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Entlassungen bei VW in Polen | Untergrund-Blättle

Datum

4. Dezember 2017, 10:40 Uhr

Politik

Gemeinsam sind wir stärker! Entlassungen bei VW in Polen

Politik

Nachdem die polnische Basisgewerkschaft „Inicjatywa Pracownicza” (Die Arbeiter-Initiative) im Volkswagen-Werk in Poznan-Antoninek Anfang September 2017 eine Betriebsgruppe ins Leben gerufen hat, wurde die folgende Entlassung von drei Arbeitern als Versuch der Einschüchterung der gewerkschaftlich aktiven Arbeiter*innen verstanden.

Industriegelände Antoninek in Poznań mit den VWWerken.
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Bild: Industriegelände Antoninek in Poznań mit den VW-Werken. / Jakubtr (CC BY-SA 4.0 cropped - colored)

4. Dezember 2017

4. Dez. 2017

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Die Antwort war die Intensivierung des gewerkschaftlichen Engagements der VW-Beschäftigten, nämlich die Gründung einer betriebsübergreifenden IP-Betriebsgruppe.

"Das Leben eines normalen Arbeiters bei VW ist kein Urlaub"

So schreiben die Arbeiter*innen in dem vor dem Werk verteilten Flugblatt. Sie haben die erzwungenen Überstunden, mit einjähriger Verspätung ausbezahlte Überstundenzuschläge und die niedrigen Löhne beklagt.

Dazu kommen noch die Jahr für Jahr verlängerten Leiharbeitsverträge, die die prekäre Lage der Arbeiter*innen vertiefen. Zur Empörung der Belegschaft haben vor allem die zuletzt geplanten Änderungen geführt, die unter Zustimmung der im Betrieb präsenten Solidarnosc Gewerkschaft, aber ohne Absprache mit den Beschäftigten, erfolgt sind. Es handelt sich um die Einführung der dritten Samstagsschicht, obwohl erst vor kurzem im Werk eine zweite Samstagsschicht eingeführt wurde.

Diese Situation wurde von den Arbeiter*innen auf Facebook kommentiert, mit dem Aufruf sich zu organisieren. In Folge wurden drei Arbeiter gefeuert, einer hat eine verhaltensbedingte Kündigung für den Facebook-Post bekommen. Diese Repressionen sollen als Beispiel dienen, um zukünftige Organisierungsversuche zu verhindern.

"Wir kämpfen für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten"

Das sagen die VW-Beschäftigten in ihrem Flugblatt. Damit meinen sie nicht nur die Festangestellten, sogar auch die Leiharbeiter*innen, die ein Drittel der 10.000 Angestellten ausmachen. Die Arbeiter*innen werden unter Druck gesetzt, um Überstunden zu machen. Besonders diejenigen mit befristeten Arbeitsverträgen können sich dem kaum verweigern, da sie um ihre Arbeit fürchten. Neben dieser Erpressung, die sich auch auf die Verfügbarkeit bezieht, sind die Arbeiter*innen höheren Anforderungen und steigendem Arbeitspensum ausgesetzt. Es betrifft vor allem die Arbeiter*innen über 50, die aus gesundheitlichen Gründen diese Anforderungen nicht immer bewältigen (können). Die jungen Arbeiter*innen verdienen noch weniger, da ihr Einstiegslohn geringer ausfällt und sie damit rechnen müssen, dass ihre Arbeitsbedingungen noch prekärer werden. Für alle kommen noch Probleme mit der Arbeitssicherheit dazu. Die Belegschaft ist motiviert mit der neuen Gewerkschaft bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für alle Beschäftigten im Betrieb zu erkämpfen. Deshalb sind viele von der Solidarnosc zur IP übergetreten. Somit hat das Ausbremsen einer neuen Organisation im Betrieb nicht geklappt.

"Allein haben wir keine Chance"

Zur Gründungsversammlung Anfang August 2017 kamen über 120 Leute. Seitdem wurden regelmässig Flugblätter vor den Werken mit Informationen über die neue Organisation und die Situation im Betrieb verteilt.

