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<title>Untergrund-Blättle</title>
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<description>Antipolitik und Gegenkultur aus dem Untergrund. Aktuelle Reportagen, Essays und Buchrezensionen.</description>
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<title>Untergrund-Blättle</title>
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<title><![CDATA[Erziehung gegen Staatsräson]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>„Nie wieder ist jetzt“ – mit dieser Formel wird in Deutschland Unterstützung für Israels Vergeltungsschlag gegen den von der Hamas geführten Terrorangriff auf israelische Gemeinden vom 7. Oktober 2023 mobilisiert.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/the-diasporist-education-against-staatsrason-felix-vallotton_w.webp><p><small>La manifestation (1893).  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F%C3%A9lix_Vallotton_-_La_manifestation_-_Google_Art_Project.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Félix Vallotton</a> (PD)</small><p>Die Botschaft an die Deutschen lautet, dass sie angesichts ihrer Geschichte eine besondere Verantwortung tragen, einen weiteren Holocaust zu verhindern. In der Realität der deutschen Staatsräson bedeutet das vor allem, für die Sicherheit Israels einzutreten, wobei der Staat Israel mit Juden in Deutschland gleichgesetzt oder als deren Erweiterung verstanden wird. Diese Staatsideologie verlangt von der Bevölkerung zugleich, jederzeit wachsam gegenüber heutigen Erscheinungsformen des Nationalsozialismus zu sein. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung <a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a> trug die Jungle World-Autorin Kathrin Witter im April zu diesem Imperativ bei, indem sie behauptete, die Hamas setze „das fort, was zwischen 1942 und 1945 in den Vernichtungslagern geschah“.
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Ihr Artikel „Die Romantisierung der Reaktion“ reagiert auf mein im vergangenen Oktober in der Berlin Review <a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a> veröffentlichtes Argument, wonach sich die Lehren aus Theodor W. Adornos berühmtem Essay „Erziehung nach Auschwitz“ von 1966 auf Israels Zerstörung Gazas anwenden liessen. Ich hatte argumentiert, dass wir heute eine „Erziehung nach Gaza“ brauchen, worunter ich unter anderem eine Pädagogik gegen das Autoritäre verstand. Eine richtige Lektüre Adornos, so Witter dagegen, stütze diese Behauptung nicht, weil Adorno ausschliesslich am einzigartigen Phänomen des Antisemitismus interessiert gewesen sei und die Palästinenser „reaktionär“ seien – ähnlich wie rechtsextreme Antisemiten. Adorno sei, so impliziert sie, ein Philosoph der Staatsräson gewesen, und daraus folgert sie, dass er die Zerstörung Gazas unterstützen würde.
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Statt darüber zu spekulieren, was Adorno heute sagen würde, erscheint es sinnvoller, zunächst zu untersuchen, was Deutsche tatsächlich über Staatsräson und Gaza sagen. Denn „Nie wieder ist jetzt“ hat letztlich dazu geführt, dass sie mit der Zerstörung Gazas in Verbindung gebracht werden – einer Zerstörung, die von vielen Völkerrechtlern und Menschenrechtsorganisationen als genozidal bezeichnet wird. Während das Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof hierzu noch aussteht, ist die Frage des „Nie wieder“ umstritten geworden, weil Umfragen zeigen, dass die grosse Mehrheit der Deutschen die Staatsräson und die durch sie legitimierten schweren Verbrechen ablehnt.
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Eine Umfrage Ende 2025 ergab, dass nur 10 % Angela Merkels Formulierung der Staatsräson für „voll und ganz richtig“ hielten, 69 % wollten, dass sich die deutsche Aussenpolitik an Menschenrechten und Völkerrecht orientiert, und 66 % befürworteten einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Auf Grundlage dieser Umfrage kam ich in einem Artikel für The Diasporist <a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a> im Dezember 2025 zu dem Schluss, dass die Vereinnahmung der deutschen Erinnerungskultur durch die Staatsräson zur Unterstützung von Israels zerstörerischem Vorgehen deren öffentliche Wirksamkeit zerstöre. Deshalb, so meine These, sei „die Holocaust-Erinnerung vorbei“.
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Diese Kluft zwischen der deutschen Öffentlichkeit einerseits und Medien sowie politischer Klasse andererseits hinsichtlich Israels Vorgehen in Gaza – zusammen mit Deutschlands sinkendem Ansehen als Verfechter des Völkerrechts – stellt somit eine Krise des vermeintlichen Konsenses über die Bedeutung der NS-Vergangenheit für die deutsche öffentliche Moral dar. Eine dringliche Aufgabe besteht daher darin, die Ursprünge des ständig wiederholten „Nie wieder“ zu untersuchen.
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Eine wichtige Quelle ist tatsächlich Adornos „Erziehung nach Auschwitz“, in dem er bekanntlich erklärte, die zentrale Forderung an jede Erziehung sei, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Die Kampagne „Nie wieder ist jetzt“ scheint Adornos Vermächtnis für Israels Zerstörung Gazas in Dienst zu nehmen. Doch entspricht diese Verwendung seiner Ideen tatsächlich seinem Denken? Lässt er sich wirklich zum Hofphilosophen des deutschen Staates machen?
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Wie zu erwarten, sind Adornos Gedanken komplexer als die aus ihnen abgeleiteten Schlagworte. Für Adorno war Auschwitz ein Rückfall in die „Barbarei“, ein altmodischer Begriff, den er durchgehend verwendete. Die Barbarei der Dialektik der Aufklärung manifestiere sich auf unterschiedliche Weise, meinte er – vom Genozid, wobei in „Erziehung nach Auschwitz“ ausdrücklich der armenische Fall erwähnt wird, bis hin zu Hiroshima: “Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, dass die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord” In seinen damaligen Vorlesungen ordnete Adorno auch den Vietnamkrieg demselben „geschichtlichen Zusammenhang“ zu. Auschwitz, die Atombombe, eingesetzt in Hiroshima und Nagasaki und Vietnam bildeten gemeinsam das, was er eine höllenhafte Einheit“ nannte.
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Es scheint also klar, dass Adorno mit der Forderung, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“, die Verhinderung jenes Rückfalls in die Barbarei meinte, der sich auf unterschiedliche Weise äussern kann – jeweils verschieden, aber allesamt Produkte eines katastrophalen historischen Prozesses. Die Umfragedaten deuten darauf hin, dass die Mehrheit der Deutschen Israels Zerstörung Gazas als barbarisch betrachtet. Dasselbe gilt ihrer Ansicht nach für den Angriff der Hamas.
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Das bedeutet nicht, Israels Zerstörung Gazas und nun auch des Südlibanon mit dem Holocaust gleichzusetzen – jener gefürchtete „Gleichsetzungs“-Vorwurf, mit dem Debatten und Denken unterbunden werden. Es bedeutet vielmehr, dass viele Deutsche, wie Adorno selbst, zu komplexerem Denken fähig sind als ihre Politiker und Journalisten: nämlich dazu, verschiedene barbarische Erscheinungsformen der Moderne miteinander in Beziehung zu setzen, ohne sie gleichzusetzen.
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Das sind jene Deutschen, die aus der NS-Vergangenheit universalistische Lehren gezogen haben: nie wieder Genozid und Menschenrechtsverletzungen – für alle. Andere hingegen, darunter eine wachsende Zahl von AfD-Wählern, haben sich wahrscheinlich nie ernsthaft zu irgendwelchen Lehren aus der NS-Vergangenheit bekannt. Auch hinsichtlich der staatlichen Reaktion auf die Antikriegsproteste ist die deutsche Öffentlichkeit gespalten.
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Die Linke lehnt das harte Vorgehen zunehmend ab, einschliesslich der Polizeigewalt und der zahllosen Ausladungen von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, weil sie versteht, dass Staatsräson „eine Unterordnung des Individuums unter Staatslogik und Zwang“ bedeutet – wie Kathrin Witter zutreffend formuliert. Die grosse Mehrheit der Deutschen scheint dagegen apathisch zu sein, während AfD-Wähler ihre Ressentiments gegen Migranten ausleben, indem sie die autoritären Massnahmen von Polizei und Staat unterstützen. Witter und grosse Teile der deutschen Presse scheinen diese Haltung zu teilen. Sie sehen keine Krise der Freiheit, die viele Beobachter der deutschen politischen Kultur beunruhigt; sie sehen vielmehr eine Krise des „romantischen Antikapitalismus“, der angeblich die Republik bedrohe und mit voller Staatsgewalt zerschlagen werden müsse.
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Adorno hatte hierzu klare Ansichten. Jede Erziehung nach Auschwitz bedeutet die Förderung dessen, was er „kritische Reflexion“ nannte – und dazu gehörte auch die Kritik an der (west-)deutschen Staatsräson. Warum? Weil, wie er schrieb, indem man das Recht des Staates über das seiner Angehörigen stellt, ist das Grauen potentiell schon gesetzt”. „Grauen“ war sein bevorzugter Begriff zur Beschreibung von Barbarei. Er zieht sich durch seine Essays und Vorlesungen.
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Erziehung nach Auschwitz bedeutete, wie wir wissen, Erziehung gegen die Barbarei – und das hiess, Widerstand gegen den „sadistisch-autoritären Grauens“ zu leisten, wie er das faschistische Potential bezeichnete, das er in der westdeutschen Gesellschaft am Werk sah. Heute umfasst dieses Potential auch das Programm der AfD, die insbesondere in Ostdeutschland immer mehr Zustimmung gewinnt. Gleichzeitig stimmen Kathrin Witter und ihre mitte-rechten Mitstreiter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in die Rhetorik der AfD ein, indem sie Migranten herausgreifen.
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Von solchen Verfechtern der Staatsräson wird Adornos Ablehnung des Vietnamkriegs ebenso konsequent ignoriert wie die Herbert Marcuses, eines weiteren bedeutenden Kritischen Theoretikers, der in diesen Debatten bequemerweise übergangen wird. Ihre Verurteilung der massenhaften Tötung vietnamesischer Bauern hat eine offensichtliche Entsprechung in der massenhaften Tötung palästinensischer Zivilisten. Zwar war Adorno gewiss nicht „anti-israelisch“ und hätte die Hamas verurteilt; dennoch ist kaum vorstellbar, dass er – und noch weniger Marcuse – die Zerstörung Gazas als notwendig oder akzeptabel begrüsst oder hingenommen hätte, geschweige denn als legitimen Ausdruck von „Nie wieder“. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil.
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Adorno und seine Kollegen waren weit weniger praxisfern, als antideutsche Kritiker wie Witter ihnen oft unterstellen. Die Frankfurter Schule interessierte sich aktiv für die demokratischen Perspektiven der Bundesrepublik. Ihre Mitglieder demonstrierten in den 1960er Jahren gegen die Notstandsgesetze und leisteten Pionierarbeit bei Studien zur autoritären Persönlichkeit und zum Antisemitismus. Solange die objektiven Bedingungen der kapitalistischen Moderne fortbestünden, würde Antisemitismus als Form projektiven Hasses ein stets vorhandenes Potential bleiben. Die Aufgabe von Intellektuellen sei es, dieses Potential zu analysieren und gegen seine Erscheinungsformen zu protestieren.
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Dieses Potential könne sich selbstverständlich auch in anderen Vorurteilen äussern. Kein gesellschaftliches Phänomen – auch nicht der Antisemitismus – ist absolut „einzigartig“ oder zeitlos eingefroren, wie Witter behauptet. Tatsächlich spiegeln „Rassen“-Kategorien gesellschaftliche Verhältnisse wider, und die Position der Subalternen und Rassifizierten ist kein fixer ahistorischer Ort, sondern abhängig von Machtkonstellationen, herrschenden Ideologien und Bedrohungswahrnehmungen. „Der Jude“ der 1930er und 1940er Jahre ist nicht „der Jude“ der 2020er Jahre.
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Wer nimmt heute jenen sozialen und kulturellen Raum ein, den einst „der Jude“ innehatte – und in rechtsextremen und antideutschen Kreisen weiterhin innehat? Welche Prozesse von Ein- und Ausschluss im deutschen Nationalstaat führen zu Diskursen über Abschiebung und Verfolgung? Wer sind heute jene, die von staatlichen und para-staatlichen Akteuren als innerer Feind markiert und dämonisiert werden, deren Körper als nicht assimilierbar und sogar als Bedrohung für den politischen Körper gelten? In Deutschlands neuer Demographie richtet sich der Mechanismus projektiven Hasses gegen Migranten, insbesondere gegen Palästinenser.
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Adorno identifizierte die Persönlichkeitsstruktur jener Deutschen, die in den 1930er Jahren den Nationalsozialisten Beifall spendeten – ein Ensemble autoritärer, staatsfixierter Eigenschaften, das er auch in den Westdeutschen der 1960er Jahre wiedererkannte. Heute sehe ich beunruhigende Anzeichen ihrer Rückkehr.
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Sie kennzeichnen jene Deutschen, die, wie der Forscher Peter Ullrich formuliert, mittels eines „autoritären Antisemitismus gegen den Antisemitismus“ die Demokratie bedrohen und Palästinenser gedankenlos mit Nazis gleichsetzen – als neue Form des Hasses. Gemeinsam mit der AfD dämonisieren diese Deutschen Migranten zugleich als minderwertig und bedrohlich, in einer rassistischen Tradition, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht und Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise verbindet, die einen daran zweifeln lässt, ob sie aus ihrer Geschichte überhaupt etwas gelernt haben.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/kann-man-adorno-fuer-israel-kritik-einspannen-200727673.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/kann-man-adorno-fuer-israel-kritik-einspannen-200727673.html</a>
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<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://blnreview.de/ausgaben/2025-09/a-dirk-moses-adorno-erziehung-nach-gaza-nach-erziehung-nach-auschwitz" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://blnreview.de/ausgaben/2025-09/a-dirk-moses-adorno-erziehung-nach-gaza-nach-erziehung-nach-auschwitz</a>
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<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://thediasporist.de/de/ist-die-erinnerung-an-den-holocaust-vorbei/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://thediasporist.de/de/ist-die-erinnerung-an-den-holocaust-vorbei/</a>
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Erschienen auf the Diasporist.</small>]]></description>
<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 10:40:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Kaum Widerstand gegen Sozialabbau: Jeder wird verschlissen, aber jeder anders]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Deregulierte Arbeitszeiten, Einschnitte in die soziale Sicherung, gesetzliche Rente und Krankenversicherung, ein schwächerer Kündigungsschutz, Einschränkungen für Erkrankte und Angriffe gegen Sozialleistungsbezieher:innen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/10185828696_69aaca268b_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/10185828696/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%202.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Der Sozialstaat erscheint in der politisch-medialen Diskussion als reiner Kostenfaktor, unfinanzierbar und damit reif für weiteren Abbau. Nicht wenige Politiker:innen zeigen dabei allerdings eine ambivalente Haltung. Insbesondere in Notlagen – in denen wir uns inzwischen fast permanent befinden – werden sozialstaatliche Leistungen als zu teuer und zu bürokratisch kritisiert oder es wird moniert, die Einzelnen lieferten als Gegenleistung zu wenig.
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Deshalb versucht jede neue Regierungskoalition diese Mängel zu beseitigen, mit einem „Umbau“ (Gerhard Schröder), einer „grosse Reform“ (Olaf Scholz) oder „harten Einschnitten“ (Friedrich Merz). Sie betreffen in der Regel untere Einkommensgruppen und Bezieher:innen von Sozialleistungen und fordern von ihnen materielle Einschnitte in ihrem Lebensalltag, bei gleichzeitiger Erhöhung des Drucks. Auf diese Weise sollen drängende Probleme oder gar Ungerechtigkeiten beseitigt werden, die angeblich immer gravierender werden.
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Vergessen wird dabei, dass der Staat gleichzeitig selektiv Leistungen, Zuschüsse und Entlastungen für Besserverdienende und Unternehmen fördert, Freibeträge für sie erhöht, Sonderleistungen erlaubt, Steuern querbeet senkt und Zuschüsse für Immobilien bis Gigafactorys vergibt. So wird die eine Seite als „Sozialpolitik“ mit starken Kontrollen belastet und die andere, als „Steuerpolitik“ oder „Standortpolitik“ verklausuliert, alimentiert, vielfach unsichtbar und wenig kontrolliert. Staatliche Leistungen laufen unter verschiedenen Flaggen. Auffällig ist, dass die Kampagnen gegen den angeblich unbezahlbaren Sozialstaat immer dann aufkommen, wenn sich der Krisendruck spürbar erhöht, wenn sich die Probleme der Kapitalakkumulation oder der internationalen Konkurrenz verschärfen. Dabei ist es unerheblich, welche politische Partei die Regierung stellt und welche neue „Reform“ eine alte ablöst.

<h3>Hartz IV in neuem, noch engerem Gewand</h3>

So wird zum Beispiel mit der „neuen Grundsicherung“ ein weiteres Kapitel der Politik sozialstaatlicher Demontage und Repression aufgeschlagen. Sanktionen werden verschärft, die Kosten der Wohnung gedeckelt und die ohnehin prekäre Lebenssituation von Betroffenen weiter belastet. Die repressiven Massnahmen sollen bis an die „Grenze dessen gehen, was verfassungsrechtlich zulässig ist“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas. Es ist Hartz IV in neuem, noch engerem Gewand.
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Wir erinnern uns: Die Vorbereitung und Einführung von Hartz IV Anfang der 2000er Jahre erzeugte Unruhe und Aufbegehren bei den Betroffenen und ihren Unterstützer:innen. Über zwanzig Jahre später ist vom damaligen Widerstand kaum noch etwas zu spüren. Um die Lage der abhängigen Klassen zu verstehen, gilt es, Anhaltspunkte dafür zu finden, warum sich heute so gut wie kein solidarisches Handeln mehr findet, das trotz verstärktem Druck wirksam werden kann. Und dieser Druck zielt nicht nur auf sozialstaatliche Leistungen, sondern auch auf das ganze Spektrum von Arbeitsbedingungen, von der täglichen Höchstarbeitszeit bis zum Recht auf Teilzeit. Ein erster Hinweis findet sich bereits in den trennenden Narrativen des selektiven Sozialstaats: Verschärfungen für die einen werden eingerahmt von Entlastungen für die anderen, das erleichtert die Durchsetzung. Erinnert sei an Pendlerpauschale, Freibeträge oder erhöhten Progressionsschwellen, die Besserverdienenden zugutekommen. Doch dabei bleibt es nicht. Denn nicht nur Kürzungen bei Staatsleistungen entsolidarisieren, wie ein Blick in die Geschichte verdeutlicht.

<h3>Jeder wird verschlissen, aber jeder anders</h3>

In den historischen Etappen der ökonomischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte lassen sich systematische Zuspitzungen sozialer Ungleichheit und zunehmende Prekarisierungen feststellen, die für einzelne Gruppen variieren. Vom Fordismus der Fliessbandarbeit, samt Vollzeitbeschäftigung, Tarifbindung und dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates, ging es über den Postfordismus, mit seiner flexibleren Produktion und unsichereren Arbeitsplätzen, bis zur umfassenden Regulationsweise des Neoliberalismus mit Privatisierung, selektive Deregulierung und reduzierter sozialer Sicherung. Höhere Erwartungen an die Initiative der Arbeitsfähigen beförderten den „Produktivismus“, in dem kapitalistische Verwertungsimperative und Wachstum für Profit als alternativlose Grundlage sozialer Reproduktion regelrecht naturalisiert werden. Er schreibt sich über ein strenges Bewährungsregime von Leistung und Markterfolg immer tiefer in die Lebensverhältnisse, Subjektivitäten und politischen Ordnungen ein.
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Mit seinem technologischen Ausbau wird der Kapitalismus aggressiver und sein Tech-Finanz-Komplex zur massgeblichen Macht über Infrastruktur und Lebensweisen. Er verschärft staatliche Austerität und Repression, und fördert eine exzessive gesellschaftliche Ungleichheit. Seine neuen Automatisierungsschübe und ausgebauten Finanzkonzepte bestimmen, wie Menschen leben, handeln und miteinander agieren, strukturieren das soziale Miteinander. Sie vermehren die Unterschiede von Lohnempfängern und anderen abhängigen Klassen, befeuern Desorientierung und Vereinfachung. Die hohe Flüchtigkeit und Masse von Informationen in Medien, ihre Wiederholungen und affektiven Trigger steigern diese Entwicklung.<br>
Aber das reicht noch nicht. Wir sehen heute nicht nur wachsende Ungleichheit, sondern systematisch produzierte Entwertung und Verunsicherung, Verwundbarkeit bis Leid. Diese Erfahrungen sind nicht bloss Nebeneffekte von Ausbeutung oder Prekarisierung, sondern integrale Bestandteile der Produktionsverhältnisse und damit der Reproduktion kapitalistischer Verwertung. In der Folge werden Klassen nicht nur entlang von Eigentum und Lohnarbeit strukturiert, sondern auch entlang sozialstaatlich regulierter Linien von Abwertung, Ausschluss und Scham – für alles gilt die Eigenverantwortung. Menschen leben heute in zunehmend bedrängten Lebensverhältnissen, drangsaliert vom Staat, im Job, durch Ausschlüsse und Wohnungsprobleme. Sie erleben Entwertung und Überlastung gruppenspezifisch jeweils unterschiedlich – industrieller Verschleiss ist nun mal nicht dasselbe wie care-bedingte Erschöpfung oder die Willkür in Web-Plattformen.
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Unterschiedliche Empfindungen des Alltags – in der Werkhalle, beim Lieferverkehr, an der Ladenkasse, am Pflegebett, vor dem Bildschirmarbeitsplatz – produzieren unterschiedliche Erfahrungsgrammatiken. Überall rahmen Entkräftung und Verunsicherung die Belastungen der abhängigen Klassen. Entkräftung ist eine Schwächung von körperlichen, psychischen, sozialen und politischen Kräften in der Arbeit und im Alltag. Sie folgt teils aus Entwertung, aus der systematischen Demütigung in Arbeits-, Lebens- und Anspruchsformen. Verunsicherung entspringt derweil aus institutionell produzierter Ungewissheit über Einkommen, Zeit und Versorgung. Sie betrifft Anerkennung oder Aufenthalt, Gesundheit und insgesamt die Zukunft.

<h3>„Gerechtigkeit“ heute</h3>

Der aggressive Kapitalismus baut sein Bewährungsregime mit Bewertung und Kontrolle über die Einzelnen aus; er wird durch permanente Krisen auf die Spitze getrieben, und für jeden gilt es, das irgendwie zu bewältigen. All diese rücksichtslosen Techniken und Imperative begleiten Erzählungen der Alternativlosigkeit und wenig Widerstand. Dazu kommt die Auflösung des demokratischen Anspruchs auf Gleichheit, die aus der Entkopplung politischer Massnahmen von den faktischen Lebensverhältnissen der Leute herrührt. Sie werden ersetzt durch eine kapitalistische „Gerechtigkeit“, bemessen in produktivistischer Bewährung und ihrer Meriten, so wie es Kapital-Eliten vorführen, die sich als Idole präsentieren und vermeintlich unangreifbar geworden sind.
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Auf dieser Basis ergreift aggressives Kapital scharfe Massnahmen auf allen Ebenen, die in dem demokratisch geschwächten, repressiveren Raum wirken. Sie begegnen den alltäglichen Bewältigungspraktiken, die wiederum dem Tempo der Massnahmen immer atemloser folgen. Sie befördern Gefühle der Resignation, des Ausgeliefertseins und der Wut, die sich zusammen mit dem Bewährungsregime festigen. Doch es bleibt vorerst bei solchen Gefühlen. Denn in diesen gesellschaftlichen Umständen funktionieren zwei politisch aufeinander abgestimmte Komponenten.
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Das umfassende Regime der Bewertungen und Kontrollen bringt meist nur reaktive wie resignative Wut auf Kosten derjenigen Gruppen hervor, die staatliche Zahlungen empfangen. Und genau das treibt der selektive Sozialstaat voran, der Überlastung und exzessive Ungleichheit reguliert: Entlastung für nicht staatlich Alimentierte kommt mit Belastung der alimentierten Minderleistenden oder Erfolglosen. So funktioniert er als Nachbrenner für die Spaltungen der abhängigen Klassen. Und es ist ein hinterhältiges politisches Spiel, denn dieser Trick entlastet auch herrschende Akteure und soll gleichzeitig weitere Belastungen in den Arbeits- und Lebensbedingungen aller Abhängigen vereinfachen.

<h3>Es braucht eine Klassenanalyse von unten</h3>

Dieser Hintergrund ökonomischer und politischer Einwirkungen hilft vielleicht zu erklären, warum sichtbarer Widerstand gegen das derzeitige sozialpolitische Reformprogramm ausbleibt. Und zu ihnen kommen noch inzwischen verlorene Erwartungen an Widerstand, das systematische Versagen politischer Parteien und eine gespaltene (radikale) Linke. Was bleibt ist vielfach eher (lokales) Bewältigen durch Widerspenstigkeit oder Ausweichen. Manchmal gibt es dafür günstige politische Umstände und Kollaborationen, die aber meist sehr fragil sind. Dies zeigt: Eine genauere Analyse der Klassenstruktur von unten steht an, erst ein paar Hinweise wurden hier gegeben.
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Was zum Beispiel verbindet, was trennt und was vereint prekär Tätige, Care-Arbeiter:innen, die klassische Arbeiterklasse und Erwerbslose? Wie wirken sich kapitalistische Strukturen im Einzelnen aus, was macht es mit den Betroffenen und welche individuellen oder kollektiven Folgerungen ziehen sie mit welchen politischen Folgen daraus?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 12:10:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Infinity Pool]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/infinity-pool-009707.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Mit seinem dritten Spielfilm "Infinity Pool" etabliert sich Brandon Cronenberg langsam als eine eigenständige Stimme.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Filmcrew_of_Infinity_Pool_at_Berlinale_2023_w.webp><p><small>Filmcrew von Infinity Pool auf der Berlinale 2023.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Filmcrew_of_Infinity_Pool_at_Berlinale_2023.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elena Ternovaja</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Zu sagen hat er auch einiges, wenn in „Infinity Pool“ ein Urlaub auf bizarre Weise eskaliert. Da treffen Ekelmomente auf betörende Aufnahmen, das erstklassige Ensemble stürzt sich ohne Hemmungen in Exzesse, während zahlreiche gesellschaftliche und philosophische Themen gestreift werden. Da verzeiht man dann auch, wenn zum Schluss der Schwung verlorengeht und der Film selbst nicht mehr weiter weiss.<br>
Es hätte ein richtig schöner Urlaub für James (Alexander Skarsgård) und Em (Cleopatra Coleman) sein sollen.
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Ein bisschen die Seele baumeln und sich verwöhnen lassen, den Traumstrand und das Meer geniessen. Vor allem James reiste mit grossen Hoffnungen an. Vielleicht wird es ihm ja in dem Luxusresort gelingen, seine Schreibblockade hinter sich zu lassen und endlich seinen zweiten Roman zu schreiben? Dabei machen sie die Bekanntschaft von Gabi (Mia Goth) und Alban (Jalil Lespert), die jedes Jahr hier Urlaub machen und die Insel gut kennen. Sie sind es auch, welche das Paar dazu überreden, das Resort zu verlassen und einen unberührten Ort auf der Insel zu besuchen – auch wenn dies eigentlich streng verboten ist. Auf dem Rückweg kommt es jedoch zu einem tragischen Unglück, welches das Leben von James und Em für immer verändern wird …

<h3>Emanzipation durch Sex und Gewalt</h3>

Es gehört fast zwangsläufig dazu: Sobald Kinder ihren berühmten Eltern nacheifern und deren Berufe aufgreifen, sind Vergleiche unausweichlich. So ist auch Brandon Cronenberg dazu verdammt, sich mit seinem Vater messen lassen zu müssen, dem berühmten Regisseur David Cronenberg. Hinzu kommt, dass der Filius wie schon der Papa im Horror-Genre unterwegs ist und es dort gern ein wenig provokanter mag. Vor allem sein Debütfilm <em>Antiviral</em> wurde 2012 überwiegend damit beworben, dass Brandon der Sohn ist. Bei seinem Zweitwerk <em>Possessor</em>, das geschlagene acht Jahre auf sich warten liess, gelang es ihm schon ein wenig besser, sich vom offensichtlichen Vorbild zu emanzipieren. Nun liegt mit <em>Infinity Pool</em> sein Langwerk Nummer drei vor und dürfte ihn so langsam als einen eigenständigen ernstzunehmenden Künstler etablieren.
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Wobei sich Cronenberg dabei treu bleibt, dass er es gern ein wenig extremer und provokativer mag. Das kann mal Gewalt betreffen, in anderen Stellen ist es Sex – Zurückhaltung ist da nicht. Beides wird hier durchaus zum Selbstzweck. Aber aus einem guten Grund: <em>Infinity Pool</em> erzählt die Geschichte von Menschen, die alles haben können und sich dadurch tierisch langweilen. Da braucht es schon den einen oder anderen Exzess, um überhaupt noch etwas fühlen zu können. Hier können sich die Figuren auf besondere Weise jeglicher Verantwortung entledigen, geniessen eine Freiheit, die ebenso unendlich ist, wie es der Titel impliziert. Das Mittel dazu ist einfach, gleichzeitig aber grausam und grotesk. Wer das nötige Geld hat, der kann – Vorsicht Spoiler – einen Klon herstellen lassen, der für die eigenen Verbrechen büssen muss. Selbst die Todesstrafe verliert auf diese Weise ihren Schrecken.

<h3>Allein mit zahlreichen Gedanken</h3>

Damit verbunden sind eine Vielzahl von Themen, über die es sich zu diskutieren lohnt. Von Anfang wird die Schere zwischen Arm und Reich verdeutlicht, wenn das Resort gleichzeitig eine Festung ist. Dann gibt es Ausführungen zu einem Kolonialismus, schliesslich bringen die Urlauber und Urlauberinnen ihre eigenen Erwartungen und Ansprüche mit, die im Zweifelsfall über den Traditionen des Landes stehen. Das erinnert zuweilen frappierend an <em>Sundown – Geheimnisse in Acapulco</em>, wenngleich der Protagonist dort deutlich ambivalenter war. Und natürlich hat <em>Infinity Pool</em> auch einige philosophische Implikationen, welche das Spiel mit Identitäten und den Wert des Lebens betrifft. Gibt es überhaupt noch einen Wert, wenn alles möglich wird? Was macht es mit uns, wenn es keine Grenzen mehr gibt? Antworten gibt Cronenberg darauf nicht. Er lässt das Publikum und seinen Protagonisten etwas hilflos zurück, sollen andere doch die Schlüsse daraus ziehen.
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Grundsätzlich ist das kein Problem, es muss nicht alles in mundgerechte Stücke verpackt werden. Allerdings tut sich Cronenberg schwer damit, selbst zu einem Schlusspunkt zu kommen. Was anfangs noch faszinierend bis verstörend wird, wird später recht ziellos und redundant. Da verliert <em>Infinity Pool</em> schon spürbar an Wirkung. Dennoch: Der teils satirische Horror-Sci-Fi-Mix, der auf dem Sundance Film Festival 2023 Premiere feierte, ist sehenswert. Neben dem fordernden Inhalt gibt es Bilder, die zwischen betörend und verstörend schwanken. Und dann ist da natürlich noch die exzellente Besetzung. Mia Goth (<em>X</em>) als brutal-manipulative Verführerin gehört ebenso zu den Höhepunkten wie ein wandelbarer Alexander Skarsgård (<em>The Northman</em>), der zwischen Hündchen und Bestie  angesiedelt ist und sich ohne Hemmungen in seine Rolle stürzt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 10:39:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Jan Völker: Ein Weltall des Kapitals]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/jan-volker-ein-weltall-des-kapitals-009518.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Private Raumfahrtprogramme formen ein neues Denken, das den Menschen von allen irdischen Zwängen befreit – ausser denen des Kapitalismus.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/jan-volker-ein-weltall-des-kapitals_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Die Zeit des Kalten Krieges war auch ein Wettstreit um die Vorherrschaft im All: Wer würde als erstes im All spazieren gehen, wer würde als erstes den Mond betreten. Ost oder West? Zwar kam die Raumfahrt nach dem Ende der Blockkonfrontation und der politischen Neuordnung in den 1990er Jahren keineswegs zum Erliegen, doch erst in den letzten Jahren hat sie erneut eine Hochkonjunktur erfahren: allerdings unter grundlegend veränderten Vorzeichen. Nicht mehr staatliche Programme und geopolitische Konkurrenz bestimmen das Geschehen, sondern privatwirtschaftliche Akteure machen sich auf zu interstellaren Ufern und eröffnen eine neue Phase der Raumfahrt.
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Diese Verschiebung nimmt der Philosoph Jan Völker in seinem äusserst spekulativen Essay „Ein Weltall des Kapitals“ zum Anlass, über das Menschenbild nachzudenken, das mit der privatwirtschaftlichen Erschliessung des Weltraums einhergeht. Welches Bild vom Menschen haben Personen wie Jeff Bezos, Elon Musk & Co? Welche Selbstauffassung entsteht wohl, wenn der Mensch nicht länger an die planetaren Grenzen der Erde gebunden ist und er damit ein Mensch wird, „der von seinem Unbewussten getrennt ist, […] kein Erdbewohner mehr, sondern […] ein Kolonist im Weltall und ein astronautischer Kolonist auf der Erde selbst, während auf der Erde sich die Apokalypse entfaltet“ (S. 7).
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Dieser Gedanke jedenfalls stellt den Leitfaden des Buches dar, dessen Untertitel bereits eine „Überwindung der terrestrischen Vernunft“ ankündigt. Wäre unsere Vernunft eine andere, wenn sie nicht durch die Bedingungen des Lebens auf der Erde geprägt wäre? Völker bietet hierzu weniger materialistische Analyse als vielmehr weitreichende Spekulationen, die etwas guten Willen der Leser*innen voraussetzen.

<h3>Mit Kant und Lacan ins All</h3>

Zunächst entfaltet Völker mithilfe verschiedener Texte von Immanuel Kant, was unter „terrestrischer Vernunft“ zu verstehen ist. Terrestrisch ist sie, weil sie „unter den Voraussetzungen sinnlicher Erfahrungen gebildet und ihre Verwirklichung im Rahmen der Welt und ihrer Natur gedacht wird“ (S. 20). Der Rückgriff auf Kant ist dabei keineswegs beliebig.
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In dessen frühen Schriften aus der Mitte des 18. Jahrhunderts finden sich tatsächlich Überlegungen zu „Bewohnern der Gestirne“, ja sogar Spekulationen über die Bewohner*innen des Jupiter. In späteren Texten werden solche Gedankenspiele zwar vorsichtiger und als blosse Meinungen relativiert, dennoch hält Kant daran fest, dass es eine Vernunft jenseits irdischer Begriffe geben müsse – auch wenn wir nicht in der Lage sind, entsprechende Phänomene wahrzunehmen. Völker fasst dies wie folgt zusammen: „Die notwendige Anerkennung von etwas Unerkennbaren öffnet die Möglichkeit, dass etwas Unerkennbares das Zeichen einer anderen Vernunft sein könnte.“ (S. 46)
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Damit stellt sich die Frage, ob diese andere Vernunft nun in den Weiten des Weltalls zu verorten ist. Der Raum erscheint bei Völker vor allem als das „Aussen des menschlichen Verständnisses“ (S. 70), das durch wissenschaftliche Forschung und technische Apparaturen erschlossen werden soll. Wissenschaft berührt dabei stets etwas, das sie nicht vollständig begreifen kann, das aber dennoch reale Effekte zeitigt:
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„Die Wissenschaft öffnet also einen Raum, in dem sie an etwas rührt, was sie selbst nicht vollständig erfassen vermag, was jedoch zu Änderungen der Welt führt“ (S. 96).
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Zur weiteren Ausarbeitung greift Völker – in teils etwas umständlichen gedanklichen Girlanden – auf Hannah Arendt und insbesondere auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan zurück. Dieser beschrieb bereits in den 1970er Jahren eine durch technische Apparate verschaltete Menschheit. Was damals noch abstrakt erschien, ist im Zeitalter des Internets und der allumfassenden Datafizierung alltägliche Erfahrung. Die Figur des Astronauten, der hermetisch von seiner Umwelt abgeschlossen ist, dient Völker dabei als Sinnbild eines Menschen, der das Verdrängte – oder präziser: das Unbewusste – von sich abgeschnitten hat und eingekapselt in der Schwerelosigkeit schwebend auf sich selbst zurückgeworfen ist. Es ist ein Mensch, der nicht länger in die gesellschaftliche Vermittlung von Natur – der eigenen und der planetaren – und der damit einhergehenden Konflikte verstrickt ist.

<h3>Markt und Kosmos</h3>

Auch die ökonomische Dimension bleibt in Völkers Essay nicht ausgespart. Der Weltraum wird zunehmend zum Objekt kapitalistischer Begehrlichkeiten. Astronauten sind „nicht länger Abgesandte abstrakter Grossmächte, die die Interessen dieser Mächte symbolisch vertreten“ (S. 120f.), sondern Repräsentant*innen privatwirtschaftlicher Interessen, sei es im Rahmen von Musks Starlink-Projekt oder durch superreiche Tourist*innen und Promis, die Kurztrips ins All unternehmen – wo sollte man auch sonst Urlaub machen, wenn die Erde nichts mehr zu bieten hat. Völker interessiert sich jedoch weniger für eine detaillierte sozio-ökonomische Analyse dieser Entwicklungen als für ihre Rückbindung an den planetaren Ressourcenverbrauch. Damit stellen sich zwangsläufig zwei Fragen: Wird der Weltraum zum neuen Rohstofflager? Und wohin mit dem Müll dieser Expansion?
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Für viele Tech-Milliardäre gilt die Erde längst als <em>lost case</em>: Ihre Ressourcen sind bald erschöpft, ihre Zerstörung unvermeidlich. Während Jeff Bezos etwa erwägt, Müll ins All zu schiessen und den Asteroidenabbau vorantreibt – „ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt, das einen weitaus grösseren ökonomischen Nutzen verspricht als der Tourismus“ (S. 128) –, propagieren andere offen einen planetaren Exodus und versuchen der Klimabewegung und ihrem Slogan „There is no Planet B“ demonstrativ das Gegenteil zu beweisen.
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Besonders dort, wo Völker seine Überlegungen eng an aktuelle Entwicklungen der Raumfahrt knüpft und diese als Fortsetzung der kapitalistischen Landnahme begreift, entfaltet das Buch seine Stärke. Seine Ausführungen zur „terrestrischen Vernunft“ und deren angeblicher Überwindung bleiben hingegen derart spekulativ, dass es naheliegend erscheint, die Form menschlicher Vernunft weniger kosmologisch als vielmehr ökonomisch zu deuten. Denn wenn Völker von terrestrischer Vernunft spricht, ist damit nicht nur eine erdgebundene Form der Vernunft gemeint, sondern unausgesprochen auch eine Form der Vernunft, die stark von kapitalistischen Logiken durchzogen ist.
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Darauf gibt bereits Kant einen impliziten Hinweis, wenn er in der Einleitung zur Erstauflage der „Kritik der reinen Vernunft“, schreibt: „Erfahrung ist […] das erste Produkt, welches unser Verstand hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet.“ (Kant, S. 48) Sinnliche Erfahrung erscheint hier also als Rohmaterial, das verarbeitet und verwertet wird – unser Denken und unser Begriff von Vernunft steht damit bereits selbst unter einem kapitalistischen Vorzeichen und weist Analogien zur ökonomischen Verwertungslogik auf.
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Die Tech-Milliardäre mit ihren privaten Weltraumprogrammen sind Teil einer Welt, die Kants Satz wörtlich nimmt und versucht, alle Lebensbereiche bis ins Letzte zu verwerten. Dafür muss alles rationalisiert und datafiziert werden, selbst Kommunikation reduziert sich auf reine Informationsübertragung. Da bleibt kein Platz für das Unbewusste und für den Blick über den Tellerrand. Die Menschheit ist heute nur bestimmter Formen von Vernunft fähig. Doch terrestrische Vernunft könnte mehr sein, als Völker ihr zugesteht; und sie bedarf dafür nicht einmal des Aufbruchs ins All.<p><em></em><p><small>Jan Völker: Ein Weltall des Kapitals. Matthes & Seitz Berlin 2025. 224 Seiten. ca. 25.00 SFr. ISBN: 978-3-7518-3035-5.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 08:32:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Infantilo Corrupti: Die Fifa-Schleimspur]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/infantilo-corrupti-die-fifa-schleimspur-009712.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Schleimspur der Knochenbrecher führt direkt ins Weisse Haus und endet in der grössten, wichtigsten und teuersten Weltmeisterschaft aller Zeiten: Zwei Diktatoren mit grandiosem Zungenkuss im Friedensrat.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Donald_Trump_and_First_Lady_Melania_Trump_attend_the_FIFA_w.webp><p><small>Gianni Infantino und Donald Trump am 13. Juli 2025 im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F20250713AH-2612_President_Donald_Trump_and_First_Lady_Melania_Trump_attend_the_FIFA_Club_World_Cup_Final_soccer_match.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The White House</a> (PD)</small><p>Die grösste WM der Geschichte? Darunter macht's heute niemand mehr. Die beiden Stürmer sind verliebt – Infantino lebt eigentlich in Donalds Wohnzimmer: Wann wir schreiten Seit' an seit und die alten Lieder singen, fühlen wir: Es muss gelingen! Mit uns zieht die neue Zeit. Ob nun Gaza, Grönland oder Golf: Gianni ist immer am Ball: Ein dreifache Rittberger des Beifalls an alle Schurken der Welt – und auch hier der würdiger Nachfolger von Sepp Blatter.
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Fussballfreund, Du mögest in interessanten Zeiten leben, soll eine chinesische Verwünschung lauten – und dafür tief, ganz ganz tief in die Tasche greifen: Der erste öffentliche Ticketverkauf für die Weltmeisterschaft 2026 zeigte angeblich, dass die FIFA bis zu 10.990 US-Dollar für die Teilnahme am Finale verlangte.
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Am End' werden 's 3 Milliarden US-Dollar sein, die in Fifa-Kasse und welche noch fliessen. Bei dem Ticket-Preis braucht man einen Zweitjob und eine weisse Haut, denn Preis hin oder her: Ein falsches Wort, und die ICE zeigt Dir, wo der Bartel den Moscht holt, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagt.
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Der Fussbalfreund als solcher verzeiht schon mal ein Foul auf dem Spielfeld – alles jenseits der Arenen geht ihm meistens zurzeit am Allerwertesten vorbei. Er will in diesen prächtigen Tagen das Leder laufen sehen und nix vom liberalen Rechtsstaat hören, egal wo. Die Sache mit der Demokratie müssen die Amis schon allein machen, nach der Endrunde. Wer's glaubt, wird selig, hör' ich da die alte Glimbzsch orakeln.
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Könnt' sein, dass Fussball, Fairness und Faktentreue nicht drei Paar Stiefel sind. Dafür lohnt es sich, unbeirrt am Ball zu bleiben, den Schiedsrichtern auf die Finger zu schauen und die Nationalhymnen endlich auch mal richtig falsch zu singen.
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Aber nicht vergessen: Nach den gewaltigen Korruptions­skandalen vor 10 Jahren erfand die Fifa eine unabhängige Governance-Kommission, stärkte den Ethikunterricht und gründete einen Menschenrechts­beirat - Infantino hat alle gezielt gekillt. Das vollbesetzte Stadion antwortet immer: „Toooooor!“.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 08:18:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[WM-Auftakt in Mexiko: Football is coming home – und wann die 134.000 Verschwundenen?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/lateinamerika/wm-auftakt-in-mexiko-football-is-coming-home-und-wann-die-134000-verschwundenen-009715.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Es wird eine WM-Eröffnung unter hohen Sicherheitsvorkehrungen: Zehntausende mexikanische Sicherheitskräfte sollen am 11. Juni 2026 den reibungslosen Ablauf des WM-Auftaktspiels zwischen Mexiko und Südafrika gewährleisten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Vista_aerea_nocturna_del_Estadio_Azteca_w.webp><p><small>Nächtliche Luftaufnahme des Aztekenstadions in Mexiko-Stadt nach seiner Renovierung im Jahr 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vista_a%C3%A9rea_nocturna_del_Estadio_Azteca.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ProtoplasmaKid</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY%204.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY 4.0 cropped)</a></small><p>Angehörige von Verschwundenen und Menschenrechtsorganisationen haben angekündigt, bei dem Sportereignis ihren Forderungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit international Gehör zu verschaffen. Die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko (DMRKM) ruft die mexikanische Regierung in diesem Zusammenhang dazu auf, das Recht auf freie Meinungsäusserung und Protest während des Turniers uneingeschränkt zu garantieren.
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Mit Sorge vernimmt das Menschenrechtsnetzwerk in diesem Zusammenhang Berichte über restriktive Massnahmen im Vorfeld des Turniers. Zivilgesellschaftliche Initiativen kritisieren die Vertreibung von Geflüchteten und Obdachlosen aus dem Umfeld der Austragungsorte und die drastische Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten ambulanter Händler*innen zugunsten von FIFA-Unternehmen.
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Darüber hinaus beschränkt die weiträumige Absperrung von öffentlichem Raum rund um die Stadien den Zugang für Menschen ohne Tickets und somit auch die Protestmöglichkeiten. „Fussball ist ein toller Sport, aber die WM darf nicht auf die Kosten der Bevölkerung vor Ort und der Menschenrechte gehen. Protest dagegen muss möglich sein – auch in Stadionnähe, so Jutta Klass von Zapares e.V., Mitgliedsorganisation der DMRKM.
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Auch Angehörige von Verschwundenen berichten von der Entfernung von Vermisstenplakaten und Protestslogans im Umfeld der WM-Stadien. In Mexiko gelten nach aktuellem Stand über 134.000 Menschen als verschwunden. „Es darf nicht sein, dass unsere verschwundenen Angehörigen unsichtbar gemacht werden, nur um das WM-Image zu pflegen“, kritisiert Juan Carlos Lozada, Sprecher des „Movimiento por Nuestros Desaparecidos en México“, einem Zusammenschluss von über 90 Angehörigenorganisationen.
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„Jedes entfernte Vermisstenplakat aus dem öffentlichen Raum ist ein Versuch, eine grausame Realität zu vertuschen – eine Leere, die weiterhin schmerzt, und eine Erinnerung, die wir Familien uns weigern aufzugeben. Wir Familien fragen uns, warum nicht dieselbe Entschlossenheit und derselbe massive Ressourceneinsatz, die heute für die WM-Sicherheit mobilisiert werden, für die Suche nach den Menschen aufgebracht werden, die uns immer noch fehlen.“
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Françoise Greve, Koordinatorin der DMRKM, sieht darin auch Parallelen zum Vorgehen des mexikanischen Staats im internationalen Kontext: „Leider beobachten wir nicht nur rund um die Weltmeisterschaft, dass der mexikanischen Regierung eine makellose Fassade wichtiger ist, als das Problem tatsächlich anzugehen. Erst im April hat Mexiko einen Bericht des UN-Komitees gegen Verschwindenlassen energisch zurückgewiesen, demzufolge Menschen in Mexiko systematisch – und auch unter Beteiligung und Duldung von Sicherheitskräften – verschwinden. Das ist tragisch, denn der erste Schritt zur Beendigung dieser Praxis ist die Anerkennung des Ausmasses der Krise und der staatlichen Verantwortung.“
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Angesichts der jüngsten Besuche von politischen Delegationen um Umweltminister Carsten Schneider und Aussenminister Johann Wadephul in Mexiko ruft die DMRKM die Bundesregierung dazu auf, die vertiefte Partnerschaft auch zu nutzen, um das Thema gewaltsames Verschwindenlassen bei mexikanischen Regierungsvertreter*innen aktiv anzusprechen und sich mit Vertreter*innen der mexikanischen Zivilgesellschaft auszutauschen.
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„Es ist wichtig, dass die Bundesregierung Mexiko Unterstützung bei der Bewältigung dieser Krise anbietet und zugleich betont, dass es bei der Verhandlung des Themas vor den UN nicht um ein Tribunal über das Land geht, sondern um die Frage, wie die internationale Gemeinschaft Mexiko bei der Bewältigung dieser Krise partnerschaftlich unterstützen kann“, so Greve.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 20:01:20 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Thumbsucker - Bleib, wie du bist]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/thumbsucker-bleib-wie-du-bist-009709.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Thumbsucker” ist Groteske und scharfsinnige Sozialkritik in einem. Hier wird jeder getrieben und glaubt, andere selbst zu treiben, vor allem treiben zu dürfen – zum Glück aller, versteht sich.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Kelli_Garner_(7271608642)_w.webp><p><small>Die US-amerikanische Schauspielerin Kelli Garner an der Premiere von "Thumbsucker" in Toronto, 2. August 2006.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kelli_Garner_(7271608642).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">GabboT</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/cc/BY-SA%202.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>„Wenn die Weltmeere umkippen, dann ist das auch unser Ende”, verkündet Teenager Rebecca (Kelli Garner) im Debattierclub der Schule einer Kleinstadt in Oregon. Wenn einer mit 17 Jahren noch am Daumen lutscht, wie ihr Schulkollege Justin (Lou Taylor Pucci), dann ist das eine mittlere Katastrophe für seine Umgebung. Trotz solcher welterschütternder Themen, lässt es Mike Mills in seinem Debutfilm ruhig zugehen. Mills, der bis dahin vor allem Musikvideos, Werbeclips, Kurzfilme und Dokumentationen gedreht hatte, schildert die Geschichte Justins und zugleich die seiner unmittelbaren Umgebung, seiner Familie, Schulfreunde, Lehrer und des Zahnarztes Lyman (Keanu Reeves) in einer erstaunlich unaufgeregten und nicht eklektizistischen Weise.
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Justin, der Thumbsucker, muss gestört sein, darin sind sich alle einig. Und auch sein Lehrer Geary (Vince Vaughn), die Rektorin, seine Eltern (Vincent D'Onofrio, Tilda Swinton) und sein psychologisierender Zahnarzt, der ihm alle paar Wochen die Zähne richten muss, meinen, es müsse etwas unternommen werden. Selbst Justins kleiner Bruder Joel (Chase Offerle) glaubt, Justin habe eine Riesenmacke, weil der noch nie mit einem Mädchen gevögelt habe.
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Papa Mike ist Manager bei Gart Sports, Mama Audrey ist Psychologin. Die Jungens reden beide mit dem Vornamen an, weil sie sich sonst zu alt fühlen würden. Justin träumt von Rebecca, und Rebecca verlangt absolute Ehrlichkeit von ihm – was wohl eher darauf hinausläuft, Justin solle sich ihr voll und ganz offenbaren. Lehrer Geary will seinen Schul-Debattierclub, der auch öffentlich auftritt, zur Höchstform vervollkommnen, und Rebecca ist die absolute Spitzenkraft in diesem Club.
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Alles wird anders, als Hobbypsychologe Lyman Justin eine Hypnose verpasst. Justin soll sich ein Totemtier vorstellen, jedes mal wenn er das Bedürfnis verspürt, am Daumen zu lutschen. Das Reh wird zum Totemtier und das Versprechen Lymans, Justins Daumen würde nach Echinacea schmecken, wenn er ihn in den Mund führt, erfüllt sich gnadenlos. Sein ist die Rache, denkt Justin, der völlig aus dem Ruder gerät, und lässt seinen Zahnarzt bei einem Radrennen stürzen. Anlass genug für seine Umgebung, ihn einem Heilungsprozess zuzuführen. Justin leide an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Man verpasst ihm Ritalin (eigentlich: Methylphenidat), das den jungen Mann in Überschallgeschwindigkeit zum schulischen Leistungsträger werden lässt. Er wird Debattierclub-Leader – zur Freude seiner Eltern und Gearys, der Rebecca als Leader verloren hat. Die gibt sich inzwischen irgendwelchen Drogen hin.
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So verkehren sich die Verhältnisse. Noch mehr verkehrt sich oder wird offenbar. Mutter Audrey tritt eine neue Stelle in einer Promi-Psychiatrie an, in der auch Fernsehstar Matt Schramm wegen Kiffens behandelt wird. Und Vater Mike wie Justin befürchten, Audrey habe etwas mit dem Star. Joel enthüllt seinem Bruder, er fühle sich schon lange zurückgesetzt, weil es immer nur im Justin gehe. Und Rebecca spielt mit Justin Versuchskaninchen: Sie verbindet ihm die Augen beim Sex. Denn sie will nicht Justin, sondern nur neue Erfahrungen sammeln.
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Justin lässt Ritalin weg und kifft. Das ist wenigstens ehrlicher. Und immerhin winkt ein Job auf einer Universität in New York zwecks Ausbildung zum Journalisten – etwas, was er allen verheimlicht hat.
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„Thumbsucker” ist Groteske und scharfsinnige Sozialkritik in einem. Hier wird jeder getrieben und glaubt, andere selbst zu treiben, vor allem treiben zu dürfen – zum Glück aller, versteht sich. Vater Mike entpuppt sich als unsicherer Kantonist, der schon lange befürchtet, seine Frau wolle ihn verlassen, liebe ihn nicht mehr etc. Mutter Audrey fühlt sich einsam in ihrer Familie, drängt auf einen neuen Job und verehrt heimlich einen mittelmässigen Serienstar. Bruder Joel spielt sein Leben so normal, wie er es eben kann, um sich nicht anmerken zu lassen, dass er sich vernachlässigt fühlt. Schulfreundin Rebecca stürzt aus ihrer Leader-Rolle im Debattierclub ins Kiffen ab. Lehrer Geary merkt irgendwann, dass er Justin zu einem Monster gemacht haben könnte.
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Und Justin? Versteht die Welt und versteht sie nicht. Mills führt den Zuschauer fast leise, aber bestimmt in eine Welt, die wir alle kennen müssten – in die Welt, in der sich Menschen zwischen Höchstleistung und Versagen die Klinke in die Hand geben. Bäumchen wechsle dich – nur das Prinzip bleibt, wie es ist. Mike flüchtet sich in seine Arbeit aus Furcht vor dem Verlust seiner Frau und dann auch aus Angst, Justin könne besser sein als er, der er doch wegen einer Knieverletzung eine Football-Karriere an den Nagel hängen musste. Lang ist es her, aber so was von präsent!
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Manches Mal ist es grauenhaft zu sehen, wie sich Schüler zur Höchstform im Debattierclub der Schule treiben lassen und selbst treiben. Justin stellt Mills als denjenigen dar, der zwischen völligem Versagen und absoluter Höchstleistung die Grenzen dieses Systems austariert – ohne es selbst zu wollen. Denn was in diesem Film jeder will oder nicht, bleibt völlig aussen vor – ausser bei Justin, der sich heimlich bei einer New Yorker Universität bewirbt. Heimlich, weil es ihm niemand zutraut, dem Daumenlutscher und gestörten Ritalin-Fresser. Dabei hegt der Regisseur des Films durchaus Sympathie zu seinen Figuren. Tilda Swintons wie Vincent D'Onofrios Charaktere Mike und Audrey sind keine verachtenswerten Gestalten, die einem zuwider werden könnten.
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Sie sind auch nicht einfach bedauernswerte Geschöpfe, für die man nur noch Mitleid haben könnte. Sie sind eher – wie auch Geary – zugleich Opfer und Täter eines Systems, deren Regeln sie selbst nicht (mehr) durchschauen können, eines Systems, in dem Gefühle nur noch Vehikel dieser Regeln zu sein scheinen, eines Systems, in dem ein exakt definierbarer Leistungsbegriff und damit auch das, was als „gesunde” Normalität einzig akzeptabel erscheint, zur absoluten Wahrheit geworden ist. Einzig Justin beginnt langsam zu verstehen, was seine Mitmenschen da treiben und was sie treibt. Zumindest hat er eine Ahnung davon. Als er das Ritalin in die Mülltonne schmeisst, nuckelt er wieder am Daumen – wenn auch nur im Schlaf im Flugzeug.
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Soll er doch!! Der Echinacea-Geschmack ist verflogen. Andere kratzen sich laufend am Kopf, obwohl der nicht juckt, können sich nicht an Namen erinnern, obwohl es sich um die von bekannten Leuten handelt, oder lassen in bestimmten Situationen immer die gleichen Sprüche ab. Sollen sie doch!!
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Bei alldem kommt die Komik kaum zu kurz – etwa als Justin, der seiner Mutter in der Psychoklinik nachspioniert, vom drogenabhängigen Serienstar Schramm erfährt, seine Mutter habe diesem unter Schmerzen geschmuggelte Drogen aus dem Hintern gezogen. Oder wenn Möchtegernpsychologe Lyman Justin alle Monate lang – sozusagen alle Nase lang – von seinem jeweils neuen Selbsterfahrungstrip erzählt.
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Mills Bilder sind ebenso unaufdringlich wie die Geschichte selbst – versetzt mit Traumszenen (voller Kitsch, wie mit dem Reh, oder voller Wünsche, wie Justins Traum von Rebecca, die auf seinem Bett setzt und fragt: „Fickst du mich jetzt?”), schnellen Schnitten und einer Kamera, die sich immer sehr nah am Objekt und an den einzelnen Charakteren aufhält.
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Gelungen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 10:54:00 +0200</pubDate>
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<item>
<title><![CDATA[Das Ende der Arbeit: Automatisierung, Wertverlust und die Krise des Kapitalismus]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/das-ende-der-arbeit-automatisierung-wertverlust-und-die-krise-des-kapitalismus-009699.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ (Walter Benjamin)</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Der_Streik__von_Robert_Koehler_w.webp><p><small>Streik in der Region Charleroi (1886).  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Der_Streik%22_von_Robert_Koehler.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Robert Koehler</a> (PD)</small><p><h3>1.</h3>

Betrachtet man die Technologien der Menschheit historisch, so ist es bis jetzt immer darum gegangen, durch das Dazwischenschieben von Artefakten der verschiedensten Art zwischen Hand und Werkgegenstand, durch den Einsatz von selbst wieder fabrizierten Instrumenten im Arbeitsprozess (vom Faustkeil bis hin zur Maschine), den Wirkungskreis der manuellen Tätigkeiten immer mehr auszuweiten. D.h. es ging letztlich darum, Dinge fabrizieren zu können, die ohne diese Artefakte in den allermeisten Fällen gar nicht produziert werden könnten. Mit der Wissenschaft des Digitalen, der Kybernetik, der Informatik, der Cognitive Science, der Artificial Intelligence auf der Basis Künstlicher Neuronaler Netze, oder was auch immer in diesen Bereich fallen mag, ist nun aber die wissenschaftliche Basis gegeben, nicht nur das Werken als solches in seiner Gesamtheit, sondern auch, darüber hinaus, das menschliche Denken in Apparaturen auszulagern, die selbsttätig Resultate erzielen, seien diese nun materiell oder geistig.
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Dieses „Outsourcing“ nun, die Delegierung spezifisch menschlicher Fertig- und Fähigkeiten an Apparate der verschiedensten Art, macht vor nichts halt: Sie setzt sich fest in der Produktion im engeren Sinn, in der Erzeugung des Gebrauchswertreichtums in handfester Form (Automatisierung mittels Robotik in den Fabriken), im Transport (autonomes Fahren), in den Services (Computerisierung kommerzieller, juristischer und administrativer Routine und darüber hinaus), in der Wissenschaft (Automatisierung im Bereich des Experimentierens, Computerisierung der Berechnung, der Beweisführung und der Modelle), im Bereich der Management- und Investitionsstrategien (Data-Mining, Übernahme von Planung und des decision making durch autonome KI-Agenten), im Militärapparat (Drohnen, Kampfroboter usw.) und schliesslich auch im Feld der Ästhetik (Programme zur Generierung von Musik, in den Bereichen Komposition und Performance, von visuellen Repräsentationen, nicht zuletzt auch von Texten, inklusive Sprach-Übersetzung), ganz zu schweigen vom profanen Alltag (Smartphone mit den unterschiedlichsten Apps, sprachliche Steuerung diverser Geräte, GPS, ChatGPT, AIStudy-Buddy und was es davon noch mehr geben mag).

<h3>2.</h3>

Es wäre nun naiv anzunehmen, dass dies alles nur so, umstandslos, vom Himmel gefallen sein sollte, so wie das Manna in der Wüste. Vielmehr ist es ein direkter Effekt der Profitmaximierungstendenz des Kapitalsystems selbst, dem es immer darum zu tun ist, einerseits die Kosten im produktiven Bereich auf ein Minimum zu senken, was durch die Erhöhung des Produktivkraftniveaus seit jeher effektuiert wird, eine Tendenz, die, wie man weiss, durch die Konkurrenz, insbesondere auch die monopolistische der post-modernen Phase des bürgerlichen Systems – die Konkurrenz auf der Ebene des Aktionärseigentums –, rigoros aufgezwungen wird; dem Kapital geht es andererseits aber auch darum, durch die Lancierung neuer Produktkategorien den Warenabsatz im Bereich des finalen Verbrauchs ständig zu steigern, was Innovation zu einer systemimmanenten Forderung macht – auf der Basis der Neigung des konsumaffinen Publikums, das innovativste Produkt, das diesen oder jenen Vorteil verspricht oder auch nur einen modischen Trend zu setzen vermag, auch stets blauäugig und unhinterfragt zu erwerben.
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Es verwundert daher nicht, dass das Kapital die Wissenschaft für sich vereinnahmt hat: Entweder dirigiert es direkt die Forschung unter eigener Regie oder es „fördert“ gezielt die institutionellen Forschungsprogramme in den Universitäten, Research-Centers und Technologieinstituten.
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Diese systemimmanente Tendenz zur Übertragung der manuellen Tätigkeiten und, a fortiori, des menschlichen Denkens als solches auf eine Apparatur, ein „Outsourcing“ auf einem qualitativ gänzlich neuen Niveau, hat dann freilich auch tiefgreifende und breit gefächerte Folgen, die unweigerlich dafür sorgen werden, dass sich die post-moderne Gesellschaft völlig umkrempeln wird, unweigerlich nicht zuletzt deshalb, weil es sich, weit davon entfernt, eine Marotte zu sein, um einen systemgenerierten Prozess, der im Rahmen des gegebenen Gesellschaftssystems definitiv nicht zu stoppen ist, handelt.

<h3>3.</h3>

Gehen wir einmal davon aus – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dem nicht so wäre –, dass sich der Trend zur Automatisierung und Robotisierung der Gebrauchswert-Produktion (und der Logistik und des Verkehrs, die ja integraler Bestandteil des Produktionskomplexes sind, sowie, was oft vergessen wird, der Entsorgung des Mülls) bis zu seinem definitiven Endpunkt fortsetzt, sodass am Ende die Arbeit, verstanden als Tätigkeit, die den Stoffwechsel mit der Natur effektuiert, aus dem produktiven Universum gänzlich verschwunden sein wird.
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Das würde dann heissen, dass der produktive Apparat, völlig unabhängig von menschlichem Bemühen, Gebrauchswerte liefert, die gewissermassen denselben ontologischen Status besitzen wie die Luft oder die Landschaft oder, wenn man so will, wie die Beeren am Waldrand, die man als Wanderer nur zu pflücken braucht, um sie verzehren zu können. Sie sind da, wie Naturdinge da sind. Sie haben aber genau deswegen auch keinen Wert (wie gross ihr Gebrauchswert auch sonst sein mag), wenn man mit Marx unter „Wert“ die (gesellschaftliche) Tauschfähigkeit der Waren, und quantitativ gesprochen, ihr „relatives gesellschaftliches Gewicht“ versteht, ein „spezifisches Gewicht“, das sich aus dem Arbeitsquantum ergibt, das gesellschaftlich zu ihrer Produktion aufgewandt werden muss.
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Das ist keine Hexerei: Denn Dinge, die, in einem Warensystem, nicht an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der einen oder anderen Form partizipieren, stehen für alle, im Prinzip wenigstens, unterschiedslos frei zur Verfügung, sodass es sinnlos wäre, sie tauschen, also verkaufen oder kaufen, zu wollen. Die Dinge dagegen, die von den diversen Warenakteuren (arbeitsteilig) mit ihren eigenen Produktionsinstrumenten fabriziert werden müssen – wir sprechen hier von der „Basis-Ebene“ des Warensystems –, sind nicht für alle verfügbar, insofern ihnen privat eine Gebrauchswertdimension hinzugefügt wurde, die es ohne die auf sie verwandte Arbeit eben so nicht gäbe – die Arbeit schliesst, wenn man so will, durch ihr Wirken die Waren aus dem Kreis der Naturdinge aus. Sie erhalten dadurch, den gesellschaftlichen Zusammenhang der Privatarbeiten präsupponiert, ihre Tauschfähigkeit, ihren gesellschaftlichen Wert, nach Massgabe der abstrakten Arbeit, d.h. der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die in ihnen vergegenständlicht ist.
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Wenn aber die Automatisierung der Produktion (was letzten Endes die Produktion von Automaten durch Automaten und die automatisierte Programmierung miteinschliesst) nun dazu führt, dass die Produkte ohne die Dazwischenkunft lebendiger Arbeit, in ihrer gesellschaftlichen Dimension, hergestellt werden, da diese gänzlich aus dem Produktionskomplex eliminiert worden ist, wodurch diese Dinge gleichsam äquivalent zu „Naturdingen“ werden, dann geht die Tauschfähigkeit im Prinzip völlig verloren.
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Das aber heisst, dass der Austausch und damit auch das Geld, das Kapital und all die anderen Kategorien, die auf dem Austausch beruhen, sich schlicht und einfach zu Absurditäten mausern. Wenn die Dinge jedoch nicht mehr tauschfähig sind, insofern sie, im Prinzip und der Natur der Sache nach, frei zur Verfügung stehen, oder, wenn man so will, wert-los sind, dann verliert auch das Privateigentum an den Produktionsmitteln als gesellschaftliches Institut, das den Rahmen und das Fundament der Warenproduktion und ihrer Funktionsweise darstellt, jeglichen Sinn – es hängt förmlich in der Luft, ohne freilich dadurch aufzuhören, die definitive Bedingung und Garantie dieser Absurditäten zu sein.
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Das alles kann, trotz dieser Absurdität, also weiterfortexistieren, insofern genau dieses Monopol des Privateigentums, als rein juristischer Komplex, all das konserviert, was die kapitalistische Warenproduktion an (Oberflächen-)Kategorien und Erscheinungsformen aufweist.
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Nebenbei sei bemerkt, dass es, rein formal und mathematisch konsistent, ein Preissystem und daher auch Profit, Zins, Dividenden usw. auch ohne Wert- und, a fortiori, Mehrwertproduktion durchaus geben kann – wie man Preise seit jeher für Dinge bezahlt, die, gesellschaftlich gesprochen, keinen Wert besitzen (antike Münzen oder Autografen zum Beispiel) – wenn auch in letzter Konsequenz als leere äussere Hülle, die uns vorzugaukeln vermag, dass alles so ist, wie es immer schon war. Das ist eben das Absurde: die Fiktionalität des Warensystems – analog, wenn man so will, zum „fiktiven Kapital“ –, eine Fiktionalität, die sich nunmehr ungehemmt im gesamten Gesellschaftskörper krebsartig fortpflanzt – ein Zustand der „Unwirklichkeit“, wenn man so will, auf den die bürgerliche Gesellschaft unbeirrt Kurs nimmt.

<h3>4.</h3>

Nun ist es so, dass die Forschung zur Künstlichen Intelligenz, d.h. die Implementierung ihrer Resultate, nicht nur den Produktionssektor in Mitleidenschaft zieht, was die Eliminierung der Arbeitskraft angeht, sondern auch darüber hinaus den Dienstleistungssektor – Administration, Kommerz, Reklame, Banken, Versicherungen, Consulting und was es dergleichen noch an services gibt. Die Arbeitskraft als Ware wird auf breiter Front obsolet. Das aber hat zur Konsequenz, dass die Revenue der Lohn- und Gehaltsempfänger, in welchem Sektor sie auch immer beschäftigt gewesen sein mögen, dabei ist, sich in Luft aufzulösen.
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Dieser Schwund der Masseneinkommen aus Lohn und Gehalt ist nun eine Medaille, die zwei Seiten hat: Man kann sie aus der Perspektive des Absatzes der produzierten Waren betrachten, aber auch aus derjenigen der Subsistenz der Träger der unverkäuflichen Ware, zu der die Arbeitskraft wird – ein Ladenhüter in Permanenz sozusagen.
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Zuerst einmal: Fällt die Massenrevenue aus dem privaten Sektor dem Schicksal aller vergänglichen Dinge anheim, so wird offenbar auch der Absatz der Waren, die für den finalen Konsum der Gesellschaft bestimmt sind, empfindlich geschmälert, damit aber auch, als dessen Konsequenz, der Absatz der Produktionsmittel, die für deren Herstellung notwendig sind.
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Als Kompensation bleibt dann vorerst nur der Luxuskonsum der Bourgeoisie, der aber solange das Kraut nicht fett machen kann, solange es nicht, um einen Gedanken Brechts aufzugreifen, möglich sein wird, die Konsumtionskapazität der Kapitaleigentümer dadurch im notwendigen Ausmass zu steigern, dass man deren „Verdauungstrakt“, metaphorisch gesprochen, substantiell expandiert. Solange dies nicht gelungen sein wird, wird man einräumen müssen, dass es unmöglich ist, durch den Verkauf von Luxusyachten, Luxuslimousinen, Luxusprivatjets und Luxusressorts den Ausfall der Massenrevenue nur irgendwie auszugleichen.
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Was übrig bleibt an Kompensationsmöglichkeiten, reduziert sich so letztlich auf den Konsum durch den Staat: den direkten Konsum des Staatsapparats (der Ankauf von Infrastruktur und vor allem von Waffensystemen) oder aber den indirekten Konsum, der auf Staatsausgaben gründet: den Warenankauf vermittelt über das Gehalt des Staatspersonals (sofern es nicht auch zu grossen Teilen wegrationalisiert werden wird), über Subventionen für die „Zivilgesellschaft“ (NGOs, Institute usw.) und nicht zuletzt über Transferzahlungen an die freigesetzte Arbeitskraft („Bürgergeld“, „Grundeinkommen“) oder an die Rentner.
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Damit kommen wir gleich zum zweiten Aspekt: Wenn die autonomen durch Lohnarbeit garantierten Einkommensquellen (d.h. die Gehälter und Löhne im privaten Sektor) sich in der Perspektive auf Null reduzieren, dann ist die Subsistenz der Träger der freigesetzten Arbeitskraft nur durch den Staat sicherzustellen, da man davon ausgehen kann, dass die Charity der Bourgeoisie, d.h. der Ladys der Oberen Zehntausend, sofern es überhaupt noch diesen Drang dazu gibt, oder sonstiger welfare-organizations, angesichts der Dimensionen, hier völlig überfordert wäre: Mehr als ein Tropfen auf dem heissen Stein kann es nicht sein.
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Es ergibt sich nun freilich als paradoxes Ergebnis, dass der Staat, um überhaupt seiner Rolle im Zusammenhang mit dem finalen Verbrauch nur irgendwie genügen zu können – Staatsbeschäftigung, Transferzahlungen, Subventionen und direkter Staatskonsum –, sich auch finanzieren muss: entweder durch Steuern oder durch Kredit (Verschuldung des Staates). Da aber die Masseneinkommen nunmehr, direkt oder indirekt, vom Staat selbst abhängig sind, machen indirekte Steuern offenbar gar keinen Sinn: das, was man dadurch einnehmen kann, hat man ja zuvor schon (in der Form von Beamtengehältern, Transferzahlungen und Subventionen) selbst ausgegeben.
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Steuern auf Lohn (als ein vom Staat unabhängiges Salär) wird es aber, wie gesehen, dann nicht mehr geben, während für die Steuern auf die vom Staat direkt oder indirekt gezahlten Gehälter, das „Bürgergeld“ und die Renten das mit Bezug auf die indirekten Steuern Gesagte ebenso gilt. Bleiben nur die Steuern auf Profit, die aber, in einem hochmonopolisierten System, gar nicht eintreibbar sind: Die Globalisierung und Transnationalisierung des Kapitals ermöglicht es zwanglos, Steuerevasion in grossem Stil zu betreiben („Steueroasen“), ganz zu schweigen davon, dass die Grossen Vermögen in „Stiftungen“ steuervermeidend geparkt sind.
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Ist das aber so, dann bleibt als Ausweg nur der Kredit, d.h. die Verschuldung des Staates, ein Modell, das für das Globalkapital den doppelten Vorteil besitzt, dass man 1. Waren absetzen kann, Waren, die der Staat mittels Kredit direkt oder indirekt kauft, und dass man 2. dann noch sich über die Zinsen auf die Kredite bereichert. Indes, der Witz an der Sache ist, dass das auf lange Sicht nie gutgehen kann: Irgendwann ist der Staat nicht mehr fähig, Kredite und Zinsen comme il faut zu bedienen. Oder anders gesagt: Unter einer exorbitanten, exponentiell wachsenden Schuldenlast brechen Staaten früher oder später immer zusammen. Und damit auch das Verschuldungsmodell. Turbulenzen sind also so oder so vorprogrammiert.

<h3>5.</h3>

Was bedeutet nun aber der Wegfall der Lohnarbeit in grossem Stil und auf breiter Front für die Eigentümer der Ware Arbeitskraft, einer Ware, die auf dem Weg ist, unverkäuflich zu werden? Nun, fällt die Arbeitszeit weg, die Zeit, die, wie auch immer, ausgefüllt ist – und sei es mit an sich für das Subjekt inhaltsleeren, monotonen Tätigkeiten, die zumeist noch dazu, für die Gesellschaft als solche, überflüssig sind (Rüstung, Kommerz, Reklame usw.) –, dann bleibt nur mehr tote Zeit übrig – Zeit, die, mit anderen Worten, totzuschlagen ist. Denn der Alltag wird leer (auch wenn, wie gesagt, das, was diese Leere zuvor ausgefüllt hatte, nicht unbedingt „erfüllt“ gewesen sein mag). Der horror vacui aber fordert seinen Tribut. Da nun jedoch, so wie die Dinge nun einmal liegen, die bürgerliche, post-moderne Gesellschaft fragmentiert und die Subjekte atomisiert sind, bietet sich nur eine auf das Subjekt limitierte Tätigkeit an: das Spiel mit dem Smartphone, Videoclips, Chats (womöglich mit bots), Computerspiele, Fernsehprogramme und was es dergleichen noch mehr gibt.
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In diesem Mikrokosmos des Alltags wird somit das Spielverhalten, in seiner niedrigsten, passiven Form, auf die eine oder andere Weise beherrschend, ein Verhalten, eine Beschäftigung, die nicht nur in dem Sinne ein Spiel ist, als sie sich, wie das für jedes Spiel überhaupt zutrifft, in einem aparten Bezirk jenseits der Tätigkeiten, die funktionalen Charakter besitzen und daher nicht auf sich selbst bezogen sind, und davon losgelöst vollzieht – was an sich ja nicht verwerflich wäre –, sondern auch, darüber hinaus – und das ist bedenklich –, exklusiv zum Lebensinhalt wird, ja, zu einem Spiel in einem potenzierten Sinne, insofern nämlich, als dieser aparte Bezirk eine virtuelle Welt in reinster Ausprägung darstellt – eine Scheinwelt katexochen, die auch schon rein physisch von der realen Welt geschieden ist: Sie ist digital, eine Abfolge von Einsen und Nullen. Wie Freud es korrekt ausgedrückt hat: „Der Gegensatz zum Spiel ist nicht Ernst, sondern – Wirklichkeit.“ (S. Freud, Der Dichter und das Fantasieren, in: S. Freud, Studienausgabe Bd. X, Fischer (1969), S. 171) Dieser Umstand findet im Virtuellen nun seinen adäquatesten Ausdruck.

