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Über linke Gedenkkultur | Untergrund-Blättle

Datum

30. November 2017, 09:02 Uhr

Politik

Die Gefallenen sind unsterblich Über linke Gedenkkultur

Politik

Die Diskussionen innerhalb der radikalen Linken über Gedenkkultur, Eventpolitik und Instrumentalisierung flammen regelmässig auf, wenn es darum geht gefallene Genoss*innen in die eigenen Kämpfe mit einzubeziehen.

Gedenktafel aus dem Jahr 2007 für Silvio Meier auf dem UBahnhof Samariterstrasse in BerlinFriedrichshain.
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Bild: Gedenktafel aus dem Jahr 2007 für Silvio Meier auf dem U-Bahnhof Samariterstrasse in Berlin-Friedrichshain. / OTFW, Berlin (CC BY-SA 3.0 cropped - multiple)

30. November 2017

30. Nov. 2017

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Solch ein Event oder zumindest wiederkehrender Termin ist die seit über 25 Jahren stattfindende Silvio-Meier-Demo, welche meist im Berliner Szenekiez Friedrichshain stattfand.

Wir benutzen im Folgenden bewusst den Begriff „Gefallene*r“. Wir glauben, dass dieser Begriff eine Möglichkeit ist, sich von eher passiven Begriffen und ihren Konsequenzen in der Praxis wie „Ermordete*r“ oder „Opfer“ abzuwenden. Unsere Genoss*innen sind gefallen. Gefallen in einem Kampf, der sich immer an ihre Haltung rückkoppelte und diese gilt es in den Vordergrund zu setzen.

Seit 25 Jahren findet am Todestag von Silvio Meier eine Mahnwache statt. Am U-Bahnhof Samariterstrasse gedenken seit seinem Tod jedes Jahr Antifaschist*innen seiner Person. Hierbei geht es stets um die Erinnerung an Silvio, an das wofür er stand, wofür er kämpfte. Es gibt einen Moment kollektiver Besinnung aber auch von kollektiver Trauer und Nachdenklichkeit. Seit Jahren hängt im U-Bahnhof eine Gedenktafel, an der Stelle wo Silvio von Neonazis erstochen wurde, dieses Projekt ist ein selbstorganisiertes, welches von der Bewegung konsequent erneuert und durchgesetzt wurde.

Am Wochenende nach seinem Todestag findet dann die Silvio-Meier-Demo statt. Im Rahmen dieser wurde häufig versucht, aktuelle politische Fragen mit der Person Silvio Meiers zu verknüpfen. So ging es um Neo-Nazistrukturen, Nazikieze, Hausbesetzungen, die Organisierung von Jugendlichen aber auch um Themen wie Verdrängung und Gentrifizierung. Die Demonstration gehört für viele Berliner*innen zum festen Termin im Jahresplan, es wird massiv Pyro von den umliegenden Dächern gezündet und an der Demospitze läuft ein schwarzer Block.

Der Status Quo

Schauen wir uns heute die Demonstration an, kommen wir zu der Einschätzung, dass es notwendig ist, die Demonstration als ganzes zu überdenken und die Debatte über die Form von Erinnerung konstruktiv neu aufzunehmen. Die Diskussion um linke Gedenkkultur halten wir für so aktuell und notwendig wie lange nicht mehr. Wir schätzen die jährliche Mahnwache als ein positives Element im Gedenken an Silvio und alle anderen Gefallenen ein, Gründe dafür wurden bereits oben genannt. Mahnwachen sind eine Möglichkeit revolutionäres Gedenken kulturell anschlussfähig zu gestalten, hier können die verschiedensten Menschen ihren Platz finden und Kämpfe verbunden werden. Sie sind zudem ein intimer Moment für all die, die sich dem Kampf verbunden fühlten und fühlen.

Die Demonstration hingegen gleicht eher einem Ritual, wirkt vorprogrammiert und undynamisch. Daran ändert auch ein wechselndes Motto nichts. Wenn wir davon ausgehen, dass es eine starke Antifa-Bewegung braucht, liegt es an uns diese durch unsere alltägliche Arbeit aufzubauen. Sie wird nicht durch eine Demonstration vom Himmel fallen. Auch das Argument der Präsenz oder der Stärke können wir so nicht nachvollziehen, da wir einen Grossteil der Menschen auf der Demonstration in anderen relevanten Kämpfen nicht antreffen. Somit scheint der Vorwurf der Selbstbeweihräucherung nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein. Natürlich finden wir die Demonstration optisch schön. Es sieht ja auch gut aus. Aber darum kann es uns, als Revolutionär*innen nicht gehen. Unsere Praxis muss von einer Analyse der Gegebenheiten ausgehen und konkrete Ziele verfolgen.

Unserer Einschätzung nach ist der Organisierungseffekt der Demonstration inzwischen gleich null. Das schlimmste uns bekannte Beispiel dürfte die Demonstration 2015 durch Marzahn-Hellersdorf gewesen sein, wo den angereisten Genoss*innen keine andere Antwort auf die vor Ort herrschende Stimmung und die realen Probleme der Geflüchteten einfiel, als die Anwohner*innen kollektiv abzustrafen und zu beleidigen und somit dazu beitrugen, dass Antifaschismus in Marzahn bestimmt nicht attraktiver wurde.

