entscheidungen von weitreichender Bedeutung zu treffen. Denn sie stehen an der Spitze der grossen Hierarchien und Organisationen der modernen Gesellschaft. Sie beherrschen die grossen Konzerne. Sie lenken die Staatsmaschinerie und beanspruchen deren Vorrechte. Sie führen das Militär. Sie besetzen die strategischen Kommandoposten der Sozialstruktur, in denen heute die wirksamen Mittel der Macht, des Reichtums und des Ruhmes konzentriert sind, die sie geniessen. (C.Wright Mills, The Power Elite, 1956)<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>

<h3>Jeffrey Epstein - eine Entscheidung, ein Karriereziel</h3>

Recht früh schon in seinem Leben hat Jeffrey Epstein sich dazu entschieden, sich einen nicht gerade ungewöhnlichen Traum zu erfüllen: sehr schnell sehr reich zu werden; und dies buchstäblich mit allen Mitteln, koste es, was es wolle - was auch dringend geboten ist, im Gedränge um einen Platz an der Sonne in der vorherrschenden Gesellschaftsordnung. Der Weg dahin war somit für ihn vorgezeichnet: innerhalb der geltenden gesellschaftlichen Konkurrenz-Hierarchie aufzusteigen, um in den ehrenwerten Klub der Reichen und der Superreichen, im Klub der Wirtschaftselite aufgenommen zu werden; und in diesem Elite-Klub innerhalb der (US-) Machtelite sich behaupten und bewähren, um seinen Traum vom grossen Geld zu verwirklichen. Eine keineswegs fremd anmutende Entscheidung.
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Als ein mehr oder weniger gut bezahlter Mathematik- und Physiklehrer, als "gewöhnlicher Mensch" ein ganzes Leben lang durch die unausweichlichen "alltäglichen Welten" begrenzt seine Kräfte verschleissen und so sein Dasein fristen zu müssen, das kam für Epstein nicht in Frage. Mittels Arbeit ein ganzes Leben lang um Lohn ringen zu müssen, um davon leben und überleben zu können, dafür hat er nicht das Licht der Welt erblickt. In aller Klarheit definierte Epstein so sein Karriereziel: Im Klub der wirtschaftlichen Elite auf die alltäglichen, begrenzenden Welten "der gewöhnlichen Menschen" herabblicken, die gewöhnlichen Lebensumstände gewöhnlicher Männer und Frauen überschreiten und hinter sich lassen, um den in der wirtschaftlichen Elite, Abteilung reine Geld-und Finanzelite, versammelten Reichtum zu geniessen. Eine durchaus bekannte Überlegung.
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Dass sich mit einem verfügbaren Reichtum als Multimillionär oder Milliardär auch schier grenzenlose Perspektiven sozialer und persönlicher Macht samt Ruhm eröffnen, wissen von Kindheit an auch die ganz gewöhnlichen Menschen, wie sie den ihnen täglich aufgetischten Stories aus der Welt der Reichen und der Superreichen entnehmen. Diese Stories bebildern das Faktum, dass Reichtum in der abstrakten Form der Verfügung über ein genügendes Quantum Geld Zugriffsmacht und Verfügungshoheit über alles und jedes beinhaltet; auch über den oder die Anderen, da im Grunde alles käuflich ist.
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Wie alle Anwärter auf Reichtum, Macht und Ruhm wusste auch Epstein: Um sich den Traum von Reichtum zu erfüllen und das angestrebte Karriereziel zu erreichen, ist zuallererst und überhaupt der unumstössliche, der sehr aktive und vor allem sichtbare Wille verlangt, dass der Aspirant auf Mitgliedschaft in der wirtschaftlichen Elite der Reichen und der Superreichen auf sich aufmerksam macht. Und zwar so auf sich aufmerksam macht, dass er in dieser Abteilung innerhalb der herrschenden Machtelite sich einen guten, einen respektablen Ruf verschafft.
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Einen Ruf des Inhaltes, dass der Aspirant auf Reichtum in der Kosten-Nutzen-Rechnung der Mitglieder im Klub der wirtschaftlichen Elite als anerkannter, kompetenter Fachmann zirkuliert; und zwar als Fachmann in der sehr speziellen Wallstreet-Abteilung Investment und Vermögensverwaltung. Denn: "Reich werden [...] In der Tat ist Investmentbanker einer der wenigen Berufe, in denen man stinkreich werden kann." (Karrieresprung - Jobprofil: Investmentbanker)<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Stinkreich werden in der Sphäre des Geld heckenden Geldes, in der verlockenden Sphäre des Geldes, das sich wie durch ein Wunder anscheinend wie von selbst vermehrt.
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Darum ging es also Epstein: Als ein nicht mehr zu übergehender Fachmann in Sachen Investment- und Vermögensverwaltung sich hervortun, dessen Rat die Hohen Damen und Herren des Klubs gerne einholen, da sie sich in vielerlei Hinsicht einen beachtlichen Gewinn von diesem mehr und mehr herausragenden, ruhmreichen Fachmann versprechen.
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Dass für Epsteins Rechtsanspruch als Anwärter auf Reichtum, Macht und Einfluss in seiner Karriereplanung eine Laufbahn als politischer Entscheidungs- und Verantwortungsträger, eine politische Karriere als Parlamentarier oder sonstiger politischer Funktionsträger nicht in Frage kam, ist nachvollziehbar: als Mitinhaber eines strategischen Kommandopostens innerhalb der politischen Klasse in der nationalen Machtelite zu fungieren; womöglich sogar als Parlamentarier oder Minister über Krieg und Frieden, über Leben und Tod von Zig- oder Hundertausenden gewöhnlicher Menschen verfügen, dieser Weg zum Millionärs- und Milliardärs-Reichtum erschien ihm viel zu umständlich und wenig ertragreich. Und insbesondere aber viel zu sehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit exponiert: Denn sowohl seine Entscheidung, Reichtum so schnell als möglich und mit allen nur erdenklichen, auch nicht legalen Mitteln zu erlangen; vor allem aber seinen zwar recht absonderlichen, wiederum aber auch gar nicht so ungewöhnlichen intimsten Neigungen und Interessen nachzugehen, sind unter solchen Gegebenheiten kaum oder nur unter grosser persönlicher und Karriere-Selbstgefährdung zu verwirklichen. Angesichts dessen, legte Epstein sich mit Akteuren seines Vertrauens besondere Schlüssel zum Erfolg zurecht, unter anderem: "There has to be a Berlin/Chinese wall.." (Epstein Files, Feb 3, 2009)<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>
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Solches war auch dringend nötig zur Absicherung seiner Geschäftstätigkeiten, die er im Interesse seines Karriereziels und Karriereerfolgs im Lauf der Jahre und Jahrzehnte so konsequent entwickelte und weiter entwickelte.

<h3>Schlüssel zum Erfolg</h3>

So hatte Epstein dies zu tun: zuallererst seine Herkunft aus den lebenslänglich begrenzenden, gewöhnlichen Lebensumständen gewöhnlicher Menschen hinter sich zu lassen, um Zugang zu den erlauchten Kreisen der Reichtums- und Machtelite zu gewinnen. Denn, wie ein Kenner der Szene ihm vermittelt: „Das Einzige, was dich in der New Yorker Gesellschaft verstossen lässt, ist Armut.“ (BBC, Why the rich and powerful couldn't say no to Epstein, 29 November 2025)<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> In eins mit dem Projekt, den Armuts-Makel praktisch zu beseitigen ergeht die Notwendigkeit, im Wettlauf um einen Platz an der Sonne in der herrschenden gesellschaftlichen Konkurrenz-Hierarchie, die positive Selbstdarstellung der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Tuns zu pflegen, um sich innerhalb der nationalen Machtelite, vorzüglich Wallstreet-Abteilung Investment und Vermögensverwaltung, einen respektablen Namen zu machen. Wie für alle Bewerber um Reichtum, Macht und Einfluss, so auch für Epstein ein Schlüssel zum Karriere-Erfolg in der Sphäre des Geld heckenden Geldes,
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Die seit Jahr und Tag reihum gereichte öffentliche, Rätsel aufwerfende Frage: "Wie kam Jeffrey Epstein - ein Studienabbrecher, der zunächst Mathematik und Physik unterrichtete - zu seinem riesigen Vermögen?" (DW, Woher kam Jeffrey Epsteins Reichtum? 19.02.2026)<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Das ist eben kein so grosses Rätsel: Wie alle seine Investment- und Vermögensverwalter-Konkurrenten hatte er seine Geschäftstätigkeit so auszuüben, damit auch er baldigst "stinkreich" wie viele seiner Konkurrenten in dieser Sphäre werden konnte. War doch gerade seine akademische Ausbildung zum Mathematik- und Physiklehrer nebst seiner unbedingten Entschlossenheit, in und mittels der feinen Gesellschaft zu Reichtum und Macht zu gelangen, sein zweiter Schlüssel zum Karriere-Erfolg.
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Sich auch in den komplexesten Zahlen- und Abrechnungssystemen in der Welt der Banken-, Finanz-, Investment-, Vermögensverwaltungs- und Gewinnperspektiven und Gewinn- Spekulationen zu bewegen, das hat die Mehrzahl der gewöhnlichen Menschen nicht lernen können, da sie absehbar im Laufe der schulischen und sonstigen Ausbildungskonkurrenz auf der Strecke blieben. Weshalb diese Menschengattung lebenslänglich dazu verurteilt ist zu sehen, wie sie innerhalb ihrer sie allseits begrenzenden, alltäglichen Welten mit körperlicher Arbeit Reichtum schafft, den sie nicht geniessen kann: der ist in anderen Händen, in den Händen der Wirtschafts- und Reichtumselite aufgehäuft und versammelt. Weshalb die Menschengattung der körperlich Arbeitenden auch Klasse der Arbeiter heisst, womit die Lebensweise und Charakteristik dieser gesellschaftlichen Klasse grundlegend schon gekennzeichnet ist.
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Als Drittes hatte Epstein also das zu tun: Seine mathematischen Kenntnisse im Inneren der Machtelite, Abteilung Reichtumselite samt ihres hochadeligen, akademisch-wissenschaftlich ausgebildeten und sonstigen sich hervortuenden, repräsentativen Anhangs praktisch ins Werk zu setzen, um in einschlägigen Unternehmen auf dem Parkett der Wallstreet die nötigen Erfahrungen zu sammeln: Zum Einen, um seine erlernten mathematischen Kenntnisse in dieser Sphäre des Geld heckenden Geldes, in der verlockenden Sphäre des Geldes, das sich wie durch ein Wunder anscheinend wie von selbst vermehrt unter Beweis zu stellen, um sich von allen anderen Konkurrenten um ganz viel Reichtum hervorzuheben. Zum anderen, um die Seiten zu wechseln von einem letztlich doch nur Angestelltendasein hin zum selbstständigen, unabhängigen Investmentberater, Finanzjongleur und Vermögensverwalter. Ein wohlvertrautes Vorhaben.
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So machte sich Epstein daran, seinen Armuts-Makel praktisch zu beseitigen; sich mit seiner mathematischen Kennerschaft als allen anderen Konkurrenten haushoch überlegen zu erweisen; damit beweisen, dass mit ihm zu rechnen sich allemal lohnt in der Kosten-Nutzen-Rechnung aller in der Machtelite Tätigen, vorzugsweise innerhalb der Wirtschafts- und Reichtumselite; und dieses ganze Unternehmen bekräftigt durch den für Alle weithin sichtbaren Willen, alles zu tun, um sehr schnell sehr reich zu werden: zum eigenen Nutzen und damit zum Nutzen aller. Was zwar nicht immer, aber im Prinzip schon aufgehen muss.
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Diesen Beweis anzutreten ist Epstein rundum gelungen, wie es einer seiner milliardenschweren, für Epsteins Karriere massgeblich entscheidenden Gönner über Epstein formuliert: „Er verarbeitet und entschlüsselt Informationen sehr schnell, was ich grossartig finde, weil wir dadurch kürzere Besprechungen haben.“ (Leslie Wexner, zit. nach Vanity Fair, The Talented Mr. Epstein)<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Diesem Urteil sollen sich alle nur irgendwie erreichbaren massgebliche Akteure allüberall anschliessen. Die Idee eines alle Anderen übertreffenden, einmaligen Netzwerkes war damit geboren: Das Epstein-Netzwerk.
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Es näher zu betrachten ist ähnlich eine "Reise in das Reich der Camorra" (Roberto Saviano, Gomorrha)<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>. Denn dieser Investmentberater und Vermögensverwalter versorgte mittels seines Netzwerkes und seiner Jahrzehnte währenden Bankentätigkeit und Vermögensverwaltung seine Kundschaft darüber hinaus mit einem ebenfalls über Jahrzehnte währenden Produkt ganz besonderer Art. Einem vertraulichem Produkt, das in jedem Fall einen "Berlin/Chinese Wall" benötigt. Auch dieses Produkt war ein nicht zu unterschätzender Schlüssel zum geschäftlichen Erfolg des Epstein Unternehmens.
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So hatte Epstein nur noch einen letzten Schlüssel zum Karriere-Erfolg sich anzueignen: das oberste sittlich-moralische Gebot, den kategorischen Imperativ der Welt der Wallstreet, der Welt der Investmentberatung und Vermögensverwaltung, der Welt der Banken- und Finanzgeschäfte musste er verinnerlichen. Nämlich, Geld ist nur dazu da, um sich als abstrakter, als rein quantitativer Reichtum, der sich wie von selbst vermehrt, zu vermehren. Diese ethisch-sittliche Maxime hat Epstein umstandslos sich zu eigen gemacht, entsprach sie doch ganz nahtlos seinem eigenen Selbstbild, Selbstbewusstein und Karriereziel.

<h3>Im Inneren des (imperialistischen..) Netzwerks und seiner Kundschaft</h3>

Um seine Überlegenheit gegenüber allen denkbaren Konkurrenten Seinesgleichen über Jahre und Jahrzehnte hinweg unumkehrbar, uneinholbar zu machen, wollte Epstein auch in Sachen Konkurrenz um strategische, gewinnbringende, massgeblich relevante Partnerschaften, um berechnende, herzliche, nicht zuletzt auch kumpanenhafte Freundlichkeiten und Freundschaften einmalig sein und sich als der Gerissenste und Fähigste erweisen. Zwar basierte auch Epsteins Netzwerk wie die bereits etablierten Netzwerke seiner Konkurrenten auf der Grundlage der wechselseitigen Gewinn- und Kosten-Nutzen-Rechung aller Beteiligten.
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Sein Netzwerk aber sollte das der Konkurrenten in Allem übertreffen. Dementsprechend knüpfte Epstein sein nationales, transatlantisches und globales Netzwerk nach dem Kriterium, solche Partner für sein Netzwerk zu gewinnen und in sein Netzwerk zu integrieren, zu denen die Konkurrenten keinen, noch keinen oder nur unzureichenden Zugang hatten. Ihm ging es darum, alles, aber auch alles, was ganz unzweifelhaft im Inneren der entsprechenden Macht- und Reichtumseliten garantiert Rang und Namen hat unter Einsatz seiner Karriere-Schlüssel zum Erfolg für sich zu gewinnen.
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Dieses Projekt umfasste, wie inzwischen allgemein bekannt, ranghöchste politischen Entscheidungs- und Verantwortungsträger (vgl. dazu: "The Epstein List: All the names revealed");<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> massgebliche Industriekapitäne aus der kapitalistischen Realwirtschaft und ihren erfolgreichen ökonomischen Global Playern; aus der Wirtschafts-, Banken- und Finanzelite: Finanzmagnaten, Investoren, (Gross-) Banken, Tech- und Multi-Milliardäre; anerkannte, renommierte, wissenschaftlich-universitäre Hochschul-Grössen; desgleichen standesgemässe Rechtsanwälte; in dem Ganzen miteingeschlossen Medien sowie sonstige adelige und künstlerisch-kulturelle Elitenanhängsel.
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Das Epstein-Netzwerk: Zwar für sich genommen ein eigenes Netzwerk; andererseits völlig integriert und aufgegangen in die real existierende "Macht- und Wirtschaftselite" der politökonomischen Konkurrenzhierarchie mit dem Staat und seinen "politischen Entscheidungs- und Verantwortungsträgern" als dem entscheidenden Subjekt, in dem "die Mittel der Information und der Macht zentralisiert sind." (C.Wright Mills)
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Um die Bande mit den massgeblichen Akteuren der Macht- und Wirtschaftselite zu knüpfen und praktisch zu beweisen, dass er der allen Anderen Überlegene in Sachen Reichtum, Investment, Reichtumsverwaltung, Gewinn und Gewinnspekulationen an der Wallstreet ist, tritt Epstein, angeregt durch die Topmanager der US-amerikanische Investmentbank Bear Stearns, mit seinem mathematischen Fachwissen bewaffnet bei Bear Stearns an. "Im März 2008 war The Bear Stearns Companies, Inc. (Bear Stearns) mit einer ausgewiesenen konsolidierten Bilanzsumme von fast 400 Milliarden US-Dollar eines der grössten Wertpapierunternehmen des Landes. Bear Stearns war in einer Vielzahl von Bereichen tätig, darunter Investmentbanking, Wertpapier- und Derivatehandel und -clearing, Maklerdienstleistungen sowie die Vergabe und Verbriefung von gewerblichen und privaten Hypothekendarlehen." (FED, Bear Stearns, JPMorgan Chase, December 1, 2010)<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>
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Dort profilierte er sich, machte sich von 1976–1981 einen Namen dort, verliess und musste Bear Stearns wegen gewisser Unregelmässigkeiten verlassen, wurde aber von Bear Stearns wieder als Kunde und Investment-Berater wieder aufgenommen mit dem Ergebnis:
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"Die Verbindungen und Referenzen, die er sich in der Firma erworben hatte, sollten sich als unverzichtbar erweisen, als er versuchte, Kunden und finanzielle Opfer anzulocken. Indem Bear Stearns Epstein eine zweite Chance gab, ebnete das Unternehmen ihm den Weg für eine Zukunft, die alles übertraf, was möglich gewesen wäre, wenn er bei der Firma geblieben wäre."<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>
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Bear Stearns zu verlassen, um nie wieder nur ein Angestellter zu sein, das entsprach auch ganz Epsteins Lebensmotto: "Ich möchte nicht für jemand anderen arbeiten. Ich möchte für mich arbeiten." (Jeffrey Epstein)<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> So beschloss er, ein eigenes, erstes lukratives Wallstreet-Unternehmen auf die Beine zu stellen: "1982 gründete er seine eigene Firma – J Epstein and Co. Das Unternehmen verwaltete Vermögenswerte von Kunden im Wert von über 1 Mrd. US-Dollar (800 Mio. Pfund) und war ein sofortiger Erfolg." (Who was Jeffrey Epstein? BBC, 2 February 2026)<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a><p><em>Manfred Henle</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> C.Wright Mills, The Power Elite, Oxford Press, 1956: 3f.
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Karrieresprung - Jobprofil: Investmentbanker, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.karrieresprung.de/jobprofil/investmentbanker/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.karrieresprung.de/jobprofil/investmentbanker/</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Epstein Files, Feb 3, 2009, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.justice.gov/epstein/files/DataSet%209/EFTA00881133.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.justice.gov/epstein/files/DataSet%209/EFTA00881133.pdf</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> BBC, Why the rich and powerful couldn't say no to Epstein, 29 November 2025, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.bbc.com/news/articles/cy7v6xl4me8o" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bbc.com/news/articles/cy7v6xl4me8o</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> DW, Woher kam Jeffrey Epsteins Reichtum? 19.02.2026, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.dw.com/de/woher-kam-jeffrey-epsteins-reichtum/a-76031006" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.dw.com/de/woher-kam-jeffrey-epsteins-reichtum/a-76031006</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Vanity Fair The Talented Mr. Epstein March 1, 2003, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.vanityfair.com/news/2003/03/jeffrey-epstein-200303?srsltid=AfmBOopjOjMGzTV1qIPgnIEdJb5O3ytqrvfh3YN5I3-UZVZEnkFGNzZx" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.vanityfair.com/news/2003/03/jeffrey-epstein-200303?srsltid=AfmBOopjOjMGzTV1qIPgnIEdJb5O3ytqrvfh3YN5I3-UZVZEnkFGNzZx</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Roberto Saviano, Gomorrah, Reise in das Reich der Camorra, 2009
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Vgl. dazu: The Epstein List: All the names revealed before Trump and Bondi said there was nothing to see, 3 September 2025, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/epstein-files-list-trump-bondi-b2819340.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.independent.co.uk/news/world/americas/epstein-files-list-trump-bondi-b2819340.html</a> oder: There are many famous names in the Epstein files Feb 3, 2026, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://edition.cnn.com/2026/02/03/politics/epstein-files-musk-lutnick-branson-emails" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://edition.cnn.com/2026/02/03/politics/epstein-files-musk-lutnick-branson-emails</a> empfehlenswert auch: What Are the Epstein Files? A Timeline, Mar. 3, 2026, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.britannica.com/topic/The-Epstein-Files-A-Timeline/2026-Contempt-delays-and-more-documents" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.britannica.com/topic/The-Epstein-Files-A-Timeline/2026-Contempt-delays-and-more-documents</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> FED, Bear Stearns, JPMorgan Chase, December 1, 2010, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.federalreserve.gov/regreform/reform-bearstearns.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.federalreserve.gov/regreform/reform-bearstearns.htm</a>
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Scams, Schemes, Ruthless Cons: The Untold Story of How Jeffrey Epstein Got Rich, 16.12.2025, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.nytimes.com/2025/12/16/magazine/jeffrey-epstein-money-scams-investigation.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nytimes.com/2025/12/16/magazine/jeffrey-epstein-money-scams-investigation.html</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> Jeffrey Epstein, zit. nach: The Talented Mr. Epstein, Vanity Fair, March 2003, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.vanityfair.com/news/2003/03/jeffrey-epstein-200303?srsltid=AfmBOopjOjMGzTV1qIPgnIEdJb5O3ytqrvfh3YN5I3-UZVZEnkFGNzZx" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.vanityfair.com/news/2003/03/jeffrey-epstein-200303?srsltid=AfmBOopjOjMGzTV1qIPgnIEdJb5O3ytqrvfh3YN5I3-UZVZEnkFGNzZx</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Who was Jeffrey Epstein? The disgraced financier with powerful associates, BBC, 2 February 2026, unter: <a class="fussnoten_links" href="https://www.bbc.com/news/articles/c93n7yg47deo" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bbc.com/news/articles/c93n7yg47deo</a></small>]]></description>
<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 12:47:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/nordamerika/jeffrey-epsteins-welt-teil-1-im-inneren-des-netzwerks-und-seiner-kundschaft-009579.html</guid>
</item>

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<title><![CDATA[Der Einsatz von KI-Systemen zur Zielbestimmung für die Kriegsmaschine der USA]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/digital/software/der-einsatz-von-ki-systemen-zur-zielbestimmung-fuer-die-kriegsmaschine-der-usa-009578.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Könnte der US-Angriff auf den Iran das erste grosse KI-Kriegsverbrechen zur Folge gehabt haben?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Shajareh_Tayyebeh_school_in_Minab_photos_from_Mehr_(3)_w.webp><p><small>Bombardment einer Schule (Shajareh Tayyebeh) in Minab, Iran, 28. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shajareh_Tayyebeh_school_in_Minab_photos_from_Mehr_(3).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abbas Zakeri</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Tausend Ziele in 24 Stunden! Das, was Jeff Bezos nach seinem letzten Kahlschlag von der Redaktion der Washington Post (WaPo) übrig liess,<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> berichtete am 04. März 2026 von dem ungeheuren militärischen Erfolg, den die Anwendung von KI-Systemen in der Kriegsführung mit sich bringt.<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Der Angriff auf den Iran stelle die „erste grosse Kriegsoperation“ dar, in der das Pentagon umfassend KI-gestützte Plattformen verwende, so die WaPo.
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Im Einsatz befinden sich zwei miteinander verwobene Systeme: Palantir stelle das Maven Smart System zur Verfügung, das eine „erstaunliche Menge klassifizierter Daten von Satelliten, Überwachung und anderer nachrichtendienstlicher Quellen“ in Echtzeit auswerten kann, um Ziele zu erfassen und zu priorisieren. Hierbei kommt das KI-Tool Claude des Unternehmens Anthropic zum Einsatz.
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Marven und Claude haben in der Planungsphase des Krieges binnen kürzester Zeit „Hunderte von Zielen“ vorgeschlagen, erläuterte die WaPo unter Verweis auf Insiderinformationen, hierbei seien von den KI-gestützten Informationssystemen auch „präzise Koordinaten“ geliefert worden. Die wochenlange Planungszeit einer Militärkampagne sei in eine „Echtzeit-Operation“ transformiert worden.
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Das mit Claude verwobene Maven-System wurde ab 2024 in die Militärmaschine des Pentagons integriert, wobei die Trump-Administration dessen Einsatz rasch verallgemeinerte, sodass inzwischen rund 20 000 US-Militärangehörige zugriff hierauf haben. Neben der Zielfindung dient es auch der Logistiküberwachung und Aufklärungsauswertung.
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Dabei ist nicht nur die Zeitverkürzung in der Planungsphase wichtig. Die Reaktionszeit während des Krieges ist ebenfalls ein entscheidender Faktor. Das komplexe KI-System des Pentagons erlaubt es der Militärmaschine der Vereinigten Staaten, sehr schnell auf Entwicklungen zu reagieren. Je schneller das Militär auf die Lokalisierung und exakte Identifizierung eines potenziellen Ziels mit dem entsprechend kalibrierten Angriff reagieren kann, desto effizienter kann das militärische Potenzial der Gegenseite reduziert werden. Die gesamte Entscheidungskette kann enorm reduziert werden, es liesse sich von einer „Killtime“ sprechen, die durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz auch bei einer umfassenden Bombardierung mit Hunderten von Zielen im Iran massiv reduziert werden konnte.
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Der KI-gestützte Echtzeitkrieg scheint nahezu erreicht. Maven stelle einen „Paradigmenwechsel“ dar, so ein Sicherheitsexperte gegenüber der WaPO, da die KI nun „das US-Militär in die Lage versetzt, Zielpakete mit Maschinengeschwindigkeit zu entwickeln, anstatt mit menschlicher Geschwindigkeit“. Es gebe aber auch „Nachteile“, da die KI Fehler mache, weshalb „wir Menschen brauchen, die den Output der generativen KI überprüfen, wenn es um Fragen von Tod und Leben geht“.

<h3>Massenmörderische Halluzination?</h3>

Tausend Ziele in 24 Stunden. Und dann sind da mehr als 100 Kinderleichen in der bombardierten Mädchenschule im südiranischen Minab, die am Samstag, dem 28. Februar, bei einem Luftangriff getötet wurden.<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Der 28. Februar – das ist eben jener erste Tag des Krieges, an dem die KI-Systeme des Pentagons der US-Kriegsmaschine binnen kürzester Zeit mehr als tausend Ziele liefern konnten, wie die WaPo stolz betonte. Die Schule befand sich in unmittelbarer Nähe einer Basis der iranischen Revolutionsgarden, sie war von dieser durch einen Zaun getrennt.
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Auf Bildern kommerzieller Satelliten, die von US-Medien ausgewertet worden sind,<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> ist aber eindeutig zu sehen, es sich nicht um „Kollateralschäden“ handelt. Das Gebäude der Schule ist direkt, präzise getroffen worden. Insgesamt sind sieben Einschläge auf dem Komplex identifizierbar, wobei auch eine Klinik getroffen worden ist, die ebenfalls durch eine Mauer vom Gelände der Militärbasis getrennt war.
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Nach Medieneinsätzungen könnte die Ursache dieses Kriegsverbrechens in „veralteten Daten“ zu finden sein.<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Das gesamte Areal war zuvor von den iranischen Revolutionsgarden genutzt worden, die Schule wurde „zwischen 2013 und 2016“ eingerichtet und abgetrennt, die Klinik zwischen 2022 und 2022. Die Zielbestimmung des US-Militärs wäre demnach aufgrund einer sehr alten Datenlage erfolgt.
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Nach dem besagten Bericht der WaPo ist auch klar, „wer“ hierfür höchstwahrscheinlich verantwortlich war: Maven samt Claude waren für die Zielbestimmung zuständig, wobei zwei Optionen in Frage kommen: Erstens könnte das Pentagon tatsächlich mit veralteten, mehr als zehnjährigen Material arbeiten. Oder, zweitens, es handelte sich bei der Designierung der Schule zum Ziel um eine jener „Halluzinationen“, zu denen alle Grossen Sprachmodelle (LLM) wie Claude zwangsläufig tendieren.
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Alle LLMs arbeiten mit statistischen Wahrscheinlichkeiten, die im Laufe ihres Trainings eingeschliffen werden, es sind faktisch mit ungeheurem Rechenkapazitäten operierende Autovervollständigung-Lösungen. Und, wie wahrscheinlich ist es, dass neben einer Marinebasis der iranischen Revolutionsgarde sich eine Mädchenschule Befindet?
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Unabhängig von der konkreten Fehlerursache,<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> wirft dieser Vorfall ein bezeichnendes Licht auf die Überprüfung der KI-generierten Ziele durch konkrete Menschen, die Pentagon-Insider gegenüber der WaPo erwähnten. Der Druck, möglichst rasch möglichst viele Ziele zu liefern, um beim Kriegsbeginn den gewünschten Effekt des „Shock and awe“ zu erzielen,<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> dürfte enorm gewesen sein.
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Entsprechend oberflächlich würde dann die Überprüfung ablaufen. Zumal es sich bei Pete Hegseth, dem gegenwärtigen Chef des Pentagons, um einen astreinen Faschisten handelt (ähnlich Stephen Miller<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>), der eine auf Entmenschlichung zielende Rhetorik<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> absondert – und der gezielt die Sicherheitsmassnahmen, Einsatzregeln und Protokolle des Pentagons untergräbt.<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>
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Der Konflikt zwischen dem Pentagon und Anthropic, den Machern von Claude, eskalierte nur wenige Tage vor Kriegsbeginn.<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> Vollautonome Kampfsysteme und Massenüberwachung von US-Bürgern bildeten die offiziellen Streitpunkte. Es ist überdies gut möglich, dass dem KI-Startup dämmerte, wozu das System missbraucht werden wird, auch wenn bislang letztendlich ein Mensch am Drücker sitzt. Rein formell schlägt die KI nur die Ziele vor, die angegriffen werden sollen, ein Mensch muss (noch) auf den Knopf drücken.
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Diese Formalie bildet auch das Schlupfloch, das den Einsatz von KI-Systemen zur Zielbestimmung für die Kriegsmaschine der USA ermöglicht. Vollautonome Terminatoren-Systeme nur eine Frage der Zeit. Die Designierung von Anthropic als Sicherheitsrisiko durch das Pentagon und der sofortige Abschluss von Verträgen mit OpenAI und Musks Grok illustrieren bereits, dass hier schnell die letzten Hürden fallen werden, sobald die technischen Voraussetzungen für autonome KI-Waffensysteme gegeben sind.<p><em>Tomasz Konicz</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.theguardian.com/media/2026/feb/04/washington-post-layoffs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.theguardian.com/media/2026/feb/04/washington-post-layoffs</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.washingtonpost.com/technology/2026/03/04/anthropic-ai-iran-campaign/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.washingtonpost.com/technology/2026/03/04/anthropic-ai-iran-campaign/</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.theguardian.com/global-development/2026/mar/03/minab-school-bombing-how-the-worst-mass-casualty-event-of-the-iran-war-unfolded-a-visual-guide" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.theguardian.com/global-development/2026/mar/03/minab-school-bombing-how-the-worst-mass-casualty-event-of-the-iran-war-unfolded-a-visual-guide</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.npr.org/2026/03/04/nx-s1-5735801/satellite-imagery-shows-strike-that-destroyed-iranian-school-was-more-extensive-than-first-reported" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.npr.org/2026/03/04/nx-s1-5735801/satellite-imagery-shows-strike-that-destroyed-iranian-school-was-more-extensive-than-first-reported</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.npr.org/2026/03/04/nx-s1-5735801/satellite-imagery-shows-strike-that-destroyed-iranian-school-was-more-extensive-than-first-reported" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.npr.org/2026/03/04/nx-s1-5735801/satellite-imagery-shows-strike-that-destroyed-iranian-school-was-more-extensive-than-first-reported</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>   Dass die USA Mädchenschulen absichtlich bombardieren, während sie zugleich die Bevölkerung zum Aufstand gegen das Regime verleiten wollen, ist äusserst unwahrscheinlich
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shock_and_awe" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://en.wikipedia.org/wiki/Shock_and_awe</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/Acyn/status/2029182895013916898" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/Acyn/status/2029182895013916898</a>
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/Acyn/status/2028459380132446599" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/Acyn/status/2028459380132446599</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/03/04/neue-oligarchische-realitaet/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/03/04/neue-oligarchische-realitaet/</a>
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Ich finanziere meine journalistische Tätigkeit grösstenteils durch Spenden. Falls Ihnen meine Texte zusagen, dann können Sie sich gerne daran beteiligen – entweder über <a class="fussnoten_links" href="https://www.patreon.com/user?u=57464083" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, oder durch direkte Banküberweisung nach Absprache per Mail.</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 10:42:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Warum Deutschland und die E3 auf Krieg setzen: Kampf um die Vormacht]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/warum-deutschland-und-die-e3-auf-krieg-setzen-kampf-um-die-vormacht-009574.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Gewalt war schon immer Voraussetzung und Absicherung für das weltweit ausgreifende kapitalistische Geschäft. Nun fehlt Deutschland und der EU die militärische Rückendeckung der USA.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2CR_Joint_Small_Arms_Training_(9518954)_w.webp><p><small>Deutsche Bundeswehr Soldaten beim Schiesstrainig auf dem Übungsgelände Grafenwöhr, 10. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2CR_Joint_Small_Arms_Training_(9518954).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Faleilelagi Lulu</a> (PD)</small><p>52 Prozent der deutschen Bevölkerung glauben laut Bild-Zeitungsumfrage, dass „Putin“ „uns“ in den nächsten Jahren angreifen wird – was immer sie sich darunter vorstellen: ihr Haus mit Vorgarten oder ihre „bunte Lebensart“ mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Mülltrennen und korrektem Gendern. In der nationalen Öffentlichkeit hat man sich viel Mühe gegeben, damit die Menschen sich die anstehende Kriegsfrage so vorstellen und ihr eigenes kleines Leben mit dem verwechseln, um was es in der Konkurrenz der Staaten geht – mit Erfolg.
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Lassen wir die Welt der Vorstellungen und Feindbilder einmal beiseite und konzentrieren uns auf die reale Seite. Denn es ist ja offensichtlich: Deutschland setzt auf Krieg, stellt Hunderte von Milliarden für Aufrüstung und den nötigen Umbau der Infrastruktur zur Verfügung, führt die Wehrpflicht wieder ein und macht auch geistig mobil. Warum aber will die deutsche Regierung das Land in ganz neuer Art und Weise „kriegstüchtig“ zu machen und warum hält sie einen Krieg gegen Russland für prinzipiell unumgänglich, selbst wenn gerade ein paar neue Töne in dieser Frage zu vernehmen sind? Und nicht nur Deutschland agiert so – wichtige EU-Staaten und auch Grossbritannien sehen das genauso.

<h3>Im Gedränge der Staaten</h3>

Um deren aktuelle Kalkulationen zu verstehen, sind ein paar allgemeine Überlegungen zur Aussen- und Sicherheitspolitik nützlich. In Deutschland lautet der Eid des Regierungschefs darauf, „das Wohl des deutschen Volkes zu mehren“. Man kann einmal fragen, was damit gemeint ist: Dass die Bevölkerung möglichst wenig arbeiten muss, viel Freizeit hat und es schöne Schwimmbäder, Radwege, gute Rockkonzerte gibt? Oder wenigstens – wenn auch weniger lustig –, dass alle über sichere Einkommen durch Arbeitsplätze verfügen und sich auf anständige Krankenhäuser und Altenpflege verlassen können?
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Jeder, der in einer Marktwirtschaft gross wird, weiss: Das sind nicht die Parameter, die das Wohl des deutschen Volks anzeigen. Statt dessen gibt es eine entscheidende Zahl: Um wieviel Prozent wächst die deutsche Wirtschaft. Zweck des deutschen Staats (wie übrigens aller modernen Staaten bis auf vernachlässigbare Ausnahmen) ist: Wachstum! Das ist keine Einbildung von VWLern oder sonstigen Apologeten, sondern das ist in marktwirtschaftlich verfassten, kapitalistischen Gesellschaften tatsächlich so. Von einem erfolgreichen Wirtschaftswachstum hängt alles ab! Zunächst natürlich die Profite der Unternehmen; aber auch das Leben der Bevölkerung ist davon abhängig gemacht: wenn kein Wachstum, sieht alles mies aus – die Arbeitsplätze ebenso wie die Sozialgelder, obwohl die genau dann natürlich am dringendsten gebraucht werden. Und nicht zuletzt die Macht der Staaten, die ihre Einnahmen daraus beziehen, dass sie vom erfolgreichen Wirtschaften auf ihrem Territorium partizipieren – über Steuern und der darauf basierenden Verschuldung.
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Dieses Wachstum wird ganz wesentlich auch über die nationalen Grenzen hinaus erwirtschaftet, denn jeder Staat (gleichgültig wie gross er ist und über wieviel Bevölkerung er verfügt) ist für die Verwertungsbedürfnisse seines Kapitals zu klein – schliesslich sind diese Verwertungsbedürfnisse masslos und grenzenlos (wie Marx richtig festgestellt hat). Die ökonomische Konkurrenz der Unternehmen findet deshalb inzwischen – nachdem die exklusiven Zonen der Kolonien aufgelöst wurden und die realsozialistischen Staaten ihre zuvor geschlossenen Wirtschaften geöffnet haben – global statt: Die gesamte Erde wird dafür benutzt, kein Fleckchen, es mag noch so weit abgelegen sein, ist uninteressant. Verwertbare Rohstoffe aufzuspüren, Märkte für die eigenen Waren in Anspruch nehmen, billige Arbeitskräfte ausnutzen usw. – darin besteht das Alltagsgeschäft der weltweit agierenden Firmen und Konzerne.
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Allerdings: Überall gibt es Staaten – Staaten, die das Verfügungsrecht über Land und Leute haben. Der nationale Nutzen hängt insofern davon ab, wieviel Einfluss, wie viel Erpressungsmacht der eigene Staat gegenüber seinen Kollegen auf der Welt besitzt, um für seine Unternehmer annehmliche Bedingungen auszuhandeln, mit denen die dann ihr segensreiches Wirken überall auf der Welt vollziehen können.
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Es ist also kein „Grössenwahn“ und auch kein schlechter Charakterzug der jeweiligen nationalen Führer, dass Staaten andere Staaten nötigen, erpressen, günstige Bedingungen für ihre jeweiligen nationalen Kapitale durchsetzen – das ist vielmehr die notwendige (tages-)politische Begleitung der ökonomischen Konkurrenz.<br>
Die Zollpolitik von Donald Trump bietet zurzeit ein schönes Anschauungsbeispiel dafür; an ihr kann man sehen, wie sämtliche Abhängigkeiten, ökonomische wie politische, ausgenutzt werden, um dem US-Kapital wieder bessere Bedingungen auf der Welt zu verschaffen, nachdem es durch seine Konkurrenz aus der EU und China ins Hintertreffen geraten ist.
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Halten wir als kurzes Zwischenfazit fest: Das ist die friedliche (!) Welt des Handelns. Und natürlich ist bereits in ihr zu sehen, dass diese ökonomische Konkurrenz eine Welt voller harter Gegensätze ist. Der Grund: Der internationale Kapitalismus ist – ganz entgegen seiner Ideologie – kein win-win, kein gegenseitiger Vorteil, sondern da wollen sich Staaten mittels ihrer global player aneinander bereichern und, zumindest letztlich, ist der Gewinn des einen der Verlust des anderen.<br>
Geschäft und Gewalt<br>
Militärische Mittel sind deshalb tatsächlich die ultima ratio, die letzte „Vernunft“, dieses Geschäfts – die Notwendigkeit für die harten Gewaltmittel entspringt aus diesem angeblich „friedlichen“ Geschäft und seinen Gegensätzen. Insofern ist der bekannte Spruch „Solange Handel getrieben wird, wird nicht geschossen.“ nicht richtig, denn eigentlich muss es heissen: „Weil Handel getrieben wird, wird auch irgendwann geschossen.“ Zur ökonomischen Konkurrenz tritt deshalb eine geostrategische, eine Konkurrenz um Einfluss-Sphären, Machtbefugnisse, Bündnisse.
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Den USA als führender Macht der westlichen Staaten ist es nach 1945, also dem letzten Weltkrieg, gelungen, eine „regelbasierte Weltordnung“ durchzusetzen, die für sie als produktivster kapitalistischer Staat nützlich war: Alle Staaten mussten sich letztlich der Freiheit des Welthandels öffnen und diejenigen, die mit den Ergebnissen des Weltmarkts unzufrieden waren, an Alternativen dachten oder beim Verfolgen des nationalen Nutzens den USA, pardon: der Weltordnung in die Quere kamen, wurden und werden militärisch bedroht (Vietnam, die Sowjetunion und ihr Block, Irak, Iran, Libyen, Venezuela usw.).
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Ganz allgemein wissen alle Staaten und ihre Funktionäre, die Politiker, um den Zusammenhang von Geschäft und Gewalt. Schon im schönsten Frieden und noch bevor irgendein konkreter Feind feststeht, rüsten sie auf. Dabei rüsten sie alle selbstverständlich nur zu ihrer Verteidigung auf – nicht sie, sondern nur die anderen sind potenziell unfriedlich, bedrohend. Das ist logisch betrachtet zwar Unfug, weil eine grosse Tautologie, ein Zirkel. Allerdings ist auch ein Stück daran wahr: In der Tat verteidigt jede Nation ihre Interessen – die allerdings sind ziemlich ausgreifend und stehen im Gegensatz zu den Interessen vieler anderer Staaten. Dabei gilt ein interessantes Gesetz: je reicher eine Nation, je mächtiger sie bereits ist, desto mehr hat sie zu verteidigen... am Ende eben die ganze Weltordnung, aus der sie ihren Reichtum und ihre Macht bezieht...
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Staaten haben also aus den dargelegten Gründen Armeen und bestellen sich Waffen – sie sind die Subjekte (nicht die der „militärisch-industrielle Komplex“, wie viele meinen). Auch in diesem Punkt verfahren sie nicht so, weil sie „wahnsinnig“ oder vom Rüstungskapital bestochen sind, sondern weil sie den Zusammenhang von Geschäft und Gewalt verstanden haben. Eine so potente kapitalistische Exportnation wie Deutschland muss – das ist ein logisches und kein legitimatorisches „muss“ – ihr weltweit ausgreifendes Geschäft tatsächlich militärisch absichern können. Das ist ein notwendiger Zusammenhang und wer den Frieden des kapitalistischen Deutschland nicht kritisieren will, der soll von seinem Militarismus lieber schweigen (um es angelehnt an Horkheimer zu sagen).

<h3>Die deutsche EU</h3>

Nun zu den aktuellen politischen Beschlüssen, Deutschland und die EU für einen Krieg gegen Russland kriegstüchtig zu machen.<br>
Die deutschen Regierungen konnten sich für die Absicherung des weltweit ausgreifenden Geschäfts deutscher Unternehmen in den letzten Jahrzehnten massiv auf die politische und militärische Allianz mit den USA stützen.
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Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, dass die Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg gegen den Willen Englands und Frankreichs erneut zur Konkurrenz der kapitalistischen Nationen zugelassen wurde, weil die USA einen deutschen Beitrag zu ihrer Roll back- und Eindämmungspolitik gegen die Sowjetunion wollten. Wegen seiner Funktion als Frontstaat und damit wichtiger Teil der Nato wurde dem Kriegsverlierer schon 1955, also nur zehn Jahre nach dem Ende des Kriegs, wieder der Aufbau einer Armee erlaubt, die gut bewaffnet sein sollte. Westdeutschland wurde damals gewissermassen für das gerüstet, was die Ukraine heute ist – und die Mittel dafür sollte das Land selbst erwirtschaften können, weshalb es per Marshall-Plan industriell wieder aufgepäppelt wurde.
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Nach dem Kalten Krieg und dem Zusammenbruch der Sowjetunion, bei dem Westdeutschland die DDR zurückgewonnen hatte, senkten die deutschen Regierungen die Ausgaben für die Rüstung, die vorher bei 5 Prozent des BIP gelegen hatten, rapide ab und verwandelten die Bundeswehr in eine wesentlich „schlankere“ Interventionsarmee. Für die „Weltordnungskriege“ der folgenden Jahrzehnte, bei denen Deutschland militärisch mitmischte und global Präsenz zeigte, erschien das einerseits die passende gewaltmässige Untermauerung der deutschen Ansprüche; andererseits ersparte sich der deutsche Staat auf Kosten der US-Vormacht so einiges an Geldern, die er in die Förderung seines Standorts stecken konnte.
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Allerdings hatte diese deutsche Methode auch einen Pferdefuss. Schliesslich beruhte das globale Auftreten der Bundeswehr auf der festen Allianz mit den USA im Rahmen der Nato – so dass die deutschen Ansprüche oder Einfluss-Vorstellungen auf der Welt gewissermassen immer ein Stück grösser waren als ihre reale Grundlage. Vom deutschen Standpunkt aus war insofern schon eine ganze Weile klar, dass auf Dauer eine gewisse Emanzipation vom „amerikanischen Freund“ stattfinden muss, damit Deutschland / die deutsche EU in der Konkurrenz der Staaten weiter vorankommen und ihre Interessen tatsächlich souverän zur Geltung bringen können. Ein erster Versuch wurde auf der ökonomischen Ebene mit dem Euro gestartet. Weil sie ein wesentliches Mittel der US-Dominanz auf der Welt in der besonderen Stellung des Dollar erkannt hatten, wollten die EU-Staaten – deren nationale Währung dafür quantitativ jeweils zu klein war – dem us-amerikanischen Weltgeld durch die Einführung einer Gemeinschaftswährung Konkurrenz machen.
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Umgekehrt haben die USA bemerkt, dass ihnen – neben den Chinesen – auch die deutsche EU zunehmend als Konkurrent beim Geschäftemachen in dieser schönen Welt in die Quere kommt. Eine EU, die gleichzeitig davon zehrt, dass die USA militärisch die „Drecksarbeit“ machen (wie es Merz nennen würde) und dafür einen gigantischen Rüstungshaushalt für ihre Gewaltmittel unterhalten. Darüber beschweren sich US-Politiker seit Jahrzehnten; Trump ist der Regierungschef, der diesen Ärger jetzt radikal umsetzt.
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Er wendet sich ökonomisch gegen das „unfaire“ Verhalten der EU-Zollunion, die sich als Binnenmarkt gegen aussen abschottet und damit stärkt – eine Politik, die die USA während des Kalten Kriegs zugelassen hatten, um starke europäische Alliierte gegen die Sowjetunion zu haben. Diesen Grund kennen die USA heute nicht mehr; deshalb schädigen sie mit ihrer Zollpolitik die europäischen Exporteure und wollen ihren Kapitalen erneut zu mehr Erfolg verhelfen. Gleichzeitig stellen sie ihre militärische Rückendeckung für dieses Europa in Frage, werfen den Europäern vor, dass sie die gemeinsamen Werte verraten haben und stufen die EU in ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie  eher als Feind denn als Freund ein.

<h3>Kampf um die Vormacht</h3>

Die Neudefinition vom „Partner zum Problemraum“ trifft Deutschland und die EU mitten in einem europäischen Krieg, den die USA selbst heftig mit angefeuert haben.<br>
Die USA haben sowohl den Euromaidan wie den anschliessenden Staatsstreich diplomatisch und finanziell unterstützt (mit 5 Milliarden nach Aussagen der damaligen Staatssekretärin Victoria Nuland). Zwischen 2014 und 2022 haben sie die ukrainische Armee massiv aufgerüstet (68 Milliarden US-Dollar); die Rand Corporation, eine der wichtigsten Denkfabriken der USA, definierte die Ukraine als „grösste externe Verwundbarkeit Russlands“. Ende 2021 lehnten die USA alle russischen Bedenken gegen eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ab.
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Der Krieg, der seitdem auf dem Boden und mit dem menschlichen Personal der Ukraine ausgefochten wird, hatte von westlicher Seite aus den Zweck, Russland als Militärmacht eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, es mit Sanktionen wirtschaftlich zu ruinieren (Baerbock) und – wenn möglich ¬– einen erneuten Zerfallsprozess dieses für den Geschmack der westlichen Staaten immer noch zu grossen und mächtigen Landes einzuleiten.
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Nach fast vier Kriegsjahren ist allerdings festzustellen, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde und – wenn der Krieg weiter auf derselben Ebene geführt wird, d.h. ohne Atomwaffen – auch nicht zu erreichen ist. Russlands Militärmacht ist nicht geschwächt, eher gestärkt; sein Bündnis mit China stabil. Auch die russische Wirtschaft erweist sich trotz Schädigung durch Sanktionen als ziemlich resistent. Die USA haben unter Trump agesichts dieser Lage den Schluss gezogen, dass dieser Krieg ihnen nichts weiter bringt – nicht aus Friedensliebe, sondern weil sie wichtigere Auseinandersetzungen führen wollen, vor allem gegen China und – dafür – jetzt anscheinend erst einmal in Südamerika, wo sich die Volksrepublik mitten im us-amerikanischen „Hinterhof“ bereits ziemlich breit gemacht hat. Trump hat die Ukraine zu Verträgen über Rohstoffe gezwungen, die den USA ihre Kriegskosten ersetzen sollen, will sich mit Putin verständigen und düpiert damit die Führungsmächte in Westeuropa.
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Denn die – Deutschland, Frankreich und England, die sich jetzt E3 nennen – können und wollen sich im Unterschied zu den USA eine Anerkennung des Siegs Russlands im Ukraine-Krieg keinesfalls leisten. Das würde ihren Anspruch zerstören, dass sie es sind, die in Europa das Sagen haben – was sie an dieser Stelle zu einer Koalition zusammenschweisst, obwohl Grossbritannien vor kurzem die EU verlassen hat. Wenn sich die behauptete, angemasste Macht der Staaten, in diesem Fall der E3, im praktischen Kräftemessen dieses Stellvertreterkriegs auf dem ukrainischen Schlachtfeld nicht als überlegen beweisen kann, dann ist damit wirklich etwas zerstört. Es zeigt sich dann nämlich praktisch, dass ihre Erpressungsmacht nicht so gross ist wie ihr Selbstbewusstsein – ihre Wirtschaftssanktionen, die, wie gesagt, „Russland ruinieren sollten“ werden von vielen Staaten auf der Welt einfach abgelehnt und das mindert ihre Wirkung; die westlichen Waffen – obwohl als „game changer“ beschworen – konnten den Vormarsch der russischen Armee nicht verhindern.
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Der Standpunkt der E3 angesichts dessen, dass Trump damit droht, sie mit diesem Krieg allein zu lassen, heisst: Eine Niederlage der Ukraine darf nicht sein – sonst wäre der eigene Vormachtanspruch auf dem europäischen Kontinent durch Russland praktisch in Frage gestellt bzw. bereits blamiert.
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Für die Öffentlichkeit wird das natürlich entsprechend verdolmetscht: Es dürfe keine gewaltsame Veränderung von Grenzen geben, sonst sei das Völkerrecht passé, heisst es – das sagen dieselben Staaten und ihre Medien, die mit dem völkerrechtswidrigen Nato-Krieg 1999 die Grenzen in Jugoslawien vor nicht einmal 30 Jahren sehr gewaltsam geändert haben. Aus dieser Doppelzüngigkeit kann man schliessen: Die westeuropäischen Staaten erheben den Anspruch, über die Frage von Krieg und Frieden bzw. Grenzziehungen auf dem europäischen Kontinent exklusiv zu entscheiden – Russland darf das nicht.
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Umgekehrt ist für die russische Seite die Neutralität der Ukraine – und damit die Existenz eines Puffers zur Nato – das entscheidende Kriegsziel. Dagegen wehren sich die E3 mit der Behauptung, jeder Staat müsse seine Bündnisse souverän wählen können. (Nebenbei: Egal, wie der Krieg letztlich ausgeht – ihre Souveränität hat die Ukraine mit Sicherheit verloren, denn die ist längst verpfändet an USA und EU.)

<h3>Interessen zurechtschiessen</h3>

Es geht also in diesem Krieg um die Frage, wer auf dem europäischen Kontinent seine Interessen behaupten kann; dafür lassen die E3 die Ukraine weiter kämpfen und bluten. Die Frage, ob sie die dominante Grossmacht in Europa sind, hängt für die westeuropäischen Führungsmächte offensichtlich alles und speziell für Deutschland so viel, dass es für diesen Zweck sogar eine direkte militärische Auseinandersetzung mit der Nuklearmacht Russland für unumgänglich hält, sollte die Ukraine nicht in diesem Sinne funktionieren.
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Einige Kritiker bezeichnen das als „Grössenwahn“ und verlangen die Rückkehr zu den Verhältnissen von gestern, wo sich Deutschland doch auch gewinnbringend mit Russland verständigen konnte. Das ist eine tatsächliche Alternative für Deutschland – um es mal so zu sagen. Der Kampf um die europäische Vorherrschaft ist allerdings auch kein „Wahn“, sondern eine logische Konsequenz daraus, dass ein „ökonomischer Riese“ wie Deutschland tatsächlich die militärische Fähigkeit braucht, sich die Welt für seine Interessen zurechtzuschiessen, wenn es drauf ankommt. Von diesem Gesichtspunkt aus ist Russland als souveräne militärische Grossmacht auf dem europäischen Kontinent ein nicht hinzunehmender Rivale. Möglicherweise ist dieser Krieg zugleich auch ein weiterer Versuch, die Führungsfrage in der EU zu entscheiden und einen echten (west)europäischen Grossstaat zu schmieden.<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>
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Für diesen Fight wird Deutschland jetzt also kriegstüchtig gemacht. Das läuft, wie schon eingangs erwähnt, als Musterung nicht nur der jungen Männer, sondern der gesamten Nation ab. Es ist nämlich ganz wesentlich, dass die Bürger diesem Programm zustimmen. Sie sollen schon jetzt materielle Opfer in Form höherer Preise und gekürzter Sozialleistungen hinnehmen – und wenn es hart kommt, noch erheblich mehr. Auch wenn sie natürlich mehrheitlich gute Patrioten sind, stolz auf Deutschland usw. – es ist doch ein ziemlicher Schritt vom Deutschlandfähnchen-Schwenken bei EM und WM zu einem Krieg inklusive Dienst im Schützengraben. Also muss entsprechend agitiert werden – in der Schule, in der Öffentlichkeit. Das sind ganz entscheidende Bestandteile der Herstellung von Wehrbereitschaft, da hat Boris Pistorius völlig Recht. Zum Glück stehen die deutschen Medien Gewehr bei Fuss und sind bereit, die Bevölkerung aus ihrem „pazifistischen Wolkenkuckucksheim“ zu holen (wie es der Spiegel ausdrückte).

<h3>Die Perspektive</h3>

Der deutsche Staat will seine Grossmachtansprüche auf dem europäischen Kontinent untermauern – auch um den Preis eines Weltkriegs. Dafür nimmt er seine gesamte Gesellschaft in Haftung. Menschen, die persönlich keinerlei Grund und Anlass haben, mit Russen um ihr Leben zu kämpfen, werden genau das demnächst tun. Das passende Feindbild dafür wird ihnen bereits geliefert.
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Anders gesagt: Ein kapitalistisch erfolgreicher Staat wie die Bundesrepublik Deutschland ist ohne die Übergänge in eine gewaltsame Absicherung seiner Akkumulationsbedingungen auf der Welt und deshalb ohne Auseinandersetzung mit seinen wichtigen Konkurrenten nicht zu haben. Kapitalismus, Staatenkonkurrenz und Krieg gehören zusammen.
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Wenn es auf Krieg zugeht, ist das wiederum nicht zu haben ohne die Zurichtung der gesamten Gesellschaft. Das macht einen robusten Umgang mit der vorher gepflegten „pluralistischen“ Öffentlichkeit nötig. Abweichende Positionen – und seien sie noch so konstruktiv – werden aussortiert und sanktioniert (übrigens ohne jeden Einspruch der „freien Presse“!). Demokratie und ihre Faschisierung in nationalen Krisensituationen gehören zusammen.<br>
Die staatlich verordnete Perspektive für die Bevölkerung ist: Verarmung, Rassismus und Krieg.
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Wer das nicht will, muss sich warm anziehen. Und sich sehr grundsätzlich mit den Machern und, nicht zu vergessen, Macherinnen anlegen. Diesem kriegsbereiten Staat mit Verweis auf seine eigenen schönen Werte wie „Freiheit“, „Selbstbestimmung“ oder ähnlichem zu kommen, funktioniert nicht – das sage ich in aller solidarischen Unterstützung in Richtung Schulstreik.
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Dieser demokratische Staat buchstabiert seinem Volk gerade vor, wie er diese Werte versteht: „Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit.“ (General Freuding im Juli 2025)<p><em>Renate Dillmann</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf</a></small>]]></description>
<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 08:23:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Werner Kreisel: Inselwelten]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/werner-kreisel-inselwelten-009308.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Insel-Metapher zieht sich in unterschiedlichen Facetten durch die menschliche Geschichte. Aber bringt es einen Erkenntnisgewinn, plötzlich überall Inseln zu sehen?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/werner-kreisel-inselwelten_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>An einem abgeschiedenen Ort sein – klar abgegrenzt von der übrigen Welt. Das meint Werner Kreisel, wenn er von Inseln spricht, auch wenn er das an keiner Stelle expliziert. Stattdessen behält er dies für sich, während er fragt: Warum faszinieren Inseln die Menschen? Wodurch zeichnet sich das Leben auf diesen aus? Wann wird „Insel“ wie als Metapher genutzt? Kreisel lädt ein zu einer wilden Reise durch Inselwelten.
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Dafür skizziert er die Geschichte einiger von auf Inseln liegenden Staaten ebenso wie kulturelle und technische Inseln, die sich entweder durch Besonderheiten wie Sprache und Ethnizität oder durch ein besonderes Know-How von der übrigen Welt abheben. Kreisel führt Romane wie Swifts „Gullivers Reisen“ an, in denen Inseln eine besondere Rolle spielen und vieles mehr. Diese Vielfalt in der Betrachtung ist allerdings das zentrale Problem des Buchs. So werden Inseln und „Inseln“ nebeneinander behandelt, die neben dem Begriff im jeweiligen Kontext äusserst wenig gemein haben: Die Geschichte eines Inselstaats könnte sich durchaus in einem Roman über das Inselleben spiegeln, aber die getroffene Auswahl zielt wohl nicht darauf ab. Selbst dort, wo Inseln in ihren ökonomischen Besonderheiten betrachtet werden, verzichtet Kreisel auf den Brückenschlag zu anderen Kapiteln, wie etwa der ersten Besiedlung der jeweiligen Inseln. Dem Autor gelingt es durchgängig nicht, die bestehende begriffliche Gemeinsamkeit (und die zum Teil bestehende inhaltliche) zum verbindenden Element herauszuarbeiten. Er geht von einer Vorstellung von Insel aus, die einem Reisekatalog entsprechen könnte, aber den Inseln und den Menschen, die auf ihnen leben oder diese machen, nicht gerecht wird. Vielmehr wird „Insel“ wiederholt als faszinierend, in unterschiedlicher Hinsicht isoliert und durch räumliche Besonderheiten wie die fehlenden Möglichkeiten zum Ausweichen von Problemen beschrieben. Abgesehen von der beim Autor unzweifelhaft bestehenden Faszination für alle Facetten des Inselbegriffs führen seine Ausführungen durch das Misslingen einer verbindenden Insel-Metapher seinen Versuch einer gegenstandsübergreifenden Beschreibung ad absurdum.

<h3>Einsame Inseln gesucht...</h3>

Kreisels geopolitische und historische Ausführungen machen zunächst deutlich, dass das Inselleben in Abschottung zur übrigen Welt die Ausnahme und nicht die Regel ist. Während der Autor etwa die „splendid isolation“ des viktorianischen Zeitalters (und ihre vermeintliche Wiederkehr im Brexit) betont und einen Rückzug aus der europäischen Aussenpolitik behauptet, erreichte das britische Empire seine grösste Ausdehnung und musste sich auch in Europa mit den anderen Grossmächten auseinandersetzen. Die Geschichte des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland – mit der der Autor sein Buch beginnt – ist also gerade keine der Selbstbezüglichkeit.
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Auch die Kolonialisierung Irlands wird so bearbeitet, dass es zur Erzählung von Inseln passt. So hätten die Iren sich dieser nicht entziehen können, weil eine Insel nur begrenzten Rückzugsraum biete. Möglicherweise zieht Kreisel hier jedoch einen aus seinem Inselbegriff gespeisten Fehlschluss. Beim Bleiben der Iren handelt es sich hierbei aber eher um eine Frage der Möglichkeit zur Migration, denn mit der grossen Hungersnot im 19. Jahrhundert erlebte Irland einen Massenexodus in die USA. Zudem kolonisierten die Briten nicht nur Inseln, sondern Territorien rund um den Globus und lediglich die Buren versuchten, sich dieser Landnahme durch Migration zu entziehen. Die Metapher ist so bereits zu Beginn des Buchs beschädigt.
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Die Argumentation ist auch in Hinblick auf „Inseln“ widersprüchlich. So zeichnen die genannten Inseln des Fortschritts und der Wissenschaft sich gerade durch ihr Bemühen aus, ihr Wissen oder die auf ihrem Wissen basierenden Produkte zu verbreiten. Das trifft sowohl auf das Silicon Valley mit dessen kapitalzentrierten Forschungsbemühungen zu, die ausschliesslich auf die Erschliessung neuer Absatzmärkte abzielen, als auch auf die angeführten mittelalterlichen Klöster. Das in diesen gesammelte Know-How wurde einerseits immer wieder durch weltliche Fürsten abgerufen; zudem strebten die Klöster mit der Missionstätigkeit danach, zumindest ihr theologisches Wissen zu verbreiten.

<h3>...und nicht gefunden</h3>

Die fehlende begriffliche Schärfe hätte vielleicht negativ hergestellt werden können, indem man betrachtet, was die Inseln umgibt – warum sie sich also als Metapher anbieten und in welchem Verhältnis dies zu ihrer geologischen Rolle steht. So steht der Autor vor dem selbst geschaffenen Problem, überall Inseln zu sehen – in puncto Stadtplanung kommen zu den Universitäten des Fortschritts noch die Inseln des Elends, die Inseln des Luxus und gegebenenfalls die Inseln der Diskriminierung hinzu. Die Metapher liesse sich sicherlich auch noch weiter dehnen – fraglich ist nur, was von der Stadt noch übrigbleibt, wenn sie nur aus Inseln bestünde, und was vom Insularen bleibt, wenn die Inseln von Inseln umgeben sind.
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So fasziniert der Autor also ganz offenbar selbst von Inseln in ihren unterschiedlichsten Facetten ist, schlägt sich dies sprachlich kaum nieder. Abgesehen von einigen eher unpassenden moralisierenden Kommentaren zum Beschriebenen liest sich dieses unaufgeregt wie eine Sammlung an Wikipedia-Artikeln. Vielleicht liegt dies daran, dass die Online-Enzyklopädie seine häufigste Quelle ist – geschenkt – aber so half auch der Stil nicht, mich als Leser anzusprechen. Womöglich hätte eine tatsächliche Verbindung zwischen Kreisels Inselwelten hier Abhilfe geleistet. Diese hätte Begeisterung darüber erzeugen können, welche sozialen, historischen, literarischen – vielleicht sogar kulturgeografischen – Dimensionen Inseln haben können.
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Werner Kreisel versucht letztlich, unterschiedlichste gesellschaftliche Verhältnisse und Erzeugnisse über verschiedene Epochen hinweg in eine Metapher zu zwingen. Da diese zugleich sein unausgesprochener Ausgangspunkt ist, scheitert er, denn anstelle der wirklichen Inseln – egal ob real oder fiktiv – bleibt ihm nur das Sammeln passender Anekdoten über Inseln. Seine Auswahl bleibt hochgradig selektiv und nicht immer nachvollziehbar – man kann ihm nicht einmal den Vorwurf machen, dass Beispiele herangezogen werden, um die eigene Betrachtungsweise zu untermauern. Sowohl sein Inselbegriff als auch dessen Bearbeitung bleiben damit leider willkürlich.<p><em>Alexander Maschke<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/kein-buch-fur-eine-einsame-insel" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Werner Kreisel: Inselwelten. Springer Berlin, Heidelberg 2023. 358 Seiten. ca. 29.00 SFr. ISBN: 978-3-662-66390-5.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 08 Mar 2026 08:23:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Christliche Kriegstheologie im Update]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/religion/christliche-kriegstheologie-im-update-009575.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Bislang galten in der BRD Besitz und Einsatz von Atomwaffen als politisches, völkerrechtliches und auch friedensethisches Tabu. Die Lage wandelt sich. Kriegstheologen helfen dabei, dass alle Hemmungen fallen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Evangelische_Kirche_in_Deutschland_-_panoramio_w.webp><p><small>Evangelische Kirche in Deutschland.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evangelische_Kirche_in_Deutschland_-_panoramio.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kl Aas</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Renate Dillmann hatte zuletzt die Frage „Braucht Deutschland die Atombombe?“ aufgeworfen und dazu die jüngsten militär- und rüstungspolitischen Fortschritte in der BRD aufgegriffen, die sich – in einem Land, das den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat – eigentlich per se verbieten müssten. Eine eigene „deutsche Bombe“ steht denn auch laut Bundeskanzler Merz – vorerst – nicht auf der politischen Agenda. Deutschland soll zunächst nach einer europäischen Lösung gemeinsam mit Franzosen und Briten suchen, obwohl Politiker und Politikexperten immer wieder zu bedenken geben, dass beide Kandidaten wegen ihrer nationalen Ambitionen für einen „europäischen Schutzschirm“ nicht in Frage kommen.
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In der politischen Klasse der BRD ist die Frage aber längst angekommen. Und die Leitmedien – etwa die FAZ – diskutieren ohne Hemmungen über die Notwendigkeiten, bei denen sich die Politik noch zurückhalten muss. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Eine Aufrüstung ohne Wenn und Aber, die alle Optionen der modernen Massenvernichtung einbezieht, erhält nicht nur medialen Feuerschutz, sondern (man höre und staune – oder auch nicht) Unterstützung aus der christlichen Friedensethik.
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Das Gewerkschaftsforum hat jüngst auf die einschlägigen Fortschritte der Kriegstheologie in Deutschland aufmerksam gemacht. Speziell die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat dabei mit ihrer neuen Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ einen Markstein gesetzt. Anlässlich dieser Entwicklung hier einige Hinweise auf oppositionellen friedensethischen und friedensbewegten Einspruch, der sich erfreulicherweise noch gegen solche Positionierungen zu Wort melden kann.

<h3>„Militärkirche“ hat Kriegstüchtigkeit im Blick</h3>

Peter Bürger von „Pax Christi“ hat zur EKD-Position im letzten Jahr 35 Stellungnahmen eingesammelt und bereits im Januar 2026 seine „Umdenkschrift“ vorgelegt. Eine Kritik an der evangelischen Schrift von Ex-Pfarrer Matthias-W. Engelke, die in Bürgers Band erschienen ist, hat jetzt auch die Zeitschrift der Friedensbewegung, FriedensForum, in ihrer Nr. 2/26 veröffentlicht, nachdem dort zunächst die friedensethischen Bemühungen des deutschen Protestantismus in etwas rosigem Licht erschienen waren. Mit den neuen Stellungnahmen wird der EKD, um es milde auszudrücken, kein gutes Zeugnis ausgestellt. „Die Kritik an der kirchlichen Obrigkeit will einfach nicht mehr verstummen“, so Bürger.
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Da die EKD „ziemlich getreu die aktuelle Militärdoktrin des Staates nachplappert“, zeige sich „so etwas wie ein lagerübergreifendes Unbehagen an der Staatsnähe des bürgerlichen Kirchenapparates“; speziell der sicherheitspolitische Teil der Denkschrift lese sich „wie eine militärkirchliche Dienstleistung für den Staat und scheint überhaupt der eigentliche Zweck bzw. Kern des ganzen Dokumentes zu sein“ (I, 13).
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Engelke, Mitglied in zahlreichen friedensethischen und -politischen Gremien, nimmt zur EKD-Denkschrift unter dem Titel „EKD – Auf dem Weg zur Militärkirche?“ Stellung. Er sieht die Gefahr, dass die Kirche ihr „Proprium“, im modernen Jargon: ihr „Alleinstellungsmerkmal“ aufgibt. Und das „zu einem Zeitpunkt, an dem offen davon gesprochen wird, dass sich Europa auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten muss und zu Weihnachten Tischdecken verkauft werden, mit Sternen und Panzern, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges... Täglich werden in der Ukraine Menschen für die Erhaltung von Staatsgrenzen geopfert und russischen Gegnern das Recht auf Leben abgesprochen.“ (I, 243)
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Die theologischen Defizite sind der Ausgangspunkt für Engelkes Argumentation, dann geht es um die fatalen Konsequenzen, z.B. die Abwertung der Kriegsdienstverweigerung (siehe Nr. 169 und 177 der Denkschrift), vor allem aber um die aktive Bestätigung und – im Grunde – Verschärfung des deutschen Hochrüstungskurses. Die Denkschrift folge ganz der nationalstaatlichen Logik, „in der die Drohung und Anwendung von Atomwaffen wieder plausibel (Nr. 145)“ erscheinen (I, 243).
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Engelke geht auch auf die sicherheitspolitische Legendenbildung ein, die sich die EKD-Oberen – in Übereinstimmung mit der selbstgerechten Deutung demokratischer Herrschaften – für ihren „gerechten Krieg“ leisten. Die Denkschrift vertritt z.B. die Auffassung, „dass jeder Einsatz von Gewalt und insbesondere jedes Töten eines anderen Menschen die sorgsame ethische Prüfung vor dem eigenen Gewissen erfordert“ (Nr. 170; vgl. 77). Die Realitätsferne dieses Idealismus greift Engelke an und erinnert an die Realität des Schlachtfelds und der Befehlsstrukturen. Wenn der Kriegsfall angeordnet ist, geht es „viel weniger um eine individuelle Reaktion auf Bedrohung des Lebens durch Waffengewalt, sondern um organisiertes staatliches Handeln. Dabei schränkt die Friedensschrift die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen de facto dort wieder ein, wo sie rechtfertigt, dass Staaten Menschen zu Zwangsdiensten verpflichten können“ (I, 244). Der Autor bleibt jedoch nicht nur bei der Klage, am Schluss ruft er dazu auf, dass Christen und Gemeinden zu einem Konvent zusammenkommen sollen, um gegen die Denkschrift ein eigenes Votum zu setzen.

<h3>Atomkrieg abgesegnet</h3>

In Bürgers Sammelband ist der Bogen der Beiträge weit gespannt. Es beginnt mit einem Kommentar der Journalistin Bascha Mika, die die „gefährliche Anbiederung an die Macht“ beklagt. Deutlich zeige sich dies „in der Haltung zu Atomwaffen. Hier eiert die Denkschrift atemberaubend herum, um irgendwie christlich und dennoch staatsloyal daherzukommen“ und dann am Schluss der atomaren Aufrüstung den kirchlichen Segen zu erteilen, indem realistisch mit dem Stand der heutigen Grossmachtkonkurrenz argumentiert wird. Woraus „statt Bewahrung der Schöpfung die mögliche Vernichtung der Welt als christliche Risikooption“ resultiere (I, 20).
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Bei diesem neuen Realismus ist ja vor allem bemerkenswert, dass mittlerweile die militärischen Mittel im Atomzeitalter, das kirchlicherseits bislang am Sinn von Kriegen zweifeln liess, als „politisch notwendig“ akzeptiert werden und sogar, wenn sich die nationale Führung entsprechend bedroht fühlt, laut EKD „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein“ kann. Darauf verweist in dem Band der Beitrag „Gegen die Propaganda einer christlichen Kriegstheologie“, der aus der gewerkschaftlichen Basisinitiative „Sagt NEIN!“ stammt (I, 174). Dem schliesst sich eine detaillierte Analyse von Karl-W. Koch an, der „vor allem die Fehlbewertung in der neuen Haltung zu den Atomwaffen“ aufgreift: „Warum hier in dieser Art ein ‚Kurswechsel' um 180° vollzogen wird, bleibt vermutlich allen informierten evangelischen Christen ein Rätsel“ (I, 177). Zu der Legitimation präventiver Massnahmen, also zur Klarstellung in Sachen Verteidigungsnotwendigkeit, heisst dann das Resümee: „Man kann hier herauslesen, dass bei weiter wachsender Bedrohung durch Russland ein atomarer Erstschlag (‚Enthauptungsschlag') denkbar und ... moralisch wie christlich zu verantworten wäre.“ (I, 185)
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Die EKD spricht damit übrigens eine Wahrheit aus, die in der Verbreitung der Abschreckungsideologie meist verloren geht, und bietet gleichzeitig schon das Rechtfertigungsmuster für einen Krieg, den Deutschland gegebenenfalls vom Zaun brechen wird. Abschreckung zielt ja auf die eigene Überlegenheit, die den Gegner militärisch handlungsunfähig machen soll, ihm einen Schaden androht, den er nicht verkraften kann und ihn so in die Schranken verweist. Was aber, wenn der Gegner ebenfalls rüstet, was das Zeug hält, um diese unterlegene Position nicht eintreten zu lassen? Dann ist es – so die kirchliche Lehre Anno Domini 2025 – durchaus legitim, einen Krieg „präventiv“ anzufangen, um den des Gegners zu verhindern. Und das Ganze nennt sich dann auch noch „Reaktion“.

<h3>Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist...</h3>

In dem Sammelband werden neben den sicherheitspolitischen Aspekten natürlich speziell die ethischen und theologischen Fragen aufgegriffen, wobei die Wortmeldungen aus einem breiten Spektrum stammen, nicht nur aus kirchlichen Initiativen und Gruppierungen, sondern auch aus Publizistik und Wissenschaft, aus der Friedensbewegung oder der gewerkschaftlichen Opposition. Abschliessend kommen hier bemerkenswerte Analysen zu Wort, so vom renommierten Friedensforscher Markus Weingardt, dessen Schlusswort lautet: Wenn die Kirche in der von der EKD beschworenen „Welt in Unordnung“ nicht mehr zu sagen hat als diese Denkschrift, „dann hat sie nichts mehr zu sagen. Sie macht sich überflüssig.“ (I, 277)
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Einen wichtigen Beitrag liefert auch Professor Egon Spiegel, bis 2022 Inhaber eines katholischen Lehrstuhls für Praktische Theologie und seitdem (sowas gibt's!) auf einem UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft in der Nanjing University, China, tätig. Spiegel nimmt beide christliche Konfessionen ins Visier. Die katholischen Christen in Deutschland durften sich ja schon früher (nämlich im Februar 2024) des Erhalts eines Friedenswortes rühmen: „Friede diesem Haus“ von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Für den Fachmann spielen da die theologischen Defizite (und die daraus folgende Tradition der Gewaltfreiheit, die grosszügig beiseite gelegt wird) eine besondere Rolle.
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Gemeinsam sei „beiden Verlautbarungen im Kern: ein bibeltheologisches Wegducken vor dem unmissverständlichen Gewaltverzichtspostulat Jesu“ sowie die Tatsache, „dass sie explizit vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zu verstehen sind und sich in ihrer wortreichen Positionierung durchweg dem politischen Mainstream andienen. Auch wenn beide Dokumente in einem kirchlichen Ambiente durch ein von ihrer Kirche ausgewähltes Team verfasst und von den Oberen sanktioniert wurden, hätten diese bis in die Details der Ausführungen ebenso gut im Verteidigungsministerium – vielleicht noch mit dem Segen des jeweiligen Militärbischofsamtes – abgefasst worden sein können. Auch dort wird ethisch abgewogen, aber auch nicht mehr, und am Ende das Eintreten in einen Krieg nicht ausgeschlossen und deshalb vorbereitet.“ (I, 248)

<h3>Die Diskussion geht weiter</h3>

Peter Bürger hat zu seiner Sammlung kritischer Stimmen jetzt eine Fortsetzung „Umdenkschrift II“ vorgelegt, wobei ein Schwerpunkt der Dokumentation die „skandalöse kirchliche Atombomben-Duldung in Deutschland“ ist, die ja in der Tat neue Massstäbe setzt. Burkhard Paetzold, der 1978-1989 Mitglied der „ad hoc-Gruppe Abrüstung“ im Referat Friedensfragen der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war, bemerkt in dem neuen Band zu den kriegstheologischen Fortschritten: „Atomwaffen zielen auf die glaubhafte Androhung massenhafter, unterschiedsloser Vernichtung von Menschen, Lebensgrundlagen und Zukunft... Die Logik nuklearer Abschreckung bindet das eigene Überleben an die Bereitschaft, im Ernstfall Unvorstellbares zu tun“ (II, 68; siehe auch Paetzolds Beitrag im Overton-Magazin). Das ist übrigens die entscheidende Leistung der Kirchenleute, die ja nicht über die materiellen und personellen Massnahmen der Aufrüstung zu entscheiden haben: Sie machen das Unvorstellbare wieder vorstellbar – als Tat christlichen Soldatentums, das im Vertrauen auf die staatliche Autorität seinen gottgewollten Dienst erfüllt.
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So steht z.B. der katholische Militärbischof Overbeck schon Gewehr bei Fuss und trägt seinen Teil zur moralischen Aufrüstung bei. E er „will die Militärseelsorge auf einen möglichen bewaffneten Konflikt mit Russland vorbereiten“. Wie er Ende Februar mitteilte, muss die katholische Militärseelsorge, falls es zu einem bewaffneten Konflikt kommt, eine seelsorgliche Begleitung von Soldatinnen und Soldaten während ihrer Einsätze und bei ihrer medizinischen Versorgung gewährleisten. „Um es deutlich zu formulieren: Es geht hier um die Begleitung von Einheiten im Kampf beziehungsweise im Einsatz sowie die Bereitstellung von Seelsorge für Verwundete und Sterbende“. Und dabei befindet sich der Mann ganz im Einklang mit den neusten friedensethischen Erkenntnissen, zu denen evangelische und katholische Lehrautoritäten gelangt sind.
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Die Theologen Günter Brakelmann und Arno Lohmann erinnern dagegen an die „Tatsache, dass es mächtige Minderheiten sind, die die Entscheidungen für einen Krieg treffen. Völker, auch demokratisch verfasste, haben bisher noch nie über Krieg und Frieden mit abgestimmt. – Kirche muss von ihren ethischen Kriterien her ohne Rücksicht auf die Regierenden und auf die öffentliche Meinung auf diese Zusammenhänge hinweisen.“ (II, 19) Das, was EKD und DBK aber seit dem deutschen Vorhaben zur „Wehrdienstmodernisierung“ verlauten lassen, geht erkennbar in die entgegengesetzte Richtung. Es ist eine einzige Rücksichtnahme auf die Ansagen und Planungen der Machthaber.
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Professor Spiegels Fazit zur neuesten christlichen Friedensethik lautet daher kurz und bündig: „Hofschreiberei“ (I, 248)! Sollte das das letzten Wort bleiben, bevor der nukleare Holocaust beginnt? Dass Thron und Altar zu ihrer altehrwürdigen Symbiose zurückgefunden haben, in Ewigkeit, Amen?<p><em>Johannes Schillo</em><p><small><b>Nachweise</b>
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I: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Eine Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 43, BoD – Books on Demand 2026. Siehe die Vorstellung im Overton-Magazin.
<br><br>
II: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Zweite Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 44, BoD – Books on Demand, 2026.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 12:45:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[„Zur Beruhigung“: Manchmal reicht ein kalter Krieg]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/zur-beruhigung-manchmal-reicht-ein-kalter-krieg-009573.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Deutschlands mutiger Vorstoss anno 1939, „ab fünf Uhr früh zurückzuschiessen“ und in Europa Ordnung zu schaffen, ging ziemlich in die Hose.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/US_Army_tanks_face_off_against_Soviet_tanks_Berlin_1961_w.webp><p><small>Panzer der US-Armee stehen am Checkpoint Charlie in Berlin im Oktober 1961 sowjetischen Panzern gegenüber.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:US_Army_tanks_face_off_against_Soviet_tanks,_Berlin_1961.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">USAMHI</a> (PD)</small><p>Die Slaven wurden zwar ordentlich dezimiert (ca. 27 Mio.), es reichte dennoch nicht, die Taiga zu arisieren oder wenigstens einen grossen Teil davon. Napoleon liess grüssen…

<h3>Nicht der erste Versuch…vergeigt</h3>

Am Ende durften die sogar als „Alliierte“ bei der Neuaufteilung Europas mitmachen und ganz schön profitieren: Einen Teil Deutschlands (später bekannt als „Ossiland“) kriegten die Kommunisten unter ihre Knechtschaft.
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Dann begann im Westen das Wirtschaftswunder. Obwohl es gar kein Wunder ist: Hans und Franziska durften ranklotzen, dass die Schwarte kracht. Das taten sie folg- und genügsam wie immer. Und sie durften sogar ihre Adenauers per Kreuzchen wählen.
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Darüber waren sie so glücklich, dass sie eben…ranklotzten und unsere (wessen bitte? Ach was solls…) Wirtschaft und unser (genau: unser!) Land zur Exportnation Nr. 1 machten.

<h3>Manchmal reicht ein kalter Krieg</h3>

Schon der britische Möchtegern-Metzger Churchill hatte gemutmasst, im WK II das falsche Schwein geschlachtet zu haben und so begann bald ein neuer Krieg als sog. „kalter“. Mit grossem Erfolg: Die Ostzone gab auf (sowas gabs übrigens noch nie!), die Kommunisten gaben mitsamt ihrem Warschauer Kriegspakt auf, und die Länder des ehemaligen Ostblocks und späteren Wertewestens wanderten fast alle in den Friedenspakt.
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Anfang der 2000er wollten sogar die Russen beitreten,…har har! Als dann einer der letzten ehemaligen Vasallenstaaten ins Friedensbündnis wollte, zeigten die Slaven ihr wahres Gesicht und machten einen sog. Angriffskrieg (im Wertewesten unbeliebt, da kennt man bestenfalls Verteidigungsmassnahmen).

<h3>Jetzt haben wir unsere Chance!</h3>

Und jetzt auch noch das: Der Oberhäuptling unserer grossartigen Schutzmacht meint doch glatt: Macht euren Kram an der Ostfront alleine und bezahlt dafür bitte höchstselbst! Wir haben andere Prioritäten. Nach kurzer Irritation war es klar: Ärgerlich, aber das ist unsere Chance, unsere europäische und damit vor allem deutsche! Wir sind endlich Führungsmacht in Europa! Wir sind wieder da, wie der ambitionierte Mathelehrer Merz deutlich formulierte. Anno 2026 auf einer sog. Sicherheitskonferenz. Endlich nannte einer die Barbaren beim Namen!

