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Gunvor im Kongo: Öl, Schmiergeld, Politik | Untergrund-Blättle

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Eine Geschichte in sechs Akten Gunvor im Kongo: Öl, Schmiergeld, Politik

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Die grössten Ölhandelsunternehmen der Welt haben ihren Sitz in der Schweiz. Public Eye hat die lukrativen Geschäfte der Genfer Firma Gunvor in der Republik Kongo unter die Lupe genommen.

Insgesamt verdiente Gunvor in Kongo 2011 nach Schätzungen 73 Mio Dollar.
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Bild: Insgesamt verdiente Gunvor in Kongo 2011 nach Schätzungen 73 Mio Dollar. / Public Eye

19. September 2017

19.09.2017

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Es geht um die Vermischung von Öl und Politik, um den Verdacht auf Korruption und im Grundsatz um die Frage: Welche Verantwortung trägt die Schweiz dafür, dass die Bevölkerung vieler rohstoffreicher Länder in bitterer Armut lebt?

Die Razzia

Im Januar 2012 durchsucht die Bundespolizei die Büros von Gunvor in Genf. Die Ermittlungen dauern bis heute an. Public Eye hat sich angeschickt, Licht in diese undurchsichtige Geschichte zu bringen.

Am 3. Juli 2012, einem Dienstag, kommt Gunvor im Westschweizer Fernsehen zu einem prominenten Auftritt, auf den das Unternehmen gerne verzichtet hätte. Zu bester Sendezeit berichtet RTS, was sich im Januar zuvor in Genf zugetragen hat: Die Bundespolizei hat eine Razzia in den Büros von Gunvor durchgeführt. Die Justiz interessiert sich für suspekte Zahlungen im Zusammenhang mit Deals, die die Firma mit der SNPC, der staatlichen Erdölgesellschaft der Republik Kongo, abgeschlossen hat. Die Bundesanwaltschaft hegt den Verdacht, dass ein Teil der Kommissionen, die an zwei Mittelsmänner bezahlt wurden, am Ende bei kongolesischen Offiziellen gelandet sind. «Korruptionsgelder, gewaschen in der Schweiz», erklärt die Journalistin.

Hat Gunvor den Auftrag zur Bezahlung von Schmiergeldern gegeben, um an lukrative Öllieferungen zu gelangen? Oder konnte tatsächlich ein einzelner abtrünniger Angestellter im Unwissen seiner Chefs Millionen verschieben, wie das Unternehmen behauptet? Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft dauern bis heute an.

Anfang 2016 nehmen wir uns der Sache an. Wir sprechen mit Dutzenden zumeist anonymen Quellen, analysieren Handelsdaten, verfolgen Tankerladungen zurück, berechnen Gewinne.

Der Tatort

Gunvor wird dank russischem Öl gross – und will ab 2006 auch afrikanische Märkte erobern. Ins Geschäft kommt die Firma schliesslich mit der Republik Kongo.

Sie kennen Gunvor nicht? Da sind sie nicht allein. Das Unternehmen ist zwar der viertgrösste unabhängige Ölhändler der Welt, doch wie für Rohstofffirmen üblich geht sie ihren Geschäften in grosser Diskretion nach. Gunvor wird 1997 vom Schweden Torbjörn Törnqvist und dem Russen Gennadi Timtschenko gegründet. Erst relativ unbedeutend, steigert die Firma ihren Umsatz von 2005 bis 2007 von 5 auf 43 Milliarden US-Dollar – weil sie zum «Haustrader» des staatlichen russischen Ölgiganten Rosneft geworden ist. Ob das etwas mit der Nähe von Vladimir Putin zu Gunvor-Teilhaber Timtschenko zu tun hat? Die beiden kennen sich seit Jahren. Doch öffentlich bestreitet Timtschenko jeden Zusammenhang zwischen dem Aufstieg Gunvors und seiner Beziehung zum russischen Präsidenten vehement und verlangt konsequent eine Gegendarstellung, wenn Medienschaffende diese Verbindung machen.

