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Best of Jesus-Filme: Keiner starb öfter | Untergrund-Blättle

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Zwischen Bibeltreue, Massaker und Rebellion Best of Jesus-Filme: Keiner starb öfter

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Keine historische oder mythologische Figur ist so oft auf der Leinwand gestorben wie Jesus. Dabei fehlen in dieser Wikipedia-Auflistung derzeit sogar Klassiker wie etwa „Jesus von Montréal“.

29. März 2018

29. Mär. 2018

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Letzterer ist ein bedeutendes Beispiel der Jesus-Verfilmungen aus der New-Age,- und Beatmessen-Ära. Bekanntestes Werk dieses Subgenres ist natürlich „Jesus Christ Superstar“. Diese beiden essentiellen Filme hätten eigentlich in diesem ersten Teil unserer Serie behandelt werden sollen. Dem Autor dieser Zeilen war es jedoch unmöglich, sich den Andrew Lloyd Webber‘schen Klängen länger als fünfzehn Minuten auszusetzen; es bleibt zu hoffen, das wir uns im nächsten Frühjahr in einer robusteren Verfassung befinden.

Klappe 1: Leib, Seele und ein Satans-Engel

Zum Glück existieren wirklich unterhaltsame, gar lehrreiche Jesus-Filme – allen voran „Die letzte Versuchung Christi“. Martin Scorses Adaption des Romans von „Alexis Sorbas“-Autor Nikos Katzanzakis löste einen Skandal aus, als der Streifen Ende der 1980er Jahre in die Kinos kam. Die Darstellung Jesu als mit seiner Messias-Rolle nicht wirklich einverstanden – nicht zuletzt weil er sich für diese Rolle ans Kreuz nageln lassen muss – führte zum Zeitpunkt der Entstehung zu Protesten konservativer ChristInnen und sogar zu Anschlägen auf Kinos.

Im Zentrum dieser Kritik stand freilich jener Teil des Filmes, in dem Jesus vom Teufel in Gestalt eines blonden Engels vom Kreuz geholt und von dem Wahn befreit wird, der Messias zu sein. Gleichzeitig mit dieser Befreiung erkennt Jesus die Schönheit der materiellen Welt. Alles habe sich so verändert, sagt er mit Blick auf die grüne Landschaft; bis zu dieser Szene bestand das Setting des Films fast ausschliesslich aus Wüstenszenen. Nein, erklärt ihm der Engelsatan, die Landschaft habe sich nicht verändert – er, Jesus, habe sich verändert. Und prompt heiratet er Maria Magdalena, es folgt eine Sexszene, zahlreiche Kinder werden geboren, Jesus schreinert wie weiland Vater Josef. Kurz: es wird endlich gevögelt und gearbeitet in dem Film, aus dem Messias ist ein ganz normaler Mensch mit Freud und Leid und Lust geworden.

Zumindest vorübergehend. Denn am Ende seines Lebens fleht Jesus Gott um Verzeihung an und erklärt sich endlich dazu bereit, den Messias zu spielen. Sofort hängt er wieder am Kreuz und alles geht seinen bibelgemässen Gang. Jesus hat somit Gott und Satan gleichermassen ausgetrickst und war Messias und normaler Mensch gleichermassen, der Schlingel.

Weitaus interessanter als diese metaphysischen Tricksereien des Zimmermann-Sohnes sind aber die Dialoge zwischen Jesus alias Willem Dafoe und Judas alias Harvey Keitel. Letzterem wird in dem Film die Rolle des konsequenten Revolutionärs innerhalb der jüdischen Widerstandsgruppe zugeschrieben, die sich um Jesus gebildet hat. Jesus aber, statt den römischen Besatzern ordentlich auf die Mütze zu geben, verdient sein Geld durch das Schnitzen von Kreuzen für die römische Hinrichtungsmaschinerie und schwafelt mystisches Zeugs. „I struggle – you collaborate“, wirft ihm Judas deshalb sehr berechtigt gleich zu Beginn des Films an den Kopf. Jesus sei eine Schande und ein Feigling, schreit Keitel.

Seine Mutter fragt ihn, ob er überhaupt sicher sei, dass er nicht vom Teufel besessen sei. Nein, sagt Jesus, das wisse er nicht. Und dann erzählt er über die Liebe, mit der er die Besatzer zu bekämpfen gedenke. „Ich bin ein freier Mann“, kontert Judas, „ich halte meine Wange niemanden hin.“ Bei der anschliessenden Diskussion der beiden darüber, ob zuerst der Geist befreit werden müsse (Jesus) oder der Körper, den es nach Brot verlangt (Judas), fühlt man sich wahlweise in eine Philosophie-Einführungskurs-Diskussion oder in eine linke Demobündnis-Grundsatzdebatte versetzt.

Wen das immer noch nicht animiert, sich den Streifen reinzuziehen, der sei auf zwei weitere Leckerbissen verwiesen, die sich Martin Scorsese einfallen liess. Da ist zum einen Peter Gabriels abgespacter Eso-Weltmusik-Soundtrack, der sich vermutlich auch bestens zum Runterkommen von aus dem Ruder gelaufenen Räuschen eignet (nicht ausprobiert). Darüber hinaus aber, als heimlicher Höhepunkt, spaziert mitten im Film plötzlich Dawid Bowie als Pontius Pilatus über die Leinwand. Noch Fragen?

Klappe 2: SM im Cineplex

Filme, die ihre gesamte Handlung bereits im Titel tragen, sind immer super. Diese Eigenschaft zeichnet auch einen weiteren Höhepunkt des Jesus-Film-Genres aus: „The Passion of the Christ“, Mel Gibsons genialer Trick, via Jesus-Thematik einen Sado-Maso-Splatter-Streifen in die Cineplexe dieser Welt zu bringen und dafür Dankbarkeit der reaktionärsten christlichen Kreise zu ernten.

