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Jugoslawien – ein Sonderfall unter sozialistischen Staaten | Untergrund-Blättle

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Protest für die Umsetzung des Sozialismus Jugoslawien – ein Sonderfall unter sozialistischen Staaten

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1968 erhoben sich auch die Studierenden Belgrads. Sie wollten das System nicht stürzen, sondern zum Funktionieren bringen.

Josip Broz Tito, 1971.
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Bild: Josip Broz Tito, 1971. / Byron Schumaker (CC BY 2.0 cropped)

6. Juni 2018

6. Jun. 2018

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Weil ihnen der Zugang zu einer kulturellen Veranstaltung verwehrt wurde, erhoben sich vor fünfzig Jahren die Studentinnen und Studenten von Belgrad. Nur wenige Stunden nach den ersten Unruhen hatten sich diese bereits zu einer politischen Protestbewegung weiterentwickelt. Eine Protestbewegung, die auf dem Rücken einer Bagatelle entstand? Diese Erklärung greift viel zu kurz. Überhaupt – die Studentenproteste von Belgrad zeichnen sich durch einige Besonderheiten aus.

Protest für die Umsetzung des Sozialismus

Die Einzigartigkeit der Belgrader Studentenproteste ist bei Historikern unbestritten. Boris Kanzleiter und Hrvoje Klasić, die sich intensiv mit den 1968er-Protesten in Jugoslawien befassten, ordnen der Protestbewegung grosse Besonderheiten zu. Die Protestierenden in Belgrad lehnten sich nicht frontal gegen die Staatsmacht auf. Vielmehr ging es ihnen darum, die Widersprüche zwischen den Versprechungen der Regierung und der Realität anzuprangern. Die Protestierenden sahen sich nicht etwa als Opposition gegen das Programm und die Verfassung des sozialistischen Jugoslawiens, sie unterstützten es sogar. Mit den Protesten prangerten sie zwar Missstände in Gesellschaft und Politik an, doch wollten sie die verfassungsgetreue Umsetzung des jugoslawischen Sozialismus erreichen.

Um die politische und gesellschaftliche Situation im Jugoslawien der 1968er-Jahre zu verstehen, ist ein Rückblick in die Entstehungs- und Nachkriegsgeschichte des sozialistischen Jugoslawiens nötig.

Jugoslawien – ein Sonderfall

Jugoslawien unterschied sich von anderen sozialistischen Staaten Europas, da es als einziger Staat in den Wirren des Zweiten Weltkriegs – abgesehen von einer kurzen Kollaboration mit der Roten Armee 1944 bei der Befreiung Belgrads und der Vojvodina – die sozialistische Revolution mit eigenen Kräften vollzogen hatte.

In den ersten Nachkriegsjahren war Jugoslawien noch fest in der sozialistischen Familie verankert. Aufgrund des Kominformkonflikts im Jahr 1948, sah sich Jugoslawien im weltpolitischen Gefüge plötzlich isoliert. Der Bruch mit Stalin und die daraufhin folgende Isolation ermöglichten jedoch erst die Initiierung des «jugoslawischen Weges».

Der neue Weg musste nicht nur effektiv, sondern gleichzeitig auch eine Kritik am sowjetischen Modell selbst sein. Die Antwort fand die jugoslawische Führung in Karl Marx’ Idee der gesellschaftlichen Selbstverwaltung, die als Negation zur sowjetischen staatlichen und bürokratischen Konzeption stand. Die Idee der Arbeiterselbstverwaltung wurde zwar gesetzlich verankert, von einer «Produzentendemokratie» konnte allerdings nicht die Rede sein. Politische Eliten kontrollierten weiterhin die Entscheidungsprozesse.

Nicht nur innenpolitisch orientierte sich Jugoslawien um, auch in der global-politischen Konstellation positionierte es sich neu. Josip Broz Tito war einer der Initiatoren der Organisation der blockfreien Staaten, die sich im Ost-West-Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg zu keinem der militärischen Blöcke bekannten und eine neutrale Position einnahmen.

Unterbeschäftigung und Landflucht

Auf der sozialen und auf der wirtschaftlichen Ebene war die Nachkriegsentwicklung in Jugoslawien durch eine schnelle Modernisierungsbewegung geprägt. Der industrielle Strukturwandel schaffte trotzdem keine vollends befriedigende Lösung für die gesellschaftlichen und politischen Probleme – die agrarische Unterbeschäftigung blieb hoch. Auch das Einkommensgefälle blieb bestehen – trotz Sozialismus.

