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LSD und Party-Kultur | Untergrund-Blättle

Datum

16. Juli 2005, 00:00 Uhr

Kultur

Der psychedelische Underground LSD und Party-Kultur

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Von einem befreienden Aufbruch in neue psychedelische Wirklichkeiten bis zur Flucht in eine Scheinwelt ist es oftmals nur ein kleiner Schritt. LSD kann innere Räume eröffnen, es kann aber genauso die Wahrnehmung der äusseren Bedingungen völlig verschliessen.

Algorythm Sound.
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Bild: Algorythm Sound. / Bennyp (PD)

16. Juli 2005

16. Jul. 2005

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In England leitete die Acid-House-Szene der späten achtziger Jahre die Techno-Kultur ein. Offensichtlich kam schon in der Bezeichnung der enge Bezug zu LSD, sowie darüber hinausgehend zur psychedelischen Bewegung der späten sechziger Jahre zum Ausdruck. Auf den stark akustisch und visuell geprägten Techno-Partys der neunziger Jahre nahm LSD insbesondere durch seine die Sinneswahrnehmung intensivierende Wirkung, aber auch auf Grund seines generell bewusstseinsverändernden Charakters eine bedeutende Rolle ein.

Party und Bewusstsein

Vielfach wird beschrieben, wie der Rhythmus der Musik tief in das Innerste dringt und die Wahrnehmungen von Klängen, Farben und Empfindungen fliessend ineinander übergehen: "Ich tanze auf dem Spiegel meines Bewusstseins oder treffender ausgedrückt, ich schwebe frei über ihm und beginne mit der mich durchdringenden Musik zu verschmelzen. Ich habe das Gefühl, dass der Raum, in dem ich mich befinde, durch mein eigenes Ich definiert wird. Die anderen Partygäste treten in mich ein, wenn sie in diesen Raum kommen."

In einer anderen Trip-Erfahrung beschreibt Zaigon die Auflösung sein Verständnisses der Wirklichkeit. Er fühlte sich beim Tanzen wie in einer ovalen Form und bewegt sich ständig zwischen deren Polen hin und her: "Ich bin nicht in der Lage mich dem zu entziehen. Oben weiss ich wer ich bin, unten habe ich kein gängiges Bewusstsein mehr davon. Oben ein völlig klares Denken, auf dem Weg zum anderen Pol dann zunehmende Auflösung und unten keine Worte mehr. Kein Wissen mehr, dass es den Begriff 'denken' gibt, was denken überhaupt ist. Nur noch kleinste Bausteine, die noch kleiner werden. Atome. Energiepartikel.

Alles in Sekundenschnelle. Physikalisch ist mir klar, dass wir aus unzähligen unfassbar kleinen Elementen zusammengesetzt sind, dass sich alles ständig in einem Zustand der Bewegung und Veränderung befindet. In dieser Nacht wusste ich es nicht nur, sondern ich erfuhr es konkret an mir, lebte es in mir."

Dass derartige Erfahrungen keineswegs übersteigerte Phantasien sind, bewiesen insbesondere die empirischen Untersuchungen einer Gruppe um Adolf Dittrich, der an die Forschungen von Aldous Huxley, Arnold Ludwig und Stanislav Grof anknüpfte. Deutlich wurde in Rahmen dieser Studien, dass entsprechende Erlebnisse potentiell zu einem durch bestimmte psychoaktive Substanzen, aber unter anderem auch durch Meditationstechniken oder Trance-Rituale hervorgerufenen Erfahrungsvermögen jedes Menschen gehören.

Hinsichtlich der "Phänomenologie aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände" unterschied Dittrich 1985 nach einer Versuchsreihe mit 500 Personen im wesentlichen drei Erfahrungszustände: Der Zustand der sogenannten "Ozeanische Selbstentgrenzung" beschreibt beglückende Erfahrungen wie das Gefühl des Einsseins mit sich und der Welt. Die "Angstvolle Ichauflösung" entspricht einem Horror-Trip, also den bedrohlichen Aspekten wie der Angst vor einem Kontrollverlust. Und der Zustand der "Visionären Umstrukturierung" schliesst Veränderungen von Bedeutungsebenen, halluzinatorische Wahrnehmungen und synästhetische Aspekte ein. Schon 1956 hatte Aldous Huxley im Zusammenhang mit seinen Erfahrungen mit Meskalin entsprechend von "Himmel", "Hölle" und "Vision" gesprochen.

