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Reflexionen über das Surplus-Proletariat | Untergrund-Blättle

Politik

Phänomene, Theorie, Folgen Reflexionen über das Surplus-Proletariat

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Seit seinen Anfängen in Europa hat sich der Kapitalismus dadurch ausgezeichnet, dass er Menschen in den Stand der Überflüssigkeit versetzt.

20. Juni 2017

20.06.2017

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Die Not der »Überflüssigen« bildet schon in Friedrich Engels‘ Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) einen wesentlichen Anklagepunkt gegen die herrschende Ordnung. Trotzdem stellt die heutige weltweite Schere zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskraft etwas geschichtlich Neues dar, und sei es auch nur im Sinne eines Umschlags von Quantität in Qualität. Auch wenn manche Forscher die Anfänge des kapitalistischen Weltsystems bereits im 16. Jahrhundert verorten, blieb dessen tatsächlicher Wirkungsradius als eine Produktionsweise selbst im Jahr 1845 noch äusserst begrenzt. Die grosse Masse der Weltbevölkerung fristete ihr Dasein weiter als Selbstversorgung treibende, nur hier und da am Marktgeschehen beteiligte Bauernschaft. Erst heute besteht sie mehrheitlich aus Menschen, die zum Überleben auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, das heisst aus Proletariern.

Allerdings, und darin liegt die Krux, weckt die Arbeitskraft vieler dieser Proletarier auf Seiten des Kapitals keine Begehrlichkeiten mehr, sodass sie ein Surplus-Proletariat bilden. Als grösste Zynikerin unter der Sonne hat die bürgerliche Wirtschaftsordnung es dahin gebracht, dass ein fester Job heute in vielen Weltgegenden als Privileg gilt.

Die Existenz dieses Überschusses an Arbeitskräften ist ein Schlüssel zur Kritik der Gegenwart. Sie findet in unterschiedlichsten Phänomenen einen Ausdruck: in den wachsenden Migrationsströmen von Menschen, die anders als die europäischen Auswanderer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, anders aber auch als die Arbeitsmigranten in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg an ihren Zielorten grossenteils unwillkommen sind; in Kriegen, die sich nicht mehr zwischen Nationalstaaten oder politischen Blöcken, sondern zwischen marodierenden Milizen und Gangs abspielen und im Extremfall in failed states münden; in neofundamentalistischen Bewegungen, die aus den Fugen geratenen Gesellschaften einen autoritär-moralischen Kitt verpassen und die Habenichtse auf das Jenseits vertrösten. Nicht zuletzt hat sie besonders in den letzten Jahren zu allerhand neuartigen, mit überlieferten Vorstellungen von Klassenkampf und Revolution kaum zu fassenden Unruhen geführt.

In den alten Metropolen war seit den 1970er Jahren zwar eine nachlassende Integrationskraft der Lohnarbeitsgesellschaft zu beobachten und wurden Aufstände wie die in den französischen Banlieues von 2005 als Rückkehr der gefährlichen Klassen vermerkt. Erst seit dem Ausbruch der neuesten Krise aber zählen auch europäische Länder zu den von massiver Unterbeschäftigung geplagten Gegenden und selbst notorische Schönredner der Verhältnisse stellen kein baldiges Ende der Misere in Aussicht. Darin könnte sich eine einschneidende Veränderung der globalen Konstellationen ankündigen, denn bislang waren die Überflüssigen ganz überwiegend in Asien, Afrika, Lateinamerika und Teilen des ehemaligen Ostblocks heimisch.

Allerdings ist die Misere über Südeuropa quasi über Nacht, im Zuge einer handfesten Krise hereingebrochen – eine Entwicklung, die das Phänomen insgesamt gerade nicht auszeichnet. Genauer gesagt liegt im Verhältnis solcher zyklischen Erscheinungen zu langfristigen Tendenzen eine der Schwierigkeiten, wenn es um die Frage nach den Ursachen geht. Die Wachstumsphasen der Überschussbevölkerung beschränken sich jedenfalls nicht auf akute Krisenphasen der Wirtschaft. Die letzten vier Dekaden, grob der Zeitraum, in dem das Phänomen hervorgetreten ist, waren entgegen einer verbreiteten linken Auffassung eben nicht eine einzige Dauerkrise, auch wenn das Wachstum gegenüber den »Goldenen Jahrzehnten« nachliess und häufiger von Abschwüngen unterbrochen war.

Eine exakte Bezifferung des Problems ist naturgemäss unmöglich. Die offiziellen Zahlen über die weltweite Arbeitslosigkeit erfassen nur die Spitze des Eisbergs; zurzeit werden sie etwa von der International Labor Organization (ILO) mit gut 200 Millionen beziehungsweise 6 Prozent angegeben. Irreführend ist dies zum einen deshalb, weil viele Leute dabei gar nicht berücksichtigt werden. Am Beispiel Algerien verdeutlicht: »Laut offiziellen Statistiken sind 1,2 Millionen Algerier arbeitslos – das entspricht einer Quote von 9,8 Prozent, 70 Prozent von ihnen sind unter 30. Diese Zahlen erscheinen erstaunlich niedrig. Sie verschleiern ein Beschäftigungsproblem, das in Wahrheit viel gewaltiger ist. In Algerien geben 83 Prozent der Frauen an, nicht auf Arbeitssuche zu sein. Sie tauchen also in keiner Arbeitslosenstatistik auf, genau wie die Studenten. Im Lauf der letzten zwanzig Jahre sind die Studentenzahlen von 195.000 auf 1,2 Millionen gestiegen. (…) Viele Absolventen fanden keine Arbeit.« 1

Frisierte Arbeitslosenstatistiken kennt man auch aus den entwickelten Ländern. Im Fall des globalen Südens kommt etwas anderes hinzu, das viel stärker ins Gewicht fällt: Zu den Beschäftigten wird von den Buchhaltern kurzerhand auch jeder Strassenverkäufer von Taschentüchern gerechnet. Anders als in reicheren Ländern müssen die Überflüssigen in weitesten Teilen der Welt irgendeiner Tätigkeit nachgehen, und sei das Einkommen aus ihr noch so kläglich. Das Resultat ist eine verdeckte Arbeitslosigkeit im berühmt-berüchtigten »informellen Sektor«, die alles in den Schatten stellt, was in der Zeit des Kalten Krieges gerne, und wohl zu Recht, dem Ostblock diesbezüglich attestiert wurde.

Angesichts der Dimensionen des Phänomens und seinen Folgen erstaunt es, wie selten es im grösseren geschichtlichen Zusammenhang reflektiert wird. Das macht die Bedeutung von Mike Davis‘ Buch Planet der Slums (2006) aus. Auch wenn Slum- und Überschussbevölkerung nicht deckungsgleich sind, nimmt Davis die seit den 1970er Jahren rapide voranschreitende Ausbreitung von Elendssiedlungen zum Anlass, um einen epochalen Umbruch zu schildern. Erstmals in der Geschichte lebt die Menschheit mehrheitlich in Städten, doch der aus der entwickelten Welt bekannte Zusammenhang von Urbanisierung und Industrialisierung existiert in den meisten Regionen nicht länger. 1950 lebten vier Fünftel der Bevölkerung der »Dritten Welt« auf dem Land; 2020 werden es 50 Prozent sein.

Von der Modernisierung der Agrarwirtschaft überflüssig gemacht, sind immer mehr Menschen in die Städte gezogen, wo sie keine feste Beschäftigung mehr finden und sich folglich auf unterschiedlichste Weise durchschlagen müssen. Dieses »informelle Proletariat« (Davis) speist sich allerdings nicht nur aus der Land-Stadt-Migration, sondern auch aus dem Niedergang ehemals staatlich protegierter Industrien sowie dem Einschrumpfen des öffentlichen Sektors im Zuge der meist unter Federführung des IWF durchgeboxten Liberalisierungsmassnahmen ab Ende der 1970er Jahre. Dass solche Anpassungsprozesse schmerzhaft sein würden, haben die Marktideologen nie verschwiegen, sondern erklärten den Exitus der gemessen an Weltmarktstandards ineffizienten Industrien und den Abbau aufgeblähter Staatssektoren gerade zur Vorbedingung dafür, dass die Zauberkräfte des Marktes zum Wohle aller ihre Wirkung entfalten können.

