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„No Gold. No Masters.“ Griechenland: Die Goldmine Skouries auf der Halbinsel Chalkidiki

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Viele auswärtige Menschen verbinden Chalkidiki im Norden Griechenlands mit Sandstränden und ruhigen Wanderwegen. Doch seit einigen Jahren ist die Halbinsel von schwerwiegenden Veränderungen bedroht.

16. März 2017

16.03.2017

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Schuld daran sind zahlreiche Goldminen, die das kanadische Unternehmen „Eldorado Gold Cooperation“ in Zusammenarbeit mit dem griechischen Unternehmen „Hellenic Gold“ auf Chalkikidi plant oder bereits realisiert hat. Das Kapital ist in Goldgräber-Stimmung, wodurch nicht nur weite Teile der vielfältigen Ökologie vor der Zerstörung stehen. Seit Jahren leisten Aktivist*innen aus sozialen und ökologischen Zusammenhängen gegen diese Pläne Widerstand und konnten viele Bewohner*innen in die Kämpfe einbinden. [1]

Allerdings gibt es inzwischen tiefe Risse zwischen den Widerständigen und einer immer grösser werdenden Zahl von Minen-Befürworter*innen. Um uns einen Überblick über die Hintergründe und den gegenwärtigen Stand der Kämpfe zu machen, sind wir mit zwei Aktivist*innen verabredet. Aufgrund vielfältiger Repressionen sollen ihre Namen nicht genannt werden. Wir treffen sie in der Mitte des Dorfes. In einem nahen Café finden wir einen freien Platz für unser Gespräch.

Insgesamt sind auf Chalkidiki mehr als 30 Minen geplant, erklären uns die Genoss*innen. Es handelt sich dabei um sogenannte „open pits“, die als grossflächige und offene Abbauflächen tief in die Landschaft einschneiden. Auch in der Nähe des Dorfes Megali Panagia soll eine solche Mine mit dem Namen „Skouries“ entstehen. Mit 0,89 Gramm pro Tonne Gesteins- und Erdmasse liegt die Goldkonzentration auf hohem Niveau – ebenso die drohenden Umweltzerstörungen. Bereits jetzt zeigt sich deutlich, welche drastischen Veränderungen das kanadische Kapitalunternehmen mithilfe des griechischen Staates hier bereit ist durchzusetzen.

Zu den offensichtlichsten Auswirkungen zählen momentan unzählige Baumfällungen, der exklusive Strassenbau für Sattelschlepper und Minenarbeiter*innen sowie ein immer grösser werdender Sicherheitsapparat zur Absicherung der Profite. Ohnehin beobachten staatliche und private Sicherheitskräfte, Polizei und Securities genau, was in der Region vor sich geht. Auf diese Weise soll eine möglichst reibungslose Kapitalakkumulation sichergestellt werden, denn es geht um grosse Gewinne. So wurden die 31.000 Hektar sowie die zwei Fabriken (inklusive der Maschinen) und das Dorf ursprünglich für 11 Millionen Dollar gekauft. Nur wenige Jahre später wurde das Gelände und die Abbaurechte für 2,8 Milliarden-Dollar weitergereicht – ein satter Boden für Kapitalspekulationen.

Der Kampf gegen den Goldabbau und seine gesundheitsgefährdenden Konsequenzen sowie die mit ihm verbundene ökologische Katastrophe beginnt in der Region schon 2006. Doch mit der Übernahme des Vorhabens durch die „Eldorado Gold Cooperation“ im Jahr 2012 verschärften sich die Konflikte deutlich. Während andere Unternehmen über einen längeren Zeitraum versuchten, das Projekt juristisch somit auf „legalem Weg“ durchzusetzen, begann das kanadische Kapitalunternehmen mit direkten Attacken auf Aktivist*innen. Gleichzeitig sollten die Bewohner*innen und damit zukünftige Arbeiter*innen gespalten und gegeneinander ausgespielt werden. Das Unternehmen machte die Aktiven des Widerstands dafür verantwortlich, dringend benötigte Lohnarbeit, soziale Sicherheit und Aufstiegschancen zu verhindern. Ihnen wurde vorgeworfen, mit ihrer Arbeit der weiteren Verarmung der lokalen Bevölkerung in der ländlichen und ökonomisch recht perspektivlosen RegionVorschub zu leisten. Die Rechnung schien dabei aufzugehen. Während bis Anfang 2012 schätzungsweise 80 Prozent der fast 2.600 Bewohner*innen Megali Panagias den Goldabbau ablehnten, hat sich das Blatt seitdem entscheidend gewendet.