<h3>6.</h3>

Wenn ein Apparat die strategischen Aufgaben des Kapitals übernimmt und sie im Sinne dieses Kapitals, im Sinne der Maximierung des Profits, „gewissenhaft“ ausführt – und es wäre töricht, ja „geschäftsschädigend“, die Vorteile, die eine Artificial Intelligence diesbezüglich bietet, zu ignorieren –, dann wird auch die Funktion der Kapitaleigentümer, nicht nur im Tagesgeschäft, das schon längst das Management der corporations übernommen hat, sondern auch, was die Allokation der Kapitalquantitäten, das Management der Aktienfonds, anbelangt, mehr und mehr überflüssig, eine Funktion übrigens, die insofern schon extrem auf einen kleinen Kreis von Akteuren eingeschränkt ist, als sie seit geraumer Zeit von „Kapitalsammelstellen“ oder „institutionellen Anlegerclubs“ (Blackrock und Konsorten) ausgeführt wird.
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Ist dies aber so, dann bleibt für die Bourgeoisie, die Elite der Kapitaleigentümer, die Aktionäre als solche, als Beschäftigung nur die „Philanthropie“ im Rahmen ihrer Foundations: Steckenpferde mithin, wie es „Virus-Pandemien“, „die Klima-Katastrophe“, „Diversity“, „die Kolonisierung des Mars“, „digitale Kontrolle“, „die transhumanistische Verschmelzung von Maschine und Mensch“, „Geburtenreduktion“, „Human Rights“, „Freedom and Democracy“, „die Liquidierung imperial-aggressiver Diktatoren“ oder geradewegs die Funktion des „Staatslenkers“ sind – wobei es sich hier um eine Liste von „Freizeitvergnügungen“ handelt, die insofern nur provisorisch sein kann, als sie laufend durch Neues ergänzt, manchmal aber auch dadurch bereinigt wird, dass Altes mit der Zeit aus dem Aufmerksamkeitsfokus verschwindet, wie das ja bei Hobbys auch sonst nicht so selten vorkommen soll.
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Man hat es hier, um es gleich vorwegzunehmen, mit Aktivitäten zu tun, die in letzter Konsequenz auf die eine oder andere Weise natürlich auch lukrativ sind, denn wäre es klar, dass sie es nicht sind, oder würde die Aussicht bestehen, dass sie sogar, horribile dictu, die Profite der Konzernwelt schmälern, deren Eigentümer diese „Philanthropen“ sind – direkt oder über die Bande –, so würde man sie durchaus unterlassen. – Steckenpferde werden, was sich von selbst versteht, immer so gewählt, dass sie prima facie dem „Reiter“ nicht schaden.
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Worauf es hier jedoch ankommt, ist zu betonen, dass wir in diesem Zusammenhang nicht mit banalen Geschäften, wie sie auch sonst vorkommen mögen, mit business as usual demnach, konfrontiert sind, dass es sich bei all dem also nicht um simple sales promotion handelt, die sich nur raffinierterer und immersiverer Strategien bedienen würde, als sie sonst gang und gäbe sind. Oder anders gesagt: Der Impuls ist nicht das Geschäft, sondern der Spleen, das Wahnbild imaginierter „Bedrohungen“ oder „Gefahren“, die man glaubt, zum Wohle der Welt meistern zu müssen, oder aber auch „Visionen“ und schimärische Chancen, denen es zum Durchbruch zu verhelfen gilt – alles im Einklang natürlich mit den Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft.
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Das erscheint zunächst einmal ziemlich bizarr, wenn man indessen bedenkt, dass das „Geschäft“ der Profitmacherei sich ganz von alleine abspulen kann, dann wird man einräumen müssen, dass es nicht so abwegig ist, dass sich die Geld-Oligarchen Betätigungsfelder anderswo suchen. Denn die Leere, die die operative Funktionslosigkeit in diesen Tycoons hinterlässt, muss schliesslich irgendwie ausgefüllt werden.
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Was aber böte sich sonst an, was wäre besser geeignet, die Leere zu füllen, als das „Wohltätertum“ – und zwar, was nicht verwundern darf, nicht unter dem Niveau von Aktivitäten zur „Rettung der Welt“ oder, mindestens, zu ihrer „Optimierung“? Denn sobald man die Dimensionen, in denen die Milliardäre sich angesichts der exorbitanten Vermögen, die sie bis dato aufgehäuft haben, logischerweise bewegen, erwägt, kann es sich offenbar nicht um Petitessen handeln, wenn es um adäquate Betätigungsfelder für die crème de la crème der Elite zu tun ist, einer Elite, die sich ihrer Funktion als Kapitäne der Kapitalprozesse beraubt und sich aus ihrer angestammten Rolle konsequent hinausgedrängt sieht.
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Was nun aber das Spleen-Format dieser Betätigungsfelder betrifft, so ist es nicht schwer zu erraten, dass die realen Probleme der Welt, die aus der Funktionsweise des Kapitalsystems selber entspringen, nicht in das Blickfeld geraten. Was bleibt, sind Fantastereien. Wir haben es hier offenbar mit einer neuen Qualität zu tun.
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In diesem Kontext ist dann durchaus davon auszugehen, dass diese Magnaten und Tycoons an all das, was sie als „Philanthropen“ tun – direkte Folge dessen, dass sie gelangweilt sind und sich daher auf die eine oder andere Weise unterhalten müssen –, als Aktionen zur „Rettung“ oder „Verprogressivierung“ der Welt wirklich glauben, dass sie mithin daran glauben, dass die „Gefahren für die Welt“, die sie abzuwenden gedenken, oder die „Chancen“, die es zu ergreifen gilt, in der Tat existieren. Denn dass Glauben und Tun eklatant divergieren, würde die mentale Balance auch solcher Geldmagnaten dann doch zu sehr strapazieren. Das macht die Sache indes nur umso fataler.
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Dem steht nun durchaus nicht entgegen – um hier nochmals den Akzent darauf zu legen –, dass das, was ihnen an Spleens in den Sinn kommen mag, sich für sie im Endeffekt als lukrativ erweist. Vielmehr ist es so, dass dies Teil des Ganzen ist, da man banalerweise Geld-Ressourcen braucht, um in diesen Dimensionen „Philanthrop“ sein zu können, ja immer mehr davon, da die „Probleme“ und „Anforderungen“, wie man sich das so ausmalt, ja auch immer drängender werden. Der Gedanke ist so abwegig nicht, dass es sich hier um eine Art „prästabilierter Harmonie“ handeln dürfte.
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Der springende Punkt ist indessen: Diese Unsinnigkeiten können sich nur auf der Basis des Umstands vollziehen, dass die post-moderne Gesellschaft als solche derart „konfus“ und geistig paralysiert ist, dass sie selbst von sich aus alles Mögliche zu glauben bereit ist, wie abstrus es auch sein mag.
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Damit sich dann eine bestimmte Wahnidee auf breiter Front durchsetzt, bedarf es lediglich der Promotion dieses Spleens, ein Unterfangen, das wahrlich nicht schwer ist, da die Foundations der Milliardäre den ganzen Apparat an Manipulationsagenturen, die Think Tanks, Universitäten, Institute, die globalen Organisationen, die Medienwelt usw., über „grosszügige Zuwendungen“ in der Form eines Geldregens in die gewünschte Richtung zu steuern vermögen, ganz einfach dadurch, dass sie gerade die Leute promoten, die von sich aus schon mit dem mind set ihrer Gönner sympathisieren. Und davon gibt es genug. Der entscheidende Punkt aber ist, wie gesagt, die Konfusion und geistige Paralysierung der post-modernen Gesellschaft.
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Denn ohne diese Disposition, alles zu glauben, was vorgesetzt wird, eine Anfälligkeit, die (fast) die gesamte Gesellschaft (einschliesslich des Staatspersonals) an den Tag legt, würde weder die Konditionierung von Seiten der agents of influence fruchten, noch wäre es möglich, a fortiori, irgendeine Sache im Hinblick auf die Absatzerhöhung bestimmter Waren zu „planen“, wenn dies denn doch geschehen sollte.
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Diese „Verwirrung“ aber ist direkte Konsequenz dessen, dass es für diese Gesellschaft nur mehr die Gegenwart gibt, eine Fixierung, die das Denken selbst eindimensional werden lässt, denn komplexes Denken im Universum der Gesellschaft setzt den Blickpunkt der Geschichte voraus – der Geschichte als eines systemischen Prozesses, der (noch) nicht abgeschlossen ist –, was ein ganz anderes Vorgehen ist, als vergangene Gegenwarten mit der gegenwärtigen Gegenwart zu vergleichen, um daraus „Lehren zu ziehen“.

<h3>7.</h3>

Gehen wir einen Schritt weiter: Das, was soeben skizziert worden ist, sind in Wirklichkeit „Spiele“, Spiele im Makrokosmos der bürgerlichen, post-modernen Gesellschaft, an denen das Publikum, die „Zivilgesellschaft“ mithin, auf die eine oder andere Weise, so wie im Karneval, breitflächig partizipiert, Spiele in dem Sinne, dass diese Aktivitäten völlig losgelöst sind von den realen Problemen, denen die Gesellschaft sich gegenübersieht, ja nicht nur die Gesellschaft als solche, sondern, genauer betrachtet, auch das Kapitalsystem selbst. Denn Spiele weisen die Eigenart auf, dass sie durch eine ausgedachte Aufgabenstellung mitsamt dem dazugehörigen Regelwerk festgelegt sind, was impliziert, dass man sie genauso gut unterlassen könnte, ohne dass dies dazu führte, dass die Realität jenseits des Spiels nicht ebenso, wie bisher, weiterlaufen würde – in unserem konkreten Fall würde dies heissen, genauso dysfunktional wie auch sonst.
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Wir sehen hier mithin Spiele auf dem Spielfeld der Superstruktur der Gesellschaft, eines Feldes, auf dem die Institutionen und Aktivitäten selbstreflexiv, also nur auf sich selbst bezogen sind, eines Terrains jenseits des instrumentellen Feldes dieser Superstruktur, welches letztere klassischerweise vom bürgerlichen Staat als volonté générale der Bourgeoisie okkupiert ist, desjenigen Bereichs mithin, der dafür sorgt oder sorgen sollte, dass das bürgerliche System und insbesondere die Infrastruktur, die Produktionsweise desselben, im Rahmen dessen, was überhaupt als möglich erscheint, mehr oder weniger friktionslos ablaufen kann – im Hinblick auf die Gewährleistung der Stabilität und Prosperität des Gesamtsystems. Zumindest galt dies noch bis vor einiger Zeit.
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Es galt, denn das ändert sich nun: Denn nicht nur, dass diese makrokosmischen Spiele immer mehr an Raum hinzugewinnen können, insofern das wachsende Surplus, im Prinzip wenigstens, beständig den Rahmen erweitert, innerhalb dessen man sie spielen kann, sie infizieren auch zunehmend das instrumentelle Feld der Superstruktur, in dem Sinne nämlich, dass das Konglomerat aus public-private-partnerships, das im Hinblick auf die Steckenpferde der „Philanthropen“ auf- und ausgebaut wird, das Spielfeld bis hinein in die funktionalen Aufgaben des bürgerlichen Staates verschiebt, mit dem Resultat, dass von einem rationalen, d.h. funktionalen Staatsmanagement („funktional“ bezogen auf das Kapitalsystem in seiner Gesamtheit und nicht auf dieses oder jenes Kapitalsegment) nicht mehr die Rede sein kann. Indessen, und das ist der Witz an der Sache, dieses Staatsmanagement kann gar nicht mehr funktional sein, da das System, auf das es sich bezieht, selbst, wie wir sahen, dysfunktional geworden ist.
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Denn das an sich Dysfunktionale (und es ist dysfunktional selbst mit Bezug auf die Massstäbe, Kriterien und Standards des Kapitalsystems selbst) kann man rational eben nicht regeln. Ist das aber so, dann erhält die Diagnose „Spiel“ (sofern es sich um einen Aspekt des Staatshandelns handelt) von hier aus eine tiefere Begründung: Denn „Spiel“ kann man auch so definieren, dass ein Spiel als ein solches gar nicht in der Lage ist, jenseits seiner selbst eine Funktion zu erfüllen – sei es aufgrund seines spezifischen Designs, in diesem Fall aber deswegen, weil es überhaupt, eben aufgrund der post-modernen Verfasstheit der Produktionsweise selbst, unmöglich ist. – Das dürfte dann auch der tiefere Grund dafür sein, dass die Unsinnigkeiten mehr und mehr überhandnehmen können: Es ist ohnehin schon egal.
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Um hier nicht missverstanden zu werden: Auch wenn die Spiele sich als funktionslos im Hinblick auf die „Wirklichkeit“ in ihrer systemischen Dimension präsentieren, so können sie nichtsdestotrotz Impacts auf diese Wirklichkeit haben, und zwar mehr und mehr desaströse, so wie das Spiel im Casino eben auch zum Ruin des Spielers führen kann. Nicht jedes Spiel ist unbedingt harmlos.

<h3>8.</h3>

Wir steuern mithin unaufhaltsam auf die Sinnentleerung des bürgerlichen Systems nicht nur aus der Perspektive der Gesellschaft als solcher oder, wenn man so will, der Geschichte zu, sondern auch aus der Perspektive der kapitalistischen Produktionsweise selbst: Das System ist dysfunktional geworden, es dreht durch, buchstäblich und metaphorisch. Alles das, was gemacht wird, läuft im Endeffekt ins Leere, eben weil es sich selbst, systemisch, untergräbt. Da verwundert es nicht, dass, da das System selbst gerade dabei ist, „die Kontrolle über sich selbst zu verlieren“, sich die Absurdität in wahnhafter Form überall einzunisten beginnt.
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Man kann sich hier des Eindrucks kaum erwehren, dass die Jämmerlichkeit auf allen Niveaus der Endpunkt der Geschichte ist. Es scheint mithin so, als ob das „Projekt Homo sapiens sapiens“ gerade dabei ist, kläglich zu scheitern. Würde man das Ganze geschichtsphilosophisch betrachten, so müsste man sagen: Das „Herausarbeiten“ aus dem Tierreich hat damit geendet, dass man die Potenzialitäten, die sich, im Wissen und in der Technologie, im Laufe der Geschichte akkumulierten, wie Perlen vor die Säue wirft. Es ist gleichsam so, als ob man die Instrumente eines Orchesters und die Partitur der Fünften Symphonie einer Horde von Primaten übergeben hätte, die dann freilich damit sich „vergnügen“, was aber herauskommt, ist alles, nur nicht Musik. War demnach, nüchtern betrachtet, die Geschichte gänzlich umsonst? Es mag wirklich so sein, sofern man nicht doch noch die Notbremse zieht.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 08:31:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/das-ende-der-arbeit-automatisierung-wertverlust-und-die-krise-des-kapitalismus-009699.html</guid>
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<item>
<title><![CDATA[Migration, Demografie, Kapital: Wohin steuert die Schweiz?]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>10 Millionen in der Schweiz? Eine Zahl, die Fragen aufwirft – über Migration, Identität und die Zukunft eines Landes, das sich ständig neu erfindet.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Bruenig-Hasliberg_Stationsgebaeude_Bahnseite_w.webp><p><small>Brünig-Hasliberg, Stationsgebäude im Jahr 2000.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SBB_Historic_-_F_122_00166_001_-_Bruenig-Hasliberg_Stationsgebaeude_Bahnseite.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hans-Rudolf Berner</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p><h3>1. Ein Titel, ein Mittagessen und ein unbequemer Gedanke</h3>

Jeder bekommt 10 Millionen in der Schweiz? Oder 10 Millionen ist die Schweiz wert? «Irgendwas mit Geld» waren meine Gedankenblitze, als ich diesen Titel zum ersten Mal las. Schnell wurde mir aber klar, worum es geht. Es ist eine Reaktion auf mögliche zukünftige Szenarien. Es ist ein Versuch, ein zukünftiges Problem zu lösen. Ist der Versuch aber auch wirklich lösungsorientiert?
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Vorletzten Sommer besuchte ich mit meiner Familie meine Cousine in Frankreich, weil wir dort Ferien machten und sie auf dem Weg von unserer Feriendestination lag. Ich hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Als ich ein Kind war, hatten wir viel Kontakt. Wir lebten im gleichen Haushalt in Dobërdol, in einem Fünfzig-Seelen-Dorf in der Nähe von Klinë, inmitten von Kosova. Unsere Wege trennten sich aber, da sich die Welt ausserhalb der Schweiz oft in unterschiedliche Richtungen bewegt hat.
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Beim spontanen Besuch bei ihr bekamen wir ein feines Mittagessen und meine vier Kinder badeten in ihrem schönen und gepflegten Schwimmbad. Während oder nach dem Essen, auf jeden Fall dann, als wir gelassener und entspannter wurden, wurden auch die Diskussionen wilder, lustiger und tiefer. Schliesslich diskutierten wir darüber, wie es früher war, als wir noch Kinder waren, und wie sich die Welt seither verändert hat.
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Ihr Mann ist Chauffeur und fährt seit Jahrzehnten Linienbusse, Postautos oder LKWs in und durch die Schweiz. Sie beide sind wie ich zwar in Kosova geboren, leben aber länger im Ausland als in Kosova. Seine Meinung war klar: Objektiv betrachtet habe sich die Situation in der Schweiz seit der Migrationswelle vom Balkan verschlechtert. Es sei weniger sauber als früher, ungenauer, und die Schweizer Präzision sei verloren gegangen.
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Intuitiv dachte ich, dass dies doch nicht stimme. Ich gab seinen Gedanken aber für eine Weile in meinem Kopf eine Chance und musste feststellen, dass er etwas anspricht, das wohl oder übel stimmt.

<h3>2. Zwischen Brünig, Stadt und Kosova</h3>

Ich lebe seit fast einem Jahrzehnt auf dem Brünig, weit weg von den Städten. Die wenigen Leute, die um mich herum leben, inklusive ich selbst, sind froh, dass wir einander als Nachbarn haben. Denn wenn es darauf ankommt, sind wir froh umeinander. In der Stadt war das irgendwie umgekehrt. Jeder Mensch fühlt sich wie einer zu viel an und manche verhalten sich auch so. Und die Geschwindigkeit der Stadt ist für meine Verhältnisse zu schnell. Das schaffe ich nicht über Nacht zu verarbeiten.
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Darum brauche ich Berge und Wälder um mich herum. Nicht immer, aber regelmässig. So wie die Wälder und die Berge praktisch immer gleich bleiben, bleiben auch die Menschen und die Beziehungen zu ihnen praktisch gleich. Seit ich auf dem Brünig bin, hat sich keine Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe, grundlegend verändert. Die Stadt wirkt wie das Gegenteil.
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Die Eltern meiner Partnerin leben in einem Haus im Luzerner Hinterland und wir besuchen sie regelmässig. Als Scherz sage ich immer wieder: Ich muss gar nicht nach Kosova, hier höre ich überall Albanisch.
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Aber warum ist das so?
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Gerade schreibe ich an einem Buch, in dem ich unter anderem das Thema Abfall in Kosova bearbeite, und dort komme ich zum Schluss, dass es unterschiedliche Gründe gibt, warum es so viel Abfall in Kosova gibt. Dazu muss ich sagen, dass es sich in der Öffentlichkeit schon sehr verbessert hat. Es gibt aber zwei grundlegende Unterschiede zur Schweiz: die Infrastruktur und der mentale und kulturelle Umgang mit Abfall.
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Kosova hat eine der schlechtesten Infrastrukturen im Abfallmanagement in Europa, und da das Land als unabhängiger Staat nicht einmal 20 Jahre existiert, konnte sich noch keine Staatsangehörigkeits-Mentalität wie in der Schweiz bilden. Natürlich sind die Kosovarinnen und Kosovaren stolz auf ihren Staat und geben ihr Bestes. Sie sind schon sehr weit und in vielen Dingen auch weiter als die Schweiz, wie ich auch in meinem nächsten Buch erwähne. Aber nicht in diesem Punkt.
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Kosova war immer ein wichtiger Spielball in der Geopolitik der Grossmächte und umkämpft von den Osmanen, vom serbischen Reich, vom Kommunismus und immer noch von unterschiedlichen Religionen, da es an einer wichtigen Schwelle von Europa liegt. Die Schweiz war nie auf dieselbe Weise über Jahrhunderte umkämpft. Sie war in gewisser Weise das Gegenteil und gilt seit langem als ein wichtiger, ruhiger Hafen inmitten der blauen Banane und uneinnehmbar dank den Bergen. In Kosova konnte sich deswegen nie ein Nationalstolz wie in der Schweiz bilden, ein Stolz auf die Errungenschaften des Landes, der Industrie, der Infrastruktur. Das bauen die Kosovarinnen und Kosovaren erst seit ein paar Jahrzehnten auf.
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Dafür gibt es andere Qualitäten. Zum Beispiel gibt es einen unglaublichen kulturellen Zusammenhalt, der vor allem auf die sprachliche Identität zurückzuführen ist. In Kosova gab es zum Beispiel eine der grössten Versöhnungsversammlungen (mit Anton Çetta) aller Zeiten auf diesem Planeten. Auch das gehört zu einem Land. Nicht nur Strassen, Abfallkübel und Verwaltung, sondern auch die Fähigkeit, nach einer langen und schweren Geschichte wieder miteinander zu sprechen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um eine neue, bessere Zukunft zu bauen, ähnlich wie in Mitteleuropa nach den Weltkriegen.

<h3>3. Migration als Erfolg, Zumutung und notwendige Arbeit</h3>

An diesem Beispiel sehen wir sehr gut, wie sich unterschiedliche Entwicklungen auf eine Gesellschaft auswirken. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Manche werden wohl denken, dass die Schweiz ohne Shaqiri, Xhaka oder Behrami es auch so weit geschafft hätte im internationalen Fussball. Wir werden nie wissen, wie es wäre, nur ungefähr wie es war und vor allem wie es ist.
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Die spürbaren Nachteile der Migration werden zum Glück dank der guten Infrastruktur und Bildung wettgemacht und die Vorteile vergrössert, auch dank der guten Infrastruktur und Bildung. Somit können wir sagen, dass die bisherige Migrationspolitik der Schweiz unter dem Strich ein Erfolg ist. Und dass dieser Weg wohl der richtige ist. Denn ein Mensch, der weiss, dass er bald einmal so viel erben wird, dass er nie mehr arbeiten muss, wird sehr genau abwägen, ob sich ein Beruf wie Arzt oder Ärztin überhaupt lohnt. Nicht nur finanziell, sondern auch mit Blick auf die Energie, die Zeit, die Verantwortung, die Nächte, die Prüfungen, den Druck und die Jahre, die man in diesen Beruf hineingibt. Von schlecht bezahlten Jobs müssen wir gar nicht erst reden. Praktisch alle meine Cousinen und Cousins aus Kosova, die Medizin oder ähnliches studiert haben, arbeiten und leben jetzt in der Schweiz. Dass diese Fachkräfte anderswo fehlen, ist moralisch kein Thema.

<h3>4. Die Initiative, Demografie, das System dahinter und Lösungsvorschläge</h3>

Zurück zum Thema der Initiative: Der Schweizer Migrationsweg wird nur besser, wenn wir in allen Gesellschaftsschichten und Regionen darüber reden und ihn hinterfragen. Mit unseren Ressourcen, unserer Infrastruktur und unserer Bildung können wir uns vieles leisten. Ja, vielleicht kann sich auf dieser Erde kaum ein Land so viel leisten wie die Schweiz. Kritik, Verbesserungsideen und der dazugehörende Diskurs sind ein Treiber für eine zukünftige, bessere Schweiz. Und dafür braucht es alle, die vom Land und die von der Stadt. Die, die schon länger hier sind, und die, die dazugekommen sind und die, die kommen werden.
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Klar vermisse ich die Schweiz, die ich aus der Primarschule kenne. Die Ruhe und die Ordnung, die damals in den 1990ern herrschten, aber ist es in der Retrospektive nicht immer besser? Seit damals hat sich die Welt enorm verändert und überall auf der Welt gab es Umbrüche, davor aber auch, vielleicht sogar noch mehr. Die Welt war und ist immer in Umbrüchen, auch ohne Menschen. Wir mussten uns diesen Veränderungen schon immer stellen und wir schlugen den Weg ein, den wir kennen und der ja kein schlechter gewesen zu sein scheint, sonst wären wir jetzt nicht in dieser guten Lage.
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Diese Initiative will ein zukünftiges Problem lösen. Es ist ein Lösungsvorschlag, der ernst genommen werden muss, weil das Problem, das er zu lösen versucht, uns alle betrifft. Egal ob die Initiative angenommen wird oder nicht, es ist klar, dass sie so nicht einfach umgesetzt werden kann. Es ist aber eine sehr gute Gelegenheit, über dieses Thema gesamtgesellschaftlich zu diskutieren und zu sensibilisieren, damit vernünftige, menschenfreundliche Lösungen gewählt werden und dieser Diskurs sollte nach der Abstimmung konsequent weiter geführt werden, damit sich so was nicht wiederholt.
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Die Schweiz hat ein demografisches Problem. Das ist seit Jahrzehnten bekannt, es ist nichts Neues. Die Bevölkerung altert. Damit das System hier funktioniert, braucht es Nachwuchs, Migration oder Computer und Roboter, um Mehrwert zu generieren. Denn die Alten leben auf den Schultern der Jungen, und die Jungen dann auf den Schultern ihrer jüngeren Generation, und so weiter. Dieses System wird aktuell kaum grundsätzlich hinterfragt. Die Alten könnten auch länger arbeiten, das will aber fast niemand, und das würde das System auch nur kurzfristig entlasten.
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Im öffentlichen Diskurs werden vor allem drei Möglichkeiten diskutiert, das System in Zukunft aufrechtzuerhalten: Nachwuchs / Robotik / Migration = Arbeitskraft, Wichtig zu wissen ist auch, dass diese Möglichkeiten in Beziehung zueinander stehen. Das heisst: Produzieren wir nicht genug Nachwuchs, muss die Migration steigen oder die Roboter übernehmen, denn irgendwer oder irgendetwas muss den Mehrwert erarbeiten.
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Mir kommen spontan noch zwei Alternativen in den Sinn. Die eine Idee hat sich politisch bereits herumgesprochen, und die letzte ist gänzlich neu, wobei sie einer alten Schweizer Idee entspricht, und zwar dem Söldnertum. Das Erste ist das bedingungslose Grundeinkommen. Richtig eingesetzt könnte es unser zukünftiges demografisches Problem lösen oder zumindest entschärfen. Das Zweite wäre ein Ausbau des Bankenwesens, vor allem des Investmentsektors. Und zwar so, dass viel mehr Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit beherrschen und dadurch viel mehr Mehrwert schaffen. Eine Konsequenz wäre aber, dass dieser Sektor stärker besteuert werden müsste, damit der Mehrwert nicht einfach ins private Kapital fliesst. Denn nicht nur im Makrobereich wissen wir nicht, ob die Welt sich ausdehnt, sondern auch im Mikrobereich.
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Wie wir sehen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie wir dieses Problem lösen könnten. Und wir sind natürlich ständig daran, es zu lösen. Es ist nicht so, dass das Problem plötzlich explodiert. Max Frisch meinte ja schon, dass wir Arbeiter bestellten und Menschen kamen. Diesmal könnten wir tatsächlich Arbeiter bestellen und hoffentlich bleiben es nur Roboter.
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Ob wir dieses Problem des fehlenden Nachwuchses jemals lösen werden, ist eine andere Frage. Es scheint eher ein systemisches Problem zu sein, das sich über Generationen ausbreitet. Den Standard, den die Jungen haben, verdanken sie den Alten. Darum arbeiten sie weiter an diesem Standard und bezahlen das Leben der Alten, in der Hoffnung, dass ihr Nachwuchs es ihnen dann auch bezahlt. Aber die, die schon länger in der Schweiz sind, die jetzt arbeiten, erzeugen nicht genügend Nachwuchs. Genügend Nachwuchs erzeugen eher diejenigen, die hier arbeiten, aber kürzlich eingewandert sind. Das hat eben den Effekt, dass sich die Kultur in der Schweiz sich dadurch schnell verändert. Dasselbe würde aber auch mit Robotern geschehen, die Kultur würde sich dann auch verändern.
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Ich sehe vor allem deswegen einen immer grösser werdenden Graben zwischen Land und Stadt. Die Städter sind schnelle Veränderungen gewohnt, respektive sie sehen sie gar nicht mehr, da sie so überflutet sind. Die Ländlichen sehen sie und haben Angst um ihre Existenz. So oder so wird die Zukunft anders als die Gegenwart. Und das hat mit dem übergeordneten System zu tun: dem Kapitalismus. Dem Glauben, immer mehr Kapital anhäufen zu können. Was im Grunde möglich sein könnte, denn wir wissen nicht, ob das Universum endet oder ob es sich ausdehnt.
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Wir wollen aber immer mehr Kapital anhäufen, um jemanden dazu zu bringen, für uns immer mehr Kapital anzuhäufen. Bis jetzt ging das sehr einfach. Sobald es aber schwerer wird, besteht die Gefahr, dass Massnahmen ergriffen werden, die wir eigentlich als menschenunwürdig betrachtet haben und sie darum verboten oder abgeschafft haben. Die Geschichte lehrt uns aber, dass solche Verbote und Regeln schnell abgeschafft werden und das aus einem einfachen Grund: weil wir es können.
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Darum ist die Diskussion über 10 Millionen Menschen in der Schweiz nicht nur eine Diskussion über Zahlen. Es ist eine Diskussion über Arbeit, über Alter, über Kinder, über Migration, über Stadt und Land, über Kapital und über die Frage, was wir eigentlich erhalten wollen. Ich hoffe die Menschlichkeit. – Wollen wir eine Schweiz erhalten, die nie existiert hat, weil sie immer schon in Veränderung war? Oder wollen wir eine Schweiz erhalten, die ihre besten Eigenschaften nicht verliert: Genauigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Bildung, Infrastruktur und die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Menschen in ein funktionierendes Ganzes zu bringen?

<h3>5. Kosova als Kanton und die Schweiz als Gefäss</h3>

Es gibt noch einen letzten Vorschlag meinerseits, die demografischen Probleme zu lösen: Die Schweiz nimmt Kosova als neuen Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft auf, und alle zukünftigen Probleme sind gelöst. Denn Kosova hat das jüngste Volk in Europa und ein Land, das auf Investitionen wartet. Kulturell haben sich die zwei Länder schon lange so weit angenähert, dass es für beide eine Bereicherung wäre. Mit diesen neuen Ressourcen könnte sich die Schweiz dann dem grössten Problem des Planeten widmen, und zwar der Sanierung des Kapitalismus.
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Natürlich ist dieser letzte Vorschlag nicht ganz ernst gemeint. Oder vielleicht nur halb ernst. Oder doch ganz? Manchmal zeigt ein Witz genauer, worum es eigentlich geht. Die Schweiz und Kosova sind längst miteinander verbunden. In Familien, in Sprachen, in Fussballmannschaften, in Spitälern, in Baustellen, in Pflegeheimen, in Restaurants, in Musik, in Erinnerungen und in Kindern, die hier aufwachsen und beides in sich tragen. Und ständig eine neue Schweiz erschaffen mit allen anderen Schweizern und Menschen in der Schweiz.
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Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, wie viele Menschen die Schweiz erträgt. Vielleicht sollten wir eher fragen, wie viel Beziehung, Verantwortung und Zukunft wir miteinander aufbauen können.
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Denn am Schluss ist die Schweiz nicht einfach eine Zahl. Sie ist ein Gefäss. Und die entscheidende Frage ist nicht nur, wie viel hineingeht. Sondern auch, was wir daraus machen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 10:46:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Kein Retro, kein Museum – nur Proberaum: Die anarchische Ästhetik von DAS LECK]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/musik/kein-retro-kein-museum-nur-proberaum-die-anarchische-aesthetik-von-das-leck-009706.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Schon die Songtitel lesen sich wie die Chronologie eines Fiebers: „Stromrebell“, „Die neue Todesepoche“, „Stern von Ruanda“, „Fronthotel“, „Tempelzorn“, „Feindgold“, „Neon Testament“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/das-leck-die-wirtschaftsweisen_w.webp><p><small>Album-Cover.</small><p>Das sind keine Titel, die man sich ausdenkt, wenn man auf Chartplatzierungen schielt. Das sind Titel, die entstehen, wenn jemand nachts um halb drei denkt: Was wäre, wenn Auric Goldfinger den Tempel des Mammons doch verstrahlt hätte.
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Dabei wirkt das Album erstaunlich geschlossen. DAS LECK hatten schon immer eine Schwäche für groteske Bilder und eine fast beneidenswert gleichgültige Haltung gegenüber den Grenzen des guten Geschmacks. Bereits ältere Titel wie „Pipelines zu den Oligarchen“, „Der Messias der Mittelschicht“ oder „Mobbing in der Gruppe 47“ zeigten diese Lust an der absurden Verknüpfung von Hochkultur, Politik, Provinz und Quatsch. "Die Wirtschaftsweisen" führt diese Tradition konsequent fort.
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Besonders interessant ist, wie die Platte eigenes Material wiederverwertet. Dass ausgerechnet „Boomer“, „Go East“, „Mein Chinese hat Gelbsucht“ und „Babybong Babylon“ in neuen Versionen auftauchen, wirkt weniger wie Recycling als wie eine Art selbstreferenzielle Archäologie. DAS LECK betreibt offenbar Wiederkäuen als Kunstform. Die Songs werden nicht einfach neu aufgelegt, sondern erscheinen wie Figuren, die Jahre später mit experimenteller Frisur und noch seltsameren Ansichten wieder auftauchen oder sich einfach als Instrumentals ganz ausschweigen.
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Der eigentliche Witz des Albums liegt aber darin, dass es trotz seiner anspielungsreichen Stil-Mutationen nie nach Bildungsbürger klingt. DAS LECK tragen ihre Referenzen nicht wie Orden vor sich her. Eher wie Einkaufszettel, die versehentlich in der Jackentasche geblieben sind. Wenn „Wenn Quanten tanzen und der Bembel weint“ auf derselben Platte existiert wie „Tempelzorn“, dann nicht, weil hier jemand besonders clever wirken möchte, sondern weil die Band offenbar keinen Grund sieht, zwischen Philosophiestammtisch, Dorffest und Endzeitvision zu unterscheiden.
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Man kann der Platte deshalb viel vorwerfen: mangelnde Stringenz, gelegentliche Selbstparodie, eine gewisse Verliebtheit ins Schräge. Was man der Platte schwerlich nachsagen kann, ist Austauschbarkeit. In einer Musiklandschaft, in der viele Künstler klingen, als hätten sie ihre Persönlichkeiten an eine Strategieberatung ausgelagert, wirkt DAS LECK fast schon unangenehm eigenständig.
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Oder anders gesagt: "Die Wirtschaftsweisen" ist bis jetzt vielleicht das einzige Album des Jahres, das gleichzeitig nach kulturkritischem Essay, Bahnhofskiosk und einem leicht beschädigten Faxgerät klingt. Und genau deshalb hört man es sich am Ende doch lieber an als die meisten Werke, die wesentlich professioneller daherkommen.
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Musikalisch bewegt sich "Die Wirtschaftsweisen" dabei in jenem erfreulich verrotteten Niemandsland, das entsteht, wenn Post-Punk, kratziger Indie-Rock und die dunkleren Kellerräume der NDW über Jahre hinweg gemeinsam feucht eingelagert werden - "wie Rilke in Fantakorn" hiess es mal in einer Rezension zu einem früheren Album der Band. Die Gitarren scheppern mit einer Hingabe, die jeder Vorstellung von Hochglanzproduktion den Mittelfinger zeigt, und das Schlagzeug klingt oft so, als sei es weniger aufgenommen als irgendwo gefunden worden.
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Immer wieder blitzen diese typischen Das-Leck-Momente auf, in denen ein zunächst schlurfender Song plötzlich die Zähne zeigt und für ein paar Takte in eine fast aggressive Nervosität kippt. Dann wirken die Stücke kurz, als wollten sie ihre Hörer aus dem Sessel prügeln, bevor sie sich wieder in ihre gewohnt schludrige Souveränität zurückfallen lassen.
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Das Schöne daran: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLWNtFV3HEfIJL464qWYkUckaBJt9IeZDY" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nichts tönt hier nach Retro-Romantik</a> oder liebloser Stilübung. DAS LECK zitieren weder Post-Punk noch NDW, sie benutzen beides eher wie Einbruchswerkzeug. Entsprechend klingt die Platte nicht nach Museum, sondern nach einem Proberaum, in dem jemand die Heizung abgestellt hat und alle beschlossen haben, trotzdem weiterzumachen. Genau diese Mischung aus kontrolliertem Verfall und latentem Kontrollverlust verleiht dem Album seinen eigentümlichen Drive. Ich weiss nicht, wie laut ich das in meiner Datscha aufdrehen kann, bevor ich mir den Tempelzorn meiner Kleingartennachbarn zuziehe!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 08 Jun 2026 12:22:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Schweizer Kanton Bern fordert Antifa-Verbot]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/schweiz/schweizer-kanton-bern-fordert-antifa-verbot-009704.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Nachdem die USA und Ungarn ein Antifa-Verbot dekretiert haben und es in der Niederlande zumindest einen entsprechenden Vorstoss gab, zieht nun der Schweizer Kanton Bern nach.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Demonstration_of_1st_May_2026_in_Nantes_Antifa_and_anarchist_graffiti_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Demonstration_of_1st_May_2026_in_Nantes_%E2%80%94_Antifa_and_anarchist_graffiti.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">An antifascist and anarchist in France</a> (PD)</small><p>Das Kantonsparlament fordert vom Schweizer Bundesrat ein entsprechendes Verbot. Die Proteste dagegen folgten auf dem Fusse.

<h3>Die Vorgeschichte</h3>

Im Herbst letzten Jahres stuften die USA, unter Trump, sowie Ungarn, unter Viktor Orbán, die „Antifa“ als terroristische Organisation ein. In den Niederlanden, angeführt von Geert Wilders, gab es auch einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss, der jedoch rechtlich keine Bindungswirkung erzeugte.
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In der Schweiz arbeiten sich rechte Parlamentarier:innen seit Jahren an der linken Szene ab. Vom „gewalttätigen Extremismus können Sie eindämmen, indem Sie sich konsequent von solchen Elementen wie der Reitschulszene, dem Schwarzen Block, der Antifa und weiteren linksextremen Gruppierungen distanzieren“, meinte Andreas Glaser von der SVP 2022 im Rahmen einer Parlamentsdebatte. Im Jahr zuvor lehnte der Schweizer Bundesrat schon einen Vorstoss Glasers ab, der damals meinte: „Die sich harmlos "Antifa" nennende Gruppierung ist seit Jahren an zahlreichen Überfällen auf die geltende Ordnung beteiligt. Die Antifa Schweiz ist dem linksextremen Lager zuzuordnen.“

<h3>Ein rechtsextremer Parlamentarier fordert Antifa-Verbot</h3>

Initiiert von dem rechtsextremen SVP Abgeordneten Lorenzo Quadri, wird das Schweizer Parlament aufgefordert, „dem Parlament eine gesetzliche Grundlage für das Verbot der Antifa-Bewegungen in der Schweiz vorzulegen“.
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In seiner Initiative vom 17.12.2025 schrieb der Abgeordnete des schweizer Bundesrats folgendes: „Die sogenannte Antifa-Bewegung (Antifaschismus) ist in Wirklichkeit Synonym für Intoleranz, Gewalt und (linken) Faschismus. Die Stadt Bern wurde im Oktober 2025 durch eine nicht bewilligte «Pro-Palästina»-Demonstration, die Schäden in Millionenhöhe verursachte, buchstäblich in Schutt und Asche gelegt.“
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Die Schweizer Regierung meinte dazu am 18.02.2026: „Die «Antifaschistische Aktion» ist keine Gruppe im engeren Sinn, sondern eine heterogene Bewegung beziehungsweise ein loses internationales Netzwerk. Ihr gehören Einzelpersonen und verschiedenste Arten von Gruppen an. Das Fehlen einer Organisationsstruktur spricht gegen ein Verbot.“

<h3>Das Berner Kantonsparlament</h3>

Anfang dieses Jahres reichten die rechten SVP-Abgeordneten Thomas Fuchs und Sandra Schneider einen „Parlamentarischen Vorstoss“ ein, mit welchem die Kantonsregierung aufgefordert wird „beim Bund vorstellig zu werden und sich dafür einzusetzen, dass linksextremistische Gruppierungen, die gemeinhin unter den Bezeichnungen «Antifa», «Antifaschistische Aktion» und «Schwarzer Block» in der Öffentlichkeit auftreten, gemäss (...) verboten werden.“.
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In der Begründung heisst es unter anderem: „Die Akteurinnen und Akteure der «Antifa» und insbesondere deren rote Speerspitze, der «Schwarze Block», müssen als eine ernste Bedrohung der inneren Sicherheit angesehen werden. Die Täter aus diesem Milieu müssen konsequent für ihre kriminellen Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Die bürgerliche Zivilgesellschaft darf sich nicht länger von gewalttätigen linken Gruppierungen einschüchtern lassen, die unser demokratisches System und den Kapitalismus ablehnen und letztendlich die bestehende Gesellschaftsordnung stürzen wollen.“
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Am 03. Juni 2026 hat das Kantonsparlament mit 82 Ja-Stimmen zu 64 Nein-Stimmen (bei drei Enthaltungen), den Vorstoss der rechtsextremen SVP angenommen.

<h3>Der Protest folgte auf dem Fusse</h3>

Mehrere hundert Menschen zogen spontan am Donnerstag in Bern unter dem Ruf „Siamo tutti antifascisti – wir sind alle Antifa!“ durch die Innenstadt, nachdem es schon wenige Tage zuvor eine Antifa-Demo mit 400 Menschen gegeben hatte.
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Während Faschismus und Autoritarismus weltweit auf dem Vormarsch seien, wolle das Berner Kantonsparlament den Antifaschismus verbieten, hiess es in einem Aufruf, «jene Bewegung, die sich dem entgegenstellt, was unsere Gesellschaft spaltet».
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Aus juristischen Kreisen kam auch schon harsche Kritik. Ein solches Verbot sei „sei weder sinnvoll noch verhältnismässig“ sagt der DJB, die Demokratischen Juristinnen und Juristen Bern.
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Das «Bündnis gegen Rechts Bern» wird zitiert mit „Antifaschismus ist eine Haltung und lässt sich nicht verbieten“

<h3>Fazit</h3>

Die staatlichen Angriffe auf linke und emanzipatorische gehen international, national und lokal unverändert weiter. Was in den USA begann, in den Niederlanden parlamentarisch aufgegriffen und in Ungarn staatlich umgesetzt wurde, wird nun in der Schweiz von einem Kanton ebenfalls eingefordert. Dabei richtet sich der Angriff nicht nur gegen einzelne Personen sowie Gruppen, sondern gegen die Idee des Antifaschismus selbst. Die Botschaft ist überall dieselbe: Wer sich organisiert gegen Rassismus, Neofaschismus und die extreme Rechte stellt, soll delegitimiert, kriminalisiert und verboten werden. Wer Antifaschismus verbieten will, erklärt nicht etwa eine „Organisation“ zum Problem, sondern den Widerstand gegen autoritäre und faschistische Entwicklungen.
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Dem gilt es mit Entschiedenheit und Konsequenz entgegenzutreten!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 08 Jun 2026 10:51:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Clara Tempel: Politische Geborgenheit]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/clara-tempel-politische-geborgenheit-009700.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Bücher können auch einfach schöne Gegenstände sein. Sollte ich einen Preis dafür vergeben, würde ich Clara Tempels <em>Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen</em> wählen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/clara-tempel-politische-geborgenheit_w.webp><p><small>Buchcover.  Foto:  </small><p>Das 2025 beim Verlag Graswurzelrevolution erschienene Produkt ihrer Masterarbeit enthält ganze 30 bunte Bilder der Autorin, die sich damit auch als Künstlerin zeigt.
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Thematisch verbindet sie dadurch plausibel und passend den Inhalt mit einer möglichen Form, ihre Überlegungen und Formulierungen mit einem ästhetischen Ausdruck. Das Malen – so schreibt sie – stellt damit ebenfalls einen Teil ihres Reflexions- und Schreibprozesses dar. Ihr Nachdenken ist unterfüttert von umfangreichen Erfahrungen vor allem in der Anti-Atomkraft und Klimagerechtigkeitsbewegung und darin liegt die Stärke ihrer Perspektive.
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Zweifellos umkreist Clara Tempel ein wichtiges Bedürfnis, wenn sie in ihrem Buch Geborgenheit in sozialen Bewegungen thematisiert. [> die Buchvorstellung kann HIER nachgehört werden: https://www.freie-radios.net/142009.] Schliesslich verschärfen sich Gefühle von Unsicherheit, Angst und Perspektivlosigkeit auch in den westeuropäischen Ländern, durch die Ausweitung des Krieges, den Abbau von sozialer Sicherung, sowie das Scheitern einer sozial-ökologischen Transformation, die den Klimawandel und seine Folgeerscheinungen effektiv abmildern könnte. Dass es entgegen dieser desaströsen Entwicklungen und auch den bisweilen frustrierenden Erfahrungen von Aktiven in sozialen Bewegungen Räume und Beziehungen der Geborgenheit zu schaffen gilt, leuchtet somit unmittelbar ein.
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Mitunter sind Praktiken zur Erzeugung von Geborgenheit sogar widerständige Akte in einer Herrschaftsordnung, die gewissermassen Ausgeliefertsein hervorbringt, damit Menschen sich an den Staat als Beschützer wenden. Zugleich kann man sich fragen, inwiefern es tatsächlich Aufgabe von emanzipatorischen Gruppen sein kann und sollte, Geborgenheit herzustellen – oder ob sie an solchen Ansprüchen nicht notwendigerweise scheitern müssen bzw. ihre eigentlichen Zwecke unterlaufen werden. Hierbei stellt die Autorin richtigerweise fest, dass das Bedürfnis nach Geborgenheit auch ausschliessend, entradikalisierend, entpolitisierend und paternalistisch gerahmt und adressiert werden kann.
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Jedenfalls ergibt es schon alleine deswegen Sinn, sich Gedanken um das Thema zu machen, da viele politische Gruppen doch eher einer relativ kalten Arbeitslogik folgen, Menschen in diese ohnehin ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte mitbringen und Konflikte oft nicht gut verstanden, geschweige denn gelöst werden, weil die Beteiligten häufig keinen guten Rahmen haben, indem sie sich geborgen fühlen können. Hierbei würde ich allerdings einen Schritt weitergehen, als Clara Tempel und auch die Kategorie des Aktivismus hinterfragen, wie es in den letzten Jahren stärker geschah. In Hinblick auf ihre sinnvolle Unterscheidung von sozialen und politischen Bewegungen (S. 86) wäre dies auch gut möglich.
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Anschliessend daran reproduziert die Autorin meines Erachtens eine problematische Trennung von Wissenschaft und „Aktivismus“ (S. 106), wie sie unter anderem auch Paul Sörensen in Hinblick auf sein ansonsten wertvolles Nachdenken über Präfiguration betreibt. Wenn ich einige weitere Kritikpunkte anbringe, dann deswegen, weil ich das Thema wie gesagt wichtig und auch den Ansatz grundsätzlich gut finde.
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So bezieht sich die Autorin auf das Konzept der Nachhaltigkeit, welches mittlerweile reformistisch verkommen wäre (S. 73). Hierbei ist anzumerken, das Nachhaltigkeit im Diskurs ohnehin mit einer ökonomischen Verwertungslogik verknüpft ist und es stattdessen konviviale gesellschaftliche Naturverhältnisse jenseits davon zu denken gälte. Unklar bleibt, wie Macht und Herrschaft ins Verhältnis gesetzt werden (S. 221), dabei wäre die Benennung letzterer für das Thema durchaus wichtig. In diesem Zusammenhang irritiert mich auch die wiederholte Bezugnahme auf Jean-Philippe Kindler, dessen sozialdemokratisch-konservativer Moralismus meiner Ansicht nach konträr zu Clara Tempels Herangehensweise steht, was diese aber nicht benennt. Unter anderem zitiert sie dessen problematische Aussage, Glück solle politisch (meint in diesem Kontext durch einen paternalistischen Sozialstaat) hergestellt werden (S. 238f.). Darüber hinaus bezieht sie sich passenderweise viel auf die Resonanz-Theorie von Hartmut Rosa, auf das Revolutionsverständnis von Eva von Redecker und auf den Psychologen Hans Mogel.
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Zwar ist die denkerische Suchbewegung interessant, der Text gut und verständlich formuliert und sind in Hinblick auf ein so grosses Thema gewiss keine abschliessenden Antworten zu erwarten. Dennoch assoziiert die Autorin teilweise doch etwas sehr wild und überstrapaziert den Begriff der Geborgenheit – was diesen dann leider schwammiger macht als notwendig. Davon zu sprechen, dass ein Ermittlungsausschuss (S. 159) oder Aktionskonsens (S. 163) Geborgenheit schaffen soll, erscheint mir ebenso weit hergeholt, wie diese durch Vermummung erzeugen zu wollen. Sogar die Schutzpanzerung der Bullen verschaffe diesen „Geborgenheit“ (S. 181) – nach dem Motto: hinter jedem harten Schläger stecke doch eigentlich ein sanfter Kerl. Und ob Aktionstrainings ein wichtiger Aspekt von „Geborgenheitsproduktion“ (S. 203) sind, oder nicht doch einfach dazu dienen, das Menschen kollektiv und individuell klug, besonnen und bestimmt agieren können, scheint diskussionswürdig.
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Dass Menschen, die sich fremd fühlen, auch ungeborgen sein können (S. 197), ist da schon eher nachvollziehbar. Allerdings weiss ich nicht, ob es wirklich darum geht, für sie Geborgenheit zu erzeugen, wenn man einfach offen, herzlich, gesprächsbereit und verständnisvoll auf sie zugeht. Die Autorin weiss, dass auch „klassistische Kommentare“ ausschliessend wirken und damit Geborgenheit verhindern (S. 208). Meiner Erfahrung nach gibt es dahingehend wenige Gruppen, die so exkludierend wirken, wie bürgerliche Hippies, die andere mit der Behauptung ausgrenzen, das sie „only good vibes“ wahrnehmen wollen und Konflikte ihre „Geborgenheit“ stören würden.
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Eine Verwandtschaft von Geborgenheit und Sicherheit zu sehen ist plausibel. Nur rechtfertigt der Staat den Ausbau seiner Überwachungstechnologien und -apparate nicht damit, seinen Bürger*innen tatsächlich Geborgenheit zu schaffen, sondern mit dem Schutz vor denjenigen, die die repressive Harmonie stören könnten (Gewalttäter, Diebe, psychisch Kranke, rassistisch Diskriminierte, politisch Radikale). Die Überlegung, ein emanzipatorisches Verständnis von sozialer Geborgenheit der „Sicherheit“ des paternalistischen und repressiven Staates gegenüberzustellen, ist dabei aber ein guter Anstoss (S. 241).
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Schliesslich bleibt für mich unklar, wie sich Geborgenheit zu Entfremdung verhält. Könnte man nicht einfach „Verbundenheit“ gegen den Zustand des „Exposure“ (ausgesetzt sein) stellen. Ein Plädoyer für die tiefere Beschäftigung mit Entfremdung lohnt sich in diesem Zusammenhang denke ich auch, weil es eine gesellschaftsanalytische Kategorie ist, die mit der von Clara Tempel eher vermiedenen Kritik von Herrschaftsverhältnissen verknüpfbar ist. Gleichwohl weist auch Geborgenheit eine Tiefe auf, die zwischenmenschliche Beziehungen, mit gesellschaftlichen Bedingungen und der Ausgestaltung konkreter Räume und Praktiken verbindet. Dies in den Fokus zu nehmen ist für das Vor*ankommen in sozialen Bewegungen sicherlich äussert wichtig.<p><em></em><p><small>Clara Tempel: Politische Geborgenheit. Verlag Graswurzelrevolution 2025. 307 Seiten. ca. 38.00 SFr. ISBN: 978-3-939045-56-4.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 08:46:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Der neueste Irrweg neoliberaler Bildungspolitik: Die „Klasse 0“]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/bildung/der-neueste-irrweg-neoliberaler-bildungspolitik-die-klasse-0-009703.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Kampagne „Klasse 0“ verfolgt die Strategie, den Übergang vom Kindergarten in die Schule noch weiter nach vorne zu verlegen. Kinder sollen schon an die Schule gewöhnt werden, wenn sie eigentlich noch eine unbeschwerte Kindheit haben könnten.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Solingen_Schulzentrum_Vogelsang_Ansicht_mit_Schulhof_von_Sueden_w.webp><p><small>Solingen, Schulzentrum Vogelsang, Ansicht mit Schulhof von Süden, April 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Solingen,_Schulzentrum_Vogelsang,_Ansicht_mit_Schulhof_von_S%C3%BCden_(1).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">SolingenFan95</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Der Artikel „<a href="https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/klasse-null-schule-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundesweites Projekt: Mit der ‚Klasse 0' fit für die Einschulung</a>“ (WDR, 30.05.2026) präsentiert eine seit Jahren in Deutschland verbreitete Sichtweise auf Bildung: Grundschulen klagen über mangelnde Fähigkeiten bei Erstklässler*innen, also müsse man die Kindheit zugunsten der akademischen Laufbahn beschneiden.
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Das Mantra lautet: immer früher, immer mehr. Eine „Klasse 0“, in der Kindergartenkinder bereits zwei Stunden pro Woche auf die Schule vorbereitet werden. Erlernt dabei solle alles Mögliche, vom Stiftehalten bis zur Sozialkompetenz. Hinter dieser vermeintlich pragmatischen Massnahme verbirgt sich jedoch, wie im Folgenden erläutert, eine ideologische Stossrichtung, mit der Kindern ein Teil ihrer Kindheit zugunsten des Kompetenzerwerbs genommen werden soll. Damit (und durch das Engagement von Unternehmen im Rahmen dieses Programms) wird auch die Ökonomisierung von Bildung vorangebracht. Statt die gesellschaftlichen Ursachen für die beobachteten Defizite zu hinterfragen, werden die Kinder noch früher in das Korsett schulischer Anforderungen gepresst.
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Man kann wohl sagen: Die Analyse ist richtig – die Gruppen in den Kindergärten seien häufig viel zu gross und die Betreuung dadurch unpersönlich. Die Eltern arbeiteten heute viel mehr als früher und hätten daher viel weniger Zeit für ihre Kinder. Dies seien aufgrund von ökonomischen Zwängen unverrückbare Verhältnisse, wird impliziert.
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Aber gelten diese ökonomischen Zwänge überhaupt für alle? Für diejenigen Kinder von normal verdienenden Eltern mit zwei Autos in der Garage oder einem Lastenrad für 10.000 Euro ist das sicherlich nicht der Fall. Auch in der Mittelschicht arbeiten viele Eltern, insbesondere Väter, mehr, als sie eigentlich müssten. Natürlich gibt es für Kinder ein Problem, deren Eltern prekär sind und denen nichts anderes übrig bleibt, als beide in Vollzeit zu arbeiten. Dies muss auch angegangen werden, geschieht jedoch nicht.

<h3>Neoliberale Bildungspolitik: Früher, schneller, effizienter</h3>

Moniert werden im Artikel vom Schulleiter Pascal Pooch ein „zunehmende[r] Leistungsverfall“ und mangelnde „Vorläuferfähigkeiten“. Aber nun sollen offenbar weniger die sozioökonomischen Rahmenbedingungen (Armut, fehlende individuelle Betreuung, überlastete Eltern) verändert werden, sondern das Problem soll auf die Schultern der Kinder selbst gepackt werden.
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Die „Klasse 0“ ist kein isoliertes Projekt, sondern passt perfekt in das neoliberale Bildungsparadigma, das die deutsche Schulpolitik seit den 1990er-Jahren prägt. Es lautet: „Früher fördern statt später reparieren“ – ein Motto, das nach Effizienz klingt, aber konkret eine Verschulung des Kindergartens bedeutet.
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Bildung wird in dieser Denkweise auch als Standortfaktor betrachtet: Wenn Schulforscher Matthias Forell im WDR-Artikel fordert, bereits 1,5 Jahre vor der Schule mit der Förderung zu beginnen, dann geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Optimierung des Humankapitals. Auch die gesellschaftlichen Diskurse nach den PISA-Studien ab 2000 führten schon zu einer Welle von ähnlichen Ansichten, Frühförderprogrammen usw. Man orientiert sich z.B. nicht am „sanften“ und dennoch guten Schulsystem Finnlands, sondern schraubt in Deutschland immer mehr die Daumenschrauben in der Bildungspolitik an. Ob nun das Zentralabitur, die „Profiloberstufe“, eine didaktisch fatale „Digitalisierung“ der Klassenzimmer, die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre oder die zerstörerische Einführung des Bachelor-Master-Systems; und der gescheiterte Versuch, Studiengebühren einzuführen. Oder der Kulturkampf zur Erhaltung der Gymnasien geführt von privilegierten Bildungsbürger*innen und Eliten. Die Vorwände sind stets die „Vergleichbarkeit“ und die Erzählung, dass Deutschland im internationalen Vergleich „hinterherhinke“, also der Wettbewerbsgedanke.

<h3>Privatisierung der Bildung: Wenn Konzerne Schule gestalten</h3>

Besonders problematisch ist die Finanzierung des Projekts „Klasse 0“ durch Konzerne. Das Motiv dieser Unternehmen ist natürlich nicht Humanismus, sondern Profit. Schliesslich sind die Kinder von heute die Arbeitnehmer*innen (und Konsument*innen) von morgen. Die Initiative kommt <a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">in diesem Fall von den Konzernen ROSSMANN, BASF und Procter & Gamble</a>. In Ludwigshafen, dem Ursprungsort des Projekts, <a href="https://www.schub-magazin.org/44-laeuft-basiskompetenzen-maechtle-rlp-2024/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">übernimmt BASF die Finanzierung für lokale Schulen</a>.
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Die „Klasse 0“ ist ein Marketinginstrument. Mit Slogans wie „starkes Wir-Gefühl“ und „<a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Chancengleichheit</a>“ geht es um Imagepflege, mehr aber wohl noch um Einflussnahme. Bildung soll hier sicher weniger emanzipierte, freie Menschen, sondern anpassungsfähige Arbeitskräfte produzieren.
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Die „Klasse 0“ ist kein primär pädagogisches Projekt, sondern ein Symptom einer Gesellschaft, die Bildung zunehmend der Wirtschaft überlässt. Anstatt im demokratischen System und unter Einbeziehung der Bevölkerung staatlich finanzierte Lösungen zu finden, werden <a href="https://unternehmen.rossmann.de/presse/pressemeldung/klasse-0-start.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">neue Konzepte von Konzernen organisiert</a> und teilweise mit Online-Spendenkampagnen ermöglicht.

<h3>Reformpädagogische Alternative: Kindheit und Freiheit, statt Konditionierung und Humankapital</h3>

Das Projekt „Klasse 0“ ignoriert, was die Entwicklungspsychologie belegt und die Reformpädagogik seit über 100 Jahren erfolgreich praktiziert: Kinder entwickeln sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und selten linear. Und das am besten, wenn sie in Freiheit aufwachsen können. Die Idee, Kinder bereits im Kindergartenalter auf schulische Normen zu trimmen, ist destruktiv. Statt Spiel, Neugier und freiem Entdecken, wird Kindheit zur Vorbereitungsphase für die Verwertung des „Humankapitals“.
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Auch soziale Kompetenz entsteht durch individuelle Entfaltung, nicht durch Anweisungen, wie die im Text als relevant genannten Kompetenzen ausgeführt werden („Wie melde ich mich?“). Eine bessere Alternative zur „Klasse 0“ wäre nicht mehr Förderung, sondern mehr Kindheit. Zum Beispiel ein Waldorf- oder Montessorikindergarten mit festen, relativ kleinen Bezugsgruppen und -personen, in dem gebastelt, gebaut, gespielt und Natur erlebt wird. Einen guten Kindergarten zu haben, ist schlüssiger, als die Klasse vor der ersten Klasse einzuführen. Natürlich ist die grossstädtische „Kita“ mit 40 Kindern in einem Raum, ohne Konzept, Natur, festem Tagesablauf und adäquater Betreuung („offenes Konzept“), eine Katastrophe für Kinder.
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Ganzheitliche frühkindliche Pädagogik fördert Kinder, ohne dies nach einem institutionellen Schema zu tun. Anstatt Eltern die Verantwortung für „Bildungsdefizite“ zuzuschieben, müsste der Staat kostenlose, humanistische und reformpädagogische Betreuung für alle Kinder bereitstellen – ohne Leistungsdruck für die Kleinen. Und wichtig wäre es, den gebeutelten Eltern mit Kindern Arbeit in Teilzeit bei auskömmlichen Löhnen zu ermöglichen. Das Gegenteil tut die Bundesregierung derzeit. Sie will <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101103360/acht-stunden-tag-vor-dem-aus-regierung-plant-wochenarbeitszeit-modell.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">mehr Arbeit und weniger Freiheit</a> für die Menschen im Land).

<h3>Die letzten Worte zum Programm „Klasse 0“</h3>

Der Artikel über dieses „Bildungsprogramm“ ist kein neutraler Bericht, sondern ein typisches Zeugnis für neoliberale Bildungsideologie. Programm und Bericht präsentieren die Frühförderung als Lösung, ohne die systemischen Ursachen der beobachteten Probleme einzufordern oder gar die Systemfrage zu stellen. Stattdessen müssten die folgenden drei Punkte politisch adressiert werden:

<ul class="liste">
<li class="liste">Soziale Ungleichheit: Kinder aus armen Familien haben weniger Chancen – ihre Eltern müssen zu viel arbeiten und haben zu wenig Zeit für ihre Kinder.</li>
<li class="liste">Überlastete Eltern: Auch gut verdienende Eltern arbeiten häufig mehr als notwendig (brauchen sie einen neuen SUV, oder reicht nicht auch ein Gebrauchtwagen? Muss es die Pauschalreise sein, oder reicht nicht auch Zelten in Südeuropa?)</li>
<li class="liste">Ein staatliches Bildungssystem, das nicht reformiert werden soll, das Reformpädagogik trotz wissenschaftlicher Bestätigung verachtet und Kinder lieber als Humankapital ansieht.</li>
</ul>

Die „Klasse 0“ ist kein Fortschritt, sondern ein durch Konzerne gelenktes Notprogramm, konform zur neoliberalen Bildungsagenda. Was Kinder wirklich brauchen, ist nicht mehr derartige Förderung, sondern mehr Kindheit. Freiheit zum Spielen, mehr Zeit mit Eltern und/oder Geschwistern, mehr individuelle Betreuung in der vorschulischen Lebensphase. Aber eben kein Lernkorsett und keine vorgezogene Schulzeit. Die Schule und das Leben der Menschen später werden schon noch Korsett genug sein.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 10:22:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/bildung/der-neueste-irrweg-neoliberaler-bildungspolitik-die-klasse-0-009703.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Kontinental '25]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/kontinental-25-007994.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Kontinental '25</em> erzählt von einer Gerichtsvollzieherin, die das Schuldgefühl über den Suizid eines armen Arbeitslosen nicht verdrängen kann.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Director_Radu_Jude_attends_at_the_2025_Locarno_Film_Festival_w.webp><p><small>Regisseur Radu Jude auf dem roten Teppich während des 78. Filmfestivals von Locarno am 9. August 2025 in Locarno, Schweiz.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Director_Radu_Jude_attends_at_the_2025_Locarno_Film_Festival.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Segolene Liger</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Der rumänische Regisseur Radu Jude entfaltet anhand der losen Handlung ein ebenso humorvolles wie nachdenkliches Kaleidoskop der rumänischen, aber auch der Weltgesellschaft im Angesicht des entfesselten Kapitalismus.
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Einen Traumjob hat die Juristin Orsolya (Eszter Tompa) nicht. Aber er bringt ordentlich Geld. Die Ehefrau, Mutter und Oma, die früher einmal als Professorin Studenten unterrichtete, muss sich aktuell als Gerichtsvollzieherin durchschlagen. Dabei versucht sie, ihr gutes Herz zu retten und so milde und nachsichtig wie möglich vorzugehen. Doch eines Tages passiert die lange befürchtete Katastrophe. Der 62-jährige Arbeitslose und Flaschensammler Ion (Gabriel Spahiu), dessen ärmliches Zuhause in einem Heizungskeller Orsolya zwangsräumen muss, tötet sich aus Verzweiflung selbst.
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Die Frau fühlt sich schuldig, auch wenn ihr jedermann bestätigt, dass sie es nicht ist, selbst nach moralischen Massstäben nicht. Doch das Unbehagen bleibt, wie auch das Unbehagen des rumänischen Regisseurs Radu Jude an seinem Land, an der EU und am Kapitalismus im Allgemeinen. In einer Mischung aus Satire und Tragik lässt der Filmemacher seiner Wut freien Lauf, freilich nicht in einem lauthals propagandistischen Film, sondern verpackt in kuriose Kameraeinstellungen, hilflose Dialoge und dokumentarische Betrachtungen.

<h3>Kuriose Gegensätze</h3>

Auch ein Satiriker hätte die Szene nicht humorvoller erfinden können. Ion, dem wir in den ersten Filmminuten bei seinen Streifzügen folgen, läuft durch einen herbstlich durchsonnten Wald. Man könnte meinen, er sammle Pilze. Aber es sind Plastikflaschen und Blechdosen, die er – meist fluchend – vom Wegesrand aufhebt. Irgendwann ein Schnitt: Plötzlich schwenkt im vorderen linken Bildrand ein Dinosaurier sein furchterregendes Maul. Ion zuckt nicht mal mit den Schultern. Es sind bloss die Bewegungsmelder, die die Tierattrappen in Bewegung gesetzt haben, hier oben im Dino-Park, einer Touristenattraktion im transsilvanischen Cluj, der zweitgrössten Stadt Rumäniens, die auf Deutsch einmal Klausenburg (in Siebenbürgen) hiess. Seit dem EU-Beitritt des Landes floriert die geschichtsträchtige Grossstadt, nicht nur als Industriestandort, sondern auch im Fremdenverkehr.
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Die brüllenden Dinos im stillen Wald lassen sich als Symbol für die vielen Gegensätze im postkommunistischen Rumänien (und der ganzen Welt) lesen: Armut und Reichtum, Hyperkapitalismus und Bauruinen, Tradition und Moderne. Dem schliessen sich die filmische Struktur und Dramaturgie an. Humor knallt manchmal gnadenlos auf Tragik, persönliche Schuldgefühle reiben sich an politischer Verantwortung, Gewissensbisse an philosophischen oder religiösen Erlösungsfantasien. Dazwischen finden eine Menge aktueller Themen Platz: Rassismus (Orsolya gehört der ungarischen Minderheit an), die Politik von Viktor Orbán, der Ukraine- und der Gaza-Krieg. Auch Zitate von anderen Filmen fliessen mühelos in die lose gewobene Erzählstruktur, unter anderem der Hinweis auf Wim Wenders' <em>Perfect Days</em> (2023).
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Die Handlung ist schnell umrissen. Nach dem Tod von Ion nimmt der Film die Perspektive von Orsolya, der Gerichtsvollzieherin, ein. Er begleitet sie, wie sie den geplanten Urlaub absagt und den Ehemann allein mit Tochter und Enkelkindern nach Griechenland schickt. Geplagt von wiederkehrenden Flashbacks mit Bildern des Toten, sucht Orsolya das vertrauliche Zwiegespräch, etwa mit einer Freundin, der Mutter, einem zufällig auftauchenden Ex-Studenten und einem Priester.
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So verschieden deren Reaktionen auch ausfallen, eines ist allen gemeinsam: Sie setzen sich nicht wirklich mit dem Drama auseinander, das die Gerichtsvollzieherin gerade erlebt hat und das sich vor unser aller Augen jeden Tag abspielt. In jeder Grossstadt der EU trifft man Obdachlose oder bettelnde Menschen, die Schere zwischen rücksichtslosem Konsumismus und elenden Gestalten in unseren Einkaufsmeilen wird immer grösser. Einzig Orsolya fällt aus den allgegenwärtigen Verdrängungsmechanismen heraus. Ihre Figur, intensiv verkörpert von Eszter Tompa, ist als einzige bereit, über Konsequenzen für ihr persönliches Leben nachzudenken.

<h3>Der Neorealismus lässt grüssen</h3>

Regisseur Radu Jude (<em>Bad Luck Banging or Loony Porn</em>, Goldener Bär 2021, <em>The Happiest Girl in the World</em>, 2009) nennt als wichtige Inspiration für seine neue Arbeit das neorealistische Drama <em>Europa 51</em> von Roberto Rossellini (1952). Das mag man auf die vergleichbare Schuldproblematik der weiblichen Hauptfigur (bei Rossellini ist es Ingrid Bergman) beziehen. Aber es hat sicher auch etwas mit der Doppelung von individuellem Drama und Gesellschaftsdiagnose zu tun.
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Hinzu kommt der dokumentarische Charakter beider Spielfilme. Radu Jude übersetzt den Neorealismus quasi in die heutige Zeit, indem er das reine Sozialdrama mit Humor und Satire unterläuft und so dem Publikum eine gewisse Entlastung von einer allzu düsteren Stimmung verschafft. Aber eine Distanz im Sinne von „geht mich nichts an“ ist damit nicht gemeint. Lachen oder Schmunzeln dienen nicht als Fluchtwege.
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Nichtsdestotrotz spürt man die Lust am locker Hingeworfenen in dieser oft improvisiert wirkenden Tragikomödie. Gedreht wurde in elf Tagen mit einer Handy-Kamera, oft in statischen Einstellungen an öffentlichen Plätzen. Das ergibt einen nicht nur realitätsnahen, sondern auch leicht experimentellen Look, der sich vor allem in den Stadtansichten zeigt, die als dokumentarischer Strang zwischen die Handlung geschaltet werden. Altehrwürdige Gebäude treffen auf Plattenbauten und den Protz von Luxushotels. Einmal heisst es, in Rumänien würden Immobilienhaie so rasant bauen wie in China. Ohne dass sie ausgesprochen würde, steht bei dem Blick auf die tristen, immer gleichen, aber brandneuen Wohnblocks die Frage im Raum: Warum gibt es dort nicht auch ein Plätzchen für all die Obdachlosen?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 08:35:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Noah (2025)]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/noah-2025-009492.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„Noah“ ist ein kritisches Drama über Themen wie Integration und die Lebenslügen, die damit verbunden sind.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/noah-2025_w.webp><p><small>Szene aus dem Film "Noah".  Foto: Lea Pech.</small><p>Mag der ein oder andere Dialog auch übers Ziel hinausschiessen, sind die Figurenzeichnung, das Ensemble sowie die verschiedenen Perspektiven, die Regisseur Ali Tamim in seinem Film vereint, Grund genug, sich zu fragen, warum man eigentlich nicht mehr solcher Charaktere im deutschen Film vorfindet.<br>
Als der Jugendliche Noah bei einer Polizeikontrolle ums Leben kommt, überschlagen sich die Ereignisse in der Nähe einer Hochhaussiedlung in Berlin.
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Seine Mutter Mariama (Meriam Abbas) erfährt noch auf dem Weg zum Revier vom Tod ihres Sohnes und ist fassungslos, als man ihr verwehrt, von ihm Abschied zu nehmen. Noahs Leichnam sei Teil einer polizeiinternen Untersuchung zu dem Zwischenfall, weshalb man ihr und dem Rest der Familie sowohl die Vorbereitung auf die Beerdigung als auch das Abschiednehmen verweigert. Ausser sich vor Trauer und Wut setzt Mariama alles daran, ihrem Wunsch, ihren Sohn noch einmal sehen zu dürfen, Gehör zu verschaffen.
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Parallel beginnen einige Polizisten mit den Ermittlungen, doch dem Zorn der Bewohner der Siedlung sowie der Bekannten Noahs entgehen sie nicht. Ein brennendes Auto ist nur der Beginn einer langen Nacht für die Beamten. Ibrahim (Doğa Gürer), ein Polizist mit türkischen Wurzeln, zieht zudem den Argwohn seiner Kollegen auf sich, die vermuten, er würde eher zu seinen „Landsmännern“ halten als zu ihnen.
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Derweil versuchen Musa (Steven Sowah) und Melek (Joyce Sanhá), ihrem Frust auf andere Weise Luft zu machen. Frustriert von den Anfeindungen ihrer Umwelt streifen sie durch das nächtliche Berlin, doch ihre Wut wächst mit jeder Stunde. Schliesslich meint Melek einen Ausweg für sie beide gefunden zu haben, der radikaler nicht sein könnte.

<h3>Ein Akt der Selbstermächtigung</h3>

Im Statement zu seinem ersten Langfilm <em>Noah</em> schreibt Regisseur Ali Tamim, dass <em>Noah</em> „ein Film mit Stimmen“ sei, „die sonst nirgendwo gehört werden“. Die Figuren, die wir in der Geschichte treffen, sind nicht nur im deutschen Film oftmals auf Stereotype beschränkt, die man mit sozialen Randgruppen in Verbindung bringt.
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Menschen mit Migrationshintergrund, die noch dazu in einer Hochhaussiedlung wohnen, sind arbeitslos, brutal oder verdienen ihren Lebensunterhalt mit Drogen – nur eines von vielen Klischees, gegen das sich Tamim mit seinem Film positionieren möchte. <em>Noah</em>, der auf dem Max Ophüls Filmfestival 2026 gezeigt wird, ist ein „Akt der Selbstermächtigung“, der eine andere Perspektive auf diese Menschen wagt, zugleich aber auch aktuelle Diskussionen rund um Themen wie Integration und Rassismus aufgreift. Es ist dann vor allem der Ton, der den Reiz von <em>Noah</em> ausmacht, sowie der Verweis auf eine zentrale Problematik innerhalb des Themas Integration, auch wenn der ein oder andere Dialog arg gestelzt anmutet.
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Man kann sicherlich viele Bezeichnungen für einen Film wie <em>Noah</em> verwenden, doch eines ist Ali Tamims Film nicht: ein Problemfilm. Auch wenn der ein oder andere Dialog thematisch etwas überladen wirkt, liegt der Fokus des Films nicht auf Problemen wie Polizeigewalt, Alltagsrassismus oder Integration. Tamim begreift diese und andere Aspekte als komplexes Konstrukt, innerhalb dessen sich die Lebensrealität der Figuren abspielt. Besonders erhellend sind in <em>Noah</em> gerade deswegen die heiteren, lockeren Momente, beispielsweise die Interaktion zwischen Melek und Musa.
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Es ist nicht nur der Frust über ihre negativen Erfahrungen mit ihrer Umwelt – mit deutschen Behörden, der Polizei oder generell der Politik –, denn ihr Leben ist auch von einer unbändigen Lebenslust und Kreativität geprägt, was sie zu den leuchtendsten Charakteren im ganzen Film macht. Steven Sowah und Joyce Sanhá geben ihren Figuren etwas Authentisches, was gerade im deutschen Film nur selten vorkommt – ihre Umwelt mag sie als Opfer sehen, doch sie selbst verweigern sich diesem Label. Bei manchen Sätzen mag man mit den Augen rollen, wohingegen man bei anderen schmunzeln muss.

<h3>Integration und Lebenslüge</h3>

Während Integration im deutschen Film immer wieder als ein verklärtes Märchen dargestellt wird, zeigt Tamims Film eine ernüchternde Perspektive. In <em>Noah</em> werden dem Zuschauer die Grenzen der Integration, der Akzeptanz und der Mitmenschlichkeit vor Augen geführt, wenn beispielsweise die „Nützlichkeit“ eines Menschen darüber entscheidet, ob dieser noch weiter „dazugehört“. Während eine Familienmutter die Grenzen dieser Menschlichkeit am eigenen Leib zu spüren bekommt, als ihr der Abschied von ihrem verstorbenen Sohn verweigert wird, befindet sich Doğa Gürers Figur in einem Dilemma, das ihm von seinen Kollegen auferlegt wird. Da sie ihn einem bestimmten sozialen Umfeld zuschreiben, gerät seine Loyalität unter Generalverdacht – auch vonseiten der Bewohner der Hochhaussiedlung.
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Gürers starkes Spiel, das den inneren Konflikt der Figur ebenso hervorhebt wie sein Selbstbild als Polizist, ist nur ein Grund, warum man bedauert, ihn nicht noch länger begleiten zu können. Seine Geschichte hat sehr viel Potenzial und könnte für sich allein stehen, um die von Tamim angestrebten Themen darzulegen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 05 Jun 2026 10:41:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Demokratie in der Defensive: Wenn die Angst vor dem Fenster die Freiheit kostet]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/demokratie-in-der-defensive-wenn-die-angst-vor-dem-fenster-die-freiheit-kostet-009702.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Feigheit vor dem Feind ist ein militärischer Straftatbestand – heute, wo Kriegstüchtigkeit und Mut gefordert wird, sind Flucht, Gehorsamsverweigerung oder das freiwillige Überlassen der eigenen Ausrüstung aus Angst vor persönlicher Gefahr fatal.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/1st_of_May_demonstration_Grunewald_2024_speaker_Arne_Semsrott_05_w.webp><p><small>Der deutsche Journalist und Aktivist Arne Semsrott spricht über den Freiheitsfonds auf der Bühne bei der traditionellen Demonstration der hedonistischen Internationale am ersten Mai 2024 in Berlin-Grunewald.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1st_of_May_demonstration_Grunewald_2024_speaker_Arne_Semsrott_05.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Leonhard Lenz</a> (PD)</small><p>Im zivilen Alltag geht das deutlich eleganter. Man überlässt dem Gegner nicht sein Gewehr, sondern die Demokratie. Schon der Omi Glimbzsch in Zittau wurde allzeit geraten, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, vor allem politischen Angelegenheiten (Hunger in Kuba, Terror im Libanon, Opposition in Israel, Allah in Teheran, Olympia in Hamburg)). Auch vorlaute Kinder bekommen schnell eins auf den Hut, wenn sie Nagelsmann spielen wollen.
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Dieser Tage wiederholt man bis zum Erbrechen, dass „sie“ unter Druck steht und geschützt werden muss – die Demokratie, noch dazu weltweit. Als ob wir zu Hause nicht genug zu tun hätten! Wenn's dann hart auf hart kommt, hat es freilich die Meinungsbildung schwerer als die Meinungsmache – O, lympia! Früher bei uns, heute anderswo gilt oft: Schnauze halten, Knast oder auch Rübe runter. Wir sind ja nicht allein, wenn autoritäre Bewegungen – die Augen geradeaus - munter und landauf, landab in die Parlamente marschieren.
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Die rechten Wellenreiter nutzen meisterlich die Empörung über den vermeintlich oder real versagenden Staat, überforderte und zerfledderte Parteien, die Abschaffung des Bargelds und die Schliessung des letzten Ladens im Viertel. Gestern wurde die einzige Buslinie eingestellt und der letzte gelbe Briefkasten abmontiert: Post mortale. In solchen Zeiten kommt die Demokratie nicht mehr mit einem blauen Auge davon.
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Arne Semsrott beschreibt in seinem neuen Buch „Gegenmacht“ treffsicher, wie Demokratien schleichend autoritär werden können – nicht nur durch die Stärke ihrer Gegner, sondern durch die Ignoranz und politische Dummheit ihrer Verteidiger: Feigheit vor dem Feind. Demokratie und Rechtsstaat leben nicht von Sonntagsreden auf Parteitagen, sondern von streitbaren Leuten, die auf der Strasse sind und sich nicht einschüchtern lassen, von AnStiftern, Initiativen und NGOs, die aktiv werden und wach bleiben.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 04 Jun 2026 10:04:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Georg Auernheimer: Der Genozid in Palästina]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/georg-auernheimer-der-genozid-in-palaestina-009701.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine neue Veröffentlichung richtet den Blick auf das Elend Palästinas. Bei westlichen, speziell deutschen Medien hält sich hier das Erschrecken in Grenzen – obwohl das Völkerrecht mit Füssen getreten wird.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/georg-auernheimer-der-genozid-in-palaestina_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Georg Auernheimer hat zum Frühjahr 2026 in der „Hintergrund-Buchreihe“ den provokativen Titel „Der Genozid in Palästina“ vorgelegt. Das letzte Datum, auf das sich die Veröffentlichung des Buchs bezieht, ist der Beginn des neuesten, völkerrechtswidrigen Angriffskriegs vom 28. Februar, den die USA und Israel gegen die islamische Republik Iran führen. Georg Auernheimer, ehemaliger Hochschullehrer mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Studien, sieht darin einen Sieg der „militärischen Logik“, der nicht nur die Region betrifft, sondern die weltpolitische Militarisierung und Brutalisierung insgesamt vorantreibt: „Absolut entgrenzte Gewalt gewinnt die Oberhand“ (S. 7).
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Dazu passt die bemerkenswerte Reaktion – oder auch Nicht-Reaktion – der deutschen Politik, die vor allem darunter leidet, dass sie in dem aktuellen Konflikt nichts zu vermelden hat (Merz: Wir wurden nicht gefragt). Was übrigens nicht heisst, dass sie eine neutrale Rolle spielt oder gespielt hat. Die BRD „hat den Weg in die Katastrophe geebnet“ (S. 10), hält Auernheimer vielmehr fest.