Davon war in den meisten Fällen allerdings auch ein bis zwei Jahrzehnte später nichts zu sehen; unbekümmert um die anfängliche Erwartung, er sei nur eine Durchgangsstation für zeitweilig Beschäftigungslose, die sich auf dem Weg zurück in die reguläre Wirtschaft befänden, wuchs der informelle Sektor Hand in Hand mit den Slums unaufhörlich weiter. Notgedrungen musste die Ideologie dieser Situation angepasst werden, und die pauperisierten Müllsammler, Rikscha-Fahrer und Gelegenheitsarbeiter wurden zu lauter emsigen Kleinunternehmern umdeklariert, die mit Hilfe von Mikrokrediten sogar ein kleines Wirtschaftswunder vollbringen könnten. Das Wall Street Journal bewies einen bemerkenswerten Sinn für schwarzen Humor, als es auf dem Höhepunkt der jüngsten Krise erklärte, die von Massenentlassungen betroffenen Arbeiter im Süden werde es nicht so hart treffen, da sie schliesslich in den informellen Sektor ausweichen könnten, der insofern doch ein willkommenes »Sicherheitsnetz« darstelle. 2

Glaubt man den Buchhaltern der Weltökonomie, dann arbeitet heute die Hälfte der städtischen Beschäftigten weltweit im informellen Sektor; in Indien sind es laut Zahlen der Regierung sogar über 90 Prozent. Um vom Kapital ausgebeutet zu werden, braucht man allerdings keinen festen Arbeitsvertrag. Dem Kapital ist es mitunter sogar lieber, darauf zu verzichten. Eine Autofabrik lässt sich zwar nicht mit lauter Tagelöhnern betreiben und insofern liegen geregelte Arbeitsverhältnisse häufig auch im Interesse der Kapitalisten. Aber es lässt sich zum Beispiel die Fertigung bestimmter Teile in Heimarbeit auslagern und genau das geschieht auch vielerorts. Unweit moderner Fabriken in Indien sitzen ganze Familien in staubigen Hinterhöfen und stellen in Handarbeit Komponenten her.

Solcherart produktive Arbeit ist natürlich selbst Ausdruck des ungeheuren Überschusses an Arbeitskräften, der eine derart halsbrecherische Konkurrenz um jedwede Art von Beschäftigung in Gang setzt, dass Handarbeit billiger sein kann als Investitionen in Technologie. Vor allem aber ist sie nicht die Regel. Da es um die allgemeine Tendenz geht und nicht um eine exakte Bezifferung, kann man sich dem Urteil von Davis anschliessen: »Natürlich ist ein Teil des informellen Proletariats ein stilles Arbeitskräftereservoir für die formelle Wirtschaft, und zahlreiche Studien haben eindrucksvoll gezeigt, wie tief die Netzwerke des Subunternehmertums von Wal-Mart und anderen Grosskonzernen in das Elend der colonias und chawls hineinreichen. Gleichermassen existiert zwischen der zunehmend auf Gelegenheitsjobs reduzierten Welt der formellen Arbeit und den Abgründen des informellen Sektors eher ein Kontinuum als eine scharfe Grenze. Doch letzten Endes ist die Mehrheit der in den Slums wohnenden Armutsbevölkerung in der gegenwärtigen internationalen Ökonomie vollkommen heimatlos.« 3

Die uferlosen Slums von Kinshasa sind keine gut getarnte Weltmarktfabrik. Verschlänge ein Erdbeben die Stadt, würde man an den Börsen kaum Notiz davon nehmen. Welche Art von wirtschaftlicher Tätigkeit er vor Augen hat, wenn er von einer überschüssigen Menschheit spricht, verdeutlicht Davis anhand eines Berichts aus Kalkutta: »… drei oder vier Personen teilen sich eine Tätigkeit, die genauso gut von einer verrichtet werden könnte, Marktfrauen sitzen stundenlang vor kleinen aufgetürmten Obst- oder Gemüsestapeln, Friseure und Schuhputzer hocken den ganzen Tag auf dem Bürgersteig, nur um eine Handvoll Kunden zu bedienen, kleine Jungs springen immer wieder mitten in den fliessenden Verkehr, um Papiertaschentücher zu verkaufen, Autoscheiben zu putzen, Zeitschriften oder einzelne Zigaretten anzubieten, Bauarbeiter warten allmorgendlich und häufig vergebens in der Hoffnung auf Arbeit.« 4

In Bangalore, Symbol des aufstrebenden IT-Sektors in Indien, leben mehr Lumpensammler als Softwareprogrammierer. Zu grossen Teilen verrichtet das informelle Proletariat Tätigkeiten, die es nicht etwa deshalb gibt, weil sie zur Mehrwertproduktion beitragen würden, sondern weil die Überflüssigen auf sie angewiesen sind. Berühmt für seine unschlagbare Effizienz, hat der Kapitalismus ein Heer weitgehend überflüssiger Arbeiter historisch ungekannten Ausmasses hervorgebracht, das von morgens bis abends auf den Beinen ist, um sich ein paar Krümel des gesellschaftlichen Reichtums zu sichern. Diese trostlose Realität wird selbst in offiziellen Berichten anerkannt, die zwar euphemistisch von »Mikrounternehmen« reden, aber zugleich festhalten, dass viele von diesen nicht einmal eine Postanschrift haben und »kaum mehr als ein Subsistenzmittel für die Armen« darstellen. 5

Allerdings stellt sich die Frage, wie sich dieses düstere Bild zu den Meldungen der letzten circa zehn Jahre über den Aufstieg von Schwellenländern und unverhoffte Erfolge bei der Armutsbekämpfung verhält. Könnte es sein, dass die Marktideologen am Ende Recht behalten und die schmerzhafte Anpassungsphase nur etwas länger gedauert hat, die bitteren Pillen der Liberalisierung also mit einer gewissen Verzögerung doch noch die versprochene Wirkung entfalten? Selbst Afrika, lange Zeit als hoffnungsloser Fall abgeschrieben, wird heute als aufstrebender Kontinent gehandelt, auf dem konsumfreudige Mittelschichten aus dem Boden schiessen. Und China passt natürlich ohnehin nicht recht in das Bild massenhaften Elends aufgrund von Arbeitsplatzmangel.

Wie alle Ideologien enthält auch die der Marktapologeten einen Funken Wahrheit. Von Linken als Angriff westlicher Konzerne auf »die Dritte Welt« gegeisselt, hat das als Globalisierung bezeichnete Ineinandergreifen von Handelsliberalisierung einerseits, verbesserten Kommunikations- und Transportmitteln andererseits in Wirklichkeit dazu geführt, dass auf dem Weltmarkt die Karten neu gemischt werden. Die klassischen Imperialismustheorien oder auch die nach wie vor durch die Linke geisternde »Dependenztheorie«, der zufolge die Erste die Dritte Welt in Abhängigkeit halte und daher oben bleibe, wer einmal oben, und unten, wer einmal unten war, stehen heute, wo einige Schwellenländer rapide wachsende Weltmarktanteile verzeichnen, China emsig Rohstoffe und Ländereien in Afrika einkauft und in den Rankings der grössten globalen Unternehmen immer häufiger solche aus südlichen Ländern verzeichnet sind, auf ziemlich wackeligen Füssen. Niedrige Löhne haben den Newcomern als wichtigste Waffe im Konkurrenzkampf gedient. In den 2000er Jahren ist die Weltwirtschaft so schnell gewachsen wie lange nicht mehr und getragen war dieses Wachstum ganz massgeblich von solchen Schwellenländern.

Sicherlich sollte man die marxistische Schrulle vermeiden, auf den Zweckoptimismus der Experten, die immerzu neue Märkte, Branchen und Regionen als Hoffnungsträger ausrufen, mit einem genauso dogmatischen Zweckpessimismus zu antworten, weil das vorgefasste Bild eines unausweichlichen allgemeinen Niedergangs es erfordert, dass immerzu alles schlimmer wird. Wenn sich das Wachstum in ärmere Länder verlagert hat, überrascht es nicht, dass die Zahl der absolut Armen in den letzten Jahren offenbar gesenkt werden konnte, wobei der Löwenanteil auf China entfällt, wo das Ausgangsniveau extrem niedrig und Erfolge entsprechend leicht zu erzielen waren. Ermöglicht durch eine günstige Konjunktur und forciert von linkspopulistischen Regierungen konnten auch grösste Teile Lateinamerikas zuletzt einen gewissen Rückgang von Arbeitslosenquote, Anteil der informellen Beschäftigung und absoluter Armut verzeichnen.