"In unserer Organisation hat jeder Arbeiter die gleiche Stimme, wir kämpfen für ein besseres Leben für uns alle, nicht für die Gewerkschaftsbürokratie. Wenn du genug davon hast für einen Hundelohn bis zum letzten Schweisstropfen ausgequetscht zu werden, von korrupten Gewerkschaftlern und der Arroganz der Chefs, wenn du kein 18-Schicht-System willst, tritt der Inicjatywa Pracownicza bei. In der IP organisieren sich Festangestellte und Leiharbeiter, Mitglieder anderer Gewerkschaften und bisher Unorganisierte aus den Werken in Antoninek, Wrzesnia, Swarzedz und der Giesserei. Allein haben wir keine Chance gegen die Geschäftsführung. Gemeinsam sind wir stärker!"

Bei der Gewerkschaft sind schon über 300 Mitglieder organisiert und es kommen ständig weitere Beitrittserklärungen dazu. Die IP-Mitglieder haben auch mehr als zweitausend Unterschriften für die Petition an VW für die Wiedereinstellung ihrer Arbeitskollegen gesammelt. Die Gespräche mit der Geschäftsführung haben jedoch nichts gebracht.

Wozu braucht man Gewerkschaft?

Vor kurzem hat die Belegschaft im VW-Werk in der Slowakei nach dem Streik eine Lohnerhöhung um 13,5 Prozent erkämpft. Die polnischen Arbeiter*innen wollen ihrem Beispiel folgen. Im Vergleich liegt ein Durchschnittslohn in der Slowakei bei 1.800 Euro, in Polen nur bei 1.000 Euro. Angesichts dessen und der verschärften Arbeitsbedingungen sind die VW-Arbeiter*innen motiviert, um für die Erhöhung ihrer Löhne zu kämpfen.

Auslöser dafür war offensichtlich der Protest der Arbeiter*innen in der Slowakei. Sie wussten jedoch, dass sie dafür eine neue Gewerkschaft gründen müssen. In ihrem Flugblatt schreiben die Arbeiter*innen, dass die Solidarnosc "(...) fest an der Seite der Geschäftsführung steht. Ihre Leute sieht man nie in den Produktionshallen, denn sie verstecken sich in den Büros. Bei alltäglichen Problemen ist von ihnen kaum Hilfe zu erwarten. Vor kurzem hat die Solidarnosc der Einführung einer zusätzlichen 18. Schicht zugestimmt, und zwar ohne die Arbeiter zu fragen. Aber wenn die Solidarnosc nicht den Willen der Arbeiter vertritt, wozu ist sie dann im Betrieb? Gleichzeitig hat VW drei unserer Kollegen in Antoninek entlassen. Offizielle Gründe waren Posts auf Facebook. Aber wir alle wissen, dass es darum ging, zu verhindern, dass im Betrieb eine Gewerkschaft entsteht, die die Interessen der Arbeiter vertritt und nicht die des Chefs."

Internationale Solidarität

Die Arbeiter*innen sehen die Notwendigkeit der engen internationalen Zusammenarbeit, da sie bei einem internationalen Konzern tätig sind.

Durch den Austausch der Informationen über die Situation in den anderen VW-Werken haben die Arbeiter*innen in Polen Chancen ihre Forderungen durchzusetzen. Die Briefe und die Gespräche mit der Geschäftsführung haben bislang nichts gebracht.

Daher wurden schon Kontakte mit den VW-Arbeiter*innen aus Spanien, Portugal und der Slowakei hergestellt. So wie ihre polnischen Kolleg*innen sind die Arbeiter*innen in Portugal gegen die Einführung die zusätzlichen Samstagsschichten (16. und 17.). Über die Ereignisse in Portugal und in der Slowakei diskutiert die VW-Belegschaft in Polen sehr lebhaft. Die internationale Solidarität unter den Arbeiter*innen kann ihnen helfen die gewünschten Ziele zu erreichen und die Arbeiter*innen-Bewegung zu stärken.

Monika Kupczyk / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 424, Dezember 2017, www.graswurzel.net