<h3>Entgrenzte Gewalt – und ihre Macher</h3>

Den Weg in diese Katastrophe – ausgehend vom zionistischen Staatsgründungsprojekt, seiner Vorbereitung, Durchsetzung und gegenwärtigen Expansion, die keinen Platz mehr für einen Palästinenserstaat lässt – schildern die ersten beiden Kapitel, die rund Dreiviertel der Veröffentlichung ausmachen. Die Zukunftsaussichten für die Region und die Einordnung in die imperialistische Weltordnung des „freien Westens“ samt den jüngsten Fortschritten unter Trumps Präsidentschaft tragen dann die beiden Schlusskapitel nach. Die Schilderung der militärischen Konflikte, mit denen der israelische Staat im Grunde seit 1948 pausenlos seine raumgreifende Selbstbehauptung praktiziert, dürfte dabei für das deutsche Publikum einen gewissen Neuigkeitswert haben, da hierzulande alle Sympathie dem bedrohten Judenstaat gilt und das Leid der Palästinenser nur dosiert in die Medien Eingang findet.
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Auernheimers Fazit zu der erschreckenden Bilanz, die er anhand von UN-Berichten, Stellungnahmen von NGO's (wie Ärzte ohne Grenzen oder Amnesty International), Augenzeugenmitteilungen oder kritischen Stellungnahmen von israelischer Seite (Moshe Zuckermann, Ilan Pappe, Moshe Zimmermann…), sogar der dortigen liberalen Medien, aber auch aus der westlichen Genozid- bzw. Völkerrechtsforschung zusammengestellt hat, lautet folgerichtig: „Für die Palästinenser ist das Leben zur Hölle geworden, nicht nur im Gazastreifen, sondern auch im Westjordanland. Und die Pläne der israelischen Regierung zur völligen Vertreibung sind noch nicht vom Tisch.“ (S. 75) Diese Hölle, die Millionen Menschen die Lebensgrundlagen entzieht und ihnen nur noch ein – permanent gefährdetes – Dahinvegetieren erlaubt, wird in den Grundlinien ihrer Entwicklung, gewissermassen von der ersten bis zur zweiten „Nakba“, dargestellt.
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Im Nachvollzug dieses Prozesses bilden die Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 nur eine Station unter vielen, womit schon ein Kontrapunkt zu dem gesetzt ist, was von den hiesigen Leitmedien vermittelt wird. Denn diesen zufolge sind ja die Zehntausende Tote, die unzähligen Verstümmelten und Traumatisierten, die Verwüstungen und Zerstörungen aller zivilisatorischen Bedingungen in Gaza zwar bedauerlich, aber immer auf dieses eine Datum zu beziehen, das das Selbstverteidigungsrecht des israelischen Staates beglaubigt. Und dass die Gräueltaten der israelischen „Verteidigungs“-Kräfte (IDF) nur gefiltert durch deren Propagandastäbe vorkommen lässt, wobei bestenfalls einmal der eine oder andere UN-Bericht erwähnt wird.
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Derartiges findet man etwa seit Neuestem hier und da, seit ein New-York-Times-Artikel über Recherchen zur Misshandlung palästinensischer Gefangenen berichtet hat. Dann gibt es Kurzmeldungen in deutschen Medien darüber, dass Israel laut UN „glaubhaft verdächtigt“ wird, „in bewaffneten Konflikten systematisch sexuelle Gewalt auszuüben“ (Bonner General Anzeiger, 29.5.2026). Aber auch in eine solche Meldung aus drei Sätzen muss noch das Dementi des israelischen UN-Botschafters eingebaut werden, bei dem Verdacht handle es sich um „Blutverleumdung“ (was immer das sein mag). Ähnlich geht es bei Hintergrundberichten über das Westjordanland zu, die fallweise sogar in der FAZ auf Seite 3 erscheinen und über unschöne Gewaltausbrüche in der dortigen Krisenregion berichten, die die israelische Regierung leider nicht in den Griff bekommt, so der vermittelte Eindruck, und über die der deutsche Leser (und natürlich auch die Leserin) den Kopf schütteln soll.
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Bei Auernheimer wird dagegen deutlich gemacht, dass die aktuelle Lage in einem Kontext steht, der von Anfang an auf eine Verhinderung der palästinensischen Staatsgründung zielte – was die dominanten israelischen Interessen betraf und was von westlicher Seite toleriert wurde. Und der UN-Beschluss von 1947, der zur israelischen Staatsgründung von 1948 und der besagten Nakba (der Vertreibung und Auslöschung palästinensischen Lebens) führte, setzte zudem von Anfang an auf einen „Bevölkerungsaustausch“. Den kennt man vor allem seit den Balkankriegen der 1990er Jahre als „ethnische Säuberung“, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit (bzw. gegen die Menschheit, wenn man Hannah Arendts unsinniger Präzisierung dieser Rechtskategorie folgt), also als schwerst wiegende Untat, die seinerzeit z.B. die BRD berechtigte, mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zum Schutz bedrohter Volksgruppen einzugreifen. Jedenfalls in dem Moment, als sich mit dem serbischen Milošević eine lokale politische Macht den Neuordnungsabsichten der freien Welt entgegenstellte.
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Die Idee eines binationalen Staates – die noch beim Vorlauf des Gründungsprozesses, auch auf jüdischer Seite, eine Rolle gespielt hatte – lehnten die Zionisten ab, wofür Hannah Arendt seinerzeit ein gewisses Verständnis zeigte. Angeblich deshalb, weil ein solcher Staat eine „wirtschaftliche Integration“ vorausgesetzt hätte (S. 18). Ein etwas gekünstelter Einwand hätte doch gerade ein binationaler Staat eine solche Integration herbeiführen können. Auernheimer geht im dritten Kapitel seines Buchs übrigens darauf ein, dass sogar aktuell noch auf dissidenter israelischer Seite eine solche binationale Lösung diskutiert wird, jetzt natürlich unter ganz anderen Bedingungen, unter denen sowohl die Integration als auch der wirtschaftliche Wiederaufbau geleistet werden müssten.
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Arendts Einwand belegt eher, wie diese Frau mit der politischen Konjunktur ging. Aber immerhin kann man dieser Politiktheoretikerin, die sich sonst der Feindbildpflege der „freien Welt“ grosszügig zur Verfügung stellte, eins zugutehalten: Ihr wurde bei Gelegenheit durchaus die Härte der jüdischen Nationalstaatsgründung bewusst, die eben darauf setzte und nach ihrer eigenen völkischen Logik darauf setzen musste, ‚araberfreie' Räume zu schaffen. Arendt sprach damals von einem kommenden Albtraum und erklärte: „Auf lange Sicht kann man sich kaum eine Entwicklung vorstellen, die gefährlicher und abenteuerlicher wäre…“ (zit. nach Auernheimer, S. 10). Nur muss man festhalten: Dies war keine grossartige Erkenntnis, sogar orthodoxe Juden (vgl. S.11) oder zionistische Politiker, die Auernheimer zitiert, sprachen klar aus, dass man sich, leider, leider, mit äusserster Brutalität gegen eine ortsansässige Bevölkerung wenden musste.
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Das, was heute Sachlage ist und von einem Trump oder Netanjahu in aller Offenheit bekannt gemacht wird – dass der israelische Staat „from the river to the sea“, wahlweise (wie vom US-Botschafter Huckabee geäussert) „vom Euphrat bis zum Nil“ reicht, für einen palästinensischen also kein Platz mehr bleibt –, war von Anfang an im israelischen Staatsprogramm das Leitbild und wurde in zahllosen Kriegen gegen die Palästinenser oder gegen Nachbarstaaten durchgekämpft. Und zwar in regulären oder irregulären Kriegsaktionen, in der Ermordung störender Figuren aus der palästinensischen Nationalbewegung, in eigenhändig verübten oder gesponserten Terrorakten, die angeblich nur einen Zweck verfolgten: defensiv den Bestrebungen entgegenzutreten, die den Heimstaat aller Juden vernichten wollen.
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An diesem Bild hat sich in der hiesigen Öffentlichkeit kaum etwas geändert, auch wenn heutzutage das expansive israelische Programm in der ganzen Nahostregion offenkundig ist und sein massloser Anspruch – seit Trump kein Blatt mehr vor den Mund nimmt – von Seiten des Netanjahu-Regimes offen ausgesprochen wird. Dabei wird von seinen rassistischen Kabinettsmitgliedern auch das „leider, leider“ einkassiert, zu dem sich frühere zionistische Führer noch herabliessen: Jetzt ist klar, dass man gegen „human animals“ kämpft.
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Was deutsche Diplomaten nicht daran hindert, die Perspektive einer Zwei-Staaten-Lösung pflichtgemäss aufzusagen. Aber das ist ein anderes Kapitel, die Mitwirkung und Beihilfe der BRD betreffend, das in Auernheimers Schrift seine kritische Würdigung erfährt.

<h3>Völkerrecht & Völkermord – aus deutschem Blickwinkel</h3>

Wenn man die zahllosen Nachweise zum Bruch des Völkerrechts zur Kenntnis nimmt, die sich der Staat Israel seit Jahrzehnten ungestraft leistet, muss man zur aktuellen Situation als Erstes festhalten: Für die deutsche Politik ist das kein Thema. Und die BRD-Öffentlichkeit hat davon auch früher wenig Aufhebens gemacht, wobei mittlerweile ein Zustand eingetreten ist, den Freerk Huisken im neuesten Resümee seiner Schulkritik („Schule, die 5. Gewalt“, Hamburg 2026, S. 120) so formuliert: „jede Kritik an Israels Gaza-Auslöschung ist neuerdings Antisemitismus“. Huisken, der sich vor allem mit der Situation im Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb befasst und bereits vor Jahren mit „Alles bewältigt und nichts begriffen“ eine vernichtende Bilanz der (west-)deutschen NS-Vergangenheitsbewältigung vorgelegt hat, verweist auf einschlägige „Verdikte, die inzwischen schon das eine oder andere Auftrittsverbot, die eine oder andere Abmahnung, das eine oder andere Berufsverbot nach sich gezogen haben.“
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Das Gewerkschaftsforum hat das im April 2026 unter dem Titel „Kritikverbot – in Namen des Antisemitismus“ thematisiert. Eine aktuelle Bilanz, festgemacht an einer neuen Handreichung des Verfassungsschutzes, hat Norbert Häring jetzt vorgelegt: „Wen man alles nicht mehr kritisieren darf…“. Einschlägig ist hier auch Auernheimers Schrift von 2025 „Zweierlei Antisemitismus“ (siehe dazu den Podcast mit dem Autor bei 99zu1).<br>
Diesem Kritikverbot, das die israelische Politik und die zionistische Nationalideologie regelrecht zu einem Schutzgut des deutschen Staates erklärt, tritt Auernheimer entgegen. Er verweist auf eine „Doppelstrategie“, die überhaupt in den westlichen Ländern anzutreffen sei: nämlich die Verwendung „eines medialen Filters und des Antisemitismusvorwurfs“ (S. 71).
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Zum ersten Punkt ist das Buch Fabian Goldmanns über den „Staatsräsonfunk“ aufschlussreich, dass Renate Dillmann auf den NachDenkSeiten vorgestellt hat. Dillmanns Resümee zur deutschen Situation ist eindeutig: „Sämtliche journalistischen Prinzipien wie ‚erst die Information, dann die Meinung', ‚Verpflichtung zur Überprüfung von Quellen' und – für die Öffentlich-Rechtlichen – die ‚Grundsätze der Objektivität, Unparteilichkeit und Ausgewogenheit' wurden so massiv verletzt, dass von Zufall keine Rede sein kann“. Zu dem zweiten Punkt hat Auernheimer, wie gesagt, bereits seine eigene Studie vorgelegt. Sie verweist darauf, dass mit dem neuen Begriff des „israelbezogenen Antisemitismus“ richtiggehend die Grundlagen antirassistischer Aufklärung und Bildung zerstört werden; fundamentale Erkenntnisse würden – quasi durch einen obrigkeitsstaatlichen Beschluss – ausser Kraft gesetzt; der kritischen Analyse die Beachtung politischer Freund- und Feindbilder vorgeschrieben.
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In seiner Analyse von 2025 hatte Auernheimer festgehalten: „Wir müssen zwischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheiden. Unter Antisemitismus ist die Diskriminierung der Juden als Juden zu verstehen, oft gefolgt von ihrer Entrechtung und Ausgrenzung. Der Antizionismus wendet sich gegen israelische Macht- und Gebietsansprüche auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung.“ (S. 134) Wichtig sei auch, dass man den Antisemitismus nicht bekämpfen könne, „ohne faschistoides oder faschistisches Gedankengut zu bekämpfen“ (S. 126). In seiner neuen Studie geht Auernheimer noch einmal auf die Rede vom „importierten“ oder „islamischen Antisemitismus“ ein und präzisiert seine Bedenken.
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Er bestreitet nicht, dass es „fanatisierte Araber oder Muslime“ gibt, die den Übergang zum offenen Antisemitismus machen und sich „zu mörderischen Anschlägen“ berechtigt fühlen (S. 87f). Er erinnert aber daran, dass dies genau ein Derivat der im Westen verbindlich gemachten (und von der jüdischen Diaspora weit gehend geteilten) Identifizierung des Staates Israel mit „den Juden“ ist. In der BRD wird eine solche Identität ja regelrecht mit repressiven Massnahmen und dem Einsatz des Verfassungsschutzes gegen dissidente Juden durchgesetzt, die sich vom politischen Kurs „ihres“ Staates distanzieren. So erlebt man gegenwärtig die Absurdität, dass in Deutschland zionismuskritische Juden und Jüdinnen (die sich z.B. in einer „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ zusammengeschlossen haben) als Importeure und Antreiber des Antisemitismus gebrandmarkt werden.
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Auernheimer thematisiert die spezielle deutsche Befindlichkeit, die sich mit einem neuen Philosemitismus schmückt und in der jetzt selbstverständlich gewordenen Treue zu Israel eine „erlösende Vorstellung“ (S. 76) gefunden hat, die sie nicht aus der Hand geben will. Er dokumentiert auch die Treuebekenntnisse der Bundeskanzler Scholz oder Merz, die richtiggehend mit Fake News über die völkerrechtliche Korrektheit des zionistischen Staates daherkommen oder, im direkten Widerspruch dazu, die „Drecksarbeit“ der IDF hochleben lassen.
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Auernheimer gibt die entscheidenden Hinweise, dass dies auf dem deutschen Patriotismus gründet, der schon immer parteiisch mit Völkerrechtsbrüchen umgegangen ist, wenn sie der eigenen, westlichen, regelbasierten Weltordnung dienen. Dies kennt die Welt ja seit dem Vietnamkrieg oder der „Befriedung“ des US-Hinterhofs in Mittel- oder Südamerika. Und wie gesagt, seit der neuen Präsidentschaft Trumps, ist das auch offen ausgesprochenes Prinzip der US-Vorherrschaft über den Globus, und Netanjahu schliesst sich dem gerne an. „Beide Mächte können die Regeln ungestraft brechen.“ (S. 100)
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Und beide, kann man ergänzen, haben keine Hemmungen bis zum Äussersten zu gehen und sich auch dazu zu bekennen. Im eingangs erwähnten Irankrieg, dessen Eskalation nach Abfassung des Buches stattfand, hat Trump ja damit geprahlt, dass er notfalls eine ganze Zivilisation auslöschen werde. Solche Ansagen und die entsprechenden Taten werden von den Leitmedien ja auch nicht einfach verschwiegen. Was die Leser oder Zuschauer aber geliefert bekommen, sind einzelne Gräuel, Bildsplitter, unfassbare Gewaltausbrüche, diverse Einblicke in Elendslagen (inklusive Spendenaufrufe der Welthungerhilfe)...
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Auernheimer will hier mit seinem Bändchen als Korrektiv wirken und die Systematik der Zerstörung darstellen: Sie betrifft in Gaza ja nicht nur Wohnungen und Wohnumfeld, sondern Verwaltung und Infrastruktur (Wasser und Energie), Gesundheits- und Bildungssystem, Kultur(einrichtungen), die Reste von Natur und intakter Umwelt. Damit begründet Auernheimer seinen Vorwurf Völkermord.
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Gegen Illusionen, die hier im Vertrauen auf eine stärkere europäische oder deutsche Einflussnahme entstehen könnten, bringt die Analyse die entscheidenden imperialen Triebkräfte zur Sprache (auch wenn dies in den beiden Schlusskapiteln nur in Kurzform geschieht). Lösungsmöglichkeiten des Jahrhundertkonflikts, etwa Hoffnungen auf einen binationalen Staat, werden daher eher skeptisch beurteilt (jedoch mit einer gewissen Aufmerksamkeit registriert). Worauf Auernheimer aber setzt, ist eine Reform, eine Stärkung oder eine grundlegende Erneuerung der UNO – deren Chancen er natürlich als eher gering einschätzt.
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So weit ist der Analyse Realismus zu bescheinigen. Was weiterer Diskussion bedürfte, ist aber die im Grunde aufrechterhaltene Wertschätzung eines Völkerrechts, das von einer Institution verwaltet wird, die schon in ihrem Namen eine Lüge präsentiert: Aus vereinten Nationen bestehen die „Vereinten Nationen“ nicht, sondern aus versammelten Machthabern, die auch nicht mit ihrem Recht, das sie verlogen als das ihrer Völker bezeichnen, einen Zustand der Gewaltlosigkeit herbeiführen wollen, sondern sich mit Ihresgleichen darüber verständigen, wann sie Krieg untereinander führen wollen und wann sie es lieber bleiben lassen. Und alle ihre Rechtskategorien (wie Völkermord oder Genozid oder Verbrechen gegen Mensch und Tier – neuerdings wird ja über einen „Ökozid“ diskutiert) ordnen sich in diesen beschönigenden legitimatorischen Kontext ein.
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Bei Auernheimer wird zudem explizit ausgesprochen, dass der UN-Teilungsbeschluss für Palästina bereits die weitere Fehlentwicklung enthielt – dass also die hochgeschätzte „UNO schon zu Beginn ihres Wirkens eines ihrer Grundprinzipien, das nationale Selbstbestimmungsrecht (verletzte)“ (S. 20). Also von Anfang an erweist sich diese grossartige Völkergemeinschaft als Instrument, das imperialistischen Kalkulationen zur Verfügung steht. Auf dieses windige Unternehmen sollte man daher keine Hoffnung setzen...<p><em></em><p><small>Georg Auernheimer: Der Genozid in Palästina. Verlag Hintergrund 2026. 112 Seiten. ca. 18.00 SFr. ISBN: 978-3-910568-33-4.</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 16:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Der ORF zwischen Woke-Pose und innerem Verfall]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/medien/der-orf-zwischen-woke-pose-und-innerem-verfall-009698.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wund ist der ORF schon lang. Doch jetzt droht schön langsam der Totalschaden. Und das nicht nur, weil er ein Feindbild der FPÖ und deren permanenten Angriffen ausgesetzt ist. Er zerlegt sich vielmehr selbst.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Johannes_JJ_Pietsch_-_Federal_Chancellery_w.webp><p><small>Der österreichische Journalist und Medienmanager Roland Weißmann, 19. Mai 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johannes_JJ_Pietsch_-_Federal_Chancellery_-_2025-05-19_-_SRO4825-ARW.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Österreichisches Außenministerium</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Der Rücktritt des ORF-Generalintendanten Roland Weissmann hat eine veritable Krise ausgelöst. Dass dieser ausgerechnet über eine private Affäre im Dienst gestolpert ist, ist bezeichnend. Der ORF dürfte Opfer seiner internen Erregungen werden.
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„In meiner Welt haben wir Sex, wenn ich Sex will“, schrieb Weissmann an eine ORF-Angestellte, der er jahrelang nachstieg. Gelegentlich verschickte er Dick Pics zur Illustration seiner Ambition. Mann will zeigen, wer Mann ist, was Mann hat, was Mann kann. Jeder Boss ein Klein-Trump. Der darf das doch auch. Die veröffentlichen Materialien lassen tief, aber nur tief blicken. Herr in mittleren Jahren giert nach weiblichem Frischfleisch. Roland Weissmann, der von der ÖVP protektionierte Kandidat hatte hier eine offene Flanke, die ihm zum Verhängnis geworden ist. Schon bezeichnend, welch Personal in höchste Ämter gehievt wird. Inzwischen hat freilich auch die Volkspartei Weissmann fallen gelassen. Mit so einem will man nichts zu tun gehabt haben.
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Weissmann verkörperte den Typus des stromlinienförmigen Günstlings, wobei Gerissenheit in ganz engen Grenzen der Selbstüberschätzung operierte. Das Einzige, was interessant war an dem Mann, war sein Einkommen. Was soll er jetzt noch vorbringen ausser „Die Anderen auch“. Das mag sogar stimmen und er wird das auch tun, macht aber sein Verhalten um keine Spur besser. Wahrscheinlich haben auch Weissmanns Kontrahenten, allen voran das finanzträchtigste Kaliber des ORF, Pius Strobl, an dessen Abgang mitgewirkt. Der Höhepunkt öffentlicher Schmutzwäsche ist sicher noch nicht erreicht. Bezeichnend für den ORF ist, dass er nach aussen als woke Züchtigungsagentur auftritt, nach innen aber nicht einmal die Mindestansprüche von Anstand und Respekt durchsetzen kann. Auch ältere Fälle dürften jetzt wieder zur Sprache kommen. Die akute Krise scheint chronisch zu werden.
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Ob etwas ein Skandal wird oder nicht, entscheidet sich am medialen Nutzen. Aufdecken ist inzwischen zum medialen Porno geworden. Auch die Ausbildung der Youngsters ist ganz darauf programmiert. Stierln statt denken ist angesagt. Ein Grundproblem bürgerlicher Medien ist, dass die Welt an Skandalen abgehandelt wird und nicht die Welt als Skandal. Skandal, Affäre, Korruption inszenieren Systemmedien vielmehr als Abweichungen, die inkriminierten Handlungen werden als wider die Logik bürgerlicher Werte behauptet. Sodann geht es auf die Bühne. Kontingente der Aufmerksamkeit werden zweifellos durch den Skandal eingefangen, beschlagnahmt und aufgeladen. Mittlerweile leben wir in Zeiten der Überproduktion. Das Publikum stumpft ab.
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Irgendein Skandal liegt immer in der Luft. Notfalls hilft man auch nach. Dass die Skandalisierungsmaschinen der Betroffenheitsproduktion heute primär auf die Geschlechterschiene setzen, ist naheliegend, weil dieses Thema aktuell dominiert. Egal, was da an den jeweiligen Vorwürfen stimmt oder auch nicht, hier kann immer wieder eine Affäre hochgekocht werden. Damit ist dezidiert nicht gesagt, dass da wenig dran ist, wohl aber, dass Aufregung hier am leichtesten zu entfachen und die Empörung am ehesten zu gewährleisten ist. Doch auch Übergriffe sind vielschichtig, kennen unterschiedliche Facetten, Konstellationen, Perspektiven. Es ist alles nicht so einfach, wie entschiedene Standpunkte behaupten. Gelegentlich sitzt man Fehleinschätzungen auf. Schnell ist alles zerredet und nichts begriffen. Der Ruf nach Überwachen und Strafen wird generell lauter, nicht bloss in traditionell autoritären Kreisen, sondern insbesondere auch in der sogenannten liberalen Mitte.
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Apropos „lauter“. Weissmanns Gegenspieler sind zwar lauter, aber kaum lauterer. Doch hier ist nicht der Ort in der Gosse der Oberschicht zu schöpfen. Wer das will, ist mit Boulevard- und Qualitätsmedien gut bedient. Der Marktwert von Journalisten misst sich jedenfalls zusehends an Abschüssen. Investigatives Torkeln ist Folge dieses kulturindustriellen Vollrausches. Das steht auch in ihren Fachmagazinen (z.B. dem Selbstbeweihräucherungsorgan Österreichische Journalist:in), wenn man sie richtig zu lesen versteht. Nun schiessen sie sich bereits selbst ab. Aufdeckung wird zur Nullnummer. Sie regt auf, aber sie bewegt nichts. Sie lässt es nur ordentlich aufstauben, bevor der Dreck wieder zu Boden sinkt. Man huldigt einem billigen Moralismus, der zwar intellektuell dürftig ist, dafür aber emotional scharf. „Unproduktive Empörung“ (Karl Kraus) ist in die entsprechende Richtung zu kanalisieren. Der intime Boxkampf zwischen Sittlichkeit und Kriminalität geht in die vierzehnte Runde.

<h3>Flaggschiff als Frontmagazin</h3>

Als mediales Flaggschiff einer staatlich alimentierten gesellschaftlichen Mitte hat der ORF keine Zukunft. Dem öffentlichen Medium dürfte es an den Kragen gehen. Sowohl in der Corona-Frage als auch in den Kriegen in der Ukraine, in Gaza und im Iran entpuppte sich der ORF als aufgekratztes Frontmagazin, als andächtige wie denkfaule Werkbank der Brüsseler EU-Administration. Seine Standardisierung reicht bis in das uniformierte Wording des letzten Nebensatzes. Faktenchecks suggerieren alternativlose Ansichten und wirken wie Befehlsausgaben. Aber wenn eins sagt, dass Experten sagen oder gar, dass die Wissenschaft sagt, fühlt man sich auf der sicheren Seite. Widerspruch ist Schwurbelei. In Wahrheit fungieren diese Sagen wie aggressiv vorgetragene Impfprogramme. Der ORF betreibt Fan-Formate für Markt, Militär und Moral. Das aber nachhaltig, die Infrastruktur gut dotierter Apparaturen ist ja vorhanden.
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Selbst Anstalten wie der teilweise sicher als obskur einzuschätzende Red-Bull-Sender Servus TV offenbaren in ihren Programmen mehr Breite und Pluralismus als der ORF. Auch im Handwerk stehen sie ihm nicht nach. Der ORF gehört zu einem Block einer selbstgefälligen liberalen Mitte (Standard, Falter, Profil), die ihr Segment bedient und jede Abweichung sanktioniert. Kommentatoren und Moderatoren gerieren sich als Inquisitoren der Macht. Talks dienen allzu oft zur Vorführung unliebsamer Positionen und Personen. Wenn dieses Konkurrenzgekeife der Standard demokratischer Debatten ist, schaut es schon zappenduster aus für die Demokratie. Dass Protagonisten dabei selbst nicht autoritär agieren, ist eine ganz schräge Erzählung, an die sie in ihrer Betriebsblindheit aber fest glauben. Ein Narrativ von und für Narren. Und es geht auch nicht mehr rein. Immer weniger wollen für solche gehalten werden und sich das bieten oder gefallen lassen. Immer mehr klinken sich aus dem Spektakel aus. Viele drehen ab und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wirklich abgedreht wird. Die Blase leidet an chronischer Blasenentzündung.
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Geradezu putzig sind die Reaktionen der sogenannten ORF-Promis, die ernsthaft behaupten: „Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben uns fassungslos gemacht.“ Plumpsklo. Ist das ein Satz der KI oder ist er den Phrasenmatrizen einer Schulungsbroschüre entnommen? Wir bitten um Aufdeckung. Wer fassungslos ist, gibt zu verstehen, dass er oder sie nichts verstanden hat und nichts verstehen will. Wenn die gar suggerieren, von der Swingerparty am Küniglberg nichts mitbekommen zu haben, dann sagen sie entweder die Unwahrheit oder sie sind strohdumm. „So sind wir nicht“, würde der Mann in der Hofburg das in einem gefälligen Assistenzeinsatz auf den Punkt bringen.
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Die Sprache der Kulturindustrie ist die Sprache der Reklame. Medien sind Automaten affirmativen Unsinns. Es ist schlimm, dies verallgemeinern zu müssen, aber die Tendenz geht eindeutig in diese Richtung. Einschaltziffern, Abozahlen, Inseratengeschäfte, Likes, zeigen wie der Messbarkeitswahn um sich greift, dass der kapitale Markt die Medien absorbiert hat, dass es nicht einmal mehr eine relative Autonomie gibt, von der beschworenen Unabhängigkeit (ein weiterer Fehl- wie Fetischbegriff) ganz zu schweigen. Wovon unabhängig? Wo „unabhängig“ draufsteht, ist lediglich viel Geld drinnen. Ist es draussen, ist es aus. Anders als eine flächendeckende Werbekampagne für sich selbst gerade reklamiert: Es gibt keine unabhängigen Medien. Die Streifzüge vielleicht ausgenommen. Aber wer und was sind schon die Streifzüge?

<h3>Intrigantenstadel</h3>

Die mediale Welt, wie wir sie kennen, ist ein irrer Intrigantenstadel der übelsten Sorte, ein Ort, wo Politik und Sex, Macht und Geilheit, Hintertücke und Verlogenheit, Geschäft und Geldgier sich ein ungustiöses Stelldichein geben. Da muss man sich gar nicht erst einkoksen, obwohl das durchaus vorteilhaft sein mag. Die Frage ist inzwischen nicht mehr, wie der ORF zu retten ist, sondern ob er gerettet werden soll. Die Akteure selbst arbeiten an seiner Erledigung. Man sollte sie machen lassen. Begriffslosigkeit und Begriffsstutzigkeit vereinigen sich in einer Anästhesie fortwährender Betriebsamkeit. Geboten wird nicht Information, sondern Formatierung.
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So hat man zwar gegen Korruption zu sein, darf aber nicht wissen, was Korruption eigentlich ist, vor allem welchen Wert sie hat im System der Werte. Während gegen Missstände kampagnisiert wird, werden Zustände stets affirmiert. Da wird dann angeprangert und aufgeräumt, eingesperrt und gerechtsstaatet. Missstände sind letztlich dazu da, Zustände zu konsolidieren. Es handelt sich um eine Kollusion, was meint ein unbewusstes Zusammenspiel, eine Komplizenschaft, die nichts voneinander wissen will und auch nichts miteinander vereinbart hat. Um eine nichtverschworene Verschwörung. So die abgefeimte Dialektik, die nicht so schwer zu entdecken wäre, würde man der Reflexion der Zusammenhänge und nicht den Reflexen der Projektion frönen. In bestimmten Fällen wirkt Aufdeckung wie inverse Werbung, das heisst, man erzielt das Gegenteil dessen, was man bezweckt. Die Kampagnen gegen die FPÖ verdeutlichen das. Das geht nun schon vier Jahrzehnte so, hat sich in den letzten Jahren aber noch einmal intensiviert. Die Entzauberungsstrategie ist gescheitert. Man legt nur nach und die FPÖ legt zu. Aber auch andere regressive Losungen werden kollusiv gefördert, etwa punkto Sozialabbau. Nicht, dass man das unbedingt will. Man tut. Und es zeitigt.
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Der Lasten und Altlasten sind viele, sodass man durchaus von einem System sprechen kann, nicht bloss von Verfehlungen einzelner Personen. Aber wäre es da nicht gerade deswegen einmal angesagt, nach der gesellschaftlichen Infrastruktur der Devianz zu fragen, kurzum nach ihrer immanenten Logik. Fehlanzeige. Weder über objektive Voraussetzungen noch über subjektive Defizite wird nachgedacht. Agierte der traditionelle Journalismus mehr im Zeichen des Zudeckens, so der moderne mehr im Zeichen des Aufdeckens. Gemeinhein hält man das für eine entscheidende Differenz, in Wahrheit sind es lediglich zwei Spielarten, die dem gleichen Zweck dienen, nämlich die Verhältnisse zu decken. Zu- oder auf-, ist wirklich sekundär. Was stets zu decken und zu deckeln ist, ist das kommerzielle System, in dem Journalisten, diese Crew halbgebildeter Kosmopoliten, agieren und für das sie, ob sie wollen oder nicht, agitieren. Dafür werden sie in Serie produziert. Kurzum: Nicht etwa der ORF dominiert den Markt, der Markt dominiert den ORF.
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Das Wechselspiel zwischen Kriminalisierung und Vertuschung erscheint als unhintergehbarer und eherner Modus der seriellen Medienwalze. Konflikte werden bloss hysterischer und schriller. Ergiebiger werden sie nicht. Problematisch ist, dass Fälle sachlich fokussiert, also dezidiert aus ihren inhaltlichen Kontexten gerissen werden. In Ereignis oder Event findet Erkenntnis den frühen Tod. Bei der Beurteilung solcher Fälle herrscht heute eine Metaphysik der Fakten und eine strikte Dichotomie von Täter und Opfer. Entweder man ist das eine oder man ist das andere. Wer das nur irgendwie in Frage stellt, betreibt selbstverständlich eine Täter-Opfer-Umkehr. Selbst ein notorischer Opferer wie Pius Strobl, Weissmanns interner Gegenspieler, ist dann in der aktuellen ORF-Affäre ein „Opfer“, das dieses Sprücherl zu klopfen versteht. Steht ja auch so im Abc der Journaille, Zweiter Abschnitt, Kapitel 4: Eliminierung elementarer Debatten. Aber auch an Pius interessiert nur die Gage.
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Parallel formieren sich dann juristische Heerscharen, tribunalisieren und advokatisieren sich und uns in jahrelangen Prozessen und Ausschüssen, füllen Ordner mit Aussagen, Gutachten, Expertisen, produzieren Files mit grotesken Irrwitzigkeiten, die allesamt Zeit und Materie, Energie und Menschen verbrauchen, ja regelrecht vergeuden. Da erschrecken nicht einmal die Kosten. Sobald Gerichte strafen, werden sie auch selbst bestraft. Verfahren sind oftmals aufreibender und beängstigender als jede Sanktion. Das Ganze nennt sich Rechtsstaat, und Paragrafen tanzen ihren oft rätselhaften Reigen. Die rechtliche Ebene ist freilich überfordert und überlastet. Sie kann es nicht richten, auch wenn sie regelmässig ein paar Exemplare wird hinrichten müssen. Vorerst virtuell. Aufklärung und Transparenz verkommen zu einer öffentlichen Peepshow süchtigen Aufdeckens. Nicht wenige werden in Zucht- und Ordnungskammern gezerrt und dort ausgezogen. Der höchstpersönliche Lebensbereich ist nur noch geschützt, wenn man ihn höchstpersönlich schützen (lassen) kann. Das Private ist schon längst eine Ruine.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 10:46:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Amoeba]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/amoeba-007584.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Siyou Tans „Amoeba“ ist ein Jugenddrama über Identität, Konformismus und Rebellion.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Singapore_night_skyline_w.webp><p><small>Skyline von Singapur.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Singapore_night_skyline.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Flixtey</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Besonders in der zweiten Hälfte gelingt der Regisseurin es, ihrer Geschichte eine neue, erweiterte Dimension zu verleihen, wenn sie auf das Singapur von heute blickt, auf die marode Struktur seiner historischen Narrative sowie die Unterdrückung alles Andersartigen.
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Die 16-jährige Choo (Ranice Tay) ist die neue Schülerin an einer Mädchenschule. An der Schule herrscht strenge Disziplin, wobei jede Regelüberschreitung von der Direktorin sowie den anderen Lehrer geahndet wird. Dennoch findet die rebellische Choo Mittel und Wege, gegen dieses Regime aufzubegehren, was ihr viel Zuspruch in ihrer neuen Klasse einbringt. Sie findet in Vanessa (Nicole Lee Wen), Sofia (Lim Shi-An) und Gina (Genevieve Tan) neue Freundinnen, mit denen sie in den Pausen und nach der Schule sehr viel Zeit verbringt. Als eine von ihnen die Videokamera ihres Bruders zu einem Treffen mitbringt, albern die vier Mädchen zunächst nur herum, doch schon bald kommen sie auf eine andere Idee. Inspiriert von den Geschichten von Phoon (Jack Kao), dem Fahrer von Sofias Familie, sowie einem YouTube-Video wollen sie nun eine Gang gründen. Phoon gibt ihnen Anweisungen, wie sie sich zu benehmen haben und sogar, wie sie gehen sollen. Ihre Rebellion tragen die vier Jugendlichen dann auch in die Schule – sehr zum Leidwesen ihrer Eltern und der Schulleitung. Eines Tages jedoch begeht Choo einen folgenschweren Fehler, der die Zukunft und die Freundschaft der vier Schülerinnen aufs Spiel setzt.

<h3>Wie im Aquarium</h3>

Als Heranwachsende ist es immer schwierig, gegen den Strom zu schwimmen, denn die Erwartungen der Eltern, der Gesellschaft und der Freunde üben oft einen enormen Druck aus. Dennoch versuchte Regisseurin Siyou Tan den Ausbruch, was sie ihren Mitmenschen gegenüber entfremdete, und in die Isolation trieb. Sie beschreibt diesen Zustand wie den einer „Amöbe“, die zwar Teil des Ganzen ist, aber darin verloren wirkt und nicht hervorsticht. Dennoch ist ihr Debütfilm <em>Amoeba</em> keineswegs autobiografisch, denn viele Elemente – wie beispielsweise der Bezug zu Geistern oder die Beziehung der vier Schülerinnen – hätten nichts mit ihrem Leben zu tun. Den Konflikt zwischen der Integration in ein Kollektiv und der jugendlichen Rebellion kennt Tan jedoch sehr gut, weshalb sie ihn ins Zentrum ihrer Geschichte gesetzt hat. Zugleich ist <em>Amoeba</em> aber nicht ein reines Jugenddrama oder eine Coming-of-Age-Story, denn Tan geht es auch um die Identität einer Nation und wie diese jegliche Abweichung von der Norm ahndet, straft und korrigiert.
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Die jugendliche Rebellion wird in einem Umfeld wie der Schule oder der Stadt schnell unterdrückt. Wie die Inspektion eines neuen Rekruten einer Armee muten die ersten Minuten Choos in ihrer neuen Schule an, bei der nicht nur die Länge ihres Rocks, sondern auch die Haarlänge gemessen wird – eine Berührung der Haare mit dem Kragen ihrer Schuluniform wird nicht geduldet. Generell herrscht ein rauer Ton an der Schule, denn die junge Frau sogleich zu spüren bekommt, als zu spät zum Unterricht erscheint, da sie den Raum nicht gefunden hat. Als sie sich dann für die Position des „class monitor“ (Assistent des Lehrers) meldet, bekommt sie zwar die Mehrheit der Stimmen, hat sich aber zu deutlich als Rebellin geoutet, sodass die Lehrkraft die Wahl verfälscht.
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Tan zeigt eine Welt, in der die Erwachsenen mit dem Strom schwimmen und die Jugend dazu antreiben, es ihnen gleichzutun, wobei ihr Alltag durch eine Abfolge von Drills und Konditionierungen geprägt ist. Choo und ihre Freundinnen sind kleine Fische in einem grossen Teich (<em>small fish in a big pond</em>) – sie werden zwar geduldet, doch ihrer Rebellion wird keinerlei Bedeutung beigemessen. In ihrer Freizeit schaffen sie sich so etwas wie eine Parallelwelt, mit der sie ihre Ablehnung gegenüber einem System ausdrücken, was sie keineswegs verfolgt, sondern schlichtweg ignoriert. Immer wieder kehrt Tan zu diesem Grundmotiv zurück – erzählerisch wie visuell – und schafft es dabei sogar den Blick zur Gesellschaft ausserhalb der Schule miteinzubeziehen.

<h3>Marode Strukturen</h3>

In <em>Amoeba</em> zeigt Siyou Tan nationale Identität als eine Sammlung von Narrativen, deren Wirkung allein auf Wiederholung beruht – wobei ihre Struktur sehr marode ist. Diese Idee wird an vielen Stellen deutlich, beispielsweise in der Diskussion der vier Freundinnen über den Merlion (Meerlöwe) als Wahrzeichen Singapurs oder wenn sie die Büste eines bekannten Politikers reinigen müssen als Teil einer Strafaufgabe. Aus Wut über die Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit schlägt eine der Figuren der Büste die Nase ab, sodass sie und ihre Freundinnen schnell die Flucht ergreifen. Das nunmehr lächerliche Bild eines Mannes ohne Nase wird zum Verweis auf dessen eigene moralische Verkommenheit sowie die allgemeine marode Substanz des nationalen Narrativs.
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Insbesondere Neus Ollés Kameraarbeit und Sam Manacsas Setdesign betonen die Bestrebungen einer Gesellschaft, die gerade wirtschaftlich immer weiter in den Himmel wächst, doch auf den falschen Idealen fusst. Die Idole der Vergangenheit – wie die Götterbilder, die Choo auf der Baustelle findet – sind nichts als Relikte, die nur noch der Dekoration dienen oder wie eine peinliche Erinnerung verpackt und damit vergessen werden soll. Die Gegenwart wird dominiert von einer strengen Normierung, welche die Freundinnen vor eine Entscheidung stellt – wollen sie weiterhin Rebellen bleiben oder sich anpassen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 08:47:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Lohnkampf oder Aufhebung der Lohnarbeit?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/lohnkampf-oder-aufhebung-der-lohnarbeit-009692.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der Lohnkampf gehört zu den selbstverständlichsten und verbreitetsten Formen des Klassenkampfs im Kapitalismus. Arbeiter kämpfen für bessere Bezahlung, kürzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen oder soziale Absicherung.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Lohn_oder_Arbeitszeit_w.webp><p><small>Klassenkampf und gesellschaftliche Selbstverwaltung.</small><p>Diese Kämpfe sind real, notwendig und häufig harte Auseinandersetzungen. Gleichzeitig bleiben sie jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Form des Kapitalismus. Sie verändern die Bedingungen der Ausbeutung, nicht aber ihre Grundlage.
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Demgegenüber steht eine andere Forderung, die historisch weit weniger verbreitet ist und im politischen Bewusstsein der Arbeiterbewegung heute kaum noch eine Rolle spielt: die Durchsetzung der gesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung. Während die Lohnforderung innerhalb des Systems verbleibt, richtet sich die Arbeitszeitrechnung gegen die Grundlagen des Systems selbst. Sie zielt nicht auf eine bessere Stellung der Arbeiter innerhalb der Lohnarbeit, sondern auf die Aufhebung des Lohnarbeitsverhältnisses.
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Der Unterschied zwischen beiden Forderungen ist deshalb nicht bloss graduell, sondern grundsätzlich. Die Forderung nach höheren Löhnen setzt voraus, dass Arbeitskraft weiterhin Ware bleibt. Die Forderung nach gesellschaftlicher Arbeitszeitrechnung hebt diese Voraussetzung auf. Mit ihr verschwindet nicht nur der Lohn als Preis der Ware Arbeitskraft, sondern zugleich die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln.
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Gerade deshalb stellt sich eine entscheidende politische Frage: Warum ist der Lohnkampf tief im Bewusstsein der Arbeiterklasse verankert, während die Arbeitszeitrechnung trotz ihrer Einfachheit und Radikalität kaum bekannt ist?

<h3>I. Die Lohnforderung als systemimmanente Forderung</h3>

Die Forderung nach höheren Löhnen oder nach Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich entsteht unmittelbar aus den Lebensbedingungen der Arbeiter im Kapitalismus. Wer seine Arbeitskraft verkaufen muss, ist gezwungen, um die Bedingungen dieses Verkaufs zu kämpfen. Der Klassenkampf erscheint daher zunächst notwendig als Kampf um die Bedingungen des Verkaufs der Arbeitskraft.
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Dabei liegt der grundlegende Widerspruch bereits in der Form des Lohnverhältnisses selbst. Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft als Ware. Er tut dies nicht deshalb, weil er frei zwischen verschiedenen gleichwertigen Möglichkeiten wählen könnte, sondern weil ihm der unmittelbare Zugang zu den Produktionsmitteln fehlt. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, ist er gezwungen, seine Fähigkeit zu arbeiten an diejenigen zu verkaufen, die über Produktionsmittel verfügen. Der Kapitalist kauft diese Ware, weil ihr Gebrauchswert darin besteht, mehr Wert zu erzeugen, als sie selbst kostet. In diesem Verhältnis besteht die kapitalistische Ausbeutung: Die Arbeiter erzeugen mehr gesellschaftlichen Reichtum, als sie in Form des Lohns zurückerhalten.
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Der Lohnkampf greift diese Struktur nicht an. Er setzt sie voraus. Er fordert einen grösseren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum innerhalb derselben gesellschaftlichen Form, in der Arbeitskraft weiterhin Ware bleibt und Produktion weiterhin der Kapitalverwertung dient.
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Natürlich bedeutet dies nicht, dass Lohnkämpfe sinnlos wären. Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten oder bessere Arbeitsbedingungen können reale Verbesserungen der Lebenslage bewirken. Sie können Selbstvertrauen, Solidarität und Kampferfahrung hervorbringen. Historisch wurden viele soziale Rechte nur durch solche Kämpfe erzwungen – etwa der Achtstundentag, bezahlter Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz oder tarifliche Arbeitszeitverkürzungen.
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Doch gerade die Notwendigkeit solcher Kämpfe zeigt zugleich ihre Grenze. Die Arbeiter treten hier nicht als bewusste Organisatoren der gesellschaftlichen Produktion auf, sondern als Verkäufer ihrer Arbeitskraft innerhalb einer Produktionsweise, die ihnen als fremde Macht gegenübersteht. Der Sachzwang der Konkurrenz setzt dieser Form des Kampfes enge Grenzen. Solange der Lebensunterhalt vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft abhängt, erscheint selbst ein schlechter Lohn oft besser als Arbeitslosigkeit. Gerade dadurch reproduziert sich die Abhängigkeit vom Kapitalverhältnis ständig neu: Die Arbeiter sind gezwungen, gegen die Folgen eines Systems zu kämpfen, dessen Grundlage sie zugleich durch ihre eigene Existenz innerhalb der Lohnarbeit immer wieder bestätigen müssen.
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Der Kapitalismus selbst produziert daher ständig den Zwang zum Lohnkampf. Die Arbeiter erhalten ihren Lebensunterhalt in Form des Lohns. Ihre unmittelbaren Probleme erscheinen daher notwendig als Probleme der Lohnhöhe, der Arbeitszeit oder der Beschäftigungssicherheit. Solange Arbeiter vom Verkauf ihrer Arbeitskraft abhängig bleiben, erscheint der Kampf um den Preis dieser Ware als natürlicher und unmittelbarer Ausdruck ihrer Interessen.
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Die Verankerung des Lohnkampfs im Klassenbewusstsein hat darüber hinaus weitere gesellschaftliche Ursachen.
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Erstens erscheint die kapitalistische Produktionsweise den Arbeitern nicht als gesellschaftliches Verhältnis, sondern als naturwüchsige Realität. Der einzelne Arbeiter erlebt sich nicht als Teil einer bewusst organisierten gesellschaftlichen Gesamtarbeit, sondern als Individuum, das seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Der Verkauf der Arbeitskraft erscheint deshalb nicht als historisch bestimmte gesellschaftliche Form, sondern als normale Bedingung des Lebens.
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Zweitens wird diese Perspektive institutionell verstärkt. Gewerkschaften, Tarifverhandlungen, Arbeitsrecht und parlamentarische Parteien bewegen sich innerhalb der bestehenden Produktionsverhältnisse. Sie organisieren die Interessenvertretung der Arbeiter als Verkäufer ihrer Arbeitskraft, nicht als potenzielle Träger einer anderen Produktionsweise.
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Damit entsteht eine paradoxe Situation. Millionen Menschen arbeiten arbeitsteilig und voneinander abhängig an derselben gesellschaftlichen Gesamtproduktion. Produktion ist im Kapitalismus tatsächlich längst gesellschaftlich organisiert. Aneignung und Verfügung über diesen gesellschaftlich produzierten Reichtum bleiben jedoch privat beziehungsweise von den Produzenten getrennt. Die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder bestimmt daher nicht den Zweck der Produktion, sondern wird lediglich als Kostenfaktor in den Gewinnberechnungen einer Minderheit von Eigentümern der Produktionsmittel betrachtet.
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Gerade darin liegt der grundlegende Widerspruch des Kapitalismus: gesellschaftliche Produktion und private Aneignung. Die Produzenten stellen den gesellschaftlichen Reichtum gemeinsam her, verfügen aber nicht gemeinsam über ihn. Ihnen erscheint ihre gesellschaftliche Tätigkeit daher nicht als gemeinsame Produktion, sondern als Summe voneinander getrennter Arbeitsverhältnisse. Sie begegnen ihrer eigenen gesellschaftlichen Arbeit in der Form von Waren, Geld, Kapital und fremder Verfügungsmacht.
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Gerade diese Trennung bildet den Kern des Kapitalverhältnisses und des mit ihm verbundenen falschen Bewusstseins. Die Produzenten verstehen sich nicht als bewusste Träger einer gemeinsamen gesellschaftlichen Produktion, sondern als konkurrierende Verkäufer individueller Arbeitskraft. Der gesellschaftliche Zusammenhang ihrer Arbeit stellt sich ihnen daher nicht als bewusste Kooperation dar, sondern als äusserer ökonomischer Zwang, der ihnen gegenübertritt.

<h3>II. Die Arbeitszeitrechnung als systemsprengende Forderung</h3>

Die Forderung nach gesellschaftlicher Arbeitszeitrechnung setzt genau an diesem Punkt an. Ihr Ausgangspunkt ist die einfache Tatsache, dass die Produzenten den gesellschaftlichen Reichtum bereits gemeinsam herstellen. Die Frage lautet daher nicht, wie der Verkauf der Arbeitskraft gerechter gestaltet werden kann, sondern wie die Produzenten den mit dem Lohnverhältnis verbundenen Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung aufheben können.
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Mit der Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung wird die Trennung zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben und damit eine neue Beziehung zwischen den Produzenten und dem gesellschaftlichen Produkt hergestellt. Die Produzenten erhalten ihren Anteil am gesellschaftlichen Produkt nicht mehr als Preis ihrer verkauften Arbeitskraft, sondern als Teilhaber der gesellschaftlichen Gesamtproduktion. Damit verändert sich der Charakter der Arbeit grundlegend.
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Unter Kapitalismus erscheint Arbeit als Mittel zum Gelderwerb. Die gesellschaftliche Vermittlung erfolgt indirekt über Markt, Geld und Konkurrenz. Die Produzenten treten einander als Käufer und Verkäufer gegenüber. Der Wert der Arbeit wird in der Konkurrenz entschieden. Demgegenüber bedeutet die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung, dass die individuelle Arbeit von vornherein als bewusst organisierter Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird. Die gesellschaftliche Vermittlung erfolgt nicht mehr hinter dem Rücken der Produzenten über den Markt, sondern bewusst durch die Produzenten selbst. Der individuelle Beitrag zur gesellschaftlichen Arbeit bestimmt – nach Abzügen für notwendige gesellschaftliche Fonds – den Anteil am gesellschaftlichen Produkt der Arbeit.
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Gerade darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Wert und Arbeitszeitrechnung. Wert ist nicht einfach Arbeitszeit. Wert ist Arbeitszeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Form: als abstrakte Arbeit, die sich erst nachträglich im Austausch als gesellschaftlich gültig erweist. Die Arbeitszeitrechnung hebt diese indirekte Vermittlung auf. Sie macht den gesellschaftlichen Zusammenhang der Produktion bewusst und transparent.
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Darin liegt zugleich ihr besonderer politischer Charakter. Die Forderung nach höheren Löhnen richtet sich an Kapitalisten, Unternehmerverbände, Gewerkschaften oder den Staat. Sie verlangt eine Veränderung der Bedingungen, unter denen die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Die Forderung nach Arbeitszeitrechnung richtet sich dagegen auf die Aufhebung dieses Verhältnisses selbst. Sie fragt nicht, zu welchen Bedingungen die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen sollen, sondern wie die Produzenten ihre gesellschaftliche Arbeit selbst organisieren können. Während der Lohnkampf die Arbeiter notwendig als Verkäufer ihrer Arbeitskraft voraussetzt, setzt die Arbeitszeitrechnung sie als Träger der gesellschaftlichen Produktion voraus.
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Deshalb verändert die Arbeitszeitrechnung nicht nur die ökonomische Organisation der Gesellschaft, sondern bereits die Perspektive des Klassenkampfs selbst. Solange Arbeiter vor allem um die Bedingungen des Verkaufs ihrer Arbeitskraft kämpfen, erscheint die bestehende Produktionsweise als gegebene Voraussetzung ihres Handelns. Die Forderung nach Arbeitszeitrechnung lenkt den Blick dagegen auf die Produzenten als gemeinsame Träger der gesellschaftlichen Produktion. Sie macht sichtbar, dass die Arbeiter nicht lediglich Verkäufer ihrer Arbeitskraft sind, sondern bereits diejenigen, die den gesamten gesellschaftlichen Reichtum hervorbringen.
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Die Arbeitszeitrechnung verändert damit nicht nur die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts. Sie verändert die Stellung der Produzenten innerhalb der gesellschaftlichen Produktion selbst. Gerade deshalb verweist sie notwendig auf die Frage nach den Produktionsmitteln und ihrer Vergesellschaftung.

<h3>III. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel</h3>

Die Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur eine Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen und damit des Charakters der Produktionsweise selbst. Solange Produktionsmittel Eigentum einzelner Kapitalisten oder des Staates sind, bleiben die Produzenten nicht nur von den Ergebnissen ihrer Arbeit, sondern auch von den Bedingungen ihrer eigenen Arbeit getrennt. Die Lohnarbeit ist daher Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung, in der die Produzenten zwar den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, jedoch nicht selbst über seine Produktionsbedingungen und Verwendung entscheiden.
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Daraus ergibt sich zugleich die Bestimmung ihrer Aufhebung: Die Notwendigkeit, dass die Produzenten über die Bedingungen ihrer eigenen Arbeit verfügen können. „Die Aufhebung der Lohnarbeit kann nur geschehen, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben wird, wenn das <em>Verfügungsrecht</em> über das Arbeitsprodukt und darum <em>auch über die Produktionsmittel</em> wieder den Arbeitern zukommt. <em>Das ist das Wesentliche der kommunistischen Produktion.</em>“ <a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>
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Mit der Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung hängt daher notwendig die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zusammen. Die Produzenten treten der gesellschaftlichen Produktion nicht länger als Verkäufer ihrer Arbeitskraft gegenüber, sondern als gemeinsame Träger der Produktionsmittel und der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Darüber erhält die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ihren konkreten ökonomischen Inhalt. Vergesellschaftung bedeutet nicht bloss, dass Produktionsmittel rechtlich niemandem mehr privat gehören. Entscheidend ist vielmehr, dass die Produzenten selbst über ihren gesellschaftlichen Zusammenhang verfügen können.
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Dazu benötigen sie eine allgemein gültige Grundlage, auf der unterschiedliche Tätigkeiten, Produktionsverfahren und gesellschaftliche Prioritäten bewusst aufeinander bezogen werden können. Die Arbeitszeitrechnung stellt diese Grundlage bereit. Sie macht sichtbar, welcher gesellschaftliche Aufwand mit bestimmten Entscheidungen verbunden ist, und ermöglicht es den Produzenten dadurch, ihre Produktionsverhältnisse selbst zu regeln.
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<em>Die Arbeitszeitrechnung ist deshalb nicht in erster Linie eine andere Form der Verteilung, sondern die ökonomische Form der Vergesellschaftung.</em> Erst durch sie wird die gemeinsame Verfügung über die Produktionsmittel zur bewussten Selbstorganisation der gesellschaftlichen Produktion.
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Vergesellschaftung bedeutet also mehr als Verstaatlichung. Der Staat kann Produktionsmittel verwalten, ohne dass die Produzenten selbst über Produktion und gesellschaftlichen Reichtum verfügen. Historisch zeigte sich dies in zahlreichen „staatssozialistischen“ Systemen, in denen die Produzenten zwar formal nicht mehr privaten Kapitalisten gegenüberstanden, ihre Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Produktion jedoch weiterhin fremdbestimmt blieben.
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Die Arbeitszeitrechnung verweist dagegen auf eine andere Form der Vergesellschaftung. Die Produzenten verfügen nicht nur dem Namen nach gemeinsam über die Produktionsmittel, sondern besitzen zugleich die allgemeine Grundlage, auf der sie ihre Produktionsverhältnisse selbst regeln können. Die transparente gesellschaftliche Rechnung des Aufwands macht dies möglich.

<h3>IV. Arbeitszeitrechnung und gesellschaftliche Selbstverwaltung</h3>

Die öffentliche Arbeitszeitrechnung ist deshalb nicht bloss eine technische Methode der Buchführung. Sie bildet die ökonomische Grundlage gesellschaftlicher Selbstverwaltung.
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Die Produzenten wissen auf dieser Grundlage nicht nur, was produziert wird, sondern auch welcher gesellschaftliche Aufwand dafür notwendig ist, welche Produktionsverfahren hierfür zweckmässig angewendet werden, wie gesellschaftliche Prioritäten gesetzt werden, und wie der gesellschaftliche Reichtum verteilt wird. Erst dadurch wird die Vergesellschaftung der Produktionsmittel praktisch wirksam. Die Produzenten verfügen erstmals über die Informationen, die notwendig sind, um ihre gesellschaftlichen Verhältnisse selbst zu regeln.
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Im Kapitalismus erfolgen diese Entscheidungen indirekt über Marktbewegungen, Profitabilität und Konkurrenz. Die Produzenten stehen diesen Prozessen als ohnmächtige Objekte gegenüber. In „staatssozialistischen“ Modellen wurden diese Entscheidungen bürokratisch von Planungsapparaten getroffen.
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Die Arbeitszeitrechnung verweist dagegen auf eine Form bewusster gesellschaftlicher Selbstregelung. Die Produzenten können ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nur dann selbst bestimmen, wenn die gesellschaftliche Vermittlung transparent und allgemein nachvollziehbar wird. Gerade darin liegt die Bedeutung der Arbeitszeitrechnung. Sie ersetzt Bedürfnisse nicht durch Rechengrössen. Sie macht vielmehr sichtbar, welcher gesellschaftliche Aufwand für ihre Befriedigung notwendig ist.<a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a>
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Erst dadurch wird gesellschaftliche Selbstbestimmung möglich. Die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung führt damit unmittelbar zur Frage nach der demokratischen Organisation der Gesellschaft selbst.
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<b>V. Parlamentarische Demokratie und die Diktatur der Produktionsverhältnisse</b>
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Die bürgerliche Demokratie erscheint formal als Herrschaft des Volkes. Tatsächlich bleibt die gesellschaftliche Reproduktion jedoch weitgehend der Verfügung der Produzenten entzogen. Die Arbeiter dürfen politische Repräsentanten wählen, besitzen aber keine bewusste Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion. Die eigentliche Macht der kapitalistischen Gesellschaft liegt nicht primär im Parlament, sondern im Produktionsverhältnis selbst. Wer keinen Zugang zu Produktionsmitteln besitzt, ist gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Gerade darin besteht die reale <em>Diktatur der Produktionsverhältnisse</em>. Die parlamentarische Demokratie verändert an diesem grundlegenden Verhältnis nichts. Sie organisiert politische Gleichheit innerhalb ökonomischer Abhängigkeit.<br>
Eine rätedemokratische Gesellschaftsform ist demgegenüber der politische Ausdruck der gesellschaftlichen Selbstverwaltung. Sie geht von einem anderen Prinzip aus. Hier organisieren die Produzenten nicht nur politische Entscheidungen, sondern die gesellschaftliche Produktion selbst. Die Arbeitszeitrechnung bildet dabei die materielle Grundlage dieser Selbstverwaltung. Denn nur wenn die Produzenten den gesellschaftlichen Aufwand transparent erfassen und bewusst regeln können, wird demokratische Selbstbestimmung mehr als eine politische Floskel.
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Rätedemokratie bedeutet daher nicht die Errichtung einer anderen Staatsform, sondern die bewusste Selbstorganisation der gesellschaftlichen Reproduktion durch die Produzenten selbst. Der Staat wird hier nicht durch eine neue politische Herrschaft ersetzt, sondern verliert mit der Aufhebung der Trennung zwischen Produzenten und Produktionsmitteln sowie der bewussten Regelung der gesellschaftlichen Produktion zunehmend seine gesellschaftliche Funktion als ideeller Gesamtkapitalist.
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Unter kapitalistischen Verhältnissen besteht diese Funktion darin, die allgemeinen Bedingungen der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zu sichern. Der bürgerliche Staat garantiert die rechtlichen Voraussetzungen von Privateigentum, Warenaustausch und Kapitalakkumulation, schützt die bestehende Eigentumsordnung und greift regulierend ein, wenn die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaft gefährdet ist. Mit der Aufhebung des Lohnverhältnisses und der Vergesellschaftung der Produktionsmittel entfallen zunehmend die gesellschaftlichen Grundlagen dieser Funktionen. Die Produzenten regeln ihre Produktions- und Verteilungsverhältnisse nicht länger über Markt, Konkurrenz und staatliche Vermittlung, sondern auf Grundlage der bewussten gesellschaftlichen Vermittlung ihrer Arbeit durch die Arbeitszeitrechnung. Gerade deshalb verweist die Arbeitszeitrechnung nicht auf eine neue Form staatlicher Planung, sondern auf die materielle Voraussetzung des Absterbens staatlicher Herrschaft überhaupt.

<h3>VI. Warum die Arbeitszeitrechnung vergessen wurde</h3>

Dass der Gedanke der gesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung heute kaum verbreitet ist, hat nicht nur historische, sondern auch politische Ursachen.
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Die Arbeiterbewegung entwickelte sich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Ihre Organisationen konzentrierten sich daher meist auf die Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb des Systems. Zugleich entstand in der sozialistischen Bewegung häufig die Vorstellung, Vergesellschaftung bedeute vor allem politische Machtübernahme und staatliche Planung. Die Frage nach der konkreten ökonomischen Selbstverwaltung der Produzenten trat dabei zunehmend in den Hintergrund.
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Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Die Vorstellung, dass die Produzenten ihre gesellschaftlichen Verhältnisse selbst regeln könnten, widerspricht nicht nur kapitalistischen Interessen, sondern auch verschiedenen politischen und intellektuellen Stellvertretereliten.
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<em>Bürgerliche Kapitalismuskritiker</em> kritisieren den Kapitalismus häufig vor allem als chaotisch, irrational oder übermässig finanzgetrieben. Die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln und die Lohnarbeit selbst werden dabei nicht in Frage gestellt. Ihre Alternative besteht daher nicht in der Selbstverwaltung der Produzenten, sondern in einer effizienteren Regulierung des Kapitalismus durch Experten, staatliche Steuerung oder technokratische Koordination. Die zentrale Lenkung soll hier die Funktionsstörungen des Kapitalismus korrigieren, nicht das Kapitalverhältnis selbst überwinden.<a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a>
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<em>Leninistische Parteikommunisten</em> wollen dagegen die kapitalistische Eigentumsordnung zum „Wohle der Arbeiter“ überwinden und die Produktionsmittel vergesellschaften. Die gesellschaftliche Organisation sehen sie ebenfalls als Aufgabe einer zentralen Leitungs- und Planungsinstanz. An die Stelle des Marktes tritt die Partei beziehungsweise der Planungsapparat. Die Produzenten erscheinen dabei nicht als selbständige Träger ihrer gesellschaftlichen Reproduktion, sondern als Objekte politischer Führung. Die zentrale Lenkung soll hier nicht den Kapitalismus verbessern, sondern den Übergang zum „Sozialismus“ organisieren, ohne dass die Produzenten selbst die Grundlage erhalten, ihre gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse bewusst zu regeln.
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Daneben existieren <em>moralisch-utopische Strömungen der Linken</em>, die Regeln einer gesellschaftlichen Vermittlung überhaupt für ein Problem halten. An die Stelle bewusster ökonomischer Organisation treten dort häufig Vorstellungen von Gemeinschaftsgeist, Bewusstseinsveränderung oder spontaner Solidarität. Sie wollen in einer Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Sie berufen sich auf das Prinzip „Jeder nach seinen Bedürfnissen“, ohne zu erklären, wie der gesellschaftliche Aufwand organisiert werden soll, der die Befriedigung dieser Bedürfnisse überhaupt erst ermöglicht.<a href="#footnote-4" id="ref-4">[4]</a>
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Die Arbeitszeitrechnung verweist demgegenüber auf eine Form der Selbstverwaltung, in der die Produzenten nicht länger auf Marktmechanismen, staatliche Bürokratien oder politische Führungseliten angewiesen sind, um ihre gesellschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnisse zu organisieren. Gerade deshalb erscheint die Arbeitszeitrechnung den intellektuellen Stellvertretereliten entweder als technisch-utopisch oder als gefährliche Vereinfachung. Tatsächlich liegt ihre politische Bedeutung jedoch gerade in dieser Einfachheit.

<h3>VII. Die ökonomische Grundlage gesellschaftlicher Selbstbestimmung</h3>

Der Gegensatz zwischen Lohnkampf und gesellschaftlicher Arbeitszeitrechnung ist nicht der Gegensatz zwischen Reform und abstrakter Utopie. Er ist der Gegensatz zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Perspektiven des Klassenkampfs.
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Der Lohnkampf bewegt sich innerhalb des Kapitalverhältnisses. Er verbessert die Bedingungen des Verkaufs der Arbeitskraft, hebt diesen Verkauf aber nicht auf. Die Arbeitszeitrechnung richtet sich dagegen gegen die Grundlagen der Lohnarbeit selbst. Mit ihr verschwindet nicht nur der Lohn als Preis der Arbeitskraft. Zugleich verschwindet die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln und damit die Grundlage der kapitalistischen Klassenherrschaft.
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Mit der Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung erhalten die Produzenten erstmals die Möglichkeit, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse bewusst selbst zu bestimmen. Die Assoziation freier und gleicher Menschen bedeutet unter dieser Bedingung nicht moralische Gemeinschaft, staatliche Verwaltung oder abstrakte Gleichheit.
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Die „Gleichheit“ ist hier kein ethischer Begriff, sondern ein ökonomischer. Gleichheit bedeutet hier nicht die moralische Gleichheit abstrakter Bürger, sondern die gleiche Verfügung der Produzenten über die Bedingungen ihrer gesellschaftlichen Reproduktion. Gleichheit ist der Ausdruck dafür, dass die Produktion in allen Betriebsorganisationen nach denselben Regeln der Arbeitszeitrechnung verläuft, um eine gemeinschaftliche Verfügung über den Produktionsapparat möglich zu machen. Sie bedeutet die bewusste Selbstorganisation der gesellschaftlichen Produktion durch die freien und gleichen Produzenten selbst.
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Gerade deshalb stellt die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung keine technische Nebenfrage dar, sondern den entscheidenden ökonomischen Kern einer emanzipatorischen Umwälzung – nicht weil sie ein besseres Verteilungssystem darstellt, sondern weil sie den Produzenten erstmals die Möglichkeit gibt, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse selbst zu organisieren.<a href="#footnote-5" id="ref-5">[5]</a><p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
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<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland), <em>Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung</em>, Red & Black Books 2020, S. 26f<br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Siehe hierzu auch: <a class="fussnoten_links" href="https://arbeitszeitrechnung.org/die-vergessene-logik-des-kommunismus-arbeitszeitrechnung-statt-beduerfnisromantik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://arbeitszeitrechnung.org/die-vergessene-logik-des-kommunismus-arbeitszeitrechnung-statt-beduerfnisromantik/</a><br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> Siehe hierzu: „Die Intellektuellen“ in: Anton Pannekoek, <em>Die Grundlagen der sozialen Revolution, Band 2 Das falsche Bewusstsein</em>, Red & Black Books 2024<br>
<a href="#ref-4" id="footnote-4">[4]</a> Zur ausführlicheren Kritik des Commonismus siehe: <a class="fussnoten_links" href="https://arbeitszeitrechnung.org/kritik-des-commonismus/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://arbeitszeitrechnung.org/kritik-des-commonismus/</a><br>
<a href="#ref-5" id="footnote-5">[5]</a> Ausführlicher in: Hermann Lueer, <em>Warum Kapitalismus nicht reformiert und Kommunismus nicht erträumt werden kann</em>, Red & Black Books 2026</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 18:40:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/lohnkampf-oder-aufhebung-der-lohnarbeit-009692.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Ak Antimilitarismus (Hg.): Die grosse Mobilisierung]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/ak-antimilitarismus-hg-die-grosse-mobilisierung-009696.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Im November 2025 feierte die Bundeswehr ihr 50-jähriges Jubiläum. Dieser Jahrestag sorgte in vielen bürgerlichen Medien für Aufmerksamkeit in einer Zeit, die von wachsender Kriegstüchtigkeit geprägt ist.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/ak-militarismus-hg-die-grosse-militarisierung_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Das wird auch im Stadtbild deutlich, wo die Plakate nicht zu übersehen sind, die vermeintliche Gründe für den Eintritt in die Bundeswehr aufzählen.
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Gegen diese Kriegsfähigkeit erheben die 18 Autor*innen Einspruch, die das Bundeswehrjubiläum zum Anlass für ein Buch nahmen, das in der Kleinen Bibliothek des <em>Papyrossa-Verlags</em> erschienen ist. Seine Lektüre lohnt gerade deshalb, weil es sich nicht um eine apologetische Literatur handelt, die ein Loblied auf die Bundeswehr singt. Nein, der Konsens, der sehr unterschiedlichen Autor*innen wurde vom Ak Antimilitarismus, der das Buch herausgibt so zusammengefasst: „Nicht jeder Geburtstag ist ein Grund zum Feiern. Das gilt nicht für den Jahrestag im November 2025, der das 70-jährige Bestehen der Bundeswehr markiert“ (S. 9). Die unterschiedlichen Texte liefern immer nur kurze Überblicke über die angerissenen Themen. Die angegebenen Quellen laden zum Weiterlesen ein.
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Im ersten Aufsatz setzt sich Pablo Flock mit Logiken der Kriegslegitimierung auseinander, die von der Wiederbewaffnung über die Floskel der humanitären Intervention bis zur heutigen Kriegstüchtigkeit reicht. Martin Kirsch von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung e.V.(IMI) ging auf die aktuellen Strukturreformen bei der Bundeswehr ein, die für die Kriegsfähigkeit notwendig sind.
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Christoph Marischka, der seit vielen Jahren in der IMI aktiv ist, zeigt in seinen Aufsatz auf, wie Start-ups Teil der Kriegsfähigkeit geworden sind und welche Rolle die KI dabei spielt. „Mit dem neuen Spirit begeben sich BMVg und Bundeswehr in eine gesteigerte Abhängigkeit von Tech-Entrepreneuren und dem dahinterstehenden Kapital und machen uns alle zum Spielball einer kriegstüchtigen Sicherheitspolitik“ (S. 44), lautet sein ernüchterndes Fazit.

<h3>Wie die Bundeswehr kriegsfähig gemacht wurde</h3>

Gut sind die Beiträge, die darauf hinweisen, wie die Bundeswehr langsam in die Kriegsfähigkeit geführt wurde. Der Journalist Matthias Monroy geht noch einmal auf die Diskussion über eigene Drohnen bei der Bundeswehr ein. Kurze Kapitel beschreiben die verschiedenen Einsatzorte der Bundeswehr seit den frühen 1990er Jahren.
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Jakob Reimann erinnert an den Bundeswehreinsatz in Somalia, wo am 21. Januar 1991 erstmals ein Mensch von Bundeswehrsoldaten erschossen wurde. Es handelt sich um einen Somalier, der angeblich in das deutsche Militärlager eindringen wollte. Reimann beschreibt auch das rassistische Medienrauschen in angeblich liberalen Medien wie dem „Spiegel“. Daniel Frede erinnert daran, dass die Bundeswehr 1997 in Albanien erstmals nach dem 2. Weltkrieg wieder in einen Schusswechsel verwickelt war.
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Frank Brendle weist auf die Kampfeinsätze der deutschen Luftwaffe gegen Ziele in Jugoslawien hin. Erstmals war die Bundeswehr wieder in einem Land im Einsatz, in dem vor 1945 auch die Wehrmacht wütete. Brendle benennt auch noch einmal die Lügen, mit denen der Krieg begründet wurde.
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Emran Feroz beschreibt die chirurgischen Schläge der Bundeswehr in Hindukusch, wo der berüchtigte Oberst Klein im Jahr 2009 für den Tod von ca. 150 Menschen verantwortlich war, die aus einem gestrandeten Tanklaster Benzin abzapfen wollten. Klein, der gegen den Rat der Natoverbündete, den Angriff anordnete, wurde nicht etwa bestraft, sondern befördert. Die Aufsätze zeigen, wie in Deutschland alles Militärische bewusst enttabuisiert wurde, dass selbst das Massaker im Hindukusch nicht mehr zu grosser Empörung führte. Das ist die Vorgeschichte zur heutigen Kriegstüchtigkeit.
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Diese dichte Beschreibung des heute schon wieder fast vergessenen Agierens der Bundeswehr in den letzten 35 Jahren zeigt sehr gut auf, wie die Bundeswehr in kurzer Zeit wieder kriegstüchtig gemacht wurde. In den 1990er Jahren gab es noch grosse Proteste gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Ländern, in denen Nazis und Wehrmacht wüteten. 2009 hingegen gab es keine Massenproteste gegen das Massaker von Kunduz. Es waren nur kleine Gruppen, die sich für die Entschädigung der Angehörigen der Opfer einsetzten. Von grösseren Protesten gegen Oberst Klein ist in Deutschland nichts bekannt.

<h3>Inspiration für die neue Antimilitarismusbewegung</h3>

Im letzten Kapitel wirft der AK Antimilitarismus einige Schlaglichter auf die antimilitaristische Bewegung in den letzten 70 Jahren. Sie beginnen bei der Ohnemich-Bewegung gegen die Bundeswehr in den 1950er Jahren, verweisen kurz auf die Ostermärsche und die Kampagne gegen öffentliche Bundeswehrgelöbnisse in den 1990er Jahre in Berlin und enden bei aktuellen Initiativen wie <em>Rheinmetall Entwaffnen</em>, die mit ihrer Parole „Krieg beginnt hier“ zu den wachsenden Orten der Aufrüstung gehen.
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Das Kapitel hätte man sich etwas ausführlicher gewünscht. Denn in der letzten Zeit gibt es einige positive Ansätze für antimilitaristische Proteste, an denen sich auch wieder mehr jüngere Menschen beteiligen. Auf einer Buchvorstellung in Berlin sagte Autor Thomas Winklmeier, das Buch soll Anregung und Inspiration für diese neue Antimilitarismusbewegung sein. Die organisiert beispielsweise vom 10.- 12. Juli Aktionstage gegen Rheinmetall in Berlin-Wedding.

