Die SVP triumphiert, Europas extreme Rechte applaudiert. Und trotzdem sind die organisierten Neonazis weiter am Grübeln: Sie können aus dem generellen Rechtsruck in der Schweiz kaum Kapital schlagen.
Bild: Montagu Island
Ein streng hierarchisch aufgebauter,
leaderorientierter und eingespielter
Parteiapparat, eine prall gefüllte Parteikasse,
eine für Schweizer Verhältnisse
ungewohnt aggressive und aufdringliche
Politwerbung und – nicht
zuletzt – die Fähigkeit, die Mittel der
direkten Demokratie geschickt als
Druckpotenzial und Mobilisierungsmoment
zu nutzen: Dies sind die
Erfolgsbausteine der nationalkonservativen
und rechtspopulistischen
Schweizerischen Volkspartei (SVP),
die sich 2010 in blendender Verfassung
zeigte und mit einem klugen
Agenda-Setting sowie einem unverblümt
fremdenfeindlichen und nationalistischen
Campaigning eines ihrer
liebsten Agitationsfelder, die Asylund
Ausländerpolitik, klar dominierte.
Mit durchschlagendem Effekt:
52,9 Prozent der Schweizerinnen
und Schweizer haben am
28. November der völkerrechtswidrigen
SVP-Initiative «für die Ausschaffung
krimineller Ausländer» zugestimmt.
Während sich Christoph
Blochers SVP in ihrem Erfolg sonnen
und sich ein Jahr vor den Nationalund
Ständeratswahlen als attraktive
Siegerpartei feiern lassen konnte,
blieben der Linken und dem bürgerlichen
Lager nur das gemeinsame
Wundenlecken und der schmerzhafte
Aufarbeitungsprozess.
Lob aus zweifelhafter Ecke
Längst verfolgt die extreme Rechte in
Europa die Erfolgsgeschichte der
SVP mit Bewunderung und versucht,
deren Polit-Rezepte zu kopieren.
Gross waren die Begeisterungsstürme
aus den Parteizentralen des französischen
Front National (FN), der Nationaldemokratischen
Partei
Deutschlands (NPD) und der Freiheitlichen
Partei Österreichs (FPÖ)
auch nach dem 28. November. Die
FN-Chefin Marine Le Pen sah in der
Annahme der Ausschaffungsinitiative
«einen Sieg des Volkes über die Eliten
». Die NPD warb auf Flugblättern
und Postkarten umgehend mit dem
«Vorbild Schweiz» und dem Wahlspruch
«Mit kriminellen Ausländern
kurzen Prozess machen». Und der
EU-Delegationsleiter der FPÖ, Andreas
Mölzer, lobte: «Den Schweizern
ist zu ihrem Vorstoss im Fremdenrecht
zu gratulieren.»
Auch das einheimische Politspektrum
rechts der SVP jubelte oder klopfte
sich wie die Schweizer Demokraten
(SD) ganz unbescheiden gleich selber
auf die Schulter: «Ohne unsere
Unterstützung (die Schweizer Demokraten
haben im Abstimmungskampf
weit über 200'000 Sonderzeitungen
zugunsten der Ausschaffungsinitiative
unter die Leute gebracht!) wäre
das Endergebnis wohl kaum so herausgekommen.
Auch wenn die SVP-Direktion
diese Tatsache vermutlich
nicht wahrhaben will – ist dies die
ungeschminkte Wahrheit!» Die Partei
National Orientierter Schweizer
(PNOS) freute sich über das «solide
Ja» und sah sich in ihren Positionen
gestärkt: «Die Annahme der Initiative
ist ein deutliches Zeichen für ein
Umdenken in der Ausländerpolitik,
das sicher auch der Partei zugutekommt.
» Die Gruppierung Jeunes
Identitaires Genevois liess sich, beflügelt
vom Abstimmungsresultat, gar
zur folgenden Hetztirade hinreissen:
«Die aussereuropäischen Migrationsströme
sind zu stoppen. Die Schweiz
muss die Bevölkerungsgruppen, die
in der Schweiz niemals ihren Platz
finden werden, wieder in ihren Herkunftsländern
ansiedeln.»
Übermächtige Volkspartei
Faktisch ist die Luft für Schweizer
Demokraten, Autopartei, PNOS &
Co. aber dünn geworden. Einzige
Ausnahmen: die rechte Protestpartei
Lega dei Ticinesi, die im Tessin seit
1991 mehr oder weniger erfolgreich
politisiert, und das Mouvement
Citoyens Genevois (MCG), das linke
Sozialpolitik mit rechter Ausländerpolitik
kombiniert und seine Fühler
von Genf aus nun auch in andere
Kantone der Romandie ausstreckt.
Die rechtsextremen und nationalistischen
Kleinparteien und Splittergruppen
haben angesichts der übermächtigen,
mitglieder- und finanzstarken
SVP wenig zu lachen und
stemmen sich gegen den Absturz in
die politische Bedeutungslosigkeit.
Die rechtspopulistische Partei übertrifft
die extreme Rechte nicht selten
an Radikalität und Tonalität, kennt
nur leichte Berührungsängste und
saugt ungeniert auf, was am rechten
Rand zu holen ist. Bereits im Jahr
2000 gab Christoph Blocher in der
«Neuen Zürcher Zeitung» diesbezüglich
den Takt vor: «Wenn die bürgerlichen
Parteien richtig politisieren,
darf es rechts von ihnen keine Partei
geben.»