Eine Landflucht setzte ein, und auch der Lebensstil veränderte sich markant. Waren vor einigen Jahren noch bäuerliche Familien- und Gesellschaftsstrukturen verbreitet, durchlebte die jugoslawische Gesellschaft in den 1950er- und 1960er-Jahren eine starke Modernisierungswelle - patriarchale Strukturen schwächten sich ab, die Zahl der Studierenden nahm stark zu. Paradoxerweise wurde der Konsum im sozialistischen Land ein grosser Teil des neuen «Way of Life».

Anfangs betrachtete die regierende Partei, der «Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ)», diese Entwicklung mit Argusaugen, verzichtete dann aber ab den späten 1950er-Jahren auf die sozial-moralischen Ansprüche zugunsten der Praxis einer konsumorientierten Wohlstandsgesellschaft. Konsum galt auch in Jugoslawien als Indikator gesellschaftlichen Fortschritts.

Coca-Cola, Rockmusik und Hollywood-Filme waren in Jugoslawien im Gegensatz zu anderen sozialistischen Ländern keine begehrte Schmuggelware, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger frei zugänglich. Im Gegensatz zur Bevölkerung anderer sozialistischer Staaten kamen Jugoslawinnen und Jugoslawen auch in den Genuss von Reisefreiheit. So war die Visums-Politik sehr lasch und ein Urlaub auch im kapitalistischen Ausland durchaus möglich.

Unzufriedenheit trotz Reformen

Zu Beginn der 1960er-Jahre endete in Jugoslawien der Nachkriegsboom. Rezession und Inflation führten zu einer schweren Krise innerhalb der Führung der BdKJ. Diese sah sich angesichts der kritischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation gezwungen, 1964 Reformen einzuleiten. Der Staat und die Partei wurden stärker föderalisiert, gleichzeitig wurde die Wirtschaft liberalisiert. Im Rahmen der sogenannten «sozialistischen Marktwirtschaft» waren nun in begrenztem Rahmen auch Privatunternehmen zugelassen – von nun an sollte das jugoslawische System nach den Gesetzen des Kapitalismus funktionieren.

Den Bürgern und Bürgerinnen von Jugoslawien war es als einzigen Einwohnern eines sozialistisch regierten Landes erlaubt, auch im kapitalistischen Ausland zu arbeiten – ein beliebtes Ziel der jugoslawischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter war unter anderem die Schweiz.

Hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen

Die Reformen vermochten die gesellschaftlichen und politischen Probleme trotzdem nicht zu lösen. Immer noch steckte die jugoslawische Wirtschaft in einer Rezession, das Gastarbeiterprogramm senkte die Arbeitslosenquote nur «künstlich». Aus den Universitäten strömten Jahr für Jahr gut ausgebildete junge Menschen, die nur eine geringe Chance auf eine Anstellung hatten, die ihrer Ausbildung entsprach.

Vor dem Hintergrund dieser Krisenerscheinungen vollzog sich an der Belgrader Universität ab 1966 ein Politisierungs- und Radikalisierungsprozess. Der ideologische Rahmen für diese Prozesse wurde durch die Praxis-Gruppe gesetzt, welche die konsequente Verwirklichung der Ideale des jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltungsmodells verfolgte. Die vor allem an der Zagreber, aber auch an der Belgrader Universität institutionell verankerten Soziologen und Philosophen um die Zeitschrift Praxis boten mit ihren Theorien eines «humanistischen Marxismus» einen Orientierungspunkt für die Gesellschaftskritik der Studierenden. Dabei nahm die Forderung nach der konsequenten Umsetzung der Arbeiterselbstverwaltung eine zentrale Rolle ein.

Unruhen kamen nicht überraschend

Die jugoslawische Gesellschaft lebte 1968 in einem politisch und wirtschaftlich instabilen Staat. Im Hinblick auf die Perspektivlosigkeit und Unsicherheit, die seit einigen Jahren bereits in der Gesellschaft herrschte, auf die politische Führung Jugoslawiens, die trotz Reformen diese Probleme nicht zu lösen vermochte, sowie die Dynamik des Jahres 1968 kamen die Studentenproteste 1968 ganz und gar nicht überraschend.

Alle genannten politischen und gesellschaftlichen Probleme fanden sich in den Forderungen der Studierenden wieder. Mit den Protesten prangerten sie die Missstände in Gesellschaft und Politik an und boten dafür auch Lösungsvorschläge. Doch blieb die Forderung nach der verfassungsgetreuen Umsetzung des jugoslawischen Sozialismus eine Utopie – Arbeiterselbstverwaltung existierte weiterhin nur in der Theorie.

Aleksandra Petrović / Infosperber

Der Text basiert auf der Bachelor-Arbeit «Studentenproteste 1968 in Belgrad» von Aleksandra Petrović. Die Autorin studiert Osteuropastudien an der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern. Ihr Studium hat sie teilweise in Belgrad absolviert.

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