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Superchamp: Mein Block | Untergrund-Blättle

Prosa

Türsteher aus Charlottenburg Superchamp: Mein Block

Prosa

Ich heisse Champ. Ich meine, das ist nicht mein eigentlicher Name. Meine Eltern nannten mich Benjamin. Ich bin also nicht als Champ geboren. Bin ich nun ein Champ? Das könnt ihr, wenn ihr wollt, selber beurteilen, wenn ihr meine Geschichte gehört habt.

Psychonaught
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Bild: Psychonaught / PD

26. August 2013

26.08.2013

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Hatte sich meine Mutter den Namen Benjamin für mich ausgesucht? Dann hätte ich ihn gerne getragen, obwohl er nicht der coolste aller Namen ist. Aber ich hatte schon vor so langer Zeit den Kontakt abgebrochen. Meine Leute hier nennen mich nur Champ. Dass ich eigentlich Benjamin heisse, weiss keiner von den Partypeoplen und Halunken, mit denen ich ständig zu tun habe, und meine wenigen Freunde haben es wohl längst vergessen.

Ich hab zwar nie einen Wettbewerb gewonnen, aber ich sehe schon irgendwie aus wie ein Champ. Damals, als ich von der Schule bin, hab ich mit n paar Faschoskins abgehangen, das wurde allerdings selbst mir irgendwann zu blöd. Die Glatze hab ich aber behalten, die bedeutet für mich längst etwas ganz anderes, etwas, worauf Frauen stehen. Als das dann mit den Tribal Tattoos losging, war ich einer der ersten. Ich hab ganz schön grosse, die fliessen quasi von meinem Hinterkopf über den Nacken und die ganzen Arme. Da passen sie gut zu den Muskeln, von denen ich auch einige habe.

Lacht ruhig, aber wo ich in Charlottenburg unterwegs bin, bringt mir das Respekt ein. Ich arbeite als Türsteher, Rausschmeisser, manchmal auch als Bodyguard. Da passiert schon ne Menge kranke Scheisse, aber wenn’s irgendwie geht, versuch ich den Ball flach zu halten. Wenn’s mal gar nicht anders zu machen ist und ich mich doch prügeln muss, hau ich nie zu feste zu. Dass ich keiner für die wirklich dreckigen Sachen bin, haben meine Bosse immer schnell begriffen. Wenn ich an den ganzen Dreck denke, den ich bei meiner Arbeit gesehen habe, muss ich schon sagen, dass ein paar Leuten richtige Schläge guttäten, aber so was bring ich nicht über mich. Irgendwie frage ich mich immer, wieso kann ich eigentlich nicht richtig zuschlagen?

Neulich lief dann mal wieder „Mein Block“ auf MTV. Ich mag Sido, ich denke der Junge hat einiges aufm Kasten, aber um Reinickendorf hab ich die letzten Jahre immer n Bogen gemacht. Ich hatte einfach keine Lust, meinen Eltern übern Weg zu laufen. Die bewegten sich nie weg von dort, ich nie hin, und damit wars gut. Als ich also Sido singend durchs Märkische Viertel wippen sah, dachte ich an die alten Zeiten bei Muttern und Vattern. Er sehr hart, sie herzlich. Was die wohl jetzt machen? Irgendwie würd ich die beiden ganz gerne mal wieder sehen, besonders Mama. Vater, naja, der gehört eben auch dazu. Gute Erinnerungen hatte ich an ihn nicht; eigentlich hatte ich überhaupt kaum Erinnerungen an ihn, nur seltsam vage.

Der Gedanke daran, wie die beiden da jetzt wohl lebten, kehrte dann wochenlang immer wieder, bis mir zuletzt nachmittags nach dem Aufstehen mit einem mal fast die Kippe ausm Maul fällt: Woher weiss ich eigentlich, dass die beiden da überhaupt noch wohnen? Ich war jetzt fast zwanzig Jahre nicht mehr da! Ob die Alten überhaupt noch leben?

Nur noch schnell geduscht und Deo drauf und schon geht’s ab in die U-Bahn. Als ich Wittenau umsteige, beschleicht mich dann aber doch ein mulmiges Gefühl. Angst vor der eigenen Courage? Auf dem Wilhelmsruher Damm läuft ein Pulk Kinder vorm Bus über die Strasse.