2006 will Gunvor ihre Abhängigkeit vom Kreml verringern und in neue Märkte vordringen. Afrika soll es sein, und Gunvor ist bereit, einen hohen Preis zu bezahlen. Mit bis zu vier Millionen Jahressalär zieht die Firma die auf den afrikanischen Markt spezialisierten Trader von ihren Genfer Konkurrenzunternehmen ab. Nach erfolglosen Versuchen in Angola, Nigeria und der Elfenbeinküste schafft es Gunvor schliesslich, in der Republik Kongo Fuss zu fassen.

Um zu erklären, was der Begriff «Rohstofffluch» meint, ist die Republik Kongo ein Paradebeispiel.

Über die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als zwei Dollar pro Tag, das Land gehört gemäss Transparency International zu den 15 korruptesten Staaten der Welt. Über zwei Drittel der Staatseinnahmen stammen aus dem Verkauf von Erdöl. Und Schweizer Firmen gehören zu den besten Kunden: Von 2011 bis 2013 haben Gunvor, Vitol, Glencore, Trafigura und Mercuria­ im Schnitt einen Drittel des von der Republik Kongo exportierten Öls gekauft.

Der kongolesische Präsident Denis Sassou-Nguesso, der abgesehen von einem fünfjährigen demokratischen Intermezzo seit 38 Jahren an der Macht ist, installiert seine Nächsten auf den lukrativsten Posten und bereichert sie wie sich selbst schamlos. Nicht nur NGOs und Journalisten, auch die Justiz in der Schweiz und in Frankreich beschäftigen sich mit vom Präsidentenclan unterschlagenen Geldern. Sassou-Nguessos Sohn Denis Christel, genannt «Kiki» und bekannt für seinen aufwändigen Lebensstil, ist als Vize-Generaldirektor der staatlichen Erdölgesellschaft SNPC und als Geschäftsführer der staatlichen Raffinerie Coraf der starke Mann am Ölhahn. Mit ihm muss Gunvor ins Geschäft kommen.

Doch einen Präsidentensohn kann man nicht einfach anrufen und fragen: «Haben Sie Öl zu verkaufen?» Was man in diesem Milieu braucht, sind Türöffner, die aufgrund ihrer exklusiven Beziehungen Einfluss auf entscheidende Personen nehmen können. Oft spielen diese Mittelsmänner – Mittelsfrauen gibt es kaum – eine zweifelhafte Rolle. Zahlreich sind die Fälle, wo über sie Gelder an bestimmte Leute flossen, damit diese Aufträge an gewisse Firmen vergaben.

Mit wem also kooperiert Gunvor, um an «Kiki» ranzukommen?

Es sind schliesslich zwei Vermittler, die das Unternehmen mit der Republik Kongo ins Geschäft bringen: Jean-Marc Henry und Maxime Gandzion. Sie sind ein ideales Gespann: Henry hat Kontakte zu kongolesischen Ministern, Gandzion geht im Präsidentschaftspalast ein und aus.

Die Deals

Die Leitung steht. Was noch fehlt, sind die Argumente. Warum sollte sich der Kongo gerade Gunvor als Partner nehmen? Das Unternehmen setzt auf zwei Karten ­– und hat Erfolg.

Gunvor spielt im Poker mit der Republik Kongo zwei Karten aus: eine geopolitische und eine finanzielle. Das erste Ass ist das Versprechen, zwei Regierungen ins Gespräch zu bringen: die Republik Kongo und… Russland. Die Firma, deren Miteigentümer es öffentlich als «Nonsens» abtut, seinen wirtschaftlichen Erfolg mit seiner Nähe zu Vladimir Putin zu assoziieren, legt als Hauptargument gegenüber den kongolesischen Behörden also genau diese Nähe in die Waagschale.

In Russland würden sich die Türen für Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation öffnen, sofern man ins Geschäft käme, verspricht Gunvor gemäss zwei unserer Quellen. Zudem werde sich der Kreml auch vor UN-Institutionen für die Republik Kongo einsetzen. Wie wir herausgefunden haben, fliegt Timtschenko 2010 den Präsidentensohn «Kiki» mit seinem Privatjet nach Moskau, wo sie den russischen Energieminister und die Chefs der grössten Erdölgesellschaften treffen. Es geht darum, zu beweisen, dass man tatsächlich Zugang zu den höchsten Kreisen Russlands hat.