Der psychedelische Underground

Der Konsum von LSD und die damit verbundenen Erfahrungen fanden in vielfältiger Weise einen Niederschlag in Projekten des Techno-Undergrounds. So stand beispielsweise im Zentrum der Labels Dope Records und High Society die musikalische Auseinandersetzung mit psychoaktiven Substanzen. Auf Veröffentlichungen wie "Ayahuasca - The Trip To The Foundation of Culture", "MDMA-Tuning" und "Pro Cannabis" ist die Musik von den entsprechenden Substanzen inspiriert, wobei zum Teil ausführliche Begleitinformationen über die Wirkungsweisen und über entsprechende kulturelle Hintergründe informieren. Die Veröffentlichungen knüpften dabei ausdrücklich an eine Tradition psychedelischer Konzeptalben an, "deren Musik betrippten Psychonauten für ihre Visionen Struktur boten und damit praktisch als akustische Landkarten dienten, damit Weg, Ziel und Methode nachvollziehbar wurden."

Als ein Leitbild für das Konzept von High Society lässt sich ein kurzer Text auf dem Cover der LSD-geprägten Veröffentlichung "Paradise Connection" verstehen, der davon spricht, dass das Paradies kein Ort, sondern ein Bewusstseinszustand ist..

Der Londoner DJ Jackal übertrug bei der Erstellung seines Manifestes "Speedcore-Acid-Assault Consciousness" die musikalischen Prinzipien des Sampling und des Remix auf einen schriftlichen Text. Er setzte dabei Elemente von Texten der New Yorker Black Mask Group neu zusammen, die in den späten sechziger Jahren eine Verbindung von Kunst und revolutionärer Praxis anstrebt. Inhaltlich flossen psychedelische und kulturrevolutionäre Elemente in das Manifest ein, welches voller Pathos gleichermassen LSD und Techno-Schallplatten als revolutionäre Waffen beschreibt: "Wir sind die Balance der kosmischen Energie, wir sind die Freaks unbekannter Zeiten und Räume, wir sind die Spione der Revolution. Gleichzeitig zerstören und neues erschaffen. Wir gestalten neue Realitäten, einer Explosion vergleichbar, in einer Welt, die es zu verändern gilt. Wir sind das Auge der Revolution. Wir sind eine Stammeskultur, eine Gemeinschaft von Familien bewaffnet mit psychedelischen Drogen, Magie und harten, schnellen Techno-Platten ..."

In den Beiträgen des "Psychonautischen Rundbriefes" wurden psychedelische Erfahrungen mit radikalen politischen Konzepten und einem im Techno-Underground verwurzelten gegenkulturellen Selbstverständnis verbunden, welches an das Bild eines übergreifenden Cybertribes anknüpft. Entsprechend standen Hinweise auf Underground-Partys neben Berichten über die Verbindung von Party und Demonstration im Rahmen der "Reclaim the Street"-Aktionen und Safer-Use-Informationen zu verschiedenen psychoaktiven Substanzen. Ein durch Psychedelika verändertes Verständnis von Wirklichkeit bildete dabei einen Einklang mit dem Ziel gesellschaftlicher Veränderung auf dem Weg zu einer konkreten Utopie der Gegenwart.

Beispielhaft für Repressionmassnahmen gegenüber psychedelisch ausgerichteten Projekten im Kontext der Techno-Kultur sind dagegen die Geschehnisse im Umfeld des Acid Psychedelic Club in Thessaloníki am Ende der neunziger Jahre. Als Teil einer Repressionswelle in Griechenland, die sich in einer Reihe von Razzien, Clubschliessungen und Verurteilungen ausdrückte, wurde auch dieser Club während einer Party gestürmt und die Betreiber zu hohen Haftstrafen verurteilt. Bezeichnender Weise bezogen sich die Vorwürfe neben dem Handel mit Drogen auch auf die Propagierung des Drogenkonsums durch den Namen des Clubs. Generell richtete sich die Kampagne gegen eine Jugendkultur, die sich in Clubs wie dem Psychedelic Acid den vorgegebenen gesellschaftlichen Werten entzog.

