Theoriebildung und Klassenkampf Über die Kämpfe der MassenarbeiterInnen und den Operaismus

Politik

13. März 2017

In den 60er und 70er Jahren tritt in Norditalien eine Reihe von Arbeiter*innenkämpfen von neuartigem Ausmass auf: Die erfolgreiche Blockierung von Teilen der Produktion führt zu massgeblichen Verlusten für das Kapital durch nichtproduzierte Waren, als Ergebnis verschiedener Kämpfe stehen später Tarifabschlüsse in verschiedenen Bereichen, die Lohnerhöhungen von teilweise deutlich über 10% beinhalten.

Die „Revolte der Piazza Statuto“ - Strassenschlachten in Turin im Juli 1962.
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Die „Revolte der Piazza Statuto“ - Strassenschlachten in Turin im Juli 1962. Foto: Unknown - Fondazione Luigi Micheletti (PD)

13. März 2017
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Entscheidend getragen wurden die Kämpfe von den durch die fordistische Produktionsweise hervorgebrachten Massenarbeiter*innen. Für die gegenwärtige Linke stellt sich entsprechend die Frage: Was können wir aus der historischen Erfahrung dieser Kämpfe lernen und mit den dahinterstehenden politischen Überlegungen heute noch anfangen? Dem wollten wir uns gemeinsam mit Christian Frings nähern, der im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Klasse – Macht – Kampf“ den Kampfzyklus der Massenarbeiter*innen und die theoretische Entwicklung dessen beleuchtete, was später als Operaismus bekannt wurde. [1]

Über die Kämpfe

Einleitend hebt Christian Frings hervor, wie die Klassenkämpfe der 60er Jahre in Italien im Kontext des vorangegangenen Industrialisierungsschubes zu sehen sind, der eine massenhafte Binnenmigration auslöste und junge Arbeiter*innen aus dem verarmten Süden Italiens in die industriellen Zentren um Turin, Mailand und Venedig trieb. Gleichzeitig waren die linken Parteien und Gewerkschaften Italiens mehr auf das Ziel der politischen Teilhabe am Staatsbetrieb fokussiert denn auf die Situation der Arbeiter*innen in den Betrieben. Genau hier aber, in den Fabriken, den „verborgenen Stätten der Produktion“ (Marx), den Orten an denen Tag für Tag der Mehrwert abgepresst wird, liegt der Beginn der massenhaften Arbeiter*innenkämpfe.

Die Zuspitzung der Konfliktlage durch das neue jugendlich-proletarische Subjekt der migrantischen Arbeiter*innen wird nach Frings an mehreren Ereignissen deutlich, beispielhaft vor allem an den dreitägigen Strassenschlachten in Turin im Juli 1962, der sogenannten „Revolte der Piazza Statuto“. Am 23. Juni 1962 finden die Auseinandersetzungen ihren Kulminationspunkt im „Streik der 60.000“ bei FIAT, insgesamt befinden sich 250.000 Arbeiter*innen in Turin im Streik.

Die gewaltsamen Zusammenstösse mit der Polizei können als erstes Auftreten der neuen, kampfbereiten Arbeiter*innensubjekte und als Beginn der Geschichte der Arbeiter*innenautonomie in Italien betrachtet werden, die ihren Höhepunkt im „Heissen Herbst von 1969“ finden wird: Massenhafte Arbeitsniederlegungen in Turin, Tote bei Demonstrationen gegen die Schliessung einer Tabakfabrik in Battipaglia, landesweite Mobilisierung und Solidarität. Die Kämpfe werden dabei nicht durch die Gewerkschaften vermittelt, sondern breiten sich über informelle Strukturen aus. Auch aus diesem Grund ist sich die damalige Linke Italiens uneinig darüber, ob die Kämpfe als emanzipatorische Klassenkämpfe oder als anarchistische Randale zu bewerten sind.

Theoriebildung am Klassenkampf und Operaismus als politische Strömung

Anfang der 60er Jahre fanden sich einige dissidente Intellektuelle der Partito Comunista Italiano (PCI) und der Partito Socialista Italiano (PSI) im Umkreis der Zeitschrift „Quaderni Rossi“ zusammen, um eine theoretische Erneuerung der italienischen Arbeiter*innenbewegung in Angriff zu nehmen. Die dort erfolgte Theoriebildung sollte später als Operaismus bekannt werden.

