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AfD-Politiker twittern wenig mit anderen Parteien Treue Gefolgschaft – so twittert die AfD

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Die AfD schafft sich auf Twitter eine eigene Öffentlichkeit. Eine umfangreiche Datenanalyse von netzpolitik.org und Tagesspiegel ergibt: Die Partei spielt dabei nicht immer mit offenen Karten.

Wahlplakate der AfD für die Landtagswahl 2017 im Saarland (Saarbrücken).
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Bild: Wahlplakate der AfD für die Landtagswahl 2017 im Saarland (Saarbrücken). / DCB, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

10. Mai 2017

10.05.2017

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Der Berliner Landesverband der AfD war dabei. Der Ortsverband in Magdeburg. Auch einzelne Politiker der Partei, etwa aus dem Berliner Abgeordnetenhaus. Sie alle verbreiteten Anfang März auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: Die Medien hätten eine „massive Reisewarnung“ für Schweden verschwiegen. Viele AfD-Anhänger teilten das, streuten die vermeintliche Nachricht noch weiter.

Später sah sich sogar das Auswärtige Amt genötigt klarzustellen, es gebe keine Reisewarnung. Die Partei verbreite Falschnachrichten, Fake News also. Doch das erreichte viele AfD-Anhänger schon nicht mehr. Und nach dem Anschlag in Stockholm fühlt man sich in der AfD ohnehin bestätigt.

Ob auf Facebook, Twitter oder der Videoplattform YouTube: In den sozialen Netzwerken schafft sich die AfD ihre eigene Öffentlichkeit. „Die Partei hat mit dem Schimpfen auf die ,Lügenpresse’ einen Bedarf nach wahrhaftigen Medien geschaffen. Den versucht sie jetzt durch eigene Parteikanäle zu befriedigen“, sagt der Politikberater Johannes Hillje, der seit Längerem die AfD beobachtet. Er sieht in den Netzwerken der AfD einen Paralleldiskurs, der an der Medienöffentlichkeit vorbei geführt wird. Das hat schon Donald Trump zum Wahlsieg verholfen und könnte auch den Rechtspopulisten auf dem Weg in den Bundestag nützen.

Wer erfahren will, wie genau die Strategie der AfD in den sozialen Netzwerken funktioniert, der nimmt sich am besten den Kurznachrichtendienst Twitter vor. Alles, was hier gepostet wird, ist öffentlich. Die wichtigste Währung: der „Retweet“. Wenn also Nutzer die Botschaft eines anderen an ihre eigenen Anhänger, die „Follower“, weiterverbreiten.

800 Accounts seit Dezember analysiert

Journalisten und Datenanalysten von Tagesspiegel und netzpolitik.org haben in den vergangenen Monaten gemeinsam das Twitterverhalten der Partei und parteinaher Nutzer analysiert. Die insgesamt 800 Accounts, die dafür seit Dezember 2016 beobachtet wurden, erlauben einen detaillierten Einblick in die Vorgehensweise und das Netzwerk der Partei.

Schaut man sich die Entwicklung der AfD auf Twitter an, fällt zuallererst eines ins Auge: Der offizielle Twitter-Account der Bundespartei wurde am 24. September 2012 gegründet – mehr als fünf Monate, bevor sich die AfD im Februar 2013 offiziell gründete. Parteichefin Frauke Petry und ihr heutiger Mann Marcus Pretzell traten kurz nach der Gründung der AfD Twitter bei. Und möglicherweise waren sie schon lange, bevor sie öffentlich ein Paar waren, näher miteinander bekannt: Sie eröffneten ihre beiden Accounts innerhalb von 24 Stunden am 16. und 17. März 2013. Inzwischen führt Petry das Twitter-Ranking der AfD-Politiker mit Abstand an, wie die Grafik zeigt. Über 38 500 Nutzer folgen ihr, weit mehr als dem durchschnittlichen Bundestagsabgeordneten auf Twitter. Aber auch mehr als der Grünen-Vorsitzenden Simone Peter oder dem Linken-Chef Bernd Riexinger.