Ein Zeichen der Stärke wäre es unserer Meinung nach viel eher, wenn man es schafft die Masse an Menschen dahingehend zu politisieren, dass sie sich nicht nur bei einer einzelnen Demonstration, sondern im Alltag politisch einbringen. Wenn es Standard werden würde, dass bei Zwangsräumungen, Jobcentern etc. 6000 Genoss*innen aufschlagen und damit ein starkes Zeichen linksradikaler Organisierung setzen würden.

Ein anderer Punkt ist die unserer Meinung nach falsche Perspektive auf die Person Silvio Meiers. Wir fragen uns, warum immer wieder der Aspekt des „Opfertums“ in den Vordergrund gestellt wird. Silvio Meier war ein offensiver Antifaschist, sein Tod resultierte aus einer offensiven Ansprache gegenüber den sich im U-Bahnhof befindlichen Neonazis. Silvio ist damit eine Person die im Kampf um einen Nazifreien Kiez, für seine antifaschistischen Überzeugungen erstochen wurde. Das aber hat mit Opfer-Sein und Passivität relativ wenig zu tun. Die Fokussierung auf die Tat, anstatt auf die Person, seine Lebensgeschichte, seine politischen Perspektiven verhindert genau das, was die Gedenkkultur um Gefallene in anderen Bewegungen auszeichnet. Sie und ihre Ideen leben im Kampf weiter. Sie werden bewusst weitergetragen, ihre Ideen diskutiert, sie sind nicht eines von vielen Opfern, sondern widerständige Genoss*innen mit einer politischen Idee. Ihre Gesichter sind präsent und ihr Tod wird als Verlust gesehen. Nicht nur persönlich, sondern vor allem politisch. In jedem kurdischen Verein, Teehaus oder anderen Institutionen hängen Bilder der Sehids, Märtyrern. Eingebettet ist dieses Gedenken in eine revolutionäre Kultur. Es gibt Bücher über Gefallene, ihre Motivationen, Geschichten werden regelmässig thematisiert und weitergegeben, sie sind optisch präsent, ihnen werden Lieder gewidmet, Institutionen werden nach ihnen benannt. In kurdischen Städten gibt es meist einen Ort, an dem Bilder der Gefallenen gesammelt aufgehängt werden, ein Ort für die Gefallenen der Bewegung.

In Bewegung bleiben und selber machen!

Natürlich geht es uns nicht darum, diese Kultur einfach zu adaptieren. Aber wenn wir die Gefallenen in der BRD als Teil unserer Kämpfe begreifen, brauchen wir eine andere Erinnerungskultur. Eine Kultur, die es schafft, Verbindungslinien aufzuzeichnen, die Beweggründe aufzeigt. Die sich (selbstkritisch) solidarisch und positiv auf die eigene Geschichte bezieht und das bürgerliche Korrektiv aussen vorlässt. Die sich nicht scheut, sich auf die eigenen Gefallenen und Militanten zu beziehen. Von RAF bis RZ, von Räterepublik zu Arbeiterbrigaden, von gefallenen Kommunist*innen und Anarchist*innen, Freiwilligen aus dem spanischen Bürgerkrieg, Widerstandskämpfer*innen gegen den Nationalsozialismus und den InternationalistInnen die im Kampf gegen Daesh und für die Revolution in Rojava gefallen sind. Eine Kultur welche die Parole „getroffen hat es eine*n, gemeint sind wir alle“ ernst nimmt. Die es schafft Schmerz zu fühlen und zu verstehen, dass der politische Feind uns lieber tot als lebendig sieht. Die es schafft, den Tod der Genoss*innen als Aufforderung zu verstehen noch kompromissloser und selbstbewusster zu kämpfen. Und dabei kämpfen nicht als ein Event, welches lediglich an einem Tag oder auf einer Demonstration stattfindet, sondern versteht als den Kampf um das eigene Leben, das Leben des Kollektivs, der eigenen Bewegung, einen Kampf, der nur ein Ziel haben kann: Die Revolution und die befreite Gesellschaft.

Unserer Meinung nach gilt es, die Person Silvio Meier wieder in den Vordergrund zu setzen. Seine Geschichte zu erzählen. Seine Beweggründe, seine inhaltlichen Positionen. Und hierbei nicht bei Silvio Meier stehen zu bleiben. Sondern seinen Kampf bewusst in die vergangenen Kämpfe einzuordnen und sich dabei auch auf andere gefallene Genoss*innen zu beziehen. Ivana Hoffmann, Kevin Jochim, Günter Hellstern und Anton Leschek sind ebenso Gefallene im Kampf gegen Faschismus und Kapitalismus wie Andrea Wolf, Uta Schneiderbanger, Silvio Meier, Conny Wessmann, Jan-Carl Raspe, Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, und die zahllosen Widerstandskämpfer*innen gegen den Nationalsozialismus.

Dies wären erste Schritte, von einem isolierten Gedenken an eine Person wegzukommen, hin zu einem kollektiven Gedenken an die Gefallenen aus Deutschland. Es gilt den historischen Kontext zu verdeutlichen und Brücken ins hier und jetzt zu schlagen. Was haben all die, die für ihre politischen Überzeugungen gestorben sind uns mit auf den Weg gegeben?

Das alles sind natürlich nur Ideen. Auch wir haben viele offene und unbeantwortete Fragen, aber eines können wir bereits jetzt sagen: Eine Bewegung, die ihre Gefallenen vergisst, wird sich auch selbst vergessen.

Hubert Maulhofer und Dieter Oggenbach / lcm