<h3>Was bedeutet das?</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Darf man fragen, was eigentlich so toll daran ist, dass Schland „wieder da“ist?</li>
<li class="liste">„Wir sind Germanen, gemütlich und brav, - Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf, Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten, - Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten“.</li>
<li class="liste">Okay,„Fürsten“gibts auch heute noch stellenweise, die tatsächlichen Herrschaften heissen heutzutage anders.</li>
<li class="liste">„Wir nennen sie Väter, und Vaterland - Benennen wir dasjenige Land, - Das erb- eigentümlich gehört den Fürsten; Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.“</li>
<li class="liste">Na gut, die„Väter“sind heute gewählte Politiker und einigen Blaublütigen gehört noch erklecklich Land, aber der Rest…gehört doch uns allen, oder? Und Sauerkraut dürfen nicht nur Vegetarier heute auch ohne Würste verspeisen.</li>
<li class="liste">„Wenn unser Vater spazieren geht, - Ziehn wir den Hut mit Pietät; - Deutschland, die fromme Kinderstube, - Ist keine römische Mördergrube.“</li>
<li class="liste">Fürwahr! Deutschland kommt endlich wieder ganz gross raus. Wartet nur ab!</li>
<li class="liste">Zitate stammen von Heinrich Heine aus seinem (1844!) veröffentlichen Gedicht…siehe ganz oben!</li>
</ul><p><em>jorgo</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 10:47:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Frank Fernández: Anarchismus auf Kuba]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/frank-fernandez-anarchismus-auf-kuba-009312.html</link>
<description><![CDATA[<strong>In Kuba gab es eine vitale anarchistische Bewegung – bis zur Kubanischen Revolution. Frank Fernández versucht, diesen beinahe vergessenen Teil anarchistischer Geschichte aus einer libertären Perspektive aufzuarbeiten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/frank-fernandez-anarchismus-auf-kuba_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Heute gibt es nur noch eine Handvoll Länder in denen vorgegeben wird, es herrschten sozialistische/kommunistische Ideale vor. China, Nord-Korea, Venezuela und Kuba sind die bekanntesten und so unterschiedlich diese Beispiele auch sind, zeigen sie doch auf, dass es durchwegs die autoritären, also marxistisch beeinflussten Varianten des Sozialismus waren, die die Oberhand gewannen – so man es diesen Ländern überhaupt zugesteht, sich ‚sozialistisch' oder ‚kommunistisch' zu nennen. Doch wo man autoritären revolutionären Sozialismus findet, entdeckt man zumeist auch die antiautoritäre Variante: Anarchismus.
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Der Exil-Kubaner und Anarchist Frank Fernández versucht in „Anarchismus auf Kuba“ am Beispiel dieses sozialistischen (?) Landes die heute kaum noch bekannte Geschichte der kubanischen anarchistischen Bewegung zu skizzieren und gegenwärtige Entwicklungen aus anarchistischer Sicht zu analysieren. Historisch gesehen ist das Beispiel Kuba aus unterschiedlichen Gründen spannend. Es gab eine vitale anarchistische (zumeist anarchosyndikalistische) Bewegung; diktatorische Herrschaft und gegen diese gerichtete revolutionäre Bewegungen, an denen auch AnarchistInnen teil hatten; schliesslich eine erfolgreiche Revolution, die bald in eine marxistisch-leninistische Richtung steuerte und AnarchistInnen (wie so oft) mit der Fragen zurückliess, wie man sich nun dazu verhalten solle; und zuguterletzt noch die internationale anarchistische Bewegung, die zu diesem Thema ebenso Position bezog. Die letzten beiden Punkte waren, wie wir noch sehen werden, von besonders heftigen Disputen begleitet.

<h3>Turbulente Geschichte(n)</h3>

Der Autor beginnt seine Ausführungen im Kapitel „Kolonialismus und Separatismus“ im Jahre 1865, als vor allem die Schriften des Frühsozialisten und Pioniers des Anarchismus Pierre-Joseph Proudhon in der kubanischen ArbeiterInnenbewegung an Einfluss gewannen. Hier und in den darauf folgenden Kapiteln erhält man wertvolle Informationen, wie AnarchistInnen vor allem in Gewerkschaften und Arbeitskämpfen aktiv waren. Leider erfährt man erst relativ spät (nach knapp einem Drittel des Buches, wir befinden uns bereits im Jahr 1921), wie sich das zahlenmässig ausdrückte. Das Jahr 1921 wird als die „wohl schöpferischste Phase in der Geschichte des kubanischen Anarchismus“ (S. 49) bezeichnet, in denen die quantitative Stärke mit 80.000 bis 100.000 Organisierten (bei einer Gesamtbevölkerung von damals 2,9 Millionen) angegeben wird.
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In der Zeit der Machado-Diktatur wurde auch die <em>Kommunistische Partei Kubas</em> (PCC) gegründet, womit AnarchistInnen – ähnlich wie in Spanien während des Bürgerkriegs – bald einen Kampf auf zwei Fronten zu führen hatten. Fernández meint hierzu:
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„Die Mitglieder des PCC stellten eine disziplinierte, treu ergebene Minderheit dar, die, auch wenn sie ursprünglich selbst anarchistischen Fahnen gefolgt war, in der Zukunft – in Befolgung der aus Mexiko übermittelten Komintern-Befehle – daran gehen sollten (sic), alle Spuren des Anarchosyndikalismus, der über Jahrzehnte hinweg die treibende Kraft der kubanischen Arbeiterklasse gewesen war, erst zu verdrängen und schliesslich auzulöschen.“ (S. 52)
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Von diesen Erfahrungen ausgehend, erklärt sich auch die ideologische Ausrichtung des kubanischen Anarchismus, nämlich dass die AnarchistInnen dort nie wirklich ihren Frieden mit dem Marxismus fanden – zu dieser Zeit aber ohnehin eine übliche Haltung. Anarchismus und Marxismus galten in der ArbeiterInnenklasse als klare Gegensätze und dementsprechend wurde sich wenig geschenkt oder kooperiert. Das wird auch an den Ausführungen des Autors deutlich, da er häufig von „den Marxisten“ spricht wenn es um anti-libertäre Aktivitäten der PCC geht.
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Spätestens nachdem die Diktatur unter Batista gestürzt wurde und Fidel Castro sich an die Spitze der Revolution setzte, wurden die AnarchosyndikalistInnen aus den Gewerkschaften und Widerstandsorganisationen verdrängt und ins Exil getrieben. Dies führte auch zu einer schwerwiegenden Spaltung der anarchistischen Bewegung – sowohl auf Kuba als auch international. Die kubanischen AnarchistInnen – ob noch auf der Insel oder bereits im Exil – vertraten ebenso wie AnarchistInnen im Rest der Welt keine einheitliche Position zu Fidel Castro und zu den politischen Entwicklungen auf Kuba. Einerseits gab es bekannte Anarchisten wie Augustin Souchy oder Sam Dolgoff (als Teil der US-amerikanischen Organisation <em>Libertarian League</em>), die sich den kubanischen Exil-AnarchistInnen um die Gruppe <em>Movimiento Libertario Cubano en el Exilio</em> (MLCE) anschlossen und mit ihnen versuchten über den ihrer Ansicht nach zutiefst repressiven Charakter des Castro-Regimes aufmerksam zu machen.
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Andererseits teilte die Szene in Lateinamerika und Europa sehr oft diese Meinung eben nicht und sah die gesamte Angelegenheit auf Kuba etwas differenzierter. In Lateinamerika beispielsweise spaltete sich die einflussreiche <em>Federación Anarquista Uruguaya</em> gar an dieser Frage, wobei die kompromisslosen Anti-Castro-AktivistInnen in der Minderheit waren. In der anarchistischen Szene Europas stiessen MLCE-AktivistInnen häufig auf taube Ohren und viele anarchistische Zeitschriften weigerten sich, Artikel von kubanischen Exil-AnarchistInnen zu veröffentlichen. Daniel Cohn-Bendit (damals noch Anarchist) beschuldigte das MLCE gar vom CIA finanziert zu werden. Anhand dieser Beispiele kann man schon herauslesen, wie intensiv diese Debatte offenbar geführt wurde.

<h3>Anarchistischer Grabenkampf auf Papier</h3>

Und genau hier hat das Buch seine grösste Schwäche. Die Diskussionen, die sich damals abgespielt haben, werden weder objektiv noch inhaltlich gehaltvoll wiedergegeben. Da der Autor selbst zu jenen Exil-KubanerInnen gehört, die sich kompromisslos gegen die Revolution und Castro stellten (und stellen), wird die damals weltweit in libertären Kreisen so intensiv geführte Diskussion darüber ziemlich einseitig dargestellt. Hier wandelt sich das Buch von einer ausgewogenen libertären Analyse der Geschichte des Anarchismus auf Kuba hin zu einer in apodiktischem Sprachstil verfassten persönlichen politischen Positionierung. Es ist keine Analyse dieses Grabenkampfes, sondern ein Beitrag dazu. Obwohl der Autor selbst immer wieder betont, dass die strikte Anti-Revolutions-Haltung z.B. des MLCE unter AnarchistInnen (egal wo) damals in der Minderheit war, hört man kaum etwas von den Argumenten jener, die nicht mit der Linie des Autors und MLCE-Aktivisten Fernández übereinstimmten.
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Es werden zwar diverse Zeitschriften und Gruppen aufgezählt mit der Information, ob diese ‚dafür' oder ‚dagegen' waren, inhaltlich geht Fernández aber de facto nicht auf diesen Diskussionsprozess ein. Wenn er das einmal doch tut und über den kubanischen Anarchisten Manuel Goana Sousa herfällt (der Begriff ist hier durchaus angebracht), der ein Dokument veröffentlicht hatte, in dem er die kubanische Revolution und ihren Verlauf verteidigte, hört man nicht viel mehr als dass dieses Dokument „niederträchtig“ (S. 94)  gewesen sei und Sousa es irgendwie (es bleibt im Dunkeln wie genau) geschafft hätte, „fünf Altanarchisten der kubanischen Bewegung (…) genötigt“ (S. 94) zu haben, es ebenfalls zu unterzeichnen. Es ist schade, dass hier die Chance verpasst wurde, diese Diskussionen der anarchistischen Bewegung zu dokumentieren, was mit Sicherheit aufschlussreicher und produktiver gewesen wäre als Schuldzuweisungen und die bruchstückhafte Wiedergabe eines Diskussionsprozesses, die ohne ein Mindestmass an Objektivität auskommt.
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Wobei: dieser Teil des Buches zeigt vermutlich nur, wie verbittert dieser Grabenkampf damals innerhalb der anarchistischen Bewegung geführt wurde. Und dass ein kubanischer Exil-Anarchist, der Dutzende FreundInnen und GenossInnen in den Gefängnissen Castros verschwinden sah, nicht ohne Emotion an dieses Thema rangehen kann, ist bis zu einem bestimmten Grad auch verständlich. Dennoch sind die offensichtlichen Lücken, die dieses Kapitel aufweist, unbefriedigend.

<h3>Gewagte Thesen zum Schluss</h3>

Im letzten Kapitel „Realität und Reflexion“ versucht der Autor noch einmal knapp zu subsumieren, was im Laufe der Lektüre ohnehin klar geworden ist: er steht auch weiterhin in absoluter Opposition zu Fidel Castro und dessen Regime. So glaubhaft seine Ausführungen hierzu auch sind, scheint der Autor manchmal aber die Macht und die ‚negativen Energien' Fidel Castros schlichtweg zu übertreiben. Castro hat zwar ein autoritäres Regime installiert und es fällt nicht schwer, ihn aus anarchistischer Sicht zu kritisieren (und es ist gut und notwendig das zu tun!), er ist aber auch nicht an allem Schuld was sich in Lateinamerika während des Kalten Krieges an Abscheulichkeiten zutrug.
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Wenn der Autor schreibt, dass die „Kubaner (...) nicht die einzigen [waren]“ (S. 123), die unter Castro zu leiden gehabt hätten, sondern gleich alle Menschen „in Lateinamerika und Afrika“ (S. 123), begründet er das so, dass die damaligen – zumeist von den US-Regierungen unterstützten – Militärdiktaturen „<em>[a]ls Reaktion</em> auf die von Castro unterstützten Aufständischen“ (S. 123; Hervorhebung S.K.) entstanden. Dass das wohl nicht ganz so zutrifft, Castro nicht für sämtliche (faschistischen) Militärdiktaturen und Putsche Lateinamerikas verantwortlich gemacht werden kann und Leute vom Kaliber eines Ronald Reagan, Henry Kissinger oder John Negroponte gemeinsam mit ihren tyrannischen lateinamerikanischen Verbündeten mit Sicherheit damals nicht nur reagierten weil Castro auf dem halben Erdball allerlei Böses tat, scheint ausser Frage zu stehen.

<h3>Ein fast vergessenes Kapitel anarchistischer Geschichte</h3>

Dem Buch ist aber definitiv zugute zu halten, dass es Licht in ein kaum mehr diskutiertes Kapitel anarchistischer Geschichte bringt und viele auch heute noch relevante Fragen aufwirft. Die Situation, in der sich die AnarchistInnen damals befanden, kann bis zu einem bestimmten Grad mit der in Russland während der Oktoberrevolution oder mit jener der AnarchistInnen des Spanischen Bürgerkrieges verglichen werden: es gab eine Revolution, einen revolutionär-sozialistischen Prozess, an dem AnarchistInnen teil hatten aber aus unterschiedlichen Gründen sukzessive verdrängt wurden und mit dem Dilemma konfrontiert waren, wie man sich weiter zu der (sich aus anarchistischer Sicht in die falsche Richtung entwickelnden) Revolution verhalten soll. In allen drei Fällen gab es sowohl jene AnarchistInnen, die versuchten, sich trotz der offensichtlichen Fehlentwicklungen nach wie vor im revolutionären Prozess zu beteiligen in der Hoffnung, diesem durch ihr Einwirken wieder eine libertärere Richtung zu verleihen. Und es gab jene, die sich rasch abwandten und die aus ihrer Sicht fehlgeleitete Revolution mit der gleichen Inbrunst bekämpften wie das System, das durch sie gestürzt wurde.
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Ob Russland, Spanien oder Kuba: es scheint für die AnarchistInnen – egal wo sie waren und wie sie sich entschieden – nie wirklich gut ausgegangen zu sein. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und es gibt mit Sicherheit kein Patentrezept, wie AnarchistInnen sich in derartigen Situationen verhalten sollten. Um aber Reflexionsprozesse anzustossen und die ungemein wertvollen Erfahrungen von AnarchistInnen zu dokumentieren und zu vermitteln, die tatsächlich an Revolutionen teilgenommen haben, ist dieses Buch (trotz der oben angesprochenen Einwände) von grosser Wichtigkeit.<p><em>Sebastian Kalicha<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/bakunin-versus-marx-auf-kubanisch" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Frank Fernández: Anarchismus auf Kuba. Syndikat-A, Moers 2006. 144 Seiten. ca. 8.90 SFr. ISBN: 9783981084634.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 08:23:43 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Systemfrage: Demokratie - oder gibt's irgendwo was Preiswerteres]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Also jetzt mal ganz unter uns: Soo wichtig ist das Völkerrecht nun auch wieder nicht. Das Völkerrecht sollte sich mal ein Beispiel an den Menschenrechten nehmen!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/25659143542_e46088721d_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/25659143542/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Das vorab, bevor unser Boss ins Weisse Haus kriecht und mit Kündigung der Mietverträge in Stuttgart-Vaihingen droht. Dort hat eines der elf Kampfkommandos des US-Verteidigungs-ministerium sein zu Hause: Das EUCOM. Es plant und realisiert militärischer Operationen ausserhalb von Stuttgart, v.a. im Nahen Osten. Einen Steinwurf weiter koordiniert das AFRICOM Militäroperationen und manches mehr in, nicht mit 53 afrikanischen Staaten.
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Die vornehmste Aufgabe aller Anstrengungen und Ausgaben, wo auch immer, ist der Schutz westlicher Lebensart: „Wie ich Dir, so du mir“. So wie das Völkerrecht vom Mitmachen oder Weggucken lebt, geht's auch der Demokratie - Brot und Spiele. Das Brot muss satt machen.
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Im brutalen Leben sind immer weniger Menschen bereit, sich für's „Grosse Ganze“ zu engagieren. Dann kippelt eine Gesellschaft. Bei uns in Möhringen und Vaihingen und drumrum maulen, meckern, mosern etwa 40 % der Leute, in der Ex-DDR fast 50 %, über Staat und Gesellschaft.
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Sie stellen insgeheim die Systemfrage: Demokratie - oder gibt's irgendwo was Preiswerteres? So manch einer hat seine Wohnung, seine Frau, seine Arbeit, seinen Appetit oder sein Vertrauen in Land und Leute, Staat und das ganz Drumherum verloren - den „...Sommer, wie er früher einmal war“.
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Die Leute fühlen sich nicht aufgehoben, gehört, im Stich gelassen. Sie wollen verreisen (Spiele!), wissen aber nicht wohin. Totes Meer?
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Julia Klöckner weiss: Politikverdrossenheit! Vielen geht das am Arsch vorbei, sie haben wie Julia ihr Schäfchen im Trockenen. Andere sitzen in Dubai oder Katharr fest und verpassen die Wiederwahl von Kretschmann junior.
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Die Speicher sind gefüllt, die Konten auch. Wir schicken Heizlüfter nach Kiew, Trockenzwieback nach Gaza, Schutzwesten nach Israel und gute Worte nach Teheran: Volk, halte durch, vergiss die Milliardengeschäfte deutscher Unternehmen mit dem iranischen Regime, die in den vergan-genen Jahrzehnten von fast ausnahmslos allen deutschen Parteien und Regierungen gefördert wurden. „Nadierlich is das völkerrechts-widridsch, aba was willste machn?“ weiss meine Omi Glimbzsch in Zittau. Hoffentlich wird der Sprit nicht zu teuer. Dieses Jahr fliegen wir nach Usedom.<p><em>Peter Grohmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 05 Mar 2026 10:51:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Warum wir gegen den Krieg sind: Der Angriff auf den Iran]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/ausland/warum-wir-gegen-den-krieg-sind-der-angriff-auf-den-iran-009572.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der vorliegende Text wurde in den letzten zwei Wochen als gemeinsame Erklärung von Roud Collective angesichts der immer konkreter werdenden Gefahr einer ausländischen militärischen Aggression (Krieg) gegen den Iran vorbereitet.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Attack_on_residential_areas_in_Kermanshah_29_w.webp><p><small>Zerstörte Gebäude in der iranischen Stadt Kermanschah nach Bombardement aus der Luft, 3. März 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Attack_on_residential_areas_in_Kermanshah_29.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Farzad Menati - Tasnim News Agency</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Dieser Text wird zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, an dem die Gefahr, auf die der Text reagieren sollte, leider Realität geworden ist und uns eine unheilvolle Kette von Ereignissen bevorsteht. Da der Inhalt der Erklärung auf dem wahrscheinlichen Eintritt dieser Katastrophe basierte und aufgrund der rasanten Geschwindigkeit der Ereignisse, haben wir uns entschlossen, diese Erklärung so zu veröffentlichen, wie sie finalisiert wurde – ohne jegliche Änderung.
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Jetzt, da die „Kriegsgefahr“ zu jener katastrophalen objektiven Realität geworden ist, die in ihrem Wesen liegt, ist es klar, dass die gegenwärtige militärische Aggression der USA und Israels gegen den Iran – ungeachtet jeglicher Vorwände oder Hintergründe – scharf verurteilt werden muss (der Inhalt der Erklärung erläutert dies). Diese Erklärung versucht jedoch, über den formalen Akt der Verurteilung hinauszugehen. Sie versucht, die tieferen und weiteren Implikationen der gegenwärtigen Situation zu untersuchen, um ihrerseits die Perspektive des kollektiven Widerstands der Unterdrückten in den kommenden historischen Turbulenzen hervorzuheben. |  28. Februar 2026

<h3>Einleitung</h3>

Jeder Krieg gefährdet oder erschwert durch seine direkten Auswirkungen und Folgeschäden das individuelle und kollektive Fortbestehen der betroffenen Menschen massiv – abgesehen von der Tötung von Zivilisten und der Masse an Verletzten und Flüchtlingen. Der unvermeidliche Eintritt dieser krisenhaften Folgen allein reicht aus, um den Anspruch einer „Rettung des iranischen Volkes durch ausländische militärische Intervention“ zu entkräften. Dies gilt insbesondere auch deshalb, weil das Ausmass der laufenden Krisen im Iran bereits jetzt (auch ohne offenen Krieg) den unterdrückten Menschen entsetzliches Leid auferlegt und den Zustand der Gesellschaft an den Rand des sozialen Kollapses gebracht hat.
<br><br>
Im vorliegenden Schreiben listen wir zunächst die wichtigsten allgemeinen Folgen des Krieges in komprimierter Form auf und nennen anschliessend spezifischere Implikationen bezüglich der wahrscheinlichen Kriegsgefahr oder einer militärischen Aggression gegen den Iran. Die Erstellung und Veröffentlichung dieses Textes ist von der Motivation und Hoffnung getragen, dass – insbesondere in der gegenwärtigen kritischen Lage – der Widerstand gegen Krieg, Militarismus und imperialistische Intervention in der iranischen Gesellschaft und weltweit eine lautere Stimme findet, ohne in die Propaganda der Machthaber der Islamischen Republik und ihrer Alliierten (die selbst Teil des Problems sind) integriert zu werden.

<h3>1. Allgemeine Auswirkungen des Krieges auf das Leben</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Krieg zerstört und/oder unterbricht die ökonomischen Infrastrukturen, die Lebensgrundlagen der Menschen und lebenswichtige Dienstleistungs-Infrastrukturen.</li>
<li class="liste">Krieg zerstört das natürliche Ökosystem und die menschliche Umwelt, was unmittelbare und/oder dauerhafte Folgen für die Lebensgrundlagen und die Gesundheit der Menschen hat.</li>
<li class="liste">Krieg birgt zusätzliche Gefahren für die vulnerabelsten Schichten der Gesellschaft: In erster Linie für Frauen und Kinder der unteren Klassen, arme Menschen sowie für Tagelöhner und prekär Beschäftigte der Arbeiter*innenklasse.</li>
<li class="liste">Krieg schafft einen Raum extremer Unsicherheit, der sich nur um das blosse Überleben dreht und das soziale Zusammenleben sowie die Solidarität stört.</li>
<li class="liste">Eine Kriegsatmosphäre geht mit einer Verschärfung von Autoritarismus sowie der Verstärkung patriarchaler Verhältnisse und Gewalt einher.</li>
<li class="liste">Zusätzlich zu den direkten Kosten zulasten der Lebensgrundlagen und der Versorgung der Unterprivilegierten öffnet Krieg ökonomisch-militärischen Oligarchen die Tür, um unter dem Vorwand der Verteidigung und der nationalen Sicherheit ihre Plünderungen auszuweiten.</li>
<li class="liste">Die direkten Kriegskosten (Rüstung) verschlingen öffentliche Wohlstandsressourcen, von denen der minimale Wohlstand der Unterprivilegierten abhängt. Die Folgekosten (Wiederaufbau der Kriegszerstörungen) machen auch künftigen minimalen Wohlstand unmöglich.</li>
<li class="liste">Krieg normalisiert den Tod und entwertet das Leben und die Existenz von Menschen.</li>
</ul>

<h3>2. Allgemeine soziale und politische Folgen des Krieges</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Krieg geht mit der Ausrufung des Ausnahmezustands durch den Staat und einer zunehmenden Militarisierung des öffentlichen Raums einher, was eine weitere Verschärfung der politischen Blockade und der Unterdrückung von Oppositionellen einleitet. Dadurch:</li>
<li class="liste">Krieg vernichtet die Errungenschaften sozialer Bewegungen, die Möglichkeiten des Kampfes von unten und im Allgemeinen die politische Handlungsfähigkeit (Agency) der Massen.</li>
<li class="liste">Die allgemeinen Koordinaten der Kriegsbedingungen machen die Stellung der staatlichen Handlungsfähigkeit exklusiver. Unter anderem stärkt sie die Vorherrschaft des Staates aufgrund der zunehmenden Abhängigkeit der Gesellschaft von grundlegenden staatlichen Dienstleistungen.</li>
<li class="liste">Die Aggression eines ausländischen Staates erleichtert es den Machthabern, strukturelle Korruption sowie systematische Verbrechen und Unterdrückung nach aussen zu projizieren. Generell schafft sie, durch die Zunahme nationalistischer Tendenzen (um nationale Grenzen und territoriale Integrität), die Grundlage für die Angleichung eines Teils der Gesellschaft an den Staat und führt somit zur Schwächung der sozialen Solidarität (durch kollektiven Kämpfen gegen die bestehende Ordnung).</li>
<li class="liste">Die Kriegsatmosphäre aktiviert bereits bestehende Spaltungen jenseits der Handlungsfähigkeit der Massen. Ebenso erhöht sie den Spielraum für das Aufkommen und/oder Wachstum von Milizen, opportunistischen und bevölkerungsfeindlichen Strömungen sowie gezielten oder störenden Interventionen rivalisierender Sicherheitsdienste (sowohl des heimischen Staates als auch anderer Staaten). All dies erhöht seinerseits die Gefahr eines Bürgerkriegs (Krieg aller gegen alle, statt gemeinsamer Kampf gegen gemeinsame Feinde) und des sozialen Kollapses.</li>
<li class="liste">Kriegsbedingungen behindern nicht nur die Möglichkeiten, eine populäre (an den Interessen der Bevölkerung orientierten) Politik zu fördern massiv (insbesondere in einer ent-organisierten Gesellschaft). Auch das Feld der Politik in der Nachkriegszeit dreht sich vor allem um die Besitzer von Gewalt und Reichtum sowie um das Militär. Krieg ist eine Katastrophe für die Politik von unten.</li>
<li class="liste">Krieg verbirgt die Verflechtung autoritärer und imperialistischer Strukturen, schürt Gut-Böse-Dualismen und führt dadurch zur intellektuellen Irreführung und politischen Zersplitterung der Unterdrückten, wobei ihre Kampfkraft zerstreut und geschwächt wird.</li>
<li class="liste">Krieg unterbricht die Kontinuität der Kette der Kämpfe der Unterdrückten, die sich insbesondere in sozialen Bewegungen und Massenaufständen manifestieren.</li>
<li class="liste">Durch die Zermürbung der Menschen, die Eliminierung ihrer politischen Handlungsfähigkeit und das Schüren einer Atmosphäre der Unsicherheit, Entbehrung und allgemeinen Verzweiflung schafft der Krieg die Grundlage für die Schaffung imperialistischer Alternativen von oben.</li>
<li class="liste">Krieg schwächt die Unterdrückten und stärkt Staaten, Mächte und Machthaber.</li>
</ul>

<h3>3. Spezifische Implikationen eines wahrscheinlichen Krieges in der gegenwärtigen Situation</h3>

3.1) Krieg war stets ein Vehikel für militaristische Kapitalakkumulation auf der Basis der Ausweitung einer militaristischen Ökonomie. Angesichts dessen, dass im krisengeschüttelten Spätkapitalismus: a) die Prozesse der Kapitalakkumulation langsam und ineffizient geworden sind, b) infolgedessen die imperialistischen Polarisierungen und Konflikte zwischen den Zentren des Kapitalismus deutlich zugenommen haben und c) bisherige konventionelle Politiken nicht in der Lage sind, die „Folgen der Krise zu managen“, die Unterwerfung der Unterdrückten zu sichern und ihre rebellischen Aufstände einzudämmen, hat die Abhängigkeit des Kapitalismus von militaristischer Akkumulation und gleichzeitig der Militarismus als Managementstrategie drastisch zugenommen. So sehr, dass einige Theoretiker*innen die aktuelle Phase der kapitalistischen Akkumulation als „globales Kriegsregime“ bezeichnen.
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3.2) Das Kontinuum von Militarisierung, Krieg und Kriegstreiberei hat den Prozess des Militarismus im Nahen Osten seit langem verstärkt. Ein Prozess, der das ökonomische Leben der Unterdrückten der Region an kritische Grenzen gebracht, die politischen Atemwege (geschweige denn die Entfaltung) der jeweiligen Gesellschaften blockiert, staatliche Unterdrückung von Klassenkämpfen und sozialen Bewegung und gewaltsame Eliminierung progressiver Kräfte und Strömungen erleichtert und die aus nationalen und religiösen Grenzen resultierenden Spaltungen und Divergenzen zulasten der internationalistischen Solidarität der Unterdrückten verstärkt hat. Obwohl dieser imperialistische Prozess historische und globale Wurzeln und Dimensionen hat, war der iranische Staat (neben dem Staat Israel) in den letzten Jahrzehnten eine feste Säule im Nahen Osten, um diesen Prozess bis zu seinen gegenwärtigen akuten Grenzen zu erleichtern und zu intensivieren.
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3.3) Insbesondere mit der Förderung der Nuklear- und Raketenstrategien sowie der „Achse des Widerstands“ begab sich die Islamische Republik auf ein Terrain, das sowohl mit den geopolitischen Strategien Russlands im Nahen Osten übereinstimmte (erinnern wir uns an Syrien) als auch – als „nützlicher“ Stimulus – mit der imperialistischen und militärischen Expansion der USA und Israels.
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Durch die stellvertretende Stärkung russischer (und teilweise chinesischer) Interessen in den regionalen Konflikten zwischen den östlichen und westlichen imperialistischen Blöcken, versetzte die Islamische Republik die iranische Gesellschaft faktisch in einen permanenten Halbkriegszustand (permanenter Ausnahmezustand). Die Hauptmerkmale dieses Zustands sind: die verheerenden wirtschaftlichen Kosten der Nuklearpolitik, die Ausweitung des Militarismus und regionaler Interventionen sowie die Verschärfung von Unterdrückung und politischer Erstickung. All dies wurde durch den Diskurs des Anti-Imperialismus („Achse des Widerstands“), der nationalen Sicherheit (äusserer Feind) und der schiitisch-iranischen Grossmachtambitionen normalisiert.
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Letztendlich wurde nach mehreren Raketenangriffen und insbesondere mit dem „12-Tage-Krieg“ die kriegerische Natur dieses Halbkriegszustands offensichtlicher. Die vielleicht wichtigste Manifestation dieses krisenhaften und lähmenden Zustands war die Verhängung vernichtender Wirtschaftssanktionen (Wirtschaftsblockade) gegen die unterprivilegierte Mehrheit der iranischen Gesellschaft durch den westlichen imperialistischen Block. Sanktionen, die freilich die militärisch-ökonomische Oligarchie weiter gemästet haben.
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3.4) Der „vaterländische Krieg“ ist ein Mythos. Die unterdrückten Menschen im Iran stehen seit mehr als einem Jahrhundert unter dem Beschuss beider Seiten: sowohl der internen Despotie als auch der imperialistischen Mächte. Wichtiger noch: Diese Geschütze beruhen auf gemeinsamen Mechanismen und sind in ihrer Funktionsfähigkeit voneinander abhängig. Wenn ein Krieg zwischen dem despotischen Staat der Islamischen Republik und den Vertreter*innen des westlichen Imperialismus (namentlich den USA und Israel) ausbricht, wird die Dualität von „Aggressor-Staat” und “Opfer-Staat“ lediglich ein hohler Slogan sein, um die Massen in die Irre und zur Schlachtbank zu führen. Denn beide Gruppen von Staaten sind konstituierende Elemente des umfassenden Systems von Herrschaft und Unterdrückung im Nahen Osten.
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Ein System, das durch die verflochtenen Funktionen beider Seiten auf lokaler/nationaler und regionaler Ebene reproduziert wurde (erinnern wir uns daran, dass die konterrevolutionäre Geburt der Islamischen Republik aus der Revolution von 1979 aus dem imperialistischen Bruch in einem revolutionären Prozess resultierte, der mit dem Staatsstreich von 1953 begonnen hatte). Zudem findet die wahrscheinliche militärische Aggression der USA gegen den Iran im Kontext eines chronischen Krieges statt, den die Islamische Republik während der Jahre ihres Bestehens gegen die Mehrheit der iranischen Bevölkerung geführt hat.
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3.5) Der Diskurs/Ansatz, der aus einem Vergleich der globalen Vorherrschaft des imperialistischen US-Staates mit der Regionalmacht der Islamischen Republik schliesst, dass man in diesem „ungleichen Krieg“ die Seite des „Schwächeren“ einnehmen müsse, ignoriert neben den genannten Verflechtungen die Natur und die sub-imperialistischen Funktionen der Islamischen Republik: sei es bei der gewaltsamen Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse und der imperialistischen Ordnung im Nahen Osten durch die Unterwerfung der Massen und die Ausweitung des Militarismus. Oder bei der stellvertretenden Vermittlung des Konflikts des östlichen imperialistischen Lagers mit dem westlichen Lager.
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Die Propagandist*innen und Träger*innen eines solchen Diskurses ignorieren – gewollt oder ungewollt –, dass beide Seiten dieses Konflikts, ungeachtet ihrer geopolitischen Differenzen, die Funktionen des jeweils anderen bei der Unterwerfung der Unterdrückten in der Geographie des Irans ergänzt haben und ergänzen. Da die Islamische Republik nun nicht mehr über die dauerhafte Kraft verfügt, die Unterwerfung der Massen fortzusetzen, wird ein wahrscheinlicher Krieg als Hilfskraft fungieren, um diese Funktion (sogar in neuem Gewand) zu sichern. Während der Krieg gleichzeitig darauf abzielt, den Iran in den Schoss des westlichen imperialistischen Lagers zurückzuführen und das östliche Lager zu schwächen.
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3.6) Der endgültige Ausbruch eines Krieges, dessen blosser Schatten der Bedrohung seit Langem das öffentliche Leben der unterprivilegierten Massen schwieriger und krisenhafter gemacht hat, hängt von Entscheidungen ab, die die Eliten der Staaten – mit ihren eigenen Gewinn- und Verlustrechnungen – über den Köpfen der unterdrückten Massen hinweg treffen. Im gegenwärtigen Kräfteverhältnis ist die Handlungsfähigkeit der Massen bei einer Entscheidung, die ihnen aufgezwungen wird, in einem wahrscheinlichen Krieg, der auf Kosten ihres Lebens stattfindet (von dem wir hoffen, dass er niemals eintritt), sehr gering. Denn die exklusive Herrschaft der Staaten im Allgemeinen und spezifisch die maximale Unterdrückung und Erstickung durch die Islamische Republik haben keinen Raum für die Handlungsfähigkeit der Unterdrückten gelassen.
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3.7) Trotz all der harten Bedingungen und Feindseligkeiten, die uns umgeben und die die Möglichkeiten des kollektiven Widerstands drastisch reduziert haben, ist die Handlungsfähigkeit der Unterdrückten nicht gänzlich eliminierbar. Wichtiger noch: Gerade wegen der gegenwärtigen prekären Lage (und früherer Misserfolge) gibt es lebenswichtige Gründe, den Kampf fortzusetzen. Vor dem Eintreten der Kriegskatastrophe muss die Stimme des Widerstands gegen den Krieg so laut wie möglich gemacht und eine klare Grenze zu kriegstreiberischen Kräften und Tendenzen gezogen werden. Selbst der Ausbruch eines Krieges verstärkt, obwohl er entmutigend und beängstigend ist, nur die Notwendigkeit des Widerstandes - ungeachtet dessen, dass die Kriegsatmosphäre zweifellos die politische Unterdrückung verschärfen wird.
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Der Akt des Widerstands in einer Kriegssituation bedeutet natürlich nicht die Unterstützung der einen oder anderen Seite des Krieges im Sinne der zwei Mythen „Rettung von aussen“ oder „Verteidigung des Vaterlandes“ („vaterländischer Krieg“). Vielmehr wird Widerstand in der Kriegssituation durch kollektive Organisierung zur Verteidigung des Prinzips des Lebens und zur Wahrung der Handlungsfähigkeit der Unterdrückten verwirklicht. Zum Beispiel durch den Aufbau von Hilfsprojekten zur Unterstützung von Betroffenen und vulnerablen sozialen Schichten oder durch jede Initiative, die die Organisierung im Arbeits- und kollektiven Lebensumfeld stärkt.
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Solche Akte und Initiativen können neben ihren unmittelbaren notwendigen Funktionen im Alltag der Menschen auch Bastionen des Widerstands gegen die Zerstörung der sozialen Solidarität oder die instrumentelle Ausnutzung der Massen (durch die Machthaber) errichten. Dies ist unser einziger wirklicher Rückhalt, um sowohl das Ausmass der Schäden und Leiden des Krieges und seiner schrecklichen Folgen zu verringern, als auch uns auf die Begegnung mit den sozialen und politischen Bedrohungen der gefährlichen Nachkriegszeit vorzubereiten.
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3.8) Mit dem Ausbruch des Protestaufstands im Dey 1404 (Dezember 2025/Januar 2026) wurden wir nicht nur Zeug*innen der entsetzlichen und beispiellosen Repression der Islamischen Republik. Dieser Aufstand zeigte auch – auf bittere Weise –, wie die Unterdrückten des Irans nun gleichzeitig in einem ungleichen Kampf gegen drei bevölkerungsfeindliche Fronten stehen: die Islamische Republik mit ihren offen faschistischen Zügen als herrschender Staat; die Pahlavi-Reaktion mit ihren offen faschistischen Tendenzen als Machtprätendent und die imperialistischen Mächte, die der Motor für die Entfaltung des neofaschistischen Aufstiegs in der zeitgenössischen Welt waren.
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Alle drei Fronten messen dem Leben von Menschen keinen Wert bei, sondern haben sich – zumindest mit Blick auf die Ereignisse dieses Aufstiegs – auf verschiedene Weise gegenseitig verstärkt. Sei es durch Mächte, die ihre geopolitischen Ziele bei einer militärischen Aggression gegen den Iran im Namen unserer Rettung vor endlosem Leid beschönigen. Sei es durch jene, die um an die Macht (den Thron) zu kommen, stets die Trommel der Kriegstreiberei und der Notwendigkeit ausländischer militärischer Intervention gerührt haben. Oder sei es durch den Staat der Islamischen Republik, der uns zum Überleben seiner schändlichen Herrschaft seit langem das Leben am Rande des Krieges oder im Schatten des Halbkriegszustands aufgezwungen hat und nun die Pose des Opfer-Staates und Verteidigers des Volkes einnimmt (desselben Volkes, das er bei „Bedarf“ zu Tausenden abschlachtet).
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3.9) Alle drei Gruppen zählen auf unsere Verzweiflung. Jede dieser drei Fronten hofft, dass die Verzweiflung, in die wir durch das todesbasierte und katastrophale Leben unter der Islamischen Republik geraten sind (eine Verzweiflung, die völlig verständlich ist), unsere politische Handlungsfähigkeit gänzlich auslöscht. Damit wir sagen: „Soll doch kommen, was will; schlimmer als das kann es nicht mehr werden.“ Wenn wir jedoch in unser kollektives historisches Gedächtnis zurückblicken, bezeugen alle bitteren Erfahrungen, die wir seit dem endgültigen Scheitern der konstitutionellen Revolution bis heute durchgemacht haben, dass wir in der Abfolge unserer Misserfolge, jedes Mal mit „etwas Schlimmerem“ konfrontiert wurden, das uns in eine noch ruinösere Lage zurückwarf.
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Selbst wenn wir nicht in unser langfristiges historisches Gedächtnis zurückblicken wollen, liegen die dokumentierten Folgen „humanitärer militärischer Interventionen“ seit den 1990er Jahren bis heute vor uns und sind kein Geheimnis: vom Irak, Jugoslawien und Afghanistan bis hin zu Libyen, Syrien, dem Jemen und dem Sudan. Angesichts der umfassenden und langjährigen Hölle, die die Islamische Republik errichtet hat, ist es völlig verständlich, dass die Unterdrückten den Punkt der Verzweiflung erreichen. Aber wenn wir in den lebenswichtigen Entscheidungen, die die Zukunft der Gesellschaft bestimmen, die Umklammerung der Verzweiflung für einen Moment beiseite schieben können, werden wir anerkennen, dass der Ausbruch eines Krieges unsere Lage verschlechtern wird.
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3.10) Strömungen, die eine ausländische militärische Aggression als notwendig darstellen, um das Übel der Islamischen Republik loszuwerden, und eine solche verbrecherische Lösung aktiv fördern und normalisieren, schweigen bewusst über das Übel der Folgen dieser Lösung. Denn sie sind grösstenteils dieselben, die die entsetzlichen Verbrechen der Islamischen Republik im Dey 1404, nämlich den „Massenmord“ an den Protestierenden, ermöglichten und dieses Massaker dann mit erschreckender Gleichgültigkeit als notwendigen Teil der „Kriegskosten“ darstellten. Auch dieses Mal sind sie sich – während sie die militärische Aggression propagieren und normalisieren – wohl bewusst, dass die „Kriegskosten“ von „anderen“ bezahlt werden sollen, damit sie selbst in den Genuss der „Segnungen des Krieges“ kommen.
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3.11) Es besteht kein Zweifel, dass wir den stinkenden Kadaver der Islamischen Republik begraben müssen, um einen neuen Weg beginnen zu können. Es besteht kein Zweifel, dass der Kadaver der Islamischen Republik die Mauern unseres Gefängnisses bildet. Aber dies kann nur durch uns selbst geschehen, nicht durch Mächte, die – nach dem Zeugnis der langen Geschichte des 20. Jahrhunderts – selbst Gefängnisbauer und Gefängniswärter-Züchter sind. Oder durch Reaktionäre wie die Pahlavi-Bande, die – allein nach dem Zeugnis ihres Agierens in den letzten Monaten – frische und entschlossene Gefängniswärter sind.

<h3>Fazit</h3>

Der Krieg, dessen Echo der Drohungen stündlich lauter und konkreter wird, ist kein Krieg des US-Staates und Israel gegen den Staat der Islamischen Republik, sondern deren gemeinsamer Krieg (von beiden Seiten) gegen die Menschen, die durch ein Unglück des Schicksals zwangsweise Bürger*innen der Islamischen Republik sind. Dieses wahrscheinliche Ereignis wird ein katastrophaler Krieg gegen die Unterdrückten des Irans sein, da es den unvollendeten Weg ihrer Kämpfe gegen Unterdrückung im Schatten der akuten Folgen inter-imperialistischer Konflikte – bis an die Grenzen der Vernichtung schwächen - wird (in Fortsetzung der bisherigen Bemühungen der Machthaber/Herrschenden, die kämpferischen Bestrebungen der Unterdrückten in den Abgrund zu führen).
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Selbst wenn kein offener Krieg (direktes Töten und Zerstören) ausbricht, werden wir durch die Fortsetzung dieser spannungsgeladenen Atmosphäre der Konfrontation und Drohung weiterhin in demselben Halbkriegszustand verharren, der das ökonomische und politische Leben der Gesellschaft gelähmt hat. Daher kann der kollektive Widerstand gegen Krieg und Militarismus kein separater Prozess von der Gesamtheit der Kämpfe der Unterdrückten sein, noch ein temporärer oder an einen offenen Krieg geknüpfter Prozess. Vielmehr muss er Teil eines kontinuierlichen und umfassenden Widerstands zur Verteidigung des Lebens und der Grundrechte der Unterdrückten sein.
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Unser Widerstand gegen den Krieg ist ein Widerstand gegen den Kern der herrschenden Politik, deren Fortsetzung den Krieg braucht: „Politik von oben“. Wir sind gegen den Krieg, weil wir an die Kraft verbundener und bewusster Menschen glauben; an die Fähigkeit der Unterdrückten zur Transformation. Weil eine „Politik von unten“ sowohl notwendig als auch möglich ist.
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Nein zu imperialistischen Kriegen
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Nein zu Kriegstreiberei und Militarismus
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Es lebe das Leben
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Lang lebe der Kampf der Unterdrückten für Freiheit und Gleichheit
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Sieg den Klassenkämpfen für Gerechtigkeit und Befreiung
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Frau Leben Freiheit<p><em>Roud Collective</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 12:55:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Schweiz: Halbierungsinitiative / Kritik an Kunstschaffende]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/schweiz/schweiz-halbierungsinitiative-kritik-an-kunstschaffende-009564.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Text versteht die Initiative als Symptom eines wahrgenommenen Verlusts an medialer Vielfalt und verbindet diese Diagnose mit einer selbstkritischen Betrachtung der Rolle der Kulturszene in einem subventionierten System.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Banner_Demokratie_braucht_unabhaengige_Medien_(Schweiz)_w.webp><p><small>Banner zur Volksabstimmung «200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)» («Halbierungsinitiative»)  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Banner_Demokratie_braucht_unabh%C3%A4ngige_Medien_(Schweiz).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Arkelin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Direkt oder indirekt wird heute nahezu alles subventioniert – vor allem dann, wenn wir den Begriff «Subvention» wörtlich ins Deutsche übersetzen: Unterstützung. Infrastruktur, Landwirtschaft, Banken, Kultur, Forschung, Verkehr, Energie – überall greifen kollektive Finanzierungsformen. In diesem Licht stellt sich weniger die Frage, ob die SRG unterstützt werden soll, sondern warum ausgerechnet hier gekürzt werden soll.
<br><br>
Offenbar sind viele mit der Berichterstattung unzufrieden. Dieses Unbehagen ist real und sollte ernst genommen werden. Doch es richtet sich weniger gegen ein einzelnes Medienhaus als gegen eine Entwicklung, die sich durch die gesamte westliche Medienlandschaft zieht: die zunehmende Verengung des Diskurses auf zwei Lager. Dafür oder dagegen. Richtig oder falsch. Gut oder böse. Der Bär ist schuld. Der Westen oder Osten sind schuld. Die Globalisten. Die Nationalisten. Impfen oder nicht impfen. Patriarchat oder Matriarchat. Ost oder West. Reich oder Arm.
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Wo nur noch zwei Positionen sichtbar sind, entsteht zwangsläufig das Gefühl, dass etwas fehlt. Eine Demokratie braucht Medien – das ist unbestritten und dazu müssen wir Sorge tragen. Aber sie braucht Medien, die die Komplexität der Welt abbilden und nicht nur zwei sich gegenüberstehende Erzählungen. Denn die Wirklichkeit besteht nicht aus binären Codes. Sie besteht aus Perspektiven, Interessen, historischen Erfahrungen, kulturellen Prägungen.
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Im Nationalrat sitzen viele Parteien mit unterschiedlichen Haltungen. Als Bürgerin oder Bürger können wir uns orientieren, vergleichen, gewichten, wählen. Auf internationaler Ebene hingegen erscheint die Welt in den Medien oft wie ein Spielfeld mit zwei Mannschaften. Die Sichtweisen von China, Russland, den USA, Argentinien, Frankreich oder afrikanischen Staaten werden nicht als gleichwertige Perspektiven nebeneinander gestellt, sondern in ein vorgefertigtes Deutungsschema eingeordnet.
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Früher – zumindest gefühlt – war der Raum zwischen diesen Polen grösser. Formate wie «Mit offenen Karten» auf ARTE lebten davon, geopolitische Interessen sichtbar zu machen, ohne sie sofort moralisch zu sortieren. Heute scheint der moralische Reflex schneller zu sein als die Analyse.
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Das erzeugt Unmut. Und dieser Unmut ist ein natürlicher, im Grunde regulatorischer Effekt. Es ist keine intellektuelle Art und Weise, aber eine, die zu solchen Massnahmen führt. Die Bevölkerung spürt, wenn Vielfalt verschwindet.
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Denn im Grunde geht es nicht um für SRG oder gegen SRG. Es geht um die Frage: Wie erhalten wir die Vielfalt der Perspektiven?
<br><br>
Ein Medienhaus mit nur einer grossen Deutungsrichtung gleicht einer Monokultur. Sie ist effizient, übersichtlich – und anfällig. So wie in der Landwirtschaft die Monokultur die Bienen und die Biodiversität gefährdet, gefährdet die Entweder-Oder-Logik die Meinungsvielfalt. Ohne Vielfalt gibt es keine Resilienz, weder in der Natur noch in der Demokratie. Bei der Entweder-Oder-Mentalität ist wie bei der Monokultur das Aussterben vorprogrammiert.
<br><br>
Die Halbierungsinitiative kann man deshalb auch als Symptom lesen: als Versuch, auf struktureller Ebene etwas zu regulieren, was viele als inhaltliche Verengung wahrnehmen.
<br><br>
Ob der Geldhahn zuzudrehen der richtige Weg ist, bleibt offen.
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Vielleicht wäre es produktiver, den Leistungsauftrag der SRG neu und demokratisch zu definieren: gewichtiger, pluraler, international perspektivenreicher, mit dem expliziten Ziel, die Vielstimmigkeit abzubilden, die der Schweiz entspricht.
<br><br>
Wie wir wissen ist die Schweiz selbst kein Zwei-Lager-System, sie ist ein permanenter Aushandlungsraum. Mit einer binären Mentalität würde dieses Land nicht lange existieren. Vielleicht ist die Initiative trotzdem der richtige Weg. Vielleicht auch nicht. Aber entscheidend ist etwas anderes:
<br><br>
Wir können darüber abstimmen.
<br><br>
Welches andere Land kann per Volksentscheid darüber befinden, ob seine Medienlandschaft vielfältiger werden soll? Kann das Volk in den USA über die Ausrichtung seiner grossen Medienhäuser abstimmen? Kann es irgendein anderes, sich demokratisch nennendes Volk auf dieser Erde?
<br><br>
Allein diese Möglichkeit ist bereits Ausdruck einer Medien- und Demokratiekultur, um die uns viele beneiden. Vielleicht sollten wir den Beitrag sogar verdoppeln?
<br><br>
Und jetzt – von Künstler zu Künstler:
<br><br>
Es ist ehrlich gesagt schwer mitanzusehen, wie schnell Teile der Kulturszene reflexartig in ein Lager springen, vielleicht aus Angst um die eigene Förderung.
<br><br>
Seit wann ist Kunst eine Interessenvertretung für den eigenen Subventionstopf? Wer nur dann laut wird, wenn die eigene Finanzierung wackelt, argumentiert nicht als Künstler, sondern als Kulturunternehmer im Selbsterhaltungsmodus.
<br><br>
Das Problem ist nicht, dass Künstler Fördergelder bekommen. Das Problem ist, wenn die Förderung beginnt, das Denken zu bestimmen.
<br><br>
Kunst war nie dafür da, sich mit der Hand zu füttern, die einen bezahlt. Das macht das Handwerk. Kunst war immer dafür da, genau diese Hand zu befragen. Natürlich können wir uns über diese Aussage streiten und genau darum geht es.
<br><br>
Ist die Aufgabe eines Künstlers nicht dieselbe wie die eines Wissenschaftlers? Die Welt zu hinterfragen, Komplexität auszuhalten und Widersprüche sichtbar zu machen. Dort hinzuschauen, wo es unbequem wird, auch für die eigene Position.
<br><br>
Wer nur noch die Argumente des eigenen Förderökosystems reproduziert, liefert keine Kritik mehr, sondern Content. Dann wird aus Kunst Dekoration. Aus Haltung wird PR. Aus Freiheit wird Abhängigkeit mit Atelier.
<br><br>
Gerade in der Schweiz, wo Kulturförderung ein öffentliches Gut ist, müsste die Kulturszene die erste sein, die diese Strukturen kritisch reflektiert. Nicht die letzte, die sie verteidigt.
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statt blind dafür<br>
und blind dagegen<br>
– denkend.
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Subvention darf kein Schweigegeld sein, idealerweise ist sie ein Vertrauensvorschuss der Gesellschaft. Dieser Vertrauensvorschuss verpflichtet zur geistigen Unabhängigkeit und gerade eben nicht zur Loyalität. Wenn Kunst nur noch dort kritisch ist, wo es nichts kostet, hat sie ihre gesellschaftliche Funktion bereits verloren.
<br><br>
Die eigentliche Frage lautet also nicht: Werden die Gelder gekürzt?
<br><br>
Die eigentliche Frage lautet: Trauen wir uns, auch die Strukturen zu hinterfragen, von denen wir selbst profitieren?
<br><br>
Und genau hier schliesst sich der Kreis: Wir können darüber abstimmen. Allein diese Möglichkeit ist ein Kunstwerk der politischen Kultur. Die Frage ist also nicht: SRG halbieren, ja oder nein?
<br><br>
Die Frage ist: Wie viel Vielfalt halten wir aus, auch im eigenen Denken?<p><em>Bujar Berisha</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 10:09:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Chris Grodotzki: Kein Land in Sicht]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/chris-grodotzki-kein-land-in-sicht-009306.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wir lesen Bücher nicht nur kritisch, wir diskutieren sie auch gemeinsam: Johanna Bröse spricht mit dem Autor, Fotograf und Aktivist Chris Grodotzki über Inseln, Schiffe und konkrete Solidarität auf dem Mittelmeer.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/chris-grodotzki-kein-land-in-sicht_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Danke, dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast. Ich habe dein Buch innerhalb von zwei Tagen durchgelesen, und mir dabei immer wieder gedacht: Warte mal, das passt doch irgendwie auch zu unserem Schwerpunkt…Daher, zum Einstieg: Der Blick vom Rettungsschiff auf Inseln im Meer – wie sieht der aus?
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Inseln sind Dreh- und Angelpunkt der zivilen Seenotrettung. Malta und Lampedusa etwa waren, beziehungsweise sind, Operationsbasen und sichere Häfen, in denen Überlebende angelandet werden. Gleichzeitig sind sie auch die Orte, an denen um eben diese Zugänge gekämpft werden musste, wo Flugzeuge und Schiffe festgesetzt und festgehalten wurden. Dementsprechend haben viele Aktivist:innen der zivilen Seenotrettung auch ein gespaltenes Verhältnis zu den Inseln (lacht). Nein, eigentlich mögen wir die Orte, aber wir begegnen ihnen auch immer wieder mit Vorsicht. Vielleicht ist der Kern der Sache, dass Inseln Orte sind, an denen Gegensätze aufeinander krachen. Auf diesen kleinen trockenen Felsen im weiten Ozean spitzen sich generelle Widersprüche oft noch weiter zu, etwa der von Freiheit und Unfreiheit. Inseln waren und sind auf der einen Seite Sehnsuchtsorte, Orte auch grosser Freiheit, Orte von Seefahrt und Migration über Jahrhunderte hinweg, Orte der Bewegung. Und auf der anderen Seite sind sie wahnsinnig provinziell, da die Insel ihre Bewohner:innen auch festsetzt, sich diese ja nicht so einfach wegbewegen können.
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Im Buch zeichne ich nach, wie sich auf Lampedusa dieser Widerspruch zwischen Bewegung und der Stagnation zuspitzt – oder besser, wie er von Seiten des Staates zugespitzt wird. Es gibt da diese wunderschönen Beschreibungen im Buch „Crimes of Peace“ von Maurizio Albahari, das er schon vor über zehn Jahren über die Mittelmeerkrise geschrieben hat. Darin erzählt er, wie er in der Bar dell'Amicizia, also in der Bar der Freundschaft, auf Lampedusa mit Locals zusammen sass. Die erzählten dann nostalgisch davon, dass – bis zum Zeitpunkt, als der Staat kam, ein Auffanglager errichtete und diese Migrationsroute kurzerhand zu einer Krise deklarierte – Menschen einfach auf der Insel angelandet sind: Sie kamen in diese Bar hereingeschlappt und erkundigten sich, wie sie Richtung Festland weiterkommen – oder genauer in Richtung Sizilien, was ja im Übrigen auch eine Insel ist.
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Heute ist Lampedusa vor allem Sinnbild und Hotspot dieser sogenannten Flüchtlingskrise, die ja eigentlich eine Grenzkrise Europas, eine Krise unserer Integrationsfähigkeit ist. Aber es gibt dort auch immer noch die Bewohner:innen, die ganz aktiv Seenotrettung betreiben, von der Küstenwache hin zu Locals mit ihren Booten. Oder die Kirchengemeinden und lokalen Aktivist:innen, die seit Jahrzehnten inmitten dieser Krisenerzählungen ganz wunderbare Solidaritätsarbeit auf der Insel leisten; Gastronom:innen, die ihre Vorräte zur Verfügung stellen, um die ankommenden, wartenden Leute zu verpflegen; Menschen, die immer da sind, wenn sich die Krise am meisten zuspitzt.
<br><br>
Und dann der Gegensatz, wenn die ganze Insel plötzlich voll ist mit Militär und Polizei – und Giorgia Meloni und Ursula von der Leyen persönlich angereist kommen, um sich ein Bild von ihrer Krise zu machen. Eine Krise, die da gerade produziert wird: Indem man die Leute nicht einfach mit der Fähre frei weiterreisen lässt, sondern da erstmal aufhält und ein Nadelöhr schafft. So tragen Inseln immer eine ziemlich grosse Ambiguität für die Seenotrettung, und für die Migration.
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Man kann dann weiter in dem Bild bleiben und noch über die Rettungsinseln reden, die wir teilweise ausbringen. Sie sind auf der einen Seite tatsächlich die letzte Rettung für die Menschen – und gleichzeitig ein symbolischer Extremmoment dieses menschen- und politikgemachten Ausnahmezustands. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn Menschen tatsächlich schon im Wasser gelandet sind und auf diese schwimmenden aufblasbaren kleinen orangenen Plastikinseln in relative Sicherheit gebracht werden müssen. Auf unsere Schiffe, auch letztlich wieder Inseln des Überlebens, die da vor Libyen auf und ab treiben – und dort auf die Bohrinseln der libyschen Ölfelder treffen. Sie werden Migrantinnen und Migranten auf den Schlauchbooten immer wieder als die Lichter des nahen Italiens verkauft, auf die sie nur zuhalten müssten. Wenn sie da ankommen, merken sie: das sind Ölfackeln. Diese grossen Fackeln, die ja auch nicht unbeteiligt sind an der Produktion von Klima-Flüchtenden, verleihen diesem ganzen Drama auf dem Meer eine schaurige, mordorhafte Kulisse.
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Weil wir hier bei <em>kritisch-lesen</em> sind, möchte ich gleich noch eine Buchempfehlung zu dem Thema anfügen: „The Invention of Sicily“ von Jamie Mackay aus dem Verso-Verlag. Da geht es um Sizilien als Insel – und als Zentrum einer Welt. Heute wird das Mittelmeer oft als eine Trennlinie zwischen Nord und Süd betrachtet, während historisch gesehen Sizilien eigentlich das Zentrum einer seefahrenden Welt war, die sich rund um das Mittelmeer herum erstreckte. Wo sich von Griechen über Araberinnen, über Römerinnen bis zu den Normannen, alle antiken Gesellschaften früher oder später getroffen haben und eine vor allem für Europa enorm bedeutsame kulturelle Gemengelage und akademische Wissensproduktion stattfand. Heute ist Sizilien punktuell zwar ein Urlaubsort, aber ansonsten eine wirtschaftlich relativ abgehängte Gegend der europäischen Peripherie.
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Dein Buch zeichnet die Geschichte ziviler Seenotrettung, allen voran die Geschichte von Sea-Watch, sehr kenntnisreich, informativ und solidarisch nach. Gleichzeitig gibt es auch sehr starke Passagen im Buch, in denen du dich kritisch mit den Möglichkeiten, Ausrichtungen und Grenzen der Seenotrettung auseinandersetzt. Mit welchen hast du am stärksten gekämpft – oder tust es immer noch?
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Ich setze mich in meinem achten Kapitel ausgiebig damit auseinander, wie Institutionalisierung, beziehungsweise NGO-isierung einem Konzept von gegenseitiger Hilfe, auch von linker Solidarität, in einem gewissen Masse gegenübersteht. Das ist auf jeden Fall eine Grenze oder vielleicht eher eine Einhegung dessen, was ich als (sozialen) Bewegungsaspekt der Seenotrettung begreife. Damit habe ich immer wieder sehr gekämpft. Gleichzeitig waren diese Entwicklungen auch immer wieder ein Beweggrund zur Auseinandersetzung, zu internen Diskussionen innerhalb der Seenotrettung. Das hat einen guten Teil dazu beigetragen, dass mein Buch entstand: Neben den ganzen unterhaltsamen Geschichten aus den ersten Jahren, die auch irgendwie alle mal aufgeschrieben werden wollten, eine Bewegungsgeschichte zu schreiben, die sich auch kritisch mit Formen und Mechanismen der Institutionalisierung im humanitären Bereich und im Bereich von gemeinnützigen Vereinen auseinandersetzt. Um es anderen Aktivistinnen und Aktivisten, kommenden Bewegungen mit an die Hand zu geben. Damit die für ein paar Fallstricke gewappnet sind, oder wenigstens über diese schon einmal etwas gelesen haben.
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Zum Beispiel?
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Ein ganz konkretes Dilemma: Sea-Watch war von Anfang an auch der Versuch, Widerstand gegen die Grenzpolitik im Mittelmeerraum zu leisten, gegen den Ausnahmezustand, der dort von den Staaten durchgesetzt wird. Gleichzeitig arbeiten wir, als gemeinnützige Vereine und quasi-Reedereien, durch die maximal regulierte Form von Schifffahrt in der heutigen Welt, sehr nah am Staat, am Grenzregime und an diesem Migrationsmanagement. Man arbeitet mit verschiedenen Küstenwachen zusammen. Man unterwirft sich in diesem Setting allen möglichen Zwängen und Kontrollen und Zugriffsmöglichkeiten des Staates. Halbwegs bekannt sind ja beispielsweise diese Hafenstaatskontrollen. Die sollen eigentlich Schiffssicherheit gewährleisten, werden aber von Italien willkürlich eingesetzt, um Rettungsschiffe aufgrund absurder, teils frei erfundener Mängel festzusetzen. Aber auch unabhängig von staatlicher Willkür: Was Fluchthilfe angeht, kommt man in diesem Europa sehr schnell an die Grenzen dessen, was man gerne tun würde – weil es politisch geboten wäre – und was man operationell eben tun kann… also, ohne in Nullkommanichts mindestens das Schiff beschlagnahmt zu haben, wenn nicht gar als ganze Organisation nach §129 verfolgt zu werden (lacht).
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Warum gibt es derzeit wieder ein gesteigertes Interesse an der Seenotrettung – oder stimmt mein Eindruck nicht? Wie ordnest du das in den derzeitigen politischen Kontext ein?
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Ich kann mir vorstellen, dass die Seenotrettung gerade ein Sehnsuchtsort vieler Linker ist, weil sie das Symbol der letzten grösseren antifaschistischen Mobilisierungen war, der ganzen Grossdemos um die Jahre 2018-19 herum. Das Orange der Rettungswesten hat damals die ganzen Proteste von Seebrücke bis We'll come united durchzogen. Und es waren auch andere Demonstrationen, auf denen das super präsent war. Ich erinnere mich, wie „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ sogar am Rande der Kohlegruben im Rheinland von Ende Gelände und Fridays for Future skandiert wurde. Die Schiffe als antifaschistische Flotte gegen den Rechtspopulismus eines Salvini, gegen die AfD und den österreichischen Bundeskanzler Kurz und seine FPÖ-Koalition. Da hat sich über Jahre ein sehr symbolträchtiger Konflikt aufgeschaukelt.
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Aber diese ganze Bewegung an Land ist spätestens über die Corona-Pandemie eingeschlafen. Und seitdem tun wir uns schwer damit, Mobilisierungen auf die Beine zu stellen, Angriffspunkte und Hebel zu finden, mit denen wir irgendwie arbeiten können – mal abgesehen vielleicht von dem kleinen Silver Lining der neu erstarkenden Linkspartei. Bewegungstechnisch fühlt man sich ganz oft eher so ein bisschen allein auf hoher See. Und da kann ich mir ganz gut vorstellen, dass sich viele Leute ein bisschen nach dem Rettungsschiff sehnen, dem Rettungsschiff von 2019. Ich glaube aber, was die Aufmerksamkeit angeht, ist das eher so eine Bubble, die die Entwicklungen seit fünf oder zehn Jahren aktiv verfolgt. Gesamtgesellschaftlich ist da glaube ich eher grosse Flaute, wie bei vielen linken Themen.
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Aktuell ist ein weiteres Buch mit dem – fragenden – Titel „Kein Land in Sicht?“ erschienen, im Papyrossa-Verlag. Der Untertitel unterscheidet sich von deinem, dort geht es um „Gaza zwischen Besatzung, Blockade und Krieg“. Inwiefern bezieht die zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer im Kontext des Gaza-Kriegs Stellung, oder auch zu den weiteren gewaltvollen Konfliktherden an den Rändern des Meeres? Oder auch: Wie müsste sie, oder wo tut sie es, wo tut sie es/kann sie es nicht?
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Die Seenotrettung ist in Bezug auf den Gazakrieg ein Spiegel der linken Zivilgesellschaft: Sie hat vor allem im deutschsprachigen Raum viel zu lange gebraucht, um ins Sprechen zu kommen. Auch aus einer Angst vor internen Diskussionen und Debatten, die sich meines Erachtens im Nachhinein als etwas unbegründet herausgestellt hat. Natürlich gab es wahnsinnig zermürbende Diskussionen, etwa ob man den Begriff Genozid verwendet. Aber dieser grosse Clash zwischen bedingungslos proisraelischen Antideutschen und propalästinensischen Antiimps, der war meines Erachtens im Nachhinein eine grosse Chimäre: Alle hatten Angst davor, dieses Monstrum zu wecken. De facto war es dann aber so, dass sich – soweit ich das zumindest mitbekommen habe – alle grundsätzlich darüber einig waren, dass das ein völlig inakzeptabler Militäreinsatz ist, ein Massenmord, der so nicht stehen darf und dass es da ganz dringend Hilfslieferungen braucht. Man hätte da deutlich früher, schneller zu einem Konsens kommen können.
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Ich schätze bei den Genoss:innen von Mediterranea in Italien sah das etwas anders aus, da ist die gesellschaftliche Linke ja grundsätzlich klarer positioniert zu Nahost. Das spanische Rettungsschiff Open Arms ist tatsächlich als erstes Schiff nach Gaza gefahren, um Hilfsgüter zu liefern. Die haben zweimal Mitarbeitende von World Central Kitchen und einen Haufen dringend benötigte Nahrungsmittel da angelandet, bevor die israelische Armee den zweiten Konvoi nach der Landung einfach weggebombt hat. Sieben Helfer:innen von World Central Kitchen sind dabei getötet worden.
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Grundsätzlich bezieht die zivile Seenotrettung immer wieder Stellung; oft zu Libyen und Tunesien, weil das ihr direktes Einsatzgebiet betrifft. Aber auch zu anderen Gegenden, aus denen sich grosse Fluchtbewegungen entwickeln: Sudan, Äthiopien, Syrien. Dabei setzt sich die zivile Flotte allerdings von anderen Protestbündnissen oder Kampagnenorganisationen ab, weil sie eben nicht aus Deutschland über irgendwas weit entferntes, Abstraktes daherredet, ohne selber beteiligt zu sein. Sie bezieht ihre Stärke daraus, dass sie vor Ort ist und handelt und ganz konkret einen Unterschied im Leben von Menschen macht. Ganz in diesem Sinne hätte man, denke ich, gezielter und in einem grösseren Massstab in Gaza intervenieren können – wie Open Arms. Dann wäre auch das Sprechen leichter gefallen. Gleichzeitig hätte das allerdings auch bedeutet, dass man das zentrale Mittelmeer dann im Stich lässt.
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Die Rettungsschiffe werden dort nach wie vor gebraucht – vorausgesetzt, dass sie vor Ort sein können und nicht administrativ irgendwo festgesetzt sind oder mit einigen wenigen geretteten Menschen an der Küste Italiens bis nach Genua hochtuckern müssen. Ich hätte es persönlich für wichtig gehalten, dass sich in diesem deutschen Diskurs, der ja wirklich toxisch aus der Hölle ist, die humanitären Organisationen klar positionieren. Auf der anderen Seite kann ich auch nachvollziehen, dass Medienteams und Organisationen, die sowieso schon mit ihrer Arbeit unter enormen Druck von verschiedenen Staaten stehen, nicht auch noch dieses heisse Eisen anfassen wollten.
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Den Frust über diesen Mangel an Positionierung habe dann auch selbst letztes Jahr miterlebt, als Einsatzleiter an Bord der Sea Watch 5. Da haben einige Aktivist:innen am Ende ein Transparent gemalt, das Gaza, Kongo und den Sudan thematisierte, und fast die gesamte Crew dahinter versammelt. Mit der Veröffentlichung dieses Bildes hat sich Sea-Watch dann zur ersten grösseren Stellungnahme durchgerungen. Ich fand das eine sehr gute Aktion. Allerdings war es im Vorlauf wahnsinnig schwierig eine ausgeglichene Diskussion an Bord zu gewährleisten. Auch deshalb, weil eine relativ identitäre Pro-Palästina-Fraktion überall in der Organisation – die ich in dem Moment vertreten musste – das antideutsche Schreckgespenst gewittert hat. Ein etwas deplatzierter Konflikt, mitten in einem laufenden Rettungseinsatz.
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Dein genaues Nachzeichnen einer spezifischen Form der Organisierung gegen das autoritäre und reaktionäre Erstarken in den meisten Ländern Europas hält ja vielleicht nochmal eine Antwort bereit: Wohin müssen wir die Segel setzen?
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Hier möchte ich David Yambio, den Vorsitzenden von Refugees in Libya, der selbst durch Libyen aus dem Südsudan fliehen musste, der das libysche Gefängnissystem und die Mittelmeer-Überfahrt erlebt und überlebt hat, zu Wort kommen lassen. Im letzten Kapitel meines Buchs habe ich Kurzbeiträge von Aktivist:innen, Forschenden und Journalist:innen aus dem Umfeld der Seenotrettung versammelt, da ist auch ein Kommentar von ihm dabei. Sein Beitrag endet mit einer Aussage, die Essentielles für linkes Engagement gegen den Rechtsruck aufmacht. David Yambio beschreibt die Umstände, die ihn zur Flucht gezwungen haben, und die ökonomische Ausbeutung, die dahintersteht. Und dann sagt er, dass er eigentlich nicht gerne über Kolonialismus spricht. Kolonialismus sei so ein abstrakter Begriff, den er selbst manchmal so gar nicht richtig greifen könne. Wir sollten mehr über den Handel und die Beziehungen zu den afrikanischen Staaten reden, über das Wohlergehen dieser Länder.
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Das trifft für mich einen zentralen Punkt: Wir denunzieren gerne abstrakt die Komplexitäten der Welt; den Kapitalismus und den Kolonialismus und vielleicht auch ein bisschen den Genozid. Aber ohne zu diesen ganzen Problematiken konkrete, breit anschlussfähige Angebote zu entwickeln. Und genau das ist das Schöne an der Seenotrettung: Das ist so eine Hands-on-Aktivität. Man hilft ganz konkret Menschen. Das macht es so symbolstark – und so anschlussfähig. Und das hat es auch zeitweise so gefährlich für den Staat und das Grenzregime gemacht, dass dieser riesige Apparat an Kriminalisierung und an Einschränkungen dagegen in Stellung gebracht wurde. Wir sind, glaube ich, sehr gut beraten damit, mehr solche Hands-on-Wege der gegenseitigen Hilfe und Solidarität zu finden oder zu entwickeln, aus denen sich eine Kritik am grossen Ganzen ableiten lässt. Anstatt von der Kritik am grossen Ganzen, die mit grossen, geschwollenen Worten daherkommt, zu versuchen, in das Leben der Menschen durchzudringen.
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Naomi Klein unterstreicht diesen Punkt in ihrem letzten Buch „Doppelgänger“, das ich gerade zu Ende gelesen habe, auch ganz prägnant aus der Organisierungs-Perspektive: „Solange wir in der Welt der Worte feststecken, werden uns die Gründe für eine Spaltung nie ausgehen.“<p><em>Johanna Bröse<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/inseln-des-uberlebens" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Chris Grodotzki: Kein Land in Sicht. Mandelbaum Verlag, Wien 2025. 296 Seiten. ca. 20.00 SFr. ISBN: 978399136-517-4.</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 08:23:38 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/chris-grodotzki-kein-land-in-sicht-009306.html</guid>
</item>

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<title><![CDATA[Iran: Krieg als Krisenkatalysator - Ausblick und Perspektiven]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/ausland/iran-krieg-als-krisenkatalysator-ausblick-und-perspektiven-009569.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Bei einer Eskalation des Iran-Konflikts droht der Region ein abermaliger Entstaatlichungsschub.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Donald_J_Trump_oversees_Operation_Epic_Fury_at_Mar-a-Lago_w.webp><p><small>Donald Trump überwacht die Operation Epic Fury in Mar-a-Lago, Palm Beach, 28. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:President_Donald_J._Trump_oversees_Operation_Epic_Fury_at_Mar-a-Lago,_Palm_Beach,_FL,_Feb._28,_2026._(White_House_photo_by_Daniel_Torok)_(55121599389).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Daniel Torok</a> (PD)</small><p>Trump holte ganz weit aus, bis zur Botschaftsbesetzung 1979 und dem Beiruter Bombenanschlag gegen US-Truppen 1983, um in einer ersten Stellungnahme den Angriff der USA und Israels auf den Iran zu legitimieren.<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Auch wenn die öffentlichen Erklärungen des US-Staatschefs eine immer kürzere Halbwertszeit haben, und schon Morgen Trump das Gegenteil behaupten könnte, wurden doch letztendlich zwei militärische Ziele der aktuellen Bombenkampagne genannt: weitgehende Entwaffnung des iranischen Regimes, vor allem hinsichtlich seines Atomprogramms, und – optional – dessen Sturz, falls sich entsprechende Möglichkeiten ergeben.
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Washington und Tel Aviv scheinen eine mehrtägige intensive Bombenkampagne gegen führende Funktionsträger, den Staatsapparat und dessen Infrastruktur zu planen, die das Regime weitgehend schwächt, um hiernach auf einen Aufstand zu hoffen, der – unterstützt von CIA, Mossad und Spezialkräften – der Herrschaft der Mullahs ein Ende bereitet. Am Abend des 28. Februar hat sich Trump in einem kurzen Telefoninterview mit Axios zudem alle Optionen offen gehalten: von der Kurzfristigen Bombardierung, um das iranische Atomprogramm zu behindern, bis zum Umsturz.<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>
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Das Gerede vom Regime Change erinnert frappierend an das mörderische Desaster, dass die Neocons unter George W. Bush bei der Invasion des Iraks anrichteten – doch diesmal trügt der Schein tatsächlich. Dies nicht nur aufgrund der simplen Tatsache, dass keine nennenswerten Bodentruppen zur Invasion bereitstehen.
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Die Neocons haben tatsächlich die Demokratisierung des Irak im Sinn gehabt, um das Land dann in das Hegemonialsystem der USA zu integrieren, sie gingen keine Kompromisse mit den Überresten des rasch besiegten Saddam-Regimes ein, um staatliche Strukturen von Grund auf neu aufzubauen. Die blutigen Folgen sind bekannt: Anomie, Staatszerfall, blutiger Bürgerkrieg samt dessen „Einfrieren“ in einer entlang ethnischer und religiöser Grenzen zerrütteten Staatsattrappe. Die USA haben den Irak-Krieg mühelos gewonnen gegen das marode irakische Regime, sie verloren aber den Frieden, nachdem die anomischen Zentrifugalkräfte im Irak entfesselt wurden.
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[3]>Keine „Demokratisierung“
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Trumps Imperialismus hat hingegen eine ganz anderer Stossrichtung, Washington hat längst den ideologischen Schleier des Menschenrechtsimperialismus abgelegt, wie er in den neoliberalen Dekaden von den westlichen Zentren praktiziert wurde.3 Das islamofaschistische Mullah-Regime, das vor wenigen Wochen Tausende von Demonstranten massakrieren liess, soll durch ein US-höriges Regime ersetzt werden. Dieses Vorgehen ist einfacher zu bewerkstelligen, da hierbei weite Teile des Staats- und Repressionsapparates schlich übernommen werden können. Als Vorbild dient hier das Vergehen gegen Venezuela, dessen Staatschef faktisch den USA ausgeliefert wurde, während die durch Racketherrschaft geprägten Machtstrukturen ansonsten unangetastet blieben. Das Angebot der „totalen Immunität“, das Trump in seiner Rede den Funktionsträgern des iranischen Regimes machte, weist eindeutig in diese Richtung.
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Die autoritäre Alternative zu den Mullahs, der Schahsohn Reza Pahlavi, scheint geradewegs aus der Mottenkiste der CIA hervorgekramt worden zu sein.<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Das massenmörderische Regime seines Vaters wurde im Zuge der Revolution von 1979 hinweggefegt. Seine Anhängerschaft bemüht sich derzeit mittels Nationalismus, Einschüchterung und Drohungen die Dominanz in der iranischen Opposition zu erringen, während gezielt linke und feministische Strömungen attackiert werden. Es ist eine Diktatur im Miniaturformat, die sich bereits abzeichnet. Inzwischen treten auch Spannungen zwischen dem Pahlavi-Lager und kurdischen Oppositionsgruppen offen zutage, die von den Monarchisten separatistischer Bestrebungen beschuldigt wurden.<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Selbst US-Funktionsträger erklärten gegenüber Medienvertretern, dass die Pahlavi-Monarchisten ihnen „Angst“ bereiteten.<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Der Möchtgegern-Schah hat bereits offizielle Gespräche mit Mitgliedern der Trump-Administration wie Steve Witkoff geführt.

<h3>Krise und Krieg</h3>

Venezuela, der Al-Qaida-Staat Syrien,<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> nun perspektivisch der Iran – der Krisenimperialismus<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> kehrt auf seine alten Tage nur zu seinen Wurzeln zurück, indem er wieder auf autoritäre Regime setzt. Der Menschenrechtsimperialismus des neoliberalen Zeitalters stellt somit nur eine kurze historische Episode dar. Das neuartige Moment bildet hingegen der Krisenprozess des Kapitals, der in seiner ökonomischen wie ökologischen Dimension die geopolitische Entwicklung wie auch die konkrete imperialistische Aggression prägt. Ohne die Krise gäbe es den amerikanischen Versuch des Regime Change nicht.
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Dies ist kein Abstraktum, die Weltkrise des Kapitals tritt ganz konkret in Erscheinung. Iran befindet sich bereits am Rande des ökologischen Zusammenbruchs. In Teilen des Landes ist die Wasserversorgung zusammengebrochen, selbst in der Hauptstadt Teheran mit ihren zehn Millionen Einwohnern wird das Wasser zeitweise abgestellt. Laut dem britischen the Guardian wird inzwischen gar eine Evakuierung der iranischen Hauptstadt erwogen, sollten bis Ende des Jahres keine ausgiebigen Regenfälle einsetzen, da deren Bevölkerung kaum noch mit Wasser versorgt werden kann.<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Die zunehmenden Extremwetterereignisse, der ausbleibende Regen, die immer häufiger auftretenden Hitzeperioden – sie führen schlicht zu Einbrüchen bei den Ernteerträgen im Iran,<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> der ohnehin Nahrungsmittel Importieren muss.
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Der Iran hat jahrzehntelang unter verschiedensten Formen von Sanktionen gestanden, das Regime hat Erfahrungen mit dem Umgehen oder Abmildern dieses ökonomischen Drucks. Den entscheidenden Kipppunkt bildete aber die gegenwärtige ökologische wie ökonomische Zuspitzung der Krisendynamik. Die Sanktionen, die gegen Iran erlassen worden sind, haben die Eskalation verschärft, aber nicht ausgelöst. Getriggert wurden die Proteste durch einen massiven Entwertungsschub, durch einen Inflationsschub, der durch das Aussetzen von Subventionen für Grundnahrungsmittel ausgelöst worden ist.
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Im Kern war der blutig niedergeschlagene Aufstand gegen die Mullahs ökonomisch motiviert, da für immer mehr Iraner selbst Grundnahrungsmittel unerschwinglich wurden. Dem steigenden Bedarf an Importen (und Devisen) stehen abschmelzende Einnahmen gegenüber: China bildet den wichtigsten Abnehmer der iranischen Ölindustrie, doch kaufte Peking den Energieträger aufgrund der Sanktionen mit starkem Rabatt auf, was die ökonomische Lage Irans weiter zuspitzt.

<h3>Kriegsgründe</h3>

Der Zeitpunkt für den Angriff dürfte tatsächlich mit der massenmörderischen Niederschlagung der Proteste in Zusammenhang stehen. Es ist ein Zeitfenster, dass die USA und Israel nutzen wollen, in dem das Regime angeschlagen ist, seine Legitimität bei grossen Bevölkerungsteilen eingebüsst hat. Der zeitliche Abstand zwischen dem iranischen Aufstand und dem israelisch-amerikanischen Angriff ist der Kriegslogistik geschuldet: Die USA mussten ihre Kräfte in der Region zusammenziehen, deren Versorgung sicherstellen, etc., was Wochen dauert. Die Mullah-Herrschaft scheint tatsächlich morsch, porös, hochkorrupt, was schon an der weitgehenden Penetration des iranischen Staats durch israelische und westliche Geheimdienste evident wird. Die Israelis konnten nicht nur bei der Bombenkampagne 2025 einen Teil der iranischen Führungsspitze eliminieren, sie haben es auch jetzt wieder vermocht, am ersten Tag den Obersten Führer Khamenei auszuschalten. Netanjahu sollen Bilder der Leiche gezeigt worden sein, kurz nachdem diese geborgen wurde.<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>
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Im Fall Israels sind die Kriegsgründe offensichtlich: Tel Aviv will aus reinem Selbsterhaltungstrieb das Ende des Mullah-Regimes. Israel will den Regierungssturz, da die „Islamische Republik“ Iran die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin erhoben hat. Seit dem 07. Oktober 2023, dem massenmörderischen Terrorangriff der Hamas auf Israel, der vom Iran bejubelt und militärisch mittels Hisbollahattacken flankiert wurde, scheint der Regime Change zur Leitschnur israelischer Iranpolitik avanciert zu sein.
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Israel will die Wiederholung eines Angriffs, wie ihn die vom Iran unterstützte Hamas führen konnte, unter allen Umständen verhindern. Die derzeitige Rechtsregierung in Jerusalem würde wohl ein reaktionäres, US-höriges Regime unter Reza Pahlavi favorisieren, doch scheint der Regimesturz oberste Priorität zu haben – unabhängig von der Nachfolgediskussion. Das israelische Minimalziel, mit dem das Überleben des jüdischen Staates in einer feindlichen Region gesichert werden soll, besteht in der dauerhaften Verhinderung des iranischen Atomprogramms.
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Im Fall der USA werden für gewöhnlich die innenpolitischen Gründe betont: Trump will von dem Pädophilie-Skandal ablenken, in den US-Funktionseliten verwickelt sind. Inzwischen mehren sich Hinweise darauf, dass der Präsident selbst sich an Mädchen und Kindern vergangen haben könnte. Bereits der Angriff auf Venezuela wurde als ein Ablenkungsversuch Trumps gedeutet, ähnlich der Invasion Grenadas durch Reagan 1983, die von der Iran-Contra Affäre ablenken sollte. Der militärische Triumph in Caracas führte auch schlicht dazu, dass die Faschisten im Weissen Haus, hier vor allem Trump-Intimus Steven Miller, gefallen an konsequenzloser militärischer Gewaltanwendung gefunden haben. Sie haben schlicht Blut geleckt.
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Doch zugleich ist evident, dass die Trump-Administration mit dem Iran die zweite Tankstelle Chinas angreift. Peking stellt(e) den wichtigsten Kunden in Caracas und Teheran dar. Der Einsatz der gigantischen US-Militärmaschine bildet – nach der Zerstörung der Rudimente amerikanischer Hegemonie durch Trump<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> – faktisch den letzten nennenswerten Hebel, mit dem Washington seine globale Dominanz aufrechterhalten kann. Gerade weil die Krise auch der Trump-Administration im Nacken sitzt, da der Dollar zunehmend seine Rolle als Weltleitwährung verliert und Washington sich mit zunehmenden Haushaltsproblemen konfrontiert sieht. Die Angriffe auf Ölförderländer, die sich aus dem Orbit der USA gelöst haben, scheinen auch die Rolle des Dollars als Weltleitwährung, als „Ölwährung“ festigen zu sollen.
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Zudem – dies darf in der Ära oligarchischer Verrohung der USA nicht ausgeblendet werden – wurde Trump von den Golf-Despotien, die seinen Clan mit milliardenschweren „Geschenken“ und Deals überschütteten, zum Angriff auf den Iran ermuntert. Insbesondere Saudi Arabien drängte Washington in Geheimgesprächen zur Bombardierung, während offiziell eine neutrale Position eingenommen wurde.<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> Die Angriffe Irans gegen die Golfstaaten sind gerade Folge dieser taktischen Zustimmung und Unterstützung des US-Angriffs, mit dem auch ein zentraler schiitischer Rivale der Saudis bis auf Weiteres ausgeschaltet würde. Riad hofft darauf, im Windschatten des Krieges zur führenden Regionalmacht aufzusteigen.