Bild: http://www.terraprints.com
Auch machen sich verschiedene
SVP-Exponenten kaum mehr die
Mühe, sich öffentlich von Neonazis
und Naziskins abzugrenzen – oder
legen bei Auftritten im Ausland gar
jede Scheu ab. Einige Beispiele: In
einer im Februar lancierten und auch
von Bundesrat Ueli Maurer unterzeichneten
Petition zum Erhalt der
traditionellen Schlachtfeier in Sempach
etwa betitelte die Luzerner SVP
die jeweils am Umzug mitmarschierenden
Neonazis grob verharmlosend
als «friedliche und anständige
junge Patrioten».
In der Debatte im
Luzerner Kantonsrat Ende Januar
hatte der SVP-Vertreter Guido
Luternauer sogar von «guten Eidgenossen
» gesprochen. Anfang März
protestierte die Junge SVP Kanton
Waadt in Lausanne mit einer Kundgebung
«zum Schutz unserer Lehren
» gegen die Ankündigung der
Lausanner Stadtregierung, jugendlichen
Sans-Papiers Lehrstellen in der
Verwaltung zu ermöglichen. Dem
Aufruf folgten rund 20 Personen, die
Hälfte davon waren Naziskins und
Mitglieder der Jeunes Identitaires
Genevois.
Der Präsident der Jungen SVP Kanton
Luzern, Anian Liebrand, bedient
sich regelmässig krudester Neonazi-
Rhetorik, so auch 2010: An der Delegiertenversammlung
der Jungen SVP
Schweiz am 8. Mai in Luzern polterte
er in seiner Eröffnungsrede gegen
«Drogenabhängige, Roma-Bettler
und weitere Fremdvölker», die das
Luzerner Stadtbild prägten.
«Mit
patriotischen Grüssen» versandte er
am 18. August das neue Positionspapier
seiner Sektion. Eine unappetitliche
Kostprobe des fremdenfeindlichen
Elaborats: «Die unkontrollierte
Zuwanderung kulturfremder Ausländer,
insbesondere Muslime, führt zu
Parallelgesellschaften und Ghettobildungen
und beschert unserem Land
ein immer grösseres Schlamassel.»
Mit einer Sprengfallen-Drohung und
der Aussetzung einer Belohnung von
500 Schweizer Franken hatte der
Vorsitzende der PNOS-Sektion Willisau,
Michael Vonäsch, auf den
Farbanschlag gegen das Winkelried-
Denkmal in Sempach Ende Juni und
den Klau eines dort niedergelegten
Gedenkkranzes Anfang Juli reagiert.
Sukkurs erhielt Vonäsch umgehend
von der SVP: In der von Liebrand
redaktionell betreuten Parteizeitung
«SVP Kurier» war Simon Ineichen –
ebenfalls aus Willisau – des Lobes
voll für die PNOS, «welche der Luzerner
Justiz unter die Arme greift»,
«das Denkmal zu würdigen weiss und
Ordnung und Sitte wieder hergestellt
sehen will».
Der Walliser Messias
Der grösste Medienrummel war
2010 zweifellos dem Walliser SVP-Nationalrat
Oskar Freysinger gewiss,
der mit seiner Anti-Islam-Haltung
gerne auf Europatournee geht und
sich dabei von seiner rechtsextremen
Zuhörerschaft wie ein Popstar empfangen
und beklatschen lässt.
Am
9. Oktober hielt Freysinger im belgischen
Parlament in Brüssel ein Referat
mit dem Titel «Der Islam – eine
Bedrohung?». Als Türöffner amtete
Filip Dewinter, Präsident der rechtsextremen
Partei Vlaams Belang. Am
18. Dezember war Freysinger Stargast
am Pariser «Kongress gegen die
Islamisierung unserer Völker», zu
dem der französische neofaschistische
Bloc Identitaire geladen hatte.
Er präsentierte sich dem Publikum
als «helvetischer Asterix» und warnte,
dass die «imperialistische Ideologie
des Islam» in Europa auf «eine
geistige und spirituelle Wüste» stosse
und deshalb ein leichtes Spiel habe.
Und der SVP-Lehrer Freysinger hat
fleissige Schüler in seinem Heimatkanton:
Die beiden CO-Präsidenten
der Jungen SVP Unterwallis, Grégory
Logean und Patrice Thomas, nahmen
am 2. November einen
Anschlag auf eine Kirche in Bagdad
zum Anlass, in einer Medienmitteilung
ein «Monitorium für die Einwanderung
von Muslimen, die aus
Ländern kommen, in denen solche
barbarische Akte verübt werden», zu
fordern.
PNOS: Zehnjährige Kontinuität
Die extreme Rechte im engeren Sinne
– PNOS, Naziskin-Subkultur und
der Kreis der Holocaustleugner –
schwächelte auch 2010 und bestätigte
den bereits im Vorjahr diagnostizierten
Trend zur Stagnation. Die im
Jahr 2000 gegründete PNOS kann
für sich zwar reklamieren, seit zehn
Jahren ununterbrochen im Polit-Geschäft
zu sein – eine Kontinuität mit
höchstem Seltenheitswert innerhalb
der Neonazi-Szene. Dennoch machte
die rechtsextreme Partei, deren
harter Kern aus einer Handvoll Aktivistinnen
und Aktivisten besteht, im
Jubiläumsjahr keine besonders gute
Figur. Das sah ihr Vorstandspräsident
Dominic Lüthard freilich zu
Jahresbeginn anders.
Der Gratiszeitung
«20 Minuten» erklärte er vollmundig:
«So stark wie jetzt waren wir
noch nie.» Und: «Wir sind jetzt deutlich
mehr Aktivisten, vor allem junge
Leute interessieren sich für uns.»