<h3>Kein Unterschied zwischen links und rechts beim Kriegführen?</h3>

Auf der Buchvorstellung in Berlin kam aus dem Publikum auch die Frage, ob rechte Regierungen militaristischer sind als linke. Das verneinte Mitautor Jakob Reimann mit Verweis darauf, dass es in Deutschland eine Regierung unter Beteiligung der Grünen war, die wieder Krieg in Jugoslawien führte und dass sich auch in vielen anderen Ländern sozialdemokratische und linksliberale Parteien besonders militaristisch beispielsweise gegenüber Russland oder in Taiwan gegen China gerieren. Doch trotzdem ist die Aussage, es gebe bei der Kriegsbereitschaft keinen Unterschied zwischen linken und rechten Regierungen falsch und politisch desorientiert, weil sie Bündnisse mit Rechten vorbereiten könnte.
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Bei den neuen Militarist*innen handelt es sich um Ex-Linke, die aber längst Teil des kapitalistischen Staates geworden sind. Dass sie dann auch die Militärinteressen der herrschenden Klassen vertreten, ist nur Konsequenz. Genau das passierte 1914, als fast alle sozialdemokratischen Parteien sich hinter die Kriegspolitik ihrer jeweiligen Bourgeoisie stellten und dann auch für die Kriegskredite stimmten.
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Die kleine Antikriegsopposition vor über 110 Jahren hatte aber nie behauptet, es mache keinen Unterschied zwischen Links und Rechts beim Kriegführen. Lenin und andere Protagonist*innen der Zimmerwalder Linken, die die Parole ausgaben, die Soldaten sollen die Waffen umdrehen und die Kriegsregime stürzen, benannten die ex-linken Kriegsparteien als Sozialchauvinisten. Dagegen formulierten sie eine neue revolutionäre Bewegung, die dann wesentlich an den Räterevolutionen in Russland, Deutschland, Ungarn und vielen anderen Ländern zwischen 1917 – 1923 beteiligt waren. Daran gilt es heute anzuknüpfen.
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Statt zu sagen, es gäbe keinen Unterschied zwischen links und rechts beim Kriegführen müsste es unsere Aufgabe sein, eine neue linke Bewegung aufzubauen, für die klar ist, dass Kriege zum Kapitalismus gehören wie die Wolke zum Gewitter und die sich auch dem antifaschistischen Credo verbunden fühlen - „Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg.”<p><em></em><p><small>Ak Antimilitarismus (Hg.): Die grosse Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung bis zur Kriegstüchtigkeit. Papyrossa Verlag 2025. 208 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN:978-3-89438-856-0.</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 16:49:27 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Werbung und Personalbindung der Bundeswehr: «Ich hatt' einen Kameraden»]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/ich-hatt-einen-kameraden-009686.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine Bundeswehr-Studie von 1994 zeigt: Die Entscheidung für oder gegen den Dienst ist weniger eine Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern eine grundsätzliche Haltung zum „Soldatsein“.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Dresden_Postplatz_Germany_020_w.webp><p><small>Bundeswehrtram in Dresden.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dresden_Postplatz_Germany_020.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lupus in Saxonia</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>1. Werbemethoden – rational<br>
2. Werbemethoden – emotional<br>
3. Bindung des vorhandenen Personals<br>
4. Folgerungen für die antimilitaristische Arbeit<br>
5. Empfehlungen
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Hier wird nicht diskutiert, ob wir durch Soziale Verteidigung besser geschützt wären oder durch militärische Verteidigung mit einer reduzierten Armee ohne Auslandseinsätze, Angriffswaffen, Waffenexporte und NATO-Angehörigkeit.
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In jedem Fall ist aber klar, dass die gegenwärtige Bundeswehr mit weitreichenden Waffen und Atomsprengköpfen (Büchel), die sowohl gegen Russland als auch für den <a href="https://zoes-bund.de/wp-content/uploads/2025/03/250306_Gruenbuch_ZMZ_digital.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Einsatz im Inneren</a> (<a href="https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/stresstest-operationsplan-deutschland-5863010" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Operationsplan Deutschland</a>  , siehe auch  die<a href="https://perspektive-online.net/2025/09/red-storm-bravo-simulierter-und-echter-protest-gegen-die-zeitenwende-in-hamburg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> Berichte der Lokalpresse</a> zur zivil-militärischen Zusammenarbeit ) trainiert, ein Risikofaktor ist. Besonders in einer Zeit, wo Angriffe simuliert und fehlinterpretiert werden (<a href="https://www.fr.de/politik/vor-russland-drohne-mit-sprengstoff-stuerzt-in-litauen-ab-ploetzlich-waechst-sorge-zr-94314113.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Drohnenhysterie</a> ).<br>
Je weniger Personal sie hat, desto sicherer leben wir. Dass es <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/59657/herausforderungen-fuer-die-personalgewinnung-der-bundeswehr/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">früher</a> und <a href="https://augengeradeaus.net/2024/09/blick-auf-die-bundeswehr-personallage-weniger-bewerber-ein-viertel-abbrecher-und-zu-wenig-geld/comment-page-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">heute</a> dabei Schwierigkeiten gibt, ist tröstlich, aber nicht ausreichend.
<br><br>
Deshalb werden hier zunächst ihre Werbemethoden genauer untersucht, um ihnen zielgruppengerecht entgegenzuwirken. (Die Analyse dürfte auch für Österreich und die Schweiz interessant sein, wenn auch wegen der Neutralität nicht 1:1 übertragbar.)
<br><br>
Diese Werbung findet auf zwei Ebenen statt, der rationalen und der emotionalen. Ich meine nicht, dass wir ebenfalls emotionalisieren sollten, aber wir müssen darauf hinweisen, dass der Militarismus Gefühle anspricht und wissen, welche.
<br><br>
1) Ein Beispiel für eher <b>rationale Ansprache</b>:
<br><br>
<a href="https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker</a> 'Deine Benefits'	 <a href="https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/benefits" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/benefits</a> 'Weitere Benefits'
<br><br>
Die Vorteile sind gegliedert nach:
<br><br>
Gehalt + Soziale Absicherung<br>
Aus- und Weiterbildung<br>
Mobilität<br>
Arbeit + Privatleben<br>
Gesundheit + Fitness
<br><br>
Hier hat jemand nachgedacht, welche Kriterien für junge Leute wichtig sind, beispielsweise die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit. Ebenso ist es sinnvoll, schon von vorneherein Personen anzusprechen, die Wert auf Gesundheit und Fitness legen, anstatt erst bei der Musterung zu 'sieben'.
<br><br>
Im Einzelnen:
<br><br>
+ Gehalt<br>
+ Prämien, u.a. für Auslandseinsatz<br>
+ Übergangsgehalt nach Ablauf der Verpflichtungszeit<br>
+ Mietzuschuss bei einsatzbedingtem Umzug<br>
+ Pension
<br><br>
+ Studium<br>
+ Erleichterung des Numerus Clausus bei Medizinstudium<br>
+ Zusatzqualifikationen durch Aus- und Weiterbildung, Berufsförderungsdienst<br>
+ “Herausfordernde Aufgaben” und “Entwicklung des Potenzials”<br>
+ Übergangsbildungszuschuss<br>
+ Gratisfahrt in der Bahn (nur in Uniform, ein Trick, um die Bevölkerung daran zu gewöhnen)<br>
+ Jobticket<br>
+ Führerschein<br>
+ Carsharing
<br><br>
+ Nachhilfe für die Kinder durch die BW-Uni München<br>
+ mehr Urlaub als viele Tarifverträge<br>
+ Sozialdienst
<br><br>
+ volle Lohnfortzahlung bei Krankheit<br>
+ kostenlose ärztliche Versorgung<br>
+ Sport- und Fitnessangebote
<br><br>
Dazu kommen noch ein paar  immaterielle 'benefits':<br>
+ ein „anerkannter Arbeitgeber“<br>
+ verantwortungsvolle Tätigkeit<br>
+ “einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten”<br>
+ Kameradschaft.
<br><br>
Bei all diesen 'Vorteilen' stellt sich die Frage, ob ein paralleles Bildungs/Gesundheitssystem der Armee wirklich effektiver ist als das allgemeine, das grösser ist und daher mehr Angebote und Ausstattung bieten kann. Es kann sein, dass in Zeiten der Aufrüstung die Mittel für die militärischen Systeme nicht so stark gekürzt werden und die Versorgung tatsächlich zeitweilig besser ist. Das wird sich in Kriegszeiten schnell ändern.<br>
Auch zeigt ein Blick auf die Veteran:innen in den USA, dass diese Versprechen oft nicht eingehalten werden. Schliesslich ist die Abhängigkeit der Versorgung vom 'Arbeit''geber' auch problematisch, in den USA verlor ein Teil der 'unehrenhaft Entlassenen' sämtliche Ansprüche und sie wurden zu Obdachlosen.
<br><br>
Eine <a href="https://opus4.kobv.de/opus4-zmsbw/files/316/12005623.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">BW-Untersuchung von 1994</a><a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a> vermutet allerdings, dass hinter den Einzelvor- und Nachteilen eine grundsätzliche Entscheidung für oder gegen das 'Soldatsein' steht, S.13“f) Das Konzept bzw. der Entwurf "Soldatsein" hat eine hohe. Bedeutung für die Wehrpflicht-Entscheidung. Dieser grundsätzliche Entwurf ist insgesamt für die Entscheidung relevanter als die Abwägung der positiven und negativen Seiten der Bundeswehr.”
<br><br>
Dazu kommt die sicherheitspolitische Meinung und Einschätzung der eigenen Beteiligung:
<br><br>
“g) Die- abstrakte (ich-fernere) sicherheitspolitische Meinung (sic) erweist sich deutlich als trennscharf zwischen Wehrdienstwilligen und Verweigerern. Insbesondere ist festzuhalten, dass. der Zusammenhang zwischen der Wehrdienstentscheidung und den Bundeswehr-Aufgaben bzw. -Einsätzen besonders stark in Form der Bewertung einer hypothetischen persönlichen Beteiligung ausfällt.” Diese wiederum hängen mit der politischen Verortung zusammen:
<br><br>
“h) Allgemeine politische Orientierungen trennen ebenfalls potenzielle Wehrdienstleistende und Verweigerer: Verweigerer sind eher links orientiert und halten Abrüstungs-, Umwelt- und Sozialpolitik für wichtiger, als Wehrdienstleistende/SaZ dies tun. Soldaten auf Zeit und Wehrdienstleistende sind dagegen eher rechts orientiert und halten Verteidigungs-, Innen, Aussen- und Wirtschaftspolitik für wichtiger. Systemzufriedenheit und politisches Interesse spielen in diesem Zusammenhang ebenso wenig eine Rolle wie die subjektive Kosten-Nutzen-Bewertung der Wiedervereinigung. Wehrdienstleistende haben eine ausgeprägtere nationale Orientierung als Verweigerer. Verweigerer äussern eher einen europäischen oder globalen Bezug und lehnen einen national definierten Patriotismus eher ab.” Wir kommen hier schon zu Fragen, die die persönliche Identität betreffen.
<br><br>
2) Daher nun zur <b>emotionalen Ansprache</b>:
<br><br>
<a href="https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/70-jahre-bundeswehr" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/70-jahre-bundeswehr</a>
<br><br>
Die 70 'Argumente' lassen sich in Gruppen gliedern (manche könnten in zwei Gruppen fallen, daher sind die Nummern zur Überprüfung nach einem Beispielzitat angegeben. Die dicke Ziffer ist die Zahl der Nennungen. Die Verteilung der 'likes' wird nicht untersucht, weil sie leicht zu manipulieren ist.)
<br><br>
Übernahme von Friedensargumentationen	 <b>7</b><br>
“Weil wir die stärkste Friedensbewegung Deutschlands sind.” (67, 68, 18, 47, 42, 65, 08)
<br><br>
Abschreckungstheorie  <b>15</b><br>
“Weil wir abwehrbereit sein müssen.” (62, 13, 26, 17, 45, 40, 06, 54, 09, 19, 61, 32, 02, 39, 70)
<br><br>
Verteidigung der Demokratie / Freiheit / Grundrechte  					    <b>8</b><br>
“Weil wir auch dafür kämpfen, dass du gegen uns sein kannst.” (34, 12, 69, 15, 66, 50, 44, 49)
<br><br>
Ausbildung 												    <b>8</b><br>
“Weil du hier aus über 1.000 Berufen wählen kannst.” (29, 10, 57, 22, 31, 41, 38, 48)
<br><br>
Psychologisches  <b>10</b><br>
(Diese Gruppe ist besonders interessant, weil sich aus den 'Angeboten' ableiten lässt, welche Defizite die Bundeswehr (=BW) bei ihren potenziellen Rekrut:innen vermutet. Unverblümt gesagt: es wird Personen, die Probleme mit dem Selbstwertgefühl haben, eine Ausbildung zum Töten (s. Tucholsky) angeboten, um diese zu überwinden.<br>
Vielleicht hängt damit auch die Neigung  zusammen, seelisch noch nicht voll gereifte Minderjährige anzuwerben, die die BW mit vielen Milizen in Afrika und Lateinamerika gemeinsam hat.<br>
Das wird in der genannten <a href="https://opus4.kobv.de/opus4-zmsbw/files/316/12005623.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Untersuchung von 1994</a>(1) von Betroffenen selbst bestätigt, S. 14:<br>
“Unter den Wehrdienstwilligen gibt es eine Gruppe, die nicht nur die Gemeinschaft und Kameradschaft in der Bundeswehr positiv hervorhebt, sondern das Soldatsein als "Chitinpanzer für beschädigte Identität" begreift: Sie finden am Soldatsein gut, dass es einem Selbstvertrauen, ein geregeltes Leben und die Möglichkeit gibt zu zeigen, dass man ein ganzer Kerl ist. Dazu gehört auch, dass sie meinen, soldatische Tugenden seien auch gut für die übrige Gesellschaft.”)<br>
“Weil du hier Selbstvertrauen gewinnst, das bleibt.” (63, 01, 11, 35, 53, 27, 20, 64, 07, 52)
<br><br>
Kameradschaft <b>14</b><br>
(Die Militärpsychologie zeigt, dass viele Soldat:innen, die ihren Kriegseinsatz bereits als sinnlos erkannt haben, nicht desertieren, um ihre Kamerad:innen nicht zu verlassen. Insofern hat die BW ein Interesse an Personen, für die das ein wichtiger Wert ist.)<br>
“Weil Kameradschaft wichtig ist.” (24, 16, 55, 43, 60, 04, 23, 25, 36, 05, 21, 58, 46, 51)
<br><br>
Minderheitenschutz <b>2</b><br>
“Weil wir auch queerfeldein marschieren.” (03, 28)
<br><br>
Bündnistreue <b>3</b><br>
“Weil wir auch unsere Bündnispartner schützen.” (30, 37, 14)
<br><br>
'Patriotismus' <b>3</b><br>
“Weil ich mein Land liebe.” (59, 33, 56)
<br><br>
All das wird in eine Darstellung der BW als eine Mischung von Abenteuer, Sport und Technik eingebettet, zum Beispiel in der für Jugendliche entwickelten '<a href="https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/jugendportal/be-strong" target="_blank" rel="noreferrer noopener">INFOPOST/BE STRONG</a>' .
<br><br>
3) Kommen wir nun zur '<b>Personalbindung</b>',
<br><br>
also dem bei-der-Stange-Halten der schon vorhandenen Zeit- und Berufssoldat:innen. Hinter diesen Werbestrategien steckt der Ansatz 'ERG', dass drei Bedürfnisbereiche abgedeckt werden müssen:
<br><br>
1) Wachstum (growth)<br>
2) Soziales (relatedness)<br>
3) Existenz (existence).
<br><br>
Er wird auch in den Befragungen des 'Zentrums für Militärgeschichte und Sozialforschung' der BW zugrundegelegt, z.B. <a href="https://d-nb.info/1199814474/34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">1991</a>  S.6<a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a>. (Dabei stellte sich heraus, dass die Mannschaften die Wachstumsmöglichkeiten am schlechtesten einschätzten und die Offiziere am besten, was logisch erscheint, S.14. Aber die Offiziere sahen trotz höherer Gehälter ihre Existenz am schlechtesten gesichert …, S18 ????).
<br><br>
In einer anderen Untersuchung der <a href="https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/zmsbw-forschungsbericht-126-personalbefragung-5323806" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Attraktivität der BW</a><a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a> stellte sich 2020 heraus:<br>
1) die Dienstzufriedenheit steigt, S.22<br>
2) die Zufriedenheit mit den Vorgesetzten sinkt, S.23<br>
3) die Attraktivität des 'Arbeits'platzes steigt, S.25.<br>
Diese Untersuchung umfasst auch eine gute Erklärung der Wachstum/Soziales/Existenz-Tabelle auf S. 28 und ihrer Entwicklung auf S. 32.
<br><br>
Schliesslich gibt es noch eine sehr aufschlussreiche BW-Untersuchung der Personen, die sich für den Eintritt in <a href="https://d-nb.info/1197536140/34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Mannschaftsdienstgrade</a> interessieren, sozusagen die 'Proletarier:innen in Uniform' <a href="#footnote-4" id="ref-4">[4]</a>. Leider ist sie von 2013, damals galt u.a.:<br>
1) Personen mit einer kürzeren Bildungslaufbahn haben eine positivere Einstellung zur BW, S.5+12.<br>
2) die Gründe für eine Bewerbung sind bei Jugendlichen: S.8+9, 32-44<br>
“Mit Abstand am häufigsten (28 Prozent der Nennungen) fällt den Jugendlichen das gesicherte Einkommen bzw. die gute Bezahlung als Grund ein, eine Tätigkeit in der Mannschaftslaufbahn aufzunehmen. Weitere häufige Gründe sind Aspekte wie Neues lernen bzw. Erfahrungen sammeln, der sichere Arbeitsplatz bzw. Ausbildungsplatz, dass die Bundeswehr eine Zukunft bietet sowie eine gute Ausbildung/Weiterbildung. Für 18 Prozent der Jugendlichen ist die Bundeswehr ein möglicher Ausweg in eine Beschäftigung „wenn in der freien Wirtschaft kein Arbeitsplatz zu finden ist“. “
<br><br>
3)”Am stärksten wirkt sich die Beurteilung der „Wachstumsbedüfnisse“ aus, insbesondere die Identifizierung mit dem Unternehmen, die Vereinbarkeit mit den eigenen Wertvorstellungen sowie der Wunsch nach einer interessanten Tätigkeit. Je mehr die Jugendlichen meinen, diese Bedürfnisse in der Mannschaftslaufbahn der Bundeswehr verwirklichen zu können, desto attraktiver ist für sie diese Laufbahn.”
<br><br>
“Nur bei sieben der insgesamt 28 abgefragten Bedürfnisse meinen mehr als 60 Prozent der Befragten, dass die Bundeswehr diese erfüllen würde. Davon gehören vier in den Bereich der existenziellen Bedürfnisse: gute Bezahlung, Absicherung bei Unfällen, der sichere Arbeitsplatz und umfangreiche Sozialleistungen. Nur ein Aspekt wird von den Jugendlichen sowohl bei der Mannschaftslaufbahn in hohem Masse erwartet und hat auch Einfluss auf die Einschätzung der Attraktivität der Mannschaftslaufbahn, ist also ein echter Pluspunkt: Teamwork und Kameradschaft.”
<br><br>
4) Die Gegenargumente unterscheiden sich bei den Jugendlichen allgemein und bei den Interessent:innen S.8 + 35 + 37
<br><br>
“Mit 27 Prozent Anteil wichtigster Grund gegen eine Verpflichtung in der Mannschaftslaufbahn sind die Auslandseinsätze und das damit verbundene Berufsrisiko. Mit grossem Abstand folgt der Aspekt, dass eine solche Tätigkeit den eigenen Überzeugungen widersprechen würde (12 Prozent).
<br><br>
Auch für die Jugendlichen, die sich für eine Tätigkeit als Soldat bzw. Soldatin der Mannschaftslaufbahn interessieren, sind die Auslandseinsätze der mit Abstand häufigste genannte Grund gegen eine solche Verpflichtung. Danach folgen allerdings die ungünstigen Arbeitsbedingungen: unregelmässige Arbeitszeit und die Entfernung vom Wohnort.”
<br><br>
Geradezu rührend ist die Empfehlung der Autor:innen, wie der Angst vor dem Auslandseinsatz entgegengewirkt werden kann: S.61<br>
“Wichtigster Grund gegen eine Verpflichtung in der Mannschaftslaufbahn aus Sicht der Befragten und ihres sozialen Umfelds sind die Auslandseinsätze und die damit verbundenen Gefahren. Hier könnte in der Informationsarbeit die Vielfalt der möglichen Verwendungen gegenüber dem Kampfeinsatz stärker betont werden.” So sieht echte Kameradschaft aus! Siehe dazu: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Etappensau" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Etappensau</a>.
<br><br>
5) Für die endgültige Entscheidung sind die Familie, und besonders Partner:in und Freund:innen wichtig, S.38.
<br><br>
<b>4) Was folgt daraus für die antimilitaristische Arbeit?</b>
<br><br>
Es wäre vollkommen falsch, sich die BW als eine Ansammlung von seelisch instabilen dummen Personen vorzustellen. Ganz im Gegenteil gibt es Daten, dass die<a href="https://www.bmvg.de/de/aktuelles/faq-personalgewinnung--18162" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> Vorbildung der Bewerber:innen</a> über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt <a href="#footnote-5" id="ref-5">[5]</a>(S.28) und der <a href="https://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/bundeswehr-wird-bei-abiturienten-beliebter-a-1193451.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abiturient:innenanteil steigt</a>.<br>
Ulkigerweise gibt es auch die schon erwähnte <a href="https://d-nb.info/1199814474/34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">BW-Studie über Kriegsdienstverweigerer:innen von 1991</a> ( https://d-nb.info/1199814474/34 ) , die sie als 'psychisch abweichend' darstellt: “Nach einer Studie aus dem Jahre 1981 etwa ist der "typische Wehrdienstverweigerer" introvertiert, wenig dominant, er zeigt eine gering ausgeprägte "unpolitische Haltung". Er lehnt militärische Ordnungsprinzipien ab und zeigt wenig Leistungsmotivation, ist mit Schule bzw. Beruf unzufrieden und hat einen höheren Alkohol- und Modedrogenkonsum.48”
<br><br>
Genauso differenziert muss der <a href="https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-kanal-forschung-und-bildung/zmsbw-kanal-forschung-militaersoziologie/studie-armee-in-der-demokratie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rechtsextremismus</a> betrachtet werden. Eine BW-Studie <a href="#footnote-6" id="ref-6">[6]</a> kommt 2025 u.a. zu folgenden Ergebnissen:
<br><br>
1) “Personen mit rechtsextremistischen Einstellungen zeigen ein erhöhtes Interesse an einer Tätigkeit in der Bundeswehr.”   S.9 – Verständlich, schliesslich wird sie als Ausbildungseinrichtung für den rechten Untergrund genutzt.<br>
2) “Weiterführende Analysen zeigen, dass rechtsextremistische Einstellungen in bestimmten soldatischen Gruppen etwas verbreiteter sind als in anderen: bei Personen mit formal niedriger Bildung, bei Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren ohne Portepee, bei Personen im Alter unter 30 Jahren, bei in Ostdeutschland aufgewachsenen Personen sowie bei Angehörigen von Heer, Streitkräftebasis und Kampftruppen. Die Gruppenunterschiede sind jedoch graduell und nicht gravierend. (Abschnitt 6.2.2)” S.9 – Schön wäre eine Erklärung, wie es dann zu solchen “nicht gravierenden” Konzentrationen wie im KSK kommt.
<br><br>
Dagegen aber:<br>
3) “Der Anteil von Personen mit konsistent rechtsextremistischen Einstellungen ist in der Bevölkerung mit 5,4 Prozent deutlich höher als in der Bundeswehr. Auch wenn man eine erhöhte Tendenz zu sozial erwünschten Antworten bei den Bundeswehrangehörigen unterstellt: Es ist davon auszugehen, dass rechtsextremistische Haltungen in der Gesamtbevölkerung deutlich verbreiteter sind als in der Bundeswehr. (Abschnitt 6.1.5)” S.8 – Auch wenn sich die Autor:innen der Studie methodisch grosse Mühe gegeben haben (vgl S.38 ff, S.48 ff), würde ich angesichts der Kette von Skandalen und der Beteiligung hoher Offiziere an Putschversuchen dieser 'Entwarnung' nicht trauen. Die niedrigen Offiziere, die durch ihren direkten Kontakt mit der Truppe auf Zug- und Kompanieebene am ehesten Einblick in Vorkommnisse auf Mannschaftsebene haben, sind selbst überwiegend AfD- oder CDU-Sympathisant:innen und intelligent genug, sich 'bedeckt' zu halten. Sie werden Rechtsextremist:innen unterstützen oder nicht melden (vgl S.66).
<br><br>
<b>Davon abgesehen ist die Frage nicht nur, wie viele Rechtsextremist:innen in der Bundeswehr sind, sondern auch, inwieweit die Bundeswehr als Ganzes oder bestimmte Einheiten für eine rechtsextremistische Politik (wie in den USA) eingesetzt werden können.</b>
<br><br>
<b>5) Konkret:</b>
<br><br>
Wenn viele BW-Angehörige hochqualifiziert sind, gilt für sie umso mehr, dass sie rationalen Argumenten zugänglich sein müssten:
<br><br>
<b>General, der Mensch ist sehr brauchbar.<br>
Er kann fliegen und er kann töten.<br>
Aber er hat einen Fehler:<br>
Er kann denken.</b>
<br><br>
<em>(Bertolt Brecht: aus „Deutsche Kriegsfibel“, „General … “)</em>
<br><br>
Das zeigt sich in den ex-Soldat:innen, die der Armee den Rücken kehren und z.B. im 'Arbeitskreis Kritischer Soldaten / Darmstädter Signal' ( <a href="https://kritischesoldaten.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kritischesoldaten.de/</a> ) oder in der 'Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee'( <a href="https://gsoa.ch" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://gsoa.ch</a>,<a href="https://gssa.ch" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> https://gssa.ch</a> aktiv sind.<br>
Beispielsweise ist die Statistik von Greenpeace über das wirkliche Kräfteverhältnis Russland/NATO ( <a href="https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland</a> ) öffentlich zugänglich, erscheint allerdings so gut wie nicht in Bundeswehrzeitschriften. Ein vernünftiger 'Bürger in Uniform' wird sich fragen, warum.
<br><br>
Neben den Einzelvorteilen muss die Grundsatzentscheidung für das 'Soldatsein'  in Frage gestellt werden. Zwar stellen sich wohl auch Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrade keine Zukunft als 'Kanonenfutter' an der vordersten Front vor, sondern als 'elegante Drohnenpiloten' in sicherer Entfernung. Sie mögen also länger überleben, aber die seelischen Spätfolgen (PTBS) werden sie lebenslang verfolgen. Davor bewahrt sie auch der Psychologische Dienst nicht.
<br><br>
Genauso kann und muss der emotionalen Beeinflussung entgegengewirkt werden. Es ist kein Abenteuer für Technikaffine, auf dem Gang zur Feldtoilette von einer Drohne erwischt zu werden. Und die Kameradschaft in einem zivilen Sportverein ist sicher angenehmer und dauerhafter als in einem ausgebrannten Schützenpanzer.
<br><br>
Da die <a href="https://opus4.kobv.de/opus4-zmsbw/frontdoor/index/index/docId/46" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Motivationen für die verschiedenen Laufbahnen</a> unterschiedlich sind <a href="#footnote-7" id="ref-7">[7]</a>, sollte auch rangspezifisch argumentiert werden, d.h. ein Flugblatt für Hauptschüler:innen muss andere Schwerpunkte haben als eins für Abiturient:innen.
<br><br>
In jedem Fall soll das Umfeld der 'Todeskandidat:innen' einbezogen werden. Es ist kein Zufall, dass immer mehr (Gross)eltern in der KDV-Beratung erscheinen…
<br><br>
Zum Schluss ein <b>hervorragendes Beispiel für '<em>Counter-recruitment</em>'</b> aus den USA:
<br><br>
<a href="https://nnomy.org/en/resources/counter-recruitment/2018-9-back-to-school-counter-recruitment-kit.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://nnomy.org/en/resources/counter-recruitment/2018-9-back-to-school-counter-recruitment-kit.html</a><p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Hans-Georg Räder: <a class="fussnoten_links" href="https://opus4.kobv.de/opus4-zmsbw/files/316/12005623.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kriegsdienstverweigerung im neuen Deutschland</a>. Eine empirische Bestandsaufnahme. SOWI-Arbeitspapier Nr.92, München Juni 1994<br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Jürgen Kuhlmann, Ekkehard Lippert: <a class="fussnoten_links" href="https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D1199814474" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst in der Bundesrepublik Deutschland</a>; SOWI-Arbeitspapier Nr.49, Potsdam 2014<br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> Gregor Richter: <a class="fussnoten_links" href="https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/zmsbw-forschungsbericht-126-personalbefragung-5323806" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wie attraktiv ist die Bundeswehr als Arbeitgeber?</a>  Ergebnisse der Personalbefragung 2020; Forschungsbericht ZMSBw 126<br>
<a href="#ref-4" id="footnote-4">[4]</a> Jana Hennig: Attraktivität der Mannschaftslaufbahn der Bundeswehr; <a class="fussnoten_links" href="https://d-nb.info/1197536140/34" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Forschungsbericht</a> ZMSBw 105, Dezember 2013<br>
<a href="#ref-5" id="footnote-5">[5]</a> Martin Elbe:<a class="fussnoten_links" href="https://zms.bundeswehr.de/resource/blob/5621972/c9563445e46f1c0ea5a42f1172230b16/zmsbw-forschungsbericht-134-bewerberstudie-2022-pdf-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> Bewerberstudie 2022</a>, Vom anfänglichen Interesse bis zur abgeschlossenen Bewerbung bei der Bundeswehr; Forschungsbericht ZMSBw 134, Januar 2023<br>
<a href="#ref-6" id="footnote-6">[6]</a> Markus Steinbrecher, Heiko Biel, Nina Leonhard: <a class="fussnoten_links" href="https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-kanal-forschung-und-bildung/zmsbw-kanal-forschung-militaersoziologie/studie-armee-in-der-demokratie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Armee in der Demokratie</a>. Ausmass, Ursachen und Wirkungen von politischem Extremismus in der Bundeswehr; Forschungsbericht ZMSBw 138<br>
<a href="#ref-7" id="footnote-7">[7]</a> Martin Elbe:<a class="fussnoten_links" href="https://opus4.kobv.de/opus4-zmsbw/frontdoor/index/index/docId/465" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> Motivation und Karriereorientierung</a> von Soldatinnen und Soldaten: Dienstgradgruppen im Vergleich : eine Analyse auf Grundlage der Personalbefragung 2016; Forschungsbericht ZMSBw 121</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 01 Jun 2026 08:57:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/ich-hatt-einen-kameraden-009686.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Tina Dürr/Reiner Becker (Hg.): Leerstelle Rassismus?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/tina-duerrreiner-becker-hg-leerstelle-rassismus-009387.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Geplant war eine vorbildliche Ökosiedlung mit bezahlbaren Wohnungen für 1.000 Menschen. Doch dann zerplatzte der Traum, und im November 2023 musste die Genossenschaft Insolvenz anmelden.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/tina-duerrreiner-becker-hg-leerstelle-rassismus_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Den Terrorakten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) fielen vom Jahr 2000 bis 2007 insgesamt zehn Menschen zum Opfer. Darunter hatten acht der Ermordeten eine türkische Familiengeschichte, einer einen griechischen Hintergrund und zusätzlich wurde eine nicht-migrantische Polizistin ermordet.
<br><br>
Das Netzwerk von mordenden Neonazis konnte jahrelang unentdeckt bleiben, obwohl Angehörige der Ermordeten und politische Initiativen Rassismus als Tatmotiv lange vermuteten und dies immer wieder öffentlich durch Presseerklärungen, Interviews und Demonstrationen äusserten. Dies hängt sowohl mit dem sprichwörtlichen blinden rechten Auge der Verfassungsschutzbehörden zusammen, als auch mit einer Reihe äusserst unwahrscheinlicher Ungereimtheiten im Polizei- und Justizapparat.
<br><br>
Tina Dürr und Reiner Becker begeben sich in ihrem schmalen Sammelband Leerstelle Rassismus? Analysen und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU auf die Suche nach der Leerstelle Rassismus und fragen sich, welche gesellschaftlichen Mechanismen dazu beitragen, dass Rassismus und seine Wirkung auf die Betroffenen von der Mehrheitsgesellschaft nicht gesehen werden. Ihr vor allem diskurstheoretisches Buch zeichnet in zwölf Beiträgen die rassistische Alltags-Atmosphäre und den Staus Quo nach, die den Nährboden bilden, auf dem die rassistische Mordserie des sogenannten NSU vonstatten gehen konnte.
<br><br>
Aussagen von Politiker:innen und Repräsentant:innen der Sicherheitsbehörden und Zeitungsartikel werden hierfür untersucht und in Kontrast zu dem Erleben und den politischen Interventionen der Hinterbliebenen gesetzt. Hierin liegt die Stärke des Bandes. Insgesamt kommen Wissenschaftler:innen genauso wie Praktiker:innen aus Beratungsstellen und der Arbeit innerhalb migrantischer Gemeinschaften zu Wort. Denn mit der Selbstenttarnung nach dem Suizid der beiden vermutlichen Haupttäter im November 2011 begann sich die Öffentlichkeit bestürzt zu fragen, wie mordende Neonazis so lange unentdeckt bleiben konnten.
<br><br>
Schwach ist dann die Antwort des Sammelbandes: weil Rassismus allgegenwärtig ist und Betroffenen von Rassismus zu wenig zugehört wird. Wer von staatlicher und politischer Seite an einer Vertuschung real ein Interesse haben könnte, wird kaum benannt.
<br><br>
Auch eine Analyse der deutschen Wirtschaft im Imperialismusgeflecht und der damit verbundenen rechten Antworten auf diverse Krisen bleibt der Sammelband den Leser:innen schuldig. Hinzu kommen Beiträge mit problematischen und empirisch nicht haltbaren Verallgemeinerungen, wie die, dass es in migrantischen „communities“ Einigkeit darüber gäbe, „dass rechtsextreme Gewalt immer schon eine Kontinuität hat“. Woher diese angeblich repräsentativen Aussagen kommen, wird den Leser:innen aufgrund fehlender Quellen nicht erklärt.
<br><br>
Insgesamt bleibt sich die Argumentation des Sammelbands in einem liberalen Geflecht stecken, in dem diskursiven Rassismuserscheinungen einfach irrationale Vorurteile sind. Leider schafft der Band es nicht, trotz teilweisem guten Zusammentragen von Beispielen und öffentlichen Stimmen im Nachklang der NSU Mordserie, an die Wurzel des Problems rassistischen Terrors zu gehen. Hierfür müsste eine saubere Ökonomieanalyse mit den konkreten Erscheinungen rassistischen Terrors in Beziehung gesetzt werden.<p><em></em><p><small>Tina Dürr / Reiner Becker (Hg.): Leerstelle Rassismus? Wochenschau Verlag 2019. 172 Seiten. ca. 27.00 SFr., ISBN: 978-3-7344-0609-6.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 31 May 2026 08:36:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Stirb an einem anderen Tag]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>„Stirb an einem anderen Tag“ ist fast weniger ein Bond-Streifen als eine Art Hommage an die längste Film-Reihe der Filmgeschichte. Wenn Halle Berry am kubanischen Strand aus dem Wasser springt, dann ist die Assoziation zu Ursula Andress deutlich gewollt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Gustav_Graves_Antonov_An-124_(Die_Another_Day_(2002))_w.webp><p><small>Gustav Graves Antonow An-124 (Stirb an einem anderen Tag (2002).  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gustav_Graves_Antonov_An-124_(Die_Another_Day_(2002))_%26_Others_National_Motor_Museum,_Beaulieu.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karen Roe</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>... könnte das Motto des „Genres“ James Bond sein. James Bond stirbt an einem anderen Tag, in einer fernen, unbestimmten Zukunft. Auch nach „Die Another Day“ wird es einen weiteren Bond geben, zumal Pierce Brosnan angekündigt hat, Bond bleiben zu wollen. Lee Tamahoris Film zeichnet sich – im wesentlichen und sicher mit Abstrichen – durch das aus, was die besten Bonds der Anfangszeit ebenso auszeichnete. Nie legten die Drehbuchautoren und Regisseure sehr viel wert auf die Priorität der Geschichte und der Charaktere. Ob „Dr. No“, „Goldfinger“ oder „Live and Let Die“: im Vordergrund standen explosive Situationen, Verfolgungsjagden, je nach Hauptdarsteller unterschiedlich ein cooler und smarter Bond, und last but not least ein oder zwei Bösewichte, die die Grenze zur psychopathischen Natur längst überschritten hatten.
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Auch Lee Tamahori („Im Netz der Spinne“) lässt die alte, viele Bond-Filme zugrunde liegende Symbolik des Kalten Krieges (wohlgemerkt: nicht den Kalten Krieg und die Systemkonkurrenz selbst) noch einmal aufleben, so blass wie es die Realität eben noch hergibt. Ein in Hardliner und Softliner gespaltenes Nordkorea und ein Kuba, das fast wie das Vor-Castro-Kuba gefilmt ist und der Rum-Werbung entnommen sein könnte, liefern die Initialzündung für eine letztlich äusserst dünne Handlung. Aber was macht das schon?
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Bond (Pierce Brosnan) und zwei weitere Agenten landen auf Surfbrettern in Nordkorea. Bond schaltet einen Kurier aus und gibt sich beim Militär als der Geschäftspartner aus, den sie erwarten. Doch der britische Top-Agent ist verraten worden und landet nach einer exzellent gefilmten Verfolgungsjagd per Hovercraft in den Folterkellern der Nordkoreaner. General Moon (Ken Tsang), einer der auf politischen Ausgleich bedachten Führer Nordkoreas, muss den Tod seines Sohnes Colonel Moon (Will Yun Lee) beklagen, den Bond offenbar in die ewigen Jagdgründe verfrachtet hat. Dafür muss 007 in den nächsten 14 Monaten das Martyrium der Folter mit Skorpionen, Eiswasser, Schlägen und anderem mehr ertragen.
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Als er überraschenderweise eines Tages – Brosnan mit zerzausten langen Haaren und Vollbart – gegen den Nordkoreaner Zao (Rick Yune) ausgetauscht wird, lässt ihn M (Judy Dench) wissen, dass man auf seine Dienste künftig verzichten muss. Man könne nicht sicher sein, ob er etwas verraten habe. Bond wäre nicht Bond, wenn er das auf sich sitzen liesse, und so flüchtet er aus der britischen Gefangenschaft in ein Hotel in Hongkong, um dort in Kooperation mit dem chinesischen Geheimdienst in Gestalt eines Hotelmanagers (Ho Yi) die Suche nach Zao aufzunehmen, der zu den gefährlichsten Agenten der Nordkoreaner zählt. Die Spur führt nach Kuba in eine Klinik, in der durch DNA-Übertragung das Äussere von Menschen völlig verändert wird. Aber nicht nur Bond, auch die NSA-Agentin Jinx (Halle Berry) scheint sich für Klinik, Zao und einiges mehr zu interessieren. Die Spur führt beide zu Diamantenbesitzer Graves (Toby Stephens), der von seinem Eispalast in Island aus mithilfe eines Superlasers, der wie eine zweite Sonne in der Umlaufbahn der Erde platziert wurde, seine Weltherrschafts- und sonstigen Träume verwirklichen ...
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„Stirb an einem anderen Tag“ ist so gesehen fast weniger ein Bond-Streifen als eine Art Hommage an die längste Film-Reihe der Filmgeschichte. Wenn Halle Berry am kubanischen Strand aus dem Wasser springt, dann ist die Assoziation zu Ursula Andress deutlich gewollt. Wenn der schlagfertige und nörgelnde John Cleese als Q Bond seine neuesten Entwicklungen, vor allem ein unsichtbares Auto, vorführt, erinnert man sich unwillkürlich an seinen Vorgänger Desmond Llewelyn, auch wenn beide Schauspieler ganz unterschiedliche Charaktere spielen. Toby Stephens Verkörperung des Bösewichts mit Destruktionstrieb sondergleichen knüpft fast nahtlos an seine Gesinnungsgenossen an. Die Actionszenen lassen nichts zu wünschen übrig. Und auch die anfängliche Credit-Sequenz, die geschickt per Einzelbildern, Überblendungen u.a. mit dem Martyrium Bonds im Gefängnis gemixt wird, ist fast klassisch-Bond inszeniert.
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Zu den Höhepunkten des Films zählt sicherlich das erste Zusammentreffen Bonds mit Graves, vor allem der Fecht- und Säbelkampf, bei dem Madonna einen kurzen Auftritt absolvieren darf, die im übrigen den Dancefloor-Titelsong singt. John Cleese Auftritt ist leider etwas kurz geraten, man hätte sich mehr gewünscht von den süffigen Dialogen der zwei so unterschiedlichen Männer Bond und Q. Dame Judi Dench ist eine etwas ungewohnte weibliche Nachfolge von Bernard Lee, spielt (in ihrem dritten Bond-Film) eher zurückhaltend und doch unbritisch, aber souverän und routiniert, wie es kaum anders zu erwarten war. Weitere Höhepunkte sind der virtuelle Angriff auf den MI 6 sowie die Geschehnisse im Eispalast des Bösewichts auf Island. Der Showdown mit Brosnan, Berry und Stephens ist spannend inszeniert.
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Trotz aller Hommage-Qualitäten und Anleihen aus „Dr. No“ oder „Goldfinger“ ist der neue Bond aber auch ein neuer Bond. Halle Berry begrenzt sich nicht auf Schönheit. Sie spielt eine überaus intelligente und Bond in jeder Hinsicht ebenbürtige Partnerin, die männlichen Schutz in keiner Weise nötig hat. Jinx und Bond bilden ein Team. Pierce Brosnan hat mich ehrlich gesagt überrascht. Seine Rolle als Frauenheld ist im Vergleich zu anderen Bond-Filmen eher zurückhaltend, begrenzt sich auf Halle Berry und kurzzeitig auf seine MI 6-Kollegin Miranda Frost (Rosamund Pike). Gegenüber beiden Frauenfiguren kann er nicht einfach zugreifen, sondern benötigt Erlaubnis: Ein Zugeständnis des Drehbuchs an veränderte Zeiten. Brosnan kann zudem besonders im ersten Teil des Films der Bond-Figur etwas mehr an Charakter geben und erinnert an die besten Zeiten von Sean Connery, zum Teil auch Roger Moore.
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Sicher, „Stirb an einem anderen Tag“ hat seine logischen Mängel. (Warum zum Beispiel taut das Wasser in einem Raum des Eispalastes, die Wände bleiben aber stehen und schmelzen nicht?) Gegen Ende spielt die Geschichte, die eh nicht besonders intelligent ist, kaum noch eine Rolle und Pyrotechnik und Action gewinnen eindeutig die Oberhand. Andererseits wen stört das?
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„Stirb an einem anderen Tag“ ist zum grössten Teil spannend inszeniert. David Tattersall hat die Geschichte abwechslungsreich fotografiert. Und schliesslich handelte es sich bei keinem 007-Abenteuer um ein realistisches Drama, um eine ernsthafte Angelegenheit. Etwas anderes hat mir bei „Stirb an einem anderen Tag“ allerdings gefehlt: der Hang zur Selbstironie. Das, wenn auch leichte, satirische Element vieler Bond-Filme ist dem Streifen kaum noch anzumerken. Besonders deutlich wird dies bei den Bösewichtern Zao und Graves, die „nur noch“ Psychopathen sind. Da wünscht man sich einen Gert Fröbe, eine Lotte Lenya oder einen Donald Pleasence zurück.
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Und aus Nostalgie hier noch die Bond-Film-Liste:
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1.James Bond jagt Dr. No (Dr. No“, 1962, R:William H. Brown)<br>
D: Sean Connery, Joseph Wisemann, Ursula Andress)<br>
2. Liebesgrüsse aus Moskau (From Russia with Love“, 1963, R: Terence Young)<br>
D: Sean Connery, Lotte Lenya, Robert Shaw)<br>
3. Goldfinger (1964, R: Guy Hamilton)<br>
D: Sean Connery, Gert Fröbe, Honor Blackman<br>
4. Feuerball (Thunderball“, 1965, R: Terence Young)<br>
D: Sean Connery, Adolfo Celi, Claudine Auger<br>
5. Man lebt nur zweimal (You only live twice“, 1966, R: Terence Young)<br>
D: Sean Connery, Akiko Wakabayashi, Donald Pleasence, Karin Dor<br>
6. Im Geheimdienst ihrer Majestät (On her Majesty's Secret Service“, 1969, R: Peter Hunt)<br>
D: George Lazenby, Diana Rigg, Ilse Steppat, Telly Savalas<br>
7. Diamantenfieber (Diamonds for ever“, 1971, R: Guy Hamilton)<br>
D: Sean Connery, Jill St. John, Norman Burton<br>
8. Leben und sterben lassen (Live and let Die“, 1973, R: Guy Hamilton)<br>
D: Roger Moore, Yaphett Kotto, David Hadison, Jane Seymor<br>
9. Der Mann mit dem goldenden Colt (The Man with the Golden Gun“, 1974, R: Guy Hamilton)<br>
D: Roger Moore, Christopher Lee, Britt Eklund)<br>
10. Der Spion, der mich liebte (The Spy wo Loved Me“, 1976/77, R: Lewis Gilbert)<br>
D: Roger Moore, Curt Jürgens, Barbara Bach<br>
11. Moonraker (1978/79, R: Louis Gilbert)<br>
D: Roger Moore, Lois Chiles, Michael Lonsdale, Richard Kiel<br>
12. In tödlicher Mission (For Your Eyes Only“, 1980/81, R: John Glen)<br>
D: Roger Moore, Carole Boupuet, Julian Glover<br>
13. Octopussy (1982/83, R: John Glen)<br>
D. Roger Moore, Maud Adams, Louis Jordan<br>
14. Im Angesicht des Todes (A View to Kill“, 1985, R: John Glen)<br>
D: Roger Moore, Christopher Walken, Grace Jones)<br>
15. Der Hauch des Todes (The Living Daylights“, 1987, R: John Glen)<br>
D: Timothy Dalton, Maryam D'Abo, Joe Don Baker<br>
16. Lizenz zum Töten (Licence to Kill“, 1988/89, R: John Glen)<br>
D: Timothy Dalton, Carey Lowell, Robert Davi<br>
17. Golden Eye (1995, R: Martin Campbell)<br>
D: Pierce Brosnan, Izabella Scorupko. Joe Don Baker, Gottfried John)<br>
18. Der Morgen stirbt nie (Tomorrow Never Dies“, 1997, R: Roger Spottiswoode)<br>
D: Pierce Brosnan, Jonathan Pryce, Joe Don Baker Judi Dench<br>
19. Die Welt ist nicht genug (The World is not Enough“, R: Michael Apted)<br>
D: Pierce Brosnan, Sophie Marceau, Denise Richards, Robert Carlyle, Judi Dench)<br>
Sag niemals nie (Never say never again“, 1982/83, R: Irvin Kershner)<br>
D: Sean Connery, Klaus-Maria Brandauer, Barbara Carrera, Kim Basinger, Max von Sydow (gehört nicht in die offizielle“ Liste der Bond-Filme, ebenso wie Casino Royale“, 1966, von John Huston und Ken Hughes mit David Niven, Woody Allen, Ursula Andress, Orson Welles und Peter Sellers)<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sun, 31 May 2026 08:35:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Fürsorge oder Bevormundung? Wie der Presseclub die Steuerdebatte zur Moralfrage umdeutet]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Das vermitteln unsere Leitmedien in 1000 Varianten: Im Prinzip tut Vater Staat viel Gutes, auch wenn es mal zu viel des Guten ist oder, umgekehrt, mehr sein müsste.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/IFA2012_IMG_4426_w.webp><p><small>Der Presseclub (Das Erste) an der Internationalen Funkausstellung.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IFA2012_IMG_4426.JPG" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Michael Movchin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat inzwischen vielfältige Talkrunden. Einen der ältesten Plätze belegt eine Runde am Sonntagvormittag, die aus dem früheren „Internationalen Frühschoppen“ eines Werner Höfer hervorgegangen ist. Dieser westdeutsche TV-Pionier musste leider 1987 abtreten, da ihn seine Tätigkeit als früherer Nazi-Redakteur disqualifizierte. Die war zwar dank DDR-Aufklärung lange bekannt, wurde aber erst Jahre später vom Spiegel aufgegriffen und skandalisiert („Kreitenaffäre“!). Aus diesem Kreis mit internationaler Besetzung ist inzwischen der „Presseclub“ entstanden, in dem unter Moderation von Jörg Schönenborn deutsche Journalisten verschiedener Couleur ihre Meinung zum Besten geben. Ein Traditionstermin, den man durchaus als Prototyp deutscher Talkkultur nehmen kann.
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Am 10. Mai 2026 sassen dort am Tisch: Christina Berndt, Wissenschaftsjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung, Karsten Seibel, Wirtschafts- und Finanzredakteur bei der Welt, Ulrich Reitz, Chefredakteur bei Focus-Online, und Mai Thi Nguyen-Kim, freie Wissenschaftsjournalistin im ZDF. Anlass der Sendung war die Ankündigung der Regierung, die Steuern auf süsse Getränke, Tabak und Alkohol zu erhöhen. Doch schon mit dem Titel machte sich die Sendung frei von den Gründen, warum und zu welchem Zweck diese Steuern erhöht werden sollen. Der Politik geht es ja bekanntlich darum, Löcher im Haushalt zu stopfen, und sie macht aus diesem Ansinnen auch keinen Hehl in diesen schweren Stunden, wo die Nation allerlei Notstände zu bewältigen hat.
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Das Thema der Sendung ging jedoch gleich in eine andere Richtung: „Höhere Steuern auf Zucker, Tabak, Alkohol: Fürsorge oder Bevormundung?“. Damit wurde deutlich gemacht, dass dieser Kreis hochrangiger (Leit-)Medienschaffender die Absichten der Regierung zwar zur Kenntnis genommen hat, daraus aber ein Problem ganz eigener Art stricken wollte. Ihr kritisches Hinterfragen hinderte sie dabei überhaupt nicht daran, sich genau der offiziellen Heuchelei anzuschliessen. Wie der Moderator in seiner einleitenden Rede gleich klarstellte, sollte die fürsorgliche Absicht zum Anlass genommen werden, um die betreffenden Massnahmen auf einer ganz anderen Ebene zu diskutieren und dem Bürger die schwierigen Alternativen, vor denen die Politik steht, nahezubringen.
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Der Staat wurde auf der einen Seite mit seinen Reformmassnahmen zum Fürsorger seiner Bürger stilisiert, denen er sich voller Sorge zuwendet; auf der anderen Seite wurde er unter den Verdacht gestellt, unberechtigt, autoritär in deren Freiheit einzugreifen. Eine Vorgabe wie im dialektischen Besinnungsaufsatz – und gleich waren die einzelnen Rollen klar. Entsprechend alternativ war die Runde besetzt. Die weiblichen Teilnehmer standen mehr für die Fürsorge des Staates, die männlichen setzten sich als Verteidiger der Freiheit in Pose. (Nur nebenbei: Hätte man diese klassische Rollenverteilung nicht vermeiden müssen? Sind Klagen beim Presserat eingegangen?) Mit der Fragestellung war das Ergebnis der Diskussion im Grunde abzusehen. Obwohl von „Vater Staat“ die Rede war, zielten die Stellungnahmen der Fachleute nicht auf die Klärung des Verhältnisses von oben und unten oder auf die Art und Weise, wie hierzulande die Gesundheit der Bürger gemanaged wird.

<h3>Darf der Staat in die Gesundheit seiner Bürger eingreifen oder ist sie Privatsache?</h3>

Diese Frage legte der Moderator seinen Diskutantinnen und Diskutanten vor und machte damit eine völlig absurde Alternative auf. Denn der Staat greift ja ständig in die Gesundheit seiner Bürger ein, auch wenn er den Umgang mit den Gesundheitsschädigungen dann zu deren Privatsache erklärt und jedermann und jede Frau für die Behandlung derselben aufkommen lässt. Schliesslich sind alle Bürger ständig den Bedingungen ausgesetzt, die staatlich geregelt sind. Ob dies nun die Feinstaubbelastung in der Atemluft ist, die Belastung des Trinkwassers mit Medikamenten oder Giften und was man sonst noch in der Umwelt alles zu schlucken hat. Dass es eigens Bioprodukte zu kaufen gibt, zeigt unzweideutig, was der Staat an Verfälschungen und Schadstoffbelastungen bei Lebensmitteln erlaubt. Und nicht nur in der Kleidung, sondern auch in vielen anderen Produkten des Alltags finden sich Schadstoffe, für die staatlicherseits Grenzwerte festgelegt sind, womit eben eine kontrollierte Vergiftung erlaubt ist.<br>
Die Arbeitswelt ist umfassend mit Verordnungen und Gesetzen eingedeckt, die unter Arbeitsschutz firmieren und deutlich machen, wie weit gehend dort die Gesundheit gefährdet wird. Die Einhaltung staatlicher Regelungen überlässt der Gesetzgeber zudem in vielen Fällen den Beschäftigten selber oder ihren Vertretern, wenn sie denn welche haben. So kommen die Betriebsräte ganz selbstverständlich in den Genuss der Aufgabe – nein, nicht einfach die Interessen der Belegschaft zu vertreten –, sondern die korrekte Abwicklung des Geschäfts zu überwachen, und „Massnahmen des Arbeitsschutzes und des betrieblichen Umweltschutzes zu fördern“.
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Für die Gesundheitsfolgen des kapitalistischen Alltags macht der Staat somit materiell die Betroffenen verantwortlich, die die Folgekosten über Lohn oder Gehalt tragen müssen. Formal werden auch die Unternehmen beteiligt, insgesamt sind die Sozialversicherungsbeiträge jedoch Bestandteil der Lohnkosten, von denen die Beschäftigten nur einen geringen Teil auf ihrem Konto wiederfinden. Doch auch bei dem Umgang mit diesem Geld bleibt der Staat nicht aussen vor, schliesslich legt er fest, welcher Anteil vom Einkommen in die Sozialkassen fliessen soll und wofür dieses Geld zu verwenden ist. Es gibt natürlich eine sogenannte Selbstverwaltung dieser Kassen, die nur mit ihren Gremien wenig zu entscheiden hat.<br>
Alles in allem, hätte man vom Fachlichen her denken können, dass die aufgemachte Fragestellung gleich zurückgewiesen würde. Das war allerdings bei diesen Fachjournalisten nicht der Fall, sie nahmen sich der verkehrten Problemstellung ernsthaft an und diskutierten sie dann – bei uns herrscht ja Pressefreiheit – richtiggehend kontrovers.

<h3>Darf der Staat in Sachen Gesundheit so weit in die Privatsphäre eingreifen?</h3>

Sind Reformpläne nicht ein zu weit gehender Eingriff in die Freiheit der Bürger? Die Vertreter von Welt und Focus-Online konnten bei diesem Bedenken gleich zustimmen – und diskutierten auch hier an der Sache vorbei. Schliesslich ist alles in dieser Gesellschaft gesetzlich geregelt, somit festgelegt, in welchem Rahmen sich die Freiheit der Bürger bewegen darf. Und da kennt der Staat keine Grenzen, selbst das werdende Leben und die Totenruhe stehen unter seiner Aufsicht. So bestimmt er z.B., wann menschliches Leben beginnt und damit als Rechtssubjekt gilt, das seinen Schutz verdient. Da kann die Frucht im Mutterleib noch gar nicht unabhängig von der Mutter existieren, und schon reklamiert der Staat seine Zuständigkeit, weil er ein Interesse am Untertanen-Nachwuchs hat. Somit schützt er den zukünftigen Bürger bereits im Mutterleib – auch gegen die Mutter, die diesen Nachwuchs womöglich gar nicht austragen will.
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Der Staat legt auch in umfassender Weise fest, wann der Wille des Bürgers zählt und wann nicht. Bei Kindern zählt der elterliche Wille (früher: die „elterliche Gewalt“, seit 1980: „elterliche Sorge“), bei grösseren gilt der Wille bedingt und erst bei Volljährigen ganz – es sei denn, sie werden als unzurechnungsfähig erklärt. Bis hin in den Geschlechtsverkehr ist geregelt, wann ein Nein ein Nein oder ein Ja ein Ja ist usw. Wo die Privatsphäre anfängt, ist staatlich definiert, und auch in dieser gibt es staatliche Regelungen, die zudem dauernd auf den Prüfstand gestellt und verbessert werden. Aber diese Realität der staatlichen Erfassung des Volkskörpers interessierte die Vertreterinnen und Vertreter der Talkrunde nicht. Jenseits dieser Praxis wollten sie ihr selbstgemachtes Problem diskutieren, wie weit der Staat mit seinen Gesetzen bei der Gesundheitsfürsorge gehen darf.

<h3>Sind Steuern zur Verhaltenssteuerung in Sachen Gesundheit einzusetzen?</h3>

Die andere Fraktion im „Presseclub“ konnte diesem Vorhaben etwas abgewinnen. Wie gesagt, nicht der Absicht, einen Beitrag zur Haushaltssanierung zu leisten. Da war man sich mit den Kontrahenten einig, dass es um etwas anderes ging, nämlich um die Frage eines mehr oder weniger erlaubten Einsatzes wirksamer Erziehungsmittel zu gesundheitsbewusstem Verhalten. Klar, die alltäglichen Schädigungen (siehe oben) waren dabei nicht Thema, fokussiert wurde auf das Verhalten der Bürger, die trotz Mahnungen in den Medien süsse Getränke, Tabak oder Alkohol weiter zu sich nehmen.
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Hier konnten die Gefragten sich voll einbringen und auf Daten von Erhebungen verweisen, die den Zusammenhang von Gesundheitsschädigung und Konsum – z.B. von Süssgetränken – dadurch nachweisen, dass sie alle anderen Faktoren der Gesundheitsschädigung ausblenden. Hier wollten vor allem die weiblichen Presseclubisten in der geplanten Steuererhöhung einen Akt der Fürsorge entdecken, mit dem der Staat sich um die Volksgesundheit sorgt. Durch Steuern würde er seinen Bürgern helfen, ihre Absicht, gesünder zu leben, auch umzusetzen. Vor allem die Vertreterin der SZ nahm sich der Armen an, die am Besten durch weitere Steuerlasten, also Verarmung vor den Gesundheitsgefahren durch süsse Getränke etc. geschützt werden müssten. Schliesslich sterben die Armen und Ungebildeten acht Jahre früher als ihre begüterten und gebildeten Mitbürger. Damit wollte die Frau keinen Einspruch gegen Armut und mangelhafte Bildung im Lande erheben, sondern sich bloss dafür einsetzen, dass den Armen auch noch die letzten miesen Vergnügungen schwerer gemacht werden.
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Dieser Zynismus war nicht Gegenstand der Kritik durch die Mitdiskutanten. Diese warfen dagegen die Frage auf, ob denn solche staatlichen Erziehungsmassnahmen auch wirken. Zwar kam in der Debatte noch die Einsicht vor, dass eine Steuer, deren Einziehung als Notwendigkeit für andere Aufgaben längst im Haushalt verplant ist, wegfallen würde, hätte sie wirklich die gesundheitsmoralische Wirkung. Liessen die Konsumenten die Finger von dem gesundheitsgefährdenden Zeug, würde ja das angestrebte Ziel der Haushaltssanierung verfehlt. Dennoch blieb es dabei, dass die Weltsicht vom fürsorglichen Staat die Grundlage des Debattierens darzustellen hat: Ihm geht es um die Volksgesundheit bei all seinen Massnahmen – und daran hat man ihn zu messen.
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Als positives Beispiel für gelungene staatliche Erziehungsarbeit durch Steuern wurden übrigens – da gab es dann direkten Konsens – die Rauchverbote gewürdigt, deren Sinn sich auch die Freiheitsvertreter von Welt und Focus-Online nicht versagen wollten. Als beispielhaft wurden etwa die Massnahmen der englischen Regierung gewürdigt, die sich mit Verkaufsverboten bei Tabak hervorgetan hat, während Deutschland Nachholbedarf bei der Steuerung des Gesundheitsverhaltens durch Steuern, Werbe- oder sonstige Verbote bescheinigt wurde.<br>
Damit konnten alle dem neuen Steuererhöhung-Massnahmen einen positiven Schein verpassen. Denn, wenn der Staat beabsichtigt, seinen Bürgern tiefer in die Tasche zu greifen, dann merke liebes Publikum: Es geschieht nur zu deinem Besten. Auch wenn man dies als bedenklich würdigen kann und darf – siehe: Pressefreiheit –, bleibt doch bestehen, dass es in guter Absicht geschieht.
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So geht eben kritischer Journalismus, den manche Bürger auch noch am Sonntagvormittag als Unterhaltung geniessen, ohne dass ihnen der Appetit vergeht.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 29 May 2026 12:32:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Skinny Love]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/skinny-love-007581.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Skinny Love</em> erzählt von den vielen Möglichkeiten moderner Liebe und davon, mit Sex Geld zu verdienen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Eimskip_container_terminal_at_Port_of_Reykjavik_w.webp><p><small>Eimskip-Containerterminal im Hafen von Reykjavík.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eimskip_container_terminal_at_Port_of_Reykjav%C3%ADk.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Quintin Soloviev</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 4.0 cropped)</a></small><p>Dass all das ausgerechnet in Island, dem am dünnsten besiedelten Staat Europas über die Bühne geht, verwundert nur anfänglich. Denn der Regisseur und Drehbuchautor Sigurður Anton Friðþjófsson geht mit seinem Thema so unverkrampft um, dass man alsbald davon eingenommen ist.
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Um in Reykjavík über die Runden zu kommen, hat die 25-jährige Isländerin Emilý (Kristrún Kolbrúnardóttir) gleich zwei Jobs. Tagsüber arbeitet sie an der Seite der 15-jährigen Marísa (Laurasif Nora) in einem Plattenladen mit integriertem Café, nach Feierabend ist sie online, um als digitale Sexarbeiterin die Wünsche ihrer Fans und Follower im Internet zu befriedigen. In letzter Zeit denkt Emilý allerdings häufiger darüber nach, zurück an die Uni zu gehen und ihr Studium zu beenden, denn die Sexarbeit läuft nicht sonderlich gut.
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Weder mit einem männlichen Partner noch mit der befreundeten Kollegin Kría (Edda Lovísa Björgvinsdóttir) klappen geplante Video-Drehs – und dann ist da auch noch ihr nervtötender Nachbar (Þórhallur Þórhallsson), der mit einer lärmenden Wohnungsrenovierung Emilýs Arbeit behindert. Privat kriselt es ebenfalls: Emilýs Freundin Katinka (Magdalena Tworek), eine polnische Geochemikerin, mit der sie eine Fernbeziehung führt, plant, nach Island zu ziehen, was Emilýs sexuelle Freiheiten massiv einschränken würde.

<h3>Eine Sexarbeiterin sucht sich selbst</h3>

Beim Stichwort isländisches Kino schiessen einem unweigerlich bestimmte Bilder durch den Kopf. Beispielsweise majestätische Aufnahmen der ebenso unwirtlichen wie visuell unwiderstehlichen Landschaft aus Feuer und Eis, die nicht nur internationalen Fantasyserien wie <em>Game of Thrones</em> (2011–2019) oder deutschen Fantasyfilmen wie <em>Hagen – Im Tal der Nibelungen</em> (2024), sondern auch vielen heimischen Produktionen als grandiose Kulisse dient. Im isländischen Kino spielt sich vor den Vulkanen, Gletschern und Wasserfällen allerdings nur selten Phantastisches ab. Vielmehr werden die Naturgewalten dafür eingesetzt, um Seelenlandschaften zu spiegeln. Und nicht selten sind diese Einblicke ins Innerste der Menschen rabenschwarz, staubtrocken und ausgesprochen skurril.
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In den vergangenen 25 Jahren hat die erstaunlich emsige Kinobranche der dünn besiedelten Insel dem Publikum immer wieder kleine, verschroben-schräge Filmperlen beschert. <em>101 Reykjavík</em> (2000) und <em>Nói albinói</em> (2003) zählen ebenso dazu wie <em>Von Menschen und Pferden</em> (2013), <em>Sture Böcke</em> (2015) oder <em>Metalhead</em> (2015), wie <em>Under the Tree</em> (2017), <em>Gegen den Strom </em>(2018) und <em>Weisser weisser Tag</em> (2019). <em>Skinny Love</em> des Regisseurs und Drehbuchautors Sigurður Anton Friðþjófsson nimmt sich zu diesen fast schon wie ein Gegenprogramm aus. Ausschliesslich in der Hauptstadt angesiedelt, spielt die Natur keine Rolle. Schräg ist allenfalls die Branche, in der die Protagonistin Emilý ihr Geld verdient. Sie selbst und ihr Umfeld könnten kaum geerdeter sein. Und statt auf makabren Galgenhumor setzt Friðþjófsson auf feine Ironie und eine Sensibilität für seine Figuren und die sexualisierte (Arbeits-)Welt, durch die sie sich bewegen.

<h3>Positiv zwischen Porno und Polyamorie</h3>

„Ein Film, der Ja sagt zum Leben. Und zur Lust“, heisst es auf der Homepage des deutschen Verleihs. Und das stimmt, denn wenn man einem Film das Etikett „sex-positive“ aufkleben wollte, dann diesem. Wie unverkrampft der Regisseur in <em>Skinny Love</em> mit Sex umgeht, ist inspirierend. Das fängt bei seiner Protagonistin an und hört bei deren verständnisvollem Umfeld auf. Selten hat man eine Hauptfigur gesehen, die durch die Gefühlswirren einer anspruchsvollen Sexarbeit und gleich mehrerer parallel geführter Beziehungen so lebensfroh, optimistisch, energiegeladen und letzten Endes klar im Kopf navigiert.
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Dass ihre eigene Mutter nichts gegen die Sexarbeit einzuwenden hat, solange die von Kristrún Kolbrúnardóttir beeindruckend natürlich gespielte Emilý dieser Arbeit aus freien Stücken nachgeht, ist eine von vielen schönen Drehbuchideen. Dass die Mutter als Expertin in Finanzfragen für Emilý obendrein die Steuererklärung erledigt, einer der vielen gelungenen Gags. Am Schönsten ist dieser Film, der bei aller Klarheit doch auch von den Unsicherheiten und der Zerbrechlichkeit der Liebe erzählt, wie es der internationale Verleihtitel <em>Skinny Love </em>andeutet, immer dann, wenn es intim wird. Ob während eines postkoitalen Gesprächs im Bett oder bei einem Spaziergang zu zweit in einen Einkaufswagen gekuschelt – Sigurður Anton Friðþjófsson findet oft ungewöhnliche Bilder, die sich zugleich vollkommen normal anfühlen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 29 May 2026 10:46:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/skinny-love-007581.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/carolin-amlinger-und-oliver-nachtwey-zerstorungslust-009523-009528.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Das Jahr mit einem Beitrag zum Konzept des „demokratischen Faschismus“ nach Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey (2025) zu beginnen, stellte sich nicht als grosser Wurf heraus, als ich ihr Buch <em>Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus las</em>.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/carolin-amlinger-und-oliver-nachtwey-zerstorungslust_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Sicher, die Auszeichnung als „Spiegel-Bestseller“ hätte mich skeptisch machen können. Dann aber war ich trotzdem neugierig zu erfahren, was die beiden Soziolog*innen aufzubieten haben. Im Wesentlichen scheint mir im Buch eine Art Zeitdiagnose formuliert zu werden.
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Weite Passagen lesen sich wie eine literarische Beschreibung des Aufstiegs neofaschistischer Akteure, anknüpfend an die Veränderung sozialstruktureller Bedingungen und der Erosion der liberalen Demokratie. Wer sonst keine Nachrichten liest, kann sich hier noch mal eine gute Zusammenfassung der Entwicklungen anhand einiger signifikanter Ereignisse nachlesen. Doch wer es tut, für den hat die Lektüre wenig Mehrwert. Im Gegenteil spricht aus der Perspektive von Nachtwey und Amlinger formulieren ihr bildungsbürgerlicher und gut situierter Hintergrund mit dem sie Ihresgleichen ansprechen wollen.
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Die pädagogisch-überhebliche Geste ihren Leser*innen erklären zu wollen, dass Menschen aus anderen Milieus ganz andere Erfahrungen machen, verdeutlicht, wie stark die Autor*innen tatsächlich von den Lebensrealitäten der von ihnen beforschten Milieus entfernt sind. Das erzeugt einen doch sehr unangenehmen Eindruck …
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Die Eigenleistung basiert auf der Auswertung einer in Auftrag gegebenen umfangreichen Studie, von Personen, die die AfD wählen. Und allgemein ist es sicherlich auch gut, einige Zahlen anzuführen, um die Einstellungen, aufgrund der Lebenslagen und Erfahrungen von Menschen verschiedener Milieus im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklungen erklärbar zu machen.
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Im Stil des allzudeutschen Sozialkitsches beschreiben die Autor*innen die Erfahrungen und Weltsichten von Manfred Gruber, Rainer Kunz, Anette Kowalski oder Fabian Leonhard [Namen geändert]. Sie hatten alle ihre Schicksalsschläge, ziehen irgendwie falsche Schlüsse, fühlen sich abgehängt oder bedroht und zeigen bisweilen Freude an Zynismus und Grausamkeit. Offenbar muss es besonders menscheln, um empirische Sozialstudien in einem Bestseller zu verarbeiten. Die Lesenden sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen – und wundern sich vermutlich wiederum, was die Autor*innen ihnen eigentlich mitteilen wollen.
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Die Kritik entspringt meiner subjektiven Leseerfahrung, allerdings kann gesagt werden, dass der Gehalt des Formulierten im Verlauf des Buches kontinuierlich abnimmt. Darüber hinaus bleibt aber auch das titelgebende Konzept des „demokratischen Faschismus“ merkwürdig schwammig. Im Wesentlichen geht es darum, dass neofaschistische Akteure – erstens – sich strategisch nicht direkt auf die Übernahme der Staatsmacht mittels eines Putsches konzentrieren, sondern die Erosion der liberalen Demokratie befeuern, die ihre Gründe allerdings auch in der vonstatten gehenden Transformation der kapitalistischen Produktionsweise hat.
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Zweitens geht es offenbar darum, dass Faschismus nicht primär ein politisches Projekt ist, sondern eher kulturell und auf sozialpsychologisch-affektiver Ebene wirkt. Faschismus ist also eine Reaktion auf Konkurrenz, Verunsicherung, Vereinzelung und Entfremdung der staatlich-kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft – und befördert diese, um strategisch von ihr zu profitieren. Mit anderen Worten geht es neofaschistischen Projekten darum, nach Hegemonie zu streben und die Herzen und Gedanken der Menschen einzunehmen.
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Drittens bedeutet „demokratischer Faschismus“, dass in den jeweiligen Subjektiven eine Menge Vorstellungen und Gefühle vermischt auftauchen, die in eine konservativ-autoritäre und konterrevolutionäre Sehnsucht kanalisiert werden. Durch die unerfüllten Versprechungen der modernen Gesellschaft wenden sich die von ihnen hervorgebrachten Subjekte auf aggressive gegen diese. Sie wollen beispielsweise ihr Deutschland, aber eben nicht dieses Deutschland, sondern das verlorene, welches es nie gab. Viertens könnte man noch herauslesen: Irgendwie scheint es ein Problem mit der „liberalen Demokratie“ zu geben. Kategorien wie Staat, Kapitalismus oder Patriarchat sind den Autor*innen zwar nicht dem Wort, aber dem Inhalt nach offenbar völlig fremd.
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Die liberale Demokratie funktioniert also nicht so richtig, weil sie ihre Bürger*innen angeblich so stark bevormundet, politische Prozesse in ihr zu lange dauern und dergleichen. Konsequenterweise bleibt die abschliessende Forderung von Amlinger und Nachtwey nach einem „postliberalen Antifaschismus“ eine hohle Phrase ohne jeden Bezug zur sozialen Bewegung – ob autonomen oder zivilgesellschaftlichen Antifaschismus.
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Für sich genommen sind diese Punkte sicherlich nachvollziehbar und gut ausgeführt. Allerdings scheint in ihnen schlichtweg keine Erkenntnis zu liegen, die wesentlich darüber hinaus geht, wie wenn ich drei bis fünf Kilometer herausfahre und dort einfach mit Leuten spreche.
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Was den Absatz des Buches befördern dürfte, ist das Schlagwort der „Zerstörungslust“. Hierbei geht es um aggressives Verhalten, destruktives Handeln und im Grunde genommen nekrophile Sehnsüchte der mit dem neuen Faschismus liebäugelnden Subjekte. Es überrascht wenig, dass die beiden Soziolog*innen feststellen, dass die Anhänger*innen und Wählerschaft der AfD höhere „Destruktivitätswerte“ aufweist, als jene anderer Parteien. Die politische Position verknüpfen sie also mit dem Sozialcharakter, was den Studien zum „autoritären Charakter“ nahekommt. Und diese Verknüpfung liegt auch nahe. Nur wird auch mit der empirischen Bestätigung der intuitiven Vorannahmen der Eindruck erzeugt, das Klientel der AfD wäre nun mal per se leistungsorientiert, aber sozial beschränkt, schlicht im Gemüt und häufig grundsätzlich misstrauisch.
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So plausibel dies erscheint, erklären die ausgemachten Charaktertypen aber nicht hinreichend, warum Menschen den Neofaschismus unterstützen. In diesem Zusammenhang ist unter anderem zu kritisieren, dass die Bezeichnung als „libertär“ (wie auch bei Quinn Slobodian) fast selbstverständlich für rechtslibertär verwendet wird, statt ihre Herkunft mitzubedenken. Doch ist dies logisch, da die Autor*innen letztendlich hochgradig Staats-affirmativ argumentieren und die liberale Demokratie konservieren wollen, deren Funktionsweise und Wertesystem sie eher pro forma bemängeln.
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Die Sozialpsychologie in der Tradition von Theodor Adorno und Erich Fromm dient damit – ähnlich dem Trend zu Persönlichkeitstests – der Zuschreibung von Aggressivität, Destruktivität, Gewaltaffinität, Zynismus, Anspruchs- und Besitzdenken an verschiedene soziale Gruppen. Selbstverständlich ist es ein erklärungswürdiges Phänomen, warum dermassen viele Menschen jene liberalen politischen Rechte über Bord werfen oder sozialstaatliche Strukturen zerschlagen wollen, für die Generationen vor ihnen gekämpft haben und von denen sie selbst in der Regel auch profitiert haben (und noch profitieren); seien es öffentlichen Bildungssysteme, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Kranken- und Rentenkassen, Versammlungs-, Demonstrations-, Vereins- und Presserechte etc.
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Der Ansatz einer „methodischen Empathie“, den die Amlinger und Nachtwey verfolgen, gelangt allerdings meiner Ansicht nach nicht wirklich zu einem Verständnis davon, welche Gründe es gibt, um die erodierende – und zunehmend von autoritär-konservativen übernommene – Herrschaftsordnung kritikwürdig sein und man auf sie zerstörungslustig reagieren könnte.
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Ungleichzeitigkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklungen, multiple Verunsicherungen, Stadt-Land-Gefälle, widersprüchliche Erfahrungen durch Migration verschiedene Gründe versuchen die Soziolog*innen zu erfassen und zu beschreiben. Nur, die Zerstörungslust können sie nicht nachvollziehen – obwohl sie keineswegs vor allem den AfD-Wähler*innen zugeschoben werden kann. Aus diesem Grund verstehen Anarchist*innen den Faschismus besser, als sozialdemokratisch angehauchte, gut situierte Sozialwissenschaftler*innen.
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Zerstörung könnte zweifellos befreiend wirken und in Aspekt von Emanzipation sein. Tatsächlich wird die angestaute Wut, das Gefühl, in der bestehenden Gesellschaftsform ausrasten zu müssen, aber dahin kanalisiert, Dinge zu zerschlagen, um den Autoritarismus und klare Hierarchien auszuweiten. Ein signifikanter Teil der Bevölkerung giert danach, härter, klarer und majestätischer beherrscht zu werden, statt durch abstrakte Technokratie, Partizipation und Verhaltensregulation.
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In diesem Sinne ist die Ausweitung des Neofaschismus tatsächlich zugleich Produkt und Gegenbewegung des Neoliberalismus. Personen, die zum Autoritarismus tendieren, wollen sich in einer zusammenbrechenden Gesellschaftsform nicht länger regulieren und fordern daher Grenzen ein, die ihnen die liberale Demokratie nicht bieten. Eine Antwort darauf kann nicht in einem bewegungs-fernen „postliberalen Antifaschismus“ gefunden werden – was auch immer das sein soll. Sie läge in der Organisation von sozialen Bewegungen, die ihrerseits eine Orientierung auf eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform, sowie ein eigenes Wertesystem entwickeln. Dazu müsste man aber, die Zerstörungslust ernst nehmen und sie möglicherweise auch anders kanalisieren, statt sie zu dämonisieren.<p><em></em><p><small>Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Suhrkamp, Berlin 2025. 464 Seiten. ca. 45.00 SFr. ISBN: 978-3-518-43266-2.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 29 May 2026 08:16:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Eine Kritik der Roten Hilfe – Ein verspäteter Geburtstagsgruss]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/eine-kritik-der-roten-hilfe-ein-verspaeteter-geburtstagsgruss-009689.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Zuallererst einmal muss festgehalten werden, dass Kritik an der Roten Hilfe (RH) nicht neu ist. Schon 1929 erklärte Erich Mühsam öffentlich seinen Austritt aus der Roten Hilfe und bereits während der Neugründung in den 1970er-Jahren gab es viel Kritik.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/black_cross_fist_w.webp><p><small>  Foto:  </small><p>Auch heute noch existiert ein Netz an Schwarz-(Roten)-Hilfen und Anarchist-Black-Cross Gruppen, die aufgrund der Arbeitsweise der RH lieber eigene Organisationen nutzen. Kritik an der Struktur oder tagespolitischen Entscheidungen der RH hat es also schon immer gegeben.
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Das grösste Problem ist der zentralistische Aufbau der Roten Hilfe. In Deutschland existieren mehrere Lokalgruppen der RH und zahlende Mitglieder. In den Ortsgruppen werden alle 2 Jahre Delegierte für die Bundesversammlung gewählt, diese wählen einen Bundesvorstand. Der Bundesvorstand hat weitreichende Befugnisse. Er entscheidet bei jedem Repressionsverfahren, ob eine finanzielle Unterstützung bewilligt wird oder nicht.
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Es zeigt sich eine extreme Machtfülle beim Bundesvorstand und wenig Freiheit der Lokalgruppen. Eine freiheitliche Organisierung würde im Gegensatz dazu bedeuten, dass Lokalgruppen selbst über ihr Geld entscheiden können. In den meisten Fällen wurden Anträge von dem Bundesvorstand bisher bewilligt. Doch auch wenn es bisher Praxis war, kann bei inhaltlichen Differenzen schnell eine Absage und damit Entsolidarisierung erfolgen aufgrund der Machtfülle des Bundesvorstands. Eine Problematik, die beispielsweise eintrat bei anarchistischen Gefangenen in der UdSSR und auch heute beim Nahostkonflikt wieder aufkam. Es braucht somit endlich Selbstverwaltung statt autoritärer Bevormundung in Anti-Repressionsstrukturen.
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Eine föderalistische Struktur wäre nicht nur moralischer, sondern auch praktischer. Oftmals ist der Prozess bis zum Erhalt der Gelder wahnsinnig lang aufgrund des Weisungsweges. Aktivist*innen sind dadurch oft monatelang in finanzieller Unsicherheit und müssen immer in Vorkasse gehen. Da die meisten Angeklagten sehr jung sind und oftmals ihre Hauptaktivität politische Arbeit ist, ist das eine absolut sinnlose finanzielle Belastung. Selbstverwaltung und Autonomie schliessen also Effizienz nicht aus, im Gegenteil, wie grosse basisdemokratischen Gewerkschaften wie die FAU immer wieder zeigen.
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Falls nun Kritik kommt, dass dadurch keine Kontrolle der Ortsgruppen und Veruntreuung von Geldern möglich ist, wären Alternativregelungen denkbar, wie bei föderalistischen Gewerkschaften. Beispielsweise dass es Extratöpfe für Regionen gibt mit klaren Regeln für die Vergabe von Geldern (die auch eigentlich bereits existieren), Berichtspflicht der Lokalgruppen bei Entnahme, spontane Veto-Rechte anderer Lokalgruppen, jährliche rückwirkende Abstimmung der Lokalgruppen über die Entnahmeanträge oder notfalls Ausschluss von Lokalgruppen bei wiederholtem unsachgemässen Verhalten. Natürlich sind demokratische Prozesse nie perfekt und aufwendiger, aber immer besser und weniger anfällig für Willkür und politische Einflussnahme als autoritäre Entscheidungsprozesse.
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Der zweite grosse Kritikpunkt ist die patriarchale Einstellung der RH zu Ehre und Ehrlichkeit. Also der Bezug auf ein männlich geprägtes Wertesystem von Standhaftigkeit, Opferbereitschaft, Härte und Heroismus. Während fast alle politischen oder kriminellen Gruppierungen, von Hooligans, Clans, Salafisten bis zu Neonazis versuchen mit der geringsten Strafe aus dem Gerichtssaal herauszukommen, haben wir als Linksradikale eine ganz eigentümliche Vorstellung von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit im Strafprozess.
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In den Prinzipien und gängigen Praxis der RH ist für finanzielle Unterstützung festgehalten, dass niemand seine Taten verleugnen, Reue zeigen oder Falschaussagen machen darf. Statt Gerichtsprozesse als kleine Rädchen der Disziplinargesellschaft zu sehen, stilisiert die RH diese als Bühne der Weltöffentlichkeit. Ähnlich wie kommunistische Parteien das Parlament zur Verkündigung ihrer grossen welthistorischen Weisheiten nutzen. Die Frage ist, wen wollt ihr überzeugen?
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Den Richter*innen oder Staatsanwält*innen ist komplett egal, wie gut die politische Begründung einer Tat ist. Im Gegenteil, jedes Statement wird als Uneinsichtigkeit oder Überzeugtheit der Angeklagten strafverschärfend gewertet.
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Es könnte lustig sein, wenn es nicht so ernst für alle ist, die in den Fängen der Justiz stecken. Entscheidungen über das Leben von Gefangenen werden anhand von abstrakten Prinzipien festgelegt. Natürlich wird niemand direkt gezwungen keine Aussage zu machen, aber die Aussicht auf Streichung von Unterstützung bei der „falschen“ Strategie ist Druck genug. Statt zu versuchen die geringste Strafe für die Betroffenen zu erhalten, will die RH Märtyrer*innen für die Bewegung herstellen.
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Jede gespielte Reue oder Einlassung wird als Schwäche angesehen. Jedes noch so geheuchelte Entschuldigung wird als „auf den Knien rutschen vor der Klassenjustiz“ gewertet. Als ob es irgendjemanden von den Richtern, Bullen oder der Presse interessieren würde, wenn bei einem x-beliebigen Blockade-, Widerstand oder Sachbeschädigungsprozess ein Angeklagter gesteht oder sich entschuldigt, wenn die Tat ohnehin zweifelsfrei nachweisbar ist. (Und natürlich nur, wenn Anwält*innen dies als strafmindernd anraten und auch keine weiteren Personen belastet werden.)
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Es kann natürlich bei gross inszenierten Prozessen oder medial viel beachteten Verfahren mit falschen Anklagepunkten Sinn ergeben, die Rechtmässigkeit auch im Gerichtsverfahren anzuzweifeln und sich bis zuletzt als unschuldig zu bezeichnen. In allen anderen Fällen hat aber ein Text auf Indymedia oder eine Aussage in einem Interview bedeutend mehr Strahlkraft als eine Aussage vor Gericht.
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Die RH muss also endlich mit der patriarchalen Vorstellung von „aufrechten Krieger*innen“ brechen, die stets die Wahrheit sagen. Es muss eine Reflexion der Werte von Ehre, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit erfolgen, genauso wie eine Diskussion über die gewünschten Ergebnisse von Strafverfahren und ehrliche Einschätzung der Sinn- und Zweckhaftigkeit politischer Prozessführung.
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Der Text ist aber kein Aufruf zur Spaltung, sondern eher zu Einigkeit aufgrund föderalistischer und feministischer Prinzipien. Es ist eine öffentliche Kritik von aussen, mit der Hoffnung, dass sich die RH ändert. Also dass einige, insbesondere neue Mitglieder, Diskussionen anstossen und Strukturen ändern. Falls das nicht innerhalb der nächsten Jahre passiert, sollten Rätemarxist*innen, Autonome, Feminist*innen und Anarchist*innen sich aber überlegen, ob sie nicht doch eine Alternativstruktur aufbauen sollten.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 28 May 2026 10:58:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Palantir: Alexander Dobrindt und die Importierung der algorithmischen Herrschaft]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/digital/software/palantir-alexander-dobrindt-und-die-importierung-der-algorithmischen-herrschaft-009690.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Im Herbst 2025 erschien in New York ein Buch, das in konservativ-revolutionären Kreisen als Manifest einer neuen Zeit gelesen wurde: <em>The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West</em> von Alexander C. Karp, dem Chef von Palantir Technologies, und Nicholas W. Zamiska.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2026_Fastnacht_in_Franken_-_Alexander_Dobrindt_-_by_2eight_-_9SC3047_w.webp><p><small>Alexander Dobrindt an der Fastnacht in Franken, 6. Februar 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2026_Fastnacht_in_Franken_-_Alexander_Dobrindt_-_by_2eight_-_9SC3047.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stefan Brending</a> <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/User:2eight" target="_blank" rel="noreferrer noopener">(2eight)</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 cropped)</a></small><p>Karp, der an der Goethe-Universität Frankfurt über kriminelle Subkulturen im Spätkapitalismus promovierte, kennt die Sprache der Gesellschaftskritik. Gerade deshalb ist sein Buch so aufschlussreich. Es übernimmt die Diagnosen der Krise, aber nicht, um Herrschaft zu überwinden, sondern um sie technisch, militärisch und ideologisch zu stabilisieren.
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Was hat das mit Deutschland zu tun? Mehr, als die scheinbar ferne Debatte aus dem Silicon Valley vermuten lässt. Während Karp und Zamiska die ideologische Programmschrift einer technologisch aufgerüsteten Republik liefern, bereitet Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die praktische Übersetzung vor. Der bundesweite Einsatz von Palantir-Software für Bundespolizei und Bundeskriminalamt ist nicht einfach ein Beschaffungsvorgang. Er markiert den Versuch, eine neue Form staatlicher Kontrolle zu normalisieren: algorithmisch, präventiv, datenhungrig und politisch als Sicherheit verkauft.

