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Empowerment und Klassenkampf: Gegen den Rassismus des Kapitals | Untergrund-Blättle

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Gegen den Rassismus des Kapitals Empowerment und Klassenkampf

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Trennlinien von Identitäts- und Klassenpolitik werden derzeit heiss diskutiert. Wie eine Verbindung von beiden konkret aussehen kann, zeigen selbstorganisierte migrantische Klassenkämpfe in der BRD der 1970er Jahre. Diese sind wichtiger Bezugspunkt für Empowerment-Ansätze von heute.

Opel Werk 1 hinter der Wittener Strasse in Bochum.
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Bild: Opel Werk 1 hinter der Wittener Strasse in Bochum. / Frank Vincentz (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

13. Juni 2018

13. Jun. 2018

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Neuss am Rhein, Sommer 1973: Vor den Fabriktoren des Automobilzulieferers Pierburg versammeln sich tausende Menschen, ein Grossteil von ihnen sind migrantische Frauen. Grosse Plakate werden aufgehängt und Banner bemalt, durch Megaphone werden die Forderungen der Streikenden verlesen. „Mehr Geld! Mehr Geld!“-Sprechchöre unterstreichen die Reden der Arbeiter*innen. Tagelang sind die Maschinen im Betrieb kaum mehr zu hören, die Rufe vor der Fabrik dafür umso mehr: „Eine Mark mehr!“ Der Polizeidirektor von Neuss spricht von „wilder Revolution“ und lässt seine Truppen auf die Streikenden los. Aber immer weitere Arbeiter*innen schliessen sich an, um die Streikenden bei ihrem Kampf gegen die autoritären Vorgesetzten, für gleiche Löhne und ein Ende der unterschiedlichen Bezahlung von Männern und Frauen sowie deutschen und internationalen Arbeiter*innen zu unterstützen.

Arbeitsstreiks wie bei Pierburg, den Ford-Werken in Köln-Niehl, bei Opel in Bochum oder Hella in Lippstadt im selben Jahr richteten sich gegen soziale Ungerechtigkeit, wie etwa Ausgrenzung aus Arbeits- oder Wohnverhältnissen. Ihnen folgten zahllose weitere Kämpfe von migrantischen Arbeiter*innen in Deutschland, Europa und weltweit. Die Streikenden stellen sich gegen rassistische Ausformungen kapitalistischer (Re-)Produktion, gegen Ethnisierung als Instrument zur Segmentierung des Arbeitsmarkts und das Gegeneinander-Ausspielen der Lohnabhängigen.

Die Kämpfe sind damit explizit „antirassistisch“, auch wenn sie sich nicht so bezeichnen. Sie stellen die Frage nach Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen und machen deutlich, dass ihre Position in den Produktionsverhältnissen von zahlreichen Faktoren abhängig ist, die nur gemeinsam bekämpft werden können. Der Rückgriff auf die Praxis und Erfahrung aus diesen Kämpfen findet gegenwärtig allerdings nur sehr bedingt statt. Umso wichtiger, sich diesen Protestformen von Migrant*innen in der BRD bewusstzuwerden, sich in ihre Tradition zu stellen und aus ihren Erfahrungen zu lernen. Ansätze dieser (Wieder-)Aneignung, die in den letzten Jahren auch in Deutschland stärkere Aufmerksamkeit erhielten, werden unter dem Begriff des „Empowerment“ zusammengefasst.

Empowerment meint, vereinfachend gesprochen, Selbstermächtigung und Widerständigkeit von Menschen, die von struktureller Unterdrückung (rassistischer, geschlechtsbezogener, ökonomischer und vieles mehr) und Ausgrenzung betroffen sind. Besonders im Kontext von (post)kolonialen und antirassistischen Kämpfen hat es erfolgreiche Empowerment-Strategien von Betroffenen zu allen Zeiten gegeben, durchaus auch militant. Viele davon wurden verschwiegen oder über die Zeit vergessen. Im Folgenden soll die Geschichte antirassistischen Empowerments im Kontext von Arbeitsstreiks zu einer Diskussion von aktualisierten Klassenpolitiken beitragen.