Reisefreudige Genossen haben in brasilianischen Favelas neulich sogar Flachbildschirme gesichtet und die dortige Massenrandale des Jahres 2013 war kein Abwehrkampf gegen einen drohenden sozialen Abstieg wie im krisengeschüttelten Europa. Während dort der Sozialstaat pulverisiert wird, haben sich nicht nur Brasilien, sondern auch beispielsweise Südafrika, Indien und China umfangreiche Wohlfahrtsprogramme für die Armen geleistet. Was im Fall Südafrikas verwirrenderweise heisst, dass in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die Arbeitslosigkeit trotz eines passablen Wachstums von 3,4 Prozent gestiegen, sondern auch die krasse Armut trotz steigender Arbeitslosigkeit gesunken sein soll. 6

Jedoch ändert das alles recht wenig am allgemeinen Bild einer gewaltigen Überschussbevölkerung auf dem Globus, die sich irgendwie durchschlägt und den Herrschenden gewaltige Kopfschmerzen bereitet, weil ihnen schwant, auf einer Zeitbombe zu sitzen (in den einschlägigen Employment Reports der zuständigen Institutionen tauchen deshalb häufig auch Statistiken und Prognosen über Social Unrest auf, korreliert vor allem mit der Jugendarbeitslosigkeit). Das gilt nicht nur für Afrika – dessen hier und da starke Wachstumsraten wesentlich auf den Rohstoffhunger Chinas und anderer Newcomer zurückgehen, was die produktive Beschäftigung kaum steigert –, sondern fast überall.

Der Grund dafür ist nicht schwer auszumachen: Der Aufstieg der Schwellenländer beruht nicht nur auf billiger Arbeitskraft, sondern auch auf moderner Technologie, die zur Folge hat, dass die produktive Einsaugung von Arbeitskraft viel kümmerlicher ausfällt, als die mitunter atemberaubenden Wachstumszahlen der Newcomer vermuten lassen. Nicht irgendein linker Miesmacher, sondern die United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) bemerkt in einem Bericht aus dem Jahr 2010 über Asien: »Die dynamischen modernen Sektoren haben das Wachstum von BIP und Gesamtproduktivität angetrieben, ohne einen substanziellen Teil der überschüssigen Arbeitskräfte zu absorbieren.« Weil das Armenhaus Indien seit einer Weile als Hoffnungsträger der kriselnden Weltwirtschaft gehandelt wird, zitieren wir exemplarisch etwas ausführlicher, zu welchem Befund über das Land die Buchhalter gelangen: »In Indien war das Wachstum moderner Dienstleistungen wie IT (…), Kommunikations- und Finanzdienstleistungen nicht von einem entsprechenden Wachstum der Beschäftigung begleitet. Darin drückt sich eine Zunahme der Arbeitsproduktivität aus, die Indiens Wachstumskurve positiver hinsichtlich der Produktivität macht, aber weniger positiv hinsichtlich Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in einer von überschüssiger Arbeitskraft geprägten Wirtschaft. (…) Ein typisches Beispiel ist die IT-Branche (…) Die Beschäftigung dort, die von rund 314.000 im Jahr 1999/00 auf rund 963.000 im Jahr 2004/05 gestiegen ist, macht nur 0,2 Prozent der Arbeitsbevölkerung aus (…) In ähnlicher Weise ging das rapide Wachstum des Output im regulären herstellenden Gewerbe mit keinerlei spürbarer Zunahme von anständigen Beschäftigungsmöglichkeiten für Indiens Erwerbsbevölkerung einher.« 7

Schön für die Autokonzerne, wenn sie auf dem Subkontinent einen emerging market für ihre Karossen finden, weil IT-Arbeiter dort neuerdings vermehrt im eigenen Wagen zur Arbeit brausen. Die Masse des indischen Surplus-Proletariats verwandelt dies nicht in reguläre Lohnarbeiter. Sie gehen weiter dem nach, was der Bericht schönfärberisch »traditionelle Dienstleistungen« nennt, gekennzeichnet durch geringe Produktivität und jämmerlichen Verdienst wie in der oben zitierten Schilderung Kalkuttas.

China ist ein Fall für sich. In China wurde in den letzten Dekaden eine kapitalistische Reichtumsproduktion auf breiter Front in Gang gesetzt und zig Millionen haben Jobs in neuen Weltmarktfabriken oder auf dem Bau gefunden. Auch hier gilt zwar, dass die Einsaugung von Arbeitskraft weit hinter den Wachstumszahlen zurückgeblieben ist, und die offizielle Arbeitslosenquote von rund vier Prozent ist höchst dubios; realistischere Schätzungen veranschlagen sie mindestens doppelt so hoch. 8 Dennoch kann von einem wachsenden Surplus-Proletariat in China bislang schlechterdings keine Rede sein, wovon nicht zuletzt die gewaltigen Lohnsteigerungen zeugen, die die Wanderarbeiter in den Exportzonen in der letzten Zeit erkämpfen konnten. Seit ein paar Jahren mehren sich sogar Berichte über einen akuten Arbeitskräftemangel in den Weltmarktfabriken, der die Lohnkämpfe entsprechend begünstigt hat. Zu dieser Verknappung hat zwar auch die chinesische Regierung beigetragen, die beim Kriseneinbruch 2009 angesichts von Massenentlassungen von Panik ergriffen wurde und mit dem grössten Konjunkturprogramm der Geschichte schätzungsweise 50 Millionen Jobs geschaffen hat, und ausserdem stellen die Bosse der Exportfabriken nur junge Arbeitskräfte ein. Dennoch sind solche Engpässe auf dem Arbeitsmarkt real.

Im Ergebnis sind in China in den letzten Dekaden nicht die Slums gewachsen, sondern die Wolkenkratzer in den Himmel geschossen. Mit Blick auf das allgemeine Bild handelt es sich um eine Ausnahme, und zwar um eine, die nicht zur Regel werden kann, weil der Weltmarkt sich daran verschlucken würde; es können nicht alle gleichzeitig Exportweltmeister werden. Mit Blick auf die Zukunft Chinas wiederum ist zweierlei zu bedenken. Erstens besteht trotz der starken Abwanderung in die Städte weiterhin eine erhebliche latente Überbevölkerung auf dem Land, die manche auf über 100 Millionen Menschen schätzen. Theoretisch könnte China »seinen landwirtschaftlichen Sektor auf ein Niveau heben, auf dem er so produktiv wäre wie der der Vereinigten Staaten. Technisch steht dem nichts im Wege.

Doch stattdessen sieht sich China in Afrika und Brasilien nach Ländereien um, auf denen es weit von zuhause entfernt moderne kapitalistische Farmen gründen kann. Denn im eigenen Land würde dies die Vertreibung von Hunderten Millionen Menschen bedeuten, die sich in die Städte flüchten würden. Das ist der soziale Alptraum, den die herrschende Klasse um jeden Preis vermeiden will.« 9 Bezeichnenderweise will die chinesische Regierung das Hukou-System der Haushaltsregistrierung, das die Bevölkerung in Land- und Stadtbewohner spaltet und ihr eine gewisse Kontrolle der Migration in die Städte erlaubt, zwar weiter lockern, aber aus »Furcht vor der Menschenlawine« auch weiterhin nicht abschaffen. 10

Die zweite Unbekannte ist, wie sehr die erfolgreichen Lohnkämpfe in Zukunft die Automation und Abwanderung von Fabriken vorantreiben werden. Während arbeitsintensive Fertigung schon seit einigen Jahren in nahegelegene Länder verlagert wird, hat zum Beispiel der berüchtigte Foxconn-Konzern, mit 1,4 Millionen Beschäftigten zweitgrösster Arbeitgeber der Welt, in Reaktion auf die jüngeren Arbeiterunruhen die Einführung von einer Million Robotern, »Foxbots« genannt, angekündigt. »Man könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen (…) schreiben, die bloss als Kriegsmittel des Kapitals wider Arbeiteremeuten ins Leben traten.« (Marx)

Ob sich China vor diesem Hintergrund in näherer Zukunft dem globalen Trend anschliessen und ebenfalls mit einem wachsenden Heer von Überflüssigen herumschlagen wird, darüber wollen wir nicht spekulieren. Dass die vom Land abwandernden Leute dort bislang das zweifelhafte Glück haben, in den Städten eine einigermassen geregelte Beschäftigung zu finden, ist weltweit gesehen in jedem Fall eine Ausnahme, und der Weltmarkterfolg Chinas hat selbst nicht unwesentlich zum Niedergang des herstellenden Gewerbes in anderen Gegenden beigetragen.

