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Zürich: Pinke Strick-Ins und eine antikapitalistische Feministin im Kaufleuten | Untergrund-Blättle

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Potentiale und Herausforderungen Pinke Strick-Ins und eine antikapitalistische Feministin im Kaufleuten

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Innerhalb von zehn Tagen fanden in Zürich gleich drei Frauen*demonstrationen statt. Wenngleich sich diese in ihrem Protestcharakter, den Inhalten sowie der Teilnehmer*innenzahl erheblich unterschieden – Zürich erlebte einen feministischen Frühlingsbeginn!

Women’s March in den USA, Januar 2017.
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Bild: Women's March in den USA, Januar 2017. / voa (PD)

10. April 2017

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Was nach diesem März bleibt, ist die Herausforderung, die freigesetzten Energien zu konsolidieren und die Solidarität zwischen den feministischen Bewegungen zu stärken.

Am Abend des internationalen Frauenkampftages, dem 8. März, nahmen sich 250 Demonstrantinnen im Kreis 4 die Strasse. Am darauffolgenden Samstagnachmittag (11.3.) folgten 1500 Frauen* dem Aufruf des 8. März Frauen*bündnis zur alljährlichen Demonstration zum Frauenkampftag. Und schon eine Woche später, am 18. März, fand der Women’s March mit 15.000 Teilnehmer*innen statt. Die Grössenunterschiede der drei Demonstrationen regen zu Gedanken bezüglich Inhalten und Mobilisierungsmöglichkeiten feministischer Proteste an.

Alleine der Mobilisierungserfolg des Women’s March zeigt deutlich, dass Frauen in der Schweiz nicht länger auf ihre Gleichberechtigung warten mögen, sondern heute Veränderungen einfordern. Die Forderungen trugen die Teilnehmer*innen des Women’s March denn auch auf Transparenten, Plakaten oder direkt auf ihrer Kleidung. Auch der medial ausgiebig diskutierte pinke Pussyhat schützte viele Köpfe vor dem Regen an diesem Samstag. Häufige Forderungen waren jene nach Lohngleichheit oder einer Gesellschaft frei von Sexismus, Rassismus und Gewalt an Frauen.

Verschiedentlich waren auch englische Parolen zu lesen, die an den Ursprung des Women’s March in den USA im Januar dieses Jahres erinnerten. So stand da als Reaktion auf den Amtsantritt Donald Trumps etwa: „Girls just wanna have FUNdamental human rights“ oder „Nasty women unite“. Das Erstarken rechtskonservativer Kräfte in den USA und Europa und die damit verbundene Angst, mühsam erkämpfte Frauenrechte zu verlieren, trug sicherlich zum massenhaften Erscheinen am Women’s March bei. Ebenfalls konnte sich der Begriff des Feminismus in den letzten Jahren merklich von seiner diskreditierenden Verwendung für scheinbar nervende, männerhassende und übermässig fordernde Frauen abheben. Heute ist Feminismus wieder hip und gehört zum guten Ton. Passend dazu vermarktet das Modehaus Dior ein „We should all be feminists“-T-Shirt, Stars und Sternchen bekennen sich als Feministinnen und auch das Stricken ist jetzt eine Protestform – ob im trauten Heim oder auf dem Bundesplatz („Strick-In“). Die Pussyhat-Selfies werden anschliessend stolz im Internet präsentiert.

Eine Frage drängt sich aber auf: Wen kümmert’s? Pink strickende und feministisch konsumierende Frauen stören kaum jemanden. Auch der Umzug vom Samstagnachmittag kann gerade noch in den Freiraum eingeordnet werden, den eine patriarchale Gesellschaft Frauen zugestehen kann. Ebenfalls werden weder der mediale Hype um die Pussyhats noch die ungewöhnlich ausführliche Berichterstattung im Vorfeld und Anschluss an den Women’s March massgeblich zur Befreiung der Frauen beitragen.