Und Gunvor hat nicht geblufft: Im August 2011 unterschreiben Russland und die Republik Kongo ein Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation, in erster Linie im Energiesektor: Russland soll Firmen unterstützen, die in die kongolesische Ölindustrie investieren. Das zweite Ass ist die Finanzkarte.

Denn für die notorisch korrupte und hochverschuldete Republik Kongo ist es schwer, von Banken zu vernünftigen Konditionen flüssige Mittel zu erhalten – im Gegensatz zum solventen Unternehmen Gunvor. Die Genfer Firma schlägt dem Kongo deshalb einen Deal vor: Wir geben euch einen Kredit, ihr gewährt uns Rabatte auf die Öllieferungen. «Vorfinanzierungen» nennt man das. Ohne Probleme findet Gunvor in BNP Paribas eine Bank, die der Firma einen Teil des Geldes leiht, welches diese wiederum an die kongolesische Erdölgesellschaft SNPC weitergibt. Gunvor wird somit zur Bank des Kongos – ohne allerdings den Regulierungen unterworfen zu sein, die für Banken gelten.

Gunvors Karten stechen: Im Juni 2010 unterschreibt «Kiki» einen ersten Vertrag mit der Genfer Firma – über drei Öllieferungen im Wert von je etwa hundert Millionen Dollar. Anfang 2011 wird ein Vertrag über 19 zusätzliche Tankerladungen abgeschlossen. Insgesamt erhält Gunvor von 2010 bis 2012 22 Lieferungen Rohöl – im Wert von 2,2 Milliarden Dollar. Aufträge, die sicher auch die Konkurrenz interessiert hätten.

Nur: Die Aufträge werden unter der Hand vergeben. Das ist ein klarer Verstoss gegen den «code des marchés publics» der Republik Kongo, der eine öffentliche Ausschreibung verlangt. Gunvor wollte uns gegenüber dazu keine Stellung nehmen. «Kiki» seinerseits sagte lediglich, der Kongo sei «ein souveräner Staat» der seine Partner selbst wählen dürfe, was «in voller Transparenz und Legitimität» geschehen sei.

Die Profite

Was hat Gunvor an den Deals mit dem Kongo verdient? Schauen wir uns das Jahr 2011 an, als die Geschäftstätigkeit zwischen Gunvor und dem Kongo ihren Höhepunkt erreicht.

2011 erhält Gunvor 12 Tankerladungen Öl – und leistet vier Vorauszahlungen. Bei diesen Finanzgeschäften ist es Usus, dass der Kreditnehmende eine Kommission entrichtet. Die Gebühren, die die kongolesische Ölgesellschaft an Gunvor zahlt, sind jedoch viel höher als jene, die die Genfer Firma ihrerseits für die Kredite entrichten muss, die sie bei BNP Paribas aufnimmt. Gemäss unseren Berechnungen macht die Firma 2011 allein mit der Bereitstellung von Krediten 14,7 Million Dollar Gewinn. Zudem werden die Vorfinanzierungen in Dollar abgeschlossen, die Öllieferungen jedoch in Euro bezahlt. Die Chance für Gunvor, auf günstige Wechselkurse zu spekulieren – womit das Unternehmen noch einmal 10,9 Millionen Franken einstreicht. Allein mit Finanztransaktionen verdient Gunvor also an den Deals von 2011 über 25 Millionen Dollar.