Wenn in der linken Debatte heute der Befund präsentiert wird, dass »die halbe Menschheit in China, Indien, Brasilien und anderswo sich auf dem Weg der grössten Industrialisierung der Geschichte befindet« 11, scheint dies einigermassen fragwürdig. Die Industrialisierung im Westen bedeutete, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung in die Fabriken zog; daher das Selbstbild der alten Arbeiterbewegung, die Zukunft zu repräsentieren: Bauern und kleine Selbstständige verschwanden, während das Heer der Industriearbeiterschaft anschwoll. Glaubt man den offiziellen Berichten, dann stellt sich das Bild für die Nachzügler anders dar: Der Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung geht in Brasilien seit den späten 1980er Jahren, in Indien seit den früher 2000er Jahren zurück und selbst für China verortet die ILO ihn verblüffenderweise im Jahr 1995 mit gerade einmal 15 Prozent, wobei allerdings der riesige Bausektor ausgeklammert bleibt. 12

Dort sind wenig produktive Staatsindustrien in den 1990er Jahren massiv eingeschrumpft und gleichzeitig neue Exportindustrien aus dem Boden gestampft worden. Aufgrund der viel höheren Produktivität der heutigen Industrie bedeuten wachsende Weltmarktanteile keineswegs zwangsläufig einen höheren industriellen Beschäftigungsgrad. Die Weltbank erwartet aufgrund des »rapiden Wachstums der Arbeitsproduktivität im herstellenden Gewerbe«, dass es zu einer »erbitterten internationalen Konkurrenz« um Industriejobs kommen wird, deren Gesamtzahl voraussichtlich eher stagnieren werde. 13

Zurzeit sieht es so aus, dass die Sturm-und-Drang-Phase der Schwellenländer, in der die Armut zurückging, schon wieder an ihr Ende kommt. Prognosen darüber sind aber zwangsläufig Kaffeesatzleserei. Keine Spekulation ist es dagegen, dass sich im Lauf des letzten halben Jahrhunderts in den Städten des globalen Südens eine Masse von Unterbeschäftigten aufgestaut hat, an deren miserabler Situation sich selbst bei den beeindruckenden Wachstumszahlen häufig kaum etwas geändert hat.

Entsprechend besorgt schauen die Buchhalter in die Zukunft. Egal, welche offiziellen Berichte man zurate zieht, der Tenor ist praktisch immer derselbe. Auch wenn sie hier und da erleichtert Entwicklungen vermelden können, die das in Planet der Slums gezeichnete Bild ein wenig konterkarieren, steht insgesamt ausser Frage, dass es flächendeckend chinesischer Wachstumsraten bedürfte und dieses Wachstum ganz entgegen dem festzustellenden Trend von einer arbeitsintensiven Fertigung bedingt sein müsste, um die gewaltige Überschussbevölkerung aufzusaugen. Insofern steht zu erwarten, dass Davis‘ Buch bis auf weiteres eine der wichtigsten Bestandsaufnahmen der globalen Klassenwirklichkeit bleiben wird, wobei die Kartographie des Elends jeweils gemäss den Weltmarktverschiebungen zu aktualisieren wäre. Vielleicht wird in einer späteren Neuauflage Athen zu berücksichtigen sein. Aber auch darüber wollen wir nicht spekulieren.

Dürftig und politisch irreführend bleibt die Erklärung, die Davis für das Phänomen anbietet. Auch bei ihm ist der sogenannte Neoliberalismus für das Übel verantwortlich, als dessen Stosstrupps er IWF und Weltbank auf die Anklagebank setzt. Grund dafür ist, dass die Slums etwa zur selben Zeit auszuufern begannen, als die sozialdemokratisch-etatistische Nachkriegsära, die im Süden die der nachholenden Entwicklung im Zeichen »importsubstituierender Industrialisierung« war, zu Ende ging und einem erneuten Vertrauen auf die Kräfte des Marktes Platz machte. Dass die staatlich forcierte Aufholjagd an Schranken stiess und nur dadurch die Strukturanpassungsprogramme auf den Plan gerufen wurden, gerät dabei aus dem Blickfeld; stattdessen soll eine »künstliche, von IWF und Weissem Haus in die Wege geleitete Depression« den Hebel zur Umstrukturierung geboten haben. Die These, die von ihm geschilderten Entwicklungen könnten »der inhärenten Tendenz des Silizium-Kapitalismus, Produktionssteigerung und Beschäftigungswachstum zu entkoppeln«, geschuldet sein, weist Davis sogar ausdrücklich zurück und konstatiert lieber einen »Verrat des Staates«. 14 Damit verstellt er sich den Zugang zum Kern des Problems, um den es in der folgenden kurzen Exkursion in die graue Theorie gehen soll.

Auf die genannte Tendenz zur Entkopplung von Produktionssteigerung und Beschäftigungswachstum versucht die Zeitschrift Endnotes die Existenz der globalen Überschussbevölkerung zurückzuführen, deren Beitrag zum Thema wir im vorliegenden Heft dokumentieren. Endnotes erinnern daran, dass diese Tendenz bereits zu einer Zeit festgestellt wurde, als noch kein Mensch etwas von einem »Silizium-Kapitalismus« gehört hatte, nämlich schon im Kapital von Karl Marx. In der Tatsache, dass heute nicht überall die Fabrikschlote rauchen und erhebliche Teile der Arbeitsbevölkerung wenig Ähnlichkeit mit dem haben, was man sich gewöhnlich unter einer Arbeiterklasse vorstellt, sehen sie nicht, wie weithin üblich, eine Widerlegung, sondern eine Bestätigung seiner Theorie.

Denn als »allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation«, das sozusagen den dramatischen Schlussakkord des ersten Bandes des Kapital bildet, hatte Marx die »progressive Produktion einer relativen Übervölkerung oder industriellen Reservearmee« postuliert, mit der zugleich »die konsolidierte Übervölkerung« und schliesslich der »Pauperismus« wachse. Wir dokumentieren den Beitrag, weil er das Phänomen des Surplus-Proletariats nicht durch den plötzlichen Anbruch einer neoliberalen Ära, sondern durch eine geschichtliche Tendenz des Kapitalismus schlechthin zu erklären versucht. Allerdings hat er unseres Erachtens auch Mängel. 15

Wie fast alles, was Marx zu Papier gebracht hat, ist auch das »allgemeine Gesetz« selbst unter Anhängern seiner Theorie umstritten. Es besteht nicht einmal Einigkeit darüber, was genau Marx überhaupt sagt. Denn die relative Übervölkerung erscheint stellenweise als funktional, eben als »industrielle Reservearmee«, die das Kapital für den nächsten Aufschwung benötigt; das allgemeine Gesetz hält sie »stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht«. Demnach handelte es sich um ein strikt zyklisches Phänomen, also das bekannte Auf und Ab der Arbeitslosenzahlen, je nachdem, wie flott die Geschäfte laufen. Andererseits unterstellt Marx eine langfristige Tendenz zu ihrem relativen Wachstum – gemessen an der gesamten Arbeitsbevölkerung – und rechnet den Hand in Hand mit ihr wachsenden Pauperismus zu den »faux frais der kapitalistischen Produktion« 16, also zu ihren Kosten. Wenn die Reservearmee aber langfristig wächst, kann sie auf Dauer kaum den Charakter einer Reservearmee behalten. Genau darum geht es in der gegenwärtigen Situation: um eine Masse von Menschen, die auch bei Konjunkturaufschwüngen nicht mehr produktiv absorbiert werden.