Von diesem frischen Wind war spätestens
bei den Grossratswahlen Ende
März nichts mehr zu spüren: Die
Partei war mit zwei Kandidaten
(Dominic Lüthard, Raphael Würgler)
und einer Kandidatin (Denise
Friederich), alle drei wegen Delikten
wie Landfriedensbruch oder Verstoss
gegen die Rassismus-Strafnorm vorbestraft,
in die Wahlen gestiegen, um
sich für eine «konsequente Rückführung
krimineller Ausländer» stark zu
machen.
Offensichtlich rechnete sich
das PNOS-Trio gewisse Chancen
aus, wie die Januar-Ausgabe des Parteiblatts
«Zeitgeist» verrät: «Es steht
ausser Frage, dass es kein Ding der
Unmöglichkeit ist, einen der 160 Sitze
(…) zu erringen.» Der Wahlsonntag,
28. März, brachte ein böses
Erwachen: Die PNOS fuhr eine fette
Wahlschlappe ein. Bloss 1,8 Prozent
(Wahlkreis Oberaargau) bzw. 0,6
Prozent (Wahlkreis Emmental) der
WählerInnen hatten ein Herz für den
«eidgenössischen Sozialismus».
Anfang März – wenige Wochen vor
den Wahlen – machte Lüthard nicht
gerade Werbung in eigener Sache:
Als Sänger der Band «Indiziert» hätte
er, der sich im Wahlkampf auffällig
brav und bieder gab, am rechtsextremen
«No surrender»-Konzert im
Osten Deutschlands auftreten sollen.
Die Polizei machte «Indiziert» einen
dicken Strich durch die Rechnung
und löste den vom internationalen
Neonazi-Netzwerk «Blood &
Honour» organisierten Anlass kurzerhand
auf.
Neues Führungsmodell – unkonventionelles Directmarketing
Am 17. April hat die PNOS in der
Alten Mühle in Langenthal ihre erste
Generalversammlung abgehalten
und sich als Verein konstituiert. Die
rund 30 Anwesenden verabschiedeten
die neuen Statuten, wählten
Dominic Lüthard zum neuen Parteipräsidenten
und Denise Friederich
zu seiner Stellvertreterin. Bislang hatte
ein Bundesvorstand mit drei bis
fünf Mitgliedern die Geschicke der
Partei geleitet – ein offenbar wenig
erfolgreiches Modell. Denn: Durch
die Umstrukturierung erhofft sich die
PNOS, «einen einschlägigen Kurs zu
finden und diesen dann auch geradlinig
zu fahren.»
Bild: Ile de satelite
Im Frühling betrieb die PNOS
zudem unkonventionelles, wenn
auch sehr zielgruppenspezifisches
Mitgliedermarketing: Rund 1000
Schweizer Adressen hat ein Antifa-
Hack gegen den Online-Versand des
deutschen Nazi-Modeherstellers
Thor Steinar an die Öffentlichkeit
gezerrt. 600 von ihnen erhielten
Werbepost von
Dominic Lüthard, inklusive PNOSGadgets
und Einzahlungsschein.
Lüthard suhlte sich danach in Selbstgefälligkeit:
«Die Rückmeldungen
waren enorm. Unser Mediensprecher
hatte Anfrage um Anfrage zu
beantworten – fast ausschliesslich
positive.»
Die PNOS instrumentalisiert den
Tag der Arbeit gerne für ihre Zwecke,
im Berichtsjahr jedoch mit
bescheidenem Erfolg: Ein kleines
Häufchen von PNOS-Aktivisten
machte sich am 1. Mai in Thun daran,
anlässlich der offiziellen Gewerkschaftsdemonstration
Flugblätter zu
verteilen. Die «verhaftungswütige
Thuner Polizei» (Originalton PNOS
Berner-Oberland) stoppte die Provokation
unverzüglich und hielt die
Rechtsextremisten, die ihre Aktion
zuvor auf «Facebook» vollmundig angekündigt hatten, mehrere Stunden
fest. Besser in Szene setzen konnte
sich der Basler PNOS-Sektionspräsident
Philippe Eglin, der am 1. Mai
als Redner an einer NPD-Kundgebung
im bayerischen Schweinfurt
auftrat. Dabei soll er, so der Eintrag
in einem Neonazi-Forum, «für die
Einigkeit zwischen Deutschland,
Österreich und der Schweiz» eingestanden
sein.
Bildung für Naziskins
Ihren hohen Anspruch, als ernsthafte
politische Partei aufzutreten und die
zuweilen bierselige wie gewalttätige
Naziskin-Subkultur zu politisieren,
versucht die PNOS, unter anderem
mit Bildungsveranstaltungen einzulösen.
So auch am 6. Juni: Gemeinsam
mit ihrer Jugendorganisation, der
«Helvetischen Jugend» (HJ), führte
die PNOS-Sektion Berner Oberland
einen «Schulungsnachmittag zu den
Aufgaben und Pflichten eines nationaldenkenken
(sic!) Menschen»
durch.
Der langjährige Berner Neonazi-
Aktivist und Kopf der völkischheidnischen
Avalon-Gemeinschaft,
Adrian Segessenmann, hielt den
rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörern
eine eigentliche Standpauke. Ein
Auszug: «National denken, handeln
und fühlen umfasst mehr als ein
abenteuerreiches Wochenende, der
Konsum von ‚Rechtsrock' oder das
Tragen szenetypischer Kleidung.»
Dasselbe Referat hielt Segessenmann
am 24. Oktober auch an einem
Schulungsnachmittag der PNOSSektion
Schwyz in Goldau.
