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Mein Katalonien | Untergrund-Blättle

Datum

5. Dezember 2017, 09:55 Uhr

Politik

Schlaglichter auf meine Erfahrungen mit dem katalanischen Nationalismus Mein Katalonien

Politik

Der Nationalismus in Katalonien ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass sich das Konzept der Nation nicht beliebig umdeuten oder mit emanzipatorischem Inhalt füllen lässt.

Demonstration gegen die PolizeiBrutalität am Referendumstag in Barcelona, Oktober 2017.
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Bild: Demonstration gegen die Polizei-Brutalität am Referendumstag in Barcelona, Oktober 2017. / Dvdgmz (PD)

5. Dezember 2017

5. Dez. 2017

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1.

Sommer 2002: Ich bin zum ersten Mal allein und für längere Zeit in Barcelona. An einem Zeitungskiosk im Barri Gotic, dem "gotischen Viertel" der Altstadt, lasse ich mir die spanische und katalanische Presselandschaft skizzieren. Die ergraute, faltenreiche Verkäuferin nimmt sich rührend viel Zeit für den Neuankömmling: Eine Zeitung nach der anderen nimmt sie vom Stapel oder zupft sie aus dem Ständer, hält sie sich wie eine Zeugin Jehovas vor den Bauch, nennt die politische Zugehörigkeit und erklärt die wichtigsten Eigenheiten. Andere Kundinnen und Kunden, wiewohl dünn gesät, beachtet sie gar nicht. El País, El mundo, El público...und dann kommt La Vanguardia, die grosse katalanische Tageszeitung. "Es Pujol...es Pujol" ["Das ist Pujol"], brummt sie knapp und wirft die Zeitung auf den Stapel. Jordi Pujol, seit einer gefühlten Ewigkeit der Präsident der Generalitat, des katalanischen Regionalparlaments, hat also ein eigenes Sprachrohr.

Was das bedeutet, erfahre ich in den nächsten Wochen und Monaten: Wann immer Pujol öffentlich verdächtigt wird, in unlautere Baugeschäfte und Korruption verstrickt zu sein - und das geschieht zu dieser Zeit mit erschreckender Regelmässigkeit - bläst La Vanguardia zum Sturm auf den spanischen Zentralstaat. Solche Verdächtigungen, heisst es in wuchtigen Lettern, hätten allein zum Ziel, die katalanische Autonomie zu untergraben und die katalanische Kultur mit Füssen zu treten. Innerhalb kürzester Zeit versammeln sich erboste Patriotinnen und Patrioten auf den Strassen, recken Fäuste, schwenken katalanische Fahnen, brüllen anti-spanische Parolen und bringen den Verkehr zum erliegen. Meist verlaufen die Anschuldigungen dann lautlos im Sande, und die katalanischen Eliten, Pujol vorneweg, können weiter ungestört ihren Geschäften nachgehen. Die gängigen Übel des Kapitalismus, denke ich staunend, während meine Augen dem Demonstrationszug folgen, scheint es in Katalonien gar nicht zu geben. Hier kommen sie immer aus Spanien. Oder sind eben erfunden. Einfach nur frei erfunden.

2.

Während meiner ersten Monate in Barcelona lebt in der Calle Comtal, einer winzigen, kaum 60 Meter langen Gasse im Barri Gotic, ein Mensch in einem Pappkarton. Ich fühle mich jedesmal furchtbar, wenn ich an seinen ausgestreckten Füssen vorbei zur Arbeit gehen muss. Er trägt eine elegante, rote Windjacke, hat selbst noch im Schlaf eine schicke Baseball-Kappe auf dem Kopf, und dazu einen damals noch gar nicht modischen, gut gestutzten Vollbart. Läge er nicht in einem Pappkarton, sondern stünde, sagen wir, mit einer Zigarette im Mund an der Plaça de Catalunya: Kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, er könnte irgendetwas anderes sein als ein gut verdienender Büroangestellter, oder vielleicht Verkäufer in einer der schicken Modeboutiquen der Nachbarschaft.

