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Trotz Todesrisiken von Afrika nach Europa. Warum? | Untergrund-Blättle

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Armut und sozialer Druck – besonders in den ländlichen Regionen Trotz Todesrisiken von Afrika nach Europa. Warum?

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In Libyen erwartet sie die Hölle, auf dem Meer der Tod und, falls sie es schaffen, in Europa die Ausschaffung. Ein konkreter Fall.

Afrikanische Migranten auf dem spanischen Schiff «Reina», Juli 2016.
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Bild: Afrikanische Migranten auf dem spanischen Schiff «Reina», Juli 2016. / CSDP EEAS (PD)

12. Oktober 2017

12.10.2017

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«Wenn Du einen Weg siehst, um dorthin zu gelangen, solltest Du es vielleicht versuchen», hatte sein Vater zu ihm gesagt.

Auf dem Weg nach Europa waren tausende Kilometer gnadenloses Wüstengelände und Meer zu überwinden. Monate vergingen ohne Nachricht. Dann der Anruf. Freunde aus Frankreich hatten eine Liste mit Namen von ertrunkenen Migranten ausfindig gemacht. Auch sein Name stand darauf.

Amadou Annes jüngerer Bruder Gibbe versuchte ebenfalls, nach Italien zu gelangen. Auch er verlor sein Leben auf hoher See.

Das Meer, das die beiden Brüder Amadou und Gibbe Anne vor zwei Jahren verschluckte, hat in diesem Jahr bereits wieder das Leben von mehr als 2100 Migrantinnen und Migranten gefordert. In fünfundneunzig Prozent geschah dies auf der sogenannten Zentralroute zwischen Libyen und Italien, die hauptsächlich von Afrikanern aus Ländern südlich der Sahara benutzt wird. Von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wird sie als die «tödlichste Fluchtroute der ganzen Welt» bezeichnet.

Die Afrika-Korrespondentin der «New York Times» hat die konkrete Geschichte der Familie Anne in Senegal recherchiert. Sie zeigt, warum immer mehr Menschen aus verschiedenen Ländern Afrikas Richtung Europa aufbrechen. Seit Anfang 2017 bis zum 22. Juni erreichten fast 72'000 Migrantinnen und Migranten die Küsten Italiens – gemäss IOM sind dies 28 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahresperiode.

Das stürmische Meer ist «nur» die letzte grosse Hürde auf dem gefahrvollen Hindernislauf nach Europa. Für Migranten wie die Brüder Anne beginnt die Reise mit vollbeladenen Transportbussen, die auf den schlechten, von Räubern kontrollierten Strassen oft zu kippen drohen. Falls sie die tagelange Wüstenüberquerung schaffen und Libyen erreichen, werden sie oft geschlagen, über Wochen von Schmugglern eingesperrt und geschüttelt, bis noch mehr Geld herausschaut.

Im Monat Mai starben 44 Migranten, inklusive Kinder, nachdem ihr Fahrzeug in der Sahara steckenblieb und das Wasser ausging. Menschenschmuggler kennen keine Grenzen, wenn es darum geht, verzweifelte Flüchtlinge und Migranten auszunehmen, sagt Babar Baloch, Sprecher des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge.

Der Migrationsstrom aus westafrikanischen Ländern, namentlich aus Nigeria, Guinea, Gambia, Elfenbeinküste, Mali und Senegal nimmt zu. 2016 hat sich die Zahl der Senegalesen, welche sich auf den Weg machten, im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.

Armut und sozialer Druck – besonders in den ländlichen Regionen

Senegal gilt zwar als eines der weiter entwickelten Länder in dieser Region. Im Zentrum der Hauptstadt Dakar prägen Hochhäuser das Bild. Öl- und Gasvorkommen am Meeresgrund wecken Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und locken internationale Konzerne wie Total mit Explorationsverträgen.

Und doch leben rund 47 Prozent der Einwohner Senegals laut Angaben der Weltbank in Armut. In ländlichen Gebieten gelten sogar fast zwei Drittel der Ortsansässigen als arm.

Das Gebiet, aus dem die Brüder Anne stammten, ist nur spärlich bevölkert und gehört zu den ärmsten Regionen Senegals. Wie die lokale Behörde mitteilt, starben auf der Route nach Europa seit 2015 mindestens 110 Menschen, die von hier stammten.

Alessane Diallo, Bürgermeister eines Dorfes aus der Nachbarschaft, bringt es folgendermassen auf den Punkt: «Wir haben keine Maschinen, um das Land zu kultivieren, keinen Regen, und nun fehlen auch die jungen Leute».