Seit dem 6. Juni verfügt die PNOS
über ein Infoportal für den Kanton
Zürich, das «die Politik der PNOS in
den bevölkerungsstärksten Kanton
tragen» soll. Verantwortlich zeichnet
Jürg Vollenweider, der, so die
PNOS, «weltanschaulich voll auf der
Linie der Partei politisiert». Mit demselben
Modell – der Vorstufe zur
Sektionsgründung – ist die PNOS seit
November 2009 auch im Kanton
Aargau präsent.
Sempach: Aufmarsch ohne Publikum
Die PNOS nutzt offizielle Schlachtund
Gedenkfeiern gerne als Plattform
für medienwirksame Auftritte.
Der Kanton Luzern beschränkte seine
Festivitäten deshalb am 26. Juni in
Sempach auf einen schlichten Gottesdienst.
«Dieses Trauerspiel» wollte
die PNOS «nicht auch noch durch
ihre Anwesenheit unterstützen» und
rief zu einer «Ersatzveranstaltung»
auf. Rund 200 Neonazis marschierten
am 3. Juli – in totaler Isolation
und bei widrigen Wetterbedingungen
– zum Winkelried-Denkmal, das
wenige Tage zuvor mit roter Farbe
versprayt worden war.
Adrian Segessenmann
hielt eine Ansprache, die
Anwesenden sangen die alte Landeshymne
und legten einen Gedenkkranz
nieder – den linke Aktivistinnen
und Aktivisten noch am selben
Tag entfernten.
Die PNOS antwortete mit einer
erneuten Kranzniederlegung, sekundiert
von der «Kameradschaft Innerschweiz
», die ihrerseits in Sempach
eine Flugblattverteilaktion startete. OTon:
«So nicht. Duldet keine linken
Schandtaten.» Und: Der Vorsitzende
der PNOS Willisau, Michael Vonäsch,
liess sich in einer Medienmitteilung
vom 7. Juli zu einer üblen Drohung
hinreissen (siehe auch oben):
«Wir überlegen uns im nächsten Jahr
eine Sprengfalle an der gestoh -
lenen Sache anzubringen.» Auch kündigte
er an: «Weiter werden Linksaktivisten
in den nächsten Monaten im
Kanton Luzern nichts zu lachen haben.
Sie werden Sippenhaft übernehmen
müssen.» Die Luzerner Strafuntersuchungsbehörden
leiteten daraufhin
eine Voruntersuchung gegen die
PNOS Willisau ein. Tage später stellte
das Amtsstatthalteramt das Verfahren
ein. Begründung: Der Tatbestand
«Schrecken der Bevölkerung» sei
nicht erfüllt.
«Keine gute Prognose» für Eglin
Gerichtstermine waren auch 2010
fester Bestandteil des PNOS-Jahreskalenders.
Am 22. Juli verurteilte das
Strafgericht Basel Philippe Eglin
wegen Widerhandlung gegen die
Rassismus-Strafnorm zu 90 Tagessätzen
à 120 Schweizer Franken.
Eglin hatte im Juni 2009 das Tagebuch
der Anne Frank als «geschichtliche
Lüge» bezeichnet, die zur «Holocaust-
Indoktrination» von Kindern
diene.
Ein knapper Monat vor dem
viel beachteten Prozess war Eglin als
Präsident der PNOS-Sektion Basel
zurückgetreten und hatte dem bisherigen
Kassier Michael Herrmann
Platz gemacht. Ein für die PNOS
typisches Verhaltensmuster: Ihre
Exponenten rücken oft in die zweite
Reihe, sobald sie in ein Strafverfahren
verwickelt sind und damit dem
Parteiimage schaden. Eglin zeigte
sich nach der Gerichtsverhandlung
völlig uneinsichtig. Es sei «traurig für
die Schweizer Eidgenossenschaft,
dass man die freie Meinung unterdrücken
» lasse.
Weitere «bad news» für Philippe
Eglin: Am 25. August schloss ihn der
Jugendrat in Liestal von den Sitzungen
des Baselbieter Jugendparlaments
aus. Begründung: Eglins Verhalten
ausserhalb des Parlaments sei
nicht mit dessen Kodex vereinbar.
Dieser besagt, dass rassistische und
beleidigende Statements in krassen
Fällen auch ausserhalb der Sitzungen
einen Ausschluss rechtfertigen.
«Rufst du mein Vaterland»
In gewohnten Bahnen verlief das
zweite fixe Aufmarschdatum der
PNOS. Gegen 150 Rechtsextreme –
weniger als auch schon – spulten am
8. August auf dem Rütli ihre Version
der Nationalfeier ab und missachteten
einmal mehr die Hausordnung
der Rütlikommission. Die Ingredienzien
der PNOS-Party, zu welcher
dieses Jahr auch der Waldstätterbund
geladen hatte: Patriotische Reden,
patriotisches Liedgut und die
Erneuerung des Rütlischwurs.
Als
Rednerinnen und Redner traten
Dani Herger, Vorsitzender der
PNOS Schwyz und Exponent des
«Waldstätterbund», Roland Renggli,
ehemaliges Mitglied des PNOS-Bundesvorstandes,
Jürg Vollenweider,
der Betreuer des PNOS-Infoportals
Zürich (siehe oben), sowie die PNOSVizepräsidentin
Denise Friederich
auf.
Bild: Fakaofo Island
Kein Aufwand gescheut: Ihr 10-Jahre-
Jubiläum beging die PNOS ganz
offiziell mit einem reich befrachteten
Parteitag am 4. September in Biel.
Die unter anderem vom JSVP-Mann
Anian Liebrand betreute Internetzeitung
«info8.ch» jedenfalls war in
ihrem «Exklusivbericht» hell begeistert:
«Das abwechslungsreiche Programm
liess die gegen 250 anwesenden
nationalen Herzen (aus dem
In- und Ausland, d.A.) höher schlagen.