<h3>Ausblick und Perspektiven</h3>

Ohne substanziellen Einsatz von Bodenstreitkräften dürfte der Bombenkrieg gegen den Iran nach wenigen Wochen ohne Regime Change auslaufen. Das Regime ist marode, es ist korrupt, es kann durch Geheimdienste offensichtlich leicht penetriert werden, die Informationen schlicht kaufen können. Aber es verfügt weiterhin über Hunderttausende von Anhängern und Kämpfern unter Waffen, gerade in den Milizen, die ohne substanziellen militärischen Druck aus einem simplen Grund loyal bleiben werden: Das Regime versorgt sie materiell. Ihre Kinder sind nicht unterernährt, sie können ihre Familien über die Runden bringen inmitten einer sozioökologischen Krise, bei der dies immer grösseren Bevölkerungsteilen nicht mehr möglich ist.
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Die Organisationsstrukturen dürften folglich trotz Bombenhagels intakt bleiben, die Befehlsketten weiterhin funktionieren, unzuverlässige Elemente im Repressionsapparat sind bei der brutalen Aufstandsbekämpfung zu Jahresbeginn ohnehin neutralisiert worden. Die Maschinengewehre stehen bereit, falls wieder spontane Proteste entflammen sollten, die ohne Weiteres abermals in Blut ertränkt werden könnten. Das Rückgrat des Regimes ist zu hart, als das es nur durch Luftschläge und Demonstrationen gebrochen werden könnte.
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Es gibt kaum nennenswerte, schlagkräftige Oppositionsgruppen, die das Regime militärisch herausfordern könnten. Die Volksmudschahedin, eine oppositionelle linksislamistische Abspaltung des iranischen Staatsschiitismus, gleichen einer rund 3000 Anhänger zählenden Sekte, die sporadisch Angriffe im Iran organisiert.<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> Der Schahsohn Pahlavi verfügt über keine nennenswerten kampferprobten Formationen. Was bleibt, das sind die Minderheiten: die Kurden verfügen mit der iranischen Nachfolgeorganisation der aufgelösten PKK über nennenswerte Kampfverbände, separatistische Bestrebungen – die eventuell von der Türkei forciert werden könnten – gibt es unter den Aserbaidschanern im Nordwesten Irans, wie im iranischen Belutschistan im Südosten des Landes.
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Diese Kräfte würden aber eher die Zentrifugalkräfte des Irans stärken, Instabilität und Staatszerfall befeuern – während die USA eher ein stabiles US-höriges Regime im Iran installieren wollen. Die anfängliche Opposition der Türkei gegen einen Angriff auf den Iran ist gerade auf die Befürchtungen Ankaras zurückzuführen, die iranischen Kurden könnten Unabhängigkeit oder Autonomie erkämpfen (Der Verrat Washingtons an Rojava bildete das kurdische Opfer,<a href="#footnote-15" id="ref-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a> mit dem Ankaras Widerstand überwunden wurde). Dieses Szenario eines abermaligen Entstaatlichungsschubs in der Region scheint auch im Fall einer Eskalation am wahrscheinlichsten. Das 90 Millionen Einwohner zählende Land könnte zu einem gigantischen, zweiten Syrien desintegrieren. Hierbei wäre es aber nicht nur der Iran, in dem Konflikte entlang ethischer oder religiöser Fronten aufbrechen könnten.
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Betroffen wäre auch der Irak, der nach dem Einfrieren des sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieges eine blosse Staatsattrappe darstellt, in der faktisch regionsabhängig Milizen das Sagen haben. Und Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit des Irak. Schiitische Milizen, die zumeist vom Iran gefördert werden, drohten bereits Angriffe gegen US-Militärstützpunkte und sonstige Einrichtungen an. Ein Aufflackern des Bürgerkriegs scheint bei einer Eskalation durchaus wahrscheinlich.<a href="#footnote-16" id="ref-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a>
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Das syrische Islamistenregime, das aus dem sunnitischen Terrornetzwerk der Al-Quaida hervorgegangen ist, zieht bereits Truppen an der Grenze zum Irak zusammen.<a href="#footnote-17" id="ref-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a> Denkbar sind auch Interventionen der Türkei, um im Rahmen des neo-osmanschen Imperialismus Erdogans die aserbaidschanischen Regionen des Iran zu okkupieren oder die Kurden anzugreifen.
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Und schliesslich kann der Konflikt ganz schnell globale, ökonomische Erschütterungen nach sich ziehen, indem der Iran die Strasse von Hormus blockiert, was einfach durch die Androhung von Drohnen- oder Raketenschlägen geschehen kann – eine Marine ist hierfür nicht notwendig. Eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten für fossile Energieträger würde hierdurch ausfallen. Damit würde der Krieg, wie so oft bei westlichen Weltordnungskriegen (Robert Kurz), schlicht zum Krisenkatalysator, er würde die den Krisenprozess des Kapitals schubweise beschleunigen – in der Region wie auch global.<p><em>Tomasz Konicz</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/WhiteHouse/status/2027654336138924410" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/WhiteHouse/status/2027654336138924410</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.axios.com/2026/02/28/trump-iran-war-israel-off-ramps" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.axios.com/2026/02/28/trump-iran-war-israel-off-ramps</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.politico.com/news/magazine/2026/02/24/reza-pahlavi-iran-trump-00793877" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.politico.com/news/magazine/2026/02/24/reza-pahlavi-iran-trump-00793877</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://apnews.com/article/iran-iraq-kurds-pahlavi-6beae57e9fdc3546a61ec8f1432eef4b" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://apnews.com/article/iran-iraq-kurds-pahlavi-6beae57e9fdc3546a61ec8f1432eef4b</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.politico.com/news/magazine/2026/02/24/reza-pahlavi-iran-trump-00793877" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.politico.com/news/magazine/2026/02/24/reza-pahlavi-iran-trump-00793877</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.theguardian.com/world/2026/jan/15/how-day-zero-water-shortages-in-iran-are-fuelling-protests" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.theguardian.com/world/2026/jan/15/how-day-zero-water-shortages-in-iran-are-fuelling-protests</a>
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tehrantimes.com/news/507241/Climate-change-significantly-impacts-food-security-in-Iran-expert" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tehrantimes.com/news/507241/Climate-change-significantly-impacts-food-security-in-Iran-expert</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/natenyahu-said-shown-picture-of-khameneis-body-retrieved-from-compound/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/natenyahu-said-shown-picture-of-khameneis-body-retrieved-from-compound/</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/03/15/alles-muss-in-flammen-stehen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/03/15/alles-muss-in-flammen-stehen/</a>
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.washingtonpost.com/politics/2026/02/28/trump-iran-decision-saudi-arabia-israel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.washingtonpost.com/politics/2026/02/28/trump-iran-decision-saudi-arabia-israel/</a>
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://esut.de/2025/04/fachbeitraege/58620/der-geist-der-volksmudschahedin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://esut.de/2025/04/fachbeitraege/58620/der-geist-der-volksmudschahedin/</a>
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<a href="#ref-15" id="footnote-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/28/verrat-aus-prinzip/</a>
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<a href="#ref-16" id="footnote-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.thenationalnews.com/news/mena/2026/02/28/iran-backed-militias-in-iraq-say-us-israel-attack-kills-at-least-two-fighters/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.thenationalnews.com/news/mena/2026/02/28/iran-backed-militias-in-iraq-say-us-israel-attack-kills-at-least-two-fighters/</a>
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<a href="#ref-17" id="footnote-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/ScharoMaroof/status/2027754904991781276" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/ScharoMaroof/status/2027754904991781276</a>
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Ich finanziere meine journalistische Tätigkeit grösstenteils durch Spenden. Falls Ihnen meine Texte zusagen, dann können Sie sich gerne daran beteiligen – entweder über <a class="fussnoten_links" href="https://www.patreon.com/user?u=57464083" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, oder durch direkte Banküberweisung nach Absprache per Mail.</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 03 Mar 2026 10:52:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/ausland/iran-krieg-als-krisenkatalysator-ausblick-und-perspektiven-009569.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Fluorid im gesellschaftlichen Diskurs]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/fluorid-im-gesellschaftlichen-diskurs-009570.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) lässt über Zahnärzte eine <a href="https://www.kinderzahnaerzte-bonn.de/downloads/fluorid-1pager-nov24.pdf" target="_blank" rel="nofollow noopener">Broschüre</a> an Patient*innen verbreiten, die grobe Unwahrheiten enthält und statt sachlicher Aufklärung gezielte Propaganda betreibt. Wie seriös sind die Argumente, die hier vorgebracht werden?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Kollage_Fluorid_Broschuere_w.webp><p><small>Kollage aus der Fluorid Broschüre.</small><p>Im gesellschaftlichen Diskurs und in den Regalen der Drogeriemärkte, ist eine Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung des Themas Fluorid-Zahnpasta, zumindest an der gesellschaftlichen Basis zu vernehmen. Zwischen Evangelist*innen wie der Bundeszahnärztekammer und Esoteriker*innen fällt die Orientierung manchmal schwer.
<br><br>
Aber selbst unter Expert*innengesellschaften ist eigentlich unumstritten, dass Fluorid giftig ist. Die Deutsche Gesellschaft für Toxikologie nennt Fluorid „Gift des Monats“ (im August 2025) und weist darauf hin, dass die <a href="https://toxikologie.de/toxikologie/artikel-des-monats/fluorid-efsa-neubewertung-zur-sicheren-aufnahmemenge-und-berechnung-der-individuellen-aufnahme-mit-rechner-der-beratungskommission/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit</a> bzw. die Beratungskommission empfiehlt, dass Schwangere Frauen die Fluoridaufnahme durch Tees oder fluoridisiertes Salz reduzieren sollten. Auch solle man Zahnpasta mit Fluorid nicht herunterschlucken.
<br><br>
Ein häufig enthaltenes Fluorid in Zahnpasta ist Natriumfluorid und diese Substanz hat ganz offiziell eine GHS-Gefahrstoffkennzeichung „Gefahr“, das ist das Totenkopf-Symbol in einer Raute. Dass man also nicht leichtsinnig mit einer solchen Substanz im Alltag umgehen sollte, kann man sich also denken.<br>
Die <a href="https://www.efsa.europa.eu/de/news/fluoride-safety-updated-intake-levels-all-ages" target="_blank" rel="noreferrer noopener">EFSA hat ihre Aufnahmeempfehlungen</a> überarbeitet und etwas strenger neu herausgegeben, sieht aber insgesamt Fluorid als wenig gefährlich an.
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Und das Bundesinstitut für Risikobewertung befindet, dass „Fluorid nicht in Nahrungsergänzungsmittel[n]“ verwendet werden sollte.<br>
https://www.bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengenvorschlaege-fuer-fluorid-in-lebensmitteln-inklusive-nahrungsergaenzungsmitteln.pdf<br>
Erstaunlicherweise trommeln aber teilweise auch „Öko-Institutionen“ wie die <a href="https://utopia.de/ratgeber/zahnpasta-oeko-test-marken-probleme-titandioxid-blei-fluorid_490399/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zeitschrift Ökotest</a> für Fluorid. Dort werden fluoridfreie Zahnpastas auf „mangelhaft“ (!) abgewertet.
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Anmerkung: Der Autor gesteht ein, seit 25 Jahren Karies- und Lochfrei „mangelhafte“ Naturkosmetik beim Zähneputzen zu verwenden.

<h3>Die Giftigkeits-Debatte: Fluorid vs. Kochsalz</h3>

Aber nun zur Broschüre der Bundeszahnärztekammer, die versucht, mit  seltsamen und vollkommen falschen Vergleichen, die Patient*innen einzuschüchtern, auf dass diese sich beim nächsten Drogeriemarktbesuch nicht mehr trauen sollen, fluoridfreie Zahnpasta zu kaufen, auch wenn ihre Zähne gesund sind.<br>
Ein zentrales Argument der BZÄK lautet:
<br><br>
„Fluorid ist nicht zu verwechseln mit Fluor – einem giftigen Gas. Fluorid ist in der Menge, die durch das tägliche Zähneputzen aufgenommen wird, für den menschlichen Körper absolut unbedenklich und sogar besser verträglich als Kochsalz.“
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Doch ein Blick auf die toxikologischen Daten, die sogar bei <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Fluoride" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wikipedia</a> und überall sonst frei zugänglich sind, zeigt: Diese Aussage ist falsch. Die tödliche Dosis für Kochsalz (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Sodium_chloride" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Natriumchlorid</a>) liegt bei etwa 3.000–3.500 mg/kg Körpergewicht (oral, Ratte). Also über 200 Gramm für einen Erwachsenen. Die tödliche Dosis für Natriumfluorid beträgt hingegen 50–250 mg/kg Körpergewicht (oral, Ratte) – ca. 5-20 Gramm für einen Erwachsenen, also ist Fluorid etwa 10-45x toxischer als Kochsalz!
<br><br>
Die BZÄK behauptet das Gegenteil der wissenschaftlichen Fakten: Fluorid ist nicht „fast zehnmal weniger giftig“ als Kochsalz, sondern deutlich giftiger. Dass die aufgenommenen Mengen beim Zähneputzen meist zu gering für akute Vergiftungen sind, ändert nichts an der grundsätzlichen Toxizität – und an der Fahrlässigkeit, mit der hier Fakten verdreht werden.

<h3>Greenwashing: „Fluorid ist natürlich!“</h3>

Ein weiteres „Argument“ in der Broschüre lautet: „Fluorid ist ein Bestandteil vieler in der Natur vorkommender Mineralien. Fluoride sind nicht nur in der Erde, im Wasser, in Pflanzen und der Luft, sondern auch im menschlichen Körper verbreitet.“
<br><br>
Hier wird der natürliche Ursprung eines Stoffes mit seiner Harmlosigkeit gleichgesetzt – ein klassisches Greenwashing-Muster. Dass etwas „natürlich“ vorkommt, sagt nichts über seine Sicherheit für den Menschen aus: Arsen, Blei oder Quecksilber sind ebenfalls natürlich...
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Die BZÄK verschweigt geflissentlich, dass künstlich zugesetztes Fluorid in Zahnpasta in einer Konzentration vorliegt, die in der Natur so nicht vorkommt. Der Verweis auf „natürliche Verbreitung“ dient einzig dazu, Bedenken zu zerstreuen – nicht aber, um sachlich aufzuklären.

<h3>Die Strategie der Verunsicherung: Fluorid ≠ Fluor</h3>

Ein besonders subversives Argumentationsmuster in der Broschüre ist, dass man Fluor in Abgrenzung zu Fluorid ins Spiel bringt: „Fluorid (z.B. Aminfluorid oder Natriumfluorid) ist ein Salz und nicht zu verwechseln mit Fluor, einem in der Tat giftigen Gas.“
<br><br>
Natürlich ist Fluorid nicht dasselbe wie elementares Fluor – doch diese Aussage suggeriert, Fluorid sei im Gegensatz dazu harmlos. Dabei ist Natriumfluorid ein hochgiftiger Stoff, der in Insektiziden und Rattengift eingesetzt wird. Die BZÄK vergleicht hier ungefragt Äpfel mit Birnen: Dass Fluorid ein Salz ist, macht es nicht automatisch sicherer.
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Noch mehr Verwirrung stiftet die Bundeszahnärztekammer, wenn sie Kochsalz nun gegenüber Fluorid ausspielen will. Auch dies ist wissenschaftlich unseriös. Chlorid (im Kochsalz) ist für den Körper essenziell – Fluorid ist es nicht. Der Körper hat keine wichtige Verwendung für Fluorid – es wirkt toxisch und wird sofort wieder ausgeschieden.
<br><br>
Daneben spricht die BZÄK von einem „Wiedereinbau“, ganz so, also wäre etwas verloren gegangen. Da heisst es: „Durch den Wiedereinbau verlorener Mineralien stärken Fluoride die Zähne und machen sie widerstandsfähiger.“
<br><br>
Dabei handelt es sich aber nicht um einen natürlichen Prozess, sondern um eine chemische Reaktion, die den Zahnschmelz verändert. Die BZÄK verschweigt, dass Fluorid keine Karies heilt, sondern lediglich das Bakterienwachstum hemmt – ein Effekt, der auch durch zahnfreundliche Ernährung erreicht werden kann, ohne potentiell toxische Nebenwirkungen durch zu viel Aufnahme von Fluorid (Fluorose).

<h3>Fazit: Aufklärung statt Beschwichtigung</h3>

Die Bundeszahnärztekammer betreibt eine strategische, man könnte sagen, propagandistische Verharmlosung. Die Giftigkeit von Fluorid wird weggewischt oder relativiert („weniger giftig als Kochsalz“ – obwohl das Gegenteil der Fall ist). Ausserdem wird die Natürlichkeit als Sicherheitsgarantie dargestellt; aber nicht alle natürlich vorkommenden Substanzen sind ungiftig. Auch werden komplexe chemische Prozesse vereinfacht dargestellt („stärkt die Zähne“), ohne auf Risiken einzugehen.
<br><br>
Statt Aufklärung zu betreiben, präsentiert die Bundeszahnärztekammer ihre „Fakten“ unter dem Deckmantel institutioneller Autorität – ein klassischer Appeal to Authority der „Götter in Weiss“. Am Ende werden die Menschen für sich zwischen Nutzen und Risiko abwägen. Denn es bleibt eine Unsicherheit in Bezug auf die Frage, ob eine giftige Substanz, über Jahrzehnte in kleinen Mengen aufgenommen, möglicherweise doch Schaden anrichten könnte. Dies lässt sich nicht definitiv ausschliessen. Die Entscheidung fällt also zwischen Vorsorgeprinzip und Risikoakzeptanz: Sollte man potenzielle Gefahren vermeiden – oder ist uns ein minimal härterer Zahnschmelz wichtiger? Die hier vorgestellte Broschüre zeigt aber, wie ideologisch aufgeladen dieses Thema unter Schulmediziner*innen offenbar ist.<p><em>Christopher Stark</em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 03 Mar 2026 08:25:00 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Krieg als Arbeit und der Tod als Ware]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/krieg-als-arbeit-und-der-tod-als-ware-009377.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Über die geistigen Vorbedingungen der „Kriegstüchtigkeit“: Warum unser Verhältnis zu den Dingen der Welt ein grundlegend anderes werden muss und sonst nie dauerhafter Frieden einkehren kann.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Bundeswehr_Priority_Window-_Hand_Grenade_Range_(8326737)_w.webp><p><small>Soldaten der Bundeswehr absolvieren am 4. April 2024 im Übungsgelände Grafenwöhr in Deutschland ein Handgranaten-Training.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundeswehr_Priority_Window-_Hand_Grenade_Range_(8326737).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Thomas Dixon</a> (PD)</small><p>„Immer wenn ein Mensch stirbt, stirbt ein Bewusstsein. Man muss sich das einmal vor Augen halten.“ – Diese Bemerkung kam aus dem Munde eines Geschichtslehrers, der uns (eine österreichische Schulklasse Anfang der 80er-Jahre) gerade vom Ersten Weltkrieg erzählt hatte und uns mit diesen Worten den Schrecken des Krieges überhaupt ausmalte, das grausame Schicksal der jungen gefallenen Soldaten. Woher er den Gedanken hatte, ob er ihn seinerseits irgendwo aufgeschnappt hatte oder ob er ihn im Laufe seiner Rede spontan aus seiner eigenen Seele gehoben hatte, das weiss ich nicht. Ist es denn überhaupt ein sonderlich origineller Gedanke, könnte man fragen, ist diese Aussage im Grunde nicht trivial? Warum soll man sich das „vor Augen halten“?
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Doch wie es mit scheinbar trivialen Aussagen oft so ist, es hängt von dem Blick ab, welchen man darauf wirft, ob sie einem banal vorkommen oder ob nicht doch eine tiefe, fast unergründliche Weisheit aus ihnen spricht. Der Satz „Alle Menschen sind sterblich“ etwa scheint einerseits bloss eine Selbstverständlichkeit auszudrücken und gar nichts Besonderes zu besagen, nichts, was nicht jeder weiss. Sich bewusst zu machen, was er bedeutet, in seiner ganzen Tragweite, ist andererseits jedoch eine wahre Herausforderung. Hier beginnt die Philosophie. Und hier beginnt auch die Moral.<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Und hier beginnt daher auch der Widerstand gegen den Krieg und das organisierte Töten. Eins nämlich spiegelt sich in unserem Verständnis von Krieg und Frieden zuallererst wider: Unser Verhältnis zu Leben und Tod.
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Denn das Morden beginnt viel früher. Es beginnt, noch ehe der Krieg selbst begonnen hat. Es ist ein geistiges Verbrechen, was dem Krieg zugrunde liegt, die physischen Taten sind nur eine Folgeerscheinung. Der Krieg steckt in unserer Zivilisation. Im Morden des Krieges drückt sich eine schrankenlos gewordene instrumentelle Vernunft aus, eine die ganze Erde bis in den letzten Winkel beherrschende Zweck-Mittel-Rationalität, ein Utilitarismus, der alle Dinge zusehends auf ihren blossen Warencharakter reduziert, es aber nicht mehr in Betracht zieht, dass eine Existenz einen Wert bloss für sich selbst haben könnte.
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Es handelt sich um eine Art Moral, die gleichzeitig eine völlige Unmoral darstellt, denn sie besagt, dass dieser oder jener bestimmte Zweck – worin immer er auch konkret bestehen mag – die entsetzlichsten Mittel und Wege heiligt, und zwar, und darin liegt das eigentliche Verbrechen, so sehr heiligt, dass er in letzter Konsequenz sogar mehr wiegt als das, was uns doch im Grunde das Allerheiligste sein sollte: das Leben; sodass wir bereit sind, es zu beschädigen und auszulöschen, damit wir an unser Ziel gelangen.

<h3>Die geistigen Grundlagen des Krieges</h3>

Diese obskure Ethik, die, so behaupte ich, unsere moderne Welt beherrscht und die im Krieg bloss kulminiert, spiegelt nicht Ehrfurcht vor dem Leben wider, sondern das glatte Gegenteil davon: eine tiefe Verachtung für das Leben. Als Ethik des Krieges verhöhnt sie die, die sie in den Tod schickt, gerade dann am allermeisten, wenn sie ihnen scheinbar die Ehre erweist, indem sie sie als „Helden“ feiert. Ist dies doch lediglich eine gehobene Ausdrucksweise dafür, dass sie deren Existenz auf ein blosses Mittel zur Erreichung eines vorgegebenen Zwecks reduziert, das heisst, sie als eigenständige Lebewesen negiert und zum Objekt erniedrigt.
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Man schüttelt heutzutage den Kopf über die Kultur der Azteken, welche glaubten, es wäre notwendig, ab und zu einem gefangenen Krieger, einem Sklaven, einer Frau oder einem wehrlosen Kind das Herz herauszuschneiden, damit die Sonne nicht aus ihrer Bahn falle. Man nimmt dies als Beweis für die Primitivität, Grausamkeit und geistige Rückständigkeit dieses Volkes. Aber bewegt man sich weniger in grausamen mythisch-archaischen Denkformen, wenn man jahrelang systematisch Friedensverhandlungen verhindert und dadurch schätzungsweise eine halbe Million ukrainische Soldaten auf dem Schlachtfeld sterben lässt, weil, wie es heisst, andernfalls der Westen unterginge und daher nur ein Sieg über Russland in Betracht käme – und das, obwohl, wie man ganz genau wissen müsste, dieser gar nicht möglich ist?
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Der Krieg jedoch ist die Eskalation von etwas, was immer schon da ist. Lange bevor der Krieg anfängt, ist er bereits da gewesen, hat er sich in unserer Kultur vorbereitet, in Form einer masslosen Unterwerfung und Ausbeutung alles Lebendigen, wie es selbstverständlicher Alltag in unserer Gesellschaft geworden ist. Dies nimmt Gestalt an in einem rein nur mehr auf Instrumentalisierung, Effizienz und Profiterwerb ausgerichteten Umgang mit den Dingen, denen wir keine davon eigenständige, unabhängige und darüberhinausgehende Bestimmung mehr zugestehen, darin, wie wir allmählich den letzten Rest von unberührter Wildnis auf dem Planeten beseitigen und die ganze Welt – inklusive der auf ihr existierenden Fauna und Flora – als blosse Material- und Energieressource für die Erzeugung von Gegenständen unserer künstlichen Produktlandschaften betrachten. Die fanatische Unterwerfung des gesamten Daseins unter die Axiomatik von finanziellem Gewinn, Konsum, gesellschaftlichem Erfolg und technologischem Fortschritt findet im Krieg nur ihre logische Vollendung, indem in ihm diese Maschinerie auf ihre eigentliche Essenz reduziert wird: auf die Unterwerfung des Lebens unter den Tod.<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>
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Denn was der Mensch der Natur antut, das tut auch der Mensch dem Menschen an. In Gegenseitigkeit, aber auch jeder Einzelne sich selbst. Etwas von diesem Zusammenhang hat man in den 80er-Jahren gewusst, als die deutsche Linke noch die „Dialektik der Aufklärung“ zum Leitstern hatte und als die Grünen gerade dabei waren, die Friedens- und die Ökologiebewegung miteinander zu verknüpfen.<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>
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Unser Alltag ist bereits mordend, sonst könnte nicht aus ihm der Krieg entstehen, sonst wäre uns das Morden fremd. Vieles muss schliesslich in einer Kultur vorausgesetzt und bereits gegeben sein, damit ihre Mitglieder in den Krieg ziehen oder andere dorthin schicken können, damit sie an seinen Segen glauben, damit sie bereit sind, dieses oder jenes Ziel so wichtig zu nehmen, dass sie sagen: Das ist uns all die Toten, Verwundeten, all die Leichen und all die Leiden wert, dafür lohnt es sich, ganze Städte und weite Zonen unseres Planeten in Trümmer zu legen. Man muss vor allem in einem Übung erlangt haben: In einer bestimmten unbeirrbaren Art des technokratischen Denkens, in einer bestimmten Art des Rechnens insbesondere. Der amerikanischen Politikerin Madeleine Albright, die später auch US-Aussenministerin wurde, ist 1996 diese Wahrheit herausgerutscht, als sie bei einem Fernsehauftritt zu den Auswirkungen der drakonischen Wirtschaftssanktionen gegen den Irak befragt wurde.
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Eine halbe Million irakischer Kinder seien an den Folgen der US-Sanktionen gestorben, ob sie denke, dass es diesen Preis wert sei, wurde sie gefragt. Und es entfuhr ihr die Antwort: „Es ist den Preis wert!“<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Eine Antwort, die sie später als einen „Fehler“ betrachtete (die Antwort wohlgemerkt; nicht etwa die Tat), aber eine unverhofft ehrliche Antwort, denn sie brachte damit den Tauschhandel des Krieges (und ein jeder Krieg ist letztlich solch ein Tauschhandel!) lapidar auf den Punkt: Das erreichte Ziel zählt mehr als Menschenleben, zählt auch mehr als das Leben von 500.000 Kindern.
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Diese sind nicht mehr als nebensächliche Faktoren in einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung. Wir hingegen aber, als Menschen, welche nicht bloss wie Computer und Maschinen funktionieren, sondern eigenständig denkende Vernunftwesen sein wollen, wir sollten uns die Frage stellen, ob „es“ (was auch immer damit gemeint ist) selbst nur das Leben eines einzigen Kindes wert gewesen sein kann und ob die Medienvertreterin, die hier die Frage an Albright gestellt hat, sollte sie sie ernst gemeint haben, nicht schon dadurch, dass sie darin überhaupt die Möglichkeit einer Aufrechnung in Betracht gezogen hat, gegen alles verstossen hat, was in der abendländischen moralphilosophischen Tradition seit Immanuel Kant als Grundprinzip gilt. Niemals darf man, so sagt Kant, den anderen Menschen als blosses Mittel zur Erlangung eines Zwecks ansehen.<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>

<h3>Bewusstseinsindustrie</h3>

Im Krieg spielt sich das schlimmste Versagen der Menschheit ab. Diese zu Beginn des 21. Jahrhunderts in die Hinterzimmer unseres Bewusstseins verdrängte Einsicht spiegelt sich in den grossen pazifistischen Texten der Vergangenheit seit der „Klage des Friedens“ des Erasmus von Rotterdam<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> und Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ genauso wider wie in den Stellungnahmen und Aktionen vieler, welche sich im Laufe des 20. Jahrhunderts auf die Spuren von Henry David Thoreau und Mahatma Gandhi begeben haben, sich für das Recht auf Wehrdienstverweigerung engagiert und den gewaltfreien zivilen Ungehorsam gepredigt haben.
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So banal kann die eingangs vorgelegte Aussage unseres Geschichtslehrers aus den 80er-Jahren dabei übrigens doch nicht gewesen sein, drückt sich schliesslich darin ein inzwischen verloren gegangener spezifischer humanistischer Geist auf eine solche Weise aus, dass heutzutage nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass ihr Sinn allgemein verständlich wäre, während damals seine intuitive Erfassbarkeit grundsätzlich vorausgesetzt werden konnte. Jedenfalls steht der darin enthaltene Appell quer zum engen Inventar an Stehsätzen und Phrasen, welche heute den öffentlichen Diskurs massgeblich bestimmen, und die Chance, dass in der Gegenwart ein Lehrer oder eine Lehrerin dergleichen ausspricht, mutet eher gering an. Der Fokus unseres Bewusstseins liegt heute, im Jahr 2025, entschieden ganz woanders als in den 60er-, 70er- und auch noch 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts.
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Es wäre eine interessante Frage, inwieweit dabei die Beeinflussung durch die Medien eine Rolle spielt, denn schliesslich sind es sie, die massgeblich bestimmen, was wir in unserem Bewusstsein tragen, und das, was aus Fernsehen und Radio kommt sowie in den Zeitungen steht, unterscheidet sich heutzutage grundlegend von dem geistigen Material, mit dem wir damals gefüttert wurden, ganz abgesehen davon, dass wir es mittlerweile auch mit dem Internet zu tun haben. Hinzu kommen massive Umwälzungen des Bildungssystems, oder um es deutlicher zu sagen: ein drastischer Verlust an Bildung und insbesondere an der mittlerweile gar nicht mehr sonderlich erwünschten Fähigkeit, eigenständig zu reflektieren, ein Umstand, der zur fortwährenden Wiederholung vorgegebener Sprach-, Denk- und Gefühlsmuster führt, gekoppelt mit einem gleichzeitigen Überfluss an jederzeit elektronisch abrufbaren Informationen. Das, was man einmal „Humanismus“ genannt hat, ist im Schwinden begriffen, und das, was wir früher einmal „Bildung“ genannt haben, wurde dementsprechend durch etwas ersetzt, was ich „Bewusstseinsindustrie“ nennen möchte.
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Die Entwicklung hin zum bellizistischen Bewusstsein war jedenfalls schleichend, es war nicht plötzlich, mit einem Schlag, im Februar 2022 vorhanden, die Veränderung vollzog sich vielmehr allmählich. Das öffentliche Bewusstsein hat sich langsam wie beharrlich während der vergangenen Jahrzehnte um 180 Grad gedreht. Denn es ist ein weiter Weg von der allgemeinen pazifistischen Grundstimmung der 70er- und 80er-Jahre über die Gutheissung des NATO-Angriffs auf Rest-Jugoslawien im Frühjahr 1999 und den von 9/11 ausgelösten weltweit geführten War on Terror der USA bis zu dem Punkt, an dem wir inzwischen angelangt sind und an dem Friedensdemonstranten von führenden Meinungsmachern so ohne weiteres beispielsweise als „Lumpenpazifisten“ bezeichnet werden und eine einst allgemein hochverehrte Persönlichkeit wie Gandhi plötzlich als „Knalltüte“ tituliert wird.<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>
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Man darf allerdings nicht, dies sei eingeschoben, den Fehler machen zu glauben, diese allmähliche Veränderung der von den Medien erzeugten öffentlichen Bewusstseinslandschaft habe sich gleichsam von selbst ereignet. Die zunehmende Einflussnahme politischer Machtapparate auf journalistische Inhalte via Nachrichten- und PR-Agenturen und sogar auf Hollywood-Produktionen, die Vernetzung des militärisch-industriellen Komplexes (MIK) mit der Kulturindustrie und Medieneliten ist wohldokumentiert und von solcher Bedeutsamkeit, dass manche es mittlerweile vorziehen, vom „Militärisch-Industriell-Kommunikativen Komplex“ (MIKK) zu sprechen.<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Was wir heute in der Zeitung lesen, wurde gestern möglicherweise von der AP (die in New York ansässige Associated Press gehört neben der britischen Reuters und der französischen AFP – Agence France Press – zu den drei den globalen Nachrichtenmarkt beherrschenden Agenturen) in Umlauf gesetzt, und diese musste dabei höchstwahrscheinlich den von den US-amerikanischen Regierungsbehörden vorgegebenen Narrativen folgen.<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Dass man dabei zuerst an den einzelnen kleinen namenlosen ukrainischen oder russischen Soldaten denkt und darum an eine Beendigung des Krieges, kommt dabei nicht mehr vor, sondern nur all das, was ihn legitimiert.

<h3>Das millionenfache Aztekenopfer</h3>

„Immer wenn ein Mensch stirbt, stirbt ein Bewusstsein. Man muss sich das einmal vor Augen halten.“
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Kommen wir auf diesen Satz meines Geschichtslehrers wieder zurück. Die Unmöglichkeit, sich das vor Augen zu halten, wenn es sich nicht um einen einzigen Menschen, sondern, wie im Krieg, um hunderttausende oder Millionen Tote handelt, und ihrer überhaupt auf angemessene Weise zu gedenken, bildete den wesentlichen Angelpunkt der Anti-Kriegs-Betrachtungen des Philosophen Günther Anders: „Und versuche einer einmal, das Bild von Millionen heraufzubeschwören. Von Millionen von Toten.“<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>
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Albright bejaht die Frage, ob „es“ (was auch immer) das wert gewesen sei, nämlich das Leben einer halben Million Kinder zu opfern. Eine halbe Million, eine Zahl, die von der Interviewerin einfach so dahingesagt wird, eben nur eine Zahl, abstrakt, wie Zahlen nun einmal abstrakt sind – was Technokraten allerdings nicht daran hindert zu glauben, mit ihnen liesse sich die Wirklichkeit objektiv darstellen, während sie tatsächlich die grausame Wirklichkeit eher verdecken als zeigen.
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Mit Zahlen hat Anders sich nicht zufriedengegeben.<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> Ende der 50er-Jahre hat er das Atomopfer-Hospital in Hiroshima besucht, sich die verstümmelten und dem Tode geweihten Kranken leibhaftig angesehen und mit Betroffenheit ihren Erzählungen und Berichten gelauscht, um wenigstens halbwegs eine Vorstellung vom Grauen zu erhalten, und er hat darüber geschrieben, um die Erinnerung daran wachzuhalten. Etwas, woran der für den Atombombenabwurf oberste Verantwortliche, US-Präsident Harry Truman, kein Interesse hatte, der stattdessen aus ferner Distanz verlautbarte, er empfinde keine „pangs of conscience“ – ihn plage nicht das schlechte Gewissen.<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Ein Bruder Albrights im Geiste, welche gleichfalls nicht auf die Idee gekommen wäre, in den Irak zu reisen, um die Opfer ihrer Politik und deren Hinterbliebene persönlich aufzusuchen und dabei vielleicht gar so etwas wie Reue zu empfinden. „Es“ (was auch immer) war auch ihm ein paar hunderttausend Menschenleben wert, die in diesem Fall sogar mit einem Schlag vernichtet worden sind.
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Auf der Rückreise aus Japan, so berichtet Anders,<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> sitzt neben ihm im Flugzeug ein Mann, der ihm nachdrücklich erklärt, warum das alles notwendig sei: Der atomare Schrecken, die Bedrohung. Der Mann rechtfertigt dies alles mit einem Argument, das uns Heutigen nach wie vor bekannt vorkommen könnte: Es gehe um die Verteidigung der „freien Welt“. Sie müsse gegen die Bedrohung durch den Totalitarismus geschützt werden – und da sei der Tod nicht das Schrecklichste.<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> Dies also wäre demnach jenes ominöse „Es“, das alle diese Preise wert sein sollte, all die Toten und Verstümmelten. Dies wäre also jener über allem Übrigen stehende Zweck, dem wir das Aztekenopfer zu bringen hätten und der alle Mittel heiligen solle, mehr wert als das Leben.
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Anders erwidert seinem Gegenüber, „dass es absurd ist, die Freiheit dadurch retten zu wollen, dass man die eine Spielart des Totalitarismus gegen die andere mobilisiert“<a href="#footnote-15" id="ref-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a>. Wäre jedoch nicht gegen Albright etwas Ähnliches einzuwenden? Ist es denn nicht totalitaristisch, wenn man glaubt, es sei in Ordnung, eine halbe Million Kinder zu opfern für das Erreichen seiner politischen Ziele? Und ist es denn nicht totalitaristisch, wenn man ein Land wie die Ukraine für die Verteidigung westlicher Werte in den Untergang schickt und jeden, der Einspruch dagegen erhebt, als „Putinversteher“ brandmarkt – wenn man also die Freiheit gerade dadurch verteidigt, dass man den Menschen die Freiheit (und darüber hinaus auch gleich noch ihr Leben) nimmt?

<h3>Das Maschinenherz</h3>

Sowohl der Theologe und Mediziner Albert Schweitzer – welcher den meinem Aufsatz den Titel gebenden Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben entworfen und ihn als einzig taugliche Grundlage einer wahren Ethik angesehen hat<a href="#footnote-16" id="ref-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a> – als auch Günther Anders haben in der Maschine, das heisst in unserem Verhältnis zur Technik, einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der moralischen Probleme der modernen Kriegsführung gesehen.<a href="#footnote-17" id="ref-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a>
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Die Fernwirkung der modernen Waffen sei es, die es bewirke, dass unser Gewissen nicht beunruhigt werde, wenn wir töten, verstümmeln und verletzen, denn wir seien mit dem Leiden und Sterben des anderen Menschen nicht unmittelbar konfrontiert.<a href="#footnote-18" id="ref-18" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[18]</a> Eine anschauliche Bestätigung erfuhr diese These jüngst durch die Schilderung des britischen Königssohns Harry, welcher ohne Anzeichen von Reue davon berichtete, als Soldat in Afghanistan von seinem Kampfhubschrauber aus 25 Menschen umgebracht zu haben. Der Grund dafür, dass er dies so einfach, ohne widerstrebende innere Regung, tun konnte: Sie seien für ihn blosse „Schachfiguren“ gewesen. „Du kannst niemandem wehtun, wenn du sie als Menschen siehst“, erklärt er diesen Umstand. Und ohnehin habe er sie bloss als bad guys wahrgenommen, die er zu eliminieren habe, bevor sie good guys ermorden.<a href="#footnote-19" id="ref-19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[19]</a>
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Diese Sichtweise sei ihm während seiner militärischen Ausbildung beigebracht worden, legt er weiters dar. Anschaulicher als durch die Aussagen Harrys kann man wohl nicht vor Augen geführt bekommen, wie Kriegspropaganda und militärische Erziehung funktionieren: nämlich indem sie den Gegner entmenschlichen und zum blossen Objekt, zu einem Gegenstand oder Ding herabsetzen. Erschütternd ist es allerdings allemal, dass der Prinz nicht einmal in der Rückschau, aus einer zeitlichen Distanz von ungefähr doch immerhin zehn Jahren, in der Lage zu sein scheint, darüber ein wenig tiefergehend zu reflektieren und die geistigen Prinzipien, denen er im Krieg gefolgt ist, infrage zu stellen. Das kann er vielleicht aber gar nicht: Denn dann müsste er sich plötzlich eingestehen, dass er ein Massenmörder ist.
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Die Gegenfigur zu Harry stellt Claude Eatherly<a href="#footnote-20" id="ref-20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[20]</a> dar – eine tragische Gestalt, die, anders als der Regenbogenpresse-Prinz, inzwischen aus unserem kollektiven Gedächtnis getilgt worden ist, und das nicht grundlos: Sie will gar nicht zu unseren hübschen Erzählungen des glorreichen Westens passen. Eatherly war ein junger US-Pilot, als er den Befehl bekam, sich am ersten militärischen Einsatz einer Atombombe zu beteiligen, der über der japanischen Stadt Hiroshima am 6. August 1945 stattfand. Das Ergebnis kennen wir: Durch einen einzigen Knopfdruck wurden mit einem Schlag ungefähr 200.000 Menschenleben vernichtet. Eatherly warf die Bombe zwar nicht selbst ab, aber er kommandierte das Führungsflugzeug und gab das entscheidende Signal für den Abwurf. Anders als beim Mitglied der britischen Königsfamilie begann in seinem Fall jedoch danach das Gewissen zu arbeiten: Er verstand, dass er nun ein Massenmörder war.
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Und er zerbrach daran beinahe. Und – bekam Schwierigkeiten mit der Gesellschaft: Denn die US-Politik brauchte ihre Helden. Einen Soldaten aber, der, anstatt sich als Held zu fühlen, in aller Öffentlichkeit seine Tat bitter bereute, den konnte sie nicht gebrauchen.<a href="#footnote-21" id="ref-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[21]</a> Als Eatherly die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen wollte, dass hier ein Verbrechen geschehen war, steckte man ihn für viele Jahre in eine psychiatrische Anstalt. Manches an seinem Schicksal erinnert an den Fall Julian Assange. Das ist das, was passiert, wenn einer wirklich ein Gewissen hat.
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Was ist aber mit den anderen, mit der Mehrheit der Soldaten, mit denen, die keines zu haben scheinen? Was mit jenen politischen Machthabern, die keines zu haben scheinen?
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Albert Schweitzer gibt in seinen Schriften die Erzählung von der Begegnung eines Schülers des Konfuzius mit einem Gärtner wieder, der, anstatt sich seine beschwerliche Arbeit dadurch zu erleichtern, dass er sich das Prinzip des Ziehbrunnens zunutze macht, lieber jedes Mal persönlich hinunter zum Wasser steigt und es selbst hinaufträgt. „Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er alle seine Geschäfte maschinenmässig; wer seine Geschäfte maschinenmässig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz; wer aber ein Maschinenherz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt verloren“<a href="#footnote-22" id="ref-22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[22]</a>, legt der Gärtner dem Schüler des Konfuzius dar und begründet so seine Weigerung.
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Albright, Truman, Prinz Harry, die Soldaten, die heutigen Politiker … sie sind solche Wesen mit Maschinenherz. Sie sitzen an und in Maschinen und bedienen sie. Andere Menschen, denen sie befehlen und mit denen sie umgehen, sind für sie ebenfalls bloss Gerätschaften, nicht mehr. Das heisst: Sie verwenden sie so, wie sie sie für ihre Zwecke brauchen. Und das hat sie am Ende selbst zu Maschinen werden lassen.

<h3>Krieg als Arbeit und der Tod als Ware</h3>

Denn zum einen gibt es einen weiteren Einwand gegen die Argumentation einer Albright oder auch des Sitznachbarn von Günther Anders im Flugzeug, einen Einwand, den wir noch gar nicht erwähnt haben: Nämlich den, dass sie – und das gilt auch für alle heutigen Politiker und Meinungsmacher, welche Aufrüstung und Krieg befürworten –, wenn sie von einem „Preis“ sprechen, der es wert wäre, bezahlt zu werden, oder wenn sie von „Opfern“ sprechen, die wir alle bringen müssten, dabei übergehen, dass doch nicht sie selbst es sind, die diesen Preis bezahlen, sondern dass es immer andere sind, die ihn für sie bezahlen.<a href="#footnote-23" id="ref-23" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[23]</a>
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Eine halbe Million irakische Kinder sind ums Leben gekommen, einer Albright selbst hingegen ist nicht nur kein Leid geschehen, sie war überhaupt nie in Gefahr. Mehr als eine halbe Million Ukrainer sind gefallen, jenen Politikern und Alphajournalisten, die den Krieg von ihrem Schreibtisch aus dirigiert und ihn für „notwendig“ erklärt haben, sind fernab jeder Bedrohung. Für den Tod der Kinder im Gazastreifen gilt natürlich das Gleiche. Nicht die Entscheidungsträger, sondern sie sind das Opfer, das gebracht werden muss, der „Preis“, der gezahlt werden muss – für „es“ (was auch immer). Damit die Sonne nicht aus ihrer Bahn fällt. Das Aztekenopfer.
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Das Opfer, wir haben es schon erwähnt, wird dabei dargebracht nach einer Logik des Tausches, eines Tauschhandels, es ist der „Preis“, den etwas kostet, das man haben will, oder ein Ziel „wert“ ist, das man erreichen will. Was heisst das aber? Es bedeutet, dass der moderne Krieg nicht nur seinen äusseren Zwecken nach (etwa, weil er um wirtschaftliche Ressourcen geführt werden würde) mit dem kapitalistischen System in Komplizenschaft stünde, sondern dass er seiner innersten Logik nach, seiner mentalen Struktur und Denkweise, ja seiner blossen Möglichkeit nach, zutiefst in den geistigen Prinzipien der Marktwirtschaft verwurzelt ist: Er wird abgewickelt wie der Austausch von zwei Waren. Der Machthaber sagt: Ich gebe das Leben dieser oder jener Leute, dafür erhalte ich das und das.
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Auch von dieser Seite erweist sich also, wie tief der Krieg in unserer Zivilisation verwurzelt ist, er ist nichts, was sich zufällig in ihr ereignet, er ist auf das Engste mit ihren geistigen Grundlagen verwoben. Natürlich wird der Machthaber dabei vermeiden, sich selbst zum Opfer zu machen. Er setzt den Preis fest, den andere bezahlen müssen. Er stellt dieses Opfer als unvermeidlich hin. Er blendet die einzelnen konkreten Menschenschicksale aus und reduziert die Leben, die dabei ausgelöscht werden, auf „Schachfiguren“ und Ähnliches, dehumanisiert sie.
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Dies ist die eine Seite der Medaille. Wie Günther Anders zusammen mit dem Zukunftsforscher Robert Jungk hervorhebt, wie auch die Aussagen Albert Schweitzers implizieren, kommen in diesem Transformationsprozess jedoch auch nicht die Machthaber beziehungsweise diejenigen, welche aus sicherer Entfernung den Knopf drücken, die ausführenden Soldaten, die Hubschrauberpiloten, welche wie Prinz Harry ihre Geschosse auf tief unter ihnen befindliche wehrlose Personen abfeuern, ohne Schaden davon. Nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern richtet der Krieg etwas an. Er verändert auch sie. Das Aztekenherz, das geopfert wird, ist am Ende ihr eigenes. Sie bezahlen, indem sie ihr eigenes Herz in ein Maschinenherz verwandeln, indem sie selbst sich in Maschinen verwandeln. Es geht nur mehr darum, dass sie im System wie ein Arbeiter im Betrieb zu funktionieren haben, sie vollführen mit anderen Worten das Morden, das sie bewerkstelligen, wie einen Arbeitsschritt, welchen sie auf dem ihnen zugewiesenen Arbeitsplatz zu erledigen haben, wie einen blossen „Job“ unter vielen.<a href="#footnote-24" id="ref-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a>
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Denn im kapitalistischen System ist alles, was man auf der Welt tut, ein „Job“ – selbst das Töten. Mit anderen Worten: Selbst der Tod ist nur eine Ware, die produziert wird, eine unter vielen Waren, die hergestellt werden. Oder, wie es Günther Anders formuliert, der Krieg besteht heutzutage in einer „maschinellen Produktion von Leichen“<a href="#footnote-25" id="ref-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a>. Er weist darauf hin, dass sogar der Soldat Claude Eatherly, bei dem sich nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima so sehr das Gewissen geregt hat, dennoch jenen Ausdruck – „Job“ – dermassen verinnerlicht hat, dass er auch im Nachhinein noch davon Gebrauch macht, nicht nur, wenn er von seiner inzwischen selbst von ihm verabscheuten Tat erzählt, sondern sogar dann noch, wenn er von seinem pazifistischen Engagement spricht. Anders legt dar, dass es sich um einen verharmlosenden Begriff handelt, dessen Gebrauch eigentlich „die Mobilisierung des eigenen Gewissens und die Übernahme von Verantwortung überflüssig [macht]“<a href="#footnote-26" id="ref-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a>. Man reduziert sich dadurch selbst zu einem blossen „Schräubchen im Apparat“<a href="#footnote-27" id="ref-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a>, man leistet einen Akt der „Selbstverdinglichung“<a href="#footnote-28" id="ref-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a>, löscht seine eigene Persönlichkeit aus, dehumanisiert sich selbst.<a href="#footnote-29" id="ref-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a>
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Robert Jungk führt (in seiner Einleitung zum Briefwechsel von Günther Anders mit Claude Eatherly) auf prophetische Weise aus, wie eine solche Kriegsmaschinerie aufgrund ihrer „geistigen Rückwirkung“<a href="#footnote-30" id="ref-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a>daran ist, nicht nur das Land der Opfer, sondern auch die Gesellschaft der Täter – er spricht hier in erster Linie von den Vereinigten Staaten – zu verändern: Es „brechen die Grundlagen unserer moralischen und politischen Existenz zusammen. […]“, denn die modernen Kriegsmethoden (aus seiner Zeit heraus denkt R. J. dabei hauptsächlich an die Atomdrohung, als heutiger Leser muss man hier also einiges ummünzen; man könnte etwa an die üblich gewordenen Drohnenmorde denken) „höhlen die Demokratie aus […], sie bewirken eine allgemeine Brutalisierung der Waffenträger, die stets zum Letzten fähig und entschlossen sein müssen. Sie zerstören den inneren Glauben der atomgerüsteten Länder an ihre eigene Menschlichkeit und Sittlichkeit.“<a href="#footnote-31" id="ref-31" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[31]</a>
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Ist es nicht dieser moralische Zerfall, welchen wir heutzutage sehen, wenn wir die westliche Welt betrachten?

<h3>Die modernen Aztekenpriester</h3>

Jungk vertritt die Auffassung, jene „geistige Rückwirkung“ habe die Besitzer der modernen Kriegsmaschinerien – heute sprechen wir von den „Eliten“ oder den Angehörigen des „Establishments“ – „im wörtlichsten Sinne des Wortes verrückt gemacht“, und er meint, es handle sich dabei um „eine Verrücktheit, die umso gefährlicher ist, als ihre Vertreter vernünftig zu sprechen scheinen“.<a href="#footnote-32" id="ref-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a>
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Eine Barbarei, welche immer schon in unserer Zivilisation verborgen ist, eine völlige Irrationalität, welche im Mantel der Rationalität daherkommt: Das ist die Kehrseite jener absoluten Instrumentalisierung der Gegenstände der Welt durch den Menschen, mit der wir es heutzutage zu tun haben und die uns bereits in der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verfassten Schrift „Dialektik der Aufklärung“<a href="#footnote-33" id="ref-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a> der beiden Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno begegnet: Der moderne Mensch reduziere die Dinge zum blossen Mittel für seine Zwecke, aber dadurch instrumentalisiere er sich selbst, mache er sich selbst zum blossen Instrument, Mittel, tue er sich selbst Gewalt an, töte etwas in sich selbst, in einem Akt der inneren Selbstaufopferung lösche er vielleicht das aus, was das Leben überhaupt erst lebenswert mache, das eigentlich Lebendige, sodass am Ende instrumentelle Vernunft mythische Gewalt (= die Logik des altertümlichen Opferrituals) im neuen Gewand des rationalen Tauschakts reproduziere – das ist eine der zentralen Thesen des Buches.
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Nicht nur der am Opferaltar Liegende, in dessen Brust der Aztekenpriester mit dem Messer hineinschneidet, erleidet also etwas, sondern auch der Priester selbst richtet in diesem Augenblick etwas mit sich an, auch er opfert etwas in sich, macht sich zum Ding, anstatt eine selbstständige, freie Persönlichkeit mit einem eigenen Gewissen zu sein, er unterwirft sich einer Maschinerie und lässt sich auf einen vorgeblich göttlichen Tauschhandel ein, vernichtet aber tatsächlich das Heiligste, das Leben. Um „es“ (was auch immer) zu erhalten. Die modernen Aztekenpriester sind wir: „[…] wir Heutigen bestehen aus zahllosen virtuellen Claudes, denen dasselbe zustossen könnte, was Claude zugestossen ist: nämlich als Apparatstück zum Mitverbrecher zu werden“<a href="#footnote-34" id="ref-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a>, warnt Günther Anders.
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Aber glaubten wir nicht, weiter zu sein als die Vertreter einer altertümlichen Kultur, welche vermutlich unseren Begriff des Individuums und damit den der eigenen, freien Gewissensentscheidung noch gar nicht kannte? Ja, vielleicht waren wir das zwischendurch, in Ansätzen, aber unser humanistischer Fortschritt hat mit unserem technischen schlussendlich nicht Schritt gehalten.
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Eine Diskrepanz, die Günther Anders und Albert Schweitzer immer wieder betonen: Wir haben das technische Potential, um x-mal den Planeten zu vernichten – aber wir können uns nicht vorstellen, was das eigentlich heisst.<a href="#footnote-35" id="ref-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a> Wir halten uns den untergegangenen Kulturen alter Völker für so überlegen, weil wir über Technik und Wissenschaft verfügen – aber unsere Seele und unseren Geist haben wir verkümmern lassen. Und gerade für die Entwicklung des gesellschaftlichen Diskurses der vergangenen Jahrzehnte, ungefähr seit den 80er-Jahren, gilt dies meines Erachtens ganz besonders, noch viel mehr als für den Zeitraum, in dem Anders, Jungk und Schweitzer gelebt haben. Der Kriegsdiskurs, mit dem wir es aktuell zu tun haben, ist nur das Resultat dieser negativen Entwicklung, welche schon seit längerem zu beobachten war. Wieder werden wir auf den Punkt geführt: Es ist ein geistiges Problem, mit dem wir es zu tun haben, ein Problem, das tief in unserer Kultur steckt, viel tiefer, als wir glauben, und darum in unserem sogenannten Alltagsleben verwurzelt ist.
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Der Ukraine-Krieg, die Vernichtung von Leben im Gaza-Streifen und viele andere Kriege, welche auf dem Erdball toben und vielleicht weniger unsere Aufmerksamkeit erregen, aber auch geschehen, sind vielleicht nur der drastischste Ausdruck dieses einen Problems.

<h3>Die falsche Ethik des Utilitarismus</h3>

Wenn ich sage, dass es sich um ein „geistiges“ Problem handelt, so stellt dies keinen Widerspruch dazu dar, dass es sich auch um ein materielles Problem handelt, sofern man darunter nicht bloss die Materie meint, wie sie ein Physiker versteht, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen unseres Zusammenlebens, wie sie Überformungen unserer natürlichen Bedürfnisse darstellen, um ein Problem unserer Wirtschaft also, oder um es weiter zu fassen: überhaupt unseres Umgangs mit den Dingen und mit uns selbst.
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„Ein Wirtschaftssystem wie das unsere kann Frieden nicht wollen“<a href="#footnote-36" id="ref-36" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[36]</a>, sagt der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann und zielt dabei auf den Umstand ab, dass im Raum der Wirtschaft immer schon Krieg herrscht, schon lange bevor sich das abspielt, was wir üblicherweise als Krieg bezeichnen – eine „Welt der permanenten Konkurrenz“.
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„Die Definition der Demokratie selbst widerspricht der Spezialisierung und der Arbeitsteilung“<a href="#footnote-37" id="ref-37" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[37]</a>, konstatiert wiederum Günther Anders und meint damit den schon genannten Umstand, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft der Einzelne nur mehr ein „Schräubchen im Apparat“ ist, das bloss den Auftrag ausführt, der ihm erteilt wurde, ohne sich für die Folgen seiner Taten verantwortlich zu fühlen. Was im Extremfall dazu führt, dass einer seinen „Job“, also sein Geschäft, sogar darin sieht, Menschen umzubringen, und das auch gehorsam tut, nur deswegen, weil es ihm anbefohlen wurde, ohne dass er dabei eine Gewissensregung verspürt. Es geht also um die unserem Wirtschafts- und Arbeitssystem innewohnende Erosion politisch-moralischen Bewusstseins.
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Darüber hinaus ist zu sehen, dass sich ein Menschentyp durchgesetzt hat, für den eine grosse unhinterfragte Prämisse über allem steht: nämlich die, dass die Welt ihm gehöre und dass es nur darum gehe, möglichst viele Stücke davon in einem – wenn nötig auch militärischen – Wettkampf gegen andere an sich zu reissen.
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Der im Kontext des Umweltschutzes seit den 80er-Jahren oft zu hörende Satz, wir hätten „die Erde von unseren Kindern nur geborgt“,<a href="#footnote-38" id="ref-38" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[38]</a>macht es im Übrigen um nichts besser. Nur dadurch, dass der absolute Besitzanspruch der Menschen auf die Welt in die nächste Generation verlagert wird, ist er um nichts weniger problematisch.
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Die fraglos vorausgesetzte Reduktion der Gegenstände und Lebewesen der Welt darauf, nur mehr Objekte des einen oder anderen Interesses zu sein, führt dazu, dass man zurzeit auch gerade in Kreisen, welche gegen den Krieg sind, oft davon spricht, man müsse die „Interessen der anderen Seite“ (gemeint ist Russland) berücksichtigen. Das hat im derzeitigen Kontext zwar eine gewisse Berechtigung. Trotzdem beginnt der wirkliche Pazifismus erst dort, wo es nicht bloss um „Zwecke“ und „Interessen“ geht, mit anderen Worten um Macht, sondern um eine grundsätzlich andere Ethik.<a href="#footnote-39" id="ref-39" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[39]</a> Ähnlich verhält es sich mit dem beispielsweise von der deutschen Politikerin Sahra Wagenknecht<a href="#footnote-40" id="ref-40" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[40]</a> immer wieder vertretenen Standpunkt, Deutschland solle mehr auf seine „eigenen“ – nationalen – Interessen schauen, anstatt die Interessen der USA zu vertreten. Hiesse das aber, wenn man also für die Interessen Deutschlands zu Felde zöge, wäre für Wagenknecht der Krieg plötzlich in Ordnung?<a href="#footnote-41" id="ref-41" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[41]</a>
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Darum hat auch die Formel des „Interessenausgleichs“ ihre Grenzen. Eine Ethik, der es nur um die „Interessen“ geht – gleich welche, und handelte es sich um scheinbar noch so edle Ziele, und sind es nicht einmal die eigenen, sondern sogar die eines anderen –, läuft am Ende unweigerlich darauf hinaus, dass der Zweck die Mittel heiligt. Dann zieht man zwar nicht für sich selbst, sondern vorgeblich für die Solidarität mit den Ukrainern oder für die Interessen irgendeines anderen Volkes in den Krieg, verrichtet aber trotzdem weiterhin sein zerstörerisches Handwerk. Dann geschieht am Ende wieder genau das, was wir oben beschrieben haben: Das „Es“ (was auch immer) wird mehr wert als alles andere, mehr als das Leben einer halben Million Kinder. Man mündet früher oder später unweigerlich in die Logik des modernen Aztekenopfers ein. Und es kommt zu Perversionen jener Art, mit der wir es heutzutage zu tun haben: dass man beispielsweise Freiheit und Demokratie gerade im Namen des Kampfes für „Freiheit“ und „Demokratie“ abschafft.

<h3>Die utilitaristische Warenform als heutiger Zustand des Geistes</h3>

Eine tiefe Ahnung davon durchweht das Werk Kants, welcher sehr genau gewusst hat, dass das Reich der Moral und die Sphäre der Zwecke zwei ganz unterschiedliche Dinge sind und dass man jenes dieser nicht unterwerfen darf. Er hat darum die Unterscheidung zwischen dem moralischen Politiker und dem politischen Moralisten eingeführt. Beide beziehen sich auf die Moral, aber auf völlig unterschiedliche Weise. Die beiden sind so ziemlich das Gegenteil voneinander, indem der politische Moralist eigentlich unmoralisch ist, das heisst, er instrumentalisiert die Moral nur, um seine Zwecke zu erreichen. Er ordnet also die moralischen Grundsätze dem Zweck unter oder „spannt“, wie Kant es ausdrückt, „die Pferde hinter den Wagen“<a href="#footnote-42" id="ref-42" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[42]</a>.
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Es ist offensichtlich, welcher Typus heute die absolute Oberhand hat. Kant war freilich weit davon entfernt, die Orwell'schen Praktiken der Propaganda vorauszusehen, mit denen wir es mittlerweile zu tun haben. Aber auch Günther Anders hat sich nur am Rande mit dem Phänomen der Propaganda beschäftigt, und ich habe sogar den Eindruck, er hat ihm zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.<a href="#footnote-43" id="ref-43" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[43]</a>
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Was aber ist Propaganda überhaupt? Auch hier gilt, ähnlich wie für den Krieg, dass man sich im Irrtum befindet, wenn man sie für ein peripheres Phänomen hält, welches gleichsam zufällig zu unserer Kultur hinzukommt, als etwas ihr Äusserliches. Tatsächlich handelt es sich bei ihr um ein geistiges Prinzip, das zutiefst in unserer Gesellschaft verankert ist. Propaganda ist der heutige Zustand des Geistes.
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Propaganda ist nun im Kern nichts anderes, als der Versuch, genau jene Lücke zwischen der Moralität und den Interessen zu schliessen, von welcher wir soeben gesprochen haben, indem sie das an den eigenen Interessen orientierte Handeln anderen gegenüber als moralisch ausgibt.<a href="#footnote-44" id="ref-44" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[44]</a> Sie bedeutet aber noch mehr: nämlich dass die utilitaristische Warenform, die Verdinglichung, auch auf unsere geistige Tätigkeit übergreift.
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Wir empören uns zu Recht über Propaganda. Aber ist sie nicht die Konsequenz dessen, dass wir die Dinge nur als Ware betrachten? Auch die Sprache, das Denken, Reflexion, Information, Wissen und überhaupt alles, was man als sogenannte „Meinungsbildung“ bezeichnet, sowie die damit verbundenen Emotionen und Gefühlszustände sind somit zu Waren geworden, und selbst die Moral ist bloss noch eine Ware.<a href="#footnote-45" id="ref-45" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[45]</a> Die ganze Welt ist Werbung geworden, könnten wir frei nach Adorno sagen,<a href="#footnote-46" id="ref-46" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[46]</a> aber das heisst auch, und das kommt bei ihm meines Wissens nicht vor, dass selbst die Ethik nur mehr eine Abteilung der Werbeindustrie ist. Dies alles ist jedoch ein Resultat davon, dass Medien, PR- und Nachrichtenagenturen sowie Werbeunternehmen den gesamten öffentlichen Diskurs mittlerweile fabrikmässig herstellen.
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All die Verrücktheiten, mit denen wir es heutzutage zu tun haben, haben hierin ihre Wurzel. Wir wundern uns über absurde Slogans wie etwa die Behauptung, dass Waffen Frieden und Impfungen die Freiheit brächten, oder darüber, dass gerade diejenigen, die sich zurzeit selbst faschistoid verhalten, andere als „Nazis“ bezeichnen, ja, wir befinden uns jeden Tag inmitten eines Wusts von bei näherem Nachdenken sinnlosen oder widersinnigen und einander auch widersprechenden Verlautbarungen. Aber ist das nicht das logische Resultat davon, dass wir mit dem Weihnachtsmann Werbung für Coca-Cola machen – ein Umstand, der um nichts weniger absurd ist, den wir aber schon hinzunehmen gewohnt sind?
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Dies ist das Ergebnis dessen, dass wir nicht nur die materiellen Gegenstände, sondern auch Geistiges, Begriffe, nur mehr als Versatzstücke gebrauchen, als Maschinenteile – als „Wunschmaschinen“, wie sie die beiden postmodernen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari beschrieben haben<a href="#footnote-47" id="ref-47" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[47]</a> –, welche wir zusammenschalten und auseinanderreissen, wie es uns gefällt, ohne uns mehr um ihren Sinn zu bekümmern. Denn für uns zählt nicht mehr, was die Worte bedeuten, und schon gar nicht ihr tieferer Gehalt, sondern nur mehr, dass sie funktionieren, ihr blosser Effekt, ihre Wirksamkeit. Die Folge davon ist, dass wir es im öffentlichen Diskurs mit einer tiefgreifenden Erosion begrifflichen Denkens zu tun haben.

<h3>Schlussfolgerung: Den Krieg mit den Dingen der Welt beenden</h3>

Vielleicht seitdem beim Menschen die Intelligenz erwacht ist, befindet er sich im permanenten Krieg mit den Dingen. Sie sich zu unterwerfen und nutzbar zu machen, ist sein oberstes Ziel. Die Ideen moderner Technik unterscheiden sich hier nicht grundlegend von den altertümlichen Ritualen der Magie, mögen sie auch ungleich effizienter sein. Ursprünglich zum blossen Zweck des Selbsterhalts gedacht, später zur Erreichung der einen oder anderen Annehmlichkeit im Leben nützlich, verwandelten sie sich allmählich zu Instrumenten immer totaler werdender Herrschaft und Gewalt über alles auf dem Planeten, was es auf ihm nur gibt, über alles, was auf ihm kreucht und fleucht – und auch des Menschen über den Menschen.<a href="#footnote-48" id="ref-48" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[48]</a>
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Sogar an die Eroberung und Unterwerfung des Weltraums denkt man mittlerweile: Man will den leeren, öden, toten Mars besiedeln – während man, und das ist das eigentlich Absurde, gleichzeitig die fruchtbare, lebendige Erde zerstört. Auch hier setzt sich die Warenform durch, denn nun wird die gesamte Erde wie eine aufgebrauchte Ware behandelt, welche durch eine neue ersetzt werden könnte, und auch hier tauscht man das Leben für den Tod ein und glaubt, dabei etwas zu gewinnen. Das „Es“ (was auch immer).
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Und nicht nur die Dinge des äusseren Universums, auch sich selbst lässt der technokratische Mensch dabei niemals in Ruhe, immer unzufrieden mit sich selbst kann er sich selbst nie sein lassen, wie er ist, kann er nicht anhalten, führt einen fortwährenden Krieg gegen sich selbst. Sein Traum ist es, sich selbst wortwörtlich in einen Roboter oder Computer zu verwandeln. In den Zielen des „Transhumanismus“ erfährt die Selbstvergegenständlichung des Menschen ohne Zweifel einen Höhepunkt. Damit arbeitet der Mensch, wie ja schon der Name sagt, an seiner Selbstauslöschung. Sein Allerinnerstes steht nun zum Tausch, das Wesen des Menschen selbst. Man tauscht nicht mehr nur den alten Menschen gegen den neuen Menschen, den Übermenschen, nein, man regeneriert ihn jetzt mithilfe von Ersatzteilen,<a href="#footnote-49" id="ref-49" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[49]</a> der lebendige Mensch als solches wird Segment für Segment gegen die angeblich besser funktionierende, durchgeplante Maschine eingetauscht, und dadurch zu einer Ware. Der Transhumanist bringt sich selbst zum Opfer dar. Das Menschsein an sich steht damit vor seiner Aufhebung. Während man aber auf der einen Seite den Menschen dafür fast schon so etwas wie das ewige Leben oder die „Abschaffung des Todes“<a href="#footnote-50" id="ref-50" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[50]</a> verspricht, bastelt man auf der anderen Seite, ebenfalls auf Basis modernster Technologien, gleichzeitig an den perfekten Tötungs- und Kriegsmaschinen<a href="#footnote-51" id="ref-51" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[51]</a> – bereitet also parallel dazu ihre Ermordung vor.

<h3>Wozu das alles?, könnte man fragen. Und wird nie eine richtige Antwort erhalten.</h3>