<h3>Der unbemerkte Einzug</h3>

Was Karp als Zukunft entwirft, hat im Alltag längst begonnen. Die KI ist nicht plötzlich als feindliche Macht erschienen. Sie kam als Empfehlungssystem, Navigationshilfe, Lieferlogik, Übersetzungsprogramm, Suchmaschine, Chatbot und personalisierte Oberfläche. Der Algorithmus steuert Musik, Wege, Arbeitsrhythmen, Konsumwünsche und zunehmend auch politische Aufmerksamkeit. Wir erleben das selten als Eingriff, sondern als Entlastung. Gerade darin liegt seine Macht.
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Die KI spricht uns nicht als Unterworfene an, sondern als souveräne Nutzer. Gehorsam erscheint als Bequemlichkeit, Kontrolle als Personalisierung, die Enteignung des eigenen Urteils als dessen technische Erweiterung. Wir bedanken uns für Zeitersparnis, feiern die Maschine, die uns die Qual der Wahl abnimmt, und übersehen, dass sie uns zugleich an ein Denken in Datenpunkten, Wahrscheinlichkeiten und Optimierungszielen gewöhnt.
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Diese Gewöhnung ist politisch. Wer lange genug gelernt hat, algorithmisch zu entscheiden, akzeptiert leichter den Staat, der algorithmisch sortiert. Der unreflektierte Jubel über Siri, Alexa, ChatGPT oder TikTok bereitet die emotionale Grundierung für den Jubel über KI-gestützte Polizeiarbeit, automatisierte Gefahrenprognosen und militärische Software. Die Vorstufe der Herrschaft ist ihre Internalisierung. Wir haben gelernt, algorithmisch zu denken; nun sollen wir lernen, algorithmisch regiert zu werden.

<h3>Dobrindts Datenkrake</h3>

Dobrindt präsentiert sich dabei nicht als Vollstrecker einer fremden Macht, sondern als nüchterner Pragmatiker. Er habe, so seine öffentliche Linie, kein Störgefühl gegenüber einer Software, nur weil sie von Palantir komme. Dieses „Störgefühl“ war einmal der Rest einer bürgerlichen Vorsicht gegenüber Machttechnologien. Nun wird es als Sentimentalität entsorgt. Übrig bleibt die Zweckrationalität: Verbrechen aufklären, Gefahren verhindern, Daten verknüpfen.
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Doch Palantir ist kein neutraler IT-Dienstleister. Das Unternehmen erhielt frühe Finanzierung aus dem Umfeld der CIA, sein Mitgründer Peter Thiel steht für eine rechtslibertäre, offen demokratieskeptische Ideologie, und die Software Gotham ist darauf angelegt, heterogene Datenbestände zu verbinden. Polizeidaten, Meldedaten, biometrische Merkmale, Social-Media-Spuren, Kontakte und Bewegungen können zu Profilen verdichtet werden, die nicht nur Verdächtige, sondern auch Zeugen, Opfer und Unbeteiligte erfassen. Die Logik des Systems ist nicht die konkrete Tat, sondern die potenzielle Abweichung.
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Dass Dobrindt solche Systeme für deutsche Sicherheitsbehörden attraktiv findet, während er zugleich eine harte Migrationspolitik betreibt und Begriffe der AfD in staatliche Praxis übersetzt, ist kein Zufall. Reaktionäre Politik und algorithmische Überwachung sind keine Gegensätze. Sie ergänzen sich. Wer Menschen kategorisieren, vorhersagen, filtern und abschieben will, benötigt die technische Infrastruktur, die diese Sortierung möglich macht. Palantir liefert das Werkzeug, Dobrindt den politischen Rahmen.
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Das geplante Sicherheitspaket umfasst nicht nur den möglichen Einsatz von Palantir, sondern auch biometrische Internet-Fahndung, automatisierte Datenanalysen und die Zusammenführung bislang getrennter Datenbestände. Bundespolizei und BKA sollen in der Lage sein, digitale Räume nach Gesichtern, Körpermerkmalen und Mustern zu durchsuchen. Die Figur des Verdächtigen verändert sich dadurch. Er ist nicht mehr derjenige, gegen den konkrete Anhaltspunkte vorliegen, sondern jeder, der in ein Raster fällt. Der Feind ist nicht mehr draussen. Er ist potenziell jeder.
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Besonders perfide ist die Einführung als Sachzwang. Dobrindt verweist auf Vergabeverfahren und die angebliche Marktverfügbarkeit. Der Markt, der nie neutral war, wird zum Legitimationsapparat für staatliche Abhängigkeit von einem US-Unternehmen mit Geheimdienstgeschichte. Wenn Palantir-Mitarbeiter in Polizeidienststellen sitzen und sensible Datenstrukturen betreuen, wird das als technisches Erfordernis verkauft. Tatsächlich ist es ein Souveränitätsgewinn für die staatliche Herrschaft und ihren Überwachungsapparat, der sich als Modernisierung verkleidet.
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Der entscheidende Bruch liegt darin, dass die Grenze zwischen konkreter Ermittlung und allgemeiner Vorsorge verschwimmt. Wo früher ein Anlass, ein Verdacht, eine überprüfbare Spur stehen mussten, reicht nun die Wahrscheinlichkeit, die aus vorhandenen Daten errechnet wird. Damit verschiebt sich das Recht vom nachträglichen Urteil zur präventiven Sortierung. Die Polizei reagiert nicht mehr nur auf Handlungen, sondern auf modellierte Möglichkeiten. Genau an diesem Punkt wird Technik zur politischen Form.

<h3>Die Grenzen der bürgerlichen Opposition</h3>

Der Widerstand gegen Dobrindts Pläne ist notwendig, aber er bleibt begrenzt. SPD, Grüne und Linke kritisieren die Nähe zu einem umstrittenen US-Konzern, warnen vor Abhängigkeiten und berufen sich auf Rechtsstaatlichkeit. Das ist richtig, trifft aber nicht den Kern. Die bürgerliche Opposition wendet sich selten gegen die algorithmische Herrschaft als solche. Sie fragt meist nur, wer sie betreiben soll und unter welchen Kontrollen sie akzeptabel erscheint.
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Damit verschiebt sich die Debatte: Nicht die Abschaffung des Überwachungsstaates steht zur Diskussion, sondern seine europäische Variante. Ein deutsches oder europäisches Palantir erscheint dann als Lösung, obwohl es dieselbe Logik fortschreibt. Die Frage lautet nicht mehr, ob der Staat seine Bürger total erfassen darf, sondern ob die Server in Europa stehen, ob die Ausschreibung sauber war und ob Datenschutzbeauftragte ein Prüfprotokoll erhalten.
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Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen nutzen Palantir bereits, Baden-Württemberg sollte folgen. Dobrindts bundesweiter Plan ist daher keine plötzliche Innovation, sondern eine Skalierung. Die Vorstufe ist installiert. Die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt, dass Sicherheit algorithmisch produziert werden soll. Genau diese Gewöhnung ist der entscheidende politische Erfolg. Die harte Software ist angekommen, und sie trägt den Stempel: Made in USA, verteilt von deutscher Ordnungspolitik.
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Darum reicht es nicht, Palantir durch eine europäische Software zu ersetzen. Ein nationaler oder europäischer Anbieter könnte dieselben Raster, dieselbe Logik und dieselbe präventive Verdächtigung reproduzieren. Die Frage der digitalen Souveränität ist real, aber sie darf nicht die gesellschaftliche Frage verdecken: Wozu werden diese Systeme gebaut, gegen wen werden sie eingesetzt, und welche Form von Staat benötigt sie überhaupt?

<h3>Die Strategie hinter Karps Buch</h3>

Die Thesen von <em>The Technological Republic</em> bilden ein kohärentes Programm der Militarisierung. Die Tech-Elite soll sich wieder der Landesverteidigung verschreiben, Software soll zur Grundlage harter Macht werden, KI-Waffen erscheinen als unvermeidbar, Wehrpflicht als moralische Schule des Gemeinwesens. Das ist keine abstrakte Zukunftsmusik. Palantir arbeitet längst für militärische und sicherheitspolitische Apparate, und die westlichen Staaten investieren Milliarden in algorithmische Aufrüstung.
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Besonders deutlich wird der Charakter dieses Programms dort, wo Karp und Zamiska die Remilitarisierung Deutschlands und Japans fordern. Die angebliche Entmannung Deutschlands, die angebliche Überkorrektur nach 1945, die angebliche Notwendigkeit eines robusteren Japan: Hier fällt die Maske. Es geht nicht um die Freiheit dieser Gesellschaften, sondern um die strategische Lastenteilung im Kampf um westliche Vorherrschaft. Deutschland und Japan sollen wieder militärisch verwendbar werden, damit die USA ihre globale Dominanz gegen China und andere Konkurrenten verteidigen können.
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Der Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase organisiert den Kampf um Märkte, Rohstoffe, Arbeitskraft und Einflusszonen. Heute tritt der Kampf um Daten, Algorithmen, Rechenkapazitäten und digitale Infrastruktur hinzu. Die harte Software ist die neue Substanz der Expansion. Der Krieg der Zukunft wird nicht ohne Panzer geführt, aber er wird vorbereitet durch Drohnen, Cyberwaffen, autonome Systeme, predictive policing und algorithmische Desinformation. Karp schreibt die Ideologie dazu. Dobrindt übersetzt sie in Verwaltungshandeln.
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Auch die neue Wehrpflicht, die im Buch als gesellschaftlicher Kitt erscheint, ist keine neutrale Pflicht zur Gemeinschaft. Sie ist die Massenmobilisierung für eine Ordnung, deren Krisen immer häufiger militärisch gelöst werden sollen. Nicht mehr der Konsum soll die Gesellschaft zusammenhalten, sondern Opferbereitschaft, Disziplin und nationale Loyalität. Die Bürger sollen nicht nur überwacht, sondern im Ernstfall auch verfügbar gemacht werden.

<h3>Kultur als Kampfzone</h3>

Der ideologische Überbau des Buches ist ebenso wichtig wie seine sicherheitspolitischen Forderungen. Karp und Zamiska beklagen die schonungslose Enthüllung des Privatlebens öffentlicher Personen und fordern Gnade für jene, die sich dem öffentlichen Leben aussetzen. Was nach Humanität klingt, ist im Kern der Wunsch nach Schonung der herrschenden Klasse. Während einfache Beschäftigte für Fehler sanktioniert werden, soll den Eliten Nachsicht gewährt werden, wenn Machtmissbrauch, Korruption oder Kriegsverbrechen sichtbar werden.
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Auch die Verteidigung religiösen Glaubens gegen angebliche Intoleranz bestimmter Milieus erfüllt eine Funktion. Religion erscheint als sozialer Kitt in einer Gesellschaft, deren materielle Grundlagen zerfallen. Nicht Befreiung von Unterdrückung ist das Ziel, sondern die Wiederherstellung bindender Sinnformen, die Gehorsam, Opfer und nationale Zugehörigkeit moralisch aufladen.
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Am gefährlichsten ist die Behauptung, nicht alle Kulturen seien gleich: Einige seien dysfunktional, andere hätten Wunder hervorgebracht. Das ist die modernisierte Form eines alten Rassismus. Die Armut und Instabilität vieler Gesellschaften werden aus ihrer Geschichte von Kolonialismus, Krieg und Ausbeutung herausgelöst und als kulturelle Eigenschaft dargestellt Die Wunder des Westens erscheinen dann nicht als Ergebnis globaler Ausplünderung, sondern als Beweis eigener Überlegenheit. So wird Herrschaft moralisch naturalisiert.
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Die Forderung nach einer definierbaren Nationalkultur gehört in dieselbe Bewegung. Sie fragt nicht, wie Menschen in Freiheit zusammenleben können, sondern wem Zugehörigkeit gewährt und wem sie entzogen wird. Inklusion meint dann nicht gleiche Rechte, sondern Einpassung in Arbeit, Ordnung, Militär und Staatstreue. Wer nicht passt, erscheint nicht als politisches Subjekt, sondern als Sicherheitsproblem.

<h3>Wie Kritik neutralisiert wird</h3>

Die Rezeption solcher Bücher folgt einem bekannten Muster. Die einen feiern sie als Weckruf, die anderen empören sich über einzelne Provokationen. Doch auch die Empörung kann zur Integration werden, wenn sie sich nur gegen Karp als Person richtet und nicht gegen die Ordnung, die ihn hervorgebracht hat. Der Skandal ersetzt dann die Analyse. Man diskutiert Stil, Tonfall und einzelne Zumutungen, während Palantir weiter Verträge abschliesst, Behörden weiter Daten verknüpfen und die Rüstungslogik weiter wächst.
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Der bürgerliche Staat erlaubt Kritik, solange sie folgenlos bleibt. Er integriert Opposition, solange sie die Grundlagen nicht angreift. Man darf sich empören, Rezensionen schreiben, Podien veranstalten und eine ausgewogenere Debatte fordern. Danach geht der Betrieb weiter. Gerade diese Freiheit, sich machtlos zu empören, ist eine perfekte Illusion von Freiheit. Sie entlastet das Gewissen, ohne die Verhältnisse zu verändern.
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Der normale Betrieb, zu dem viele Kritiker zurückkehren wollen, ist daher selbst Teil des Problems. Er produziert die Verträge, die Datenbanken, die Grenzregime und die militärische Forschung, die später als Ausnahme erscheinen. Karps Offenheit wirkt nur deshalb schockierend, weil sie ausspricht, was im Apparat längst vorbereitet wird. Seine Provokation besteht nicht darin, etwas völlig Neues zu fordern, sondern die vorhandene Entwicklung ohne liberale Beschwichtigung zu benennen.

<h3>Der autoritäre Staat als konsequente Form</h3>

Der entscheidende Punkt ist die Kontinuität zwischen Demokratie und Autoritarismus. Die liberale Demokratie war nie das Gegenteil der Klassenherrschaft. Sie war ihre historisch erfolgreichste Form, weil sie Herrschaft als Zustimmung organisierte. In der Krise verändert sich diese Form. Wo Wohlstand, sozialer Aufstieg und Konsens brüchig werden, treten Prävention, Überwachung, Grenzregime, Militarisierung und Ausnahmezustand hervor.
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Der Staat ist nicht das Gegenteil der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihre politische Form. Wenn die ökonomischen Widersprüche härter werden, wird auch diese Form härter Karp und Zamiska beschreiben diese Verwandlung, aber sie verkaufen sie als Fortschritt, als Zukunft des Westens, als Rückkehr zu Ernst, Glauben, Pflicht und Macht. Dobrindt liefert dazu die innenpolitische Variante: eine Sicherheitsarchitektur, in der Software, Polizei und politische Reaktion ineinandergreifen.
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Die Technologische Republik ist deshalb keine Abweichung von der Aufklärung, sondern ihre instrumentelle Verhärtung. Vernunft wird zur Berechnung, Freiheit zur Wahl zwischen vordefinierten Optionen, Politik zur Optimierung von Risiken. Die Menschheit wird zum Rohmaterial der Datenverarbeitung. Die Algorithmen erscheinen neutral, aber sie sind die technische Form gesellschaftlicher Interessen. Sie dienen nicht abstrakt der Sicherheit, sondern der Stabilisierung einer Ordnung, die ihre eigenen Krisen nicht mehr friedlich verwalten kann.
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Wenn wir dieses Buch ernst nehmen, reicht Empörung nicht aus. Kritisiert werden muss nicht nur Palantir, nicht nur Dobrindt, nicht nur ein reaktionäres Manifest aus den USA. Kritisiert werden müssen die Verhältnisse, die solche Manifeste notwendig machen: ein Kapitalismus, der in der Krise zur offenen Gewalt greift; ein Imperialismus, der den Planeten in Einflusszonen zerlegt; ein Staat, der sich als Technologie-Republik tarnt, um seine Rolle als Organisationsgewalt der Ausbeutung zu verschleiern.
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Die Technologie ist nicht an sich das Problem. Das Problem ist das Eigentum an den Produktionsmitteln, das diese Technologie in Waffen gegen die Menschheit verwandelt. Die Antwort liegt daher nicht in besserer Software, sondern in demokratischer Kontrolle über die Produktivkräfte, in internationaler Solidarität und in einer Gesellschaft, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 28 May 2026 08:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Enfant Terrible]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/enfant-terrible-009361.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ambivalent, offensiv provokant und destruktiv.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/DtEiche-Fassbinder-310525-AUR2604A1_w.webp><p><small>Fassade des Hotel Deutsche Eiche (München) mit einem Mosaik zu Ehren von Rainer Werner Fassbinder.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DtEiche-Fassbinder-310525-AUR2604A1.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Buerobaldham</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Wie das Leben und das filmische Schaffen des Fassbinders selbst, ist „Enfant Terrible“ ein nur schwer verdaulicher, zum Teil schwer hinnehmbarer Balanceakt eines menschlichen Porträts, das Abgründe und Sehnsüchte offenbart, dem Publikum aber tieferliegende Antworten verwehrt. Der Einblick in das Leben des Künstlers wird polarisieren, ebenso wie die Werke es seinerzeit taten.
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1967 steht Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) mit 22 Jahren am Anfang seiner Karriere. Gerade noch am Theater, kapert er zunächst die Inszenierungen, um sich sogleich provokativ ins Filmgeschäft zu stürzen. Es folgen Jahre, in denen der Regisseur wie besessen Film um Film dreht, sich und seine Kollegen dabei zusehends vereinnahmt und ausbeuterisch an den (eigenen) seelischen und körperlichen Kräften zehrt. Angesichts erster Erfolge scheinen die ersten Opfer, die sein hartes Regime fordern, mehr vertretbare Kollateralschäden, als wirkliche Verluste. Alle Mittel sind ihm recht, um in einen Atemzug wie beispielsweise Godard genannt werden zu können.
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Setzt man sich mit deutscher Filmgeschichte auseinander, wird einem ein Name unweigerlich und durchaus nicht nur einmal begegnen: Rainer Werner Fassbinder. Ein Künstler, Theater- und Filmschaffender der, bevor er mit 37 Jahren starb, innerhalb von 13 Jahren 42 Filme drehte und den deutschen Film wie kein anderer neu erfand. Fassbinders Darstellung von – fast unerträglicher und persönlicher – Realität ist bisweilen bis an die Grenze der Ambivalenz und seelischen Belastbarkeit getrieben und bis heute fast beispiellos wie einprägsam markant. Dabei spalten die Werke des Filmemachers gleichermassen wie seine Persönlichkeit selbst.

<h3>Kunst als zerstörerische Kraft</h3>

Oskar Roehler (<em>Elementarteilchen</em>, <em>HERRliche Zeiten</em>), der schon in jungen Jahren mit den Werken des manisch exzessiven Regisseurs in Berührung kam, inszeniert <em>Enfant Terrible</em> weniger als Hommage, sondern vielmehr als ein Porträt eines Mannes, dessen Sehnsüchte nach Liebe, Wahrheit und Erfolg sich zum einen in den Filmen, aber auch in einem Arbeitsumfeld, das von Abhängigkeiten und ausbeutenden sowie (selbst-) zerstörerischen Machtverhältnissen geprägt ist, wiederfinden.
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Und so ist der Titel des Films auch durchweg Programm. <em>Enfant Terrible</em> setzt den Fokus ganz ohne Umschweife auf die provokantesten Seiten des Filmemachers. Trotzig, stur, laut, niederträchtig, masochistisch, hedonistisch und fast immer auf Kosten seiner Mitmenschen, Mitschaffenden und Liebhaber. Eigenschaften, die Oliver Masucci (<em>Als Hitler das rosa Kaninchen stahl</em>, <em>Werk ohne Autor</em>) offensiv und, im wahrsten Sinne des Wortes, mit vollem Körpereinsatz auf die Leinwand bannt.
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Manchmal erschreckend, brutal, manchmal reserviert verletzlich, manchmal beinah karikativ und derart überspitzt, dass es gewissen Szenen sogar zögerlich Komik überstülpt. Wenngleich der Schauspieler deutlich älter ist, als es Fassbinder seiner Zeit war, so passt er doch gerade in den Szenen, die die letzten Jahre des körperlichen Verfalls bebildern und von ausgeprägten Alkohol- und Drogenkonsum, Schlafmangel und Medikamentenmissbrauch gekennzeichnet waren, erstaunlich gut. Eine Schwere liegt auf dem Gesicht, auf dem Körper, der die Abgründe vom Scheitern in der Liebe und im Leben offenbart.

<h3>Das rätselhafte, hässliche Ende eines Traums</h3>

Trotz dessen bleibt am Ende doch zu wenig Spielraum, um noch mehr Facetten des Ausnahmeregisseurs zeigen zu können, mehr Eindrücke, welche die Frage nach dem Warum beantworten würden. Was war es, dass Fassbinder zu dem werden liess der er war? Zu jemandem, der seine Schauspieler und Kollegen auch demütigte, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass er sich für seine Werke vorstellte? Genauso unbeantwortet bleibt die Frage, warum ihm trotz aller Widrigkeiten, die ihn Umgebenden so ergeben waren und sich seinen harten Launen beugten.
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Zuschauer, die Fassbinder und seine Schaffenszeit kaum kennen, dürften mit diesem Ausschnitt aus seinem Leben am Ende kaum viel mehr als eine egomanische Seite erleben, die herausfordernd das Gemüt beansprucht und sicherlich polarisiert. Sympathien oder aufrichtige Bewunderung wird man am Ende des biographischen Porträt wohl weniger empfinden.
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Dennoch vermag es Roehler damit genau das aufzugreifen, das auch vielen Filmen von Fassbinder innewohnt. Ein ungewöhnlich ungeschöntes Abbild der Realität, die weniger dafür konzipiert waren, sich selbst in anderen Wirklichkeiten zu verlieren, sondern vielmehr unmittelbar Menschen beim Träumen zuzusehen und wie ihre Träume kaputt gehen. Und weil Theater das nicht kann, sondern nur das Kino, lässt der Regisseur sein Enfant Terrible in einem für das Publikum stets geöffneten Szenenbild agieren, das ähnlich einem Theaterstück in beengtem Raum, mit typischer Ausstattung und greller, beharrlicher und kontrollierter Ausleuchtung wenig Möglichkeiten bietet sich dem Gezeigten zu entziehen.
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Hier gibt der Regisseur dem Zuschauer einen episodenartigen Film an die Hand, den es auch aufgrund der etwas zu langen Laufzeit auszuhalten gilt. Und das kann man am Ende, wie die Filme Fassbinders, irritierend anmassend und abstossend oder reflektiert packend und bemerkenswert finden.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 27 May 2026 10:51:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/enfant-terrible-009361.html</guid>
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<title><![CDATA[Wo bleibt die Solidarität mit Kuba angesichts der Strangulierung durch die USA?]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/lateinamerika/wo-bleibt-die-solidaritaet-mit-kuba-angesichts-der-strangulierung-durch-die-usa-009687.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die zapatistische EZLN hat schon im Februar einen Solidaritätsaufruf mit Kuba verfasst, der eine gute Grundlage für Aktionen sein könnte. Nur in Deutschland bekommt man davon wenig mit. Woran liegt das?</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/50_years_of_the_revolution_(3194544752)_w.webp><p><small>Hafengebiet in Havanna.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:50_years_of_the_revolution_(3194544752).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tony Hisgett</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>„Das kubanische Volk, das schon mehr als 60 Jahre durch die Regierungen der USA ökonomische, politische und militärische Aggressionen erlebt, wird nun an seine Grenzen gebracht. Schamlos erklären jene, die von oben herab der ganzen Welt den Krieg aufzwingen, ihre Ziele: das Volk von Kuba zu ersticken, um Investitionen und "Entwicklung" zu fördern. …
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Auf der Insel Kuba beabsichtigt das Grosskapital, ein neues Little Saint Jaimes zu errichten, die Insel von Jeffrey Epstein, auf der die Mächtigen der Welt ihr moralisches Heiligtum der Degradierung hatten. Das Kapital will keine Freiheit, sondern Sklaverei zu seiner touristischen Belustigung.”
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Das sind zwei Abschnitte <a href="https://amerika21.de/dokument/285392/ezln-solidaritaet-kuba" target="_blank" rel="noreferrer noopener">aus dem Aufruf der zapatistischen EZLN</a> zu Kuba, der bereits im Februar 2026 verfasst wurde und auf der Webseite von Amerika 21 vollständig dokumentiert ist.
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Nur ist es verwunderlich, dass es kaum grössere Resonanz zu diesem Aufruf gibt. Ich habe weder in der Monatszeitung <em>ak</em>, in der viele linke Debatten geführt werden, noch in anderen linken Medien einen Hinweis zu diesem Aufruf gefunden, schon gar keine Diskussion darüber.
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Dabei ist es ja schon eine Diskussion Wert, warum die zapatistische EZLN, die die Orientierung an dem Modell einer kommunistischen Partei wie in Kuba ablehnt und in den letzten Jahrzehnten einen anderen politischen Weg gegangen ist, in einer Zeit, in der die kubanische Gesellschaft vor aller Welt stranguliert wird, den Solidaritätsaufruf gemeinsam mit zahlreichen weiteren politischen Organisationen und Einzelpersonen aus Mexiko veröffentlicht hat. Er ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass unterschiedliche politische Herangehensweisen eben eine Solidarität bei grosser Gefahr nicht ausschliessen. Hier könnte der EZLN-Aufruf sogar beispielgebend sein.
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Doch wie reagieren die vielen Menschen in Deutschland, die sich in den letzten 30 Jahren mit der zapatistischen Bewegung solidarisierten? Viele von ihnen haben sich mit Kuba kaum oder nur oberflächlich befasst. Und nun kommt gerade von der zapatistischen Bewegung ein Solidaritätsaufruf mit Kuba. Liegt der Grund für das Schweigen zu diesem Aufruf vielleicht genau darin, dass man sich auch weiterhin mit Kuba nicht beschäftigen will und die Strangulierung der Bevölkerung vor aller Welt ignoriert wird?
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Dabei endet der zapatistische Aufruf fast schon pathetisch mit den Worten:
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„Wir unterstützen das Volk Kubas und rufen die Völker der Welt dazu auf, ihre Solidarität zu zeigen und das Ersticken des kubanischen Volkes zu verhindern.“
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Wann lassen die Anhänger*innen der zapatistischen Bewegung diesen Worten Taten folgen, in einer Zeit, in der die Angriffe des US-Imperialismus auf Kuba noch zunehmen? Wäre es nicht an der Zeit, Proteste vor den Einrichtungen der USA in den verschiedenen Städten zu organisieren? Sie würden deutlich machen, Kuba ist nicht allein. Das wäre auch ein Signal an die kubanische Bevölkerung.

<h3>Gebt uns fünf Jahre Zeit</h3>

Wie stark sie von den Angriffen der USA in ihrem Lebensalltag betroffen ist, beschreibt Renate Fausten in einem Brief aus Havanna an die junge Welt:
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„Ein neuer Tag mit 15 bis 20 Stunden ohne Strom, 34 Grad Celsius im Schatten, Wasserprobleme, denn dafür braucht man auch Strom, und eine Nacht mit vielen Moskitos erwartet uns. Das ist nur das normale Elend.“ So beschreibt Fausten, was die ständigen Stromausfälle für das tägliche Überleben in Kuba gegenwärtig bedeuten.
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Ihr Brief schliesst mit diesem Wunsch: „Gebt uns fünf Jahre ohne Blockade, fünf Jahre, in denen wir leben können wie andere, und wir wären ein prosperierendes Land mit bescheidenem Wohlstand für alle. Gebt uns eine Chance!“
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Dieser Wunsch wäre gar nicht so unrealistisch, wenn es eine weltweite Solidaritätsbewegung mit Kuba geben würde. Der zapatistische Aufruf ist dafür eine Grundlage. Jetzt gilt es ihn nicht nur zu diskutieren, sondern auch zur Plattform für Solidaritätsaktionen zu machen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 27 May 2026 08:05:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/lateinamerika/wo-bleibt-die-solidaritaet-mit-kuba-angesichts-der-strangulierung-durch-die-usa-009687.html</guid>
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<title><![CDATA[Der Umgang mit Konflikten in linken Strukturen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/der-umgang-mit-konflikten-in-linken-strukturen-009685.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Kritik am Umgang untereinander innerhalb des undogmatischen Teils der radikalen Linken ist nicht neu und in dieser Ausführung nach mindestens fünf Jahrzehnten (!) leider immer noch hochaktuell.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/11082024794_2c80cb63b2_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/11082024794/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann </a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Spätestens seit der Polarisierungen und damit einhergehenden Spaltungen entlang der Themen Corona-Massnahmenkritik, Ukraine-Krieg und zuletzt an den Nahost-Konflikten ist der Linken eine fundamentale Diskursunfähigkeit zu attestieren.

<h3>1. Kritik am Umgang untereinander</h3>

Es gab und gibt in innerlinken Diskursen einen ziemlich aggressiven und teilweise rabiaten Ton, sei es auf dem Plenum, Orga-Treffen, Kneipendiskussionen oder auch nur in veröffentlichten Texten. Das ist auch nachvollziehbar, denn wir haben Politik nicht als rationale Auseinandersetzung, sondern als (nicht nur verbalen) gewaltförmigen Kampf gegen uns kennengelernt und erlebt, und wir haben auf ebensolche Weise kämpferisch und militant dagegen, d.h. nach Aussen agiert. Aber leider haben wir diese kämpferische Haltung auch nach Innen übernommen und kultiviert. Wenn ich hier „wir“ schreibe, dann sind damit nahezu sämtliche emanzipatorischen / linken Diskurs seit Beginn der Aufklärung (um 1700) gemeint. Diese Kritik ist auch als nachträgliche Selbstkritik zu verstehen und ohne einen selbstkritischen Binnenblick, hätte ich sie so nicht erarbeiten können.
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Das politische Selbstverständnis, den Feind zu suchen und ihn irgendwie in einem Kampf zu schlagen, haben wir fatalerweise auch intern beibehalten und mächtig viel Emotion und Energie im Kampf gegen „den Feind in den eigenen Reihen“ eingesetzt. Jede Abweichung von der eigenen politischen Linie wurde und wird dabei als Verrat und Angriff auf die eigene Position empfunden. Kritik und Hinweise auf Widersprüche solch eines Vorgehens zu humanistischen / anarchistischen Idealen wurden mit Hinweisen auf äussere Sachzwänge abgewiesen. Meistens war es der Repressionsdruck von Aussen, der linke Gruppen zusammen gehalten hat, und sobald dieser Druck nachliess, implodierten diese Gruppen. Aktuell scheint es mir, dass selbst dieser Effekt trotz des globalen und lokalen Rechtsrucks nicht mehr funktioniert.
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Die einzige Kritik an internen Umgangsformen, die aufgenommen wurde (weil sie musste) kam von feministischer Seite, auch als Kritik an der Gewalt durch Sprache<a href="#footnote-1" id="ref-1">[1]</a>. Da stand so mancher Szenemacker plötzlich wegen seiner privilegierten Rolle und als Reproduzent von Geschlechterherrschaft auf der falschen Seite der Barrikade. Das führte zwar zu männlicher Verunsicherung aber nur selten zu Lösungen, da die Kritik meist nicht angenommen und schon gar nicht als Ansatzpunkt für eine selbstkritische Reflexion toxischer Männlichkeit aufgenommen wurde. Das ist wohl bis heute so geblieben, denn zu einigen unserer Vorträge (aus der Reihe „antifa:debug“), in denen es um Konsenskultur oder toxische Männlichkeit in der Antifa ging, sind explizit diejenigen, die wir kritisch adressiert hatten, gar nicht erst erschienen, sondern nur Leute, die sich in den Diskussionen als sowieso wohlwollend den Themen und der Kritik gegenüber zeigten. Das ist ein Verhaltensmuster, das inzwischen aus vielen linken Strukturen berichtet wird.
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Die Folge dieses verbal gewaltförmigen Umgangs untereinander war, dass sich erschreckend viele Leute über kurz oder lang wieder aus der radikalen Linken verabschiedeten; Mitte der 80er war teilweise die Rede vom „autonomen Durchlauferhitzer“. Dass sich unter den Abgestossenen ein erheblicher Anteil an Frauen befindet und umgekehrt der Männeranteil in Strukturen und auf Treffen im Laufe der Zeit stieg und dominierte, sollte jede* Szenekundige* aus eigener Erfahrung bekannt sein. Zahlen von einem Männeranteil von nahezu 80 %, wie sie bspw. Vera Bianchi im Kontext der FAU für die 2000er Jahre ermittelt hat<a href="#footnote-2" id="ref-2">[2]</a>, haben sich nach meinen Wahrnehmungen bis heute nicht verändert und dürften für fast alle längerfristig angelegte linken Strukturen verallgemeinerungsfähig sein.
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Bei derartigen inneren Kämpfen und der dadurch einsetzenden Verhärtung von „Fronten“ fehlt natürlich jegliche Anziehungskraft für Andere. Und die politischen Auswirkungen sind sogar noch viel fataler: Jedes zur Zeit herrschende System produziert in jeder Minute neue Gegner*innen gegen sich selbst. Da müsste also „die Linke“ gar nicht nach neuen Mitstreiter*innen suchen und diese umwerben, die kämen von selbst, wenn sie eine gegen das herrschende System gerichtete Linke als offen und solidarisch empfinden würden. Aber systemkritische Gruppen oder Parteien vergraulen diese potentiellen Genoss*innen systematisch. Ausser für identitäre Abgrenzungen (und das auch noch begrenzt auf eine Szene-Blase) schaffen sie es weder zu zeigen, dass mensch auch anders miteinander umgehen kann, noch den Zweifler*innen und Verzagten über jetzt schon gelebte solidarische Umgangsweisen<a href="#footnote-3" id="ref-3">[3]</a> Mut zu machen. Das kann ich nach all den Jahren solch „linker“ Kriegerkultur nur noch als konterrevolutionär bezeichnen.

<h3>2. Kriegerkultur führt zum Tod der Dialektik</h3>

Im Kern meiner Kritik am linken Umgang mit den Corona-Massnahmengegner*innen<a href="#footnote-4" id="ref-4">[4]</a> steht der völlige Zusammenbruch des letzten Rests vermeintlicher Diskursfähigkeit. Zeigten sich vor 2020 schon grosse Probleme, inhaltlichen Diskussionen anhand von Argumenten zu führen und Gegenargumente dialektisch für eine inhaltliche Weiterentwicklung zu nutzen, verhärteten sich die Krieger*innen an allen Fronten. Der Gipfel des Ganzen war die Herabstufung von Wissenschaft bzw. einzelner Aussagen zu einer Religion „der Wahrheit“ und damit der Rückfall in das Zeitalter vor der Aufklärung.
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Nach meinen Analysen liegt die Ursache hierfür im militärischen Denken und Wahrnehmen, wie sie jeder Kriegerkultur zwangsweise innewohnt. Diese Ursache ist ein fundamental binäres Denken, das so schnell wie möglich Freund von Feind unterscheiden muss und Personen und Inhalte entweder in die gute / linke oder böse / rechte Schublade einsortieren muss – was in kriegerischen Situationen sinnvoll ist, aber keinesfalls in zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Hinzu kommt der militärische Zwang zur möglichst schnellen gut/böse-Bestimmung, was sich real nur über Oberflächlichkeiten erreichen lässt (weshalb Armeen ja irgendwann auch Uniformen eingeführt haben) und was im Laufe der Zeit auch zu einem entsprechenden binären Wahrnehmen geführt hat.
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So wie Raum eine politische Dimension ist, da die Einsatzreichweite eines einzelnen Räubers oder seiner militärischen Truppen jeden Herrschaftsbereich definiert, so ist auch Zeit eine politische Dimension: Wir benötigen (viel) Zeit, um Menschen kennenzulernen und (ein)schätzen zu können, um gelingende Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu gewinnen. Ebenso wie die Qualität einer Arbeit Zeit erfordert, wird die Qualität von Beziehungen durch die aufgewendete Zeit bestimmt.
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Aus all diesen (grob umrissenen) Gründen halten Krieger*innen daher weder Ambivalenzen noch Mehrdeutigkeiten oder widersprechende Blickwinkel aus. Solange wir diese tieferliegenden Ursachen nicht begreifen, nützen uns alle Appelle über bunte „Vielfalt“ u.ä. nichts, da sie notgedrungen eine lediglich oberflächliche Vielfalt implizieren und zudem einen an Oberflächlichkeiten (Klamotten, Frisur, Habitus etc.) orientierten sozialen Konformismus fördern und stabilisieren.<a href="#footnote-5" id="ref-5">[5]</a>
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Ebenso verhindert die Kriegerkultur die Lösung von Konflikten, nicht nur, weil binäres Denken und Wahrnehmen dem entgegenstehen, sondern auch weil die jeweils andere Konfliktpartei als auszugrenzender und zu überwältigender Feind angesehen wird, oder etwas abgeschwächt als Konkurrent*in: Jede Kriegerkultur enthält im Inneren / in ihrer DNA einen kriegerischen Umgang untereinander, der unweigerlich zu permanenter Konkurrenz führt, einer Konkurrenzkultur, die auch das Wesen aller herrschenden Systeme ausmacht. Der Kampf „aller gegen alle“ ist nicht in einer vorgeschichtlichen Frühzeit rassistisch konnotierter „Barbaren“ zu verorten, er herrscht in „zivilisierter“ Form hier und jetzt und der vorgebliche „Frieden“ ist, wie Thukydides vor 2400 Jahren richtig gesagt hat, nur ein Waffenstillstand in einem ewigen Krieg.
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Den Konkurrenzaspekt zu erwähnen ist an dieser Stelle wichtig, da das Kriegerische, das so gesehen auch leicht mit toxischer Männlichkeit zu identifizieren ist, alleine dem herrschenden Patriarchat kritisch zugewiesen werden könnte. Das blendet dann aber den Verhaltensanteil der Nicht-Männer aus, die aber über weniger offensichtliche / offensive Methoden der Konkurrenz ihren vollen Beitrag zur Gesamtscheisse leisten.
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All das steht einem emanzipatorischen Umgang entgegen, in dem Konflikte als Chance zur eigenen bzw. gemeinsamen Weiterentwicklung angesehen werden. Dass jeder ungelöste Konflikt im Stillen, gar im Unbewussten weiter gärt und uns dort auch noch Lebensenergie entzieht (Verdrängen und Gefühle unterdrücken kosten viel Energie!) und uns letztendlich echter Emanzipation beraubt, darf nicht länger ignoriert werden. Es gilt auch hier: Der Weg ist da, wo der grösste Schmerz liegt.

<h3>3. Organisierung und Konsensprinzip</h3>

Die undogmatische, anarchistisch orientierte Linke versuchte sich von Anfang an herrschaftsfrei zu organisieren. Dass das nicht so einfach ist und sich trotz Abwesenheit von organisatorischen Hierarchien so etwas wie informelle Hierarchien bilden können, wurde auch bald von einigen Wenigen registriert, aber in autonomen Zusammenhängen nicht ausreichend thematisiert, geschweige denn analysiert und damit auch nicht verhindert. Hierarchische Strukturen sind auch in der Linken allgegenwärtig, werden aber gut getarnt, teilweise durch die Selbsttäuschung eines nicht wahrhaben Wollens. Dabei ist diese Kritik uralt und wurde für nicht-hierarchische Strukturen erstmals 1972 in der US-amerikanischen Frauenbewegung thematisiert: Jo Freemans (Bewegungsname<a href="#footnote-6" id="ref-6">[6]</a> Joreen) Beschreibungen von Gruppenstrukturen und -dynamiken in Die Tyrannei in strukturlosen Gruppen<a href="#footnote-7" id="ref-7">[7]</a> ist bis heute aktuell.
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Im Kern geht es bei jeder Organisierungsfrage um die zugrundeliegenden Entscheidungsstrukturen und die zugehörige Kommunikation. Wie Joreen nachvollziehbar beschreibt, gibt es gar keine Strukturlosigkeit in Gruppen, daher reproduziert sich zwangsläufig in jeder Entscheidungsstruktur – und dazu zählen eben auch unabgestimmte und nicht definierte Strukturen und Prozesse – die von sozialer Prägung des herrschenden Systems übernommenen (Krieger*innen-)Strukturen und ungeklärte Konkurrenzverhältnisse. Der von Joreen vorgeschlagene Weg, erst einmal den Status Quo einer Entscheidungsstruktur (schriftlich) zu beschreiben, ist der erste Schritt zur Entwicklung zu einer herrschaftsfreien Struktur. Der zweite ist die kritische Analyse und daraus abgeleitete Lösungen. Das Alles aber bedarf einer Kommunikation untereinander, die die vorgenannten kriegerkulturellen Hemmnisse überwindet.
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Ein wichtiges Instrument der herrschaftsfreien Organisierung ist, Entscheidungen nicht nach dem Mehrheits, sondern nach dem Konsensprinzip zu fällen. Dahinter steht nicht nur die klare Ablehnung des Mehrheitsprinzips, das als Mehrheitsdiktatur über eine jeweils unterlegene Minderheitenposition verstanden wird, dahinter stehen auch schlechte Erfahrungen aus hierarchischen Strukturen mit ausgeprägter interner Kampfatmosphäre, seien es die K-Gruppen der 70er, der AStA, die Grünen oder andere parlamentarische Experimente. Diese Erfahrungen zeigten, dass hier weniger emanzipatorische Diskussionen liefen, als viel mehr ein mehr oder weniger dreckiger Kampf um ein >50% Abstimmungsergebnis für das jeweils eigene Anliegen.
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Das Konsensprinzip macht solchen Ambitionen einen Strich durch die Rechnung, denn es erfordert – theoretisch – Zustimmung oder zumindest Toleranz („Konsent“) von allen. In der Praxis wird für Entscheidungen meist ein eher „arithmetischer“ Konsens gefordert, der sich an einem schlicht etwas höherem Wert festmacht, wie z. B. 75%. Das kann so nur dann als „praktisch notwendig“ nachvollzogen werden, wenn den Teilnehmenden eine ihnen zugrundeliegende kriegerische Haltung als gesetzt unterstellt wird. Damit bewegt mensch sich aber bereits in einem politisch rechtsgerichtetem, negativen Menschenbild, und negiert indirekt jede Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Das ist in keiner Weise ein emanzipatorischer Ansatz. Er ist höchstens in kämpferischen Kontexten (gegen einen äusseren Feind) legitimiert, um (militärisch-)schnell zu Entscheidungen zu kommen und selbst dann müssten intern geäusserte Einsprüche im Nachgang mit mehr Zeit geklärt werden.
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Konsens bedeutet nicht Gleichschaltung oder Einstimmigkeit im Sinne von Deckungsgleichheit der Interessen. Konsens bedeutet auch etymologisch „Übereinkunft“, also einen Prozess. Das Konsensprinzip ist nicht nur eine rein formale Änderung der Entscheidungsfindung, bei der die Latte von 50% auf 100% hoch gesetzt wird. Nur das allein ändert gar nichts, denn wenn sich im Umgang untereinander sonst nichts ändert, kommt mensch nur in relativ homogenen Gruppen zu einem Konsens und in heterogenen Gruppen wird man schnell mit dem Phänomen der Minderheitsdiktatur konfrontiert. Um Entscheidungen im „Konsens“ zu treffen, benötigt mensch also noch viel mehr, etwas, was in den letzten zwanzig Jahren als Konsenskultur bezeichnet und thematisiert wurde.

<h3>4. Konsens als radikale Kultur von Wertschätzung, Kontakt, Verletzlich­keit</h3>

Die Überschrift dieses Kapitels ist der Titel eines sehr guten Textes von Joris Kern, der u.a. Ende 2017 in der Graswurzelrevolution veröffentlicht wurde<a href="#footnote-8" id="ref-8">[8]</a>. Joris betont in dem Text besonders, dass es um eine Änderung der Haltung, der inneren Einstellung geht und beleuchtet die Dinge aus dieser Perspektive.
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Zuerst wird die etablierte, herrschende (!) Kompromisskultur betrachtet:
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<em>»Ein Kompromiss heisst, dass alle Beteiligten Abstriche machen, um sich zu einigen“, wobei sie „mit der letztendlichen Lösung nur mässig zufrieden“ sind.«</em>
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Es wird dann das Verhalten beim Aushandeln von Kompromissen beschrieben, mit allen psychologischen Aspekten einer typischen Kampfatmosphäre, wie Unzufriedenheit, Missgunst, dem Gefühl sich verteidigen zu müssen, permanenter Konkurrenz, etc. Diese Form der Auseinandersetzung verfestigt und vertieft Gräben zwischen Personen und Gruppen und führt
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<em>»irgendwann zur Explosion (…), wenn das Mass der erträglichen Einschränkung erreicht oder überschritten ist.«</em>
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Und:<em>»Das Konsensprinzip mit einer Kompromisskultur-Haltung ausüben zu wollen, macht es zu nicht mehr, als zu einer komplizierteren Abstimmungsmethode.«</em>
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Als Gegenmodell beschreibt Joris die Konsenskultur als einen „radikal anderen Weg“:
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<em>»Konsens ist hier der Versuch, unter Freien und Gleichwertigen alle Bedürfnisse möglichst optimal zu berücksichtigen. Verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche sind nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teile eines noch zu gestaltenden gemeinsamen grösseren Bildes, in dem vieles Platz haben kann. Dahinter steht der Wunsch, dass es allen Beteiligten maximal gut geht und sie sich maximal gehört, gesehen, verstanden und wohlwollend behandelt fühlen sollen.«</em>
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[Für die Konsensfindung] <em> »zerlegt</em> [mensch] <em>die Wünsche und Bedürfnisse in immer genauere Bausteine, um dann aus dem entstandenen grossen Puzzle eine Lösung zusammenzubauen, die möglichst viele der Bausteine enthält. Im Prozess der Verhandlung werden die Perspektiven weiter und vielfältiger, statt enger. Statt um verschiedene Bedürfniserfüllungsstrategien zu streiten, geht es um das Erschaffen einer gemeinsamen Strategie, in der möglichst alle Bedürfnisse erfüllt werden.«</em>
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Dafür ist es erforderlich, die eigenen Bedürfnisse sich selber bewusst zu machen, sie genau zu äussern und umgekehrt die Bedürfnisse anderer möglichst genau zu verstehen. Das erfordert aktives Zuhören und Empathie. Es erfordert auch
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<em>»Wohlwollen, das ehrliche Interesse aneinander, die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Strukturen (also Ängsten, Vorstellungen von Richtig und Falsch, Stress-Strategien etc.) auseinanderzusetzen, sich ehrlich zu zeigen und für sich einzustehen und genau diese Fähigkeiten auch an anderen wertzuschätzen“. [So eine] „radikale Kultur (…) aufzubauen schafft viel Vertrauen, braucht aber auch Mut.«</em>
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[Um] <em>»(…) einen wirklichen Konsens unter Freien und Gleichwertigen zu finden, ist es notwendig, dass die Beteiligten sich sicher, willkommen, wertgeschätzt und respektiert fühlen. Auch die Angst vor sozialen Sanktionen macht Menschen unfrei. Wir alle können unser Bestes tun, um anderen diese Freiheit zu geben und [wir alle] haben das Recht, eine solche Haltung uns selbst gegenüber einzufordern. Ausserdem ist es sinnvoll und notwendig, Ungleichheiten, die ein hierarchisches Gefälle zur Folge haben, strukturell auszugleichen oder zumindest sichtbar und bewusst zu machen.«</em>
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Solch eine Form von Kommunikation wurde auch von Marshall B. Rosenberg als Gewaltfreie Kommunikation (GfK) propagiert<a href="#footnote-9" id="ref-9">[9]</a>, wobei er die von mir hier als „kriegerisch“ beschriebene Sprache „Wolfssprache“ nennt, was ich aber zum einen den Wölfen gegenüber als unfair und erniedrigend empfinde und was zum anderen die tieferliegende Ursache und damit gewisse Lösungswege vernebelt. Um hier niemanden mit der inzwischen umfangreichen Literatur zu Rosenberg zu erschlagen, sei auf eine lesenswerte Auseinandersetzung mit GfK aus Anarchi-Sicht von Katja Einsfeld in der Graswurzelrevolution 341 (2009) verwiesen<a href="#footnote-10" id="ref-10">[10]</a>.
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Als Beispiel für erste Umsetzungen dieser Idee sind moderierte Versammlungen mit gewichteten Redner*innenlisten zu nennen: Die Moderator*innen haben dabei die Aufgabe, Neutralität im Sinne einer ergebnisoffenen Haltung einzunehmen und sich um Vermittlung, Ausgleich und Konsensfindung zu bemühen. Die Gewichtung von Redner*innenlisten soll dabei Personen, die noch nichts oder ganz wenig gesagt haben, in der Redner*innenliste bevorzugen, was aber jeweils unbedingt transparent gemacht werden muss.
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Ergänzen möchte ich solche Ansätze noch durch das Format der Gruppenmoderation, wie sie im anarchistischen HierarchNIE!-Reader<a href="#footnote-11" id="ref-11">[11]</a> als Lösung für möglichen Machtmissbrauch einer Moderationsrolle vorgeschlagen wurde. Damit habe ich in der Zeit nach der Corona-Implosion in neu gegründeten Gruppen sehr positive Erfahrungen gemacht: Wenn alle für die Moderation zuständig sind, achten alle auch viel mehr aufeinander, was die notwendige Achtsamkeit (s.u.) fördert. Aus diesen Treffen bin ich dann auch – zum ersten Mal nach Jahrzehnten – mit mehr Energie rausgegangen, als ich reingegangen bin.
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Joris setzt den neuen Ansatz in einen grösseren politischen Kontext, der so nicht nur der von der Frauenbewegung propagierten „Politik der ersten Person“<a href="#footnote-12" id="ref-12">[12]</a>entspricht, sondern zugleich eine Perspektive zum Aufbau einer anderen Gesellschaft im Hier und Jetzt aufzeigt:
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<em>»Zusammengehörigkeit und Solidarität über gemeinsame Feind*innen herzustellen (…) schafft aber an sich noch kein tieferes Vertrauen und ist oft nicht in der Lage, langfristige Verbindungen und gesellschaftliche Veränderung zu schaffen. Eine friedliche und gesellschaftlich tragfähige Struktur aufzubauen, funktioniert nicht, wenn diese nur dann tragfähig ist, solange sie Feind*innen hat.«</em>
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<em>»Langfristiges Zusammengehörigkeitsgefühl und Vertrauen stellt sich über Gemeinsamkeiten her. Auch die Bereitschaft zur Klärung von Konflikten wächst ungemein, wenn es über den Konflikt hinaus auch verbindende Elemente, Wertschätzung und Vertrauen gibt. Diese Art von Kennenlernen dauert manchmal länger und ist u.U. mühsamer, besonders, weil viele von uns daran nicht gewöhnt sind. Die Übung besteht darin, nach möglichen Verbindungen statt Differenzen Ausschau zu halten, welche zu schaffen und mindestens ebenso viel Wertschätzung zu geben wie Kritik und Problemgespräche.«</em>
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Wichtig ist aber auch, dass
<br><br>
<em>»Alle Beteiligten (…) die Möglichkeit haben [müssen], bei einer Nichtvereinbarkeit der Bedürfnisse getrennte Wege zu gehen. Im Idealfall werden sie dabei von den anderen wertschätzend unterstützt. Auch das gehört zu den vielen Möglichkeiten von Konsens. Konsens ist auch die Kunst, einen weiten Blick zu eröffnen oder zu behalten und im Falle der Unvereinbarkeit getrennte Wege zu gehen.«</em>
<br><br>
Zum Schluss plädiert Joris dafür
<br><br>
<em>»“einfach an[zu]fangen“ […] Statt darauf zu warten, dass die perfekte Gruppe, die richtigen Menschen, die perfekten Partner*innen vorbeikommen, mit denen es dann endlich funktioniert, die eigene Therapie abgeschlossen oder ein besserer Zeitpunkt da ist (…)«</em>
<br><br>
4. Zusammenfassung und Ausblick
<br><br>
Es gibt einen grossen Unterschied zwischen dem Konsensprinzip und einer Konsenskultur:

<ul class="liste">
<li class="liste">Ein Konsensprinzip mit einer Kompromisskultur-Haltung – letztendlich einer kriegerischen Haltung untereinander – stellt nur eine anspruchsvollere Zählmethode bei Entscheidungen dar, das zu Unzufriedenheit und Verfestigung von Gräben führt.</li>
<li class="liste">Eine Konsenskultur ist ein Prozess einer tiefgehenden Lösungsfindung, bei dem möglichst alle Bedürfnisse optimal berücksichtigt werden. Ein Prozess, der Vertrauen schafft und Kraft gibt.</li>
</ul>

Die Voraussetzungen, die für alle Seiten gelten müssen, sind:

<ul class="liste">
<li class="liste">Empathie und aktives Zuhören</li>
<li class="liste">Offenheit</li>
<li class="liste">Sicherheit</li>
<li class="liste">Wertschätzung und Wohlwollen</li>
<li class="liste">Achtung / Respekt</li>
</ul>

So eine Kultur einzuführen ist im besten Sinne eine Kulturrevolution! Wir müssen uns in unseren Zusammenhängen eine Konsenskultur erarbeiten und pflegen, um das permanente Scheitern von kollektiven Strukturen zu verhindern.
<br><br>
Abschliessend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die hier vorgetragenen Inhalte nicht nur für politische Gruppen gelten, sondern im Grundsatz für jede Form zwischenmenschlicher Beziehung.<p><em></em><p><small><b>Fussnoten:</b>
<br><br>
<a href="#ref-1" id="footnote-1">[1]</a> Senta Trömel-Plötz: Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 1984.
<br><br>
<a href="#ref-2" id="footnote-2">[2]</a> Vera Bianchi, Die Initiative „FAU sucht Frau“ in den 2000er Jahren. In der in Making History (herausgegeben von Susanne Boehm, Jule Ehms, Bernd Hüttner u. Robert Kempf, Westfälisches Dampfboot, Münster 2025, S.83ff) abgedruckten Version ist laut Vera der Titel falsch mit „… in den 1990er Jahren“ angegeben.
<br><br>
<a href="#ref-3" id="footnote-3">[3]</a> Siehe Fussnote 12 (S. 6) zur „Politik der ersten Person“.
<br><br>
<a href="#ref-4" id="footnote-4">[4]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Die_Implosion_der_Radikalen_Linken.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2024/08/Die_Implosion_der_Radikalen_Linken.pdf</a>
<br><br>
<a href="#ref-5" id="footnote-5">[5]</a> Anmerkung: Diese Oberflächlichkeit haben sich alle bekannten Spitzel in der linken Szene zu Nutze machen können und umgekehrt ist deren fehlende inhaltliche Tiefe / „inneres Feuer“ ein erstes Indiz für ihre Falschheit.<br>
<a href="#ref-6" id="footnote-6">[6]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.jofreeman.com/joreen/joreen.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.jofreeman.com/joreen/joreen.htm</a>
<br><br>
<a href="#ref-7" id="footnote-7">[7]</a> Jo Freeman, The Tyranny of Structureless, finale Version in Vol. 2, No. 1 of The Second Wave (1972). Download auf deutsch (u.a.) unter <a class="fussnoten_links" href="https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2026/03/Jo_Freeman_-_Die_Tyrannei_in_strukturlosen_Gruppen.Uebersetzung-DB.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2026/03/Jo_Freeman_-_Die_Tyrannei_in_strukturlosen_Gruppen.Uebersetzung-DB.pdf</a>
<br><br>
<a href="#ref-8" id="footnote-8">[8]</a> <a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2017/10/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2017/10/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit/</a>
<br><br>
<a href="#ref-9" id="footnote-9">[9]</a> Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation: Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen – Neue Wege in der Mediation und im Umgang mit Konflikten; Originalausgabe: Nonviolent Communication. A Language of Compassion, 1999; dt. 2001 bei Jungfermann Verlagsbuchhandlung, Paderborn, 4. Auflage 2003
<br><br>
<a href="#ref-10" id="footnote-10">[10]</a> Katja Einsfeld: Ist Gewaltfreie Kommunikation gelebte Anarchie?, GWR 341, September 2009; online: <a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/</a>
<br><br>
<a href="#ref-11" id="footnote-11">[11]</a> Projektwerkstatt (<a class="fussnoten_links" href="https://projektwerkstatt.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://projektwerkstatt.de/</a>), HierarchNIE!, Saasen 2006; über den Link bestellbar oder online als PDF-Download (<a class="fussnoten_links" href="https://projektwerkstatt.de/media/text/topaktuell_hoppetosse_evu_evu_reader.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://projektwerkstatt.de/media/text/topaktuell_hoppetosse_evu_evu_reader.pdf</a>)
<br><br>
<a href="#ref-12" id="footnote-12">[12]</a> Siehe <a class="fussnoten_links" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Politik_der_ersten_Person" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Politik_der_ersten_Person</a>. Damit war sicherlich in erster Linie gemeint, dass die Genossinnen nicht bis „nach der Revolution“ warten wollen/können, bis sich Sexismus und patriarchale Unterdrückung in ihrem Umfeld abbauen. Der prinzipielle Gedanke taucht übrigens auch in Mahatma Gandhis Ausspruch „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“ auf.
<br><br>
<b>Anhang</b>
<br><br>
<b>Links</b>
<br><br>
Allgemein zum Konsensprinzip:<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/1996/06/mehrheitsdiktatur-und-konsensprinzip/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/1996/06/mehrheitsdiktatur-und-konsensprinzip/</a><br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2005/03/der-irokesenbund-als-egalitare-konsensdemokratie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2005/03/der-irokesenbund-als-egalitare-konsensdemokratie/</a>
<br><br>
Der Artikel von Joris Kern:<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://kritisches-netzwerk.de/forum/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kritisches-netzwerk.de/forum/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit</a><br>
PDF: <a class="fussnoten_links" href="https://www.magazin-auswege.de/data/2018/02/Kern_Konsenskultur.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.magazin-auswege.de/data/2018/02/Kern_Konsenskultur.pdf</a><br>
(Neue) Homepage von Joris: <a class="fussnoten_links" href="https://konsenskultur.net/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://konsenskultur.net/</a>
<br><br>
Antwort auf den Artikel von Joris Kern:<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2017/11/robuste-konsenskonzepte/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2017/11/robuste-konsenskonzepte/</a>
<br><br>
Antwort von Joris Kern wiederum auf die Kritik:<br>
<a class="fussnoten_links" href="http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/gras1718.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/gras1718.html</a>
<br><br>
<b>Thema „GfK“:</b><br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/</a><br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2010/01/von-der-konfrontation-zuruck-zum-bitten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2010/01/von-der-konfrontation-zuruck-zum-bitten/</a>
<br><br>
Gute Seiten zum Thema Konsenskultur:<br>
<a class="fussnoten_links" href="http://transform-social.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://transform-social.org/</a> (Viele super Texte und weiterführende Links!)<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://wirliebenkonsens.wordpress.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://wirliebenkonsens.wordpress.com/</a>
<br><br>
Zum Thema Konsens beim Sex:<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://konsenslernen.noblogs.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://konsenslernen.noblogs.org/</a> (Super Broschüre!)<br>
<a class="fussnoten_links" href="https://www.www-mag.de/debatten/beitrag/konsens-sprechen-lernen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.www-mag.de/debatten/beitrag/konsens-sprechen-lernen</a>
<br><br>
<b>Literatur</b>
<br><br>
Ralf Burnicki:<br>
Anarchismus und Konsens. Gegen Repräsentation und Mehrheitsprinzip: Strukturen einer nichthierarchischen Demokratie.<br>
Verlag edition av, Frankfurt 2002, ISBN 3-936049-08-4.<br>
(Rezension in der GWR: <a class="fussnoten_links" href="https://www.graswurzel.net/gwr/2003/10/nachdenken-uber-eine-herrschaftsfreie-zukunft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.graswurzel.net/gwr/2003/10/nachdenken-uber-eine-herrschaftsfreie-zukunft/</a>)<br>
Senta Trömel-Plötz (Herausgeberin):<br>
Gewalt durch Sprache: Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen<br>
1984 FISCHER Taschenbuch Verlag, ISBN 3-596-23745-9.<br>
2005 mit einem aktualisierten Vorwort der Herausgeberin, Milena Verlag, ISBN 3-85286-120-9.
<br><br>
<b>„Community Accountability“(Gemeinschaftsverantwortung)</b>
<br><br>
… ist eine gemeinschafts- und nicht polizei- und gefängnisbasierte Strategie, um auf Gewalt, einschliesslich häuslicher und sexueller Gewalt und Kindesmisshandlung, zu reagieren. Sie zielt darauf ab, dass eine Gemeinschaft – ein Freundeskreis, eine Familie, eine Gemeinde, eine Arbeitsstätte, ein Appartement-Komplex, die Nachbarschaft etc. – prozesshaft zusammenarbeitet, um folgendes zu verwirklichen:
<br><br>
Werte und Methoden, die sich Gewalt und Unterdrückung entgegenstellen, und Sicherheit, Unterstützung und Verantwortung fördern, entwickeln und festigen.<br>
Strategien entwickeln, um auf verwerfliches Verhalten von Gemeinschaftsmitgliedern zu reagieren und ihnen zu helfen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und es zu ändern.<br>
An der Weiterentwicklung der Gemeinschaft und aller ihrer Mitglieder arbeiten, um die politischen Verhältnisse zu ändern, die Unterdrückung und Gewalt begünstigen.<br>
Gemeinschaftsmitgliedern, die gewaltsam angegriffen wurden, Sicherheit und Unterstützung bieten und dabei ihre Selbstbestimmung achten
<br><br>
„Transformative Justice“:<br>
→ <a class="fussnoten_links" href="https://www.transformativejustice.eu/de/about/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.transformativejustice.eu/de/about/</a>
<br><br>
<b>Differenziertes Konsensstufen Modell</b>
<br><br>
1. Volle Zustimmung<br>
„Ich stimme dem Lösungsvorschlag zu.“
<br><br>
2. Leichte Bedenken<br>
„Ich stimme zu, habe aber leichte Bedenken.“
<br><br>
3. Enthaltung<br>
„Ich überlasse euch die Entscheidung, bin bei der Umsetzung aber dabei.
<br><br>
4. Beiseite stehen<br>
„Ich kann den Vorschlag nicht vertreten, lasse ihn trotzdem passieren (beteilige mich aber nicht).
<br><br>
5. Schwere Bedenken<br>
„Ich habe schwere Bedenken und wünsche mir eine andere Entscheidung.“
<br><br>
6. Veto<br>
„Der Vorschlag widerspricht grundsätzlich meinen Vorstellungen. Er darf nicht beschlossen bzw. ausgeführt werden.“
<br><br>
(Aus: <a class="fussnoten_links" href="https://www.arbeitsstelle-kokon.de/konstruktive-konfliktbearbeitung/konsensmoderation/konsensstufen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.arbeitsstelle-kokon.de/konstruktive-konfliktbearbeitung/konsensmoderation/konsensstufen</a> )
<br><br>
Aus „Konsensieren“ von <a class="fussnoten_links" href="https://wunschnachbarn.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://wunschnachbarn.de/</a> (Kölner Wohnprojekt):
<br><br>
Nach dem Leitsatz „Widerstände sind noch nicht entdeckte Bedürfnisse“, wird allen unter­schiedlichen Positionen (insbesondere auch ‚Widerständen' und damit verbundenen Bedürf­nissen) eine besondere Wertschätzung entgegengebracht, indem sich die Gruppe für die ge­naueren Hintergründe interessiert. Nach dieser qualitativen Erforschung können oft neue, tragfähigere Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden.</small>]]></description>
<pubDate>Tue, 26 May 2026 10:48:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/theorie/der-umgang-mit-konflikten-in-linken-strukturen-009685.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Abgehängt und ausgenutzt: Wie rechte Populisten die ländliche Leere füllen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/abgehaengt-und-ausgenutzt-wie-rechte-populisten-die-laendliche-leere-fuellen-009688.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Zu Zeiten unserer Altvorderen wurden in den Dörfern die grössten und schönsten Ochsen am Pfingstsonntag mit Kränzen, Blumen und Musik zum ersten Weidegang von den Fleischfressern durch den Ort getrieben: Raus aus der Massentierhaltung.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Die_Gartenlaube_(1894)_b_337_w.webp><p><small>Der Umzug des Pfingstochsen in Mecklenburg.  Foto: <a class="caption_main_author" href="link" target="_blank" rel="noreferrer noopener">F. Müller-Münster</a> (PD)</small><p>Egal – auch ihr Ende war vorhersehbar, wie das der Treiber, weiss meine Omi Glimbzsch aus Zittau. „Wesste nich mehr, Peter, damals?“
<br><br>
Die rechten Populisten im stärker werdenden strukturschwachen ländlichen Raum reiben sich die Hände: Sie nutzen meisterlich dieses Abgehängtsein von Trecker, Ochs und Knecht, den Verlust von Infrastruktur, die Sehnsucht nach Heimat, nach Identität, nach Stall – der kann Deutschland, Polen oder Frankreich heissen, Hauptsache Erde. Auf ihr keimen die rechten Saaten der Kümmerer:
<br><br>
Die national gesinnten Akteure besetzen mehr und mehr und längst die Reste des Dorflebens. Viel ist es nicht. Sie fordern Wärmestuben und Erinnerungstafeln, sitzen im Schützenverein, lieben Ampeln gegen keinen Verkehr, Busanbindung und Lätzchen für den Kindergarten - Kinder sind das knappste Gut - bieten praktische Nachbarschaftshilfe, organisieren Feiern und Kinderfeste, bauen Sandburgen und pflegen Gemeinschaftsgärten und Wanderwege.
<br><br>
Möglich, dass es der letzte Aufstand ist gegen kapitalistisches Gesundschrumpfen. In Sachsen-Anhalt wird sich das deutsche Landvolk so oder so um 20 – 25 Prozent reduzieren, in Baden-Württemberg können es 8 - 12 Prozent werden. Dagegen ist kein Filderkraut gewachsen. Zukunft hat absehbar nur der Erlebnispark bei Trippsdrill.
<br><br>
Am 25. Mai 1961 warb John F. Kennedy für einen bemannten Mondflug – 65 Jahre später ist ein Leben hinter dem Mond eher der Normalfall. Für die Provinzen unserer Welt gilt: Je dünner die demokratische Presse wird, desto dicker werden die Populisten.
<br><br>
PS: Erinnerung an 's Staatsversagen:
<br><br>
CumEx ist der grösste deutsche Steuerskandal. Na und?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 26 May 2026 08:39:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/abgehaengt-und-ausgenutzt-wie-rechte-populisten-die-laendliche-leere-fuellen-009688.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Über Bäume, Pässe und eine neue Weltordnung am Bürgenstock]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/ueber-baeume-paesse-und-eine-neue-weltordnung-am-buergenstock-009684.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Es ist gewiss, das Ei meiner Mutter wurde befruchtet und dann fing es an, sich in mich aufzuteilen, zuerst zwei, dann vier, acht und so weiter. Immer eine Verdoppelung.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Buergenstock_im_Morgenlicht_w.webp><p><small>Hotelkomplex Bürgenstock im Morgenlicht.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Buergenstock_im_Morgenlicht;_Falcon8-Luftaufnahme.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Emanuel Ammon - AURA</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)</a></small><p>Danach musste ich atmen lernen, aber ich konnte es einfach, weil ich dafür gebaut wurde. Es hätte schieflaufen können, aber meine Vorfahren haben dies schon so viele Male geübt, dass ich es auch gut konnte. Danach wurde ich immer mehr zu einem Menschen. Ich lernte die Sprache, dass es Dinge gibt, die so sind, dass meine Eltern immer da sind, dass mein Zuhause immer das gleiche ist. Mit den Nummern konnte ich rechnen und ganz genau berechnen. Vorausplanen und mich darauf freuen. Ich lernte und lernte.
<br><br>
Die fröhliche Wissenschaft. Ich wurde älter, wie meine Zeitgenossen. Ich verstrickte mich immer mehr in soziale Flechten. Sie wurden undurchschaubar, wirr und nervtötend. Es wollte nicht aufhören, nie, keine Pause, kein Entkommen. So fühlte es sich an. Bis ich zufällig oder auch nicht, wieder erkannte, dass ich wieder ein Kind sein sollte.
<br><br>
Es gibt Sachen in unserer Welt, die seit Generationen gewiss sind. Das Wasser fliesst bergab. Die Sonne wärmt uns. Der Mond hat immer das gleiche Gesicht, im Gegensatz zu Menschen, die unberechenbar sein können. So stellte ich fest, dass ich die Zeit mit Menschen einschränken muss, um gesund zu bleiben. Dadurch erhielt ich eine gesunde Distanz, die mir ermöglichte, alles jederzeit hinterfragen zu können. Ich stellte fest: Die Beziehungen zu Menschen stahlen mir Zeit.
<br><br>
Die Philosophie wurde ein Genuss, Gedankengänge zu Musik, Musikstücke zu Geschichten. Die Natur ohne Menschen um mich herum zum treuesten Freund. Weil sie gewissenhaft ist. Der Baum steht neben mir, bis er fällt. Manchmal bewegt er sich vom Wind oder seine Äste werden vom Schnee heruntergedrückt. Der Baum ist aber immer da, immer freundlich. Nur freundlich! So wie die Steine oder der Fels, der Himmel und die Sterne, die darin in der Nacht funkeln.
<br><br>
Ja, es soll ominöse schwarze Löcher geben, aber das ist keineswegs bewiesen, falls dies überhaupt bewiesen werden kann. Und wenn auch? Die sind so weit weg, das betrifft mein Leben einfach überhaupt nicht. Epikur meinte zu den Göttern, ihr Getue sei so weit entfernt von uns, dass wir sie unser Leben lang praktisch ignorieren können.
<br><br>
Nichts ist wahr und alles ist erlaubt. Das klingt zuerst wie eine zerstörerisch auflösende Devise. Darauf kann ich aber aufbauen, so wie die Bäume auf ihrem Bauplan oder das Baby das atmet, ohne jemals Luft geschnappt zu haben. Das sei die Devise der gefürchteten unbesiegbaren Assassinen, meinten Nietzsche und seine Zeitgenossen. Die Idee war: Erst durch diese Einstellung konnten diese Assassinen überhaupt so stark werden.
<br><br>
Dieses Denken machte sie so stark. Und so stark können alle von uns sein, so stark wollen alle sein und alle versuchen es auf ihre Art und Weise. Wir haben nicht alle die gleichen Aufgaben und niemand ist in der gleichen Zeit und am gleichen Ort auf die Welt gekommen. Gewisse Aufgaben teilen wir aber alle. Wir atmen, wir brauchen Nahrung und soziale Kontakte.
<br><br>
Wir haben unterschiedliche Umgangsformen an unterschiedlichen Orten entwickelt. Unsere Nahrung wächst am Boden, dort sind auch die Ressourcen, die unseren Glauben an den wirtschaftlichen Fortschritt aufrechterhalten. Es gibt viel mehr Ungewisses als Gewisses, darum halten wir uns wohl an das Gewisse(n). Macht ja auch Sinn, daraus können wir dann vieles leiten, auslegen und versuchen zu adaptieren.
<br><br>
Das nennt sich auch Empirie oder Glauben – Lernen. Trauen wir uns nicht, zu lernen, selber zu denken, glauben wir an vorgedachtes. Ist wohl etwa so ungesund wie verarbeitete Nahrung zu essen im Gegensatz zu Rohkost. Das ist im Grunde ja nichts falsches, wir ernähren uns auch zuerst von der Muttermilch und bekommen dann vorsichtig die Realität zu spüren. Manche werden aber auch einfach ins kalte Wasser geworfen.
<br><br>
Ja, der Mensch, also ich meine, ja, die Menschen um mich herum. Einige liebe ich und die sind mir sehr wichtig. Mit der christlichen Moral im Rucksack versuche ich niemanden zu hassen. Schliesslich will doch niemand gehasst werden. Liebe deinen Nächsten, wie ich selber geliebt werden will. Der Sophist Thrasymachos aus den Geschichten von Platon würde mich abgrundtief auslachen und als blinden, naiven, kurzlebigen Menschen bemitleiden, nein! Nicht einmal bemitleiden; verachten und versklaven würde er mich!
<br><br>
Ja so ist es, Lebewesen bewegen sich und sie kommen schnell in Berührung mit anderen Lebewesen, dadurch müssen sie einen Umgang festlegen und dieser ist bei jedem Lebewesen unterschiedlich. So wie es unterschiedliche Bäume gibt, die sich für unterschiedliche Umgänge mit der Welt entschieden haben, haben auch Thrasymachos und ein Christ unterschiedliche Weltanschauungen und Umgänge.
<br><br>
Die Fichten haben seit Jahrmillionen Nadeln, der Bambus wächst ganz schnell, Laubbäume verlieren im Winter ihre Blätter. Sie bewegen sich nicht gross im Raum, nur nach oben in einem ziemlich konstanten Wachstum. Wer meint, deswegen seien wir den Bäumen überlegen, oder Thrasymachos dem Christen, täuscht sich. Ja, wir könnten alle Bäume ausrotten, aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir damit uns auch selbst ausrotten würden. Wir sind in einer Abhängigkeit miteinander.
<br><br>
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt und somit möglich. Und weil alles möglich ist, haben wir eine schier unendliche Vielfalt auf dieser Welt. Es hängt so ziemlich alles miteinander zusammen, drehen wir da, passiert dort das, aber auch dieses, schauen wir dort, sehen wir etwas und übersehen das andere, helfen wir da, überfordern wir dort, und so weiter und so fort. Eine rote Fläche absorbiert den restlichen blauen Teil des Sonnenlichtes, den wir nicht sehen und nur durch genaue Beobachtungen und Experimente feststellen können.
<br><br>
Ein Klang kann wegen des Gesetzes der Oktaven andere Materialien zum Schwingen bringen, bis sie kaputtgehen. Das ist dann die sogenannte positive Rückkopplung. Das nennt sich auch Schneeballeffekt, Musiker kennen es als Rückkopplung mit Mikrofon und Verstärker. Oder, wie am Anfang, die Zellteilung. Das sind im Grunde regulierende Prozesse. Denn wenn es zu viel wird, explodiert der Verstärker oder das Weinglas, die Lawine löst sich, das Lebewesen hat seine vorgesehene Grösse erreicht. Darum sagt Epikur, dass das Böse oder Schmerzen nie lange andauern. Das Leben heilt ständig. Es baut immer auf das Bewährte, so wie die Jahrmillionen alten Fichten, die nicht so wachsen wie der Bambus.
<br><br>
Wir stehen ständig in Kontakt mit den Veränderungen der Umwelt, wie unser Immunsystem, das sich ständig austauscht, verhandelt und so wenig Energie wie nur möglich vergeudet, für das Leben. Die Veränderungen, die nicht verändert werden können, müssen adaptiert werden. Ein Konsens muss gefunden werden, um weiterzuleben. Das ist auch ein natürlicher, friedlicher Prozess. Ein Baum wächst um den Stein herum. Kein Virus will den Wirt töten.
<br><br>
Wir werden immer älter, wir lernen immer mehr dazu. Nicht alle dasselbe, aber wir werden älter, sofern wir noch wollen. Feststellen tun aber alle, dass die Welt nicht so ist, wie sie zuerst zu sein scheint. Das hat verschiedene Gründe: Sie ändert sich tatsächlich immer wieder. Das Magnetfeld ist immer wieder anders, schon nur dadurch ändert sich das Wachstum und der Wuchs überhaupt. Die Nadelbäume sahen vor Jahrmillionen einiges anders aus, denn die Umwelt war eine andere. Der Mensch kann meistens im Alter skeptischer werden und dadurch Aberglauben und Lügen feststellen. Diese können wiederum frustrieren, so wie das Altern überhaupt.
<br><br>
Lebewesen sind im Gegensatz zu den Pflanzen viel nervöser und rumpelsurrig, sie können gar nicht stillsitzen wie ein Baum, sie haben einen anderen Bauplan und somit andere Möglichkeiten. Entstehen viele davon, ergeben sich praktische Prozesse und Systeme, wie die natürliche Selektion im Wald oder Kooperationen von Fischen im Meer, Rudelbildungen von Wölfen, menschliche Sippen und Dörfer oder Staaten. Die letzteren sind etwas ganz Neues, kaum Erprobtes und existieren nur als Gedankenkonstrukt, die aber einen real existierenden Effekt auf das Leben haben.
<br><br>
Da nichts wahr und alles erlaubt ist, entstehen solche Prozesse oder Systeme, die eine Weile oder vielleicht auch für immer bleiben, weil sie sich als praktikabel und bewährt erweisen. So wie zum Beispiel der Bauplan einer Fichte. Natürlich könnte theoretisch auch der Fall eintreffen, der wahrscheinlich nie eintrifft. Aber der trifft nie ein, da er sehr unwahrscheinlich ist. Das verhält sich gleich wie mit den Schwarzen Löchern. Das ist so unwahrscheinlich, dass wir es ausblenden müssen, da es sonst nur hinderlich ist.
<br><br>
In meinem Leben habe ich viele verschiedene Staatenbildungen erlebt. Mein erster Pass war ein Jugoslawischer, dann ein Serbien-Montenegrinischer, danach ein Serbischer, dann ein Schweizer Pass und der Neueste ist ein Kosovarischer. Die habe ich alle schön auf der Seite, das ist eine schöne Sammlung. Wer weiss, wie es weitergeht. Denn, was ist schon wahr? Was kommt wohl als nächstes? Aus der Sicht eines Baumes sind Staatenbildungen wohl so rumpelsurrig wie für uns ein Ameisenhaufen. Physiker und Astronomen nehmen Teilchen wahr, die ständig und in einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit durch uns und so ziemlich durch alles durchdringen ausser vielleicht Blei. Neutrinos werden sie genannt.
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So verhält sich wohl unsere Politik und ihre Kommunikation zu den Bäumen. Was machen uns diese Neutrinos? Nichts. Gar nichts. Na ja, nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Also, wir wissen nicht, was sie in uns bewirken. Wir stellen aber keine Wirkung fest, es betrifft unser Leben kaum, würde Epikur sagen, so wie das Getue von den Göttern. Die Welt ist so fest miteinander verwoben, dass es kein Gift ohne Gegengift gibt, keine Möglichkeit, die nicht eintreffen könnte. Gibt es etwas BEFREIENDERES?
<br><br>
Das Ende der Gewissheit – wo, bitte, gibt es Sicherheit? Darum lautet meine Antwort zu der Frage: Sehr wohl gibt es Gewissheit! Und zwar ganz viel. Lernen wir die Ungewissheit, als etwas Gutes wahrzunehmen, entdecken wir unendliche Möglichkeiten, die wirklich real existieren können. Dadurch können wir uns die beste Welt vorstellen und machen. Sicherheit wird erst zu einem Ort, wenn wir einen wachen Zustand erreichen, in dem wir alles für möglich halten, uns jeglichen Gedanken erlauben und nichts als wahr definieren, ausser, was wir wollen, damit wir das Beste für unsere Zukunft schaffen.
<br><br>
Was heisst das für uns? <br>
Alles Bedenken!
<br><br>
Nichts ist absolut gesetzt, darum müssen wir verantwortlich denken.
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Zum Beispiel: Alle Staatsoberhäupter sollen sich auf dem Bürgenstock versammeln und eine neue Weltordnung aushandeln, die Schweiz organisiert es. Wieso nicht? Es kann ja nur besser werden! Alle legen auf den Tisch, was sie wirklich wollen, und dann versucht man sich zu einigen und sie schliessen neue Verträge, da die alten offensichtlich verjährt sind.
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Nichts ist absolut wahr.<br>
Nicht alles ist gut.<br>
Darum ist alles möglich.
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Was können wir noch gewagtes denken?<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 25 May 2026 10:33:00 +0200</pubDate>
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</item>