Empowerment to the People!

Das Konzept des Empowerments als politische Praxis stammt vor allem vom nord- und südamerikanischen Kontinent. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es zur Ermächtigung von armen und unterdrückten Bevölkerungsgruppen wie Bäuer*innen und Favela-Bewohner*innen im post-kolonialen Lateinamerika entwickelt. Es hat ebenso seine Wurzeln in der schwarzen Bürgerrechts- und der feministischen Bewegung in den USA. Empowerment als politische Praxis von People of Color (PoC) im Kampf gegen Rassismus verbreitete sich später weiter in Deutschland und wird heute in verschiedener Weise interpretiert und angewandt.

Wesentlich für Empowerment ist der Prozess, in dem Menschen, die (oftmals auch in mehrfacher Hinsicht) unterdrückt werden, die ihnen aufgezwungene Rolle des Opfers verlassen und eine aktive Rolle im Kampf gegen die jeweilige Unterdrückungsform einnehmen. Ausgangspunkt dafür sind verschiedene Erkenntnisse: 1.) Die Betroffenen haben durch ihre Erfahrung sowohl Wissen darüber, wo das System wie unterdrückt und auch welche Formen von Gegenstrategien und Organisierung überhaupt möglich sind. 2.) Erst ein Bruch der Unterdrückten mit der Position, welche ihnen durch das herrschende und unterdrückende System zugewiesen wird, stellt eben genau jenes als Ganzes in Frage, 3.) Die Unterdrückten können für eine grundlegende Veränderung der Situation nicht allein auf den guten Willen derer vertrauen, die von dieser Unterdrückung nicht betroffen sind oder gar von ihr profitieren. Ein Kampf gegen das rassistische System findet also erst statt, wenn People of Color sich gegen die Rolle auflehnen, die sie in diesem System spielen sollen.

Praktisch muss sich Empowerment im Kampf gegen Rassismus an der Analyse seiner Struktur ansetzen. Rassismus ist eine Herrschaftsstruktur, die sich durch die Gesellschaft zieht und auch in ihren machtvollen Institutionen, bis hin zu der Verfasstheit des Nationalstaats, struktureller Bestandteil ist. Rassismus wird aber auch im alltäglichen Leben sichtbar: In Interaktionen zwischen Menschen ist er tief in Worten, Blicken und Praxen eingeschrieben; gefüttert wird er mit Vorurteilen und Stereotypisierungen. Diese Doppelstruktur wird natürlich nicht als parallel zu einander, sondern als vermittelt gedacht, in der sich beide „Achsen“ gegenseitig bedingen. Sie ist auch dem Empowerment-Ansatz immanent: Er soll Alltagsstrategien und individuelle Selbstermächtigung einerseits und Veränderung gesamtgesellschaftlicher Strukturen anderseits ermöglichen. [1] Die Selbstermächtigung der Unterdrückten Individuen ermöglicht kollektive Prozesse und Organisierung, durch die rassistische Strukturen angegriffen werden können.

Der Empowerment-Prozess wird im Wesentlichen dadurch angestossen, dass People of Color sich über ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam eine Sprache finden, ihre Bedürfnisse, kollektiven Interessen und auch Ängste zu artikulieren. Als Ort für diesen Austausch sind geschützte Räume relevant, in denen Menschen zusammen kommen, die von Rassismus betroffen sind. Sie schaffen erst die Voraussetzungen, eigene Erfahrung zu thematisieren, ohne dass diese infrage gestellt oder relativiert werden. Zu Empowerment auf der individuellen Ebene gibt es glücklicherweise immer mehr Workshops, Gruppen und inhaltliche Auseinandersetzungen. Wie allerdings ein Empowerment-Konzept aussehen kann, welches diese wichtige Arbeit leistet und gleichzeitig Kämpfe ermöglicht, die Rassismus auf seiner strukturellen und systematischen Ebene angreifen (und sich nicht einzig auf Gegenstrategien auf rassistische Interaktionen fokussiert), das gilt es immer weiter auszuarbeiten. Welche Lehren sind aus den antirassistischen migrantischen Kämpfen der Vergangenheit zu ziehen?