Aber konnte Marx dieses langfristige Wachstum schlüssig begründen? Ein bekannter Marx-Forscher der Gegenwart kommt zu dem Befund, es sei nicht einzusehen, warum der durch immer grösseren Einsatz von Maschinerie und Technik bedingte Freisetzungseffekt der Akkumulation stärker sein müsse als ihr Beschäftigungseffekt und es folglich zumindest langfristig zu einer Ausdehnung von Reservearmee und Pauperismus komme. 17 Dies würde bedeuten, dass eines der augenfälligsten und folgenreichsten Phänomene der heutigen Weltökonomie vollständig jenseits des Geltungsbereichs der Kritik der politischen Ökonomie läge und rein zufälligen Konstellationen geschuldet wäre. Prinzipiell ausschliessen können das natürlich nur blindgläubige Marxisten, die im Kapital eine unfehlbare Weltformel vermuten, aber in diesem Fall decken sich Marx‘ Prognose und die heutigen Zustände so verblüffend, dass eine genauere Lektüre lohnen könnte, um das Phänomen besser zu begreifen.

Auch Endnotes stellen zunächst fest, dass Marx‘ Gesetz insofern nicht unmittelbar einleuchtet, als die Akkumulation, wie er selbst bemerkt, nach beiden Seiten wirkt, die Nachfrage nach Arbeit steigert und sie qua technischer Modernisierung zugleich verringert. Arbeiter, die durch stärkere Technisierung (»Prozessinnovationen«) in einem Sektor freigesetzt werden, finden in neuen Zweigen (»Produktinnovationen«) Beschäftigung. Das ist die logische Krux. Endnotes lösen das Problem, indem sie festhalten, dass zum einen auch in diesen neuen Zweigen die jeweils fortgeschrittensten Produktionsverfahren zum Einsatz kommen, sodass sie von vorneherein weniger Arbeitskraft absorbieren, und sie zum anderen ihrerseits zur Quelle neuer »Prozessinnovationen«, also arbeitssparender Technologien werden, beides in der Gegenwart eindrücklich zu beobachten an der kapitalintensiven Herstellung von Computern, deren Einsatz in anderen Zweigen riesige Mengen Arbeit einsparen hilft. Langfristig scheint es somit unausweichlich, dass immer mehr Menschen in die trostlose Situation geraten, keinen Abnehmer für die einzige Ware zu finden, die sie zu verkaufen haben, nämlich ihre Arbeitskraft. Diese Interpretation des »allgemeinen Gesetzes« scheint uns allemal fruchtbarer, als es vorschnell zu den Akten zu legen; zumindest hilft sie, die jüngere Geschichte nachzuvollziehen.

Allerdings bleibt die Frage, wieso sich diese von Marx bereits 1867 bemerkte Tendenz erst heute so drastisch geltend macht und wie sie mit der zyklischen Bewegung des Kapitals, seinem ewigen Durchlaufen von Boom, Crash, Krise und erneutem Aufschwung, vermittelt ist. Endnotes meinen, Marx habe das allgemeine Gesetz gewissermassen in Aktion beobachten können, im Übergang von den arbeitsintensiven Sektoren der ersten industriellen Revolution, namentlich der Textilindustrie, zu den stärker kapitalintensiven der zweiten wie etwa Chemie, Eisenbahnen, Telegrafie. Was er nicht vorhergesehen habe, sei aber die um 1890 einsetzende Entstehung von Industrien gewesen, »die zugleich Kapital und Arbeit absorbieren und so den Niedergang mehr als ein halbes Jahrhundert aufhalten konnten«. Gemeint sind die Hersteller von Autos und langlebigen Konsumgütern, die das allgemeine Gesetz lange Zeit ausser Kraft gesetzt hätten.

Demnach hinge es vom letztlich zufälligen Charakter jeweils dominierender Industriezweige ab, ob die relative Übervölkerung wächst oder nicht. Besonders an dieser Stelle wird deutlich, dass Endnotes das Gesetz vom Krisenzyklus trennen, beides sogar tendenziell gegeneinanderstellen: schnöde zyklische Krisen auf der einen, die langfristige beziehungsweise heute »permanente Krise der Arbeitswelt« auf der anderen Seite, auch wenn sie wiederholt bemerken, es setze sich »in und durch Krisen« durch. Denn was in ihrer Geschichtsschreibung erstaunlicherweise nicht auftaucht, ist die Grosse Depression ab 1929, die die industrielle Reservearmee auf eine ungekannte Grösse anschwellen liess, und dies übrigens lange genug, um Marx‘ These einer tendenziell wachsenden relativen Übervölkerung schon damals zur Beachtung zu verhelfen. 18

Was folglich auch nicht auftaucht, ist der Zweite Weltkrieg, der im Ergebnis, nicht von der Intention her, ein gigantisches Unternehmen nicht nur zur Kapitalvernichtung, sondern auch zur Vernichtung überschüssiger Arbeitskraft war. Und genauso wenig taucht schliesslich die Frage auf, ob nicht eben die Grosse Depression und der Zweite Weltkrieg damit die Grundlage für die Sonderkonjunktur nach 1945 schufen, sodass man gar nicht den deus ex machina vermeintlich aussergewöhnlicher fordistischer Industrien bräuchte, um eine im Übrigen nicht besonders lange währende Phase annähernder Vollbeschäftigung in den Zentren und nachholender Industrialisierung in der Peripherie zu erklären.

Gesetze sind bei Marx immer Tendenzen, und auch beim »allgemeinen Gesetz der kapitalistischen Akkumulation« fügt er sofort hinzu, es werde »in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert«. Es macht sich folglich weder linear in der Zeit noch gleichmässig im Raum geltend, und man kann aus ihm nicht ableiten, dass die Zahl der ausser Kurs Gesetzten Jahr um Jahr stetig steigt. Wenn es um die Frage geht, welche Umstände es gebremst haben, dann würden uns viel eher als irgendwelche Konsumgüterindustrien die über weite Strecken des 20. Jahrhunderts erheblichen Eingriffe des Staates einfallen. Viele arbeitsintensive Industrien im Süden wären ohne schützende Zollmauern nie entstanden, und im Realsozialismus – der als Staatskapitalismus polemisch, aber nicht wirklich treffend bezeichnet ist – waren die Gesetze der Kapitalverwertung ausser Kraft gesetzt und Vollbeschäftigung Staatsprogramm.19

Wenn sich die historische Tendenz des Kapitalismus, durch unablässige Produktivitätszuwächse menschliche Arbeitskraft zu verdrängen, heute stärker geltend macht als in der Vergangenheit, dann auch aus dem ganz banalen Grund, dass er heute unumschränkter den Globus beherrscht. Marx schreibt an anderer Stelle: »In der Theorie wird vorausgesetzt, dass die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich rein entwickeln. In der Wirklichkeit besteht immer nur Annäherung; aber diese Annäherung ist umso grösser, je mehr die kapitalistische Produktionsweise entwickelt und je mehr ihre Verunreinigung und Verquickung mit Resten früherer ökonomischer Zustände beseitigt ist«. 20 Mit dem Abschmelzen der südlichen Landbevölkerung, ihrer Proletarisierung, hat der Kapitalismus seine Verquickung mit Resten früherer ökonomischer Zustände verringert, mit dem Triumph über den Realsozialismus eine andersgeartete Wirtschaftsordnung aus dem Weg geräumt. Beides hat seinen Zugriff auf Arbeitskräfte gewaltig gesteigert, während sich seine Gesetzmässigkeiten in einem nunmehr schrankenloser denn je verfassten Weltmarkt ungehinderter entfalten können als in früheren Phasen.

Streng genommen stellt diese Verwandlung der Landbevölkerung in Proletarier einen zusätzlichen Faktor im Gesamtbild dar. Um herauszuarbeiten, was die kapitalistische Produktionsweise auszeichnet, unterstellt Marx sie im Kapital in einer – gerade zu seinen Lebzeiten völlig fiktiven – Reinform, in der zum Beispiel Kleinbauern nicht auftauchen. Die gewaltsame Vertreibung der Bauern von ihrem Land, die eine lohnabhängige Klasse überhaupt erst hervorbrachte, taucht gewissermassen ausserhalb der systematischen Darstellung erst kurz vor Schluss des ersten Bands unter der ironischen Bezeichnung der »sogenannten ursprünglichen Akkumulation« auf, nicht als Resultat, sondern als »Ausgangspunkt« der Produktionsweise, verdeutlicht am Beispiel Englands. 21

Insoweit das heutige Surplus-Proletariat nicht zuletzt die Unfähigkeit des Kapitals bezeugt, frisch proletarisierte Menschen produktiv einzusaugen, könnte man daher einwenden, dass dies ein anderes Phänomen ist als das im »allgemeinen Gesetz« behandelte. Im ersten Fall geht es darum, dass der Kapitalismus vorkapitalistische Produktionsformen plattwalzt und die aus diesen Freigesetzten nicht einsaugt, im zweiten Fall darum, dass er Lohnarbeiter aus seiner eigenen Produktion freisetzt.