Denn das Reich der allherrschenden Zwecke ist das Reich der absoluten Sinnlosigkeit. Es macht sich selbst absurd, es handelt sich um eine Maschinerie, die nur mehr fortwährend im Kreis läuft, damit sie läuft, ohne dass sie sich um ihre dabei ständig auftretenden Widersprüche noch kümmern muss und ohne dass darin so etwas wie die Sinnfrage überhaupt noch zu stellen möglich ist.<a href="#footnote-52" id="ref-52" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[52]</a> Der einzige Sinn der Erweiterung der Ausübung von Macht liegt nur mehr in der Erweiterung der Machtausübung selbst, und der einzige Sinn des Erfolgs ist der Erfolg selbst. Das, was eigentlich nur Mittel zum Zweck sein sollte, hat sich inzwischen selbst zum Zweck gesetzt, zum Selbstzweck, zur leeren Maschine, die immer laufen und wachsen muss. Man darf niemals ruhen, niemals die Dinge in Ruhe lassen und niemals sich selbst.
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Der Krieg zwischen uns Menschen herrscht, weil unser Verhältnis zu den Dingen überhaupt ein kriegerisches ist. Wollen wir die Kriege beenden, so muss zuerst unser Verhältnis zu den Dingen und damit zu uns selbst ein grundlegend anderes werden.<p><em>Ortwin Rosner</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Vielleicht hat diesen grundlegenden Zusammenhang zwischen der Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Anderen und der Idee von Moral keine Philosophie so deutlich ausgedrückt wie die von Emmanuel Lévinas.
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Man vergleiche dazu etwa folgende Passage in Günther Anders' 1964 verfasstem Text „Die Toten. Rede über die drei Weltkriege“, in der er darlegt, dass das Ziel der kapitalistischen Produktionsweise letztlich immer die Zerstörung sein muss: „Die kapitalistische Produktion ist — das weiss jedes Kind — darauf angewiesen, ihre Erzeugnisse abzustossen. Sie hat dafür zu sorgen, dass diese verkauft und verbraucht, kurz liquidiert werden. Liquidation, also der Ruin ihrer Produkte, ist das Ziel jeder Produktion. Wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, wenn sich eine Menge unliquidierter Erzeugnisse aufstapelt, dann ist die Weiterproduktion, und damit auch der Profit, gefährdet.“ G.A.: Hiroshima ist überall. – München (1982) S. 369. Was nichts anderes bedeutet, als dass unserem Wirtschaftskreislauf als Ganzes immer schon eine selbstzerstörerische Tendenz, letztlich der Tod, innewohnt.
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Auffällig ist, dass bereits antike Philosophen und Dichter (Pythagoras, Plutarch, Ovid) in der Jagd sowie im Schlachten und Essen von Tieren eine Ursache für den moralischen Verfall der Menschheit beziehungsweise eine Vorstufe von Krieg und Grausamkeit gesehen haben. Der Renaissance-Humanist Erasmus von Rotterdam schliesst sich dieser Argumentation an: „Nachdem sie [die frühen Menschen] durch diese Proben im Töten geübt waren, konnte es im Zorn geschehen, dass ein Mensch einen Menschen mit einem Stock, Stein oder der Faust angriff. Wenn nämlich, kämpften sie damals noch mit diesen Waffen, vermute ich, und schon durch das Töten des Viehs lernten sie, dass man auch einen Menschen mit geringster Mühe vernichten könnte. […] Er [Pythagoras] sah das Zukünftige, dass wer gewohnt wäre, ohne Veranlassung das Blut des harmlosen Viehs zu vergiessen, ebenso, vom Zorn erregt und durch ein Unrecht herausgefordert, sich nicht davor hüten würde, einen Menschen zu beseitigen.“ E. 5. R.: „Süss scheint der Krieg den Unerfahrenen“. Übers., kommentiert u. hrsg. von Brigitte Hannemann. – (München 1987.) S. 49/51. Sehr zur Lektüre sind die entsprechenden Seiten 105-106 von Hannemanns Kommentar zu empfehlen. Man beachte übrigens die Wortgleichheit: „Schlachten“ (Tiere) —> „Schlacht“ (Krieg unter Menschen). Die dem Tiermord kritisch gegenüber stehende philosophische Tradition, welche seit der Antike existiert, ist natürlich aktueller denn je in den heutigen Zeiten der Massentierhaltung. Deren Auswüchse sind das augenscheinlichste Symbol für das herrschende Verhältnis des Menschen zum Leben und überhaupt zu allen Dingen auf dem Planeten. Schätzungen zufolge werden pro Jahr allein in Deutschland ungefähr 800 Millionen Tiere zu Nahrungsmittelzwecken getötet: <a class="fussnoten_links" href="https://veganivore.de/anzahl-schlachtungen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://veganivore.de/anzahl-schlachtungen/</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Wortwörtlich antwortet Albright: „We think, the price is worth it.“ — „Wir denken, der Preis ist es wert.“: <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=xYXK7uh93Uo" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=xYXK7uh93Uo</a>; abgerufen am 6.12.2014.
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Die klassische Formulierung dieses ethischen Grundsatzes findet sich in Kants Schrift „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.“ 1. K.: Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg von Wilhelm Weischedel. – (Frankfurt a.M.1974) (= 1. K. Werkausgabe 7) (= stw 56) S. 61. Albert Schweitzer formuliert denselben Gedanken nur in anderen Worten, wenn er davon spricht, „dass nie ein Mensch als Menschending den Verhältnissen geopfert werden soll.“ A. S.: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. Hsrg. von Hans Walter Bähr. – München (<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>.Aufl 1991) (= BsR 255) S. 52
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Lesetipp: <a class="fussnoten_links" href="https://seniora.org/wunsch-nach-frieden/der-wunsch-nach-frieden/du-hast-grosse-lust-auf-krieg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://seniora.org/wunsch-nach-frieden/der-wunsch-nach-frieden/du-hast-grosse-lust-auf-krieg</a>
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<a href="#ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Vgl. hierzu: <a class="fussnoten_links" href="https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ukraine-krieg-der-deutsche-lumpen-pazifismus-kolumne-a-77ea2788-e80f-4a51-838f-591843da8356" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ukraine-krieg-der-deutsche-lumpen-pazifismus-kolumne-a-77ea2788-e80f-4a51-838f-591843da8356</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Vgl. Jörg Becker: Die Rolle von PR-Agenturen in Kriegen. — In: FriedensForum 3/2024 S. 40-42. (Das „Männlich“, das er noch zusätzlich voranstellt, kann man hier allerdings meiner Ansicht nach getrost streichen: Spätestens seit dem Erscheinen von Figuren wie den deutschen Politikerinnen Annalena Baerbock und Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf der Bildfläche sollte jene Spielform des Feminismus, die den Krieg als „männlich“ tituliert und damit selbst sexistisch argumentiert, eigentlich ausgedient haben.) Auch lesenswert im selben Heft ist der Aufsatz „Medien als Vierte Gewalt“ von Sabine Schiffer (S. 44-46) sowie von derselben Autorin: Das Narrativ von den Guten und den Bösen. — In: Hannes Hofbauer u. Stefan Kraft (Hrsg): Kriegsfolgen. Wie der Kampf um die Ukraine die Welt verändert. – (Wien 2023.) S. 223-236. Besonders kann ich aber zur Einführung in das Thema folgende Bücher empfehlen: Mira Beham: Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik. – (München 1996) (= dtv 30531); Jörg Becker u. Mira Beham: Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod. 2. Auflage. – (Baden-Baden 2008); Jens Wernicke: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. – (Frankfurt a.M. 2017.) Wer einen raschen, einfach lesbaren Überblick über die westliche Kriegspropaganda der vergangenen Jahrzehnte erhalten will, dem ist mit diesem EMMA-Artikel gedient: <a class="fussnoten_links" href="https://www.emma.de/artikel/so-verlor-ich-den-glauben-die-etablierten-medien-340467" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.emma.de/artikel/so-verlor-ich-den-glauben-die-etablierten-medien-340467</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Vgl. Lügen die Medien S. 163
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Hiroshima S. 365
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> Immer wieder bekundet G.A. seine Abscheu vor bloss statistischen Betrachtungen. Er spricht von der „Verwandlung von Ereignissen in tabellarische Daten“ und fügt hinzu: „Das adrette und verlässliche Gesicht der statistischen Aufstellung macht die rauchenden Trümmer hygienisch und desinfiziert die radioverseuchten Kadaver.“ (Hiroshima S. 135) An anderer Stelle empört er sich über die anscheinend damals in Militärstrategenkreisen angewandte Praxis, in ihren Vernichtungsprognosen hundert Millionen Tote mittels einer Sprachregelung einfach in „hundert megacorpses“ umzubenennen, so wie man von Tonnen von Heringen spricht. (Vgl. Hiroshima S. 368)
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Vgl. Hiroshima S. 22 und S. 211
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> Vgl. Hiroshima S. 152-173
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> Man erinnert sich vielleicht an den alten Slogan der McCarthy-Zeit: Better dead than red (dt. Version: Besser tot als rot). In G. As Tagebuchaufzeichnung des Gesprächs mit dem Antikommunisten kehrt er in Form einer „Fallen-Frage“ (so nennt G.A. sie) wieder: „Rather red than dead?“ (Vgl. Hiroshima. S. 165). Wie wir wissen, ist die Furcht vor dem Kommunismus heutzutage durch die Angst vor der „Gefahr von rechts“ ersetzt worden. Das Schema bleibt das gleiche.
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<a href="#ref-15" id="footnote-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a> Hiroshima S. 166
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<a href="#ref-16" id="footnote-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a> Hörtipp: <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=nNkDP93E5JI" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=nNkDP93E5JI</a>
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<a href="#ref-17" id="footnote-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a> Schon bei Kant klingt jedoch diese Problematik an, schon bei ihm gibt es eine Warnung vor dem Maschinenmenschentum. Dahingehend sieht er in der Institution des „stehenden Heeres“ eine Bedrohung, die abgeschafft gehört: „[…] wozu kommt, dass zum Töten oder getötet zu werden in Sold genommen zu sein, einen Gebrauch von Menschen als blossen Maschinen und Werkzeugen in der Hand eines andern (des Staats) zu enthalten scheint, der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen lässt.“ 1. K.: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Hrsg. von Rudolf Malter. – (Stuttgart 2024) (= RUB 14382) S. 8.
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<a href="#ref-18" id="footnote-18" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[18]</a> Vgl. dazu auch die folgende Aussage von Eugen Drewermann: „Sähen wir, was man uns befiehlt zu tun, wir würden es nicht tun.“ Er gibt den Bericht eines Bomber-Piloten der Royal Air Force im zweiten Weltkrieg wieder: „Es lag unter uns wie ein schwarzes Band aus Samt, bestickt mit Perlen. Aber wir wussten, dass das, was wir dort unten anrichten, schlimmer ist als Dantes Inferno. Aber wir sahen ja nur Brände, wir sahen ja keine Menschen. Sonst hätten wir das nicht tun können.“ (E. D.: Ohne NATO leben – Ideen zum Frieden. — In: Kriegsfolgen S. 161/162.)
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<a href="#ref-19" id="footnote-19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[19]</a> Vgl. <a class="fussnoten_links" href="https://taz.de/Prinz-Harry-ueber-Tod-von-Taliban/!5904740/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://taz.de/Prinz-Harry-ueber-Tod-von-Taliban/!5904740/</a>
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<a href="#ref-20" id="footnote-20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[20]</a> Vgl. hierzu: G.A.: Off limits für das Gewissen. Der Briefwechsel zwischen dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly und Günther Anders (1959-1961). Mit einem Vorwort von Bertrand Russell und einer Einleitung von Robert Jungk. — In: Hiroshima S. 191-360. G.A. selbst setzt Eatherly in Kontrast zum zur Reue unfähigen SS-Mann Adolf Eichmann, der sich bis zuletzt auf die Position zurückzog, ihn treffe keine persönliche Schuld an seinen Taten, weil er nur Befehlen gehorcht habe. (Vgl. Hiroshima S. 345-347)
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<a href="#ref-21" id="footnote-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[21]</a> Eine Aussage von Claude Eathlery selbst dazu: „Die Wahrheit ist, dass die Gesellschaft die Tatsache meiner Schuld einfach nicht annehmen kann, ohne damit gleichzeitig ihre eigene viel tiefere Schuld anzuerkennen.“ (Hiroshima S. 244)
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<a href="#ref-22" id="footnote-22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[22]</a> Ehrfurcht S. 49/50.
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<a href="#ref-23" id="footnote-23" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[23]</a> Warum G.A. diesen Einwand nicht formuliert, liegt auf der Hand: In seiner Gedankenwelt geht es um die Gefahr der Auslöschung der gesamten Menschheit durch einen Atomkrieg. Darum ist sein Einwand an dieser Stelle ein anderer: nämlich dass somit gar keine Zwecke denkbar sind, für die so ein Krieg überhaupt geführt werden könnte. (Gegenüber dem oben bereits erwähnten Antikommunisten im Flugzeug drückt er diesen Gedanken in Form eines Einspruchs gegen die Behauptung aus, „dass es überhaupt Ziele geben könnte, die der gleichen Grössenordnung angehören wie das ‚totale Mittel'. […] weil die Verwendung des Mittels die Möglichkeiten weiterer Zielsetzungen überhaupt auslöschen würde“ Hiroshima S. 167) In diesem Bild würde freilich auch eine Albright den „Preis“ bezahlen, weil darin am Ende niemand entkäme. Obwohl die Gefahr eines solchen Atomkriegs näher ist als je zuvor, wird sie im aktuellen öffentlichen Diskurs gleichzeitig auch weniger ernst genommen denn je zuvor, und es gehen deswegen heutzutage auch weit weniger Menschen auf die Strasse, als in den 80er-Jahren für Abrüstung demonstriert haben. Eine Merkwürdigkeit. In jenen Kreisen ranghoher Militärstrategen wiederum, die über die Gefahr eines drohenden nuklearen Gefechts durchaus Bescheid wissen, will man an seine totalen Folgen nicht glauben und überlegt, wie man auch danach an der Macht bleiben könnte: <a class="fussnoten_links" href="https://www.telepolis.de/features/Im-Fall-eines-Atomkrieges-USA-wollen-auch-danach-Weltmacht-bleiben-10175072.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.telepolis.de/features/Im-Fall-eines-Atomkrieges-USA-wollen-auch-danach-Weltmacht-bleiben-10175072.html</a>. Wenn wir aber, wie G.A., davon ausgehen, dass ein Atomkrieg mit der Auslöschung der gesamten Menschheit gleichzusetzen wäre, dann können wir seinen Gedankengang in unseren eigenen im nächsten Abschnitt ausgeführten Gedankengang des in unserer Welt universal gewordenen Tauschakts folgendermassen übersetzen: Wenn die Welt einmal als Ganzes zur Ware, zum Tauschobjekt, gemacht und damit der Vernichtung preisgegeben worden ist wie jedes andere Tauschopfer auch, wogegen könnte sie man dabei denn tauschen? Nichts anderes bleibt dafür mehr über. Offenkundig ist es widersinnig und absurd, an einen solchen Tausch auch nur zu denken.
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<a href="#ref-24" id="footnote-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a> „Nochmals, der Fall Eatherly ist nicht überholt, er ist vielmehr Inbegriff und Verkörperung des Gewissens in einer Welt, deren Millionen damit eingelullt werden, dass man ihnen weismacht und sie auch selber glauben, die Folgen ihrer Handlungen seien nicht ihre Sache — sie handelten nicht, sondern ‚arbeiteten' nur, und ihre Arbeit, ganz gleich, was sie bezwecke, welche Ziele sie verfolge und welche unmittelbaren oder mittelbaren Ergebnisse sie habe, stinke nicht, ‚non olet'. Eatherly hat dieser Versuchung widerstanden […]“ (Hiroshima S. 359)
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<a href="#ref-25" id="footnote-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a> Hiroshima S. 365
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<a href="#ref-26" id="footnote-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a> Hiroshima S. 296 Fussnote 4.
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<a href="#ref-27" id="footnote-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a> Hiroshima S. 346. Es gibt ähnliche Gedankengänge bei A.S., der jedoch von einem Konflikt zwischen „überpersönlicher“ und „persönlicher“ Verantwortung spricht. Für ihn ist es keine Frage, auf welcher von beiden Seiten die wahre Ethik steht; und er warnt davor, „seiner überpersönlichen Verantwortung etwas von seiner Menschlichkeit [zu] opfern“ (Ehrfurcht S. 41). „Zu sehr handeln wir, von dem Kleinsten an, der im kleinsten Betrieb etwas ist, bis zum politischen Machthaber hinauf, der Krieg und Frieden in der Hand hält, als Menschen, die es ohne Anstrengung fertigbringen, gegebenen Falles nicht mehr Menschen, sondern nur noch Vollstrecker allgemeiner Interessen zu sein.“ (Ehrfurcht S. 44/45)
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<a href="#ref-28" id="footnote-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a> G.A. gebraucht diesen speziellen Ausdruck, falls ich ihn nicht übersehen habe, nicht unmittelbar in den Hiroshima-Schriften (wiewohl ich in der 1982 verfassten Einleitung die Aussage finde, dass „[d]ie Grosstechnik uns Menschen verdinglicht“ Hiroshima S. 32), dafür handelt es sich aber um einen zentral diskutierten Begriff des Kapitels „Über prometheische Scham“ im ersten Band seiner „Antiquiertheit“: G.A.: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. – (München 1992.) (= B&R 319) S. 21-95. Die eigentliche Pointe für Anders besteht dort freilich nicht im altbekannten (wiewohl heutzutage in Vergessenheit geratenen) Befund der „Verdinglichung“ des Menschen, sondern darin, dass dieser, auf einer höheren Ebene, „seine eigene Verdinglichung bejaht, bzw, sein Nichtverdinglichtsein als Manko verwirft“, also eine Scham verspüre, die „Scham, kein Ding zu sein“ (Antiquiertheit S. 30).
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<a href="#ref-29" id="footnote-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a> „Alle sind wir mehr oder weniger in Gefahr, Menschendinge statt Persönlichkeiten zu werden“, formuliert es A.S. (Ehrfurcht S. 50).
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<a href="#ref-30" id="footnote-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a> Hiroshima. S. 199.
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<a href="#ref-31" id="footnote-31" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[31]</a> Hiroshima S. 196
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<a href="#ref-32" id="footnote-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a> Hiroshima S. 199
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<a href="#ref-33" id="footnote-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a> M. H. u. Th. W. A.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. – (Frankfurt a. M. Mai 1991) (= Fischer Wissenschaft 7404)
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<a href="#ref-34" id="footnote-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a> Hiroshima S. 18
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<a href="#ref-35" id="footnote-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a> A.S. formuliert es beispielsweise so: „Alle Fortschritte des Wissens und Könnens wirken sich zuletzt verhängnisvoll aus, wenn wir nicht durch entsprechenden Fortschritt unsere Geistigkeit Gewalt über sie behalten. Durch die Macht, die wir über die Kräfte der Natur gewinnen, bekommen wir auch in unheimlicher Weise als Menschen über Menschen Gewalt. Mit dem Besitz von hundert Maschinen ist für einen Menschen oder eine Genossenschaft die Herrschaft über alle, die diese Maschinen bedienen, gegeben. Durch eine neue Erfindung wird es möglich, dass ein Mensch mit einer Bewegung nicht mehr hundert, sondern zehntausend Menschen tötet.“ (Ehrfurcht S. 54)
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<a href="#ref-36" id="footnote-36" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[36]</a> Kriegsfolgen S. 166
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<a href="#ref-37" id="footnote-37" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[37]</a> Hiroshima S. 360
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<a href="#ref-38" id="footnote-38" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[38]</a> https://<a class="fussnoten_links" href="http://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-wir-haben-die-erde-von-unseren-kindern-nur-geborgt.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-wir-haben-die-erde-von-unseren-kindern-nur-geborgt.html</a>
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<a href="#ref-39" id="footnote-39" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[39]</a> Angedeutet ist eine solch grundlegend andere Ethik vielleicht in Michael Endes Theaterstück „Das Gauklermärchen“, etwa dort, wo der der Clown Jojo zur Spinne Angramain folgende Sätze sagt: „Die Liebe, sagst du, gibt es nicht, / Nicht Freiheit, noch das schöpferische Spiel? / Wen wundert es, dass Angramain so spricht, / Die nur sich selbst als Zweck erkennt und Ziel! / Denn dem allein sind diese drei gegeben, / Der es vermag, ganz absichtslos zu handeln.“ M.E.: Das Gauklermärchen. Ein Spiel in sieben Bildern sowie einem Vor- und Nachspiel. – (München 1995; 6. Aufl.) (= dtv 10903) S. 98/99. Das Entscheidende an diesen Zeilen ist die Absage an die Zweck-Mittel-Rationalität. Das heisst natürlich noch nicht, dass das freie ästhetische Spiel, welches der Neo-Romantiker hier im Sinne hat, für sich allein ein ausreichendes Fundament einer Ethik darstellte. Jedoch liefert es ein Modell dafür, welches Schweitzers Idee der grundlegenden „Ehrfurcht vor dem Leben“ nahekommt. In diesen Kontext kann man auch Adornos Aussage einfügen, die „Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt“ beruhe „auf der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen“ (Th. W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz — In: Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969. Hrsg 5 Gerd Kadelbach. – (Frankfurt 2017 26. Aufl) (= st 11) S. 88-104, S. 101). Und er fügt hinzu: „Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann. […] Das Schweigen unter dem Terror war nur dessen Konsequenz.“ Als Gegenmittel hält freilich auch Adorno keine fertige Ethik bereit, sondern lediglich ein widerständiges Moment; es handelt sich dabei nicht um Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“, auch nicht um Endes Glauben an das befreiende „schöpferische Spiel“, sondern um einen anti-kollektivistischen Impuls: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“. (S. 93)
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<a href="#ref-40" id="footnote-40" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[40]</a> Vgl. hierzu: <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=42_GuXIjlWs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=42_GuXIjlWs</a>
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<a href="#ref-41" id="footnote-41" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[41]</a> Aus demselben Grund ist es problematisch, wenn der einzige Einwand, den man gegen die Sanktionen gegen Russland vorzubringen hat, darin besteht, dass sie „unserer Wirtschaft“ und „unserer Industrie“ schaden: <a class="fussnoten_links" href="https://x.com/SWagenknecht/status/1572505280130478080" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://x.com/SWagenknecht/status/1572505280130478080</a>. Aus all diesen Argumenten spricht keine wirkliche Ethik, sondern die immer gleiche Logik der instrumentellen Vernunft, mit der man alles und jedes rechtfertigen kann, wenn es nur einem selbst nützlich erscheint, und darum ist ihre Wendung gegen den Krieg zufällig und nicht prinzipiell. In Rechnung zu ziehen ist natürlich, dass es sich hier möglicherweise um strategische Aussagen Wagenknechts handelt, welche dazu dienen sollen, die Menschen für den Frieden zu gewinnen, indem man sie bei ihrem Egoismus packt. Hier befindet man sich auch weniger in Gefahr, als Freund des Feindes gebrandmarkt zu werden.
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<a href="#ref-42" id="footnote-42" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[42]</a> Zum ewigen Frieden S. 57. Ähnliche, vielleicht von seiner Kant-Lektüre gespeiste, Gedankengänge findet man bei A.S., welcher vor dem Glauben warnt, „das Ethische durch das Zweckmässige ausser Kraft setzen zu dürfen“ (Ehrfurcht S. 42).
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<a href="#ref-43" id="footnote-43" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[43]</a> Obwohl er beispielsweise von „Meinungsfabriken“ (Hiroshima S. 372) spricht. Jörg Becker meint gar: „Eine kritische Linke hat in ihren ökonomischen Analysen des Kapitalismus stets die ihn tragende Rolle von Werbung und Medien ausgeblendet“ (FriedensForum 3/2024 S. 42), — ein Urteil, das sicher zu pauschal ist, und er selbst nennt darauf hin gleich Gegenbeispiele. In der Tendenz aber deckt sich das mit meinen Beobachtungen. Allerdings muss man hinzufügen, dass diese Unterschätzung der Mechanismen von PR, Medien und Werbung, kurz von Propaganda, sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal der linken Tradition ist, sondern dass sie grundsätzlich einmal die Angehörigen aller politischen Lager betrifft. Sonst hätte sie ja nicht funktionieren können. Neuerdings kann man von einer solchen allgemeinen Unterschätzung wohl nicht mehr sprechen, dafür gilt der Grundsatz: Propaganda verbreitet nur die andere Seite, wir nicht. Bzw.: Auf Propaganda reinzufallen, so dumm sind nur andere, ich selbst aber bin immun dagegen.
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<a href="#ref-44" id="footnote-44" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[44]</a> Das hat schon Erasmus erkannt: „Alsdann bemänteln wir unsere Krankheit mit ehrenvollen Titeln. Ich trachte nach dem Reichtum der Türken und spanne die Verteidigung der Religion vor. Ich diene der Ehrsucht, folge dem Zorn, wilde und zügellose Leidenschaft reisst mich fort, und ich gebe als Grund einen gebrochenen Vertrag, ein verletztes Freundschaftsbündnis, das Übergehen ich weiss nicht welches von den Punkten eines Verlobungstrakts oder etwas ähnliches an.“ („Süss scheint der Krieg den Unerfahrenen“ S. 82)
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<a href="#ref-45" id="footnote-45" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[45]</a> Es handelt sich um das, was ich oben als „Bewusstseinsindustrie“ bezeichnet habe. Deren Grundlagen sind aber älter und tiefer in unserer Kultur verwurzelt, als es den ersten Anschein hat; nämlich in einem rigiden Nützlichkeitsdenken, das, anfangs bloss für das Bürgertum und dann insbesondere auch für das Kleinbürgertum charakteristisch, inzwischen total geworden ist und die gesamte Gesellschaft erfasst hat. Seinem Ausdruck begegnete ich schon als Gymnasiast in Gestalt von Leuten, welche mir erklärten, Latein brauche man nur als Pfarrer, oder mich belehrten, mit Homer könne man kein Haus erbauen. Der Umbau der Universitäten von Stätten umfassender Bildung, in denen die Kenntnis der geistigen Traditionen des Abendlandes am Leben gehalten wurde, zu Stätten der den Anforderungen der Wirtschaft gefügigen Ausbildungsorganen bzw. deren Ersetzung durch Fachhochschulen sind ein jüngeres Symptom davon. Das Ziel ist nicht mehr die Bildung als Wert an und für sich, denn auch sie ist nur mehr ein Tauschobjekt, etwas, von dem man sich eigentlich etwas anderes erwartet: nämlich die Karriere. Bedenklich zumal, wie sehr diese Entwicklung sogar die sogenannten — falls überhaupt noch vorhandenen — Geisteswissenschaften erfasst hat: Als ich mich vor ein paar Jahren darüber erstaunt zeigte, dass ein Soziologie-Absolvent nicht einmal wusste, wer oder was Tolstoi gewesen war, entwaffnete er mich mit der ganz einfachen Erwiderung: „Wozu braucht man das?“
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<a href="#ref-46" id="footnote-46" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[46]</a> Ich bin mir nicht sicher, ob er das irgendwo wörtlich so gesagt hat, aber ich denke, dass man das als eine Quintessenz seiner verschiedenen Schriften über die „Kulturindustrie“ ansehen kann.
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<a href="#ref-47" id="footnote-47" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[47]</a> G. D. u. F. G.: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1. Übersetzt von Bernd Schwibs. – (Frankfurt a.M. 8.Aufl. 1997) (=stw 224)
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<a href="#ref-48" id="footnote-48" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[48]</a> „Andererseits steckt im gegenwärtigen Verhältnis zur Technik etwas Übertriebenes, Irrationales, Pathogenes. Das hängt zusammen mit dem ‚technologischen Schleier'. Die Menschen sind geneigt, die Technik für die Sache selbst, für Selbstzweck, für eine Kraft eigenen Wesens zu halten und darüber zu vergessen, dass sie der verlängerte Arm des Menschen ist. Die Mittel — und Technik ist ein Inbegriff von Mitteln zur Selbsterhaltung der Gattung Mensch — werden fetischisiert, weil die Zwecke — ein menschenwürdiges Leben — verdeckt und vom allgemeinen Bewusstsein der Menschen abgeschnitten sind. […] Keineswegs weiss man bestimmt, […], wo die Schwelle ist zwischen einem rationalen Verhältnis zu ihr und jener Überbewertung, die schliesslich dazu führt, dass einer, der ein Zugsystem ausklügelt, das die Opfer möglichst schnell und reibungslos nach Auschwitz bringt, darüber vergisst, was in Auschwitz mit ihnen geschieht.“ (Erziehung nach Auschwitz S. 99/100)
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<a href="#ref-49" id="footnote-49" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[49]</a> Vgl. dazu: <a class="fussnoten_links" href="https://www.infosperber.ch/gesundheit/medizin/hirntoten-menschen-tierorgane-transplantiert/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.infosperber.ch/gesundheit/medizin/hirntoten-menschen-tierorgane-transplantiert/</a>
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<a href="#ref-50" id="footnote-50" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[50]</a> So der treffende Titel eines Thrillers, der das Thema aufgreift: <a class="fussnoten_links" href="https://bastei-luebbe.de/Buecher/Krimis-Thriller/Die-Abschaffung-des-Todes/9783757700515" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://bastei-luebbe.de/Buecher/Krimis-Thriller/Die-Abschaffung-des-Todes/9783757700515</a>
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<a href="#ref-51" id="footnote-51" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[51]</a> Vgl. dazu: <a class="fussnoten_links" href="https://www.infosperber.ch/gesellschaft/trump-kam-mit-hilfe-von-transhumanisten-an-die-macht/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.infosperber.ch/gesellschaft/trump-kam-mit-hilfe-von-transhumanisten-an-die-macht/</a>
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<a href="#ref-52" id="footnote-52" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[52]</a> Aber auch auf dieses Problem hat die Marktwirtschaft bereits eine Antwort gefunden. Für alle, die in in ihrem Leben keinen Sinn mehr finden, beginnt sich sogar die Verwandlung des Selbstmords in einen Industriezweig, in eine Ware, abzuzeichnen: <a class="fussnoten_links" href="https://www.swissinfo.ch/ger/wissen-technik/suizidkapsel-hofft-in-der-schweiz-fuss-zu-fassen/47156258" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.swissinfo.ch/ger/wissen-technik/suizidkapsel-hofft-in-der-schweiz-fuss-zu-fassen/47156258</a>
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Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 10:17:24 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/krieg-als-arbeit-und-der-tod-als-ware-009377.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Apocalyptic Optimists Manifesto: A Manifesto for more than human futures]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/apocalyptic-optimists-manifesto-a-manifesto-for-more-than-human-futures-009269.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Das folgende Manifest der „multidisziplinäre Designerin und Zukunftsforscherin“ Juliana Schneider fand ich zum Eingang einer Aussstellung zu „Zukünften“ im Leipziger Grassi-Museum.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Apocalyptic-Optimists-Manifesto_Juliana-Schneider_w.webp><p><small></small><p>Da ich Raum für Interpretation lassen möchte, will ich hier nur schreiben, dass mich Text und Aufmachung apokalyptisch-optimistischen Manifests tief berührt haben. Meinem Verständnis nach, ist es von einer anarchafeministischen Perspektive inspiriert.

<h3>DAS ZEITALTER DER MENSCHEN</h3>

Gletscher schmelzen. Der Meeresspiegel steigt.
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Die Artenvielfalt verschwindet. Die Ozeane versauern.
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Wir leben in aussergewöhnlichen Zeiten,
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einer radikal veränderten planetaren Realität.
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Die Menschen verändern die Welt

<h3>ETWAS BEWEGT SICH</h3>

Etwas so gewaltiges, dass es über das menschliche
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Verständnis hinausgeht.
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Ein Paradigmenwechsel, wenn man so will.
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Wir befinden uns in einem langsamen Übergang zu einer
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neuen Ära, einer Ära jenseits der Menschheit.
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Es ist ein bedeutender Wandel, eine Transformation in
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eine neue Welt. Wie ein verborgener, sich ständig bewegender
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Mechanismus, der uns vorwärts drängt und selbst die
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Unbeteiligten mit sich zieht.

<h3>EINE GESCHICHTE IN ENTSTEHUNG</h3>

Die Tage des menschlichen Exzeptionalismus sind vorbei.
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Wir werden uns bewusst, dass der Mensch nicht mehr
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das Zentrum des Universums ist und dass unsere Realität
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aus einem komplexen Netz von Verflechtungen besteht
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in dem alles miteinander verbunden ist.
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Die Grenzen zwischen den vertrauten Gegensätzen von
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Mensch und Nicht-Mensch verschwimmen

<h3>LASST UNS IN NEUE WELTEN AUFBRECHEN</h3>

Welten, in denen die Zerstörung zur Möglichkeit wird.
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Welten, in denen wir eins mit der Natur sind.
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Welten, die das Leben in all seinen Formen umarmen.
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Welten, die die Verbundenheit unserer Spezies zelebrieren.

<h3>EINE ZUKUNFT DER KOEXISTENZ</h3>

Eine Zukunft, die auf den Ruinen des Anthropozäns gedeiht,
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genährt von der Asche menschlicher Überheblichkeit und belebt
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durch eine Vielfalt resilienter Arten.
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Innerhalb der komplexen Verflechtungen von Mensch, Natur
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und Technologie bilden sich kontinuierlich neue Gemeinschaften.
<br><br>
Gemeinschaften, in denen alle Lebewesen gedeihen und in
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Harmonie zusammenleben können.
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Die Zukunft ist INTERDEPENDENZ
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Die Zukunft ist ARTENVIELFALT
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Die Zukunft ist FÜRSORGE
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Die Zukunft ist KOLLABORATION
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Die Zukunft ist RESILIENZ
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Die Zukunft ist HOFFNUNG
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Die Zukunft ist REGENERATION
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Die Zukunft ist SYMBIOSE
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Die Zukunft ist MORE THAN HUMAN.<p><em>Juliana Schneider</em><p><small>Übersetzung ins Deutsche: paradox-a</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 01 Mar 2026 08:20:05 +0100</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Ari – Das Leben passiert nur einmal]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ari-das-leben-passiert-nur-einmal-007993.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ari – Das Leben passiert nur einmal“ begleitet einen jungen Mann, der seine Arbeit als angehender Lehrer wegwirft und nun nach einem Ersatz sucht.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Leonor_Serraille_-_IFFR_2023_w.webp><p><small>Die französische Filmregisseurin Léonor Serraille beim 52. Internationalen Filmfestival in Rotterdam, 3. Februar 2023.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L%C3%A9onor_Serraille_-_IFFR_2023.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Vera de Kok</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das ruhig erzählte Drama mag keine grossen Erkenntnisse mit sich bringen und selbst ziellos sein, ist aber einfühlsam und gut beobachtet.
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Eigentlich war Ari (Andranic Manet) auf dem besten Weg, Lehrer zu werden. Doch während einer Prüfung wird dem Referendar alles zu viel und er bricht in sich zusammen. Zwar wird er krankgeschrieben und könnte die Prüfung wiederholen. Ari wurde dadurch aber bewusst, dass ihm das zu viel ist und er diese Arbeit nicht machen kann, weshalb er alles abbricht. Als wäre das nicht schon schlimm genug, wirft ihn sein entnervter Vater (Pascal Rénéric) daraufhin aus der Wohnung und verschärft die Krise damit noch. Auf der Suche nach einer Bleibe, klappert der 27-Jährige daraufhin frühere Freunde und Freundinnen ab und landet unter anderem bei Jonas (Théo Delezenne) und Clara (Eva Lallier Juan). Dabei muss er nicht nur nach einem Weg in die Zukunft suchen. Er muss sich zudem mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, vor der er sich lange gedrückt hat …

<h3>Zwischen Vergangenheit und Zukunft</h3>

Es ist ein in Filmen immer wieder beliebtes Szenario: Die Hauptfigur wird durch einen Vorfall aus der Bahn geworfen und muss sich dabei mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Oft geht das mit einer Rückkehr in die alte Heimat einher. Bei <em>Nur für einen Tag</em> musste kürzlich etwa eine angehende Gourmetköchin ihre in der Provinz lebenden Eltern unterstützen, wodurch sie ihrer alten Liebe wiederbegegnet. Oft sind es auch Todesfälle, die einen dazu zwingen, unverarbeitete Themen und alte Wunden anzugehen. Ganz so fatal wird es bei <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal </em>nicht, wenn es dort „nur“ um den Verlust der Arbeit und der damit verbundenen Perspektive geht. Doch auch das kann ein Anlass sein für eine Nabelschau, wie das französische Drama beweist.
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Regisseurin und Drehbuchautorin Léonor Serraille (<em>Bonjour Paris</em>) beschränkt sich dabei nicht auf den Protagonisten. Tatsächlich stellt sich heraus, dass irgendwie alle der Figuren mit Ende zwanzig nicht ganz da sind, wo sie sein wollen, oft aber auch nicht sagen können, wie es denn sein sollte. <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> erzählt davon, wie es ist, ein wenig durch das Leben zu stolpern, schon irgendwie weiterzumachen, ohne aber wirklich ein Ziel zu erreichen. Das zeigt sich gerade am Beispiel Jonas, der in einem luxuriösen Haus lebt, verheiratet ist und ein Kind hat, zudem selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Nur geht vieles darauf zurück, dass sein Vater Geld hat, wirklich geschafft hat er nichts, was in einer besonders hässlichen Szene klar wird. Zwar sollen die beiden Männer Freunde sein. Wirklich klar ist aber nicht, warum das der Fall sein sollte.

<h3>Eine nur intuitive Perspektive</h3>

Diese harte Konfrontation ist eine der wenigen Szenen, in denen der Ton schriller wird und Serraille wirklich wehtun will. Ansonsten ist das französische Drama recht ruhig und mäandernd, wenn sich der Protagonist treiben lässt und immer nur für den Moment lebt. Das Generationenporträt gibt selbst auch keine Richtung vor, sagt nicht, worin der Sinn des Lebens besteht. Für manche könnte <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> deshalb unbefriedigend sein, zumal die Figuren etwas anstrengend sind. Wenn es zum Ende hin dann doch positiver und hoffnungsvoller wird, dann ohne eine schlüssige Begründung zu geben. Das läuft eher intuitiver und unbewusster ab, nicht auf einer intellektuellen Ebene.
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Das mag dann zwar nicht wirklich mit einer Aussage verbunden sein, die Diskussionsanstösse sind ein bisschen dünn. Und doch ist das Ergebnis sehenswert. Der Film, der 2025 im Wettbewerb der Berlinale seine Weltpremiere feierte, ist auf der einen Seite das Porträt einer Generation, die nicht weiss, was sie mit sich anfangen soll. Gleichzeitig hat <em>Ari – Das Leben passiert nur einmal</em> aber auch zeitlose Themen, wenn es etwa um Erwartungshaltungen geht, um den Druck, den wir ausgesetzt sind, wenn wir beruflich zu etwas kommen wollen. Wo aber etwa <em>Jetzt oder gleich</em> diesen Themenbereich mit spöttischem Humor begleitet, da geht Serraille mit viel Einfühlungsvermögen zur Sache. Sie mag etwas älter sein als die Menschen, von denen sie erzählt, vermittelt dabei dennoch das Gefühl, dass ihre beobachtende Kamera – und damit das Publikum – Teil dieser Sinnsuche ist.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/10/ari-das-leben-passiert-nur-einmal-tv-fernsehen-arte/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 28 Feb 2026 09:55:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ari-das-leben-passiert-nur-einmal-007993.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Die Rachsucht der USA gegenüber Kuba]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/lateinamerika/die-rachsucht-der-usa-gegenueber-kuba-009568.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Liebe Leser, erinnern Sie sich – am 4. Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine – noch an die Behauptung: " Jedes Land muss sich seine Bündnispartner selbst aussuchen dürfen!"?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/National-Capitol-and-classic-cars-in-Havana-Cuba-225-031-061A_w.webp><p><small>Havanna, 18. März 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:National-Capitol-and-classic-cars-in-Havana-Cuba-225-031-061A.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">El Capitolio and classic cars, Havana 2025</a> by <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:National-Capitol-and-classic-cars-in-Havana-Cuba-225-031-061A.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">fragandaphoto</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>So hiess es mit tiefster Überzeugung gegen jeden, der die zuvor sehr deutlich geäusserten russischen Bedenken gegen eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato und die mögliche Stationierung von Mittelstreckenraketen auf dem Territorium der Ukraine nachvollziehen konnte.
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Nun, Kuba hatte sich nach dem erfolgreichen Sturz des Diktators Batista im Jahr 1959 zunächst an die USA gewandt, um freundschaftliche Beziehungen geworben und auf eine Unterstützung seines Programms nationaler Entwicklung gehofft.
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Als diese Anfrage in Washington negativ beantwortet wurde, baten die Anführer der kubanischen Revolution, Fidel Castro und Che Guevara, in der Sowjetunion um Hilfe. Schauen wir mal, was dann passierte:
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Zitat aus Wikipedia, Stichwort “Kubakrise”<br>
„Die UdSSR beobachtete diese Entwicklung aufmerksam und nahm im Mai 1960 diplomatische Beziehungen zu Kuba auf. Castro hoffte, mit der wirtschaftsstarken UdSSR im Rücken ein Vorbild für die nationale Unabhängigkeit in Lateinamerika werden zu können. Die USA werteten dies als inakzeptablen Versuch, in Mittel- und Südamerika den Kommunismus zu verbreiten.
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Nach der entschädigungslosen Verstaatlichung von Agrarland, Banken und Raffinerien aus US-Besitz auf Kuba verbot die Regierung der USA im Oktober 1960 per Dekret, Erdöl nach Kuba zu exportieren; gleichzeitig untersagte sie jeglichen Import aus Kuba. Das sowjetische Politbüro sagte der Castro-Regierung hierauf wirtschaftliche und militärische Unterstützung zu. Diese Zusagen galten später als Anlass für die mit verdeckter Unterstützung der CIA durch Exilkubaner ausgeführte Invasion in der Schweinebucht vom April 1961, die für die Angreifer in einem Fiasko endete. Die USA erarbeiteten noch im selben Jahr ein geheimes Programm zur Sabotage und Unterwanderung Kubas.“

<h3>Was lernen wir daraus?</h3>

<ul class="liste_nr">
<li class="liste_nr">Den USA war es völlig selbstverständlich, eine Regierung n i c h t zu dulden, die sich einen Bündnispartner aussuchte, den die USA nicht genehmigt haben und noch viel weniger mochten.</li>
<li class="liste_nr">Deshalb durften, ja mussten die USA geradezu den “inakzeptablen Versuch”, im Hinterhof der USA Kommunismus zu verbreiten, indem ein “Vorbild für nationale Unabhängigkeit” (!) aufgebaut wird, mit allen Mitteln verhindern: Sabotageakte, Attentate auf die kubanische Führung (inkl. der Liquidation Che Guevaras), versuchte Invasion.</li>
<li class="liste_nr">Und wer sich an US-Eigentum – wie immer das auf Kuba zustande gekommen ist – vergreift, um seine ,nationale Entwicklung' voranzutreiben, durfte sich nicht über eine jahrzehntelange harte Wirtschaftsblockade wundern, die eben diese Entwicklung des Landes nach Kräften behindert.</li>
</ul>

Das schreibt übrigens kein linkes antiamerikanisches Studentenmagazin, sondern die ziemlich amerikanisch geprägte Wikipedia… Eine <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/1145798/WD-2-079-25-EU-6-075-25.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">aktuelle Analyse</a> der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages bezweifelt übrigens die völkerrechtliche Grundlage der US-Sanktione, insbesondere die der sog. „Sekundärsanktionen“, die Unternehmen und Staaten ausserhalb der USA betreffen.
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Wenn dann nach 65 Jahren Blockadepolitik gegen eine kleine Karibikinsel alle sehen können, dass es „der Sozialismus“ einfach nur zu einer phänomenalen Misswirtschaft bringt, kann der jetzige US-Präsident zur finalen Friedensstiftung übergehen.
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„Am 29. Januar 2026 unterzeichnete Präsident Trump eine Exekutivverordnung, die Kuba als "ungewöhnliche und ausserordentliche Bedrohung" für die nationale Sicherheit der USA einstuft.“
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<em>¡Hola! Interessant!</em>
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Trotz sozialistischer Misswirtschaft sind also zehn Millionen Kubaner, die unter massiven Stromausfällen leiden und denen inzwischen selbst wichtige Medikamente und Lebensmittel fehlen, eine „ungewöhnliche und ausserordentliche Bedrohung“ der militärischen Supermacht Nummer Eins auf dem Globus.
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Okay – wir sind ja längst nicht nur im post-faktischen, sondern auch im post-logischen Zeitalter angekommen, insofern sollten wir nicht so pedantisch sein.
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Es ist also eher grosszügig von Trump, dass er überhaupt eine Art Begründung dafür ins Feld führt, dass die USA auf einem regime-change in Kuba bestehen.
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MERKE:Wer keinen Respekt vor us-amerikanischem Eigentum hat, kriegt das bitter zu spüren. Die Kubaner verhungern, damit die Welt das lernt!

<h3>PS: Kleiner Nachtrag zur eigentlichen “Kubakrise”</h3>

Nach der vom CIA gesteuerten Invasion in der “Schweinebucht”, die zurückgeschlagen wurde, wollte Kuba sich durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen vor weiteren Attacken schützen.
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Umgekehrt war es für die Sowjetunion attraktiv, ihrerseits Raketen in der Nähe des amerikanischen Festlandes zu stationieren – als Reaktion darauf, dass die USA Raketenbasen in der Türkei und Italien aufgebaut hatten und ihr damit drohten.
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Der sowjetische Versuch, nuklear bestückte Mittelstreckenraketen in Kuba zu stationieren, wurde von den USA mit der Androhung eines atomaren Erstschlags durch den damaligen Präsidenten John F. Kennedy beantwortet. Im Oktober 1962 war die Welt nur einen Wimpernschlag von einem Atomkrieg entfernt – dabei wollte eine kleine Insel doch „nur“ ein paar Raketen „zur Abschreckung“ der hoffnungslos überlegenen US-Macht. Vielleicht sollte man daran denken, wenn jetzt Deutschland über „die Bombe“ <a href="https://overton-magazin.de/top-story/braucht-deutschland-atombomben/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">diskutiert</a> oder die USA (ganz selbstlos, versteht sich) <a href="https://overton-magazin.de/krass-konkret/zankapfel-taiwan/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Taiwan</a> helfen, „sich gegen die übermächtige Volksrepublik zu verteidigen“…
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Die Sowjetunion lenkte schliesslich ein und verzichtete auf die Stationierung; die USA zogen ihre Raketen aus der Türkei ab, womit sie anerkannten, welche Bedrohung sie zuvor aufgebaut hatten. Und sie gaben das Versprechen, Kuba nicht mehr anzugreifen...<p><em>Renate Dillmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 12:22:00 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Berlinale: Internationale Filmfestspiele Berlin]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/berlinale-internationale-filmfestspiele-berlin-009567.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ach ja, Gaza. Wer lässt sich deshalb schon gern die Stimmung verderben?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Namal_and_Tansu_Bicer_w.webp><p><small>Die Crew von “Gelbe Briefe (Yellow Letters)” auf dem roten Teppich an der Berlinale 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="link" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elena Ternovaja</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Klar – auch ein ganz kurzer Filmblick auf Gaza schlägt auf den Magen, genauso wie die Blicke nach Kiew oder Kuba oder den vielen anderen Elendsorten weltweit. Es ist unangenehm, dass wir etwas damit zu tun haben - als Kunstschaffende, als Staat, als Publikum.
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Ein Filmfestival ist keine Reha-Klinik für empfindsame Seelen. Früher galt die Berlinale als politischstes Festival der Welt: Da wurde gestritten, da durfte es krachen. Heute reicht ein Hüsteln, und die erste Reihe sucht nach dem Notausgang. Haltung ja – aber nur in homöopathischen Dosen. Alle tun so, als sei eine provokante Rede bereits ein Angriff auf die Demokratie. Nein. Sie ist Demokratie.
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Kritische und natürlich politische Kultur, freie Rede, den anderen auf die Füsse treten, Widerspruch riskieren, provozieren: Nach den Aufregungen der letzten Tage dachte ich, ich bin im falschen Film. Leute!!!!
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Wr sind doch hier nicht im Autokino von Donald Trump oder Wladimir Moskwitsch! Ich erinnere nur zu ungern an die Zeit vor 100 Jahren in Berlin und drumrum: Da hat noch m Januar, Februar, März 33 fast alles, was Rang und Namen hatte und zur kulturnahen politischen Hautevolee gehörte, fleissig gekifft und gesext, Wohnungen, Weiber und Männer getauscht und den doofen Döskopp Hitler "Adolf den Bekloppten" genannt. Ja, s' is scho reacht: Nicht alle. Es ging ja nur um Juden oder Kommunisten oder beide – viele der Grossgläubigen glaubten, dass sie auch im Nazireich grosser Stars bleiben oder werden könnten.
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Als SA und SS die Hochschulen und Theater, die Ateliers und Kino und Nachtclubs stürmten, waren daheim nicht mal die Koffer gepackt, geschweige denn Fahrkarten gekauft. Oft gelang die Flucht nur in allerletzter Minute - aber längst nicht allen. Auf den Strassen kloppten sich Kommunisten mit Sozialdemokraten - und hatten keine Chance gegen die braunen Gangs.
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Wortmeldungen? Skandale? Heftige Debatten, Aufregung, Widerspruch? Bitte mehr davon, aber Dalli-Dalli!<p><em>Peter Grohmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 10:38:00 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/berlinale-internationale-filmfestspiele-berlin-009567.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Nathalie Peutz: Islands of Heritage]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/nathalie-peutz-islands-of-heritage-009304.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Socotra wird als unberührte Trauminsel gezeichnet, die zur Wahrung ihrer Vielfalt Hilfe von aussen benötigt. Solche Narrative nützen vor allem den ökonomischen Interessen anderer Staaten und verschleiern die geopolitische Relevanz der Insel.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/nathalie-peutz-islands-of-heritage_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Tarek sagt: „Alles, was man gelernt hat ausserhalb der Insel, verliert man wieder, wenn man hierher zurückkommt. Weil man es hier nicht braucht“. Tarek ist noch jung und hofft, irgendwann ein weiterführendes Studium in Saudi-Arabien oder Ägypten zu machen. Schon jetzt sei er der erste Lehrer in seinem Fach auf Socotra, sagt er. Etwa 240 Kilometer östlich vom Horn von Afrika und 385 Kilometer südlich der Arabischen Halbinsel gelegen, ist die jemenitische Insel die zweitgrösste im westlichen Indischen Ozean. Zusammen mit ihren Nachbarinseln Abd al-Kuri, Samha und Darsa bildet sie das Socotra-Archipel – eine der botanisch vielfältigsten Inselgruppen der Welt.
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Vor allem aufgrund ihrer 700 endemischen Pflanzen und Tiere – darunter der weltberühmte Drachenblutbaum (Dracaena cinnabari) oder das einzige baumförmige Kürbisgewächs der Welt, der Gurkenbaum (Dendrosicyos socotranus) – ist Socotra seit 2008 UNESCO-Welterbe.
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„Die Insel wurde zu einem Touristenziel, das vor allem europäische Besucher:innen anzog. Sie kamen wegen der weissen Sandstrände, aber auch wegen genau jener Erzählungen, die Reisende schon seit der Zeit von Thomas Roe angezogen hatten: Socotras 'seltsame' Flora, ihre 'mysteriöse' christliche Vergangenheit, ihre 'legendären' Verbindungen zu den Portugiesen, ihre 'merkwürdige' Zauberei – und ihre 'vergessene' Natur” (S. 30, Übersetzung AT)
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schreibt die Anthropologin Nathalie Peutz in ihrem Buch „Islands of Heritage - Conservation and Transformation in Yemen“. Es wurde 2018 veröffentlicht und hat seitdem wenig an Aktualität eingebüsst.

<h3>Umkämpfte Heritage-Politik </h3>

Peutz stellt in ihrem Buch fest, dass sich auf globaler Ebene ein doppelter Trend beobachten lässt: Einerseits wachse die symbolische wie ökonomische Aufwertung von „immateriellem Erbe“, das von Staaten und Organisationen als Ausdruck nationaler oder ethnischer Identität vermarktet wird – oft unter Ausblendung innergesellschaftlicher Unterschiede. Andererseits werde das kulturelle Erbe selbst zum Schlachtfeld geopolitischer Interessen: „Die neuen Kriege des 21. Jahrhunderts werden ebenso auf dem Terrain des kulturellen (und im Falle von Socotra auch ökologischen, Anmerkung AT) Erbes geführt wie um andere knappe Ressourcen“ (S. 19), so ihr Befund. Die gezielte Zerstörung historischer Stätten – etwa in Afghanistan, Palästina, Syrien, im Irak oder im Jemen – ist Ausdruck dieser symbolischen Kriegsführung. Und auch die Heritage-Industrie und die Konstruktion nationaler historischer Stätten, wie sie zum Beispiel von den Golfstaaten betrieben werden, kann als symbolische Machtgeste gelesen werden. Dabei bleibt die internationale Heritage-Politik selbst nicht neutral: Das Weltkulturerbe-Konzept von UNESCO etwa folgt nach wie vor einer eurozentrischen Unterscheidung zwischen „Natur“ und „Kultur“, zwischen „materiellem“ und „immateriellem“ Erbe – eine Aufteilung, die nicht nur wissenschaftlich problematisch ist, sondern auch koloniale Machtverhältnisse reproduziert. Kulturerbe, so erinnert Peutz unter Bezug auf den Archäologen Rodney Harrison, sei selten unschuldig. Es werde fast immer im Kontext politischer Ansprüche eingesetzt, die bestimmte „Wahrheiten“ über Identität, Geschichte oder Zugehörigkeit festschreiben. Beispielsweise legitimieren die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Präsenz auf Socotra unter anderem mit der grössten Socotrischen Diaspora in Abu Dhabi und deren Erbe, welches  sie helfen wollen zu bewahren.

<h3>Gar nicht so unberührt</h3>

Tarek arbeitet nebenbei als Tourguide. Von seinem Lehrergehalt kann er seine Familie nicht ernähren. Tourismus ist lukrativer. Sechs Monate im Jahr führt er Öko- und Abenteuertourist:innen aus Europa, Russland, China und den Golfstaaten zu ausgewählten Naturschauplätzen auf der Insel. Die restlichen sechs Monate weht der Monsunwind so stark, dass die Insel von der Aussenwelt fast gänzlich abgeschnitten ist und die Bewohner:innen sich in die Häuser zurückziehen. Auch die Schulen sind dann geschlossen.
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Tarek hat auch schon von der Anthropologin Peutz gehört, die für ihre teilnehmende Beobachtung über Jahre auf der Insel gewohnt hat. Die Welt auf Inseln ist nicht sonderlich gross, und Tarek ist an der Geschichte des kleinen Flecken Erde sehr interessiert.
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Über Jahrhunderte hinweg war die Insel christlich geprägt. Seit 1967 gehört Socotra zum Jemen als Teil der sozialistischen Republik Südjemens (bekannt als Demokratische Volksrepublik Jemen, DVRJ). Der Staat Jemen in seinen heutigen Grenzen entstand erst durch die Vereinigung des kapitalistischen Nordjemens mit dem sozialistischen Südjemen nach Ende des Kalten Krieges (1990). Peutz beschreibt Socotra in dieser Ära als militärisches Sperrgebiet. Man sieht bis heute noch sowjetische Panzer an der Nordküste, die längst als vor sich hin rostende Ungetüme Teil der kapitalistischen Vermarktung der Insel wurden. „[Die sozialistische Phase] war die Zeit, die die Socotri heute als die Phase bezeichnen, in der ihre Insel am stärksten von der Aussenwelt abgeschottet war: Man benötigte eine Erlaubnis, um die Insel zu verlassen, und ausgewanderte Verwandte durften nicht zurückkehren” (S. 29), schreibt Peutz. Gleichzeitig wurde zu dieser Zeit einiges an Infrastruktur aufgebaut: Strassen, Verwaltungsgebäude, Kooperativen und Schulen; die Insel war säkular ausgerichtet. Nach der Vereinigung geriet Socotra zunehmend unter den Einfluss konservativer islamischer Kräfte. Diese, sowie Armut und Unsicherheit führten dazu, dass viele Familien Bildung für Mädchen als nachrangig betrachteten. Heute tragen die Frauen schwarze Abayas mit Gesichtsschleier. Viele von ihnen sprechen einen der socotrischen Dialekte, die keine genaue Schriftsprache kennen, der Zugang zu Bildung ging zurück.

<h3>Wettrennen um Handelsrouten und ökonomischen Einfluss</h3>

Schon viele Jahrzehnte wetteifern die Grossmächte um die Vorherrschaft im Arabischen Meer sowie um die Handelsroute durch das Rote Meer und den Suezkanal. Die Bedeutung der Passage ist auch für Europa immens. Mit der zunehmenden Rivalität zwischen China und den USA seit der Veröffentlichung des Buches im Jahr 2018 haben sich die geopolitischen Spannungen um Socotra noch zugespitzt.
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Nach dem 7. Oktober 2023 begannen die Houthi-Rebellen im Jemen, in erklärter Solidarität mit den Menschen in Gaza, immer wieder Handelsschiffe und Öltanker anzugreifen. Es kam zu massiven Störungen in den globalen Lieferketten. Eine US-geführte Koalition startete daraufhin Luftangriffe auf Houthi-Stellungen. Im Zuge des israelischen Krieges gegen den Iran im Juni 2025  kam es auch zu einer intensivierten Militarisierung des Golf von Aden. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen die Strategie, die neue Schutzmacht der Handelsroute durch das Rote Meer zu werden. Socotra spielt in diesen Plänen eine wichtige Rolle. Bereits im Jahr 2018 besetzten die Vereinigten Arabischen Emirate die jemenitische Insel, setzten die lokale Insel-Regierung ab und ersetzten diese 2020 mit den ihnen loyalen „Southern Transition Councils“ (STC). Socotra wird damit nicht nur als strategisches Sicherheitsventil betrachtet, sondern auch politisch und administrativ effektiv in ein de-facto-südliches Machtzentrum integriert. Das hat die Insel für eine Militärbasis, Investoren und als Absatzmarkt geöffnet. Heute fliegt zweimal pro Woche ein Flugzeug mit Tourist:innen, Gütern und Arbeitskräften von Abu Dhabi nach Socotra und ein drittes soll in Kürze folgen.

<h3> Eine neutrale Insel?</h3>

Die Insel hat aktuellen Statistiken zufolge nur etwa 60 000 Einwohner:innen. Die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig, dafür ist die politische Selbstzensur der Bewohner:innen stark. Tarek sagt: „Wir halten uns raus aus Politik, Socotra ist neutral“. Tourguides wie er fungieren als eine Art Gatekeeper der Insel. Sie führen die Tourist:innen in die Natur und halten sie möglichst von der lokalen Bevölkerung fern. Sie promoten die Insel als exotisches Naturparadies, abgekoppelt von den traditionellen und oftmals auch prekären Lebensbedingungen der Menschen auf der Insel. Dahinter versteckt sich eine Verkaufsstrategie: Das Phantasma eines Inselparadieses mit einer unberührt und im Einklang mit der Natur lebenden Bevölkerung. Die Verlockung schlechthin eines wachsenden globalen Öko-Individualtourismus. Auch ich war vor einigen Jahren dem Charme der Bilder über die Insel erlegen. Vor allem hatten die Gleichzeitigkeit von exotischem Traumidyll, geopolitischer Lage und machtstrategischen Interessen an der Insel mein Interesse geweckt. Mein Weg führte daher nach Socotra – und ich traf auch auf Tarek, von dem hier immer wieder die Rede ist.
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Die indigene Lebensweise auf der Insel, beschreibt die Anthropologin Peutz, sei noch im 20. Jahrhundert  als schädlich für die Natur angesehen worden, während sie in jüngerer Zeit eher überhöht wird. Die Mystifizierung unterschlägt, dass es immer äussere Kräfte gab, die der Insel ihre Deutung und Interessen aufdrücken wollten: Sie wurde von unterschiedlichsten Seefahrernationen kolonisiert (wenn auch teilweise mit sehr mässigem Erfolg), von den antiken Griechen, den Indern, den Osmanen und schliesslich den Briten. Doch für die Tourist:innen lässt sich das Bild der letzten unberührten, komplett aussergewöhnlichen Insel, die sie nun mit ihren Kameras erobern können, einfach viel besser verkaufen.

<h3> Widerständige Perspektiven </h3>

Peutz hebt in ihrem Buch hier eine widerständige Perspektive hervor, die sie vor allem in Bezug auf das Kulturerbe ausbuchstabiert: Die historisch gewachsene Kombination aus Abschottung und Fremdherrschaft bildet den Hintergrund für die jüngste Konjunktur von „Heritage“ auf der Insel. Die internationale Debatte über den „Schutz“ der Natur geht einher mit militärischer Präsenz, neuen Governance-Strukturen und der Externalisierung von Entwicklungszielen. In einer Zeit, in der sich neue Machtinteressen – vor allem seitens der Vereinigten Arabischen Emirate –  auf der kleinen Insel etablieren, gewinne, so die Wissenschaftlerin, das kulturelle Erbe für die Inselbewohner:innen neue Bedeutung. Peutz schreibt, dass „Heritage“ in Socotra nicht länger nur ein Objekt äusserer Verwaltung sei, sondern ein von unten entwickeltes Mittel politischer Artikulation. So wird kulturelles Erbe zu einer Form des Widerstands, die nicht auf offene Konfrontation, sondern auf das Durchsetzen lokaler Deutungs- und Gestaltungsmacht zielt.
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Eine Drohkulisse ist indes der Massentourismus. Ein Freund von Tarek schreibt mir, Jahre nach unserem Treffen, die Tage der Insel seien gezählt. Bereits 80 Prozent des Küstengebiets seien verkauft. Nachforschungen bestätigen die Angst: Erst im Mai 2025 war ein Komitee der UNESCO da, um zu überprüfen, ob der Welterbe-Status trotz Zerstörung gehalten werden soll. Natürlich werde man den Status behalten, sagt der Freund, der sich gut auszukennen scheint, zerstört werde die Insel dennoch. Schon Tarek befürchtete bei unserer gemeinsamen Tour, dass das Leben auf der Insel für die Einheimischen irgendwann zu teuer werden könnte. Denn die meisten Inselbewohner:innen werden nicht in neue Geschäfte und Projekte eingebunden. Noch sei alles in Balance, lachte er damals. Aber man konnte die Hotelanlagen am Strand bereits erahnen. Tarek sagt: Dagegen werden wir uns auf jeden Fall wehren.
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Sieben Jahre nach der Veröffentlichung des Buches ist das Welterbe Socotra, aber mehr noch die Unabhängigkeit der Inselbewohner:innen, mehr als zuvor in Gefahr. Das Buch macht deutlich: „Heritage“ ist kein neutraler Begriff, sondern ein Modus politischer Auseinandersetzung mit brennenden Gegenwartsfragen wie Souveränität, Nachhaltigkeit, Ressourcenverteilung oder Klimawandel. Kulturerbe, so kann man Peutz' gewinnbringend lesen, ist nicht einfach ein Abbild der Vergangenheit – es ist eine umkämpfte Praxis der Zukunftsgestaltung.<p><em>Amina Tschopp<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/die-insel-des-auergewohnlichen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Nathalie Peutz: Islands of Heritage. University Press, Stanford 2018. 368 Seiten. ca. 31.00 SFr. ISBN: 978-1503606395.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 27 Feb 2026 08:23:36 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/nathalie-peutz-islands-of-heritage-009304.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Die EU auf dem Weg zum 'Sender Gleiwitz']]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/europa/die-eu-auf-dem-weg-zum-sender-gleiwitz-009557.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>In den letzten Monaten erscheinen zunehmend ‚Berichte', die die Furcht vor einem russischen Überfall auf weitere europäische Staaten vermehren. Hier wird ihr Wahrheitsgehalt an einigen Beispielen untersucht.</em></strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/DronesPolenSeptember2025_w.webp><p><small>Fundorte von Drohnen in Polen im September 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DronesPolenSeptember2025.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">TUBS</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 cropped)</a></small><p><h3>1. GPS-Jamming gegen das Flugzeug von Ursula von der Leyen</h3>

Angeblich musste das Flugzeug aufgrund von Störungen des GPS, die Russland zugeschrieben wurden, in Bulgarien manuell landen.<br>
Diese Fehlinformation wurde sehr bald vom Portal flightradar24 aufgedeckt: <a href="https://www.flightradar24.com/blog/aviation-explainer-series/ursula-von-der-leyen-gps-jamming/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.flightradar24.com/blog/aviation-explainer-series/ursula-von-der-leyen-gps-jamming/</a> Die Angelegenheit scheint Frau von Leyen aber seelisch sehr mitgenommen zu haben, wenn man sich ihre Rede kurz danach ansieht:<br>
<a href="https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/speech_25_2053" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/speech_25_2053</a> .

<h3>2. Drohnen in Polen</h3>

Zunächst kursierten Fotos von einem „durch russische Drohnen“ beschädigten Hausdach. Dann gab die polnische Armee zu, dass es von einer <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/krieg-in-der-ukraine-schaden-an-haus-in-polen-wahrscheinlich-war-es-eine-rakete-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-250918-930-53356" target="_blank" rel="noreferrer noopener">polnischen Abfangrakete zerstört</a> wurde. (Übrigens wurde eine Rakete im Wert von 850.000 € gegen eine Drohne im Wert von 8.477 € eingesetzt; das erklärt teilweise, warum die Verteidigungsausgaben so stark steigen.)
<br><br>
Was die Drohnen selbst angeht, waren sie unbewaffnet und aus Sperrholz, der Typ, der zur Ablenkung/Überlastung der Flugabwehr eingesetzt wird. Eine genauere Untersuchung wirft einige Fragen auf.

<h3>3. Verletzung des Luftraums von Estland</h3>

Hier gibt es viele Fotos von MiGs vor blauem Himmel, dem man leider nicht ansieht, wo er ist. Dann eine von der estnischen Armee erstellte Karte, in der die russischen Flieger eine Abkürzung durch estnischen Luftraum fliegen:<br>
<a href="https://www.nordisch.info/estland/luftraumverletzung-veroeffentlicht-route-russischer-mig-31-jets/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nordisch.info/estland/luftraumverletzung-veroeffentlicht-route-russischer-mig-31-jets/ </a><br>
Leider ist das Herstellen von Karten nicht so schwierig. Die berühmte Karte  der ‚Operation Hufeisen' während des Jugoslawienkriegs, die Angriffspläne Serbiens beweisen sollte, war ja auch schön gezeichnet: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hufeisenplan" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Hufeisenplan</a> Cockpitfotos mit Aufnahmen der MiGs sowie Uhrzeitmarke und GPS-Position habe ich leider keine gefunden.
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Wie nicht anders zu erwarten, gibt es auch ein russisches Dementi:<br>
SZ, Patrick Wehner, 02:01 Uhr,   20.9.25<br>
<a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-krieg-newsblog-nato-russland-luftraumverletzung-li.3315548" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-krieg-newsblog-nato-russland-luftraumverletzung-li.3315548 </a><br>
Russlands Regierung hat die Darstellung Estlands bestritten, dass drei russische Kampfjets den Luftraum des baltischen Nato-Landes verletzt haben sollen. "Der Flug wurde unter strikter Einhaltung der internationalen Luftraumregeln durchgeführt, ohne die Grenzen anderer Staaten zu verletzen", teilte das Verteidigungsministerium in Moskau laut der staatlichen Nachrichtenagentur TASS mit.
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"Während des Fluges wichen die MiG-31-Jets nicht von der abgesprochenen Flugroute ab und verletzten nicht den estnischen Luftraum", hiess es weiter. Vielmehr habe die Route über neutrale Gewässer mehr als drei Kilometer nördlich der estnischen Ostsee-Insel Vaindloo geführt. Die Angaben aus Moskau liessen sich nicht unabhängig überprüfen.
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Estlands Armee hatte den Vorfall anders dargestellt und am Freitag eine erneute Verletzung seines Luftraums durch drei russische Kampfjets gemeldet, die am Morgen nahe Vaindloo unerlaubt in den Luftraum des EU-Staates eingedrungen seien und sich insgesamt zwölf Minuten darin aufgehalten hätten. Auch diese Angaben liessen sich zunächst nicht verifizieren. Die Nato habe sofort reagiert und die russischen Flugzeuge abgefangen, sagte eine Nato-Sprecherin. Was genau bei dem Abfangmanöver passiert ist, blieb jedoch unklar. Für gewöhnlich steigen bei solchen Luftraumverletzungen Kampfflugzeuge auf und begleiten die anderen Jets wieder aus dem Luftraum hinaus.“
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Dass das Thema ‚Luftraumverletzungen und Warnungen' komplexer ist, zeigt z.B. die Kommentarspalte dieses deutschen Militär-Blogs:<br>
<a href="https://augengeradeaus.net/2025/09/flug-in-der-grauzone-russische-kampfjets-hart-an-der-grenze-aber-im-nato-luftraum/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://augengeradeaus.net/2025/09/flug-in-der-grauzone-russische-kampfjets-hart-an-der-grenze-aber-im-nato-luftraum/ </a><br>
Auch hier werden wir die Wahrheit nie erfahren, stattdessen geben Politiker:innen eskalationslüsterne Kommentare ab:<br>
https://www.fr.de/politik/luftraum-verletzungen-wann-darf-die-nato-auf-putins-kampfjets-schiessen-93949344.html <br>
Für die ‚Drohnen über dem Flughafen von Kopenhagen, Oslo, Aalborg' und die Geschichten, die noch kommen werden, gilt das auch, auf eine genaue Untersuchung verzichte ich, s. Punkt 2:<br>
<a href="https://www.jungewelt.de/artikel/509022.sender-gl%C3%B8jvids.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.jungewelt.de/artikel/509022.sender-gl%C3%B8jvids.html</a>

<h3>4. Interpretation</h3>

Wenn man die Kette von ‚Nachrichten' dieser Art liest, entsteht der Eindruck, dass Russland provoziert und eskaliert. So wird auch das (regelmässig stattfindende) Manöver SAPAD als Beleg herangezogen, während die ebenfalls in Grenznähe durchgeführten NATO-Manöver nicht als ‚Provokation' angesehen werden:<br>
<a href="https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194007.russland-und-belarus-sapad-manoever-aufmarsch-in-osteuropa.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194007.russland-und-belarus-sapad-manoever-aufmarsch-in-osteuropa.html </a> Dass die Teilnehmer:innenzahl von  SAPAD heruntergesetzt wurde, der Abstand zur Grenze vergrössert und Beobachter:innen aus NATO-Staaten anwesend waren, kann an der Interpretation anscheinend nichts ändern: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sapad_2025" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Sapad_2025</a>
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Davon abgesehen, haben sowohl das SIPRI als auch Greenpeace die Kräfteverhältnisse der Armeen von Russland und der EU (ohne USA) untersucht und festgestellt, dass keine Gefahr eines russischen Angriffs besteht:
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„Der militärische Vergleich zu Russland fällt schon unter den heutigen Umständen zugunsten Europas aus. Die mobilisierbaren Kräfte sind dreieinhalbmal so gross wie die Russlands. Die Truppenstärke ist schon jetzt höher. Mit Ausnahme von Atomwaffen hat Europa gegenwärtig ein Übergewicht an Militärgerät: zweifach bei den Flugzeugen, dreifach bei Panzern, um nur zwei Beispiele zu nennen. […] Für einen konventionellen Angriff wird geschätzt, dass der Angreifer mindestens ein dreifaches Übergewicht haben muss, über das Russland nicht verfügt. Ein militärischer Überfall auf die NATO wäre für Russland schon jetzt Selbstmord.“ <a href="https://www.nzz.ch/meinung/russland-und-china-koennten-theoretisch-gemeinsam-gegen-den-westen-vorgehen-aber-putin-ist-zu-schwach-und-kann-daran-kein-interesse-haben-ld.1893503" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nzz.ch/meinung/russland-und-china-koennten-theoretisch-gemeinsam-gegen-den-westen-vorgehen-aber-putin-ist-zu-schwach-und-kann-daran-kein-interesse-haben-ld.1893503 </a>
<br><br>
In dieser Welle von Alarmmeldungen gehen andere Nachrichten vollkommen unter, die für unser Überlegen wesentlich wichtiger sind. Z.B. bemüht sich die ukrainische Armee (wohl in Absprache mit den NATO-'Berater:innen' in Kiew), das russische Frühwarnsystem gegen Atomangriffe zu zerstören:<br>
<a href="https://www.bundesheer.at/aktuelles/detail/drei-fragen-zum-angriff-auf-das-russische-atomraketen-fruehwarnsystem-oberst-reisner-antwortet" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bundesheer.at/aktuelles/detail/drei-fragen-zum-angriff-auf-das-russische-atomraketen-fruehwarnsystem-oberst-reisner-antwortet</a>
<br><br>
Das ‚Gleichgewicht des Schreckens' der atomaren Abschreckung ‚funktioniert' u.a. deshalb, weil die Atommächte über eine Zweitschlagfähigkeit verfügen. D.h. wenn eine Atommacht angegriffen wird, wird sie zerstört, aber der Angreifer durch einen automatischen Gegenschlag ebenfalls.
<br><br>
Wenn man nun das Frühwarnsystem beschädigt oder ausschaltet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund von fehlerhaften Anzeigen ein ‚Zweitschlag' ausgelöst wird, obwohl gar kein Angriff stattgefunden hatte.

<h3>5. Was zeigt uns die Geschichte?</h3>

Vor dem Überfall der Nazi-Armee auf Polen wurde ein polnischer Angriff auf den Sender Gleiwitz simuliert: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_den_Sender_Gleiwitz" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_den_Sender_Gleiwitz</a><br>
Vor dem direkten Angriff auf Vietnam erfanden die USA einen Angriff vietnamesischer Boote im Golf von Tonkin: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tonkin-Zwischenfall" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Tonkin-Zwischenfall</a><br>
Der Einsatz der USA usw. in Kuwait wurde mit der Lüge von den von irakischen Soldaten aus ihren Brutkästen gerissenen Babys ‚untermauert': <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Brutkastenl%C3%BCge" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Brutkastenl%C3%BCge</a><br>
Der Krieg der USA usw. gegen den Irak wurde mit dem Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen ‚begründet':<br>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Begr%C3%BCndung_des_Irakkriegs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Begr%C3%BCndung_des_Irakkriegs</a> , übrigens unter Beteiligung eines Angestellten einer Tarnfirma des deutschen Geheimdienstes BND: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rafid_Ahmed_Alwan" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Rafid_Ahmed_Alwan</a> .

<h3>6. Und was passiert gerade?</h3>

Die westliche Berichterstattung über die ‚Ostflanke' war bisher vom Ausfiltern von Informationen und Einseitigkeit gekennzeichnet (zivile Tote westlich der Front in der Ukraine wurden erwähnt, auf der östlichen Seite jahrelang nicht).
<br><br>
In den letzten Monaten wurde ein Sprung gemacht – es werden nicht nur Fakten ausgeblendet, sondern Fakten ‚geschaffen' (=fehlinterpretiert oder gar erfunden), um damit eine Aufrüstungsstrategie rechtfertigen zu können. Ganz nach dem Prinzip 2 der Kriegspropaganda laut Anne Morelli: „Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg“.
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Es ist hier nicht der Ort, die Ursachen für diese geistige Eskalation genau zu untersuchen. Mir fehlen auch die Kenntnisse, zu entscheiden, woran das liegt:

<ul class="liste">
<li class="liste">Hoffnung, aus der wirtschaftlichen Krise durch Verstärkung der Rüstungsproduktion zu kommen und dafür ist es notwendig, die Bevölkerung in eine Psychose zu versetzen, damit sie den Sozialabbau hinnimmt?</li>
<li class="liste">ein Versuch, den Zickzackkurs Trumps durch ‚zu Allem entschlossenes' Gehabe auszugleichen?</li>
<li class="liste">eine Mischung aus Paranoia, Selbstsuggestion und Echokammer?</li>
</ul>

Jedenfalls können wir Verlautbarungen der EU und der NATO nicht mehr als ‚Information' betrachten, sie müssen genauso skeptisch analysiert werden wie russische Propaganda.
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Deshalb ist es auch fahrlässig, wenn Politiker:innen der deutschen Linkspartei NATO-Stellungnahmen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Fake-Informationen beruhen, als ‚angemessen' bezeichnen: <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article68cef4de54b4ef320782213f/estnischer-luftraum-verletzt-zwei-tote-russische-piloten-wuerden-putin-nicht-umstimmen-gruene-sehen-abschuss-von-jets-kritisch.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.welt.de/politik/deutschland/article68cef4de54b4ef320782213f/estnischer-luftraum-verletzt-zwei-tote-russische-piloten-wuerden-putin-nicht-umstimmen-gruene-sehen-abschuss-von-jets-kritisch.html
<br><br>
Für das Nachplappern von ungeprüften Meldungen haben wir schon die Damen und Herren von der ‚Atlantik-Brücke', der ‚Münchner Sicherheitskonferenz' usw.</a><p><em>Save the civilians</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Anne Morelli, Die Prinzipien der Kriegspropaganda, zu Klampen Verlag, Springe 2022, S.17
<br><br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Renate Dillmann, Medien.Macht.Meinung, Auf dem Weg in die Kriegstüchtigkeit, PapyRossa, Köln 2025
<br><br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Jonas Tögel, Kognitive Kriegsführung, Neuste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO, Westend, 2023, Bestellinformation:	 <a class="fussnoten_links" href="https://westendverlag.de/Kognitive-Kriegsfuehrung/1634" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://westendverlag.de/Kognitive-Kriegsfuehrung/1634</a>
<br><br>
<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Power Point von Jonas Tögels (<a class="fussnoten_links" href="https://www.jonastoegel.de/publikationen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.jonastoegel.de/publikationen</a>) Buch "Kognitive Kriegsführung": <a class="fussnoten_links" href="https://www.no-to-nato.org/2024/03/buchprasentation-kognitive-kriegsfuhrung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.no-to-nato.org/2024/03/buchprasentation-kognitive-kriegsfuhrung/</a></small>]]></description>
<pubDate>Wed, 25 Feb 2026 12:03:49 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/europa/die-eu-auf-dem-weg-zum-sender-gleiwitz-009557.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Going to Zion: Staatskritik zum Nahost-Konflikt]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/going-to-zion-staatskritik-zum-nahost-konflikt-009566.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der folgende Artikel, der im August 1982 (!) in der radikal Nr. 107 (S.11) erschien, liest sich insbesondere mit seiner anarchistischen Staatskritik an Israel auch heute noch als ein aktueller Text.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/going-to-zion-staatskritik-zum-nahost-konflik_w.webp><p><small>Anarchy-Bibliothek.  Foto: xxx</small><p>Mit den nachfolgenden Anmerkungen könnte er als Beitrag zu (möglicherweise doch noch stattfindenden) Grundsatzdiskussionen über den Nahost-Konflikt geeignet sein.
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<em>And if you follow politicans you will never come at all</em> (Jimmy Cliff)
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Ich bin gegen die Existenz von Staaten, insofern nicht nur gegen den Staat Israel sondern auch nicht für einen palästinensischen Staat. Das Existenzrecht der Palästinenser wie der im Nahen Osten lebenden Juden muss ohne Staaten gesichert werden können. Bzw. meine These ist: Solange es in Palästina Staaten gibt, wird es Krieg geben. Das Problem ist der Zionismus.
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Aber der Zionismus ist eine Reaktion auf ein anderes Problem: den Antisemitismus. Dass der Zionismus unter umgekehrten Vorzeichen zu denselben Konsequenzen führt, wie der Antisemitismus, lässt die Parteinahme im gegenwärtigen Vernichtungsfeldzug des israelischen Staates gegen die Palästinenser leicht fallen, eine Lösung des zugrundeliegenden Konflikts ist damit noch nicht in Sicht. Israel ist zionistisch, aber der Gedanke des Zionismus geht in der Politik des Staates Israel nicht auf. Ich glaube, dass der propagandistische Gebrauch des Begriffs „Zionismus“ durch die Linke nur zur Aufrechterhaltung der Gründe des Konflikts beiträgt.
<br><br>
Der Zionismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als es in ganz Europa eine Nationalstaatenbewegung gab. Bereits der Sozialist Moses Hess hatte 1862 für den Wiederaufbau eines jüdischen Nationalstaates im Nahen Osten plädiert. Die tragenden Ideen des Zionismus wurden aber erst 1896 von Theodor Herzl in „der Judenstaat“ entwickelt und 1987 auf dem 1. Zionistischen Weltkongress fixiert. Das Ziel war „dem jüdischen Volk eine durch das öffentliche Recht garantierte Heimstatt zuzusichern“. Wie Moses Hess vertrat auch Herzl anfangs die These, dass die Juden sich assimilieren sollten.
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Erst die zahlreichen brutalen Pogrome in Polen und Russland sowie der Eindruck der Dreyfus-Affäre machten ihn zum geistigen Vater des Zionismus, dessen Massenbasis ohne diese Pogrome unvorstellbar gewesen wäre. Massenhaft begannen sich die Juden mit dem Wunsch zu identifizieren in das gelobte Land, Eretz Israel, zurückzukehren. Seit dem niedergeschlagenen Aufstand in Judäa gegen das Römische Reich (70 n. Chr.) und der 2. Zerstörung des Tempels in Jerusalem lebten die Juden in der „Diaspora“, zerstreut in aller Welt. Über die Jahrhunderte haben sie ihre kulturelle, d.h. vor allem ihre religiöse Eigenart bewahrt. Für die Völker, unter denen sie lebten, blieben sie Fremde, immer wieder verfolgt und erniedrigt.
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Aufklärer, Humanisten und Marxisten haben zur Lösung der „Judenfrage“ vorgeschlagen: Assimilation. Viele Juden wollten diesen Weg gehen. Aber selbst ihnen gelang es nicht, sich vor Verfolgung zu schützen. Immer wieder wurden sie mit denen identifiziert, die ihre kulturelle Identität weiterhin bewahren wollten. Die Assimilationspolitik ist nichts anderes als sublimer Judenhass: sie will die kulturelle Andersheit vernichten! Der Wunsch der Juden, in dem Land, das sie als ihre Heimat betrachten, ohne Bedrohung und ohne Preisgabe der eigenen Kultur zusammenzuleben, ist nur verständlich und sollte von jedem der das Recht der Palästinenser in Palästina zu leben vertritt, anerkannt werden. Dieser Wunsch bindet viele Juden an den Zionismus.
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Das Problem beginnt, wo dieser Wunsch durch einen Staat realisiert werden soll, der Grenzen um ein Land zieht, innerhalb derer er seine Prinzipien zur Herrschaft bringt. Zumal in einem Land, wo bereits noch andere – nämlich die Palästinenser – leben. Die Palästinenser zu assimilieren wäre absurd, da der jüdische Staat Reaktion auch gegen Assimilationszwang sein sollte. Zudem wird dies natürlich weder von Israel noch von den Palästinensern gewollt. Die Vereinnahmung des Wunsches nach Land zur Ermöglichung der kulturellen Autonomie wird solange durch Staatsinteressen möglich sein, solange dem Antisemitismus nur seine Variante, der Assimilationszwang gegenübergestellt wird.
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Der Zionismus war immer mit dem Staatsgedanken verknüpft und hat seit Beginn mit imperialistischen Mächten kooperiert oder zu kooperieren versucht. Aber die mit ihm verknüpfte und von ihm vertretene Idee ist für viele Juden eine existenzielle Frage. Dass diese mit dem Gebrauch des Begriffs Zionismus durch die Linke nicht ignoriert oder verdammt wird, ist Voraussetzung dafür, dass dem israelischen Staat seine Massenbasis gänzlich entzogen wird. Der Begriff „Zionismus“ hat für viele den gleichen Stellenwert wie „Yankee-Imperialismus“ oder wie der „Satan“ für die Christen. Ohne ein Konzept, das sowohl Palästinensern wie auch Juden politische und kulturelle Autonomie – in derselben Region! – sichert, wird es keinen Frieden geben.
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Nieder mit allen Staaten!<br>
Für kulturelle Autonomie!
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Joseph
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Aus radikal Nr. 107, August 1982, S. 11.
<br><br>
[Die Rechtschreibung habe ich dem aktuellen Standard angepasst und lediglich zwei Tippos korrigiert.]

<h3>Anmerkungen zu „Going to Zion“…</h3>

Auch wenn der Autor den historischen Hintergrund des weit über 100 Jahre alten Konflikts nur sehr verkürzt darstellt, ergibt sich daraus kein Nachteil zu seiner Argumentation gegen jedwede Staatenlösung. Die skizzierte Lösung nicht-staatlicher Regionalzusammenschlüsse mit Bewahrung jeglicher kulturellen Autonomie mag für damals wie heute unrealistisch erscheinen, aber als Fernziel deklariert ergibt dies einen vertretbaren politischen Kompass, aus meiner anarchistischer Sicht, den einzig richtigen für eine nachhaltige Lösung.

<h3>… zum Kontext vom August 1982</h3>

Zum historischen Hintergrund: Einen Monat vor Erscheinen der radikal Nr. 107 begann am 6. Juni 1982 der damalige Libanonkrieg mit dem Einmarsch der israelischen Armee<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>. Auch in Westdeutschland sorgte das für Proteste, wobei sich in der radikalen Linken insbesondere bei den sog. Antiimps extrem polarisierte Positionen herausbildeten, die für viele Linke schwer zu ertragen waren.
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Einen Monat nach Erscheinen des obigen Artikels ereignete sich vom 16. – 18. September 1982 das von der israelischen Armee gedeckte Massaker von Sabra und Schatila durch Milizionäre der Phalange, einer libanesische politische Partei, die aus der maronitisch-christlichen nationalen Jugendbewegung hervorgegangen ist<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>.

<h3>… zur Polarisierung</h3>

Ab diesem letzteren Punkt der Eskalation entwickelte sich in der damaligen radikalen Linken in Westdeutschland eine extreme Polarisation der Standpunkte und Parteinahmen, die der aktuellen Polarisation seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in nichts nachsteht: „Zionismus“ verkam damals schon teilweise zu einem Synonym für „Faschismus“ und die Empörung führte bei vielen Autonomen und v.a. in Antiimp-Kreisen zu einem solchen Hass auf Israel, dass der in der Wortwahl und den politischen Aussagen dazu teilweise nur noch als (linker) Antisemitismus zu klassifizieren ist.
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In den 1990ern schlug das Polarisationspendel stärker zur anderen Seite um. Die Antideutschen<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>, die ihre Staatsliebe zu Israel und sogar zu dessen imperialistischen Beschützer USA entdeckten, dominierten nun viele innerlinke Diskurse, durchgehend äusserst autoritär: Die Ohnmächtigen entdeckten ihre Lust an dem Machtpotential einer alles, auch rationale Diskurse erschlagenden Antisemitismuskeule. Der grundsätzlich autoritäre Charakter manifestierte sich dann auch in entsprechenden autoritären Inhalten einschlägiger Magazine wie Konkret, Jungle World & Co.bis hin zur Bahamas, die dann im weiteren Verlauf, zusammen mit ihrem Mitherausgeber Jürgen Elsässer einen politisch extremen Rechtsschwenk durchführten.
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Sich bei so einem Konflikt nur auf eine Seite zu stellen und im Wahn eines vom System auch in linken Kreisen reproduzierten binären Denkens hier „die Guten“ ODER „die Bösen“ zu identifizieren, führt nicht nur zu einer verzerrten Sicht auf die Welt, sondern torpediert die Grundwerte der politischen Linken und deren Wurzeln in der Aufklärung.

<h3>… zum Wesen des Krieges</h3>

Was mir hier und auch in vielen anderen Texten der damaligen radikalen Linken und ihrer heutigen Nachfolger*innen fehlt, ist ein ausformuliertes Verständnis für die Dynamik von Eskalationen der Gewalt: Wie jede Kinder erziehende Person es in der Praxis erfährt und solche Dynamik sich auch in grossen politischen Dimensionen reproduziert, schaukelt sich ein kriegerisch angelegter Konflikt aus beidseitigen Vorurteilen, aus Kommunikationsunfähigkeiten über anfangs noch kleine Anlässe und Übergriffe immer weiter hoch, „bis eine* weint oder blutet“. Da nahezu alle Gesellschaften dieses Planeten Kriegerkulturen sind, die keine Fähigkeiten für radikale (an der Wurzel ansetzende) Konfliktlösung besitzen, werden solche ungelösten Konflikte stets zu neuen kriegerischen Handlungen führen, zu kriegerischen „Antworten“ auf die letzten Antworten des Feindes.
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Der Logik des Krieges folgend, können solche Konflikt nur durch die völlige Vernichtung „des Feindes“ (je nach Blickwinkel) beendet werden. Zu Ende gedacht würde eine solche ein solches Ausmass an Gründlichkeit der Ausrottung erfordern, das im Vergleich selbst die industrielle Vernichtung der Juden durch die Nazis noch ungenügend erscheint. So etwas wird jedoch nie völlig gelingen, realistisch gesehen wird es Überlebende geben, die dann wieder kriegerische „Antworten“ finden werden.

<h3>… zum Kontext des 7. Oktober 2023</h3>

Wie so oft kann sich auch in diesem Konflikt keine Seite als reines Opfer darstellen, alle waren abwechselnd und in unterschiedlichem Masse gewalttätige Akteure. Und nur so ist auch der oft gegen eine Schwarz-Weiss-Darstellung des Gaza-Krieges geäusserte Einwand zu verstehen, dass es für das Massaker vom 7. Oktober einen „Kontext“ gibt, dass es eine nicht unbedeutende Vorgeschichte vor dem 7. Oktober gibt und dass solch ein Verweis keinesfalls dieses Massaker legitimiert, auch nicht als irgendwie berechtigte Widerstandhandlung.
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Solch eine Kontextualisierung als „antisemitische Rechtfertigung“ für das Massaker zu diffamieren, verhindert nicht nur einen vernünftigen, d.h. dialektischen und der Aufklärung verpflichteten politischen Diskurs, viel schlimmer noch führt dieses Schwarz-Weiss-Denken mit seinem unsachgemässen Gebrauch der Antisemitismuskeule zu einer Entwertung jeder Antisemitismuskritik und fördert damit genau das, was es zu bekämpfen gilt.

<h3>… zum Beginn der Einwanderungen</h3>

Auch der Vorwurf eines israelischen Kolonialismus ist berechtigt: Es ist gewiss nicht so, dass Anfang des 20. Jahrhunderts einige Zionist*innen zu den Palästinenser*innen gegangen sind und vorgeschlagen haben, „Hey, lasst uns hier zusammen in Frieden leben und gemeinsam die kolonialistischen Briten abschütteln und an unserer gemeinsamen Sicherheit für ein gleichberechtigtes Leben in Wohlstand für alle arbeiten!„. Stattdessen dominierten unkooperative Handlungen und Strategien, die der Kriegslogik folgend dann – befeuert durch die Judenverfolgung der Nazis – auch auf der militärische Ebene durch die Irgun<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> und später die Hagana<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> weiter geführt wurden.
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Ein solidarischer Ansatz wäre nicht nur trotz, sondern auch gegen einen arabischen Antisemitismus, der auch damals in der arabischen Bevölkerung verbreitet war, ethisch und in der direkten und politischen Wirkung besser gewesen: Eine solidarische Haltung und eine Praxis, die Solidarität erfahrbar macht, wären die wirksamste Politik gegen die Eskalation des Antisemitismus gewesen, die die kolonialistisch orientierte, antisemitische und zutiefst rassistische britische Führung 1921 durch die Inthronisierung von Mohammed Amin al-Husseini als Mufti von Jerusalem und damit zum von aussen bestellten Führer der Palästinenser befeuert hatten<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>.

<h3>… zu Friedenspolitik</h3>

Die Friedensbewegung der 1980er hat mich u.a. gelehrt, dass Friedenspolitik nicht erst nach Ausbruch eines Krieges ansetzen muss, da es dann dafür zu spät ist. In all den kriegsfreien Zeiten davor, die übrigens keinesfalls den Begriff „Frieden“ verdienen (denn Frieden ist nicht nur die schlichte Abwesenheit von Krieg), hätte sich sowohl die israelische wie auch palästinensische Gesellschaft intensiv mit einer grundsätzlichen Konfliktlösung beschäftigen müssen, anstatt die bestehenden ethnischen Konfliktlinien zu manifestieren und zu stärken. Aber auch die Konfliktlinien zum Kapitalismus, zum Patriarchat und allen anderen Unterdrückungsformen, die sich – obwohl sie massive Treiber dieser Kriege sind – hinter dem Geschehen verstecken, müssen thematisiert und Lösungswege aus diesen Krisen ausgearbeitet werden. Wenn dies auch diesmal verpasst wird, dreht sich dieses elendige Rad immer weiter.
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In diesem Sinne kann eine solidarische Unterstützung nur den Protestierenden gegen die rechtsextreme israelische Regierung und den gegen die Hamas protestierenden Palästinenser*innen<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> gelten.<p><em>Joseph / Dancing Bull</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Libanonkrieg_1982" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Libanonkrieg_1982</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Sabra_und_Schatila" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Sabra_und_Schatila</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://shaunss.wordpress.com/wp-content/uploads/2012/11/mohr-and-haunss-2004-die-autonomen-und-die-anti-deutsche-frage.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://shaunss.wordpress.com/wp-content/uploads/2012/11/mohr-and-haunss-2004-die-autonomen-und-die-anti-deutsche-frage.pdf</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Irgun_Zwai_Leumi" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Irgun_Zwai_Leumi</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Es gibt inzwischen auch in Gaza Proteste gegen die dort Herrschenden, die Hamas: <a class="fussnoten_links" href="https://taz.de/Proteste-im-Gazastreifen/!6074939/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://taz.de/Proteste-im-Gazastreifen/!6074939/</a> - <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/post/2025/03/28/staatskritik-zum-nahost-konflikt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://solidarrevolution.noblogs.org/post/2025/03/28/staatskritik-zum-nahost-konflikt/</a></small>]]></description>
<pubDate>Wed, 25 Feb 2026 11:52:51 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/going-to-zion-staatskritik-zum-nahost-konflikt-009566.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Vortrag von John P. Clark: Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/vortrag-von-john-p-clark-joseph-dejacques-leidenschaftlicher-materialismus-009533.html</link>
<description><![CDATA[<strong>John P. Clark würdigt in diesem Vortrag das holistisch-materialistische Denken des anarcho-kommunistischen Vordenkers Joseph Déjacque. Dieses führt er in seinem utopischen Buch L'humanisphère aus, das er 1858 im amerikanischen Exil verfasste.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Dejacques_w.webp><p><small>De l'être humain mâle et femelle - Lettre à P. J. Proudhon.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:D%C3%A9jacques_-_De_l%E2%80%99%C3%AAtre_humain_m%C3%A2le_et_femelle_-_Lettre_%C3%A0_P._J._Proudhon,_2012.djvu" target="_blank" rel="noreferrer noopener">infokiosques.net</a> (PD)</small><p>Ich persönlich finde die darin entfaltete Denkweise unglaublich spannend und inspirierend.
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Allerdings braucht es etwas Hintergrundwissen über den Kontext, um sie nicht als esoterisch oder tiefenökologisch misszuverstehen. Der Materialismus unterscheidet Déjacques Perspektive nicht dem Wort, sondern dem Inhalt nach. Deutliche Anklänge an Charles Fourier hinsichtlich der Leidenschaften bzw. „Affekte“ (wie man heute sagen würde) gehen mit einer emanzipatorischen Forderung nach der Einrichtung der Gesellschaft zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse einher. Dies kann nur gelingen, wenn sie als Bestandteil und Durchlaufpunkte eines kosmischen Prozesses verstanden werden. Allen, die Lust haben, in Déjacques Denken einzusteigen, kann ich Clarks Text sehr empfehlen. Es folgt die deutsche Übersetzung (von mir) und darunter das englische Original.<br>
JOSEPH DÉJACQUES LEIDENSCHAFTLICHER MATERIALISMUS
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vorgestellt auf der Joseph Déjacque Bicentennial Conference
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Sonntag, 11. Dezember 2022

<h3>Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus</h3>

Der Titel dieses Vortrags lautet „Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus”. Genauer gesagt könnte man ihn vielleicht als seinen „passionalen Materialismus” bezeichnen, um die zentrale Bedeutung hervorzuheben, die er ontologisch, kosmologisch, sozial, moralisch und psychologisch verschiedenen Formen der Leidenschaft und den Leidenschaften beimisst. Doch Déjacque war nichts weniger als leidenschaftlich in seinem Materialismus, also bleiben wir bei diesem Begriff.
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Er beginnt sein grossartiges anarchistisches, visionäres utopisches Werk Die Humanisphäre mit der Erklärung: „Dieses Buch ist kein Dokument, es ist eine Handlung.” Er behauptet, dass es „voller Herz und Logik, voller Blut und Fieber ist … Dies ist ein Buch des Hasses, ein Buch der Liebe.”
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Er verkündet, dass er qualifiziert ist, ein solches Buch zu schreiben, eine solche leidenschaftliche Handlung auszuführen, weil er ein ausserordentlich leidenschaftliches Wesen ist: „Ich habe alle Leidenschaften, … ich verstehe alle Begierden, … als jemand mit vielfältigen Leidenschaften hoffe ich, mit der menschlichen Gesellschaft mit einer gewissen Chance auf Erfolg umgehen zu können, denn ein guter Umgang mit ihr hängt ebenso sehr von der Kenntnis der eigenen Leidenschaften ab wie von der Kenntnis der Leidenschaften anderer.“
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Déjacques einleitende Behauptung ist eine Ablehnung der konventionellen Auffassung von autoritativer Autorschaft und objektiver Wissenschaft. Es ist vielmehr die Ablehnung von Autorität und Objektivität zugunsten einer bestimmten Art von Authentizität, der Authentizität von Affekt und Zwischen-Sein. Es ist eine Bestätigung der Subjekt-Objektivität, eine Offenbarung universeller Singularität.
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Was bedeutet „Leidenschaft“ für Déjacque? Wie zu erwarten, beinhaltet sie eine Dimension von Pathos, aber noch tiefer ist sie ein Ausdruck von Eros. Dieser Eros erscheint am umfassendsten als eine kosmische Kraft, die sich auf jeder Ebene des Seins manifestiert, universell, besonders und einzigartig. Der Begriff „Liebe“ könnte in einigen seiner Passagen durch „Leidenschaft“ ersetzt werden. In anderen Fällen lässt sich die Bedeutung vielleicht am besten durch „Zuneigung“ vermitteln.
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Wenn wir die griechische Wurzel „path-“ als „erleben, durchleben, leiden“ im Hinterkopf behalten, können wir diese unterschwellige Pathos-Komponente, Leidenschaft als Zuneigung, im Kontext eines übergreifenden erotischen Drangs verstehen, Dualismus, Trennung und Spaltung zu überwinden und Erfüllung, Blüte, Ganzheit und Vereinigung zu erreichen, die nicht in einer erreichten abstrakten Einheit, sondern in dynamischer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zunehmend verwirklicht wird.