Der "Gast"arbeiter*innen-Streik bei Pierburg

Ansätze hierfür bietet der eingangs erwähnte Streik bei Pierburg in Neuss, der von migrantischen Arbeiter*innen initiiert und angeführt wurde. Der Streik ist auch für feministische Arbeitskämpfe ein zentraler Bezugspunkt, er wird aber an dieser Stelle vor allem aus einer anti-rassistischen Perspektive beleuchtet werden. Was war los im Jahr 1973?

„Alle Räder stehen still…“ In der Autoteilefabrik Pierburg besteht der Grossteil der Beschäftigten zu dieser Zeit aus sogenannten Gastarbeiter*innen, darunter rund 2500 Arbeiterinnen aus unterschiedlichen Ländern. Es sind die Frauen, welche die anstrengendsten Arbeiten zu verrichten haben. Gleichzeitig stellen sie die unterste Lohngruppe dar. Die Frauen werden ausserdem von den – ausschliesslich männlichen – Aufsehern auf sexistische und rassistische Weise erniedrigt. Immer wieder kommt es zu kleineren Streiks der migrantischen Arbeiter*innen im Werk, die Umsetzung von Teilforderungen dient dazu, die Protestierenden kurzfristig zu befrieden. Im August 1973 beginnen einige der Arbeiter*innen Flugblätter vor dem Werk zu verteilen.

Auf ihnen stehen Forderungen, welche insbesondere den migrantischen Frauen zugutekommen sollen: Die Abschaffung der bereits erwähnten untersten Lohngruppe, aber auch Lohnerhöhungen und Fahrtgeldzuschüsse für die gesamte Belegschaft, sowie freie Tage für Arztbesuche oder für „Hausfrauentätigkeiten“, um die Doppelbelastung der Frauen durch Produktion und Hausarbeit zu vermindern. Von Beginn an versucht die Geschäftsleitung, den Streik durch polizeiliche Gewalt zu brechen. Es gibt Verletzte und Verhaftungen. Doch die Frauen lassen sich nicht einschüchtern. Und sie stehen nicht alleine: Der rabiate Polizeieinsatz ruft die Solidarität der anderen Arbeiter*innen und auch der Stadtbevölkerung hervor. Schliesslich schliessen sich auch die deutschen, männlichen Facharbeiter dem Streik an: Eine Wende im Streikverlauf, der die Kräfteverhältnisse zugunsten der prekarisierten migrantischen Arbeiter*innen verschiebt.

Dieser wichtige Schritt kann durch verschiedene Faktoren erklärt werden: Die migrantischen Arbeiter*innen suchten ihre weissen Kolleg*innen abends in ihren Stammkneipen auf und begannen, diese zu agitieren. Sie wiesen bestehende rassistische Bilder zurück, machten die Legitimität ihres Streiks klar und arbeiteten gemeinsame Interessen heraus. Sie knüpften an eigenen Streikerfahrungen der deutschen Kolleg*innen an, die selbst Kämpfe um Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitssituation geführt hatten.

Konkret wurde den Facharbeitern dabei die Erinnerung an frühere Streiks in Erinnerung gerufen, bei denen sie ohne die „Gast“arbeiter*innen gestreikt hatten und bei denen sie wegen ihrer geringen Zahl nicht erfolgreich waren. Von dem gemeinsamen Streik erhofften sie sich also auch eine Verbesserung der eigenen Lage. Die gesammelte Streikkraft der Arbeiter*innen und die dadurch entstehenden empfindlichen Produktionseinbussen zwangen die Geschäftsleitung letzten Endes dazu, grosse Teile der Forderungen umzusetzen, an erster Stelle die Abschaffung der untersten Lohngruppe und Erhöhung von Stundenlohns für alle. [2]

Es handelte sich beim Pierburg-Streik damit um einen gut organisierten und militanten Protest von migrantischen Arbeiter*innen gegen rassistische und sexistische Ausgrenzung und die systematische Benachteiligung im Produktionsprozess. Wenn auch zu dieser Zeit der Begriff in Deutschland nicht etabliert war, so lässt sich dieser Streik mit dem Konzept des individuellen, wie vor allem auch des kollektiven Empowerments charakterisieren. Die migrantischen Arbeiter*innen haben zuerst ihre gemeinsamen Erfahrungen ausgetauscht.