Möglicherweise ist er sogar eines von beidem. Nur, dass er sich in Barcelona von seinem Lohn eben keine Wohnung leisten kann. Als ich zwei Jahre später wiederkehre, drängeln sich allein in der Calle Comtal mindestens zehn Pappkartons aneinander. Und als ich ein paar Schritte weiter in den alten Stadtgraben rund um die Altstadt schaue, meine ich, ein neu errichtetes Viertel aus Karton, Zeitungspapier und Plastiktüten zu sehen: Dutzende von Menschen übernachten hier, eingerollt in alles, was ihnen ein bisschen Wärme oder Regenschutz verschafft. Einige liegen sogar im Anzug mit an sich gedrückter Aktentasche unter alten Zeitungen. Barcelona ist ein Albtraum an neoliberaler Verwüstung, und Heimat der vielleicht kriminellsten und korruptesten Bau- und Immobilienwirtschaft des Landes. Aber die gängigen Übel des Kapitalismus gibt es in Katalonien ja nicht. Hier kommen sie immer aus Spanien. Oder sind eben erfunden. Einfach nur frei erfunden.

An die grosse Finanzkrise von 2008/2009 denkt zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch.

3.

Ich habe ein wenig Katalanisch gelernt, möchte es testen und gewähre meinen geliebten Zeitungskiosken das linguistische Erstversuchsrecht: In der Nähe des schönen Parks der alten Zitadelle nehme ich an einem Stand, an dem kurz zuvor noch angeregt in der Landessprache geplaudert wurde, mein Herz in beide Hände und frage auf Katalanisch, ob ich eine bestimmte Zeitschrift haben könne. Mich trifft ein alles andere als wohlwollender Blick. Dann kommt die Antwort: Auf Spanisch. Ich bekomme meine Zeitschrift, bin aber zutiefst verunsichert: Habe ich etwas Falsches gesagt? Zuhause hocke ich mit zerrauften Haaren über meiner katalanischen Grammatik und einem Wörterbuch. Nein, ich habe nicht aus Versehen etwas Unhöfliches oder Unanständiges gesagt.

Nicht einmal der Satzbau war falsch. So furchtbar schwer ist das Katalanische auch gar nicht. Wer Französisch kann, dazu Spanisch, und sich an die Reste seines Schullateins erinnert, kann die Sprache zumindest lesen und verstehen. Ich beschliesse, mein Glück anderntags in einem anderen Viertel der Stadt zu versuchen. Es wird derselbe Misserfolg. Und dieses Erlebnis wiederholt sich, Tag für Tag: Ich beginne das Gespräch in einem sich (meiner Meinung nach) stetig verbessernden Katalanisch, werde böse angeguckt und dann auf Spanisch abgefertigt. Ein Verkäufer knurrt mich sogar auf Englisch an. Da begreife ich: Ich habe als Deutscher gar kein Recht, Katalanisch zu sprechen. Dieses Recht kommt allein den gebürtigen Katalaninnen und Katalanen zu. Sprache ist hier exklusiver Besitz des Vaterlands, und keine fremde Zunge hat sie zu verunreinigen und zu verunzieren. Wer sie unberufen spricht, der stiehlt.

4.

Ich mache einen kleinen Spaziergang zum Meer, durch das ehemalige Fischerviertel Barceloneta am Nordrand des grossen Hafenbeckens. Hier gab es früher grosse Webereien und Textilfabriken, hier hatte die anarchosyndikalistische Massengewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) [‚Nationale Konföderation der Arbeit'] eine ihrer kampfstärksten Bastionen. Wer von der Hauptstrasse an der alten Mole beim Museum für katalanische Geschichte abbiegt, kann noch Reste aus dieser Zeit erkennen: verlassene, zu Werkstätten oder alternativen Kulturzentren umfunktionierte Werkshallen, gedrungene, bucklige Dächer, schmale Gassen und lange, wettergegerbte Ziegelmauern. Plötzlich, nach einer Kehre, stehe ich vor einem Graffito. Meterhoch hat jemand auf Katalanisch mit dickem Pinsel und weisser Farbe an die Wand geschrieben: "Andalusier sind schlimmer als Juden!". Rüde werde ich aus meinen proletarischen Träumen gerissen. Tatsächlich kann ich sie kaum noch zählen, all die Katalaninnen und Katalanen, die mir freundlich weismachen wollen, sie hätten nichts gegen Fremde, Franco jedoch hätte die Andalusier als Kriegswaffe gegen ihre Nation eingesetzt.