Psychedelic Trance

Innerhalb der Party-Kultur ist der Gebrauch von LSD insbesondere in der Psychedelic-Trance-Szene verankert. Die Wurzeln der Szene liegen im indischen Goa, das seit den siebziger Jahren als Treffpunkt für Freaks und AussteigerInnen aus der ganzen Welt gilt. In den späten achtziger Jahren kam es zu einer Öffnung gegenüber der aufkommenden Techno-Musik. Es entstand ein eigenständiger musikalischer Stil, sowie eine besondere Party-Kultur, die stark von spirituellen wie auch von psychedelischen Elementen der späten sechziger Jahre beeinflusst war. Wie schon die Bezeichnung "Psychedelic Trance" nahelegt, stehen im Zentrum der Partys neben der individuellen Entfaltung die gemeinschaftliche Trance-Erfahrung, sowie das Streben nach Rausch und psychedelischer Bewusstseinserweiterung mit Hilfe psychoaktiver Substanzen.

Die Atmosphäre einer derartigen Party beschrieben Pavan und Ananta in "Der kosmische Orgasmus", einem Erfahrungsbericht, der von einer psychedelischen Wahrnehmungsebene geprägt ist, auch wenn sie nicht direkt als solche angesprochen wird: "Die Musik wird zu einem Weg, der es ermöglicht tief in das Innere zu gehen und gleichzeitig den eigenen Körper zu verlassen. Viele Leute sind phantasievoll in bunten Farben gekleidet und stellen immer wieder verschiedene Charaktere dar. Es ist eine Zusammenkunft verschiedener Realitäten deren Verknüpfungs-punkt die Musik ist. Nachdem über Stunden hinweg getanzt wurde und die Sonne am frühen Morgen aufgeht, kommt es zu einem weiteren Energiesprung. Alle befinden sich in einem Zustand der Trance. Es ist ein Prozess des Neubeginns. Tief im Innern spüren alle die Veränderung und gehen in einem kosmischen Orgasmus auf..."

Bis heute kennzeichnend für viele Goa-Partys ist die kreative und phantasievolle Gestaltung der Chill-Out-Bereiche, die vielfach fluoreszierende Gemälde und pulsierende Diaprojektionen einbezieht. Das Gestaltungskonzept knüpft in dieser Hinsicht an die Mixed-Media-Shows der späten sechziger Jahre an, die gezielt zur Intensivierung psychedelischer Erfahrungen konzipiert wurden. Hinsichtlich des Umgangs mit psychoaktiven Substanzen war in weiten Teilen der Szene lange ein reflektierteres Verhältnis festzustellen als in anderen Szenen der Techno-Kultur. Zum Teil wurden dabei die Partys als grosse Rituale verstanden, zu deren Elementen auch der Drogengebrauch gehört.

Der gemeinschaftliche Konsum von LSD und anderen psychoaktiven Substanzen wurde dabei zu einem gruppendynamischen Erlebnis, das einen gemeinsamen Übergang in Rausch und Ekstase ermöglicht. Deutlich festzustellen ist jedoch auch in der Psychedelic-Trance-Szene ein zunehmend konsumorientierter Gebrauch von mehreren Substanzen gleichzeitig, bei dem es vielfach nur noch um das "Druff-Sein" und nicht mehr um die Eröffnung neuer Wirklichkeiten geht.

Veränderung und Stillstand

Seit den neunziger Jahren ist immer wieder zu erkennen, dass im Zeitalter des Cyberspace ursprüngliches schamanistisches Wisse in Verbindung mit psychedelischen Erfahrungen eine neue Bedeutung erlangt. Der im April 2000 verstorbene Bewusstseinsforscher Terence McKenna, der zu einer Kultfigur der Psychedelic-Trance-Szene wurde, sprach in diesem Zusammenhang von einem "archaischen Revival". Er betonte darüber hinausgehend immer wieder die Bedeutung von psychoaktiven Substanzen für die evolutionäre Entwicklung der Menschheit wie für die individuelle Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit.

In einem gezielten Gebrauch psychedelischer Substanzen sah McKenna einen Weg verinnerlichte regressive Strukturen aufzulösen und verstand LSD dabei auf einer kulturellen Ebene als "Dekonditionierungsagent". Gerade hinsichtlich einer derartigen Dekonditionierung verinnerlichter Werte wird die politische Dimension des Gebrauchs von LSD deutlich. Dabei geht es nicht wie im traditionellen Politikverständnis um die Formulierung und Durchsetzung konkreter Forderungen, sondern um die Auflösung von überkommenen Wertesystemen und darüber hinaus um die Entwicklung eines veränderten Verständnisses von Wirklichkeit.