Diese Medien teilt die AfD auf Twitter

„Die AfD fährt vorrangig eine stark personalisierte Twitter-Strategie“, sagt Politikberater Hillje. Petry, Pretzell und auch die Berliner Landeschefin Beatrix von Storch seien sehr aktiv. Sie nutzten ihre Accounts, um Schlagzeilen zu machen. Wie etwa Pretzell, der nach dem Anschlag am Breitscheidplatz von „Merkels Toten“ sprach. Daneben verbreitet die AfD ihre Botschaften auch über die offiziellen Twitterkonten der Bundespartei sowie des Mitgliedermagazins „AfD Kompakt“. „Hier ist die Logik des alternativen Mediums zu erkennen. Auf diesen Accounts wird Pseudojournalismus betrieben“, sagt Hillje. Die AfD wolle ihren Anhängern vermeintlich „wahrhaftige Informationen“ liefern.

Wenn die Partei dann doch Links von journalistischen Medien teilt, dann verweisen diese im Vergleich mit anderen Parteien überdurchschnittlich häufig auf „B.Z.“, Focus Online und Welt.de. Besonders oft empfiehlt sie auch Artikel der neurechten Zeitung „Junge Freiheit“.

Der Scheinriese

Die AfD profitiert auf Twitter von ihrem grossen Unterstützernetzwerk. Der vermeintlich reichweitenstärkste Kanal aus ihrem Umfeld ist ein Account namens „Balleryna“ mit fast 300 000 Followern. Lange Zeit zierte eine blonde Frau mit Pferdeschwanz und grossen Ohrringen den Account, die sich als die Deutsch-Russin Irina ausgab. Seit ein paar Wochen ist die blonde Irina aber verschwunden: Ein anonymes „Team Balleryna“ zeichnet sich nun mit einem Profilbildchen in AfD-Blau verantwortlich. Ein Link führt auf eine AfD-Werbeseite.

Seit April 2011 hat „Balleryna“ gut 85 000 Tweets abgesetzt. Die Inhalte sind meist AfD-Parteiwerbung. Netzwerkanalysen ergeben aber, dass es sich bei „Ballerynas“ Followern grösstenteils nicht um Fans der Partei handeln kann. Nur drei Prozent der Follower haben überhaupt Deutsch als Sprache angegeben. Fast doppelt so viele sprechen Arabisch, der Rest alle möglichen Sprachen. Balleryna ist vor allem eines: ein Scheinriese, der Eindruck machen soll . Denn wer viele Follower hat, der ist wichtig. Balleryna ist aber nur ein anonymer Unterstützungsaccount unter fast einem Dutzend, die nach sehr ähnlichem Muster twittern.

Innerparteiliches Astroturfing

Sie erzeugen ein Grundrauschen im Sinne der Partei, ohne dass sich die AfD offiziell dazu bekennt. Sie haben die Möglichkeit, radikaler aufzutreten als mit offiziellen Parteiaccounts. So wird der anti-islamische Scharfmacher Kolja Bonke vom Netzwerk gepusht. Insgesamt ist das inoffizielle Unterstützernetzwerk ein Verstärker der Positionen von Petry, Pretzell, von Storch und dem offiziellen Parteiaccount „AfDKompakt“.

Auf Anfrage heisst es bei der AfD, dass mit den Betreibern der Unterstützeraccounts keine regelmässigen Absprachen bestünden. Kontaktiert man aber die Unterstützer selbst per Direktnachricht auf Twitter – wie etwa den Macher des Accounts „mundaufmachen“ – heisst es: „Ja, es gibt Kontakte zwischen den Accounts.“ Man rede virtuell miteinander und stünde auch in Kontakt zu dem offiziellen Account „Afdkompakt“, sagt ein anderer, der das Konto „2017_AfDWaehlen“ betreibt. Dieser inoffizielle Account ist erfolgreicher als alle anderen im AfD-Netzwerk.

Die Methode, dass anonyme, reichweitenstarke Accounts in Kooperation mit der Partei arbeiten und diese unterstützen, kommt bislang in Deutschland so nicht vor. Üblich ist, dass solche parteinahen Accounts als offizielle Kampagnenaccounts gekennzeichnet sind. Doch sollte die AfD wirklich mit den Unterstützern kooperieren, wäre das durchaus praktisch: Die Partei könnte sich mit einer Graswurzelbewegung schmücken und diese gleichzeitig steuern.

Ein Artikel von Hendrik Lehmann, Lisa Charlotte Rost, Maria Fiedler, Markus Reuter und Michael Kreil von netzpolitik.org

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

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