Der Titel verspricht, dass man sich hier nicht die ganze Story von der Krippe bis zum Kreuz reinziehen muss, sondern dass es vor allem um Peitschen, Nägel und Blut geht. Und Gibson löst das Versprechen ein. Menschliche Fleischfetzen und Blutstropfen wirbeln in Grossaufnahme und Zeitlupe über die Leinwand. Es wird eigentlich fast nur gepeitscht in diesem Film. Dem konservativen Christen Gibson ging es darum, das Martyrium, das Jesus für unsere Sünden auf sich genommen hat, uns SünderInnen ins Bewusstsein zu peitschen.

Liberalere ChristInnen, denen der Erfolg des Streifens gar nicht behagte, bemängelten theologische Unstimmigkeiten. So sei, hiess es damals, die Hervorhebung des Leidens insofern widersinnig, als dieses ja im Sinne der christlichen Erlösungslehre notwendig gewesen sei. Die Kritik an diesem Leiden derart in der Vordergrund zu stellen würde demnach heissen, an einem der Bausteine des Christentums zu rütteln. Dass die ganze Erbsünden-Chose gelinde gesprochen etwas widersinnig sein könnte, darauf kamen dann aber auch die liberalsten Christenmenschen nicht.

Klappe 3: Gottessohn

Es ist schon einigermassen billig, im Jahr 2014 einen Film über das Leben Jesu zu produzieren und dann keine einzige originelle Idee umzusetzen. Das beginnt beim Titel des Streifens: „Son of God“. Ja, das war er nach herkömmlicher christlicher Lehre. Das weiss wohl jedeR. Ein bisschen mehr Originalität bei der Titelwahl nächstes Mal vielleicht? Aber halt, so streng wollen wir nicht sein. Immerhin fängt „Son of God“ eigentlich ganz vielversprechend an. Jesus beginnt seine Mission mit einem Magiertrick – er zaubert für den glücklosen Petrus ein paar Meerestiere aus dem überfischten See Genezareth. Damit hat er sich natürlich im Handumdrehen den ersten Jünger gesichert. Binnen weniger Szenen wird Jesus zum Superstar – und hat in manchen Einstellungen merkwürdige optische Ähnlichkeiten mit Che Guevara.

Dazu passt auch einer der ersten Dialoge: „What are we gonna do?“ fragt Petrus seinen neuen Chef. „Change the world“, antwortet dieser lapidar. Besonders revolutionär gehts allerdings in der Folge nicht zu in dem Film. Und in Schlüsselszenen – etwa während der Bergpredigt oder bei seiner eigenen Auferstehung – sieht der von Diogo Morgado gemimte Jesus auch eher aus wie Brad Pitt in „Troja“ auf Droge.

Der „Son of God“ ist eine glatte Figur, ohne Widersprüche, bekannte Szenen werden zügig runtergespult – fast hat man den Eindruck, die Filmemacher hat es selbst gelangweilt, zum hundertsten Mal den Gang am Wasser, die Auferweckung des Lazarus etc.pp. streng nach biblischer Vorlage zu bringen. Wobei: Bibeltreue kritisierten, dass sich der Film sogar noch zu viele Freiheiten erlaube – siehe etwa die Fischzauberszene zu Beginn. Aber auch das Handwerkliche der aufwändigen Produktion überzeugt nicht wirklich. Einigen der aneinander gestöpselten Szenen sieht man an, dass sie aus einer Serie stammen; „Son of God“ ist die Filmwerdung des Jesus-Teils der „History Channel“-Miniserie „The Bible“.

Irgendwo in der Mitte des Streifens meint man für einen kurzen Augenblick, die Jesus-Figur würde endlich etwas interessanter: als die 5000, denen er grad mal wieder ein paar Fische herbeigezaubert hat, „Messiah, Messiah“ zu skandieren beginnen, wird dem unfreiwilligen Führer etwas mulmig zumute und er haut ab. Gleich darauf gehts aber auch schon ganz brav weiter im Text.

Dann lässt Pontius Pilatus ein paar jüdische Demonstranten massakrieren, damit auch der soziale Hintergrund der Story mal vorkommt. Gegen Ende schliesslich taucht der afroamerikanische Schauspieler Idrissa Sisco als Simon von Cyrene auf – ein Zugeständnis an die sich nun vielleicht auch in US-amerikanischen konservativen Kreisen langsam herumsprechende Erkenntnis, dass die ersten ChristInnen vielleicht doch keine WASP‘s im engeren Sinne waren. War sonst noch was? Ja: als Schlusssong wurde geschmackssicher ein Weihnachts-Überhit des Genres „Contemporary Christian Music“ gewählt: „Mary, did you know that your baby boy would one day walk on water?“ Kein weiterer Kommentar nötig.

Klappe 4: Agamben zählen

Nun aber flugs in intellektuellere Gefilde. Und da gibts neben der bereits vor einem Jahr von uns abgefeierten „Last Temptation of Christ“ von Martin Scorsese und dem hoffentlich im nächsten Jahr endlich zu besprechenden „Life of Brian“ eigentlich nur mehr „Das 1. Evangelium – Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini. Der Atheist Pasolini beweist, dass auch ein richtig guter Jesus-Film keine inhaltlichen Extravaganzen braucht. Und so hält sich auch das „1. Evangelium“ streng an die literarische Vorlage – soweit dies möglich ist. Der Beginn etwa lässt durchaus Interpretationsspielraum. Wir haben es so gesehen: ein etwas unfroh dreinblickender Josef wird von einem Engel über die Ursache der überraschenden Schwangerschaft Marias aufgeklärt. Keine Angst, das kommt vom heiligen Geist, erklärt der Himmelsbote, alles in Ordnung. Schon lächelt der arme Josef wieder. Danach kann auch die Handlung endlich richtig losgehen, und bereits nach wenigen Filmminuten suchen schon die Ersten den neugeborenen Messias.