Und auch mit dem Handel von Öl macht das Unternehmen gutes Geld – weil die Gewinnmargen beim kongolesischen Öl kolossal sind. «Das kongolesische Rohöl ist eine Gelddruckmaschine», sagte uns eine Quelle. Zwischen 80 US-Cents und 1.50 Dollar beträgt die Marge pro Barrel – übliche Margen bewegen sich zwischen 30 und 40 US-Cents. Wie kann das sein? Die Generosität der Republik Kongo sei natürlich nicht umsonst, sagte uns diese Quelle: «Es gibt sie nur gegen eine Vereinbarung für eine Kommission an kongolesische Offizielle.» Im Klartext: Eine diskrete Form, einen Teil der Staatseinnahmen in private Taschen abzuzweigen – auf Kosten der kongolesischen Bevölkerung, der das Öl eigentlich gehört. 2011 hat Gunvor mit dem Handel des kongolesischen Öls knapp 17 Millionen Dollar Gewinn gemacht.

Rohstoffhandelsfirmen stellen sich gerne als simple Transporteure dar, die Rohstoffe «von dort, wo sie gewonnen» werden, dorthin bringen, «wo sie am meisten benötigt werden», wie Gunvor auf ihrer Homepage schreibt. Dass die Realität komplexer ist als diese simplizistische Darstellung, wird noch deutlicher, wenn wir einen weiteren Geschäftsbereich Gunvors betrachten. Denn noch mehr Geld als mit Finanzgeschäften oder dem Transport von Öl verdient Gunvor im Kongo… als Vermittlerin.

Gunvor betreut nämlich die Vorauszahlungen, die sie an die Republik Kongo geleistet hat, weiter: Die Firma setzt sich dafür ein, dass die kongolesische Elite öffentliche Aufträge, die mit Gunvors Geldern bezahlt werden sollen, bestimmten Unternehmen zuschanzt – und erhält dafür von diesen Kommissionen. Gunvor hat von einer brasilianischen und einer französischen Firma insgesamt 31 Millionen Dollar erhalten.

Das Problematische dabei: Gemäss den Verträgen zwischen der kongolesischen Erdölgesellschaft und Gunvor müssten die Vorfinanzierungen eigentlich für Investitionen in die Ölindustrie eingesetzt werden. So hat es die kongolesische Regierung auch dem Internationalen Währungsfonds zugesichert, der daraufhin die Staatsschulden des Landes reduzierte. Doch die brasilianische Firma Asperbras etwa, die auf die Dienste Gunvors setzt, erhält Aufträge über hunderte Millionen Franken für Bauprojekte, die nichts damit zu tun haben – und dennoch teils mit Gunvors Geldern finanziert werden. Die Kosten von manchen dieser Aufträge sind zudem bis zu zehn Mal so hoch wie vergleichbare Projekte in anderen Ländern. Diese Geschäfte werden nun von der portugiesischen Justiz untersucht, die dem Verdacht nachgeht, dass mehrere kongolesische Minister Schmiergelder erhalten haben. Gunvor hat also aktiv dazu beigetragen, dass Gelder für andere Zwecke ausgegeben wurden als vorgesehen. Und hat damit grossen Profit gemacht.

Insgesamt verdient Gunvor im Kongo im Jahr 2011 nach unseren Schätzungen über 73 Millionen. Das ist über ein Fünftel des gesamten Unternehmensgewinns in diesem Jahr und ebenfalls ein Fünftel des Budgets, das die Republik Kongo im selben Jahr für die öffentliche Gesundheitsversorgung ausgegeben hat. Insgesamt macht die Firma zwischen 2010 und 2012 mit ihren Deals im Kongo gemäss unseren Schätzungen 114 Millionen Dollar Gewinn.

Die Zahlungen

Die Deals im Kongo bringen Gunvor Millionen – aber auch Ärger mit der Justiz. Diese will wissen: Warum flossen Millionen auf die Konten von zweifelhaften Gesellschaften in Hong Kong?

Das Märchen im Kongo nimmt für Gunvor im Dezember 2011 eine unangenehme Wende: Die Bundesanwaltschaft interessiert sich für verdächtige Bewegungen auf den Schweizer Konten von vier in Steuerparadiesen registrierten Gesellschaften. Sie gehören Jean-Marc Henry, dem einen von Gunvors Vermittlern im Kongo, Yoann Gandzion, dem Sohn von Gunvor-Vermittler Maxime, und Pascal C.: Letzterer ist bei Gunvor als «business developer» angestellt und der Mann, der Gandzion und Henry an Bord holte.