Sie haben sich über ihre Interessen und Vorstellungen vergewissert und darüber gesprochen, wie ihre Situation sich ändern sollte. Ihre Überlegungen sind schliesslich auch in die Forderungen des Streiks eingegangen. Sie organisierten sich zunächst untereinander und traten schliesslich als Kollektiv in Aktion. Damit verliessen sie ihre zugeschriebene Position als passive Opfer der Ausgrenzung und systematischen Benachteiligung und wurden in diesem Prozess aktiv widerständig Handelnde im Kampf gegen ihre eigene Unterdrückung.

Die Kämpfenden waren dabei mit verschiedenen Ausformungen des rassistischen und sexistischen Systems konfrontiert: Einerseits die Tatsache, dass migrantische Arbeiterinnen gegenüber ihren männlichen und vor allem gegenüber den weissen Kolleg*innen materiell und finanziell systematisch benachteiligt wurden und letztere zudem von vielen schweren und gefährlichen Arbeiten in den Betrieben verschont wurden. Andererseits sahen sie auch den individuellen Einstellungen der weiss-deutschen Arbeiter gegenüber, welche von der systematischen Ausgrenzung und Benachteiligung profitierten und ihr teilweise zustimmten.

Die männlichen „Gast"arbeiter waren an dem Streik von Anfang an beteiligt, auch wegen einem gemeinsamen vergangenen Arbeitskampf, bei dem Teilerfolge erzielt werden konnten. Zwar war die Konkurrenz zwischen weiss-deutschen und migrantischen Arbeiter*innen wegen der personellen Zusammensetzung im Werk nicht zu stark ausgeprägt, dennoch gab es unter der Belegschaft rassistische Einstellungen, sowie Spaltungsversuche durch die Betriebsleitung.

Die Gefahr war vorhanden, dass die weissen Arbeiter*innen sich von dieser überzeugen und sich gegen den Streik mobilisieren liessen. Die Erfahrungen dieser Zeit waren davon geprägt, dass selbst anti-rassistisch eingestellte weisse Gewerkschafter*innen und Betriebsräte Forderungen von Migrant*innen, die sich gegen Lohn- und Gesetzesdiskriminierung richteten, zurückwiesen und nicht unterstützen. Wollten migrantische Arbeiter*innen etwas an ihrer Situation ändern, so mussten sie es schaffen, die männlichen und weiss-deutschen Kollegen von ihrem Kampf zu überzeugen und ihn zu einem gemeinsamen Kampf machen.

Für ein materialistisches Rassismus-Verständnis!

Um aus historischen Erfolgen wie diesem zu lernen, ist es wichtig zu verstehen, welches Verständnis über Funktion und Organisation von Rassismus der Aktion zugrunde lag. Denn daraus leiten sich später auch die Widerstandsstrategien ab.

Zunächst ist offensichtlich, dass die weissen Arbeiter von der Diskriminierung der migrantisierten Arbeiter*innen profitieren, da ihnen schwerere Arbeiten weniger zugemutet werden und sie auch bei den Lohnauszahlungen oft bessergestellt sind. Auch kommt der Wohlstand, welcher auf nationaler Ebene erwirtschaftet wird, von allen Lohnabhängigen vor allem weiss-deutschen Arbeiter*innen zugute (hier sind etwa die Zugänge zu Sicherungssystemen zentral, die bis heute rassistische Ausgrenzungen produzieren).