Die Ursache ist jedoch in beiden Fällen dieselbe, und Marx selbst bemerkt über die Erzeugung der Überbevölkerung, es sei unerheblich, »ob diese nun die auffallendere Form von Repulsion bereits beschäftigter Arbeiter annimmt oder mehr unscheinbare, aber nicht minder wirksame, erschwerter Absorption der zuschüssigen Arbeiterbevölkerung«. Ob diese zuschüssige Arbeiterbevölkerung aus dem Nachwuchs der bisherigen besteht oder frisch vom Land geflohen ist, tut im Ergebnis wenig zur Sache, und, dass eine »latente Übervölkerung« auf dem Land sich in dem Masse, wie das Kapital die Agrikultur durchdringt, in die Städte ergiesst, hat auch Marx festgestellt. 22 Die Frage lautet schlicht: Wieso gelingt es dem Kapitalismus vielfach nicht, diese Leute in produktive Lohnarbeiter zu verwandeln? Was die nächsten Jahrzehnte betrifft, muss man sich vergegenwärtigen, dass dieser Prozess auf der südlichen Halbkugel zwar stellenweise weit vorangeschritten, aber noch bei weitem nicht abgeschlossen ist: Von den rund drei Milliarden Bewohnern Chinas, Indiens, Indonesiens und Bangladeschs leben je nach Staat zwischen einem Drittel und der Hälfte nach wie vor auf dem Land, und dies oftmals als Kleinbauern.

Das alles bedeutet allerdings nicht, dass dem Kapitalismus bald die Puste ausgeht, weil die produktive Arbeiterklasse absolut schrumpft. So wie es Marx in der Krisentheorie nicht um ein »absolutes Abschmelzen der Wertsubstanz« (Krisis) namens lebendige Arbeit geht, sondern um eine zwangsläufige Verschiebung im Verhältnis von lebendiger und toter Arbeit, geht es auch hier um das Verhältnis von produktiv angewendeten und überzähligen Arbeitskräften. Bei zunehmender Arbeitsbevölkerung können Reservearmee, konsolidierte Überbevölkerung und Beschäftigung gleichzeitig wachsen, und ziemlich genau das scheint in den letzten Dekaden passiert zu sein. Noch nie haben so viele Menschen für das Kapital geschuftet wie heute; die globale Arbeiterklasse ist in den letzten Dekaden gewachsen, nicht geschrumpft.

Dieser Befund widerspricht dem »allgemeinem Gesetz« keineswegs: »Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandteil, oder ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion.« Genau diese Tendenz lässt sich den oben erwähnten Befunden der Buchhalter entnehmen, wonach die Absorptionseffekte des Wirtschaftswachstums nachlassen. Marx nahm an, dass die Arbeiterklasse trotz dieser Tendenz in absoluten Zahlen wächst. Nur so erklärt sich im Übrigen auch, warum er wenige Seiten nach dem »allgemeinen Gesetz« seine Revolutionshoffnung in die »Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse« setzt. 23 Das klingt furchtbar altbacken, und von einer Vereinigung durch den Produktionsprozess kann für die Ausgespuckten selbstverständlich keine Rede mehr sein. Aber es verdeutlicht, dass Marx im Anwachsen von Reservearmee und konsolidierter Übervölkerung lediglich eine Tendenz sah.

Endnotes‘ Rede von einer allgemeinen »Krise der Reproduktion des Verhältnisses von Kapital und Arbeit« scheint uns insofern weit hergeholt. Die überzählig gemachten Arbeiter haben mit einer handfesten Krise ihrer Reproduktion zu kämpfen, aber das bedingt noch keine Krise des Kapitalverhältnisses. Das Kapital ist zunächst nur darauf angewiesen, ausbeutbare Arbeitskraft vorzufinden, und das tut es heute mehr denn je. Natürlich ist es schwer vorstellbar, dass der Kapitalismus fortexistieren könnte, würde er nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung ausbeuten und den Rest sich selbst überlassen. Aber von einem solchen Szenario sind wir himmelweit entfernt und die Frage, ob und wann es eintreffen wird, kann nur Gegenstand müssiger Spekulationen sein. Wenn das informelle Proletariat circa eine Milliarde Menschen umfasst und von diesen ein zwar nicht exakt bezifferbarer, aber doch erheblicher Teil keine produktive Funktion mehr erfüllt, dann ist das immens, aber es bleiben dann immer noch ein paar Milliarden, die wie eh und je die Stätten der Mehrwertproduktion bevölkern. Wie sich diese Zerklüftung des globalen Proletariats aktuell niederschlägt und was sie für einen zeitgemässen Begriff von Revolution bedeutet, ist Gegenstand einiger abschliessender Überlegungen.

Das Surplus-Proletariat ist nicht durch eine chinesische Mauer von der Welt der Lohnarbeit getrennt und, sofern das Wort das Bild einer von der Arbeiterklasse scharf abgegrenzten Menschengruppe heraufbeschwört, führt es in die Irre. Wenn wir uns zur Verdeutlichung des Phänomens Davis‘ These angeschlossen haben, die Slumbevölkerung sei in der Weltwirtschaft heute mehrheitlich »vollkommen heimatlos«, dann ist bei den folgenden Überlegungen im Kopf zu behalten, dass wir von Polen eines Kontinuums sprechen, es also lauter Übergänge und Verbindungen gibt: sei es Saisonarbeit, durch die die von der Produktion weitgehend Ausgeschlossenen zeitweilig doch an ihr teilhaben, seien es die für manche Regionen unentbehrliche Geldüberweisungen ausgewanderter Arbeitsmigranten. Das allgemeine Phänomen einer schleichenden Unterbeschäftigung muss sich nicht immer in denselben Leuten konzentrieren. Solche Übergänge und Verbindungen ändern allerdings nichts daran, dass zu einem jeweils gegebenen Zeitpunkt bestimmte Teile der eigentumslosen Klasse deutlich stärker von ihm betroffen sind als andere.

Dass es dem so verstandenen Surplus-Proletariat nicht nur wie allen anderen Proletariern an Produktionsmitteln, sondern auch an jedweder Produktionsmacht mangelt, ist eine fast schon tautologische Aussage. Es kann nicht streiken und es bildet keine Gewerkschaften. Die revolutionstheoretische Pointe des Marxschen Klassenbegriffs, dass die aller eigenen Produktionsmittel beraubten Proletarier gerade darum einen »Gesamtarbeiter« bilden, in dessen verkehrter Vergesellschaftung doch das Potenzial für eine andere gesellschaftliche Produktion besteht, zündet hier nicht mehr. Lenin verdrehte diesen Gedanken bekanntlich in das Horrorprogramm, die sozialistische Produktion sei nach dem Vorbild der deutschen Reichspost zu organisieren, so wie dem gesamten Staatssozialismus die gegebene Technik und Arbeitsteilung als Brückenkopf der neuen Gesellschaft galt.

Aber auch für viele linke Dissidenten im 20. Jahrhundert bildete die Produktionsmacht der Arbeiter den selbstverständlichen Ausgangspunkt aller Überlegungen, in gewissem Sinn sogar stärker als für ihre staatsozialistischen Gegenspieler, insofern sie die äusserliche Klammer einer politischen Partei und schliesslich des eroberten Staats gerade deshalb für überflüssig hielten, weil die Arbeiter in den Betrieben bereits zusammengeschlossen waren. Das gilt für die auf den Generalstreik zielenden Anarchosyndikalisten, für die Rätekommunisten und auch für die italienischen Operaisten, die um die Macht der Arbeiter am Ort der Produktion manchmal geradezu einen Kult veranstalteten. Auch wenn der Kapitalismus weiterhin nur dadurch beendet werden kann, dass die Produzenten sich der Produktionsmittel bemächtigen, stellt sich das Problem von produktiven Kernen und tendenziell Überflüssigen heute auch jenseits grosser Rezessionen in viel dramatischeren Dimensionen als früher. Der Gedanke, die Lohnabhängigen könnten sich an ihren Arbeitsplätzen zusammenschliessen, den Kapitalisten respektive Managern das Leben schwer machen und eines schönen Tages den Laden übernehmen, ist für Massen von Eigentumslosen heute schlicht gegenstandslos.

