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Politische Handlungsfähigkeit in Zeiten von Ambient Revolts Artificial Intelligence und Autokraten

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Wir erleben heute eine Renaissance der Autokraten und eine Neuauflage des Hypes um Artificial Intelligence. Der gemeinsame Nenner: die Krise der menschlichen Handlungsfähigkeit.

12. Oktober 2018

12. Okt. 2018

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Mit der Jahreskonferenz “Ambient Revolts” greift die Berliner Gazette diese Krise auf und fragt: Wie können wir Handlungsfähigkeit unter diesen Bedingungen neu denken? BG-Herausgeber Krystian Woznicki begibt sich seinem zweiteiligen Essay auf eine Spurensuche:

Im Computerspiel gibt es Momente, in denen das Spiel sich selbst zu spielen scheint. Du hast dich entfernt, doch das Spiel läuft einfach weiter. Die künstliche Intelligenz des Spiels ist mit sich selbst beschäftigt, nichts Weltbewegendes passiert in der Zwischenzeit. Was der Medientheoretiker Alexander Galloway „Ambience Acts“ nennt, sind heute in der wirklichen Welt „Ambient Revolts“ – nicht einfach nur Akte, sondern Umbrüche, die weltbewegende Dinge in Gang setzen können, während „das Spiel sich selbst spielt“: landesweite Netzausfälle oder Hasswellen, Börsenzusammenbrüche oder Verkehrschaos.

Und du kannst dir niemals ganz sicher sein, ob es passiert ist, während du away from keyboard warst oder online; ob du den Funken ausgelöst hast oder nur ein Halbleiter des viralen Tsumanis gewesen bist. So befindest du dich in einem „Spiel“, dessen Regeln und Abläufe du nicht wirklich verstehst. Wenn überhaupt, dann wirst du einer Handlungsfähigkeit der techno-sozialen Umwelt gewahr, die deine individuelle Handlungsfähigkeit tiefgreifend in Frage stellt. Mit diesem Gefühl der Ohnmacht bist du nicht allein. Wir sind viele. Viele, die nicht mehr so genau wissen, was es eigentlich bedeutet, politisch wirksam zu handeln.

Also beobachten wir das Durcheinander und versuchen daraus schlau zu werden. Etwas, das gerade viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das Thema Künstliche Intelligenz. KI, so das Kürzel, ist allgegenwärtig, ob in Medien (Feuilletons, Online-Foren, Verlagsprogrammen, etc.) oder in der Politik (KOA-Programm, Enquete-Kommission, Datenethikkommission, etc.). Man kann sich diesem Hype kaum entziehen und des Eindrucks kaum erwehren, etwas Neues sei am Horizont aufgeflackert. Dieses Neue wird durch selbstfahrende Autos verkörpert und durch häuserwandgrosse „Okay, Google, mach mal!“-Werbeplakate illustriert, die uns suggerieren, selbstlernende Maschinen könnten uns rundum versorgen. Doch was sehen wir hier eigentlich? Wie neu ist das, was da gerade so grell leuchtet?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Deep Blue im Jahr 1997 den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow bezwang. Es war nicht das erste Mal, dass ich auf KI aufmerksam geworden war, doch das erste Mal erlebte ich wie der Begriff ausserhalb des technologischen Diskurses als gesellschaftliches Thema vorkam, das nicht nur Technikinteressierte anzusprechen vermochte. Vier Jahr später gelang dies Steven Spielbergs Kinofilm „A.I. – Künstliche Intelligenz“noch im grösseren Massstab. Er erreichte Kinder, Jugendliche sowie ihre Eltern und Grosseltern. Freilich, das Missverständnis, das damals aufkam, war, dass es bei diesem Sci-Fi-Film um unsere Zukunft ging. Doch wie alle gute Science Fiction ist auch „A.I. – Künstliche Intelligenz“ ein kritischer Kommentar auf die Gegenwart – eine Art Parabel, die im Gewand des Morgen über das Heute spricht. Das war 2001. Stanley Kubrickhatte das Filmprojekt bereits in den 1980er Jahren begonnen zu entwickeln, Spielberg führte es nach Kubricks Tode zu Ende.

