UB-Logo
Online Magazin
Untergrund-Blättle

James Baldwin: I am Not Your Negro | Untergrund-Blättle

Kultur

Des Menschen nackte Haut James Baldwin: I am Not Your Negro

Kultur

Nicht Heimweh trieb den jungen schwarzen Schriftsteller James Baldwin 1957 zurück in sein Geburtsland USA, sondern ein Zeitungsfoto, das eines Tages überall an den Pariser Kiosken zu sehen war.

James Baldwin 1969 im Hyde Park von London.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: James Baldwin 1969 im Hyde Park von London. / Allan warren (CC BY 2.0 cropped)

15. Juni 2017

15.06.2017

1
0
Korrektur
Drucken
Er sah das fünfzehnjährige schwarze Mädchen Dorothy Counts in North Carolina, bespuckt und verhöhnt vom weissen Mob, in eine Schule gehen, die es neuerdings per Gesetz besuchen durfte. „Jemand von uns hätte an ihrer Seite sein müssen. Ich musste heimkehren und meinen Beitrag leisten.“

Die zärtliche Solidarität, die Baldwin für Dorothy Counts empfand, verbündete sich mit seinem Zorn auf die weisse Mehrheitsgesellschaft der USA, vor der er selbst Jahre zuvor über den Ozean bis nach Europa geflohen war.

Zärtlichkeit und Zorn: bei Baldwin eine explosive scharfsinnige Mischung. Keiner beschreibt das morgendliche Harlem so wie er, keiner beschreibt die Menschen dort wie er: „Ich vermisste die Art, in der sich dunkle Gesichter verschliessen, ich vermisste, wie sie beobachten und wie sie sich öffnen und ihr Licht überallhin strahlen lassen.“

Schon der Titel des Films ist seine Ansprache an die, die dieses Harlem nicht kennen und nie kennen werden. James Baldwin (1924 – 1987) sah die Rolle, die ihm und den anderen schwarzen Menschen in den USA von den Weissen schon mit der Geburt zugedacht war, und er verweigerte sich. In seinen Romanen und Kurzgeschichten, in seinen politischen Essays, Diskussionsbeiträgen und Referaten, und selbst noch im innigsten Moment zwischen seinen literarischen Figuren schwingt mit, warum schwarze Menschen in den USA stets auf der Hut sind und dass diese aufgezwungene Rolle in Selbstverachtung und Selbstentwertung beginnt und jederzeit, mit jedem weissen Polizisten, der um die Ecke kommt, tödlich enden kann.

Weil er so nicht leben wollte, ging Baldwin 1948 nach Paris, fort aus New York City, dem Ort der ständigen Drangsalierung des jungen Schwarzen durch Polizisten, Passanten, Behörden. Den grössten Gewinn seines Exils sah Baldwin in der Gleichgültigkeit, die man ihm entgegenbrachte.

Der Film ist kein Biopic. Statt braver Chronik eine grosse kühne assoziative Montage: aus autobiographischen und politischen Texten von James Baldwin aus verschiedenen Veröffentlichungen entsteht ein neuer dichter Essay, darunter ein Text von 1979, der unvollendet blieb: 30 Seiten. Unvollendet, als hätte seine Kraft nicht mehr gereicht. Ein Text über drei tote schwarze Männer, die berühmt wurden in ihren Kampf für die Rechte schwarzer Menschen in den USA und die von Weissen ermordet wurden: Medgar Evers (1925 – 1963), Malcolm X (1925 – 1965), Martin Luther King (1929 – 1968) . Sie waren im gleichen Alter wie Baldwin, mit allen dreien war er befreundet. Ihre „schreckliche Reise“ ist es, die Baldwin zu der Buchidee inspirierte.