Max Horkheimer fasste die Krux in den frühen 1930er Jahren, als die Weltwirtschaftskrise riesige Arbeitslosenheere hervorbrachte, als eine Spaltung des Proletariats, mit der das Interesse am Sozialismus und die Fähigkeit, ihn herbeizuführen, auseinandertreten: »Zwischen den in Arbeit stehenden und den nur ausnahmsweise oder vielmehr gar nicht Beschäftigten gibt es heute eine ähnliche Kluft wie früher zwischen der gesamten Arbeiterklasse und dem Lumpenproletariat. (…) der Typus des tätigen Arbeiters ist nicht mehr kennzeichnend für die, welche am dringendsten einer Änderung bedürfen. (…) Eine verwirklichte sozialistische Ordnung wäre auch heute für alle Proletarier besser als der Kapitalismus, aber der Unterschied zwischen den gegenwärtigen Lebensbedingungen des ordentlich bezahlten Arbeiters und seiner persönlichen Existenz im Sozialismus erscheint ihm ungewisser und verschwommener als die Gefahr von Entlassung, Elend, Zuchthaus, Tod, die er bei der Teilnahme an der revolutionären Erhebung, ja unter Umständen schon an einem Streik wirklich erwarten muss.« 24

Auch wenn Horkheimer, die phrasendreschende Arbeitslosenpartei KPD vor Augen, den Ausgespuckten nicht nur Produktionsmacht, sondern problematischerweise auch »die Bildungsfähigkeit und Organisierbarkeit, das Klassenbewusstsein und die Zuverlässigkeit der (…) in den kapitalistischen Betrieb Eingegliederten« abspricht, scheint seine Beobachtung, dass auf der anderen Seite »nahezu jeder, der noch Arbeit hat, angesichts der Gewissheit, ins Elend der Arbeitslosigkeit hinabzusinken, der kommunistischen Streikparole nicht Folge leistet«, eine gewisse traurige Aktualität zu besitzen. Obwohl die Arbeit von den allermeisten wohl auch als Fluch empfunden wird (man sieht morgens in der U-Bahn wenige glückliche Menschen), lässt die um sich greifende Arbeitslosigkeit sie zugleich als Segen erscheinen.

Eher als in Völkerpsychologie dürfte zum Beispiel der Schlüssel zum Verständnis des gegenwärtigen deutschen Burgfriedens darin liegen, dass die annähernde Vollbeschäftigung neben der Verelendung im Süden Europas allemal als kleineres Übel erscheint. Auch der Verlauf grösserer Unruhen ist von der genannten Spaltung geprägt. Man könnte das am argentinischen Aufstand von 2001/02 illustrieren, als neben den Aktionen der Arbeitslosen nur von der Pleite betroffene Betriebe besetzt wurden, ansonsten aber nicht einmal Streiks stattfanden. Auch in der Schilderung der ägyptischen Tumulte durch einen Beteiligten finden Horkheimers Bemerkungen ein deutliches Echo: »Im Fall der Revolution vom 25. Januar kamen die Akteure aus allen Gesellschaftsschichten, sie brachten die Mittelschicht mit den Erwerbslosen, den Arbeitern und den Bauern zusammen, aber es waren die Menschen aus dem Arbeiterprekariat und nicht Ägyptens traditionelle Arbeiterklasse, die als das radikalisierende Element der Revolution agierten. (…) Verglichen mit dem Prekariat lebt die traditionelle Arbeiterklasse unter gesicherteren Bedingungen.

Trotz des zumeist kargen Lohns, den skandalösen Arbeitszeiten im privaten Sektor, schlechten Arbeitsbedingungen und den geringen Zuschüssen, hat die traditionelle Arbeiterklasse mit ihren festen Verträgen und dem geregeltem Einkommen eine privilegierte Stellung in einer Arbeitswelt mit wenigen Garantien. (…) Auch wenn die Arbeiterklasse sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, sich gegen Korruption und Missbrauch am Arbeitsplatz ausspricht, beschränken sich ihre Anstrengungen doch genau auf diese Forderungen, weil sie – verständlicherweise – nicht willens ist, ihre Kämpfe jenseits des Arbeitsplatzes auszutragen. Die Teilnahme an der Revolution bedeutete auf die Strasse zu gehen und war mit dem Risiko verbunden, dem Arbeitgeber durch ›Unruhestiftung‹ einen Kündigungsgrund zu liefern. Das Heer der Arbeitslosen, die sofort in jeden freien Job drängten, minderte die Bereitschaft zum Protest. Das Risiko, ein so wertvolles Gut wie eine Festanstellung zu verlieren, wollte kaum ein Arbeiter eingehen.« 25

Anstatt das Verhältnis von Kapital und Arbeit per se in eine Krise zu stürzen, wirkt die grassierende Überflüssigkeit in dieser Weise zunächst disziplinierend. Das bedeutet weder in Ägypten noch anderswo, dass die Zeit von Streiks und klassischen Arbeiterkämpfen vorbei wäre, aber sie finden in einem veränderten Umfeld statt, in dem sie offenbar weniger als in der Vergangenheit, sei es in der revolutionären Phase am Ende des Ersten Weltkriegs oder in den Unruhen von 1968, das quasi natürliche Zentrum des Geschehens bilden, auf das sich die anderen proletarischen Figuren zwangsläufig beziehen. In der jüngsten Welle von Kämpfen hat sich der Schwerpunkt vielmehr unübersehbar von den Betrieben auf die Strassen, hin zu Platzbesetzungen und oftmals gewaltsamem Aufruhr verschoben.

Jenseits spektakulärer Aufstände führen die von regulärer Arbeit weitgehend Ausgeschlossenen nicht anders als die klassische Arbeiterklasse schnöde Kämpfe um ihre materiellen Existenzbedingungen. Dass ihnen das Mittel des Streiks nicht zur Verfügung steht, heisst nicht, dass sie eine ohnmächtige Masse von Verelendeten wären. In den Slums des Südens finden allenthalben Kämpfe statt, etwa gegen Verdrängung oder für Zugang zu Wasser und Strom, und sie werden entgegen dem Klischeebild einer disparat-desparaten Menge teilweise von organisierten Basisbewegungen wie den südafrikanischen Abahlali baseMjondolo (»Barackenbewohner«) geführt, die Wahlen boykottieren und stattdessen auf direkte Aktionen setzen.

Häufig sind dabei Riots für die tendenziell Überflüssigen, was der Streik für Lohnarbeiter ist. In der europäischen Sozialgeschichte verschwand mit dem krassen Pauperismus auch der ungezügelte Aufruhr weitgehend aus dem Klassenkampf, um zum riskanten Freizeitspass für Jugendliche zu werden. Die Herrschenden hatten es nun mit teilweise mächtigen und manchmal lästigen Gewerkschaften zu tun, aber die setzten sich lieber an den Verhandlungstisch, anstatt alles kurz und klein zu hauen. Mit der Herausbildung eines weltweiten Surplus-Proletariats nehmen auch die Riots wieder zu und mit den Unruhen in der französischen Banlieue 2005 und in England 2010 haben sie auch das zwischenzeitlich befriedete Europa wieder erreicht.

Biedere Marxisten, die sie im Chor mit bürgerlichen Kommentatoren als sinnlose Gewaltausbrüche verteufeln, liegen genauso daneben wie vermeintlich Radikale, die sie zum Vorschein der Revolution stilisieren, weil sie angeblich keine partikularen Forderungen mehr beinhalten, sondern schlechterdings alles negieren. Meistens ist das gar nicht der Fall, insofern sich recht präzise Ziele des Aufruhrs ausmachen lassen, sei es ein Ende rassistischer Polizeigewalt, seien es Lebensmittelsubventionen; und wäre es der Fall, wäre damit wenig gewonnen, weil sich ein Produktionsverhältnis nicht durch eingedengelte Schaufensterscheiben und brennende Telefonzellen aus der Welt schaffen lässt. Solcher Sachschaden kann nie mehr sein als eine Art Verhandlungsmasse, wenn es um das Ausmass tolerierbarer Staatsgewalt oder den Brotpreis geht, also um alles Mögliche, aber nicht um die Weltrevolution.