Bemerkenswert an dem Film ist die Musik-Auswahl. Viel aus der Bach‘schen „Matthäuspassion“, ein bisschen Mozart zwischendurch, dann aber auch mal afrikanische Rhythmen und Harmonien – und immer wieder das Gospel „Sometimes I feel like a motherless child“ – merkwürdig: wir dachten, der Knabe hätte keinen richtigen Vater?!

Der Jesus Pasolinis ist der Jesus der Bibel, sofern man sie richtig liest: ein Sozialrevolutionär und Aufwiegler, der recht bald klarstellt: „Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Christi Lehren stehen ganz klar im Zentrum des Streifens, es gibt lange Sequenzen, in denen Enrique Irazoqui als Jesus dessen biblisch überlieferte Reden und Gleichnisse rezitiert – auch hier steht natürlich die Bergpredigt ganz oben auf der Liste. Und wenn es zwischendurch für die ZuseherInnen aufgrund der Textlastigkeit mal anstrengend wird – den Jesus im Model-Look mit Fünftagesbart und Föhnfrisur kann man sich schon eine Weile ansehen. Oder man zählt die Auftritte Giorgio Agambens. Der damalige Philosophiestudent gibt in Pasolinis Streifen den Jünger Philippus – leider nur eine undankbare kleine Nebenrolle.

Aber, wer war eigentlich der Papa von Jesus? Klar, die Katechismus-Version ist bekannt. Nach einigen Jahrhunderten Streit und Exkommunikationen steht seit längerem fest: Jesus ist der „eingeborene Sohn Gottes“ und gleichzeitig „die zweite Person der Dreifaltigkeit“. Zum konkreten Vorgang weiss die Katholische Kirche, dass „die Jungfrau Maria den ewigen Sohn durch das Wirken des Heiligen Geistes und ohne Zutun eines Mannes in ihrem Schoss empfangen hat“. (Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, Vatikan 2005, S. 53, 56)

Dieser biologisch bemerkenswerte Vorgang hatte den Vorteil, dass dem guten Josef eine recht originelle Erklärung für die Schwangerschaft seiner Verlobten, mit der er noch nicht „zusammengekommen“ war (Mt. 1,18), präsentiert werden konnte. Darüber hinaus führte die Sache mit dem „Heiligen Geist“ auch dazu, dass Jesus gleichzeitig Mensch und Gott ist – genauer „untrennbar wahrer Gott und wahrer Mensch in der Einheit seiner göttlichen Person“. (Katechismus-Kompendium, S. 54)

Nun stellt sich folgende Frage: weshalb wird dieser zentrale Glaubensteil des Christentums auch von materialistischen Jesus-Fans so selten thematisiert? Also von jenen, die vor allem an der historischen Person Jesus interessiert sind, am Anführer einer antiimperialistischen jüdischen Sekte, der von den römischen Besatzern und ihren Kollaborateuren hingerichtet wurde. Auch in den Filmen, die eben diese Person thematisieren, wird an den abstrusen Glaubensinhalten rund um die Herkunft Jesu selten gekratzt. Vielleicht aus Rücksicht auf die Gefühle religiöser Menschen? Oder weil die Kritik an einer jungfräulichen Empfängnis etwa so herausfordernd ist wie das Angeln in einem Fass? Vielleicht. Und doch ist die Frage nach dem biologischen Vater von Jesus ganz schön spannend und bringt zudem Religiöse immer noch auf die Palme.

Klappe 5: Sohn des Panthera

Und so begibt es sich auch in dem herrlichen 80er-Jahre-Streifen „Jésus de Montréal“. Die Handlung ist schnell erzählt: Daniel Coulombe, ein junger Schauspieler, wird vom einem Priester namens Leclerc (!) beauftragt, das traditionelle Passionsspiel seiner Pfarre zu inszenieren und die passenden SchauspielerInnen zusammenzutrommeln. Da seit 35 Jahren der gleiche Text heruntergeleiert werde, bittet der Priester darum, den Text etwas aufzufrischen. Die junge Truppe produziert eine erfolgreiche Passion, der Priester ist entsetzt und das Stück soll gleich nach der Jesus_of_Montreal_FilmPosterPremiere wieder abgesetzt werden. Bei einem Polizeieinsatz gegen das wider den Willen ihrer Auftraggeber weiter gespielte Stück passiert ein Unfall: das Kreuz fällt um, der an dieses gefesselte Coulombe wird schwer verletzt, läuft anschliessend noch ein bisschen verwirrt in Montréal herum und stirbt dann.

Davor mutierte er bereits zu einer Art Wiedergänger der von ihm gegebenen Figur: er schmeisst den ProduzentInnen sexistischer Bier-Werbung das Equipment kaputt wie weiland der Vertreiber der Geldwechsler deren Tische; in einer weiteren Szene widersteht Jesus/Coulombe den Versuchungen eines Anwalts, der ihm die Welt der Reichen und Erfolgreichen zu Füssen zu legen verspricht. Man merkt schon: weder Figurennamen, noch Themen oder Bilder des Films sind von besonders subtiler Symbolik.

Jesus/Coulombe (colombe, frz. = Taube) trotzt also den Einschüchterungsversuchen des religiösen Establishments und geht daran zugrunde. Woran aber stossen sich die Auftraggeber des Passionsspiels? Nun, die aufgeklärte Schauspieltruppe behandelt in ihrer Version der Leidensgeschichte vor allem den historischen Jesus. Dieser sei ein Zauberer gewesen, wie es so viele gegeben habe zu seiner Zeit. Seine „Wunder“ seien weitaus populärer gewesen als seine Reden, die heute im Mittelpunkt des Neuen Testaments stehen. Vor allem aber wagen die SchauspielerInnen, im Rahmen der Theateraufführung angebliche neue archäologische Erkenntnisse rund um die Herkunft Jesu zu präsentieren. Dessen Name sei Yeshu Ben Panthera gewesen – Jesus, Sohn des Panthera. Wer dieser Panthera war, sei nicht bekannt, doch tauche ein römischer Soldat dieses Namens auf einer Liste von Soldaten auf, die just in den Jahren der mutmasslichen Geburt Jesu in der Gegend stationiert war, in der sich dessen mutmasslicher Geburtsort befindet.