»
Der Reihe nach traten der
PNOS-Präsident Dominic Lüthard,
Pascal Trost, einst Mitglied der Freiheitspartei
und der SVP und heute
Verantwortlicher des PNOS-Infoportals
Aargau, sowie Robert Faller,
Bundesgeneralsekretär der österreichischen
Nationalen Volkspartei
(NVP) ans Rednerpult.
Für musikalische
Unterhaltung sorgten die süddeutsche
Balladensängerin Tanja
und Frank Rennicke, der bekannteste
rechtsextreme Liedermacher aus
Deutschland und Mitglied der NPD.
Am 1. Oktober sah sich die jubilierende
PNOS bereits wieder in ein
schiefes Licht gerückt: Das Urner
Obergericht bestätigte ein erstinstanzliches
Urteil gegen Markus
Martig, einstiger Exponent der
PNOS Emmental und Hammerskin,
und überband ihm die Verfahrenskosten
von 4900 Schweizer Franken.
Martig hatte in seiner Ansprache an
der PNOS-Feier am 5. August 2007
auf dem Rütli zuerst seinen Vorredner,
den Westschweizer Holocaust-
Leugner Philippe Brennenstuhl,
gelobt und später behauptet, die Rassismus-
Strafnorm sei installiert worden,
«um eine geschichtliche Lüge zu
stützen». Das Landgericht Uri hatte
ihn deswegen am 16. September
2009 zu einer bedingten Geldstrafe
und einer Busse verurteilt – ein Entscheid,
den Martig nun vor Obergericht
vergeblich anfocht.
Mässig erfolgreiche Trittbrettfahrt
Am 9. Oktober machte ein «breit
abgestütztes, überparteiliches Komitee
» (Eigenwerbung) aus PNOS,
Autopartei und Schweizer Demokraten
gegen den geplanten Bau eines
Minaretts in Langenthal mobil – und
versuchte so, aus der aufgeheizten
Stimmung im Oberaargau Profit zu
schlagen: Der Kanton Bern hatte
zuvor grünes Licht für den Bau des
Minaretts gegeben, da die Baubewilligung
noch vor dem Minarettverbot
erteilt worden war.
Die Akteure am
rechten Rand blieben weitgehend
unter sich. Rund 150 Personen,
hauptsächlich Neonazis und Naziskins,
folgten dem Aufruf zur Kundgebung.
Neben PNOS-Chef Dominic
Lüthard wandten sich Markus Borner,
Präsident der Schweizer Demokraten
des Kantons Basel-Stadt,
Autopartei-Exponent Willi Frommenwiler
sowie Pierre Singer, ehemaliges
Mitglied der Freiheitspartei,
per Megafon ans Publikum. Am
Schluss der Kundgebung fegte Lüthard
mit einem Besen unter Applaus
fünf Papierminarette von einem
roten Tablett mit Schweizerkreuz.
Eine Aktion mit juristischem Nachspiel:
Eine Privatperson hat Lüthard
wegen Verstosses gegen die Rassismus-
Strafnorm angezeigt. Die
Begründung: Dessen Handlung stelle
ein Plakat der Nationalen Front aus
den 1930er-Jahren nach, auf dem ein
grosser Besen unter dem Motto «Wir
säubern» Juden, Freimaurer und
Linke aus dem Land wischt. Im Jahr
2003 war bereits die damalige PNOS
Aargau mit einer Adaption dieses
Plakats in den Wahlkampf gestiegen.
Nachtrag Mai 2011: Das Verfahren
wurde in der Zwischenzeit eingestellt.
Zweite Wahlpleite
Auch Dominic Lüthards zweiter Versuch
2010, ein politisches Amt zu
ergattern, war chancenlos: Der angepeilte
Sitz in der Roggwiler Bildungskommission
blieb ihm verwehrt. Der
PNOS-Präsident hatte sich vor den
Wahlen am 31. Oktober – ganz unverfänglich
– als Familienmensch,
Musiker und engagiertes Vereinsmitglied
präsentiert. Die Biedermann-
Masche zog nur mässig: 68 von 2664
Stimmberechtigten warfen eine
unveränderte PNOS-Liste ein, von
anderen Listen erhielt Lüthard 147
Zusatzstimmen.
Gegen 100 Rechtsextremistinnen
und -extremisten beteiligten sich am
13. November an der Schlachtfeier in
Morgarten. Zum Heldengedenken
aufgerufen hatten PNOS und «Waldstätterbund
». Im Schein der Fackeln
ergriffen Daniel Herger, Philippe
Eglin sowie «zwei Kameraden aus
der Urschweiz» das Wort. Der
PNOS-Berichterstatter war nach
vollendeter Eidgenossen-Huldigung
ganz entflammt: «Nicht nur unsere
Fackeln brannten in einer sternklaren
Nacht, sondern auch unsere Herzen
nahmen das Feuer auf, das Feuer für
eine bessere Zukunft!» Das angekündigte
«musikalische Abendprogramm
» in Goldau bestritt die
Rechtsrock-Band «Indiziert» um
Sänger Dominic Lüthard.
Naziskins: Gedenken, schulen, singen
Still geworden ist es – zumindest in
der Schweiz – um die beiden traditionellen
Naziskin-Organisationen
«Hammerskins» und «Blood &
Honour». Markant mehr Aktivitäten
entfalteten hingegen zwei Gruppierungen
aus dem direkten Umfeld der
PNOS: die «Helvetische Jugend»
(HJ) und der «Waldstätterbund». Die
HJ lud am 13. Mai zum «Plauschhornussen
» ins Emmental – 30 Neonazis
frönten dem «urschweizerischen
Mannschaftsspiel» – und am 6. Juni
zum «Schulungsnachmittag» ins Berner
Oberland (siehe oben).