Die bedeutende Rolle von unorganisierten Kampfformen wie Sabotage-Aktionen, Absentismus und wilden Streiks sollte massgeblich für die Theoriebildung des Operaismus sein, der die informellen Formen der Organisierung der Arbeiter*innenkämpfe im Zusammenhang mit der spezifischen Form der Produktionsweise und des Arbeitsprozesses in den Fabriken analysiert. Die These lautet: Der Kampf passt sich der Gestalt des Arbeitsprozesses an. So ist es die starke Integration der Arbeiter*innen in den Arbeitszyklus, die zur schnellen Ausbreitung von Stillständen durch Blockaden führt, sind es letztlich die technischen Verbindungen der Arbeiter*innen und Maschinen im Produktionsprozess, die die Kampfkraft ausmachen. Die politischen Überlegungen der später als solche bekannten Operaist*innen richten sich demgemäss auf den Zusammenhang von bewusst geplanten Kampfschritten und der Arbeiter*innenmacht, die sich aus den Strukturen des Produktionsprozesses und seinen immanenten Krisenpunkten ergibt.

Die Erfahrungen der Massenarbeiter*innen, der Subjekte der neuen Arbeiter*innenmacht, prägen entscheidend die politische Ausrichtung und die theoretischen Überlegungen der operaistischen Gruppen. Dem real verbreiteten Hass auf die entfremdete, vermasste und intensivierte Arbeit in der Fabrik entspricht im Operaismus die theoretische, prinzipielle Ablehnung aller Arbeit, die Lohnarbeit ist. Illusionen über eine menschenwürdige, durch gute Bezahlung wertgeschätzte Arbeit im Kapitalismus wird die konsequente Ablehnung jeglichen Reformismus und sozialen Friedens mit dem Kapital entgegengesetzt. Lohnkämpfe werden im Operaismus vielmehr als Ansatzpunkte für ein gemeinsames Bewusstsein der Arbeiter*innen genutzt, ein Bewusstsein von der geteilten Lage als Lohnarbeiter*innen, die alltäglich ausgebeutet und nur durchgefüttert werden, um weiter ihre Arbeitskraft bereitstellen zu können. Politisch werden sie als Kämpfe gegen die Spaltung der Arbeiter*innenschaft (Forderung nach Aufhebung der Spaltung in Lohngruppen, Festgeldforderungen) und als Kämpfe gegen Lohnarbeit und Kapital selber (Entkopplung der Lohnforderungen von Produktivitätsmassstäben und der Produktivitätssteigerung des Kapitals) geführt. Bezugspunkt für politische Forderungen sind die Bedürfnisse der Arbeiter*innen, nicht die des Kapitals.

Damit geraten auch zunehmend die Hierarchien und internen Reglements der Fabrik in den Fokus der Kritik und des politischen Widerstands. Ausgehend von der alltäglichen Konfrontation mit den Gewaltinstitutionen des Kapitals in seinen Produktionsstätten wird das despotische kapitalistische Kommando politisch in konkreten Angriffen gegen seine Autoritäten bekämpft und theoretisch in seiner strukturellen Beschaffenheit kritisiert; mit der manifesten Despotie in der Fabrik wird der Kapitalismus als solcher zurückgewiesen.

Die „neue“ Kapitallektüre der Operaist*innen

Das politische Programm und die Analyse der Bedingungen und Ansatzpunkte für Klassenkämpfe, die der kapitalistische Produktionsprozess schafft, sind eng verknüpft mit einer „neuen“ Kapitallektüre der Operaist*innen. Marx' Dechiffrierung des Kapitals als Subjekt-Objekt-Verkehrung, die im Kapital die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeitskraft dinghaft erscheinen lässt, bildet die Grundlage für die operaistische Theorie und Politik des Klassenkampfes, der durch die Inkraftsetzung der Arbeiter*innenmacht dem Kapital seine Basis zu entziehen anstrebt. Die Kapitallektüre der entsprechenden Theoretiker*innen ist stark auf die Kapitel zur Produktion des relativen Mehrwerts ausgerichtet, in denen Marx den immanenten Trieb des Kapitals analysiert, die Produktivität der Arbeit unaufhörlich zu steigern [2].

Hier wird aufgezeigt, wie das Kapital im Zuge der steten Produktivitätssteigerung den wirklichen Arbeitsprozess seinen Zwecken unterordnet, ihn anpasst und fundamental verändert. Diese „reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ umfasst die konkrete Umgestaltung und Organisierung des Arbeitsprozesses durch geplante Anwendung von Kooperation, Arbeitsteilung und Maschinerie. Die Operaist*innen suchen nach den Krisen- und Druckpunkten, die sich konkret aus den so kapitalistisch durchgeplanten Abläufen in der Fabrik ergeben und an denen die Arbeiter*innenkämpfe entsprechend ansetzen können um die Produktion effektiv zu stören.