Patriarchales Desinteresse und journalistischer Stumpfsinn

Keine oder eine herablassende mediale Aufmerksamkeit erhielten im Gegensatz zum Women’s March die Frauen*demonstrationen am 8. und 11. März. So meinte die NZZ etwa, die „unvermeidlichen Sprayereien“ hervorheben zu müssen und informierte die Leserschaft auch über das eminent wichtige Detail, dass sich während der Demo „eine Biene, männlich“ auf den Notizblock des Reporters setzte. Der Blick wiederum wusste von „jammernden Demonstrantinnen“ zu berichten, die Sachschaden verursachten und empörte sich über „randalierende Stillmütter“. Letztere Bezeichnung ist als eine Anwendung des altbekannten patriarchalen Narrativs der Rabenmutter zu verstehen: Lieber protestiert die feministische Mutter draussen auf der Strasse, als dass sie zu Hause ihre Kinder versorgt.

Die mediale Ignoranz wiederum mag erstaunen, denn die Beteiligung am 11. März fiel grösser aus als in früheren Jahren. Zudem zeigte sich die Frauen*demonstration, für die bewusst keine Bewilligung ersucht worden war, äusserst laut und kämpferisch. Auch inhaltlich hätte einiges Lesenswertes in die Spalten der Zeitungen gelangen können. Aber diese Inhalte freilich, also der Kampf um die Abschaffung von Kapitalismus, Staat und Patriarchat, werden von den bürgerlichen Medien vornehmlich als extremistisch oder als verstaubte feministische Überbleibsel aus den 1970er Jahren klassifiziert. Diese Beurteilung zeichnet sich nicht nur durch die Unkenntnis der Geschichte des Feminismus, sondern ebenfalls durch das Unvermögen aus, frühere wie heutige Forderungen nach der Gleichberechtigung der Geschlechter in einem grösseren gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext zu denken.

Teilforderungen verweisen auf das grosse Ganze

Schon früh wurden Forderungen nach Frauenrechten entlang von Kategorisierungen wie der Klasse, der Sexualität oder der Herkunft formuliert. So war der Kampf um das Frauenwahlrecht im Westen mehrheitlich ein bürgerlicher Kampf um das sogenannt „beschränkte Frauenwahlrecht“, welches nur für Bürgersfrauen, nicht aber für Proletarierinnen gelten sollte. Während für einige Frauen die politische Partizipation im Vordergrund stand, kämpften andere für ein Recht auf Arbeit, wieder andere gegen Zwangsarbeit und viele für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Auch in Bezug auf die reproduktive Selbstbestimmung unterschieden sich die Forderungen.

Frauen kämpf(t)en sowohl für das Recht auf Abtreibung, als auch gegen Zwangssterilisierungen. Diese unterschiedlichen Interessen veranschaulichen, weshalb die Möglichkeit der Solidarität seit jeher eine zentrale Herausforderung für Frauenbewegungen darstellt. Um jedoch eine Fragmentierung und Schwächung der Frauenbewegungen zu überwinden, müssen die Kategorisierungen in ihrem Kontext verstanden werden. Die Differenzierungen und Hierarchisierungen von Frauen fussen in der unterschiedlichen Teilhabe an und in der Reproduktion von Staat, Kapital und patriarchalen Herrschaftsstrukturen und führen so zu Privilegien für die einen und zu Unterdrückungen für die anderen.

Deshalb sind die Forderungen nach Lohngleichheit, sicherer Rente oder Entlohnung von Care-Arbeit wichtig und legitim, doch stellen diese Teilkämpfe dar, die sich an einigen spezifischen weiblichen Lebenslagen orientieren. Wenn aber diese Teilkämpfe nicht in einer grösseren, antikapitalistischen Perspektive eingebettet sind, bleiben sie Symptombekämpfung. Denn die Ökonomie eines kapitalistisch-patriarchalen Staates gründet auf und nährt sich wesentlich aus sexistischer und rassistischer Ausbeutung.