<h3>Leidenschaftliche materialistische Ontologie</h3>

Déjacque könnte in gewisser Weise als Vorläufer des sogenannten „Neuen Materialismus“ angesehen werden, obwohl er dies zweifellos als eines der blutleersten und unaufgeregtesten Vermächtnisse seines leidenschaftlichen Materialismus betrachten würde.
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Ein populärer Artikel über diesen „Neuen Materialismus” sagt, dass eine „Art de facto Motto” der Bewegung Materie als „lebendig”, „lebhaft”, „vibrierend”, „dynamisch”, „agierend” und somit aktiv darstellt. Er bezeichnet sie auch als „nicht-anthropozentrischen Realismus”, der eher ontologisch als epistemologisch ist und die „intrinsische Aktivität der Materie” betont. Insofern Déjacques Materialismus einige dieser Grundsätze nachdrücklich vertritt, bin ich versucht, ihn als „neuen Materialismus auf Steroiden“ zu bezeichnen. Wenn man jedoch bedenkt, dass es sich um Déjacque handelt und dass er The Humanisphere in den 1850er Jahren im Vieux Carré von New Orleans geschrieben hat, bin ich noch mehr versucht, ihn als „neuen Materialismus auf Absinth“ zu bezeichnen.
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Déjacque ist sich über die materialistische Grundlage dieses Gedankens ganz im Klaren. „Materie ist alles“, sagt er. Ebenso klar ist ihm, dass sein Materialismus ein vitaler Materialismus ist. Wie er es ausdrückt: „Alle Materie ist belebt.“ Wie wir sehen werden, ist eines der Hauptmerkmale aller Materie die Bewegung, während ein weiteres Merkmal oder eine weitere Dimension dieses Merkmals die Bewegung hin zu ist, eine Tendenz zur Entwicklung und Entstehung.
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Darüber hinaus ist Déjacqués Materialismus ein nicht-dualistischer, der weniger als reiner und einfacher ontologischer Monismus beschrieben werden sollte, sondern eher als Ontologie der Einheit in der Vielfalt, was manchmal, ob zu Recht oder zu Unrecht, als „Monopluralismus“ bezeichnet wird. Déjacque geht nicht nur über den Monismus hinaus, sondern lehnt auch alle traditionellen metaphysischen Dualitäten ab, wie beispielsweise die zwischen Seele und Körper, Geist und Materie. Er behauptet, es gebe vielmehr eine „Einheit der Substanz”. Wie wir sehen werden, gibt er eine anti-substantialistische Darstellung der Natur der Substanz, sodass wir genauer sagen könnten, dass er eine Einheit des Prozesses oder eine Einheit der Entfaltung dynamischer, pluralistischer Materialität behauptet.
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In einer sehr interessanten Passage, die sowohl für die Fragen des Anthropozentrismus als auch des Egozentrismus relevant ist, erklärt Déjacque: „Es ist nicht der menschliche Körper in seiner kleinen Gesamtheit, der die Myriaden von Atomen, aus denen er besteht, erschafft und lenkt; vielmehr sind es diese Atome, die ihn erschaffen und lenken, indem sie sich entsprechend ihren leidenschaftlichen Anziehungskräften bewegen. Der Mensch ist keineswegs ihr Gott, sondern kaum mehr als ihr Tempel: Er ist der Bienenstock oder Ameisenhaufen, der von diesen unzähligen Scharen des Unwahrnehmbaren belebt wird.“
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Diese Sichtweise ist eine Ablehnung sowohl der konventionellen anthropozentrischen Ontologie als auch des rationalen Ego-Modells der Erkenntnistheorie, ganz zu schweigen von der entscheidenden ontologischen Implikation, dass substanzielle Objekte oder Dinge eine grundlose Illusion sind. Für Déjacque leitet die unbewusste leidenschaftliche Bewegung der winzigen Elemente des Aggregats, die wir üblicherweise als „Ding“ oder „Objekt“ bezeichnen, das Handeln, das auf diesen höheren Organisationsebenen wahrgenommen wird. Somit gibt es in Déjacques Denken eine gesunde Dimension der objektorientierten Ontologie.
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Déjacque theoretisiert, dass in den gerade beschriebenen zusammengesetzten Körpern die Moleküle umso „mechanischer” und „mit mehr Trägheit” agieren, je früher sie im Prozess der evolutionären Entwicklung auftreten. In dem Stadium, in dem das Gehirn entsteht, wird die Bewegung jedoch „schneller und intelligenter” und damit implizit organischer und lebendiger.
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Dies gilt überall dort, wo sich das Gehirn entwickelt, im Gehirn von Lebewesen, insbesondere auch im menschlichen Gehirn, im „Gehirn des Planeten“, das sich insbesondere in den Gehirnen der Mitglieder der menschlichen Spezies konzentriert, oder in den hypothetischen Gehirnen von Wesen, die weiter entwickelt sind als der Mensch. Déjacque vertritt auch die Auffassung, dass die Ebene der molekularen Bewegung oder Belebung vier Organisationsebenen entspricht, die er als mineralisch, pflanzlich, tierisch und menschlich bezeichnet, womit er vielleicht die Idee der Grossen Kette des Seins oder Scala naturae aufgreift, aber gleichzeitig versucht, ihre archaischen Implikationen zu beseitigen.
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Nach Déjacques Geophilosophie ist die Menschheit nicht der einzige Gipfel aller Fortschritte und Entwicklungen, sondern vielmehr Teil eines grösseren evolutionären Dramas, das sich gerade entfaltet. Der menschliche Teil der Geschichte muss im Kontext der Geschichte der Erde interpretiert werden. Déjacque merkt an, dass wir die „Physiognomie” und die „Physiologie” der Erde kennen, fragt aber: „Wer hat sich mit ihrem psychologischen Organismus beschäftigt?” Er antwortet: „Niemand” und erklärt sich bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Er schlägt vor, dass die Menschheit vielleicht als „Gehirn” des „terrestrischen Globus, der ebenfalls ein lebendiges Wesen ist”, betrachtet werden könnte.
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Der Mensch könnte dann als „das Molekül der planetarischen Intelligenz angesehen werden, das unter dem riesigen Schädel seiner atmosphärischen Ringe funktioniert”. Dieses Konzept lässt sich mit Elisée Reclus' Idee vergleichen, dass „die Menschheit die Natur ist, die selbstbewusst wird”, aber in Déjacques Version erhält das Konzept eine noch tiefere Bedeutung als Teil eines grösseren Prozesses, der von der kosmischen bis zur mikrokosmischen Ebene wirkt.

<h3>Evolution als leidenschaftliche Bewegung</h3>

Déjacques leidenschaftlicher Evolutionismus verleiht den konventionelleren Vorstellungen des 19. Jahrhunderts vom Fortschritt eine starke ontologische, kosmologische und leidenschaftliche Wendung. Sein evolutionärer Materialismus kommt in seinen Aussagen gut zum Ausdruck, erstens, dass „Bewegung das Attribut der Materie und Fortschritt das Attribut der Bewegung ist“, und zweitens, dass „die Bewegung im Unendlichen unendlicher Fortschritt ist“. Wie bereits erwähnt, lehnt Déjacque die Idee einer Dualität zwischen Geist und Materie oder Körper und Seele ab. Die nicht-duale Substanz des Universums lässt sich besser als Prozess beschreiben als durch die traditionelle Vorstellung einer essentiellen, beständigen Substanz, die nicht-essentielle, sich verändernde Eigenschaften besitzt. Déjacques Endziel ist, in seinen recht eindrucksvollen Worten, „eine unendliche Einheit aus stets veränderlicher und stets beweglicher Substanz“.
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Seiner Ansicht nach implizieren diese Eigenschaften der Veränderlichkeit und Beweglichkeit (vielleicht könnte man auch „Plastizität“ sagen) „Vollkommenheit“. Er sagt, dass „die unendliche und ewige Substanz durch ewige und unendliche Bewegung ständig und universell transformiert wird. … Durch eine aufsteigende und kontinuierliche Zirkulation wird sie allmählich und ständig von der fast vollständigen Trägheit des Festen zur subtilen Beweglichkeit des Flüssigen erhoben.“ Er erklärt weiter, dass sie „sich ständig immer reineren Affinitäten annähert“ und „sich immer inmitten eines Reinigungsprozesses befindet“.
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Bewegung ist für Déjacque entwicklungsbezogen, nicht etwas, das ausserhalb des Wesens der Substanz liegt, sondern etwas, das der Art des Seins der Substanz innewohnt, die Werdung ist. In Übereinstimmung mit diesen Vorstellungen von Abstufungen materieller Substanz und einer fortwährenden Bewegung in Richtung „Reinigung“ oder Verfeinerung schlägt er nicht nur eine nicht-dualistische Sichtweise von Materie und Geist vor, sondern eine emergentistische. Obwohl er weiterhin konsequent behauptet, dass alle Realität materiell ist, erklärt er, dass „das, was wir Materie nennen, roher Geist oder Seele ist; das, was wir Geist oder Seele nennen, ist bearbeitete Materie“.
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An einer Stelle seiner Ausführungen zur Ontologie diskutiert Déjacque die Frage nach dem Absoluten. Ich möchte diesen äusserst faszinierenden Abschnitt zitieren. Darin argumentiert er:
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mit Bewegung kann das Absolute nicht existieren; es ist so, dass die Individualität des Menschen und der Menschheit, wie die Individualität aller atomaren und siderischen Wesen, nicht einen einzigen Augenblick lang ihre absolute Persönlichkeit bewahren kann, dass die Bewegung sie unaufhörlich revolutioniert und ihnen ständig etwas hinzufügt und etwas wegnimmt; dass wir alle, Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen und Sterne, nicht wissen würden, wie wir in uns selbst und aus uns selbst heraus leben sollen; dass es kein Leben ohne Bewegung gibt und dass Bewegung eine unendliche Transformation des Endlichen ist…
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Zunächst einmal beeindruckt mich Déjacques Verwendung des Begriffs „wir alle“, „nous tous“. Selten ist der Geist, der „wir Mineralien“, „wir Pflanzen“, „wir Tiere“, „wir Menschen“, „wir Sterne“ denken kann. Es gibt noch mehr zu sagen über Déjacques Überwindung nicht nur des Anthropozentrismus, sondern auch des engen Egoismus. Der springende Punkt ist jedoch, dass Déjacque das klassische „Absolute“ der dogmatischen Philosophie und Theologie zugunsten einer anderen Art von Absolutem ablehnt. Das von ihm abgelehnte Absolute ist das statische Absolute, das reine, ewige, vollkommene Wesen, der unbewegte Beweger, die transzendente Arkhé. Stattdessen schlägt er ein Absolutes vor, das nicht absolut ist, was eine andere Art ist, seine universelle, aber substanzlose Substanz zu beschreiben. Déjacques Absolutes ist ein unbeständiges, sich ständig veränderndes, sich ständig bewegendes, sich ständig entwickelndes Wesen, das ein Zwischenwesen und ein Werden ist. Man könnte sogar sagen, dass es ein widersprüchliches Absolutes ist. Man kann mit Sicherheit sagen, dass es ein leidenschaftliches Absolutes ist.

<h3>Leidenschaftliche materialistische Kosmologie</h3>

Eines der wichtigsten Konzepte in Déjacques leidenschaftlichem Materialismus, der Circulus, wurde vom französischen Philosophen und politischen Ökonomen Pierre Leroux übernommen. Leroux wurde zu seiner Zeit wegen seiner Idee (die damals als äusserst bizarr galt), menschliche Exkremente als organischen Dünger wiederzuverwerten, weithin verspottet. Heute gilt er jedoch als bedeutende Figur in der Geschichte des (nicht-orthodoxen) Sozialismus und verdient als Vorläufer des Ökosozialismus grosse Anerkennung. Leroux' Konzept des Circulus ist in Wirklichkeit eine allgemeine Theorie zur Integration menschlicher Aktivitäten in die natürlichen Regenerationsprozesse der Erde und wurde als solches zu einem zentralen Bestandteil von Déjacques Kosmologie und sozialen Ontologie.
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In seiner Erklärung des Circulus bemerkt Déjacque: „Das Leben (und tatsächlich die gesamte Realität) ist ein Kreis, in dem wir weder Anfang noch Ende finden können, denn in einem Kreis sind alle Punkte des Umfangs der Anfang oder das Ende.“ Er lehnt damit nicht nur eine dualistische Ontologie ab, sondern übernimmt auch eine Version der Lehre von den inneren Beziehungen, in der alle Wesen die Natur aller anderen Wesen ausmachen und daher nicht als letztlich getrennte Dinge oder Substanzen betrachtet werden können. Déjacque beschreibt das Universum als ein System von „Kugeln, die frei im Äther zirkulieren, von diesen zärtlich angezogen, von jenen sanft abgestossen, alle nur ihrer Leidenschaft gehorchend und in ihrer Leidenschaft das Gesetz ihrer beweglichen und ewigen Harmonie findend“. Hier sehen wir den kosmischen Eros, der sich durch Anziehungs- und Abstossungskräfte ausdrückt, die zu einer dynamischen Harmonie tendieren. Der Kosmos kann somit letztlich auf allen Ebenen als eine „anarchische Ordnung“ angesehen werden, die eine „universelle Ordnung“ ist.
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Déjacque leitet aus diesen ontologischen Behauptungen anti-archische Schlussfolgerungen ab. Er behauptet, dass „der Circulus in der Universalität die göttliche Autorität entthront und ihre Negation beweist, indem er die Bewegung beweist, so wie der Circulus in der Menschheit die staatliche Autorität des Menschen über den Menschen entthront und sie als absurd beweist, indem er die Bewegung beweist“. Déjacques Argument ist, dass sowohl die Vorstellung eines patriarchalischen Gottes als privilegierter Ursprung, der über der kosmischen Bewegung und Veränderung steht, als auch die Vorstellung des Staates als souveräne Macht, die über der sozialen Bewegung und Veränderung steht, durch die konkrete, materielle Universalität von Bewegung und Veränderung widerlegt werden. Für Déjacque „sollten die Menschen ebenso wie die Himmelskörper anarchisch in der Universalität zirkulieren, unter dem alleinigen Antrieb von Sympathien und Antipathien, gegenseitigen Anziehungskräften und Abstossungen“. Diese anarchische Zirkulation ist alles, was für die soziale Ordnung und die Verwirklichung des Guten notwendig ist.

<h3>Leidenschaftliche materialistische Sozialtheorie</h3>

In der guten Gesellschaft, der Humanisphäre, entsteht Ordnung nicht durch Herrschaft mittels Zwang oder Indoktrination, nicht durch Arkhé, sondern durch die mutualistische Interaktion der anarchischen, leidenschaftlichen Kräfte des Begehrens und der Liebe. „Die Liebenden, die Geliebten, wollen in ihrer Liebe wachsen und sich durch die Liebe vermehren.“ Die Grundlage solcher sozialen Gefühle (wir könnten sagen, ihre materielle oder natürliche Grundlage) ist die kosmische Kraft des Eros, „das Naturgesetz der Anziehung“, das auf jeder Ebene des Seins wirkt. Die Humanisphäraner, sagt er, werden sich „bewusst sein, dass Harmonie nur durch das Zusammenwirken individueller Willenskräfte entstehen kann, dass das Naturgesetz der Anziehung das Gesetz für das unendlich Kleine wie für das unendlich Grosse ist, dass nichts, was gesellig ist, sich ohne dieses Gesetz bewegen kann, dass es der universelle Gedanke, die Einheit der Einheiten, die Sphäre der Sphären ist“.
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In einer Gesellschaft, die auf freier Vereinigung nach leidenschaftlicher Anziehung basiert, werden die herrschenden Formen der Herrschaft als nutzlos und destruktiv angesehen und daher vollständig abgeschafft. „Die Familie [womit Déjacque die patriarchalisch-autoritäre Familie meint] und das rechtliche Eigentum sind tote Institutionen.“ Die Gemeinschaft wird zur Grossfamilie, „eine und unteilbar“, und das Eigentum wird gemeinschaftlich, „eins und unteilbar“. Dennoch wird es bei der Verwaltung dieser Gemeingüter ein Gleichgewicht zwischen dem Gemeinschaftlichen und dem Persönlichen geben. Déjacque erklärt: „Alles, was das Werk von Armen und Intelligenz ist, alles, was Gegenstand der Produktion und des Konsums ist, gemeinsames Kapital, kollektives Eigentum, gehört jedem und allen.“ Auf der anderen Seite gehört alles, was in die persönliche Dimension fällt, „alles, was das Werk des Herzens ist, alles, was im Wesentlichen privat ist, individuelle Empfindungen und Gefühle, [ist] individuelles Kapital, körperliches Eigentum, alles, was letztlich der Mensch im eigentlichen Sinne ist, unabhängig von seinem Alter oder Geschlecht, ihm“.
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Die leidenschaftliche Kraft, die eine dynamische Harmonie und Einheit in der Vielfalt innerhalb der Gesellschaft schafft, wird von Déjacque als „Gegenseitigkeit“ bezeichnet. Er versteht diese Kraft als weit über die herkömmliche Vorstellung von gegenseitiger Hilfe als Organisationsform hinausgehend. Sie stellt vielmehr ein tiefes Ethos der gegenseitigen Liebe und der kooperativen Gefühle dar. Er sieht ein solches Ethos als den „menschlichen Erzieher“ der Humanisphäraner. „Es ist die Gegenseitigkeit“, erklärt er, „die ihnen den Austausch angenehmer Umgangsformen lehrt, die sie zu Jüngern der Rechtschaffenheit, Freundlichkeit und Grosszügigkeit macht, die ihre körperlichen und moralischen Fähigkeiten schult, die in ihnen die Begierden des Herzens und des Verstandes entwickelt, die sie beim Spielen und Lernen leitet …“
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Interessanterweise und ganz entgegen der Intuition argumentiert Déjacque, dass das grossartige System der Humanisphäraner, das aus leidenschaftlicher Anziehung, Liebe, Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit besteht, auf einer Art Egoismus basiert. Er sagt: „Es ist der Egoismus, der das Motiv aller Handlungen [der Humanisphäraner] ist, der Motor all ihrer Gedanken … Er möchte für sich selbst, als Individuum, an der lebhaften Aufbruchstimmung des allgemeinen Glücks teilhaben; um seiner selbst willen fürchtet er den Gedanken an das Leiden anderer.“
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Wie, so könnte man fragen, kann eine so starke Identifikation mit dem Wohlergehen anderer, ein Gefühl, das normalerweise als altruistisch angesehen wird, als „Egoismus“ bezeichnet werden? Wenn wir Déjacques utopischer und in diesem Fall dialektischer Logik folgen, sehen wir, dass die Entfaltung des Egoismus die Zerstörung dessen impliziert, was herkömmlicherweise als Ego angesehen wird. Der Egoismus des Humanisphärenbewohners wird, wie er sagt, „ständig durch den Instinkt seiner allmählichen Entwicklung und durch das Gefühl der Solidarität, das ihn mit seinen Mitmenschen verbindet, angetrieben“ und verlangt darüber hinaus „den ständigen Ausdruck seiner Existenz in der Existenz anderer“.
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In dieser merkwürdigen Form des Egoismus verwandeln sich also die selbstbezogenen Leidenschaften in andere-bezogene, solidarische Leidenschaften. Letztendlich wird der Glaube an die illusorische separate Existenz des Egos durch die Erkenntnis der gemeinschaftlichen Existenz des Menschen in der Gemeinschaft ersetzt. Déjacque kommt zu dem Schluss, dass „die reichsten an Perfektibilität“, also die am meisten verwirklichten und erfüllten Wesen, „die verschwenderischsten sind, diejenigen, die am meisten von ihrem Wesen in Umlauf bringen …! Die Ärmsten sind die Geizigsten, diejenigen, die ihren Blick nach innen richten, … die sich in ihrem Innersten verschliessen.” Letztendlich ist Déjacques Egoismus ein Egoismus, der das ist, was er nicht ist; es ist der Egoismus der „Nicht-getrennten Selbstheit”. Die Ausweitung des Egoismus gemäss seinen eigenen leidenschaftlichen Tendenzen führt zu seiner Selbstverleugnung und Transzendenz.

<h3>Arbeit als leidenschaftliche Kreativität</h3>

Ein letztes Thema, um eines der vielen faszinierenden Themen herauszugreifen, die noch in Betracht gezogen werden könnten, ist die unverwechselbare und zutiefst revolutionäre Art und Weise, wie Déjacque die Frage der Arbeit behandelt. Man kann sich vorstellen, wie anders die Geschichte der revolutionären Bewegungen verlaufen wäre, wenn die anarcho-utopische Vision von Arbeit, Produktion und der Zukunft der Arbeiterklasse, die in unterschiedlichem Masse in den Gedanken von Fourier, Déjacque und in erheblichem Masse auch in denen von Reclus und Morris zum Ausdruck kommt, die einflussreichste gewesen wäre.
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Für Déjacque bedeuten Arbeit, Beschäftigung und Produktion vor allem menschliche schöpferische Tätigkeit, die von der schöpferischen Arbeit der grösseren natürlichen, materiellen Welt inspiriert ist, an der wir teilhaben. Er argumentiert, dass die Dichotomie von Arbeit und Spiel nur durch die Transformation (oder Wiederherstellung) der Arbeit als leidenschaftliche Kreativität erfolgreich überwunden werden kann. Die Abschaffung der Arbeit kann durch die Verwirklichung der Arbeit als leidenschaftliche Schöpfung erreicht werden. Déjacque weist auf die beispielhaften Eigenschaften der Arbeit der wilden Natur hin, die in dieser wie in so vielen anderen Fragen unser wahrer Lehrmeister ist. So „spriesst das Korn durch Arbeit in der Furche, treibt seinen Halm und wird mit einer reichen Frucht gekrönt; durch Arbeit entsteht auch der Mensch, indem er aus dem Fortpflanzungsorgan entweicht; durch Arbeit steht das Kind auf seinen Füssen, wächst und wird, wenn es erwachsen ist, mit der doppelten Frucht seiner manuellen und intellektuellen Fähigkeiten gekrönt; durch Arbeit reift der Mensch auch körperlich und moralisch …”.
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Arbeit ist jede Tätigkeit, die auf Entstehung, Erfüllung und Entfaltung ausgerichtet ist. In der Humanisphäre wird Arbeit zu der nicht entfremdeten Arbeit, die der junge Marx in seinen frühen Schriften implizit lobte, aber letztendlich zugunsten eines Bereichs der Freiheit aufgab, der durch eine riesige, mechanisierte Fülle-Maschine erreicht werden sollte, die nicht nur eine Fülle materieller Güter, sondern auch eine Fülle an Freizeit produzieren würde, während der Bereich der Notwendigkeit und der notwendigen Arbeit in Bedeutungslosigkeit schrumpft. Déjacque sieht jedoch eine Gemeinschaft voraus, in der Arbeit nicht länger ein notwendiges Übel ist, sondern vielmehr ein Mittel zur Entwicklung und Erfüllung. Für ihn „wäre es für einen Humanisphäer ebenso wenig sinnvoll, dass ein Mensch zur Arbeit gezwungen wird, wie dass er zum Essen gezwungen wird“. Sowohl der Arbeitsprozess als auch die Produkte der Arbeit werden zu Ausdruck des Guten und Schönen. Sie werden zu Momenten in der Bewegung der Materialität hin zu grösserer Verwirklichung und grösserer Vollkommenheit. Letztendlich wird Arbeit zu einer Form gemeinschaftlicher Glückseligkeit.
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An dieser Stelle bleibt nur noch eine Frage offen: Wer würde heute der Humanisphäre beitreten?<p><em>John P. Clark</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 25 Feb 2026 10:55:07 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Eine Zukunft ohne Arbeit: Wenn Tech-Milliardäre in die Zukunft schauen]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Rührend! Die allseits bewunderten US-Milliardäre treffen sich nicht nur auf einsamen Inseln zu „wilden Parties“ (E. Musk), sie sorgen sich auch um die Zukunft der Menschheit.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Humanoid_robots_standing_in_a_factory_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Humanoid_robots_standing_in_a_factory.png" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Midjourney AI</a> (PD)</small><p>Wenn man bei Google den Suchbefehl „US-Milliardäre“ eingibt, erhält man von der mittlerweile dort tätigen Künstlichen Intelligenz (KI) die Antwort: „Amerikanische Milliardäre haben enormen Einfluss auf Wirtschaft und Politik, insbesondere durch Investitionen in KI, Weltraumtechnologie und Bergbauprojekte.“ Bei der Plattform Business Insider sind anscheinend noch leibhaftige Schreiberlinge beschäftigt, die einschlägige Zukunftsvisionen von Hand abfragen sowie Fluch und Segen der Technik selber abwägen müssen. So jetzt in einer Reihe von Artikeln, in denen Tech-Milliardäre und ihre KI-Experten zur Zukunft der Arbeit, zu den möglichen Wirkungen von KI und dem Einsatz neuer Technologien befragt wurden.
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Die Antworten waren natürlich spekulativ, also eigentlich belanglos. Sie werfen aber ein Licht auf die Befragten und deren Geisteszustand und sagen zudem einiges über das herrschende Wirtschaftssystem aus.

<h3>Eine Zukunft ohne Arbeit?</h3>

Auf die Frage, ob eine Zukunft ohne Arbeit denkbar ist, antwortete Elon MusK: „Es wird in Zukunft keine Armut geben und daher kein Grund Geld zu sparen… In diesem Szenario werde Arbeit wie ein Hobby oder das Spielen eines Videospiels sein.“ Klingt geradezu verheissungsvoll. Dieser Sicht kann sich Bill Gates nur anschliessen: „Was die Herstellung von Dingen, den Transport und den Anbau von Lebensmitteln betrifft, werden das im Laufe der Zeit im Grunde gelöste Probleme sein.“ Und „Open AI“-Chef Sam Altman entwirft das Wunschbild einer Welt „mit universellem extremem Wohlstand“; aber es soll eine Welt sein, „in der es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, weil die Welt die Gewinne aus den Fortschritten der KI teilt.“ Ganz so selbstverständlich ist das mit dem gesicherten Wohlstand also nicht und es stellt sich natürlich die Frage, wer denn da „die Welt“ ist und wie dank diesem seltsamen Subjekt das bedingungslose Grundeinkommen zustande kommen soll.
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„Nvidia“-Chef Huang hat hier laut Business Insider eine realistische Lösung im Auge: „Er sagt, es sei unwahrscheinlich, dass sowohl ein bedingungsloses Grundeinkommen als auch Musks ‚universelles hohes Einkommen' gleichzeitig existieren werden“. Eine geniale Erkenntnis! Ein Grundeinkommen soll bekanntlich die Grundversorgung – wie bescheiden auch immer – sichern, damit keiner in existenzielle Not gerät. Es wird gebraucht, weil der Reichtum nicht einfach da ist und allen zur Verfügung steht, sondern weiter als Geschäftsmittel taugen soll, also bezahlt werden muss. Huang fügt ausserdem hinzu, dass „das Konzept des durch KI geschaffenen Überflusses sich nicht allein auf monetären Wohlstand konzentrieren“ sollte. Schliesslich kennen die Führungsfiguren, die im Geld schwimmen, auch höhere Werte.
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Passenderweise wirft da der „Anthropic“-Chef Dario Amodei die Frage auf: „Können wir eine Welt haben, in der Arbeit für viele Menschen nicht die zentrale Rolle haben muss, die sie heute hat, in der Menschen ihre Sinnquelle woanders finden?“ Ein enormer Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse! Der Mann will entdeckt haben, dass die Menschen nicht aus materiellen Gründen wie Geldverdienen in die tägliche Maloche schlurfen, sondern weil sie auf der Suche nach Sinn sind. Deshalb will er auch nicht ganz auf Arbeit verzichten und wünscht sich für seine Enkel eine 15- oder 20-Stundenwoche.
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„Google-DeepMind“-Chef Demis Hassabis sieht ebenfalls eine Zeit des „radikalen Überflusses“ kommen und wirft dann für die Zukunft ein Problem auf, das Milliardäre in der Gegenwart sonst kaum haben: „Wir müssen sicherstellen, dass er gerecht verteilt wird.“ Eigentlich ein seltsames Problem: Denn wenn alle Überfluss haben, also mehr als sie brauchen, wieso taucht dann die Frage nach der Gerechtigkeit auf?
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Auch wenn die Besitzer des grossen Geldes, die die Welt immer ein bisschen besser machen wollen, angesichts der neuen Technologien in grossen Dimensionen denken, bleiben sie eben doch oft im Rahmen des herrschenden Wirtschaftssystems befangen und stossen dabei auf Probleme, die sie doch eigentlich dank ihrer grossartigen Technologie überwunden haben wollen.
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Und so stösst der Milliardär und Mitbegründer von „Oaktree Capital Management“, Howard Marks, auf ein Problem ganz anderer Art: „Ich finde die daraus resultierenden Aussichten auf die Beschäftigung erschreckend. Ich mache mir enorme Sorgen darüber, was mit den Menschen geschehen wird, deren Arbeit durch KI überflüssig wird oder deshalb keine Arbeit finden.“ Und wer meint, jetzt sorgt sich wirklich einer um die materiellen Nöte von Menschen, die durch KI um ihr Einkommen gebracht werden, der wird gleich wieder eines Besseren belehrt: „Aber selbst wenn die Regierungen einen Weg finden, ein universelles Grundeinkommen zu finanzieren, so Marks, wird dabei ein zentrales Problem nicht berücksichtigt: Dass die Menschen von ihrer Arbeit viel mehr haben als nur einen Gehaltscheck. ‚Ein Job gibt einen Grund, morgens aufzustehen, gibt ihrem Tag eine Struktur, gibt ihnen eine produktive Rolle in der Gesellschaft und Selbstachtung'.“ Aber Hallo! Fällt einem solchen Milliardär auf, dass die miese Bezahlung eigentlich keinen Menschen motivieren kann, zur Arbeit zu gehen? Könnte es also sein, dass die Lage der eigentumslosen Massen eine einzige existenzielle Notlage ist, die ihnen keine andere Wahl lässt?
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Auf die Eigentumsverhältnisse, die die Massen von allem Nötigen ausschliessen und den Zwang zur Lohnarbeit etablieren, darf natürlich kein schlechtes Licht fallen. Da muss die Arbeit eben etwas anderes zu bieten haben als das bisschen Geld. Was würden die Menschen denn auch mit ihrem Tag anfangen, wenn die Firma ihnen nicht vorgeben würde, wann sie anzutreten haben. Die grösste Befürchtung des Geschäftsmanns ist daher, dass sie „den ganzen Tag untätig rumsitzen.“ Dass die Arbeit sich für sie nicht lohnt, fällt dem Mann irgendwie auf. Ihr wahrer Lohn soll daher von höherer Art sein, indem sie sich nämlich für andere nützlich machen und so dem Gemeinwohl dienen. Doch selbst dabei muss der Kapitalist noch mogeln. Denn schliesslich reiben sich die Arbeitnehmer nicht für „die Gesellschaft“ auf, sondern für den Gewinn privater Unternehmen, die ihren Nutzen bedenkenlos mit dem der Gesellschaft gleichsetzen, die von ihrem Gewinnemachen abhängig ist.

<h3>Superreiche Heuchler</h3>

Tja, so geht's in den Köpfen auf den obersten Chefetagen des globalisierten Kapitalismus zu. Die letzten Heuler aus 150 Jahren Besinnungsaufsatz zu Fluch und Segen der Technik werden einem da verkauft. Und das haben sich diese Genies auch noch selber ausgedacht, ganz ohne KI! Dabei wurde die Einführung neuer Technologien im Kapitalismus schon immer mit solchen Räsonnements begleitet.
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Diejenigen, die die technischen Innovationen produzieren lassen und verkaufen, verweisen in der Regel auf die ungeahnten Möglichkeiten, die die Neuerungen bieten. Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass sie viel an Anstrengung und Arbeit überflüssig machen können. Auch dass es mit ihrer Hilfe möglich wäre, Armut und Elend in der Welt abzuschaffen. Doch das wissen auch die Tech-Milliardäre, die diese Errungenschaften preisen und sich als Verkaufsmanager betätigen, dass solche Innovationen nicht dafür da sind, der Menschheit das Leben leichter zu machen. Wenn Unternehmen die Arbeit von Menschen durch Maschinen ersetzen, dann aus einem betriebswirtschaftlichen Grund: um Lohnkosten zu sparen.
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Und das zieht genau die Konsequenz nach sich, dass Menschen damit um ihren Lebensunterhalt gebracht werden. So kann Business Insider auch vermelden: „Eine IWF-Analyse aus dem Jahr 2024 geht davon aus, dass etwa 60 Prozent der Arbeitsplätze in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften von der KI betroffen sein werden, wobei die Hälfte von der Technologie profitiert und die andere Hälfte von ihr negativ beeinflusst wird.“ Stellt sich nur die Frage, wie dieser Nutzen berechnet wurde und wer hier eigentlich profitiert, vor allem aber: wo in dieser Rechenweise die Arbeitsplätze vorkommen, die es dann ja gar nicht mehr gibt, weil bekanntlich KI „uns“ die Arbeit abnimmt und alles schneller bzw. leichter macht.
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In der ökonomischen Realität – jenseits aller kühnen Visionen – geht es allerdings so zu: Vorteile von neuen Technologie haben immer nur diejenigen, die sie herstellen bzw. vermarkten, sowie diejenigen, die sich mit ihrer Hilfe am Markt durchsetzen, weil sie mit ihrem Einsatz schneller als andere ihre Kosten senken. Sprich: mit weniger Belegschaft mehr und besser produzieren können. Was natürlich zur Folge hat, dass Massenkaufkraft schwindet. Offenbar ist dieser Sachverhalt auch den Lobrednern technologischer Fortschritte nicht ganz verborgen geblieben, sie plädieren ja für ein bedingungsloses Grundeinkommen als notwendige Ergänzung.
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Woher es kommen soll, bleibt aber schleierhaft. Dass diejenigen, die den Einsatz von KI oder Robotern finanzieren und damit ihren Gewinn vergrössern, auf die Gewinnzuwächse verzichten und den Bürgern in Form des Grundeinkommens einen ausgeben wollen, ist ja das Letzte, was in Frage käme. Irgendwie ist hier wohl daran gedacht, dass der Staat, der sich eigentlich immer raushalten, aber gleichzeitig die Gewinne sichern soll, einspringt und den Bürgern einen Vorschuss gibt. Dann können diese die schönen Produkte der Milliardäre kaufen. Verschenken wollen die ihr Zeug ja in Zukunft genau so wenig wie in der Gegenwart.
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Ganz ahnungslos wollen sich die Tech-Grössen zu den negativen Wirkungen beim Einsatz ihrer hochgepriesenen Technik nicht geben und so werden auch Warnungen ausgesprochen, wie zum Beispiel von Amodei: In einem Essay betont er, dass das KI das Potenzial habe, „die Lebensqualität für alle zu steigern“ – der Übergang dorthin werde jedoch ein brutales „Initiationsritual“ sein.
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Ein Bild, das ebenfalls so alt ist wie der Kapitalismus, wo es schon immer hiess, dass Rationalisierungen zwar zu Entlassungen führen, aber längerfristig grösseren Wohlstand bedeuten würden. Verwiesen wird etwa auf Produkte, die sich die Menschen heute leisten können und die es früher nicht gab. Dass sich das nur diejenigen leisten können, die für den wachsenden Reichtum in Form von Kapitalvermehrung benötigt werden, während die Armut auf der Welt zunimmt, weil immer mehr Menschen die Existenzgrundlage durch Einbeziehung in dieses Wirtschaftssystem entzogen wird, muss in einer solchen Zukunftsperspektive natürlich aussen vor bleiben.
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Es sei denn, diese Menschen machen sich als „Flüchtlings-“ oder „Migrationsproblem“ bemerkbar. Dann müssen das auch die Visionäre aus den Chefetagen berücksichtigen. Aber was da auf Business Insider als Zukunftssorge erscheint, ist längst Realität. Amodei äussert etwa die Sorge, dass durch KI verdrängte Arbeitskräfte „eine arbeitslose oder extrem niedrig entlohnte ‚Unterklasse' bilden könnten, während eine kleine Minderheit den Grossteil der finanziellen Gewinne aus KI abschöpft“ – womit es zu einer „so massiven Vermögenskonzentration kommen könnte, dass die Gesellschaft zusammenbricht.“ Auf das Unterklassen-Elend muss man nicht warten, nur führt das zu keinem Zusammenbruch. Und trotz massiver Entlassungen, die bereits jetzt stattfinden und die Arbeitslosenzahlen in die Höhe treiben, ist von einer Gegnerschaft gegen das herrschende System kaum etwas zu verspüren.
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Auch die Geld-Grössen machen sich dazu ihre Gedanken und verweisen zuallererst auf ihre schon jetzt praktizierte Grosszügigkeit: So erinnert Amodei daran, dass er und seine Kollegen zugesagt haben, 80 % ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Nach so einem Versprechen, das auch noch gross bekannt gemacht wird, kann man sich wohl fühlen und muss keinen Gedanken mehr daran verschwenden, wieso Wohltätigkeit überhaupt notwendig ist. Und wenn man schon bei solchen visionären Ausblicken in die Zukunft ist, kann man auch noch einen drauflegen. So weiss Business Insider zu berichten:
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„Der Anthropic-Chef teilt eine ähnliche Vision wie Musk: In einem Essay von 2024 schrieb er, dass KI eines Tages ‚so breit wirksam und so günstig' sein werde, dass das heutige Wirtschaftssystem ‚keinen Sinn mehr' machen werde.“ Wer nun meint, dass dieser Milliardär die Seite gewechselt hätte und zum Revolutionär geworden wäre, wird schnell eines Besseren belehrt: Das bestehende System „könne durch ein ‚grosses universelles Grundeinkommen für alle' ersetzt werden –  oder durch eine ‚kapitalistische Wirtschaft von KI-Systemen', die ‚riesige Mengen' an Ressourcen verteilt, da der ‚gesamte Wirtschaftskuchen gigantisch' werde.“ Irre, worauf diese Zukunftsdenker kommen! Immer weniger Leute erwirtschaften ein gigantisches Produkt, so dass keiner mehr Not leiden müsste. Aber die ganze Zukunftsaufgabe soll darin bestehen, dass Masseneinkommen generiert werden, um das Zeug zu versilbern und so weiter eine kapitalistische, also am Gewinn orientierte „Verteilung“ sicherzustellen!

<h3>Eine Alternative, die sich dennoch aufdrängt</h3>

Aber auch wenn die meisten Tech-Milliardäre darauf drängen, dass sich für sie die von KI und Robotern produzierten Güter weiterhin lohnen sollen, kommen doch in der Logik des Überflusses auch schon einmal Alternativen vor. Naheliegenderweise. Denn wenn alle viel, ja mehr als genug haben, wieso braucht es dann noch Geld? Zumindest Elon Musk kann sich diesem Gedanken nicht verschliessen. Er „sagte auf dem amerikanisch-saudischen Investitionsforum auch, dass Geld in der Zukunft der KI ‚nicht mehr relevant' sein werde.“ Und ein Geoffrey Hinton, der „oft als Pate der KI bezeichnet wird“, kommt zu dem Schluss, „das Problem sei nicht die Technologie selbst, sondern das ‚kapitalistische System', welches bestimmt, wer den durch die KI geschaffene Wert für sich beansprucht.“
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In der Tat: Das ganze Problem, an das sich die Milliardäre und ihre Helfershelfer hier in ihren kühnsten Visionen heranwagen, hat etwas mit den Eigentumsverhältnissen zu tun! Wenn die Massen von den Produkten, die sie herstellen, ausgeschlossen sind und sie diese erst durch Geld erwerben müssen, ist von vornherein entschieden, für wen sich der Einsatz besserer Produktionstechnologien lohnt. Dass ausgerechnet der fortschreitende kapitalistische Einsatz dieser Technologien zum Kommunismus führen soll, ist daher blanker Unfug. Aber Ausnahmegestalten wie Musk kriegen auch eine solche gedankliche Konstruktion hin: „Die kapitalistische Umsetzung von KI und Robotik – vorausgesetzt sie verläuft auf einem guten Weg – ist tatsächlich das, was in einer kommunistischen Utopie mündet“.
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Der gute Weg soll darin bestehen, die Profiteure des Systems, die auf ihre Gewinne nicht verzichten wollen und dieses Anliegen ja auch mit allerlei Sorgenfalten in ihren Zukunftsvisionen ausbreiten, weiter machen zu lassen wie bisher? Hat der Mann noch alle Tassen im Schrank? Man sollte sich lieber eins klarmachen, was auch der CEO von „Google“, Sundar Pichai, in dieser Sammlung von Zukunftsszenarien zum Ausdruck gebracht hat: „Ich denke, was ein CEO tut, ist vielleicht eines der einfacheren Dinge, die eine KI eines Tages tun kann.“
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Also Proletarier aller Länder hört die Signale! Warum nicht in den Chefetagen mit dem Einsatz von KI beginnen und die Milliardäre zum Teufel, z.B. auf einsame Inseln, jagen, wo sie sich ganz ihren Visionen hingeben können?<p><em>Suitbert Cechura</em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 24 Feb 2026 10:50:18 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Stefanie Sargnagel: Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee.]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Neunseitige Leseprobe auf der Rowohlt Webseite von der zwei Seiten Text blieben. Die zwei Seiten waren erwartbares Ablästern, Drüberschauen, Drüberstehen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Opernball3247_(54355898808)_w.webp><p><small>67. Wiener Opernball, 27. Februar 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Opernball3247_(54355898808).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Mein Gott, klar, sind halt dumme reiche in Anzüge oder Kleider gezwängte Kreaturen, und irgendwo müssen die sich halt austoben und von der Masse abgrenzen (sich dabei aber gerne begaffen lassen).
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Ich war nie da, habe aber zufällig mal einen Zweiminuten Bericht im Fernsehen von einem vergangenen Opferball nebenbeigeschaut, und man weiss Bescheid. Hatte der Kerner sich da nicht mal beinahe mit nem Opa prügeln müssen, bzw. die Securities?
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Egal, sowas von egal, und nein Frau Sargdeckel, auch nicht lustig diese zwei Seiten und vermutlich auch nicht die weiteren zweitausend, die dieses Rowohlt Buch dann zusammenhält, aber wird sich natürlich verkaufen, Gähn. Bussi und Servus.<p><em>Jörn Birkholz</em><p><small>Stefanie Sargnagel: Opernball. Rowohlt 2026. 80 Seiten. ca. 28.00 SFr. ISBN: 978-3-498-00882-6.</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 16:35:20 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Bundesweite Proteste: „Mit der #MerzMafia rasen wir in den Faschismus“]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>In ganz Deutschland protestieren Unterstützer*innen der Neuen Generation heute gegen die gefährliche Allianz aus Rechten und Reichen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/bundesweite-proteste-mit-der-merzmafia-rasen-wir-in-den-faschismus_w.webp><p><small>Protest über der A100 in Berlin Abfahrt Sonnenallee.  Foto: zVg</small><p>In Berlin wird auf einer Schilderbrücke, in sechs weiteren Städten ungehorsam auf grossen Strassen protestiert. Die bundesweite Aktion läutet ein neues Kapitel der Neuen Generation ein und setzt den Fokus für das Jahr.
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Mit bundesweiten Protesten zur sogenannten #MerzMafia – der Allianz aus überreichen Menschen und rechten Politiker*innen – lanciert die Neue Generation am heutigen Montagmorgen ihre Strategie für das Jahr 2026. Seit 8:00 Uhr protestieren Menschen in Berlin auf einer Schilderbrücke über der A100 im Bereich der Sonnenallee. Sie haben Banner mit dem Schriftzug „Wir rasen in den Faschismus – #MerzMafia“ und dem Logo der Neuen Generation entrollt. Die Polizei hat die Autobahn kurzzeitig gesperrt. Die gleichen Banner kommen auch in Halle (Saale), Leipzig, München, Kassel, Potsdam und auf der Nordseeinsel Pellworm zum Einsatz, wo mehrere Menschen der Neuen Generation ungehorsam auf die Strasse gehen.
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Die Menschen protestieren für eine Neue Generation des Miteinanders und für ein Update unserer Demokratie, das die Schwachstellen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung beheben soll. Diese Schwachstellen werden von der demokratiezersetzenden #MerzMafia bereits aktiv ausgenutzt. Das Ziel: die #MerzMafia überwinden und das Geld der Milliardäre allen zugutekommen lassen.
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„Unsere Demokratie steht an einem Kipppunkt. Wir brauchen dringend ein Update unseres Systems, um die Zivilgesellschaft gegen den drohenden Faschismus zu stärken“, sagt Laila Fuisz (25), Sozialarbeiterin, die am heutigen Protest in Berlin beteiligt ist. „Die Schwächen unserer Demokratie machen sich die Rechten und Reichen zunutze. Das sehen wir zum Beispiel am Umgang mit gesichert verfassungsfeindlichen Parteien: Die AfD sitzt in Talkshows statt auf der Anklagebank eines Verbotsverfahrens.“
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Weltweit gibt es nur noch 29 freiheitliche Demokratien. Am Beispiel USA wird deutlich, wie schnell eine Demokratie ins Autoritäre kippen kann: Die brutale Menschenjagd von Donald Trumps Schlägertruppe ICE sorgt in der Zivilgesellschaft für Entsetzen – gleichzeitig ist sie Ziel für Verfassungsfeinde wie die AfD und deren milliardenschwere Unterstützer. Eine ICE-ähnliche Behörde ist für einen Rechtsstaat wie Deutschland jedoch inakzeptabel.
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Für die Allianz aus Rechten und Milliardären sowie die Aushöhlung zivilgesellschaftlicher Errungenschaften steht wie kein Zweiter Friedrich „Blackrock“ Merz mit seiner CDU-Politik: keine Steuern für Überreiche, weniger Bürgergeld für alle, weniger und spätere Rente, Investitionen in das fossile Verderben statt Klimageld für alle sowie weniger Klima- und Menschenschutz.
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„Für Profit, Macht und Einfluss verrät die #MerzMafia die Interessen der Gesamtbevölkerung“, sagt Andrea Grahm (51), Ingenieurin, die heute in München beteiligt ist. „Statt eines Abbaus sozialer Errungenschaften und einer Appeasement-Politik brauchen wir eine faire Politik für alle und eine starke Zivilgesellschaft!“
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Im Unterschied zur Letzten Generation hat die Neue Generation ihre Strategie um eine zweite Säule ergänzt: Sie leistet weiterhin friedlichen zivilen Widerstand, baut aber gleichzeitig alternative Strukturen auf: In Parlamenten der Menschen wird die Zivilbevölkerung darin trainiert, trotz unterschiedlicher Positionen miteinander ins Gespräch zu kommen sowie Entscheidungen zu treffen, ohne dass Profit und Menschenfeindlichkeit mitbestimmen.
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Als repräsentativ ausgeloste Bürger*innenräte sind die Parlamente der Menschen weniger anfällig für milliardärsgesteuerten Lobbyismus als der Bundestag. Seit Mai 2025 hat die Neue Generation zwei bundesweite und vier lokale Parlamente der Menschen organisiert in Berlin-Neukölln, Stuttgart, München und Frankfurt am Main. Erst am vergangenen Samstag tagte in Frankfurt am Main ein lokales Parlament zum Thema Wohnen im Rhein-Main-Gebiet.
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Im März 2026 veranstaltet die Neue Generation eine digitale Workshop-Reihe mit dem Titel „Geloste Räte neu denken“. Sie ist offen für alle Menschen, die nicht länger hinnehmen wollen, dass Bürger*innenräte folgenlos bleiben (siehe Studie „Klimaräte in Deutschland“). Die Workshop-Reihe zählt bislang knapp 80 Anmeldungen, darunter Vertreter*innen namhafter NGOs.
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Das dritte bundesweite Parlament der Menschen findet im Rahmen der nächsten „Revolution Days“ vom 17. bis 19. April 2026 statt – erstmals online. Thema wird ebenfalls die wachsende Bedrohung durch den Faschismus sein. Rund um die kommenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird voraussichtlich im Herbst 2026 das vierte bundesweite Parlament der Menschen einberufen.
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Joyce Fiedler (27), Biologiestudentin, ist heute in Halle dabei: „Um die Zivilgesellschaft gegen den Faschismus zu stärken, übt die Neue Generation immer wieder den friedlichen Widerstand. Genau das mache ich heute hier in Halle, und viele weitere Menschen stehen gerade in ganz Deutschland auf der Strasse.“ Sie ergänzt: „Auch in den Parlamenten der Menschen wird geübt – nämlich miteinander ins Gespräch zu kommen. Mit unserem vierten Parlament der Menschen werden wir der Gesellschaft im Herbst einen ‚anderen Bundestag' zeigen!“<p><em>pm</em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 12:48:50 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Japanese Tightrope Walk: From Chimerica to Nippomerica]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/international/english/japanese-tightrope-walk-from-chimerica-to-nippomerica-009560.html</link>
<description><![CDATA[<strong>The pillars of the global financial system, the bond markets of the core states of the late capitalist world system, are beginning to wobble.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Sanae_Takaichi_meets_Giorgia_Meloni_01_w.webp><p><small>Prime minister Sanae Takaichi mit Giorgia Meloni beim japanisch-italienischen Gipfeltreffen in Tokio, Januar 2026  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sanae_Takaichi_meets_Giorgia_Meloni_01.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">内閣広報室｜Cabinet Public Affairs Office</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>„Japan, Japan / Samurai / und schon kommt / der Tod herbei.“ Abwärts<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="nofollow noopener">[1]</a>
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It was a historic victory for Japan's unofficial ruling party, the LDP (Liberal Democratic Party), which Prime Minister Sanae Takaichi was able to secure in the snap elections on February 8th.<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="nofollow noopener">[2]</a> The LDP, whose members will now occupy 316 of 465 parliamentary seats, holds a two-thirds majority in parliament for the first time in Japan's postwar history. Mrs. Takaichi owes this overwhelming electoral triumph primarily to her popular campaign promises, which, in Japanese tradition, include debt-financed social and stimulus programs. Despite the exorbitant level of national debt, Takaichi intends in particular to suspend the value-added tax on food in order to ease inflationary pressure on wage earners. However, this would once again put the right-wing head of government on a collision course with the financial markets, which had already reacted in mid-January with a full-blown market quake to this populist proposal.
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These were extreme market movements that also reached historic proportions. In mid-January, Japan's 40-year bond reached an interest rate of more than four percent, representing an extreme, previously unrecorded slump in the ultra-long-term government security introduced in 2007, as the Financial Times explained.<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="nofollow noopener">[3]</a> In the case of government bonds, interest rate develops inversely to market value: when prices rise, interest falls; when prices fall, the yield on the paper increases. The longer the maturity of a bond, the higher the return.
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And this is crucial: for many years, the bond markets of the core states (USA, Japan, FRG, Great Britain, etc.) formed the dullest, most boring segment of the global financial sphere, where effectively nothing relevant happened. Even during the major financial crises of the 21st century, such as the dot-com bubble or the real estate speculation boom, bond markets remained relatively stable until 2020. And this foundation, this concrete of the financial sphere, which had already begun to show initial cracks after the pandemic-induced inflation surge starting in 2020,<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="nofollow noopener">[4]</a> is now beginning to wobble; it seems to be liquefying, turning into quicksand. The bond markets of the centers of the world system, which in every previous crisis functioned as “safe havens” and consequently exhibited particularly low or even negative interest rates (mostly the USA, but also Germany during the euro crisis), suddenly resemble the markets of the semi-periphery, known for drastic price swings.
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How dramatic the situation on the Japanese bond market became in mid-January is also illustrated by the price jump of the 30-year bond, whose yield increased by a quarter of a percentage point within a single trading day.<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="nofollow noopener">[5]</a> This, too, is a record-setting surge in interest rates, as daily changes in government bond yields are usually measured in basis points, with 100 basis points corresponding to one percentage point. A look back at the year 2021, when the same bond yielded just under one percent, clearly shows how fundamentally the situation on the Japanese bond market has changed.
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Japan's bond market, with its formerly very low interest rate level, had long been considered a “cheap source of financing and a haven of stability in times of global turmoil,” noted the news agency Bloomberg.<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="nofollow noopener">[6]</a> Interest rate jumps of a quarter of a percentage point, such as those recorded within a single trading day in January, used to take place at a slow-motion pace just a few years ago, over “weeks, if not months,” according to Bloomberg.

<h3>Keynesian Nightmares</h3>

The apparent stability in the first two decades of the 21st century was a byproduct of Japan's prolonged deflationary period, into which the export nation fell after the bursting of the great Japanese real estate bubble at the beginning of the 1990s. These “lost decades” were characterized, alongside slightly declining prices, by a persistent, long-lasting economic stagnation. Regardless of their specific political orientation, nearly all governments during this roughly 30-year deflationary period attempted to stimulate economic growth with ever larger stimulus programs, all of which ultimately proved to be short-lived economic flashes in the pan. (For more details, see: “Dare More Alcoholism.”)<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="nofollow noopener">[7]</a>
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At times, these stimulus programs- whose absurd dimensions could have sprung from the wet dreams of dogmatic Keynesians – took on tragicomic traits, such as when the government launched a subsidy program for alcohol consumption among young Japanese in order, in classic demand-oriented policy fashion, to reverse the industry's falling revenues along with declining tax income. And it is precisely these classic Keynesian stimulus packages to which Japan now owes, by a wide margin, the highest national debt of all industrialized countries. The Japanese state's debt amounts to more than 230 percent of economic output- Italy's stands at “only” 136 percent. At the same time, apart from brief economic spurts, the stagnation of the Japanese economy could not be broken.<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="nofollow noopener">[8]</a> Throughout the entire 21st century, Nippon's economic growth fluctuated between two and 0.3 percent, interrupted by the severe crisis downturns of 2009 and 2020, which were temporarily cushioned by gigantic stimulus programs.
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For long periods, this Japanese tower of debt functioned smoothly – precisely because of the general zero-interest-rate policy of central banks in the late phase of globalization: A large portion of Japanese government debt is held by domestic investors (more than 80 percent), which has a stabilizing effect, particularly in times of crisis. Moreover, similar to Germany, Japan maintained a positive trade balance over long periods, which effectively amounts to an export of debt. Due to the low domestic interest rates and economic stagnation, Japanese capital seeking investment increasingly flowed abroad, making Nippon one of the most important investors. Japan, for example, replaced China as the largest buyer of U.S. government bonds. In addition, Japan's debt towers were erected in the era of globalization and financialization of late capitalism, which was characterized by declining key interest rates and successive speculative bubbles that continuously grew in scale.
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However, the apparent stability of Japan within this debt-fuled global bubble economy, which with its deficit cycles formed the foundation of the age of neoliberal globalization, increasingly eroded after its inflationary end. Because of the high level of debt, Japan's central bank (Bank of Japan – BoJ) refused to follow the monetary policy reversal away from extremely expansionary monetary policy that central banks in the core economies began implementing in 2021. While the Fed and the ECB started raising key interest rates as early as mid-2022 and reduced their bloated balance sheets by cutting back on securities purchases, the BoJ only managed to bring itself to this turnaround in March 2024. The high level of debt and persistent stagnation caused the BoJ to hesitate. Even though Japan's interest burden is much lower than that of the United States, debt servicing—after social spending—now constitutes the second-largest budget item in Tokyo, accounting for around 25 percent.<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="nofollow noopener">[9]</a>

<h3>Japanese Tightrope Walk</h3>

Tokyo's departure from the expansionary monetary policy of the neoliberal era was thus initiated with a delay of nearly two years compared to Brussels and Washington. This is reflected in the balance sheets of the central banks, which in the late phase of globalization (especially between 2009 and 2021) purchased securities and government bonds through so-called quantitative easing in order to stabilize the financial sphere. After the onset of the inflationary period, this extreme form of expansionary monetary policy had to be discontinued. Maturing bonds were no longer replaced with new purchases, causing the Fed's balance sheet to shrink from 8.9 trillion dollars in mid-2022 to 6.5 trillion at present.<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="nofollow noopener">[10]</a> A similar development can be observed at the ECB, which held securities worth 8.7 trillion euros in 2022, reducing this figure to 6.2 trillion by early 2026 (although this trend toward reducing central bank balance sheets already appears to have run its course, as government bond purchases seem to be increasing again on both sides of the Atlantic).<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="nofollow noopener">[11]</a> By contrast, Japan's BoJ has hardly been able to reduce its balance sheet; it stands only around 11 percent below the historic peak of 2024.<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="nofollow noopener">[12]</a>
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Moreover, Nippon's interest rate turnaround is far from complete, as the BoJ's key interest rate stands at only 0.75 percent, while inflation has stubbornly remained above the two-percent mark for four years now—the target set by the central bank as its monetary objective.<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="nofollow noopener">[13]</a> Although a slowdown in price dynamics can now be observed, inflationary pressure persists, as Japan's export economy remains heavily dependent on imports of raw materials and energy resources.<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="nofollow noopener">[14]</a> This price surge is now being partly fueled by the reaching of capital's external ecological limit:<a href="#footnote-15" id="ref-15" target="_blank" rel="nofollow noopener">[15]</a> the escalating climate crisis and increasing supply bottlenecks for essential raw materials and intermediate goods. A return to the stable consumer prices to which Japan's consumers have grown accustomed over recent decades is therefore hardly possible.
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Takaichi once again appears to want to pursue the usual Japanese strategy of “growing out” of debt through stimulus programs and limited inflation, a strategy that already failed in past decades—this time with a focus on right-wing military Keynesianism (armament programs) and mass demand. So far, estimates project economic growth of around one percentage point for 2026, following just 0.9 percent in the previous year.<a href="#footnote-16" id="ref-16" target="_blank" rel="nofollow noopener">[16]</a> Yet – and this is crucial – the room for political maneuver is becoming ever narrower amid rising debt and persistent inflation. Takaichi's great role model is Prime Minister Shinzo Abe, whose “Abenomics”<a href="#footnote-17" id="ref-17" target="_blank" rel="nofollow noopener">[17]</a> from 2013 onward combined gigantic investment programs equivalent to 224 billion dollars with neoliberal structural reforms. Despite a short-term economic surge, public debt could only be stabilized at a high level (from 196 percent in 2013 to 191 percent of GDP in 2018), before exploding once again during the pandemic.
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The decisive difference from Abe's time in office, however, is the global crisis epoch of stagflation, which replaced the global financial bubble economy during the pandemic-induced crisis surge.<a href="#footnote-18" id="ref-18" target="_blank" rel="nofollow noopener">[18]</a> Inflationary pressure is forcing monetary policy toward a higher interest rate level. In addition, the high dependence on resource and energy imports is weighing on the Japanese currency, the yen, which tends to depreciate. Consequently, the government and the central bank in Tokyo find themselves in a monetary policy confrontation similar to that in Washington. The BoJ – which already holds nearly 50 percent of all Japanese government bonds – declared at the beginning of February that it would intervene in the event of possible turbulence in the bond market, which could be triggered by Takaichi's credit-financed stimulus policy, only as a last resort. It would step in only in the case of speculation-driven “panic,” and then only “short term,” in order to avoid long-term bond purchase programs, according to the BoJ.<a href="#footnote-19" id="ref-19" target="_blank" rel="nofollow noopener">[19]</a>
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In response, Tokyo began searching for alternative sources of financing: Japan's largest pension fund, the sovereign wealth fund GPIF, with assets equivalent to 1.8 trillion dollars, is to change its conservative investment guidelines prematurely in order to purchase more Japanese government bonds.<a href="#footnote-20" id="ref-20" target="_blank" rel="nofollow noopener">[20]</a> Japan's pensioners are expected to step into the breach left by the BoJ—especially since the bond holdings of Japanese pension funds, amounting to 67.6 trillion yen, are many times smaller than those of the BoJ (522 trillion).

<h3>Carry no more?</h3>

The economic tightrope walk that Tokyo has to perform due to constantly growing mountains of debt is thus becoming ever more difficult – the tightrope is getting narrower, to stay with the metaphor. The intensifying contradiction between monetary policy and economic policy, between fighting inflation and stimulating the economy, which characterizes late-capitalist crisis management in the current phase of crisis with its stagflationary tendencies,<a href="#footnote-21" id="ref-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">[21]</a> is further intensified – and exported – by Japan's highly interconnected economy via interest rate and currency developments. Japan not only has to import a large share of resources and energy sources, which perpetuates inflation due to the ongoing depreciation of the yen; as an export nation, it is also one of the largest capital exporters, whose capital could now be withdrawn from the global financial sphere.
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Specifically: Japan's excessive debt causes the Japanese currency (yen) to depreciate and it fuels inflation, to which monetary policy responds with interest rate hikes, while yields on Japanese government bonds soar. Interventions by the central bank to stabilize bond prices through purchases lead to a further depreciation of the yen – this is one of the concrete reasons for the monetary restraint of the BoJ. But this increasingly nullifies the interest rate difference between Japan and the rest of the core economies, which was essential for global capital flows over the past decades. The low interest rate level in deflationary Japan ensured in the 21st century that yield-seeking Japanese capital was massively invested abroad.
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Bloomberg puts Japanese foreign investments at around five trillion dollars.<a href="#footnote-22" id="ref-22" target="_blank" rel="nofollow noopener">[22]</a> In addition, there are the so-called carry trades, in which foreign investors take out low-interest loans in yen in order to invest this capital in markets with higher interest rates. The scale of these speculative yen bets, which are highly dependent on currency developments, cannot be precisely quantified; it runs into the trillions. Bloomberg estimates the current volume of Japanese carry trades at 1.1 trillion dollars.
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A permanently higher interest rate level in Japan, a lasting leveling of the aforementioned interest rate differential between Japan and the Western core economies, would lead to a reversal of Japanese capital flows. If, as mentioned above, the Japanese pension fund GPIF is to hold a higher share of domestic government bonds in the future in order to stabilize the Japanese bond market, this would entail capital outflows or at least reduced investment activity abroad. If this trend were to become entrenched, the stability of the global financial sphere would decline. Japan, which in the 21st century functioned as a stabilizing factor of the financial sphere through capital exports, would henceforth contribute to its destabilization. The capital outflows could quickly put pressure on the bond markets in the Western core states – foremost the USA.

<h3>From Chimerica to Nippomerica</h3>

The most effective lever with which the BoJ can intervene in the bond market and at least slow the depreciation of the yen consists in selling foreign exchange reserves, for example in the form of US government bonds (Treasuries). And Japan has plenty of those. By now, around 13 percent of all outstanding US bonds are in the hands of Japanese investors – their value amounts to no less than 1.2 trillion dollars. Thus Japan has replaced the People's Republic of China, which holds Treasuries worth only 682 billion dollars (just a few years ago it was more than a trillion dollars),<a href="#footnote-23" id="ref-23" target="_blank" rel="nofollow noopener">[23]</a> as the largest creditor of the United States. This means that the crisis of Japanese public finances automatically spills over to the United States, which under Trump is running a gigantic budget deficit.
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Now one of the most important features of the crisis period of neoliberal globalization comes to light: the great Pacific deficit cycle. The US, with the dollar as the world's leading currency, built up a gigantic trade deficit that enabled export-oriented countries such as China or Japan to generate enormous trade surpluses. This American deficit-driven economy stabilized the hyper-productive global economy, with export countries reinvesting their surpluses in the US financial sphere, for example in bonds. Corresponding to the flow of goods into the US in these deficit cycles is a financial flow of „finance-securities“ from the US toward the surplus countries. In recent years, a fundamental shift has thus taken place within the Pacific deficit cycle, in which China is rapidly reducing its holdings of American bonds while Japan has expanded them. The Chinese-American deficit cycle, formerly often referred to as Chimerica,<a href="#footnote-24" id="ref-24" target="_blank" rel="nofollow noopener">[24]</a> is now transitioning into an unstable American-Japanese deficit cycle that could be described as Nippomerica.
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The stagflationary crisis trap, the aporia of late-capitalist crisis policy, which demands mutually exclusive efforts from the political elites to curb inflation and stimulate the economy, is also reflected in Japanese-American relations. The US under Trump, on the one hand, desires a strong yen, bolstered by a high-interest-rate policy of the BoJ, in order to reduce the trade deficit with Japan. Despite US tariffs of 15 percent on most Japanese imports, Nippon was still able in 2025 to generate a substantial trade surplus of 7.5 trillion yen (48 billion dollars) vis-à-vis the US, which corresponds to a reduction of only 12.6 percent compared to 2024.<a href="#footnote-25" id="ref-25" target="_blank" rel="nofollow noopener">[25]</a> The depreciation of the Japanese currency undermines the tariff regime agreed between Japan and the US in mid-2025: in May, one dollar was worth 145 yen; by the end of the year, 155 yen had to be paid for a greenback.
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At the same time, however, a high interest rate level in Japan would destabilize the American bond market and push the US to the brink of a budget crisis, since this would lead to capital outflows and rising interest rates in the United States. According to an analysis by the investment bank Goldman Sachs, the “risk of contagion” is already present, as increases in Japanese bond yields of ten basis points were associated with a corresponding rise in yields of “two to three” basis points in the “US and elsewhere”.<a href="#footnote-26" id="ref-26" target="_blank" rel="nofollow noopener">[26]</a> A strong yen, tending to appreciate against the dollar, would moreover render impossible the outlined carry trade that channels Japanese capital into the US financial sphere. The crisis of capitalism is driving states and economic areas into ever harsher competition due to tendencies toward deindustrialization,<a href="#footnote-27" id="ref-27" target="_blank" rel="nofollow noopener">[27]</a> and at the same time it binds them together through the global accumulation of debt. This is one of those contradictions that the capitalist crisis process produces in excess. Specifically, the turbulence on the Japanese bond market at the end of January was initially smoothed only by the threat of an American-Japanese intervention, apparently coordinated between Washington and Tokyo.<a href="#footnote-28" id="ref-28" target="_blank" rel="nofollow noopener">[28]</a>
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The bluff worked for the time being, yet the US remains highly vulnerable to crisis. Trump's – well – “economic policy” consists of a reenactment of his first term, during which gigantic tax giveaways and deregulations for the US oligarchy<a href="#footnote-29" id="ref-29" target="_blank" rel="nofollow noopener">[29]</a> were passed within the framework of the Big Beautiful Bill 2025.<a href="#footnote-30" id="ref-30" target="_blank" rel="nofollow noopener">[30]</a> These tax breaks are intended to stimulate the economy through rising investment activity and increased consumption, similar to the first Trump presidency. The result is an extreme US budget deficit which, according to forecasts, is expected to swell from 5.8 percent of GDP in 2026 to 6.1 percent in the coming decade and to 6.7 percent in 2036 – this, mind you, is the unlikely best-case scenario without taking into account any crisis surges whatsoever.<a href="#footnote-31" id="ref-31" target="_blank" rel="nofollow noopener">[31]</a>

<h3>The European Nuclear Option</h3>

At the same time, the financing conditions for the U.S. government on the American bond market have deteriorated massively.<a href="#footnote-32" id="ref-32" target="_blank" rel="nofollow noopener">[32]</a> During Trump's first presidency, at the end of the large liquidity bubble between 2017 and early 2021, 10-year T-Bonds yielded on average less than two percent – now it's more than four percent. This difference from Trump's first term results from the end of the global financial bubble economy, which was stifled by the inflation period during the pandemic, as well as the decline of U.S. hegemony, which has increasingly eroded the position of the U.S. dollar as the world's reserve currency. And it is precisely Donald Trump who has accelerated this monetary erosion of the Greenback through his openly imperialist policies.<a href="#footnote-33" id="ref-33" target="_blank" rel="nofollow noopener">[33]</a> The fiscal situation in Washington can already be described as strained in view of a national debt of more than 120 percent of GDP: debt service now consumes more tax revenue than the bloated U.S. military budget.<a href="#footnote-34" id="ref-34" target="_blank" rel="nofollow noopener">[34]</a>
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The hegemony of the United States in the era of finance-driven neoliberal globalization was effectively based on deficit-driven crisis delay: the objective debt compulsion of the world system, which cushioned the effects of the IT revolution in the neoliberal age, took place through the afromentioned global deficit cycles – with the U.S. at their center. Washington could borrow cheaply in the world reserve currency, as long as the dollar was accepted by other export-oriented states or economic areas (China, Japan, EU) within the framework of hegemony, since they profited from it through export surpluses. Since Trump wants to put an end to this through protectionism, the global incentive to accept the Greenback as the world's reserve currency also disappears. Trump's erratic foreign policy so far – a mix of protectionism and oil imperialism – seems aimed at retaining the monetary advantages of hegemony by strengthening the dollar's role as an “oil currency” through attacks on resource-rich countries (Venezuela, possibly Iran), while at the same time eliminating the disadvantages of hegemony – above all the deindustrialization<a href="#footnote-35" id="ref-35" target="_blank" rel="nofollow noopener">[35]</a> of the U.S. – through protectionism and resource imperialism.
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Yet this imperialist approach already seems to be failing. With this confrontational strategy, the position of the Greenback as the world's reserve currency becomes precarious despite the imperialist oil wars, as Washington's rivals see little reason to continue accepting it as a reserve currency given the diminishing incentives. This became concrete during the Greenland conflict between the U.S. and the EU, when Trump was on the verge of militarily occupying the Arctic island.<a href="#footnote-36" id="ref-36" target="_blank" rel="nofollow noopener">[36]</a> The imperialists in Washington were not deterred by the Europeans' military posturing – which could not win a sustained military confrontation with the U.S. army in the Arctic – but by developments in the U.S. bond market. U.S. bond yields literally exploded on January 20, after several Scandinavian funds announced in response to Trump's threats that they would liquidate their positions in U.S. bonds.<a href="#footnote-37" id="ref-37" target="_blank" rel="nofollow noopener">[37]</a>
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“Europe owns Greenland, but it also owns a lot of Treasuries,” a Deutsche Bank analyst told Business Insider at the end of January.<a href="#footnote-38" id="ref-38" target="_blank" rel="nofollow noopener">[38]</a> The high U.S. dependence on foreign capital to finance Washington's deficits represents a “decisive weakness,” according to Business Insider, which estimated the volume of all American securities held by Europe at around eight trillion dollars – almost twice as much as all other countries and economic areas combined. And this is also the scale of the Atlantic deficit cycle, which allowed the former export world champion Germany, for example, to set new export records against the U.S. for years.<a href="#footnote-39" id="ref-39" target="_blank" rel="nofollow noopener">[39]</a>
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Europe's longest lever of power over Trump, therefore, does not consist of military potential, Arctic-ready brigades, or the like, but of the eight trillion dollars' worth of U.S. bonds lying dormant in digital bank vaults east of the Atlantic. It is an European nuclear option: the insurance of mutual economic destruction in the event of a conflict escalation. Because, of course, a massive sell-off of U.S. securities would backfire on Europe and only execute the core meltdown of the global financial system, which is increasingly looming anyway given the crisis maturity reached.