Am
5. September gedachten ein Dutzend
HJ-Aktivisten im Berner Oberland
den «gefallenen Berner Oberländer
Soldaten des Ersten Weltkrieges».
Der «Waldstätterbund» wartete in
der zweiten Jahreshälfte mit einem
bunten Mix aus Gedenkanlässen,
Vorträgen und geselligen Events auf.
Am 3. Oktober führte er bereits zum
dritten Mal in Stans eine «Gedenkfeier
zum Franzosenüberfall von 1798»
durch. Am 11. Dezember veranstaltete
er – ebenfalls im Kanton Nidwalden
– einen Vortrag zum Thema
«Europas Bedrohungen – einst und
heute», am 17. Dezember einen
«Lieder- und Kameradschaftsabend»
in einer Waldhütte bei Küssnacht am
Rigi. Am 30. Dezember unternahmen
Aktivisten des «Waldstätter- bund» einen fünfstündigen «Nachtmarsch
» von Küssnacht am Rigi
nach Sempach – mit Zwischenstation
beim Schlachtfeld von 1386.
Bild: Nauru satellite picture
Das Epizentrum der Westschweizer
Neonazis lag auch 2010 in Genf:
Hier waren es vor allem die «Jeunes
Identitaires Genevois», die sich
immer wieder in Szene zu setzen
wussten. Am 23. Oktober trat ihr
Sprecher, Jean-David Cattin, als
Redner an einer rechtsextremen
Kundgebung in Paris auf. Cattins
Auftritt an der Seine kommt nicht
von ungefähr: Die Gruppierung unterhält
enge Beziehungen zu französischen
Gesinnungsgenossen.
Am 16.
November – im Vorfeld der SVPAusschaffungsinitiative
– befestigten
Mitglieder der «Jeunes Identitaires
Genevois» in der Nähe des Genfer
Justizgebäudes ein Transparent mit
der Aufschrift «Assez de juges laxistes!
Oui aux renvois!».
Erstmals in Erscheinung trat 2010
mit diversen kleinen Aktionen die
national-revolutionäre Gruppierung
«Genève Non Conforme». Zwei Beispiele:
Am 20. Oktober wollte die
rund zwölf Mitglieder zählende Clique
in einer Genfer Altstadtbar eine
«Rock 'n' Roll Party» veranstalten.
Nach Medienberichten und Aufrufen
zu Gegenprotesten wich sie in ein bislang
unbekanntes Lokal aus. Am
4. Dezember rief die Gruppe zu einer
Kundgebung gegen den «Rassismus
der Linken. Gemeinsam für die
Befreiung der Völker» in Genf auf.
Die rund zehn Teilnehmenden wurden
von linken Gegendemonstrantinnen
und -demonstranten erwartet –
und vertrieben.
Rare Rechts-Rock-Konzerte
Nazi-Rockers spielten 2010 – hier
bestätigt sich ein weiterer Trend vom
Vorjahr – nur selten in hiesigen Festsälen
und Mehrzweckhallen auf.
Zumindest die bekannt gewordenen
Konzerte lassen sich an einer Hand
abzählen. Am 16. Januar trat die
Neonazi-Band «Vargr i Veum», die
sich der altgermanischen Musik verschrieben
hat, in ihrem Proberaum
in Kradolf an einer von 70 Personen
besuchten Geburtstagsparty (siehe
unten).
Die Berner Rechts-Rock-
Combo «Indiziert», derzeit mehr mit
Familienleben beschäftigt, brachte es
auf zwei Auftritte: im März in Wangen
an der Aare und am 13. November
in Goldau (siehe oben).
Unter «Ausgewählten Ereignissen»
listet der Nachrichtendienst des Bundes
in seinem Jahresbericht 2010
zudem ein Neonazi-Konzert am
13./14. März in Amriswil auf. Rund
120 bis 150 Personen aus dem
In- und Ausland besuchten den Anlass.
Die Naziskins hatten den Partyraum
unter dem Vorwand gemietet,
ein Geburtstagsfest zu feiern.
Die
rechtsextreme Gruppe «Noie Werte»
schliesslich, die zu den ältesten und
erfolgreichsten Nazi-Rock-Bands
Deutschlands zählt und sich 2010
aufgelöst hat, führt auf ihrer Website
auf, am 23. April in der Schweiz aufgetreten
zu sein.
Ein Lebenszeichen von sich gaben
2010 die Zürcher Rechts-Rocker von
«Amok»: Sie veröffentlichten im
Herbst ihren Zweitling «Kraft aus
dem Herzen». Produziert wurde das
Album, das mit «Für Blut und Boden
» auch eine Ehrung für das Naziskin-
Netzwerk «Blood & Honour»
enthält, von HRD Records aus
Roggwil.
Das Lied «Rücken für Rükken
» spielte «Amok» gemeinsam mit
«Indiziert» ein. Zuvor, am 2. Juni,
hatte das Amtsstatthalteramt Luzern
die vier 22- bis 29-jährigen Band-
Mitglieder wegen Drohung, öffentlicher
Aufforderung zu Verbrechen
oder Gewalttätigkeit und Rassendiskriminierung
mit hohen Geldbussen
verurteilt. Grund: Auf ihrem 2007
erschienenen Album «Verbotene
Wahrheit» hatten sie den Rechtsextremismus-
Experten Hans Stutz
beschimpft und bedroht und auch
den Holocaust geleugnet.