Kubrick ist 1928 geboren worden, Spielberg im Jahr 1946. Beide waren nicht gerade das, was man als Early Adopter oder Technikfreak bezeichnet. Als wachsamer Zeitgenosse dürfte Kubrick jedoch mitbekommen haben wie KI nach dem Zweiten Weltkrieg als geheimnisvolles militärisches Projekt zur Zukunftstechnologie hochgejazzt wurde, etwa in Form des Perzeptrons, das, durch Office of Naval Research finanziert, 1958 bei einer spektakulären Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und die New York Times dichten liess, es sei „the embryo of an electronic computer that (the Navy) expects will be able to walk, talk, see, write, reproduce itself and be conscious of its existence.“

Kubrick wird wohl auch miterlebt haben wie KI in den späten 1971-73 in Chile ein grosses kybernetisches Staatsexperiment katalysierte, während es beflügelt durch die Schriften eines Norbert Wiener oder J. C. R. Licklider Lauffeuer-artig Einzug hielt an US-Universitäten wie dem MIT. Spielberg wiederum wuchs als Jugendlicher und Student im Schatten des ersten AI-Winters auf, der 1984 ausgerufen worden war, worauf wenige Jahre später ein neuerlicher Hype folgte – dieses mal in Manager- und Bänkerkreisen. Die Verklärung neuronaler Netzwerke zum Allheilmittel des Kapitalismus wurde in den 1990ern von einer Flut an Erklärbüchern begleitet. Das Motto war: „so eroberst du den Markt mit KI“.

Neuauflage des KI-Hypes

Heute, da wir eine Neuauflage des KI-Hypes erleben, ist vor allem eines bemerkenswert. Eine gewisse kritische Masse ist erreicht worden, wie vor etwa fünf Jahren in Sachen Big Data als ein gewisses Genug an Daten verzeichnet werden konnte, um eine weiterreichende Instrumentalisierung und Implementierung von datengetriebenen Technologien zu ermöglichen. Die IT-Reisen, die auf dem KI-Gebiet tonangebend sind, verfügen nun über Rechner, die leistungsstark genug sind, können sich ausserdem Zugang zu ausreichend Daten verschaffen, um die neuronalen Netzwerke zu füttern und ausserdem haben sie die KI-Forschung in neue Höhen treiben können. Doch der Traum der digitalen Schatzkammer, der damit neu ermöglicht wird, wäre nicht ohne die technologische Durchdringung der Gesellschaft und des Alltags denkbar.

KI kann heute potentiell universell wirksam werden, denn selbstlernende Algorithmen können heute nicht nur in der Industrie, im Militär, im Finanzwesen, im Verkehr, in der Online-Werbung etc. zum Einsatz kommen, sondern auch in Alltagsanwendungen. Die „Okay, Google, mach mal!“-Kampagne etwa richtet sich an Smartphone-Nutzer. Auch andere Marktgrössen wollen Schritt halten und bieten ihre intelligenten Assistenten feil: Siri, Cortana, Bixby, Alexa, etc.

So hat KI nun auch eine Bedienoberfläche bekommen, die die Technologie eigentlich greifbar macht, da sie sich nun vordergründig in unserem Leben platziert. Doch da wir es längst gewohnt sind, uns quasi blind auf technologische Anwendungen zu verlassen, verschwindet KI als systemisches Feature unmerklich im Hintergrund, dessen Schalten und Walten daher kaum bemerkt wird. Insofern ist KI zugleich überall und nirgends, sprich: ambient, weil fast überall als solches nicht sichtbar, zumindest für viele nicht ohne Weiteres erkennbar.

Auch die inhärenten Logiken bleiben unsichtbar, insbesondere die Tatsache, dass KI auf der Basis von historischen Vorlagen trainiert wird, die sie unkritisch als objektive und neutrale Wahrheit verarbeitet. Angesichts dessen kommen wir nicht umhin zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Technologie keine Zukunft katalysieren kann, welche die Irrungen der Vergangenheit (bekanntlich ein Tummelplatz für Diskriminierung, Rassismus und andere Verbrechen) nicht reproduzieren wird. Das Problem der Algorithmic Bias materialisiert sich beispielsweise im Falle von KI-optimierten Delivery-Diensten oder so genanntem Predictive Policing< als rassistische Voreingenommenheit – Nachbarschaften mit einem hohen Anteil von people of color werden nicht bzw. nur nachrangig beliefert oder einer übermässigen Polizeipräsenz ausgesetzt.