Der amerikanische Kulturkritiker Douglas Rushkoff vertritt einen vergleichbaren Ansatz, der sich seinen Beschreibungen zufolge in verschiedenen gegenkulturellen Strömungen widerspiegelt, so auch in Teilen des Techno-Undergrounds. Auch Rushkoff macht in "Cyberia - Leben an den Fronten des Hyperspace" deutlich, dass sich das gesellschaftliche Selbstverständnis einer Strömung wie der Psychedelic-Trance-Szene vorrangig im Ziel einer Bewusstseinsentwicklung im Kontext gemeinschaftlicher Strukturen zum Ausdruck kommt. Rushkoff beschreibt dabei LSD-KonsumentInnen als psychonautische Reisende, wobei er idealistisch davon ausgeht, dass eine derartige Reise eine positive Veränderung im Bewusstsein der entsprechenden Person auslöst.

Gerade die Techno- bzw. Party-Kultur mit ihren vielfältigen Szenen zeigt jedoch, dass diese Veränderung keineswegs einem Automatismus entspricht. Wie lange auch im Zusammenhang mit der Beschreibung von Ecstasy als vermeintlich gesellschaftsverändernde Substanz durch Teile des Techno-Undergrounds ist auch in der Darstellung von LSD eine Überschätzung deutlich festzustellen.

Der vorrangigen Betonung einer bewusstseinsentwickelnden Wirkung stehen jedoch auch kritische Positionen gerade in Bezug auf die Konsummentalität gegenüber. In diesem Sinne wird Nina Grabori in der Broschüre des aus dem Techno-Underground hervorgegangenen Sonics-Cybertribe-Netzwerks dahingehend zitiert, dass Psychedelika sich als Hilfsmittel für Problemlösungen oder als kreative Inspiration verwenden lassen, wenn sie die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit einschliessen. Eine Möglichkeit ist dabei der gemeinschaftliche Gebrauch in besonderen Ritualen oder auch in therapeutischen Sitzungen, die von Phasen der Einleitung und der Aufarbeitung begleitet werden. Die gefährlichste und verschwenderischste Art LSD zu gebrauchen, sei jedoch ein unbewusster Konsum.

Auch San Fichtner kritisiert aus einer Position des Undergrounds heraus derartige unreflektierte Gebrauchsmuster als potenzierte Entsprechung einer gesellschaftlich geprägten Konsumhaltung. Zudem verweist sie auf eine Ignoranz gegenüber möglichen psychischen Problemen als Folge des Gebrauchs psychoaktiver Substanzen. Sie spricht dabei von einem Gruppendruck, sich am Wochenende auf einer Party in einen positiven Gefühlszustand zu versetzen, der lediglich künstlich durch den Gebrauch synthetischer Substanzen erzeugt wird.

Die Erwartung einzig durch den Konsum von LSD eine persönliche Entwicklung zu erzielen, führe zu einer Instant-Bewusstseinsveränderung, die jedoch ohne eine tiefergehende Beschäftigung mit der eigenen Psyche keine weiterreichende persönliche Perspektive eröffnet.

Bis heute zeigen zahlreiche Projekte und Strömungen des Techno-Undergrounds, dass sich das Potential psychedelischer Substanzen in einem bereichernden Sinne nutzen lässt, wenn es zu einer reflektierenden Auseinandersetzung kommt. Gleichzeitig wird aber auch immer wieder deutlich, dass sich dieses Potential erst innerhalb eines übergreifenden Verständnisses von persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung entfalten kann. Sofern dies nicht geschieht wird der Gebrauch von Psychedelika zwangsläufig zu einem Mittel der Ablenkung und der Flucht bzw. dadurch letztlich objektiv zu einem Instrument der Unterdrückung, auch wenn subjektiv zumindest vorübergehend ein Zustand der Befreiung erfahren wird. Alles erscheint dann für einige Stunden völlig verändert und bleibt dennoch danach wie es zuvor war.

Wolfgang Sterneck