<h3>Bond Crisis and the AI Bubble</h3>

The decisive factor, then, is the objective crisis process, which asserts itself through deficit cycles and the now increasing crisis-imperialist conflicts. And it can be stated clearly that by now all safety mechanisms have been exhausted, which historically delayed the systemic piston seizure of the capital machine suffocating under its own contradictions.<a href="#footnote-40" id="ref-40" target="_blank" rel="nofollow noopener">[40]</a> States form the last line of defense of capital against its own contradictions, which drive it toward global and self-destruction. The increasing state intervention, the crisis tendency toward state capitalism, to which even the dull leftist opportunism along with the regressive old left cling, are expressions of the end time of capital. The bond markets of the central states form the cracked concrete, the eroding foundation of the world financial system. That is bedrock, to drift into gamer jargon – after that, there is nothing left, no further fallback position, no safety net to absorb the force of the crisis dynamics in the next wave. There remains only the collapse of capital in one or more centers of the world system.
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In fact, the era of the state as a central crisis actor also seems to be drawing to an end in the centers (in the semi-periphery, this has long been the case): The bond markets of all central countries are under pressure, not only in Japan and the US, but also in Europe, such as in France or Italy.<a href="#footnote-41" id="ref-41" target="_blank" rel="nofollow noopener">[41]</a> Even in Germany, the era of interest-free government debt has long passed. The era of finance-market-driven globalization tended to make state financing ever cheaper, as alternating speculation bubbles minimized the inflationary potential of expansive monetary policy and shifted it into the financial sphere („inflation of securities prices“). Since this is no longer possible, even a moderate rise in US bond yields, corresponding roughly to the levels at the beginning of the 21st century, is destabilizing, as the debt of central states is much higher after decades of costly crisis policies (in the case of the US, government debt rose from 60 percent of GDP in 2005 to over 120 percent in 2025).
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The new instability of the bond markets practically invites geopolitical instrumentalization. Bonds have now become both a means and an object of confrontation in the intensifying crisis competition. This was not only the case in the American-European dispute over Greenland. China is also trying to destabilize the US bond markets. In early February, Chinese financial regulators publicly urged the institutional investors of the „People's Republic“ to reduce their positions in Treasuries due to the „volatility“ of the US market.<a href="#footnote-42" id="ref-42" target="_blank" rel="nofollow noopener">[42]</a> The entire foundation of the globalization era, the deficit cycles with the American deficit economy at their center, is effectively disintegrating.
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The bond market is therefore already unstable. It only needs an external trigger to topple the entire precarious house of cards. And this trigger is clearly emerging: it is the AI bubble, whose bursting is only a matter of time.<a href="#footnote-43" id="ref-43" target="_blank" rel="nofollow noopener">[43]</a> Two patterns are already becoming apparent, which will again necessitate comprehensive state crisis interventions: On the one hand, there is the usual divergence in bubble formation between eager profit expectations in the new industry and the complex reality, which will be characterized by a few winners and many losers. Many of the new AI startups will simply go bankrupt (OpenAI?), while some established major corporations – such as Google – will capture a large part of the new markets. Moreover, the AI bubble is underpinned by an ecologically ruinous construction boom (data centers), which significantly contributes to the US economy and threatens to turn into billion-dollar investment ruins due to construction delays, energy shortages, exploding costs, and the rapid obsolescence of already acquired graphics cards.
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When this AI bubble bursts, Washington would have to pour trillions into stimulus programs to absorb the shock; moreover, the pressure on Trump would increase to rescue many of the technofascists exposed in the AI bubble, who helped him win the election, through billion-dollar bailouts. Oracle is particularly at risk, as it is controlled by the reactionary Trump confidant Larry Ellison, since the company is currently sinking billions into data centers and taking out enormous loans for this purpose.<a href="#footnote-44" id="ref-44" target="_blank" rel="nofollow noopener">[44]</a>
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In the medium term, however, the advancement of the AI industry weighs far more heavily than the bubble's troubled formation process. The survivors of the coming AI crash will fundamentally transform the late-capitalist mode of production, similar to the spread of the internet at the beginning of the 21st century.<a href="#footnote-45" id="ref-45" target="_blank" rel="nofollow noopener">[45]</a> What this means became clear in the crashes on the stock exchanges in early February, when new modules of the AI startup Anthropic raised fears of massive disruption in established software sectors. Nearly $300 billion were withdrawn from the affected IT sectors. Entire software licensing models and business areas based on workplace licenses and office work risk becoming simply obsolete.<a href="#footnote-46" id="ref-46" target="_blank" rel="nofollow noopener">[46]</a> The internal barrier of capital, its tendency constantly reinforced by innovation and competition to rid itself of its substance, the value-generating labor, now extends to the IT sector itself, which has largely automated industrial production since the late 1980s. The market value of programmers and sysadmins is also likely to decline soon.
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The states in the centers of the late capitalist system, which are already reaching the limits imposed by the markets in the form of rising interest burdens, will therefore inevitably become executors of the devaluation of value in the coming crisis wave. Either through inflation, by massively printing money and purchasing bonds via central banks, or through deflation, if austerity is pursued, which would devalue capital in its states of variable and constant capital.<p><em>Tomasz Konicz</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="nofollow noopener">[1]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=4j_7WqTxokw" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=4j_7WqTxokw</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="nofollow noopener">[2]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/wahlen-japan-102.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tagesschau.de/ausland/asien/wahlen-japan-102.html</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="nofollow noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.ft.com/content/68349aa9-9b4e-44a2-abd4-f1964308cf29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.ft.com/content/68349aa9-9b4e-44a2-abd4-f1964308cf29</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="nofollow noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/11/09/mountains-of-debt-on-the-move/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/11/09/mountains-of-debt-on-the-move/</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="nofollow noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.nzz.ch/wirtschaft/japans-scheinbare-stabilitaet-broeckelt-und-die-maerkte-werden-nervoes-ld.1922245" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nzz.ch/wirtschaft/japans-scheinbare-stabilitaet-broeckelt-und-die-maerkte-werden-nervoes-ld.1922245</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="nofollow noopener">[6]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="nofollow noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/12/30/japan-in-der-krise-mehr-alkoholismus-wagen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/12/30/japan-in-der-krise-mehr-alkoholismus-wagen/</a>
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="nofollow noopener">[10]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="nofollow noopener">[11]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fred.stlouisfed.org/series/ECBASSETSW" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fred.stlouisfed.org/series/ECBASSETSW</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="nofollow noopener">[12]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fred.stlouisfed.org/series/JPNASSETS" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fred.stlouisfed.org/series/JPNASSETS</a>
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="nofollow noopener">[14]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.jcer.or.jp/english/the-state-of-inflation-in-japan" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.jcer.or.jp/english/the-state-of-inflation-in-japan</a>
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<a href="#ref-17" id="footnote-17" target="_blank" rel="nofollow noopener">[17]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.cmegroup.com/education/featured-reports/abenomics-a-work-in-progress-after-five-years" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.cmegroup.com/education/featured-reports/abenomics-a-work-in-progress-after-five-years</a>
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<a href="#ref-21" id="footnote-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">[21]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2021/11/18/back-to-stagflation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2021/11/18/back-to-stagflation/</a>
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<a href="#ref-27" id="footnote-27" target="_blank" rel="nofollow noopener">[27]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/11/01/understanding-jd-vance/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/11/01/understanding-jd-vance/</a>
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<a href="#ref-28" id="footnote-28" target="_blank" rel="nofollow noopener">[28]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.ft.com/content/0cff24f9-3c5e-4aff-966a-ff34ef448a2d" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.ft.com/content/0cff24f9-3c5e-4aff-966a-ff34ef448a2d</a>
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<a href="#ref-29" id="footnote-29" target="_blank" rel="nofollow noopener">[29]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.americanprogress.org/article/7-ways-the-big-beautiful-bill-cuts-taxes-for-the-rich/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.americanprogress.org/article/7-ways-the-big-beautiful-bill-cuts-taxes-for-the-rich/</a>
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<a href="#ref-30" id="footnote-30" target="_blank" rel="nofollow noopener">[30]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/07/president-trumps-one-big-beautiful-bill-is-now-the-law/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.whitehouse.gov/articles/2025/07/president-trumps-one-big-beautiful-bill-is-now-the-law/</a>
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<a href="#ref-32" id="footnote-32" target="_blank" rel="nofollow noopener">[32]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tradingview.com/symbols/TVC-US10Y/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tradingview.com/symbols/TVC-US10Y/</a>
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<a href="#ref-38" id="footnote-38" target="_blank" rel="nofollow noopener">[38]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.businessinsider.com/trump-greenland-europe-us-asset-holdings-treasurys-shares-sell-america-2026-1?IR=T" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.businessinsider.com/trump-greenland-europe-us-asset-holdings-treasurys-shares-sell-america-2026-1?IR=T</a>
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<a href="#ref-39" id="footnote-39" target="_blank" rel="nofollow noopener">[39]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://jungle.world/artikel/2025/14/autoland-ist-abgebrannt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://jungle.world/artikel/2025/14/autoland-ist-abgebrannt</a>
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<a href="#ref-41" id="footnote-41" target="_blank" rel="nofollow noopener">[41]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://apnews.com/article/france-politics-economy-debt-taxes-72483f02abece038b1888cf43cb652ee" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://apnews.com/article/france-politics-economy-debt-taxes-72483f02abece038b1888cf43cb652ee</a>
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<a href="#ref-42" id="footnote-42" target="_blank" rel="nofollow noopener">[42]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.reuters.com/world/asia-pacific/china-urges-banks-curb-us-treasuries-exposure-bloomberg-news-reports-2026-02-09/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.reuters.com/world/asia-pacific/china-urges-banks-curb-us-treasuries-exposure-bloomberg-news-reports-2026-02-09/</a>
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<a href="#ref-43" id="footnote-43" target="_blank" rel="nofollow noopener">[43]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2024/08/05/ai-the-final-boost-to-automation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2024/08/05/ai-the-final-boost-to-automation/</a>
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<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 11:01:26 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/international/english/japanese-tightrope-walk-from-chimerica-to-nippomerica-009560.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Über die Freiheit: Die Autonomie des Menschen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/ueber-die-freiheit-die-autonomie-des-menschen-009558.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Am Anfang jeder Frage nach der Möglichkeit menschlicher Freiheit steht im Grunde das Menschenbild, das den jeweiligen Argumentationen zugrunde liegt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/22094251783_f6665bbde8_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/22094251783/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Da ich nach meinen Corona-Publikationen (zuletzt: Virus essen Seele auf – Corona: Eine Aufarbeitung findet nicht statt) wie auch meinen antimilitaristischen Werken (zuletzt: Nur Lumpen werden überleben - Die Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische Perspektive) wahlweise in die Nähe rechtsoffener „Freiheitsfreunde“ gerückt werde oder mir Putin-Freundschaft unterstellt wird, möchte ich hier ein- für allemal klarstellen, dass eine Kumpanei mit rechtem, autoritärem Denken wohl so etwa das letzte ist, was mir in den Sinn käme und was eigentlich auch aus meinen Büchern herauszulesen ist. Aber es geht in diesen Zeiten oft (und offenkundig!) schlicht darum, unliebsame Positionen zu delegitimieren, anstatt sich mit diesen inhaltlich auseinanderzusetzen.
<br><br>
Die Sache mit der Freiheit ist aber zu wichtig, um sie autoritären linken Strömungen (!) oder den Rechten zu überlassen. Deshalb hier ein kleiner Versuch zur Klärung, was den rechten Freiheitsbegriff (eigentlich ein Widerspruch in sich, da rechte Freiheit sich vor allem durch ihre Begrenzung „auszeichnet“) von einem anarchistischen, radikaldemokratischen Freiheitsverständnis unterscheidet.
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Denn es scheint eine merkwürdige Angelegenheit mit der Freiheit zu sein. In den Corona-Jahren kritisierten viele Linke einträchtig an der Seite der Regierenden eine „überzogene“, „egoistische“ oder „sozialschädliche“ Freiheit, während populistische Rechte sich auf den Wächterturm der Freiheit aufschwangen. Dabei konnten die Rechten, wenn sie „Freiheit durch Einheit“ oder „Keine Fremdbestimmung“ forderten, oder sich gegen „Versklavung“ wandten (so auf Transparenten bei „Querdenken“-Demos), nur mühsam ihren völkisch-nationalen/ nationalistischen Charakter der Freiheit, die sie meinten, verschleiern. Freiheit wurde, wie sich schon früh im Jahr 2020 zeigte, von beiden Seiten gleichermassen zu einem Kampfbegriff, einem Vorwurf und einer Floskel. Freiheit hatte nun Voraussetzungen („Freiheit durch Impfen“).
<br><br>
In der Pandemie erschien es, Freiheit sei wie eine Pflanze, die, wenn sie sich als zu sorgebedürftig, anspruchsvoll oder gar widerborstig erweist, auf dem Misthaufen entsorgt wird. Freiheit wurde beschränkt, um – vorgeblich und in der Regel, ohne die Betroffenen zuvor nach ihren Bedürfnissen befragt zu haben – Gefahren für Leib und Leben abzuwehren. Faktisch wurden im Namen des Lebens damit jedoch unzählige Tote in Kauf genommen – auch infolge sozialer Isolation. Sicherheit wurde gegen Freiheit gesetzt – um am Ende beides zu verlieren. Gerade mit Blick auf die Pandemie ist dabei der Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) in Erinnerung zu rufen: „Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach als über den Tod: seine Weisheit ist nicht ein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben“.<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Dies hat sich in den Pandemiejahren allerdings verändert: die Freiheit war ersichtlich auf den Hund gekommen.
<br><br>
Dass Freiheit nun von ihren Vertreter*innen im bisherigen gesellschaftskritischen Spektrum verworfen wurde (wenn man linke Bewegungen historisch als Kraft der Freiheit in der menschlichen Geschichte ausmacht) , während sie von den bisherigen Freiheitsfeinden hochgehalten wurde, ist nur auf den ersten Blick irritierend. Beiden Seiten, Befürworter*innen wie Kritiker*innen der Pandemiepolitik, liegt ein doppelt reduzierter Freiheitsbegriff zugrunde. Zum einen wird Freiheit auf die bürgerliche Freiheit reduziert, auf eine – wenigstens theoretische – Wahlfreiheit (der Konsumentscheidungen, der Parteien, des Arbeitsplatzes). Bedürfnisse werden geschaffen (es lässt sich köstlich verdienen daran), um diese dann zu befriedigen – so wird Freiheit mit Bedürfnisbefriedigung verwechselt.
<br><br>
Der freie Mensch wird als Ergebnis des bürgerlichen Staates postuliert – eine Schimäre, von der sich zu verabschieden es höchste Zeit wäre. Dass es einen faktischen Arbeitszwang gibt, um den Lebensunterhalt zu sichern, und dass dann selbst zahllosen (noch) Arbeitsplatzbesitzenden schon aus materiellen Gründen Teilhabe- und Wahlmöglichkeiten vorenthalten werden, oft selbst so existentielle Dinge wie Wohnraum, fällt bei diesem Trugbild unter den Tisch. Freiheit ist hier die Freiheit am Privateigentum, anders herum: frei ist nur, wer Eigentum hat, ansonsten ist lediglich die Unfreiheit (von der Leibeigenschaft zum Beispiel) durch eine neue Abhängigkeit (vom Käufer der Arbeitskraft) ersetzt, was individuell zweifellos eine graduelle Verbesserung ist, aber eben alles andere als eine umfassende Befreiung. „Die Freiheit der Wahl erlaubt dir, die Sosse zu wählen, mit der du gegessen werden möchtest“, spitzte es der Schriftsteller Eduardo Galeano (1940-2015) zu<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>.
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Emma Goldman brachte es einmal so auf den Punkt: „Ich glaube, dass Regierung, organisierte Autorität und Staat nur dazu dienen, Eigentum und Monopol aufrechtzuerhalten und zu schützen. Nutzen zeigten sie lediglich in dieser Funktion. Was ihre Funktion als Förderer individueller Freiheit, menschlichen Wohlstands und sozialer Harmonie anbelangt, welche einzig wirkliche Ordnung darstellen, so wurde die Regierung von allen grossen Männern der Welt als untauglich verworfen“<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>. Wie also kann der Staat, als Garant der Kapital- und Eigentumsverhältnisse, als Verteidiger von Freiheit missverstanden werden?
<br><br>
Ausserhalb des Eigentums sind die von der Staatsräson zugestandenen Freiheiten begrenzt. Das Freiheit „gewährt“ wird, sagt schon genug über die Sache aus, denn Freiheit kann nicht „gewährt“ werden, als ein rechtlicher Anspruch (und dann ebenso wieder entzogen werden), sie ist. Dies ist also, nähme man Freiheit ernst, ein Widerspruch in sich – das „Recht zur Freiheit“ markiert die Grenzpfähle der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer eingezäunten, ja verkrüppelten Zonen der Freiheit.
<br><br>
Jede Partei, die bestimmte „Essentials“ dieser Gesellschaft infragestellt, würde verboten, jeder entsprechenden Sozialbewegung drohte die umgehende Kriminalisierung – wie wir wissen geschieht dies bereits Menschen, die sich nur auf die Strasse kleben. Alternativen zu der Barbarei des sozial wie ökologisch zerstörerischen Kapitalismus (gemeinwohlorientierte, nachhaltige Wirtschaftsweisen) sind ebenso wenig vorgesehen wie Alternativen zur parlamentarischen Demokratie (basisdemokratische Ansätze oder ein Rätesystem etwa). Der Staat als Organisationsform darf nicht infrage gestellt werden, auch nicht die behauptete Alternativlosigkeit der Kriegstüchtigkeit, inklusive freiheitsentziehender Staatspflichten wie der Wehrpflicht etc.
<br><br>
Selbst ein offenkundig grundfalsches Rentensystem, die permanente Verschärfung der sozioökonomischen Spaltung, eine Vergesellschaftung und Re-Kommunalisierung der Grundversorgung (zum Beispiel Wohnraum oder Verkehrsmittel) und andere eigentlich noch reformistische Stichworte sind Tabus. „Eine Freiheit ohne die Möglichkeit, zwischen echten Alternativen wählen zu können, ist keine Freiheit“, mit diesen Worten kritisierte der ehemalige – aufgrund seiner Gesellschaftskritik dann entlassene – Konzernmanager Hans A. Pestalozzi (1929-2004) einen inhaltsleeren, ja missbrauchten Freiheitsbegriff. Und er fügte hinzu: „Merken wir denn nicht, dass diese Freiheit längst zum Konsumzwang geworden ist?“<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>
<br><br>
Wirkliche Freiheit wäre an einen Gesellschaftszustand gebunden, in dem niemand auf einem Grundstück ein Schild „Privateigentum“ aufstellt, in dem es keine ererbten oder andere allein aufgrund der Herkunft erworbenen und in Gesetzesnormen gegossenen Privilegien gibt, in dem niemand einem anderen seine (religiöse, staatliche, ökonomische…) Herrschaft aufzwingt, in der sich niemand an der Arbeitskraft anderer bereichern kann. Schon diese Aufzählung zeigt: es ist ein weiter Weg zur Freiheit.
<br><br>
Diese Engführung der Freiheit wird nicht nur nicht kritisiert (bei der rechten Seite des politischen Spektrums erstaunt das wenig, doch auch das linke Freiheitsverständnis ist beim grössten Teil dieses Milieus sehr reduziert), nein, sie wird vielfach gar nicht wahrgenommen – oder sogar noch aktiv verteidigt, indem beispielsweise die Regierung als eine Art selbstlose Schutzinstanz vor was auch immer missverstanden wird. „Die Menschen wollen Freiheit, und um sie zu erreichen, begeben sie sich in die Sklaverei der Institutionen, der sie nie wieder entrinnen“, notierte Leo Tolstoi (1828-1910) zutreffend in seinem Tagebuch<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>. Polemisch gesagt: die Menschen kämpfen für die Freiheit, die Art ihrer Unfreiheit selbst wählen zu dürfen.
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Am Anfang jeder Frage nach der Möglichkeit menschlicher Freiheit steht im Grunde das Menschenbild, das den jeweiligen Argumentationen zugrunde liegt (und sei es nur, um damit Ausbeutung und Herrschaft zu legitimieren). Deshalb seien hier einige Kernaussagen zusammengefasst.
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Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588-1679) betrachtete den Menschen als Hauptfeind des Menschen, deshalb bräuchte es einen institutionell abgesicherten Gesellschaftsvertrag, um das Funktionieren der Gesellschaft zu gewährleisten. Ein starker Staat, der das Arsenal hat, die erwünschte Ordnung auch durchzusetzen, wird so zu einer Notwendigkeit. Rund einhundert Jahre später versuchte der französisches Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) diese folgenschwere Behauptung, die den Menschen unter einen permanenten Generalverdacht stellt, mit seinem positiven Menschenbild zu entkräften: „Der Mensch ist von Natur aus gut“.
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Rousseau war also der Auffassung, dass nicht der Mensch von Grund auf böse ist: es sind die Verhältnisse. Ihre Umstände würden Menschen dazu zwingen, sich anderen Menschen gegenüber schlecht zu verhalten. Die Lebensbedingungen eines Menschen bestimmen nach Rousseau also sein Handeln. Zu denken ist etwa an eine – im Übrigen staatlich abgesicherte – kapitalistische Logik, die alles und jeden in Konkurrenz zueinander setzt, was nicht gerade dem Gemeinwohl zuträglich ist.
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Rousseau sah diesbezüglich gesellschaftsanalytisch klarer als etwa der Philosoph Immanuel Kant. Kant (1724-1804) sah den Menschen zwar aufgrund seiner Fähigkeit zur Vernunft als ebenfalls zur Freiheit fähig an, betonte aber auch die „Natur des Menschen“, ein Spannungsfeld also zwischen Willensfreiheit und Biologismus, wo Freiheit zwar möglich ist, nicht zwangsläufig aber immer zum Guten führen muss, siehe seine Schrift „Über das radikale Böse in der menschlichen Natur“ (1792). In seinem Spätwerk „Zum ewigen Frieden“ (1795) greift er als Korrektiv auf politischer Ebene dann auch völkerrechtlichen Gedanken vor, die erst gut hundert Jahre später nach und nach umgesetzt wurden.
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Die Erkenntnisse aus der Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882), die wiederum ein Jahrhundert nach Rousseau soziobiologisch zu einem pauschalen „Überleben des Stärkeren“ erweitert wurden, grundieren schliesslich die Durchsetzung ökonomischer Interessen zu Lasten der Bevölkerungsmehrheiten und zwingen diesen Massen dabei Handlungsweisen auf, die diese Logik noch verstärken. Allzu oft werden diese Handlungszwänge dann so verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr als Zwänge wahrgenommen werden.
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„Die glücklichsten Sklaven sind die grössten Feinde der Freiheit“, las ich vor Jahrzehnten auf einem Aufkleber. Ja, denn diese Sklaven – wie hier zugegeben zugespitzt formuliert wurde – wollen gar nicht mehr frei werden, allenfalls trachten sie nach einem Dasein als Sklavenaufseher. Wenn ökonomistische Logiken das Denken in allen Lebensbereichen dominieren, ist in der Tat keine Freiheit jenseits von (nur scheinbar individualisierten) Konsumentscheidungen mehr möglich. Der Kapitalismus ermöglicht dem oberen Prozent der Weltgesellschaft viele Freiheiten, für die anderen bleiben nur Brosamen. Denn was ist Freiheit ohne die Ressourcen zur Freiheit?
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Hochaktuell, was Octavio Paz bereits Anfang der 1980er Jahre festhielt: „Der Beweis für die Freiheit ist kein philosophischer, sondern ein existentieller: es gibt Freiheit immer dann, wenn es einen freien Menschen gibt, immer dann, wenn ein Mensch es wagt, Nein zur Macht zu sagen“<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>. Vor dem Mut aber, Nein zur Macht zu sagen, steht die Erkenntnis der Unfreiheit.
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„Wenn sich an der politischen und wirtschaftlichen Struktur des Kapitalismus in seiner heutigen Entwicklungsphase nichts ändert, haben wir keine Aussichten freiere Menschen zu werden“, hielt der Psychoanalytiker und Ethnologe Paul Paris (1916-2009) fest<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>. Das Beste für das Staats- und Konzernwohl ist entgegen weit verbreiteter Mythen eben nicht das Beste für die der Staats- und Kapitalgewalt unterworfenen Individuen. Neben der Makroebene des Wirtschaftssystems hätte ein Systemwechsel auch einen Mentalitätswechsel zur Folge, bzw. zur Voraussetzung.
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„Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn die alten Motivationen – Profit und Macht – durch neue ersetzt werden: Sein, Teilen, Verstehen; wenn der Marktcharakter durch den produktiven, liebesfähigen Charakter abgelöst wird und an die Stelle der kybernetischen Religion ein neuer, radikal-humanistischer Geist tritt“, notierte der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980)<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>.
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Zu unterscheiden ist dabei zwischen individuellen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen, wobei diese Ebenen vielfach miteinander verwoben sind. Eine kapitalistisch verfasste, konkurrenzbasierte, patriarchale Gesellschaft ist gleich mehrdimensional strukturell gewalthaft, und dies spiegelt sich in zwischenmenschlichen, familiären Beziehungen, also im individuellen Lebensbereich. Das heisst nicht – um ein Beispiel zu nennen –, dass jede Person, die persönlich Gewalt erlebte, diese auch reproduziert, die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass dies geschieht.
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Ein staatlicher Gewaltapparat setzt dem seine Drohungen entgegen, also eine destruktive Antwort auf eine destruktive Logik. Die Antwort auf angenommene, vermutete, unterstelle oder mögliche Gewalt ist – mehr Gewalt. Rousseaus Überzeugung hingegen ermöglicht es, auf humanistische Faktoren der Überwindung von „bösen“ Verhaltensweisen zu setzen. Eine freie Erziehung, Kreativität und Selbstverwirklichung sind hier zentrale Stichworte.
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Diese eher individuell orientierten Faktoren wurden vom russischen Anarchisten Peter Kropotkin (1842-1921) um die gesellschaftliche Ebene ergänzt: in seinem Werk mit dem sprechenden Titel „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ stellt Kropotkin dem Darwin'schen Konkurrenzprinzip solidarische, kooperative Prinzipien entgegen. Diese auf freiwilligen Vereinbarungen beruhende Kooperation ergänzt die individuelle Freiheit um Aspekte der Gemeinschaftlichkeit, die weit über eine karitative Wohltätigkeit hinausgehen, da sie von den Betroffenen selbst in die Hände genommen werden.
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In jüngerer Zeit griff der 1988 geborene niederländische Journalist Rutger Bregman sowohl Rousseau wie auch Kropotkin auf: in seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ kritisiert Bregman ein Menschenbild, das den Menschen vor allem als selbstbezogen und gewaltbereit kennzeichnet. Darwin nämlich (und Hobbes) sind überholt, wie neuere evolutionsbiologische Veröffentlichungen zeigen, die Bregmans Thesen wissenschaftlich fundieren. Dabei geht es hier nicht um naiven Optimismus, im Gegenteil. Bregman benennt Ursachen, die heute diesem „guten Menschen“ entgegenstehen.
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Er nennt u.a. fragwürdiges Loyalitätsverhalten, korrumpierende Macht und Hierarchien als Faktoren, aufgrund derer Menschen anderen Menschen Leid zufügen. „Der Mensch ist gut“ ist kein Grund, beruhigt die Hände in den Schoss zu legen. „Im Grunde gut“ ist eine Aufforderung zum Handeln, um eine Lebensrealität zu verändern, die diesem Guten entgegensteht – und so auch die Möglichkeit der Freiheit zurückholt.
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Wenn wir nun davon ausgehen, die Menschen wären fähig zur Freiheit, so hat das weitreichende Konsequenzen. „Die Tiere (ganz zu schweigen von den Mineralien oder Pflanzen) haben keine andere Wahl, als so zu sein, wie sie sind… Eine solche bindende Veranlagung erspart ihnen zweifellos viel Kopfzerbrechen“<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a>, so schrieb es der Philosoph Fernando Savater in einem Buch, das Fragen von Freiheit und Kritik Kindern nahezubringen versucht. Menschen sind zwar nicht frei im absoluten Sinn. Sie haben eine kulturelle Prägung, Gewohnheiten, ihnen wurden bestimmte Verhaltensweisen anerzogen und Denkweisen eingetrichtert.
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Wir können nicht auswählen, zu welcher Zeit wir in welche Familie hineingeboren werden, ob man uns angreift oder uns überfährt, ob wir schön sind oder krank. Trotz aller Bemühungen kann mancher Mensch nun mal nicht Profifussballer oder musikalisches Genie werden. Es lässt sich also nicht alles von unserem Willen steuern. Dennoch können wir uns entscheiden für Dinge, die ausserhalb dieser Programmierung liegen. Wir sind nicht frei darin, zu entscheiden, ob wir fähig zur Freiheit sind oder nicht. Wir sind es. Eine Termite, die desertiert, ist völlig ausgeschlossen. Ein Mensch aber kann „Nein!“ sagen. Wir können wählen, wie wir mit unseren Anlagen und Neigungen sowie den uns widerfahrenden Dingen umgehen. Wir müssen uns nicht von Medien manipulieren lassen. Wir können gehorchen – oder rebellieren. Freiheit ist eben kein Rechtszustand, sondern eine Frage der Geisteshaltung.
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Das macht die Sache in gewisser Weise noch schwerer, denn wie bringt man die Menschen dazu, die Freiheit auch zu leben, man kann sie ja schlecht zur Freiheit zwingen. „Wenn ihre eure Ketten nicht zerreisst – von selber brechen sie nicht!“, so brachte es der von den Nationalsozialisten ermordete Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) auf den Punkt. Die Freiheit, die nicht zur Zerstörung des Gehorsams gegenüber Herrschaftsstrukturen beiträgt, ist des Wortes nicht wert. Freiheit schliesst dabei, auch dies ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Corona-Erfahrungen zu betonen, stets den Irrtum ein – etwas, das der Termite nicht passieren kann.
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Die umfassend verstandene Freiheit ist eine Freiheit von etwas, nämlich zum Beispiel von patriarchaler Unterdrückung, von Herrschaftsverhältnissen, kapitalistischer Ausbeutung, von einer Verwertungslogik, die allem und jedem einen Preisstempel aufdrückt. Sie ist aber auch eine Freiheit zu etwas: zu einer selbstbestimmten Lebensweise, die empathisch die Mitmenschen einschliesst und am gemeinsamen Wohlergehen orientiert ist. Diese positive Freiheit lässt sich nicht allein aus der Ablehnung (eingebildeter oder realer) repressiver Bevormundung ableiten, sie ist eine Frage innerer Vorstellungen und Überzeugungen, vor allem eines fortwährenden Bemühens um die nicht nur eigene Freiheit, sondern die Freiheit aller; die Trennlinie zu einem rechtem Freiheitsverständnis, das danach trachtet, alles Unpassende/ Irritierende/ Störende/ Fremde auszublenden, wird hier hoffentlich offenkundig.
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Es geht um soziales Verbundensein, um Beziehungsweisen jenseits des unbarmherzigen Verteilungskampfes in einer Konkurrenzgesellschaft, die uns alle zu Gegner*innen der Anderen macht und so gerade das Gegenteil von Freiheit – auch von Freiheitsfähigkeit – zur Folge hat. Diese Freiheit ist eben nicht die Freiheit allein der Stärksten, wie es der Philosoph Isaiah Berlin (1909-1997) ausdrückte: „Die völlige Freiheit der Wölfe ist der Tod der Lämmer“<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>, es ist nicht das Freiheitsverständnis des argentinischen Präsidenten Javier Milei, der Elon Musk und die italienische neofaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni als „Kampfgefährten zur Verteidigung der Ideen der Freiheit“ bezeichnet<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>.
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Überlassen wir diesen falschen Freiheitsfreunden, die ihre exklusive „Freiheit“ als Synonym für schrankenlose Reichtum und schrankenlose Ausbeutung setzen, nicht länger den Freiheitsbegriff! Ein radikales Freiheitsverständnis hat sich daran zu bemessen, ob es zum guten Leben für alle beiträgt. Dieser libertäre<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Freiheitsbegriff schliesst Verantwortung ein – und es ist dieser Aspekt, den die einen den anderen in der Pandemiezeit absprachen, während die anderen ihn ignorierten. Jedes Individuum, das eine Wahl trifft, entscheidet in einer Gesellschaft nicht nur für sich (auch dann nicht, wenn der gesellschaftliche Rahmen nicht reflektiert wird), es sei denn man hätte sich für eine eremitische Lebensweise entschieden.
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Jede Gesellschaft ist insofern die Summe aus individuellen Teilen und Entscheidungen. Das schliesst Individualität nicht aus, im Gegenteil: „Freiheit ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden“<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a>. Es zeigt aber die Verbindung zwischen individuellen Entscheidungen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Dies zu ignorieren bedeutete ein Neben-, ja Gegeneinander: Egoismus in seiner negativsten Form statt Gemeinschaft. Denn diejenigen, die individuelle Freiheit verabsolutieren und soziale Freiheit dabei ignorieren, somit Selbstbestimmung lediglich für sich selbst geltend machen, sind Gegner*innen sozialer Emanzipation.
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Anders gesagt: individuelle Freiheit und Gemeinsinn bedingen einander beim Weg in eine befreite Gesellschaft. „Ich kann nicht selbstbestimmt sein in der Isolation. Ich kann nur Ich sein zusammen mit meinen Mitmenschen. Die Autonomie des Menschen, der anarchische Mensch führt zur Gemeinschaft“<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a>. Diese Autonomie kann nur tastend voranschreitend erlangt werden, denn Freiheit muss angesichts der Deformierung durch zerstörerische politisch-ökonomische Rahmenbedingungen erst (wieder) erlernt werden. Doch wenn die in Wechselwirkung zueinander stehenden Systeme von Freiheit und Gemeinschaft wie in der Pandemiezeit gegeneinander ausgespielt werden, beginnt dabei zugleich das Ende der Freiheit und des Gemeinwohls.<p><em>Gerald Grüneklee</em><p><small>Von der Redaktion der „Graswurzelrevolution“, in der der Text „Über die Freiheit“ ursprünglich erscheinen sollte (und der ich u.a. durch mehrere dort erschienene Texte zum Antimilitarismus nicht unbekannt bin) kam eine knappe Absage zum Text: „danke für das Artikelangebot. Aber der Artikel ist nix für uns“. Diese Absage wurde um ein Veto aus dem Herausgeberkreis der Zeitung ergänzt.
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<b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Spinoza, Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt (verfasst 1665, posthum veröffentlicht 1677)
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Eduardo Galeano (1997): Wandelnde Worte – Von Träumen, Maismenschen und Erzengeln; München: Limes, S. 71
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Zit. nach Robert J. Kozljanic (Hrsg.) (2025): XI. Jahrbuch für Lebensphilosophie 2023/ 2024/ 2025; München: Albunea, S. 85
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> Zit. nach <a class="fussnoten_links" href="https://www.alexk.at/p126149682" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.alexk.at/p126149682</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> Hier zitiert nach Lew Tolstoj (1991): Zeiten des Erwachens; Freiburg: Herder, S. 50
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> <a class="fussnoten_links" href="http://www.luriagesellschaft.de/media/Darmstadt%202020%20Ausblick.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://www.luriagesellschaft.de/media/Darmstadt%202020%20Ausblick.pdf</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Paul Parin (1977): Vom historischen Unbewussten zum psychoanalytischen Unbewussten, hier zit. nach Paul Parin (2025): Schönheit und Widerstand; Wien: Mandelbaum, S. 158
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a> Erich Fromm (1981): Haben oder Sein; München: DTV, S. 192 (zuerst 1976); anders als es hier den Eindruck erwecken könnte, war Fromm nicht der Ansicht, durch individuelles Verhalten eine neue Realität schaffen zu können, war er sich doch der Prägung des Individuums durch gesellschaftliche Einflüsse durchaus bewusst.
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Fernando Savater (2001): Tu was du willst – Ethik für die Erwachsenen von morgen, Weinheim/ Basel: Beltz & Gelberg, S. 24
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Zit. nach <a class="fussnoten_links" href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/politische-philosophie-isaiah-berlin-5vor8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/politische-philosophie-isaiah-berlin-5vor8</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://jacobin.de/artikel/musk-milei-zuckerberg-silicon-valley-rothbard-neoliberalismus-freiheit-anarchokapitalismus" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://jacobin.de/artikel/musk-milei-zuckerberg-silicon-valley-rothbard-neoliberalismus-freiheit-anarchokapitalismus</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Libertär als Synonym für anarchistisch – es meint eben nicht die „anarchokapitalistische“ Richtung der „Libertarians“, die einen Staat soweit abbauen wollen, dass er nur noch Garant ihrer Vorrechte gegen andere Menschen und Nationen ist, und für die Freiheit lediglich ein Synonym für wirtschaftsliberalen Egoismus ist.
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> Anna Schneider (2022): Freiheit beginnt beim Ich, München: DTV, S. 12; auf die liberalen Schlussfolgerungen, die die Autorin in ihrem Buch zieht, gehe ich hier nicht weiter ein, ich teile sie auch nicht.
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> Hans A. Pestalozzi im Radio-Interview (1989), hier nach <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=DtvOe-ziCyU" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=DtvOe-ziCyU</a></small>]]></description>
<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 10:49:20 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/ueber-die-freiheit-die-autonomie-des-menschen-009558.html</guid>
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<title><![CDATA[Japanische Gratwanderung: Von Chimerica zu Nippomerica]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/theorie/japanische-gratwanderung-von-chimerica-zu-nippomerica-009559.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Stützpfeiler des Weltfinanzsystems, die Anleihemärkte der Zentrumsstaaten, geraten ins Wanken.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Sanae_Takaichi_drums_with_Lee_Jae_Myung_in_Nara_2026_000189812_w.webp><p><small>Premierministerin Sanae Takaichi trommelt mit Lee Jae Myung beim Gipfeltreffen zwischen Südkorea und Japan in Nara, 13. Januar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sanae_Takaichi_drums_with_Lee_Jae_Myung_in_Nara_2026_000189812.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">内閣広報室｜Cabinet Public Affairs Office</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>„Japan, Japan / Samurai / und schon kommt / der Tod herbei.“ Abwärts<a href="#footnote-1" id="ref-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>
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Es war ein historischer Sieg für die inoffizielle japanische Staatspartei LDP (Liberaldemokratische Partei), den Premierministerin Sanae Takaichi bei den vorgezogenen Neuwahlen am 08. Februar erringen konnte.<a href="#footnote-2" id="ref-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Die LDP, deren Abgeordnete nun 316 von 465 Parlamentssitzen okkupieren werden, verfügt erstmals in der Nachkriegsgeschichte Japans über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Diesen überwältigenden Wahlsieg verdankt Frau Takaichi vor allem ihren populären Wahlversprechen, die in japanischer Tradition schuldenfinanzierte Sozial- und Konjunkturprogramme beinhalten. Takaichi will – trotz exorbitanter Staatsverschuldung – insbesondere die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel aussetzen, um den Inflationsdruck für Lohnabhängige zu mindern. Doch damit würde die rechtsgerichtete Regierungschefin abermals auf Kollisionskurs mit den Finanzmärkten gehen, die bereits Mitte Januar mit einem handfesten Marktbeben auf dieses populäre Vorhaben reagierten.
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Es waren extreme Marktbewegungen, die ebenfalls historische Ausmasse annahmen. Japans 40-jährige Anleihe erreichte Mitte Januar einen Zinssatz von mehr als vier Prozent, was einen extremen, noch nie verzeichneten Einbruch bei dem 2007 eingeführten Staatspapier mit ultralanger Laufzeit darstelle, erläuterte die Financial Times.<a href="#footnote-3" id="ref-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a> Bei Staatsanleihen verläuft die Zinsentwicklung umgekehrt zum Marktwert: Bei steigenden Kursen fällt der Zins, bei fallenden Kursen steigt die Verzinsung des Papiers. Je länger die Laufzeit einer Anleihe, desto höher der Zinsertrag.
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Und, das ist entscheidend, die Anleihemärkte der Zentrumsstaaten (USA, Japan, BRD, Grossbritannien, etc.) bildeten über lange Jahre das ödeste, langweiligste Segment der Weltfinanzsphäre, auf dem sich faktisch nichts Relevantes ereignete. Selbst während der grossen Finanzkrisen des 21. Jahrhunderts, etwa der Dot-Com-Blase oder der Immobilienspekulation, blieben die Märkte für Bonds bis 2020 relativ stabil. Und dieses Fundament, dieser Beton der Finanzsphäre, der schon nach dem pandemiebedingten Inflationsschub<a href="#footnote-4" id="ref-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a> ab 2020 erste Risse zeigte,<a href="#footnote-5" id="ref-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a> gerät ins Wanken, er scheint sich zu verflüssigen, in Treibsand überzugehen. Die Anleihemärkte der Zentren des Weltsystems, die bei jedem bisherigen Krisenschub als „sichere Häfen“ fungierten und folglich besonders niedrige oder gar negative Zinsen aufwiesen (zumeist USA, aber auch BRD während der Eurokrise), sie ähneln plötzlich den für krasse Kursausschläge bekannten Märkten der Semiperipherie.
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Wie dramatisch sich die Lage auf dem japanischen Bondmarkt Mitte Januar gestaltete, macht auch der Kurssprung der 30-jährigen Anleihe deutlich, deren Verzinsung binnen eines einzigen Handelstages um einen Viertelprozentpunkt zulegte.<a href="#footnote-6" id="ref-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a> Auch dies ist ein rekordverdächtiger Zinssprung, da für gewöhnlich die täglichen Zinsänderungen bei Staatspapieren in Basispunkten gemessen werden, wobei 100 Basispunkte einem Prozent entsprechen. Ein Blick zurück auf das Jahr 2021, in dem dieselbe Anleihe nur mit knapp einem Prozentpunkt verzinst wurde, zeigt deutlich, wie grundlegend sich die Lage auf dem japanischen Bondmarkt verändert hat.
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Japans Anleihemarkt mit seinem ehemals sehr niedrigen Zinsniveau galt über lange Dekaden als „günstige Finanzierungsquelle und Hort der Stabilität in Zeiten globalen Aufruhrs“, bemerkte die Nachrichtenagentur Bloomberg.<a href="#footnote-7" id="ref-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a> Zinssprünge von einem Viertelprozent, wie sie im Januar binnen eines Handelstages verzeichnet wurden, vollzogen sich noch vor wenigen Jahren im Zeitlupentempo, in „Wochen, wenn nicht in Monaten“, so Bloomberg.

<h3>Des Keynesianers feuchter (Alp-)Traum</h3>

Die scheinbare Stabilität in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts bildete ein Nebenprodukt der lang anhaltenden Deflationsperiode Japans, in die das Exportland nach dem Platzen der grossen japanischen Immobilienblase zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts verfiel. Diese „verlorenen Dekaden“ Nippons waren, neben tendenziell leicht fallenden Preisen, durch eine hartnäckige, lang anhaltende konjunkturelle Stagnation gekennzeichnet. Unabhängig von ihrer konkreten politischen Grundierung haben nahezu alle Regierungen in dieser rund 30-jährigen Deflationsperiode das Wirtschaftswachstum mit immer grösseren Konjunkturprogrammen zu beleben versucht, die sich allesamt als konjunkturelle Strohfeuer entpuppten. (Näheres siehe: „Mehr Alkoholismus wagen“)<a href="#footnote-8" id="ref-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>.
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Mitunter nahmen diese Konjunkturprogramme, die in ihren absurden Dimensionen den feuchten Träumen verbohrter Keynesianer entsprungen sein könnten, tragikomische Züge an – etwa, als die Regierung ein Förderprogramm für Alkoholkonsum unter jungen Japanern auflegte, um in klassisch nachfrageorientierter Politik die fallenden Umsätze der Branche samt sinkenden Steuereinnahmen zu revidieren. Und es sind gerade diese klassisch keynesianischen Konjunkturpakete, denen Japan nun die mit weitem Abstand höchste Staatsverschuldung aller Industriestaaten verdankt.
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Auf mehr als 230 Prozent der Wirtschaftsleistung summiert sich der Schuldenberg des japanischen Staates – bei Italien sind es „nur“ 136 Prozent. Und zugleich konnte, abgesehen von kurzen konjunkturellen Strohfeuern, der stagnative Trend der japanischen Ökonomie nicht durchbrochen werden.<a href="#footnote-9" id="ref-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Im gesamten 21. Jahrhundert pendelte das Wirtschaftswachstum Nippons zwischen zwei und 0,3 Prozent, unterbrochen durch die heftigen Kriseneinbrüche 2009 und 2020, die kurzfristig durch gigantische Konjunkturprogramme abgefedert wurden.
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Über lange Zeiträume lief dieser japanische Schuldenturmbau – gerade aufgrund der allgemeinen Nullzinspolitik der Notenbanken in der Spätphase der Globalisierung – auch reibungslos: Ein Grossteil der japanischen Staatsschulden wird von inländischen Investoren gehalten (mehr als 80 Prozent), was gerade in Krisenphasen stabilisierend wirkt. Japan konnte überdies – ähnlich der Bundesrepublik – über lange Zeiträume eine positive Handelsbilanz aufweisen, was faktisch einem Schuldenexport gleichkommt. Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus im Inland und der konjunkturellen Stagnation floss anlagesuchendes japanisches Kapital zunehmend ins Ausland, wodurch Nippon zu einem der wichtigsten Investoren avancierte. Japan hat beispielsweise China als den grössten Käufer von US-Staatsanleihen abgelöst. Zudem wurden Japans Schuldentürme in der Ära der Globalisierung und Finanzialisierung des Spätkapitalismus errichtet, die durch sinkende Leitzinsen und einander ablösende, beständig an Umfang gewinnende Spekulationsblasen gekennzeichnet war.
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Die scheinbare Stabilität Japans innerhalb dieser auf Pump laufenden globalen Blasenökonomie, die mit ihren Defizitkreisläufen die Grundlage des Zeitalters der neoliberalen Globalisierung bildete, erodierte nach deren inflationärem Ende aber zunehmend.<a href="#footnote-10" id="ref-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a> Aufgrund der hohen Verschuldung weigerte sich Japans Notenbank (Bank of Japan – BoJ), die allgemein durch die Notenbanken der Zentren ab 2021 vollzogene geldpolitische Abkehr von der extrem expansiven Geldpolitik nachzuvollziehen. Während die Fed und die EZB schon ab Mitte 2022 die Leitzinsen anhoben und ihre aufgeblähten Bilanzen durch eine Reduzierung von Wertpapieraufkäufen abbauten, konnte sich die BoJ erst im März 2024 zu dieser Kehrtwende durchringen. Das hohe Verschuldungsniveau und die hartnäckige Stagnation liessen die BoJ zögern. Auch wenn die Zinslast Japans viel niedriger ist als die der USA, bildet der Schuldendienst – nach den Sozialausgaben – inzwischen mit einem Umfang von rund 25 Prozent den zweitgrössten Haushaltsposten Tokios.<a href="#footnote-11" id="ref-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>

<h3>Japanische Gratwanderung</h3>

Tokios Abkehr von der expansiven Geldpolitik des neoliberalen Zeitalters wurde somit mit knapp zweijähriger Verspätung zu Brüssel und Washington eingeleitet. Dies manifestiert sich in den Bilanzen der Notenbanken, die in der Spätphase der Globalisierung (vor allem zwischen 2009 und 2021) mittels sogenannter quantitativer Lockerungen Wert- und Staatspapiere aufkauften, um die Finanzsphäre zu stabilisieren. Nach dem Beginn der Inflationsperiode musste diese extreme Form der expansiven Geldpolitik eingestellt werden.
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Die fälligen Anleihen wurden nicht mehr durch Neueinkäufe ersetzt, sodass die Bilanz der Fed von 8,9 Billionen Dollar Mitte 2022 auf inzwischen 6,5 Billionen abschmolz.<a href="#footnote-12" id="ref-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Ähnlich verhält es sich bei der EZB, die 2022 Wertpapiere im Umfang von 8,7 Billionen Euro hielt, um diese Anfang 2026 auf 6,2 Billionen zu reduzieren<a href="#footnote-13" id="ref-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> (Dabei scheint dieser Trend zur Reduzierung der Notenbankbilanz bereits erschöpft, die Aufkäufe von Staatsanleihen scheinen beiderseits des Atlantiks wieder zuzunehmen). Japans BoJ hat hingegen ihre Bilanz kaum abbauen können, sie liegt nur rund 11 Prozent unter dem historischen Höchststand von 2024.<a href="#footnote-14" id="ref-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a>
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Zudem ist die Zinswende Nippons noch bei Weitem nicht abgeschlossen, da der Leitzins bei der BoJ nur bei 0,75 Prozent liegt,<a href="#footnote-15" id="ref-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a> während die Inflation sich hartnäckig – schon seit vier Jahren – über der Marke von zwei Prozent hält, die von der Notenbank als monetäre Zielvorgabe ausgegeben wurde.<a href="#footnote-16" id="ref-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a> Inzwischen ist eine Verlangsamung der Teuerungsdynamik festzustellen, doch bleibt der Inflationsdruck weiterhin bestehen, da Japans Exportwirtschaft im hohen Masse auf Importe von Rohstoffen und Energieträgern angewiesen bleibt. Und dieser Preisauftrieb wird inzwischen partiell durch das Erreichen der äusseren, ökologischen Schranke des Kapitals angefacht:<a href="#footnote-17" id="ref-17" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[17]</a> durch die eskalierende Klimakrise und zunehmende Versorgungsengpässe mit essenziellen Rohstoffen und Vorprodukten. Eine Rückkehr zu den stabilen Verbraucherpreisen, an die sich Japans Konsumenten binnen der vergangenen Dekaden gewöhnt haben, ist somit kaum möglich.
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Takaichi scheint abermals die übliche japanische Strategie verfolgen zu wollen, aus den Schulden mittels Konjunkturprogrammen und begrenzter Inflation „herauszuwachsen“, die schon in den vergangenen Dekaden scheiterte, wobei diesmal der Fokus auf rechten Militärkeynesianismus (Rüstungsprogramm) und Massennachfrage gelegt wird.  Bislang gehen Schätzungen von einem Wirtschaftswachstum von rund einem Prozentpunkt für 2026 aus, nach nur 0,9 Prozent im vergangenen Jahr.<a href="#footnote-18" id="ref-18" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[18]</a> Doch – und das ist entscheidend – werden die Spielräume der Politik bei wachsender Verschuldung und hartnäckiger Inflation immer enger. Das grosse Vorbild Takaichis ist Ministerpräsident Shinzo Abe, dessen „Abenomics“<a href="#footnote-19" id="ref-19" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[19]</a> ab 2013 gigantische Investitionsprogramme von umgerechnet 224 Milliarden Dollar mit neoliberalen Strukturreformen koppelten. Trotz eines kurzfristigen konjunkturellen Strohfeuers konnte die Staatsverschuldung nur auf hohem Niveau stabilisiert werden (von 196 Prozent 2013 auf 191 Prozent des BIP 2018), um im Verlauf der Pandemie abermals zu explodieren.
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Doch den entscheidenden Unterschied zur Regierungszeit Abes bildet die globale Krisenepoche der Stagflation,<a href="#footnote-20" id="ref-20" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[20]</a> die im pandemiebedingten Krisenschub die globale Finanzblasenökonomie ablöste. Der Inflationsdruck nötigt die Geldpolitik zu einem höheren Zinsniveau. Zudem setzt die hohe Abhängigkeit von Ressourcen- und Energieimporten der japanischen Währung, dem Yen, zu, die tendenziell abwertet. Folglich befinden sich Regierung und Notenbank in Tokio in einer ähnlichen geldpolitischen Auseinandersetzung wie in Washington. Die BoJ – die ohnehin schon knapp 50 Prozent aller japanischen Staatsanleihen hält<a href="#footnote-21" id="ref-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[21]</a> – erklärte Anfang Februar, dass die Notenbank bei eventuellen Turbulenzen auf dem Bondmarkt, die durch die kreditfinanzierte Konjunkturpolitik Takaichis getriggert werden könnten, nur im äussersten Notfall intervenieren würde.<a href="#footnote-22" id="ref-22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[22]</a> Man werde nur bei einer spekulationsgetrieben „Panik“ einschreiten, wobei dies nur „kurzfristig“ geschehen würde, um langfristige Bondaufkaufprogramme zu vermeiden, hiess es seitens der BoJ.
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In Reaktion darauf machte man sich in Tokio auf die Suche nach alternativen Finanzierungsquellen: Der grösste Pensionsfonds Japans, der umgerechnet 1,8 Billionen Dollar umfassende Staatsfonds GPIF, soll vorzeitig seine konservativen Anlagerichtlinien ändern, um mehr japanische Staatsanleihen aufkaufen zu können.<a href="#footnote-23" id="ref-23" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[23]</a> Japans Pensionäre sollen in die Bresche springen, die von der BoJ hinterlassen wurde – gerade weil die Bondbestände japanischer Pensionsfonds mit umgerechnet 67,6 Billionen Yen um ein Vielfaches geringer sind als die der BoJ (522 Billionen).

<h3>Carry no more?</h3>

Die wirtschaftspolitische Gratwanderung, die Tokio aufgrund beständig wachsender Schuldenberge veranstalten muss, wird somit immer schwieriger – der Grat wird immer schmaler, um im Bild zu bleiben. Der sich zuspitzende Widerspruch zwischen Geldpolitik und Wirtschaftspolitik, zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturbelebung, der die spätkapitalistische Krisenpolitik in der gegenwärtigen Krisenphase mit ihren stagflativen Tendenzen prägt,<a href="#footnote-24" id="ref-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a> er wird in der hochgradig vernetzten japanischen Wirtschaft durch die Zins- und Währungsentwicklung noch intensiviert – und exportiert. Japan muss nicht nur einen Grossteil der Ressourcen und Energieträger importieren, was die Inflation aufgrund der anhaltenden Yen-Abwertung verstetigt, die Exportnation ist zudem einer der grössten Kapitalexporteure, dessen Kapital nun der globalen Finanzsphären entzogen werden könnte.
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Konkret: Die Überschuldung Japans lässt die japanische Währung (Yen) abwerten und die Inflation anheizen, worauf die Geldpolitik mit Zinsanhebungen reagiert, während die Zinsen japanischer Staatsanleihen in die Höhe schiessen. Interventionen der Notenbank, um mittels Aufkäufen den Anleihekurs zu stabilisieren, führen zu einer weiteren Abwertungen des Yen – dies ist einer de rkonkreten Gründe für die monetäre Zurückhaltung der BoJ. Damit wird aber die Zinsdifferenz zwischen Japan und dem Rest der Zentren immer weiter eingeebnet, die essenziell für die globalen Kapitalflüsse der vergangenen Dekaden war. Das niedrige Zinsniveau im deflationären Japan sorgte im 21. Jahrhundert dafür, dass anlagesuchendes japanisches Kapital massiv im Ausland angelegt wurde.
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Bloomberg<a href="#footnote-25" id="ref-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a> beziffert die japanischen Auslandsinvestitionen auf rund fünf Billionen Dollar. Hinzu kommen die sogenannten Carry Trades, bei denen ausländische Investoren niedrig verzinste Kredite in Yen aufnehmen, um dieses Kapital dann in Märkten mit einem höheren Zinsniveau zu investieren. Der Umfang dieser spekulativen Yen-Wetten, die hochgradig von der Währungsentwicklung abhängig sind, ist nicht exakt quantifizierbar, er geht in die Billionen. Bloomberg schätzt den das aktuelle Volumen der japanischen Carry Trades auf 1,1 Billionen Dollar.
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Ein dauerhaft höheres Zinsniveau in Japan, ein nachhaltiges Einebnen der besagten Zinsdifferenz zwischen Japan und den westlichen Zentren würde zu einer Umkehrung der japanischen Kapitalströme führen. Wenn, wie oben erwähnt, der japanische Pensionsfonds GPIF künftig einen höheren Anteil an inländischen Staatsanleihen halten soll, um den japanischen Bondmarkt zu stabilisieren, dann geht das mit Kapitalabflüssen oder zumindest verringerter Investitionstätigkeit im Ausland einher. Damit würde – sollte sich dieser Trend verstetigen – die Stabilität der globalen Finanzsphäre abnehmen. Japan, das im 21. Jahrhundert mittels Kapitalexport als ein Stabilitätsfaktor der Finanzsphäre fungierte, würde fortan zu ihrer Destabilisierung beitragen. Die Kapitalabflüsse könnten vor allem die Anleihemärkte in den westlichen Zentrumsstaaten – allen voran den USA – rasch unter Druck setzen.

<h3>Von Chimerica zu Nippomerica</h3>

Der effektivste Hebel, mit dem die BoJ auf dem Anleihemarkt intervenieren und die Abwertung des Yen zumindest verlangsamen kann, besteht im Verkauf von Devisenreserven, etwa in Form von US-Staatsanleihen (Treasuries). Und davon hat Japan jede Menge. Inzwischen befinden sich rund 13 Prozent aller ausstehenden US-Anleihen im Besitz japanischer Investoren – deren Wert summiert sich auf immerhin 1,2 Billionen Dollar. Damit hat Japan die Volksrepublik China, die Treasuries im Wert von nur noch 682 Milliarden Dollar hält (noch vor wenigen Jahren war es mehr als eine Billion Dollar),<a href="#footnote-26" id="ref-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a> als den grössten Gläubiger der Vereinigten Staaten abgelöst. Dies bedeutet, dass die Krise der japanischen Staatsfinanzen automatisch auf die Vereinigten Staaten ausstrahlt, die auch unter Trump ein gigantisches Haushaltsdefizit aufweisen.
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Hier tritt eines der wichtigsten Merkmale der Krisenperiode der neoliberalen Globalisierung zutage: der grosse pazifische Defizitkreislauf. Die USA mit dem Dollar als Weltleitwährung bildeten ein gigantisches Handelsdefizit aus, das exportorientierten Ländern wie China oder Japan enorme Handelsüberschüsse ermöglichte. Diese amerikanische Defizitkonjunktur stabilisierte die hyperproduktive Weltwirtschaft, wobei es gerade die Exportländer waren, die ihre Überschüsse wieder in der US-Finanzsphäre, etwa in Anleihen, investieren.
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Dem Warenstrom in die USA korrespondiert in diesen Defizitkreisläufen ein Finanzwarenstrom aus den USA in Richtung der Überschussländer. In den vergangenen Jahren hat sich somit innerhalb des pazifischen Defizitkreislaufes eine grundlegende Verschiebung vollzogen, bei der China seine amerikanischen Anleihebestände rasch abbaut, während Japan diese ausbaute. Der chinesisch-amerikanische Defizitkreislauf, früher gerne als Chimerica<a href="#footnote-27" id="ref-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a> bezeichnet, geht nun in einen instabilen amerikanisch-japanischen Defizitkreislauf über, der etwa als Nippomerica bezeichnet werden könnte.
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Die stagflationäre Krisenfalle, die Aporie spätkapitalistischer Krisenpolitik, die von den Funktionseliten einander ausschliessende Bestrebungen zur Inflationsdämpfung und Konjunkturbelebung verlangt, spiegelt sich auch im japanisch-amerikanischen Verhältnis wieder. Die USA unter Trump wünschen sich einerseits einen starken Yen, der durch Hochzinspolitik der BoJ aufgepäppelt wird, um das Handelsdefizit mit Japan abzubauen.<a href="#footnote-28" id="ref-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a> Trotz der US-Zölle von 15 Prozent auf die meisten japanische Importe<a href="#footnote-29" id="ref-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a> konnte Nippon 2025 immer noch einen stattlichen Handelsüberschuss von 7,5 Billionen Yen (48 Milliarden Dollar) gegenüber den USA erwirtschaften, was einer Reduzierung von nur 12,6 Prozent gegenüber 2024 entspricht. Die Abwertung der japanischen Währung konterkariert das Mitte 2025 zwischen Japan und den USA beschlossene Zollregime: Im Mai war ein Dollar 145 Yen wert, gegen Jahresende mussten 155 Yen für einen Greenback aufgewendet werden.
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Doch zugleich würde ein hohes Zinsniveau in Japan den amerikanischen Anleihemarkt destabilisieren und die USA an den Rand einer Haushaltskrise treiben, da dies zu Kapitalabflüssen und steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten führen würde. Laut einer Analyse der Investmentbank Goldman Sachs ist die „Ansteckungsgefahr“ bereits gegeben, da Anstiege japanischer Anleihezinsen um zehn Basispunkte mit zu einem korrespondierenden Zinsanstieg von „zwei bis drei“ Basispunkten in den „USA und anderswo“ führten.<a href="#footnote-30" id="ref-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a>
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Ein starker, tendenziell gegenüber dem Dollar aufwertender Yen würde überdies den skizzierten Carry Trade verunmöglichen, der japanisches Kapital der US-Finanzsphäre zuführt. Die Krise treibt die Staaten und Wirtschaftsräume aufgrund der Deindustrialisierungstendenzen in immer härtere Konkurrenz, und zugleich kettet sie diese aneinander vermittels des globalen Schuldenturmbaus. Dies ist einer jener Widersprüche, die der kapitalistische Krisenprozess im Übermass fabriziert. Konkret wurden die Turbulenzen auf dem japanischen Bondmarkt Ende Januar nur durch die Drohung einer amerikanisch-japanischen Intervention vorerst geglättet, die offenbar zwischen Washington und Tokio abgesprochen wurde.<a href="#footnote-31" id="ref-31" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[31]</a>
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Der Bluff ging vorerst auf, doch bleiben die USA im hohen Mass krisenanfällig. Trumps – nun ja – „Wirtschaftspolitik“ besteht in einem Reenactment seiner ersten Legislaturperiode, bei dem gigantische Steuergeschenke und Deregulierungen für die US-Oligarchie<a href="#footnote-32" id="ref-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a> im Rahmen des Big Beautifull Bill<a href="#footnote-33" id="ref-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a> 2025 beschlossen wurden. Diese Steuererleichterungen sollen die Konjunktur mittels steigender Investitionstätigkeit und vermehrten Konsums ähnlich ankurbeln wie während der ersten Trump-Präsidentschaft. Hieraus resultiert ein extremes US-Haushaltsdefizit, das Prognosen zufolge von 5,8 Prozent des BIP 2026 über 6,1 Prozent in der kommenden Dekade und auf 6,7 Prozent in 2036 anschwellen soll – dies ist, wohlgemerkt, das unwahrscheinliche Best-Case-Szenario ohne Berücksichtigung jeglicher Krisenschübe.<a href="#footnote-34" id="ref-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a>

<h3>Die europäische Nuklearoption</h3>

Dabei haben sich auch die Finanzierungskonditionen des US-Staates auf dem amerikanischen Bondmarkt massiv verschlechtert.<a href="#footnote-35" id="ref-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a> Während der ersten Präsidentschaft Trumps, am Ende der grossen Liquiditätsblase zwischen 2017 und Anfang 2021, wurden 10-jährige T-Bonds im Schnitt mit weniger als zwei Prozent verzinst – nun sind es mehr als vier Prozent. Dieser Unterschied zur ersten Amtszeit Trumps resultiert aus dem Ende der globalen Finanzblasenökonomie, die durch die Inflationsperiode während der Pandemie abgewürgt wurde, sowie dem Auslaufen der US-Hegemonie,<a href="#footnote-36" id="ref-36" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[36]</a> wodurch auch die Stellung des US-Dollars als Weltleitwährung zunehmend erodiert. Und es ist gerade Donald Trump, der diesen monetären Erosionsprozess des Greenback durch seine offen imperialistische Politik beschleunigt.<a href="#footnote-37" id="ref-37" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[37]</a> Die Haushaltslage in Washington kann angesichts einer Staatsverschuldung von mehr als 120 Prozent des BIP<a href="#footnote-38" id="ref-38" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[38]</a> längst als angespannt bezeichnet werden: der Schuldendienst verschlingt inzwischen mehr Steuereinnahmen als der aufgeblähte US-Militärhaushalt.<a href="#footnote-39" id="ref-39" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[39]</a>
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Die Hegemonie der Vereinigten Staaten in der Ära der finanzmarktgetriebenen neoliberalen Globalisierung beruhte faktisch auf defizitärer Krisenverzögerung: Der objektive Verschuldungszwang des Weltsystems,<a href="#footnote-40" id="ref-40" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[40]</a> mit dem die Folgen der IT-Revolution im neoliberalen Zeitalter abgefedert wurden, vollzog sich mittels besagter globaler Defizitkreisläufe – mit den USA in deren Zentrum. Washington konnte sich in der Weltleitwährung Dollar günstig verschulden, solange der Dollar im Rahmen der Hegemonie auch von anderen exportorientierten Staaten oder Wirtschaftsräumen (China, Japan, EU) akzeptiert wurde, da sie mittels Exportüberschüssen davon profitierten.
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Da Trump dem ein Ende setzen will mittels Protektionismus, fällt auch der globale Anreiz weg, den Greenback als Weltleitwährung zu akzeptieren. Trumps bisherige erratische Aussenpolitik,<a href="#footnote-41" id="ref-41" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[41]</a> eine Mischung aus Protektionismus und Öl-Imperialismus, scheint darauf abzuzielen, die monetären Vorteile der Hegemonie zu behalten, indem die Rolle des Dollar als „Ölwährung“ mittels Angriffen auf ressourcenreiche Länder gestärkt wird (Venezuela, eventuell Iran), während zugleich die Nachteile der Hegemonie – vor allem die Deindustrialisierung der USA<a href="#footnote-42" id="ref-42" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[42]</a> – durch Protektionismus und Ressourcenimperialismus beseitigt werden sollen.
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Doch scheint dieses imperialistische Vorgehen bereits zu scheitern. Mit dieser Konfrontationsstrategie wird die Stellung des Greenback als Weltleitwährung trotz der imperialistischen Ölkriege prekär, da die Konkurrenz Washingtons angesichts schwindender Anreize kaum noch Veranlassung sieht, diesen als Weltleitwährung zu akzeptieren.<a href="#footnote-43" id="ref-43" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[43]</a> Dies wurde konkret während des Grönland-Konflikts zwischen den USA und der EU deutlich, bei dem Trump kurz davor stand, die arktische Insel militärisch zu besetzen.<a href="#footnote-44" id="ref-44" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[44]</a> Abgehalten wurden die Imperialisten in Washington nicht von den militärischen Drohgebärden der Europäer,<a href="#footnote-45" id="ref-45" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[45]</a> die eine anhaltende militärische Auseinandersetzung mit der US-Armee in der Arktis nicht gewinnen könnten, sondern von der Entwicklung auf dem US-Anleihemarkt. Die Zinsen amerikanischer Anleihen explodierten regelrecht am 20. Januar,<a href="#footnote-46" id="ref-46" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[46]</a> nachdem etliche skandinavische Fonds in Reaktion auf die Drohungen Trumps ankündigten, ihre Positionen in US-Bonds zu liquidieren.
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Europa „besitzt Grönland, aber es besitzt auch jede Menge von Treasuries“, erklärte ein Analyst der Deutsche Bank gegenüber dem Business Insider Ende Januar.<a href="#footnote-47" id="ref-47" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[47]</a> Die hohe Abhängigkeit der USA vom ausländischen Kapital zur Finanzierung der Defizite Washingtons stelle eine „entscheidende Schwäche“ dar, so der Business Insider, der das Volumen aller amerikanischer Wertpapiere im Besitz Europas auf rund acht Billionen Dollar bezifferte – nahezu doppelt so viel, wie bei allen anderen Ländern und Wirtschaftsräumen zusammengenommen. Und dies ist auch der Umfang des atlantischen Defizitkreislaufs, der es etwa dem ehemaligen Exportweltmeister Deutschland ermöglichte, jahrelang immer neue Exportrekorde gegenüber den USA aufzustellen.<a href="#footnote-48" id="ref-48" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[48]</a>
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Der längste Machthebel Europas gegenüber Trump besteht somit nicht aus militärischem Potenzial, aus arktistauglichen Brigaden oder Ähnlichem, sondern aus den US-Anleihen im Wert von acht Billionen Dollar, die in digitalen Banktresoren östlich des Atlantiks schlummern. Es ist eine Art europäischer Nuklearoption: die Versicherung beiderseitiger ökonomischer Vernichtung im Falle einer Konflikteskalation. Denn selbstverständlich würde ein massenhaftes Abstossen von US-Wertpapieren auf Europa zurückschlagen und nur die Kernschmelze des Weltfinanzsystems exekutieren, die sich ohnehin angesichts der erreichten Krisenreife immer stärker abzeichnet.

<h3>Bondmisere und KI-Blase</h3>

Entscheidend ist somit der objektive Krisenprozess, der sich vermittels der Defizitkreisläufe und der nun zunehmenden krisenimperialistischen Auseinandersetzungen<a href="#footnote-49" id="ref-49" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[49]</a> durchsetzt. Und hier lässt sich eindeutig konstatieren, dass inzwischen alle Sicherheitsmechanismen aufgebraucht sind, mit denen der systemische Kolbenfresser<a href="#footnote-50" id="ref-50" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[50]</a> der an ihren Widersprüchen erstickenden Kapitalmaschine historischen verzögert wurde. Die Staaten bilden die letzte Verteidigungslinie des Kapitals vor seinen eigenen Widersprüchen, die es in die Welt- und Selbstzerstörung<a href="#footnote-51" id="ref-51" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[51]</a> treiben.
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Die zunehmende staatliche Interventionstätigkeit, die Krisentendenz zum Staatskapitalismus, an die sich auch der dumpfe Linksopportunismus<a href="#footnote-52" id="ref-52" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[52]</a> samt der regressiven Altlinken<a href="#footnote-53" id="ref-53" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[53]</a> klammert, sie sind Ausdruck der Endzeit des Kapitals. Die Anleihemärkte der Zentrumsstaaten bilden den rissigen Beton, das erodierende Fundament des Weltfinanzsystems. Das ist Bedrock, um mal in den Gamerjargon abzudriften – danach kommt nichts mehr, da ist keine weitere Rückzugsposition, keine Auffanglinie gegeben, um die Wucht der Krisendynamik beim nächsten Krisenschub aufzufangen. Da ist nur noch der Kollaps des Kapitals in einem oder mehreren Zentren des Weltsystems.
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Tatsächlich scheint sich die Ära des Staates als zentralem Krisenakteur auch in den Zentren dem Ende zuzuneigen (in der Semiperipherie ist dies längst der Fall): Die Bondmärkte aller Zentrumsländer sind unter Druck, nicht nur in Japan und den USA, sondern auch in Europa, etwa in Frankreich<a href="#footnote-54" id="ref-54" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[54]</a> oder Italien. Selbst in der Bundesrepublik ist die Zeit der zinsfreien Staatsverschuldung längst vorbei.<a href="#footnote-55" id="ref-55" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[55]</a> Die Ära der finanzmarktgetriebenen Globalisierung hat die Staatsfinanzierung in der Tendenz immer günstiger gestaltet, da die einander abwechselnden Spekulationsblasen das inflationäre Potenzial expansiver Geldpolitik minimierten und in die Finanzsphäre verschoben („Inflation der Wertpapierpreise“). Da dies nicht mehr möglich ist, wirkt selbst ein moderater Zinsanstieg bei US-Anleihen, der etwa dem Niveau zu Beginn des 21. Jahrhunderts entspricht,<a href="#footnote-56" id="ref-56" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[56]</a> destabilisierend, da die Verschuldung der Zentrumsstaaten nach Dekaden kostspieliger Krisenpolitik viel höher ist (Im Fall der USA stieg die Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIP 2005 auf mehr als 120 Prozent 2025).
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Die neue Instabilität der Anleihemärkte lädt förmlich zur machtpolitischen Instrumentalisierung ein. Bonds fungieren inzwischen als Mittel und Objekt der Auseinandersetzung in der sich zuspitzenden Krisenkonkurrenz. Dies war nicht nur im Fall der amerikanisch-europäischen Auseinandersetzung um Grönland der Fall. China versucht ebenfalls, die US-Anleihemärkte zu destabilisieren.<a href="#footnote-57" id="ref-57" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[57]</a> Anfang Februar haben chinesische Finanzaufsichtsbehörden die institutionellen Anleger der „Volksrepublik“ öffentlich aufgefordert, ihre Positionen in Treasuries aufgrund der „Volatilität“ des US-Marktes zu reduzieren. Das gesamte Fundament des Zeitalters der Globalisierung, die Defizitkreisläufe mit der amerikanischen Defizitkonjunktur in deren Zentrum, befindet sich faktisch in Auflösung.
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Der Anleihemarkt ist somit bereits instabil. Es braucht nur noch einen äusseren Trigger, der das ganze in Schieflage befindliche Kartenhaus vollends umkippen lässt. Und dieser Trigger zeichnet sich überdeutlich ab: Es ist die KI-Blase,<a href="#footnote-58" id="ref-58" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[58]</a> deren Platzen nur noch eine Frage der Zeit ist. Zwei Verlaufsformen zeichnen sich bereits deutlich ab, die abermals umfassende staatliche Kriseninterventionen notwendig machen werden: Zum einen ist es der bei Blasenbildung übliche Abgrund zwischen den raschen Gewinnerwartungen in der neuen Branche und der komplexen Realität, die durch wenige Gewinner und viele Verlierer gekennzeichnet sein wird.
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Viele der neuen KI-Startups werden schlich pleite gehen (OpenAI?), während einige etablierte Grosskonzerne – etwa Google – einen Grossteil der neuen Märkte erobern werden. Zudem liegt der KI-Blase ein ökologisch ruinöser Bauboom zugrunde (Datenzentren), der massgeblich zur US-Konjunktur beiträgt und sich aufgrund von Bauverzögerungen, Energiemangel, explodierender Kosten und der raschen Obsoleszenz bereits erworbener Grafikkarten in milliardenschwere Investitionsruinen zu verwandelt droht.
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Beim Platzen dieser KI-Blase müsste Washington Billionen in Konjunkturprogramme fliessen lassen, um den Schock zu absorbieren, zudem würde der Druck auf Trump steigen, viele der in der KI-Blase exponierten Technofaschisten, die ihm zur Wahl verholfen haben, durch milliardenschwere Bailouts zu retten. Besonders gefährdet ist gerade Oracle, das vom reaktionären Trump-Vertrauten Larry Ellison kontrolliert wird, da der Konzern gerade Milliarden in Datencentern versenkt und hierfür enorme Kredite aufnimmt.<a href="#footnote-59" id="ref-59" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[59]</a>
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Mittelfristig wiegt aber gerade die Durchsetzung der KI-Branche weitaus schwerer, als deren mit der üblichen Blasenbildung einhergehende Genese. Die Überlebenden des kommenden KI-Crashs werden die spätkapitalistische Produktionsweise grundlegend transformieren,<a href="#footnote-60" id="ref-60" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[60]</a> ähnlich der Durchsetzung des Internets zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Was dies bedeutet, machten die Kurseinbrüche an den Börsen Anfang Februar deutlich,<a href="#footnote-61" id="ref-61" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[61]</a> als neue Module des KI-Startups Anthropic Befürchtungen über massive Disruptionen etablierter Softwarezweige aufkommen liessen. Knapp 300 Milliarden Dollar wurden aus den betroffenen IT-Zweigen abgezogen.
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Ganze Softwarelizenzmodelle und Geschäftsfelder, die auf Arbeitsplatzlizenzen und Büroarbeit beruhen, drohen schlicht obsolet zu werden. Die innere Schranke des Kapitals, seine durch Innovation und Konkurrenz beständig beförderte Tendenz, sich seiner Substanz, der wertbildenden Arbeit zu entledigen, greift nun auch auf die IT-Branche selber über, die seit den späten 80ern die Industrieproduktion weitgehend automatisierte. Der Marktwert von Programmierern und Sysadmins dürfte ebenfalls bald sinken.
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Die Zentrumsstaaten, die schon jetzt an die Grenzen stossen, die ihnen die Märkte ganz konkret in Gestalt steigender Zinslasten setzen, werden somit im kommenden Krisenschub zwangsläufig zu Exekutoren der Entwertung des Werts werden. Entweder mittels Inflation, indem massiv Geld gedruckt und Anleihen von den Notenbanken aufgekauft werden, oder mittels Deflation, falls der Weg der Austerität gesucht werden sollte, der den Wert in seinen Aggregatzuständen des Variablen– und Konstanten Kapitals entwerten würde.<p><em>Tomasz Konicz</em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=4j_7WqTxokw" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=4j_7WqTxokw</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/wahlen-japan-102.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tagesschau.de/ausland/asien/wahlen-japan-102.html</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.ft.com/content/68349aa9-9b4e-44a2-abd4-f1964308cf29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.ft.com/content/68349aa9-9b4e-44a2-abd4-f1964308cf29</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2021/08/08/dreierlei-inflation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2021/08/08/dreierlei-inflation/</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/07/22/schuldenberge-in-bewegung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/07/22/schuldenberge-in-bewegung/</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.nzz.ch/wirtschaft/japans-scheinbare-stabilitaet-broeckelt-und-die-maerkte-werden-nervoes-ld.1922245" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nzz.ch/wirtschaft/japans-scheinbare-stabilitaet-broeckelt-und-die-maerkte-werden-nervoes-ld.1922245</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/12/30/japan-in-der-krise-mehr-alkoholismus-wagen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/12/30/japan-in-der-krise-mehr-alkoholismus-wagen/</a>
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fred.stlouisfed.org/series/ECBASSETSW" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fred.stlouisfed.org/series/ECBASSETSW</a>
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fred.stlouisfed.org/series/JPNASSETS" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fred.stlouisfed.org/series/JPNASSETS</a>
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<a href="#ref-16" id="footnote-16" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[16]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.jcer.or.jp/english/the-state-of-inflation-in-japan" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.jcer.or.jp/english/the-state-of-inflation-in-japan</a>
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<a href="#ref-24" id="footnote-24" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[24]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/</a>
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<a href="#ref-25" id="footnote-25" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[25]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates</a>
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<a href="#ref-26" id="footnote-26" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[26]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.msn.com/en-us/money/economy/mohamed-el-erian-sounds-alarm-as-china-s-us-treasury-share-hits-15-year-low-at-7/ar-AA1WrD2j" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.msn.com/en-us/money/economy/mohamed-el-erian-sounds-alarm-as-china-s-us-treasury-share-hits-15-year-low-at-7/ar-AA1WrD2j</a>
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<a href="#ref-27" id="footnote-27" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[27]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2010/09/18/zerbricht-chimerica/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2010/09/18/zerbricht-chimerica/</a>
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<a href="#ref-28" id="footnote-28" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[28]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.nippon.com/en/japan-data/h02684/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nippon.com/en/japan-data/h02684/</a>
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<a href="#ref-29" id="footnote-29" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[29]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.congress.gov/crs-product/IN12608" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.congress.gov/crs-product/IN12608</a>
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<a href="#ref-30" id="footnote-30" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[30]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-10-06/goldman-sees-japan-bond-shocks-spilling-over-to-treasuries" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-10-06/goldman-sees-japan-bond-shocks-spilling-over-to-treasuries</a>
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<a href="#ref-32" id="footnote-32" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[32]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.americanprogress.org/article/7-ways-the-big-beautiful-bill-cuts-taxes-for-the-rich/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.americanprogress.org/article/7-ways-the-big-beautiful-bill-cuts-taxes-for-the-rich/</a>
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<a href="#ref-33" id="footnote-33" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[33]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.whitehouse.gov/articles/2025/07/president-trumps-one-big-beautiful-bill-is-now-the-law/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.whitehouse.gov/articles/2025/07/president-trumps-one-big-beautiful-bill-is-now-the-law/</a>
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<a href="#ref-34" id="footnote-34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[34]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.msn.com/en-us/money/markets/us-budget-deficit-to-keep-growing-amid-trump-tax-cuts-tariffs-cbo-forecasts-show/ar-AA1WaHpi" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.msn.com/en-us/money/markets/us-budget-deficit-to-keep-growing-amid-trump-tax-cuts-tariffs-cbo-forecasts-show/ar-AA1WaHpi</a>
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<a href="#ref-35" id="footnote-35" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[35]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.tradingview.com/symbols/TVC-US10Y/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.tradingview.com/symbols/TVC-US10Y/</a>
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<a href="#ref-36" id="footnote-36" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[36]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2023/04/27/chaos-statt-hegemonie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2023/04/27/chaos-statt-hegemonie/</a>
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<a href="#ref-38" id="footnote-38" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[38]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://fred.stlouisfed.org/series/gfdegdq188S" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fred.stlouisfed.org/series/gfdegdq188S</a>
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<a href="#ref-39" id="footnote-39" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[39]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.cbsnews.com/news/trump-big-beautiful-bill-federal-debt-servicing-cost-what-to-know/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.cbsnews.com/news/trump-big-beautiful-bill-federal-debt-servicing-cost-what-to-know/</a>
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<a href="#ref-40" id="footnote-40" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[40]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.imf.org/en/blogs/articles/2023/09/13/global-debt-is-returning-to-its-rising-trend" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.imf.org/en/blogs/articles/2023/09/13/global-debt-is-returning-to-its-rising-trend</a>
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<a href="#ref-41" id="footnote-41" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[41]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/</a>
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<a href="#ref-42" id="footnote-42" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[42]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/06/01/jd-vance-verstehen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/06/01/jd-vance-verstehen/</a>
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<a href="#ref-43" id="footnote-43" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[43]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://jungle.world/artikel/2025/12/trump-zoelle-handelspolitik-protektionistische-wiedergaenger" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://jungle.world/artikel/2025/12/trump-zoelle-handelspolitik-protektionistische-wiedergaenger</a>
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<a href="#ref-44" id="footnote-44" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[44]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.thedefensenews.com/news-details/Pentagon-Places-1500-Arctic-Trained-Airborne-Troops-on-Standby-as-Greenland-Dispute-Escalates/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.thedefensenews.com/news-details/Pentagon-Places-1500-Arctic-Trained-Airborne-Troops-on-Standby-as-Greenland-Dispute-Escalates/</a>
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<a href="#ref-47" id="footnote-47" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[47]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.businessinsider.com/trump-greenland-europe-us-asset-holdings-treasurys-shares-sell-america-2026-1?IR=T" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.businessinsider.com/trump-greenland-europe-us-asset-holdings-treasurys-shares-sell-america-2026-1?IR=T</a>
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<a href="#ref-48" id="footnote-48" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[48]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://jungle.world/artikel/2025/14/autoland-ist-abgebrannt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://jungle.world/artikel/2025/14/autoland-ist-abgebrannt</a>
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<a href="#ref-49" id="footnote-49" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[49]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/</a>
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<a href="#ref-50" id="footnote-50" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[50]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/05/26/trump-an-der-inneren-schranke-des-kapitals/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/05/26/trump-an-der-inneren-schranke-des-kapitals/</a>
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<a href="#ref-51" id="footnote-51" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[51]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2022/01/14/die-klimakrise-und-die-aeusseren-grenzen-des-kapitals/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2022/01/14/die-klimakrise-und-die-aeusseren-grenzen-des-kapitals/</a>
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<a href="#ref-52" id="footnote-52" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[52]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2025/11/30/populismus-fuer-arme/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2025/11/30/populismus-fuer-arme/</a>
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<a href="#ref-53" id="footnote-53" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[53]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2024/05/26/die-grosse-regression/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2024/05/26/die-grosse-regression/</a>
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<a href="#ref-54" id="footnote-54" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[54]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://apnews.com/article/france-politics-economy-debt-taxes-72483f02abece038b1888cf43cb652ee" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://apnews.com/article/france-politics-economy-debt-taxes-72483f02abece038b1888cf43cb652ee</a>
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<a href="#ref-55" id="footnote-55" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[55]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://de.tradingview.com/symbols/TVC-DE10Y/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.tradingview.com/symbols/TVC-DE10Y/</a>
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<a href="#ref-59" id="footnote-59" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[59]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.datacenterdynamics.com/en/news/oracle-to-raise-up-to-50bn-in-debt-and-equity-in-2026/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.datacenterdynamics.com/en/news/oracle-to-raise-up-to-50bn-in-debt-and-equity-in-2026/</a>
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<a href="#ref-60" id="footnote-60" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[60]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.konicz.info/2026/01/05/auf-dem-altar-des-techno-gottes/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konicz.info/2026/01/05/auf-dem-altar-des-techno-gottes/</a>
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Ich finanziere meine journalistische Tätigkeit grösstenteils durch Spenden. Falls Ihnen meine Texte zusagen, dann können Sie sich gerne daran beteiligen – entweder über <a class="fussnoten_links" href="https://www.patreon.com/user?u=57464083" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, oder durch direkte Banküberweisung nach Absprache per Mail.</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 08:52:18 +0100</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Die Linie]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/die-linie-film-009446.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine Frau schlägt ihre Mutter ins Krankenhaus und darf sich daraufhin nur noch auf 100 Metern nähern. „Die Linie“ schildert eine dysfunktionale Familie, die aus lauter Leuten besteht, die sehr ähnlich und doch grundverschieden sind.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Ursula_Meier_at_Berlinale_2022_w.webp><p><small>Eimskip-Containerterminal im Hafen von Reykjavík.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Ursula_Meier_at_Berlinale_2022.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elena Ternovaja</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Das ist spannend, die Dynamik innerhalb der Figuren führt zu ständigen Wechseln. Es ist auch versöhnlich, ohne sich dabei auf Kitsch auszuruhen.
<br><br>
Die 35-jährige Margaret (Stéphanie Blanchoud) ist jemand, der schon einmal kräftig zuschlägt, wenn ihr etwas nicht passt. Und das kommt häufiger vor, ihr Körper ist gezeichnet von den Ausbrüchen ihrer Gewalttätigkeit. Als eines Tages ein Streit mit ihrer Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) eskaliert, kommt es zur Katastrophe: Letztere wird so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus muss. Zudem verliert sie auf einem Ohr ihr Gehör, was für die ehemalige Konzertpianistin, die ihr Leben der Musik gewidmet hat, die Höchststrafe ist.
<br><br>
In Folge erwirkt sie ein Kontaktverbot, ihre Tochter darf nicht mehr mit ihr sprechen und sich ihr auch nicht mehr als 100 Meter nähern. Während Margaret versucht, in der Zwischenzeit ihr Leben wieder unter Kontrolle zu bringen, stehen ihre jüngeren Schwestern Louise (India Hair) und Marion (Elli Spagnolo) zwischen den Fronten, worunter vor allem Letztere schwer leidet …

<h3>Starke Rückkehr und eine kaputte Familie</h3>

Lange musste man sich gedulden, bis ein neuer Film von Ursula Meier herauskam. Sicher, untätig war die französisch-schweizerische Regisseurinnen nicht in den letzten Jahren. Sie drehte einen Dokumentarfilm, zwei Kurzfilme, auch bei der Serie Schockwellen war sie beteiligt. Ihr letzter Spielfilm liegt jedoch viele Jahre zurück, seit Winterdieb (2012) gab es nichts Neues mehr. Umso grösser war die Freude, als sie sich zehn Jahre später mit <em>Die Linie</em> zurückmeldete.
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Umso mehr, da sich die lange Wartezeit gelohnt hat. Das Porträt einer dysfunktionalen Familie steht dem besagten sehr guten Drama um einen stehlenden Jugendlichen in nichts nach. Tatsächlich gehört es zu den Höhepunkten des aktuellen Kinojahrs, obwohl – oder weil – es dem Publikum die Sache nicht einfach macht. Das fängt schon damit an, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen hier mitten in den Streit hineingeworfen werden, ohne zu wissen, wer diese Leute eigentlich sind und was genau da vorgefallen ist.
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Erst nach und nach verrät Meier, die zusammen mit Hauptdarstellerin Stéphanie Blanchoud und Antoine Jaccoud das Drehbuch geschrieben hat, Hintergründe und gibt Kontexte. Der Streit an sich spielt dabei aber auch gar nicht die grosse Rolle, selbst wenn er natürlich heftige Folgen hatte. Vielmehr ist er der Anlass, um in <em>Die Linie</em> die Familie zu sezieren. Genauer sind es die Frauen, die Meier interessieren. Männliche Figuren gibt es zwar. Aber selbst die beiden einzigen, die wirklich häufiger auftreten, sind nur Nebenrollen, die sich auch gar nicht wirklich durch ihren jeweiligen Charakter hervortun, sondern die Funktion, die sie im Leben der Frauen einnehmen. Julian, verkörpert von dem bekannten französischen Sänger Benjamin Biolay (France), hilft Margaret, den Weg zurück zur Musik zu finden. Dali Benssalah (Athena) wiederum spielt Hervé, den neuen Mann an Christinas Seite und offensichtliche Trophäe der in eine Krise geratenen Musikerin.

<h3>Komplexes Porträt einer toxischen Gemeinschaft</h3>

Die weiblichen Figuren sind dafür umso vielschichtiger. Wo am Anfang nur die pure Gewalt von Margaret gezeigt wird, kristallisiert sich mit der Zeit heraus, wie toxisch das Familienleben mit der selbstbezogenen Mutter aussieht. Damit wird das Verhalten der Tochter nicht entschuldigt. Es wird genau genommen nicht einmal ganz erklärt, weil die beiden anderen Schwestern, auch wenn sie unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, doch recht unterschiedlich geworden sind.
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Während sich Louise ganz auf ihr kommendes Familienleben konzentriert und ansonsten keine grösseren Pläne verfolgt, hat Marion die Liebe zur Musik geerbt. Sie ist aber im Gegensatz zu ihrer Mutter und der älteren Schwester kein konfrontativer Mensch. Vielmehr ist sie in <em>Die Linie</em> diejenige, die versucht, die einzelnen Fraktionen noch zusammenzuhalten und für Harmonie zu sorgen. Auffällig ist bei ihr zudem der starke Glauben, an dem sie mit der Unbeirrbarkeit einer Märtyrerin festhält.
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Dass diese Leute nicht so ganz zusammenpassen, ist klar. Aber darin besteht eben auch die Spannung. Das Drama, welches 2022 im Wettbewerb der Berlinale feierte, lebt von der Dynamik der einzelnen Protagonistinnen. Das schwankt zwischen Kriegszustand und vorsichtiger Annäherung. Es kombiniert auch Tragik und Schock mit einer gelegentlichen Komik. Gerade Valeria Bruni Tedeschi, die völlig in ihrer Rolle der egozentrischen Mutter aufgeht, legt ihre Figur immer mal wieder komisch überzogen an. Allgemein ist das Ensemble hervorragend, das Zusammenspiel funktioniert sehr gut.
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Man sieht gebannt zu, wie sie sich gegenseitig belauern, mal angreifen, mal in den Arm nehmen, ohne dass man vorher immer wüsste, was als Nächstes geschieht. Damit verbunden sind versöhnliche Töne, ohne deshalb gleich zum Kitsch zu werden. Einfache Lösungen sind nicht unbedingt das Anliegen von Meier. Das wird nicht allen gefallen, aber wer gerne komplexe Familiengeschichten sieht, für den ist <em>Die Linie</em> ein Muss und wird zudem mit starken Bildern belohnt.<p><em>Oliver Armknecht<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2023/05/die-linie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 08:53:23 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/die-linie-film-009446.html</guid>
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<title><![CDATA[Thomas Morus: Utopia]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/belletristik/thomas-morus-utopia-009305.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Würden wir für ein Leben ohne Mangel individuelle Freiheiten aufgeben? Eine inspirative Lektüre dieses utopischen Klassikers regt noch heute zu Fragen an.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/thomas-morus-utopia_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Thomas Morus' (1478–1535) Buch „Utopia“ (von altgr. outópos = Nicht-Ort) wurde im Jahr 1516 in lateinischer Sprache veröffentlicht, 1524 erschien die erste deutsche Übersetzung. Der Text ist also über 500 Jahre alt, auch geistig scheint uns die Zeit der Renaissance und des Humanismus fern. Doch ist „Utopia“ damit nur noch ideengeschichtlich für uns interessant?
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Das in Dialogform verfasste Buch gilt als Urtext des sogenannten Utopischen Romans, einem Genre, das sich bis in unsere Gegenwart erhalten hat. Im Utopischen Roman wird die Hoffnung auf eine bessere Welt schnell von der Realität eingeholt: Auf der einen Seite geben Darstellungen idealer Gesellschaften wertvolle Anstösse dafür, wie wir leben könnten. Gleichzeitig haben diese Vorstellungen, aufgrund von Vereinfachungen komplexer Sachverhalte und unterschlagener Widersprüche, häufig einen schalen Beigeschmack. Als Linke sollten wir uns aber nicht dem Pessimismus hingeben und uns vor utopischen Entwürfen verschliessen, denn in ihnen lässt sich zumindest die Möglichkeit einer besseren Welt erahnen.

<h3>Vom Gespräch zur Utopie</h3>

„Utopia“ ist als Dialog in zwei Teilen verfasst. Der Erste setzt sich hauptsächlich mit dem englischen Gesetz und den Vorbehalten des Sprechers diesem gegenüber auseinander. Erst der zweite Teil, mit dem Titel „Rede des Raphael Hythlodeus über die beste Staatsverfassung“, legt den Aufbau der Insel Utopia dar, die Thomas Morus ins Zentrum seines Romans rückt. Beide Dialoge finden zwischen dem Herausgeber Peter Aegid, dem Autor Thomas Morus und dem Philosophen Raphael Hythlodeus statt. Aegid stellt Morus Raphael Hythlodeus vor, den er wegen seiner vielen Reisen als Gesprächspartner empfiehlt und bittet diesen von seinen Erfahrungen zu berichten, die er während seines fünfjährigen Aufenthalts auf der Insel Utopia gemacht hat.
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In Hythlodeus Bericht wird Utopia als eine kleine, überschaubare Insel dargestellt – die kreisförmige Landmasse hat gerade einmal einen Durchmesser von rund 320 Kilometern. Durch ihren abgelegenen Standort ist sie gegen potenzielle Angreifer geschützt, selbst per Schiff ist die Insel nur schwer erreichbar und kann an den wenigen Anlegern gut verteidigt werden: „[…] überall ist der Zugang zum Lande durch Natur oder Kunst so stark befestigt, dass selbst gewaltige Truppenmassen von wenigen Verteidigern abgewiesen werden können.“ (S. 125) Die geographische Sonderlage trägt insofern die explikatorische Last für Hythlodeus: Weil Utopias Regierung keine Angriffe von aussen zu fürchten hat, kann sie sich – wie noch deutlicher wird – auf das Wohlergehen der Bevölkerung konzentrieren.
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Einen der wichtigsten Punkte in Hythlodeus' Erzählung stellt die Eigentumsfrage dar, denn „[...] wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Massstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben“. (S. 109) So findet man auf Utopia weder eine Währung noch eine Tauschkultur. Wo Menschen einen rechtlichen Anspruch auf Güter erheben, entsteht die Neigung, Besitz anhäufen zu wollen – in der Voraussicht, künftigen Mangel zu verhindern. In einer Gesellschaft, in der es nicht genug Güter für alle gibt, entsteht dadurch eine Gruppe von Nicht-Besitzenden. Eine „gerechte und glückliche Politik“ wäre in diesen Verhältnissen für Hythlodeus unmöglich. Wenn niemand Ansprüche auf Besitz erheben könnte, wenn es keinen Staat gäbe, der solche Forderungen rechtlich durchsetzen würde, erst dann könnte eine Gesellschaft dynamisch mit ihren Ressourcen umgehen und sie dorthin lenken, wo sie gebraucht werden. Der kleine Inselstaat Utopia zeichnet sich gerade durch diese Infrastruktur aus: Güter sollen diejenigen erhalten, die sie brauchen, und zwar ohne Gegenleistung.