Doch können wir nicht auch ein Echo dieses Problems auf der grossen politischen Bühne vernehmen, wo man heute im zunehmenden Masse auf ein rassistisches Bevölkerungsmanagement setzt? Ob Migrations- oder Personalmanagement, Bildung oder Verwaltung, Logistik oder Transport, Kranken- oder Altenpflege – KI soll alles, was unser Leben ausmacht, effizienter machen, doch die Frage, die sich aufdrängt, ist eigentlich offensichtlich: entstehen durch Formen algorithmisch-gestützter Gouvernementalität nicht virale Netzwerk-Effekte, die Diskriminierung auf der Basis von Rasse, Geschlecht, Ethnie und Klasse reproduzieren und gar verstärken?

KI und die Renaissance der Autokraten

So oder so, wir leben in eigentümlichen Zeiten, in denen wir unsere Handlungsfähigkeit delegieren, ohne die Entscheidungsmuster dahinter zu kennen oder zu erkennen. Das gilt gleichermassen für die Bereitschaft algorithmische Entscheidungssysteme tief in unsere Leben wirken zu lassen, als auch die politische Führung an Personen abzugeben, deren konstitutive Eigenschaft autoritäre Willkür ist.

Daher ist es kein Zufall, dass wir zu diesem Zeitpunkt soviel von menschlicher Handlungsfähigkeit hören. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, sie werde geradezu beschworen, wie etwas, an das die Leute aufgehört haben zu glauben, an das sie aber unbedingt glauben möchten. Symptomatisch dafür ist die heutzutage sich global verbreitende Renaissance der Autokraten: USA, Russland, Türkei, Österreich, Grossbritannien, Polen, Ungarn, China, Indien, Philippinen – das sind nur einige der vielen Länder, in denen ein starker Führer an die Macht gewählt worden ist und in Aussicht stellt, die scheinbar ausser Kontrolle geratene Welt, wieder unter Kontrolle bringen zu können – mehr oder weniger eigenhändig, im Alleingang, aus dem Bauch heraus.

Die Autokraten-Renaissance vermittelt uns nicht zuletzt, dass die Welt, in der wir heute leben, ausschliesslich vom Menschen gebaut worden sei. Entsprechend erscheint der Autokrat hier als „Steuermann“ all der technologischen Systeme, die Menschen erschaffen haben – ein Egozentriker am Joystick einer programmierbaren Welt. Doch unterschlägt diese Vorstellung nicht, dass die programmierbare Welt nicht exklusiv menschlichen, sondern eher techno-sozialen Steuerungsprinzipien unterworfen ist – und somit im Zeichen des Kapitalozäns steht? Und belebt diese Vorstellung nicht auch all die gefährlichen Fantasien der Kolonialepoche, die weisse, männliche Eroberer zu Baumeistern einer zivilisierten Welt verklärten?

Wenn wir genau hinhören, so wird in der Renaissance der Autokraten das Echo von mehreren hundert Jahren europäischer Geschichte vernehmbar. Kein Wunder, immerhin geht nicht nur unsere landläufige Vorstellung von Handlungsfähigkeit auf die Epoche der Aufklärung zurück, sondern auch die in der Renaissance der Autokraten symptomatisch zum Vorschein kommende Sehnsucht nach Agency. Der Mensch als freies, selbstbestimmtes Subjekt – dieses Ideal der Aufklärung ist heute ein Meme, das von seiner eigenen verdrängten Geschichte nichts wissen will.

In den USA oder in Ungarn etwa macht das der Ruf nach „weisser Vorherrschaft“ allzu deutlich: die „Überlegenheit der Weissen“ ertönt als schrilles Echo der Aufklärung, die Selbstbestimmung für alle Menschen versprach, aber in Wirklichkeit lediglich den weissen, heterosexuellen Mann als universelles Ideal der Zivilisation durchzusetzen vermochte. Nur ihm sollte es zustehen, die Fackel der Vernunft in der Hand zu halten. Ihm wurde folglich Agency zugeschrieben – people of color und Frauen sollten unterordnen und versuchen, seinem Beispiel zu folgen.

Krystian Woznicki
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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