Die Panthera-Legende geht auf Textquellen aus dem 2. und 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurück. In diesen werden – unter anderem vom Philosophen Kelsos, einem Kritiker der neuen christlichen Lehre – diverse Gewährsmänner zitiert, die Jesu‘ Herkunft aus der Beziehung seiner Mutter zu einem römischen Soldaten beschreiben. Ob dieser Argumentation mehr zugrunde liegt als Polemik gegen die sich immer stärker ausbreitenden christlichen Gruppen, ist nach heutigem Stand der Forschung nicht rekonstruierbar. Dafür hat die Story eine absurde Fussnote: in einigen Nazi-Büchern zum Thema wird die Legende dahingehend weitergeschrieben, dass besagter römischer Soldat Kämpfer in germanischen Hilfstruppen in Gallien gewesen sein könnte. Was das bedeuten würde, ist klar: Jesus war Arier!

Schnell zurück zum Film. In einer Schlüsselszene diskutiert der Priester mit dem Jesus-Darsteller Coulombe, worum es bei der Auseinandersetzung mit Jesu‘ Lehre überhaupt geht. Der Priester – der selbst nicht gerade nach dem Lehrbuch lebt: er hat ein Verhältnis mit einer der Schauspielerinnen und überlegt, seinen Job an den Nagel zu hängen – macht auf die Funktion von Religion aufmerksam. Die Alten, Kranken und Einsamen, so argumentiert er gegen eine allzu aufrüttelnde Herangehensweise, wollen Trost und sind nicht an den neuesten Ausgrabungen im Nahen Osten interessiert. Die wollen von einem Jesus hören, der sie liebt und auf sie wartet. Aber, so kontert der Jesus-Mime, es muss im Leben doch mehr geben als ruhig und brav auf den Tod zu warten. Die Debatte bleibt leider irgendwie stecken. Und so spielt Coulombe eben den rebellischen Jesus weiter, bis ihn selbst der Tod ereilt.

Klappe 6: Volksfronten in Theorie und Praxis

Nun aber zu unterhaltsamerer Kost. In gewisser Weise thematisiert auch „Life of Brian“ die Panthera-Legende. Immerhin ist Brians Entsetzen gross, als ihm seine Mutter gesteht, dass sein Vater ein römischer Soldat und somit Vertreter der Besatzer ist, gegen die er und seine GenossInnen kämpfen.

Monty Python haben einen Jesus-Film gemacht, der fast ganz ohne Jesus auskommt. Die Handlung dürfte bekannt sein: anhand der fiktiven Parallel-Biographie des zur selben Zeit wie die Zentralfigur des Christentums lebenden Brian gelingt es der britischen Satiregruppe, die wichtigsten Themen in Zusammenhang mit Jesus auf den Punkt zu bringen und nebenbei die zentralen Probleme linker Organisationspolitik abzuhandeln. Im Mittelpunkt steht der Kampf der jüdischen Widerstandsgruppen gegen die Römer – oder vielmehr die Versuche dieser Gruppen, den Widerstand zu organisieren. Denn wichtiger als der gemeinsame Kampf sind natürlich ausführliche Auseinandersetzungen über noch so kleine Differenzen.

Und diese Debatten führen keineswegs zu einer effektiveren politischen Praxis der diversen „Volksfronten“, sondern lediglich zu deren Spaltungen. Da haut man sich dann schon mal bei einem zufälligen Aufeinandertreffen während einer heiklen politischen Aktion auf die Fresse. Und selbst wenn es um alles – in diesem Fall um Leben und Tod von Brian – geht, verzetteln sich die GenossInnen in Unentschlossenheit und kapitulieren letztlich vor der Logik ihrer Feinde: sein Märtyertod sei ein weiteres herausragendes Beispiel für den Widerstand gegen die Römer, erklären sie und gratulieren dem am Kreuz hängenden Brian zu seiner grossartigen Arbeit.

Die beissende Kritik an der politischen Linken ging in der Rezeption immer etwas unter – zu laut waren wie so oft humorlose Kirchenvertreter, die über die angebliche Blasphemie des Films zeterten und Aufführungsverbote durchsetzen. Und so frappiert beim heutigen Ansehen die Hellsichtigkeit, mit der Monty Python nicht nur das Sektenverhalten linker Gruppen aufs Korn nehmen, sondern auch die zur Zeit der Produktion Ende der 1970er Jahre gerade erst entstehende linke Identitätsdebatte und deren sich oft auf symbolische Handlungen beschränkende politische Praxis aufgreifen.

Einer der Genossen, Stan, erklärt, er möchte fortan Loretta genannt werden, da er eine Frau sein will. Klar, warum auch nicht, zeigen sich seine MitstreiterInnen rasch einverstanden. Aber Loretta will auch Kinder gebären. Da dies aus biologischen Gründen kaum möglich sei, verständigt sich die Volksfront von Judäa schliesslich darauf, sich trotzdem für Lorettas Recht darauf, Babies zu bekommen, einzusetzen. Wozu?, fragt einer. „It is symbolic of our struggle against oppression“, erklärt Genosse Francis.

Und so bleibt am Ende wie so häufig die Frage, weshalb die Linke trotz jahrzehntelanger Kritik und Selbstkritik heute in mancher Hinsicht oft keinen Schritt weiter zu sein scheint als in ihrer Karikaturversion in „Life of Brian“. Die Antwort ist einfach: die Spalter von der Judäischen Volksfront sind schuld!