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<title><![CDATA[Rohstoffplatz Schweiz: Auf sechs Kontinenten aktiv]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/unternehmen/rohstoffplatz-schweiz-auf-sechs-kontinenten-aktiv-009437.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Schweizer Rohstoffkonzerne besitzen und betreiben heute knapp 200 Bergwerke. Am häufigsten fördern sie den Klimakiller Kohle, aber auch für die Energiewende begehrte Transitionsmineralien wie Kupfer und Kobalt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Flight_from_Buenos_Aires_to_Lima_w.webp><p><small>Kupfer-Mine von Glencore in Collahuasi Ujina, Chile.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flight_from_Buenos_Aires_to_Lima_-_the_giant_Collahuasi-Ujina_Copper-Silver_mine_at_4000m_in_the_Andes_(in_Chile)_just_W_of_the_Salaar_de_Uyuni_(Bolivia)_-_(26796598051).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Murray Foubister</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Public Eye hat diese Minen in einer umfassenden Recherche erstmals kartiert. Zehn Fälle illustrieren: Vertreibungen, Umweltzerstörung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen gehören zum Geschäftsmodell.
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Unter den Schweizer Rohstoffhändlern finden sich immer mehr Eigentümer industriell betriebener Bergwerke. Mit riesigen Gewinnen aus Krisenzeiten tätigen diese Minenbarone Investitionen in Milliardenhöhe und dringen systematisch in die Produktion von Kohle, Kupfer oder Kobalt vor. Durch diese vertikale Integration steigern sie ihre Profitmarge und ihren Einfluss auf die Rohstoffmärkte.
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Die Händler verwandeln sich in mächtige Rohstoffkonzerne, die vom Abbau bis zum Verkauf die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren. Damit kommt ihnen auch bei der Wahrung von Menschenrechten und Umwelt eine noch grössere und direktere Verantwortung zu. Public Eye hat diese Entwicklung auch schon bei den Händlern von Agrarrohstoffen und den von ihnen kontrollierten Plantagen beschrieben; nun zeigt sich diese auch bei den Energierohstoffen und Metallen.
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Glencore steht unangefochten an erster Stelle der Schweizer Minenbarone. Seit der Übernahme des Bergbauunternehmens Xstrata 2012 steuert der Konzern aus seinem fürstlichen Hauptsitz in Zug nicht nur sein globales Handelsgeschäft, sondern auch den Betrieb Dutzender Minen. Damit ist er nicht allein: Unterdessen geniessen in seinem Gravitationsfeld zahlreiche Minenunternehmen wie Vale, BHP oder auch Trafigura die Steuerprivilegien und das milde Regulierungsklima vom Rohstoffplatz Schweiz.
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Um zu zeigen, wie schwer die Schweiz im Minengeschäft inzwischen wiegt, hat Public Eye 199 aktive Minen (darunter eine Abbaustätte in der Tiefsee) identifiziert und diese <a href="https://www.publiceye.ch/de/die-weltkarte-der-schweizer-minen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">metergenau kartiert</a>. Diese gehören 25 Schweizer Rohstoffhändlern, die damit auch in den Abbau ihrer Produkte involviert sind. Die aufwendigen Recherchen in Handelsregistern, Geschäftsberichten, Datenbanken, Satellitenbildern und zahlreichen weiteren offenen Quellen belegen: Schweizer Rohstoffhändler graben, bohren und schürfen heute auf sechs Kontinenten nach alten Energierohstoffen wie Kohle und neuen Transitionsmineralien wie Kupfer und Kobalt.
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An diesen zumeist in abgelegenen, einkommensschwachen Regionen befindlichen Orten, die von Schaltzentralen am Genfer-, Zuger- und Luganersee abhängen, fanden wir auch viele Geschichten über soziale und ökologische Missstände im Bergbausektor. Eine Auswahl davon ergänzt die exklusive Weltkarte der Schweizer Minen. Die zehn Fälle handeln von Kohleminen, die entgegen allen klimapolitischen Vereinbarungen bis 2070 weiterlaufen sollen. Von Nickel aus Gegenden, in denen die Polizei unbewaffneten Widerstand mit scharfer Munition beantwortet. Von Abbauplänen in der hochsensiblen Tiefsee. Oder von Kupfer, für dessen Produktion knappe Wasserreserven erschöpft werden.

<h3>Auf sechs Kontinenten aktiv</h3>

Über die Hälfte der Schweizer Minen liegt in Lateinamerika, Afrika und Asien. Beispielsweise in Brasilien, wo wir am zweitmeisten davon gefunden haben. Der dort ansässige Bergbaukoloss Vale schleust sein gesamtes Handelsgeschäft über eine Firma im Kanton Waadt und gilt für uns deshalb als Schweizer Händler. In den letzten zehn Jahren sind gleich zwei Dämme seiner über 20 Eisenerzminen gebrochen; die meterhohen Schlammlawinen haben mehrere Hundert Menschen getötet. In Südafrika, das über zwei Drittel seiner Energie aus Kohle gewinnt, investieren mehrere Schweizer Rohstoffhändler in neue Minen zum Abbau dieses Klimakillers, statt erneuerbare Stromquellen zu fördern. Durch solche Anlagen sind diese Firmen mitverantwortlich dafür, dass das riesige Land nicht vom fossilen Brennstoff loskommt.
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Gerade Staaten, deren Einkommen stark von der Rohstoffproduktion abhängt, macht die Marktkonzentration weniger Konzerne zu schaffen. Beispielsweise der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die zu einem Drittel von Erträgen aus diesem Schlüsselsektor abhängt. Die DRK ist der weltgrösste Produzent des Metalls Kobalt, das immer begehrter wird, weil es Batterien leistungsfähiger macht und zugleich verhindert, dass sie explodieren. 2024 kontrollierten drei Schweizer Rohstoffkonzerne mehr als 70% der Produktion im Land. Sie beeinflussen damit den Marktpreis und schliesslich auch, wie viel die DRK von ihrem natürlichen Reichtum behält.
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In den letzten Jahren haben die Minenbarone die Kobaltproduktion wesentlich erhöht; allen voran gilt dies für den chinesischen Konzern CMOC, dessen Handelsarm IXM in Genf ist. Um dem daraus folgenden Preiszerfall entgegenzuwirken, hat die DRK 2025 ein Exportverbot für Kobalt erlassen. Trotzdem produzieren Minenunternehmen fleissig weiter, was die Exporterträge des Staats langfristig drücken dürfte. Es ist nur die letzte Episode im Land, die das ungleiche Machtverhältnis zwischen Konzernen und Produktionsländern verdeutlicht, das den Rohstofffluch ständig weiter reproduziert.
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Auch in industrialisierten Weltregionen spielen Schweizer Rohstoffhändler ganz vorne mit. Allen voran in Australien. Das Land ist mit den ausgedehnten Kohle- und Eisenvorkommen ihre Lieblingsdestination, sie betreiben dort 40 Minen. Public Eye hat 2023 berichtet, wie die Kohlegeschäfte von Schweizer Konzernen in Down Under die Landrechte der indigenen Aborigines bedrohen. In Nordamerika und Europa sind die Minenbarone ebenfalls auf dem Vormarsch. Beispielsweise Trafigura, einer der umsatzstärksten Händler, der in den USA, Spanien und Finnland ein wachsendes Netz aus Zinkminen spannt. Das begehrte Metall schützt Eisen vor Rost – und verhilft dem Image des umstrittenen Ölhändlers zu mehr Glanz.<br>
Die Förderung neuer Rohstoffe …
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Neben Kobalt und Zink steigt durch die Elektrifizierung der Weltwirtschaft auch die Nachfrage nach anderen Metallen und Mineralien stark an. Das gilt auch für Kupfer, das für den Ausbau von Stromnetzen oder in Windradgeneratoren benutzt wird. Oder für Nickel, dank dem Batterien mehr Energie auf weniger Raum speichern können. Oder für das Aluminiumerz Bauxit, das nicht nur in der Automobilindustrie, sondern auch bei anderen zukünftig materialaufwendigen Anwendungen eine wichtige Rolle spielt.
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Wegen ihrer zentralen Funktion in der Energiewende werden diese Rohstoffe auch als Transitionsmineralien bezeichnet. Wie heiss begehrt sie unterdessen sind, zeigt die lange Reihe geopolitischer Vorhaben, die alle grossen Player, von den USA über die EU bis zu China, unterdessen verfolgen. Dieses strategische Staatsinteresse haben auch die Schweizer Rohstoffhändler bemerkt; einige haben sogar dafür lobbyiert. Dank zahlreicher Investitionen sind sie unterdessen auch gut vorbereitet: Über ein Drittel der Minen, die wir gefunden haben, ist heute bereits auf den Abbau von Transitionsmineralien ausgelegt.
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Nach Kupfer, einem der nach Wert bedeutendsten Metalle, schürfen Schweizer Rohstoffhändler in insgesamt 28 Minen. Darunter auch in der Escondida-Mine in Chile, der weltweit produktivsten Kupfermine. Die fünf grössten Schweizer Minenbesitzer haben inzwischen alle in den Abbau des umworbenen Metalls investiert. Schweizer Investitionen in den Abbau des ähnlich zukunftsträchtigen Lithiums fanden wir während unserer Recherche keine. Stattdessen treiben die Konzerne ihre Aktivitäten bei Nickel und Zink voran. Auch erste Minen für seltene Erden sind bereits in helvetischer Hand.

<h3>… bringt vor Ort die alten Probleme</h3>

Während die Verarbeitung der Rohstoffe in klimaschonendere Produkte weiter zunimmt, scheint sich die Menschenrechtssituation in den Abbauländern kaum zu bessern. Das zeigt eine Studie des internationalen Expert*innen-Netzwerks Business & Human Rights Resource Centre (BHRRC), das Berichte aus rund 250 Minen für die Produktion von Transitionsmineralien ausgewertet hat. Bei über drei Viertel (77 %) gibt es mindestens eine Anschuldigung bezüglich Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen oder Umweltvergehen. Betroffen sind auch mehrere Dutzend Minen von Schweizer Rohstoffhändlern, wie ein Abgleich der BHRRC-Studie mit der Karte von Public Eye zeigt.
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Häufigste Missstände sind Vertreibungen und die Beschneidung von Landrechten. Explorationslizenzen erstrecken sich oft über mehrere Tausend Hektaren. Für solch flächenintensiven Tagebau werden der Bevölkerung häufig landwirtschaftliche Flächen und ganze Dörfer weggenommen. Betroffen von diesen Zwangsenteignungen sind insbesondere indigene Gemeinschaften, wie die Schweizer NGO Voices mahnt: Schon heute liegen 54 % der Minen für Transitionsmineralien auf oder in der Nähe von indigenen Territorien. Der Druck auf ihre Rechte und diejenigen ländlicher Bevölkerungsgruppen dürfte durch den neuen Boom weiter steigen.
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Doch die Studie von BHRRC hält auch zahlreiche Vorwürfe von Rechtsverletzungen gegenüber Mineuren fest, deren Existenz von den Löhnen aus dem Bergbau abhängt. Sie arbeiten unter strengster körperlicher Belastung; Verletzungen und auch Todesfälle sind keine Seltenheit. Wie beim Abbau anderer Rohstoffe sind unsichere Arbeitsverhältnisse, überlange Arbeitstage und unzureichende Löhne auch im Minensektor weitverbreitet. Gewerkschaften, die sich gegen solche Missstände einsetzen, stehen in vielen Ländern unter Druck.
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Auch bei den Umweltschäden, die der Minensektor verursacht, dürfte es durch die Energiewende kaum zu Verbesserungen kommen. Beim Nickel werden sie besonders sichtbar. In Indonesien etwa roden Firmen für den Abbau mit schwindelerregendem Tempo Regenwald. Auch die enorme Wassernutzung und -verschmutzung gehört zu den Schäden bei der Förderung des Metalls. Ebenso die Luftverschmutzung: Ein russischer Konzern, der sein Nickel in Zug handelt, hat eine Stadt in Sibirien zum weltgrössten Hotspot vom sauren Regen verursachenden, giftigen Gas Schwefeldioxid gemacht.
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In einigen der dokumentierten Fälle wurden diese Probleme von den Regierungen toleriert. Auch gegen dieses systematische Wegschauen wehren sich zahlreiche Gemeinschaften um die Minen der Rohstoffhändler. Aktivist*innen gegen die Korruption beklagen die Millionen von Franken, die ihre Länder nach Schmiergeldzahlungen des extraktiven Sektors an lokale oder nationale Eliten verloren haben; indigene Gemeinschaften protestieren gegen die Missachtung ihrer Landrechte; Gewerkschaften verhandeln mit Rohstoffkonzernen Entschädigungen für Angestellte nach Minenschliessungen. Dieser Widerstand gegen Bergbaukonzerne wurde in den letzten Jahren immer gefährlicher. 2023 wurden laut der britischen NGO Global Witness 25 Menschenrechtsverteidiger*innen in Verbindung mit Minenprojekten getötet, weit mehr als in jedem anderen Sektor.

<h3>Die enge Vertraute: Kohle</h3>

Während sich also auch Schweizer Rohstoffhändler auf den klimawandelinduzierten Boom der Transitionsmineralien vorbereiten, dreht sich ihre Gegenwart weiter um den grössten aller Klimakiller, die Kohle. Sie wird auf allen sechs Kontinenten und in einem Drittel der von uns erfassten Minen abgebaut – und ist damit der meistgeförderte Rohstoff überhaupt. Neben diversen Braunkohletagbauten, dem grössten Kohlebergwerk Lateinamerikas oder zahlreichen Kohlestollen in Nordamerika haben sich die Rohstoffhändler auch Minen unter den Nagel gerissen, denen indonesischer Regenwald weichen musste.
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Diese Dominanz unterstreicht, was Public Eye seit 2022 kritisiert: Die Schweiz ist Dreh- und Angelpunkt des weltweiten Kohlehandels und profitiert damit finanziell vom klimaschädlichsten aller fossilen Energierohstoffe. Wobei ein Teil des Geschäfts seit einigen Jahren wegzufallen scheint: die russische Kohle, deren Handel bis zur Invasion der Ukraine in der Schweiz florierte. Unterdessen steht dieser unter Sanktionen, weshalb Public Eye in dieser Recherche Dutzende Kohleminen in Russland nicht berücksichtigt hat – obwohl deren Besitzer die Kohle jahrelang über die Schweiz vertrieben hatten. Viele dieser Handelsfirmen existieren noch heute und beschäftigen weiterhin Angestellte, wie Public Eye vor wenigen Monaten beim Besuch ihrer Büroadressen in Zug festgestellt hat. Der Abschied von der vormals lukrativen Wahlheimat scheint noch nicht definitiv.
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Währenddessen halten die anderen Schweizer Händler – häufig trotz anderslautenden Versicherungen – an der Kohle fest. Vor drei Jahren schon hat Public Eye ihren Ausstieg bis 2030 gefordert. Konkrete Pläne dafür haben wir bislang keine gefunden. Stattdessen haben die Kohlefirmen mittlerweile ein weiteres Scheinargument gefunden, um den Kohleausstieg zu verzögern: die metallurgische Kohle. Die Stahlindustrie benötigt diese für den Betrieb ihrer Hochöfen. Weil die Energiewende auch tonnenweise Stahl verschlingen wird, deuten die Konzerne ihre Kohle um in einen Rohstoff für eine nachhaltigere Zukunft. Mit dieser argumentativen Volte will beispielsweise Glencore seinen Kohleabbau bis ins Jahr 2070 rechtfertigen.

<h3>Schweizer Steuerparadies und Investitionshafen</h3>

Neben den klassischen Rohstoffhändlern ist die Schweiz auch für globale Bergbaukonzerne attraktiv. Der Hauptgrund: Das Vermarkten ihrer Rohstoffe aus Eigenproduktion in einem Tiefsteuerparadies wie der Schweiz lohnt sich für sie. Zum Beispiel Vale: Bereits 2013 hatte Public Eye rekonstruiert, wie die Schweiz dem weltgrössten Eisenerzkonzern als Standort für aggressive Steuervermeidung dient. Die Einnahmen fehlen dann in den Abbauländern. Wie gross diese Verluste sind, lässt sich in der finanziell notorisch diskreten Schweiz kaum nachvollziehen.
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Interessant ist die Schweiz auch für Firmen, die ihre Investitionen in Minen absichern wollen. Hierzulande versteckt sich hinter manchem Briefkastenschlitz eine Kohlemine, ein Kupferbergwerk oder eine Produktionsstätte für seltene Erden. Neben den Steuervorteilen macht eine Reihe weiterer Faktoren Schweizer Holdings zu einem sicheren Hafen für Minenfirmen. Erstens garantiert der stabile Finanzplatz Schweiz langfristigen Investitionen die notwendige Sicherheit. Zweitens ist die Schweiz ein Schattenfinanzzentrum, das so manchem Kohleinvestor ermöglicht, seine wahren (Geld-)Werte zu verschleiern.
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Und last, but not least ermöglicht die Schweiz ihren Unternehmen, andere Staaten einzuklagen. Durch ihr enges Geflecht an Investitionsschutzabkommen gibt sie den Firmen Zugang zu einem System von intransparenten Schattengerichten. Vor diesen können Minenbetreiber aufs Geratewohl Länder auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagen. Glencore etwa hat den kolumbianischen Staat wegen Minen bereits in mehrere kostspielige Verfahren vor solche Tribunale gezogen.<br>
Schweiz braucht Antworten für die Zukunft
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Solange einkommensstarke Länder wie die Schweiz ihren wachsenden Ressourcenverbrauch nicht einschränken, wird der Abbau von Transitionsmineralien mit der Elektrifizierung der Weltwirtschaft weiter zunehmen. Schweizer Rohstoffhändler besitzen bereits zahlreiche dieser Minen und expandieren laufend in neue Projekte. Es ist essenziell, dass dabei Menschenrechte und Umwelt respektiert werden. Doch beim Blick in eine hoffentlich sauberere Zukunft darf die dreckige Gegenwart nicht vergessen gehen: Die Kohle spielt unter den Schweizer Minen bei Weitem noch die Hauptrolle.
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Die Weltkarte ihrer Minen unterstreicht die wachsende Bedeutung, die Schweizer Rohstoffhändler heute auch in der Förderung wichtiger Energieressourcen haben. Diese Konzerne haben Einfluss auf Weltmarktpreise und sitzen teilweise direkt am Geldhahn ganzer Abbauländer. Ihre Geschichten aus den Abbauregionen unterstreichen, wie Menschenrechte und Umweltstandards dort häufig missachtet werden. Um dies künftig zu verhindern und einer gerechten Energiewende nicht im Weg zu stehen, muss die Schweiz ihren Rohstoffplatz regulieren. Andernfalls läuft auch sie Gefahr, ihren Minenbaronen bald einmal Untertan zu werden.
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Die Forderungen:

<ul class="liste">
<li class="liste">Um endlich einen Überblick über die Minen-Geschäfte ihrer Rohstoffunternehmen zu bekommen, muss die Schweiz den Ursprung aller Rohstoffe systematisch erfassen, die in Genf, Zug oder Lugano gehandelt werden.</li>
<li class="liste">Um beim Abbau von Transitionsmineralien und dem Abschluss entsprechender Geschäftsbeziehungen die dafür notwendigen Sorgfalts- oder Transparenzpflichten zu gewährleisten, braucht die Schweiz eine Rohstoffmarktaufsicht als öffentliches Aufsichtsorgan.</li>
<li class="liste">Um Menschenrechte und Umwelt in den Abbauländern zu schützen, muss die Schweiz eine griffige Gesetzgebung für Konzernverantwortung einführen.</li>
<li class="liste">Um einen verbindlich terminierten Kohleausstieg von ihren Rohstoffkonzernen einzufordern, muss die Schweiz transparente und vollständige Klimaberichterstattung, klare Transitionspläne und finanzielle Rückstellungen dafür vorschreiben.</li>
<li class="liste">Um Gewinne im Rohstoffsektor gerechter zu verteilen und dessen soziale und ökologische Folgen abzufedern, sollte die Schweiz internationale Lösungen vorantreiben, statt sich dem geopolitischen Wettlauf nach strategischen Rohstoffen anzuschliessen.</li>
</ul><p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf Public Eye</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 25 May 2026 08:09:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Jeunes Mères – Junge Mütter]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/jeunes-meres-junge-muetter-009320.html</link>
<description><![CDATA[<strong><em>Jeunes Mères – Junge Mütter</em> nimmt das Publikum mit in ein spezielles Heim für Jugendliche, die Mütter werden und mit der Situation überfordert ist.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Jean-Pierre_Dardenne_and_Luc_Dardenne_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival_w.webp><p><small>Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne werden nach dem Gewinn eines Preises bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 von der Presse interviewt.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jean-Pierre_Dardenne_and_Luc_Dardenne_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kevin Payravi</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das Drama ist dabei zurückhaltend und nüchtern erzählt, wirkt oft wie eine Dokumentation. Die episodenhafte Geschichte und die zuweilen anstrengenden Protagonistinnen machen das mit der Anteilnahme zuweilen schwierig. Wer sich aber darauf einlassen kann, findet ein sehenswertes und zutiefst menschliches Werk.
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Bislang kannten sich Jessica (Babette Verbeek), Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben), Naïma (Samia Hilmi) und Ariane (Janaina Halloy Fokan) nicht, kommen aus unterschiedlichen Kreisen, sind auch als Menschen sehr verschieden. Eines aber haben die Jugendlichen gemeinsam: Sie sind Mütter geworden oder stehen kurz davor – und sind völlig überfordert. Aus diesem Grund sind sie auch in ein spezielles Heim gezogen, welches sich junger Frauen annimmt, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Dort will man sie darauf vorbereiten, was es heisst, sich um ein Kind zu kümmern. Sie finden aber auch Unterstützung bei einer schwierigen Frage: Will ich das Kind überhaupt behalten oder gebe ich es zur Adoption frei?

<h3>Neuestes Werk zweier sozialer Chronisten</h3>

Neben Ken Loach gehören die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne zum bedeutenden sozialen Gewissen des europäischen Arthouse-Kinos. Seit nunmehr fast vierzig Jahren drehen die beiden zusammen Filme und weisen darin auf gesellschaftliche Missstände hin oder zeigen Menschen, die in Krisen gerutscht sind. So erzählten sie in <em>Zwei Tage, eine Nacht</em> (2014) von den Opfern des Kapitalismus. <em>Das unbekannte Mädchen</em> (2016) handelte von einer jungen Ärztin, die sich um Menschen in einer sozial prekären Gegend kümmert. Zuletzt nahmen sich die beiden in <em>Tori und Lokita</em> (2022) des allgegenwärtigen Streitthemas Migration an. Da durfte man sich doch fragen, welche grossen gesellschaftlichen Probleme die beiden in <em>Jeunes Mères – Junge Mütter</em> ansprechen werden, dem neuesten Werk des Duos.
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Ganz vergleichbar ist das Drama dabei aber nicht mit den oben genannten. Wo diese durchaus den Finger in die Wunde steckten und allgemeine Fehlentwicklungen anprangerten, da zeigt sich das Regie- und Drehbuchgespann dieses Mal fast schon von einer versöhnlichen Seite. So nehmen sie uns mit in eine Einrichtung, die angehenden Müttern dabei helfen, mit der neuen Situation klarzukommen. Das ist nicht einfach, weder für die Betroffenen noch die Helfenden. <em>Jeunes Mères – Junge Mütter</em> zeigt aber auf, dass es geht und macht Mut, dass es ein gutes Leben geben kann. Mit grosser Geduld und viel Einfühlungsvermögen begleiten die Angestellten die Schützlinge, ohne Druck auszuüben oder auch eine Entscheidung vorzugeben. Ob sie sich nun entscheiden, das Kind zu behalten und aufzuziehen oder sie es doch lieber in die Obhut anderer geben wollen, sie werden auf diesem Weg unterstützt.

<h3>Zurückhaltend und fordernd</h3>

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Ganz so ist es dann doch nicht. Denn die Protagonistinnen haben oftmals traurige Vorgeschichten oder befinden sich in schwierigen Lebenssituationen. So leidet Jessica sehr darunter, selbst als Kind abgegeben worden zu sein, weshalb ihr im Leben immer der nötige Halt fand. Andere haben ebenfalls Probleme mit ihren familiären Bedingungen. Hinzu kommen Themen wie Armut oder Drogensucht. Dass die Figuren in <em>Jeunes Mères – Junge Mütter</em> so jung sind, fast selbst noch Kinder, macht die Sache nicht einfacher. Nicht wenige im Publikum werden sich da fragen, ob diese Menschen tatsächlich Kinder grossziehen sollten, wenn sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Der Film stellt eben auch die Frage, inwieweit es möglich ist, sich aus solchen Situationen zu befreien.
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Doch die Dardennes urteilen nicht darüber, verurteilen nicht die Frauen oder deren Familien. Sie beobachten lieber, ganz ruhig und distanziert. Tatsächlich hat man an vielen Stellen das Gefühl, dass das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 Weltpremiere hatte, eigentlich ein Dokumentarfilm ist. Da gibt es kaum dramatische Zuspitzungen.
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Eine wirkliche Dramaturgie findet man nicht, was auch an der episodenhaften Geschichte liegt. <em>Jeunes Mères – Junge Mütter</em> wechselt ständig zwischen den verschiedenen Protagonistinnen, die in derselben Einrichtung leben und in einer ähnlichen Situation sind, ansonsten aber wenig Berührungspunkte haben. Das wird manchen nicht gefallen, zumal es einem die Frauen auch nicht immer einfach machen Anteilnahme zu zeigen – manche können schon sehr anstrengend sein. Wer sich aber darauf einlassen kann, findet einen erneut starken und sehr menschlichen Beitrag der beiden Brüder.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sun, 24 May 2026 09:18:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Lisa Guenther: Solitary Confinement]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/lisa-guenther-solitary-confinement-009311.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Häftlinge in Isolation haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Eine philosophische Streitschrift plädiert für die Abschaffung dieser Foltermethode.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/lisa-guenther-solitary-confinement_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Im Jahr 1842 reiste der damals neunundzwanzigjährige Autor Charles Dickens durch Amerika. In seinen Reiseaufzeichnungen „Notizen aus Amerika“ hielt er einen Querschnitt der von Sklaverei und Klassenunterschieden geteilten Republik fest. Er besuchte auch mehrere Gefängnisse, in denen Sträflinge auf neue Weise inhaftiert waren. Der humanistische Anspruch der Zeit, war die Verbrecher*innen von allen sozialen Kontakten zu isolieren, damit diese in der einsamen Reflexion bereuen könnten. Von den Zuständen ist Dickens schockiert und hält dies in seinen Notizen fest:
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„[Der Gefangene] ist lebendig begraben, um nach dem langsamen Lauf der Jahre wieder ausgegraben zu werden. In der Zwischenzeit ist er für alles tot, nur nicht für die quälenden Ängste und die schreckliche Verzweiflung“ (Dickens 1980, S. 160).
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Lisa Guenther nimmt Dickens' Bericht als einen ihrer Ausgangspunkte, um die Entwicklung der Isolationshaft in den USA nachzuvollziehen. Die Philosophin betrachtet in ihrem Band „Solitary Confinement. Social Death and its Afterlives“ diese Inhaftierungstechnik, bei der Häftlinge in winzigen Zellen festgehalten und von nahezu allen bedeutungsvollen Kontakten zu anderen Menschen abgeschnitten werden, von ihrem Entstehen zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts bis zu ihrer aktuellen Ausprägung in Supermax Gefängnissen aus phänomenologischer Perspektive. Zu ihrer Grundlage macht sie Berichte aus erster Hand, die sie mit Theorien von Edmund Husserl, Emmanuel Levinas und Maurice Merleau-Ponty gegenliest.

<h3>Das „Haus der Reue“</h3>

Die Isolationshaft entwickelt sich im Übergang vom Strafen nach dem Prinzip „Ein Auge für ein Auge“ hin zur Idee der Reflexion und Besserung der Gefangenen, führt Guenther in einem historischen Abriss aus. Menschen sollten, ähnlich wie Robinson Crusoe auf seiner Insel, durch die Einsamkeit zu perfekten Bürgern werden. Am Beispiel Benjamin Rushs erklärt die Autorin, welche Philosophie hinter der Strafe stand.
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Dieser war ein grosser Advokat der neuen Technik. Er war der Überzeugung, dass die Menschen von den krankmachenden äusseren Einflüssen, die seiner Ansicht nach gleichermassen zu psychischen Erkrankungen wie Verbrechen führten, zu heilen wären. Diese humanitäre Idee einer Reinigung durch Abschirmung von der Gesellschaft stand von Beginn an in einem Spannungsverhältnis mit dem Willen zu strafen.
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Rush selbst waren die Folgen bewusst. So bezog er sich positiv darauf, dass Inhaftierte in Isolation ihren Verstand verlören. Um diesen Effekt zu maximieren, entwarf er das „Haus der Reue“. In dem Asylum für Verbrecher*innen sollten die Inhaftierten in winzigen Zellen aus sich selbst heraus ihre Taten reflektieren. Was Dickens so eindrücklich beschreibt, müsse auch Rush gewusst haben, schreibt Guenther. Dennoch hielt dieser an der Methode fest und schickte sogar seinen eigenen Sohn in eine psychische Klinik, die nach demselben Prinzip funktionierte.
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Guenther legt dar, dass der Humanist Rush aus seiner zeitgenössischen Überzeugung heraus, der Mensch sei eine abgeschossene Einheit, der ohne soziale Kontakte als Subjekt existieren könne, und der daraus folgenden Ideologie einen Selbstreinigungsprozess für möglich halten konnte. Ironischerweise sind die einzigen Menschen, die tatsächlich als von der Aussenwelt abgeschnittene Einheit leben müssen, Isolationshäftlinge.

<h3>Supermax Gefängnisse </h3>

Von den Vollzugsanstalten zieht Guenther eine Kontinuitätslinie über Experimente mit Kriegsgefangenen im Kalten Krieg hin zu den Supermax Gefängnissen der Gegenwart. In den Einrichtungen mit „super-maximum security“-Standard werden die Insassen in Zellen von 4,3 bis zu 8,6 Quadratmetern verwahrt. Die fehlgeleiteten humanistischen Ideen von Reue oder Heilung sind hier nicht einmal vorgeschobene Intentionen. Diese Gefängnisse sind nach kapitalistischer Logik funktionierende Unternehmen, die Profite machen wollen.
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22 bis 23,5 Stunden verbringen die Häftlinge in der ständig mit künstlichem Licht beleuchteten Zelle. Den Rest des Tages können sie draussen in einem Käfig verbringen. Nur dann haben sie die Chance den Himmel zu sehen. Dass diese Verhältnisse die psychische Gesundheit belasten und beispielsweise von solitarywatch.org als Folter bezeichnet werden, ist wenig überraschend. Die Gefängnisse rechtfertigen das Vorgehen damit, dass sie nur Schwerverbrecher*innen unterbringen würden. Wenngleich das die Verhältnisse nicht entschuldigen würde, zeigt Guenther auf, dass es nicht den Tatsachen entspricht. Eine überproportionale Zahl von People of Color, Latinx und Trans-Personen stecken in den Zellen, was in dem rassistischen und trans-feindlichen Justizsystem der USA und den Überzeugungen der Justizvollzugsbeamt*innen begründet liegt. Des Weiteren trifft es besonders häufig politisch aktive Häftlinge zum Beispiel von der Black-Panther-Bewegung.

<h3>Isolation aus phänomenologischer Perspektive</h3>

Jack Henry Abbott verbrachte in den sechziger und siebziger Jahren circa 14 bis 15 Jahre in Isolationshaft. Als Schriftsteller beschrieb er, wie sich seine Selbstwahrnehmung langsam auflöste, bis er sich nicht mehr mit seinem Körper oder seiner Stimme identifizierte.
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„I heard someone screaming far away and it was me. I fell against the wall, and as if it were a catapult, was hurled across the cell to the opposite wall. Back and forth I reeled, from the door to the walls, screaming. Insane.” [„Ich hörte weit entfernt jemanden schreien und das war ich. Ich fiel gegen die Wand und wurde wie mit einem Katapult quer durch die Zelle an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Hin und her taumelte ich, von der Tür bis zu den Wänden, schreiend. Wahnsinnig.“] (S. 37)
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Wie hätte es dazu kommen können, wenn der Mensch eine abgeschlossene Einheit wäre? Mit Husserl, der die philosophische Strömung der Phänomenologie begründete, argumentiert Guenther, dass sich die Eigenwahrnehmung des Körpers in den Blick der Anderen und das eigene leibliche Empfinden teilt. Die Wahrnehmung von aussen, die die eigene im gegenseitigen Bezug validiert, ist Häftlingen wie Abbott versagt. Um die Grenzen seiner selbst und des Raums für ihn erfahrbar zu machen, fühlt er sich gezwungen, Gewalt anzuwenden.
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Dergleichen Berichte finden sich in Guenthers Buch zuhauf. Mit ihrer Herangehensweise legt sie auf einer philosophischen Ebene die falschen Grundannahmen von Isolationshaft dar. Sie selbst stellt heraus, dass die Abschaffung dieser Foltertechnik nicht ausreichen würde. Vielmehr plädiert sie dafür, aus einer philosophischen Perspektive Gefängnisse von Grund auf neu zu denken.
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„But even critical phenomenology is not enough. We must also build a social movement of resistance to social death – a movement that makes good on the insights of critical phenomenology with ethical responsibility and political solidarity.” [„Aber auch kritische Phänomenologie reicht nicht aus. Wir müssen auch eine soziale Bewegung des Widerstands gegen den sozialen Tod aufbauen - eine Bewegung, die mit den Erkenntnissen der kritischen Phänomenologie mit ethischer Verantwortung und politischer Solidarität Gutes tut.“](S. 255)
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In der detaillierten Studie liefert Guenther nicht nur ein engagiertes Plädoyer für die Abschaffung auch in Deutschland praktizierter Inhaftierungstechniken, sondern sie befragt mit dem Material auch kritisch ihre phänomenologische Theorie-Grundlage. Ihr Buch bleibt bei einer differenzierten Kritik der Isolationshaft stehen. Das Gefängnis an sich verurteilt sie zwar, dies bleibt jedoch ein kleiner Hinweis am Ende der umfassenden Arbeit. Sehr gut hebt sie hervor, wie die Sklaverei sich in einen rassistischen Blick auf Kriminalität übersetzt hat. Dass dies auch auf Grundlage von Klassenzuschreibungen geschieht, erwähnt sie nur kurz. Ebenso knapp wird die wirtschaftliche Einbindung der Gefängnisse angerissen.
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Welches ökonomische Interesse hinter der Inhaftierung steht, bleibt damit unkonkret. Dies würde bei ihrer vom individuellen Bericht ausgehenden Arbeit auch sehr weit führen. Guenthers aktivistisch motivierte Philosophie ist hoffentlich einer der Schritte, die zur Abschaffung von Isolationshaft und vielleicht sogar der Idee des Gefängnisses an sich führt.<p><em></em><p><small>Lisa Guenther: Solitary Confinement. University of Minnesota Press, Minneapolis/Minn 2013. 321 Seiten. ca.  SFr. ISBN: 978-0-8166-7958-4.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 24 May 2026 08:36:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Alien: Romulus]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/fede-alvarez-alien-romulus-009521.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der bislang letzte Spielfilm der Alien-Franchise zeigt, dass der wahre Horror nicht von den ausserirdischen Lebensformen ausgeht, sondern von der Arbeit für einen Megakonzern.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Xenomorph_w.webp><p><small>Xenomorph aus dem Film Alien: Romulus.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Xenomorph.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eden, Janine and Jim</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 2.0 cropped)</a></small><p>Der Franchise-Film ist die Geissel des gegenwärtigen Kinos. Von der Notwendigkeit verflucht, bis in alle Ewigkeit die Kapitalbewegung am Laufen zu halten, produzieren die grossen Filmstudios hauptsächlich Fortsetzungen erfolgreicher Filme. Was sich einmal verkauft hat, verkauft sich sicher ein zweites, fünftes oder siebtes Mal. Doch bekommt das Publikum dabei den entsprechenden Unterhaltungswert für seinen Geldwert geboten? Kann die immer nächste Fortsetzung halten, was der grosse Name verspricht? Fragen, die für den folgenden Text nicht relevant sein werden.
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Diese Rezension verfolgt einen anderen Ansatz und möchte den Film „Alien Romulus“ (2024) nicht unter der Massgabe prüfen, ob dieser ein würdiger Vertreter des Alien-Franchise ist. Vielmehr soll geklärt werden, was der Film einem Publikum im 21. Jahrhundert erzählen möchte, welches schon mehr als einmal Facehugger, Xenomorphe, Hybride und Androiden über die Leinwand hat flimmern sehen.

<h3>Perspektive: Lungenkrebs</h3>

Der Film hält sich nur kurz damit auf, Bilder zu zeigen, welche das berühmte Alien ankündigen und setzt schnell den Fokus auf die Protagonistin der Handlung, Rain. Sie lebt mit ihrem „Bruder“ Andy, einem Androiden, auf einer Bergbaukolonie des aus den vorangegangenen Filmen bekannten Megakonzerns Wayland-Yutani und träumt von Sonnenaufgängen. Warum, wird mit einer einfachen Bildunterschrift deutlich:
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„Minenkolonie Jackson's Star<br>
Einwohnerzahl: 2781<br>
Lichtjahre zur Erde: 65<br>
Tageslichtstunden pro Jahr: 0“
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So stapfen die Gestalten im Film fortwährend durch eine ewige Nacht im Schein industrieller Beleuchtung und glühender Eisen. So lebensfeindlich wie die Lebensbedingungen sind auch die Arbeitsbedingungen. Die Kolonie ist bevölkert von Teenagern; die meisten ihrer Eltern sind bereits gestorben. „Lungenerkrankung durch Minenarbeit“ erfährt man. Kein Wunder also, dass Rain und ihre Freunde beschliessen, vom Planeten zu fliehen. Sie wollen „[…] einfach nicht so enden, wie unsere Eltern“. Um jedoch den nächsten bewohnbaren Planeten erreichen zu können, benötigen sie Kryokapseln. Diese hoffen sie, im Orbit auf dem Wrack der Forschungsstation Renaissance zu finden. Dort angekommen verläuft natürlich nichts mehr nach Plan.

<h3>Romulus Labor</h3>

„Die Station ist in zwei Hälften unterteilt: Romulus und Remus. Beide sind unserem Streben gewidmet, die Rolle des Menschen in den Weiten des Alls zu verbessern.“
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Schon der Flug zur Raumstation bringt eine Gewissheit: Nachdem ihr Schiff die Wolkendecke durchstösst, sieht Rain zum ersten Mal die Sonne. Das Problem war also nie, dass ihr Planetensystem keine Sonne besitzt, sondern dass diese durch die Bergbauemissionen auf dem Planeten verdunkelt wurde. Die Botschaft sollte spätestens hier deutlich werden: Das Verwertungsinteresse des Konzerns nimmt keinerlei Massstab an der Erhaltung einer lebenswerten Umwelt für die Menschen und verschlechtert diese sogar aktiv.
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Dies wird auch an Bord der Renaissance deutlich, denn dorthin hat man die Überreste des Aliens gebracht. Schnell wird klar, dass die Experimente mit den Xenomorphen auf der Raumstation schrecklich schiefgegangen sind und die Lebensformen die gesamte Station kontaminiert haben. Für die Gruppe geht es von nun an um das nackte Überleben. Die Bilder, die hier gezeigt werden, sind sicherlich schon aus anderen Filmen der Reihe bekannt. Interessant ist jedoch der Gegenstand der Forschungsarbeit, welcher sich auf der Station gewidmet wurde: die Erschaffung von hybriden Lebensformen aus Menschen und Xenomorphen.

<h3>Der neue Mensch</h3>

„Die Menschheit war nie wirklich für die Kolonisation des Alls gemacht, sie ist schlicht zu fragil, zu schwach. […] Der perfekte Organismus, das sollte doch den Menschen beschreiben. Also habe ich diesen Fehler korrigiert. Ich nahm dieses Geschenk an, für die Menschheit.“
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Da der Film wie auch seine Vorgänger eindrücklich bewiesen haben, welche Gefahr von den Aliens ausgeht, erscheint das Experiment, Hybride aus Menschen und Xenomorphen zu schaffen, einigermassen wahnsinnig, die Idee folgt jedoch einem klaren Kalkül. Dass „der Mensch“ als Mangelwesen gilt, ist sicherlich keine Erfindung dieses Films. Man sollte sich jedoch sehr genau fragen, wo dieses Defizit „des Menschen“ eigentlich liegen soll? Für sich genommen funktioniert der menschliche Körper hervorragend. Es lohnt sich daher die Problemstellung umzudrehen: Was haben Leute, die diese Frage an den Menschen herantragen, eigentlich mit ihm vor?
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Immerzu stösst die Ware Arbeitskraft im kapitalistischen Reproduktionsprozess an die physischen Grenzen des Menschen, an denen diese Funktion nun einmal untrennbar hängt. Schon die elementarsten Körperfunktionen werden so zur Schranke der unbegrenzten Benutzung dieser Ware, die sich die Unternehmen mit ihrem Geld einkaufen. Debatten zum Thema gibt es reichlich: von der Dauer des Arbeitstags, über den Arbeitsschutz bis zu den Pinkelpausen bei Lieferant*innen.
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Diese Perspektive stellt nicht menschliches Leben ins Zentrum der Überlegung, sondern etabliert einen eigenen Massstab, der den Menschen allein unter Verwertungskriterien in den Blick nimmt. Für Wayland wird es zum Problem, dass die Arbeiter*innen in ihren Minenkolonien sterben wie die Fliegen. Nicht weil es um Menschenleben geht, sondern weil dem Konzern Arbeitskraft abhandenkommt. Die Teenager im Film versuchen, dieser Logik zu entfliehen.
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Dieser Film setzt den Trend der neueren Alien-Teile wie „Prometheus“ (2012) und „Covenant“ (2017) fort und entmystifiziert das Alien zugunsten gesellschaftlicher Diskurse. Einige mögen hierin einen Affront sehen, doch diese Dekonstruktionsleistung ist grundsätzlich zu begrüssen, nur weiss der Film damit wenig anzufangen. In „Alien Romulus“ obsiegt am Ende „der Mensch“ über „das Unmenschliche“. Dies wird von der Erzählung einfach gesetzt. Der Film wird so zum Anwalt für einen unüberwindbaren Kern der Humanitas, welcher, hierin liegt die Antinomie des Films, die ganze Zeit grundsätzlich bestritten und angegriffen ist – in der Fiktion, wie auch der Welt.
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Schwester und Bruder entschwinden am Ende in den Weltraum in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch eine Perspektive für die Gesellschaft gibt es zu keinem Zeitpunkt. Trotz seiner kritischen und in Teilen antikapitalistischen Haltung ist es fraglich, ob die im Film vorgestellten Argumente tatsächlich an den herrschenden Überzeugungen rütteln können. Die kapitalistischen Verhältnisse unserer Gegenwart sind jedenfalls so stabil, dass Entertainmentkonzerne wie Disney, dem mittlerweile die Rechte am Alien-Franchise gehören, selbst Kapitalismuskritik noch gewinnbringend verkaufen können. Dies könnte daran liegen, worin diese Kritik hauptsächlich besteht.
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Sie ist nämlich keinesfalls grundsätzlicher Natur, sondern zeigt, wie für Disney üblich, systemische Zumutungen, die am Ende zu nichts anderem taugen, als (erfolgreiche) Bewährungsproben für die Protagonist*innen zu sein. Darin treffen die Filme, in ihrer ewigen Reproduktion auch ein Bedürfnis des Publikums, welches sich in seinen täglichen (Arbeits-)Kämpfen gerne als Sieger sehen möchte. In einer Ökonomie, welche notwendig viele Verlierer*innen und nur wenige Gewinner*innen produziert. Vor diesem Hintergrund scheint die Aussicht für Rain tatsächlich utopisch. Ihr stehen zur Flucht ein Raumschiff und andere Planten zur Verfügung. Uns nicht.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Fri, 22 May 2026 10:36:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Vandana Shiva: Die Natur der Natur]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/vandana-shiva-die-natur-der-natur-009479.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die Agrar- und Lebensmittelindustrie ist einer der Haupttreiber der Klimakrise. Zudem beschert sie uns Hunger im globalen Süden und eine Epidemie der chronischen Krankheiten in den Industrieländern.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/vandana-shiva-die-natur-der-natur_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Der Plan für die Zukunft ist eine noch intensivere, digitalisierte Landwirtschaft ohne Bauern mit künstlichen Lebensmitteln aus dem Labor – angeblich zur Rettung des Klimas.
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Die weltbekannte Umweltschützerin, Quantenphysikerin und Globalisierungskritikerin Vandana Shiva zeigt in ihrem neuen Buch, dass genau das Gegenteil der Fall ist, indem sie die unheilvolle Allianz von Big Ag, Big Food und Big Tech als Profiteure dieser falschen Lösungen entlarvt.
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Nicht Geoengineering, Gentechnik und „Fake Food“, sondern die Kooperation mit der Intelligenz der Natur und ihren eigenen, über Jahrtausende bewährten Techniken können uns aus der Misere führen. Denn die Klimakrise ist eine Stoffwechselstörung des Planeten, die es zu heilen gilt, so die Autorin im Buch.
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Solange wir zulassen, dass die Agrarindustrie Böden und Artenvielfalt und somit den essentiellen Kohlenstoffkreislauf zerstört, kann sich auch die Biosphäre nicht erholen, die das Klima reguliert. Zudem verschmutzt sie die Atmosphäre mit Treibhausgasen, die wiederum eng mit der Biosphäre verknüpft ist, und zerstört durch ultraverarbeitete Lebensmittel unser Darmmikrobiom – ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.
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Es ist an der Zeit zu erkennen, wie eng das Klima mit der Biodiversitätskrise und dem industriellen Ernährungssystem zusammenhängt. In „Die Natur der Natur“ zeigt Vandana Shiva, wie wir durch Agrarökologie und Lokalisierung die Atmosphäre zu 100 % von Treibhausgasen befreien und das Nahrungsnetz, den Boden, unsere Gesundheit und unsere Gemeinschaften regenerieren können. Die Art, wie wir uns ernähren, wird zum Gamechanger für die Zukunft.<p><em></em><p><small>Vandana Shiva: Die Natur der Natur. Neue Erde GmbH 2025. 184 Seiten. ca. 23.00 SFr. ISBN: 978-3-89060-886-0.</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 22 May 2026 08:25:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Banditentum in Anzug und Krawatte: CumEx, CumCum und die Doppelmoral der Politik]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/banditentum-in-anzug-und-krawatte-cumex-cumcum-und-die-doppelmoral-der-politik-009683.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Sie sind deutschlandweit unterwegs, Quatsch, was sag' ich: europaweit, weltweit und noch weiter! Ihr bandenmässiger Missbrauch plündert die öffentlichen Kassen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/CumEx-Files_-_Countries_affected_by_the_fraud_w.webp><p><small>Karte mit den vom CumEx-Betrug betroffenen Ländern.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CumEx-Files_-_Countries_affected_by_the_fraud.svg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Autor</a> (PD)</small><p>CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne aber legen eher die Hände in den Schoss, als den Ganoven von CumCum und CumEx das Handwerk zu legen. Der geschätzte Schaden liegt inzwischen bei 150 Milliarden Eu – die Dunkelziffer ist hoch, die Staatsanwaltschaften unterbesetzt, die Finanzämter überfordert, die Medien verschlafen – aber fast alle beteiligen sich in diesen Tagen an der Hetze gegen „betrügerische Bürgergeld-Empfänger“. Sorry, du musst sehr lange suchen, bis du welche triffst!
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In Deutschland gibt man ca. 30 Prozent die soziale Fürsorge aus, ähnlich in anderen reichen Industrieländern. Hier wurde von den Erfüllungsgehilfen des Staats bei ca. 110 000 Personen Leistungs-missbrauch festgestellt – Verdachtsfälle inbegriffen.
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Die Problematik hat 2026 sich gegenüber dem Vorjahr nicht verändert, aber das Geschrei vervierfacht. Beim „bandenmässigen Missbrauch von Bürgergeld und anderen Leistungen“ (einer besonders schweren Form des Betrugs) sind die Zahlen 2025 wieder leicht auf 406 Fälle gesunken. 406!
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Anders bei CumEx und CumCum. Keine Prolls. Hier betrügt in aller Öffentlichkeit die feine Gesellschaft: Es gibt ca.1.800 Beschuldigte, in etwa 4000 Fällen könnten Verdächtige inzwischen die Spuren verwischen. Grosses Gelächter: Bislang wurden etwa 40 Beschuldigte angeklagt und 24 verurteilt. Die Damen und Herren amüsieren sich köstlich. Sie lieben ihren Staat, den sie weiterhin ausnehmen können wie eine Weihnachtsgans.
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CumEx für den schwäbischen Hausmann: Wenn der im Supermarkt Pfandflaschen abgibt, bekommt er einen Pfandbon. Im Copyshop um die Ecke kopiert er den dann einmal, zehnmal oder hundertmal – geht zurück zur Supermarktkasse und holt sich das Pfandgeld für Flaschen, die er nie hatte. Clever. So einfach funktioniert CumEx.
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Es ist kein raffinierter Trick ohne Opfer, sondern die organisierte Ausplünderung öffentlicher Mittel unter dem Deckmantel komplizierter Finanzgeschäfte. Genauer? Ich wiederhole gern: Der erwiesene Schaden für den Staat durch CumEx & Co KG beträgt allein in Deutschland auf 40 Milliarden Euro (2000–2020), in Europa mindestens 150 Milliarden Euro. Oder so. Es kommt ja nie auf die eine oder andere Milliarde an. Und es st wie beim Bürgergeld: Die neuen CumEx-Files-Recherchen zeigt, dass die Methoden fortbestehen.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 21 May 2026 12:33:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Zum Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen: Warum wir Lohnarbeit ablehnen]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/zum-kampf-und-feiertag-der-arbeitslosen-warum-wir-lohnarbeit-ablehnen-009680.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Lohnarbeit hat die Erde dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. An den Rand des Abgrunds, aber mit einem Bein schon drinnen und immer fröhlich weiter.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/fuck_work_w.webp><p><small>Ein Mann geht von einer Fabrik weg, grüßt mit dem Hut und sagt: "FUCK WORK"  Foto:  PD</small><p><b>Hi, ich bin von BASTA, der Erwerbsloseninitiative und auch wir haben eine Meinung zur Lohnarbeit: Arbeit ist scheisse!</b>
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Wir alle wissen, durch das Arbeiten wird niemand reich, nur durch Erben wird man reich. Aber was erben unsere Kinder von uns? "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen" heisst es ja und jetzt übergeben wir den Kindern diesen Planeten, der nicht mehr ist, als ein vergifteter, abgebrannter Haufen Scheisse!
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"Macht euch die Erde untertan" steht in der Bibel und das hat der Mensch dann auch gemacht und die Erde ausgebeutet. Durch Lohnarbeit. Erst durch einfache körperliche Arbeit und später dann mit maschineller Unterstützung. Bis dann in der industriellen Revolution die Ausbeutung der Erde durch Arbeit industrielle Züge annahm. Die protestantische Arbeitsethik unterstütze und forcierte das Ganze. Immer effektiver und rationeller. Immer schneller! Immer schneller! Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Menschen haben den Planeten wörtlich kaputt-gearbeitet.
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Das ist ein Grund mehr, warum wir gegen Lohnarbeit sind. Nicht nur, weil wir Bequemlichkeit und Faulheit lieben, sondern auch weil Lohnarbeit eben nicht nur einzelne Menschen kaputt macht und deren Leben zerstört, sondern weil Arbeit die Gesellschaft und die ganze Erde zerstört. Ob Ölförderung, Fracking, die Förderung seltene Erden, Abholzung der letzten Urwälder, oder Monokulturen und intensive Landwirtschaft, ob Weichmacher, Ewigkeitschemikalien oder Serverfarmen, Batteriefabriken, sie alle verbrauchen sauberes Trinkwasser und produzieren CO₂, sie machen die ganze Umwelt kaputt.
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Dann gibt es noch diese Jobs: Menschen bombardieren, auf Menschen schiessen, Gefangene beaufsichtigen, Hilfesuchende an der Grenze zurückschieben, Menschen abschieben, Menschen verwalten, Racial Profiling machen, in den Öffis rummackern, Jugendliche im Park auf die Nerven gehen. Alle diese Tätigkeiten sind als angeblich sinnvolle Arbeit anerkannt und es gibt Geld für sie. Aber sie machen die Gesellschaft mehr kaputt, als das sie helfen. Was wir als Basta! und viele Andere machen: Sozialberatung, Gegenseitige Hilfe, Care-Arbeit, das gibt kein Geld, das wird nicht entlohnt. Wir schaffen eben nicht den berühmten Mehrwert, sondern unsere Solidarität ist dem System noch ein Dorn im Auge, wie man an unserer Razzia ja sehen kann.
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<b>Lohnarbeit hat die Erde dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. An den Rand des Abgrunds, aber mit einem Bein schon drinnen und immer fröhlich weiter.</b>
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Wenn wir unter Lohnarbeit alles zusammenfassen, was der Mensch der Erde aus Profitstreben angetan hat, kann man sagen: Lohnarbeit hat den Planeten zerstört! Und Lohnarbeit zerstört die Gesellschaft! Und Lohnarbeit zerstört die einzelnen Menschen! Arbeit ist Übel. Arbeit ist Leid. Arbeit richtet die Menschen physisch und psychisch zugrunde.
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<b>Ich sehe es als unsere Pflicht als Menschen, Lohnarbeit abzulehnen und gegen sie zu kämpfen! Deswegen sind wir heute hier zusammen auf der Strasse, um gemeinsam zu sagen: Lohnarbeit ist Scheisse, besser geht es ohne sie!</b><p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 21 May 2026 08:54:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Heraus zum 14. Juni! Feministisches Kollektiv Baselland startet Kampagne für den Carestreik 2027]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/feminismus/heraus-zum-14-juni-feministisches-kollektiv-baselland-startet-kampagne-fuer-den-carestreik-2027-009682.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Eine feministische Gruppe hat am 14. Mai in Liestal Statuen mit violettem Stoff umhüllt und so symbolisch verschönert. Die Aktion macht sichtbar, was im öffentlichen Raum oft unsichtbar bleibt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/photo_5778498933788184729_w.webp><p><small>Feministisches Kollektiv Baselland macht mit ihrer Aktion auf Carearbeit und strukturelle Benachteiligung aufmerksam.  Foto: zVg</small><p>Frauen und genderqueere Personen prägen unsere Gesellschaft entscheidend mit; im Stadtbild sind sie jedoch kaum präsent. Das Stadtbild in Liestal ist bis heute stark von männlichen Figuren geprägt. Gleichzeitig sind auch politische Institutionen wie der Landrat und der Regierungsrat, die beide in Liestal tagen, weiterhin mehrheitlich männlich besetzt.
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„Unsere Aktion stellt deshalb infrage, wer sichtbar ist, wer repräsentiert wird und wessen Geschichten erzählt werden”, sagt das Kollektiv.
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Mit der Aktion macht das Kollektiv auf den feministischen Streik vom 14. Juni aufmerksam und ruft bereits ein Jahr zuvor zum grossen schweizweiten Carestreik 2027 auf.
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In einem Monat, am 14. Juni, findet auch in Liestal ab 11.00 Uhr eine feministische Veranstaltung statt. Gemeinsam stimmen sich die Streikenden auf den Carestreik 2027 ein und nehmen symbolisch auf Liegestühlen im Stedtli Platz.
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Das Ausruhen steht dabei nicht für Passivität, sondern für eine politische Botschaft. Ausruhen von täglich geleisteter, unbezahlter Carearbeit. Ausruhen von sexualisierter, physischer, psychischer und digitaler Gewalt. Ausruhen von gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen und genderqueere Personen noch immer benachteiligen.
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Der feministische Streik macht sichtbar, was unsere Gesellschaft täglich zusammenhält und trotzdem oft übersehen wird. „Carearbeit und emotionale Arbeit tragen unsere Gemeinschaft. Ohne sie funktioniert unsere Gesellschaft nicht und trotzdem erhält sie viel zu wenig Wertschätzung”, betont das feministische Kollektiv.
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Das Denkmal ist - im doppelten Sinne- überfällig. Das feministische Kollektiv ruft zur Mobilisierung auf: „Heraus zum 14. Juni!“<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 20 May 2026 10:47:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Omar El Akkad: Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/omar-el-akkad-eines-tages-werden-alle-immer-schon-dagegen-gewesen-sein-009314.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Der beinah poetische Essay rechnet mit der Doppelmoral des westlichen Liberalismus ab, der Kriege als alternativlos und Töten als legitim darstellt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/omar-el-akkad-eines-tages-werden-alle-immer-schon-dagegen-gewesen-sein_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>„Wofür sind Worte, die von jeder Wirklichkeit getrennt sind, gut?“ (S. 109), fragt der aus Ägypten stammende Journalist und Autor Omar El Akkad. In seinem Essay „Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein“ fragt er aber auch nach so viel mehr – und liefert gleichzeitig Antworten und zynische Befunde, wenn es um die Doppelstandards und die Heuchelei des westlichen Liberalismus geht: „Es ist die Aufgabe der Menschen aus dem Westen, Urteile über Leben und Tod zu fällen, die Aufgabe aller anderen ist es, zu sterben.“ (S. 76)

<h3>Wer darf existieren?</h3>

Ausgehend vom Gazakrieg und vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie als Muslim, Vater, Autor und Journalist in der Diaspora hält El Akkad westlichen Akteur*innen den Spiegel vor: Er zeigt, wie mittels Hierarchisierung, Abwertung und Othering (Prozess, bei dem Menschen als „anders“ und nicht zugehörig dargestellt werden, um Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, Anm. Red.) Konflikte und Kriege als notwendig und alternativlos dargestellt werden, wohingegen Widerstand und Befreiung höchstens im Rückblick als legitim betrachtet werden. Das gilt ebenso für die Subjekte, die sich im Kampf befinden und deren Unsichtbarmachung entlang kolonialistischer Logiken erfolgt: „Wessen Nichtexistenz ist notwendig für das Selbstverständnis dieses Ortes, und wie unkontrollierbar ist die Wut, wenn diese Nichtexistenz überschritten wird?“ (S. 26)
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Der Essay ist in zehn Abschnitte gegliedert, in denen El Akkad zeigt, wie sich die Hegemonie des westlichen Imperialismus und seiner Grossmacht auf Sprache, Werte, Widerstand und Angst auswirkt. Hierbei geht es um mehr als reine Privilegien, es geht um deren weitreichende Auswirkungen. Es geht um eine vermeintliche <em>weisse</em> Überlegenheit, die eine politische, ökonomische und rassistische Abwertung <em>nicht-weisser</em> Identitäten bedingt: „Das ist die Welt, die wir geschaffen haben, eine Welt, in der ein winziger Teil Privilegierter unersättlich konsumiert, während das Beste, worauf alle anderen hoffen können, ist, nicht konsumiert zu werden.“ (S. 103)

<h3>Wie lange darf existiert werden?</h3>

El Akkad stellt unbequeme Fragen und liefert ebenso unbequeme Antworten. Er tut dies in einer Sprache, die so bedeutungsvoll und schön ist, dass sie selbst wie eine Antithese zur Entmenschlichung und zum Töten manifestiert. Sie wird getragen vom Inhalt, der die Gleichgültigkeit und das Überlegenheitsgefühl demaskiert, das nicht zuletzt in journalistischen Arbeiten, beziehungsweise in der medialen Berichterstattung insgesamt, sichtbar wird.
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„Wenn die Sterbenden als menschlich genug angesehen werden, um eine Diskussion zu rechtfertigen, muss eine Diskussion geführt werden. Wenn sie als nichtmenschlich angesehen werden, wird die Diskussion beleidigend, ein Angriff auf den Anstand.“ (S. 64)
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Und auch:
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Omar El Akkad schreibt über gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung, über das transgenerationale und epigenetische Leid, das sich nicht nur in Gaza, sondern auch in anderen Kriegen manifestiert, dort Wurzeln schlägt und immer weiter wuchert. Dabei ist er in seiner Darstellung schonungslos, aber nie unversöhnlich. Er gibt der Wut, der Verzweiflung, der Trauer und dem Schmerz, den er mit vielen anderen Muslim*innen und Araber*innen teilt, einen Raum, ohne dabei in Raserei zu geraten. Es ist vielmehr ein Appell an das Kommende: „Wenn die Vergangenheit vergangen ist, wird sich zeigen, dass die Toten nicht an ihrer eigenen Ermordung beteiligt waren.“ (S. 73)