Gleichzeitig gelingt es aber der Geschäftsleitung nicht mehr ohne weiteres, die Belegschaft rassistisch zu spalten und die Hierarchisierung im Betrieb aufrechtzuerhalten, wenn die weissen Arbeiter*innen die existierenden Unterschiede nicht mehr in dieser Form hinnehmen, sondern diese aktiv mit ihren Kolleg*innen bekämpfen. In Pierburg wurde die rassistische Hierarchisierung zwar als Strategie der Spaltung aktiv von der Betriebsleitung eingeführt, sie konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Dies führte dazu, dass die Geschäftsleitung gewaltsam versuchte, die Spaltung der Arbeiter*innen in der Fabrik aufrechtzuerhalten, etwa, indem sie den Streik als „wilden Streik“ und die Streikenden als „Kommunisten“ denunzierte. Sie erhielt dabei aktive Unterstützung durch die staatliche Polizei.

Auch wenn der Rassismus die weissen Arbeiter*innen in der kapitalistischen Logik systematisch besser stellt, ist es aber mitnichten so, dass die Kooperation zwischen weissen und nicht-weissen Arbeiter*innen nicht eine bessere Situation für beide schaffen kann, welche diese Logik als solche in Frage stellt. Konkret am Beispiel Pierburg lässt sich sehen: Die Überwindung der Spaltung bringt auch den weissen Arbeitern reale ökonomische Verbesserungen (Die Forderung nach einem „Mehr Geld!“ wurde etwa für die gesamte Belegschaft gestellt). [3]

Rassismus ist als ein gesellschaftliches Verhältnis zu denken, „in dem die Kämpfe im Mittelpunkt stehen und nicht die durch den Rassismus produzierten Identitäten“. [4] Das rassistische Verhältnis zwischen den migrantischen und den weiss-deutschen Arbeiter*innen ist alles andere als stabil. So wie die „Gast"arbeiter*innen die ihnen zugewiesene Position verlassen, so tun dies auch die weissen Arbeiter*innen durch den gemeinsamen Prozess. Sie legen Vorurteile ab und überwinden rassistische Spaltungsversuche. Das ist eine wichtige Grundlage des solidarischen Kampfes.

Weiterhin muss Rassismus in der kapitalistischen Weltordnung auch immer als System begriffen werden, das Bevölkerung und Arbeitskraft kontrolliert, organisiert und zu einander in Beziehung setzt. Dieses System zielt vor allem darauf ab, Identitäten festzulegen und ihnen einen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. [5] Es produziert notwendig solche Subjekte, die privilegiert sind und in grösseren Genuss von Bürgerrechten, staatlichen Leistungen und politischer Repräsentation kommen, und solche, die deprivilegiert sind und von diesen ganz oder teilweise ausgeschlossen sind.

Die schlechter gestellten Bevölkerungsteile werden massiver ausgebeutet und die besser gestellten Teile durch ihre begünstigte Stellung ideologisch an den Nationalstaat oder das Kapital, hier die Firma Pierburg, gebunden. Die Analyse, dass Weisse in einer rassistischen Gesellschaft Vorteile und Machtpositionen gegenüber People of Color haben, darf also nicht bei dem vereinfachenden Fehlurteil landen, dass die kapitalistische Gesellschaft auch tatsächlich zum Vorteil der weissen Arbeiter*innen wäre. Der Vorteil ist vor allem ein klassenspezifischer.

Lehren für eine gemeinsame Praxis

Am Beispiel des Zusammenhalts der Belegschaft von Pierburg können wir die umkämpfte Solidarität der migrantisierten und nicht-migrantisierten Arbeiter*innen als wichtigen Teil des kollektiven antirassistischen Arbeitskampfs ausmachen. Sie ist unerlässlich, da Rassismus als Herrschafts- und Kontrollsystem in seinen strukturellen Erscheinungsformen – beispielsweise die systematische Benachteiligung und Hierarchisierung auf den Arbeitsplätzen – nur von einer solidarischen Gemeinschaft bekämpft werden kann. Die Solidarität von Weissen scheint möglich, da auch die Subjekte, die der Rassismus produziert, als veränderbar und umkämpft gedacht werden müssen.