Je öfter wir uns ins das Genre „Jesus-Film“ vertiefen – was bisher geschah siehe hier, hier und hier – desto schwieriger wird die Auswahl. Das Grundproblem dieser jährlichen Serie ist, dass wir mit dem Film-Schauen nicht nachkommen. Denn während die Liste der historischen Verfilmungen der Jesus-Geschichte schon endlos ist, werden auch ständig neue Streifen nachproduziert. Dies scheint sich während der vergangenen Jahre noch einmal beschleunigt zu haben. Ein Krisenphänomen? Je kaputter Weltwirtschaft und globale Politik, desto mehr Jesus-Filme? Vielleicht.

Fest steht, dass allein in den vergangen beiden Jahren ein paar exzellente Filme herausgekommen sind, die alle wert wären, sofort in unsere Serie aufgenommen zu werden. Die letzte grössere Produktion war Risen, im Februar 2016 in die US-Kinos gekommen. Unter der Regie von Kevin Reynolds – KinobesucherInnen bekannt durch Rapa-Nui und Waterworld, CineastInnen als Ko-Autor des antikommunistischen Meisterwerks Red Dawn, mit Patrick Swayze UND Jennifer Grey als antisowjetische GuerillakämpferInnen – mimt da Joseph Fiennes einen römischen Soldaten, aus dessen Blickwinkel die Auferstehungsstory erzählt wird. Originell.

Ausserdem wäre The Young Messiah zu erwähnen, der ebenfalls im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Der Film erzählt die Story des kindlichen Jesus, der dahinterkommt, dass er der Sohn Gottes ist und die Welt zu retten hat – präpubertärer Stress garantiert.

Und dann ist da noch Last Days in the Desert. Dieser beim Sundance Festival 2015 uraufgeführte und 2016 für kurze Zeit in ein paar Kinos gezeigte Film hat einen noch interessanteren Zugang zum Thema. Und deshalb eröffnen wir die Jesusfilm-Saison mit diesem Meisterwerk.

Klappe 7: Stonespotting

Es gibt Filmankündigungen, bei denen man unwillkürlich grinsen muss, weil man weiss: das wird gut! Etwa wenn man von einem Film liest, in dem Ewan McGregor gleichzeitig Jesus und den Teufel spielt. Denn Ewan McGregors Filmliste kann noch so lang geworden sein seit 1996 – wenn man diesen Namen liest, fängt im Kopf der Trainspotting-Soundtrack zu spielen an. Und dann beginnt Last Days in the Desert auch noch wie ein weiterer Jugenddrogenfilm. Jesus McGregor stolpert durch die Wüste, als wäre er grad am Heimweg vom Burning Man Festival: ungewaschen und schmutzig irrt er zwischen Steinen, Felsen und verdorrten Büschen herum, kämpft mit Halluzinationen, als käme er langsam runter von dem Zeug, das ihm irgendein Nachwuchskoch direkt aus dem SUV-Kofferraum verkauft hat.

„Father“, murmelt Jesus alle paar Minuten, während er durch die trostlose Landschaft wankt, „where are you? … speak to me…“ Aber der Vater antwortet nicht. Damit ist das Thema des Films auch bereits zusammengefasst: es geht um den Vater-Sohn-Konflikt, den Jesus mit dem obersten Chef ausficht, angestachelt vom Versucher, der nichts anderes als der personifizierte kritische Verstand Jesu ist (Sigmund Freud würde „Ich“ dazu sagen) – und eben deshalb genauso aussieht wie Jesus.

In dieser Stimmung trifft Jesus auf eine Vater-Mutter-Sohn-Familie, die mitten in der Steinwüste haust – und die im Buch zum Film (Das Neues Testament) nicht vorkommt. Vielmehr spiegeln sich in dieser Familie Jesus‘ Vater-Probleme. Der Wüsten-Teenager will weg, sein alter Herr lässt das aber nicht zu, die beiden sind einander fremd geworden. Die Mutter liegt krank im Zelt und spielt keine Rolle – so wie Maria, nachdem sie Jesus geboren hatte, keine Rolle mehr für die weitere Story spielte, und mit ihr für das offizielle Christentum so ziemlich alle Frauen.

Irgendwann ereignet sich eine Art Bergsteigerdrama. Der Vater stürzt von einem Felsen und stirbt, der Sohn ist endlich frei. „He looks so much smaller now, doesn‘t he?“ sagt er über den soeben verstorbenen Vater. Wenn der Vater/Gott mal gemordet ist, ist er gar nicht mehr so respekteinflössend. Satan McGregor verfolgt dieses Schauspiel mit diebischer Freude: „A boy needs his fathers‘ permission to become a man. It‘s perverse, isn‘t it?“, fragt er Jesus McGregor, um dessen eigenen Zweifel an seinem Vater (Gott) anzuheizen, der nicht mit ihm sprechen will.

Jesus aber schert sich nicht weiter um die Einflüsterung seines Satans-Alter-Ego und bestärkt den Knaben, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Teenager bricht schliesslich tatsächlich aus der Wüste in Richtung der geheimnisumwitterten grossen Stadt Jerusalem auf und wünscht sich zum Abschied den Segen des heiligen Mannes und ein paar Sinnsprüche für den Weg. Dies nützt Jesus, um das Dilemma zwischen der Loyalität zur väterlichen Autorität (Freud würde „Über-Ich“ dazu sagen) und der Lust aufs Leben (Freud würde „Es“ dazu sagen) noch einmal auf den Punkt zu bringen. „Love god above all things“, empfiehlt er dem Jungen, um gleich hinzuzufügen: „Love life.“ Und wer an dieser Stelle nicht an das „Choose Life“ aus diesem anderen Film gedacht hat, der werfe den ersten Stein.