Über die Konten der vier Gesellschaften werden Henry und Gandzion für ihre Vermittlerdienste entschädigt – und das nicht zu knapp: 2011 werden allein Gandzion von Gunvor über 10 Millionen Dollar überwiesen, auch von Asperbras erhält er viel Geld. Die Höhe dieser Summen hätte die Bank Clariden Leu, die die Konten betreute, hellhörig machen müssen. Doch erst als diese Bank Credit Suisse einverleibt werden soll, schrillen die Alarmglocken.

Es sind Zahlungen von Yoann Gandzion, die die Neugier der Bank und schliesslich der Bundesanwaltschaft wecken. Er überweist insgesamt 4,7 Millionen Dollar an verschiedene Gesellschaften in Hong Kong. Nicht eben beruhigend: Die Firmen gehören elf Chinesen, von denen manche wegen Verbindungen zum organisierten Verbrechen und andere wegen Finanzdelikten aktenkundig sind.

Für eine unserer Quellen ist der Zweck der Zahlungen klar: Der Job der elf Chinesen habe darin bestanden, die Geldsummen abzuheben und sie danach in Koffern in Richtung Kongo zu transferieren. Zusätzlich überweist Gunvor auch noch selbst mehrere Millionen auf die Konten anderer dubioser Konstrukte in Hong Kong.

Insgesamt belaufen sich die suspekten Zahlungen Gunvors auf über 30 Millionen Dollar.

Die Bundesanwaltschaft eröffnet ein Verfahren wegen des «Verdachtes auf Geldwäsche» gegen Unbekannt, sperrt die Konten von Pascal C., Yoann Gandzion und Jean-Marc Henry und durchsucht Gunvors Büros. Als die Razzia medial bekannt wird, tritt Gunvor die Flucht nach vorne an: Die dubiosen Zahlungen seien von einem Angestellten getätigt worden, dessen Vertrag mittlerweile gekündigt worden sei, teilt das Unternehmen mit: Pascal C. Er habe die Überweisungen hinter dem Rücken der Chefs vorgenommen. Gunvor reicht im November 2012 gegen ihn und auch gegen Jean-Marc Henry Klage ein: wegen Betrugs, Geldwäsche, Veruntreuung und Misswirtschaft.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mitarbeiter über 30 Millionen Dollar an Provisionen auszahlen konnte, ohne dass jemand im Unternehmen davon erfuhr?

Einiges spricht dagegen: Erst einmal hatte Pascal C. keine Kontrolle über die Finanzen und war zum Zeitpunkt, als die Deals vereinbart wurden, nicht unterschriftsberechtigt. Das Unternehmen sagt dazu, seine internen Kontrollmechanismen seien vom ehemaligen Mitarbeiter umgangen worden, «mit dem Ziel, sich auf Kosten Gunvors zu bereichern». Die Verträge mit den Vermittlern seien von Pascal C. allein unterzeichnet worden, wobei er gegen die geltenden Regeln bezüglich Unterschriftsberechtigung verstossen habe. Doch wieso haben C.s Vorgesetzte ihm dann rückwirkend die Zeichnungsberechtigung gegeben, als die Credit Suisse nachfragte? Das sei «auf sein ausdrückliches Verlangen» und aufgrund von «unvollständigen und irreführenden Informationen» geschehen, heisst es.

Erstaunlich auch: Gunvor hat C. erst Monate nach der Durchsuchung ihrer Büros freigestellt. Vorher wollte man sich unseren Informationen nach in Frieden von ihm trennen, man habe ihm sogar einen Posten als «externer Berater» angeboten. Gemäss einer unserer Quellen hat Gunvor ihre Strategie angepasst, als der Fall in die Medien kam und die Befürchtung grösser wurde, das Vertrauen der Banken zu verlieren.

