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Das Gewaltmonopol des Staates | Untergrund-Blättle

Datum

23. Oktober 2017, 09:12 Uhr

Politik

Gewalt oder völkischer Konsens Das Gewaltmonopol des Staates

Politik

In jüngerer Vergangenheit konnte man innerhalb der EU beobachten, wie es um das Verhältnis von oben und unten bestellt ist, wenn es ans Eingemachte eines Staates geht, weil die Staatsräson zum Zug kommt oder in Frage gestellt wird.

Demonstration vor dem Hauptgebäude der Policia Nacional in Barcelona, Oktober 2017.
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Bild: Demonstration vor dem Hauptgebäude der Policia Nacional in Barcelona, Oktober 2017. / Sònia Calvó i Marta Pérez (CC BY 3.0 unported - cropped)

23. Oktober 2017

23. Okt. 2017

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Eines war der G 20-Gipfel in Hamburg. Da waren die schwarz-rote Bundesregierung und die rot-grüne Hamburger Stadtregierung sich darin einig, dass hier wieder einmal demonstriert werden muss, wer der Herr im Haus ist.

Im Vorfeld wurden Unmengen an Polizei aus allen Bundesländern dort hingekarrt. Was de facto eine Machtdemonstration war, wurde über die Medien als eine Aktion zur Verteidigung der Demokratie gegen die Gewalt der Strasse verkauft. Die Subjekte wurden vertauscht, die Monopolisten der Gewalt stellten sich als Betroffene, die sich wehren müssen, dar.

Ein Teil der Stadt wurde abgesperrt, sodass keinerlei Demonstrationen dort abgehalten werden konnten. Dieses Demonstrationsverbot wurde von den Gerichten abgesegnet. Dann wurde auch durch das Agieren der Polizei klargestellt, dass auch friedliche Demonstranten Leib und Leben in Gefahr bringen, wenn sie gegen einen G 20-Gipfel demonstrieren wollen.

Als wahrscheinlich kann angesehen werden, dass auch Provokateure eingesetzt wurden, um sicher zu gehen, dass man diejenigen Szenen und Bilder produzieren kann, die nachher durch die Medien gingen. Die Medien stellten sich – mit wenigen Ausnahmen – einhellig auf die Seite des „angegriffenen“ Gewaltmonopols, das unter Einsatz aller Kräfte gerade noch einmal verteidigt werden konnte. Die Demokratie ist wieder einmal gerettet.

Was bleibt als Fazit? Das Gewaltmonopol in Deutschland ist intakt, die demokratisch gewählte Regierung hat klargestellt, dass sie Herrschaft ist, und auf den Konsens pfeift, der ihr immer als Regierungsmethode nachgesagt wird. Und das Volk wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es dafür da ist, zu arbeiten und Steuern zu zahlen und hin und wieder die Herrschaft zu ermächtigen, aber nicht dazu, sich in Regierungsangelegenheiten einzumischen oder die Repräsentation der Macht zu stören.

Ganz anders sieht es aus in Spanien.

Da will sich ein Landesteil abspalten. Um sich gegenüber der Zentralgewalt einen Rechtstitel zu verschaffen, rufen die katalanischen Politiker zu einer Abstimmung auf, die sie trotz Verbots durch das Verfassungsgericht organisieren. Bayern hat auch einen Antrag auf so eine Abstimmung gestellt, sie wurde verboten. Auch andere Staaten haben solche Probleme.

Es liegt an der Art, wie sich die EU und das in ihr stattgefunden habende Niederreissen aller Schranken für das Kapital auf die Mitgliedsstaaten ausgewirkt haben. Manche Regionen sind völlig abgeschifft, fast jeder Staat hat seine Mezzogiornos, und versucht die aus dem Budget irgendwie funktional zu halten. Bayern wollte eben auch nicht mehr für den abgewrackten Ruhrpott oder die Nebulae Mittel lockermachen.

Um was es hier geht, ist die Verfasstheit der EU-Staaten an sich. Viele Staatenlenker haben ihre Staatsräson eingebüsst oder völlig neu überdacht. Und die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens und anderer Regionen stellen die jetzigen Staaten und ihre Landesgrenzen in Frage. Es stellt sich heraus, dass diese Staaten gar nicht mehr über die Mittel verfügen, diese Zentrifugalkräfte gewaltmässig zu bändigen.

Diese Entwicklung erwischt die Eliten der EU irgendwie am falschen Fuss, und das betrifft nicht nur die Politiker, sondern vor allem die Medienfritzen. Während das Zuschlagen der deutschen Polizei in Hamburg für die meisten deutschsprachigen Medien völlig in Ordnung geht, wird der spanischen Regierung von Ungeschicklichkeit über Unverhältnismässigkeit bis Unfähigkeit alles Mögliche vorgeworfen. Die relative Erfolglosigkeit oder Schwäche der spanischen Exekutivkräfte gegenüber dem illegalen Referendum wird ihnen zum Vorwurf gemacht.

Aus der medialen Aufarbeitung der Ereignisse kann man schliessen, wie wenig Rückhalt Regierungen, die ihr Volk nicht mehr im Griff haben, bei den EU-Meinungsmachern geniessen.

Schon haben baskische Nationalisten Aufwind und rufen zu Ungehorsam gegenüber Spanien und Solidarität mit Katalonien auf. Sie wollen also die katalanischen Bestrebungen für ihre eigenen Ambitionen nutzen.

Sehr bürgerkriegsträchtig, das „Europa der Regionen“.

Amelie Lanier

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