Klappe 8: Kojak und John Wayne

Vom kurzweiligen Wüstenabenteuer zum langatmigen Epos. An einem langen Spätwinterabend vor einigen Wochen haben wir uns eine grosse Packung Erdnüsse geholt, uns am Sofa eingerichtet und den mehr als drei Stunden dauernden Jesus-Starreigen namens The Greatest Story Ever Told genossen. Schon der Vorspann dauert eine Ewigkeit – genau 4 Minuten und 49 Sekunden nämlich. Weshalb die Filmemacher der Monumentalfilm-Ära auf einen Vorspann statt auf einen Nachspann gesetzt haben ist leicht erklärt: nach 3 Stunden wäre einfach keiner mehr im Kinosessel sitzen geblieben, um die nicht enden wollende Liste der beteiligten SchauspielerInnen und Crew-Mitglieder zu studieren. Und gerade im Fall der Greatest Story wäre es Schade, nicht mitzubekommen, wer da aller durch die nahöstliche Wüste (bzw. die Wüsten von Arizona, Kalifornien, Nevada und Utah, wo gedreht wurde) zu Beginn unserer Zeitrechnung marschiert.

Alle aufzuzählen würde den Umfang dieses Beitrags sprengen, aber ein paar Highlights müssen sein: Max Sydow gibt den sensiblen Jesus, der schon mal eine Träne verdrückt, als Lazarus gestorben ist. Charlton Heston spielt einen Johannes der Täufer, der sich nach bester Spaghetti-Western-Art mit römischen Soldaten prügelt, bis sie alle gemeinsam im Jordan landen. Angela Lansbury tritt als Claudia, Gattin von Pontius Pilatus, auf. Letzterer wird von Telly Savalas gespielt – auch wenn das schon wie ein Witz klingt. Doch bei den Nebenrollen kommt es noch dicker: Donald Pleasance hat einen Kurzauftritt als Satan, Pat Boone wacht als Engel am Grab, Sidney Poitier trägt als Simon von Cyrene das Kreuz und John Wayne spricht als römischer Soldat mit donnernder Cowboystimme den zentralen Satz, nachdem Jesus am Kreuz vorerst verstorben ist: „Truly, this man was the Son of God.“ Schliesslich wäre noch hervorzuheben, dass Claude Rains – allen bekannt als Captain Renault in Casablanca –, hier als Herodes seine Filmkarriere beendete.

Doch was ist nun zum Inhalt des Films zu sagen? Nun, es geht – wie meist in Filmen aus dieser Ära – sehr brav und glatt zu. Die Jesus-Geschichte wird runtergespult, ein paar Szenen sind schön inszeniert und wirken beinahe wie Gemälde (Abendmahl, Kreuzigung). Dies ist nicht verwunderlich. Einer der Gründe für die Kostenexplosion der Produktion, die schliesslich 20th Century Fox zum Ausstieg aus dem Projekt bewog, war die Liebe zum Detail, die Regisseur und Produzent George Stevens bewies. Als Storyboard-Zeichner etwa engagierte er den französischen Maler André Girard, der nicht etwa ein paar Skizzen als Vorlage für die Filmszenen ablieferte, sondern 352 Ölgemälde biblischer Szenen.

Ansonsten herrscht gediegene Langeweile vor. Wenns endlich etwas tiefgründiger wird und etwa Jesus mit Pontius Kojak philosophische Dialoge darüber führt, was denn Wahrheit sei, scrollt man längst auf Facebook herum oder spielt eine Runde Quizduell – denn immerhin hat man dann schon knapp drei Stunden absolviert und die Erdnüsse sind längst verspeist. – Wie immer interessiert uns am meisten die Judas-Rolle, und wie so oft finden sich auch hier ein paar interessante Punkte. Judas spielt innerhalb der christlichen Theologie so eine zentrale Rolle (ohne seinen Verrat keine Festnahme Jesu, ohne Festnahme keine Kreuzigung, ohne Kreuzigung keine Erlösung von der Erbsünde) und hat gleichzeitig einen so schlechten Ruf als Verräter, dass er die Drehbuchautoren am ehesten zu Interpretationen anregt, die über die biblische Vorlage hinausgehen. So auch hier. Das Gespräch

Judas‘ mit den Hohenpriestern, bei dem er ihnen Jesus anbietet, ist in den Evangelien sehr kurz: Judas fragt, was er für die Sache kriegt, die Priester versprechen ihm dreissig Silberstücke, und der Deal ist in trockenen Tüchern. In The Greatest Story fühlt sich Judas hingegen bemüssigt, sein Verhalten zu relativieren, indem er Bedingungen für den Verrat formuliert: „Ich übergebe ihn euch, wenn ihr versprecht, dass ihm niemand was zuleide tut“, sagt er zu den Hohepriestern. Ausserdem bekräftigt er seine Loyalität zum Meister: „Jesus ist der beste und gütigste Mensch, den ich je kennengelernt habe“, erklärt Judas und unterstreicht: „Ich liebe ihn.“ Warum tut er dann, was er tut? Ist er eine Ratte oder ein willenloses Werkzeug des göttlichen Heilsplans? Und wenn letzteres zutrifft: was bedeutet das für das Menschenbild des Christentums? Seit Jahrhunderten diskutieren Philosophie und Theologie diese Fragen (Stichworte Prädestination vs. freier Wille) und kommen auf keinen grünen Zweig.

Interessant ist aber auch die Darstellung des Todes Judas‘ im Film. Die Bibel kennt zwei Versionen. Nach Matthäus 27,3-10 hängt er sich aus Verzweiflung über seine Schuld am Tod von Jesus auf – in vielen Bildern und Nacherzählungen der Bibel wird diese Variante gewählt. Die Apostelgeschichte hingegen berichtet über ein merkwürdiges Drama am Feld: „Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander, und alle Eingeweide fielen heraus.“ (Apg 1,18) The Greatest Story erzählt nun eine Geschichte, die in der Bibel nicht zu finden ist, aber durchaus ihren theologischen Reiz hat. Judas wirft sich ins Brandopferfeuer vor dem Tempel. Somit ist er das vorletzte Opfer, denn mit der (Selbst)-opferung Jesu ist dieses Kapitel ja dann beendet: Aus der theologischen Reinigung der Menschheit von der Erbsünde durch Jesu Kreuzigung leitet sich religionsgeschichtlich das Fehlen ritueller Opfer im Christentum ab.