Er hätte die Massenmigration aus dem verarmten Süden in den industrialisierten Norden systematisch gefördert, um die nationale Identität Kataloniens zu verwässern: eine Art binnenländischer Kolonialismus. Deswegen sei man natürlich überhaupt nicht rassistisch, aber mit diesen Andalusiern...nun ja. Solchem Gerede liegen zwei sich bedingende Annahmen zu Grunde: Zum einen die Überzeugung, dass nur Katalaninnen und Katalanen natürliche Trägerinnen und Träger katalanischer Kultur sein können. Und zum anderen, dass diese Katalaninnen und Katalanen eine Art Volkskörper bilden, der sich gegen Verseuchungen und Schädigungen durch fremde ‚Menschen-Keime' zu schützen habe. Wie diese ungehobelten Andalusier zum Beispiel, oder heutzutage eben Geflüchtete aus nicht-europäischen Ländern. Die CNT besetzte übrigens während der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in Barcelona systematisch wichtige Leitungsfunktionen mit Arbeitsmigranten aus Andalusien, um der schon damals grassierenden Feindseligkeit (auch) in der Arbeiterschaft entgegenzuwirken. Da dachte noch niemand an Franco. "Wie kommt es eigentlich, dass der katalanische Nationalismus in weiten Teilen der Welt noch immer als ‚links' wahrgenommen wird?", frage ich verbittert die Wand und schreite hastig weiter zum Meer, um das hässliche Gefühl abzuwaschen, das sich unaufhaltsam in mir breit macht.

5.

Ich bin auf dem Weg einen der grossen Boulevards hinauf, zu einem anarchistischen Infoladen. Als eine erkennbar linksalternativ angehauchte junge Dame mir von der gegenüberliegenden Strassenseite ein: "¡Hola guapo!" ["Hallo, Hübscher!"] herüberruft, werde ich rot. So wenig verstehe ich zu dieser Zeit von den Gepflogenheiten des Landes. ‚Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht hübsch bin. Als ich ankomme, ist der Laden geschlossen. In der Glastür hängt ein kleines, schwarz-weisses Plakat: Links ein besonders abstossendes Foto des ehemaligen Diktators Francisco Franco, mit riesiger Militärmütze und umgeben von Waffenbrüdern in protzigen Uniformen. Dann in der Mitte ein Gleichheitszeichen. Und dann rechts ein Foto des aktuellen Königs von Spanien, Juan Carlos de Borbón y Borbón, ebenfalls in Uniform und mit riesiger Mütze. Darunter steht: "Spanien bleibt ewig Spanien. Für ein freies, linkes Katalonien!". Ich bin ein wenig verwundert: War es nicht Juan Carlos, der in Katalonien eine bis dahin nie gekannte Begeisterung für die spanische Monarchie auslöste, als er, kaum zwei Jahre nach Francos Tod, den grossen alten Mann der Generalitat, Herrn Tarandellas, vor laufenden Kameras auf Katalanisch begrüsste?

Der später sogar einen Teil seiner Rede auf Katalanisch hielt, die katalanische Kultur würdigte und ein baldiges Ende der kulturalistischen Repression versprach? Und der dieses Versprechen auch hielt? Juan Carlos, das repräsentative Oberhaupt eines Staates, der in seiner Verfassung von 1978 den Regionen mehr Autonomierechte zubilligte als irgendwo sonst in Europa? All dies tut nichts zur Sache: Wer sich in Barcelona in linken, gar linksradikalen Kreisen bewegt, muss sich bewusst machen, dass Anarchismus und Nationalismus hier kein Widerspruch sein müssen. Als am 3. Oktober 2017 schwarze und schwarz-rote Fahnen en masse neben katalanischen durch die Strassen wehen [siehe Titelfoto GWR 423], bin ich nicht überrascht. Katalanische Genossinnen und Genossen haben dem National-Anarchismus schon vor langer Zeit in Barcelona eine feste Burg gebaut. Selbst ein katalanischer Nationalstaat erscheint vielen nicht als grundsätzlich ablehnenswert.

6.