„Feminism as a threat“

Ein antikapitalistischer und antinationaler Feminismus ist demnach die konsequente Schlussfolgerung der Anerkennung von intersektionalen Unterdrückungsformen. Eine tiefergreifende Befreiung der Frauen und endlich aller Menschen kann deshalb nur in einem ständigen Kampf gegen jegliche strukturellen Hierarchisierungen erfolgen. Feminismus ist weder Etikett noch Teilkampf. Feminismus bedeutet die radikale Umwälzung der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse und ist somit eine Bedrohung für die herrschenden Kräfte.

Dass dieses Verständnis von Feminismus als Bedrohung wahrgenommen wird, zeigte auch die massive polizeiliche Repression und die bewusste Fehlinformierung durch die selbige wie sie am 8. März im Zusammenhang mit der abendlichen Frauendemonstration durchgeführt wurde. So ist die Stadtpolizei Zürich weder „mit Böllern und Petarden angegriffen“ worden, wie diese in einer Medienmitteilung schrieb, noch wurden nach der Einkesselung der Demonstrantinnen „vorwiegend Frauen“ kontrolliert – es wurden ausschliesslich Frauen kontrolliert.

Die strategische Unterschlagung der Information (die von den Medien so übernommen wurde), dass es sich nur um Frauen handelte, verschleiert die Tragweite der polizeilichen Aktion: Nämlich die polizeiliche Unterdrückung einer Frauendemonstration am internationalen Frauenkampftag! Ironie des Abends: Während die Demonstrantinnen an der Lagerstrasse stundenlang durch die Polizei mittels Pfefferspray in Schach gehalten wurden, fand im Kaufleuten ein Podiumsgespräch mit der britischen Feministin Laurie Penny statt. Penny versteht ihren Feminismus dezidiert antikapitalistisch und revolutionär. Der Anlass wurde folgendermassen angekündigt: „Wenn man wissen will, wie feministischer Aktivismus heute geht, muss man Laurie Penny fragen.“

Potentiale und Herausforderungen

Es geht hier nicht darum, den Women’s March oder gewisse Feminismen herabzusetzen. Angesichts der Teilnehmer*innenzahl am Women’s March muss von unterschiedlichsten Interessen und Verständnissen von Feminismus ausgegangen werden, was sich auch in den heterogenen Parolen – von der Forderung nach mehr Liebe und Solidarität bis zur Abschaffung des Kapitals – manifestierte. Diese inhaltliche Heterogenität kann als beliebig und wenig zielführend abgetan werden, gleichzeitig ist diese Vielfalt aber auch Ausdruck eines inklusiven Protestmarschs, der sich offensichtlich über eine niedrige Hemmschwelle zur Teilnahme auszeichnete.

Die Tatsache, dass die Aufschreie, die Empörung und die Wut am 18. März von tausenden von Frauen vom privaten Raum hinaus auf die Strasse getragen wurden, ist anzuerkennen und beeindruckend. Die beiden 18-jährigen Initiantinnen haben (mit Unterstützung von Gewerkschaften und NGOs) mit dem Women’s March die Grundlage für ein potentielles Politisierungsmoment geschaffen. Frauen und Männer, die vorher noch nie an einer Demonstration (für Frauenrechte) teilnahmen, haben sich auf der Strasse solidarisiert, vernetzt und an Selbstbewusstsein gewonnen. Und genau hier liegt das grösste Potential des Women’s March.

Die Herausforderung feministischer Bewegungen besteht nun darin, die Zusammenhänge der angeblich heterogenen oder gar widersprüchlichen Forderungen des „verstaubten“ sowie des „modernen“ Feminismus sichtbar und verständlich offenzulegen. In einem solchen Prozess könnten die Positionen des revolutionären Feminismus gestärkt werden. Dass die praktischen Handlungs- und Widerstandsstrategien dabei durchaus divers ausfallen können, ist hinsichtlich einer grösstmöglichen Partizipation zielführend.

B. Virginia / ajour-mag.ch

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