<h3>Work-Life-Balance</h3>

Eine eigentumslose Gesellschaft muss jedoch bestimmte Bedingungen in der Produktion ihrer Güter erfüllen, damit kein Mangel aufkommt. Dafür ist auf der Insel Utopia durch die Regierung gesorgt: Sie machte die Landwirtschaft zu ihrem wichtigsten Produktionszweig. Alle Inselbewohner*innen sind darin ausgebildet, einen Acker zu bestellen: „Ein Gewerbe ist allen Männern und Frauen gemeinsam: der Ackerbau; den versteht jedermann.“ (S. 141) Wenn nur genügend Leute landwirtschaftlich arbeiten, so erklärt Hythlodeus, dann ist der allgemeine Bedarf schnell gedeckt. Es gibt dann sogar einen Überschuss, der an Nachbarländer verkauft werden kann.
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Genauso verhält es sich auch beim Wohnraum: Allen wird ein Haus gestellt. Die Lebensmittelversorgung ist schliesslich bis zur Überproduktion gedeckt, so dass darüber hinaus der Häuserbau als Priorität behandelt werden kann. Bei Überpopulationen, die auf der kleinen Insel schon häufig vorgekommen sein sollen, werden Bürger*innen auf das nächstgelegene Festland geschickt, um dort ein neues Gebiet zu besiedeln. Stösst man im Zuge dessen auf andere Menschengruppen, soll eine Kolonie nur dann gegründet werden, wenn diese keine Bodenkultur pflegt – was aus heutiger Sicht natürlich sehr naiv klingt.
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Aufgrund der optimalen Produktion und Verteilung von Gütern auf Utopia, berichtet Hythlodeus, müssen alle Bewohner*innen nur sechs Stunden pro Tag arbeiten. Die restliche Tageszeit können sie Freizeitbeschäftigungen nachgehen oder schlafen. Die örtlichen Vorsteher regulieren den Arbeitstag, sie sind damit beauftragt, „[...] dafür zu sorgen und Massregeln zu treffen, dass keiner müssig herumsitzt, sondern jeder fleissig sein Gewerbe treibt, ohne indessen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht beständig sich wie ein Lasttier abzurackern.“ (S. 145)
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Und damit sind wir wohl auf das (notwendige) Übel gestossen, ohne das sich Morus anscheinend keine ideale Gesellschaft vorstellen kann: Der Gewinn an individueller Sicherheit wird durch öffentliche Kontrolle bezahlt: „[...] überall sieht die Öffentlichkeit dem einzelnen [sic] zu und zwingt ihn zu der gewohnten Arbeit und zur Ehrbarkeit im Vergnügen.“ (S. 175) Die Strafe, die den Utopier*innen bei Arbeitsverweigerung droht, ist Versklavung. Obwohl der Arbeitstag auf ein Minimum reduziert ist, sodass genug Zeit für andere Beschäftigungen bleibt, hält Morus es also für notwendig, Instanzen einzusetzen, die das Individuum in seiner persönlichen Freiheit einschränken.

<h3>Zu beschönigt, um wahr zu sein</h3>

Der antiken Tradition des Dialogs gemäss, bleibt Hythlodeus Bericht von seinen Gesprächspartnern natürlich nicht unkommentiert, sodass die Morus-Forschung sogar behauptet, dass „Utopia“ als Satire gemeint sein könnte. Man kann zwar festhalten, dass „Utopia“ eine gut geschriebene Erzählung ist, die „Heilsamkeit“ des Textes – die am Anfang des Buches noch beworben wird – wird jedoch durch die erzwungene Widerspruchsfreiheit und die imaginierte Ausgangslage erkauft. Die besten Passagen von Morus' Inselmodell wirken inspirierend, der Text ist aber sicher nicht als praktische Anleitung für eine fortschrittliche Politik gedacht. Ferner kann man sich vielleicht eine Gesellschaft vorstellen, in der alle Individuen wie Zahnräder ineinandergreifen, ob sie aber möglich beziehungsweise überhaupt wünschenswert ist, bleibt zweifelhaft. Die Frage, die „Utopia“ uns schliesslich zur Beantwortung aufgeben möchte, lautet: Würden wir für ein Leben ohne Mangel individuelle Freiheiten aufgeben?<p><em>Daniel Grothkopf<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/das-andere-atlantis" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Thomas Morus: Utopia. Reclam Verlag 1516. 189 Seiten. ca. 6.00 SFr. ISBN: 978-3-15-000513-2.</small>]]></description>
<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 08:23:37 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Der Wettbewerb um die meisten Toten im Krieg]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/der-wettbewerb-um-die-meisten-toten-im-krieg-009556.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Hey Europeans, im Krieg in Afghanistan habt ihr euch sehr vornehm zurückgehalten! Und wir MAGA-Leute mussten die Drecksarbeit für uns alle übernehmen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/TF_Lobos_medevac_crews_conduct_rescue_hoist_training_with_Germans_DVIDS428968_w.webp><p><small>Deutsche Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, 16. Juli 2011.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TF_Lobos_medevac_crews_conduct_rescue_hoist_training_with_Germans_DVIDS428968.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Joe Armas</a> (PD)</small><p>Das geht gar nicht! Schämt Euch, Feiglinge!…soweit der Maximo Líder kürzlich unmissverständlich.

<h3>Hey Buddy...</h3>

…so lassen wir uns das nicht so gern sagen. Wir haben uns ordentlich ins Zeug gelegt. Bei jedem von uns gab es eine Menge Tote bittesehr!<br>
Okay, die meisten davon hatten die Briten, aber wir anderen hatten auch reichlich!

<h3>Okay okay Europeans…</h3>

…ihr habt ja Recht, die Briten sind eben die wirklichen Europäer und unsere wahren<br>
Bundesgenossen, der Rest…f... the EU!

<h3>Fazit</h3>

<ul class="liste">
<li class="liste">Der Wettbewerb um die meisten Toten im Krieg hat ganz nebenbei begonnen.</li>
<li class="liste">Solch anschauliche Wettbewerbe um Totenstatistiken machen richtig kriegstüchtig. * Aufschrei in den Medien? Welche Medien? Wieso denn?</li>
<li class="liste">Die Briten sind eben auf Kurs dank Brexit (haha!).</li>
<li class="liste">Gewöhnt euch dran, Hans und Franz(iska), das ist eure Zukunft.</li>
<li class="liste">Schöne Aussichten.</li>
</ul><p><em>jorgo</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 20 Feb 2026 10:56:06 +0100</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Lastenräder und Solarmodule aus selbstverwalteter Produktion]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/unternehmen/lastenraeder-und-solarmodule-aus-selbstverwalteter-produktion-009552.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Seit der Autozulieferer GKN in Campi Bisenzio bei Florenz 2021 die Produktion einstellte, kämpfen die Arbeiter*innen des Betriebs um ihre Arbeitsplätze.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/medium_gkn_berlin_3_maerz_2023_w.webp><p><small>Ex-GKN-Kolleg*innen und Unterstützer*innen 2023 in Berlin.  Foto: labournet.tv </small><p>Als Fabrikkollektiv haben sie sich mit einer ständigen Betriebsversammlung gegen ihre Kündigung gewehrt. Nun wollen sie eine selbstverwaltete Fabrik aufbauen.
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Statt für die umweltschädliche Automobilindustrie zu arbeiten, möchten die Ex-GKN-Arbeiter*innen zukünftig ökologisch sinnvolle Produkte herstellen. Dabei werden sie von Aktivist*innen aus der Klimabewegung unterstützt.
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Mit Fachleuten haben sie ein tragfähiges Konzept für die Produktion von Lastenfahrrädern und Solarmodulen entwickelt. Für ihre <b>Genossenschaft Ex-GKN For Future (GFF) </b>suchen sie jetzt eine Finanzierung. Es gibt bereits schriftliche Zusagen über Genossenschaftsanteile in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Die Banca Ethica ist vom Konzept überzeugt und hat 2,5 Millionen zugesagt, ein Investor möchte mit 2 Millionen einsteigen. Es sieht also eigentlich ganz gut aus.
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Aber nun droht der Investor sich zurückzuziehen, wohl auch weil die Genossenschaftseinlagen nicht zügig eingezahlt werden. Das hängt anscheinend vor allem mit den Schwierigkeiten des digitalen Beitritts zur Genossenschaft zusammen, die mit den italienischen Vorschriften zur Verhinderung von Geldwäsche zu tun haben. Der Beitritt kann seit November 2025 über die Plattform <a href="https://www.ener2crowd.com/it/registrati?promoCode=GFF" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ener2Crowd</a> erfolgen.
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Allerdings scheitern manche schon an der Registrierung mit persönlicher Identifikation. Auf der <a href="https://insorgiamo.org/germany/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">GFF-Website</a> ist neben der Plattform auch ein deutschsprachiges Erklärvideo verlinkt – als Browser wird Chrome empfohlen, und eine Kamera ist auch nötig.
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Unter dem Video gibt es dann auch einen Link zu dem Bereich der Plattform, wo – nach erfolgreicher Registrierung – die Genossenschaftsanteile erworben werden können. Ein Anteil beträgt 100 Euro, für die Mitgliedschaft sind 5 Anteile, also 500 Euro erforderlich. So können beispielsweise auch Leute mit wenig Geld sich als Gruppe zusammentun, jede*r gibt 100 Euro, und sie treten gemeinsam bei, vertreten durch ein Gruppenmitglied.
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Die Genossenschaftsanteile werden haftendes Eigenkapital von GFF, gehören jedoch weiterhin den Mitgliedern. Je nach Gewinnsituation sollen sie moderat verzinst werden. Sollte das Vorhaben nicht zustande kommen, werden die Genossenschaftsanteile zurückgezahlt.
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<b>Damit die selbstverwaltete Fabrik möglich wird, bitten die GFF-Arbeiter*innen nun über die Genossenschaftseinlagen hinaus auch um Spenden.</b>
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Seit Januar 2026 sammelt Arci diese Spenden für GFF. <a href="https://www.arci.it/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Arci ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss von Vereinen</a> in der Tradition antifaschistischer Partisanen, die ein Netzwerk soziokultureller Zentren betreiben. 2015 hat Arci auch griechische Kooperativen unterstützt.
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Die Spenden werden digital auf einer <a href="https://www.produzionidalbasso.com/project/unazione-per-salvare-gff-dare-uno-schiaffo-in-faccia-al-sistema-non-ha-prezzo/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Crowdfunding-Plattform</a> gesammelt. Da die Gemeinnützigkeit von Arci bisher in Deutschland nicht anerkannt ist, können leider keine Spendenbescheinigungen ausgestellt werden.
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Mit den gesammelten Spenden wird Arci einen kollektiven Genossenschaftsanteil für alle Spender*innen übernehmen, und diese darüber informieren. Sollte das Vorhaben von GFF nicht zustande kommen, wird Arci die Spenden in einen dauerhaften Fonds zur Unterstützung zukünftiger Arbeitskämpfe und Projekte der Reindustrialisierungen von unten einzahlen.
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Für <b>beide Wege der Unterstützung dieses selbstverwalteten sozial-ökologischen Fabrikprojekts</b> findet ihr weitere <a href="https://insorgiamo.org/germany/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Infos hier</a>, sowie bei labournet.tv einen<a href="https://www.labournet.tv/de/aktuelles/spendenaufruf_GKN" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ausführlichen Spendenaufruf</a> und mehrere Videos über Ex-GKN. Beim labournet.de gibt es <a href="https://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/autozulieferer-gkn-schliesst-florentiner-werk-campi-bisenzio-und-setzt-450-familien-auf-die-strasse-per-e-mail/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ein Dossier</a>, und einen halbstündigen Dokumentarfilm könnt ihr <a href="https://www.arte.tv/de/videos/120879-009-A/re-italiens-laengster-arbeitskampf/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">bis zum 13. Oktober 2026 bei ARTE</a> anschauen.<p><em>Elisabeth Voss</em><p><small>Dieser Text ist Teil eines Beitrags, den ich <a class="fussnoten_links" href="https://steady.page/de/elisabeth-voss-selbstverwaltet-solidarisch-wirtschaften/posts/b1f4e985-3764-49d6-aaea-827ae076a371" target="_blank" rel="noreferrer noopener">am 16.02.2026 in meinem Steady-Blog</a> veröffentlicht habe.</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 10:47:19 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Politischer Aschermittwoch: Führer Friedrich]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/politischer-aschermittwoch-fuehrer-friedrich-009555.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Asche auf's Haupt – aber erst am Mittwoch, da will ich dabei sein: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Politischer_Aschermittwoch-Vof2011-BP-1_w.webp><p><small>Politischer Aschermittwoch der Bayernpartei in Vilshofen an der Donau im Jahr 2011.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Politischer_Aschermittwoch-Vof2011-BP-1.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">High Contrast</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 cropped)</a></small><p>Das sind saubere Aussichten, auch wenn die Menschheit weiss: Feinstaub bleibt Feinstaub und Weintraub bleibt Weintraub! Jetzt ist Schluss mit lustig – bis zum Ostermarsch wird gefastet, in Gaza und Ostafrika deutlich länger, so Gott will.
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Die deftigsten Sprüche, immer altbacken, ordinär und verlässlich frauenfeindlich (bis zum 8. März) wabern am Aschermittwoch aus den Bierzelten. Es riecht nach gestern und Sitzenbleibern und nirgends was von Gottes Segen, wenn Sie mich fragen.
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Die Vorkonferenz zum Aschermittwoch ging am 15. Februar in der Braustadt München in die Brüche, also dem Ende zu, wie immer mit grossen Versprechen und kleinen Hoffnungen. Was die Kleinen und die Hoffnungen angeht: Der 15. Februar ist ja unbekannterweise auch „Kinderkrebstag“. Da erinnern wir uns vielleicht daran, dass bei uns die Mittel für Krebsforschung gekürzt werden. Friedrich hat genickt, Lars auch: Sehr ernste Gesichter. Da spüren wir's wieder: Die Welt braucht Führung, allen vorab die unsere, die westliche. Kennen Sie jemanden?
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Westliche Welt und westliche Werte sind zwei Paar Stiefel. Bei uns stehen die Menschenrechte ganz, ganz oben auf dem Papier. Deshalb sind die Regierenden hier „über die Vorgänge dort“, in den USA, so stark beunruhigt: Dort ist das Papier noch billiger, so billig wie etwa in Ungarn, der Türkei, Russland. Es braucht<br>
logischerweise offenbar einen Führer, der die Führungsrolle in die Hand nimmt. Friedrich, mach' du es!
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Ich hab's kommen sehen – und meine Omi Glimbzsch aus Zittau ergänzt: „Das is erscht der Anfang!“ Die Werte vieler Leute lassen sich im Slogan „Beten, ballern, Trump“ zusammenfassen. Vielleicht ist der Ruf nach eigenen Atomwaffen etwa in der Eifel nur Eifelsucht?
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Egal statt Égalité! Das Ergebnis ist Maga - ein Loch ist im Eimer, oh Henry, ein Loch...<p><em>Peter Grohmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 15:48:26 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/politischer-aschermittwoch-fuehrer-friedrich-009555.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[«Braucht Deutschland die Atombombe?»]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/braucht-deutschland-die-atombombe-009554.html</link>
<description><![CDATA[<strong>«Braucht Deutschland die Atombombe?», fragt der Stern am 29.1.2026. Wenn schon so gefragt wird, kann die Antwort wohl nur “Ja!” heissen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/B-61_bomb_rack_w.webp><p><small>Frontalansicht von vier B-61-Bomben.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:B-61_bomb_rack.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Phil Schmitten</a> (PD)</small><p>Denn – so heisst es im Untertitel: “Ob die USA uns im Ernstfall auch nuklear beschützen, scheint immer unklarer. Und so wird plötzlich über deutsche Kernwaffen diskutiert.”
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Zur Einführung also ein netter Trick, der immer funktioniert: Man zitiert die Frage, die man selbst aufwerfen will, als eine, die “sich stellt” oder längst “diskutiert wird”.<br>
Dann fragt man bestürzt, ob die USA “uns” heute im Ernstfall auch noch nuklear beschützen. Frage zurück: Was stellen sich die Stern-Journalisten unter einem nuklearen US-Schutz für “uns” wohl so vor?
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Meinen sie etwa im Ernst, die US-Politik, die bekanntlich nicht gerade zimperlich ist mit Opfern roundabout the world, hätten jemals vorgehabt, Martin Debes, Nico Fried, Miriam Hollstein, Veit Medick und Vitar Vasileuski “zu beschützen”?
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Sind sie wirklich so naiv, dass sie nicht wissen, dass der nukleare Schirm der USA den Nato-Kräften gilt, die von Europa aus früher die Sowjetunion und heute Russland durch konventionelle und atomare Waffen in Schach halten sollten?
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Nein, so blöd sind sie natürlich nicht. Sie setzen vielmehr gezielt auf die Verwechslung von Schutz des eigenen Lebens mit Schutz des Staats und seiner Machtansprüche und reden einer weiteren Aufrüstung das Wort.
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Ihr Kronzeuge: Brigadegeneral Frank Pieper, Direktor Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr. „Eigentlich sind Generäle wie er zur Zurückhaltung verpflichtet (haha, guter Scherz), aber Pieper will als Staatsbürger aufrütteln, als Privatperson. ,Die finale und grösste Bedrohung für Deutschland und Europa geht von russischen Nuklearwaffen aus. Konventionell werden wir ihn (Putin) nicht abschrecken können.'”
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Klar, den Grund für den Ukraine-Krieg soll man keinesfalls mit dem Versuch der Nato in Zusammenhang bringen, bis an Russlands Grenzen vorzurücken. Und auch nicht als Auseinandersetzung darüber verstehen, wer die Führungsmacht in Europa ist – was dieser Krieg nach dem weitgehenden Rückzug der USA inzwischen ist. Stattdessen soll man sich vorstellen, dass Russland demnächst über “uns”, unsere Vorgärten und Weihnachtsmärkte herfallen will und mit seiner “Aggression” nicht aufhört, bis es von Wladiwostock bis Lissabon alles unterdrücken kann, was auf zwei Beinen geht.
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Aber egal – wir haben verstanden: Ohne die USA braucht Deutschland die Bombe.
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“Die nukleare Frage ist der Kern der nationalen Souveränität eines Staates. Auch Deutschland muss sich dieser Frage stellen.” (Harald Biermann, Haus der Geschichte, Bonn)
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Ja, wenn Harald Biermann das schon sagt, wird's wohl so sein. So schon mal gut eingestimmt, kommen die Hindernisse in den Blick:
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Erstens der Atomwaffensperrvertrag. Ja, blöd, den haben “wir” unterschrieben. Und wir wollen ja auch, dass sich möglichst viele daran halten und nicht auch der Auffassung sind, die nukleare Frage sei “der Kern der nationalen Souveränität eines Staates”. Das würde “unsere” zukünftige Bombe entwerten. Auch dumm, dass bisher nur Nordkorea aus dem Vertrag ausgestiegen ist – mit solcher Art Schmuddelkinder wollen “wir” eher nicht in einer Ecke stehen.
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Könnte Frankreich mit seinen Atomwaffen helfen? Ja sicher, aber: Die wollen dann doch tatsächlich die letzte Entscheidung über ihre Waffen behalten. Das hilft uns also auch nicht recht weiter und am Ende kommt dort vielleicht auch noch Marine Le Pen, “die Extremistin”, ans Ruder – ganz schlecht!
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In diese trübe Lage kommt Hoffnung, wenn man nach Gronau fährt. Dort – so haben die Stern-Investigativ-Journalisten herausgefunden – reichert Urenco, der “zweitgrösste Hersteller weltweit. Nur der russische Konzern Rosatom produziert noch mehr.”, Uran an und verfügt über Zentrifugen, die diesen Ort zu “einem Fixstern in der Fachwelt” machen. ,Die Zentrifugen sind Weltspitze!', schwärmt zum Beispiel der Physiker und Atomsicherheitsexperte Wolfgang Liebert (und mit ihm der Stern).
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“,Technisch gesehen wäre der Bau einer deutschen Atombombe kein Problem', sagt Moormann (früher Forschungszentrum Jülich, Nukleartechnik). “Um in der Anreicherungsanlage Gronau waffenfähiges Material herstellen zu können, sei nur ein überschaubarer Umbau nötig.”
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Moment mal – war das nicht das Bedenkliche an Iran? Anreicherung, Zentrifugen, Bombe angeblich kurzfristig herstellbar? Wurden damit nicht jahrelang Sanktionen, Anschläge, ja Kriege legitimiert?
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Schon, aber zum Glück sind wir ja hier in Deutschland. “Bei der genehmigten Anreicherungskapazität in Gronau könnte man jährlich rund 17 Tonnen waffenfähiges Uran herastellen. Das wäre die 340-fache kritische Masse, also rund 340 Sprengköpfe.”
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Halten wir fest:
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Deutschland ist nur ein paar Umbauarbeiten von der Verfügung über eine veritable Atomstreitmacht entfernt – ein Untersuchungsergebnis, das den Stern regelrecht begeistert.
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Andererseits: Die Gesellschaft muss sich dieser Frage noch stellen, die sie “jahrzehntelang vermieden” hat. Das war Quatsch.
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Denn: “Politik ohne faktische Untermauerung der Macht ist unrealistisch”. (Herr Biermann)
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Und gegen die Realität kann man bekanntlich nichts machen. Ein schöner Beitrag deutscher Journalisten beim Weg in die Kriegstüchtigkeit!<p><em>Renate Dillmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 12:36:58 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Rosen für den Staatsanwalt]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/rosen-fuer-den-staatsanwalt-007569.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wolfgang Staudtes Film <em>Rosen für den Staatsanwalt</em> ist ein unverzerrtes Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft – nicht nur in Bezug auf das Hauptthema des Films.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Filmopnamen_Ciske_de_Rat_in_Cinetone_Studio_w.webp><p><small>Der deutsche Regisseur Wolfgang Staudte in Holland, 6. Juni 1955.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Filmopnamen_Ciske_de_Rat_in_Cinetone_Studio%27s,_Jan_Teulings_en_regisseur_Wolfg,_Bestanddeelnr_907-1746.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Daan Noske - Anefo</a> (PD)</small><p>Wissen Sie, wie ich mir die<br>
Gerechtigkeit jetzt vorstelle?<br>
Wie ein appetitliches, junges,<br>
besonders sauberes Mädchen.“<br>
Wieso das?“<br>
Weil sie so oft baden geht.“<br>
(Kleinschmidt zu seinem<br>
Verteidiger)
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Die Auseinandersetzung mit der jüngsten NS-Vergangenheit nach 1945 im kulturellen Bereich war bis in die späten 60er Jahre nicht gerade einfach. Der deutsche Nachkriegsfilm war beherrscht von sog. Heimatfilmen, in denen es praktisch keine Vergangenheit und keine Zukunft gab, in denen die bis zum Exzess gesteigerte Idylle einer unwirklichen Welt ausgebreitet wurde; zum anderen von Wirtschaftswunder-Filmen, so eine Art Mutmacher-Streifen, in denen die Jahre 1933-45 ebenfalls ausgeblendet waren. Nur wenige Regisseure wagten sich an das, was man gemeinhin als Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit nannte.
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Zu ihnen gehörte v.a. Wolfgang Staudte. Seine bekanntesten Filme in dieser Hinsicht waren <em>Die Mörder sind unter uns</em> (1946), ein Film, der allerdings noch in der SBZ bei der DEFA gedreht wurde (mit Hildegard Knef in der Hauptrolle), <em>Der Untertan</em> (1951), ebenfalls ein DEFA-Film, in dem Staudte nach dem Roman von Heinrich Mann sozusagen die Vorgeschichte des NS verarbeitete (mit Werner Peters in der exzellent gespielten Rolle des Diederich Hessling), und eben <em>Rosen für den Staatsanwalt</em> (1959).
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Während des Krieges setzt sich Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held) vehement dafür ein, den Soldaten Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) wegen eines vermeintlichen Diebstahls von Schokolade (in Wirklichkeit hatte Rudi die Schokolade von niederländischen Schwarzhändlern gekauft) zum Tode zu verurteilen. Schramm bietet alle seine Fähigkeiten, die NS-Ideologie in den letzten Monaten des Krieges verbal zur höchsten Blüte zu entfalten, auf, um das Militärgericht zu zwingen, entsprechend zu urteilen.
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Wehrkraftzersetzung, Diebstahl als Ausdruck des Komplotts mit dem Feind und Verhinderung des Endsieges usw. Nur durch den glücklichen Umstand eines alliierten Fliegerangriffs kann Rudi kurz vor der geplanten Hinrichtung entfliehen – mit dem Todesurteil, das ihm nach der Detonation von Bomben entgegen flattert.
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Knapp 15 Jahre später. Schramm, der seine Vergangenheit als NS-Kriegsgerichtsrat vor den Alliierten und seinen Vorgesetzten verschweigen und sich als Gegner des NS darstellen konnte, ist nun Oberstaatsanwalt und angesehener Bürger seiner Stadt, verheiratet mit Hildegard (Camilla Spira), zwei Söhne, Werner (Roland Kaiser) aus Hildegards früherer Ehe und Manfred (Burkhard Obrigies). Doch in Wirklichkeit hat sich an seiner Gesinnung nicht viel geändert.
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Als ein Oberstudienrat einen Möbelhändler beleidigt und Schramm eigentlich Anklage erheben müsste, lässt er die Anklageschrift für einige Tage verschwinden und verhilft dem Beschuldigten so zur Flucht. Auch gegenüber seiner Familie kehrt Schramm immer wieder heraus, was im Leben wichtig sei: Vaterland, Ehre, Disziplin.
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Rudi Kleinschmidt schlägt sich als Strassenverkäufer durch. Er verkauft Spielkarten, Krawatten und was ihm so unter die Finger kommt. Eines Tages nehmen ihn zwei Fernfahrer (der Kabarettist Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller) mit in die Stadt, in der Schramm lebt. Und es kommt, wie es kommen muss: Schramm sieht Kleinschmidt auf der Strasse als Verkäufer. Er glaubt ihn zu kennen, weiss aber nicht mehr woher. Rudi hingegen erkennt Schramm sofort – behält sein Wissen aber für sich, auch gegenüber der Pensionswirtin Lissy (Ingrid van Bergen), die er nach Jahren wieder aufsucht, die er liebt, die jedoch von ihm nichts wissen will, weil sie ihn für einen Versager hält.
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Schramm hingegen ist nervös. Er ahnt, dass mit Kleinschmidt jemand in die Stadt gekommen ist, der ihm schaden könnte. Und schliesslich erinnert er sich, wer dieser Mann ist und versucht über die Polizei, Kleinschmidt aus der Stadt zu jagen. Man nimmt unter einem Vorwand Rudi die Karten weg, entzieht ihm den Gewerbeschein. Doch das alles nützt nichts. Obwohl Rudi zunächst die ganze Sache mit dem Todesurteil auf sich beruhen lassen wollte, wehrt er sich nun, als man ihm das bisschen Existenzgrundlage wegnehmen will, das er hat. Er schlägt eine Schaufensterscheibe ein und nimmt Schokolade von der Marke mit, wegen der er damals verurteilt wurde. Es kommt zum Prozess gegen Rudi ...
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Staudtes Film ist ein unverzerrtes Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft – nicht nur in Bezug auf das Hauptthema des Films. Aber was ist eigentlich dieses Hauptthema? Das Verschweigen, der Opportunismus, die Verleugnung der jüngsten Vergangenheit, Korruption, Intrige? Nun, von allem etwas. Und in diesem Etwas steckt viel an Realität jener Zeit.
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Wir treffen auf einen jener – von Martin Held, einem der wohl besten Charakterdarsteller nicht nur der 50er Jahre, in allen Facetten der Person des Oberstaatsanwalts glänzend gespielten – Überlebenden” der NS-Machtstrukturen, die es schafften, auch in der neuen Republik an geeigneter Stelle unterzukommen – wahrlich kein Einzelfall, denkt man an Globke, den Staatssekretär unter Adenauer, mit entsprechender Vergangenheit, Theodor Maunz, einen der bekanntesten Grundgesetz-Kommentatoren, oder den Staatsrechtler Carl Schmitt, der auch nach dem Krieg in höchsten Kreisen und bis heute Ansehen geniesst – trotz seiner Schriften wie u.a. "Der Führer spricht Recht", in dem er den Röhm-Putsch gerechtfertigt und die politischen Morde als höchste Form administrativer Justiz” bezeichnet hatte.
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Schramm – und das zeigt die Darstellung durch Martin Held grossartig – ist einer jener machtbesessenen, arroganten und elitär denkenden Egozentriker, die Begriffe wie "Vaterland, Ehre, Disziplin" immer dann im Munde führen, wenn es um das eigene Fortkommen, den eigenen Vorteil geht. Sie verklausulieren in solchen Begriffen das, was sie für sich persönlich wollen. Und es bereitet ihnen nicht nur Freude, über andere Macht auszuüben; sie sind in dieser Hinsicht geradezu sadistisch. Doch Schramm besitzt noch eine andere wichtige Eigenschaft: den Standesdünkel. Er und seinesgleichen wissen, dass all ihr Streben nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie es im elitären Kreis einer "streng hierarchischen Ordnung pflegen", d.h. wenn jene Gemeinschaft” von ihresgleichen bewahrt und geschützt wird, die einzig und allein ihren Allmachtsphantasien Aussicht auf Realisierung bietet.
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Gleichzeitig wird durch Helds Darstellung Schramms aber auch deutlich, wie klein, ja mickrig, ordinär, feige und kleinbürgerlich solche Menschen sind, betrachtet man sie aus nächster Nähe. Ohne den geringsten Einfluss, ohne Macht und Geld wäre Schramm ein elender Wicht.
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Staudte stellt Schramm einen Mann gegenüber, der als dessen genaues Gegenteil erscheint. Kleinschmidt gilt vielen als Versager, als einer, der es zu nichts gebracht hat. Auch seine frühere Geliebte Lissy denkt so über ihn – jedenfalls anfänglich. Rudi ist ein Ruheloser, einer ohne festen Wohnsitz und ohne Heimat. Er ist nirgendwo und überall zu Hause, nur laut, wenn er seine Krawatten anpreist, sonst aber ein stiller, fast in sich gekehrter Mann ohne Ehrgeiz, ohne Ambitionen. Er will nicht einmal das Unrecht, das ihm Schramm zugefügt hat, offenbaren. Das Urteil, das er ständig bei sich trägt, ist nur eine Erinnerung – eine Erinnerung für ihn, für einen wichtigen Teil seines Lebens. Rudi kennt keine Rachsucht. Er will nichts weiter, als sein Zeug verkaufen – und er will Lissy. Doch auch das nicht um jeden Preis. Er ist bereit zu gehen, als Lissy ihm deutlich macht, das sie ihn zwar gern wiedergesehen habe, seine Mentalität aber verachte.
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Und Lissy? Sie gehört zu jenen Millionen, die an das Wirtschaftswunder so fest glauben wie an die Notwendigkeit, die Vergangenheit zu verleugnen, zu vergessen oder zu verdrängen. Sie akzeptiert das "Oben" und "Unten", das System von "besseren" und schlechteren” Leuten. Sie will nur ein bisschen vom Kuchen ab haben – ihre Pension und Wirtschaft sollen laufen. Erst sehr spät erkennt sie, was in Rudi wirklich steckt. Erst spät erkennt Rudi, dass Leute wie Schramm und alle, die hinter ihm stehen, bereit und willens sind, ihm das bisschen Existenzgrundlage auch noch zu nehmen, das er hat. Erst jetzt ist er dazu entschlossen, das aufzudecken, was nicht nur ihn persönlich betrifft, sondern Millionen anderer auch.
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Staudte beschränkt sich jedoch nicht hierauf. Als Rudi den Stammtischbrüdern Kugler (Werner Peters), Bauunternehmer, Haase (Werner Finck) und Hessel (Ralf Wolter), einem Lebensmittelhändler, von dem Todesurteil erzählt, wird der ganze Opportunismus jener Jahre ruchbar. Während Hessel Frau Schramm weiter in devoter Haltung bedient, als wäre nichts geschehen, versucht Kugler Schramm mit seinem Wissen zu erpressen, um an Bauaufträge zu kommen. Und Haase? Der verfasst einen fünf Seiten langen Protestbrief, in dem er Schramm angreift – um ihn dann, statt in den Briefkasten zu werfen, zu zerreissen mit der Bemerkung:
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"Also man müsste sich überlegen,<br>
ob man nicht dem Getriebe der<br>
Welt mit philosophischer Gelassenheit<br>
und Verachtung gegenüberstehen<br>
sollte. ... Ich weiss nicht, ob man<br>
nicht lieber zu der grossen Zahl der<br>
Stillen im Lande gehören sollte."
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Kleinschmidt, der angebliche Versager, aber lässt es zum Prozess gegen sich kommen. Und es ist Schramm, der in seiner ganzen Nervosität und Angst vor dem gesellschaftlichen Fall in diesem Prozess den entscheidenden Fehler macht, der die Wahrheit ans Licht bringt. Kleinschmidt aber bewahrt etwas, was Schramm nie kannte und nie kennen wird: Wahrhaftigkeit und Treue zu sich selbst.
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Im übrigen sehen wir keinen etwa todernsten Film. Nein! Staudte gelingt es, besonders in der Darstellung Schramms durch Martin Held, aber auch in der Figur des Rudi Kleinschmidt durch Walter Giller immer wieder einen Sarkasmus zu zelebrieren, der dem Film insgesamt sehr gut tut. Dabei ist das Komische in der Figur des Oberstaatsanwalts zugleich das Tragische und Erbärmliche. Man kann über einen solchen Mann eigentlich“ nur lachen – obwohl man weiss, dass auch nur ein bisschen Macht solche Menschen zu Raubtieren werden lässt.
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Ein wichtiger Film, der neben anderem sicherlich auch einen Beitrag dazu leistete, in den 60er Jahren endlich die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein zu lassen, sondern sich ihr zu stellen. Darüber hinaus hat der Film in wichtigen  Punkten kaum an Aktualität verloren.<p><em>Ulrich Behrens</em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 10:49:02 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Simon Parkin: Die Insel der aussergewöhnlichen Gefangenen]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Das erzählende Sachbuch dokumentiert die britische Internierungspolitik gegenüber „feindlichen Ausländern“ im Hutchinson Camp während des Zweiten Weltkriegs.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/simon-parkin-die-insel-der-aussergewohnlichen-gefangenen_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Der britische Journalist Simon Parkin füllt eine Leerstelle in der Geschichte Grossbritanniens während des Zweiten Weltkriegs: Er erzählt von der kaum bekannten Internierung österreichischer und deutscher Personen auf der Isle of Man im Jahr 1940. Im Vorwort betont er, dass es sich um ein erzählendes Sachbuch handelt, das auf Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und Erinnerungen der internierten Nazigegner basiert.

<h3>Die dunklen Facetten der Geschichte</h3>

Das Bild des gerechten Winston Churchill gerät gleich zu Beginn der Lektüre ins Wanken. Churchill, der gern in der Öffentlichkeit mit dem Victory-Zeichen posierte, liess „feindliche Ausländer“ internieren.
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„Am Tag nach der Kriegserklärung Italiens an Grossbritannien, wies der britische Premierminister die Polizei an, ‚schnellstmöglich alle feindlichen Ausländer zu verhaften'. […] 40 Personen unter 16 und über 70 Jahren sowie Gebrechliche seien ausgenommen. Ansonsten sei die Polizei gehalten, ‚alle miteinander dingfest zu machen'.“ (S. 110)
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Seine Entscheidung begründete er wie folgt:
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„In der Kabinettssitzung an diesem Tag hörte Churchill seinen Ministern schweigend zu, bevor er seine Meinung dazu kundtat. ‚Es sollte eine umfangreiche Zusammenziehung von Ausländern und verdächtigen Personen in diesem Land stattfinden', erklärte er. Die Internierung wäre, so fügte er hinzu, ‚wahrscheinlich auch für alle deutschsprachigen Personen selbst weitaus sicherer, da die öffentliche Stimmung in diesem Land derart ist, dass diese Personen in grosser Gefahr wären, wenn man sie in Freiheit liesse'.“ (S. 107)
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Parkin erzählt von der Internierung anhand des Falls Peter Fleischmann, einem Berliner Jungen jüdischen Glaubens, der 1938, im Alter von 16 Jahren, vor den Nazis aus Deutschland nach Grossbritannien floh. Fleischmann hatte bis zu diesem Zeitpunkt in einem Berliner Waisenhaus gelebt, zu dem auch eine kleine Synagoge gehörte. Diese galt als sicher für die jüdischen Kinder des Hauses, bis zum Abend des 9. November 1938, als eine Gruppe von Nazi-Anhängern die Synagoge in Brand setzte. Nach diesem Attentat machte sich die Gestapo auf den Weg, um die jüdischen Kinder abzuholen. Peter Fleischmann wurde rechtzeitig gewarnt und konnte sich verstecken. Mit einem Kindertransport gelang ihm anschliessend die Flucht aus Berlin nach England. Er floh in einem von den Quäkern organisierten Komitee, das gefährdete Kinder bis zu einem Alter von 17 Jahren am 1. Dezember 1938 mit einem Zug aus Deutschland herausholte. Mit einer Fähre, die von Holland aus startete, brachte man die Kinder nach Grossbritannien.
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Doch die auf dem britischen Festland lebenden Deutschen und Österreicher*innen, die 1938 vor dem Nazi-Regime geflohen waren, sah man nun als Feinde an, die die Demokratie des eigenen Landes gefährden könnten. Die feindliche Gesinnung gegenüber den Deutschen reicht weiter zurück. Bereits 1914 lebten und arbeiteten 57.000 Deutsche in Grossbritannien, unter der Missgunst vieler Einheimischer.

<h3>Das Leben im Hutchinson Camp</h3>

Das Internierungslager befand sich auf der Isle of Man. Peter Fleischmann hatte viele Jahre zuvor wie andere Ausländer*innen in Grossbritannien gelebt. Der Hutchinson Camp genannte Ort war eines von sechs Internierungslagern. Das Camp stellte insofern eine Besonderheit dar, als in ihm insbesondere Künstler*innen festgehalten wurden. Sie bildeten eine Gemeinschaft hinter Stacheldraht und speisten ihren Überlebensgeist aus der Fortsetzung ihrer künstlerischen Tätigkeit. Zahlreiche Kunstwerke entstanden während der Haftzeit. Pianist*innen organisierten Konzertabende. Um nicht den Eindruck einer idyllischen Künstlerkolonie zu erwecken, beschreibt Parkin in den Folgekapiteln die verheerenden Zustände im Lager: In einer stillgelegten Baumwollspinnerei teilten sich 2.000 Häftlinge eine Badewanne und 18 Wasserhähne. Eimer dienten als Toilette. Nach der Ankunft auf der Insel mussten die Inhaftierten sieben Kilometer zu Fuss bis zum Lager gehen. Geschlafen wurde auf Holzdielen.
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„Die Wachen führten Peter und die anderen Internierten durch schummrige Treppenhäuser und die […] Gänge der Fabrik zu einer Halle im Erdgeschoss […]. Dort erhielten sie zunächst Haferbrei und Tee in Blechgefässen, dann befahlen die Wachen ihnen, ihre Betten zu beziehen. Peter bekam eine Rosshaardecke.“ (S. 117)

<h3>Freilassung und Rückkehr</h3>

Wie sich die Prägung kontaminierter Orte fortsetzt, konnte man an diesem Lager ablesen: Seit dem Ersten Weltkrieg internierten die Briten an diesem Ort „verfeindete Ausländer“: Bewohner*innen anderer Staaten, mit denen Grossbritannien im Konflikt stand. Im Ersten Weltkrieg markierte man die Internierten als „Feindstaatenausländer“ und konstruierte so ein Feindbild. Churchill, der die Freundschaft mit Adolf Hitler während des Zweiten Weltkriegs pflegte, machte ihm folgenden Vorschlag:
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„Im September [1939] zuvor hatte Winston Churchill in einem offenen Brief im <em>Evening Standard</em> Hitler aufgefordert, seine Judenverfolgung einzustellen; nun schlug er vor, Flüchtlinge in einer Kolonie wie Britisch-Guayana anzusiedeln.“ (S. 63)
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Peter Fleischmann, einst geflüchteter Jude aus Deutschland, verliess am 7. Oktober 1941 das Lager. Vom Dadaisten Kurt Schwitters und dem vertrauten Malerfreund Donald Midgley erhielt Fleischmann seine künstlerische Ausbildung. Ihnen verdankte er auch seine Freilassung. In der Freiheit nahm Fleischmann den Nachnamen seines Freundes Midgley an und war als Dolmetscher für die englische Armee tätig. Als englischer Soldat kehrte auf den Kontinent zurück und betrat 1945 Berlin.
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Welche Ideen lagen der Internierung von Menschen im Hutchinson Camp in Douglas zugrunde – und welche Funktionen erfüllen Internierungslager heute? Lager dienen seit Jahrhunderten der Ausgrenzung und Kontrolle von Menschen, die als politisch unliebsam, krank oder „abweichend“ gelten. Auf geopolitischer Ebene symbolisieren Inseln wie Lesbos oder Samos heute Orte der Abschottung. Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos 2020 werden solche Lager als Werkzeuge einer immer restriktiver und rassistischeren Migrationspolitik genutzt. Hier wird Europa selbst zur Insel, die sich gegenüber Geflüchteten aus abschottet.
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Simon Parkins erzählendes Sachbuch, ergänzt durch historisches Bildmaterial, schlägt eine Brücke zwischen der Vergangenheit und gegenwärtigen politischen Entwicklungen.<p><em>Cornelia Stahl<br><a class="author_link" href="https://kritisch-lesen.de/rezension/lager-der-kunstler" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kritisch-lesen.de</a></em><p><small>Simon Parkin: Die Insel der aussergewöhnlichen Gefangenen. Aufbau Verlag 2023. 576 Seiten. ca. 30.00 SFr. ISBN: 978-3-351-03998-1.</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 08:23:41 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Sicherheitskonferenz: Masters of War tagten in München]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/europa/sicherheitskonferenz-masters-of-war-tagten-in-muenchen-009553.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Progresse Linke haben einen Anlass sich beim Münchner Gruselkabinett auf eine Seite zu stellen. Nötig wäre ein neuer proletarischer Internationalismus jenseits von Staat und Nation.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Germanys_dependence_on_natural_gas_and_the_associated_financing_of_tyrants_and_autocrats_2026_(Munich)_02_w.webp><p><small>Greenpeace-Aktion aus Anlass zur 62. Münchener Sicherheitskonferenz zur Veranschaulichung der Erdgas-Abhängigkeit Deutschlands und der Finanzierung von Tyrannen und Autokraten, 13. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Germany%E2%80%99s_dependence_on_natural_gas_and_the_associated_financing_of_tyrants_and_autocrats_2026_(Munich)_02.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wikitarisch</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>In diesem Jahr bekam die sogenannte Münchner Sicherheitskonferenz besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit. Schliesslich ist der Kampf unter den kapitalistischen Zentren voll entbrannt und die Konferenz in München ist eine Art Seismograph. Vor allem der innerimperialistische Konflikt zwischen den USA und der EU wird in München seit Jahren offen ausgetragen, seit die Trump-Administration zum zweiten Mal im Amt ist.
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Ein Höhepunkt war im letzten Jahr die Rede von US-Vizepräsident Vance, in der er den EU-Staaten vorwarf, die Meinungsfreiheit einzuschränken und Masseneinwanderung zuzulassen.
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Vielerorts wurde die Rede damals als Scheidungsurkunde zwischen USA und EU bezeichnet. In diesem Jahr war für die US-Administration der US-Aussenminister Rubio nach München gekommen.
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Er hielt seine Ansprache im Ton verbindlicher als Vance im letzten Jahr. Inhaltlich verficht er aber das gleiche rechtskonservative Programm der Trump-Administration, wandte sich gegen Massenmigration, Klimapolitik und skizzierte eine Politik, wie sie Konservative aller Parteien schon lange vertreten. Daher war auch bei denen gleich vom grossen Aufatmen die Rede. Schliesslich hat Rubio in München seinen Zuhörern angeboten, mit den USA gemeinsam das Projekt der Erneuerung des Westens in Angriff zu nehmen.

<h3>Autoritäre Mächte kooperieren und bekämpfen sich</h3>

Kommt es jetzt zur grossen Aussöhnung zwischen den USA und der EU? Natürlich nicht und das liegt nicht mal in erster Linie daran, dass Trump voraussichtlich noch 3 Jahre im Weissen Haus amtieren wird. Mag sein Politikstil besonders sein, so ist doch seine Regierung nicht der Grund für das Auseinanderdriften zwischen USA und EU. Es ist vielmehr die innerkapitalistische Konkurrenz, die sich nach der Niederringung der vermeintlichen nominalsozialistischen Systemalternative weltweit durchsetzt.
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Die Welt ist wieder aufgeteilt in sich bekämpfende und konkurrierende kapitalistische Mächte. Daher sind die Auftritte von Vance im letzten Jahr und von  Rubio in diesem Jahr auf der Münchner Konferenz auch zwei Seiten derselben Medaille. Auch die angebliche Einteilung zwischen einer EU, die ihre Werte nun auch gegen die USA und den Rest der Welt verteidigt, gehört zu der Dauerpropaganda, wie sie alle kapitalistischen Mächte verbreiten, um Gefolgsamkeit durchzusetzen.
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Für schnöde Profitinteressen zieht niemand in den innerkapitalistischen Krieg. Dazu braucht es immer salbungsvolle Worte wie Gott, Familie, Nation, Vaterland oder irgendwelche anderen Wert wie Freiheit und Demokratie. Dass der Krieg längst nicht nur eine Metapher ist, sondern zwischen den unterschiedlichen Mächten real vorbereitet wird, zeigt die tagtägliche Einübung in die Kriegsfähigkeit.

<h3>Die Propaganda von der regelbasierten Weltordnung</h3>

Auf der Münchner Konferenz konnte man ein Blick hinter diesen Propagandanebel werfen. Es zeigte sich, dass da nur autoritäre Mächte sitzen, die im innerkapitalistischen Kampf mal kooperieren, sich mal gegenseitig bekämpfen. Dass zeigte sich schon daran, dass da kaum jemand daran erinnert, dass Rubio federführend für die Totalblockade Kubas verantwortlich ist, die das Leben auf der Karibikinsel fast zum Erliegen bringt. Die Bewohner*innen sollen  dafür bestraft werden, dass sie es für mehr als 60 Jahre wagten, eine nichtkapitalistische Entwicklung auf dem amerikanischen Kontinent zu gehen.
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Nun ist Sozialismus nicht nur auf einer Insel möglich, doch allein der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, der auf dem amerikanischen Kontinent für viele Jahre Millionen Menschen inspiriert hat, soll auf diese Weise ausgelöscht werden. Das es seit Jahren übergrosse Mehrheiten in der UN-Vollversammlung gegen das Embargo gegen Kuba gibt, interessierte weder die USA noch die Mehrheit der auf der Münchner Konferenz Anwesenden. Auch nicht die, die immer so oft von einer regelbasierten Weltordnung reden.
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Es geht auch ihnen nur um Regeln, die den Kapitalismus aufrechterhalten. Sie nörgeln nur, wenn im innerkapitalistischen Kampf eine Seite bei den Regeln bevorzugt wird. Das steckt hinter dem ständigen Lamento der EU-Propaganda, dass die Trump-Administration die regelbasierte Weltordnung zerstöre. Es sind die Regeln der Ausbeuter und Kapitalisten in der Welt gemeint. Darauf sollte es von den Lohnabhängigen aller  Welt nur eine Antwort geben: das ist nicht unsere Ordnung, das sind nicht unsere Regeln. Es sind die Regeln und es ist die Ordnung der Masters of War aller Länder.

<h3>EU und USA – gemeinsame koloniale Wurzeln</h3>

Das zeigte sich auf der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz, welche mal die treffendere Bezeichnung <em>Wehrkundetagung München</em> trug und von dem ultrarechten CSU-Politiker Franz Josef Strauss Instrument seiner Nebenaussenpolitik war. Die Teilnehmer*innen im Jahr 2026 störten sich auch nicht daran, dass Rubio die europäische Eroberung des amerikanischen Kontinents feierte und zur gemeinsamen Geschichte von USA und EU erklärte. Hier wird genau jener europäische Kolonialismus gefeiert, der zu Massenmorden an der indigenen Bevölkerung im globalen Süden führten.
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Die Erben der Kolonialisten feiern den 12. Oktober immer noch als Kolumbus-Tag, weil die europäischen Eroberer am 12. Oktober 1492 aus einem spanischen Hafen ausliefen. In diese Tradition stellte sich mit seiner Münchner Rede Rubio und alle, die ihm applaudierten. Seit Jahrzehnten sehen Menschen im globalen Süden den 12. Oktober als Beginn von Raub und Versklavung, die am Beginn des modernen Kapitalismus standen.
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Das Münchner Treffen war auch eine Kampfansage an diese Menschen und Bewegungen. Es wurde klar, dass sich die kapitalistischen Mächte bei allen internen Streitereien einig sind gegen Bewegungen im globalen Süden, die ihre Macht Infragestellen.

<h3>Repression in USA und EU</h3>

Für Freunde von Emanzipation gibt es also wahrlich keinen Grund, sich bei diesen Gruselkabinett, das sich in München traf, auf eine Seite zu stellen. All die Regierungsvertreter*innen, die sich hier trafen, schränken demokratische Rechte ein und gehen repressiv gegen jegliches Anzeichen von Opposition ein. Die innerkapitalistischen Auseinandersetzungen bringen es mit sich, dass die Demokratieeinschränkungen bei den USA in Deutschland heute nicht nur von kleinen linken Gruppen sondern auch von Teilen der liberalen Medien stärker kritisiert werden.
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Teilweise wird dann schnell mit dem Faschismusvorwurf gegenüber den USA hantiert, was bis in die 1980er Jahre einer kleinen linken Szene vorbehalten war. Damals stand das deutsche Etablissement hinter den USA und verteidigte deren Innen- und Aussenpolitik, war sie auch noch so blutig. Da wurde in Vietnam die Freiheit Deutschlands verteidigt und wenn in den USA auf Anweisung der Polizei die Schriften des linken Theoretikers Wilhelm Reich verbrannt wurden, auf dem Campus der Universität von Kent demonstrierende Studenten erschossen wurden, oder streikende Fluglotsen während der Zeit der Reagan-Administration gefesselt abgeführt wurden, so gab es von Seiten der Herrschenden in der BRD keine Kritik. Dass hat sich im Zuge des innerkapitalistischen Streits verändert. Heute wird sogar in Teilen der liberalen Medien vom Faschismus in den USA unter Trump geschrieben. Das ist allerdings genau so falsch, wie ähnliche Parolen der ausserparlamentarischen Linken vor fast 60 Jahren. Nicht der Faschismus sondern der autoritäre Kapitalismus steht in den USA und auch in der EU auf der Tagesordnung.

<h3>In der EU geächtet und gebannt</h3>

Die EU, die sich gerne als Hort der demokratischen Werte feiern lässt, und bis in Teilen der gesellschaftlichen Linken dabei unterstützt wird, greift seit einigen Jahren zu Instrumenten, die die Fundamente des Rechtsstaats aushebeln. Das Kennzeichen dieser Sanktionen besteht darin, dass sie gegen Personen und Organisationen verhängt werden, die nie angeklagt wurden, die kein Gerichtsverfahren erhalten hatten, sich nicht verteidigen konnten. Eines der Opfer dieser EU-Sanktionen, der deutsche Journalist Hüysein Dogru, schrieb auf X:
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„Ich bin keiner Straftat angeklagt worden.<br>
Ich stand nicht vor Gericht.<br>
Ich wurde keiner Straftat für schuldig befunden.<br>
Ich hatte keine Möglichkeit, mich zu verteidigten.<br>
Ich darf keine Geschenke annehmen.<br>
Ich darf, das Land, in dem ich lebe, nicht verlassen.<br>
Ich darf das Land, in dem ich lebe, nicht betreten.<br>
Ich darf keine Arbeit annehmen.<br>
Ich darf keine Zahlung leisten.<br>
Ich darf keine Zahlung entgegennehmen“.

<h3>Was tun?</h3>

Gegen das Münchner Gruselkabinett, das internationale Treffen der Masters of War, bräuchte es eine transnationale proletarische Bewegung, die sich ihren Regimen überall auf der Welt entgegenstellt. Utopie? Denkt an die Konferenz von Zimmerwald im Jahr 1915 mitten im Ersten Weltkrieg. Damals entstand eine weltweite Rätebewegung, die das Ancien Regime damals zum Einsturz brachte. Warum soll, was damals gelang, heute nicht mehr möglich sein?<p><em>Peter Nowak</em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 17 Feb 2026 16:37:08 +0100</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Die Folgen der Implosion der Radikalen Linken]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/die-folgen-der-implosion-der-radikalen-linken-009551.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Als im Zuge der Corona-Pandemie mit den Auseinandersetzungen um die staatlichen Massnahmen eine grössere Belastungsprobe auf die Radikale Linke traf, scheiterte diese in einer für viele so nicht zu erwartenden Weise<a id="ref-1" title="Zur Fussnote 01" href="#footnote-1" target="_blank" rel="nofollow noopener">[1]</a>.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Heugabeln_vs_Fackeln_-_Teile_und_herrsche_w.webp><p><small>Ein Berater steht neben einem König auf der Burgzinne, vor ihnen eine aufständische Menge. Der Berater: "Du musst gar nicht gegen sie kämpfen, es reicht, dass du die mit den Heugabeln davon überzeugst, dass die anderen mit den Fackeln ihnen ihre Heugabeln wegnehmen wollen."  Foto:  PD</small><p>Die Folgen dieses Scheiterns sollten langsam mal allen sich noch als „links“ verstehenden Menschen bewusst werden.
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In den ersten zwei Jahren der Pandemie wurde entlang der vom herrschenden System induzierten Polarisationslinie eine so fundamentale Spaltung der Linken in Gang gesetzt, wie sie in der Geschichte der BRD nach 1945 sonst nicht zu finden ist. Diese Spaltung wurde dann bei den beiden folgenden grossen Polarisationsthemen, dem imperialistischen Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 und dem Gaza-Krieg nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 fortgesetzt und vertieft.
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Eine messbare Folge dieser Verwerfungen sind im Vergleich zu früheren Zeiten drastisch gesunkene Teilnehmendenzahlen bei Demos, was inzwischen schon Teilen der Szene aufgefallen ist. So stellte auch Bini Adamczak letzten Oktober die Frage, „Warum gehen Linke seltener auf Demos und sind insgesamt weniger politisch aktiv als noch vor einigen Jahren?“<a target="_blank" id="ref-2" title="Zur Fussnote 02" href="#footnote-2" rel="noreferrer noopener">[2]</a>.
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Bini stellt darin fest, dass „das einschneidende historische Ereignis der letzten Zeit die Pandemie [ist]“, die „Spaltungen auch innerhalb der Linken erzeugt hat“ und „Öffentlichkeit zerstört und zu Privatisierungen geführt hat“. Sie sieht auch, „dass viele linke Orte, vom sozialen Zentrum zur linken Kneipe […] verdrängt wurden“. Bini liefert jedoch leider keine Analyse der tieferliegenden Ursachen dieser Entwicklung und versucht aus den „antifaschistischen Grossproteste Anfang 2024 und 2025“ sowie aus den (für sie) überraschenden Zugewinnen der Partei „Die Linke“ Mut zu schöpfen und zählt am Ende die üblichen Handlungsoptionen auf, von „besser mobilisieren“ und Organisierungsfragen zu ungenutzten Mobiliserungspraktiken auf Stadtteilebene. Als Ansatz zur Überwindung der Spaltungen liefert sie zwar kein Konzept, aber sie stellt die Frage, „Wie können wir uns in diesen Krisen wärmenderunterstützen […]?“. Aus meiner Sicht ist fehlende Wärme ein richtiger Ansatzpunkt…
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Neben der allgemeinen Schwächung linker Politik zusammen mit der vollständigen politischen Marginalisierung linksradikaler Politik, die m.E. indirekt mit verantwortlich für ein Erstarken rechter Kräfte ist, ergibt sich – wie auch Bini Adamczak zurecht erwähnt (s.o.), auch eine zunehmende Gefährdung linker Projekte und Zentren durch rechtsextreme Angriffe und von rechts angetriebene Rollbacks. Neben dem Angriff auf linke Strukturen durch De-Banking, erfolgen eliminierende Angriffe auch durch Fördermittelentziehungen und Organisationsverboten. Nicht nur wurden dem Berliner Kulturzentrum Oyoun<a target="_blank" id="ref-3" title="Zur Fussnote 03" href="#footnote-3" rel="noreferrer noopener">[3]</a> und anderen linken Gruppen nach Antisemitismus-Vorwürfen die Fördergelder gestrichen, inzwischen verlangt ein CDU-Krieger aus Frankfurt sogar ein Verbot der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ wegen Antisemitismus…<a target="_blank" id="ref-4" title="Zur Fussnote 04" href="#footnote-4" rel="noreferrer noopener">[4]</a>
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Wer hierzu applaudiert, weil es einen halluzinierten internen „Feind“ getroffen hat, sei an Niemöllers Gedicht „Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen…“<a target="_blank" id="ref-5" title="Zur Fussnote 05" href="#footnote-5" rel="noreferrer noopener">[5]</a> erinnert! Wer hierzu applaudiert, sollte mal neben sich schauen und dann vielleicht feststellen, dass mensch sich in einer üblen Querfront mit Rechten im Schulterschluss befindet, die inzwischen jede linke Systemkritik missbrauchen und auch mit Antisemitismus- und sogar Nazikeulen agieren. Der rechte Rollback geht global in breiter Front und mit der üblichen Salami-Taktik vor und in absehbarer Zeit werden diese Claqueure als Salamischeibchen enden, wenn sie nicht von ihrem Wahn herunterkommen. Währenddessen bekämpfen sich Gruppen und Strömungen untereinander und werfen sich dabei gegenseitig Autoritarismus vor – was bester Orwellscher Neusprech ist, weil alle Seiten allein durch den kämpferischen Umgang untereinander autoritär sind.
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Was auf uns zukommt, wenn der auch von den Unions-Parteien getragene rechte Vormarsch fortschreitet oder gar die rechtsextremistische AfD an die Macht kommt, ist in Italien bereits zu erfahren, wo dieser Rollback unter der Regierung einer aus einem neofaschistischen Umfeld stammenden Giorgia Meloni bereits im vollen Gange ist:
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Nach der endgültigen Räumung des 1994 besetzten (und danach ständig weiter vertriebenen) Centro Sociale <b><em>Leoncavallo</em></b><a target="_blank" id="ref-6" title="Zur Fussnote 06" href="#footnote-6" rel="noreferrer noopener">[6]</a> am 21. August 2025 in Mailand erfolgte am 18. Dezember 2025 die Räumung des 1996 erkämpften Centro Sociale <b><em>Askatasuna</em></b><a target="_blank" id="ref-7" title="Zur Fussnote 07" href="#footnote-7" rel="noreferrer noopener">[7]</a> in Turin<a target="_blank" id="ref-8" title="Zur Fussnote 08" href="#footnote-8" rel="noreferrer noopener">[8]</a>.
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Das wurde aber in Deutschland weder in der Mainstream-Presse<a target="_blank" id="ref-9" title="Zur Fussnote 09" href="#footnote-9" rel="noreferrer noopener">[9]</a> noch in (fast) keinem der einschlägigen linken Blogs erwähnt, auch nicht die Ausschreitungen in Turin nach einer Demo mit über 50.000 Teilnehmenden am 31. Januar 2026<a target="_blank" id="ref-10" title="Zur Fussnote 10" href="#footnote-10" rel="noreferrer noopener">[10]</a>, in denen sich politisch der Protest gegen die Centro-Räumung mit der Palästina-Solidarität verband.
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Die einzige Ausnahme ist der Blog von Bonustracks<a target="_blank" id="ref-11" title="Zur Fussnote 11" href="#footnote-11" rel="noreferrer noopener">[11]</a>, auf dem entsprechende Artikel publiziert wurden:
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30.08.2025 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2025/08/30/anlaesslich-der-raeumung-des-leoncavallo/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anlässlich der Räumung des Leoncavallo</a>“ (von <em>Sergio Fontegher Bologna, Übersetzung)</em><br>
23.12.2025 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2025/12/23/es-lebe-askatasuna/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Es lebe Askatasuna!</a>“ (von <em>Sergio Fontegher Bologna, Übersetzung)</em><br>
01.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/01/turin-ist-eine-stadt-der-partisanen-die-zukunft-beginnt-jetzt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Turin ist eine Stadt der Partisanen: Die Zukunft beginnt jetzt</a>“ (übersetzte Stellungnahme von Askatasuna)<br>
01.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/01/gewalt-und-kontext-eine-einordnung-aus-turin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gewalt und Kontext – Eine Einordnung aus Turin</a>“ (Übersetzung)<br>
02.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/02/wenn-das-volk-auf-den-mond-zeigt-schaut-der-dumme-auf-den-finger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wenn das Volk auf den Mond zeigt, schaut der Dumme auf den Finger</a>“ (Übersetzung)<br>
03.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/03/turin-und-minneapolis/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Turin und Minneapolis</a>“ (Übersetzung)<br>
04.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/04/intifada-in-turin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Intifada in Turin</a>“ (Übersetzung eines Artikels von von <em>Sergio Fontegher Bologna)</em><br>
07.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/07/der-wind-von-turin/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Wind von Turin</a>“ (Übersetzung)<br>
07.02.2026 „<a href="https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/02/07/einige-grundlegende-banalitaeten-zur-demonstration-vom-31-januar/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">EINIGE GRUNDLEGENDE BANALITÄTEN ZUR DEMONSTRATION VOM 31. JANUAR</a>“ (Übersetzung)
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Ich weise auf diese jüngsten Ausschreitung in Turin nicht aus Lust am Spektakel hin und ich bin auch aus verschiedensten Gründen kein Freund der Insurrektionalisten, die in jedem Riot die Revolution winken sehen. Ich weise nur auf das Scheitern des Kampfs um zwei Centri Sociali in einem Italien hin. Ein Scheitern, das auch in Deutschland absehbar ist, wenn sich nicht endlich einiges fundamental ändert.
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Ebenso, wie die Ausschreitungen am 31. Januar in Turin keinen Erfolg gehabt haben, würden die üblichen militanten Reaktionen bei uns keinen politischen Effekt (mehr) haben. Die Insurrektionalisten, die ausschliesslich auf das Konzept Militanz setzen, haben bis heute nicht analysiert und verstanden, wie militante Konzepte gelegentlich doch zum Erfolg geführt haben – im Zusammenspiel mit eher kommunikativen Methoden: Die Hamburger Hafenstrasse und die im Fahrwasser des Erfolg ihrer Durchsetzung mit erkämpfte Rote Flora sind vor allem durch eine breitere Verankerung und Unterstützung in Szene-externen Gesellschaftsschichten erkämpft worden. Und dazu gehörten neben „einer geschickt inszenierten Öffentlichkeits- und Medienarbeit“<a target="_blank" id="ref-12" title="Zur Fussnote 12" href="#footnote-12" rel="noreferrer noopener">[12]</a> und dem Leaking rechtswidriger Behördenabsprachen auch jede Menge andere Aktionen, Vorträgen und Diskussionen in allen möglichen „bürgerlichen“ Gemeinden / Communities – also „Klingelputzen“. Nicht die Androhung von Toten bei einer Räumung der Hafenstrasse, sondern zunehmende Sympathien, sogar innerhalb der SPD, waren für die Herrschenden gefährlich.
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Ich sehe da auch eine ähnliche Entwicklung beim damaligen Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, wo der militante Aktionsansatz sich teilweise auch im bürgerlichen Milieu verbreitete<a target="_blank" id="ref-13" title="Zur Fussnote 13" href="#footnote-13" rel="noreferrer noopener">[13]</a>, was für die CSU alarmierend war und 1989 mit zum Abbruch des Projekts führte (neben der auch durch die Proteste gestiegenen Kosten). Die Frage ist also, wieso nicht (mehr) anschlussfähig nach aussen kommuniziert und agitiert werden kann.
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Aus meiner Sicht ist Kommunikation der Schlüssel zu einer erfolgreichen linken Politik, zuallererst innerhalb der Linken und dann über die Grenzen der isolierten Szene-Blase(n) hinweg in die Gesellschaft. Der aus meiner Sicht fundamentale Fehler der Linken, den ich seit Jahrzehnten beobachte und aktuell in grösserer Form (Buchprojekt) aufarbeite, ist die kriegerische Grundhaltung im Umgang untereinander. Die fundamentale Ursache für das von Menschen verursachte Elend in der Welt ist nach meinen Analysen – sehr kurz gefasst – die global (bis auf wenige Ausnahmen) herrschende Kriegerkultur, die im Zuge der Sesshaftwerdung vor ca. 10.000 Jahren entstand, als eine Folge der Entstehung des Patriarchats samt damit verbunden neuem Eigentumsbegriffs. Diese Kriegerkultur führt aufgrund ihrer inneren Logik zwangsweise zu einer Konkurrenzkultur der Menschen, Stämme und „Völker“ untereinander und immerwährendem Krieg.
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Die von Marx korrekt analysierte Herrschaftsform der kapitalistischen Ökonomie ist von ihm und v.a. seinen Apologeten fälschlich als Grundursache des Elends, als „Hauptwiderspruch“ deklariert worden. Falsch, weil die solche Ökonomie antreibende „Habgier“ keine unveränderliche Eigenschaft der Menschen ist, ausser in negativen (rechten) Menschenbildern. Eine andere Welt ist möglich und wir verfügen bereits über einige (wenige) praktische Erfahrungen mit einem solidarischem Umgang untereinander, wobei ich unter Solidarität etwas ganz anderes verstehe, als merkantile Beziehungsverhältnisse oder kriegerische Zweckbündnisse. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, aber ebenso bestimmt das Bewusstsein das Sein. Eine wirksame Lösung muss beide Kräfte berücksichtigen.
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Da die Linke ihr Augenmerk hauptsächlich auf die ökonomischen Randbedingungen gerichtet hat und wesentliche Aspekte wie das Patriarchat als „Nebenwiderspruch“ abgetan und weitgehend ignoriert hat, sind ihr nicht nur die Möglichkeiten, sich aus dieser Kritik heraus weiter zu entwickeln, entgangen, sie pflegt und reproduziert die „aussen“ herrschende „Schweinesystem“ in Form dessen Krieger- und Konkurrenzkultur auch untereinander. Die aus einem militärischen Denken entwickelte Freund-Feind-Linie verläuft nicht zwischen Klassen oder Gruppen, sie verläuft genau durch jede* einzelne* von uns, da wir alle unkooperativ-kriegerisch sozialisiert wurden. Den männlich Sozialisierten kommt dabei eine wesentliche Rolle zu, nicht in Form von Stellvertreterpolitik für die diskriminierten Frauen, sondern auch als Akt der eigenen Emanzipation von den emotionalen Verstümmelungen bei der Erziehung „kleiner Krieger“.
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Die Kriegerkultur erzeugt aus dem dazu notwendigen militärischen Denken heraus eine binäre Weltsicht, die Nichtmitglieder der eigenen Gruppe sofort in Freund oder Feind aufteilen muss. Dieser Zeitmangel bewirkt eine Orientierung an Oberflächlichkeiten / Stereotypen und die militärische Zuordnung in zwei (oder nur wenigen) Schubladen verhindert die Wahrnehmung von Zwischentönen, fliessenden Übergängen etc., also wesentlichen Teilen der Realität. Daher werden auch oft Widersprüche zu diesen Simplifizierungen als Angriff empfunden und vehement bekämpft.
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Am deutlichsten hat sich das in der nachkriegsdeutschen Linken bei der Positionierung zum Nahostkonflikt gezeigt, wo die Polarisierung am extremsten ausgeformt ist. Das Problem ist dabei nicht ein Mangel an Fragen, Informationen, Analysen oder Argumenten, das Problem ist die unmittelbare Verschubladung jeder sich äussernden Person ins „andere Lager“, wenn ein kritischer Aspekt thematisiert wird. Das ist das Ende jeglichen aufgeklärten Dialogs und letztendlich ein interner Krieg, ja ein Bürgerkrieg innerhalb der Linken entlang von aussen diktierter Polarisationslinien.
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Entsprechend der Logik des Krieges sind im Krieg alle Mittel „erlaubt“ und so darf es nicht verwundern, wenn sich zunehmend selbsternannte linker Sittenwächter*innen zur Ausrufung linker Verdammungs-Fatwas berechtigt sehen und anfangen, echte oder vermeintliche Gegner*innen zu outen und mit Klarnamen und mehr an den einen oder anderen Pranger zu stellen<a target="_blank" id="ref-14" title="Zur Fussnote 14" href="#footnote-14" rel="noreferrer noopener">[14]</a>. Während aber beim antifaschistischen Outing von Rechtsextremen die Wirkung sich über eine (immer noch) vorhandene gesellschaftlich Ächtung von Nazis entfaltet, gefährdet das gegen Linke gerichtete Outing Linke durch erhöhte Angriffsmöglichkeiten durch Faschos oder staatlichen Repressionsorganen. Zu sagen, Denunzianten sind die grössten Lumpen im Land, ist unzureichend, es sind konterrevolutionäre Verräter, auf dem Weg, in die Schuhe eines Johannes Domhövers zu schlüpfen. Und dabei fühlen sie sich – wie jede Kriegspartei – als „die Guten“ und „im Recht“.
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Wenn jede Abweichung von der eigenen Meinung als eine feindliche verstanden und deren echte oder vermeintliche Träger*in als „Feind“ gesehen wird, dann ist das fatal, wie es spätestens im Zusammenbruch einer (halbwegs) aufgeklärten Kommunikation im Zuge der Corona-Polarisation ersichtlich wurde. Anstatt Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und produktiv zu nutzen, verendete der letzte Rest der rationalen Aufklärung unter dem Druck der Angstpolitik der Herrschenden zu quasireligiösen Überzeugungen von „der Wahrheit“ – ein Rückfall um drei Jahrhunderte emanzipatorischer Entwicklungsgeschichte, eine Ausblendung aller kritischen Erkenntnistheorie und damit ein Verlassen der Grundlagen der wissenschaftlichen Methode und damit das Ende von rationalen Diskursen auf Basis von Argumentation undjeder Dialektik.
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Ähnlich verhält es sich im Umgang mit Konflikten und Scheitern. Es lässt sich zeigen, dass eine Kriegerkultur unfähig ist, eine echte Fehlerkultur zu entwickeln und zu leben, egal ob innerhalb kapitalistischer Unternehmen oder in linken Zusammenhängen, da Krieger*innen über das verinnerlichte Schubladendenken bei Fehleranalysen nur zu einem archaisch-unmenschlichen Schuld-und-Sühne-Konzept fähig sind, aber nicht zur Erkennung systemischer Ursachen, und da sie nur das Konzept von Kontrolle und Massregelung kennen. Sie können in ihrem Bürgerkrieg schlichtweg niemals eine / die fundamentale Systemfrage stellen, da ihre Lösungen wieder nur Kontrolle und Massregelung beinhaltet. Daran sind auch die Sowjetunion und ihre DDR gescheitert.
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Anstatt Konflikte als Chance zur emanzipatorischen Weiterentwicklung (für alle Beteiligten) zu sehen und sich zusammen zu setzen, um diese zu lösen, werden sie in Ist-nicht-mein-Problem-Manier stehen gelassen oder Sündenböcke gesucht oder eine angebliche Unlösbarkeit eines Konflikts auch noch der jeweils anderen Seite in die Schuhe geschoben. Aber jeder ungelöste Konflikt gärt und wirkt zersetzend weiter und zementiert so den Ist-Zustand der herrschenden Verhältnisse und ist damit auch konterrevolutionär.
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Bisherige Ansätze, über die innerlinke Katastrophe im Umgang mit den Corona-Massnahmen nachträglich in einen Dialog zu kommen, sind von den dafür verantwortlichen autoritären Krieger*innen abgewiesen worden. Bisherige Vorschläge zu einem linken „Corona-Kongress“ waren wegen der inhaltlichen Fokussierung auf den Virus aus meiner Sicht aber auch schlicht eine Themaverfehlungen. Wir müssen nicht über medizinisch-epidemiologische Aspekte streiten, wir müssen erst einmal ein solidarisches Streiten erlernen, erst dann können wir uns konstruktiv auseinandersetzen, egal um welches Thema es geht, ob um den Ukraine-Krieg, den Nahost-Konflikt oder die Faschisierung der USA, Argentiniens und und anderer Staaten.
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Was wir brauchen ist ein kompletter Neuanfang, in dem wir all diese ungelösten Konflikte analysieren und besprechen, nicht nur – aber auch – „Corona“. Zwingende Voraussetzungen dafür sind m.E. Beschäftigung mit gewaltfreier Kommunikation (GfK) und Konsens<em>kultur</em><a target="_blank" id="ref-15" title="Zur Fussnote 15" href="#footnote-15" rel="noreferrer noopener">[15]</a>. Wenn wir nicht endlich Mut zu einer linksinternen Revolution gegen die herrschende Krieger*innenkultur finden und uns damit auch die Möglichkeit erarbeiten, auch nach aussen kommunikativen Anschluss an die Gesellschaft zu finden, um gemeinsam mit dieser doch grossen Zahl an potentiellen Bündnisparter*innen die Gesellschaft von innen heraus zu verändern.
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Wie der Autor des Konspirationistischen Manifests pessimistisch (aber zurecht) hinweist, werden wir viele sich als „Linke“ verstehende Menschen nicht erreichen. Binäres Denken führt immer zu in sich geschlossenen Weltbildern und Diskursräumen und zu sektenähnlichen Gruppen. Deren Scheitern ist absehbar. Wir sollten uns aber von diesen Krieger*innen nicht aufhalten lassen und einen linken Neuanfang auch ausserhalb der etablierten „linken“ Strukturen und Projekte suchen, aus denen die Autoritären alle Kritiker*innen vertrieben haben. Nicht in Parteien oder sonstigen hierarchischen Organisationsstrukturen, sondern mit den Konzepten autonomer Bezugsgruppen, der Politik der ersten Person und GfK in einer egalitären, also horizontalen / dezentralen Schwarm-Organisierung.
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Als wesentliche erste Neuerung muss eine bewusste Unterscheidung für einen gewaltfreien internen Umgang und einen kämpferischen (aber eher an Selbstverteidigung orientierten) Umgang nach aussen gesetzt und gelebt werden. Die vom herrschenden System übernommene kriegerische Lebensstrategie mit daraus gebildetem Schubladendenken und samt damit einhergehender Reflexe, politische Widersprüche mit Feindmarkierung oder gar Exklusion zu beantworten, muss ersetzt werden durch eine solidarische Grundhaltung auf Basis von Empathie / aktivem Zuhören, Offenheit, Sicherheit, Wertschätzung und Wohlwollen sowie Achtung / Respekt.<p><em>Dancing Bull</em><p><small><a href="#ref-1" id="footnote-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[1]</a> Vgl. meinen Artikel »<em>Die Implosion der „Radikalen“ Linken</em> vom 06.02.2022: <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Die_Implosion_der_Radikalen_Linken.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Die_Implosion_der_Radikalen_Linken.pdf</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[2]</a> Ab 25.10.2025 auf Instagram / Mastodon: <a class="fussnoten_links" href="https://www.instagram.com/p/DQT8bCSjZqa/?img_index=1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.instagram.com/p/DQT8bCSjZqa/?img_index=1</a> und <a class="fussnoten_links" href="https://kolektiva.social/@bini_adamczak@tldr.nettime.org/115432557875043899" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kolektiva.social/@bini_adamczak@tldr.nettime.org/115432557875043899</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[3]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://taz.de/Kulturzentrum-Oyoun-in-Berlin-Neukoelln/!5999103/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://taz.de/Kulturzentrum-Oyoun-in-Berlin-Neukoelln/!5999103/</a>
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<a href="#ref-4" id="footnote-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[4]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://linkezeitung.de/2026/02/07/hessischer-antisemitismusbeauftragter-fordert-verbot-der-juedischen-stimme/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://linkezeitung.de/2026/02/07/hessischer-antisemitismusbeauftragter-fordert-verbot-der-juedischen-stimme/</a>
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<a href="#ref-5" id="footnote-5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[5]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/als-sie-die-kommunisten-holten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/als-sie-die-kommunisten-holten</a>
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<a href="#ref-6" id="footnote-6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[6]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://it.wikipedia.org/wiki/Leoncavallo_(centro_sociale)" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://it.wikipedia.org/wiki/Leoncavallo_(centro_sociale)</a>
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<a href="#ref-7" id="footnote-7" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[7]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://it.wikipedia.org/wiki/Askatasuna_(centro_sociale)" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://it.wikipedia.org/wiki/Askatasuna_(centro_sociale)</a>
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<a href="#ref-8" id="footnote-8" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[8]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.agenzianova.com/de/news/Das-Sozialzentrum-Askatasuna-in-Turin-wurde-ger%C3%A4umt./" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.agenzianova.com/de/news/Das-Sozialzentrum-Askatasuna-in-Turin-wurde-ger%C3%A4umt./</a>
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<a href="#ref-9" id="footnote-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[9]</a> Weder <em>Tagesschau</em> (oder sonstiger ÖRR), noch <em>taz</em> oder <em>Neues Deutschland</em> – nur die<em> Junge Welt</em> berichtete sowohl von den Räumungen 2025, als auch von den Auseinandersetzungen in Turin am 31. Januar
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<a href="#ref-10" id="footnote-10" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[10]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://www.youtube.com/watch?v=DwU9BdzC7S0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=DwU9BdzC7S0</a>
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<a href="#ref-11" id="footnote-11" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[11]</a>  <a class="fussnoten_links" href="https://bonustracks2.noblogs.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://bonustracks2.noblogs.org/</a>
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<a href="#ref-12" id="footnote-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[12]</a> Dellwo, Karl-Heinz und Baer, Willi (Hg.): <em>Häuserkampf II, Wir wollen alles – Hausbesetzungen in Hamburg</em>; Bibliothek des Widerstands Band 22, Laika Verlag, Hamburg 2013: im Bericht von Hella auf S.78
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<a href="#ref-13" id="footnote-13" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[13]</a> Das wurde spätestens dann ersichtlich, als bürgerliche Bäuerinnen bei den Auseinandersetzungen am Bauzaun Sand in leere Trinkdosen füllten und an die Autonomen als Wurfgeschossen weiter reichten.
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<a href="#ref-14" id="footnote-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[14]</a> Ich nenne hier bewusst keine Beispiele, da das solche Outings nur unterstützen würde. Wer aber des öfteren z.B. auf der Plattform Indymedia mitliest, deren Openposting-Prinzip inzwischen zur Plattform für Scheisshausparolen und -lügen verkommen ist, weiss von solchen Denunziationen.
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<a href="#ref-15" id="footnote-15" target="_blank" rel="noreferrer noopener">[15]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Vortrag_Konsenskultur_-_Perspektive_Solidaritaet_2021.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Vortrag_Konsenskultur_-_Perspektive_Solidaritaet_2021.pdf</a></small>]]></description>
<pubDate>Tue, 17 Feb 2026 11:55:28 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Wer war Thomas Müntzer]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/wer-war-thomas-muentzer-009382.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Vor 500 Jahren, am 27. Mai 1525, wurde Thomas Müntzer, geistlich-geistiges und politisches Haupt der Bauernaufstände, im thüringischen Mühlhausen gefangengenommen, gefoltert, enthauptet, sein Kopf auf einen Pfahl gespiesst, der Leib bis zur Verwesung öffentlich ausgestellt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Christoffel_van_Sichem_-_Portrait_of_Thomas_Muenzer_w.webp><p><small>Porträt von Thomas Münzer, 1609.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Christoffel_van_Sichem_-_Portrait_of_Thomas_M%C3%BCnzer_-_2005.304_-_Cleveland_Museum_of_Art.tif" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gift of Louise S. Richards</a> (PD)</small><p>Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein. (Thomas Müntzer, Hochverursachte Schutzrede, 1524)

<h3>Wer war Thomas Müntzer?</h3>

Geboren wird er um 1489 in Stolberg am Südharz, er studiert Theologie, ist Anhänger der Reformation Luthers, unterstützt dessen Feldzug gegen Papsttum und bigotten Klerus; wird Prediger in Zwickau, von dort vertrieben, weil er das unmoralische Treiben der katholischen Bischöfe und Mönche anprangert; erhält eine Pfarrstelle in Allstedt am Südharz, wo er 1523, zum ersten Mal und noch vor Luther, einen Gottesdienst in deutscher Sprache und der Gemeinde zugewandt hält; der Graf von Mansfeld verbietet deshalb seinen Bergleuten die Predigtteilnahme; erhält schliesslich eine Stelle im grösseren Mühlhausen.
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Müntzer lebt in einer aus den Fugen geratenen Zeit. Der Reichsverband zerfällt und ist politisch zersplittert, der Kaiser zu einem Fürsten neben den andern degradiert, diese usurpieren eigne Hoheitsrechte, führen Kriege auf eigne Faust, unterwerfen sich grosse Teile des niederen Adels, Handel und Landwirtschaft sind rückständig, die Steuerlast ist drückend, lastet hauptsächlich auf Bauern, Leibeigenen, Hörigen. Wenn den Fürsten das Geld für ihre Hofhaltung mit Turnieren und Festen, mit denen sie renommieren, nicht reicht, wird es durch betrügerische Finanzmanöver vermehrt, auch durch Plünderungen beschafft, wozu auch die bedeutungslos gewordene und teilweise zum Raubrittertum verkommene Ritterschaft sich hergibt. Gedeckt wird das alles von einer korrupten Justiz und geheiligt von der durch Zölibat und Kirchenverfassung an Grundbesitz immens reich gewordenen Kirche als ideologischer Stütze des Feudalismus.
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Sie geht mit allen Schikanen gegen die aufbegehrenden Bauern vor. Neben den Schrecken der Folter, für welche die Staatsmacht ihr bereitwillig zur Hand geht, sind es: Bannfluch, Erpressungen im Beichtstuhl, verweigerte Absolution, Drohungen mit ewiger Höllenpein bei mangelndem Gehorsam; um von den Bauern Geld zu ergaunern, kommen hinzu: Erbschleicherei, Urkundenfälschungen, Ablasshandel, Verkauf wundertätiger Heiligenbilder, Reliquien: „Die Kirche einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen, / Und doch noch nie sich übergessen“, wie schon im 18. Jahrhundert ein Kirchenexperte feststellte. (Heute besitzt die katholische Kirche in Deutschland einen Grundbesitz, der dreimal so gross wie das Saarland ist; in Österreich so gross wie das Bundesland Vorarlberg.)
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Müntzer blickt nicht nur hinauf zu den Sternen seines Glaubens, sondern auch hinunter auf die Gassen. Durch seine Verbindung mit dem Volk lernt er dessen Nöte kennen und solidarisiert sich mit den Armen, organisiert Krankenpflege, Armenspeisung, Räume für Obdachlose. Und geht an die Wurzeln der Ungerechtigkeit.
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Als Gesellschaftstheorie steht ihm nur das affirmative kirchliche Weltbild mit der von Gott eingesetzten Obrigkeit zur Verfügung: Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. (Paulus, Römer 13,1) Diese Obrigkeit sind die herrschenden Stände: der Klerus als erster Stand, der Adel als zweiter. Untertan sind ihnen fünfundneunzig Prozent des Volks: Handwerker, Händler, Knechte, Mägde, Tagelöhner, Bauern, in der Masse vor allem diese.
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Als Adam grub und Eva, spann / Wer war alsdann der Edelmann? (Parole der aufständischen Bauern, 1381 in England, 1483 in Deutschland)
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Eine zeitgenössische kritische Sozialtheorie steht Müntzer nicht zur Verfügung, hingegen eine andre, uralte: Er findet sie in der Bibel, im Kommunismus der Urkirche.
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Und die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seinen Gütern sein eigen sei, sondern alle Dinge waren ihnen gemeinsam. … Es litt auch niemand unter ihnen Mangel; denn die, welche Besitzer von Äckern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Erlös den Aposteln, und man teilte jedem aus, wie er bedürftig war. (Apostelgeschichte 4,32-35)
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Die Religion wird Marx später das „Opium des Volks“ nennen. Zu Recht. Aber es ist dieses Rauschgift der Gleichheit und Solidarität im Geist der Urkirche, das Müntzers und Tausender seiner Gefolgsleute Hirn und Herz illuminiert. Müntzer steht in der Tradition der christlichen Mystik, aber anders als die Mystiker richtet er seine religiöse Glut nicht in sein Inneres, zu einer Unio mystica mit Christus, sondern richtet sie nach aussen, wendet sie denen zu, welchen Jesus von Nazaret zugerufen hat: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! (Matthäus 11,28) Und so wie dieser, bevor er zu seiner Bergpredigt anhob, den Menschen zu essen gab, so gilt Müntzers Sorge zuallererst dem irdischen Wohl der Menschen: dass sie frei seien von Armut und Elend, Ausbeutung und Unterdrückung.
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Des Protestanten Müntzers theologische Doktrin steht in Gegnerschaft nicht nur zum Katholizismus, sondern zum herrschenden Christentum überhaupt. In christlichen Formeln lehrt er einen modernen, schon an Spinoza („Gott in allem“) und sogar an Engels' Zeitgenossen David Friedrich Strauss gemahnenden Pantheismus, der stellenweise, wie Engels meint, sogar an den Atheismus streift. Nicht die Bibel ist für Müntzer die einzige Offenbarung, sondern die Vernunft: Der Heilige Geist sei das Lebendigwerden der Vernunft im Menschen selbst, und dadurch werde der Mensch vergöttlicht, Jesus Christus ein Mensch wie wir, ein Prophet und Lehrer, sein Abendmahl ein einfaches Gedächtnismahl ohne mystischen Zauber, Beruf der Gläubigen sei es, das Reich Gottes hier auf Erden zu errichten. (S. 42 f., s.u.)
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Als Pfarrer in Mühlhausen prangert Müntzer Missstände und Ausbeutung an, befürwortet den gewaltsamen Widerstand, fordert, dass „einer selbstgefälligen, tyrannischen und gottlosen Obrigkeit“ das „Schwert zu entwinden sei“. Es ist der Anstoss zum Bauernkrieg.
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Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk. (Thomas Müntzer)
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Friedrich Engels hat die historische Bedeutung dieser Bewegung erkannt und ihr eine eigne Abhandlung gewidmet, zuerst 1850 publiziert von Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung, dann 1870 als eigenständige Publikation. Sie ist neu herausgegeben vom Göttinger Germanisten Heinrich Detering (Reclam, 2023, UB 14333) samt einem Essay; daraus wird zitiert.
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Es kommt zu Aufständen, Klöster als Brutstätten der klerikalen Verlogenheit und Schatzkammern der den Bauern abgepressten Güter und Gelder werden von den zornentbrannten Bauern erstürmt und geplündert. Die Aufstände breiten sich von Thüringen bis Tirol, ins Allgäu und ins Elsass aus. Luther sieht sein Reformwerk gefährdet, denn für dessen Durchsetzung ist er auf das Wohlwollen der Fürsten angewiesen. Und gerät in Panik. Im Mai 1525 verfasst er seine an die Fürsten gerichtete mörderische Hetzschrift Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern. Er wütet:
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Drum soll hier zuschmeissen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann denn ein aufrührischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss: Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein.
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Ein Tiefpunkt neben seinen judenfeindlichen Pamphleten. Das Pamphlet gegen die Bauern hat er später bedauert, seine nicht minder fürchterlichen Hetzschriften gegen die Juden nicht.
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Müntzer findet unter den Bauern in Thüringen und Hessen zunehmend Anhänger. Zehntausend strömen nach Mühlhausen, Müntzer selbst führt 300 Mann an. In Frankenhausen im Mansfeld sammeln sich die Aufständischen. Sie schwenken die Regenbogenfahne, eine Fahne, die Müntzer selbst hat anfertigen lassen und an der Kanzel seiner Kirche befestigt hat. Abgebildet ist darauf der Regenbogen als Zeichen von Gottes Bund mit den Menschen nach der Sintflut (Genesis 9,12-16), und darunter die Worte geschrieben: verbum domini maneat in etternum (das Wort des Herrn bleibe in Ewigkeit) und dis ist das zeichen des ewigen bundes gotes. Es weiss kaum einer, dass die heutige Regenbogenfahne als Symbol der emanzipatorischen Diversität in Geschlecht, Religion und Sexualität hier ihren Ursprung hat.
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In seiner Feldpredigt vor der entscheidenden Schlacht von Frankenhausen spornt Müntzer die Bauern zum Kampf an:
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Lieben Brüder, ihr sehent, dass die Tyrannen unsere Feind so da seind, und unterstehen sich, uns zu erwürgen. Nun, lieben Brüder, ihr wüsst, dass ich solche Sach aus Gottes Befehl hab angefangen und nicht aus eignem Fürnehmen oder Kühnheit, denn ich kein Krieger mein Tag nie gewesen bin. (…)
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Was seind aber die Fürsten? Sie seind nichts dann Tyrannen, schinden die Leut, unser Schweiss und Blut vertön sie mit Hoffieren, mit unnützen Pracht, mit Huren und Buben. … Sie nehmen sich des Regiments nicht an, hören die armen Leute nicht, sprechen nicht Recht, wehren nicht Mord und Raub, strafen kein Frevel und Mutwill, verteidigen nicht Witwen und Waisen, helfen nicht den Armen zu Recht, schaffen nicht, dass die Jugend recht erzogen würd zu Guten, sondern verderben allein die Armen je mehr und mehr mit neuen Beschwerden, brauchen ihrs Macht nicht zu Erhaltung Friedens, sonder zu eignem Trutz … verderben Land und Leut mit unnötigen Kriegen, Rauben, Brennen, Mörden. (http://www.bauernkriege.de/predigt.html)
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Terrorismus der Fürsten. Da ist der Herzog Urich von Württemberg, dessen Habgier die Bauern 1513/14 zu Hungerrevolten treibt, der zunächst Verträge mit ihnen abschliessen muss, sie dann aber, wieder erstarkt, bricht, Städte und Dörfer plündert, 1600 Bauern gefangen nimmt, viele enthaupten lässt, die übrigen zu schweren Geldstrafen „zum Besten von Ulrichs Kasse“ (S. 67 f.) verurteilt.