Die Gestaltung des Produktionsprozesses durch das Kapital erzeugt eine spezifische Klassenzusammensetzung, wie Marx' Analyse der Organisation der Fabrikarbeit und Hierarchisierung der Arbeiter*innenklasse zeigt. Die Operaist*innen betrachten nun die historische Klassenzusammensetzung theoretisch wie praktisch als Grundlage für ein kollektives Bewusstsein der Arbeiter*innen. Sie analysieren den Zusammenhang zwischen der materiellen Klassenstruktur und dem Handeln der Subjekte als „Verbindung zwischen der technischen und der politischen Zusammensetzung der Klasse“ [3]: Die Struktur der Produktion konstituiert Subjekte, deren Möglichkeiten, ihre Klassenlage zu erkennen und entsprechend zu handeln, damit zusammenhängen, wie sie in diese Produktion eingebunden sind.

Die reale Veränderung der technischen Prozesse im Zuge der „reellen Subsumtion“ bedeutet auch, dass die Produktivkräfte, die unter der Herrschaft des Kapitals entwickelt werden, als spezifisch kapitalistisch geformt betrachtet werden müssen. Für die Operaist*innen folgt daraus, dass Technik nicht als neutral behandelt werden kann, sondern kapitalistische Maschinerie und Plan – aufgrund der ihnen innewohnenden Zielrichtung – der Kritik unterzogen werden müssen.

In Marx' Theorie des relativen Mehrwerts wird aber nicht nur deutlich, dass die unter dem Kapital entwickelte Produktivkraft zwar Produktivkraft des Kapitals ist in dem Sinne, dass sie durch das Kapital entwickelt wird, durch das Kapital geformt ist und für das Kapital arbeitet. Gleichzeitig ist sie in letzter Instanz noch immer Produktivkraft der Arbeit: Ohne die Transformation von Arbeitskraft in lebendige Arbeit kann keine Produktion stattfinden, kein Kapital sich verwerten. Aus operaistischer Perspektive kann die Entwicklung des Kapitals daher nicht aus seinen Eigengesetzmässigkeiten als sich selbst bewegendes Ding verstanden werden, gleichwohl sie entsprechend der fetischistischen Subjekt-Objekt-Verkehrung als solche erscheint. Die Operaist*innen betonen dagegen, wie die historische Entwicklung durch die Kämpfe der Arbeiter*innen vorangetrieben wird, die das Kapital über erfolgreiche Nutzung der Druckpunkte im Produktionsprozess eben auch in die Krise stürzen können, wie die operaistische Politik es anstrebt.

Damit sind die Arbeiter*innenkämpfe aber immer auch Kämpfe der Arbeiter*innenklasse gegen sich selbst, nämlich gegen das Kapital als die entfremdete gesellschaftliche Macht, die jeden Tag durch die einzelnen Arbeiter*innen produziert wird:

„die Arbeiterklasse muss sich selbst materialiter als Teil des Kapitals begreifen, wenn sie sich dann als ganze gegen das Kapital stellen will. Sie muss sich selbst als ein Besonderes des Kapitals erkennen, wenn sie später als dessen allgemeiner Antagonist auftreten will. Der Gesamtarbeiter stellt sich nicht nur gegen die Maschine, insofern sie konstantes Kapital ist, sondern gegen die Arbeitskraft selbst, insofern sie variables Kapital ist. Die Arbeiterklasse muss dazu kommen, das gesamte Kapital zum Feind zu haben: daher auch sich selber, insofern sie Teil des Kapitals ist. Die Arbeit muss die Arbeitskraft, insofern sie Ware ist, als ihren eigenen Feind ansehen, [um so] die innere Natur des Kapitals selbst in seinen potentiell antagonistischen Teilen zu zerstören, die es organisch zusammenhalten.“ [4]

Politisch folgt aus dieser Einsicht der Kampf gegen die Arbeit, der Kampf ohne Forderungen, der die Autonomie über jede Perspektive auf vermittelnde Einigung mit dem Kapital stellt.