Nach dem einführenden Gespräch steigen wir in ein Auto. Die beiden Genoss*innen wollen uns die Ausmasse der ökologischen Katastrophe direkt zeigen. Die Fahrt führt uns über leere Strasse durch ein grosses Waldgebiet, flankiert von gerodeten Flächen sowie aufgetürmten Erdmassen. Nach einer Viertelstunde halten wir das erste Mal an. An dieser Stelle befand sich einmal das „Zentrum“ der Bewegung. Das von Aktivist*innen selbst gebaute Holzhaus diente als Informationszentrum für Journalist*innen und solidarische Menschen, die besonders im Sommer zu den (immer noch stattfindenden) Protestcamps nach Chalkidiki reisten. Dieses Zentrum wurde jedoch am 20.März 2016 von mehr als 350 Personen aus dem Dorf attackiert, die von der Bergbaufirma aufgestachelt wurden. Dabei wurde Feuer gelegt und das Gelände dem Erdboden gleich gemacht. Die letzten Überreste liess anschliessend die Regionalregierung entfernen.

Es herrscht eine traurige Stimmung, als wir den ehemaligen Standort des Hauses besichtigen. Die beiden Aktivist*innen zeigen uns verbrannte Erde und Überreste von Tränengas-Geschossen, die überall verteilt zu sein scheinen. Sie sind stumme Zeugen für die Zusammenarbeit zwischen dem griechischen Staat, seinen Repressionsorganen und dem Unternehmen. Mit dem Erstarken der Protestbewegung wurde auch die Repression immer drastischer. Angriffe auf Maschinen wurden als „Terrorismus“ behandelt oder Spezialeinheiten der Polizei aus Athen „zur Absicherung“ in die Region verlegt. Alles um die kapitalistischen Profitinteressen durchzusetzen – notfalls auch mit dem Einsatz von „plastic bullets (Plastikschrot)“ bei den Grossdemonstrationen.

Mit diesen Eindrücken und Erzählungen im Kopf setzen wir unsere Fahrt zur besagten Goldmine fort. Doch schon einige Kilometer vor dem „open pit“ ist Schluss. Sicherheitspersonal, Kameras, Zäune mit Stacheldraht umwickelt und Schranken sollen kritische Blicke abhalten. Unter den Augen der Securities steigen wir aus dem Wagen und nehmen zu Fuss den Umweg über die Hügel. Nach wenigen Minuten stehen wir jedoch erneut vor einem Zaun, der das Abbaugebiet sichern soll. Doch wir sehen bereits von hier aus eine abgetragene Bergkuppe, ein riesiges Feld voller Geröll und riesige Maschinen. Es vergehen ungefähr zwei Minuten bis wir an der Strasse unter uns einen Pickup bemerken. Die Personen im Wagen scheinen uns genau zu beobachten. Dies ist nur ein kleiner Einblick in die vielfältigen Einschüchterungsstrategien des Unternehmens, erklären uns die beiden Genoss*innen.

Doch nicht nur für die Kapitaleigner*innen ist der lokale Widerstand hochgefährlich. Auch auf den staatlichen Behörden lastet ein enormer Druck. Das ist ein Erfolg der umfassenden Öffentlichkeitsarbeit in der Region. Mit wissenschaftlicher Unterstützung konnte auf die weitreichenden Konsequenzen des Goldabbaus, wie Trinkwasserverschmutzung und Bodenkontamination durch verwendete Chemikalien, hingewiesen werden. Ausserdem gibt es eine breite internationalistische Solidaritätsarbeit. Gerade in den ersten Jahren wurden Bezüge und Verbindungen zu ähnlichen ökologischen Bewegungen in Peru, Frankreich, Spanien und Italien (z.B. „No TAV“) hergestellt. [2]

Vor Ort wurde der Widerstand hauptsächlich von gemeinschaftlichen Vernetzungen getragen, wodurch libertäre Gesellschaftsvorstellungen zu einem zentralen Teil in die kollektive Praxis einfliessen sollten. In den sogenannten Basisversammlungen („public assemblies“) organisierten sich nicht nur Menschen in Thessaloniki, sondern ebenso grosse Teile der Bewohner*innen von 14 betroffenen Dörfern. „Es ging auch darum, unsere Gründbedürfnisse zu befriedigen und nicht nur bei einem Thema stehen zu bleiben“, führt eine*r der Genoss*innen aus. Neben dem kollektiven Widerstand sollte auf diese Weise Solidarität organisiert und gelebt werden. Gleichzeitig grenzten sich die Versammlungen bewusst gegenüber Parteien und staatlichen Institutionen ab. Ein Grund für die Ablehnung ist die häufige Verknüpfung der lokalen Bürgermeister mit den Bergbau- und Minenunternehmen, wie uns ein*e Genoss*in erzählt. Die beiden Aktivist*innen bezeichnen diesen Ansatz als „direkte Demokratie“, der auch die parlamentaristische Repräsentation von Widerstand überwandt. Auf diese Weise erhielten die Menschen selbst eine Stimme, die international Gehör fand.