<h3>Gegenwärtige Wirklichkeiten</h3>

Geschrieben im Jahr 2024 bildet El Akkad in seinem Essay gegenwärtige Wirklichkeiten und Diskurse ab, die für all jene absehbar waren, die sich in Bezug auf Gaza nicht aktiv am Wegschauen und an überheblicher Ignoranz beteiligt haben. Das Ziel der Vernichtung wurde von israelischer Seite unzählige Male öffentlich und offiziell formuliert, doch Journalist*innen und Politiker*innen übertreffen sich weiterhin gegenseitig in Abschwächung, Täuschung und Whataboutism, um nur ja nicht die „Rechtmässigkeit“ und „Legitimation“ des Tötens zu unterminieren. Erfüllungsgehilf*innen, soweit das Auge reicht. Das war bereits bei den Kriegen gegen Afghanistan und den Irak so, zeigt sich bis heute in Guantanamo und ist omnipräsent in der ohrenbetäubenden Gleichgültigkeit, wenn es um das Töten von BIPoC (Black, Indigenous and People of Color, Anm. Red.) weltweit geht.
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„Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein“ hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Auch, wenn ich nicht in jedem einzelnen Punkt oder Argument oder jeder Aufforderung zustimme, denn am Ende wird der Kapitalismus von El Akkad zwar problematisiert, aber nicht in Frage gestellt. So bleiben einige Überlegungen unvollständig und analytisch etwas unscharf, was aber den Worten des Autors insgesamt nicht abträglich ist. Dieser Essay wird vermutlich aber dennoch viele Leute verärgern, sie empören und von ihnen als skandalös oder deplatziert bezeichnet werden. Und genau deshalb ist er so wichtig, so klug, so eindringlich und ja, so lesens- und diskussionswürdig.<p><em></em><p><small>Omar El Akkad: Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein. Matthes & Seitz, Berlin 2025. 206 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN: 978-3-7518-2071-4.</small>]]></description>
<pubDate>Wed, 20 May 2026 08:23:45 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/omar-el-akkad-eines-tages-werden-alle-immer-schon-dagegen-gewesen-sein-009314.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Grossstadt, Provinz und die (In)Effektivität antifaschistischer Strategien]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/grossstadt-provinz-und-die-ineffektivitaet-antifaschistischer-strategien-009673.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Meint es ernst mit euren radikalen Ansichten und entwickelt echte, gesellschaftliche Gegenkonzepte – denn darauf warten die meisten, auch viele von denen, die heute noch AfD wählen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Gera_Compact-Sommerfest-Ersatzveranstaltung_31_Freie_Sachsen_WHO_w.webp><p><small>Compact-Sommerfest-Ersatzveranstaltung »WIR für Frieden und Freiheit« am 27. Juli 2024 in Gera: Anti-WHO-Schild der Freien Sachsen.  Foto: <a class="caption_main_author" href="link" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Autor</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Politische Organisierung findet heute auch in Chatgruppen statt, was eine Alternative zur durch kommerzielle Algorithmen strukturierten Welt der „sozialen Medien“ zu sein scheint. Vom Empfehlen theoretischer Texte über die Diskussion aktueller politischer Themen bis zur konkreten Organisation von Widerspruch und Widerstand, von Kampagnen gegen das Debanking linker Organisationen in Deutschland bis zum Kampf gegen ICE in den USA ist eine Menge Spannendes, Vorwärtsweisendes dabei. Gerade wenn wir in die USA schauen, scheinen Messenger das entscheidende Werkzeug beim Schutz der Nachbarschaften vor paramilitärischer Gewalt zu sein. Zugleich hat Organisierung über Messenger auch etwas Flüchtiges, hektisch Getriebenes, was es erschwert, weiter als bis zum morgigen Tag zu blicken. Dafür braucht es andere Formate.
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However. Auf einem dieser Chats fand kürzlich eine Diskussion über Antifa und linke/anarchistische Organisierung aus einer dramatischen Minderheitsposition statt, wobei auch kontrovers über das oft widersprüchliche Verhältnis zwischen Grossstadt und ländlichem Raum diskutiert wurde. Beispiel:
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„Mobs from West Germany and Leipzig can travel to Riesa, Schwarzenberg, or Wurzen ten times, beat up a few Nazis, indulge in their male dominance cult in a black bloc, and then drive home again. Politically, this will have changed NOTHING for the better, but there is a lot of potential for the situation to worsen for the locals. Unfortunately, there are quite a few anti-fascist groups whose strategy boils down to “beat up Nazis and hold aggressive demonstrations -> revolution.”
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Mit dabei Max, dem ich hier ein paar Fragen stellen darf:
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<b>Hallo Max. Schön, dass ich Dich ein paar Fragen fragen und mit Dir diskutieren darf. Du hast, bezugnehmend auf den <a href="https://knack.news/15321" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Text von ungarischen Anarchist:innen</a> zum Agieren von Antifas vor allem aus Deutschland in Budapest ein paar wichtige Fragen zu Antifaarbeit in rechts dominierten und dem nicht immer hilfreichen Agieren der Grossstadt, bzw Metropolenantifa aufgeworfen. Darüber wollen wir gleich reden. Aber erzähl der geneigten Leserin doch erstmal wo Du herkommst.</b>
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Ich komme aus einem Arbeiter:innenhaushalt in einem kleinen sächsischen Dorf. Ich habe dort die Mittelschule in den 00er Jahren besucht. Wir hatten dort mit massiver Nazidominanz und Nazigewalt zu kämpfen. Von allen Leuten aus meiner Schulzeit kenne ich sonst niemanden, der sich in eine linke Richtung entwickelt hat. Von dort flüchtete ich so schnell ich konnte mit 15 Jahren weg. Angekommen in der Stadt (Dresden) organisierte ich mich anarchistisch, seit mittlerweile 15 Jahren in der FAU. Heute bin ich landwirtschaftliche Saisonkraft, v.a. im Gemüsebau. Ich arbeite und lebe einen Teil des Jahres in wechselnden Landkreisen Ostsachsens und bin da ganz gut vernetzt.
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<b>Was hat Dich in diesem Umfeld dazu gebracht, Dich anders zu orientieren als die Meisten?</b>
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Das ist eine wirklich gute Frage. Ich glaube v.a. hatte ich Glück mit meinem Elternhaus. Das waren eher anarchistisch tickende DDR-Oppositionelle aus der Blues-Bewegung, die viel gelesen und viel diskutiert haben. Die gaben mir Werte mit auf den Weg, die mich dann inkompatibel für die Stiefel-Nazis machten. Auch der liebevolle Umgang zu Hause miteinander stand im krassen Kontrast zu dem, was die Nazis da untereinander lebten. Auch mit den Männlichkeits-Rollenbildern konnte ich mich nie so ganz identifizieren, das half sicher auch, mich von den Kameraden nicht einfangen zu lassen. Ab einem gewissen Punkt war es aber auch einfach die Gewalt und Ausgrenzung, die ich von rechts erfuhr, die von deren Seiten die Fronten klärte. Also ohne die Nazis wäre ich nicht so links geworden, zumindest nicht so schnell.
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<b>Hast du Verbündete gefunden, dort auf dem Land?</b>
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Jain. Unsere Schule war extrem von Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägt. Die Grenzen zwischen klassischer Hackordnung und Mobbing einerseits und politischen Motiven waren da fliessend oder es wurde von rechts politisch geframet was eigentlich nur nach unten treten war. Ich musste erstmal die Erfahrung machen, dass Freund:innen nach Schulschluss nicht unbedingt Leute sind, auf die du dich in der Schule auch verlassen kannst. Also lange hatte ich keine wirklichen Verbündeten und war schwer suizidal. So ging es auch nicht wenig Leuten. In meiner Schulzeit hatten wir, glaube ich, drei Selbstmorde. Andere starben durch Suff und Verkehrsunfälle.
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Das ganze hatte nicht nur mit politischer Gewalt, sondern auch familiärem Missbrauch, dem allgemeinen Umgang vieler Lehrkräfte mit uns und anderen Faktoren zu tun. Über das Netz kam ich mit Subkultur in Kontakt, genauer mit den antifaschistischen Anteilen von Gothic- und Folk-Subkultur. Darüber habe ich dann den Mut gefunden mich mit den paar Gruftis, Punker:innen und Metaller:innen im Landkreis zusammenzutun. Wir haben Veranstaltungen organisiert, angefangen bewaffnet unterwegs zu sein und uns gegenseitig zu schützen. Dadurch habe ich dann letztlich die letzten Jahre durchgehalten.
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<b>Hast Du „die Antifa“ – was auch immer das ist – irgendwie wahrgenommen?</b>
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Nein, gar nix. Es gab bei uns ein paar linke, ein paar Stufen über mir. Das waren die Nachwehen bei uns aus der Wendezeit, da gab es noch besetzte Häuser bei uns in der Kleinstadt und in ein paar Dörfern. Aber die haben teilweise auch schwere Gewalt erfahren. Auf einen wurde mal in der Schulzeit mit der Armbrust geschossen. Als ich noch in der Grundschule war, war einmal eine riesen Blutlache in der Kantine, weil einem der Linken ein Stuhl über den Kopf gezogen wurde. Ich war aber zu klein um die zu kennen und als ich grösser war, waren sie weggezogen, schwer depressiv oder drogenabhängig. In der 7. Klasse sah ich irgendwo auf meinem Schulweg mal ein A im Kreis. Aus irgendeinem Grund recherchierte ich, was es damit auf sich hat und hatte so das erste mal Kontakt mit Anarchismus. Prägend war auch folgende Erfahrung: Nach einem rechten Skandal ein paar Dörfer weiter gab es dann mal Presserummel.
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Eine antifaschistische Hiphop-Band aus Berlin wurde bei uns eingeladen. Sie spielten aber nicht, gingen nur einmal durch die Schule und wurden als absolute Aliens wahrgenommen. Die meisten von uns sahen da das erste Mal linke Migrant:innen aus der Stadt, denke ich. Danach bekamen wir zwei Sozialarbeiter:innen in die Schule. Alles war in meiner Erinnerung überhaupt nicht anmoderiert und wurde uns einfach so hingesetzt. Auch wenn wir uns sonst verdroschen und erniedrigten, waren wir schnell in der Frage geeint, wie wir zu diesen Sozialpädagog:innen stehen. Das Gefühl war: Unsere Schule ist abrissreif, unser Lehrmaterial aus den 70ern, unsere Lehrer:innen können ihre Fächer nicht, brüllen uns an und mobben uns – aber weil wir deswegen verhaltensauffällig sind, werden wir jetzt mit „Psycholeuten“ aus der Grossstadt wieder auf Linie gebracht. An unserer Schule lief viel schief aber direkte Aktion konnten wir, wir zerstörten in einer solchen Frequenz die Räume der Soz-Päds, dass sie nach einem halben Jahr wieder weg waren. Das waren meine Erfahrungen mit Linken abseits meiner subkulturellen Kontakte, bevor ich wegen der Ausbildung in die nächste Kleinstadt zog.
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<b>Was hätten diese Leute tun müssen um Euch Kleinstadtjugendliche aus der sächsischen Provinz abzuholen? Hätten sie überhaupt was machen können oder ist überhaupt dieser leicht paternalistische Ansatz das Problem?</b>
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Ich denke, in diesem Schulsetting wäre es sehr schwer gewesen. Auch wenn wir uns in der Schule ordentlich gehasst haben, ich denke der projizierte Hass auf Leute auf dem Gymnasium und aus Grossstädten war grösser. Warum auf die Leute auf dem Gymnasium? Weil sie sanierte Schulen, modernes Unterrichtsmaterial hatten, weil sie meist eh aus den besseren Familien kamen und weil sie ihre alten Freund:innen nicht mehr mit dem Arsch anschauten, nachdem sich die Klassen (oft im wahrsten Sinne des Wortes) getrennt hatten. Es hätte Leute gebraucht, die nicht kommen, weil sie dafür bezahlt werden, uns wieder „geradezubiegen“. So wenig wir von der Welt begriffen hatten, den Move verstanden wir. Gerade auch wegen der DDR-Biografien unserer Eltern vielleicht. Es hätte Leute gebraucht, die uns nicht mit der Moralkeule kommen, eher mit Randale. Denn auf Krawall waren wir wirklich fast alle gebürstet.
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Aber ich denke, die rechten Kids hätte mensch in dem Moment nicht erreichen können. Die hatten ihre Jugendclubs (dort fanden dank akzeptierender Jugendarbeit Nazi-Konzerte statt, bis später alle geschlossen wurden), Anerkennung von den Grösseren, MoPeds, Identität. Aber uns anderen, die wir da rausfielen, uns hätte mensch mit sicheren Räumen und Aktionismus bekommen. Weil die rechte Hegemonie so stark war, gab es keinen Verein, keinen Sportclub oder irgendwas wo mensch sich hingetraut hätte. Räume ohne Nazis und Mobbing, da wäre ich vielleicht hingegangen. In manchen Dörfern gingen Leute deshalb zur jungen Gemeinde, obwohl nicht religiös. Manche wurden dadurch auch „Jesus Freaks“. Wir haben oft die Schule geschwänzt oder in der Schule randaliert und sabotiert, eine militante Schüler:innengewerkschaft hätte uns da vielleicht abgeholt. Oder Selbstverteidigungskurse gegen Nazis.
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<b>Wie bist du denn in Kontakt mit organisierten Linken gekommen?</b>
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Es war so eine Mischung aus einer Reihe von Faktoren. Aus Prekarität fing ich in der Ausbildung mit anderen AzuBis eine heimliche Hausbesetzung an. Parallel kam ich über Freunde zu einer mehrtägigen Gedenkfahrt ins ehemalige Ghetto Theresienstadt und über linkere Freund:innen erfuhr ich vom G8-Protest in Heiligendamm, der mich in meinem Bauch-Antikapitalismus abholte. Meine erste wirkliche Begegnung war dann der Protest gegen den jährlichen Naziaufmarsch in Dresden anlässlich der Bombardierung 1945. Da schloss ich mich der Antifa-Demo an, nachdem ich gemerkt hatte, dass die Bürger:innen-Demo gar nicht daran denkt, WIRKLICH etwas dagegen zu tun, dass die Hunde an der Synagoge vorbei wollen. Na ja, die Antifa-Demo hat mich dann so verstört, dass das beinahe mein erster und letzter Kontakt mit der Bewegung gewesen wäre. Sie war sehr vulgär-antideutsch und kam für mich einfach nur als menschenverachtend und seltsam rüber.
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„Glücklicherweise“ waren die Cops an dem Tag heftig drauf und brachen mir Nase und Rippen, als ich mich zum Blockieren auf die Strasse setzte. Es war meine erste Demo. Genoss:innen zogen mich mehrfach wieder raus, verarzteten mich auch mental und fuhren mich nach Hause aufs Dorf. Danach gab ich ihnen noch eine Chance und beschäftigte mich gleichzeitig mehr mit Anarchismus, da mein Glaube an die Polizei mit meinem Nasenbein zerbrochen war.
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<b>Was denkst du, was heute eine erfolgversprechende Antifa-Strategie in sächsischen Landschaften wäre?</b>
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Puh, schwierige Frage. Fangen wir mal damit an, was mensch vielleicht nicht machen sollte: Ich denke es gibt bestimmte Narrative, die von rechten Akteur:innen über linke gebetsmühlenartig wiederholt werden:
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„Es gibt keine radikale Linke mehr. Wer radikal links auftritt, ist nicht von hier, ist nicht wie wir, ist nicht radikal, sondern direkt von Staatsgeld, von DGB, SPD, Grünen oder anderen westdeutsch-städtisch assoziierten Playern in die Spur geschickt.“
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Letztlich greift also genau derselbe Abwehrreflex der mich und meine Mitschüler:innen damals den Soz-Päds die Schlösser zukleben liess. Die Hauptabwehr der Rechten ist also nicht, uns als radikale Linke anzugreifen, sondern uns als bezahlte Funktionär:innen eines verlogenen und doppelmoralistischen BRD-Establishment darzustellen.
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Das funktioniert deshalb so gut, weil es einen echten Kern hat. Uns allen fallen wohl sofort Beispiele ein, bei denen gestandene Linke das Wort „Kapitalismus“ nicht mehr in den Mund nehmen, weil sie ihr Brot bei einer NGO verdienen und sich das dort nicht gehört. Und wir alle haben sicher auch hilflose, antifaschistische Miniproteste vor Augen wo mensch mit ein paar Anarchist:innen mit den drei, vier Leuten von den Grünen, der SPD, dem von Bundesgeldern finanzierten Demokratie- und Kulturverein und der Kirche auf dem Marktplatz der doppelten bis zehnfachen Menge an AfD-Anhänger:innen gegenüber steht. Und weil mensch selbst in diesem Bündnis keine Schnittmengen hat, hat mensch auch keine eigenen Inhalte, nur ein wenig überzeugendes “Dagegen”.
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Die Alternative ist dann oft das, was ich antifaschistische „Ork-Armee“ nennen würde. Ein Mob in schwarzer Montur, die ihren Sinn völlig verliert, weil mensch sich damit nicht anonym macht, sondern mit den 150 Leuten, mit denen mensch aus der Grossstadt in die Kleinstadt einfällt, nur markiert, ein unauffälliges Bewegen durch die Stadt völlig verunmöglicht und die maximal noch den Zweck hat, bedrohlich zu wirken. Meist reitet diese Masse mit 0 Vor- und Nachbereitung ob der eigentlichen Situation vor Ort und v.a. ohne jede Strategie in das Kaff ein, beleidigt bestmöglich einfach alle die mensch trifft, am besten noch klassistisch mit dem shamen ostdeutscher Prolet:innennamen, weil mensch die in seiner Wessie-Studie-Sören-Familie nicht kennt. Mensch verbreitet also 1-3h Posertum, handelt sich vielleicht noch ein paar sinnfreie Anzeigen ein und fährt dann wieder nach Hause.
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Das einzige Ziel, das dabei erreicht wurde, ist in einer Kleinstadt bekannt zu machen, dass Antifas ungefähr die unmöglichsten Menschen der Welt sind und den „Freien Sachsen“ Bild- und Videomaterial für die nächsten Monate zu liefern. Aber es fühlt sich halt an, als hätte mensch ganz schön was gemacht. Und das ist ein grundlegendes Problem der deutschen Linken: Eine Analyse der eigenen politischen Wirksamkeit bleibt bei den vielen linken Bewegungen, auch in den antifaschistischen Kontexten, leider komplett aus. Es geht darum, sich gut zu fühlen, nicht darum etwas zu verändern.
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<b>Hast du einen Gegenvorschlag zu diesen wenig erfolgversprechenden Konzepten? Bzw. zumindest ein paar Ansatzpunkte dafür?</b>
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Es ist sicher schon rumgekommen, wo ich ein Hauptproblem sehe. Antifaschismus wird als von aussen kommend wahrgenommen. Die Leute sehen überhaupt keine Anknüpfungspunkte zu ihrem Leben. Das ist eine Entfremdung, die mensch nicht mit einfachen und schnellen Mitteln in den Griff bekommt, was angesichts der dramatischen Lage natürlich schlecht ist. Eine Grunderkenntnis ist erstmal, dass die Entfremdung beidseitig ist. Auch Leute, die wie ich aus dörflichen Handwerksmilieus kommen, haben sich oft komplett abgegrenzt von ihren Herkunftgemeinschaften. Das hat zum, Teil mit den Traumata zu tun, die viele von uns erlitten haben, oft aber auch einfach mit dem Anpassungsdruck, den es in städtischen linken Szenen oft gibt. Die Abgrenzung hat oft ja auch gute Gründe, wenn wir bspw. wenig damit anfangen können sich gegenseitig NIE ausreden zu lassen, SUV zu fahren oder vorsätzlich verletztende und diskriminierende Begriffe zu benutzen um den „eigenen“, besonders spitzfindigen politischen Humor zur Schau zu tragen. Aber wir machen es den Rechten oft zu einfach und verraten uns auch oft selbst.
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Aus meiner Basisarbeit weiss ich, dass du zum Beispiel durchaus queer und anarchistisch sein kannst, wenn die Leute trotzdem noch ein paar Anknüpfungspunkte lieferst. Also ich mein auf wenig gehen rechte Milieus (und alle anderen) auf dem Land so steil wie auf gendern und Veganismus zum Beispiel. Aber es hilft schon was, wenn du auf dem Dorf wohnst, vielleicht keinen akademischen Beruf hast, Langlauf fährst, traditionell sächsisch klettern gehst, Perlpilze sammelst, strickst und queeres Vokabular in breitester sächsischer Mundart verbreitest, zum Beispiel. Oder wenn du über DDR-Biografien Bescheid weisst und dafür Interesse zeigst. Oder auch nur, wenn du viele überdrehte Grabenkämpfe einer um sich selbst drehenden Szene-Linken auslässt und konsequent darüber reden willst, wie mensch jetzt dieses sterbende System und die damit einhergehende Gewalt (auch, aber nicht nur Nazi-Gewalt) in den Griff bekommt.
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Das hat natürlich alles Grenzen und ich will das nicht relativieren. Die Gefahr von Retraumatisierung ist genauso real, wie der Fakt, dass mensch das als BPOC-Person vielleicht einfach nicht machen will, weil mensch einfach immer noch jeden Tag mit übelster, rassistischer Scheisse konfrontiert ist. Ein anderer Punkt ist die Wahl der Kampffelder: Auch wenn für einen selbst die AfD vielleicht das drängendste Problem ist, muss mensch erstmal hinnehmen, dass es das für viele andere nicht ist. Es kann effektiverer Antifaschismus sein, eine gute Erwerbslosenstruktur auf die Beine zu stellen, sich zur Speerspitze einer Bewegung für bessere ÖPNV-Verbindung im Dorf zu machen, Frauen-Yoga im Dorf anzubieten als Keimzelle einer feministischen Vernetzung… Die geringe Kreativität und die geringen Ambitionen strategisch zu denken und den Leuten mit ihren obenaufliegenden, nicht chauvinistischen Themen zuzuhören, finde ich da oft erhellend.
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Dazu kommt noch: Auch im Feld der Sozialpolitik kann mensch oft gut gegen die AfD schiessen, weil das oft Kleinbürger:innen sind, die sich gern von der Gemeinde in die eigene Tasche wirtschaften. Die AfD in ihrer Rolle als korrupte und marktliberale „Parteibonzen“ anzugreifen ist meiner Erfahrung nach sehr effektiv. Bei den Bäuer:innenprotesten waren sie bspw. sehr schnell nicht mehr willkommen, nach dem die entsprechenden Stellen ihres Parteiprogramms unter den Bäuer:innen breit getragen wurden. Schlussendlich muss die Strategie aber kurz und bündig heissen: Seid auf dem Land präsent, seid auch in handwerkliche Berufen präsent, pflegt dort echte Beziehungen und versteckt euch nicht mit euren radikalen Ansichten aus unnötiger Rücksicht auf bürgerlich-liberale Bündnispartner:innen. Meint es ernst mit euren radikalen Ansichten und entwickelt echte, gesellschaftliche Gegenkonzepte – denn darauf warten die meisten, auch viele von denen, die heute noch AfD wählen.
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<b>Vielen Dank, Max! Ist da noch was, das gesagt werden muss?</b>
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Ich denke eine Menge Menschen sind gerade eigentlich auf der Suche nach Antworten. Sie finden den Kapitalismus scheisse, sie sehen, klarer als viele Linksliberale, dass dieses System hier am Ende ist, sie haben keinerlei Vertrauen in Parteien mehr, auch nicht in die AfD, selbst wenn sie sie wählen. Die Linke hat aber auch nur Phrasen, keine Idee davon, wie wir die Wirtschaft vergesellschaften, was Alternativen zu diesem politischen System wären. Solange wir keine Ideen entwickeln und vermitteln können, werden wir verlieren. Wie das aussähe, das will mensch sich lieber nicht vorstellen. Ich bitte daher alle: Lasst uns ernsthaft auf die Suche nach Antworten gehen, wie ein anderes Wirtschaftssystem und ein anderes politisches System ganz konkret aussehen und umgesetzt werden kann. Es ist mehr als nötig. Ich denke dafür helfen grosse, radikale aber herzliche Basisorganisationen.
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<b>Geigerzaehler · Kopfstand (GZ & Attitüden Plattitüden Showband)</b>
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PS.: An dieser Stelle sei auch noch einmal laut gerufen: SOLIDARITÄT MIT MAJA! FREE ALL ANTIFAS!<p><em></em><p><small>Einen guten Einblick (mit anderen Schlüssen allerdings) zur Situation im kleinstädtischen Ostdeutschland (in diesem Fall das Randberliner Königs Wusterhausen) gibt dieses schöne Interview mit Thomas J.: <a class="fussnoten_links" href="https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197564.antifa-auf-linke-jugendliche-wurde-geschossen.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197564.antifa-auf-linke-jugendliche-wurde-geschossen.html</a>
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Zu den Prozessen rund um den Budapest-Komplex sei <a class="fussnoten_links" href="https://www.basc.news/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.basc.news/</a> empfohlen. Zur sogenannten „Antifa Ost“ (ein Konstrukt, das so nie existiert hat), lest weiter auf: <a class="fussnoten_links" href="https://www.antifaostkomplex.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.antifaostkomplex.org/</a></small>]]></description>
<pubDate>Tue, 19 May 2026 12:38:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Der gestrandete Wal Timmy – eine günstige Gelegenheit für die AFD]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/politik/deutschland/der-gestrandete-wal-timmy-eine-guenstige-gelegenheit-fuer-die-afd-009681.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Antifaschist*innen sollte es interessieren, wie es rechten Kreisen gelungen ist, sich ein emotionales Thema anzueignen und erfolgreich zu instrumentalisieren.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Whale_rescue_effort_Poel_Germany_06_w.webp><p><small>Wal-Rettung von "Timmy" auf der Insel Poel am Südrand der Ostsee, 18. April 2026.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:(20260418)_Whale_rescue_effort_Poel_Germany_06.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Roy Zuo</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Aber verwundert das wirklich? Die Geschichte um den Wal, bedient ihre Narrative weitreichend. Vieles erinnert hier an die unerträglichen Corona-Proteste. Wissenschaftsfeindlichkeit sowie Verachtung staatlicher Strukturen (die zu schwach und korrupt seien) und ihre Vertreter*innen, die das „Deutsche Volk“ (im Wal versinnbildlicht) nicht schützen, ist hier das Grundverständnis. Befeuert durch einen nicht endenden Sturm voller Schwurbelei, schlägt Ablehnung und Überhöhung in ihrer einzigen Wahrheit, schnell in kollektivem Hass um. Die Lösung ist es, auf die Strasse zu gehen, mit der Vorstellung, die Macht der versagenden „Eliten“ zu entreissen, um sie dem (deutschen) Volk zu übergeben, Rache-Fantasien inklusive. Ihre rechten, alternativen Medien, bestärken sie in ihren Überzeugungen.
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Es ist legitim, sachlich Kritik zu üben, wenn sie berechtigt ist und sie von Menschen kommt, die durch ihre Expertise wirklich etwas zum Thema beitragen können. Kritik an schlampig erstellten Gutachten und der Unkenntnis über praktische Walrettung darf geäussert werden. Und natürlich müssen wir insbesondere unserer Verantwortung für Natur und Umwelt gerecht werden.
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Für relevante Lösungsansätze bei den menschengemachten, zwangsläufig verstärkt auftretenden ökologischen Katastrophen, dafür stehen die sich hier inszenierenden rechten Gruppierungen und Individuen jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil, Fakten werden abgestritten, effiziente Strategien in einer masslosen Überheblichkeit bestritten. Gegen ihre Einstellung, alle Menschen, die nicht ihr Weltbild passen, auszugrenzen, sie zu erniedrigen und existentiell zu gefährden (bis hin zur Auslöschung) kann es nur Widerstand, aber niemals eine Zusammenarbeit geben.
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Dieser Beitrag beschäftigt sich deshalb mit der Instrumentalisierung eines Wales durch rechte Kreise und ihre erfolgreiche Mobilisierung vor Ort. Alle, die rechte Einstellungen ablehnen und trotzdem der Ansicht sind, eine Walrettung entpolitisieren und von Ideologie befreien zu können, tappen in eine Falle. Bei rechtsextremen Einstellungen einfach wegzusehen und wegzuhören, weil es um eine gemeinsame, „übergeordnete“ Sache geht, ist naiv und verharmlosend. Solche Ignoranz unterstützt die Schaffung einer rechten Hegemonie, mit allen ihren Konsequenzen.<br>
Hier nun eine Vorstellung der Beteiligten.

<h3>Zur Person Walter Gunz</h3>

Dass sich hier rechte Kreise erfolgreich zusammenschliessen konnten und zum Protest mobilisierten, hat gute Gründe. Eine der beiden Geldgeber*innen ist bekanntermassen der Mitbegründer der Mediamarkt-Kette Walter Gunz.
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Seine gute Freundin, die Journalistin Nicolette DeVidar, die in Washington D.C lebt, hat ihn aus den USA angerufen und erklärt, dass es vielleicht doch noch eine Möglichkeit gibt, den in der Ostsee vor der Insel Poel gestrandeten Wal zu retten. Laut Aussage von Walter Gunz, ist dass der Anlass gewesen, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Rettungsaktion einzuleiten. Beide stehen sich als Mystiker*innen philosophisch, „spirituell“ und auch politisch nah.
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Walter Gunz werden Sympathien zur AfD vorgeworfen, welche sich bei seiner in den USA lebenden Freundin „Nicolette“ leicht belegen lassen. Für das Online-Nachrichtenmagazin aus Bangladesch, <em>PressXpress</em>, verfasste sie 2024 einen Artikel über das Erstarken der AfD in Deutschland. Im Text behauptet sie, die Partei hätte Botschaften für die Menschen, die die Regierung lieber verschweigen würde oder sich weigert zu verstehen. Die AfD würde das aussprechen, was viele Deutsche schmerze. <a href="https://pressxpress.org/2024/02/21/germanys-problem-with-right-wing-afd-ineptitude-of-political-mainstream/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Text ist keine sachliche Analyse</a>, sondern ein reines Werbe-Pamphlet.
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Auch ein Text über den Ukraine Krieg aus dem gleichen Jahr „<a href="https://pressxpress.org/2024/04/16/world-tired-of-zelensky-shift-from-weaponry-to-peace/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Welt ermüdet von Selenskyj. Abkehr von der Rüstung, hin zum Frieden</a>“ offenbart eine Position, die, übertragen auf Deutschland, in AfD-Kreisen verbreitet ist. DeVidar schreibt, dass die amerikanische Bevölkerung es satt habe, endlos Missionen im Ausland zu finanzieren, während die USA im eigenen Land mit Problemen zu kämpfen habe.
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In ihrer schriftlichen Einleitung zu einem Video, das ein anderes Thema behandelt, erklärt sie 2022 zu Corona, dass die Menschen genug hätten von Massnahmen und Beschränkungen, die weiter auferlegt werden, obwohl Narrative zerfallen. Die Menschen würden zunehmend Widersprüche erkennen. Das Streben nach Freiheit besiege die Angst. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Bevölkerungsgruppen schliessen sich zusammen und setzen sich für ihre Rechte ein.
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Auf ihrem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-BVEGnU6Zyc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">X - Account wettert DeVidar</a> dann auch gegen das Tragen von Masken.
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Ihr YouTube Video über den Klimawandel offenbart, dass sie wissenschaftlich erwiesene Fakten leugnet und Lösungen anbietet, die keine sind. Sie schreibt dazu: „Glaubt man den Mainstream-Medien, dem WEF oder der UN, steuern wir auf eine Katastrophe zu. Zwar haben Stürme, Überschwemmungen und Wetterkatastrophen zugenommen – aber welchen Einfluss haben wir wirklich darauf? Welchen Einfluss hat die Verschmutzung des Geistes auf den Verlauf von Umweltkatastrophen? (…) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CuK3eYAuklY" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Werden wir von Panikmache geplagt</a>, anstatt uns auf unsere tatsächlichen kreativen Fähigkeiten zu konzentrieren, die die Welt erschaffen, in der wir leben?“
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In einem weiteren Video stellt sie ihrem US-amerikanischen Publikum, die deutsche Kleinstpartei „Basis“ vor, die aus der selbsternannten Querdenker*innen Bewegung hervorging, welche für „Schwurbelei“ statt logischem, auf Fakten basierendem Denken steht. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=C-nQivFpiyI" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sie übersetzt ein Interview</a>, das mit Peggy Galic (Vorsitzende des Kreisverbandes Rosenheim-Miesbach) geführt wurde.
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Sie spricht mit Franz Ruppert, den sie als führenden Traumaspezialisten vorstellt, dessen Verfahren aber nicht durch den wissenschaftlichen Beirat anerkannt ist. Über Corona hat er ebenfalls Verschwörungstheorien verbreitet und die Massnahmen mit der Schutzhaft aus der NS-Zeit verglichen. Sie unterhält sich mit ihm auch über die Mutterrolle. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hh1Syawl6zA" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Im Verständnis nach frauenfeindlich, reaktionär, verklärend</a>.
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Sie führte ein Interview mit Marie-Luise Vollbrecht zum Thema, <a href="https://youtu.be/Nm9JyXOSs2Q" target="_blank" rel="noreferrer noopener">warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt</a>. Anerkannte Wissenschaftler*innen widersprechen dieser Aussage. Das Problem hierbei wäre nicht eine sachlich fundierte Debatte, sondern dass rechte Gruppen und auch Vollbrecht selbst, das biologische Verständnis zur Hetze gegen queere Personen und Transfeindlichkeit nutzen.
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Nach der Walrettung führte sie ein Gespräch mit der deutschsprachigen Ausgabe der <em>Epoch Times</em>, mit der Walter Gunz in guter Beziehung steht. Zu Spitzenzeiten folgten immerhin mehrere Tausend Personen dem Livestream von <em>Epoch Times</em> auf der Insel Poel, dem zeitweiligen Strandungsort des Wales. Die Zeitung wurde von Beginn an in die Planung der Rettung einbezogen und ist tagtäglich vor Ort gewesen, um live berichten zu können. Laut Wikipedia wird die deutschsprachige Ausgabe, dem „rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Diskurs" zugeordnet. Die amerikanische Ausgabe "wird der Gruppierung <em>Falun Gong</em> und der Neuen Rechten in den Vereinigten Staaten" zugerechnet und übernahm Verschwörungstheorien von Donald Trump.
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Die Zeitung schreibt selbst: „Der erneute Rettungsversuch begann mit der Ankündigung von Gunz in der <em>Epoch Times</em>, eine solche Aktion zu finanzieren. Zahlreiche Konzepte wurden unserer Redaktion zugeschickt und von einem Team ausgewertet. Nach anfänglicher Ablehnung meldete sich Minister Backhaus persönlich bei Gunz. Nach zahlreichen Gesprächen gab er nun grünes Licht für die neue Rettung.
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Es kommt nicht von ungefähr, dass Walter Gunz die <a href="https://www.epochtimes.de/gesellschaft/telefonat-mit-umweltminister-kehrtwende-bei-rettung-von-buckelwal-timmy-a5456264.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Epoch Times</a> hier aktiv mitmischen lässt. Ihre Präsenz vor Ort erhöht ihren Bekanntheitsgrad und bringt ihr insgesamt mehr Reichweite.
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Die Initiative gegen Rechtsextremismus „<a href="https://www.endstation-rechts.de/news/wal-qual-und-quote" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Endstation Rechts</a>“ schreibt über Walter Gunz, dass er "keine Probleme damit zu haben scheint, rechte Akteure mit Null-Wal-Profession finanziell zu unterstützen. Denn ebenso wie die Liebe zum Wal, scheint sie der Vorzug zur AfD zu verbinden. Gunz spendete laut interner Parteiliste mehrfach an die rechtsextreme Partei. Einmal waren es dementsprechend der Liste 1.750 Euro, dann 500 Euro und im Jahr 2017 mehrfach 250 Euro."

<h3>Jens Schulz, der Organisator</h3>

Ganz vorne dabei, als Koordinator und Initiator des Rettungseinsatzes, und dennoch kein Gesicht für die Öffentlichkeit, ist Jens Schulz gewesen. Auf Facebook gibt es nur ein Interview mit ihm, dass <em>News 5</em> geführt hatte. Auf seinem, inzwischen abgeschalteten Facebook Account postete er in der letzten Zeit eine eher sachlich gehaltene Walberichterstattung eines Insiders. Interessant ist die Gegendarstellung der Walrettungsinitiative, der er in federführender Position angehört. Sie verwehren sich gegen Vorwürfe und verweisen darauf, dass Jens Schulz kein Partei-Mitglied der AfD wäre. Radikalismus in jegliche Richtung würde weder unterstützt noch genutzt. Sie halten sich rechtliche Schritte gegen Verleumdung vor.
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Doch Interessierte, die auf seinem Account etwas weiter nach unten gescrollt haben, ist es möglich gewesen, sich sehr schnell ein Bild von seiner wahren Gesinnung zu machen. Der geteilte Slogan: „Wenn das Volk aufsteht, wird die Macht nervös“ ist hier schon eine interessante Überleitung, zu den widerwärtigen Ergüssen, die danach folgen. Hier einige kurze Auszüge im Wortlaut:
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„Diese linken Hetzer machen immer weiter! Und wir bezahlen diesen ganzen ZDF / ARD Dreck!“ „Euch total verblödeten Westdeutschen müssen sie wirklich ins Gehirn geschissen haben. Was muss noch alles passieren damit ihr Speichellecker endlich aufwacht?“ „Ja Herr Merz, nicht jedes Land lässt sich durch die Ukraine eine Pipeline zerstören und zahlt trotzdem weiter. Es gibt auch Länder, in denen nicht das eigene Volk verraten wird. Sie sind eine Schande.“, „(…) Egal ob sie einen Genozid begehen, fremde Länder überfallen, Privatpersonen im Ausland töten oder ob Siedler fremdes Land besetzen. Die Israelis brauchen sich nicht wundern, dass fast die ganze Welt sie ablehnt. Es wird Zeit, dass ihr Treiben Konsequenzen hat. „Ich hoffe so sehr, das Putin diesen ukrainischen Verbrecher endlich aus dem Verkehr zieht.“
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Mehrmals hetzte er rassistisch und zutiefst verächtlich über People of Color, die nichts in der Werbung verloren haben sollen, haben, weil sie Deutschland nicht vertreten können. Dazu präsentiert er eine rassistische Werbung von <em>H&M</em>, die der schwedische Konzern aufgrund berechtigter Empörung zurückziehen musste. Und mehrmals äussert er eindeutig, dass er ein Anhänger der AfD ist, indem er z.B. eine Grafik mit der Aufschrift teilt, dass er mit 12 Millionen zur AFD gehört und dazu steht.
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Diese Inhalte sammelten sich über mehrere Jahre auf seinem Account an.
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Das sollte dann mehr als ausreichen, um sich ein Bild über den Menschen Jens Schulz machen zu können. Auf Facebook behauptet er am 22. April, er wäre auf Facebook gehackt worden. Es geht u.a. um einen zutiefst walverachtenden Post aus dem Jahre 2025, der ihn vollkommen diskreditieren würde. Laut eigener Aussage hat er ihn gleich zur Anzeige gebracht und vermutet, dass "Pixelhelper" (Künstler*innenkollektiv aus der Ecke der Freimaurer -damit weder links noch rechts) dahinterstecken, die sich u.a. wegen seiner politischen Einstellung von der Walrettung zurückgezogen haben.
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Der Organisator der Walrettung hat sich eindeutig positioniert. Es ist bekannt, wo er steht. Den Vorwurf, gehackt worden zu sein, was technisch in der Form kaum umzusetzen ist, bezog er den eigenen Aussagen auf Facebook entsprechend, vor allem auf den "walfeindlichen" Beitrag und ein paar verwirrende Inhalte, die seine Arbeit konterkarieren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der ominöse Hackerangriff eine reine Schutzbehauptung ist.
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In einem weiteren Statement informiert er, er hätte sich mit einem spezialisierten Fachanwalt für Medienrecht in Verbindung, der ihn in Kenntnis gesetzt hätte, dass es ihm nicht möglich ist, echte von gefakten Posts zu unterscheiden.
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Die menschenfeindliche Hetze und seine Bekenntnisse zu AFD haben sich bis zur Abschaltung auf seinem Account befunden. Dafür gibt es keine Ausreden. Bedeutend ist hier, dass er sich zu keiner Zeit inhaltlich von den Aussagen distanziert, sondern nur als Opfer stilisiert.
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Statement Jens Schulz: „Mir geht und ging es von Anfang an nur um den Wal und um die Schaffung einer realen Möglichkeit, diesem Tier eine Chance auf Freiheit zu generieren. Die mediale Aufmerksamkeit ist riesig, das war uns allen bewusst. Anstatt uns in Ruhe arbeiten zu lassen, wurde der Fokus weg vom Wal dann in Richtung der Teammitglieder gelenkt und Teile davon öffentlich blossgestellt und diffamiert. Der Vorwurf darf in den Raum gestellt werden, geht es hier noch um die Rettungsaktion des Wales oder um etwas ganz anderes?

<h3>Danny „First Class“ Hilse – ganz nah dran am Wal</h3>

Entlarvend ist dann auch, wer für die Koordination des Walprotestes in Wismar am 11. April 2026 verantwortlich ist. Aufgerufen dazu hat der ehemalige Hells Angel Danny Hilse („Danny First Class“) aus dem Landkreis Cuxhaven. Noch im letzten Jahr organisierte er die GfD (Gemeinsam für Deutschland)-Demos in Niedersachsen. Hier <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pNUkZfzXnnY" target="_blank" rel="noreferrer noopener">seine Rede in Hannover</a> vom 28.6.2025.
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Er verfügt über gute Kontakte zur AFD. Am 25.10. 2025 hat er z.B.<a href="https://www.youtube.com/watch?v=HcB8HjxFNh4" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> eine weitere GfD-Demonstration organisiert</a>, für die AfD Politikerin Christina Baum (Mitglied des Bundestages) als Rednerin gewinnen konnte.
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Hier sein Aufruf zu der von ihm organisierten Demo und Mahnwache am 11. April in Wismar. <a href="https://www.youtube.com/shorts/0_g0uuzgim4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Über 150 Menschen folgten seinem Aufruf</a>. Anschliessend ging es auf die Insel Poel.
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Achim Lustig, ein Hobbyfilmer hat die Aktion auf Poel gefilmt. Danny Hilse hat davon ein langes „Reel“ auf Facebook gestellt. Zu sehen sind einige ihm Bekannte aus seinem „Gemeinsam für Deutschland Umfeld“ (u.a. Feuerwehrmann „Jürgen“ und „Speedy“, auf die noch näher eingegangen wird), aber auch Personen, von den anzunehmen ist, dass sie evtl. nicht wissen könnten, dass sie hier politisch instrumentalisiert werden. Es ist aber auch davon auszugehen, dass es einigen, aufgrund offensichtlicher Hinweise auf rechte Beteiligung, auch egal ist, <a href="https://www.facebook.com/reel/1555090659624252" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wer bei der Walrettung die Initiative ergreift</a>.
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Nachdem er an diesem Tag als Organisator aufgetreten ist, ist es Hilse, trotz seines kurz darauf öffentlich gewordenen politischen Hintergrundes, schnell gelungen, ins „Walretterteam“ aufgenommen zu werden.
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Ebenfalls mehrere Tage vor Ort gewesen ist sein Bekannter Dennis „Original 4“, der gemeinsam mit Dennis „Firstclass“ Hilse <a href="https://www.tiktok.com/@dasoriginal4/video/7551058949903093014" target="_blank" rel="noreferrer noopener">zu GfD (Gemeinsam für Deutschland) Protesten aufgerufen hat</a>.
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Auf seinem Kanal spricht er die gemeinsame Verbindung. Bei Demobesuchen würden sie Gespräche führen, hätten inzwischen die Telefonnummern ausgetauscht und würden über WhatsApp kommunizieren. Er beschreibt „Firstclass“ als hilfsbereit und wirklichen Macher. Er wäre ein dominanter Anführer, dessen Projekte immer „Hand und Fuss“ gehabt hätten.
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Danny Hilse ist im Anschluss ganz nah dran am Wal gewesen. Sein Versprechen <a href="https://www.tiktok.com/@danny.firstclass/video/7628827181812174113" target="_blank" rel="noreferrer noopener">auf seinem TikTok Kanal</a> ist keine Worthülse.
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Als lautstarker Organisator der Demonstration und Wortführer, der die Anwesenden erfolgreich agitieren konnte, ist es ihm gelungen, offiziell in das Team der Retter*innen aufgenommen zu werden. Schnell hat er sich mit dem Schriftsteller Sergio Bambarén angefreundet und ihm wurden, ebenfalls ohne Expertise von Verantwortlichen, ähnliche „Walflüsterqualitäten“ nachgesagt.
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Danny Hilse ist, vom ersten Tage an, als er auf Poel aufgetaucht ist, immer präsent gewesen und durch seine Gesichtstätowierung fällt der ehemalige Hells Angel besonders auf. Es wäre verharmlosend, die hier recherchierte Problematik der Instrumentalisierung durch Rechte nur auf ihn zu projizieren. Er ist der besonders sichtbare Teil eines Netzwerkes, samt „unpolitischer“ Unterstützer*innen.
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Festzustellen ist, dass rechte Einstellung und Vernetzung kein Anlass sind, ihn aus dem Team zu entfernen. Nicht einmal, als die Veterinärin Jenna Wallace (Hawaii), die eine Zeit lang, an der Walrettung beteiligt war, in ihrem Statement seinen Auftritt stark kritisierte. Sie berichtet von seiner Ignoranz und seinen extremen Hang zur Selbstdarstellung, die eine erneute Strandung des Wales zur Folge gehabt hätte. Ihre Darstellung fand Widerhall in den Medien. Selbst darauf wurde nicht reagiert.
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Er wäre hier ohnehin nur „Bauernopfer“ gewesen. Die beiden Personen, die den gesamten Walrettungsversuch finanzieren, Walter Gunz und die Pferdesport-Unternehmerin Karin Walter-Mommert haben nicht eingegriffen. Walter-Mommert hat ihn damit verteidigt, dass er eine besondere Beziehung zum Wal aufgebaut hätte. Auch die in den letzten Tagen bis zur Freilassung eingesetzte Tierärztin mit eigener Haustierarztpraxis, hat sich, als der Wal in der Barge in die Nordsee transportiert wurde, sehr positiv über den Einsatz von Danny „Firstclass“ geäussert. Sein politischer Hintergrund war auch bei ihr kein Thema. Alles wurde erneut dem gemeinsamen Ziel den Wal zu retten, untergeordnet. Gut verstanden hat er sich auch mit der zweiten eingesetzten Tierärztin, die in einer Pferdeklinik arbeitet. „Danke mein Schatz“ und innige Umarmung mit „Küsschen“, <a href="https://www.tiktok.com/@danny.firstclass/video/7634616643624209696" target="_blank" rel="noreferrer noopener">für ein letztes gemeinsames Selfie auf Poel</a> vor der Barge mit Wal, bezeugen, wie gut das Verhältnis zwischen den beiden am Ende gewesen ist. Sie lobten sich gegenseitig für ihren Einsatz.
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Im Netz existieren Gerüchte über eine Beziehung zur Rechtsanwältin Constanze von der Meden, Mitglied im Walrettungsteam. Ein Bild, dass beide gemeinsam in Berlin vor wenigen Jahren auf Facebook zeigen soll, reicht aber nicht aus, um die Behauptung zu verifizieren. Ein Bekannter von Danny Hilse, streitet die Gerüchte nicht ab, sondern betont, dass es Niemandem was angehe. Die vollständige Rehabilitation, bei der politische Orientierung ausgeklammert bleibt, trägt dazu bei, dass allen beteiligten Walretter*innen ein besonderer Status verliehen wird. Jegliche Kritik an rechten politischen Einstellungen gilt als Nestbeschmutzung, von nicht wenigen wird sie ohnehin geteilt.

<h3>Feuerwehrmann „Jürgen“ und Markus „Speedy“ Werner</h3>

Sich inszenieren musste sich dann auch ein pensionierter Feuerwehrmann aus Itzehoe, der zu Massenprotesten vor Ort aufgerufen hat. Der Gegner der Corona-Massnahmen, der seit 2024 aktiv in rechte Kreise eingebunden ist, bezeichnet sich selbst als Patriot, wäre aber kein Nazi. Sein YouTube - Account macht es nicht schwer, ihn politisch richtig einzuordnen. Hierzu <a href="https://antifaschistischegruppe-iz.org/kruder-protest-querdenker-versucht-omas-gegen-rechts-zu-diffamieren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ein Bericht der Antifa-Gruppe Itzehoe</a> vom 8. Februar 2025.
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Der in Baden-Baden geborene Jürgen Scharnbacher hat sich mit rechten Strukturen in Baden-Württemberg vernetzt.  Am 21.9.2024 sass er auf dem Podium der „Wir müssen Reden“ Demonstration vor dem Südwestrundfunk SWR in Stuttgart. 2025 trat er bei zwei Veranstaltungen auf, die von „Baden-Württemberg steht auf“ organisiert wurden. Am 22.2.2025 in Backnang und am 18.10. 2025 in Reutlingen.
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Auf Poel war er Seite an Seite mit Markus „Speedy“ Werner ein Teilnehmer der Demonstration von Danny Hilse und am 18.11. hat er die Eröffnungsrede der von Werner organisierten Mahnwache gehalten. Das Ende seiner Rede zeigt auf, wie <a href="https://www.tiktok.com/@speedy.markus1974/video/7630050781638429985" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die politischen Rechte das Schicksal eines gestrandeten Wales extrem überhöht</a> und wie das Thema, Mensch und Tier dabei instrumentalisiert werden.
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Entschuldigt hat sich Jürgen Scharnbacher dafür, dass er selben Tag auf Poel nach Beendigung die an der Rettung beteiligten Tierärztin und eine Rechtsanwältin, die ebenfalls Mitglied des Rettungsteams gewesen ist, mit unberechtigten Vorwürfen konfrontiert hat. Die wenige Tage darauf plötzlich lebensgefährlich erkrankte Frau, hat als Teil des Walrettungs-Teams und Vorsitzende des Landesverbandes Schleswig-Holsteins der Partei Mensch Klima Tierschutz ein hohes Engagement gezeigt. Ihr Name wird hier bewusst nicht genannt, weil ihr bestimmt nicht der Vorwurf gemacht werden kann, eine politische rechte Einstellung zu vertreten.
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Im Nachgang berichtet Scharnbacher „von Backhaus persönlich angezeigt worden sein“. Ob es eine Anzeige gegeben hat, ist unklar – sehr wohl wurde ihm ein Gefährder-Anschreiben der Polizei übermittelt.
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Inhaltlich soll nach Ansicht rechter Kreise, der Feuerwehrmann hier „Klartext“ geredet haben und auch als Opfer einer zutiefst als ungerecht empfundenen Repression ist er ein geschätzter Gesprächspartner auf verschiedenen rechtsoffenen und offenen rechtsextremen Youtube-Kanälen. Als Beispiele seien hier die beiden Formate „Jens fragt nach“ (Schwarck Media) und „Hallo Meinung“ (verantwortlich Peter Weber) genannt werden. „Hallo Meinung“ versteht sich als redaktionelles Netzwerk, mit dem sich das Online-Magazin für Medienkritik "Übermedien" bereits näher beschäftigt hat und das von ihnen zwischen Werteunion und Rechtsextremismus angesiedelt wird. Hier ein Video eines Interviews von „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=dOWzfry-DDM" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hallo Meinung</a>“ mit „Jürgen“.
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Der pensionierte Feuerwehrmann ist intern nicht unumstritten, weil er Danny Hilse kritisiert und sich dabei auf Jane Wallace (Tierärztin aus Hawaii) und die negativen Medienberichte beruft. Der bereits erwähnte Dennis „Original 4“, wirft dem pensionierten Feuerwehrmann vor, im letzten Jahr, zusammen mit seinem Freund Markus „Speedy“ Werner „Gemeinsam für Deutschland“ Demos für Schleswig-Holstein geplant zu haben, die dann nie stattfanden. „First Class“ dagegen, hätte erfolgreich mobilisiert.

<h3>Markus „Speedy Werner“</h3>

Persönlich und politisch steht er Feuerwehrmann „Jürgen“ Scharnbacher nah. Auch er bezeichnet sich als Patriot, <a href="https://www.facebook.com/reel/725571530008581" target="_blank" rel="noreferrer noopener">als „stolzer Deutscher“</a> und präsentiert ebenfalls eine verschwörungsideologisch, <a href="https://www.facebook.com/markus.werner.75/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">völkisch-nationale Einstellung</a>.
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Er teilt durchweg rechte Inhalte auf seinen Sozialen Kanälen. Mit seinem „Team Lübeck“ (Teil der Struktur „Norddeutschland Zusammen stark) unterstützt und organisiert teilweise auch, rechte Aufrufe zum Protest. In diesem Zusammenhang sind Aktionen, wie das „Brückenleuchten“, Mahnwachen, Demonstrationen und Autokorsos von rechten Gruppierungen zu nennen, die er viel grösser macht, als sie sind. In Berlin hat seine Gruppe zwei Mahnwachen organisiert. Am 23. 11. fand sie im Rahmen einer Mobilisierung des nach den Bauernprotesten entstandenen, rechten Vereins: „Hand in Hand für unser Land“ statt. Er erstellt und teilt Mobilisierungsvideos für „Gemeinsam für Deutschland Veranstaltungen (GdF)“, die er, wie die meisten seiner Videos mit propagandistischer KI-Musik hinterlegt, die emotional aufrütteln soll. Am 22.03.2025 war er (mit eigenem Fahrzeug als Lautsprecherwagen) auf der <a href="https://www.facebook.com/reel/2100532147041264" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Gemeinsam für Deutschland Demo</em></a> in Lebach / Saarland.
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Kurzer <a href="Text%20von%20Rheinmain-Rechtsaussen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Text von Rheinmain-Rechtsaussen</a> über die Aktionsform: „Brückenleuchten“.
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Auf Poel war er mehrmals vor Ort. Danny Hilse stellt ihn auf der Demonstration am 11. April, die in Wismar begann, als Anmelder der nachfolgenden Spontandemo auf Wismar vor. Er selbst teilt das von Danny Hilse veröffentlichte Video über die Demonstration, dass diese Szene zeigt. Direkt neben ihm steht <a href="https://www.facebook.com/reel/1555090659624252" target="_blank" rel="noreferrer noopener">sein Freund „Feuerwehrmann Jürgen“</a>.
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Dennis „Original 4“ behauptet, dass „Speedy“ zuerst zu einer 28-stündigen Mahnwache für den Wal aufgerufen hätte. Im Nachgang hätte dann Danny Hilse, der über viel mehr Reichweite verfügt, die Mobilisierung, durch <a href="https://www.tiktok.com/@speedy.markus1974/video/7632248893534752033" target="_blank" rel="noreferrer noopener">einen eigenen Protestaufruf</a> an sich gerissen.<br>
Am 18. April fand die von ihm <a href="https://www.facebook.com/reel/1446154246991968" target="_blank" rel="noreferrer noopener">organisierte Mahnwache</a> statt.
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Gemeinsam mit Jürgen Scharnbacher hat er regelmässig Peter Weber von „Hallo Meinung“ über das aktuelle Geschehen berichtet. Das Video dazu folgt im weiteren Textverlauf.
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Dass es ihm nicht nur um den Wal geht, beweist auch eine Danksagung von ihm auf seinem TikTok-Kanal: Danke an die Retter und jeden Einzelnen, der an Timmy / Hope geglaubt hat. Jeder Widerstand lohnt sich, nicht nur am Wal. 28.4.26

<h3>Die Initiative „Save the Ocean“</h3>

Die Gründer der rechtsoffenen Privatinitiative "Save the Ocean" Jörn Kriebel, hat Jürgen Elsässers rechten Hetzblatt <em>Compact</em> eine Stellungnahme, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=EkfsIq_jMFo" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im Namen seiner Organisation, zugeschickt</a>. (ab 15:11)
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Sie haben die Demonstration von Danny Hilse beworben. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=o_EH0jRUfSc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anja Haupt war als Vertreterin dieser Organisation</a> vor Ort. In einer Sendung des AFD nahen Medienprojekts „Hallo Meinung“, ist sie live zugeschaltet und berichtet Peter Weber und seinem Interviewpartner Markus „Speedy“ Werner, den sie kennt, über die neue Entwicklung. (ab 2:53).
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Ihr eingerichteter Livestream musste aufgrund fehlender Genehmigung abgebrochen werden und auch ihr Versuche dicht an den Wal heranzukommen, um „die grossen Lügen der Verantwortlichen“ aufzudecken, scheiterten.
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Im Rahmen ihrer Berichterstattung äussern sich Haupt und Kriebel auch darüber, dass sie rechtsextremen Kanälen, Interviews geben. Jörn Kriebel behauptet, es wäre ihm egal, mit wem er sich unterhält, ihm ginge ihm nur um Verbreitung ihres wichtigen Anliegens. Es gehe um ein Tier, nicht um Politik. Er betont aber, dass es die AfD wäre, die sich für die Walrettung einsetzt. Alle anderen Parteien hätten auch ihre Chance dazu gehabt. Niemand könne sich jetzt wundern, wenn die in Mecklenburg-Vorpommern aktuell stärkste Partei, noch mehr Wählerstimmen erhält. Anja Haupt sagt über Peter Weber und sein AFD-nahes Format „Hallo Meinung“, dass es politisch in Ordnung wäre. (Anmerkung zum <a href="https://www.facebook.com/SaveTheOceanCrew/videos/1398956708663292" target="_blank" rel="noreferrer noopener">verlinkten Livestream</a>. Er bietet einige Informationen mehr, die der Recherche über „Save the Ocean“ dient)
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Dazu passt dann auch, dass „Save the Ocean“ auf Facebook zwei Videos zeigt, die das rechte Utopia-TV mit Enrico Schult und Petra Federau von der AfD auf der Wahlkampfabschlussveranstaltung in Schwerin zur Oberbürgermeisterwahl geführt hat. Dazu heisst es: „Erst mal für alle: Ob man jetzt die AfD mag oder nicht, <a href="https://www.facebook.com/watch/?v=977607017997597" target="_blank" rel="noreferrer noopener">es geht hier nur um das Thema Hope</a> (Anm.: Wal) – mehr nicht.“
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Im Nachgang haben sie ein Interview mit der Frau geführt, die am 12. April, vor Poel im Neoprenanzug von einer Fähre in die Ostsee gesprungen ist und versucht hat den Wal schwimmend zu erreichen. Die Polizei hinderte sie daran. Es ist davon auszugehen, dass sie nicht über den politischen Hintergrund und Kontakte die ihres Interviewpartners ins rechte Lager informiert ist. Sie zeigt grosse Begeisterung für die Bevölkerung, die sich vor Ort für den Wal eingesetzt haben.
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Sie geht sogar in den Superlativ, die Liebe, die sie dort von Menschen, die sich für den Wal einsetzen, erfahren hätte, wäre die beste Erfahrung ihres Lebens gewesen. Ihr Aufruf ‚Keine Angst zu haben, sich selbst zu ermächtigen' und ihre aktionistische Bereitschaft für den Wal“ wird einer emotional aufgewühlten Rechten gefallen, die die Bedeutung des Tieres politisch überhöht und für sich instrumentalisiert. Dass sie sich in der Vergangenheit aktiv an den Klimaprotesten beteiligt hat und auch ihr Hinweis im Interview, dass der Klimawandel der Walpopulation Probleme bereitet, wird nicht überall auf Gegenliebe stossen.
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„Save the Ocean“ setzen sich vor allem für Meeressäuger ein und haben sich in der Vergangenheit aktivistisch gegen Delfinarien eingesetzt. Sie streiten den Klimawandel selbst nicht ab. Bei ihnen handelt es sich aber nicht nur um eine Gruppe, die zufällig in die rechten Strukturen auf Poel geraten ist. Sie zeigen deutliche Sympathie und sind offensichtlich vernetzt.
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Der Leiter der Tierrettung Vorpommern-Greifswald, Mitglied des Walrettungsteams, stand zuletzt auch der Presse Rede und Antwort. Er hat auf keinen Fall Berührungsängste zur AFD. Auf seinem Facebook Account fallen die ersten seiner „Gefolgten Freunde“ auf. Von ihm ausgewählt wurden: Hannig Recht (Frank Hannig, rechter ehemaliger Anwalt), Manuel Osterman (rechter Influencer und Bundesvorsitzender der DPolG), Ulrich Siegmund (Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt), sowie die AFD Fraktion Vorpommern-Greifswald, AFD Sachsen<br>
Die AfD Kreistagsfraktion Vorpommern-Greifswald hat im Spätsommer 2025 eine Drohne an Klaus Kraft übergeben. Es wurden <a href="https://afd-fraktion-vg.de/aktuelles/2025/09/afd-fraktion-unterstuetzt-die-tierrettung-vorpommern-greifswald/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Spenden gesammelt und in Absprache mit dem Walrettungsteammitglied</a> das Luftfahrzeug erworben.
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Der an der Rettung beteiligte DLRG-Leiter erklärte in einem Interview am 28. April, dass es der persönliche Kontakt zu Klaus Kraft und seiner „Tierrettung Vorpommern-Greifswald“ gewesen ist, dass der vor Poel eingesetzte DLRG-Stamm für die Walrettung gewonnen wurde.<br>
Rechtsextreme und rechtsoffene Berichterstattung: Jens fragt nach", (Jens Schwarck)
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Das Format „Jens fragt nach“ ist sicherlich nicht vergleichbar mit explizit rechten Medien, die sich dem Wal-Thema angenommen haben. Das zu Beginn.
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Jens Schwarck ist Teil des Rettungsteams und einziger zugelassene Journalist, der die Vorbereitungen und dann auch den Transport des Wales in die Nordsee selbst, begleiten durfte. Das entstandene Bildmaterial wurde vor allem von der Boulevardzeitung Bild benutzt, die dafür gut bezahlt hat.
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Bei ihm ist ausgeschlossen, dass kritisch über die Zusammensetzung des Teams oder über fehlende fachliche Expertise berichtet wird. Stattdessen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=S3p1BKsE2F0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wird hier eine gefällige Berichterstattung</a>, im Interesse der für die Rettung Verantwortlichen betrieben.
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Gemeinsam mit Carsten Stahl hat Schwarck <a href="https://www.wirkaempfenfuerkinder.tv" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wirkaempfenfuerkinder.tv</a> initiiert. Carsten Stahl verharmlost wiederholt die AFD und steht mit dieser Partei auch im Kontakt. Inhaltlich gibt es einige Übereinstimmungen, z.B. verkennt er die Schutzfunktion von Masken gegen Viren.

<h3>Rechte Medien zum Thema</h3>

Im Internet gibt es inzwischen sehr viel Belege, wie sehr Rechtsextreme den gestrandeten Wal für ihre Agenda instrumentalisieren. Sie beteiligen sich an der Berichterstattung, analysieren in ihrem Sinne, versuchen das Thema für sich zu nutzen und wehren sich gegen Kritik.<br>
Als Beispiel bekannter Formate seien hier <em>Compact TV</em>, <em>Hallo Meinung</em>, <em>Utopia TV</em>, <em>Auf 1</em> oder <em>Nius</em> genannt, die hauptsächlich bekannte rechte Narrative verbreiten.
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Exemplarisch dazu steht z.B. der Kommentar von Stefan Magnet (Chef des rechtsextremen, österreichischen Senders Auf 1), der das Einzelschicksal des Wales überhöht. Magnet behauptet, das Drama mache das Staatsversagen fühlbar und spürbar für jeden. Gleichzeitig geht es ihm um die politische eigene Agenda, indem er in seinem Kommentar Probleme, die ihm selbst wichtig sind, mit einbezieht. „Höhere Tankpreise“, „höhere Abgaben“ „höhere Aufrüstung um gegen Russland kämpfen“ wären zu nennen. Es wird deutlich, dass es Rechten eben <a href="https://www.auf1.tv/eilt/wal-krimi-um-timmy-als-sinnbild-fuer-deutschland" target="_blank" rel="noreferrer noopener">nicht allein um den Wal geht</a>.
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Besonders angenommen hat sich Peter Weber mit seinem Format „Hallo Meinung“ dem Thema, weil ihm viele Menschen angeschrieben hätten und ihm als Tierfreund, das Schicksal des Wales berühren würde. Er führt Interviews mit den ihm bereits bekannten „Speedy“ und „Feuerwehrmann Jürgen“. Im Verlauf der Unterhaltung behauptet er, dass es ihm nur um die Rettung des Tieres gehen würde. „Wir kümmern uns um Gott und die Welt, wenn wir die Chance haben ein seltenes Tier zu retten, dann müssen wir das auch tun“. Parteipolitik würde für ihn keine Rolle spielen. Er möchte allen Reichweite verschaffen, die sich für die Rettung einsetzen, was ausdrücklich auch „Grüne“ oder „Linke“ mit einschliesst. Er verspricht, politisch neutral zu berichten. Er möchte, dass sich etwas ändert und keine parteipolitischen Scharmützel, behaupte er, im Gespräch mit seinen beiden, ihm politisch nahe stehenden Interviewpartnern. Dass ein Peter Weber wohl nie ein „neutraler“ Gesprächspartner sein kann, wird nicht nur<a href="https://www.youtube.com/watch?v=p6pQahJWQF8" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> im verlinkten Youtube-Video möglich</a>. Seine eindeutige politische Haltung, die er vertritt, steht für sich.
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Der rechte Influencer Boris von Jutrzenka-Trzebiatowski, mit AFD-Verbindungen, kommentiert einen NDR-Bericht über rechte Propaganda im Zusammenhang mit dem Wal. Sein Vergleich, die zu beobachtende, verschwörungstheoretische Vereinnahmung durch rechte Kreise, mit sinnvollen Forderungen nach Walschutz auf eine Stufe zu stellen, entbehrt jeglicher Grundlage. Es ist selbstentlarvend, wenn die Forderung das Geisternetzproblem, die Überfischung und die Klimakrise (mit Einfluss auf das Nahrungsangebot für Wale) zu lösen, für ideologische Vereinnahmung stehen sollen. Interessant ist, dass er sich gegen die Menschen ausspricht, die sich auf Poel versammeln.
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Bei ihm sind es jetzt „Ökoschützer und Umweltaktivisten“, die Zäune einreissen (die er wahrscheinlich eher Links verortet) und in Vorgärten urinieren. Wie die sich dort aufführen, sei absolut widerwärtig. Vermutlich hat Jutrzenka-Trzebiatowski hier einfach schlecht recherchiert? Oder handelt es sich um <a href="https://www.youtube.com/watch?v=cG1AT-72ty4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">bewusste Manipulation</a>?
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<em>Nius</em>, der rechte Sender des IT-Unternehmers Frank Gotthardt (Chefredakteur Julian Reichelt, ehemals Bild) hetzt gegen die Amadeu-Antonio-Stiftung. Ihrer Aufgabe entsprechend veröffentlicht sie eine knapp gehaltene Stellungnahme „Ein Wal im rechtsextremen Kulturkampf“. Sie erklärt dazu: Der Fall „Timmy/Hope“ zeigt, wie schnell ein Einzelfall im Netz aufgegriffen und überhöht wird – auch <a href="https://www.instagram.com/p/DX680hzDWiP" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im rechtsextremen und verschwörungsideologischen Spektrum</a>. Aus Tierschutz wird Misstrauen: gegen Wissenschaft, gegen Institutionen, gegen demokratische Entscheidungen“.
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Für Julius Böhm von <em>Nius</em> ist das einfach nur „Blödsinn“, „Schwachsinn“ und <a href="Nius" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die so etwas schreiben sind Verrückte</a>.
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Dazu ähnlich gehaltvoll, die Äusserung des<a href="https://www.kettner-edelmetalle.de/news/wenn-ein-gestrandeter-wal-zum-rechtsextremen-kulturkampf-mutiert-die-absurde-welt-der-amadeu-antonio-stiftung-05-05-2026" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> AfD-nahen Online Magazin von <em>Kettner Edelmetalle<</em></a>.

<h3>Der gestrandete Wal – eine günstige Gelegenheit für die AFD</h3>

Das Thema hat für die AFD deutlich mehr Relevanz als für andere Parteien.
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Hierzu einige Beispiele:
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Der offizielle Kanal der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wtM7XV5SoRM" target="_blank" rel="noreferrer noopener">veröffentlichte ein Interview mit der Bundestagsabgeordneten Nicola Hess</a> (Kreisvorstand AFD Fulda).
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Auf <em>Utopia TV</em> <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2tYv_oH57OA" target="_blank" rel="noreferrer noopener">äussern sich die beiden Mitglieder des Landtages der AfD Mecklenburg-Vorpommern</a>, Enrico Schult und Petra Federau (Oberbürgermeisterkandidatin 2026).
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Tobias Pontow, der Orts- und Fraktionsvorsitzende der AfD Parchim war am 18. 4. auf Poel selbst vor Ort. <a href="https://www.facebook.com/reel/794366253506864" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Er hatte angekündigt</a> mit dem Bürger*innen ins Gespräch kommen zu wollen.
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Dr. Götz Frömming (MdB) sagt, ihn hätten viele Anschriften zum Schicksal des Buckelwales erreicht. Deshalb hat er sich entschieden den Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD) zu schreiben, damit er sich für den Wal einsetzt. Beigefügt war ein Link zu einem Beitrag eines Herstellers von Sternenprojektoren aus Kempen, der sich über das Thema informiert hat und Massnahmen vorschlägt.
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Auch Doreen Schwietzer (MdL) will einen schriftlichen Appell an Backhaus gerichtet haben. Martin Schmidt und der passionierte Jäger Thore Stein (beide Mitglied des Landtages Mecklenburg-Vorpommern) haben im Landtag Mecklenburg-Vorpommern eine kleine Anfrage zum Wal „Timmy“ gestellt. Drucksache: 8/6435 Datum: 8.4.2026

<h3>Auftritt in den Sozialen Medien, am Beispiel „Mendocinoo AfD“</h3>

Beide unter dem Namen „Mendocinoo AfD betriebenen“ Accounts auf Facebook und TikTok sind Werbekanäle für die AfD. Der Partei und ihren Vertreter*innen wird eine bewundernde, idealisierende Haltung gegenüber gebracht, auf offensichtliche Hassparolen wird verzichtet. Vielmehr werden Partei- und Personenkult betrieben, sie scheint Fan von allem zu sein, was mit der AfD zusammenhängt, hat aber <a href="https://www.facebook.com/abalonaa" target="_blank" rel="noreferrer noopener">auch auf Facebook</a> einen direkten, permanenten Link zu <a href="https://www.instagram.com/mendocinoo_afd" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gemeinsam für Deutschland (GdF)-Organisation</a>.
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Um ein Fake-Profil scheint es sich nicht zu handeln, obwohl Skepsis immer angebracht ist. Die Person hinter Mendocinoo AfD verwendet oft ein makelloses, figurbetontes KI-Bild von sich, das sie ohne Mimik zeigt und deutlich jünger macht. Realfotos, auf die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst zu sehen ist, präsentiert sie nur ausnahmsweise. So finde sich z.B. ein Foto von sich, zusammen mit Björn Höcke, über den sich schreibt: „Er ist ein toller Mensch, tiefgründig, patriotisch und sehr emotional. Ebenso gibt es ein Bild mit Sandro Scheer von der AfD (Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg) oder, wie sie den Wahlkampfabschluss der AfD Reutlingen in Rommelsbach besucht hat.
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Über sich sagt sie: „Ich bin stolzer Patriot. Früher war ich alleine damit. Heute habe ich eine ganze Gemeinschaft hinter mir aus Bürgern und Politikern. Wir sind mutige Menschen, die sich ihr Land zurückholen.“
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Ging es in der Vergangenheit um allgemeine Themen der AfD, hat sich jetzt das Thema Walrettung für sich entdeckt, dass sie auffallend stark emotional berührt. Die Vereinnahmung geht sogar so weit, dass sie auf Facebook einmal schreibt, sie wäre Hope.<br>
Mendocinoo AfD hatte bereits vor der Walstrandung, Kenntnis von den hier bereits vorgestellten Danny „Firstclass“ Hilse und „Feuerwehrmann Jürgen“ Schanbacher.
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So veröffentlicht sie den Aufruf von Hilse, für die Gemeinschaft für Deutschland (GdF) Demo am 25.10.2025 in Hannover mit den Themen, Frieden, Corona, Friedensschutz und verweist auf die AfD Beteiligung.
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Auch der Aufruf für die vom Team „Danny Firstclass“ für den Wal „Hope“ organisierte Menschenkette und Mahnwache wird von ihr geteilt.<br>
Als die Kritik für sein Auftreten im Walrettungsteam und an seiner politischen Vergangenheit aufkommt, wendet sie sich dagegen. Sie sagt aber auch, sie hätte ihn aus nicht näher angegeben Gründen entfolgt, veröffentlicht aber weiterhin Aufrufe von ihm.
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Zudem zeigt sie Ausschnitte der Rede von Jürgen Schanbacher auf einer Demo in Reutlingen am 18.10.2025, die von Baden-Württemberg steht auf, organisiert wurde. Sie postet ein Interview mit „Feuerwehrmann Jürgen“ auf der Insel Poel. Die Entschuldigung für seine verbale Attacke, gegenüber einer Tierärztin (bis zu ihrer schweren Erkrankung, im Walrettungsteam), kommentiert sie mit den Worten: „Danke Jürgen von mir an dich, dass du dich selbst reflektiert hast. Menschen können auch verzeihen! Ich mag dich immer noch.“ Sie entscheidet sich selbst aktiv zu werden, um die Walrettung zu unterstützen.
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Sie bemüht sich darum, Menschen auf allen drei Plattformen (Insta, TikTok, Facebook), die sich für die Walrettung engagieren wollen, zusammenzuführen.
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Mit Gleichgesinnten schreibt sie an viele Politiker*innen der AfD und veröffentlicht positive Rückmeldungen. Auch das AfD nahe Internetportal zu „Hallo Meinung“ soll informiert worden sein, ebenso wurden wohl Informationen an Jens Schulz vom Rettungsteam weitergereicht. Es wird sich darum bemüht, rechte Protestgruppen, wie „Gemeinsam sind wir stark“ „Gemeinsam für Deutschland“ oder „Baden-Württemberg steht auf „einzubinden und den Protest bundesweit sichtbar werden zu lassen. Erfolg hatte sie damit aber nicht.
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Es ist verständlich, dass sich vor allem, rechte oder rechtsoffene Individuen und Gruppierungen durch Mendocinoo Afd angesprochen fühlen. Dennoch ist es gelungen, in Kontakt mit Gruppen ausserhalb des rechten Spektrums zu kommen. Der Grund ist fehlende Transparenz. Mitbeteiligt ist sie an einem Handlungsaufruf, der behauptet von „Besorgten und verärgerten Bürgern“ im Fall des gestrandeten Buckelwals Hope / Timmy verfasst worden zu sein und der nicht nur an AfD-nahen Strukturen versendet wurde.
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Eine erste schriftliche Reaktion kam von der Partei Tier Mensch Klima Tierschutz, die sich immer deutlich gegen Rechtsextremismus ausgesprochen hat. Sie beschreiben in ihrer Antwort ihren Einsatz vor Ort für den Wal, hätten sich aber auch die Aufklärung über mögliche Neonazistrukturen, die den Tierschutz vor Ort für eigene Zwecke unterwandern, zur Aufgabe gemacht. Der Tierschutzpartei wird nicht bewusst gewesen sein, aus welchen Kreisen der Aufruf gekommen ist d.h. eine Kontaktaufnahme über eine anders lautende E-Mail als Mendocinoo AfD ist wahrscheinlich.
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Zusammen mit dem Account Uli Eliot (setzt sich vor allem für Tierrechte ein, ist aber zur Zusammenarbeit mit einer fanatischen AFD-Anhängerin bereit und verteidigt sie gegen Kritik) hat sie einen Rundbrief an Behörden und die Bild verfasst, der Aufklärung zur Walrettung verlangt. Unterstützt wurde sie von TK und der Fotografin St. D. aus der Schweiz, von denen es keine Hinweise auf rechte Umtriebe gibt. Es ist davon auszugehen, dass die Allianz, ohne gestrandeten Wal niemals zustande gekommen wäre. Die beiden, mit der sie kooperiert hat, werden wissen, mit wem sie es zu tun haben und es ist die Frage, warum es ihnen nichts ausmacht?
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Offensichtliche Instrumentalisierung gibt es aber auch. Der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann, der nicht als AfD-Unterstützer bekannt ist und der an der Walrettung in Niendorf / Schleswig-Holstein beteiligt gewesen ist, wird oft zitiert. Mendocinoo AfD schlägt ihn sogar für den Tierschutzpreis 2026 vor und schreibt über ihn „Ich liebe seinen Humor, seine ehrliche und direkte Art und seine Liebe zu den Tieren. Er hat das Herz am rechten Fleck“. Auch „Speedy“ und Feuerwehrmann Jürgen, zitieren immer wieder Robert Marc Lehmann, der sich in der Vergangenheit von Rechten distanziert hat, aber aktuell, wo das Problem akut geworden ist, noch keine klaren Worte dazu gefunden hat. Obwohl Mendocinoo AfD selbst wissen müsste, wieso ihr wegen ihrer politischen Einstellung Ablehnung entgegengebracht wird, fühlt sie sich als Opfer.
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Auf ihrem Facebook Account wirft sie einseitige Politisierung zu, indem Menschen nur wegen ihre AfD Sympathie ausgegrenzt würden. „Ja ich trage den Namen AfD und ich trage ihn mit Stolz, aber ich liebe auch Tiere und diese Liebe lasse ich mir von euch Hetzern nicht nehmen! Aber scheinbar ist meine Reichweite nicht gewollt, ich helfe und ich helfe viel und gut.“
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Sie appelliert „Die Tierliebe sollte partei- und geschlechtslos sein! Ist sie das nicht, ist das auch keine Liebe!“ Ausgerechnet die AFD zu bewerben, Intransparenz bei Kontaktaufnahme mit Gruppen und Einzelpersonen vorzuweisen „Mensch und Tier“ zu instrumentalisieren, stehen dazu eindeutig im Widerspruch.
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Wie positioniert sich eigentlich Dr. Till Backhaus? Was macht die Mitte?

<h3>Über den Fall der Brandmauer!</h3>

Am 22. April ging Till Backhaus, Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt von Mecklenburg-Vorpommern auf einer Pressekonferenz auf die drohende Gefahr der Vereinnahmung von Links oder Rechts ein, die er in Poel sieht. Explizit auf den politischen Hintergrund von Danny Hilse angesprochen, wollte er Einzelpersonen nicht besprechen und betonte, dass es ihm allein um die Rettung des Wales gehen würde.
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Die festzustellende Entideologisierung und Entpolitisierung, die durch das gemeinsame Ziel, einer Walrettung, zur Zusammenarbeit mit an vorderster Front in Erscheinung tretenden Personen und Strukturen führt, ist eine Katastrophe. Die Haltung doch noch einen kleinen gemeinsamen Nenner finden zu wollen, fördert eine gesellschaftliche Entwicklung, in der rechte Politik und ihre Auswirkungen immer mehr zur Normalität werden und Widerstand ausbleibt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Tue, 19 May 2026 08:02:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Es ist die Mitte der Gesellschaft, die gewalttätig und gleichgültig ist.]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Bärbel Bas, SPD Frau an der Spitze des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, setzt sich für die Belange der Arbeitenden ein und engagiert sich für den Erhalt von Tarifverträgen.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/2_mai_2025_inst_w.webp><p><small>Demoschilder mit Sprüchen gegen Arbeit.</small><p>Für arbeitslose Arbeiter*innen, wie jenen Abertausenden aus Ost- und Südosteuropa, die auf dem Bau, in Schlachthöfen, als Reinigungskräfte oder Paketbot*innen für Subunternehmen von Onlineriesen schuften, scheint sie sich dagegen nicht engagieren zu wollen. Statt beispielsweise zu erklären, wie sie Migrant*innen dabei unterstützen will, ihnen vorenthaltenen Löhne zu erhalten, kündigte Bas – mit antiziganistischem Unterton – an, »mafiöse Strukturen« beim Bürgergeldbezug zerschlagen zu wollen.
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Dabei gäbe es tatsächlich »mafiöse Strukturen«, die es zu zerschlagen gälte: Berliner Baustellen zum Beispiel sind berühmt dafür, ihre (oft osteuropäischen) Arbeiter extrem auszubeuten. Opfer der mafiösen Baumafia besser vor kriminellen Unternehmen zu schützen, kann Bärbel Bas aber kaum im Sinn haben, wenn zugleich eine »Entlastung von Berichtspflichten« für Firmen verhandelt wird.
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Ein Blick zurück: Über die immense Bedeutung des Pogroms im Jahr 1992 von Rostock Lichtenhagen für den Rassismus des wiedervereinten Deutschlands sind wir uns hoffentlich einig. Das jene Ausschreitungen jedoch vor allem das Ergebnis der antiziganistischen Gerüchte und Ressentiments waren, mit denen Politik und Medien bereits 1990 gegen damals noch asylsuchenden Rumän*innen hetzten und die Debatte über den „Asylkompromiss“ befeuerten, wird oft übersehen.
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Bärbel Bas knüpft heute an diese antiziganistischen Gerüchte an, ohne das es einen Aufschrei gäbe, auch nicht in der gesellschaftlichen Linken. Sie kann trotz einer geltenden EU-Freizügigkeit auch für Bulgaren und Rumäninnen über eine vermeintliche „Einwanderung in die Sozialsysteme“, von „bandenmässigem Betrug“ und von „Sozialschmarotzern“ schwadronieren, ohne das ihr widersprochen wird.
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Der Antiziganismus erklärt immigrierende Roma zur Gefahr für Sicherheit und Ordnung. Es wird laut überlegt Rücknahmeabkommen mit den osteuropäischen Herkunftsländern abzuschliessen. Das widerspricht zwar dem<br>
Freizügigkeitsrecht Europas, aber egal. Deshalb kann die Arbeits- und Sozialministerkonferenz im November 2025 in München ohne Widerspruch überlegen, wie eine Abschiebung (sie nennen das zynisch „geordnete, freiwillige Rückkehr in Osteuropäische Herkunftsländer“) zu bewerkstelligen sei. Bis dahin werden von Jobcentern wohl bundesweit Arbeitsverträge von Personen aus Osteuropa ob ihres tatsächlichen Bestehens angezweifelt oder auch rechtswidrig behauptet aufstocken mit Grundsicherung ginge erst ab einem 20-stündigen Arbeitsvertrag, ein Beispiel dafür ist das JC Stuttgart.
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Bis Ende 2026 gibt es für alle Grundsicherungsbeziehenden keine Anpassung an die Lebenshaltungskosten, Inflation hin oder her. Eine 100 % Sanktion, also der Entzug der kompletten Lebensgrundlage ist seit April 2026 wieder möglich. Die Deckelung der Miethöhe wird wohl einige mehr in die Obdachlosigkeit zwingen. Schon vereinbart ist hingegen die Verlängerung der Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Bundesagentur für Arbeit. Man will gemeinsam Jugendliche für den Beruf des Soldaten aktivieren. Unserer Einschätzung nach sollte es als Lehre aus der Geschichte weder Militär noch Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik geben.
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Politiker*innen wie Bärbel Bas, Sahra Wagenknecht, Karsten Linnemann und Alice Weidel zeigen und befördern eine brutale Gleichgültigkeit gegenüber der Verelendung und Armut von Migrant*innen, alleinerziehenden Frauen, Kinder und Jugendlichen, sowie erkrankten Personen. Auch bei der Verächtlichmachung der Armen gehen bürgerliche Parteien sowie die SPD Hand in Hand mit der AFD, nicht nur beim Thema Migration. Es ist die Mitte der Gesellschaft, die gewalttätig und gleichgültig ist.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Mon, 18 May 2026 10:54:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Gewalt gegen Frauen ist kein Versehen: Warum der Kapitalismus patriarchale Gewalt reproduziert]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>In Krisenzeiten kommt es zu einem Anstieg von Gewalt gegen Frauen, das ist kein Geheimnis. Umso wichtiger werden Frauenhäuser als unverzichtbare Schutzräume. Denn die Täter kommen bei einem Femizid oftmals aus dem eigenen Umfeld.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Arnum_Femizid_Wohnhaus_Trauerstelle_b_w.webp><p><small>Erinnerungsstelle vor einem Wohnhaus in Arnum zur Tötung einer 26-jährigen Frau durch einen 31-jährigen Wohnungsnachbarn im Juli 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arnum_Femizid_Wohnhaus_Trauerstelle_b.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nifoto</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Sie fühlen sich gekränkt, wollen ihre Macht demonstrieren und greifen zu Gewalt, um ihre Rolle als Mann in der Familie zu verteidigen. Rund 50.000 Frauen und Mädchen weltweit sind im vergangenen Jahr von Partnern oder Familienangehörigen getötet worden. 2023 wurden in der BRD 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten (+1,0 Prozent, 2022: 929). Dies entspricht einem Anteil von 32,3 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten. Ausserdem ereignet sich nicht mehr „nur” alle zwei Tage ein Femizid, sondern mittlerweile fast täglich. Frauen und Mädchen werden in Deutschland ca. alle 3 Minuten Opfer häuslicher Gewalt. Denn: Häusliche Gewalt beginnt in der Regel nicht erst mit einer Tötung, oftmals geht dieser schon psychische Gewalt, Kontrolle über die Selbstbestimmung der Betroffenen und natürlich auch körperliche Gewalt bevor.