Ausblick und Reflexion

Das operaistische Konzept der Arbeiter*innenautonomie beinhaltet Aspekte, die weiterhin als bedeutsam für die Entwicklung einer sozialrevolutionären Praxis gelten können: So die klare politische Wendung gegen die Arbeit, die als Abkehr von einer historisch persistenten Glorifizierung der Arbeit durch Kommunist*innen als vermeintlichem Gegenprinzip zum Kapital verstanden werden muss; die grundlegende Absage an jeglichen Reformismus und Sozialpartnerschaftlichkeit und schliesslich die Bedürfnisorientiertheit des politischen Kampfes. Der Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Arbeiter*innen und dem Kapitalismus wird zurecht als Ansatzpunkt für den Klassenkampf adressiert, indem er als Ausgangspunkt für ein mögliches Bewusstsein von der kapitalistischen Totalität verstanden wird: Als Möglichkeit, die Unvereinbarkeit der Bedürfnisse der Arbeiter*innen nicht nur mit dem konkreten Interesse des*der einzelnen Kapitalist*in, sondern mit der Zwecksetzung der kapitalistischen Produktion im Allgemeinen zu erkennen [5].

Wie steht es nun mit der konkreten Anwendbarkeit der operaistischen Konzepte und Strategien in der aktuellen historischen Lage? Christian Frings verweist berechtigterweise auf die Gefahr, historische Erfahrungen und auf sie bezogene Thesen zu verallgemeinern und zu universalisieren. Als Stärke des Operaismus hebt er aber die enge Ausrichtung auf die Stätten der Mehrwertproduktion hervor, also die Hinwendung zu den alltäglichen Prozessen der Ausbeutung in der Arbeitswelt, die auch die Basis für die politische Praxis bildet. Wie nun aber genau der Prozess der kapitalistischen Produktion, also der Mehrwertabschöpfung, vonstattengeht und organisiert ist, und wo sich entsprechend welche Punkte der Krisenanfälligkeit und Verdichtung der Arbeiter*innenmacht ergeben – dies ist freilich spezifisch historisch und die Antwort auf diese Fragen kann kein Blick auf historische Erfahrungen allein liefern.

So ist offenbar, dass zu Zeiten der neoliberalen Klassenfragmentierung in Westeuropa die politischen Strategien der Operaist*innen nicht einfach übertragbar sind, wurden sie doch einst auf der Grundlage der fordistischen Organisation des Arbeitsprozesses und der industriellen Massenarbeiter*innen als Träger*innen der Arbeitskämpfe entwickelt. Zu fragen wäre, welche politischen Strategien des Kampfes der neoliberalen Umstrukturierung der Klassenzusammensetzung angemessen wären. Auf der Suche nach Druckpunkten im Produktionsprozess heute lenkt Frings den Blick auf die Rolle, die die Arbeiter*innen ausserhalb der alten kapitalistischen Zentren im Reproduktionsprozess des Kapitals einnehmen.

Die Auslagerung grosser Teile des produzierenden Gewerbes aus den sogenannten Dienstleistungsgesellschaften geht mit einem globalen ökonomischen Strukturwandel einher, der auch einen Wandel in der globalen Verteilung der Arbeiter*innenmacht bedeutet. So können nach Frings die Kampfzyklen im globalen Süden wie bspw. im Jahre 2008 in China in der Autoproduktion, oder der wilden Streiks in Bangladeschs Textilindustrie als Ausdruck dieser globalen Verschiebung gedeutet werden [6]. Es ergibt sich das doppelte Resultat, dass die heutige Linke in Westeuropa vor der Schwierigkeit steht, sich einerseits dazu verhalten zu müssen, dass die global entscheidenden sozialen Kämpfe voraussichtlich nicht in ihrem örtlichen Umfeld ausgetragen werden, und sie andererseits gleichwohl zu Analysen und Politiken kommen muss, die lokale Kampfperspektiven in den Arbeitsfeldern einer zergliederten Klasse im Westen umreissen.

Anitfa Kritik & Klassenkampf / lcm

Fussnoten:

[1] Die Aufnahme des Vortrags ist hier nachzuhören: http://akkffm.blogsport.de/audio/

[2] Marx-Engels-Werke 23, S. 331-390.

[3] Steve Wright (2005): Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Berlin: Assoziation A, S. 13.

[4] Mario Tronti (1962): Arbeiter und Kapital; zitiert nach Steve Wright (2005): Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Berlin: Assoziation A, S. 49.

[5] Vgl. Potere Operaio (1972): Was ist Arbeitermacht? Berlin: Merve, S. 12.

[6] Für eine operaistisch inspirierte Analyse der aktuellen weltweiten Klassenlage siehe auch: Wildcat-Kollektiv: „Weltarbeiterklasse“. In: Wildcat 98 (2005).