Der fortlaufende Film-Text, gesprochen von der tiefen samtenen schmerzerfüllten Stimme des Schauspielers Samuel L. Jackson, der hier besser ist als in jeder Filmrolle, bekommt seine Bilder aus den Archiven, entsprechend den Stichworten: Alte Kinofilme mit weisser Besetzung, die Baldwin als Kind sah, demütigende TV-Shows und erste typbesetzte schwarze Schauspieler auf Werbebildern und in Hollywood, in deren „glubschäugigen Entsetzen vielleicht eine Wahrheit lag, die mich nicht verschlingen sollte.“ Prägende politische Ereignisse : die Ankunft der ersten schwarzen Schüler in einer hass-durchtosten Schule in Little Rock, Arkansas, die Birmingham Campaign 1963, die Watts-Protests und Oakland 1968. Körnige Filmaufnahmen vom Harlem der 50iger Jahre und wenigstens ein Satz von Martin Luther King in seinem typischen Sing-Sang („We dropped to many booombs on Vietnam.“) und viele, viele Nachrichtenszenen über Gewalt weisser Polizisten gegen schwarze Menschen bis in unsere Gegenwart, und der Name Lorraine Hansberry.

Manches hat man vielleicht noch nie gehört, aber die konzentrierten Worte Baldwins und die Original-Bilder erzählen die Geschichten, so lernt man manches kennen und erkennt vieles wieder; auch ein Foto vom Massaker 1890 am Wounded Knee ist dabei: triumphierende weisse Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments mit den Leichen von Frauen, Kindern, Männern. Der Film folgt James Baldwins Breite der Argumentation mit einer inhaltlichen Breite des Materials. In einer Debatte in der Cambridge University 1965 sagt Baldwin im Film: „Als Kind feuerte ich Gary Cooper an, wenn er Indianer abschlachtete. Dabei war ich ein Indianer.“

Das fortlaufend Reflektierende der Texte Baldwins macht den Schrecken zwar nicht kleiner, aber seine Analysen sind pointiert, und sie sind in Ruhe geschrieben, nicht im Kampf.

Emotionale Höhepunkte des Films sind Baldwins Erinnerungen daran, wie er jeweils von der Ermordung von Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King erfahren hatte; wo er gerade war, was er gerade gemacht hatte, was er gerade gegessen hatte, als die Welt wieder einmal unterging.

Erwähnt wird dann doch Biographisches: so Baldwins weisse Schullehrerin, Bill Miller, die dem Zehnjährigen Geschichte, Theater, Bücher über Europa vermittelte. Dazu Fotos aus einem Klassenraum mit schwarzen Kindern, die sich um eine weisse junge Frau scharen. Sie sei vielleicht der Grund, so Baldwin, dass er die Weissen nie ganz hassen konnte, obwohl er „bestimmt schon mal einen oder zwei von ihnen töten wollte.“

Baldwin war ein Schwarzer, der die Weissen in die Verantwortung nahm: Seht, was ihr aus uns gemacht habt – und seht, was ihr aus euch gemacht habt. Er kam in ihre intellektuelle Nähe. Mit den Weissen reden – die Weissen kennen lernen, das bestimmte James Baldwins Auseinandersetzung mit der strukturellen Diskriminierung der schwarzen Menschen in seinem Land. Den festgestellten Abgrund vorausgesetzt, war ihm das „Wir“ wichtig, die Verzweiflung über den Zustand des Landes schien ihm beidseitig zu liegen, der Hass aufeinander eine Geissel, die Geschichte eine gemeinsame. „Der Hass der Schwarzen hat seinen Grund in ihrer Wut; der Hass der Weissen in ihrer Angst.“

Zu Baldwins Theorie über die kulturelle Spaltung der USA in eine „Doris-Day-Welt“ und in eine „Ray-Charles-Welt“ zeigt der Film Doris Day in glitzerndem Top, selbstvergessen singend in „Ein Pyjama für Zwei“, schneidet dann hinüber zu Fotos gelynchter schwarzer Männer, die mit lang gestreckten Hälsen an Bäumen hängen, umringt von ihren lachenden Mördern, dazu trällert Doris Day weiter. Die Wirkung ist enorm, grotesk.