C. jedenfalls ist nicht bereit, die alleinige Verantwortung für die Zahlungen zu übernehmen. Im März 2013 klagt er Gunvor wegen «falscher Anschuldigung» an. C. gibt gemäss unseren Informationen gegenüber der Justiz zu, dass er an der Bezahlung von Kommissionen beteiligt gewesen sei, die unter anderem dem kongolesischen Präsidentenclan zugute gekommen seien. Er habe dies jedoch in seiner Funktion als Angestellter und mit Wissen der Vorgesetzten getan.

Die Fortsetzung der Geschichte scheint zu bestätigen, dass wir es hier nicht mit dem Fall eines allein handelnden, abtrünnigen Mitarbeiters zu tun haben.

Das Video

Gunvor will zurück ins Geschäft mit dem kongolesischen Öl. Wie weit wird die Firma dafür gehen? Die heimliche Aufnahme eines verhängnisvollen Gesprächs.

Wer bei Gunvor wusste von den suspekten Zahlungen? Während die Justiz versucht, diese Frage beantworten, hat die Firma eine andere Sorge: Wie kommen wir wieder in den kongolesischen Markt? Im Juli 2012 unterschreibt Gunvor einen neuen Vertrag mit Yoann Gandzion – genau, dem Mann, dessen Konten wegen verdächtiger Zahlungen eben von den Schweizer Behörden blockiert wurden. Zudem setzt Gunvor auf die Dienste eines weiteren Vermittlers, mit dem man schon zuvor gearbeitet hat: Oliver Bazin, genannt «Colonel Mario» – ein äusserst suspekter Geselle, wie Sie in der Sondernummer unseres Magazins lesen können.

2014 steht Gunvor tatsächlich ganz knapp davor, wieder mit dem Kongo ins Geschäft zukommen. Doch dann taucht ein Video auf.

Ebenfalls 2014 wenden sich die Anwälte von Pascal C. und Jean-Marc Henry an Gunvor. Mit einem Video, das die korrupten Methoden zeigen soll, die Gunvor in Afrika anwende. Und mit einem Angebot: Wenn Gunvor die juristische Klage gegen die beiden zurückziehe, bleibe die Aufnahme unter Verschluss. Da die Firma nicht reagiert, übergeben die Anwälte das belastende Material dem ermittelnden Staatsanwalt.

Für die Anwälte von Henry und C. ist das Video der Beweis, dass die Bezahlung von Kommissionen Teil von Gunvors Geschäftsmodell sei. Der Staatsanwalt klagt Bertrand G. wegen «Bestechung ausländischer Amtsträger» an. Auch Bazin wird verhört, heute arbeitet er unseren Informationen nach nicht mehr für Gunvor. Der 2014 mit der Republik Kongo abgeschlossene Vertrag für Öllieferungen wird annulliert.

Im September 2014 wird Bertrand G. von Gunvor entlassen. Nach unseren Informationen unterschreibt er ein Dokument, in dem er anerkennt, sich aus eigenem Antrieb mit Bazin und «André» getroffen zu haben. Der nächste «abtrünnige Mitarbeiter» also. 700 000 Dollar soll G. für diese Unterschrift gemäss einer Quelle erhalten haben. Gunvors Afrika-Desk befindet sich offenbar heute nicht mehr in Genf, sondern neu in Dubai – weit weg von der Schweizer Staatsanwaltschaft, die nach wie vor ermittelt.

Was zeigt uns dieser Fall?

Die Schweiz hat als Sitz von etwa 500 Rohstofffirmen, unter ihnen die grössten der Welt, eine besondere Verantwortung. Der Bundesrat hat zwar das Reputationsrisiko, das von diesem Sektor ausgeht, 2013 zum ersten Mal anerkannt. Doch nach wie vor setzt er auf den guten Willen der Rohstoffhandelsfirmen und ermahnt diese lediglich, dass er von ihnen ein «integres und verantwortungsvolles Verhalten» erwarte. Man kann das naiv nennen. Man kann es auch als heuchlerisch bezeichnen.

Die Abenteuer von Gunvor im Kongo zeigen ein weiteres Mal, dass der Bundesrat die Tätigkeiten dieser Unternehmen endlich mit verbindlichen Massnahmen regulieren muss.

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