Die Organisierung war die Grundlage dafür, dass sich die Kämpfe ab 2009 zunehmend militanter ausdrückten. So wurde u.a. das Holzhaus als Zentrum des praktischen Widerstands errichtet oder immer wieder Baumaschinen entwendet. Zu dieser Zeit erstreckten sich die wöchentlichen Protestaktionen über die Region, Thessaloniki und Athen hinaus. [3]

Als 2012 jedoch die kapitalistische Krise als „Schuldenkrise“ einsetzte, wendete sich das Blatt. Im Zuge der erzwungenen neoliberalen Armutsverwaltung wurden im ganzen Land die Lohniveaus gedrückt, Lohnarbeitsverhältnisse beendet und ein Grossteil der Menschen an das Existenzminimum gezwungen. Vor diesem Hintergrund gab das kanadische Bergbauunternehmen vor, die ökonomische Existenz der Arbeiter*innen sichern zu wollen. Die fortwährende ökonomische Verunsicherung vieler Menschen führte somit zu einen Backlash für den Widerstand. Es kam zu einer oftmals aggressiven Umkehr so mancher Bewohner*innen gegen die Widerständigen. Neben der Spaltung der lokalen Bevölkerung wurden laut Vermutungen der Aktivist*innen vor Ort auch regionale Institutionen und Repräsentant*innen mit Geld geschmiert. Gleichzeitig konstatieren die beiden Genoss*innen resigniert, dass die mediale Berichterstattung seitdem nahezu vollständig zusammengebrochen ist. Protestaktionen werden in der (medialen) Öffentlichkeit Griechenlands systematisch totgeschwiegen, denn Teile der Kapitalist*innen von „Hellenic Gold“ sind in unterschiedliche Medienunternehmen verstrickt.

Wie in zahlreichen anderen sozialen Kämpfen in Griechenland hoffen viele trotz besseren Wissens auf die regulierende Macht der herrschenden SYRIZA-Regierung. Es wiederholen sich die an anderen Stellen beobachteten Entwicklungen, sodass die Verantwortung für die Schaffung einer solidarischen Gesellschaft von unten an SYRIZA abdelegiert wird. Selbstverständlich ist das ein gefährlicher Trugschluss. Aus diesem Grund kämpfen auch die Genoss*innen in Megali Panagia und den umliegenden Dörfern weiter. Ihr Motto scheint in diesen Zeiten umso wichtiger. Es lautet: „Kein Gold! Keine Herrschaft!“ Obwohl die „public assemblies“ in den meisten Dörfern derzeit inaktiv sind, soll kontinuierlich Widerstand geleistet werden. Das ist auch dringend nötig. Bereits 2019 soll die „Skouries“-Mine eröffnet werden. Viel Zeit bleibt somit nicht mehr.

Eine wichtige Möglichkeit zur Unterstützung der Genoss*innen vor Ort ist die Erzeugung von Öffentlichkeit für ihre Kämpfe sowie eine (kontinuierliche) solidarische Vernetzung oder Besuche. Ökologische Kämpfe jenseits der Städte bieten generell einen wichtigen Rahmen, den eigenen Widerstandshorizont über den Bereich der „urbanen Kämpfe“ heraus zu erweitern und untrschiedliche Kämpfe solidarisch zusammenzuführen bzw. zusammen zu führen. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass wir kollektiv lernen, Selbstorganisierung von unten auch tatsächlich selbst in die Hand zu nehmen. Vor Krisen und Umwälzungen der kapitalistischen Vergesellschaftung rettet uns weder eine „soziale Protestpartei“ noch ein (sozialdemokratischer) „Arbeiterkaiser“. Die soziale Revolte können wir nur selber tun…

Felix Protestcu / lcm

Fussnoten:

[1] Ein eindringlicher Bericht, mit welcher Brutalität der lokale Widerstand versucht wird zu verhindern, kann in deutscher Sprache hier nachgelesen werden: https://linksunten.indymedia.org/de/node/69679

[2] No TAV-Bewegung in Italien, in verschiedenen Sprachen: https://www.notavtorino.org

[3] Gewaltsame Räumung einer Strassenblockade nahe der Skouries-Mine durch Polizeieinheiten im Frühling 2016: https://www.youtube.com/watch?v=Jsqs0gyaz08

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