Hoch geht es her an diesem Abend am Passeig de Pujades. Mit der Rückseite zu den Museen für Zoologie und Geologie ist eine Bühne aufgebaut, und eine Reihe von Bands heizt vor Tausenden von jungen Zuschauerinnen und Zuschauern gewaltig ein. Wobei, was heisst da "jung"? Zu diesem Zeitpunkt bin ich nur unwesentlich älter als all die Jungs und Mädels, die sich im Takt wiegen, sich die Haare aus dem Gesicht streichen und manchmal sogar mitsingen. Ich bin unter meinesgleichen. Glaube ich zumindest. Denn es verwundert mich schon ein bisschen, wie viele Bands nach einem besonders gelungenen Song ein lautes "Visca Catalunya!" [‚Es lebe Katalonien'] von der Bühne herabschmettern, und das Publikum antwortet donnernd mit den gleichen Worten. Einige erheben dazu sogar die linke Faust. Dann, es ist spät geworden und der Mond steht über der Stadt, der Headliner steuert dem musikalischen Höhepunkt des Abends zu, beginnt auf einmal jemand in einer Pause "Els Segadors" [‚Die Schnitter'] zu singen, die Nationalhymne Kataloniens.

Die Stimme kommt aus dem Publikum, nicht von der Bühne. In kürzester Zeit fallen erst hunderte, dann tausende von weiteren Stimmen ein. Am Ende singt, so scheint es mir, beinah der ganze Platz. Neben der niederländischen hat "Els Segadors" die vielleicht schönste Melodie aller gängigen Nationalhymnen. Die Linie ist weich und weit, mit unerwarteten Wendung, und meilenweit entfernt vom hackenschlagenden militärischen Rattern der "Marcha Real" [‚Königsmarsch'], der spanischen Nationalhymne, die es in all den Jahren noch nicht einmal zu einem Text gebracht hat. Für weite Teile der katalanischen Jugend ist ein eigener katalanischer Nationalstaat ein Traum, zumindest eine Hoffnung: auf bessere Chancen im Leben, auf grössere politische und soziale Gerechtigkeit, auf stabile Identitäten, auf Zugehörigkeit und Solidarität. Angefeindet und angefaucht vom nicht minder aggressiven und engstirnigen zentralspanischen Nationalismus werden sich viele von ihnen in den Folgejahren in den Strudel der sich immer wütender steigernden nationalistischen Agitation ziehen lassen. Oder sie werden sie selber tatkräftig voranbringen.

Nach der Finanzkrise von 2008/2009 wird Spanien eine Jugendarbeitslosigkeit von 53% haben. Tausende werden ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit verlassen. Wäre es da nicht doch den Versuch wert, einen anderen gesellschaftlichen Entwurf in Katalonien umzusetzen? Es sind gute Zeiten für nationalistische Rattenfänger, gewiss, aber das Konzept der Nation als beständig aktualisiertes Versprechen haben auch sie nicht erfunden. Es wird eben diese Jugend sein, die sich am 3. Oktober 2017 hinter dem deutlich irritierten Regierungschef Carles Puigdemont auf dem Balkon der Generalitat drängeln und wiederum aus voller Kehle "Els Segadors" singen wird. Und einige werden dazu wieder die linke Faust erheben.

Katalanischer Nationalismus

Der Nationalismus in Katalonien ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass sich das Konzept der Nation nicht beliebig umdeuten oder mit emanzipatorischem Inhalt füllen lässt. Es trägt ein repressives, diskursives Erbe mit sich, und strukturelle Gesetzmässigkeiten sind ihm eingeschrieben, die sich in allen bisher bekannten Beispielen nationaler Agitation, Loslösung und Staatengründung dominant manifestiert haben. In Zeiten, in denen Nationalstaaten Hoheitsrechte über ihr Territorium an Club Robinson und internationale Konzerne verkaufen, in denen ganze Bevölkerungsgruppen auf dem Marsch sind, sei es freiwillig, sei es erzwungenermassen, und transnationale Communities viel eher zeitgenössische Formen des Sozialen repräsentieren als als homogen vorgestellte ‚Nationenvölker', erscheinen die Konzepte der Nation und des Nationalstaats als nicht länger zeitgemäss. Die Rolle des lügenhaften Selbstlobs einer immer undemokratischer und neoliberaler agierenden Europäischen Union beim Wiedererstarken des Nationalismus auf dem Kontinent kann hier nicht diskutiert werden. Nationalismus jedoch sollte heutzutage nicht einmal mehr eine Hoffnung für die Hoffnungslosen sein.

Martin Baxmeyer / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 424, Dezember 2017, www.graswurzel.net

Dr. Martin Baxmeyer ist Hispanist und Literaturwissenschaftler an der Uni Münster.