Klappe 9: Wo ist das Gold geblieben?

Was hat Jesus eigentlich als Kind so getrieben? Das Neue Testament weiss nicht viel darüber. Einzig bei Lukas lesen wir das Kapitel über den Zwölfjährigen im Tempel. Die Eltern Jesu, so berichtet der Evangelist, gingen jedes Jahr anlässlich des Pessachfestes nach Jerusalem. Als der Knabe zwölf war, kehrte er nach diesem Fest nicht mit Mama und Papa nach Hause zurück, sondern blieb im Tempel. Drei Tage suchten Maria und Josef das Kind, bis sie es schliesslich im Tempel fanden. Da sass er „mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.“ (Lk 2,46-47). Nach sanfter Schelte „kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam“. (Lk 2, 51)

Rund um diese Episode baut das Drehbuch von „The Young Messiah“ – im Jahr 2016 vom US-Regisseur Cyrus Nowrasteh inszeniert – seine Geschichte auf. Die Handlung setzt in Ägypten ein, wohin die Familie bekanntlich unmittelbar nach der Geburt Jesu geflohen war, um dem von Herodes angeordneten Kindermord zu entgehen. Jesus ist nun sieben Jahre alt und merkt immer wieder mal, dass etwas nicht mit ihm stimmt. Dabei hat – und dies ist wohl der originellste Aspekt des Films – der Teufel seine Hand im Spiel. Jesus kann – wie auch das Filmpublikum – zunächst nicht so recht unterscheiden, ob die übersinnlichen Dinge, die er so treibt, seinen göttlichen Eigenschaften zuzuschreiben sind oder ob dies Satanswerk ist. Als er etwa will, dass ein Gleichaltriger seine Spielgefährtin nicht weiter belästigt, wirft ein Dämon, den nur Jesus sehen kann, dem jungen Rivalen einen Apfel vor die Beine. Der rutscht aus, stürzt und stirbt. Kurz darauf bringt Jesus ihn wieder ins Leben zurück.

Auch wenn er damit in den Augen seiner Mitmenschen kein Mörder mehr ist, so ist er diesen nun doch etwas unheimlich und damit in Gefahr, selbst gemeuchelt zu werden. Höchste Zeit also, wieder aus Ägypten abzuhauen. Da trifft es sich gut, dass Vater Josef mal wieder einen Traum hat, demzufolge Herodes gestorben ist. Die ganze jüngere Geschichte der Familie sei nach Träumen abgelaufen, scherzt Onkel Jakobus in Anspielung auf Marias Engel, der ihr die unerwartete Schwangerschaft erklärt, sowie auf Josefs Himmelbote, der zur Flucht nach Ägypten gemahnt hatte. Was er damit meine, fragt Jesus. Maria wischt die Frage beiseite. Noch sei der Junge zu klein, um zu begreifen, was es mit ihm auf sich habe.

Um dieses Kernproblem dreht sich die erste Hälfte des Films: „How do you explain god to his own son?“ fragt Josef auf Marias Unsicherheit, wie sie ihm das alles erklären sollen. Doch Kindermund tut auch hier Wahrheit kund. Ein jüngerer Verwandter – man hat bereits gemerkt: die heilige Familie geht hier über die Kernfamilie hinaus – erzählt Jesus von den drei Königen, die sich bei dessen Geburt eingefunden haben. Diese haben Gold und anderen Dinge, an die er sich nicht mehr erinnern kann, mitgebracht. Angesichts dessen, dass die Familie im selben Augenblick ärmlich durch die Wüste wandert, drängt sich eine Frage auf, die vielleicht noch niemand gestellt hat: Wo ist eigentlich das Gold geblieben?

Die zweite Hälfte des Films ist im Wesentlichen ein Katz-und-Maus-Spiel. Herodes Antipas – der Nachfolger des Kindermörders – hat Wind davon bekommen, dass das Wunderkind immer noch herumläuft, und beauftragt einen Soldaten, diesen kalt zu machen. Das gelingt natürlich nicht. Stattdessen beeindruckt Jesus einen Rabbiner nach dem anderen (siehe Lukas-Evangelium) und findet allmählich in die Rolle als Erlöser hinein. Schliesslich gibt auch Maria ihre Versuche auf, ihn als normales Kind zu erziehen und erzählt ihm die Geschichte seiner Empfängnis. 14 Jahre sei sie alt gewesen, als er geboren wurde. Ihre Schilderung der Vision eines Engels, einer grossen hellen Gestalt, die ihr erklärt habe, dass alles in Ordnung sei, wenn sie nun schwanger werde, macht eindringlich wie selten deutlich, wie bizarr die Basis-Story des Christentums ist. Was Josef zu der Sache gesagt habe, will der nun aufgeklärte Jesus wissen. „Yes, that was a worry“, antwortet Maria trocken.

Klappe 10: Alle sind gleich!

Nun aber zu unserer Lieblingsbibelfigur. Das Judas-Thema spielt in vielen Jesus-Filmen eine zentrale Rolle, und das ist nicht verwunderlich. Immerhin ist Judas die am schwierigsten zu begreifende Person der ganzen Geschichte: ein treuer Jüngling, der Jesus schliesslich für etwas Silber verrät, nur um dies sofort zu bereuen. Aus theologischem Blickwinkel ist Judas‘ Rolle natürlich wichtig, um die Kreuzigung Jesu und damit die Sündenreinigung der Menschheit in Gang zu bringen. Geht man aber davon aus, dass die historischen Jünger relativ normale junge Herren mit relativ normalen Charaktereigenschaften waren, dann fragt man sich: was hat Judas angetrieben? Und wenn man sich diese Frage einmal gestellt hat und etwas nachliest, dann dauert es nicht lange, bis man draufkommt, dass die Jesus-Clique eine Gruppe politisch und religiös motivierter Aktivisten war. Wie in jeder politischen Gruppe aber kam es auch zwischen den Anhängern Jesu zu Auseinandersetzungen über den richtigen und erfolgversprechendsten Weg zum Erfolg. Genau an diesem Punkt dürfte es zwischen Jesus und Judas unterschiedliche Auffassungen gegeben zu haben. Dies spielt schon in Martin Scorseses Meisterwerk „Last Temptation of Christ“ eine zentrale Rolle.