Und immer wieder das spannende filmische Erlebnis der Auftritte von Baldwin selbst: in Talk-Shows, Universitäten, Meetings. Sein Blick, seine zarte Konstitution, sein verhaltener Zorn, seine Überzeugungskraft, sein Charme. Sein Zigarettenkonsum, sein dunkles Gesicht, seine Gewohnheit, bei Konzentration das Kinn mit den Händen zu reiben, seine grossen aufmerksamen Augen, sein plötzliches offenes Lachen.

Baldwins bedeutendes Werk als Romancier, Stückeschreiber, Novellist wird dagegen gar nicht erwähnt, insofern bleibt der Film fragmentarisch. Dabei steht Baldwins literarische Bedeutung seiner politischen in nichts nach. Lichtjahre von „Onkel Toms Hütte“ entfernt, erschien 1952 „Giovannis Zimmer“, der erste realistische schwule Roman der Neuzeit, geschrieben mit Klarblick und einer nicht unbekannten Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Dort und auch in den zerrissenen Figuren von „Eine andere Welt“, verbunden in Liebe, Verlangen, Freundschaft, Sex, Hass, Verrat erkannten sich viele Menschen der westlichen Hemisphäre, egal welcher Hautfarbe, wieder. Das war avantgardistisch und wegweisend für die moderne Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vielleicht war es ja die Haltung des Romanciers, der alle Perspektiven seiner Figuren kennt, die es Baldwin im politischen Diskurs erlaubte, den Blick derer einzunehmen, die ihn und alle Schwarzen hassten. Öfters schlüpfte er als Autor in die Haut eines weissen Menschen; in der brutalen Novelle „Des Menschen nackte Haut“ sogar in die eines Rassisten in den Südstaaten.

„So lange ein Neuntel der Bevölkerung von der Mehrheit als minderwertig betrachtet wird, so lange wird es keinen „American Dream“ geben. So lange werden diese diskriminierten Menschen den Amerikanischen Traum durch ihr pure Anwesenheit stören.“ Mit diesen Sätzen endet ein im Film gezeigter Vortrag Baldwins vor vorwiegend weissen Studierenden. Langer Applaus. Allmählich erheben sich alle. Die weissen jungen Menschen teilen dem Referenten mit: Wir haben dich verstanden.

Da lächelt James Baldwin.

Angelika Nguyen
telegraph.cc

„I am Not Your Negro“, Dokumentarfilm mit James Baldwin, 2017, Regie: Raoul Peck

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Diesen Artikel...

Kommentare zu diesem Artikel

es gibt noch keinen Beitrag zu diesem Artikel

Schreibe einen Kommentar...
Captcha

Mehr zum Thema...

Historischer WendepunktUSPräsident Lyndon B.
Martin Luther King und die Afrikanisch-Amerikanische Bewegung vor 50 JahrenSelma 1965: Ein entscheidender Wendepunkt

04.05.2015

- Die Feiern, die zum Jubiläum des zweiten Bürgerrechtsgesetzes von 1965 für die African-American Community in den USA abgehalten wurden, sowie der bewegende Selma-Kinofilm erinnern an einen Durchbruch der US-Bürgerrechtsbewegung vor 50 Jahren.

mehr...
Dorothy Day gründete zusammen mit Peter Maurin 1933 in den Vereinigten Staaten das Catholic Worker Movement.
Über Gotteserfahrung und Weltverantwortung bei Dorothy DayDer ganze Weg zum Himmel ist Himmel

14.03.2016

- Anarchismus und Christentum, geht das zusammen? Dorothy Day und das Catholic Worker Movement sind ein spannendes Feld, um dieser Frage nachzugehen. Christlicher Anarchismus ist ein Phänomen an dem sich die Geister scheiden.

mehr...
Demonstration vor dem Haus des Gouverneurs in Falcon Heights, Minnesota.
Die USA nach Baton Rouge und Dallas’Ein stummer Krieg gegen Afroamerikaner’

21.07.2016

- Die tödlichen Vorfälle in Baton Rouge, Falcon Heights und Dallas haben in den USA die Debatte über Polizeigewalt gegen „Communities of Color“ und laxe Waffengesetze wieder aufflammen lassen.

mehr...

Mehr auf UB online...