Ein paar Fahrgäste geraten ins Straucheln. Ich halte die Stange fest umfasst und stehe wie eine Säule, während sich andere Körper gegen mich drücken. Endlich raus ausm Bus. Der Weg von der Haltestelle zum Haus ist kurz. Als ich aus dem versifften Fahrstuhl raus bin und um die Ecke biege, stellt sich mir eine tätowierte Braunhaarige mit breitbeinig und breit grinsend in den Weg:

»Du bist ja n Hübscher, was willst du n hier aufm Flur, da hinten wohnt doch nur noch der alte Macker!«
»Der alte Macker is vielleicht mein Vater und du steppst jetzt mal zur Seite, Baby!«
»Schon gut, wer nich will der hat schon, viel Spass!«

Nachdem ich an der Wohnungstür geklingelt habe, höre ich von drinnen schlurfende Schritte, die näher kommen und plötzlich verstummen. Offenbar werde ich durch den Türspion beobachtet.

Eine tiefe verrauchte Stimme dröhnt mir entgegen:

»Eeey was willst du, hau ab du Penner!«
»Ich bins! Benjamin, dein Sohn!«
»Was? Na dann komm rein.«

Die Tür wird aufgezogen. Aus der Wohnung dringt ein ziemlich übler Gestank. Ich zucke kurz innerlich zusammen. Das ist mein Vater? Er sieht aus, als wäre er in den zwanzig Jahren um die doppelte Zeit gealtert. Nach einer halbherzigen Begrüssung folge ich ihm angewidert hinein. Alles wirkt verwahrlost und heruntergekommen. Überall liegen dreckige Lumpen herum. An den teils abblätternden Tapeten dunkle Spuren von Flüssigkeiten. Hoffentlich nur Rotwein und Jägermeister, denke ich, und nicht Blut. Als wir an der Toilette vorbeigehen, wird der Geruch so streng, dass ich kurz würgen muss. ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Im Wohnzimmer entdeckt mein geschulter Blick inmitten des Chaos sofort diverse Drogenutensilien. Ich starre auf das Spritzbesteck und denke, oh Gott, Mutter, lass es nicht wahr sein. Wo ist sie überhaupt? Vater verschwindet in der Küche. Plötzlich kommt die Erinnerung wieder.

Ich fühle Schläge auf mich einprasseln. Ich bin wieder das neunjährige verängstigte Kind, das sich unter den sinnlosen Hieben meines betrunkenen Vaters mehr schlecht als recht wegzuducken versucht. Ein Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür – meine Mutter ist zurück. Sie geht in die Küche. Mein Vater ruft:

»Das faule Schwein macht keine Hausaufgaben. Na klar, is ja auch dein Bastardkind, du Schlampe. Das Essen ist auch wieder angebrannt, ich riechs doch von weitem!«
»Ich war nur kurz bei Andreas Salz holen.«
»Ja ja, Salz holen. Gefickt hast du! Nen netten kleinen Quickie im Flur. Deswegen ist das Essen jetzt auch angebrannt! Na warte, du Hure!« Mit den Worten „Hau bloss ab du« lässt er von mir ab, stürmt in die Küche und prügelt dort auf meine Mutter ein. Mein Körper will aufatmen, aber meine Seele lässt es nicht zu. Lange Minuten lausche ich wie gelähmt dem Handgemenge und den gequälten Schreien meiner Mutter. Meine Muskeln verkrampfen sich, kalter Schweiss bricht mir aus, und ich denke immer wieder: »Irgendwann bring ich dich um. Ich werde dich töten. Ich bring dich um!«

Ich höre meine Mutter noch wimmern, als er ins Wohnzimmer zurückkommt.

»Da bist du ja immer noch!«

Er holt aus und versucht mich wieder zu schlagen, ist jetzt aber zu betrunken und wankt zurück in den Fernsehsessel ›Warte, bis ich gross bin‹, denke ich. Und will meinen Vater töten. Töten, damit die Mutter es für den kurzen Rest ihres Lebens gut haben wird – ohne ihn.

Ich komme langsam wieder in der Gegenwart an. Vater kommt zurück und setzt sich vor mir in den Fernsehsessel. Er hat notdürftig gespülte Gläser aus der Küche mitgebracht. Irgendwie verhält er sich vorsichtig, als wäre er vor etwas auf der Hut. Hat er etwa Angst vor mir? Ich werde das Gefühl nicht los, dass er einen sehr merkwürdigen Film fährt. Ich muss wieder an die Drogen denken, die überall in der Wohnung verteilt rumliegen. Während er sich schon ein Wasserglas mit Hartalk voll giesst, fragt er mich:

»Was stehst n da rum wie n Spasti? Willst du auch n Schnaps?«
»Ne danke.«
»Na hör ma, da müssen wa doch einen drauf trinken, so viele Jahre, wa!«
»Grad nicht.«
»Mir doch scheissegal. Was willst du überhaupt hier?«
»Was ist mit Mama?«
»Deine Mutter? Du willst wissen, was mit deiner Mutter los ist? Deine Mutter ist verreckt, die alte Dreckshure. Sie hat es nicht anders verdient, die Schlampe. Für n Lutscher hat sie den ganzen Typen einen abgeblasen die Sau!«

Einen Moment bleibt mir der Atem weg.