In dieser sandigen Gegend mit ihrer gleissenden Hitze und den markanten Affenbrotbäumen ist Landwirtschaft die Haupternährungsquelle. Der Ertrag lässt sich an der Ausstattung der Einraum-Lehmhütten ablesen, die zugleich einer Miniherde aus zwei oder drei Schafen Unterstand bietet: ein Stück Schaumstoff, um die Härte der aus Holzstäben gebauten Bettstatt abzumildern, ein paar Kleider zum Wechseln, Flipflops.

Die Helden der Region, von allen beneidet

Doch ein paar der Anwesen, die entlang der holprigen Naturstrasse zu erblicken sind, wirken wie Sirenenrufe nach Europa: Richtige Häuser statt Lehmhütten, ein Auto davor parkiert, eine aus dem Boden aufragende Satelliten-TV-Empfangsschüssel, ein iPhone.

All das kommt vom Geld, das aus Europa nach Hause gesendet wurde – von Migranten, die es geschafft haben. Die Helden der Region, von allen beneidet.

«Ein junger Senegalese schämt sich und fühlt sich schuldig, wenn er seine Mutter ums Auskommen ringen sieht und sich selbst unfähig fühlt, die Eltern zu unterstützen und zu entlasten», sagt Ousmane Sene vom West African Research Center.

Die Scham, es nicht geschafft zu haben

Manchmal werden Söhne auch von ihren Eltern, Andere von ihren Ehepartnern dazu gedrängt, sich auf den Weg zu machen. Das Dorfleben findet in derart abgeschiedener Lage statt, dass die Gefahren einer solchen Reise den Einwohnern gar nicht bewusst werden. Der Druck kann so stark werden, dass Männer, die sich aufgemacht haben, das Ziel jedoch nicht erreichten, nie mehr nach Hause zurückkehren wollen. Aus Scham ziehen sie es vor, ihre Familie im Glauben zu lassen, sie seien tot.

Moussa Kebe, der ebenfalls in diesem Gebiet lebt, hatte es 2014 versucht. Er verkaufte sein Heim, um die Reise zu bezahlen, welche während 16 Tage durch die Wüste führte – mit so wenig Wasser, dass er gezwungen war, den eigenen Urin zu trinken. Vier Mitreisende seien vor Durst gestorben.

In Libyen angekommen arbeitete er auf dem Bau und reinigte Toiletten, in der Hoffnung genügend Geld sammeln zu können, um den Preis für die Überfahrt nach Italien zu bezahlen. Die libysche Einwanderungsbehörde steckte ihn jedoch für drei Monate ins Gefängnis, bevor er ausgewiesen wurde.

So kam er mit leeren Händen wieder nach Hause. Er war schlechter dran als vorher. Als er seiner Frau erzählte, was geschehen war, weinte sie und bat ihn eindringlich, es nochmals zu versuchen.

«Es ist ein Selbstmordauftrag», bemerkt Ousmane Thiam, der es ebenfalls nicht bis Europa schaffte.

Minenarbeit im Kongo oder in Gabon als «Alternative»

«Wir hatten nur von Erfolgsgeschichten gehört», erzählt die Mutter der beiden auf dem Weg umgekommenen Brüder Anne. Die Familie war in der Zwischenzeit auf finanzielle Hilfe zwei weiterer Söhne angewiesen. Doch dann starben beide, wahrscheinlich eines natürlichen Todes.

Seither ist Arouna Anne der älteste Sohn. Er ist 14 Jahre alt und weiss um die Erwartungen, die auf ihm lasten – für ein besseres Leben seiner Eltern und der Kinder zu sorgen, welche seine Brüder zurückgelassen hatten. Da ihm klar war, dass er die Familie nicht unterstützen könnte, wenn er im kleinen Heimatdorf bliebe, machte er sich mit nur etwas Wechselwäsche und 33 Dollar zu einer ein paar Stunden weiter östlich gelegenen Stadt auf. Er lebt dort in bescheidenen Verhältnissen. Seine Eltern hat er schon sechs Monate nicht mehr gesehen. Ab und zu sendet er ihnen etwas Geld. Doch es genügt nicht.

Arouna weiss um die Gefahren der Reise nach Europa. Auch einer seiner Freunde von früher hat es kürzlich versucht und musste in Libyen sein Leben lassen.

Vielleicht wird er nach Gabon oder Kongo weiterziehen, um in den Minen zu arbeiten. «Dort ist es weniger gefährlich als in Libyen», meint er.

Red / Infosperber

Aus dem Englischen bearbeitet von Corinne Duc.

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