Dem 2004 produzierten „Judas“ (Regie: Charles Robert Carner) merkt man durchaus an, dass den Filmemachern das unerreichbare Vorbild „Last Temptation“ wohlbekannt war. Einige Dialoge zwischen Judas und Jesus wirken wie ein schwacher Widerhall der aufregenden Debatten zwischen dem von Harvey Keitel verkörperten Verräter und dem von Willem Dafoe gemimten Jesus in dem 1988 veröffentlichten Streifen.

„Judas“ aus 2004 indes beginnt mit einer Pointe: der junge Judas muss zusehen, wie die Römer seinen Vater, der offenbar ebenfalls ein Aufrührer war, ans Kreuz hängen – ein Vorgriff auf das spätere Schicksal von Judas‘ künftigem Meister. Judas beginnt nach dem Tod seines Vaters auch sogleich den Messias zu suchen. Ganz klassisch trifft er auf Johannes den Täufer, der die baldige Ankunft eines solchen ankündigt. Schon folgt die nächste Pointe: der erste Auftritt von Jesus ist die legendäre Szene im Tempel, wo er die Wechsler vertreibt und um sich schlägt. Was in vielen Versionen der Geschichte als Höhepunkt inszeniert wird, ist hier nur der Beginn – und nach Jesu Darstellung sogar ein Ausrutscher. Judas und Jesus freunden sich an, und ersterer drückt seine Bewunderung für die Tempelaktion aus. Jesus aber lehnt das Kompliment ab: er wollte ein Zeichen setzen, habe dabei aber seine Beherrschung verloren, relativiert er.

Judas schliesst sich der Gruppe um Jesus an, doch von Beginn an zeigt sich, dass er andere Vorstellungen hat als die anderen. Zunächst will er die zauberischen Fähigkeiten von Jesus dafür nutzen, um möglichst viele Leute um diesen zu scharen und anschliessend mit vereinten Kräften die Römer zu besiegen. Kurz darauf schlägt er vor, für die Wunder Jesu Gebühren zu verlangen, um die Aktivitäten der Gruppe zu finanzieren. Seine Mitjünger kostet das nur ein Lachen, und sie verdächtigen Judas mitunter sogar, ein Spion zu sein. Dieser wiederum kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn er den Reden des Meisters lauscht. Wenn sie den Römern die zweite Wange hinhalten würden, so argumentiert Judas, dann würden sie geköpft werden. Die Fähigkeit Jesu, Tote zum Leben zu erwecken, findet Judas hingegen wunderbar, und er schlägt vor, dies zur Agitation einzusetzen: niemand müsse Angst davor haben, im Kampf gegen die Römer zu sterben, denn er könne ja sofort von Jesus und dessen Anhängern wieder ins Leben zurückgeholt werden.

Auch ohne solche Tricks gelingt es Jesus und seinen Jungs, 5000 Anhänger zu versammeln. Nun also: losschlagen. Doch Jesus will alle wegschicken und eröffnet seinen Jüngern, dass er sterben werde. Judas erklärt Petrus, Jesus sei melancholisch und könne nicht klar denken. Doch dieser versucht, den Zweifler zu beschwichtigen. Nur durch seinen Tod und sein Wiederkommen können die, die an ihn glauben, gerettet werden. Nun wird Judas aber ungehalten: noch ein Rätsel, schon wieder eine Parabel. Ob er sich nicht klar ausdrücken könne? Doch, sagt Jesus, er habe Angst vor dem Tod. Judas‘ Hass gegen die Römer, so erklärt er diesem, sei nichts anderes, als ein Mittel, um den Schmerz und die Leere in seinem Herzen zu überdecken. Nun hat Judas endgültig die Schnauze voll. „Ich dachte, ich sei etwas Besonderes für dich“, sagt er, während er fortgeht. Jeder sei etwas Besonderes, antwortet Jesus. Aber, tappt Judas in die rhetorische Falle: wenn alle etwas Besonderes sind, dann sind alle gleich. Ja, ruft Jesus, ja!

In die Verräterrolle gerät Judas beiläufig. Er braucht Geld, um seine Mutter zu begraben und erhält das Angebot, gegen etwas „Information“ die nötigen Mittel zu bekommen. Ein Mittelsmann erklärt Judas, dass er seiner Nation damit einen grossen Dienst erweise – Judas kann also den Verrat an Jesus vor sich selbst als Massnahme gegen dessen Verrat an der Sache rechtfertigen. Nach der Verhaftung merkt Judas dann aber, das sein Verrat den Tod Jesu zur Folge haben wird, und er beklagt sich, dass kein fairer Prozess stattgefunden habe. Er gibt seinen Verräterlohn zurück und versucht seine ehemaligen Mitjünger zu einer Befreiungsaktion zu motivieren. Die lehnen ab, und so versucht Judas allein, Jesus zu retten – bekanntlich ohne Erfolg. Während Jesus dann stirbt, erhängt Judas sich. Die Schlussszene bietet ein versöhnliches Ende. Drei Jünger schneiden Judas vom Strick und beten für ihn. Ich verstehe nicht, warum wir das machen, sagt einer. Jesus hätte es so gewollt, erwidert ein anderer. Betet für Judas. Nach dem, was er getan hat? Ja.

René Dupé / lcm

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