Wie die Riots gewinnen mit der Herausbildung eines weltweiten Surplus-Proletariats auch alternative Formen von Ökonomie an Bedeutung. Beides ist logisch und beides wird von Linken mystifiziert. Wenn eine Lohnarbeit, die wenigstens einträglich genug ist, um sich die notwendigen Lebensmittel als Waren zu kaufen, als Existenzgrundlage entfällt, müssen andere Mittel des Überlebens gefunden werden. Teilen ist naheliegend und der Kampf um bestimmte Gemeingüter wie Brunnen oder Land ebenfalls. Die linke Debatte um Commons, die zu Recht über die falsche Alternative von Privat- und Staatseigentum hinauszielt, wird allerdings dort weltfremd, wo sie das Szenario eines allmählichen Exodus aus dem Kapitalismus durch solche Gemeingüter entwirft.

Raúl Zibechi zum Beispiel legt in Territorien des Widerstands den Eindruck nahe, die von regulärer Lohnarbeit ausgeschlossenen Bewohner der lateinamerikanischen Favelas seien bereits dabei, im Abseits der offiziellen Gesellschaft still und heimlich eine Art Kommunismus einzuführen, indem sie auf Brachflächen Gemüse anbauen, Volksküchen organisieren oder Brot zu einem »politischen Preis« verkaufen.26 Seine Absicht, dem Schauer erregenden und die staatliche Repression legitimierenden Bild der Armenviertel als einem reinen Gangland zu widersprechen, ist so nachvollziehbar, wie er sich um die banale Tatsache herumdrückt, dass die heute entscheidende Quelle der Reichtumsproduktion – die grosse Industrie – solchen vollkommen vernünftigen Praktiken des Überlebens von vorneherein entzogen ist und städtische Gärten keinen Ersatz für die kommunistische Umgestaltung der Landwirtschaft bieten. Wir kritisieren weder Riots noch Commons, sondern nur ihre ideologische Überhöhung. Die gut gemeinte Verteidigung der städtischen Armen gerät schnell zur Verklärung einer Elendsökonomie.

Die Rede von einem Surplus-Proletariat hat dagegen gerade den Sinn, an diese Trennung von den Mitteln der Reichtumsproduktion zu erinnern und wenigstens abstrakt die Möglichkeit ihrer Aufhebung festzuhalten. Kennzeichnend für die heutige globale Konstellation ist weniger eine absolute Verelendung als die Verlagerung des Weltgeschehens vom Land, auf das sich die nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt überwiegend stützten, in die Städte. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt heute nicht mehr abgeschieden in irgendwelchen Dörfern, sondern ist in die Städte, das heisst in die moderne Zivilisation mit ihrem Versprechen von Reichtum und Freiheit eingezogen, nur um dort vor allem Mangel und Repression kennenzulernen. Darin liegt eine gewaltige Sprengmine in der heutigen Situation und die Detonationen 2011 in Nordafrika haben immerhin ein paar autoritäre Regime zum Einsturz gebracht. Dass dort mittlerweile Restauration und klerikale Konterrevolution auf Hochtouren laufen, dürfte solange die deprimierende Regel bleiben, wie keine Bewegung in Gang kommt, die über einen einigermassen plausiblen Entwurf für eine andere Organisation der Produktion verfügt.

Anstatt den sporadischen Aufruhr und die Überlebenskunst »der Armen« zu verklären, wäre zunächst das Missverhältnis zwischen der unvermindert gegebenen Zentralität der Produktion für jeden Revolutionsversuch und der immer seltener gegebenen Zentralität der produktiven Arbeiter in den heutigen Kämpfen zu reflektieren. Auch heute ist das Ende des Kapitalismus nur als Flächenbrand von Streiks vorstellbar, die zu Betriebsbesetzungen eskalieren und die Produktionsmittel, soweit brauchbar, einer vernünftigen Verwendung zuführen. Während die schwelende Unterbeschäftigung bislang die Konkurrenz um Jobs verschärft und Spaltungslinien im Proletariat befördert, die sich durch blosse Appelle an Solidarität und Einheit kaum werden aufheben lassen, müsste eine auf ein solches Szenario hinwirkende Bewegung das Surplus-Proletariat als Kehrseite der immensen Produktivkraftentwicklung entziffern, wodurch es nicht mehr als Bedrohung, sondern als Versprechen erschiene.

Die »Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungenem Müssiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt« (Marx) hatte noch nie so groteske Ausmasse wie heute; entsprechend hatten beide Teile noch nie so viel zu gewinnen. Jenseits von Luftschlössern wie dem »garantierten Grundeinkommen« und der Romantisierung von Überlebensökonomien stellt sich die Frage, wie der alte Gedanke der Abschaffung des Lohnsystems in einer Situation, in der existenzsichernde Jobs zur Mangelware geworden sind, in die laufenden Auseinandersetzungen eingebracht werden könnte, ohne dass man in abstrakten Maximalismus verfällt.

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft

Fussnoten:

1. Le Monde Diplomatique, April 2014.

2. Jan Breman, Myth of the Global Safety Net, New Left Review 59 (2009).

3. Mike Davis, Planet der Slums, Berlin/Hamburg 2006, 187.

4. Ebenda, 190.

5. Weltbank, World Development Report 2013: Jobs, 108.

6. The Economist, 3.5.2014.

7. UNCTAD, Trade and Development Report 2010: Employment, Globalization and Development, 127ff.

8. Vgl. etwa die Berichte des China Labour Bulletin, online abrufbar unter: clb.org.hk/en/.

9. Sander, Will China Save Global Capitalism?, Internationalist Perspective 55 (2011), 19.

10. Ebenda.

11. Rainer Trampert, Krise und Aufschwung, geopolitische Neuordnung und industrielle Revolution, nachzulesen unter: raintertrampert.de.

12. ILO, World Employment Social Outlook, 2015, 63.

13. Weltbank, World Development Report 2013: Jobs, 238f.

14. Davis, Planet der Slums,18, 77.

15. Eine Frage, die wir hier nur erwähnen können, ist die der Dienstleistungen. Dass Endnotes sie mit der Marxschen Kategorie der bloss »formellen Subsumtion« kurzschliesst, scheint uns fragwürdig, denn natürlich wird der Arbeitsprozess dort ebenfalls kapitalistisch umgemodelt, also »reell subsumiert«. Folglich finden auch im Dienstleistungssektor Rationalisierungsprozesse statt. Aber gerade wenn Endnotes hier richtig läge, würde dieser Sektor eine gewichtige Gegentendenz zur voranschreitenden Freisetzung von Arbeitskraft bilden. Diesen Widerspruch reflektiert Endnotes nicht wirklich. Wie wichtig das für die Weltrevolution ist, steht auf einem anderen Blatt.

16. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, MEW 23, 673, 675.

17. Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, Münster 2003, 324.

18. Siehe etwa Paul Mattick, Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenbewegung in den USA (1936), Frankfurt am Main 1969.

19. Die politische Ökonomie der eigentümlichen Gebilde, die 1989 abgedankt haben, kann hier nicht behandelt werden. Weil Lohnarbeit, Ware, Geld dort fortexistiert haben beziehungsweise im grossen Massstab erst durchgesetzt wurden, haben Linksradikale sie oft als Staatskapitalismus bezeichnet. Allerdings waren diese Kategorien dort nicht in derselben Weise gültig wie in der kapitalistischen Produktionsweise. Ein blind wirkendes Wertgesetz war in der geplanten Warenproduktion des Ostblocks nicht am Werk. Einen Versuch, dies genauer aufzudröseln, bietet die vierteilige Serie »What was the USSR? Towards a Theory of the Deformation of Value« in Aufheben 6-9 (1997-2000), insbesondere Teil IV (online abrufbar unter: libcom.org/aufheben).

20. Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band, MEW 25, 184.

21. Marx, Kapital. Erster Band, 741.

22. Ebenda, 659, 672.

23. Marx, Kapital. Erster Band, 658, 791.

24. Max Horkheimer, Die Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse, in: ders., Notizen 1950 bis 1969/Dämmerung. Notizen in Deutschland (1934), Frankfurt am Main 1974, 282.

25. Philip Rizk, 2011 is not 1968. An Open Letter from Egypt, online abrufbar unter: roarmag.org.

26. Raúl Zibechi, Territorien des Widerstands. Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas, Berlin/Hamburg 2011. Das Buch ist aber teilweise trotzdem erhellend.

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