<h3>Infelix Austria</h3>

In Österreich lässt die Regierung, verschreckt durch die protestantisch inspirierten Bauernaufstände in Deutschland, die deshalb als verdächtig geltenden protestantischen Pastoren durch katholische Geistliche ersetzen, damit der Sturm der Bauernerhebung in Deutschland nicht ins eigne Land wehe. Denn nicht minder bedrückend stellt sich die Situation der Bauern in Österreich dar, z.B. die Behandlung der Bauernkinder:
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„Ab 1550 durften die Adligen die Kinder ihrer Untertanen für Dienstleistungen einsetzen. Zumeist besonders schlecht behandelt, flohen diese jungen Arbeitssklaven von den Gutshöfen und mussten bei Strafe von ihren Eltern zu den Schindern zurückgebracht werden. Noch ungeschützter vor Willkür und Habgier vegetierten die Waisenkinder.“ (http://www.bauernkriege.de/oesterreich.html)
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Im Bistum Salzburg treiben religiöse Verfolgungen und Steuerbedrückungen Bauern und Städter zum Widerstand. Den Verfolgern in Deutschland steht die hiesige Geistlichkeit in nichts nach. Der Erzbischof überfällt 1524 die Stadt mit angemieteten Landsknechten, terrorisiert die Stadt mit den Kanonen des Schlosses Salzburg, verfolgt die ketzerischen Prediger. (S. 125) Dies führt zum allgemeinen Aufstand. Bauern und Bergleute organisieren sich, schliessen wie die deutschen Bauern einen christlichen Bund, befreien die Stadt, belagern das Schloss. So stark ist die Bewegung, dass „das ganze Salzburgische Land und der grösste Teil von Oberöstreich, Steiermark, Kärnten und Krain in den Händen der Bauern war“. (S. 126) Michael Geismeier, ehemals Sekretär des Fürstbischofs von Brixen, schliesst sich den Aufständischen an, er ist „das einzige bedeutende militärische Talent unter sämtlichen Bauernchefs“ (S. 126) und erringt zunächst Siege, muss dann aber vor der Übermacht kapitulieren. Die Republik Venedig gewährt ihm Exil. Doch bleiben Erzbischof und Erzherzog in ständiger Furcht vor ihm und lassen ihn 1527 von einem bezahlten Killer umbringen. (S. 126 ff.)

<h3>Frankenhausen, das Ende mit Schrecken</h3>

Die Entscheidung fällt in Frankenhausen. Die dort zu einem Heerhaufen versammelten zehntausend Bauern haben von Anfang an keine Chance. Müntzer selbst ist militärisch unerfahren, scheut sich aber auch nicht vor drastischen Disziplinarstrafen. So lässt er zwei Befürworter der Kapitulation angesichts der Übermacht des Fürstenheeres töten, um „wieder einigen Halt in den Haufen“ zu bringen. (S. 188) In einem, wie Engels beklagt, „unerhörten Blutbad“ (ebd.) werden 6.000 Bauern niedergemetzelt. Militärisch ungeschult und bewaffnet mit Sensen, Mistgabeln, Dreschflegeln, Piken werden sie von den teilweise berittenen Truppen der Fürsten niedergemetzelt, die Flüchtenden massakriert, die Gefangenen gefoltert, ermordet. Wäre es, fragt Detering vorsichtig, da nicht vernünftiger gewesen, dem defätistischen Rat der Abweichler zu folgen? (S. 188 f.) Vernünftiger wohl, aber Verzweiflung und Hass waren zu gross.
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Müntzer selbst wird in Gegenwart der Fürsten – das Vergnügen lassen sie sich nicht nehmen – auf die Folter gespannt und dann enthauptet. Er war höchstens 28 Jahre alt, und „er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz, mit dem er gelebt hatte“. (S. 122) Die Rache der durch Gottes Gnade auserwählten aristokratischen Elite ist masslos:
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In Fulda hatte der Mann Gottes Philipp von Hessen sein Blutgericht begonnen; er und die sächsischen Fürsten liessen in Eisenach 24, in Langensalza 41, nach der Frankenhauser Schlacht 300, in Mühlhausen über 100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen 12 Rebellen mit dem Schwert hinrichten, von Verstümmelungen und andern gelindern Mitteln, von Plünderungen und Verbrennungen der Dörfer und Städte gar nicht zu reden. (S. 122)
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Die Verstümmelungen bestehen darin, dass den Menschen zur lebenslangen Schändung Nase und Ohren abgeschnitten werden. Nicht ausdenken mag man sich, wie bei den Plünderungen durch eine enthemmte Soldateska es den Frauen und Mädchen ergangen sein mag.
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Die Stadt Mühlhausen muss sich bedingunglos ergeben, weitere Oppositionelle werden hingerichtet. Der alte Rat und die katholische Kirche werden wieder eingesetzt, die ehemals nur dem Reich untergebene Stadt wird dem Fürsten unterworfen und muss auf Jahre hinaus hohe Kontributionen entrichten.
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Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. (Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg)
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Engels stützt sich in seiner Studie auf die dreibändige Darstellung von Wilhelm Zimmermann (Leipzig 1841-1843) und formt ein Destillat daraus. Zimmermann beschreibt den Krieg auf der Grundlage eines profunden Quellenstudiums, schildert differenziert die komplexen Charaktere der Protagonisten Müntzer und Luther, und erzählt brillant und leidenschaftlich.
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Weshalb aber wendet sich Engels, einer der führenden Revolutionäre der Arbeiterbewegung, einer Begebenheit zu, die mehr als dreihundert Jahre zurückliegt? Er sagt es gleich im Vorwort:
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Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten anderer Länder an die Seite stellen können, wo das deutsche Volk eine Ausdauer und Energie entwickelte, die bei einer zentralisierteren Nation die grossartigsten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer (: Kleinbürgertum wie Händler, Handwerker) mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern.
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Erzähltechnik und Stil in Engels' Darstellung sind nicht minder brillant als die von Zimmermann, Detering rühmt sie als „literarisches Meisterwerk“. Aber im Unterschied zu Zimmermanns emotionaler Erzählweise ist Engels' Darstellung eher analytisch-kühl, gelegentlich klingt Bewunderung durch, zumeist aber ist sie von Ironie, Hohn, Sarkasmus geprägt. Doch manchmal, stellt Detering mit Sympathie für Engels fest und zeigt es an bestimmten Stilmitteln, „kann die bewusste Kühle der analytischen Darstellung beinahe wie ein Bemühen um Abwehr einer überwältigenden Trauer erscheinen“. (S. 183) Fürwahr, es ist Trauer, tiefe Trauer, die Engels' Darstellung als Grundtonart prägt.
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Er zieht seiner Darstellung jedoch andre Linien als Zimmermann ein. Haben die bisherigen Historiker die Bauernkriege vor allem in der Perspektive religionspolitischer Auseinandersetzungen betrachtet, so erkennt Engels „in den sogenannten Religionskriegen des sechzehnten Jahrhunderts Klassenkämpfe“, die sich lediglich „unter einer religiösen Decke verbargen“. (S. 27) Die Bauernkriege sieht er als Vorgeschichte der gegenwärtigen Kämpfe, in denen er, gleich dem Aufbegehren der Bauern damals, das „Grollen vieler tausend einheimischer Proletarier“ seiner eignen Zeit vernimmt. (Ebd.) Müntzer sieht er „zur Vorahnung des Kommunismus getrieben“ (S. 103). Die aufbegehrenden Klassen von damals ähneln denen von heute, insonderheit denen der Bauern: „Der deutsche Bauer von damals hatte dies mit dem modernen Proletarier gemein, dass sein Anteil an den Produkten seiner Arbeit sich auf das Minimum von Subsistenzmitteln beschränkte,“ (S. 129), der „robuste Vandalismus des Bauernkriegs“ erscheint ihm als Vorläufer der „modernen Insurrektion“. (S. 7) In den revoltierenden Bauern erkennt er, wie er in einem kühnen Bild formuliert, „das embryonische, proletarische Element“ (S. 22), im Bauernkrieg den historisch fundamentalen Gegensatz „zwischen bürgerlicher und plebejischer Opposition“. (S. 29) Die Analogie treibt Engels so weit, dass er die Bundesfahne der Bauern als die „deutsche Trikolore“ (S. 80) bezeichnet, in ihr sogar die „rote Fahne“ antezipiert. (S. 83)
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Engels' Analyse wird auch der Person Luthers gerecht. Dessen mörderische Ausfälle gegen die Bauern, durch deren Aufstand er sein Reformwerk gefährdet sieht, erklärt er nicht, wie es naheliegend wäre, aus persönlichen Motiven wie Heuchelei und Opportunismus: sondern aus den ökonomischen und politischen Notwendigkeiten der Klassenverhältnisse, in denen Luther gefangen ist und sich deshalb auf die Seite der Fürsten schlägt, auf deren Unterstützung er angewiesen ist.

<h3>Das Ende aller Utopien</h3>

Doch warum ging der Bauernkrieg zugrunde? Er scheiterte, so Engels, an der Zersplitterung des Reichs in partikularistische Kleinstaaten, die eine Zentralisierung der Volkserhebung verhinderte; dazu kam es unter den Anführern der Aufständischen zu Rivalitäten, die auch von den Gegnern geschürt wurden – es war der „eigensinnige Provinzialismus, der den ganzen Bauernkrieg zugrunde richtete“. (S. 100) Auch damit zieht Engels eine Analogie zur Gegenwart, verbunden mit einer Attacke gegen die bürgerlichen Liberalen, welche die demokratischen Ideale des Vormärz verraten haben: „Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden.“ (S. 7)
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Im Scheitern der bäuerlichen Aufstände sieht Engels das Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848 vorgezeichnet und konstatiert: „Wer profitierte von der Revolution 1525? Die Fürsten. – Wer profitierte von der Revolution von 1848? Die grossen Fürsten, Östreich und Preussen.“ (S. 135) Das ist eine weitere kühne Analogie, und Detering bemerkt, bei aller weitgehenden Zustimmung zu Engels' Analysen, dazu: „Hier siegt die Polemik über die Analyse.“ (S. 175) Darüber mag man streiten.

<h3>Müntzer – Mystiker, Revolutionär, Utopist</h3>

Müntzer war ein denkerisch kühner Theologe, mitreissender Redner, hervorragender revolutionärer Führer und Organisator, der „die Fäden der ganzen Bewegung in der Hand“ hielt (S. 115), aber auch, so Engels, ein schlechter Stratege und militärisch unerfahren (S. 120); hingegen einer, der die Energie seiner Ideen aus der christlichen Mystik schöpft, wie Engels erkennt: „Müntzer hat viel aus ihr genommen“ (S. 28), ein Utopist mit chiliastischen Visionen, der das Reich Gottes auf Erden errichten will.
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Diesen Vorstellungen bescheinigt Engels kritisch ein „vorzugsweise phantastische(s) Gepräge“ (S. 22) Deshalb machen, wie Detering zutreffend erkennt, die religiös fundierten politischen Ideen „dem marxistischen Analytiker … und kämpferischen Atheisten … Engels zu schaffen … und er verkleinert die genuin religiöse Dimension des Konflikts, wo immer er nur kann“ (S. 192 f.), ja, macht Müntzer zu einem „halben Atheisten“ (S. 193) Doch erkennt auch Detering Müntzers revolutionäres Talent an und ebenso die sozialen Forderungen der Revolutionäre. Für diese, so Detering, „nicht auflösbare Verschmelzung von politischer und religiöser Energie“ (S. 193) findet Engels laut Detering den „prägnantesten Begriff“, und er zitiert Engels selbst: „Müntzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet.“ (S. 119)
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Dieses politisch-religiöse Momentum ist die eine Seite der historischen Konstellation; die politisch wie ökonomisch rückständigen Verhältnisse sind die andre: Beide bilden eine unüberwindbare Kluft. Müntzers Tragik in Engels' Worten:
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Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei (: im alten Sinn von „Gruppe, Bewegung“) widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Massregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. (S. 116)

<h3>Fünfhundert Jahre danach</h3>

Müntzers Wirkung nach dem Zweiten Weltkrieg stellt sich sehr unterschiedlich dar.
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DDR – Ruhm und Zähneknirschen
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Die DDR hat seine Bedeutung als Sozialrevolutionär hochgehalten. Allüberall wurden ihm Denkmäler gesetzt, Strassen und Plätze tragen seinen Namen, die weitverbreitete Fünfmark-Banknote trug sein Bildnis; zahlreiche Schulen wurden nach ihm benannt und tragen den Namen noch heute.
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Das bedeutendste Denkmal aber ist das „Bauernkriegspanorama“ in Frankenhausen: 14 Meter hoch an einer 120 Meter langen Wand, mit 3.000 Figuren, würdigt es die Klassenkämpfe der Reformationszeit. Es befindet sich in einem eigens dafür errichteten Gebäudekomplex, errichtet auf dem historischen und einst blutgetränkten Schlachtfeld.
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In Auftrag gegeben wurde es Anfang der 70er-Jahre von der SED unter dem Regierungschef Erich Honecker, eingeweiht werden sollte es zum 450. Jahrestag von Müntzers Hinrichtung. Die DDR in ihrem Verständnis als „Arbeiter- und Bauernstaat“ begriff sich als ideelle Erbin der Bauernrevolution. Gestaltet werden sollte die Frühbürgerliche Revolution in Deutschland (so auch der Titel des Werks). Der SED-Führung schwebte dafür ein heroisierendes Schlachtengemälde im Stil des sozialistischen Realismus vor.
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Als Künstler wurde der hochangesehene Maler und Rektor der Leipziger Kunsthochschule Werner Tübke verpflichtet. Doch war mit diesem eigenwilligen Menschen das nicht so einfach zu machen. Er stellte Bedingungen, stellte ungewöhnliche Entwürfe vor – die dann von der SED-Führung zähneknirschend akzeptiert wurden. Das Werk, bei dem Tübke von Mitarbeitern unterstützt wurde, entstand in den Jahren 1976 bis 1987.
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Gestaltet ist das Werk in dem Tübke eignen „magischen Realismus“. Tübke nennt Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä. als seine Vorbilder. Der Eindruck ist überwältigend. Es ist ein keineswegs heroisierendes, sondern ein tief melancholisches, allegorisches Werk, eine Parabel der ganzen Epoche, mit Müntzer und Luther im Mittelpunkt. Mit Müntzer aber nicht als Sieger, sondern als gebrochenem Mann, als Verlierer der Geschichte. Nicht abwegig erscheint eine Interpretation des Werks, dass hier auch verborgen das Scheitern der Utopie eines sozialistischen Staats, der DDR, dargestellt sei.
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Bei der Einweihungsfeier blieb die höchste Politprominenz fern, anwesend waren hohe Kulturfunktionäre, Honecker wurde durch seine Frau, Bildungsministerin Margot Honecker, vertreten. Gleichwohl kann er als Schirmherr des Panoramagemäldes angesehen werden – er hat den Künstler machen lassen.
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BRD: Entdeckung des Befreiungstheologen und Revolutionärs
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Im Gegensatz zur DDR wurde in der BRD Müntzers öffentlich nicht gedacht. Gleichwohl gab es eine intensive Forschung zum Bauernkrieg. Hatte der Schwerpunkt lange Zeit auf den konfessionspolitischen Auseinandersetzungen jener Zeit gelegen, so verlagerte er sich nach der gesellschaftskritischen Umorientierung nach '68 auf die sozialrevolutionäre Dimension. Hervorzuheben sind hier die Forschungen von Peter Blickle (u.a. Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes, München 1998, 3. Aufl. 2006), der den Bauernkrieg, zwar christlich grundiert, wieder als revolutionäres Geschehen darstellt. Jedoch hatte dies schon 1921 Ernst Bloch, historisch-materialistisch orientiert, in seinem Buch Thomas Münzer als Theologe der Revolution herausgearbeitet. Es zeitigte jedoch wenig Wirkung. 1961 hat es der Aufbau Verlag der DDR wieder (mit Blochs Ergänzungen) veröffentlicht, acht Jahre später erschien es auch bei Suhrkamp in der BRD. Die befreiungstheologische Dimension wird von Detering erneut bestärkt, ohne die sozialrevolutionäre zu schmälern. So lautet auch sein Resümee:
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Er (: der Bauernkrieg) zeigt sich wieder als ein erschütterndes Aufbegehren der Armen gegen eine brutale Klassenherrschaft, das über seine Niederlage hinaus fortwirkt durch die Jahrhunderte. (S. 198)
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Im letzten Satz zitiert er Engels selbst:
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Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition.<p><em>Hermann Engster</em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 16 Feb 2026 10:47:23 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/wer-war-thomas-muentzer-009382.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Die Antideutschen: Politischer Wurmfortsatz der Bundesregierung]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/die-antideutschen-politischer-wurmfortsatz-der-bundesregierung-009542.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Im Nachgang zur Demonstration in Leipzig „Antifa means free Palestine“ wurde nun die Frage aufgeworfen: Wie sinnvoll ist es, sich an den Antideutschen abzuarbeiten?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/antideutsche-welche-bedeutung-haben-sie-heute_w.webp><p><small>Antideutsche protestieren am Al Quds Tag in Berlin, Juli 2014.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.montecruzfoto.org/25-07-2014-Al-Quds-Day-Palestine-demo-Berlin" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Montecruz Foto</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Wir wollen im Folgenden auf diese Frage eingehen – am Beispiel der Demonstration selbst sowie der Situation in Connewitz. Doch bevor wir dazu kommen, ein kurzer Einstieg: Wo sind die verankert – und was macht sie relevant?<br>
Hetzkampagne, Täter-/Opfer-Umkehr und der Schulterschluss mit der Springerpresse
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Gegen die Mobilisierung des PAL und Lotta Antifascista entfachten die verschiedenen Akteur:innen der antideutschen Szene eine massive Hetzkampagne. Dabei wurde nicht nur der übliche Antisemitismusvorwurf bemüht, vor allem wurde versucht, die Demonstration als rechts zu verleumden: ein rechter Angriff von antisemitischen Gruppen auf linke Projekte in Connewitz! Dabei wurde auch ein Zusammenhang zu den Angriffen von organisierten Nazis vor ziemlich genau 10 Jahren auf Connewitz konstruiert. Als würden die Organisator:innen bewusst daran anknüpfen wollen!
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Einen Beitrag der rechtsextremen Freien Sachsen im Internet, in welchem sich positiv auf die Palästinademo bezogen und ein angeblicher innerlinker Kampf begrüsst wurde, bauschten die Antideutschen zu einer aktiven Zusammenarbeit, einem gemeinsamen Bündnis mit Nazis, auf. Dies war selbstverständlich eine dreiste Lüge. Das Bündnis und Lotta Antifascista distanzierten sich umgehend und unmissverständlich.
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Die Antideutschen versuchten, sich zu überbieten, wer mehr rechtes Framing und rechte Label in einem Text unterbekommt. Die Amadeu Antonio Stiftung beteiligte sich daran und dürfte wohl als Siegerin aus diesem Wettbewerb hervorgegangen sein. Die gewaltsamen Übergriffe an migrantischen und internationalistischen Linken wurden in all diesen Texten mit keinem Wort erwähnt. Im Gegenteil, es wurde aktiv eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben.
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Die Akteur:innen und Treffpunkte der Szene seien ihrerseits Opfer einer antilinken Hetzkampagne und Bedrohungssituation. Man müsste sie vor dem bevorstehenden Angriff durch Antisemit:innen und Nazis schützen, Connewitz müsse jetzt zusammenstehen. Diese Täter-Opfer-Umkehr und vor allem die Verschiebung des Fokus weg von der antideutschen Gewalt als Grund für die Demo betrieben die Antideutschen leider nicht ohne Erfolg. Sie schafften es, dass die Angriffe auch in den allermeisten bürgerlichen und linksliberalen Artikeln keine Erwähnung fanden, selbst in einigen Wortmeldungen mehr oder weniger aussenstehender Funktionär:innen der Linkspartei.
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Juliane Nagel tat sich dabei besonders hervor. Sie war sich nicht zu schade, dafür mit der BILD zu sprechen und ein dortiges Interview zu nutzen, um gegen die Demo zu hetzen und die Veranstalter:innen in die Ecke der Gewalttäter:innen zu stellen, was von der BILD-Zeitung natürlich dankend aufgegriffen wurde. Mit der Springerpresse gemeinsame Sache zu machen und dann auch noch, um gemeinsam gegen Teile der Linken zu schiessen, das ist innerhalb der (radikalen) Linken spektrenübergreifend ein absolutes Tabu. Zionist:innen, vor allem jene in der Linkspartei, haben das allerdings immer wieder getan.
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Des Weiteren wurden der Klarname, die Adresse und der Arbeit„geber“ der Anmelderin der Demo durch Antideutsche in Zusammenarbeit mit der Presse geleakt und verbreitet. So sollte die Anmelderin eingeschüchtert und ihr Arbeit„geber“ unter Druck gesetzt werden, sie zu feuern. Antideutsche tauchten kurze Zeit später an ihrem Wohnort auf und beschmierten zur Drohung die Fassade des Hauses.
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Um ihrer im Niedergang begriffenen Szene eine breitere Mobilisierung zu verschaffen, schmiedete Juliane Nagel ein Bündnis nicht nur mit SPD und Grünen, ja sogar mit der FDP, sondern auch mit der Springer-Presse und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), welche als Lobby für die rechtsextreme bis faschistische israelische Regierung auftritt. So hat deren Präsident Volker Beck (Grüne) vorgeschlagen, Israel solle alle Palästinenser:innen dauerhaft auf die ägyptische Sinaihalbinsel vertreiben. Diese Querfront aus Teilen der Linkspartei über bürgerliche bis hin zu offen rechten Kräften wie der DIG oder den Antideutschen von Kollektiv7030, die mutmasslich hinter den Überfällen stecken, mobilisierte zur Gegenkundgebung.<br>
Die Rolle der Linkspartei
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Juliane Nagel trommelte nicht nur in der Springerpresse zum Angriff auf die palästinasolidarische Linke, sondern auch in ihrer eigenen Partei. Der sächsische Landesverband ist „traditionell“ stark zionistisch geprägt. So stellten sich in kürzester Zeit der Landesvorstand Sachsen und die Bezirksgruppe Leipzig-Süd hinter sie und riefen mit eigenen Texten zur Gegenkundgebung auf, ebenso eine der beiden ['solid]-Ortsgruppen in Leipzig. Parteigliederungen in Dresden und Chemnitz und weitere versicherten öffentlich ihre Solidarität mit Nagel.
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Selbst die beiden Bundesparteivorsitzenden Ines Schwertdner und Jan van Aken meldeten sich zu Wort. Dort wurde in einem Rundumschlag die zionistische Lobby in der Partei von Andreas Büttner über Bodo Ramelow zu Juliane Nagel verteidigt. Ein Brandanschlag auf Andreas Büttner, der auch von palästinasolidarischen Gruppen verurteilt worden war, wurde in eine Reihe gestellt mit der politischen Kritik an Juliane Nagels Agieren in Connewitz. So sollte der Eindruck geschaffen werden, dass ihre Kritiker:innen zum individuellen Terror gegen Mitglieder der Linkspartei aufriefen oder diesen billigen würden.
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Eine glatte Lüge, die aber öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet wurde. Umgekehrt fanden in den allermeisten Texten der Linkspartei in Sachsen die Gewalt und die Überfälle keine Erwähnung. Immerhin hat sich der Vorstand des Stadtverbandes auf das Recht von Betroffenen bezogen, auf Gewalt aufmerksam zu machen – um dann aber zu einem Fernbleiben von beiden Demonstrationen beziehungsweise Kundgebungen aufzurufen.
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Auch der eher dem linken Flügel in der Partei zuzurechnende Nam Duy Nguyen meldete sich zu Wort, nachdem er in der Partei und in der allgemeinen Öffentlichkeit zunehmend unter Druck gesetzt wurde, weil er dem PAL seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Statt die Demo und ihre Beweggründe gegen die Verleumdungen zu verteidigen, gab er dem Druck jedoch nach und kündigte gegenüber dem PAL an, diesem wahrscheinlich zukünftig nicht mehr seine Räume zur Verfügung zu stellen.
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Die Diskussion darüber laufe aktuell in seinem Umfeld. Zum Entsetzen vieler konnte man wenige Tage später in bereits erwähntem BILD-Artikel lesen, dass auch Nam mit der Springerpresse für einen tendenziösen Artikel zusammengearbeitet hatte und sich dort deutlich von der Demo distanzierte und wiederholte, dass die Debatte zum Ausschluss des PAL aus seinen Räumlichkeiten bereits laufe. Bereits im Wahlkampf, durch welchen er ins Landesparlament einzog, hatte Nam mit den wichtigsten zionistischen Vertreter:innen in der Landespartei, allen voran Juliane Nagel und Marco Böhme, eng zusammengearbeitet und jegliche Kritik an deren antipalästinensischem Rassismus und Bedeutung für die Schläger:innen in Connewitz unter den Teppich gekehrt.
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Um seine Parteikarriere nicht zu gefährden, wirft Nam beim leisesten Druck von rechts seinen sozialistischen und internationalistischen Anspruch über Bord. Wir fordern den Genossen auf, sich nicht weiter vom rechten Flügel treiben und endlich seinen verbalen Versprechungen Taten folgen zu lassen.
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Es muss aber auch hervorgehoben werden, dass es Kräfte in der Linkspartei gibt, die diese Demonstration an vorderster Front mitorganisiert und mitmobilisiert haben. So der Arbeitskreis Palästinasolidarität in Leipzig, der Landesarbeitskreis Palästinasolidarität in Sachsen und der Bundesarbeitskreis Palästinasolidarität. Diese haben nicht nur mit eigenen Aufrufen zur Demo mobilisiert, sondern kämpfen auch innerhalb der eigenen Partei an vorderster Front gegen die Zionist:innen, welche auf alle erdenkliche Art versuchen, die Genoss:innen zu sabotieren.
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So ist die AG in Leipzig mit einem Kooperationsverbot in Bezug auf Handala konfrontiert. Da Handala auch Teil des PAL ist (so wie Dutzende weitere Gruppen), wurde dieses Kooperationsverbot auch im Vorfeld der Demo ins Feld geführt, um ein angeblich beschlusswidriges Handeln der AG durch den eigenen Aufruf zu konstruieren. In einem der Bezirksvorstände in Leipzig hat ein Mitglied des Gremiums bereits Parteiausschlussverfahren und die Auflösung der AG vorgeschlagen. Die Genoss:innen in der Partei haben alldem zum Trotz bundesweit Mitglieder nach Leipzig mobilisiert und mit Fahnen Präsenz gezeigt.<br>
Die Bedeutung der Frage
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In den Debatten in der Linkspartei und in der radikalen Linken taucht auch bei Menschen, die den Antideutschen und ihrem Fortsatz in der Linkspartei ablehnend gegenüberstehen, die Frage auf, ob man sich nicht besser auf wichtigere Fragen konzentrieren solle, als sich an den Antideutschen abzuarbeiten.
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Das klingt, aus der Ferne betrachtet, ganz gut. Doch es abstrahiert von der Situation in Leipzig. Für die Aktiven stellt sich die Alternative so nicht: entweder eine Bewegung, die in den Betrieben, an Schulen und Unis verankert ist, oder Auseinandersetzung mit den Antideutschen. So haben PAL und Handala über 5.000 Unterschriften gesammelt gegen die Waffenlieferungen, die über den Flughafen Leipzig laufen. Der Grossteil der Leipziger Linken hat dahin mobilisiert und unterstützt auch die Arbeit am DHL-Hub.
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Die Übergabe der Unterschriftenliste im Landtag ist jedoch gescheitert, weil die Fraktionsspitze der Linkspartei das nicht wollte. Was soll man denn dann machen? Die Antideutschen hängen nicht einfach passiv rum, sondern blockieren real die Arbeit, agieren als politische Gegner:innen und politischer Wurmfortsatz der Bundesregierung. Es fragt sich dann, warum von der Fraktionsspitze die Arbeit blockiert wird, die die Bewegung braucht und die eigentlich auch dem Programm der Linkspartei entspricht, also aktiv gegen Waffenlieferungen an Israel zu mobilisieren. Es liegt darin, dass die Parteiführung diese rechte Politik gewähren lässt oder allenfalls zögerlich und unter Druck auch etwas gegen den proimperialistischen Flügel sagt. Und wir wissen auch alle, dass das kein rein sächsisches Problem ist.
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Es ist daher auch falsch zu denken, dass sich der Einfluss der Antideutschen bzw. ihrer Ideologie von „alleine“ erledigen wird. Im Gegenteil. Wenn diesen Auffassungen nicht aktiv widersprochen wird, werden sie sich breitmachen, weil sie einem bürgerlichen Staatsverständnis und dem Willen zur Regierungsbeteiligung entsprechen, die ohnedies einen Boden in einer reformistischen Partei haben. Diese Dinge reproduzieren die Staatsräson innerhalb der Partei bis zu einem gewissen Grad und stärken somit auch eine zionistische Position, d. h. auch die Basis für Antideutsche.
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Natürlich sind Demonstrationen wie in Connewitz letztlich nicht entscheidend. Ein Fokus auf Basisverankerung, um eine wirkliche Veränderung der Politik der Linkspartei wie der gesamten Linken zu erreichen, ist dabei natürlich zentral – aber das kann und soll auch mit politischen Offensiven und Aktionen verbunden werden. Vor allem aber: Von allein werden die Antideutschen wie jede andere reaktionäre politische Kraft nicht verschwinden. Sie müssen aktiv bekämpft werden.<p><em>Lukas Müller</em><p><small>Zuerst erschienen auf arbeiterinnenmacht.de</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 16 Feb 2026 08:20:05 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Quinn Slobodian: Kapitalismus ohne Demokratie]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/quinn-slobodian-kapitalismus-ohne-demokratie-009517-009538.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Geschichtsprofessor Quinn Slobodian veröffentlichte 2023 das Buch <em>Kapitalismus ohne Demokratie</em>. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/quinn-slobodian-kapitalismus-ohne-demokratie_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Ironischerweise erinnert mich dies an das inspirierende Buch des postautonomen Autoren John Holloway Kapitalismus aufbrechen (2010). Holloway suchte im Sinne der Anti-Globalisierung nach Ansatzpunkten, wie sich soziale Bewegungen staatlichen und kapitalistischen Zugriffen entziehen können, in der kreativen Verweigerung, im Protest und dem Aufbau von Alternativstrukturen. Die Lektüre von Slobobians Untersuchung zeigt, wie ein neoliberale Eigentümer, Investoren und Strategen bereits seit Jahrzehnten nach Möglichkeiten suchen, sich der Besteuerung und Regulierung durch den Staat zu entziehen. Demnach ist es
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<em>ein Irrtum, die Welt nur als Puzzle von Nationalstaaten zu betrachten. Historikerinnen und Sozialwissenschaftler rufen uns in Erinnerung, dass die moderne Welt pockenartig, durchlöchert, verbeult und ausgefranst, zerrissen und mit Stecknadel gespickt ist. Innerhalb der nationalen Container findet man ungewöhnliche Rechtsräume, anormale Territorien und eigentümliche Zuständigkeitsbereiche. Da sind Stadtstaaten, Steueroasen, Enklaven, Freihäfen, Technologieparks, Zollfreibezirke und Innovationszentren. Die Welt der Nationalstaaten ist übersät mit Zonen – und deren Einfluss auf die Politik der Gegenwart beginnen wir gerade erst zu verstehen (S. 12).</em>
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Um den Autoren dies gleich noch weiter ausführen zu lassen:
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<em>Was ist eine Zone? Auf einer grundlegenden Ebene ist sie eine Enklave, die aus dem Territorium eines Nationalstaates herausgelöst und von den üblichen Formen der Regulierung ausgenommen wird. Innerhalb einer Zone werden oft die Besteuerungsbefugnisse aufgehoben, so dass Investoren, die dort tätig werden, de facto selbst festlegen können, an welche Regeln sie sich halten wollen. Zonen sind beinahe extraterritoriale Gebiete: Sie gehören zum Gastland und sind zugleich von ihm getrennt. Die Zonen nehmen eine verwirrende Vielfalt von Formen an – einer offiziellen Einstufung zufolge gibt es mindestens 82 Varianten (S. 12f.).</em>
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<em>Weltweit gibt es mehr als 5400 Zonen, sehr viel mehr als in [Peter] Thiels Traum von einer Welt der tausend Länder. Allein im letzten Jahrzehnt sind tausend neue Zonen entstanden. Einige sind nicht grösser als eine Fabrik oder ein Lagerahaus, ein Schalter auf der Logistikschalttafel des Wektmarkts oder ein Standort für Lagerung, Montage oder Veredelung eines Produkts zwecks Vermeidung von Zöllen. Andere sind urbane Megaprojekte […] die wir private Stadtstaaten eigenen Regeln unterworfen sind (S. 13f.).</em>
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Mit der Metapher einer Perforation, einer Durchlöcherung der Territorialität von Nationalstaaten, nimmt Slobodian einen Aspekt gegenwärtiger Herrschaftsordnungen unter die Lupe, der wenig beachtet wird. Die geringe Aufmerksamkeit, welche die Vielzahl an Zonen erfährt liegt meiner Ansicht nach erstens daran, dass sie unser Denken in nationalstaatlichen Grenzen herausfordert. Zweitens leben in einigen Zonen nur überreiche Menschen und ihre Bediensteten (beziehungsweise ihre Briefkastenfirmen), während drittens in anderen – wie den Sonderwirtschaftszonen oder Exportproduktionszonen – Menschen ohne rechtliche Absicherung unter Sklavenbedingungen arbeiten.
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Verschiedenartige Zonen durchziehen also die kapitalistischen Nationalstaaten – aber sie brechen nicht den Kapitalismus auf, sondern der Kapitalismus bricht den nationalstaatlichen Zugriff auf, beziehungsweise umgeht diese. Und Staaten mischen in dieser Dynamik kräftig mit, weil sie entweder selbst schwach sind und von Reichen korrumpiert werden (wie z.B. in Honduras) oder weil sie wirtschaftliche Anreize für die Ansiedelung innovativer globaler Unternehmen schaffen wollen.
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Anhand von elf Fällen illustriert Slobodian, wie, warum und unter welchen Umständen Zonen entstehen konnten und entwickelt wurden. Als Paradigma für neoliberale Denker wie Ludwig von Mises galt dabei (1) Hongkong. Es folgt (2) Canary Wharf, einem neugebauten Büroviertel mit Kapitalanlagemöglichkeiten, das wie die City of London eigener Logik und Regeln folgt und die gentirfizierte Stadt zerstückelt. Singapur (3) steht für einen hochgradig autoritär-kapitalistischen Unternehmens-Staates, der – entgegen der Behauptung der Neoliberalen – durchaus auf staatlicher Planung beruht.
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Im Südafrika, dessen Apartheits-Regime immer unhaltbarer wurde, wurde das Gebiet (4) Ciskei vermeintlich selbstverwaltet und 1980 unabhängig. Dahinter steckte allerdings nicht die Bestrebung, nach einer Selbstorganisation der dort mehrheitlich lebenden Xhosa, sondern der Versuch, ihrer weiteren Unterdrückung bei gleichzeitiger Einrichtung eines Niedrig-Kosten-Produktionstandortes.
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Im Kapital über die (5) sezessionistischen Bestrebungen in den US-amerikanischen Südstaaten wird insbesondere auch auf dessen Bündnis mit dem „Anarchokapitalismus“ von Murra Rothbbard, Ron Paul und Hans-Hermann Hoppe eingegangen. Weiterhin betrachtet Slobobian (6) Gated Communities, wofür „Sea Ranch“ in Nordkalifornien eine Art Musterbeispiel darstellt. Diese haben zwar eine lange Vorgeschichte, wuchsen aber erst seit den 1970er Jahren stark an. In den USA gab es im Jahr 2000 knapp 20.000 davon. In Gated Communities wird Sicherheit und Freizeit, teilweise auch Bildung und Gesundheit privatisiert und Armut, Kriminalität oder Müll draussen gehalten.
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Angelehnt an die mittelalterliche Kleinstaaterei wird das Fürstentum Liechtenstein (7) als Beispiel für eine Steueroase angeführt. In Liechtenstein gibt es fast doppelt so viele Firmensitze (75.000) wie Einwohner*innen (ca. 40.000). Der Staat stellt damit selbst ein Unternehmen für „Finanzdienstleistungen“ dar. Unter der Überschrift „Ein Geschäftsclan weisser Männer in Somalia“ (8) beschreibt der Autor wie das Land als Experimentierfeld unter anderen für Michael von Notten diente, der auf die dortige Clangesellschaften seine anarchokapitalistischen Phantasien projizierte, indem sie dort unter anderem einen Freihafen installierten.
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Auch Dubai (9) ist ein Musterbeispiel für die Verbindung von laissez-faire-Kapitalismus und autokratischem Herrschaftsgefüge. Dort entstand ein Investitions-Hotspot für die globale ökonomische Elite auf dem Rücken von hunderttausenden entrechteten migrantischen Arbeiter*innen. In Honduras (10) hatten ausländische Superreiche schon lange das Sagen und führten den Neokolonialismus fort. 2020 wurde auf der Insel Roatán unter anderem von Parti Friedman, die Sonderentwicklungszone (ZEDE) „Próspera“ gegründet.
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Es handelt sich quasi um einen von einem Unternehmen betriebenen Privatstaat. Als letztes Beispiel thematisiert Slobodian das Metaversum (11) im Internet, in welchem Technologie-Unternehmen Parallelwelten schaffen, in denen gespielt, gehandelt und gearbeitet werden kann. Auch darin spiegelt sich ein mittlerweile schon älterer anarchokapitalistischer Traum.
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Da ich mich mit dem Thema schon eine Weile beschäftigt habe, erscheinen mir viele der genannten Beispiele nicht neu. Der Beitrag des Autoren besteht allerdings darin, nachvollziehbar zu illustrieren, dass Zonen eigene Rechtsräume bilden und damit essentieller Bestandteil der globalen Herrschaftsordnung sind. Leider macht Slobodian den Fehler, die Erzählung der Neoliberalen und Rechtslibertären teilweise zu reproduzieren, in dem er unkommentiert deren Selbstbeschreibung als „libertär“ verwendet.
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Es wird zwar klar, dass der Historiker die Erschaffung derartiger Zonen kritisiert, weil sich die ökonomischen Gewinner*innen in ihnen der gesellschaftlichen Verantwortung entziehen, ihren angeeigneten Reichtum verstecken und Arbeitskräfte zu miserablen Bedingungen ausbeuten können. Allerdings formuliert er keine Kritik am Konzept von Nationalstaaten selbst und erweckt auch eher den Eindruck, angemessen besteuert und reguliert wäre der Kapitalismus schon okay.
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Mit anderen Worten bleibt trotz der umfangreichen und gelungenen Zusammenstellung ein Gefühl davon zurück, der sozialdemokratisch-keynesianistische Wohlfahrtsstaat sollte sich erneuern und die rechtslibertären Megaprojekte zurückdrängen. Doch es gibt kein Zurück in die 50er und 60er Jahre. Statt zuzulassen, das der Ultra-Kapitalismus die Gesellschaft zerbricht, gälte es Kapitalismus aufzubrechen, d.h. nach anderen politisch-ökonomischen Formen jenseits des kapitalistischen Nationalstaates zu suchen.
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Autonome, selbstorganisierte Zonen sollten gestärkt und geschützt werden, um attraktive Gemeinwesen für eine lebenswerte Zukunft zu bilden. Wenn es wirklich eine „Freiheit der Wahl“ gibt – wie es sich Liberale vorstellen – würde unter fairen Bedingungen ein Grossteil der Menschen sicherlich nicht die ultra-kapitalistischen, sondern die anarchistischen Varianten wählen…<p><em>paradox-a</em><p><small>Quinn Slobodian: Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen. Suhrkamp 2023. 427 Seiten. ca. 47.00 SFr. ISBN: 978-3-518-43146-7.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 15 Feb 2026 08:45:17 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Manon]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/manon-film-009170.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Manon“ ist ein stark gespieltes und thematisch tiefgehendes Drama über die Lebensperspektiven nach dem Ende eines Weltkrieges.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Henri-Georges_and_Vera_Clouzot_1953_w.webp><p><small>Ankunft des französischen Regissuers Henri-Georges Clouzot und seiner Frau Véra am Hauptbahnhof von Den Haag, 18. November 1953.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri-Georges_and_Vera_Clouzot_1953.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">van Duinen / Anefo</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 cropped)</a></small><p>Henri-Georges Clouzots Film ist stellenweise sehr pessimistisch, doch Clouzot gelingt es, Wahrheiten darzustellen, die andere lieber verschweigen.
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Der französische Widerstandskämpfer Robert (Michel Auclair) verliebt sich in die junge Manon (Cécile Aubry), nachdem er sie von einem wütenden Mob in ihrem Dorf gerettet hat. Trotz der Anschuldigungen, Manon habe zu den feindlichen deutschen Soldaten Verbindungen gehabt, beschützt Robert sie. Die beiden werden ein Paar und reisen nach Ende des Krieges nach Paris, wo sie ihr gemeinsames Leben beginnen wollen.
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Das Startkapital erhoffen sie sich von Manons Bruder Leon (Serge Reggiani), der über viele Beziehungen zum Schwarzmarkt der Stadt verfügt und Robert bei der Suche nach einer Arbeit helfen soll. Zu Beginn scheint noch alles gut zu gehen für das junge Paar, doch Manons Unzufriedenheit und Lebensstil sowie Roberts Eifersucht führen schon bald zu ersten Konflikten. Die Armut macht den beiden zusätzlich zu schaffen und droht, einen Keil zwischen sie zu treiben. Als Robert dann auch noch die Wahrheit über die neue Arbeit seiner Frau erfährt, droht ihre Liebe ein für alle Mal zu zerbrechen.

<h3>Das Leben nach dem Krieg</h3>

Die meisten Filmkenner verbinden den Namen Henri-Georges Clouzot mit Die Teuflischen und Lohn der Angst, doch diese beiden stilbildenden Werke bilden lediglich zwei Höhepunkte der Karriere des Filmemachers. Sein vierter Film <em>Manon</em>, basierend auf Abbé Prévosts Novelle Manon Lescaut, zeigt bereits die moralischen Abgründe von Menschen, dieses Mal vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Zeit danach. Mag <em>Manon</em> auf den ersten Blick wie eine Liebesgeschichte oder ein Melodram erscheinen, so erzählt der Film doch sehr tiefgründig von der Sehnsucht zweier Menschen nach einer entbehrungsreichen und brutalen Zeit, etwas Glück zu finden. Während einer jedoch das Glück idealistisch interpretiert und in traditionellen Mustern denkt, strebt der andere nach materiellen Wohlbefinden und will vor allem die Entbehrungen der Vergangenheit vergessen.
<br><br>
Bereits zu Beginn seines Films entwirft Clouzot das Bild einer zerfallenden Ordnung und der Möglichkeit eines Neubeginns. Um sie vor dem wütenden Mob in ihrem Dorf zu bewahren, schliesst Robert Manon in einer von den Gefechten bereits arg mitgenommenen Kirche ein. Sie wehrt sich gegen ihn, sieht aber auch ein, dass der Soldat ihr vielleicht ein neues Leben bieten kann, fernab von einer Gemeinschaft, die sie offenkundig nicht mehr akzeptiert. Wenn gegen Ende dieses Prologs die Kirche bei einem Fliegerangriff vollends zerstört wird, wird symbolisch die Zerstörung des Alten gezeigt – und damit die Notwendigkeit eines Neubeginns betont.
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Clouzot entwirft das Bild eines gesellschaftlichen wie auch politischen „tabula rasa“, in dem jeder nach einem neuen Leben strebt, doch das Trauma des Krieges noch lange nachhallt. Robert sehnt sich nach der „alten Zeit“ und dem Beziehungsmodell seiner Eltern – vergisst dabei jedoch, dass die Jahre des Mangels, der Gewalt und der Entbehrung tiefe Spuren bei Manon hinterlassen haben. Auch er ist gezeichnet, marschiert aber tapfer weiter, so wie im Finale des Filmes in der afrikanischen Wüste. Clouzot scheint die Frage zu stellen, ob eine klassische Liebesgeschichte unter dem Eindruck des Krieges und der Zeit danach noch möglich ist.

<h3>„Aber ich hasse es, arm zu sein“</h3>

In <em>Manon</em> geht es um Hoffnung und Glück, doch die düsteren Bilder des Filmes scheinen auf etwas Anderes zu verweisen. Die Rahmenhandlung des Filmes zeigt die Hauptfiguren als Flüchtlinge auf einem Schiff in Richtung Palästina, wo Manon und Robert noch einmal versuchen wollen, ihre Version vom gemeinsamen Glück zu realisieren. Cécile Aubry und Michel Auclair überzeugen dabei als zwei Figuren, die sich sehr lieben, aber letztlich nicht füreinander bestimmt sind. Die Kommentare des Kapitäns erscheinen wie ein Echo der Gedanken des Zuschauers, der erkennt, wie toxisch die Beziehung der beiden ist. Der eine will das Familienidyll in einem kleinen Dorf und endlich seinen persönlichen Frieden, doch dorthin will Manon auf keinen Fall mehr zurück, denn sie „hasst es, arm zu sein“.
<br><br>
Wie bei den Figuren seiner anderen Filme zeigt uns Clouzot moralisch ambivalente Charaktere, deren Motive nachvollziehbar sind, deren Handlungen jedoch stark von Besitzdenken und Opportunismus geprägt sind. Die Träume, die Manon und Robert haben, sind schön, doch die bedeuten auch den Untergang.<p><em>Rouven Linnarz<br><a class="author_link" href="https://www.film-rezensionen.de/2025/07/manon/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">film-rezensionen.de</a></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 15:52:41 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Epstein Files: Verkommene Eliten]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/epstein-files-verkommene-eliten-009549.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eins, zwei, drei, vier, Epstein. Alles muss versteckt sein. Hinter mir und vor mir gilt es nicht, und an allen Seiten nicht: Eins, zwei, drei – ich komme jetzt!</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/bill_gates_epstein_w.webp><p><small>  Foto: Bill Gates, Epstein Files. (PD)</small><p>Wer ist ich? Die Aufklärer im Waisenhaus? Elon Musk, die Clintons, Melle-Merit, Goldman Sachs, Bill Gates, Joscha Lach? Und hat etwa Wladimir ein As in der Hinterhand? Epstein war Putins Finanzberater, bevor der Kinder gegen Wissen verkaufe.
<br><br>
Eins, zwei, drei,vier Epstein ist die inoffizielle Hymne einer globalen Oberschicht, die weiss, wie man sich versteckt: Mal hinter Büschen im Hinterhalt, mal unter Betten, mal hinter Anwälten, Stiftungen, Fluglisten, Regierenden, Trusts, dem Datenschutz. Klappe zu – Affe tot, wie Jeffrey Epstein.
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Der Epstein-Skandal ist kein Ausrutscher. Da ist kein einzelner „böser Mann“, der zufällig von hinten in höchste Kreise kroch. Er war selbst höchster Kreis. Epstein ist das Schaufenster des freien Westens, dort, wo Geld, Macht und komplette Verwahrlosung eine enge Wohngemeinschaft bilden. Wer mächtig genug ist, muss nichts erklären – er lässt erklären, wer elitär genug ist, muss keine Verantwortung übernehmen – er lässt verschwinden.
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Wenn es sein muss, die Opfer, die Zeugen. Epstein war der Schlüsselmeister eines Systems, das sich selbst schützt. Er war der Türöffner und der Türsteher. Nun gibt's andere. Forget it.
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Ich glaube: Wer Macht hat, trägt Verantwortung. Sollte. Wer sie missbraucht, verliert jedes Recht auf Schutz durch Schweigen. Müsste. Wer heute noch meint, der Skandal sei vorbei, verwechselt Ruhe mit Gerechtigkeit. Wie gesagt: Glaub' ich. Ich glaub' an Rechtsstaatlichkeit und die freie Republik, auch wenn meine Omi Glimbzsch in Zittau aus Erfahrung lacht: „Peter, Glauben heisst nicht Wissen, das weesste doch!“ Ich will am liebsten garnicht alles wissen, sag' ich mir.<p><em>Peter Grohmann</em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 13 Feb 2026 10:49:59 +0100</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Wieso verbreiten Politiker:innen und Militärs Thesen, die keiner Überprüfung standhalten?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/ist-pistorius-von-allen-guten-geistern-verlassen-009550.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Es geht hier nicht nur um den deutschen Kriegsertüchtigungsminister, sondern alle, die uns seit Monaten vom „russischen Angriff in zwei Jahren“ erzählen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Boris_Pistorius_2023_w.webp><p><small>Boris Pistorius anlässlich des Feierlichen Gelöbnisses zum 20. Juli 2023.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boris_Pistorius_2023_a.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dr. Frank Gaeth</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Die Frage ist: wieso verbreiten Politiker:innen und Militärs im Brustton der Überzeugung Thesen, die keiner Überprüfung standhalten? Und – wie soll man mit solchen Leuten umgehen?
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<em>(Es geht hier auch nicht um ein ‚Weisswaschen' der russischen Kriegführung in der Ukraine. In jedem Fall ist sicher, dass solch eine Art der Kriegführung in dicht besiedelten Gebieten genau die russischsprachige Bevölkerung schädigt, die angeblich verteidigt werden soll.)</em>
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Aber eine Sache ist Kritik an der russischen Armee und etwas anderes gezielte Panikmache. Sehen wir nun, was westliche Quellen zur Wahrscheinlichkeit sagen, dass Russland europäische NATO-Mitglieder angreift.

<ul class="liste_nr">
<li class="liste_nr">Die Rüstungsausgaben der NATO, selbst wenn man die USA abzieht und die Kaufkraft bereinigt, sind <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-06/nato-gipfel-ausgaben-militaer-bip-verteidigung-infrastruktur" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ein Mehrfaches von denen Russlands</a>. In diesem Zusammenhang wird oft darauf verwiesen, dass Russland die Ausgaben stark steigert. Das tut die NATO seit Jahren ebenfalls (5-Prozent-Ziel), und es stellt sich die Frage, wer auf wen reagiert.</li>
<li class="liste_nr">Die <a href="https://www.greenpeace.de/publikationen/Kraeftevergleich_NATO-Russland.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">westlichen Armeen</a> sind ebenfalls <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/379080/umfrage/vergleich-des-militaers-der-nato-und-russlands/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">haushoch überlegen</a></li>
<li class="liste_nr">Das <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/regierungspressekonferenz-vom-17-oktober-2025-2389904" target="_blank" rel="noreferrer noopener">bestätigt der NATO-Generalsekretär Rutte</a>, der einen gewissen Überblick haben müsste.</li>
<li class="liste_nr">Wenn man all diesen Quellen nicht vertrauen sollte, reicht es, die Nachrichten zu sehen, wie langsam die russische Armee Richtung westliche Ukraine vorrückt.</li>
</ul>

Aus welchen Gründen wird dieses Hirngespinst trotzdem verbreitet? Hier werden drei Hypothesen untersucht: 1) psychologische 2) politische 3) materielle.

<h3>Psychologische Erklärungen</h3>

Wenn man unterstellt, dass diese europäischen Politiker:innen und Militärs sich (im Gegensatz zu anderen Präsidenten) geistiger Gesundheit erfreuen, muss es andere Gründe geben. Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, zu überprüfen, ob sie einer Verschwörungstheorie (VT) anhängen. Zunächst einige Informationen zur Wirkung von VT (nach Katharina Nocun + Pia Lamberty, Fake Facts, Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen; Quadriga Verlag, Köln 2021)  :

<ul class="liste">
<li class="liste">Die Anfälligkeit für VT steigt bei einem Gefühl von Kontrollverlust (Seite 55). Tatsächlich hat die EU-'Elite' in den letzten Jahren drei schwere Ereignisse dieser Art verkraften müssen:

<ul class="liste_nr">
<li class="liste_nr">China begnügt sich nicht mehr mit der Rolle der ausgelagerten Werkbank, sondern überholt die USA und die EU</li>
<li class="liste_nr">immer mehr Staaten übernehmen die Methoden, völkerrechtswidrige Kriege zu führen, die ihnen der Westen in Jugoslawien, Irak usw. vorgeführt hat</li>
<li class="liste_nr">das US-Regime reagiert auf 1) und 2), indem es den treuen Vasallen EU vor die Hunde wirft.</li>
</ul></li><li class="liste">VT sind gegenüber Sachinformationen resistent (S. 62).</li>
<li class="liste">Der ‚confirmation bias' sorgt dafür, dass bevorzugt die Informationen aufgenommen werden, die die eigene Meinung bestätigen (S. 61); die durch abweichende Daten entstehende kognitive Dissonanz wird verringert, indem man diese als unglaubwürdig einstuft.</li>
<li class="liste">Wer sich in einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase#Echokammer-Effekt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Echokammer</a> befindet, wo er nur das wiederholt bekommt, was er selbst sagt, neigt zur Radikalisierung.</li>
<li class="liste">Die Einbindung in eine Gruppe verstärkt den Effekt (S. 49).</li>
<li class="liste">Je mehr in eine Idee investiert worden ist, desto schwieriger ist es, sie in Frage zu stellen oder als Irrtum anzuerkennen (S. 50).</li>
<li class="liste">Kritiker:innen werden als Werkzeuge des Gegners angesehen (S. 176).</li>
<li class="liste">Laut dem ‚optimism bias' wird das Risiko der eigenen ‚Gegen'massnahmen unterschätzt (S. 63).</li>
<li class="liste">Dummerweise haben Menschen mit einer höheren Neigung zu VT eine stärkere Präferenz für Ordnung und Struktur und eine geringere Ambiguitätstoleranz. Wenn das nicht an Militär und Polizei erinnert … (S. 57).</li>
</ul>

Es gibt also Hinweise, dass das Verhalten der EU-Politiker:innen und Militärs teilweise damit erklärt werden kann, dass sie von einer Verschwörungstheorie betroffen sind.
<br><br>
Daneben gibt es noch zahlreiche ‚normale' kognitive Verzerrungen, denen auch der Autor (und die Leser:innen) unterliegen?. Da stellt sich die Frage, ob das Leben als Berufspolitiker:in oder im Generalstab besonders anfällig für sie macht, weil sie sich lange Zeit in derselben geschlossenen Gruppe aufhalten. Hier eine Liste (gekürzt und mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_kognitiver_Verzerrungen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Beispielen</a>)
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<em>Es kommen immer erst der Name, dann ein	Link und schliesslich ein Beispiel:</em>
<br><br>
Attributionsfehler:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Attributionsfehler" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Attributionsfehler</a>	= Die Veränderung vom guten Bild Putins nach seiner Rede 2001 im Bundestag <a href="https://www.youtube.com/watch?v=9jyLQmyg9hs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.youtube.com/watch?v=9jyLQmyg9hs</a>  zum heutigen ‚Dämon'<br>
Backfire:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Backfire-Effekt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Backfire-Effekt</a>	= Was nicht ins Weltbild passt, wird als Beleg für böse Absichten verwendet, z.B. russische Waffenstillstandsvorschläge zu Weihnachten<br>
Beharren:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beharren_auf_%C3%9Cberzeugungen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Beharren_auf_%C3%9Cberzeugungen</a>	= Merz: „Die Mittel der Diplomatie sind ausgeschöpft“ <a href="https://www.pubaffairsbruxelles.eu/eu-in-the-media/german-chancellor-merz-on-ukraine-no-hope-left-for-a-diplomatic-solution-to-the-conflict/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.pubaffairsbruxelles.eu/eu-in-the-media/german-chancellor-merz-on-ukraine-no-hope-left-for-a-diplomatic-solution-to-the-conflict/</a><br>
Bestätigungsfehler:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler</a>	= Durch Infoauswahl in den Zeitungen verstärkt<br>
Dichotomie:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie</a> = „alles oder nichts“, monatelange Diskussionen über Gebietsabtretungen, anstatt die strittigen Gebiete als neutrale Zone unter internationaler Verwaltung zu stellen o.ä. <a href="https://usrussiaaccord.org/making-the-case-for-east-ukraine-by-benjamin-s-dunham/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://usrussiaaccord.org/making-the-case-for-east-ukraine-by-benjamin-s-dunham/</a><br>
Dunning-Kruger:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie</a>	= Selbstüberschätzung, z.B. die Reihe von ‚game-changer-Wunderwaffen' in den ersten Kriegsjahren<br>
Escalation of Commitment:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eskalierendes_Commitment" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Eskalierendes_Commitment</a>	= Nach jedem Fehlschlag eins draufsetzen, z.B. immer weitreichendere Waffen<br>
Etikettierung:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Etikettierungsansatz" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Etikettierungsansatz</a>	= Jahrelang waren die Befürworter:innen eines Waffenstillstands ‚Putin-Helfer', jetzt fordert der Westen einen Waffenstillstand<br>
Framing:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt</a>	= „Krieg vorbereiten, um ihn nicht führen zu müssen“, so wird Waffenkauf eine Friedensaktivität<br>
Frequenz-Illusion:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Frequenzillusion" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Frequenzillusion</a>	= z.B Drohnenflüge, die seit Jahren stattfanden, nach entsprechender ‚Berichterstattung' verstärkt bemerken<br>
Gruppenzwang:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenzwang" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenzwang	</a><br>
Horn-Effekt:	<a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Horn-Effekt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://flexikon.doccheck.com/de/Horn-Effekt</a>	= Zur Feindbildschaffung<br>
Handlungstendenz:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Action_Bias" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Action_Bias</a>	= Lieber etwas Sinnloses als nichts tun<br>
Herdenverhalten: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Herdenverhalten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">	https://de.wikipedia.org/wiki/Herdenverhalten</a><br>
Kognitive Dissonanz (vermeiden):	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz</a>	= Unfähigkeit, die Vorschläge des Gegners überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und nüchtern zu analysieren<br>
Law of the instrument:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Law_of_the_Instrument" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Law_of_the_Instrument</a>	= Soldat:innen sind für die Kriegführung ausgebildet, also ‚lösen' sie alles mit Krieg und es fällt ihnen schwer, an andere Lösungen zu denken<br>
Mere exposure effect:	<a href="https://www.nineblaess.de/de/blog/kognitive-verzerrungen-liste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nineblaess.de/de/blog/kognitive-verzerrungen-liste/</a> Punkt 17	= Manipulationsmethode, z.B. die steigende Anzahl von Fotos netter Soldatinnen auf der Titelseite ehemals ‚liberaler' Zeitungen<br>
Mitläufereffekt:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitl%C3%A4ufereffekt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Mitl%C3%A4ufereffekt</a><br>
Moralische Lizensierung:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moralische_Lizenzierung" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Moralische_Lizenzierung</a>	= Zu jedem Besuch mit neuen Waffenlieferungen gehört ein Besuch mit Mitbringseln in einem Kindergarten, Krankenhaus usw.<br>
Nachträgliche Begründungstendenz: 	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtr%C3%A4gliche_Begr%C3%BCndungstendenz" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtr%C3%A4gliche_Begr%C3%BCndungstendenz	</a>Waffenlieferungen<br>
Negativitätsbias:	<a href="https://digitales-institut.de/die-10-haeufigsten-kognitiven-verzerrungen-eine-liste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://digitales-institut.de/die-10-haeufigsten-kognitiven-verzerrungen-eine-liste/</a>	= Verhandlungsangebote ignorieren<br>
Projektion:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Projektion_(Psychoanalyse)" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Projektion_(Psychoanalyse)</a>	= Spiegeln die ‚Warnungen' vor einem Angriff Russlands vielleicht den geheimen Wunsch wieder, Russland anzugreifen?<br>
Rückschaufehler:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckschaufehler" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckschaufehler</a>	= Die Erklärung des russischen Einmarschs in die Ukraine bei Ausblendung der Vorgeschichte seit Gorbatschow<br>
Selbstwertdienliche Verzerrung:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung</a> = Dauernde Fortschrittsmeldungen, auch wenn der Rückzug schon vorbereitet wird<br>
Versunkene Kosten:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung" target="_blank" rel="noreferrer noopener"></a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Versunkene_Kosten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Versunkene_Kosten</a>	= Niemand würde einen Fahrradreifen aufpumpen, der ein grosses Loch hat, aber es werden steigende Milliardensummen in allgemein bekannte ukrainische Korruptionsnetzwerke gesteckt<br>
Wahrheitseffekt: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheitseffekt_und_Wahrheitsurteile" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheitseffekt_und_Wahrheitsurteile	</a> = Glaubwürdigmachung von Fehlinformationen durch dauernde Wiederholung<br>
Wahrscheinlichkeitsvernächlässigung:	<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrscheinlichkeitsvernachl%C3%A4ssigung" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrscheinlichkeitsvernachl%C3%A4ssigung</a>	= Ausklammern des steigenden Risikos für einen Atomkrieg durch Fehlinterpretation
<br><br>
Es scheint also einige Belege dafür zu geben, dass bei den Sofa-Kriegsheld:innen, die bei uns über Krieg und Frieden entscheiden, Wahrnehmungsverzerrungen verstärkt auftreten.

<h3>Politische Erklärungen</h3>

Dass ein zugkräftiges Feindbild helfen kann, innere Konflikte zu übertünchen, ist allgemein bekannt (<a href="https://www.klaus-moegling.de/aktuelle-auflage-neuordnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Klaus Moegling</a>,  S.167). Dabei kann es sich um abgrenzbare Gruppen im eigenen Land handeln (Jüd:innen, Migrant:innen, Palästinenser:innen) oder um ein ganzes anderes Land.<br>
So sind dann manche Leute bereit, bei leerem Kühlschrank und ohne Heizung Goebbels (und heute <a href="https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/kriegstuechtig-wie-nur-je-von-zeitenwende-kriegstuechtigkeit-und-heimatschutz/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Pistorius</a>,) für die ‚Kriegstüchtigkeit' (und in die Kriegsinvalidität) zu folgen.
<br><br>
Auf eine Beschreibung der innenpolitischen Situation in allen Ländern, wo das zutrifft, verzichte ich hier. Als Beispiele mögen reichen:<br>
- Macron (ohne politische Basis)<br>
- Netanyahu (anhängige Strafverfahren)<br>
- Selenski (im Amt ‚verlängert')<br>
- Trump (anhängige Strafverfahren und Sexskandale)
<br><br>
Natürlich gibt es steuerfinanzierte Einrichtungen, die zur passenden Zeit mit den passenden Ereignissen und Narrativen nachhelfen, wie man bei der Drohnenhysteriekampagne gesehen hat.
<br><br>
Ungeklärt bleibt, wie Einrichtungen, die es eigentlich nicht nötig hätten, wie die Evangelische Kirche Deutschlands, sich in diesem Rahmen sogar zur <a href="https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rechtfertigung von Präventivkriegen</a> versteigen. Aber das ist nicht unser Hauptthema.
<br><br>
Halten wir nur fest, dass die ‚Eliten' einer EU, bei der der Lack abblättert, und einer Bundesrepublik Deutschland, in der alle sozialen Errungenschaften der letzten 150 Jahre nach und nach abgebaut werden, durchaus ein politisches Interesse an einem Dauerkrieg und einem neuen Feind im Osten haben können. Oder einfach aus den in 1) beschriebenen Gründen nicht fähig sind, den Weg aus der Sackgasse zu nehmen, in die sie uns alle gebracht haben.

<h3>Materielle Erklärungen</h3>

Lassen wir uns mal vom Optimismus-Bias leiten und unterstellen, dass die Korruption im Rüstungsbereich in der EU (noch) nicht so fortgeschritten ist wie in der Ukraine.<br>
Dennoch ist offensichtlich, dass es auch hier Situationen gibt, wo das, was jemand politisch vertritt und das, woran er verdient, sich überlappen. Beispiel der ehemalige CIA-Direktor und <a href="https://brooklynpeace.ourpowerbase.net/civicrm/mailing/url?u=28353&qid=3132958" target="_blank" rel="noreferrer noopener">US-Aussenminister Pompeo</a>.
<br><br>
Die systemischen Voraussetzungen dafür sind auch in der Bundesrepublik gegeben:
<br><br>
1) die ‚Drehtüren' von der Bundeswehr und dem ‚Verteidigungsministerium' <a href="https://www.bundeswehr-journal.de/2025/wenn-ehemalige-soldaten-bei-der-ruestungsindustrie-anheuern/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">zur Industrie</a> bewegen sich ständig.
<br><br>
2) das Parlament, das sowas kontrollieren sollte, ist praktisch lahmgelegt. Bei einer Untersuchung des ‚Verteidigungs'ausschusses des vorigen Bundestags stellte sich heraus: „Von 11 Leitungsmitgliedern haben 5 Lobbykontakte, damit lässt sich wohl sagen, dass dieser Ausschuss fest in den Händen von Personen ist, die der Rüstungsindustrie stärker verpflichtet sind als ihren WählerInnen. Von den restlichen 27 Mitgliedern 5, zwei davon auch zu friedensorientierten Einrichtungen. Dazu kommen erfahrungsgemäss die, die ihre Kontakte/Nebentätigkeiten nicht angezeigt haben. Das heisst, von 38 Personen haben mindestens 10 militaristische Lobbykontakte, und mindestens 2 gleichzeitig friedensorientierte.“ (Aus der im Internet zirkulierenden Liste „'Verteidigungs'ausschuss des Bundestages 2022“.)
<br><br>
Auf <a href="https://www.attac.at/news/details/wie-ruestungskonzerne-europas-sicherheitspolitik-beeinflussen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">EU-Ebene</a> ist es ähnlich. Wenn jemand die Zeit und die Mittel hat, das genauer zu untersuchen, kommen bestimmt einige Skandale zum Vorschein. Bis dahin handelt es sich um eine Vermutung, die nicht gerichtsverwertbar ist, aber ‚an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit' hat.

<h3>Was nun?</h3>

Wie soll man sich gegenüber Leuten verhalten, die von Verschwörungstheorien beeinflusst sind, verstärkt unter Wahrnehmungsverzerrungen leiden und ein politisches und materielles Interesse an der Aufrechterhaltung und Verbreitung bestimmter Fehleinschätzungen haben?
<br><br>
1) Es bringt wenig, aufwändig recherchierte Dokumentationen zu schicken. Wenn sie überhaupt über die wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen hinauskommen, fallen sie den oben beschriebenen Filtern zum Opfer.
<br><br>
2) Es ist beschränkt sinnvoll, die Diskussion zu suchen, wie das z.B. das <a href="https://www.evalww.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Projekt EVAL</a> tut.
<br><br>
3) Die Autorinnen von ‚Fake Facts' haben ein zweites Buch „True Facts, Was gegen Verschwörungstheorien wirklich hilft; Quadriga Verlag, Köln 2021“  verfasst, das ich hier nicht berücksichtigt habe. Darin wird der konkrete Umgang mit VT-Anhänger:innen beschrieben.<br>
Es kann auch hilfreich sein, die Empfehlungen von Sektenberatungsstellen einzubeziehen.
<br><br>
4) Wahrscheinlich ist es besser, den Dialog mit Leuten zu suchen, zu denen man über persönliche Empfehlung oder gemeinsame Bekannte kommt, um die Scheuklappen etwas zu öffnen.
<br><br>
5) ‚Debunking', also Konfrontieren mit Fakten, allein reicht nicht (S. 281). Wirksamer als umfangreiche Information sind kritische Fragen (S. 285). Insofern sind Formate wie ‚<a href="https://fragdenstaat.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Frag den Staat</a>' und ‚<a href="https://www.abgeordnetenwatch.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abgeordnetenwatch</a>' vielleicht effektiver, auch wegen der ‚stillen Mitleser' (S. 289).
<br><br>
6) Die Selbstkorrekturfähigkeit der ‚Entscheidungsträger' ist minimal, egal wie man mit ihnen umgeht. Wer das noch nicht am jahrzehntelangen Afghanistankrieg und dessen ‚Aufarbeitung' gemerkt hat, sieht es jetzt beim erbärmlichen Bestreben der Bundesregierung, die eigenen ehemaligen Angestellten lieber in die Hände der Taliban fallen zu lassen als nach Deutschland zu retten.
<br><br>
7) Aus alledem folgt: reine Dialogformate sind beim gegenwärtigen Stand der ‚demokratischen Kultur' in der Bundesrepublik und der EU bei wichtigen/konfliktiven/emotionsbesetzten Themen weitgehend sinn- und folgenlos.
<br><br>
Es kann vernünftig sein, solche Gespräche eine Weile diskret zu führen, aber wenn das nichts bringt, hilft nur öffentlicher Druck. (Mit ‚Druck' meine ich dabei nicht nur Presseerklärungen, sondern z.B. Bahnarbeiter, die keine Waffenlieferungen ins Ausland abfertigen. Was die italienischen Hafenarbeiter schaffen, sollte doch auch woanders möglich sein.)
<br><br>
Damit dieser Druck entstehen kann, müssen von der NATO aufgebaute Feindbilder ‚auseinandergenommen' <a href="https://nie-wieder-krieg.org/2025/12/04/resolution-ippnw-aksn/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">werden</a>.<p><em>Save the civilians</em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 12 Feb 2026 13:49:55 +0100</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/ist-pistorius-von-allen-guten-geistern-verlassen-009550.html</guid>
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<title><![CDATA[Paul Sailer-Wlasits: Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/paul-sailer-wlasits-demagogie-sozialphilosophie-des-sprachlich-radikalboesen-009544.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Es gibt Bücher, die leise erscheinen – aber mit der Wucht einer Erkenntnis, die man nicht mehr loswird. Paul Sailer‑Wlasits' Demagogie gehört zu diesen Werken.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/paul-sailer-wlasits-demagogie_w.webp><p><small>Buchcover "Demagogie"  Foto: Copyright Verlag Königshausen u. Neumann.</small><p>Ein Buch, das ein uraltes Phänomen nicht nur beschreibt, sondern ausleuchtet: Der Wiener Philosoph und Politologe Sailer‑Wlasits nimmt ein Wort, das in Talkshows, Leitartikeln und politischen Debatten längst zur abgenutzten Vokabel geworden ist, und gibt ihm seine analytische Schärfe zurück. Er zeigt, dass Demagogie kein rhetorischer Fehltritt, keine moralische Verirrung und schon gar kein modisches Schlagwort ist, sondern ein Machtprinzip. Ein Prinzip, das sich durch die Jahrtausende zieht, das sich wandelt, tarnt, modernisiert – und doch in seiner Essenz unverändert bleibt.

<h3>Ein Archäologe der Sprache</h3>

Der Autor führt seine Leser durch die Geschichte wie ein kundiger Archäologe der politischen Sprache. Er legt Schichten frei, die man für verschüttet hielt: die athenischen Volksführer, die römischen Tribune, die charismatischen Prediger des Mittelalters, die Agitatoren der Französischen Revolution. Und schliesslich jene „<em>globalen Sprachtäter der Gegenwart</em>“, die mit digitaler Reichweite und algorithmischer Präzision die alten Muster neu aufladen.
<br><br>
Was bei anderen Publizisten oft in kulturpessimistischer Pose endet, gewinnt hier eine historische Tiefenschärfe, die gerade deshalb beunruhigt, weil sie so nüchtern ist. Sailer‑Wlasits zeigt, wie sich Demagogie von der Agora bis zur Timeline entwickelt hat – und wie sie dabei immer wieder dieselben psychologischen Mechanismen aktiviert: Angst, Ressentiment, Erlösungssehnsucht. Die Kontinuität ist frappierend. Die Formen ändern sich, die Wirkung bleibt.

<h3>Sprache als Waffe – und als System</h3>

Das Wichtige an diesem Buch ist jedoch etwas anderes: Der Autor zeigt, dass Demagogie kein zufälliges rhetorisches Stilmittel ist, sondern eine anthropologische Konstante. Ein „relationales Machtinstrument“, das sich stets dort einnistet, wo Sprache, Politik und psychologisches Verlangen aufeinandertreffen. Seine Formulierungen sind präzise wie Skalpellschnitte: Demagogie als „<em>verbaler Brandbeschleuniger</em>“, als „<em>höchste negative Entwicklungsstufe der Sprache</em>“, als „<em>performativer Akt der Täuschung</em>“.
<br><br>
Man spürt, wie sehr die Gegenwart in diesen Sätzen mitschwingt. Denn der Verfasser beschreibt nicht nur historische Figuren, sondern liefert eine Grammatik der Manipulation, die sich in den politischen Diskursen unserer Zeit täglich beobachten lässt. Er zeigt, wie Demagogen nicht überzeugen, sondern überreden wollen; wie sie Konflikte nicht lösen, sondern zuspitzen; wie sie die Massen nicht verstehen, sondern instrumentalisieren. Und wie sie dabei eine Form von „Massenempathie“ entwickeln – eine Synchronisierung mit der Menge, die weniger auf Verständnis als auf Berechnung beruht.

<h3>Die technologische Zäsur</h3>

Dass der Autor die technologische Dimension nicht als modisches Add‑on behandelt, sondern als epochalen Bruch, macht das Buch zu einem Werk von bedrückender Aktualität. Die Ununterscheidbarkeit von wahr und falsch, welche durch KI‑gestützte Kommunikation, Deepfakes und algorithmische Verstärkung möglich wird, erscheint bei ihm nicht als dystopische Fantasie, sondern als logische Fortsetzung einer jahrtausendealten Entwicklung.
<br><br>
Die Demagogie des dritten Jahrtausends, so Sailer‑Wlasits, verfüge über ein Manipulationspotenzial, das frühere Epochen niemals hätten erahnen können. Was einst auf Marktplätzen geschah, geschieht heute nahezu simultan und vor Milliarden Augen. Was früher Tage oder Wochen brauchte, verbreitet sich heute in Millisekunden. Die Skalierung bleibt damit nicht nur technisch, sondern erhält eine politische Dimension. Und diese verändert alles.

<h3>Das „Prinzip Demagogie“ – erstmals vollständig freigelegt</h3>

Hier liegt die eigentliche Leistung dieses Buches: Sailer‑Wlasits hat das „<em>Prinzip Demagogie</em>“ als historisches, sprachliches und psychologisches Gesamtphänomen freigelegt. Nicht als moralische Kategorie, nicht als politisches Schlagwort, sondern als präzise analysierte Machttechnik.
<br><br>
Er zeigt, wie Demagogie funktioniert, warum sie funktioniert und weshalb sie gerade in Krisenzeiten so verführerisch ist. Er erklärt, warum Gesellschaften immer wieder anfällig für sie sind – und warum moderne Demokratien trotz ihrer institutionellen Stärke sprachlich überlastet sind: „<em>Während Populisten den Diskurs überdehnen und stören, brechen Demagogen dessen Regeln und Prämissen</em>“, schreibt der Autor ohne Pathos und ohne moralische Überhöhung.
<br><br>
Gerade diese Nüchternheit macht die Lektüre so eindringlich. Denn sie zeigt, dass die Verteidigung der Demokratie nicht nur eine institutionelle Aufgabe ist, sondern auch eine sprachliche. Eine Frage der Wachsamkeit gegenüber jenen, die mit Worten nicht überzeugen, sondern verführen wollen. Am Ende bleibt ein Eindruck, der selten ist in der politisch‑theoretischen Literatur: Man ist alarmiert.

<h3>Fazit</h3>

Demagogie ist ein Buch, das man nicht nur lesen, sondern ernst nehmen sollte. Ein Werk, das die Gegenwart erklärt, indem es die Vergangenheit seziert und ein altes Thema so beleuchtet, als sähe man es zum ersten Mal. Wer verstehen will, warum Demokratien heute so verletzlich und gefährdet sind – und warum Sprache dabei eine entscheidende Rolle spielt –, wird an diesem Buch kaum vorbeikommen.<p><em>Bernd F. Ullrich</em><p><small>Paul Sailer-Wlasits: Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen. Königshausen u. Neumann, Würzburg 2025. 224 Seiten. ca. 24.00 SFr. ISBN: 978-3-8260-8777-6.</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 11 Feb 2026 13:01:58 +0100</pubDate>
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