»Heul doch! Ich wusstes schon immer, du bist so ein schwules Muttersöhnchen, eine von diesen Schwuchteln, deren aidsverseuchte Wichse im Tiergarten ins Grundwasser sickert.«

Ich brülle:
»Halt die Fresse du Wichser! Wichser! Ich bring dich um!«

Ich werfe mich auf ihn und reisse ihn aus dem Sessel. Ich will mit ihm kämpfen, ihm endlich zeigen wer jetzt der Herr im Haus, wer der Mann ist. Das soll das letzte sein, was er in seinem Scheissleben erfährt.

Sofort wird mir klar, dass er mir jetzt hoffnungslos unterlegen ist. Ich könnte jederzeit zuschlagen und wahrscheinlich wäre der erste Schlag schon ausreichend für mein Ziel. Aber ich will ihn nicht sofort ausknocken, und so beginnen wir nach ein paar kraftlosen Schwingern seinerseits zaghaft zu ringen. Das ist schon zuviel für seinen drogengebeutelten Organismus und er sinkt bewusstlos zu Boden. In der nach der Rauferei eintretenden Stille höre ich plötzlich das Radio.

You're old enough some people say / To read the signs and walk away / It's only time that heals the pain / And makes the sun come out again / It's raining again / Oh no, my love's at an end. / Oh no, it's raining again / Too bad I'm losing a friend. / C'mon you little fighter / No need to get uptighter / C'mon you little fighter / And get back up again / Oh get back up again / Fill your heart again...

Da liegt der Alte in seiner Kotze. Ich denke, das ist mein Vater, ein alter Mann, ein richtig hässlicher alter Mann, völlig durch. Soll ich ihn jetzt umbringen? Ihn zu töten, wäre nun ein Leichtes. Doch wozu? Was würde es bringen? Die Schlampe vom Flur wird mich verpfeifen und im Knast werden irgendwelche Prolls versuchen, mir die Rosette auszuweiten. Damit kann ich Mutter auch nicht mehr helfen. Es ist zu spät.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Vater. Hast immer gelästert über die Kinder vom Bahnhof Zoo und die Nutten. jetzt hast Du’s geschafft, fast alles zu überbieten, was ich Leute aus sich hab machen sehen. Leider erstickst du elende alte Ratte nicht an deiner Kotze. Du kommst schon wieder klar. Aber nicht mehr lange, Gott und seinem heiligen Wein und allem anderen Stoff sei Dank. Solange wünsch ich dir noch viel Freude an deinem Drecksleben! Geniess es in vollen Zügen! Nein, ich werde dich nicht bestrafen, das wird nicht nötig sein. Ohne noch irgendetwas anzurühren verlasse ich die Wohnung und überlasse ihn seinem Schicksal.

Wieder auf dem Flur fühle ich mich seltsam beschwingt. Als ich an der Tür von der Brünetten vorbeikomme, kriege ich sogar spontan einen leichten Ständer. Die Regung, bei ihr einfach zu klingeln, unterdrücke ich aber sofort. Ich habe jetzt wichtigeres zu tun. Erstmal kauf ich jetzt Blumen, aber nicht für dieses Flittchen. Bei Blumen Richter im Märkischen Zentrum hole ich mir einen schönen Strauss. Den Weg zum Friedhof kenne ich noch. Meine Grossmutter hatte hier mit uns gewohnt, sie war völlig verarmt, darum hatte meine Mutter sie dazu eingeladen, sehr zum Ärger meines Vaters, der damit auch nicht hinterm Berg hielt. Ich glaube, es war zum nicht kleinen Teil sein Verdienst, dass sie es nicht mehr lange machte, nachdem sie bei uns einzog. Ich ging immer mit meiner Mutter zusammen hin, manchmal widerwillig. Jetzt war es also meine Mutter selbst, die ich dort besuchte.

Bei diesem Gedanken biege ich auch schon vom Hauptweg ab in Richtung auf die Stelle, an der ich jetzt das Familiengrab vermute. Es ist tatsächlich genau da, aber es ist nicht, wie ich es mir vorgestellt habe. »Es ist ne Schande, wie’s hier aussieht, da helfen auch diese Blumen nicht viel. Der Ort sollte voll sein mit weissen Lilien, wie im Kino. Ich werde wiederkommen und es richten, Mama. Ich bin es, Benjamin. Ich bin nun gross.«

Stephan Gross

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