Der Fokus auf die alltäglichen Erfahrungen von migrantisierten Menschen in einer rassistischen Gesellschaft ist eine der grössten Stärken des Empowerment-Ansatzes. Es steht nicht nur ein komplex-abstraktes System und die Kritik daran im Mittelpunkt, sondern die Betroffenen in diesem System. Und mit ihnen auch ihre Erfahrungen, ihr Erleben und ihre psychosoziale Lage. Der Austausch durchbricht die Isolation, die durch Normalisierung und Tabuisierung von Rassismus entsteht und macht Positionen und Forderungen sichtbar.

Empowerment stellt eine Gegenstrategie zu den seelischen und psychischen Verletzungen dar, die den Menschen im Kapitalismus alltäglich zu gefügt werden und die marginalisierte Communities unerbittlich treffen. Eine Herausforderung ist die Doppelstruktur von Antirassismus und Empowerment: Gegenstrategien zu individuellem und alltäglichem Rassismus (auch in der Interaktion mit Weissen) sind unerlässlich, um das Gefühl von Machtlosigkeit zu bekämpfen.

Gleichzeitig darf Rassismus nicht auf diese Erscheinungsform verkürzt werden. Ansätze, die einzig Partizipation von People of Color an bestehenden Herrschaftsstrukturen ermöglichen wollen und somit das Phänomen des Rassismus von seiner Funktion entkoppeln, müssen kritisiert werden. [6] Die verschiedenen Erscheinungsformen müssen vielmehr miteinander in Beziehung gesetzt werden, um radikalere Analysen und kollektive Praxen zu entwickeln, die den Rassismus als System angreifen können.

Flo Herter
revoltmag.org

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Fussnoten:

[1] Kahveci, Çağrı (2017): Migrantische Selbstorganisierung im Kampf gegen Rassismus. Münster: Unrast-Verlag.

[2] Dieter Braeg, Betriebsrat bei Pierburg zu der Zeit, beschreibt in seinem Buch über den Streik sehr ausführlich, wie die migrantischen Arbeiter*innen ihre weissen Kolleg*innen überzeugten und auch zu kreativen Methoden griffen; etwa, indem sie ihnen Rosen schenkten. Vgl.: Braeg, Dieter (2012): Wilder Streik - Das ist Revolution. Berlin: Die Buchmacherei.

[3] Dieses Verständnis, was weisse Privilegien bedeuten, was aber eben auch nicht, legt Keeanga-Yamattha Taylor in ihrem Artikel „Weisse Vorherrschaft für manche, aber nicht für alle“ (analyse und kritik, ak 627) sehr anschaulich dar.

[4] Karakayalı, Serhat (o.J.): Lotta Continua in Frankfurt, Türken-Terror in Köln. Migrantische Kämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik. Online bei grundrisse.

[5] Unter festgelegten Identitäten lassen sich Fremdzuschreibungen verstehen, die People Of Color von der Mehrheitsgesellschaft aufgezwungen werden und die sie auf eine bestimmte Rolle festlegen sollen, wie sie angeblich sind oder sich zu verhalten haben. Frauen* muslimischen Glaubens werden so etwa allein auf diese Zugehörigkeit reduziert und daraus jede ihrer Handlung erklärt. Dies zeigt sich bei der rassistischen Debatte über das Tragen eines Hijabs im Unterricht: Die Lehrerinnen werden nicht als studierte Akademiker*innen betrachtet, die eben auch religiös sind, sondern allein auf ihre Religion festgelegt und dabei als „unaufgeklärt“ konstruiert.

[6] Die Kritik an solchen „Integrationsmassnahmen“ ist vor allem deshalb wichtig, weil sie letztlich vor allem der ärmeren Bevölkerung of Color schadet. Taylor zeigt in ihrem Buch „From #BlackLivesMatter to Black Liberation“, wie vereinzelt Schwarze Menschen in den USA der Zugang zu politischen Institutionen gewährt wurde, gleichzeitig die Armut der Schwarzen Bevölkerung sowie die rassistische Polizeigewalt gleich blieb. Die US-Administration verleugnete diesen Rassismus mit Verweis auf Schwarze Parlamentarier*innen. Vgl. Taylor, Keeanga-Yamahtta (2016): Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation. Münster: UNRAST-Verlag.

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