Crash Room Wo gehobelt wird

Prosa

Barbara holte aus und schlug mit voller Wucht auf den Wohnzimmertisch ein. Das Axtblatt blieb im Holz stecken. Die Tischplatte hatte eine minderwertige Qualität, dachte Peter, während er zusah, wie sie die Axt wieder aus der Platte herauszog um abermals auf den Tisch einzuschlagen.

Crash Room.
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Crash Room. Foto: Nicolas Nova (CC BY-NC 2.0 cropped)

19. Juni 2017
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Nach dem sechsten oder siebten Schlag - vom Wohnzimmertisch war mittlerweile nicht mehr viel übrig geblieben - widmete sie sich dem Fernseher.

„Was ist!“, rief Barbara, als sie das Teil auf den Boden schleuderte, wo es mit einem lauten Krachen zu Bruch ging.
„Nichts“, erwiderte er ruhig, sie weiterhin nicht aus den Augen lassend.
„Wir haben dafür bezahlt, also können wir damit auch machen was wir wollen!“

Erneut holte sie aus und mit nur einem Schlag zertrümmerte sie das Gehäuse. Er bemerkte Schweissperlen auf ihrer Stirn. Lange hatte er sie nicht mehr so engagiert erlebt. Er stellte sich an die Wand.

„Was ist, hast du Angst?“, fragte sie mit einem leicht irren Grinsen.
„Nein, nein alles gut“, entgegnete er.
„Tu dir keinen Zwang an.“ Sie wies zur Schrankwand hin. „Ansonsten nehm ich sie mir vor.“
„Nein, schon gut.“
„Willst du die Axt?“ Barbara fuchtelte mit dem Ding vor seiner Nase rum. Automatisch wich er ängstlich zur Seite. Er dachte an seine Tochter, die hatte nächste Woche Geburtstag.
„Nein, nein behalt die mal ruhig.“
„Feigling“, rief sie, wieder mit dem leicht irren Blick, holte aus und donnerte das Teil mitten in die Schrankwand hinein. Wieder flogen Holzstücke herum und das alte Geschirr fiel heraus. Er ging noch etwas mehr auf Distanz zu ihr. Barbara bemerkte es.
„Was ist los mein Schatz, du hast doch nicht etwa Angst vor mir?“ Sie lachte schallend.
„Na, ein bisschen Angst bekommt man da schon“, bemerkte er nervös.

Barbara lachte noch schallender und knallte die Axt ein zweites Mal in die Schrankwand hinein. Wie vorhin im Esstisch, steckte das Blatt fest.

„Scheisse“, rief sie, zerrte und riss, befreite sie und warf dabei die komplette Schrankwand um, die darauf lautscheppernd auf den Boden krachte. Sie trat mit dem Fuss dagegen. Ein Stück Holz flog dabei haarscharf an Peters Kopf vorbei.
„Pass doch auf!“, konnte er sich nicht beherrschen. Erschrocken blickte sie ihn an, als wenn sie jetzt erst wieder zu sich kam.
„Hast du was abbekommen?“, fragte sie wie aus einem Traum erwacht.
„Nein, aber es hätte nicht viel gefehlt.“
Mit der Axt in den schwitzigen Händen trat sie auf ihn zu.
„Okay, ich glaube das sollte für heute reichen“, bemerkte Barbara sichtlich erschöpft und liess die Axt auf den Boden fallen.
„Ja, ich denke auch, dass es reicht.“
Beide nahmen die Schutzbrillen ab und verliessen das Zimmer.

„Na, hat es Ihnen gefallen?“, fragte draussen der Veranstalter.
„Und wie, was Peter?!“, jauchzte Barbara.
„Ja, war schon sehr intensiv“, kommentierte Peter trocken.
„Möchten Sie mit Karte, oder bar bezahlen?“
„Bar“, sagte Barbara und übereichte dem Veranstalter des Crash-Rooms die vereinbarten zweihundert Euro.
„Danke, und beehren Sie uns bald wieder, aber nicht vergessen vorher einen Termin zu vereinbaren, wir sind bis Ende des Monats völlig ausgebucht.“
„Ja sehr gerne, aber nächste Woche haben wir ja noch die Zimmertortenschlacht gebucht, das Geburtstagsgeschenk für unsere Kleine.“

Der Veranstalter scrollte in seinem BlackBerry.

„Ja stimmt, hier hab ich´s, die kleine Maja, fünfter Geburtstag, richtig?“
„Genau.“
„Aber denken sie dran, Frau Bergmann, Kindergeburtstage mit Tortenschlacht kosten fünfzig Euro extra, wegen der Reinigung des Crash-Rooms.“
„Ja, weiss ich doch, hab's gelesen, kein Problem“, lachte Barbara, „Es wird Maja bestimmt gefallen. meinst du nicht auch Peter?“
„Mit Sicherheit.“
„Okay, dann lass mal los, ich muss zum Yoga.“
„Ja, mein Schatz, soll ich dich hinfahren?“
„Das wäre fantastisch mein Liebling.“

Peter brachte seine Barbara zum Yoga und dachte später, als er allein war, eine Weile ergebnislos über sein Leben nach.

Jörn Birkholz