<h3>Mangel an Schutz</h3>

Einige wenige Hilfsangebote, die uns der bürgerliche Staat in Deutschland zugesteht, sind Frauenhäuser. Doch denen mangelt es schlichtweg an Plätzen für die Betroffenen. Bundesweit stehen nur 7.700 Plätze zur Verfügung, während der Bedarf – laut Istanbuler Konvention – bei 21.000 liegt. Demnach müssen tagtäglich Schutzsuchende abgewiesen werden: In einer kürzlich veröffentlichten Kostenstudie gaben die befragten Frauenhäuser für das Jahr 2022 an, dass sie 10.114 Frauen mit Kindern und 6.268 Frauen ohne Kinder aufgrund von Platzmangel abweisen mussten. Hinzu kommt die problematische Finanzierung, diese ist nicht flächendeckend geregelt, sondern je nach Region unterschiedlich.
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Das führt z. B. dazu, dass Frauen und Mädchen, die keine Sozialleistungen oder Bürger:innengeld beziehen, oftmals dazu gezwungen sind, die Kosten selbst zu tragen. Mehr als jede vierte Frau musste 2023 ihren Aufenthalt im Frauenhaus teilweise oder vollständig selbst bezahlen. Dabei variieren die Kosten je nach Region von 10–150 Euro pro Tag und Person. Das betrifft besonders häufig ohnehin marginalisierte Gruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund, arme Frauen oder Studierende und führt dazu, dass diese sich zunehmend verschulden. Zusätzlich gilt der Aufenthalt im Frauenhaus auch als Armutsrisiko: Nach dem Frauenhausaufenthalt stehen zwei Drittel (65 %) der ehemaligen Bewohner:innen im SGB-II-Leistungsbezug. Vor dem Aufenthalt waren es nur 38 %. Die Statistik für 2023 zeigt zudem, dass während des Frauenhausaufenthaltes der Anteil von erwerbstätigen Frauen von 23 % auf 15 % zurückging.

<h3>Was macht die Regierung (nicht)</h3>

Trotz dessen, dass am 14. Februar 2025 das Gewalthilfegesetz vom Bundeskabinett beschlossen wurde, lassen die versprochenen Hilfeleistungen auf sich warten. Durch das Gesetz gibt es zwar einen Rechtsanspruch auf eine kostenfreie und bedarfsgerechte Hilfe oder Beratung für Gewaltbetroffene sowie eine gesicherte Finanzierung, an der sich der Bund beteiligt. Doch problematisch bleibt nach wie vor: Der Rechtsanspruch wird wohl erst 2032 in Kraft treten (!). In den nächsten 7 Jahren werden also weitere Betroffene abgewiesen werden müssen. Ausserdem sieht der Rechtsanspruch zwar ein Anrecht auf Hilfe vor, aber keinen Anspruch auf einen Platz in einem Frauenhaus. Zugleich bedeutet das, dass künftig keine Einrichtung gezwungen sein wird, eine bestimmte Frau aufzunehmen. Inter und trans Personen sind ausserdem vom Gewalthilfegesetz nicht geschützt.
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Zusätzlich haben wir es in der Krise natürlich mit Kürzungen zu tun, so weit wie das Auge reicht. Die Haushaltskürzungen der Berliner Landesregierung geben hierbei einen Vorgeschmack, wie es aussehen kann. Diese haben vor allem Kultur-, Sozialprojekte und Infrastruktur getroffen, was wiederum bedeutet, dass a) Einsparungen und Kürzungen vor allem in Branchen stattfinden, in denen vermehrt Frauen arbeiten, und b) Reproduktionsarbeit systematischer ins Private gedrängt wird, was somit die Doppelbelastung für Frauen steigert. Während also formal ins Koalitionspapier lose Versprechungen getippt wurden, wird die materielle Basis, diese zu erfüllen, unterhöhlt.
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Ähnlich verhält es sich mit dem Ziel, Frauen vor Gewalt besser zu schützen, während gleichzeitig Beratungsstellen wegfallen oder Frauen sich nicht trennen können, weil man dazu Geld braucht, dieses aber durch Kürzung, Kündigung oder Unterbezahlung nicht ausreicht.
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Auch die Abtreibung wird unter dem Kabinett Merz nicht legalisiert und das obwohl der Hauptgrund – zumindest in den USA, für Deutschland existieren solche Untersuchungen nicht – für den Tod von Frauen während oder direkt nach der Schwangerschaft ein Femizid ist (Wallace et al. 2021).
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Die Situation wird sich in den nächsten Jahren also erst mal weiter verschärfen. Auch bei der versprochenen Umsetzung des Gewalthilfegesetztes sollte klar sein: Solche Massnahmen bekämpfen lediglich Symptome, nicht jedoch die Ursache: ein System, das auf Profitmaximierung und geschlechtsspezifischer Ausbeutung basiert.

<h3>Warum es zu häuslicher Gewalt kommt</h3>

Um einen effektiven Weg zur Bekämpfung häuslicher Gewalt zu finden, muss erst einmal geklärt werden, wie es überhaupt dazu kommt. Kleinbürgerliche Feminist:innen versuchen, das entweder mit der Natur des Mannes oder der Rückschrittlichkeit der Kultur oder Klasse zu erklären, in welchen die Gewalt stattfindet. Als Marxist:innen ist uns bewusst, dass häusliche Gewalt nur mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse erklärt werden kann. Denn sie findet nicht ausserhalb der Gesellschaft statt, das Private ist nicht einfach unpolitisch, im Gegenteil: Häusliche Gewalt findet im Rahmen der bürgerlichen Familie oder einer ihr ähnlichen Beziehung statt, welche als Institution elementar für das Fortbestehen des Kapitalismus ist.
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Während die bürgerliche Familie in der herrschenden Klasse eine andere Funktion hat, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, übernimmt sie in der Arbeiter:innenklasse wesentliche Aufgaben zur Reproduktion der Klasse selbst und somit letztendlich auch des Kapitalismus. Denn hier findet die Reproduktion der Ware Arbeitskraft statt, was alle Tätigkeiten meint, die notwendig sind, damit die Arbeitenden am nächsten Tag wieder am Arbeitsplatz erscheinen und ihrer Arbeit nachgehen können. Darunter zählt also Kochen, Putzen, Wäsche Waschen, aber auch emotionale Sorgearbeit. Auch die Erziehung von Kindern fällt mit unter diese Kategorie, damit sich so die Arbeiter:innenklasse als Ganze neu reproduzieren kann.
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Um eine für das Kapital so günstig wie mögliche Reproduktion durchzusetzen, wird diese ins Private gedrängt. Die Arbeiten werden vor allem von Frauen unentlohnt verrichtet. Dies bildet die Basis für reaktionäre Rollenbilder, sodass diese ihrerseits stetig zur Reproduktion der geschlechtlichen Arbeitsteilung beitragen. Das beginnt schon im Kleinkindalter durch Sozialisierung und erstreckt sich über das ganze Leben.
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Die Familie existierte aber nicht schon immer, sondern entwickelte sich über die Klassengesellschaften zur heutigen Form hin und die konkrete Ausprägung heutzutage ist von der jeweiligen Gesellschaftsverfassung abhängig. Im Allgemeinen gilt der Mann als Ernährer der Familie, wohingegen die Frau als Hausfrau tätig wird. Das ist natürlich ein Ideal, was besonders für die Arbeiter:innenklasse schwer zu erreichen ist, jedoch zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs zumindest für die bessergestellten Schichten der Lohnabhängigen ansatzweise etabliert werden kann. Zugleich wird sowohl mit der Expansion des Kapitalismus wie auch in der Krise die ökonomische Basis der lohnabhängigen Familie massiv unterhöhlt.
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Betrachten wir Deutschland, so geht es vor allem um die Auswirkungen der Krise. Die Frauen müssen auch Lohnarbeit nachgehen, um die Existenz der Familie abzusichern, während gleichzeitig der Lohn des Mannes nicht mehr zu deren Ernährung ausreicht. Hinzu kommen Angriffe auf die Rechte der Arbeiter:innenklasse und die sozialen Absicherungen wie Sozialleistungen oder Krankenkassen (siehe Änderungen bzgl. Arbeitslosengeld des Kabinetts Merz und die Diskussionen Krankheitstage nicht mehr zu bezahlen und mehr medizinische Behandlungen selbst übernehmen zu müssen), um die Profite des imperialistischen Finanzkapitals zu sichern und dem Fall der Profitraten entgegenzuwirken. Solche Krisen sind ein Kennzeichen für die Periode, in welcher wir uns aktuell befinden.
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Die Krise der Familie bildet also die strukturelle Grundlage der Gewalt gegen Frauen in der Arbeiter:innenklasse innerhalb von Familien oder partnerschaftlichen Beziehungen, welche der Familie ähneln. Denn durch diese hat der Mann das Problem, dass er der Rollenerwartung als Ernährer der Familie nicht mehr nachkommen kann, während die Frauen einerseits in die Lohnarbeit gezwungen werden und andererseits aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, in welchem sie oft tätig sind, nicht die Möglichkeit haben, dem Täter zu entfliehen. Dieses widersprüchliche Verhältnis zwischen Idealbild, Geschlechterrolle und Notwendigkeit der Integration in den Arbeitsmarkt ist nicht im Rahmen des Kapitalismus aufzulösen und sorgt letzten Endes in seiner Unabdingbarkeit und Perspektivlosigkeit auch dafür, dass die extremste Form der häuslichen Gewalt, der Femizid, zu Tage dringt. Somit kann sich der Täter noch ein letztes Mal über das Opfer stellen.
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Durch diese Analyse wird also auch klar, warum die herrschende Klasse gar kein Interesse hat, grundlegend gegen häusliche Gewalt vorzugehen, denn auf der einen Seite gehört die Einsparung im Sozialsicherheitssystem schliesslich zum Rettungsschirm des Finanzkapitals und auf der anderen Seite müsste sie sonst die Institution der bürgerlichen Familie angreifen, welche zu den Grundfesten des kapitalistischen Systems gehört. Des Weiteren ist es auch im Sinne der herrschenden Klasse, wenn Frauen auch in ihrer Familie unterdrückt bleiben und sich nicht von ihren Geschlechterrollen zu befreien versuchen.
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Diesen Punkt kann man gut erkennen an den Teilen der herrschenden Klasse Deutschlands, welche an der bürgerlichen Familie festhalten wollen, indem sie diese verstärkt propagieren, die Ehe als heilig zwischen Mann und Frau ansehen, Abtreibungen z.B. nicht legalisieren wollen und Beratungsstellen einfach wegkürzen. Besonders deutlich sieht man es natürlich auch an Merz persönlich, der im letzten Jahrhundert noch dagegen stimmte, dass die Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat ist und heutzutage nur auf die „antisexistische“ Tränendrüse drückt, wenn es gilt, Migranten zu diffamieren.  Diese Analyse macht auch klar, warum besonders die Ärmsten und am stärksten unterdrückten Teile der Arbeiter:innenklasse von jener Gewalt betroffen sind.
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Gegen die immer weiter ansteigende Krise und die Gewalt gegen Frauen müssen wir uns organisieren und protestieren. Klar ist aber, dass diese Proteste nicht bei dieser einen Frage stehen bleiben dürfen. Es gilt, eine breite Massenbewegung aus Frauen, Lohnabhängigen, und sozial Unterdrückten aufzubauen, welche für klare Forderungen und ein klares Programm hinsichtlich der Unterdrückung von Frauen und LGBTIA+-Personen eintritt. Hierbei müssen auch die Gewerkschaften aufgefordert werden, sich zu beteiligen. Des Weiteren darf diese Bewegung auch nicht im nationalen Rahmen stehen bleiben, sondern muss international aufgebaut werden. Diese Forderungen könnten sein:

<ul class="liste">
<li class="liste">Beendigung der Gewalt gegen Frauen und die LGBTIA+-Gemeinschaft! Wir müssen freie Frauenhäuser, Hilfs- und Selbstverteidigungskomitees gegen Femizid, Genitalverstümmelung, häusliche und andere Formen von Gewalt organisieren.</li>
<li class="liste">Volle reproduktive Rechte und körperliche Selbstbestimmung für alle, überall! Alle Frauen sollten Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln und Abtreibung auf Verlangen haben. Frauenhäuser müssen vom Staat finanziert, aber von den Frauen selbst verwaltet werden.</li>
<li class="liste">Gleicher Lohn für Frauen! Für einen Mindestlohn und Renten, die Frauen ein unabhängiges Leben ohne Armut ermöglichen! Kampf gegen Preissteigerungen bei Wohnen, Energie und Waren des täglichen Bedarfs – für eine gleitende Skala bei Löhnen, Renten und Arbeitslosengeld, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken!</li>
<li class="liste">Massive Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Dienste von angemessener Qualität und kostenlos für alle als Schritt zur Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit!</li>
<li class="liste">Lasst die Kapitalist:innen und die Reichen zahlen, um gleiche Rechte und gleichen Lohn zu gewährleisten!</li>
</ul>

Natürlich dürfen wir uns aber auch keine Illusion machen, dass wir patriarchale Gewalt im Kapitalismus einfach wegreformieren könnten. Es gilt, den Kapitalismus mitsamt seinen Institutionen zur Unterdrückung von Frauen, LGBTQIA-Personen und der Arbeiter:innenklasse zu zerschlagen und für eine solidarische Gesellschaft auf Basis von vergesellschafteter und demokratisch geplanter Produktion und Reproduktion sowie Rätemacht einzutreten. Das heisst auch, dass das Ideal der bürgerlichen Familie dann das Zeitliche gesegnet hat und sich Rollenbilder auflösen werden dadurch, dass die Reproduktionsarbeit bspw. durch gemeinsame Mensen und Waschküchen vergesellschaftet wird.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf arbeiterinnenmacht.de</small>]]></description>
<pubDate>Mon, 18 May 2026 10:32:00 +0200</pubDate>
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</item>

<item>
<title><![CDATA[Wolfram Frommlet: Johann Sebastian Bach geht über den Sambesi]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/wolfram-frommlet-johann-sebastian-bach-geht-ueber-den-sambesi-009477.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die deutsche Hochkultur, klassische Musik – scheinbar unumstössliche Werte. Die Brüche kommen mit der 68er-Bewegung: Vietnam, die Entlarvung der verheimlichten Geschichte Europas: die Shoa, der Kolonialismus.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/wolfram-frommlet-johann-sebastian-bach-geht-ueber-den-sambesi_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto wird zur Motivation für Wolfram Frommlets ›Kniefall‹ vor den Verbrechen Europas in den Kontinenten des Südens: den Entschluss, nach Afrika zu gehen, um dort ein Medienprojekt aufzubauen, Radio von unten, um denen eine Stimme zu geben, die keine haben: Frauen, der ländlichen Bevölkerung, den Armen, dem Reichtum afrikanischer Kulturen ein Forum zu verschaffen.
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Bach im Gepäck, Synonym für das Europa der Humanität, als Angebot gegen die Schatten Europas, die Frommlet ständig einholen: Er findet Schwarze, die lieber weiss, und Weisse, die lieber schwarz sein möchten, Helfer, die nur sich selbst helfen wollen, Situationen, die ihm Gewaltphantasien bescheren. Aus den Träumen von der post-kolonialen Befreiung werden Alpträume, aus Utopien Zynismen, aus vorgeblichen Antworten Fragen.
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Fast 30 Jahre in Asien, in Afrika, oft gegen die Interessen der neuen – und alten – Eliten, von ›Entwicklungshelfern‹, deren Hilfe von oben herab für die vorgeblich Unterentwickelten fast immer zur Katastrophe wird. Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, die Ausbeutung der Dritten durch die Erste Welt – wir kennen die Schlagworte, aber was Wolfram Frommlet vor Ort mit eigenen Augen sieht, ist leider oft noch schlimmer, als wir es uns vorgestellt hatten. Doch er findet auch afrikanische Alternativen, die nicht zu neuen Abhängigkeiten führen, Geschichten und Geschichte von unten, von weissen Elefanten, vom Licht und vom Dunkel, vom Tag und von der Nacht.<p><em></em><p><small>Wolfram Frommlet: Johann Sebastian Bach geht über den Sambesi. Kroener Alfred GmbH + Co. 2024. 368 Seiten. ca. 34.00 SFr. ISBN: 978-3-520-91401-9.</small>]]></description>
<pubDate>Sun, 17 May 2026 10:48:00 +0200</pubDate>
<guid>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/wolfram-frommlet-johann-sebastian-bach-geht-ueber-den-sambesi-009477.html</guid>
</item>

<item>
<title><![CDATA[Ein Kuchen für den Präsidenten]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/ein-kuchen-fuer-den-praesidenten-009326.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Ein Kuchen für den Präsidenten“ bleibt den Grossteil seiner Laufzeit ein detailverliebter und dramaturgisch schlicht gehaltener Film, der im letzten Akt seine ganze Wirkung entfaltet und das Publikum so mit anderen Augen auf einen fast vergessenen Konflikt blicken lässt.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Hasan_Hadi_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival_w.webp><p><small>Hasan Hadi wird nach dem Gewinn eines Preises bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 von der Presse interviewt.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hasan_Hadi_awardee_interview_at_2025_Cannes_Film_Festival.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kevin Payravi</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 4.0 cropped)</a></small><p>Das Leben von Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) ist alles andere als leicht. Nur mit ihrer Oma Bibi (Waheed Thabet Khreibat), die die beiden gerade so durchbringt, wächst die Neunjährige in den 1990er-Jahren auf dem irakischen Land auf. Doch als sie anlässlich des Geburtstags Sadam Husseins von ihrem Lehrer den Auftrag erhält, für die Klasse einen Kuchen zu backen, stösst das Mädchen an ihre Grenzen. Woher soll sie den Zucker, die Eier und das Mehl bekommen, wenn sie selbst kaum genug zu essen hat? In der nächstgelegenen Stadt will sie mit Bibi die nötigen Besorgungen machen, doch diese hat andere Pläne und möchte die Erziehung ihrer Enkelin einem fremden Paar überlassen. Lamia haut unbemerkt ab und macht sich mit ihrem Schulkameraden Saeed (Sajad Mohamad Qasem) in den verwinkelten Gassen auf die Suche nach den Zutaten…

<h3>Vergessenes Leid</h3>

Fast genau 35 Jahre ist es her, dass der Irak sein Nachbarland Kuwait angriff und damit den Zweiten Golfkrieg im Mittleren Osten entfachte. Die UN reagierte wiederum mit einem Wirtschaftsembargo, das in der irakischen Bevölkerung zu verheerenden humanitären Zuständen führte. Das eigentliche Ziel dieser Sanktionen, Hussein und seine Regierung, blieb von den Konsequenzen nahezu unbehelligt. Mit seinem Spielfilmdebüt möchte uns Hasan Hadi ins Gedächtnis rufen, was seit den Anschlägen des 11. September 2001 und unzähligen daraus hervorgegangen Bombast-„Anti“-Kriegsfilmen aus Hollywood (<em>Jarhead – Willkommen im Dreck</em> (2005), <em>Green Zone</em> (2010) und <em>American Sniper</em> (2014) seien als Beispiele genannt) nur noch die wenigsten beschäftigt: Wie sehr seine Landsleute einst unter Hussein litten, wie wenig sich der Diktator für das Elend seines Volks interessierte und wie dieses zu indoktriniert war, um die eigene katastrophale Situation richtig einschätzen zu können.

<h3>Leise beginnend, laut nachhallend</h3>

Grösstenteils spannungsarm könnte man die Handlung <em>von Ein Kuchen für den Präsidenten</em> nennen – und würde den Film damit nicht beleidigen. Denn das Drehbuch von Hadi dient in erster Linie dazu, authentische Eindrücke (das Schul- und Kulturleben, die medizinische Versorgungslage und Polizeistrukturen) aus dem Alltagsleben der Irakis sowohl im ländlichen als auch städtischen Raum zu gewinnen und verzichtet deshalb auf allzu viele auffällig inszenierte Schockmomente … zumindest bis zu den letzten fünfzehn Minuten. Denn erst ganz zum Schluss zeigt sich expliziter, wie der Krieg und dessen Konsequenzen das Leben eines Kindes auf individueller Ebene radikal verändern können. Eine plötzliche Wucht, die einen schlucken lässt

<h3>Visuelle Kraft und stilles Schauspiel</h3>

Vorher beeindruckt das Drama in zahlreichen Szenen mit detailreichen Kulissen und einer Riege von Nebencharakteren und Statisten, die für sich alleine nur einen kleinen Einfluss auf die Geschichte nehmen, aber zusammen ein stimmiges Mosaik einer verkümmernden und doch lebendigen Gesellschaft ergeben. Eine Gesellschaft, die immer noch nicht aufgehört hat, den Namen ihres Präsidenten und Führers in einem Atemzug mit Gott zu nennen und sein Porträt in nahezu jedes Büro, jede Halle und jeden Gang hängen lässt – wie uns Hadi in gefühlt jeder zweiten Einstellung demonstriert. Neben diesem einprägsamen Motiv, den üppigen Sets und einem ungewöhnlichen Bildformat mit abgerundeten Ecken wirkt es fast schon überraschend, dass die restliche Kameraarbeit des Gewinners der Camera d'Or in Cannes fast schon konservativ wirkt.
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Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Schauspiel der beiden Kinderdarsteller Nayyef und Qasem, die die Handlung über weite Strecken alleine tragen müssen und das mit einer ausdruckslosen, aber zu den Umständen passenden Miene tun. Erneut ist es das Ende, bei dem sich vor allem Nayyef mit ihrer Darbietung übertrifft und die darauffolgende Epilogszene umso zynischer erscheinen lässt.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Sat, 16 May 2026 09:17:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Zum 95. Geburtstag von Heleno Saña: Eine leicht verspätete Hommage]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>Die Analysen Heleno Sañas haben nichts von ihrer Brisanz verloren. Allen voran angesichts der aktuellen Propaganda für „Kriegstüchtigkeit“ und angesichts eklatantem Russenhass – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Deutschland (also nicht nur Hass gegen Putin, sondern gegen alle Russen).</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/heleno_sana_w.webp><p><small>Heleno Saña, 2014.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heleno_Sa%C3%B1a_2014_(cropped).jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abriendo Madrid</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY 3.0 cropped)</a></small><p>Als ich im Oktober beim Verfassen meines Artikels „Sind wir noch bei Trost? Oder: Was ist mit unseren Sinnesfreuden geschehen?“ in meinen Büchern nach Inspiration suchte, fiel mir eins in die Hände, das ich zwar nicht vergessen, aber schon sehr lange nicht mehr aufgeschlagen hatte. (Oje, so kann's gehen, wenn man allzu lange mit vielerlei zu kämpfen hat, das einem die Zeit zum Lesen und Schreiben stark einschränkt.)
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Mit jedem Satz, den ich las, wurde mein Staunen grösser. Der Autor Heleno Saña schreibt 1992 im Vorwort seines Buches „Das Ende der Gemütlichkeit – Eine Bilanz der Krise unserer Zeit“, er, als in Deutschland lebender Spanier, „denke und fühle aus einer anderen Perspektive, aus jener Perspektive, die Albert Camus ,la pensée du midi' nannte und die er als den Gegenpol des germanischen Denkens begriff“. Saña, 1930 in Barcelona geboren, ist auch tief geprägt von der Verfolgung und jahrelangen Inhaftierung seines Vaters Juan Saña, eines bekannten Antifaschisten und Freiheitskämpfers im spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur.
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In vielen seiner sozial- und kulturgeschichtlichen und philosophischen Bücher erklärt Saña anschaulich die Unterschiede dieser Perspektiven und beschreibt die sozialen und politischen Auswirkungen. – Das, was ich bisher gelegentlich darüber an Hand von Albert Camus kundtat, oder auch an Hand von Erfahrungen von Südslawen mit dem „kühlen Norden“, war wie ein flüchtiger Blick durchs Schlüsselloch auf dieses stark unterbelichtete Thema. Heleno Saña führt uns gekonnt, in seiner – von Kritikern oft gelobten – klaren Sprache durch dieses weite Feld, durch die Zeiten und Räume der abendländischen Geschichte und erhellt dabei die „südliche“ Perspektive wie kein anderer!
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Seine Bücher über Deutschland und Europa wurden in den 1990er Jahren besonders heftig diskutiert. In „Die verklemmte Nation – Zur Seelenlage der Deutschen“ wird etwa am Beispiel Hegels Philosophie dargestellt, wie sich darin bereits die Grundelemente des neuen Deutschland ankündigen. „Verachtung des individuellen Lebens und Verherrlichung der abstrakten Macht des Staates, Repression im Inneren und Aggression nach Aussen, Totalitarismus auf der einen und Imperialismus auf der anderen Seite.“
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Hingegen ist der humanistische Gegenpol der klassischen deutschen Kultur, vertreten durch Kant, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin und vielen anderen, von jeher eine periphere Erscheinung im Leben Deutschlands gewesen. Ihre Ideen wurden „übersehen, missachtet, und auch bewusst verfälscht und mit den Füssen getreten“. Dass das „Dritte Reich“ hier möglich war, „beweist, wie prekär im Grunde die Lage der deutschen Kultur immer schon war, auch jetzt verhält es ich nicht anders“. Die „Achillesferse des deutschen Humanismus: seine politische und gesellschaftliche Machtlosigkeit“.
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Die Analysen Heleno Sañas haben nichts von ihrer Brisanz verloren. Allen voran angesichts der aktuellen Propaganda für „Kriegstüchtigkeit“ und angesichts eklatantem Russenhass – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Deutschland (also nicht nur Hass gegen Putin, sondern gegen alle Russen). Erstaunlich, wie Saña bereits vor über 20 Jahren vorausgesehen hat, dass früher oder später die „sich gesammelten Spannungen und Irrationalitäten wie eine lang gelagerte Dynamitladung explodieren werden“. Für ihn war es damals schon „nicht schwer vorauszusehen, dass sich das Menschengeschlecht einer gefährlichen Zukunft nähert“.
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Eine weitere Besonderheit, die Heleno Saña mit Albert Camus teilt, ist sein Wille zum Widerstand. „Würde und Widerstand“ sind für ihn nicht zu trennen. Durch den Verzicht auf Widerstand wird der Mensch „automatisch Teil derselben Irrationalität, die ihn vernichtet“. In jedem seiner Bücher wird in unterschiedlichen Worten darauf hingewiesen: „Tiefer als das Bewusstsein meiner Machtlosigkeit ist das Bedürfnis, nicht zu kapitulieren.“ Seine moralische Philosophie stützt sich nicht auf den „wissenschaftlichen“ Sozialismus, sondern auf „etwas so Einfaches, Spontanes, Unvermitteltes, Impulsives und so oft Verspottetes wie den Donquijotismus. Ja, ich bekenne mich uneingeschränkt zur Gesinnung des Cervantes-Helden, weil ich sie als die erhabenste Form des militanten Humanismus und der sozialen Revolte betrachte.“
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An Hand von Don Quijote, der meist nur als Spott- und Narrenfigur dargestellt wurde, erzählt Saña 2005 seine eigene Geschichte im Buch „Don Quijote in Deutschland – Autobiografische Aufzeichnungen eines Aussenseiters“. Darin beschreibt Saña auch seine „politischen Lehrjahre“ als Jugendlicher unter den „Compañeros“, den Widerstandskämpfern im Spanischen Bürgerkrieg. „Ihre Lehre ist so einfach und spontan wie sie selbst: Volksrevolution, Vergesellschaftung der Produktionsmittel auf basisdemokratischer Grundlage und soziale Gleichheit. Sie hassen den Staat, den Klerus, das Militär und die Kapitalisten, haben aber auch wenig übrig für den in der Sowjetunion entstandenen bürokratischen Sozialismus.“
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Prägend war aber auch die Gemeinschaft. „Wir teilen alles: unsere persönlichen Probleme, die Ideen und Illusionen, die uns bewegen, das wenige Geld, das wir haben, die Stunden der Hoffnung und Mutlosigkeit.“ – Diesen Erfahrungen verdankt er seinen weiteren Weg. Seine über 40 spanisch- und deutschsprachigen Bücher, all seine Vorträge in vielen Teilen der Welt seien im Grunde nur eine Fortsetzung dessen, was ihn damals schon bewegte. In erster Linie geht es um „die unbestechliche Liebe zu Freiheit und Selbstbestimmung“. Um die Ablehnung jeder Form von Macht und Dogmatismus, um den Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität mit den Verfolgten und Entrechteten. – Die Details zum spanischen Bürgerkrieg werden in seinem Buch „Die libertäre Revolution – Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg“ dargestellt.
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Heleno Saña ist ein Vertreter jener Linken wie es sie wenige gab und mittlerweile kaum mehr welche gibt. Als solcher bedauert er, dass seit dem Konflikt zwischen Marx und Proudhon Mitte des 19. Jahrhunderts die Linke heillos zerstritten war. Was ihn ebenfalls höchst irritierte, war der Umgang von Menschen untereinander, die sich für eine Gesellschaft ohne Repression und Entfremdung einsetzten. Die Kommunikation wurde allzu oft von „gegenseitiger Feindseligkeit und blanker Gefühlskälte“ dominiert. Zusammenkünfte gerieten nicht selten zu einem „selbstgefälligen und heuchlerischen Spektakel“. – Für einen, der noch durch die spanische Kultur der „Grandezza“ geprägte ist, besonders schmerzlich. Diese Kultur hob unter anderem auch George Orwell in „Mein Katalonien“ hervor. Er war verblüfft von der Offenheit und Vertrautheit, die ihm in Spanien begegnete und von seinen Erlebnissen der Grosszügigkeit, der Hilfsbereitschaft und des Edelsinns.
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Saña bemängelt auch die unverständliche Sprache, in der die Linken ihre Werke meist verfasst hätten. Seine eigenen Bücher hingegen können für wahr als leicht zugänglich bezeichnet werden, ohne dass etwas von der Komplexität und Differenziertheit verloren ginge. Ganz im Gegenteil. Selten wurden die europäische Kultur- und Geistesgeschichte und die Sozialphilosophie so klar dargestellt. Den Referenzpunkt bildet die Erkenntnis, dass der Kapitalismus nicht reformierbar sei. Saña bezieht sich auf vielerlei Ansätze der Selbstverwaltung, von Robert Owen über Fourier und Proudhon bis zu Tolstoi, Gandhi, der Theologie der Befreiung und vielen anderen. Auch die Mannigfaltigkeit, der Dialog und das Erbe der griechischen Antike, das Poetische und die Schönheit stehen im Mittelpunkt.
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Heute, weit entfernt von Emanzipation, sind die Bücher von Heleno Saña nicht nur Kostbarkeiten, sondern dringende Anregungen zum Widerstand. Saña konstatierte bereits vor vielen Jahren einen „Kollaps des Denkens“, eine „Verarmung der theoretischen Arbeit und das Unvermögen, sinnvolle Alternativen und Gegenmodelle zum lädierten Weltzustand auszuarbeiten“. Im Herbst wurde Saña 95 Jahre alt. Er schreibt zwar keine Bücher mehr, aber er liest noch täglich mehrere Stunden lang. Wir gratulieren herzlich, wünschen Gesundheit und Freude in freudlosen Zeiten und bedanken uns innigst für seine auch heute noch unerlässlichen Bücher.<p><em></em><p><small>Zuerst erschienen auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 15 May 2026 10:55:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Metamorphosen der Ware: Abstraktionen des Tuns]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/gesellschaft/panorama/metamorphosen-der-ware-abstraktionen-des-tuns-009378.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Wir leben in einem Universum der Ware. Wo das Universum die Lebensbereiche nicht formell unterwirft, tut es das materiell oder ideell. Das gilt auch für umfangreiche Haushaltstätigkeiten, für Erziehung, Sorge oder Pflege.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/14664421827_b811057378_w.webp><p><small>  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://www.flickr.com/photos/skohlmann/14664421827/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sascha Kohlmann</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Wir denken alle Gegenstände und Sachen, alle Abläufe, Beziehungen, Konfrontationen analog zur Ware, wenn nicht überhaupt als Ware. Auch Kunstwerken oder anderen Unikaten, die streng genommen keine Waren sind, pfropfen wir diesen Charakter geradezu selbstverständlich auf, indem wir sie bewerten und bezahlen. Was einen Preis erzielt, muss auch einen Wert haben und daher eine Ware gewesen sein, so der tautologische Schluss, der den Marktteilnehmern aber keinerlei Probleme bereitet.
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Der reduzierte Alltagsverstand versteht unter Ware Ding für Geld oder Geld für Ding. Diese Auffassung genügt, um am Markt adäquat aufzutreten. Mehr braucht er nicht zu wissen, mehr braucht er nicht zu erfahren, und mehr weiss er auch nicht. Ideell sind ihm die Prozesse der Formierung eines Produkts zur Ware fremd, obwohl er sie reell zu handhaben versteht. Die Ware jedoch ist Prozess, nicht Ding.
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Waren werden für den Markt produziert, sie sind Handelswaren. Ihr Zweck als Gebrauchswert ist nur wichtig, weil er Träger des Tauschwerts ist. Wenn wir die Ware anschauen, sehen wir sie als tote Arbeit, nicht als lebendiges Tun, ohne die sie sich nicht etablieren könnte. Das Tote erscheint so, als sei es kein Gewordenes, es tut so, als sei es lediglich ein Gegenstand mit einem Preis.

<h3>Eins, obwohl zwei</h3>

Nicht nur der Gebrauchswert ist Träger des Tauschwerts, es ist auch der Tauschwert Träger des Gebrauchswerts. In der Ware tragen sie sich gegenseitig. Diese Balance kann nicht gestört werden, ohne dass die Ware zerstört wird. Die Ware ist jenes eigentümliche Produkt, in dem Gebrauchswert und Tauschwert zu einer Einheit mobilisiert werden, geradezu verschmelzen. Nur in der Ware wird Gebrauchswert auch Tauschwert.
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Aber: In der Ware findet nicht der Gebrauchswert zum Tauschwert, sondern in der Ware finden Gebrauchswert und Tauschwert zueinander. Die Ware erweitert den Gebrauchswert also nicht, sie etabliert ihn erst. Nur in der Warengesellschaft gilt ein Tisch mehr als ein Tisch. Wäre der Tisch nur Tisch, wäre er und hätte er nicht einmal Gebrauchswert, er wäre ein profanes und hilfreiches Stück, das keine gesonderten Oberbegriffe oder Kategorien benötigte. Die Frage nach einem Gebrauchswert oder einem Tauschwert stellte sich erst gar nicht.
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Der Satz: „Die Ware setzt sich aus Gebrauchswert und Tauschwert zusammen“, ist daher streng genommen falsch. Der Satz: „Die Ware ist ein Gebrauchswert und hat einen Tauschwert“, ist naheliegend, aber ebenso irreführend. In der Ware, die so Marx, die „Elementarform“ (MEW 23, S. 49) bereits darstellt, sind sie eins, nicht bloss einträchtig oder gar zusammengefügt. Verschwindet der Gebrauchswert, ist der Tauschwert nichtig.
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Verschwindet der Tauschwert, ist der Gebrauchswert überflüssig. Der Gebrauchswert bleibt also nicht übrig, in keinem Szenario würden wir von einem ledigen Gebrauchswert sprechen. Die Geschichte der Dinge ist nicht so zu interpretieren, dass hier einem ewigen Gebrauchswert ein kapitalistischer Tauschwert übergeordnet wurde, resp. dieser jenen unterworfen habe. Sie sind vielmehr ineinander als Ware entstanden und heben nur jeweils einen bestimmten Aspekt hervor. In der Ware sind beide keine eigenständigen Segmente, sondern bloss zugeordnete Inkremente.
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Das Leben der Ware besteht in ihrer Verwertung. Für diese ist jene geschaffen. Waren werden als Waren produziert, als Waren zirkuliert und als Waren konsumiert. Die Lebenszeit der Ware umfasst alle Metamorphosen ihres gesamten Verwertungsprozesses. Auch Momente der In-Wert-Setzung oder der Bewertung gehören hier dazu. Wir sind Teil der Metamorphosen. Dieser Prozess beginnt schon vor der Produktion als Ahnung und Überlegung, als Vorhaben und Planung; und läuft aus erst mit den Nachwehen der Konsumtion (Müll, Umweltzerstörung, Krankheiten). In seiner Gesamtheit ist er nicht enden wollend. Er ist permanent und will, weil muss, wachsen.

<h3>Abstraktionen des Tuns</h3>

Arbeit, die zur Ware führt, ist stets privat, aber immer auf die Allgemeinheit bezogen. Die Ware repräsentiert allgemeine Arbeit, die in der Produktion geleistet wird, sowohl die abstrakte allgemeine als die konkrete allgemeine. Sowohl der Gebrauchswert als auch der Tauschwert sind letztlich die auf den Markt bezogene konkrete und abstrakte Sequenz der Ware. Der Charakter der Lohnarbeit ist sowohl vereinzelt als auch eingebettet, sowohl privat als auch allgemein. „Die Arbeit, die sich im Tauschwert darstellt, ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten Einzelnen. Gesellschaftlich wird sie dadurch, dass sie die Form ihres unmittelbaren Gegenteils, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt.“ (MEW 13, S. 21.) Und: „Während die Tauschwert setzende Arbeit abstrakt allgemeine und gleiche Arbeit, ist die Gebrauchswert setzende Arbeit konkrete und besondere Arbeit, die sich der Form und dem Stoff nach in unendlich verschiedene Arbeitsweisen zerspaltet.“ (MEW 13, S. 23.)
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Während konkrete Arbeit sich ausdifferenziert, formiert abstrakte Arbeit die Integration. Erstere ist gar vieles, letztere ist nur eins. Die dahingehend dechiffrierte Arbeit im Kapitalismus schafft in den Waren Gebrauchswerte und Tauschwerte. Sie ist sowohl abstrakt als konkret, privat wie gesellschaftlich, besonders wie allgemein. So arbeitet der Arbeiter dem Tauschwert nach für sich, dem Gebrauchswert nach für die Gesellschaft.
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Der Doppelcharakter der Arbeit findet so in der Ware seinen Niederschlag. Die Ware findet Erfüllung nicht in ihrer materiellen Fertigstellung, sondern in ihrer Akzeptanz am Markt als Tausch- und Handelbares, als Verkaufbares und schliesslich als Verkauftes. Tauschwerte sind Konsequenz allgemeiner abstrakter Arbeit. Nur dieses abstrakt Allgemeine lässt sich vergleichen und letztlich gleichsetzen (=äquivalieren). „Als gleichgültig gegen den besondern Stoff der Gebrauchswerte ist die Tauschwert setzende Arbeit daher gleichgültig gegen die besondere Form der Arbeit selbst. Die verschiedenen Gebrauchswerte sind ferner Produkte der Tätigkeit verschiedener Individuen, also Resultat individuell verschiedener Arbeiten. Als Tauschwerte stellen sie aber gleiche, unterschiedslose Arbeit dar, d.h. Arbeit, worin die Individualität der Arbeitenden ausgelöscht ist. Tauschwert setzende Arbeit ist daher abstrakt allgemeine Arbeit.“ (MEW 13, S. 17) Und weiter: „Als Tauschwert sind alle Waren nur bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit.“ (MEW 13, S. 18)
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In der Ware kombinieren sich Produktion und Zirkulation. Einmal geht es um die Herstellung von Gebrauchsartikeln für Andere, das andere Mal geht es um den Entäusserung konkurrenzfähiger Gegenstände auf dem Markt. Indes geht es aber um beides gleichzeitig, da kommt das Eine nicht hinter dem Anderen, und das Andere folgt auch nicht aus dem Einen. Das ist ein Vorgang und das ist ein Produkt. Aber sowohl Vorgang als auch Produkt, also Werden und Resultat, kennen zwei Bestimmungen. Die abstrakte allgemeine und die konkrete allgemeine Arbeit sind ein und derselbe Ablauf, sie müssen aber von uns analytisch unterschiedlich notiert und akzentuiert werden, um den Prozess und die Prozession der Ware (Produktion, Zirkulation, Konsumtion) besser verstehen zu können. In der Tätigkeit sind sie nicht zu scheiden, wohl aber in ihren gesellschaftlichen Bezügen. Das Selbe ist also nicht unbedingt das Gleiche. Beispiel:
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(A) Ich arbeite, um einen Tisch herzustellen und
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(B) Ich arbeite, um meine Arbeitskraft, ein Werkstück oder eine Dienstleistung zu verkaufen
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In der Beobachtung sind das zwar keine unterschiedlichen Vorgänge, aber Vorhaben, Anliegen, Ziele sind different.
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Gebrauchswerte sind Folge der auf die Allgemeinheit gerichteten konkreten Arbeit (meist Lohnarbeit, aber auch Tätigkeiten, die nur indirekt einfliessen): hämmern, tischlern, bauen, tragen, malen, schrauben u.v.m. Aber auch die konkrete allgemeine Arbeit ist nicht zu verwechseln mit der kruden Tätigkeit schlechthin. Noch einmal: Nur wenn ich einen Tisch für andere herstelle, die diesen über den Markt erwerben, können wir von einem Gebrauchswert sprechen. Bastle ich den Tisch für mich, für Verwandte oder Bekannte, aus rein ästhetischen Gründen oder für wohltätige Zwecke, dann ist dieser Tisch keine Ware, er hat weder Tauschwert noch Gebrauchswert. Beim konkreten Tun oder Machen ist also selbst zu unterscheiden, ob es sich um einen Akt für den Markt handelt oder nicht. Ist er frei von diesem Bezug, ist der Begriff eines Gebrauchswerts obsolet. Tun alleine schafft keinen Gebrauchswert, erst das Machen für den Markt konstituiert einen solchen wie die Ware überhaupt. Man kann den Tauschwert nicht einfach vom Gebrauchswert abziehen, ohne dass dieser mit verlustig ginge. Sie sind nur analytisch zu trennen, nicht faktisch.

<h3>Realisierung und Derealisierung</h3>

Was passiert nun am Markt? Am Markt erscheinen die Warenhüter (Besitzer oder legitimierte Vertreter) mit ihren Waren, um diese als solche zu legitimieren. Was sie anbieten, sind Waren. Am Markt tritt die Ware vorerst als Kandidatin ihrer selbst auf. Es ist nötig, den Abschluss eines Geschäfts zu tätigen oder zu vereinbaren. Anerkennung meint Tausch. Sei es Vertrag, sei es Rechnung, sei es mündliche Übereinkunft. Ein Zertifikat wird durch den Kauf explizit oder implizit ausgestellt. Die Ware hat sodann die Prüfung als Ware bestanden und ihren Zweck realisiert. Gelingt dies jedoch nicht, dann ist nicht der Gebrauchswert übrig geblieben, sondern die Ware ist Gerümpel, sie ist nichtig geworden. So müsste man daher die erste Aussage des Absatzes wohl dahingehend präzisieren und sagen: Was Warenhüter auf den Markt bringen, sind potenzielle Waren.
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Das Produkt wird zwar nicht erst Ware im Tausch, wenngleich, wird sie nicht gekauft, es um sie geschehen ist, sie nie zur Ware geworden und somit auch nie gewesen ist. Nie. Das Gespenstische der Ware besteht darin, dass man dem einzelnen Produkt als Gegenstand nicht ansieht, ob es Ware ist oder nicht. So kann das Produkt zwar als Ware unterwegs sein, wird es in seinem Auftritt am Markt allerdings disqualifiziert, ist es als Ware annulliert.
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Waren werden in der Zirkulation nicht nur realisiert, sie können dort auch derealisiert werden. Sie gelten dann als gefallene Produkte, als unnütze Erzeugnisse, verwandeln sich in Halde, Müll, Überschuss, müssen gelegentlich sogar vernichtet werden, sofern sie nicht willig verrotten. Sie werden zu Leichen des Kapitals, weggeworfen, verbrannt, vergraben. In der Derealisierung wird auch die Geschichte der einzelnen Waren gleich mit abgeschafft. Es wird nunmehr so getan, als hätte es sie als Ware gar nie gegeben. Auch das ist gespenstisch. Im Verwertungsprozess, der auch den Akt der Realisierung von Waren umfasst, schlägt Realisierung in Derealisierung, also Verwertung in Entwertung um.
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Vereinfacht ausgedrückt: Die Ware ist unverkäuflich und was unverkäuflich ist, ist keine Ware. Am Markt kann die Ware glücken oder verunglücken. Derealisierung meint, dass dieselben Produkte, die in der Produktion unzweifelhafte Resultate gewesen sind und somit Gegenstände für den Markt waren, einmal sich als Ware positivieren und das andere Mal sich negativieren.
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Somit wird aber nicht nur deren Wert, sondern die Ware selbst negiert. Der Markt bestimmt dann also, ob etwas gewesen ist, unabhängig davon, ob es gewesen ist. Der Daumen wird nach oben gestreckt oder nach unten gesenkt. Der kapitalistische Markt ist das Höchstgericht der Ware. Realisieren kann sich nur etwas Reales, realisiert es sich nicht, ist es aber nicht real gewesen. Das zu begreifen, ist nicht einfach, denn das stellt jeden kruden Begriff von Realität infrage.
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Die Ware stellt die Frage nach der Realität anders, als wir es gewohnt sind. In der Ware wird das Produkt indiskret, verliert Struktur und Statur, obwohl sich an der Sache und ihren Konturen nichts geändert hat. Es ist es und es ist es nicht. Als Ware ist es nur etwas, wenn etwas gegen etwas tauschbar ist. Die Realität verliert ihren Halt, wenn der Markt nicht will, d.h. im Sinne der Wertrealisierung funktioniert. Die Ware ist ein Buch mit tausend Rätseln.
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Die Bestimmung der Ware liegt im Kauf. Das ist das Ziel, auf das hingearbeitet wird. – Doch was heisst das? Wo kein Kauf, dort keine Ware? Derealisierung bedeutet: Die Ware tritt auf, um abzutreten. So entpuppt sich die Wettbewerbsfähigkeit genannte jeweilige Fälligkeit der Ware auf dem Markt des Öfteren als schiere Zufälligkeit. Wo kein Zufall, dort Abfall.
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Die Ware verstirbt, Tauschwert und Gebrauchswert kommen um. Der Markt als Retorte spricht damit eine grosse wie grobe Wahrheit der Warenwirtschaft an: Man produziert, um zu verkaufen, nicht um zu befriedigen. Das ist, betrachten wir diese depressive Einsicht genauer, eine grausame Offenbarung, die in Wirklichkeit auch permanent schreckliche Folgen zeitigt. Das bürgerliche System bellt daher auch unermüdlich alle seine bekannten Phrasen von Leistung und Standort, von Arbeitsplätzen, Wachstum und Kaufkraft, die allesamt Parolen eines verrückten Zustandes sind, in die Welt. Stets gilt es anzustacheln und zu suggerieren: Nur so geht es. Nur darum geht es.
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Was gewesen ist, kann ja in der Regel nicht mehr geändert werden. Die Metamorphosen der Waren sind jedoch jenseits solcher einfachen Wahrheiten. Diese desavouieren sie durch die Wirkungen auch im Nachhinein. Im Prozess einer scheiternden Verwertung wird auch die Vergangenheit korrigiert. Auch das ist gespenstisch. Der Markt entscheidet sodann nicht nur über die Gegenwart der Ware, er entscheidet auch über ihre Geschichte. Wird die Ware zwar als Ware produziert, aber nicht als Ware zirkuliert, dann wurde sie nicht als Ware produziert.
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Das ist paradox, aber wirklich. Ein Kuriosum sondergleichen: Es wird (und war bewusst) etwas hergestellt, das regelmässig scheitert. Es wird nicht produziert, weil das Produzierte gebraucht wird, sondern weil das Produzierte verkauft werden könnte. Die Widersprüche sind offensichtlich, und es sind selbst gemachte Widersprüche. Der Markt hat Macht über die Vergangenheit. Er sagt, ob sie zählt oder nicht. Der Markt ist fähig, das Werden einer Ware einfach in die Verwesung zu überführen. Sofern sie seine Kriterien der Verwertung nicht erfüllt, gilt sie als liquidiert. Der Markt ist nicht nur der grosse Richter, er ist auch der grosse Hinrichter. Wer auf seinen Waren sitzen bleibt, hat verloren.
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Verwertung ist oft heikel und delikat, sie beschreibt keinen obligaten Prozess, sondern einen, der auch immer an sein negatives Ende, in den Mahlstrom der Entwertung geraten kann. Der Kaufakt ist somit ein streng dezionistischer Akt. Über das Schicksal der Ware, so auch der gemeine Wille der Vertragspartner, wird eindeutig entschieden. Wird sie in den Himmel des Warenuniversums aufgenommen oder in der Hölle der Vernichtung hinabgestossen. Das ist eine Frage ums Ganze, um Sein oder Nichtsein, eine Frage, die keine Nuancen duldet.
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Man sieht dem Produkt zwar an, welch Gebrauchswert es geworden ist, man sieht ihm aber nicht an, wieviel es als Tauschwert erwirtschaften kann, geschweige denn, ob es ein solcher überhaupt werden wird. Erzielt es keinen Tauschwert, dann ist es auch seines Gebrauchswerts entledigt. Abermals sind wir im Geisterhaus. Gespenstisch meint, dass etwas da ist und eben nicht da ist, dass etwas da war, aber schon wieder fort ist. Schlussendlich kann die Produktion nur wertförmig gewesen sein, wenn sich der Wert in der Zirkulation bestätigt.
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Ohne Realisierung ist etwas nicht real gewesen, auch wenn es tatsächlich stattgefunden hat. „Für die Zirkulation des Warenkapitals W' – G' sind bestimmte Schranken durch die Existenzform der Waren selbst, ihr Dasein als Gebrauchswerte gezogen. Sie sind von Natur vergänglich. Gehn sie also innerhalb gewisser Frist nicht in die produktive oder individuelle Konsumtion ein, je nach ihrer Bestimmung, werden sie, in andren Worten, nicht in bestimmter Zeit verkauft, so verderben sie und verlieren mit ihrem Gebrauchswert die Eigenschaft, Träger des Tauschwerts zu sein. Der in ihnen enthaltene Kapitalwert, resp. der ihm angewachsne Mehrwert, geht verloren.“ (MEW 24, S. 130)
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Die Ware muss in der Warenproduktion produziert werden. In der Zirkulation kann sie jedoch bloss verkauft werden, sie muss nicht. Auch wenn das Ziel jedes Warenbesitzers nur in der Veräusserung liegen kann, heisst das ja nicht, dass das angestrebte Ziel auch erreicht wird. Vorhaben und Ergebnis sind nicht eins. Die Herstellung der Ware ist nur eine nötige Voraussetzung der Ware, aber keine ausreichende Bedingung. Die schräge Quintessenz wäre demnach: Waren können in der Produktion sowohl hergestellt werden als auch nicht, obwohl sie hergestellt worden sind. Verkaufte Produkte der selben Serie unterscheiden sich von unverkäuflichen der selben Serie auf den ersten Blick überhaupt nicht – wohl aber im fehlenden Absatz. Die Produktion kann nie sicher sein, ob die Zirkulation ihre Wünsche erfüllt. In der BWL fällt das dann unter die Rubrik mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Das hört sich trivialer an als es ist.

<h3>Exkurs zum Tausch</h3>

Von Tausch sprechen wir hier, wenn Geben und Nehmen als äquivalenter Stoffwechsel fungieren, wenn Reziprozität eingefordert und eingelöst wird. Wenn sie als feste Beziehung gleicher Werte in Erscheinung treten und ehern aneinandergeknüpft sind. Nicht jede gegenseitige Transaktion ist daher ein Tausch, sondern nur eine solche, bei der beide Seiten als gleichwertige und gleichgültige aufeinandertreffen und den Platz wechseln. Im Akt des Tausches wird von seinen Inhalten abstrahiert und auf ein gemeinsames Quantum geronnener Arbeit, also Wert geschlossen.
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Ob diese Rechnung heute noch stimmig ist und aufgehen kann, ist da schon eine andere Frage. Tatsächlich orientieren wir uns aber nach wie vor gefühlsmässig an dieser Abstraktion. Der „Philosophie des Tauschs“ liegt ein „Wie du mir, so ich dir“ zugrunde. Tauschen koppelt das Geben an ein Nehmen, Ausgabe und Einnahme sollen sich in den Transaktionen die Waage halten. Tauschen setzt Gleichheit und Gerechtigkeit als Selbstverständlichkeiten voraus, nicht nur auf der ideellen Ebene. Das, was man gibt, soll auch zurückgegeben, also entsprechend erwidert werden. Dies ergibt allerdings nur Sinn, wenn es zwar gleich ist, nicht aber wenn es dasselbe ist, es muss also von Gegenständen und Leistungen abstrahiert werden. Schuhe werden nicht gegen Schuhe getauscht, das wäre sinnlos. Wir tauschen Unterschiedliches als Gleiches, keinesfalls dasselbe.
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Der Tausch veranlasst uns, sich in ihm gleichsetzen, also zu äquivalieren. Der Tausch stellt sich als Gleichung dar: Gebrauchswerte wechseln den Träger, indem sie als Tauschwerte gleichgesetzt werden. In der rituellen Abgleichung geht es darum, im Vergleich ein Gleichnis zu erzielen und für Begleichung zu sorgen. Das klingt so kompliziert wie es ist, es erscheint aber überhaupt nicht so, weil wir durch ständige Übung des Geschäfts darauf abgerichtet sind. Die Komplexität des Vorganges ist nicht auffällig, dieser Vorgang ist vielmehr stets fällig. Das ganze Universum von Bezahlung, Schuld, aber eben auch Gerechtigkeit und Gleichheit steckt im Tausch.
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Die Substanz unserer Handlungen konzentriert und entfaltet sich in ihm. Dieses Modell wurde nicht entworfen, sondern es hat sich über die Praxis der gesellschaftlichen Kommunikation, insbesondere der Geschäfte durchgesetzt. Wir konstruieren es hier also retrospektiv. Wir verwandeln dessen Setzungen in Sätze oder Grundsätze, die zwar weniger gedacht, aber dafür umso entschiedener berechnet und ausgeführt werden. Wir gehorchen ohne Befehl, wir gehorchen blind.
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Und es ist bei alledem nicht nur die Ökonomie gemeint, nein unser ganzes Handeln und Agieren, Denken und Fühlen folgt diesen alltäglichen Konventionen. Wir bewegen uns im Koordinatensystem des Tauschs, wir verweigern uns ihm nicht, wir schreien allesamt nach Erfüllung. Das ist der Horizont, der uns vorgegeben ist und der uns begrenzt, ein Horizont, den wir nicht überschreiten können, weil wir ihn gar nicht als Rahmen oder gar Gefängnis erkennen. Dieser Horizont markiert unser Kontinuum.
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Das Kontinuum gleicht einer Matrix, die uns nicht loslässt, sondern fest im Griff hat. Wir spüren diesen Griff, aber wir spüren ihn nicht als Übergriff, weil er einfach nur Synthesis ist und Automatik. Und doch liegt genau hier und nur hier, d.h. in der Negation, der Schlüssel zur Emanzipation der Menschheit. Im Auszug aus der Matrix, in der bewussten Überwindung der Form. Um nichts weniger geht es. Es geht also um alles. Noch immer und schon wieder.<p><em></em><p><small>Zuerst erschiene auf streifzuege.org</small>]]></description>
<pubDate>Fri, 15 May 2026 09:19:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Women in Exile (Hg.): Breaking Borders to Build Bridges]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/buchrezensionen/sachliteratur/women-in-exile-hg-breaking-borders-to-build-bridges-009316.html</link>
<description><![CDATA[<strong>Die bewegende Dokumentation erzählt von Widerstand, Solidarität und dem Kampf um Sichtbarkeit und gibt Einblicke in 20 Jahre feministische und antirassistische Selbstorganisation.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/women-in-exile-hg-breaking-borders-to-build-bridges_w.webp><p><small>Buchcover.</small><p>Vor mehr als 20 Jahren schlossen sich geflüchtete Frauen* aus verschiedenen Lagern in Brandenburg zusammen, um die feministische und antirassistische Initiative Women in Exile zu gründen. Ihr Ziel: sich gegen ihre Mehrfachdiskriminierung im deutschen Asylsystem mithilfe von Selbstorganisation und Empowerment aufzulehnen und auf die geschlechterspezifische Situation von geflüchteten Frauen* in Deutschland aufmerksam zu machen. Denn diese werden, so Women in Exile, systematisch aus gesellschaftlichen und politischen Diskursen ausgeschlossen.
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Umso wichtiger ist es also, ihre sozialen Realitäten und politischen Kämpfe sichtbarer zu machen. Dabei fielen Women in Exile immer wieder mit besonderen Aktionsformen auf: Ob 2014 mit einer Bootstour durch ganz Deutschland, als Zeichen gegen die Unterbringung von geflüchteten Frauen* in Lagern, oder einem dreitägigen Sommeraktionscamp auf dem Oranienplatz in Berlin – Women in Exile wissen, wie man politische Aufmerksamkeit generiert. Heute bietet die Initiative vor allem Workshops und Seminare an.
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Die bewegte Geschichte von Women in Exile (seit 2011: Women in Exile and Friends) dokumentiert  der Jubiläumsband mit dem Titel „Breaking Borders to Build Bridges“, der 2022 zunächst als englischsprachige Ausgabe zum zwanzigjährigen Bestehen der Initiative bei edition assemblage erschienen ist. Zwei Jahre später folgte aufgrund hoher Nachfrage die deutschsprachige Übersetzung von Lilli Buchmann und Josefine Haubold.

<h3>Politische Kämpfe und feministische Vernetzung</h3>

In vier Teilen dokumentiert der Band die beeindruckende Geschichte der politischen Kämpfe und Kampagnen des Zusammenschlusses. Er gibt auch ausreichend Raum für persönliche Erfahrungsberichte und Reflexionen von geflüchteten Frauen* und ihren Unterstützer*innen, den sogenannten Friends; seit 2011 können sich nämlich auch Frauen* ohne Fluchtgeschichte bei der Initiative aktiv und solidarisch für die Rechte geflüchteter Frauen* engagieren. „Breaking Borders to Build Bridges“ ist somit eine aussergewöhnliche Dokumentation feministischer und antirassistischer Selbstorganisation, die politische Kämpfe gegen Patriarchat und strukturellen Rassismus sowohl aus kollektiver als auch persönlicher Perspektive betrachtet.
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Wie der Titel bereits mehr als klarmacht, ist die politische Arbeit von Women in Exile (and Friends) seit jeher vom Prinzip der intersektionalen Solidarität geprägt. Es ist der Initiative besonders wichtig, Brücken zu verschiedenen politischen Gruppen aufzubauen und Safer Spaces für geflüchtete Frauen* zu schaffen. Heutzutage arbeitet Women in Exile and Friends mit einer Vielzahl von politischen Gruppen zusammen. Doch diese solidarische Vernetzung musste hart erarbeitet werden, der Zusammenschluss musste verschiedene Grenzen aufbrechen.
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Als Initiative entstand Women in Exile zunächst als Abgrenzung zu anderen Selbstorganisationen, die die geschlechterspezifische Situation geflüchteter Frauen* ausblendeten. Auch dem Grenzregime sowie der Residenzpflicht der deutschen Asylpolitik, das es geflüchteten Menschen verbietet, sich ausserhalb von Kommunal- und Landesgrenzen zu bewegen, haben sich Women in Exile kontinuierlich widersetzt, um mit geflüchteten Frauen* ausserhalb von Brandenburg und Berlin in Kontakt zu treten und sich mit anderen feministischen Organisationen zu vernetzen.

<h3> Warum Women in Exile notwendig wurde</h3>

Wie man im ersten Teil des Sammelbands erfährt, gründete sich die Initiative 2002 aufgrund der mangelnden Berücksichtigung der Lebensrealitäten geflüchteter Frauen* in politischen Selbstorganisationen von geflüchteten Menschen. So erinnert sich die Mitbegründerin Bethi:
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Geflüchtete Frauen* sind eben nicht nur von dem strukturellen Rassismus des deutschen Asylregimes betroffen, sondern erfahren auch darüber hinaus geschlechterspezifische Gewalt auf der Flucht und in den Lagern. Insgesamt arbeiten Women in Exile mit einem transinklusiven Frauenbegriff – eine weiterreichende Auseinandersetzung mit der Situation queerer Geflüchteter lässt der Sammelband jedoch vermissen. Die Bedeutung der Arbeit von Women in Exile schmälert das indes nicht.
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Ihre politische Arbeit war zu Anfang notwendigerweise vor allem mit dem Empowerment und der politischen Aufklärung von geflüchteten Frauen* beschäftigt. Zwischen 2002 und 2009 besuchte die Initiative verschiedene Lager in Brandenburg, um mit weiteren Frauen* zu sprechen und sie zu empowern. Florence, eine weitere Mitbegründerin von Women in Exile, beschreibt dies so:
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Dazu gehörte beispielsweise der gemeinsame Kampf gegen diskriminierende Gesetzgebungen wie die Residenzpflicht und das Gutscheinsystem in Brandenburg, die die Bewegungsfreiheit und gesellschaftliche Teilhabe geflüchteter Menschen bis heute massiv einschränken. Interessant wäre hier noch ein Vergleich zwischen der Vergangenheit und Gegenwart gewesen, um die aktuelle Situation von geflüchteten Frauen* besser einzuordnen und zu beurteilen. Trotzdem ist vor allem der erste Teil von „Breaking Borders to Build Bridges“ ein wichtiges Zeitdokument, das die politischen Kämpfe geflüchteter Frauen* ausführlich und anschaulich zusammenträgt.

<h3>Erfahrungen, Forderungen, Perspektiven</h3>

Der Sammelband wird durch eine Vielzahl an Erfahrungsberichten von Mitgliedern der Initiative im zweiten, dritten und vierten Teil ergänzt. Ausserdem kommen auch die Friends von Women in Exile zu Wort, die von solidarischen Möglichkeiten zwischen feministischen und antirassistischen Gruppen und geflüchteten Frauen* erzählen. Dabei reflektieren sie Privilegien, Machtverhältnisse innerhalb solidarischer Bündnisse und die Notwendigkeit von Dekolonialisierung und Abolitionismus.
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Zum Abschluss von „Breaking Borders to Build Bridges“ kann man das Manifest von Women in Exile and Friends und ihre aktuellen politischen Forderungen nachlesen. Zu diesen gehören das Bleiberecht und die Bewegungsfreiheit, die Dekolonialisierung von Bildung und Gesundheit sowie ein weitreichender Abschiebestopp. Es sind Forderungen, die bis heute nicht an Relevanz verloren haben – im Gegenteil.
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Diesbezüglich fehlt es „Breaking Borders to Build Bridges“ etwas an Übersichtlichkeit, etwa mittels einer handfesten Einordnung zum aktuellen Zeitgeschehen und einer konkreten Analyse der fortschreitenden und erneuten Verschärfung der Asylgesetze. Der Sammelband sollte also vor allem als wichtige Dokumentation einer Bewegungsgeschichte betrachtet werden, ohne den Anspruch zu erheben, einen umfassenden Überblick in die gegenwärtige Situation von geflüchteten Frauen* zu verschaffen.<p><em></em><p><small>Women in Exile  (Hg.): Breaking Borders to Build Bridges. Breaking Borders to Build Bridges. 20 Jahre Women in Exile. Übersetzt von: Lilli Buchmann, Josefine Haubold. edition assemblage, Münster 2024. 222 Seiten. ca. 16.00 SFr. ISBN: 978-3-96042-182-5.</small>]]></description>
<pubDate>Thu, 14 May 2026 17:23:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[The Hours]]></title>
<link>https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/kultur/film/the-hours-009499.html</link>
<description><![CDATA[<strong>„The Hours“ ist ein bedrückender, tiefsinniger, nie lehrhafter, erzählender, zeitloser Film über Liebe, Tod, Verantwortung und Schuld, ein modernes „klassisches“ Drama, das dem Leben und der Liebe gewidmet ist, so sehr der Tod in das Leben der Figuren auch einbricht.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Julianne_Moore_66eme_Festival_de_Venise_(Mostra)_color_w.webp><p><small>Die US-amerikanische Schauspielerin Julianne Moore (hier in Venedig 2009) spielt in dem Film die Rolle von Laura Brown.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Julianne_Moore_66%C3%A8me_Festival_de_Venise_(Mostra)_color.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">nicolas genin</a><a class="caption_main_licence" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (CC-BY-SA 2.0 cropped)</a></small><p>Was ist für einen Menschen noch erträglich und was nicht mehr? Nein, die Frage bezieht sich nicht auf eine sozusagen punktuelle Unerträglichkeit im Leben. Es geht um chronisches Leiden, um Leiden, das durch Konventionen zusätzlich erschwert wird, weil ein Ausstieg aus dem dauerhaften Schmerz innerhalb einer sozialen Struktur hart bestraft werden könnte und mit Gewissensbissen verbunden wäre. Aber in „The Hours“ geht es noch um mehr – um die Beziehung zwischen Liebe und Tod, zwischen dem Ewigen und dem Begrenzten, dem Möglichen und dem absolut Unmöglichen, zwischen Erfolg und Scheitern, zwischen notwendigen Entscheidungen für sich selbst und deren Folgen für andere.
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Drei Frauen stehen im Zentrum dieses Leidens und dieser Leidenschaften, drei Frauen aus drei Jahrzehnten: Virginia Woolf (eine verdiente Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman), Laura Brown (zum zweiten Mal nach „Far From Heaven“ eine wunderbare Julianne Moore) und Clarissa Vaughan (eine in jeder Hinsicht exzellente Meryl Streep, die schon kurz zuvor in „Adaptation“ überzeugen konnte). „The Hours“ ist trotzdem kein „Frauenfilm“. Denn auch drei Männer stehen im Zentrum des Schicksals – der Maler Richard Brown (Ed Harris in einer Paraderolle), Virginias Ehemann Leonard (Stephen Dillane, überzeugend) und Lauras Ehemann Dan (John C. Reilly).
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„The Hours“ ist das zweite Melodrama nach „Far From Heaven“, in dem diesmal Stephen Daldry Rekurs auf die grossen klassischen Filme der 50er und frühen 60er Jahre Bezug nimmt, ein Film, der die Bedeutung des Melodramas in bezug auf seine Verbundenheit und Verbindung zur Realität unserer sozialen Netzwerke hervorhebt und damit das Melodrama von seinem ihm zugesagten Vorurteil befreit, es sei ein Betrug, ein Trugschluss, eine Täuschung, gar eine Verfälschung des realen Kontextes.
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Die Schriftstellerin Virginia Woolf wird von Ärzten und ihrem Mann Leonard dazu veranlasst, von London aufs Land zu ziehen. Die Hektik der Grossstadt bekomme ihr nicht. Virginia leidet an Wahnvorstellungen. Sie arbeitet an dem Roman „Mrs. Dalloway“, der 1925 erscheinen wird. Obwohl sich ihr Gesundheitszustand verbessert, fühlt die Schriftstellerin sich nicht wohl. Sie vermisst das geschäftige Treiben in London und will zurück. Doch unter der Aufsicht ihres liebevollen Mannes, der Ärzte und der Haushälterinnen, die jeden ihrer Schritte kontrollieren, hat sie offenbar keine Chance, dem freudlosen Leben zu entrinnen.
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Im Los Angeles Anfang der 50er Jahre führt Laura Brown ein nach aussen sorgloses Leben. Ihr Mann Dan liebt Laura. Beide haben einen kleinen Sohn, Richard (Jack Rovello), der seiner Mutter sehr zugewandt ist. Laura jedoch ist unzufrieden. Sie spürt, dass das Leben, das Dan immer wollte, nicht ihr Leben ist. Alles sieht perfekt und sauber aus: Das Haus, der Vorgarten, selbst der kleine Richard wirkt auf sie wie ein perfekter Sohn. Als sie beginnt, „Mrs. Dalloway“ zu lesen, wird ihr klar, dass sie entweder alles hinter sich lassen oder das Schicksal der Romanfigur teilen muss.
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New York, 2001. Die Verlagslektorin Clarissa Vaughan (Meryl Streep) bereitet eine Party für den Schriftsteller Richard (Ed Harris) vor, der für seinen letzten Roman einen Literaturpreis bekommen soll. Clarissa trägt nicht nur den gleichen Vornamen wie Virginias Romanfigur; Richard nennt sie „Mrs. Dalloway“. Richard ist an AIDS erkrankt, vegetiert in seinem Loft vor sich hin. Seit Jahren versorgt Clarissa den Todkranken, mit dem sie vor langen Jahren eine Beziehung hatte. Jetzt lebt sie in einer lesbischen Beziehung mit Sally (Allison Janney). Ihr einziger Trost scheint ihre Tochter Julia (Claire Danes) zu sein. Auch Clarissa ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben.
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Stephen Daldry erzählt die Geschichte dreier Frauen, die sehr viel gemeinsam zu haben scheinen. Alle denken an Selbstmord oder sind damit konfrontiert, alle drei haben sexuelle Neigungen zu Frauen. Als Lauras Nachbarin Kitty (Toni Collette) erzählt, sie müsse ins Krankenhaus wegen einer Gebärmutteroperation, hat Laura Mitleid mit Kitty. Als sie sich von ihr verabschiedet, küsst sie innig wie eine Geliebte. Virginia Woolf, die bisexuell war, ist in einer Szene mit ihrer Schwester Vanessa (Miranda Richardson) zu sehen, von der sie sich ebenfalls mit einem innigen Kuss verabschiedet. Alle drei Frauen eint die Zerrissenheit zwischen einem nach aussen komfortablen Leben und einer lebensbedrohlichen inneren Unzufriedenheit.
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Alle drei Frauen werden mit Krankheit konfrontiert: Clarissa mit Richards AIDS, Virginia mit ihren eigenen Wahnvorstellungen, Laura mit der Unterleibsoperation ihrer Nachbarin, die ein Kind will und keines bekommen kann, während Laura schwanger ist. In allen drei Geschichten werden Feiern vorbereitet: Virginia erwartet ihre Schwester und deren Kinder; die Haushälterinnen bereiten Pasteten u.a. vor. Laura backt mit ihrem Sohn einen Kuchen zum Geburtstag ihres Mannes. Clarissa bereitet ein Fest für Richard vor. All diese Vorbereitungen scheitern: Lauras erster Kuchen misslingt, Clarissa bricht während eines Besuchs des Ex-Freundes des homosexuellen Richard bei der Vorbereitung des Essens zusammen. Virginia kann es kaum ertragen, als sie sieht, wie die Haushälterinnen das Fleisch anlässlich des bevorstehenden Besuchs der Schwester zubereiten.
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Daldry zieht diese Verbindungslinien aber weniger in einen direkten Vergleich der drei Frauen. Clarissa, Virginia und Laura eint viel, aber sie sind trotzdem völlig unterschiedliche Charaktere. Der tiefere Sinn des Films erschliesst sich über einen Satz, den Laura im Alter an einer Stelle des Films sagt: Das entscheidende im Leben sei, was man ertragen und was man nicht mehr ertragen kann. Laura hatte nach der Geburt ihrer Tochter die Familie verlassen, war einfach in einen Bus gestiegen und nach Kanada ausgewandert. Virginia flüchtet aus dem Haus auf dem Land und verlangt von Leonard, endlich wieder nach London zurückzukehren. Clarissa muss dem Tod im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge sehen, bevor sie zu einer Entscheidung gegen ihre Seelenqualen finden kann.
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Liebe und Tod sind zentrale Momente von „The Hours“. Die Stunden des Unerträglichen, das sind die Stunden, in denen alle drei Frauen durch äussere Umstände oder andere dazu veranlasst wurden, ein Leben zu führen, das sie letztlich selbst nicht wünschen. Warum tun sie es trotzdem? Weil diese Stunden auch die des Unbewussten, der Unklarheit darüber sind, wie ihr Leben aussehen könnte, damit sie Stunden des Glücks empfinden können. Virginias Roman steht sozusagen als fiktives „Begleitbuch“, das gerade im Entstehen ist, als Protokoll des Leides und nicht gelebter Leidenschaften über den drei Frauen; es verbindet ihr Schicksal, während Virginia daran schreibt. Die Zeitebenen (20er, 50er Jahre, 2001) verschwimmen, werden unbedeutend.
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Manchmal wirkt der Film, als würde eine invisible hand das Schicksal der Frauen verknüpfen. Doch die drei Frauen eint nicht nur viel. Der Gedanke an Selbstmord hat durchaus unterschiedliche Motive. Laura denkt daran aus Verzweiflung, Virginia kann mit ihren Wahnvorstellungen nicht mehr leben und geht ins Wasser. Richard kann seine Krankheit nicht mehr ertragen und stürzt sich aus dem Fenster. Clarissa glaubt bis zum Schluss, Richard, den sie mütterlich umsorgt, retten zu können. Sie will nicht wahrhaben, dass Richard dem Tod geweiht ist.
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Aber noch von anderem erzählt „The Hours“ – von Entscheidungen für das eigene Leben, die man nur selbst treffen kann, Entscheidungen, mit denen man selbst einen Akt der Befreiung aus dem Unerträglichen vollzieht, die jedoch zugleich für andere ein Akt der Verzweiflung bedeuten können. Damit kommt die Frage der Schuld ins Spiel: Verantwortung für sich selbst kann Schuld gegenüber anderen bedeuten. Bei Laura wird dies am deutlichsten, als sie ihre Familie verlässt. Schon zu Anfang des Films sieht man Virginia – Nicole Kidman in einer bedrückenden, grossartigen Szene – ins Wasser gehen. Sie watet, erhobenen Hauptes, langsam in den Fluss, taucht unter, verliert ihre Schuhe, treibt unter Wasser in den Tod.
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Sie hinterlässt einen Mann, der sie liebte und den sie liebte. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie Leonard über die Stunden des Glücks zwischen beiden, die ewig dauern würden, die nichts zerstören könnte, nicht einmal der Tod. Doch der Tod sei notwendig, nicht nur in ihrem Roman, in dem ihrer Meinung nach jemand sterben muss, damit die anderen wieder leben können und wissen, was es heisst zu leben. Clarissa, die zusehen muss, wie Richard sich aus dem Fenster stürzt, kann die Unerträglichkeit ihres Lebens erst jetzt abschütteln.
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„The Hours“ ist ein bedrückender, tiefsinniger, nie lehrhafter, erzählender, zeitloser Film über Liebe, Tod, Verantwortung und Schuld, ein modernes „klassisches“ Drama, das jedoch nicht in depressive Endzeitstimmungen verfällt, sondern – ohne dass dies pathetisch gemeint sein soll – wirklich dem Leben und der Liebe gewidmet ist, so sehr der Tod in das Leben der Figuren auch einbricht. „The Hours“ ist ein unausgesprochenes Plädoyer für die Freiheit und gegen strukturelle Zwänge und Konventionen, die Menschen oft davon abhalten, ihr Leben so zu führen, wie sie es innerlich wünschen. Der Film ist trotzdem nicht unrealistisch, weil er die unabdingbare Verknüpfung zwischen Entscheidungen für das eigene Leben und den damit verbundenen Folgen für das Leben anderer thematisiert.<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Thu, 14 May 2026 13:19:00 +0200</pubDate>
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<title><![CDATA[Weiche, Reiche, weiche: Wenn Ministerinnen lügen wie Gebrauchtwagenhändler]]></title>
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<description><![CDATA[<strong>„Die stecken ganz schön in der Scheisse, aba so darfste mich nadierlich nich ziediern“, meine Omi Glimbzsch aus Zittau, als ich ihr zum Müttergenesungstag gratulierte.</strong><p><img width=287 height=107 border=0 src=https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/fotos/Informal_meeting_of_energy_ministers_K_Reiche_w.webp><p><small>Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, an einem informellen Treffen der EU-Energieminister am 13. Mai 2025.  Foto: <a class="caption_main_author" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Informal_meeting_of_energy_ministers_K._Reiche.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Polish presidency of the Council of the EU 2025</a> (PD)</small><p>Omi hat den Krieg überlebt - und nu das! „Da kriegste die Motten“. Früher meinte man mit den „Motten“ die TBC. Wer sie hatte, kam mit Glück in die Beelitz-Heilstätten zur Erholung. Heute reicht ein Blick auf die Bundesregierung zur Abschreckung aller Krankheiten.
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Klar, Wind und Sonne müssen nicht durch die Strasse von Hormus, aber die politische Vernunft allemal durch die Lobbyetagen von Westenergie u.v.a.m. Da steht z.B. die harmlos scheinende Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vor der Hauptstadtpresse. Sie glaubt allen Ernstes, ihr Ex-Arbeitgeber betreibe „kein Gasgeschäft“.
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Das ist ungefähr so naiv wie Christoph Daums berühmtes „nie gekokst“. Westnetz betreibt 37.000 Kilometer Gasleitungen, die Firma lobbyiert für Gas und Wasserstoff bis tief in die Nachrt und den Bundestag hinein – aber Gas? Nee, nie. Vielleicht transportieren die Röhren ja Buttermilch von Hubert Aiwanger. Die „Tagesschau“ nickt den Schmarrn höflich ab. Werden wir Leute von der Strasse womöglich für dumm verkooft? Sie auch?<br>
Nu jaja, nu nee nee. Die eine und der andere haben längst schon dieses dumme Gefühl von früher, dass man mal gründlich aufräumen müsste – mit eisernem Besen durch die Grund- und Freiheitsrechte. Mehr Vaterland und Muttermilch. Das Vertrauen in den Staat schwindet weiter beim weiter so. Wenn Ministerinnen lügen wie Gebrauchtwagenhändler und die Verfassungsschützer unsere Blaublütler inoffiziell als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufen, müsste eigentli ch...? Aber die Obrigkeiten länge die Hände in den Schoss.
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Die SPDen in Brandenburg, Niedersachsen, Meck-Pomm, Berlin und Sachsen-Anhalt kämpfen gegen den Bundestrend, die CDU gegen ihren Restanstand und die Grünen gegen die Erinnerung an Robert Habeck: Söderland hat sich so lange am grünen Feindbild abgearbeitet, bis die Gasindustrie direkt im Wirtschaftsministerium sitzt. Früher schob die Union ihre Clowns wenigstens ins Verkehrsministerium. Heute regieren sie Wirtschaft und Inneres. Ach Junge, wenn's nur das wäre!<p><em></em><p>]]></description>
<pubDate>Wed, 13 May 2026 10:49:00 +0200</pubDate>
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