Erfolgreich etabliert hat sich der im
Berner Oberland beheimatete
Online-Musikversand «Holy War
Records», der laut Eigenwerbung
«Musik gegen den Zeitgeist» feilbietet.
Das breite Angebot – von Rechts-
Rock (Rock against Communism,
RAC) über Hard-Core bis zu National
Socialist Black Metal (NSBM) –
stösst offensichtlich auf eine hohe
Nachfrage. Viele der angebotenen
CD-Titel sind ausverkauft.
Wenig
aufschlussreich ist der Blick ins Impressum
des Versandes: Dort sind ein
– bislang unbekannter – «Verein
Meinungs- und Redefreiheit in
Kunst und Medien» und der PNOSAktivist
Marcel Gafner – bloss als
Strohmann? – aufgeführt, als Kontaktadresse
fungiert ein Postfach in
Brienz. «Holy War Records» ist fester
Bestandteil der Oberländer Neonazistrukturen.
So trug der Musikversand
die Kosten des PNOS-Schulungsnachmittags
am 6. Juni (siehe
oben). Auch vertreibt er die deutsche
Nazi-Rap-Aktions-CD «Sprechgesang
zum Untergang», die PNOSund
HJ-Aktivisten seit letztem Herbst
unter die Leute bringen.
Licht aus bei Nazi-Treffs
Treffpunkte und Versammlungslokale
spielen eine eminent wichtige Rolle
bei der Bildung und Entwicklung
von Nazi-Subkulturen. Im Jahr 2010
mussten gleich drei Neonazi-Projekte
dichtmachen – zum Teil auch dank
antifaschistischer Kampagnenarbeit.
Ende Februar schlossen die Langenthaler
Behörden den Neonazi-Treff
«RAC-Café» auf dem Areal der ehemaligen
Porzellanfabrik.
Das von der
PNOS und Umfeld betriebene Lokal
hatte monatelang viel rechtsextremes
Party-Publikum angezogen und war
auch zum Politikum mutiert – die
Nachbarn hatten sich wiederholt
über den nächtlichen Lärm beklagt.
Bis Ende März musste die Thurgauer
Band «Vargr i Veum» ihren Probe-
und Clubraum in einer ehemaligen
Teigwarenfabrik in Kradolf verlassen.
Die rechtsextremen Musiker
hatten das Lokal seit über sieben Jahren
gemietet. Mehrere grössere Partys
mit Gästen aus dem In- und Ausland
brachten das Fass nun zum
Überlaufen.
Dazu der Vermieter im
«St. Galler Tagblatt»: «Nach den
Treffen hatten wir die Gemeindebehörde
am Hals. Zudem sind solche
Mieter und die Schlagzeilen in den
Medien eine negative Publicity für
unsere Gewerbe- und Wohnliegenschaft.
»
Eine Premiere: Mit der «Royal Aces
Tattoo-Bar» öffnete Mitte Mai in
Burgdorf der erste öffentliche Treffpunkt
für Neonazis in der Schweiz.
Die Fangemeinde der Bar auf «Facebook
» sprach Bände: Neben Adrian
Segessenmann, Cédric Rohrbach,
Schlagzeuger bei «Indiziert», oder
Michael Herrmann, Präsident der
PNOS-Sektion Basel, zählte auch das
PNOS-Führungsduo Dominic Lüthard
und Denise Friederich zum
Freundeskreis. Sophie Güntensperger,
die damalige Freundin des langjährigen
Burgdorfer Naziskins Reto
Siegenthaler führte das Lokal, dem
auch ein Tattoo-Studio – betrieben
vom Rechtsextremisten Christian
Riegel – angeschlossen war.
Zwei
Monaten nach der Eröffnung war
der Spuk bereits wieder vorbei: Nach
einer hartnäckigen antifaschistischen
Gegenkampagne und zwei direkten
Aktionen schlossen die Behörden das
Lokal aus Sicherheitsgründen. Am
19. Oktober wurde gegen Sophie
Güntensperger der Konkurs eröffnet.
Seit Anfang September lockt in
Kleinbasel der auf Streetwear und
Kampfsportartikel spezialisierte
Shop «Power Zone» rechtsextreme
Kundschaft an: Mit «Thor Steinar»
und «Pro Violence» hat er gleich
zwei Nazi-Kleidermarken im Sortiment.
Trotz teils militanter Gegenproteste
halten die beiden Shop-Inhaber
Benjamin Winzeler und
Lorenzo Zanolari weiterhin an ihrem
Angebot fest.
«Bist du ein Nazifeind?»
Auch 2010 zog die rechtsextreme
Szene mit Übergriffen, Spray-Aktionen
und Wehrsportübungen die Blikke
auf sich. Allerdings zählte der
Nachrichtendienst des Bundes im
Berichtsjahr nur 13 Fälle rechtsextremistisch
motivierter Gewalt – ein
langjähriger Tiefststand. Zwei Angriffe
von erschreckender Brutalität
trugen sich gleich zu Jahresbeginn
zu: Am 23. Januar schlugen drei
rechtsextreme Hooligans in einem
Berner Pub zwei andere Gäste
zusammen – diese mussten in Spitalpflege
gebracht werden.
Bei zwei Beteiligten
nahm die Polizei Hausdurchsuchungen
vor und stellte Waffen
und Munition sicher. Mehrere
vermummte Nazi-Skins verprügelten
am 30. Januar am «Lismerball» in
Schwanden GL einen 20-Jährigen,
sie hatten ihn zuvor mit «Bist du ein
Nazifeind?» angesprochen. Das
Opfer musste mit Gesichtsverletzungen
und einer Riss-Quetschwunde
am Augen-Oberlid ins Universitätsspital
Zürich eingeliefert werden. Auf
«YouTube» feierte sich der rechtsextreme
Klüngel selbstbewusst als
«Division Glarnerland – Combat 18»
– «Combat 18» war in den 1990er-
Jahren als bewaffneter Arm des Neonazi-
Netzwerks «Blood & Honour»
bekannt geworden. Das Filmchen –
der Urheber hat es mittlerweile wieder
von der Plattform entfernt – enthielt
reichlich Nazi-Symbolik und
war mit einem Song der deutschen
Nazi-Rock-Band «Landser» untermalt.
Am 1. März kam es in Basel zu einem
Übergriff an einem dunkelhäutigen
Ausländer. Das Opfer der Aggression
wurde erheblich verletzt und musste
hospitalisiert werden. Mindestens
einer der beiden Angreifer ist ein polizeilich
bekannter Rechtsextremist.
Mitte Oktober schlugen Nazi-Skins
in der St. Galler Metzgergasse mit
Fäusten grundlos auf mehrere
Schwarze ein, die in der Bar neben
ihrem Stammlokal verkehrten.
Bild: Lanai Island
Die
Schlägerei, bei der auch die Eingangstüre
der Bar zertrümmert wurde,
war der traurige Höhepunkt eines
wochenlang schwelenden Konflikts.
Am 2. November griffen mehrere
Neonazis in Genf drei Personen an,
die am Rande eines Streitgesprächs
zwischen Flavio Pelli und Christoph
Blocher gegen die SVP-Ausschaffungsinitiative
demonstrierten. Die
Polizei nahm zwei Angreifer fest.
Relativ hoch war 2010 die Anzahl
der publik gewordenen Sprayereien.
Anfang Mai verübten Neonazis einen
Spray-Anschlag auf die neue mazedonisch-
orthodoxe Kirche in Triengen.
Sie brachten Hakenkreuze und
einschlägige Zahlencodes an, einmal
die Zahl «88» (steht für «Heil Hitler
»), einmal «848» («Heil Dir Helvetia
»). Auch demolierte die Täterschaft
das automatische Fensteröffnungssystem
der Kirche.
Am
16. Oktober sprühten Unbekannte
an diversen Orten in der Briger
Innenstadt «Nigger» und «Sieg
Heil». Mitte Dezember hinterliessen
Gesinnungsgenossen in Moosleerau
ihre Spuren: Sie verschmierten eine
Bushaltestelle und deren Umgebung
mit Zeichen und Parolen, darunter
auch mit Hakenkreuzen. Über die
Festtage schliesslich drangen rechtsextreme
Jugendliche in eine Liegenschaft
in Meisterschwanden ein: Sie
beschädigten Fensterschieben und
hinterliessen Sprayereien: die
Inschrift «NSDAP», ein Hakenkreuz
und die Waffen-SS-Runen.
Die Affinität der Neonazis zu Waffen
und Kampfsport manifestiert sich
immer wieder auch in Wehrsportübungen
und Kampftrainings.
Am
25. April beispielsweise spielten in
einem Kieswerk im Kanton St. Gallen
neun Rechtsextreme Softair.
Dabei kämpften mit Druckluftwaffen
ausgerüstete Teams nach militärischen
Szenarien gegeneinander.
Holocaust-Leugner: Fleissige Editoren
In die Jahre gekommen: Dem kleinen
Kreis der Schweizer Holocaust-
Leugner ist es zuletzt kaum gelungen,
sich zu erneuern. Einige der zentralen
Figuren dürften bald das Zeitliche
segnen – der Lausanner Publizist
Gaston-Armand Amaudruz etwa feierte
2010 seinen 90. Geburtstag –
und damit ihre kruden Theorien mit
ins Grab nehmen. Weiterhin gibt die
Szene emsig und regelmässig Periodica
und Schriften heraus: den «Courrier
du Contintent» (Gaston-Armand
Amaudruz) beispielsweise, «Le pamphlet
» (Claude und Mariette
Paschoud) oder auch «Recht + Freiheit
» (Ernst Indlekofer).
Es ist ein
Wirken im Stillen – die Publikationen
erreichen nur ein eng begrenztes
Publikum.
Wider den «american way of life»:
Ein neues Betätigungsfeld schuf sich
im Berichtsjahr Bernhard Schaub als
Mitbegründer der «Europäischen
Aktion». Die «Bewegung für ein freies
Europa» mit Zentralsekretariat in
Regensdorf und «Stützpunkten» in
diversen Ländern will «die US-hörige
EU durch eine Europäische Eidgenossenschaft
ersetzen, die Europa
wieder zum handelnden Subjekt statt
zum Spielball der Weltpolitik machen
wird». Reichlich Ärger hatte
Schaub 2010 privat: Die Freie Waldorfschule
Schopfheim schloss im
November seine beiden Kinder Sigurd
und Solveig fristlos vom Unterricht
aus.
In einem offenen Brief
verlor Schaub die Contenance,
er betitelte die anthroposophischen
Schulleiter unter anderem als «linksalternatives
kryptomarxistisches
Pack».
Problematischer Gast: Ende Juni
hielt sich der britische Bischof und
Holocaust-Leugner Richard Williamson
im Unterwallis auf.
Er nahm
im Weiler Ecône an Priesterweihen
der erzkonservativen Pius-Bruderschaft
teil. Gegenüber einem schwedischen
Fernsehsender hatte Williamson
2008 den Massenmord an
den Jüdinnen und Juden während
der NS-Diktatur stark relativiert:
«Ich glaube, es gab keine Gaskammern.
» Das deutsche Amtsgericht
Regensburg hatte ihn deswegen zu
einer Busse von 10'000 Euro verurteilt.
Antifa Bern


